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Choleriker sind auch nur Philosophen

Sabine Büssing

In der Tat: Der sogenannte Cholerizismus stellte bereits im alten Griechenland eine der
bedeutendsten Sitten- und Lebensweisheitslehren dar, was damals (wie heute) allerdings kaum
jemand wahrhaben wollte. Entgegen gewissen landläufigen Auffassungen, die insbesondere durch
die Erzgegner der Choleriker, nämlich die Stoiker, in die antike Welt gesetzt wurden und sich nach
wie vor großer und unverdienter Beliebtheit erfreuen, repräsentieren die Choleriker alles andere als
"einen verdammten Haufen von ungehobelten, disziplinlosen, jähzornigen Schwachköpfen", wie ein
aufgebrachtes Mitglied der Anonymen Stoiker sie einmal titulierte.
In Wahrheit bilden die Choleriker von alters her eine ernstzunehmende philosophische Größe und
sind als notwendiges Gegengewicht zu den aufdringlich tugendhaften und friedlichen Stoikern
nicht wegzudenken. Obwohl von philosophischen Laien die absurde These ins Leben gerufen
wurde, daß die eigentlichen Widersacher der langweiligen Stoiker die genußsüchtigen Epikuräer
waren bzw. noch immer sind, haben die Choleriker eindeutig den wichtigsten Beitrag zur
Bekämpfung der stoischen Bewegung geleistet – wenn wir die konsequente Aufrechterhaltung
geistig-seelischer Totenstarre überhaupt eine "Bewegung" nennen wollen. Allerdings sei an dieser
Stelle angemerkt, daß die Choleriker, schon bedingt durch die Grundwesenszüge ihrer Lehren, sich
nur ungern in philosophische Institutionen pressen ließen und als geborene Aufrührer und
Eigenbrötler selbst ihre eigenen Vereinsregeln immer wieder über den Haufen warfen oder in die
Luft sprengten.
Immerhin gab es jedoch im alten Griechenland eine von Cholerikern eigens errichtete Schule mit
Säulen und allem Drum und Dran, die in puncto Bauweise der Wandelhalle der Stoiker in nichts
nachstand. Es ist allgemein bekannt, daß die Stoiker ihren Namen von besagtem Gebäude, der Stoa,
ableiteten. Der breiten Öffentlichkeit weniger zugänglich war bis jetzt die Information, daß das
Gebäude der Choleriker, Cholera genannt, einen ähnlichen Stellenwert im griechischen
Geistesleben einnahm.
Dies kann man allerdings nicht ohne Einschränkung im Raum stehen lassen. Bei den Cholerikern
ging es philosophisch von Anbeginn an leidenschaftlicher zur Sache; es herrschte, um es
wissenschaftlich auszudrücken, "viel mehr Leben in der Bude". Wir müssen uns zu diesem Behufe
das (fast ununterbrochene) Zusammenleben zahlreicher Männer in einer Säulenhalle vorstellen wie
etwa die Zusammenkünfte in einem englischen Club: Der Mann von Welt, also der Adlige, kommt
nicht von des Tages schwerer Arbeit nach Hause wie der Pöbel, d.h. unsereins. Der Mann von Welt
hat zwar pro forma ein Zuhause, aber oft keine Arbeit außer vielleicht Golf oder Polo. Deshalb
möchte er sich nach dem Mittagessen noch ein paar Stündchen gepflegt langweilen, und zwar unter
und mit Gleichgesinnten.
Ganz ähnlich im alten Hellas: Wenn die Adligen ihre wenigen Geschäfte erledigt hatten (meist
mitten auf der agora, dem Marktplatz, vor aller Augen, ohne sich im geringsten zu schämen); wenn
sie alsdann im Stadion ein paar Speere oder Diskusse unter die Zuschauer geworfen oder ein wenig
für den bevorstehenden Marathon geübt hatten; wenn sie dann schließlich daheim eine Kleinigkeit
zu sich genommen hatten (Scherbengerichte standen damals als Vorspeise fast immer auf der
griechischen Tageskarte) – dann, ja dann ging der Grieche von Welt in seinen philosophischen
Debattierclub e.V., wo er sich nach Herzenslust mit Glaubensgenossen und verwandten Geistern
austauschen konnte.
