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Studierendenmagazin der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen

pflichtlektüre
022010  www.pflichtlektuere.com

Hört nicht auf


zu kämpfen
Bachelor und Master werden endlich reformiert.
Jetzt brauchen Studenten und Unis langen Atem.

Angriff der Klon-Studenten


Überfüllung garantiert: 2013 kommt der doppelte Abijahrgang.

Auf Verbrecherjagd
pflichtlektüre begleitet eine Streife der Bundespolizei.
S02 VOR-SPIEL A367_02

Was geht

D
ie Ruhr.2010 läuft. Essen ist Slevogt (siehe „Segelboote“), Lovis Co-
Kulturhauptstadt, doch auch rinth und Max Liebermann. Studenten
die Stadt Dortmund hat für kommen für vier Euro rein.
alle Kulturbegeisterten einen
Veranstaltungskalender auf Wer sagt, ich interessiere mich mehr
ihrer Internetseite, Rubrik „Freizeit und für Literatur, den mag eine Lesung des
Kultur“: www.dortmund.de Vereins deutscher Sprache locken. Am
Samstag, 6. Februar, um 18 Uhr wird
Zwei der Tipps schon hier für euch: Zu- im Dortmunder Martin-Schmeißer-
nächst eine Ausstellung rund um den Weg 11 ein lyrisches Potpourri des 20.
Impressionismus im Dortmunder Mu- Jahrhunderts präsentiert. Texte gibt es
seum für Kunst und Kulturgeschichte, von Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht,
Hansastraße 3, täglich von 10 bis 17 Uhr. Ingeborg Bachmann und weiteren.
Noch bis Mitte April sind hier Werke Kostet nix. Wir wünschen kulturell ge-
der Berliner Künstlergruppe Secession nussvolle Semesterferien!
aus der Nationalgalerie Berlin ausge-
liehen worden. Die Bilder beschäftigen  macl/sal
sich mit dem Umbruch, dem Aufbruch foto: Pressestelle Stadt Dortmund
aber auch mit dem Zusammenbruch
vor dem Ersten Weltkrieg. Zu sehen
sind unter anderem Bilder von Max

Neulich in Deutschland

N
eulich habe ich den Raum- zu Fremden sehr herzlich sind, doch
plan-Studenten Alex mit es lange braucht, bis man sie wirk-
links gezeichnet, obwohl ich lich kennen lernt. Man pellt sie eben
Rechtshänderin bin: Neue Schicht um Schicht wie Zwiebeln“,
Erfahrungen sind schon erklärte Seminarleiterin Julia Pehle:
spaßig, war auch das Motto beim „In- „Deutsche sind eher wie Kokosnüsse;
terkulturellen Training“ des Akade- eine wirklich harte Schale beim Erst-
mischen Auslandsamtes der TU Dort- kontakt, aber wenn die mal gesprengt
mund. Sogar Alex selbst fand sein ist, wird das Innerste offenbart.“
recht spezielles Porträt amüsant. Neue
Blickwinkel bereichern eben. Für mein Erasmus-Semester, die Teil-
nahme am Training und meine Spa-
Oder wusstet ihr, dass es für Spanier nisch-Kurse bekomme ich übrigens
ganz normal ist, erst zur Hochzeit mit ein Zertifikat ausgestellt. Mehr Infos
knapp 30 Jahren bei den Eltern aus- unter: www.aaa.tu-dortmund.de/zer-
zuziehen? Und, dass sich in England tifikat. Auch an UDE und RUB gibt es
jeder Fahrgast höflich vom Busfahrer Erasmus-Förderprogramme.
verabschiedet? Zudem lernte ich, dass
Australier wie Zwiebeln und Deutsche Sarah Salin war ein Semester in Dublin
wie Kokosnüsse sind: „Das Modell und studiert Journalistik in Dortmund.
will sagen, dass die offenen Australier  sal/foto:nm

Wissens-Wert

S
chon mal vom „Genie in a bot- Presley kreiert werden – behauptet zu-
tle“ gehört? Sicher, da gab es mindest der Hersteller. Professor Hans
mal den Song, von der kleinen Hatt, Deutschlands bekanntester Riech-
Blonden. Aber hier geht es um forscher von der Ruhr-Uni Bochum hält
eine ganz große Persönlichkeit, das für unwahrscheinlich. „Die DNA
die seit kurzem in 50 ml Fläschchen ab- selbst ist völlig geruchlos.“ Zwar sind
gefüllt wird. Riechen wie Michael Jack- hier gewisse Vorlieben und Antipathien
son, das verspricht der amerikanische für den einen oder anderen Duft gespei-
Parfumhersteller „My DNA Fragrance“. chert, einen Eigengeruch gibt es aber
nicht. Wer wissen will, wie er selber
Jackos DNA wurde von seinen Haaren riecht, für den hat der Wissenschaftler
extrahiert, mit etwas Aloe Vera gemischt einen simplen Vorschlag: Einmal mit
und fertig war der Jackson-Geruch. Und dem Tuch in die Achselhöhle, auswi-
der sei in jedem Fall wohlriechend, ga- schen und unter die Nase halten.
rantiert das Unternehmen. My DNA
Fragrance arbeitet übrigens mit John Dieser Duft ließe sich dann sogar kon-
Reznikoff, dem Besitzer der weltgrößten servieren, aber wer will schon riechen
Sammlung historischer Haare, zusam- wie Michael Jacksons Achsel…
men. So konnten auch Düfte von Jacky
Kennedy, George Washington oder Elvis  text/foto: ami
A171_03 START-BLOCK S03

HERZ-STÜCK diesmal Zur Ausgabe

W
Auf dem Weg ir können es uns heute kaum vorstellen: In drei
in eine bessere Jahren schlagen zwei Abi-Jahrgänge an den
Zukunft? Der Ruhr-Unis auf. Nun ist es ja nicht so, dass wir ak-
Streik trägt tuell noch viel Platz in Vorlesungen, Seminaren
erste Früchte. oder Laboren hätten. Oder in der Mensa. Oder in
den Bussen und Bahnen, die uns zur Uni fahren.

S08 Die Politik stellt Geld zur Verfügung,


um den Ansturm zu bewältigen – al-
lerdings nicht, um neue Gebäude zu
bauen. Widersinnig? Lest mehr auf
den Seiten 13 und 14.

Die nächste pflichtlektüre erscheint


im Sommersemester: am 27. April. Bis
DORTMUND dahin schaut doch auch mal auf unse-
re Website www.pflichtlektuere.com.
S04 … Auf der Rennstrecke: Studierende der TU bauen ihren eigenen Rennwagen. Seit dem Start der gedruckten pflicht-
lektüre im November 2008 haben sich
S06 … Zwo, eins, Risiko: pflichtlektüre auf Verbrecherjagd mit der Bundespolizei. auch online haufenweise gute Geschichten angesammelt.
Neuigkeiten tweeten wir unter
HERZ-STÜCK

S10 … Büffeln statt Besetzen? Der Bildungsstreik spaltete die Studierendenschaft. .com/pflichtlektuere

RUHR-BLICK

S13 … Die Zukunft wird eng: 2013 stürmen zwei Jahrgänge gleichzeitig an den Unis.

DIENST-BAR

S14 … Schieb mich in den DVD-Player, Kleines: Filmklassiker, die ihr sehen solltet.
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S04 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN A171_04

Mit dem FS29 ging „GET racing“ 2009 an den Start.


Der Bolide wiegt kaum mehr als Jan Kersting, Mela-
nie Gräßer und Carsten Westermann (v.l.) zusammen.

Ein Renner im Eigenbau


Im „GET racing“-Team bauen über 30 Studenten in Eigenregie ihren eigenen Rennwagen. Mit dem selbst-
konstruierten Boliden startet das Team aus Dortmund in der internationalen Serie „Formula Student“.

