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la resistenza

Beiträge zu Faschismus,
deutscher Besatzung und
dem Widerstand in Italien (2)

schriftenreihe limovobi erlangen w w w. r e s i s t e n z a . d e


V I E L E N D A N K
für die finanzielle Unterstützung:

Solidaritätsfonds der
Hans-Böckler-Stiftung
www.boeckler.de
Ya-Pasta-Stand
des Bismarckstraßenfestes Erlangen

für die gute Zusammenarbeit:

ISTORECO (Istituto per la storia della


Resistenza) Reggio Emilia
Das Institut organisiert auch einmal jährlich
die "Sentieri Partigiani" -
eine gute Gelegenheit,
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Information und Kontakt:
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Fotos:
Alberto Custodero: S. 33

Archiv Prof. F. Burdino: S. 32

Austellungskatalog Partigiani der Institute für Widerstand und


Zeitgeschichte Modena, Parma, Reggio Emilia 2001:
S. 4, 6, 16, 30, 34, 35

la resistenza Fränkische Schweiz - Verein e.V.: S. 31

Beiträge zu Faschismus, deutscher Besatzung Giampietro Lippi: „La Stella Rossa – Monte Sole“, Bolgna 1989:
und dem Widerstand in Italien (2) S. 25
Schriftenreihe des Vereins zur Förderung
alternativer Medien e. V. Bd. 1, Erlangen 2003 Laura Polizzi: S. 17 (links)
ISSN 1612-5223
Le Montagne Della Libertà, Comune di Montefiorino e Istituto
Herausgeberin: Storico della Resistenza e di Storia Contemporanea di Modena
limovobi - Verein zur Förderung 1994: S. 7, 14, 15, 40
alternativer Medien e.V.
Feldstr. 22, 91052 Erlangen, Fax 09131 - 205020 limovobi/Wolfgang Most: S. 2, 8, 9, 10, 11, 13,
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V.i.S.d.P.: Wolfgang Most
Satz & Layout: schwarzer block Luigi Longo: Viva L’Italia Libera! Berlin (DDR) 1963: S. 12
sb@feld22.de
Druck: Rumpel-Druck, Nürnberg Marco Minardi: I bambini di Parma nel lager di Auschwitz
(Materiali per la didattica della storia/2), Parma 2003:
Erscheinungsdatum: 8. September 2003 S. 18, 19, 20

Die Broschüre la resistenza (1) kann kostenlos Museo Monumento al Deportato Politico e Razziale,
bestellt werden: Carpi/Marco Ravenna: S. 22 (oben)

http://www.resistenza.de Sui Sentieri Dei Partigiani, Edizioni CDA, Torino 1995: S. 7


INHALT
Seite 4 Seite 24
Befreiungskampf – ''Diese Leute morgen früh kein Brot''
Bürgerkrieg – Klassenkampf Der italienische Militärinternierte Carlo Porta
Der antifaschistische Widerstand
in Italien 1943 – 45 Seite 25
Zivile Opfer waren grausames Kalkül
Seite 8 Das Massaker von Marzabotto
Wir wollten ein anderes Leben
Giacomo Notari: Die Hauptbotschaft war eigentlich Seite 27
der zivile Aspekt ''Dann folgte eine Explosion''
Bericht des Überlebenden Francesco Pirini aus
Seite 10 Marzabotto
''Einen Strich für jedes Militärfahrzeug''
Annita Malavasi aus der 144. Brigade Garibaldi Seite 28
''Wenn du keine Post bekommst,
Seite 11 geht es mir prima''
''Als Kommandant brauchte man Erinnerungen eines deutschen
kein Abitur'' Deserteurs
Zeitzeugenbericht von ''Mirko''
Seite 30
Seite 12 ''An ihre Namen erinnere ich
Agitation, Sabotage, mich nicht mehr''
Attentat Deserteure bei der Resistenza
GAP und SAP in italienischen
Städten Seite 31
''Von Massakern wurde nie etwas erzählt''
Seite 14 SS-Karstwehr ermordete in Avasinis 51 Einwohner
''Die Arbeit der Frauen
war das Rückgrat der Resistenza'' Seite 32
Frauen im Widerstand Der Schrank im Palazzo Cesi
Späte Prozesswelle gegen ehemalige
Seite 18 deutsche Soldaten in Italien
''Giorgio kam nicht mehr zum Unterricht''
Die Verfolgung jüdischer Menschen Seite 33
in Parma: von den ''Rassegesetzen'' ''Völkerrechtliches Gewohnheitsrecht''
1938 bis zur Shoa Der Prozess gegen Friedrich Engel aus völker-
und kriegsrechtlicher Perspektive
Seite 21
Teil des deutschen Seite 36
Lagersystems Der Widerstand in Italien
Das Polizei- – zwischen Tradition und Konflikt
und Durchgangslager Fossoli
Seite 38
Seite 22 Jedes Jahr
Deportation und Zwangsarbeit wird zur Schlacht geblasen
Interview zum 25. April, dem Tag der Befreiung
Seite 22 Italiens von der deutschen Besatzung
Acht Pferde oder 40 Männer
Zwangsarbeit in einer mittelfränkischen Seite 39
Munitionsfabrik Auswahlbibliografie

