Sie sind auf Seite 1von 2

29. August 2013

DIE ZEIT

N o 36

Wissen

29. August 2013 DIE ZEIT N o 36 Wissen Mobil mit Maut In Deutschland verteufelt, bei

Mobil mit Maut In Deutschland verteufelt, bei den Nachbarn teuer. Was die Autobahnfahrt wo kostet S. 36

den Nachbarn teuer. Was die Autobahnfahrt wo kostet S. 36 KinderZEIT Die kleine Meerjungfrau wird 100

KinderZEIT Die kleine Meerjungfrau wird 100 Jahre alt: Zu Besuch auf ihrer geburtstagsparty S. 39

33

Die stunde der Propheten Bestsellerautoren verkünden die schulrevolution, allen voran der »Hirnforscher« gerald
Die stunde der Propheten
Bestsellerautoren verkünden die schulrevolution, allen voran der »Hirnforscher« gerald Hüther.
Mit Wissenschaft hat das alles nicht viel zu tun Von Martin Spiewak
Illustration: Martin burgdorff für DIe ZeIt/www.martinburdorff.de; Foto: Will & Deni McIntyre/okapia (r.)

D ie schulrevolte geht von Ber- lin aus. An diesem Wochen- ende ist es so weit: Da treffen sich Deutschlands populärs- te Bildungsreformer zum »Vision summit EduAction«. Mehr als tausend Besucher

haben sich angemeldet, Dutzende Initiativen stel- len sich vor. Das Ziel des gipfels gibt der Bestseller- autor Richard David Precht in seinem Festvortrag vor: »Wir brauchen eine Bildungsrevolution!« star und Mittelpunkt des Kongresses ist jedoch nicht Precht, sondern ein anderer: gerald Hüther, der in Berlin gleich fünf Auftritte hat. Er wird vor- bildliche Bildungskonzepte preisen, mit unter-

nehmern über »zukunftsfähige Kompetenzen« dis- kutieren und mit Pädagogen über die grenzen der Frühförderung. und stets wird ihn dabei eine Aura umstrahlen: Denn Hüther beruft sich auf die neue Königsdisziplin der Wissenschaft, die Hirnfor- schung. Wo andere nur darüber spekulieren, wie Kinder richtig lernen, scheint es der Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. von der uni göttingen neuro- biologisch erklären zu können. gerald Hüther ist damit der umtriebigste Ver- treter einer gattung von Bildungsgurus, die mit starken thesen ein großes Publikum fesseln und die klassische Erziehungswissenschaft alt aussehen lassen. Dabei ist Hüther weder ordentlicher Professor, noch

Die Popstars der Schulkritik: Gerald Hüther (Mitte), richard David Precht (links) und Jesper Juul

kann er auf eigene empirische Forschung zum thema schule verweisen. seine Kenntnisse über den schul- alltag beschränken sich größtenteils auf Angelesenes oder gehörtes. Das tut seinem Erfolg jedoch keinen Abbruch, im gegenteil. Befreit von den Mühen der Empirie, betören Hüther und andere Bildungskriti- ker ihre Zuschauer wie einst die fahrenden Wunder- doktoren mit gewagten Diagnosen und Vorschlägen für bizarre Kuren zur Rettung des angeblich tod- kranken Patienten schule. Als letzte Begründung muss meist die Hirnforschung herhalten.

Tausende kommen, wenn Gerald Hüther durch Deutschland tourt

Das findet Resonanz. Wann immer gerald Hüther (Jedes Kind ist hochbegabt), Jesper Juul (Schulinfarkt) oder Richard David Precht (Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern) ein Buch übers Lernen schreiben, ist der Verkaufserfolg sicher. Dabei senden diese Bücher eine unheilvolle Botschaft aus. sie erklären unsere schulen für irreparabel krank und beleidigen damit unzählige Lehrer, die sich anstrengen, den schulalltag zu verbessern. In Baden-Württemberg fand die radikale schulkritik kürzlich sogar in der Politik gehör: Auf ähnlich windige thesen wollte die inzwischen zurückgetretene Kultusministerin gabriele Warminski-Leitheußer allen Ernstes das