D
en Winter über schrauben, rechnen und gabenbereich Organisation. Die strikte Aufga-
bauen sie. Jedes Gramm ist entschei- bentrennung im Team gibt es nicht ohne Grund:
dend, jede Pferdestärke zählt. „Bei uns FORMULA STUDENT „Es ist schon ziemlich blöd, wenn man feststellt,
im „GET racing“-Team geht es im Mai in dass bald die Rennen anstehen, aber das Lenkrad
die heiße Phase“, sagt Carsten Wester- noch immer fehlt“, sagt Gräser und lacht. Passiert
mann, während er schnellen Schrittes über die Das Konzept der Formula Student ist einfach: sei so etwas noch nicht, dennoch geht es nicht
Flure des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss Studenten bauen einen Rennwagen der er- ohne einen minuziösen Zeitplan.
und Logistik geht. „Dann können wir den Wagen schwinglich, sicher und gleichzeitig auch effi-
zusammensetzen und erste Tests machen.“ zient im Verbrauch ist. Im Wettbewerb muss
jedes Team sein Fahrzeugkonzept einer Jury Leichtbau in Eigenregie
Westermann eilt in die Werkstatt. Wer jetzt an vorstellen, einen Kostenplan für eine Kleinse-
die Formel 1 und ihre millionenteuren Hightech- rienproduktion vorlegen und in vier Fahrdis- „Wenn keine größeren Probleme auftreten, wird
werkstätten denkt, der irrt. Ein kleiner Bereich ziplinen zeigen, wie leistungsfähig die eigene der neue Wagen Ende Juni die Testphase erfolg-
am Ende einer Lagerhalle im Institut wurde kur- Konstruktion auf der Straße tatsächlich ist. Am reich abgeschlossen haben“, sagt Carsten Wester-
zerhand als Werkstatt umfunktioniert. Zaun-Ele- Ende gewinnt das Team, das in den acht Wett- mann, der auf einem Reifen des Vorjahreswagens
mente bilden die Grenze zwischen Stauraum und bewerbskategorien die meisten Punkte holt. sitzt. Carsten studiert Maschinenbau im siebten
Rennwagenschmiede, in der rund 30 Studenten Die nächsten Rennen finden am 15. Juli in Sil- Semester und ist der Mann fürs Motorinnere.
der TU Dortmund in unzähligen Stunden an ih- verstone und am 4. August auf dem Hocken- Dort, wo es immer ölig ist. Dort, wo die Leistung
rem eigenen Rennwagen schrauben. heimring statt. Neben dem Wettbewerb steht des Rennwagens steckt und dort, wo es immer
bei den fast 100 internationalen Teams der Er- was zu tun gibt.
„Wir konstruieren momentan den Rahmen für fahrungsaustausch im Vordergrund. 2009 ge-
die nächste Saison“, sagt Melanie Gräßer. Sie ist wann das Team der Universität Stuttgart vor Er legt ein Metallteil auf den Tisch. „Das war die
eine von fünf Studentinnen im GET racing-Team. Teams aus Großbritannien und Australien. original Ölwanne“, sagt der Student. „Die war
Über ihre Fakultät Maschinenbau ist sie auf das allerdings zu groß und nicht optimal für den
Projekt gestoßen. Inzwischen leitet sie den Auf- Schwerpunkt unseres Fahrzeugs.“
A171_05 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S05

Ein lösbares Problem, denn das kleine Renn-


team profitiert von einer Reihe Sponsoren aus
verschiedensten Industriezweigen – Stahl, Ferti-
gungstechnik, Schaumstoffherstellung, Motor-
elektronik und Logistik zählen zu den zahlreichen
Geldgebern. Die neue Ölwanne ist eine Eigenkon-
struktion und deutlich flacher und leichter als das
Original. Mit ihr wiegt der Wagen ein paar hun-
dert Gramm weniger. Die Ölwanne ist nur eines
von vielen selbst entworfenen Bauteilen. Radauf-
hängungen, Motoranbauteile, die Karosserie und
der Rohrrahmen zählen ebenfalls dazu.

Ganz wichtig bei allen Eigenbauten: „Alles ist auf


Sicherheit ausgelegt“, sagt Carsten und klopft
dabei auf den Überrollbügel schräg hinter ihm.
Sowohl bei der Konstruktion als auch im Rennen.
Im Reglement der Formula Student, der Rennserie
an der das Dortmunder Team teilnimmt, steht Si-
cherheit an erster Stelle.

Wer fährt?
Bei der Fahrerwahl entscheidet ganz allein die
Geschwindigkeit. „Wir gehen vor den Rennen auf In der kleinen Werkstatt im Dortmunder Frauenho-
die Kartbahn. Die Schnellsten von uns haben so fer-Institut für Materialfluss und Logistik konstruie-
ren die Studenten der TU ihren eigenen Rennwagen.
ihren Platz im Cockpit sicher“, sagt Melanie. „Für
Testfahrten saß aber jeder schon mal hinterm
Steuer.“ Doch so sorglos die Zeit auf der Rennstre-
cke erscheinen mag, so leidvoll können die Stun- Wenn man weiß, wie viele Arbeitsstunden in „Bei uns ist jeder willkommen, der engagiert und
den werden, wenn eine Maßanfertigung kaputt dem Auto stecken und jedes Teil persönlich zuverlässig ist“, sagt Melanie. In den kommenden
geht. „Das ist dann immer viel Rumgebastel“, kennt, dann will man es nicht vermasseln.“ Stolz Jahren hat das Team noch eine Menge vor. Neben
sagt Melanie. „Der Austausch bereitet nur wenig grinsend sagt er weiter und spricht damit wohl dem über 80PS starken und 125km/h schnellen
Probleme. Schwieriger ist es, in kurzer Zeit ein Teil für alle Teammitglieder: „Es ist ein unbeschreib- Rennwagen soll in Zukunft auch ein Elektroauto
von einem unserer Sponsoren anfertigen zu las- liches Gefühl, zu sehen, wie der eigene Wagen im entstehen – selbstgebaut, natürlich.
sen.“ Melanie weiß genau über was sie redet; als Rennen andere Gegner überholt.“
Verantwortliche für die Organisation koordiniert text und fotos Florian Hückelheim
sie alle Nachfertigungstermine und den nötigen Neben dem Rennen liegt dem Projekt ein wei-
Transport. Unentgeltlich und engagiert – wie alle terer wichtiger Gedanke zugrunde: „Durch die
im Team. Mitgliedschaft im Team sammeln wir alle eine
Menge Erfahrungen, die uns das Studium nicht
Wie es sich anfühlt, im „eigenen“ Auto zu sitzen, bietet. Diese Erfahrungen können aber nicht nur
erklärt Carsten: „Man ist extrem angespannt. Maschinenbauer oder Elektrotechniker machen.

Neues aus RUHRSTADT


Dortmund momente
Städtebündnis im Ruhrpott Euer Lieblingsort im Netz Sport ist Mord
Die Städte des Ruhrgebietes und des Bergischen Ihr kennt einen echten Geheimtipp im Ruhrge- Natürlich beginnt jedes Jahr mit guten Vorsätzen.
Landes suchen angesichts der dramatischen Ent- biet oder seid selber auf der Suche nach einem Der wohl bekannteste Vorsatz: mehr Sport. Kaum
wicklung in der jüngeren Vergangenheit nach außergewöhnlichen Ort im Revier. Seit einigen war das Jahr 24 Stunden alt, da stand ich schon
neuen Wegen aus der kommunalen Finanzkri- Tagen könnt ihr auf www.ruhragenten.de eure im Fitnessstudio. Weitere zwei schweißtreibende
se. Unter dem Motto „Raus aus den Kommunal- absoluten Lieblingsorte im Ruhrpott mit anderen Stunden später war der gute Vorsatz erfüllt. Und
Schulden - Lasst unseren Städten die Würde“ ha- Usern teilen. Dabei geht es um angesagte Treff- der musste belohnt werden: Also ging es auf di-
ben sie für die kommenden Monate konzertierte, punkte, ausgefallene Locations, und bisher un- rektem Weg Richtung Sauna. Die Belohnung war
öffentlichkeitswirksame Aktionen vereinbart. bekannte Orte, die nicht in den gängigen Ruhr- von kurzer Dauer. Ein Knacken, gefolgt von einem
Konkret geht es um Hilfe von Land und Bund zur gebietsführern zu finden sind. Gefragt sind also lauten Knall schickten mich Richtung Boden. Die
Selbsthilfe. Die Städte werben dabei gemeinsam eure Insidertipps zu allem, was im Ruhrgebiet Befestigung der Sitzbank war abgebrochen. Ent-
um die Unterstützung ihrer Bürger. Dem Aktions- sehens- und erlebenswert ist – von der skurrilen blößt lag ich auf dem Boden der Tatsachen. Die
bündnis der Memorandum-Städte gehören auch Kneipe, der lieblings Pommesbude, bis hin zum guten Vorsätze sind dahin. Im neuen Jahr folge
Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen an. jk Museum und anderen Freizeitmöglichkeiten. fas ich dem Motto: Sport ist Mord. fas
S06 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN A171_06

Bundespolizist Heinz Mersmann auf dem Weg zur


Arbeit. Er und seine Kollegen sorgen am Bahnhof in
Dortmund für die Sicherheit.