3
Friedensdemonstration am 25. Juli 1943 in Mailand

Befreiungskampf –
Bürgerkrieg – Klassenkampf
Der antifaschistische Widerstand in Italien 1943 – 45

Doch der 8. September wird heute auch an der Seite Deutschlands werde auch
als der Tag begangen, an dem der nach dem Machtwechsel weiter gehen.
Widerstand - La Resistenza - gegen die Doch diese Doppelstrategie ging nicht
„Am Abend des 8. September deutsche Besatzung Italiens begann. auf. Unter dem Vorwand kriegsbeding-
Nur wenige Minuten nach der Waffen- ter Notwendigkeiten verlegte Deutsch-
schien alles vorbei zu sein. Alle
stillstandserklärung wurde der Befehl land ab 25. Juli verstärkt Truppen über
Glocken Cumianas läuteten und zum Einmarsch deutscher Truppen den Brenner – unter Protest der Ita-
alle fingen an zu tanzen.“ So gemäß des seit Monaten ausgearbeiteten lienerInnen.
erinnert sich Ernesto Ferrero Plans „Achse“ erteilt und das Land des Die „Achse Berlin-Rom“, von Mussoli-
aus dem kleinen Ort südlich ehemaligen Verbündeten besetzt. Aus ni 1936 als Begriff für die enge Verbin-
von Turin, damals 19 Jahre alt, dem Achsenpartner der Achse Berlin- dung beider Länder eingeführt, war
an den 8. September 1943, als Rom waren die „Badoglio-Verräter“ gebrochen. Offiziell erklärte Italien am
der Waffenstillstand zwischen geworden. 13. Oktober als „Regno del Sud“
Italien und den Alliierten Deutschland den Krieg.
bekannt gegeben wurde. Der Der besetzte Verbündete 28 Monate vorher, am 10. Juni 1940,
Krieg schien damit für die war Italien an der Seite Deutschlands in
Der ehemalige Generalstabschef Pietro den 2. Weltkrieg eingetreten. Italieni-
Menschen in Italien zu Ende zu
Badoglio, seit der Absetzung Benito sche Kriegsziele beinhalteten u. a. die
sein. Mussolinis am 25. Juli 1943 Regie- „Ketten des Mittelmeeres zu sprengen“.
rungschef, hatte sofort bei Regierungs- Ein Volk sei nur frei, wenn es Zugang
antritt geheime Verhandlungen mit den zu den Weltmeeren habe, hatte Mussoli-
Alliierten über einen separaten Waffen- ni unter dem Jubel der Bevölkerung in