Verglich man allerdings das Innere der Stoa mit ihrem krassesten Gegensatz, nämlich dem
Innenleben der Cholera, mußte man wertfrei konstatieren, daß es in letzterer sehr viel heißer
herging. Wie wir wissen, ging es den Stoikern hauptsächlich darum, im Angesicht von Prüfungen
aller Art, als da sind Naturkatastrophen, Verwandtschaft, Krieg, Seuchen usw. usw., sogenannten
störrischen Gleichmut zu bewahren. Die schlimmste Prüfung für den Stoiker stellte jedoch der
tägliche Verkehr mit anderen Vertretern seiner philosophischen Richtung dar. Das ist mehr als
verständlich, wenn wir bedenken, daß der nach Perfektion strebende Stoiker ein einziges Ziel vor
Augen hatte: sich möglichst leise und unauffällig zu ekeln, damit es niemand merkte, und sich in
Gegenwart der ungeliebten Glaubensbrüder ebenso leise und unauffällig ein Loch in den Bauch zu
beißen, so daß keiner die eigene Schwäche mitbekam. Denn eines steht hundertprozentig fest – kein
einziger Stoiker hat jemals den von allen angestrebten Gleichmut tatsächlich erreicht oder, falls
doch, länger als zehn Minuten aufrechterhalten können. Diejenigen Exemplare, welche angeblich
als Gegenbeispiele fungieren, haben einfach eine großartige Schau abgezogen, weiter nichts. Sie
hatten das Showgeschäft immerhin jahre-, manchmal jahrzehntelang in der Stoa trainiert.
Stellen Sie sich zwei bis drei Dutzend Stoiker vor, den harten Kern, der zum täglichen stoischen
Fitnessbeweis antritt. Keiner kann den anderen ausstehen, denn der andere könnte schließlich
bemerken, daß man heute Zahnschmerzen hat oder Mumps oder zu enge Sandalen, und daß man
sich sehr wohl etwas daraus macht und absolut keine Lust darauf hat, zu leiden ohne zu klagen. Den
abgrundtiefen aufgestauten Haß, der bei diesen Übungen nicht zum Ausdruck (geschweige denn
Ausbruch) kommen darf, können wir uns nur mit Mühe vergegenwärtigen. Auch heute noch gilt die
Tatsache, daß fanatische Pazifisten, Leute, die zu jedem bösen Spiel gute Miene machen und
obendrein ständig Gewaltverzicht predigen, ein furchtbares Gefahrenpotential darstellen. Sie sind
wandelnde Zeitbomben. Diese modernen Stoiker wissen selbst kaum, was sich hinter ihrem
Gleichmut verbirgt. Sie mögen Gewaltverzicht geübt haben, bis ihnen schwarz vor Augen wurde –
im Ernstfall beherrschen sie ihn dann doch nicht.
Vollkommen anders verhält es sich naturgemäß mit den Cholerikern. Jene Männer, die sich täglich
in der Cholera versammelten, konnten einander zwar ebenfalls nicht ausstehen, aber sie mußten ihre
gegenseitige Antipathie nicht unterdrücken, sondern lebten sie regelmäßig bis zum Anschlag aus.
Schon die Inschriften über den Eingängen zu beiden Säulenhallen sprachen in dieser Hinsicht
Bände. Diejenige an der Stoa – griechisch eiapoppéia geheißen (zu deutsch "Mach dir nix draus"
bzw. "Immer mit der Ruhe") – spiegelt den aufgesetzten, ja geheuchelten Gleichmut ihrer
Teilzeitbewohner wider. Die Inschrift an der Cholera, griechisch allótreia, bedeutet nichts anderes
als "Immer feste drauf". Und diesen Sinnspruch befolgten die Choleriker ausgiebig und bewiesen
somit ihre intellektuelle Überlegenheit im höchsten Grade. Schaute ein Choleriker den anderen auch
nur schräg an, waren sich beide augenblicklich und ganz ohne Worte darüber einig, daß man
unverzüglich zum philosophischen Disput schreiten und knallharte Argumente austauschen sollte.