Streife zwischen Zügen


130.000 Menschen strömen täglich durch den Dortmunder Hauptbahnhof. Für ihre Sicherheit sorgen Heinz
Mersmann und seine Kollegen von der Bundespolizei. pflichtlektüre-Autor Linus Petrusch begleitete ihn.

D
er Dortmunder Hauptbahnhof ist eine derjährigen Täter stammen aus Osteuropa und höfe und Gleisanlagen zwischen Gelsenkirchen
Baustelle. Zeit, auf den neuen Bahnhof haben sich auf Taschendiebstahl spezialisiert“, und Hagen - eine Fläche von gut 6.000 Quadrat-
zu warten, haben die Reisenden nicht. sagt Mersmann. Die Kinder und Jugendlichen kilometern.
Aus allen Himmelsrichtungen strömen nutzen dabei das Gedränge beim Ein- und Aus-
täglich mehr als 130.000 Menschen steigen aus den Zügen. „Meist haben sie es auf
durch den großen, tristen Gang des baufälligen die Handtaschen abgesehen.“ Im Blick haben die Viel los an Bundesligaspieltagen
Gebäudes. Einige eilen zur U-Bahn, andere hetzen jungen Langfinger vor allem Studentinnen. „Die
auf die Gleise um ihren ICE zu erwischen, wieder sind meist gut angezogen und versprechen eine Neben dem Geschäftsmann, der den ICE nach
andere gönnen sich beim Bäcker ein Brötchen. fette Beute“, warnt Mersmann. München nimmt, ist der Bahnhof vor allem auch
Das Treiben kennt Heinz Mersmann gut. Mers- ein Ort, an dem Obdachlose und Bettler in diesen
mann arbeitet seit vielen Jahren bei der Bundes- Die Taktik der „Klau-Kids“ ist einfach: Sie steigen Tagen Schutz vor der klirrenden Kälte suchen. So
polizei. mit in den Zug, schlagen zu und springen vor der vielfältig die Klientel ist, so vielfältig sind auch
Abfahrt blitzschnell aus dem Zug. Die Opfer be- die Verbrechen. Die Polizisten wissen vor Dienst-
merken den Diebstahl in den meisten Fällen erst beginn nie was die nächste Schicht bringt. „Man
Partygäste zeigen keinen Respekt viel zu spät. An diesem Tag muss Mersmann kei- muss immer von einer auf die andere Sekunde
ne weitere Diebstahl-Anzeige aufnehmen. „Die bereit sein. Das ist das Schöne, aber auch das
Obwohl er mit seinen 57 Jahren kurz vor dem Ru- Bande hat wohl an einem anderen Bahnhof zu- Schlimme am Polizeidienst“, sagt Bundespolizist
hestand steht und einen Großteil seiner Arbeit geschlagen.“ Jürgen Karlisch.
mittlerweile vom Schreibtisch aus erledigt - so-
bald es auf Streife geht, ist er in seinem Element. Aufgrund der Umbauarbeiten befindet sich die Für zusätzliche Arbeit sorgen die Fußball-Fans.
Wachsam mischt er sich unter die Reisenden, die Wache der Bundespolizei vorübergehend in Con- Fast wöchentlich pilgern tausende von Anhän-
sich in Eile am Bauzaun in der kargen Bahnhofs- tainern am Nordausgang. Damit versprüht auch gern der Ruhrgebietsvereine durch den Bahnhof
halle vorbeidrängen. „Die Arbeit hat sich in mei- die provisorische Polizeiwache ein gewisses Bau- und stellen die Beamten vor eine Herausforde-
nen 40 Dienstjahren stark verändert. Speziell die stellen-Flair – zumindest von Außen. Im Inneren rung. „Wir teilen die Fans in drei unterschied-
Partygäste an den Wochenenden haben jeglichen ist es dagegen hell, aufgeräumt und die Technik liche Gruppen ein“, erklärt Karlisch. „Da gibt es
Respekt vor uns verloren“, sagt Mersmann, wäh- steht auf dem neusten Stand. Schließlich über- die Familienväter mit ihren Kindern. Sie stellen
rend er Richtung Südausgang schlendert. Nicht wachen die Beamten von hier das gesamte Ge- aus unserer Sicht kein Problem dar. Dann gibt es
nur angetrunkene Partygäste machen den Bun- schehen auf dem Bahnhof. Dabei haben sie nicht Fußballfans die generell nicht gewaltbereit sind.
despolizisten zu schaffen. „Im Moment schlagen nur den Dortmunder Hauptbahnhof im Auge. Ärger und Frust über das Spiel, gepaart mit zu
wieder die so genannten Klau-Kids zu. Die min- Insgesamt überwacht die Inspektion alle Bahn- viel Alkohol, führt bei ihnen aber oft zu Gewalt.
A171_07 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S07

Das eigentliche Problem sind Hooligans, die ihre


Aggressionen gezielt auf dem Fußballplatz aus-
leben.“ Die Schwierigkeit für die Polizisten: Meist
sind diese „Fangruppierungen“ straff organisiert
und äußerst gewaltbereit. Um die Sicherheit der
übrigen Reisenden und Pendler zu gewährleis-
ten, helfen Hundertschaften und Kollegen von
der Landespolizei. Präventiv gibt es seit einigen
Jahren zudem so genannte Fangruppen-Kontakt-
beamte. „Sie versuchen gemeinsam mit den Fan-
clubs die Gewalt aus den Fußballstadien zu ver-
bannen“, beschreibt Karlisch deren Aufgabe.

Der einstündige Streifzug geht zu Ende. Passiert


ist in dieser kurzen Zeit nichts. Heinz Mersmann
hat Reisenden Auskünfte gegeben und einer
älteren Damen den Koffer getragen. Nun geht
es zurück ins Containerbüro. Dort wartet der
Computer, auf dem alle Ereignisse protokolliert
werden. Während es in Dortmund ruhig zuging,
waren die Kollegen auf den anderen Bahnhöfen
im Ruhrgebiet fast im Dauereinsatz: Die Bilanz
des Tages reicht von Diebstahl über Körperverlet-
zung, unerlaubter Einreise eines Afghanen, bis zu
einem Suizidversuch. Jede Tat wird von den Be-
amten am Rechner festgehalten und archiviert.
Auch das gehört zur Polizeiarbeit.

text und fotos Linus Petrusch

Manchmal passiert auf seiner Streife nichts. „Aber


das kann sich von der einen Sekunde auf die andere
ändern“, sagt Bundespolizist Heinz Mersmann.

pflichtlektüre empfiehlt
Der Text, der zu viel wusste Qualität im Bachelor
Sie ist das Aushängeschild
am Ende des Studiums –
die Abschlussarbeit. Aber
wie viel wissenschaftliche
Qualität kann man von ei-
ner Bachelorarbeit erwar-
ten, wenn man dafür nur
sechs Wochen Zeit und 30
Seiten Platz hat? Klar ist:
Mit der Diplomarbeit ist
die Bachelorarbeit nicht
zu vergleichen.

Ein Text, der weiß, dass ihn jemand liest? Je nachdem, wo die Augen Koffein im Prüfungsstress
des Lesers hinschauen, reagiert er mit Bildern, Musik und Geräuschen
– doch das ist nicht alles. Wieso der Text 2.0 kann, was er kann, wissen Kaffee ist der Doping-Klassiker von Studenten im Prüfungsstress. Doch
Forscher am Institut für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern. wie viele Tassen sind nötig, um nachts wach zu bleiben?

Mehr auf
Mehr auf dem
dem neuen
neuen Online-Portal:
Online-Portal: www.pfl
www.pflichtlektuere.com
ichtlektuere.com
S08 HERZ-STÜCK A367_08

Die Botschaft
ist angekommen
Studenten auf der Straße, Politiker unter Druck und
Rektoren in Erklärungsnot: Was bleibt vom großen Streik
für bessere Bildung? Eine Analyse.