Konzept der neuen gemeinschaftsschulen im Ländle bauen. gewiss, es gibt zu viele gescheiterte Bildungs- karrieren und zu viel langweiligen unterricht. Viele deutsche schulen brauchen Erneuerung. Doch das ist den Bildungsrevoluzzern zu wenig. sie sehen schulen als »Dressureinrichtungen«, wo »gehorsame Pflichterfüller« (Hüther) ausgebildet werden oder »Kinder tag für tag leiden« (Juul), sodass man »einer normalen Mittelschichtsfamilie« nicht mehr emp- fehlen könne, ihr Kind auf eine öffentliche schule zu schicken (Precht). Da müssten eigentlich alle Lehrer beleidigt aufschreien. Aber der Nimbus der Autoren – »Europas bedeutendster Familientherapeut«, »Deutschlands bekanntester Philosoph« – scheint alles zu rechtfertigen. Wer sich gar zu Deutschlands »renommiertes- ten Hirnforschern« zählen darf, dem ist das gehör in Medien, stiftungen und der Öffentlichkeit ga- rantiert. so kommen tausende, wenn gerald Hü- ther mit »schule im Aufbruch« durch Deutschland tourt. Die Initiative wirbt für schulen, in denen Kinder die Bildungsexperten sind und Lernen spaß macht – und nicht so krank wie an normalen Lehranstalten. Egal, ob in München, Berlin oder Heilbronn: Die säle sind voll, wenn schüler vom Lernen ohne Noten schwärmen oder die Rektorin einer Privatschule die staatliche Konkurrenz als »Beziehungsverhinderungsanstalten« geißelt.

Besonders andächtig wird die stimmung im saal, wenn gerald Hüther selbst die Bühne betritt. In sanftem tonfall erzählt er, dass es unterschiedli- che Begabungen nicht gebe, weil »jedes Kind ein wunderschönes gehirn hat« und dass Lernen nur funktionieren könne, wenn »das kognitive und emotionale Netzwerk gleichzeitig aktiviert wird«. Nur am Ende erhebt der Redner die stimme, wenn er in den saal ruft: »Die Hirnforschung hat es ge- zeigt: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei!« Dieser Verweis auf die Hirnforschung spielt bei all den neuen Bildungspropheten eine zentrale Rol- le. Doch was kann die Verknüpfung von Neurowis- senschaft und Didaktik leisten (siehe auch folgende seite)? und wie ist es um die Expertise der so dra- matisch auftretenden Bildungskritiker bestellt? Das lässt sich an ihrem bekanntesten Vertreter gerald Hüther – der auch anderen wie Precht die stich- worte liefert – exemplarisch zeigen. Als Mitbegründer von »schule im Aufbruch« ist Hüther deren wissenschaftliches Aushängeschild. tatsächlich ist die universität göttingen eine gute Adresse für die Neurowissenschaften. Dort gibt es so- wohl ein Exzellenzcluster als auch eine graduierten- schule zum thema. An keiner dieser Einrichtungen aber ist Hüther beteiligt. Auch in den anderen neuro- wissenschaftlichen Instituten taucht sein Name nicht

Fortsetzung auf S. 34

Instituten taucht sein Name nicht Fortsetzung auf S. 34 Im Schnitt weltmeisterlich In Deutschland wird besonders

Im Schnitt weltmeisterlich

In Deutschland wird besonders oft operiert. Ist das schlecht?

Endlich mal wieder Weltmeister. Doch dies- mal ist es keine Auszeichnung, mit der sich Deutschland gerne schmückt: unsere Chirur- gen sollen weltmeisterlich oft zum Messer greifen. OP-Champions! um ein Viertel sei die Zahl der Eingriffe gestiegen, binnen nur sechs Jahren. Zum Beispiel würden so viele Hüften eingepflanzt wie sonst nirgends in Europa, und die Zahl der Wirbelsäulenopera- tionen habe sich zwischen 2005 und 2011 verdoppelt. Die OECD bescheinigte uns, unter ihren 34 Mitgliedsstaaten in puncto Pro- theseneinbau unter den top drei zu liegen. Wir sind ganz vorne dabei – aber warum? Die Krankenkassen und die Linke er- klären die Operationswut mit falschen fi- nanziellen Anreizen. Mancher Ärztefunk- tionär behauptet, die Patienten drängten heute mehr als frü- her auf eine OP. Ja, es gibt viele Hinweise dafür, dass hierzulande leichtfer- tig operiert wird. Aber genau sagen, ob das zu oft der Fall ist, kann niemand. Denn