4 stillstand aufgenommen. Dem Bündnis-


partner gegenüber betonte er, der Krieg
seiner Kriegsrede erklärt.
Doch der Krieg nahm für Italien an In der zweiten Augusthälfte ‘43 legten tel- und Norditalien statt.
allen Fronten einen schlechten Verlauf. Churchill und Roosevelt unter Geheim- In den 45 Tagen der Regierung Bado-
Nur die Unterstützung Deutschlands haltung die Landung der Alliierten auf glio hatte der antifaschistische Wider-
verhinderte z. B. ein Debakel für die ita- dem italienischen Festland für den 9. stand im Untergrund Aufwind bekom-
lienische Armee in Griechenland. Die September fest, während über den Waf- men. Dadurch war es möglich, als
Niederlage in der Sowjetunion sowie fenstillstand immer noch verhandelt Reaktion auf die Besetzung bereits am
Nahrungsmittelknappheit und die Bom- wurde. Die Italiener wollten eine 9. September in Rom den CLN – das
bardierung italienischer Städte führten Garantie für den Fortbestand des mon- Komitee zur nationalen Befreiung – zu
zu Missstimmung in der Bevölkerung archistischen Staates und die Wieder- gründen. In ihm waren die unter dem
gegen Mussolini und den faschistischen einsetzung als Kolonialmacht. Die Alli- Faschismus verbotenen Parteien (Kom-
Parteiapparat. ierten versprachen lediglich eine baldi- munisten, Sozialisten), die neu entste-
In den Städten Norditaliens kam es im ge Landung und die Verkündung des henden Liberalen und andere antifaschi-
März 1943 zu Streikaktionen, den Waffenstillstands nicht früher als sechs
ersten Massenprotesten in über 20 Jah- Stunden vor der Invasion, was die italie-
ren faschistischer Herrschaft.
Im Januar 1943 beschlossen die Ameri-
nische Seite akzeptierte. Am 3. Septem-
ber wurde der Waffenstillstand ge- Deutschland war es binnen
kaner und Briten in Süditalien eine schlossen. weniger Stunden möglich
zweite Front in Europa zu eröffnen. Sie in Italien einzumarschieren
landeten am 10. Juli auf Sizilien. Damit Am Abend des 8. September wurde er
bekamen die Stimmen unter den faschi- verkündet – früher als von italienischer
stischen Politikern, unter den Militärs Seite erwartet. Die Alliierten begannen
sowie in Finanz- und Industriekreisen am 9. September ihre Landung bei stische Organisationen vertreten. Man
Aufwind, die Waffenstillstandsverhand- Salerno – viel weiter im Süden als von schuf eine geheime politische Führung.
lungen mit den Alliierten – in Opposi- italienischer Regierung und Krone Durch ihren militärischen Arm und die
tion zu Mussolini – für unausweichlich erhofft. Die Regierung Badoglio und regionalen Gruppen gelang es, die in
erachteten. Der Faschistische Großrat das Königshaus flüchteten daraufhin den ersten Monaten vereinzelt operie-
beschloss am 24. Juli 1943 eine Neuver- hinter die Linien der Alliierten nach renden Partisanengruppen und deren
teilung der Macht zu Gunsten der Kro- Brindisi und etablierten dort mit Billi- Aktivitäten zu koordinieren.
ne, darunter die Rückgabe des militäri- gung der Alliierten eine Monarchie.
schen Oberbefehls an den König. Einen Die deutsche Führung hatte einen mög- Die historische Einschätzung
Tag später, am 25. Juli 1943, ließ dieser lichen Kriegsaustritt Italiens seit der Resistenza