S
o wie es ist, kann es nicht bleiben. Das ten, als Ewiggestrige gebrandmarkt. Doch jetzt
ist das zentrale Ergebnis des Bildungs- ist klar: Wir haben ein Problem. Der Dortmunder
streiks 2009. Die Bologna-Reform muss Prorektor für Studium, Walter Grünzweig, formu-
zügig reformiert werden, darin sind sich liert es so: „Es hat jahrelang ein Redeverbot gege-
endlich alle einig. Mit zahllosen Demos, ben. Wenn wir nicht immer gezwungen gewesen
Flashmobs und Hörsaalbesetzungen haben Zehn- wären, Bologna in den Himmel zu loben, hätten
tausende Studenten in den vergangenen Mona- wir die Probleme viel früher beheben können.“
ten nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlich-
keit auf sich gezogen, sondern auch Hochschulen Dass mit dem Gutwettermachen jetzt Schluss
und Politik massiv unter Druck gesetzt. Der Pro- ist, können sich die Protestler als Erfolg auf ihre
test trägt bereits erste Früchte. Doch der Kampf Fahnen schreiben. Als im November die Protes-
für bessere Bildung hat erst begonnen. te der Studierenden eskalierten, mussten Politik
und Hochschulen reagieren, und sie haben re-
Der Grundstein dafür, dass Bachelor und Master agiert: Die Kultusminster beschlossen eilig, dass
überarbeitet werden, ist gelegt: Politik, Hoch- der Bachelor künftig besser studierbar sein muss. Studentenproteste 2.0: Flashmob vor dem
schulen und Öffentlichkeit denken radikal um. Die Rektoren der NRW-Unis verpflichteten sich Bochumer Hauptbahnhof.
Jahrelang wurden Kritiker, die Probleme bei der zu einer Art Bologna-Check: Ist der Bachelor in
Einführung von Bachelor und Master bemängel- einzelnen Fächern überladen? Gibt es zu viele
Prüfungen? Können die Studierenden problemlos Tutorien aufgehoben. Zudem wird an der UDE
ins Ausland gehen? All das soll bis zum Semester- die Rahmenprüfungsordnung, an der sich die
ende überprüft werden. Prüfungsordnungen aller Fakultäten orientieren,
gerade im Senat überarbeitet. „So wie in NRW
HINTERGRUND An den Ruhrgebiets-Unis laufen die Reparaturen an Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt
Bachelor und Master jetzt auf Hochtouren. wurden, konnte nicht alles optimal laufen. Wir
haben teilweise Handlungsbedarf“, erklärt der
Bildungsstreik-Jahr 2009 An der Ruhr Uni Bochum haben alle Fachschaften Prorektor der UDE für Studium und Lehre, Franz
2009 – das Jahr des Bildungsstreiks: Einen mit ihren Dozenten Arbeitskreise gebildet, um Bosbach. Er sagt aber auch: „Änderungen gehen
ersten Höhepunkt erreichen die Proteste im den Bachelor- und Masterstudiengängen auf den nicht von heute auf morgen vonstatten.“
Juni, als bundesweit mehr als 100.000 Schüler Zahn zu fühlen.
auf die Straße gehen, um etwa ihrem Ärger Tatsächlich gilt: Mal eben ein paar Prüfungen
Auch an der TU Dortmund sind Studenten und streichen – das ist nicht. Vielmehr hängt an so
über das Turbo-Abi G 8 Luft zu machen. Im
Lehrende im Dialog. Die Mathe-Fakultät etwa ar- einem Plan ein ordentlicher prozessualer Ratten-
Herbst rücken dann die Hochschulen ins Zen-
beitet an einer neuen schwanz, Beispiel TU
trum: Als Ende Oktober Studenten das Wiener Studienordnung. „Wir Dortmund: Erst müs-
Audimax besetzen, schwappen die Proteste
nach Deutschland. Im November und Dezember
wollen das strenge Schluss mit Redeverbot. sen sich Lehrende und
Korsett der Bachelor- Studierendenvertreter
gehen hunderttausende Studierende auf die Studiengänge lösen, Jetzt wird umgedacht. an Lehrstühlen und
Straße. Ihre Hauptforderungen: Eine Reform so dass die Studenten in den Instituten eini-
des Bachelor-Master-Systems, Abschaffung zum Beispiel pro Semester nicht immer auf 30 gen, dann in der Fakultät. Ist das geschafft, lan-
der Studiengebühren, mehr Lehrpersonal Credits kommen müssen“, erklärt Fakultäts-Pro- det der Änderungsvorschlag beim Rektorat, das
und mehr Mitbestimmung. Im November und dekan Lorenz Schwachhöfer. ihn weitergibt an die Verwaltung. Die prüft die
Dezember werden bundesweit über 60 Hörsäle Sache formal und juristisch und schaut, ob die
besetzt – auch in Dortmund, Bochum, Duis- An der Uni Duisburg-Essen hat der Bildungsstreik Vorschläge umgesetzt werden können. Nächste
burg und Essen. In Dortmund lassen sich am bereits ein handfestes Ergebnis gebracht. Es geht Station ist die Senatskommission Studium und
um das brisante Thema Anwesenheitspflicht. Lehre (kurz: Lust-Kommission), die ans Rektorat
30. November Streikler aus dem Hörsaal des
Das Justiziariat der UDE hat festgestellt, dass in eine Empfehlung gibt, ob dem Antrag stattzu-
Emil-Figge-Gebäudes tragen. Das Rektorat er- Vorlesungen und Übungen „eine Pflicht zur re- geben ist. Schließlich entscheidet, natürlich: das
stattet Strafanzeige gegen 31 Protestler wegen gelmäßigen Anwesenheit der Studierenden zur Rektorat. So. Und wenn man sich vorstellt, dass
Hausfriedensbruchs. In Bochum räumen am Erreichung des Lernziels (...) regelmäßig nicht er- sich diese Gremien teilweise nur alle paar Wo-
22. Dezember Studenten den letzten besetzten forderlich“ sei. Nach Rektoratsangaben werden chen treffen, ist klar, warum erst wenige greifba-
Hörsaal im Ruhrgebiet. Andernorts – etwa an die einzelnen Fakultäten ihre Regeln in Sachen re Ergebnisse auf dem Tisch liegen.
der FU und der HU Berlin – verbringen Studen- Anwesenheit zum Sommersemester ändern. Das
ten gar die Weihnachtstage im Hörsaal. / bw Institut für Politikwissenschaft hat zum Beispiel Wird in einem Studiengang etwas Substanziel-
schon reagiert und die Anwesenheitspflicht für les verändert – zum Beispiel der Name – kommt
A367_09 HERZ-STÜCK S09

senschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) al-


lerdings bissen die Revolutionäre auf Granit. Der
Liberale steht hinter Bologna: „Das Bachelor- und
Mastersystem ist Ausdruck einer Verpflichtung
gegenüber Studierenden, einen klar strukturier-
ten Studienverlauf und gute Betreuung zu ge-
währleisten.“

Ähnlich sieht das der Bochumer Rektor Elmar Wei-


ler: „Es ist eine Schande, dass der Bologna-Prozess
als solcher jetzt nur negativ dargestellt wird. Wir
in Bochum haben positive Erfahrungen gemacht
und die Abbrecherquote ist drastisch gesunken.“
Die RUB war Vorreiter bei der Einführung von
Bachelor und Master und Weiler ist überzeugt:
„Der Hauptnutzen von Bologna ist, dass viele Stu-
dierende die stärkere Strukturierung als Erleich-
terung empfinden.“ Der Rektor gibt aber auch
zu: „Das Rad wurde vielleicht an mancher Stelle
überdreht. Hier müssen wir nachbessern.“

In der Tat lassen die Unis zurzeit wenig Zweifel


daran, dass sie jetzt wirklich etwas verändern
wollen. Ob sich die Studentenproteste im Jahr
elf nach Beginn des Bologna-Prozesses mit glei-
cher Intensität fortsetzen werden, wie sie 2009
endeten, wird davon abhängen, wie schnell es
Hochschulen und Politik gelingt, spürbare Ver-
besserungen an den Unis herbeizuführen. Das
bundesweite Bildungsstreik-Bündnis hat bereits
weitere Proteste angekündigt. Es könnte ein hei-
ßer Sommer werden.