während ein gebroche-

nes Bein zweifellos be- handelt werden muss, ist dies bei schmerzen Ermessenssache. Im Knie, in der Hüfte, im Rücken lassen sich schmerzen nicht eindeutig beziffern. Was der eine erträgt, vergällt dem anderen schon das Leben. Vielleicht herrscht ja zwischen Patien- ten und Chirurgen ein unausgesprochenes Einverständnis darüber, wie viel Eingriff notwendig ist. Mit steigender tendenz. Weil aber Operationen erhebliche Ne- benwirkungen haben können und manch- mal schlicht nutzlos bleiben, wüsste man es doch gern genauer. Wann ist der schnitt besser als Krankengymnastik oder einfaches Abwarten? Das aber kann kein Länderver- gleich uns sagen. Dafür brauchten wir in Deutschland sehr viel mehr vergleichende Forschung, in der Patienten über längere Zeit begleitet würden. Denn wenn schon Champion, dann bitte bei den Operations- erfolgen!

Harro albrecHt

dann bitte bei den Operations- erfolgen! Harro albrecHt Welcher Schnitt ist wirklich nötig? Ist das noch

Welcher Schnitt ist wirklich nötig?

Ist das noch Wissenschaft? Darüber diskutierten die Verhaltensforscherin Julia Fischer, der Philosoph Markus gabriel,

Ist das noch Wissenschaft? Darüber diskutierten die Verhaltensforscherin Julia Fischer, der Philosoph Markus gabriel, der Psychologe gerd gigerenzer sowie der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen am 27. August auf Einladung der ZEIt, der ZEIt- stiftung und des Deutschlandfunks sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften auf dem 50. ZEIt-Forum der Wissenschaft.

der Wissenschaften auf dem 50. ZEIt-Forum der Wissenschaft. Das vollständige transkript zur Veranstaltung finden sie im

Das vollständige transkript zur Veranstaltung finden sie im Internet:

www.zeit.de/2013/zeitforum

BESONDERE KLASSIK-EMPFEHLUNGEN VON JPC.DE IGOR LEVIT BEETHOVEN: SPÄTE KLAVIER SONATEN JAN VOGLER & HÉLÈNE
BESONDERE KLASSIK-EMPFEHLUNGEN VON JPC.DE
IGOR LEVIT
BEETHOVEN: SPÄTE KLAVIER SONATEN
JAN VOGLER & HÉLÈNE GRIMAUD
DICHTERLIEBE
MÖNKEMEYER, RIMMER, HORNUNG
GASSENHAUER
Jetzt bestellen
unter www.jpc.de
Der junge Pianist Igor Levit wurde bereits mehrfach für sein
herausragendes Talent ausgezeichnet. Nun ist seine langerwartete
Debüt-CD erschienen mit den fünf späten Klaviersonaten op. 101,
106 und 109-111 von Ludwig van Beethoven.
Cellist Jan Vogler präsentiert zusammen mit Pianistin Hélène
Grimaud und dem MORITZBURG FESTIVAL ENSEMBLE
Schumanns Liederzyklus Dichterliebe op. 48, die Drei Fantasie-
stücke op. 73 und das Andante und Variationen op. 46.
Auf ihrem ersten Trio-Album präsentieren Nils Mönkemeyer,
Nicholas Rimmer und Maximilian Hornung populäre Melodien
von Tschaikowskys Schwanensee über Dvorˇáks Slawischer Tanz bis
zu Humperdincks Hänsel und Gretel Suite.

Nr. 36

DIE ZEIT

S.33

SCHWARZ

cyan

magenta

yellow

34

Wissen

29. August 2013

DIE ZEIT

N o 36

Märchenhaftes Versprechen

Die »Neurodidaktik« verheißt den transfer neurobiologischer Erkenntnisse in den schulunterricht. Pädagogen nützt das wenig Von Ulrich Schnabel

F ür Lehrer ist es der ewige traum:

schülern in die Köpfe zu blicken und ihnen beim Denken zuzuschauen. Wie leicht würde das unterrichten! Kein Wunder, dass die Hirnforschung so große Hoffnungen weckt. Will sie