den Duce verhaften. November 1942 einkalkuliert und trotz
Die Menschen auf der Straße feierten der Beteuerungen Badoglios Maßnah- Die Resistenza war in erster Linie ein
diesen Coup und verknüpften damit die men für diesen Fall ergriffen. 600.000 Befreiungskampf gegen eine fremde
Hoffnung, dass der Krieg nun beendet Soldaten standen zur Umsetzung des Besatzungsmacht. In diesem Aspekt lag
sei. Doch wurde diese Erwartung rasch Befehls „Achse“ bereit. So war es der (kleinste) gemeinsame Nenner zwi-
zerstört. „Während für die Machtsiche- Deutschland möglich, binnen weniger schen militanten Kommunisten, libera-
rungsoperation der herrschenden Eliten Stunden nach Verkündung des Waffen- len Antifaschisten und monarchistisch
auch ein gemäßigter Faschismus (...) stillstands den Einmarsch in Italien zu eingestellten Militärs. Nationaler
akzeptabel gewesen wäre, so führte der beginnen. Zeitgleich wurden die italie- Befreiungskampf bedeutete aber auch
vom König und militärischer Führung nischen Besatzungstruppen auf dem gewisse Spannungen mit den Alliierten,
(...) inszenierte Staatsstreich (...) zum Balkan, in Griechenland und Frankreich wenn etwa zum Winter 1944 der briti-
Zusammenbruch des Faschismus, um von deutschen Soldaten entwaffnet und sche General Alexander „anordnete“,
für kurze Zeit einer autoritären Militär- nach Deutschland deportiert. Traurige dass die Partisaneneinheiten ihre Akti-
diktatur Platz zu machen.“1 Der ehe- Berühmtheit erlangte in diesem Zusam- vitäten einzustellen hätten, bis im Früh-
malige Generalstabschef Badoglio menhang die griechische Insel Kephalo- jahr 1945 die Alliierten ihre Kampf-
täuschte im Rahmen seiner Doppelstra- nia, auf der um die 5.000 Soldaten, die handlungen wieder aufnehmen würden.
tegie den Deutschen vor, der Krieg an sich ihrer Entwaffnung widersetzten, Dieser „Alexanderbefehl“, der praktisch
ihrer Seite gehe weiter. Der italieni- von deutschen Gebirgsjägern erschos- nicht umzusetzen war bzw. einer Auflö-
schen Öffentlichkeit sollte hingegen der sen wurden. sung der Einheiten gleich gekommen
Wille zur Zerschlagung des faschisti- wäre, wurde von vielen Kommandan-
schen Apparates demonstriert werden, Der Widerstand formiert sich tInnen der Partisanen bewusst missach-
ohne der antifaschistischen Opposition tet. Der alliierte Rückzug bedeutete für
Handlungsmöglichkeiten zu geben. Ziel Italien wurde bis südlich von Neapel die Wehrmacht eine entscheidende
war es, die wichtigsten faschistischen von deutschen Truppen besetzt, die in Erleichterung und so richtete man von
Strukturen zum eigenen Nutzen zu den darauf folgenden Wochen auf die so deutscher Seite im Winter 1944/45 sein
erhalten. Ohne großen Widerstand wur- genannte Gustavlinie, die circa 50 km Augenmerk auf die Bekämpfung der
den die faschistische Partei PNF sowie nördlich von Neapel in West-Ost Rich- Partisaneneinheiten. Unter dem Aspekt
das faschistische politische Gericht auf- tung das Land teilte, zurück gedrängt des nationalen Befreiungskampfes müs-
gelöst – beides Institutionen, die man wurden. Im Mai 1944 rückten die sen auch die Bestrebungen des CLN
nach dem 8. September unter der Regie- angloamerikanischen Truppen weiter gesehen werden, zu Kriegsende den