Mehr zum Thema


Vor lauter Bologna ist das Thema Studiengebüh-
ren in den Hintergrund geraten. Was Rektoren,
Asten und Politik von den Beiträgen halten, lest
ihr auf unserem Online-Portal www.pflichtlektu-
ere.com. Außerdem: der Protest in Bildern und
Tönen. Und: die Pläne von Wissenschaftsminister
sogar noch eine Hürde hinzu: Dann muss die Uni Alleine will niemand an den Problemen mit Bo- Pinkwart und SPD-Spitzenkandidatin Hannelore
eine Akkreditierungsagentur konsultieren. Die logna schuld sein. Auch die Unis nicht, das ist Kraft in Sachen Bildung – schließlich sind bald
Akkreditierungsagenturen, in denen Profs, Stu- klar. Sie wünschen sich mehr Freiheiten von den Landtagswahlen.
denten und Vertreter aus der Berufspraxis sitzen, Vorgaben der Kultusminister und Akkreditierer.
haben einst jeden Bachelor- und Masterstudien- Gleichzeitig aber gilt: Ohne die Hilfe der Poli-
gang vor der Einführung geprüft. Wenn jetzt alles tik geht es nicht. „Die neuen Studiengänge sind text Barbara Wege
anders laufen soll, haben sie wieder ein Wörtchen nicht zum Nulltarif. Bologna verlangt kleinere fotos Florian Hückelheim, Daniel Gehrmann
mitzureden. Gruppen und dafür haben wir nicht die finanziel-
le Ausstattung bekommen“, sagt UDE-Prorektor
Und mit den Akkreditierern ist das so eine Sache: In Bosbach: „Die Politik hat das aber verstanden.“
der Diskussion um das Bachelor-Desaster avan- Der Dortmunder Prorektor Grünzweig erklärt zu-
cierten sie zum Buhmann Nummer Eins. Ihnen dem: „Gerade in Zeiten der Finanzkrise müssen
wurde vorgeworfen, den Unis mit kleinkarierten wir verstehen, dass die Möglichkeit, Hochschulen
Vorschriften das Leben schwer zu machen. Was besser zu finanzieren, Grenzen hat. In anderen
die Nachbesserungen Bereichen des öffentli-
an den neuen Studien- chen Lebens muss man
gängen angeht, sieht Mal fix ein paar Prüfungen auch mit weniger Geld
der deutsche Chef- auskommen.“ Etwas
Akkreditierer Achim streichen? Von wegen. Abhilfe könnte der Bund
Hopbach aber die schaffen: Bildungsmi-
Hochschulen in der Pflicht. Die seien „vor allem nisterin Annette Schavan (CDU) hat versprochen,
in der Anfangszeit sehr zögerlich gewesen“, aus die Länder bei den Bildungsausgaben künftig
Sorge, der Akkreditierungsstatus könne in Gefahr stärker zu unterstützen. Bisher ist aber unklar,
geraten. Dafür habe er grundsätzlich Verständnis, in welcher Form die Länder das Geld bekommen
schließlich sei der Akkreditierungsprozess auch und ob sie frei über die Verwendung entscheiden
für Universitäten „neu und nicht einfach“ gewe- können.
sen. Aber: „Teilweise standen die Universitäten
hier wie das Kaninchen vor der Schlange.“ Hop- Die Baustellen, die die Bachelor-Einführung hin-
bach stellt klar: Die Hochschulen müssen nicht terlassen hat, sind groß. Da fragt sich mancher
mit jedem Änderungswunsch zur Agentur gehen. bereits, ob es nicht besser wäre, das Rad der Zeit
„Wenn zum Beispiel in einem Modul mit fünf zurückzudrehen. Eine Gruppe Dortmunder Deka- Nicht nur die Studenten gehen auf die Barrikaden: Der
Lehrveranstaltungen die Prüfungszahl von fünf ne wagte im vergangenen Jahr den Vorstoß, das Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer fackelte
auf zwei Prüfungen reduziert werden soll, dann Diplom parallel zum Bachelor wiedereinführen im Herbst symbolisch einen Bachelor-Schein ab.
muss die Agentur nicht gefragt werden. Schließ- zu wollen. „Bachelor und Master sind Mickey-
lich ist es absolut nicht im Sinne von Bologna, ein Maus-Abschlüsse“, sagte der Vater der Initiative,
Modul mit fünf Prüfungen abzuschließen.“ Statistik-Professor Walter Krämer. Bei NRW-Wis-
S10 HERZ-STÜCK A367_10

Keine Zeit
für Streik
Die Hörsaal-Besetzungen im Ruhrgebiet
haben die Studierendenschaft gespalten. In
Essen kam es gar zur Eskalation. Revolution ist nicht jedermanns Sache: Während wie hier in
Dortmund tausende Studenten für bessere Bildung auf die
Straße gingen, entschieden sich andere lieber fürs Büffeln.

S
pinnerei von Möchtegern-Revolutionä- andersetzung. Der Grund: Der Asta stand nicht war nicht unser Weg, wir distanzieren uns aber
ren oder der einzige Weg um Aufmerk- hinter den Besetzungen in Duisburg und Essen: auch nicht von ihr.“ Zulaica ist mit der Zusam-
samkeit zu erlangen: Die Hörsaalbeset- „Sie hat einen Keil in die Studierendenschaft ge- menarbeit mit TU-Rektorin Ursula Gather „ganz
zungen an den Ruhrgebiets-Unis haben trieben, weil bestimmte Studenten das Audimax zufrieden“. Er ist überzeugt: „Wenn Frau Gather
bei den Studierenden ein geteiltes Echo für ihre Veranstaltungen nutzen wollten. Und zum Beispiel sagt, sie wolle sich für einen achtse-
gefunden. Wie unsere Umfrage (Seite 11) zeigt, wir vertreten nunmal alle Studierenden“, erklärt mestrigen Bachelor einsetzen, kann man ihr das
war die Studierendenschaft in Sachen Bildungs- Bauer. Besetzer Wilharm sieht das freilich anders: glauben.“
streik offenbar dreigeteilt. Gruppe eins war voll „Für mich war es paradox, dass die Wiwis das Au-
dabei. Gruppe zwei fand den Bildungsstreik zwar dimax stürmten. Wir kämpften doch dort dafür, Insgesamt fällt das Fazit der Asten zum Streik
gut, hatte aber vor lauter Unistress keine Zeit, dass sie Vorlesungen künftig nicht mehr in die- recht positiv aus. „Es ist eine Aufbruchstimmung
hinzugehen. Und Gruppe drei versteht den Auf- sem Riesenraum hören müssen.“ An die Adresse entstanden“, sagt etwa der Bochumer Asta-Refe-
riss nicht, weil alles okay sei. Keine leichte Aufga- des Asta sagt er: „Wir bezahlen ihn, aber er tritt rent für Hochschul- und Bildungspolitik, Martin
be für die Asten der Unis. nicht für unsere Interessen ein.“ Schmidt. An der RUB stand der Asta klar hinter
den Besetzern. Schmidt bedauert, dass das The-
Am deutlichsten trat der Konflikt zwischen Pro- Studierendenvertreter zwischen den Stühlen: ma Studiengebühren etwas in den Hintergrund
testlern und Besetzungsgegnern in Essen zu Tage: Diese Situation kennt auch der Dortmunder getreten ist. In Sachen Bologna fordert er mehr
Hier stürmten im November Wirtschaftswissen- Asta-Vorsitzende Miguel Zulaica. Während der Ergebnisse von der Politik: „Alles, was da bisher
schaftler das besetzte Audimax, weil sie dort ihre Hörsaalbestzung in der Emil-Figge-50 geriet der kam, sind Absichtserklärungen“, sagt er.
Vorlesungen hören wollten. In Duisburg lieferten Asta in die Rolle des Vermittlers zwischen Beset-
sich Besetzer Robin Wilharm und der stellvertre- zern und Rektorat: „Wir fanden es richtig, dass text Barbara Wege
tende Asta-Chef Jan Bauer eine lautstarke Ausein- Studierende politisch aktiv waren. Die Besetzung foto Florian Hückelheim