Diese weisen Männer hielten mit ihren Ansichten niemals hinter dem Berg, und sie bekamen
deshalb auch niemals Magengeschwüre vom vielen stoischen Simulieren. Höchstens mal ein blaues
Auge oder eine gebrochene Rippe.
Alles in allem muß man zwei Dinge festhalten: Es gab nachweislich eine Menge Stoiker, die für
ihr stoisches Leben gern einmal bei der Konkurrenz mitgemischt hätten, deren Radau sie aufgrund
der eigenen Stille, die höchstens einmal von leise knirschenden Zähnen unterbrochen wurde, über
eine weite Strecke hinweg genau vernehmen konnten. Im Gegensatz dazu ist kein einziger Fall
bekannt, daß ein Choleriker ein Austauschstipendium für die Stoa beantragt hätte – außer vielleicht
die Sache mit Adrenalinos von Ruinopolis, welcher als ein notorischer Heißsporn galt und eines
Tages die "scheinheilige Bande von Schw—zlosen aufmischen" wollte, wie er selbst es etwas
unflätig ausdrückte. Adrenalinos drang zu diesem Zweck unaufgefordert in die Säulengänge der
Stoa ein, wo gerade der Unterricht in gewohntem Gange war. Die Stoiker ließen sich
unfreundlicherweise auf keinerlei Argumente mit ihm ein, welche, wenn auch nicht unbedingt
fruchtbar, so doch einigermaßen furchtbar hätten werden können. Sie zogen sich einfach
geschlossen in stoischer Panik zurück und überließen den armen Adrenalinos sich selbst. Eine böse
Sache, denn philosophische Selbstgespräche enden für den vollendeten Choleriker nicht selten
tragisch.
Die zweite Tatsache ist die, daß dank des tagtäglichen Abreagierens von Aggressionen in den
Mauern der Cholera die Choleriker als ein ausgesprochen friedliches Völkchen galten, solange sie
sich außerhalb besagter Säulengänge aufhielten. Das ging allerdings nicht sehr lange gut. Ungefähr
zwei Jahre nach Gründung der Schule, also rund 298 vor Christus, kam ein riesiger, bärenstarker,
rauschebärtiger Mann aus dem damaligen Israel und trat in die Cholera ein, "zum Üben", wie er
sagte. Dieser ungeschlachte Fremdling ließ seine Wut nicht an seinen Philosophenkollegen aus,
sondern an der Schule selbst, indem er, von wahrhaft umstürzlerischem Eifer beseelt, die beiden
innersten tragenden Säulen so weit auseinanderpreßte, daß sämtliches Mauerwerk augenblicklich in
sich zusammenstürzte. Aus war's mit der Schule. Die wenigen Choleriker, die sich aus den
Trümmern zu retten vermochten, wurden in alle Himmelsrichtungen versprengt. Und ohne ihren
Club, ohne die gute alte Cholera und ohne Vereinskumpel, allein in der Diaspora, wurden die
Choleriker bald richtig bösartig. Aber sie schlugen sich wacker durch, trotz allem.
Bliebe noch auszuführen, daß der Arzt Hippokrates, der sich angeblich ziemlich eingehend mit
den Cholerikern beschäftigte, ihren Ursprung völlig falsch darstellt. Er behauptet allen Ernstes, das
Benehmen der Choleriker basiere nicht auf einer philosophischen Anschauung, sondern sei auf ihre
Blutgruppe zurückzuführen, ähnlich wie bei den Phlegmatikern, Melancholikern und Sanguinikern.
Diese Theorie ist selbstverständlich absolut lächerlich. Es stimmt schon: Choleriker bluten
vergleichsweise häufig, besonders in Gesellschaft Gleichgesinnter. Aber das Ausmaß des
Blutverlustes ist irrelevant. Zwar glauben auch heute noch manche Mediziner an die Existenz von
vier verschiedenen Blutgruppen, welche sie A, B, AB und O nennen. Lassen wir sie in ihrem Irrtum,
solange sie keinen Schaden anrichten. Hauptsache ist, daß wir nunmehr Eingeweihten uns kein
falsches Blutbild von echten Cholerikern machen. Und von der Sprengkraft ihrer philosophischen
Überlegenheit.