rung Mussolinis wieder finden sollte. vor, im Juni 1944 wurde Rom befreit, nationalen Aufstand zu organisieren und
Als weitere Maßnahme in diesem Dop- im August Florenz. Die Deutschen die großen Städte vor den Alliierten zu
pelspiel wurde zwar die Entlassung errichteten daraufhin im Sommer 1944 befreien.
politischer Gefangener verfügt, ausge- 350 km weiter nördlich eine neue Ver-
schlossen davon blieben aber alle Anti- teidigungslinie – die Gotenlinie. Die Ein zweiter Charakter der Resistenza
faschistInnen, darunter besonders Kom- Ausbildung langfristiger Widerstands- ergab sich durch die Einsetzung einer
munisten und Anarchisten. strukturen auf militärischer und ziviler
Ebene fand demnach vor allem in Mit-
faschistischen Marionettenregierung.
Die SS befreite am 12. September 1943 5
Mussolini aus seinem Gefängnis in den Soldaten eine große Gruppe der Wider- der bekannte Schriftsteller Primo Lévi,
Abruzzen. 11 Tage später wurde er als standskämpfer dar. Vielen Soldaten aus gingen zum Widerstand in die Berge
Regierungschef der Repubblica Sociale dem Süden war es nicht möglich, nach oder konnten sich in von PartisanInnen
Italiana (RSI) eingesetzt. Auf Grund Hause zurückzukehren, da sie dafür kontrollierten Gebieten verstecken. Ihr
ihrer Regierungssitze Gardone und Salò über die Frontlinie hätten gelangen Risiko war es, bei der Gefangennahme
am Gardasee wurde diese auch Repu- müssen. Für sie eröffneten sich drei nicht nur als Partisanen bestraft zu wer-
blik von Salò genannt. Damit war das „Möglichkeiten“: ihre Gefangennahme den, sondern zudem als Jude. (Vgl.
alltägliche Leben wieder, wie vor dem durch die Deutschen, ihre Eingliede- „Giorgio kam nicht mehr zum Unter-
25. Juli, von faschistischen Strukturen rung in eine faschistische Armee oder richt“ und „Teil des deutschen Lagersy-
durchsetzt. Man hatte also nicht nur ihr Weg in den Widerstand. stems. Das Polizei- und Durchgangsla-
einen äußeren, sondern auch einen inne- Die Unterstützung der versprengten ger Fossoli“)
ren Feind zu bekämpfen. Die Resistenza Soldaten führte zu ersten Widerstands-
wurde dadurch auch zum Bürgerkrieg. aktionen der Bevölkerung, die vor allem Die Vielschichtigkeit der Resistenza
Als drittes Charakteristikum hatte der von Frauen ausgeführt wurden. Sie zeigte sich am ausgeprägtesten in der
Widerstand den Charakter eines Klas- besorgten Zivilkleidung, sammelten aus politischen Struktur des CLN. Neben
diesem gemeinsamen Oberkommando
stellten die Parteien einzelne Partisa-
neneinheiten auf. Die Einheiten Giusti-
zia e Libertà (Gerechtigkeit und Frei-
heit) standen der neu gegründeten libe-
ralen Aktionspartei (Partito d’Azione)
nahe und machten etwa 20 Prozent aus.
Die mitgliederstärksten Verbände waren
die Garibaldi-Einheiten, die hauptsäch-
lich auf Initiative der kommunistischen
Partei Italiens entstanden waren und
50.000 PartisanInnen stellten. Die dritt-
stärksten Formationen waren die so
genannten Autonomen Einheiten, die
keiner politischen Richtung nahe stan-
den. In ihnen waren vor allem „ver-
sprengte“ Soldaten organisiert und
Anhänger der Monarchie, weshalb sie
von anderen Partisanen auch (verächt-
Sechs Soldaten in Zivilkleidung auf der Flucht lich) „Badoglio-Partisanen“ genannt