KOMMENTAR VON BARBARA WEGE


H
öhere Wellen hätte der Bildungsstreik Doch daran hapert es. Der Kern des Bachelor-De- wieder über einen
kaum schlagen können: Von Bulimie- sasters ist nicht die Verschulung an sich, sondern achtsemestrigen Ba-
Studium war die Rede und dem Ende die Überfrachtung der neuen Studiengänge: Zu chelor nebst vierse-
des Humboldtschen Bildungsideals. Es volle Stundenpläne, zu viele Prüfungen, zu wenig mestrigem Master
ist ein großer Erfolg der Proteste, dass Zeit für zu viele Inhalte. Dass es vielerorts nicht als Regelfall nachge-
sie zu einem gesellschaftlichen Nachdenken da- gelungen ist, Diplom und Magister in studierbare dacht.
rüber geführt haben, was universitäre Bildung Bachelor zu überführen, ist ein Drama. Der erste
heute bedeuten soll. In dieser notwendigen Dis- Schritt muss nun sein, dass Unis den Bachelor Die schwierigste
kussion aber geht nun Einiges durcheinander. großzügig entrümpeln und Akkreditierer das zu- Aufgabe ist freilich,
lassen. Einen Studiengang zu schaffen, der stu- die Studiengänge mit denen im Ausland abzu-
Die Verschulung der Bachelor-Studiengänge wird dierbar ist, das ist eine lösbare Aufgabe. gleichen. Doch es war zentrales Ziel von Bologna,
zum zentralen Defizit der Bologna-Reform stili- die Mobilität von Studierenden zu erhöhen. Daran
siert. Dabei ist sie notwendige Konsequenz der müssen sich die Beteiligten messen lassen. Dass
Tatsache, dass immer mehr junge Menschen an Die Verschulung ist die Rektoren der NRW-Unis in ihrem Memoran-
die Unis strömen. Wer richtigerweise verlangt, dum nun Korrekturen versprechen, ist ein Schritt
dass vierzig Prozent eines Geburtenjahrgangs nicht das Problem in die richtige Richtung. Mit dem Schwarzer-Pe-
studieren, muss akzeptieren, dass Hochschulen ter-Spiel zwischen Hochschulen, Politik und Ak-
zu Massenbetrieben werden, die klare Strukturen Der Bachelor muss allerdings nicht nur zu schaf- kreditierern muss Schluss sein. Die Tatsache, dass
brauchen. Es ist zudem fraglich, ob knapp jeder fen sein, er muss auch anerkannt werden. Hier alle Beteiligten Fehler zugeben, zeigt, wie groß
Zweite eines Geburtenjahrgangs das Humbold- sind diejenigen Firmen in der Pflicht, die die die Defizite sein müssen. Dass es nicht nur um
tsche Bildungsideal in Reinform leben will – mit Absolventen zu zögerlich einstellen. Die falsche die Nachjustierungen geht, die bei jeder Reform
ausgedehnten Bib-Besuchen und interdiszipli- Konsequenz ist, wie Bildungsministerin Annet- nötig sind. Überstürzen wollen die Unis nichts.
närem Forschungsinteresse. Es ist richtig, dass te Schavan nun nach einem Anspruch auf einen Das ist richtig, allerdings darf dabei nicht in den
Bachelor-Studenten einen Fahrplan an die Hand Masterplatz für jeden Bachelor-Absolventen zu Hintergrund treten: Die Hochschulen hatten be-
bekommen. Fühlten sich doch einst etwa viele rufen. Das konterkariert den Sinn der Reform, reits zehn Jahre Zeit, von denen manche die ers-
Diplomer alleingelassen. Eine Großzahl Studie- mit der viele Studierende zügig auf dem Arbeits- ten verschlafen haben. Jeder Student weiß: Wer
render will an der Uni vor allem gut auf ihren markt landen sollen. Jahrelang wurde sich be- am einen Tag verschläft und seine Arbeit nicht
Beruf vorbereitet werden – das kann der Bachelor schwert, dass die Deutschen zu lange brauchen, schafft, muss am nächsten eine Nachtschicht
leisten, vorausgesetzt, er ist sinnvoll aufgebaut. bis sie ihren ersten Job antreten – nun wird schon einlegen. Jetzt müssen Ergebnisse her.
A367_11 HERZ-STÜCK S11

Was läuft falsch an unse-


Protestieren oder pauken ?
ren Unis? Barbara Wege
hat sich auf den Campus
umgehört...

Lukas Moesgen, Bauingenieur- Jasmin Wetzel, Wirtschaftswissen- Christopher Timm, Chemische


UMGEHÖRT wesen, Bachelor, 3. Sem., UDE. schaften, Diplom, 6. Sem., RUB. Biologie, Master, 9. Sem., TU Do.

Bildungsstreik 2009: Warst du dabei? Warum ja, warum nein?

Ich bin nicht auf Demos gegangen, Ich war bei der Vollversammlung zum Ich habe davon kaum etwas mitbe-
dafür haben wir Bauingenieure keine Bildungsstreik. Ich studiere ja auf Di- kommen, denn ich war im Labor. Ich
Zeit. Wir haben den ganzen Tag über plom, aber ich bekomme mit, dass die habe auch kein großes Problem mit
Seminare und Tutorien mit Anwesen- Bachelor-Studenten unter großem Bachelor und Master. Sicher ist die
heitspflicht. Als die Streikler bei uns Druck stehen. Ich finde es gut, wenn Prüfungsdichte hoch, aber wenn man
in die Mathe-Übung kamen, haben mit dem Bildungsstreik dafür ge- kontinuierlich arbeitet ist das alles zu
wir sie herausgeworfen, weil wir ler- kämpft wird, dass Studenten auch Zeit schaffen.
nen mussten. Aber ich bin dafür, den haben, in ihren Studien eigene Schwer-
Bachelor zu reformieren. Die Stunden- punkte zu setzen.
pläne sind einfach zu vollgepackt.

Was ist der größte Missstand an den Universitäten, der unbedingt angepackt werden muss?

Wir brauchen mehr Platz in den Hör- Die Studiengebühren müssen abge- Ich bin eigentlich zufrieden. Auch die
sälen und die Stundenpläne müssen schafft werden. Jeder sollte sich frei Studiengebühren finde ich okay, da
entzerrt werden. Manchmal würde ich bilden können. Ich kenne Leute, die man bei uns sieht, was damit gemacht
mich gern tiefer in ein Thema einarbei- wegen der Beiträge nicht studieren, wird. Die Labore sind zum Beispiel
ten, schließlich interessiert mich mein weil sie sich nicht verschulden wollen. besser ausgestattet, wir haben mehr
Studienfach. Aber dazu fehlt die Zeit. Das kann ich auch gut verstehen. Tutorien und die Betreuungsquote hat
sich verbessert.

Maren Köster, Sonderpädago- Michael Alfermann, Lehramt, Diana Wendland, Geschichte, Ger-
gik, Master, 9. Sem., TU Do. Staatsexamen, 3. Sem., UDE. manistik, Bachelor, 3. Sem., RUB.

Bildungsstreik 2009: Warst du dabei? Warum ja, warum nein?

Ich habe nicht mitgestreikt, weil ich Ich war bei Demos im Sommer und im Ich habe nicht am Bildungsstreik teil-
es mir nicht leisten kann in Pflichtver- Herbst dabei, weil sich die Zustände an genommen, weil ich persönlich mit
anstaltungen zu fehlen. Ich bin aber den Unis ändern müssen. Die einseiti- dem Bachelor-Master-System nicht un-
für Veränderungen bei Bologna. Unser ge Ausrichtung auf Verwertbarkeit ist zufrieden bin. In meinem Fachbereich
Jahrgang war Teil des Bachelor-Modell- falsch. Die Studenten brauchen mehr funktioniert es gut, weil die RUB den
versuchs und alles war unorganisiert. Freiheiten. Auch die Besetzungen fand Bachelor schon lang eingeführt hat. Es
Man hatte zu viel zu tun und keine Zeit, ich gut, weil man so wirklich öffentli- ist alles zu schaffen und ich habe auch
mal etwas zu machen, das nicht Pflicht che Aufmerksamkeit erregt. recht viele Wahlmöglichkeiten.
ist, zum Beispiel einen Sprachkurs.

Was ist der größte Missstand an den Universitäten, der unbedingt angepackt werden muss?
Die Prüfungsdichte muss abnehmen. Die Studiengebühren müssen weg. Die Studiengebühren müssen weg.
Im Bachelor hatten wir bestimmt 50 Sie führen dazu, dass Leute mit wenig Wer keine Eltern hat, die zahlen kön-
Prüfungen und im Master ist es auch Geld vom Studium ausgeschlossen nen, hat kaum eine Chance, das Stu-
nicht weniger Arbeit geworden. Von werden. Und der Staat zieht sich aus dium zu finanzieren. Schließlich hat
Semesterferien habe ich nie etwas ge- der Finanzierung heraus, obwohl das man neben dem Bachelor auch wenig
merkt. eigentlich seine Aufgabe wäre. Zeit zum Jobben.
S12 RUHR-BLICK: AUF DEM CAMPUS A367_12

Folge des Abiturs nach 12 Jahren:


2013 werden zwei Jahrgänge fertig.