nicht gedanken sichtbar machen? Verspricht sie nicht, die gesetze des Lernens zu entschlüsseln? Leider verhält es sich mit der modischen »Neuro­ didaktik« ähnlich wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Es geht vor allem um große Versprechungen. Je genauer man diese betrachtet, umso mehr lösen sie sich in Luft auf. so scheitert die Neurodidaktik bereits an der tatsache, dass jedes gehirn einzigartig ist. gene, umwelt und Erziehung formen es so unverwech­ selbar wie den Fingerabdruck. Der eine entwickelt ein talent für sprachen, die andere einen sinn für Mathematik (mancher auch beides oder nichts da­ von). Neurobiologische studien aber machen in der Regel keine individuellen, sondern allgemeine, statistische Aussagen zum gehirn. sie erklären also, wie Lernen im Prinzip funktioniert – sagen aber nichts darüber aus, warum sich der eine gera­ de mit Mathe, die andere mit sprachen schwertut. genau das aber müssen Lehrer wissen. Die all­ gemeinen neurophysiologischen gesetze des Ler­ nens nützen ihnen im unterricht wenig. Die Lern­ forscherin Elsbeth stern vergleicht das mit dem Versuch, einen Flugzeugabsturz mit den Worten zu erklären, im Prinzip sei die schwerkraft schuld gewesen. Das stimmt zwar. Aber es nützt dem Praktiker wenig, der wissen will, warum gerade dieses und kein anderes Flugzeug abstürzte. Nun könnte man fordern: Durchleuchtet doch jedes einzelne schülerhirn! Von allen Hindernissen

doch jedes einzelne schülerhirn! Von allen Hindernissen Fortsetzung von S. 33 Die Stunde der Propheten auf

Fortsetzung von S. 33

Die Stunde der Propheten

auf – dafür aber an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie als einer von drei Dutzend »wissen­ schaftlichen Mitarbeitern«. Hinter seinem Professo­ rentitel verbirgt sich eine außerplanmäßige (apl.) Professur. Mit ihr dekorieren universitäten habili­ tierte Mitarbeiter, die ohne reguläre Hochschulleh­ rerstelle bleiben. und was ist mit der »Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung«, der Hüther als Leiter vorsteht? so lässt er sich ankündi­ gen, so steht es in der Vita, die seine Vorträge be­ gleitet. »Zentralstelle« – das klingt nach vielen Mit­ arbeitern und bedeutender Forschung. Dabei gibt es weder eine Disziplin namens »neurobiologische Präventionsforschung« noch eine entsprechende Forschungseinrichtung. Wer in göttingen danach sucht, findet am Ende eines langen Flures nur Raum E105 – das Zimmerchen von gerald Hüther. Bis vor Kurzem suggerierte die Homepage der »Zentralstelle«, sie sei eine Einrich­ tung der Hochschule. Das jedoch ist falsch. Laut universität war sie allein ein »Projekt von Herrn Prof. Hüther«. Das gleiche gilt für seine Vorträge, stiftungsaktivitäten und Bücher. Auf zwei Werke brachte es Hüther im vergangenen Jahr, mindes­ tens drei werden es dieses Jahr werden. Die Liste seiner Zeitschriftenbeiträge ist ebenfalls bemer­ kenswert lang. Mit neurobiologischer Forschung im strengen sinn aber haben Aufsätze wie Zitro- nenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen (ver­ öffentlicht in der Zeitschrift Gralswelt) nur wenig zu tun. Das gleiche gilt für seine DVDs (Die Grenzen der Selbstvermarktung, 9,95 Euro). Auf Anfrage der ZEIT stellt Hüther klar, die Zen­ tralstelle sei nur eine »Arbeitsplattform« zur Koordi­ nierung verschiedener Forschungsprojekte, etwa mit der universität Mannheim/Heidelberg, gewesen. seit Anfang dieses Jahres habe er diese tätigkeit beendet »und damit auch diese Zentralstelle aufgelöst«, auf Klappentexten aktueller Bücher taucht sie freilich noch auf. Im Übrigen sei er mit schulthemen als Experte in vielen gremien befasst, habe aber »nie be­ hauptet, Forschungen auf dem gebiet von Bildung, schule oder Pädagogik durchgeführt zu haben«. Letzteres stimmt tatsächlich. stattdessen hat Hü­ ther viele Jahre lang in der neurobiologischen grundlagenforschung gearbeitet, untergebiet Neu­ rochemie. Anfang der neunziger Jahre erhielt er ei­ nes der begehrten Heisenberg­stipendien. Bis 2006 leitete er an der göttinger Klinik eine Arbeitsgrup­ pe. In der Hauptsache widmete er sich der Wirkung von serotonin im gehirn, einem wichtigen Boten­ stoff. Meist arbeitete er mit Ratten. Einmal sorgte er für Aufsehen mit seiner Forschung oder besser: mit seiner eigenwilligen Deutung derselben. Nach ei­ nem Rattenversuch legte er im Jahr 2001 nahe, dass Kinder, die das ADHs­Medikament Ritalin be­ kommen, ein höheres Risiko für eine spätere Par­ kinsonkrankheit trügen. Forscherkollegen im Pro­ jekt bezeichneten diese Interpretation empört als »Mischung von blumiger Rhetorik und mageren spekulationen«. Bald danach versiegte Hüthers Pu­ blikationstätigkeit in seriösen Fachzeitschriften. Heute bezieht gerald Hüther zwar das gehalt eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Wissenschaft­ lich tätig im herkömmlichen sinn ist er aber seit Langem nicht mehr. sein ehemaliger Chef Peter Falkai, bis 2012 Direktor der Psychiatrie in göttin­ gen, ließ ihn gewähren und »sich seinem literari­ schen Werk widmen«, wie er sagt. Bei Festangestell­ ten an der universität habe man als Vorgesetzter kaum Disziplinierungsmöglichkeiten. »Da herrscht

Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT; Fotos: Andreas Teich/Caro, Peter Rigaud/laif, Scanpix S/dana press (v.
Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT; Fotos: Andreas Teich/Caro, Peter Rigaud/laif, Scanpix S/dana press (v. l.)

Jedes Gehirn ist einzigartig. Deshalb gibt es kein Patentrezept fürs Lernen

einmal abgesehen: selbst das löste das Problem nicht. Denn anders als die populäre Rede sugge­ riert, können Hirnforscher dem Organ eben nicht beim Denken zuschauen, sondern nur Korrelatio­ nen zwischen Denkvorgängen und neuronalen Aktivitäten herstellen. Dabei ist das Auflösungs­ vermögen so grob, dass es »der sicht auf die Erde durch einen Beobachter im Weltraum« gleicht, wie der Neurobiologe Joachim Pflüger treffend bemerkte. Man sieht zwar manche gebiete heller leuchten als andere; was dort aber genau vor sich geht, weiß man nicht. Überdies geschehen die spannendsten Dinge oft im Dunkeln. Aus diesen (und vielen anderen) gründen kam eine Expertise des Bundesforschungsministeriums schon 2005 zu dem schluss: »Die häufig geäußerte Vorstellung, wonach die Hirnforschung zur Klä­ rung theoretischer Kontroversen in der Pädagogik beitragen könnte, trifft nicht zu.« Daran hat sich bis heute nichts geändert – was erstaunlicherweise Hirnforscher wie gerald Hüther nicht davon ab­ hält, immer wieder die angebliche Relevanz der »vielfältigen Ergebnisse« ihrer Zunft für den schul­ unterricht zu preisen. Dabei verbirgt sich hinter neurodidaktischen Rezepten oft gar keine Hirnforschung. Vieles ent­ stammt der Entwicklungspsychologie, anderes ist altbekannte Pädagogik. Die Erkenntnis etwa, dass Lernen mit Lust verknüpft ist und emotional ge­ färbte Erlebnisse besser als neutrale erinnert wer­ den, formulierte schon vor über 300 Jahren Jo­ hann Amos Comenius in der Didactica Magna:

»Alles, was beim Lernen Freude macht, unterstützt das gedächtnis.« Neu erscheint diese Einsicht nur, wenn sie mit bunten Hirnbildern und Fachbegrif­ fen wie »präfrontaler Kortex« garniert wird.

maximale Freiheit der Forschung.« Laut universität hat Hüther in den vergangenen sechs Jahren einmal einen 90­minütigen Vortrag samt Diskussion vor angehenden Biologielehrern gehalten. Fragt man göttinger Neurobiologen nach Hüther, so erhält man meist eine von zwei Antworten: »Die Veröf­ fentlichungen des Kollegen sind mir nicht bekannt« oder »Ist das der aus dem Fernsehen?«. Dead wood nennt man solche Hochschulange­ hörigen in den usA. Nur selten aber kommt es vor, dass das, was innen als »totes Holz« gilt, nach außen als blühendes Beispiel der Disziplin er­ scheint. so wird Hüther in der Öffentlichkeit mal als Arzt (Neurologe) vorgestellt, mal als Experte, der »weltweit zum richtungweisenden Dutzend seines Fachs gehört« (manager magazin). schmun­ zelnd erinnert sich der Klinikchef Falkai an Fragen von Bekannten, ob er »an Herrn Professor Hüthers Klinik« arbeite. Eines müsse er dem Kollegen aber lassen, sagt Falkai: »Er ist ein begnadeter Redner.«

Hüther spricht immer frei, kaum ein »Äh« stört den strom seiner Worte. Dabei schreitet er lang­ sam die Bühne ab. unwillkürlich sieht man einen amerikanischen Prediger vor sich, wenn er ruft:

»Es ist nicht zu spät, das Ruder herumzureißen!« Denn natürlich gibt es Hoffnung. Der Mensch ist gut, das Kind unschuldig. Nur die Welt ist es lei­ der nicht. Da sind Eltern, die an ihnen herumer­ ziehen, Ärzte, die Ritalin verschreiben, und Lehrer, die Noten geben. Dabei sollte man die Kinder nur sich selbst überlassen: im freien spiel, in der Natur, im gemeinsamen unterrichtsprojekt. Dann wüch­ sen sie von selbst und die synapsen mit ihnen. »Im vorherigen Jahrhundert dachte man noch, unter­ richt könne das gehirn beeinflussen«, ruft Hüther. Mehr braucht er nicht zu sagen. Der saal jubelt. Diese Botschaft von dem guten Kind und der bösen gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten ver­ künden neben gerald Hüther auch Richard David Precht oder Jesper Juul. Man kennt sie seit Jean­

Drei Vielschreiber

Gerald Hüther

Der Wissenschaftler an der universität göttingen ist Biologe und hat als Neuro­ chemiker gearbeitet. Vor zehn Jahren begann er, als Hirnforscher Bücher zu schreiben. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit dem Lernen, der Liebe und einem neuen Weltbild. seine Hauptthese der »Potenzialentfaltung« präsentiert Hüther (62) auf vielen Podien.

Richard David Precht

Der promovierte Publizist ist als Autor mehrerer Bestseller bekannt geworden, unter anderem zu philosophischen themen (»Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?«).

In seinem jüngsten Buch (»Anna, die schule und der liebe gott«) kritisiert er die schule scharf. Precht (49) ist Honorarprofessor an der universität Lüneburg und der Berliner Hochschule für Musik. Er hält viele Vor­ träge und hat im ZDF eine Talkshow.

Jesper Juul

Der Däne ist ein international tätiger Familientherapeut und Buchautor mit dem Schwerpunkt Eltern-Kind-Beziehung. In seinen sieben Büchern der vergangenen drei Jahre äußerte er sich auch kritisch zu Kitas (»Wem gehören unsere Kinder?«) und schulen (»schulinfarkt«). Juul (65) verbrei­ tet seine pädagogischen Einsichten über das unternehmen Familylab International.

Gerald Hüther
Gerald
Hüther
Richard
Richard
Jesper Juul
Jesper
Juul

David Precht

grauer Anzug, weißes Hemd, die eine Hand in der Hosentasche, so betritt gerald Hüther die sze­ nerie. Die Rede, die dann folgt, ist mit leichten Variationen ähnlich, egal, ob er vor schulleitern, unternehmern oder Krankenhausmanagern spricht. Hüther verknüpft kleine Anekdoten mit psycho­ logischem Lehrbuchwissen, basale Erkenntnisse der Bindungsforschung mit Lebensweisheiten. Anfangs schlägt er oft einen pessimistischen ton an und weist auf »die begrenzten Ressourcen« hin oder die »Zu­ nahme psychischer Krankheiten«. Ängstigen aber muss sich niemand. Hüther verpackt die Zivilisa­ tionskritik in Ironie und geschichten. Jahrelang würden Kinder spielend und ungezwungen lernen, schwärmt er – »und dann schicken wir sie in die schule«. Da ist ihm der erste Lacher sicher.

Jacques Rousseaus Émile. Für die Pädagogik ist sie weitgehend fruchtlos. Aber das hindert nicht einmal die vielen Lehrer unter den Zuschauern am Applaus. Die sehnsucht, endlich von den Mühen des Alltags zwischen erster stunde und abendlicher Klassen­ arbeitskorrektur befreit zu werden, scheint groß zu sein. Ebenso die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen. In der Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coachs und, ja, Freunde. »Aus der Alltagsverzweiflung vieler Lehrer erwächst der Wunsch nach Feldgottesdiensten und Priestern«, sagt der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl. Jahrelang hat Kahl (auch als ZEIT­ Autor) gerald Hüther mit seinen Beiträgen selbst ein Forum gegeben. Heute sieht er manches kritischer.