wurden. Daneben entstanden Formatio-
verlassenen Kasernen Waffen ein und nen, die anderen antifaschistischen
senkampfes. Die Beteiligung der Arbei- brachten als Kundschafterinnen Solda- Organisationen, z. B. katholischen Krei-
terInnen an der Resistenza trägt deutlich ten in Sicherheit. „In diesen Tagen ging sen oder der republikanischen Partei
diese Züge. Der Feind – innerer wie es darum, versteckte Soldaten aus den nahe standen sowie die Mazzini-Einhei-
äußerer – wurde mit dem Klassenfeind Wohnungen wegzubringen – das war ten, die von den Sozialisten organisiert
gleichgesetzt. Tatsächlich hatten große unsere erste Stafettentätigkeit. Wir wurden. Wer welcher Einheit beitrat,
Teile der italienischen Großindustrie erkundeten, wo Kontrollposten und richtete sich nicht nur nach der politi-
mit den Faschisten sympathisiert und Straßensperren waren, und versuchten schen Einstellung, sondern wurde oft
ihnen zum Aufstieg verholfen. alles an Informationen einzuholen, was durch praktische Begebenheiten – wel-
wichtig war. Das gleiche taten wir auch che Einheit kämpfte in der nächsten
für die antifaschistischen Politiker, die Umgebung, welche persönlichen Kon-
Die Resistenza hatte nicht versuchten, den Widerstand zu organi- takte bestanden – gelenkt.
nur einen äußeren, sondern sieren. Wir Stafetten sondierten die
Lage und suchten geeignete Orte für
Neben den PartisanInnen in den Bergen
operierten in den Städten die GAP- oder
auch einen inneren Feind zu geheime Treffen.“ Neben der Arbeit als SAP-Einheiten – von der kommunisti-
bekämpfen Stafetten, der „klassischen“ Wider- schen Partei gegründet und unterstützt.3
standsaufgabe der Frauen, kämpften Ihre Mitglieder betrieben geheime Pres-
einige von ihnen auch bewaffnet in den se- und Informationsstrukturen und
„Diese drei Kriege [Befreiungskampf, Partisaneneinheiten mit. (Vgl. „Die führten Sabotageakte gegen die feindli-
Bürgerkrieg, Klassenkampf] wurden Arbeit der Frauen war das Rückgrat der che Infrastruktur und Attentate gegen
nicht von verschiedenen gesellschaft- Resistenza“ ) Exponenten der Besatzer und der
lichen Kräften und Parteien geführt, Eine weitere zahlenmäßig große Gruppe Faschisten durch. Oft bestanden sie nur
sondern befanden sich innerhalb jeder waren Jugendliche, die sich ihrer Wehr- aus kleinen Zellen von zwei bis drei
Partei und jeder sozialen Kraft, die den pflicht für die neuen faschistischen Personen. (Vgl. „Agitation, Sabotage,
bewaffneten Kampf führte, wenn auch Streitkräfte entziehen wollten. Auch Attentat. GAP und SAP in italienischen
in unterschiedlicher Ausprägung.“2 Kriegsgefangene, die auf italienischem Städten“)
Schon diese Charakterisierung lässt Gebiet inhaftiert gewesen waren und Über die militärische Bedeutung des
unterschiedliche Akteurinnen und mit dem 8. September frei kamen, Widerstands gibt es unterschiedliche
Akteure auf die Bühne treten. Neben schlossen sich den Partisanen an, Aussagen. Einige Autoren weisen dar-
den schon erwähnten ArbeiterInnen, genauso wie Deserteure des deutschen aufhin, dass auf Grund der schlechten
KommunistInnen, (älteren) Antifaschi- Heeres. (Vgl. „An ihre Namen erinnere Ausrüstung die militärische Bedeutung