Aus eins mach‘ zwei


Es wird ein Riesen-Ansturm: In drei Jahren kommt der doppelte Abitur-Jahrgang von den
Schulen – und drängt an die Universitäten. Doch die stoßen schon jetzt an ihre Grenzen.

D
ie Universitäten im Ruhrgebiet stehen der TU Dortmund. 4.000 Abiturienten haben ren viele Milliarden zusätzlich in die deutschen
vor dem größten Ansturm von Studi- zum Wintersemester ein Studium an der TU be- Hochschulen investiert werden.
enanfängern, den es je gegeben hat. gonnen, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit den
Wenn in drei Jahren der doppelte Abi- 8.000 Studenten der FH Dortmund, sind nun Das Land NRW stellt zu seinen jährlichen Zu-
tur-Jahrgang in Nordrhein-Westfalen 30.000 Menschen auf dem Dortmunder Campus schüssen von drei Milliarden Euro noch mal 1,8
die Schulen verlässt, wird die Zahl der Studi- unterwegs. Ähnlich sieht es in Duisburg und Es- Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre bereit.
enanfänger im Vergleich zu 2005 um fast ein sen aus, wo die Zahl der Studienanfänger um gut Darüber, wie dieser Batzen Geld verteilt werden
Drittel steigen und erstmals die 100.000-Gren- acht Prozent auf 5.000 anstieg. Auch in Bochum soll, wird in diesen Tagen verhandelt. Die Hoch-
ze überschreiten. In den vergangenen Jahren werden es jedes Jahr mehr. In den letzten fünf schulen sollen verbindlich erklären, welchen An-
sind schon zusätzliche Studienplätze geschaf- Jahren hat sich dort die Zahl der Studierenden teil sie leisten können, um gut 130.000 neue Stu-
fen worden, doch das reicht bei weitem nicht um 1.600 auf mehr als 32.000 erhöht. dienplätze zu schaffen.
aus. In diesen Tagen beginnt das NRW-Wis-
senschaftsministerium mit den Universitäten Beim NRW-Wissenschaftsministerium gibt man
darüber zu verhandeln, wie viele zusätzliche Neue Milliarden für die Unis sich zuversichtlich. Sprecher André Zimmer-
Studienplätze möglich sind. Doch ob die Uni- mann: „Wir werden mit den Hochschulen Zielver-
versitäten dem Ansturm gewachsen sind, ist Das alles ist nur ein Vorgeschmack auf das, was einbarungen schließen, in denen wir ganz genau
fraglich. Schon jetzt hat zum Beispiel die Mensa bis 2015 auf die Universitäten zukommt. Bis dahin festhalten, wie viele zusätzliche Studienplätze je-
der TU-Dortmund ihre Kapazität überschritten werden neun Bundesländer ihr Abitur von 13 auf de Hochschule einrichtet. Damit haben wir schon
und die Hörsäle der Ruhr-Uni Bochum sind laut 12 Jahre verkürzen. Hamburg macht in diesem gute Erfahrungen gemacht“. Und tatsächlich sind
dem dortigen Asta gerade bei den Geisteswis- Jahr den Anfang, nächstes Jahr folgen Bayern und in den vergangenen fünf Jahren 26.000 neue
senschaften dauernd überfüllt. Niedersachsen, 2012 dann Baden-Württemberg, Plätze an den Hochschulen in NRW entstanden.
Berlin, Bremen und Brandenburg, bevor 2013 Finanziert über ein Prämiensystem (siehe Info-
Das nervt viele Studenten. „Ich war ja auch mal Nordrhein-Westfalen und Hessen den Abschluss kasten). Für jeden zusätzlichen Studienanfänger
Ersti, aber was hier im Oktober los war, ist schon bilden. Die Kultusministerkonferenz rechnet bis gab es Geld. Wenn eine Hochschule Studenten
extrem gewesen. S-Bahn, Mensa, Cafés und die 2015 deutschlandweit mit 275.000 zusätzlichen über ihrer Kapazität aufnahm, wurde der Betrag
Hörsäle, alles überfüllt“, sagt Katja Weidlich, Studienanfängern. Um die Hochschulen darauf durch eine Extraprämie sogar verdreifacht. Nach
Studentin der Erziehungswissenschaften an vorzubereiten, sollen in den nächsten zehn Jah- dem gleichen System sollen jetzt die noch feh-
A367_13 RUHR-BLICK: AUF DEM CAMPUS S13

Neben all diesen Rhein-Ruhr nicht sagen. Die Bogestra in Bochum


BIS ZU 20.000 EURO PRÄMIE PRO KOPF großen, offenen
Fragen, bleiben
sieht ebenfalls kaum Möglichkeiten, die U 35 öf-
ter zur Ruhr-Uni fahren zu lassen. „Zu Stoßzeiten
auch noch viele fahren wir schon im zweieinhalb-Minuten-Takt.
Für die Aufnahme von 26.000 zusätzlichen Studienanfängern seit 2005 hat das praktische Prob- Mehr geht nicht“, sagt Sprecher Christoph Koll-
Land NRW den Hochschulen folgende Prämien bezahlt. Eine ähnliche Prämi- leme. Wie wer- mann.
enregelung soll es auch für die nächsten Jahre geben. den zum Beispiel
die Mensen der Aber nicht nur auf dem Campus wird der An-
Für jeden Anfänger mehr als im Vergleichsjahr 2005: 4.000 Euro Ruhruniversitä- sturm neuer Studierender für Probleme sorgen.
Für jeden Anfänger oberhalb Aufnahmekapazität: 8.000 Euro ten den größeren Auch die Wohnheimplätze in Bochum, Duisburg,
Für jeden Anfänger in Natur- oder Ingenieurwissenschaften: 8.000 Euro Andrang bewäl- Essen und Dortmund dürften knapp werden.
tigen können? In Schon jetzt müssen Studierende oft monatelang
Dortmund hat auf ein Zimmer warten. Das Studentenwerk Dort-
Nimmt eine Uni also etwa einen zusätzlichen Studenten in Ingenierwissen- man sich dazu mund hat jetzt einen Arbeitskreis gegründet, um
schaften oberhalb ihrer Aufnahmekapazität auf, bekommt sie alle drei Prämi- schon Gedanken Lösungen für dieses Problem zu finden.
en, also: 20.000 Euro. gemacht, aber
die große Lösung Das Jahr 2013 bringt also eine Menge Herausfor-
noch nicht ge- derungen für die Universitäten und Fachhoch-
funden. Rainer schulen im Ruhrgebiet mit sich. Hier ist schnel-
Niebur, der Ge- les Handeln gefragt, damit das Versprechen von
schäftsführer des Wissenschaftsminister Pinkwart auch eingehal-
Studentenwerks ten werden kann. Im Landtag sagte er: „Jeder Stu-
lenden 130.000 Studienplätze in NRW geschaffen Dortmund: „Unsere Mensa ist jetzt technisch dieninteressierte wird 2013 und 2014 einen Studi-
werden. Martin Schmidt vom Asta der Ruhr-Uni schon am Anschlag. Wir spülen zum Beispiel 38 enplatz finden.“
Bochum hält von diesem System wenig: „Wir se- Tabletts pro Minute, obwohl die Maschinen nur
hen das sehr kritisch und befürchten, dass sich für 30 ausgelegt sind.“ Geld für die dringende
gerade durch die Extraprämie die Studienbedin- technische Aufrüstung der Mensa stellt das Land text Michael Klingemann
gungen noch verschlechtern werden.“ Schmidt aber nicht zur Verfügung. Deshalb ist unklar, ob fotos Florian Hückelheim, Ramesh Kiani
hat ohnehin den Eindruck, dass die RUB auf den sich in den nächsten Jahren überhaupt etwas
doppelten Abitur-Jahrgang sehr schlecht vorbe- verbessern wird. Um nicht völlig unvorbereitet zu
reitet ist: „Schon jetzt platzen die Gebäude aus sein, will das Studentenwerk jetzt ein Fahrzeug
allen Nähten, die Platzsituation ist desolat und da anschaffen, aus dem warmes und kaltes Essen
bringen auch neue Professorenstellen keine Ver- verkauft werden soll. Zu Stoßzeiten soll dieses
besserung.“ Fahrzeug vor der Mensa stehen. Außerdem hofft
Niebur auf den Anbau der Fachhochschule Dort-
Aber ob überhaupt neue Professoren eingestellt mund. Dort soll ein Gastronomieangebot mit 190
werden, ist vielerorts unklar. Drei Jahre vor dem Sitzplätzen geschaffen werden.
großen Ansturm auf die Ruhrgebietsuniversi-
täten gibt man sich da noch recht wortkarg. Die
Frage, wie viele zusätzliche Professuren geschaf- Nahverkehr: „Mehr geht nicht“
fen werden sollen, konnte uns nur die Universität
Duisburg-Essen beantworten. Dort sollen bis Mit- Auch die Verkehrsbetriebe haben sich noch nicht
te 2011 24 neue Professoren eingestellt werden, auf die zusätzlichen Studierenden eingestellt. Ob
sagt Pressesprecherin Beate Kostka. In den Ver- zum Beispiel die S1 die TU Dortmund öfter anfah-
handlungen mit dem Wissenschaftsministerium ren wird, konnte man uns beim Verkehrsverbund
werde man außerdem auf zusätzliche Hörsaal-
und Seminarkapazitäten drängen.