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illu­ sion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerie­ ren sie: Kinder wollen lernen – aber die schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vo ­ kabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bil­ dungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hü­ ther heißen die zentralen Metaphern »Begeiste­ rung« und »Potenzialentfaltung«. In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei »Dünger fürs Hirn«. Mit neurobiologischer Forschung hat das wenig zu tun. genau genommen kommt die Hirnfor­ schung in Hüthers Vorträgen kaum noch vor. Der Biologe vertraut auf die Magie, die Wörter wie »präfrontaler Kortex«, »emotionale Zentren im Mit­ telhirn« oder »neuroplastische Botenstoffe« im Pu­ blikum entfalten. »Applied Neuroscience« nennt Hüther diese inzwischen perfektionierte Kunstform. Mit ihrer Hilfe wurde aus dem einst seriösen, aber unbekannten Arbeiter im Weinberg der Wis­ senschaft ein Popstar der Hirnforschung. Heute ist Hüther Mitglied im Rat für kulturelle Bildung, er begleitet das thüringer Kultusministerium beim Aufbau einer »Neuen Lernkultur in Kommunen« und die Vodafone­stiftung in Fragen der »schuli­ schen Elternarbeit«. sogar Berater Angela Merkels darf Hüther sich nennen: In einem gesprächsfo­ rum unter der schirmherrschaft der Kanzlerin ge­ hörte er zu den »Kernexperten« für die Bildung. Daneben ist er gründer eines halben Dutzends von stiftungen und Vereinen, die nach den Er­ kenntnissen der »modernen Hirnforschung« mal unternehmen, mal die Männer und immer wieder die schule »radikal« verändern wollen. In dem Organisationsnetzwerk tauchen stets dieselben Namen auf, etwa Jesper Juul oder auch Reinhard Kahl. Dieser erhält auf dem Bildungs­ kongress am Wochenende eine Auszeichnung, den Vision Award 2013. Die Lobrede wird Richard David Precht halten, den Kahl wiederum beim Verfassen seines Buches unterstützte. Im vergange­ nen Jahr ging der Preis an die Mitinitiatorin von »schule im Aufbruch«, Margret Rasfeld. Ihr Lauda­ tor hieß damals gerald Hüther, der seinerseits ers­ ter gast in Prechts Philosophie­talk im ZDF war. Bei so viel Netzwerkaktivität kann man schon mal den Überblick verlieren. Das scheint Hüther bei seiner »sinn­stiftung« passiert zu sein. Dort war er nicht nur Präsident, sondern auch Anstifter einer Aktion, mit der die stiftung bundesweit be­ kannt wurde: einer Ferienfreizeit in den südtiroler Alpen für Kinder mit ADHs. »Alm statt Ritalin« nannte Hüther die Idee. Er prognostizierte, dass der Aufenthalt in der Natur bei den Kindern zu einer »massiven Nachreifung des Frontalhirns« führen werde und diese dann auf die Medikamen­ te verzichten könnten. Wieder protestierten Fachleute gegen die ver­ einfachte sicht auf die Aufmerksamkeitsstörung. Anfang dieses Jahres warnte sogar der sekten­ beauftragte der katholischen Kirche in München vor der sinn­stiftung. Deren Arbeit beruhe »auf wissenschaftlich nicht belegbaren Erkenntnissen« – jenen von gerald Hüther. Dann wurde bekannt, dass es auf der Alm zu sexuellen Übergriffen durch einen Betreuer gekommen war. Da zog Hüther die Notbremse und verließ die sinn­stiftung. Evaluiert wurde das Alpenprojekt niemals. Nach drei Versuchen wurde es still beendet. Das­ selbe schicksal droht Hüthers großem Bildungs­

N

17

DIE ZEIT

S 34

SCHWARZ

c an

ma enta

ll

Neuere neurodidaktische Befunde – etwa zu den »Entwicklungsfenstern« beim Lernen – stam­ men wiederum aus tierexperimenten und sind nur bedingt auf den Menschen übertragbar. Oft kommt es dabei zu falschen umkehrschlüssen:

Aus dem Befund, dass Rattengehirne in extremer Reizarmut früh verkümmern (wenn die tiere iso­ liert in öden Käfigen aufwachsen), wurde abgelei­ tet, man müsse Kindern möglichst früh möglichst viele geistige Reize bieten. Verunsicherte Eltern traktierten daraufhin schon Kitakinder mit Eng­ lisch, Mozart und Mengenlehre. Dabei kann ein Zuviel an Reizen Kinder auch überfordern. Ihren Nutzen offenbart die Hirnforschung bis­ lang vor allem bei der Klärung pathologischer Fälle – etwa bei Lese­Rechtschreib­schwäche (Dyslexie) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie) – bei denen sich neuronale Abweichungen zeigen. Zur Frage, wie man das Lernen gesunder Kinder in der schule fördert, hat sie wenig beizutragen. Wie könnte sie auch? Neurowissenschaftliche studien finden meist mit wenigen Probanden im Labor statt. Die vielfältigen Beziehungen in einer Klasse zwischen schülern und Lehrern spielen da keine Rolle. »solche sozialen Interaktionen sind für das Lernen aber extrem wichtig«, sagt die Erziehungs­ wissenschaftlerin Nicole Becker von der tu Ber­ lin. sie hat einst in einem Projekt unter Leitung des Bremer Neurobiologen gerhard Roth die Chancen und grenzen einer Verbindung von Neuro­ und Lernforschung ausgelotet. Das Er­ gebnis? »Ernüchternd«, sagt Becker. Allen Neuro­ didaktikern schreibt sie ins stammbuch: »Wer als Wissenschaftler Aussagen zur schule macht, sollte auch schulrelevante Forschung betreiben. Die aber gibt es in der Hirnforschung bislang nicht.«

projekt »schule im Aufbruch«. Denn auch hier sind die Belege des »gelingens« – ein weiteres Hü­ ther­Lieblingswort – rar. Im grunde gibt es nur ein Beispiel, um das die ganze Bewegung kreist:

die Evangelische schule Berlin Zentrum (EsBZ), eine typische Reformschule. sie kennt keine Jahr­ gangsklassen und bis stufe neun keine Noten, der herkömmliche unterricht wird weitgehend durch sogenannte Lernbüros ersetzt, in denen die schü­ ler sich selbst den Lehrplan erarbeiten. Einmal im schuljahr sind die Jugendlichen beim Reisen, Werken oder Musizieren drei Wochen lang ganz auf sich gestellt, »Herausforderung« nennt sich das Projekt.

Studien oder andere Kleinigkeiten interessieren die Bildungsgurus nicht

Keine dieser pädagogischen Ideen ist neu. Auch verwundert es nicht, dass sie anscheinend an einer Privatschule gelingen, in der Akademikereltern nicht nur geld zahlen, sondern auch noch die Lehrer im Alltag unterstützen. Doch zum einen arbeiten die wenigsten deutschen schulen unter solchen Bedingungen. Zum anderen lernen Kin­ der sehr unterschiedlich. Während es einem schüler aus dem bildungsbürgerlichen Berlin­ Mitte leichtfallen mag, sich den unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten, kann der Hartz­IV­Junge aus Neukölln damit große Probleme haben. Er braucht eher klare strukturen statt selbstorgani­ sation. Erst kürzlich hat die große Metaanalyse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie belegt, wie gefährlich es ist, den Pädagogen im Klassenraum zu marginalisieren. Natürlich lernt sich im Wald oder an der Werkbank manches besser, als wenn man ein Lehrbuch liest. Nur lässt sich eine Partizipialkon­ struktion leider nicht so lehren, dass es »unter die Haut geht« (Hüther).

ANZEIGE

lehren, dass es »unter die Haut geht« (Hüther). ANZEIGE Doch mit studien oder anderem pädagogi­ schen
lehren, dass es »unter die Haut geht« (Hüther). ANZEIGE Doch mit studien oder anderem pädagogi­ schen

Doch mit studien oder anderem pädagogi­ schen Klein­Klein schlagen sich gerald Hüther und die anderen Bildungspropheten nicht herum. umsetzungsprobleme, die endlose Historie didak­ tischer Illusionen, die Widerständigkeit des unter­ richtsalltags: für sie kein thema. Die Reform­ jünger verkaufen der Republik stattdessen lieber einzelne Vorzeigeeinrichtungen wie eine Berliner Privatschule als Leitbild – dabei hat diese bisher noch nicht einen Jahrgang durchs Abitur gebracht. »Die Bildungsrevolution steht bevor«, prophe­ zeit Richard David Precht, die alte schule werde es in sechs Jahren nicht mehr geben, sagt gerald Hü­ ther. Dabei gibt es die alte schule schon heute nicht mehr, auch wenn die gurus die »Lernfabrik aus der Blütezeit der Industrialisierung« (Juul) für ihre Ar­ gumentation reanimieren. Doch dieses Zerrbild ist genauso falsch wie die utopie einer schule ohne Klassen, Fächer und Lehrer, die lehren. Da hilft nicht einmal die Hirnforschung.

einer schule ohne Klassen, Fächer und Lehrer, die lehren. Da hilft nicht einmal die Hirnforschung. www.zeit.de/audio

www.zeit.de/audio