Geld für Baumaßnahmen ist da. Acht Milliarden


Euro will das Land den Hochschulen zur Verfü-

Extra-Räume und mehr


Personal sollen nur
befristete Lösungen sein
gung stellen. 290 Millionen sind bei der Ruhr-Uni
Bochum schon fest verplant. Dort werden als ers-
tes Gebäude der Ingenieur- und Gesellschaftswis-
senschaften saniert. Doch Ministeriumssprecher
Zimmermann macht auch klar, dass die Milliar-
den nicht für Neubauten gedacht sind, die den
zusätzlichen Studierenden Platz bieten sollen: „Es
dürfen keine dauerhaften Kapazitäten aufgebaut
werden, die nach 2020 nicht mehr benötigt wer-
den. Daher geht es sowohl bei Personal als auch
beim Raumbedarf um befristete Lösungen“. Kon-
kret heißt das: Universitäten sollen Räume nur
anmieten und schon einige Jahre bevor Professo-
ren ausscheiden ihre Nachfolger einstellen. Denn
schon nach 2013 rechnet das Ministerium wieder Bahnen
Lara Fritzsche,
zu den Universitäten
gebürtige Kölnerin,
sind in
mit sinkenden Zahlen von Studienanfängern an arbeitet fürschon
Stoßzeiten die „Neon“
jetzt überfüllt.
in München.
den Universitäten.
S14 Dienst-Bar A367_14

Früher war alles besser


Für DVD-Abende mit viel Gefühl und ohne Computertricks: das Beste aus vier Jahrzehnten.

Jens‘ Tipp: Maries Tipp:


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Humphrey Bogart in seiner Rol- läuft. Die hat ihn bereits einmal Als Missionarin für China abge- nern der Stadt. Auch der Respekt
le als Nachtclubbesitzer Richard scheinbar grundlos in Paris sit- lehnt, arbeitet Gladys Aylward bei des städtischen Vorsitzenden ist
(Rick) Blaine versteht es mit Frau- zen lassen. Nun wird dem Anti- einem Chinaforscher als Haus- ihr sicher. Durch ihn lernt sie ei-
en umzugehen. Nur bei seiner Helden klar, warum: Ilsa gesteht mädchen. Von ihrem Lohn will nen eurasischen General kennen
großen Liebe, Ilsa Lund (Ingrid zum damaligen Zeitpunkt bereits sie auf ein Ticket für die transsi- und lieben. Doch ihr gemeinsa-
Bergmann), konnte er bisher nicht verheiratet gewesen zu sein. Sie birische Eisenbahn sparen. Das mes Glück ist nicht von langer
landen. Im Marokko der 1930er befindet sich gerade mit ihrem Ticket über Land ist günstiger als Dauer. Das Liebespaar wird durch
Jahre hoffen viele Flüchtlinge, Ehemann Victor László (Paul Hen- andere Alternativen, aber auch den Einmarsch der Japaner auf
nach der Besetzung Frankreichs reid) in Casablanca. Auch sie wol- gefährlicher. Gladys erreicht ihr eine harte Probe gestellt…
durch die Deutschen, ins neutra- len sich nach Lissabon absetzen. Ziel und gründet eine Herberge „Die Herberge zur 6. Glückse-
le Portugal ausreisen zu können. Nur die Visa fehlen ihr und ihrem für Bedürftige in Yang Cheng. Die ligkeit“ geht auf eine wahre
Hierzu ist eines der heißbegehr- Begleiter… Chinesen lehnen sie und ihre Her- Geschichte zurück und gilt als
ten Transit-Visa nötig. Über Um- Ein „Must-See“, mit dem stärks- berge jedoch zunächst ab. Aber Klassiker der Filmgeschichte. Der
wege gelangt Rick an zwei dieser ten Baggerspruch aller Zeiten: die Herbergsbesitzerin gibt nicht Film wurde mit einem Oscar aus-
Visa - als er zufällig erneut seiner „Ich schau Dir in die Augen, Klei- so schnell klein bei. Sie schließt gezeichnet. macl
großen Liebe Ilsa über den Weg nes.“ jj Freundschaften mt den Bewoh-

Benjamins Tipp: Judits Tipp:


Die 60er: Die 70er:
Das dreckige Harold und
Dutzend Maude
Regie: Robert Aldrich Regie: Hal Ashby
Mit: Lee Marvin, Telly Sa- Mit: Ruth Gordon, Bud
valas, Charles Bronson Cort

Major John Reisman (Lee Marvin) Im Gegensatz zu modernen Harold, der Teenager wohnt al- zu Hause zu Verantwortung und
steht vor einer schweren Aufga- Kriegsfilmen wie „Platoon“ oder leine mit seiner snobistischen Disziplin erziehen möchte, lernt
be: Er soll im Jahr 1994 aus einem „Full Metal Jacket“ ist „Das dre- Mutter in einer Villa. Als Hobby viel von der alten Dame. Zum
Haufen verurteilter Verbrecher ckige Dutzend“ kein schockieren- geht er auf Beerdigungen oder Beispiel, dass das Leben auch ver-
eine Truppe formen, um die Na- der, nachdenklicher Antikriegs- schaut Gebäude an, die gerade gnüglich sein kann, man jeden
zis hinter den feindlichen Linien film, sondern ein düster-brutales zerstört werden. Er täuscht regel- Tag etwas Neues und Interessan-
zu ärgern. Abenteuer. Gespielt von einer mäßig auf verschiedene Arten tes finden muss und man auf sich
Der harte, militärische Drill und Truppe echter Kerle, die es im seinen Selbstmord vor. Auf einer selbst zählen soll. Der bis dahin
ein trickreiches Manöver, in dem Hollywood der 60er Jahre noch Beerdigung lernt er die 79-järige düstere Harold lernt von Maude
das „Dreckige Dutzend“ seine gab. Charles Bronson, Telly „Ko- liebe und lebenslustige Maude nicht nur Musik, Tanz und aus-
Tauglichkeit für die Front be- jak“ Savalas, Donald Sutherland kennen. Während Harold von Tod gelassene Heiterkeit, sondern fin-
weißt, schweißt die Truppe tat- und ihre Kameraden machen den und Untergang besessen ist, be- det in ihr den Mensch – vielleicht
sächlich zusammen. Es kommt Eindruck, als müssten sie gemein- geistert sich Maude für die Kunst, zum ersten Mal –, den er lieben
zum großen Showdown mit Of- sam tatsächlich weder Tod noch das Leben, und alles Lebendige. kann und der ihn liebt. jr
fizieren der Wehrmacht, die sich Teufel fürchten – und die Nazis Sie sieht auch in einer Beerdi-
in einem französischen Schloss schon gar nicht. bb gung den wunderbaren Kreislauf
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Sonntags 18 Uhr, in Eichling- Redaktionsleitung: Vanessa Giese (vg), ViSdP
hofen, Freizeit-Team, mixed. Redaktion: Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227
Info unter Tel. 0231 / 597 540 Dortmund Tel: 0231/755-7473, Fax: 0231/755-7481
(abends). Briefanschrift: pflichtlektüre, c/o Institut für Journalistik, TU
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beit dringend Interviewpart- Bild: Daniel Gehrmann (dg), Nadine Maaz (nm), Elvira Neu-
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von Fremdheit internati- Titelbild: Florian Hückelheim (fh) Die kommenden Top Highlights:
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