6 stInnen stellten in manchen Regionen,


so im Piemont, versprengte italienische
ich mich nicht mehr“)
Etliche jüdische Menschen, wie etwa
nicht groß gewesen sein kann. Kom-
mandant Nardo, ehemaliger Partisan
einer Garibaldini-Einheit, wehrt sich Italien geführt habe, während die Ver-
vehement gegen diese Behauptung. Er antwortung für die Massaker allein der
schätzt, dass durch Widerstandsaktio- SS zuzuschreiben wären, nicht die Rea-
nen der Resistenza etwa 20.000 deut- lität widerspiegelt: So war zwar der
sche Soldaten gebunden waren und General der Waffen-SS Karl Wolff für
dadurch von der Front ferngehalten die Durchführung der „Bandenbekämp-
wurden. fung“, die nicht im Operationsbereich
Eine wichtige Bedeutung hatte die Resi- des Heeres lag, zuständig, doch war er
stenza bezüglich faschistischer Kolla- Kesselring bei dieser Aufgabe direkt
borateure. Häufig wurde ihre Ent- unterstellt und musste gemäß dessen
tarnung durch die Präsenz von Partisa- Vorgaben handeln.
nen möglich.
Im so genannten „heißen Sommer“
„Der Krieg kam 1944 verschärfte Kesselring die mög-
mit dem 8. September lichen Repressalmaßnahmen gegen die
in unsere Häuser.“ Bevölkerung. Der bewaffnete Wider-
stand war zu diesem Zeitpunkt deutlich
Die Bekämpfung des bewaffneten erstarkt und die militärische Lage der
Widerstands wurde in Italien nach den Deutschen verschlechterte sich zuse-
Richtlinien der so genannten Bandenbe- hends – die angloamerikanischen Trup-
kämpfung durchgeführt, wie sie schon pen befanden sich auf dem Vormarsch.
im Osten gegen Partisanen angewendet Für diesen Zeitraum galt beispielsweise
worden waren. Dabei war es erklärtes die Anordnung, in Gebieten mit starker
Ziel, die Bevölkerung durch massive Partisanenpräsenz präventiv Geiseln zu
Drohungen von jeder Unterstützungs- nehmen, die dann im Fall von Angriffen
leistung abzuhalten. Schon die Nicht- durch PartisanInnen hätten getötet wer-
Kollaboration, das Nichtweitergeben den dürfen. Ein Befehl Kesselrings vom
von Informationen über die Resistenza 17. Juni 1944 lautete: „(...) Wo Banden
konnte als Unterstützung gelten und mit in größeren Zahlen auftreten, ist der in
dem Tode bestraft werden. „Die Bevöl- diesem Bezirk wohnende, jeweils zu
kerung sollte die Verantwortung für bestimmende Prozentsatz der männ-
Vergeltungsmaßnahmen nicht bei den lichen Bevölkerung festzunehmen und
Besatzern suchen, (...) sondern bei den bei vorkommenden Gewalttätigkeiten
Partisanen und als Konsequenz diesen zu erschießen.“5
die Sympathie und Unterstützung ver- Bei der Verschärfung seiner Richtlinien
weigern.“4 Zum anderen wurde die betonte Kesselring zum wiederholten
Bevölkerung als Druckmittel gegen die Mal, dass den ausführenden deutschen
PartisanInnen eingesetzt, die damit Soldaten keine Konsequenzen erwach-
rechnen mussten, dass jede Wider- sen würden, selbst wenn sie drastische Weg in die Berge
standshandlung mit Repressalien gegen Maßnahmen ergreifen würden.
umliegende Dörfer geahndet wurde. Auf Grund etlicher Einzelbefehle ört- gezwungen, um die wachsende Unter-
licher Kommandanten, die die Situation stützung der Partisanen durch die
Die Verantwortung für die „Banden- immer mehr eskalieren ließen, sah sich Bevölkerung zu stoppen und um nicht
oder Banditenbekämpfung“ lag seit Mussolini mehrfach veranlasst, bei der auch noch jenen Teil der Bevölkerung
April 1944 bei Generalfeldmarschall deutschen Führung zu protestieren. gegen sich auf zubringen, der bislang
Albert Kesselring, Oberbefehlshaber Gewisse Anordnungen wurden darauf- mit den Faschisten sympathisiert hatte.
der Wehrmacht für das besetzte Italien. hin zurückgenommen, vor allem solche, Allerdings bedeutete dies nicht das
Die Befehlsstruktur zeigt sehr deutlich, die die Tötung von Frauen und Kindern Ende der Massaker an der Zivilbevölke-
dass die Aufteilung in eine Wehrmacht, zuließen. Zu diesem Versuch der Dee- rung. Eines der größten Massaker ereig-
die einen angeblich „sauberen“ Krieg in skalation sahen sich die Deutschen nete sich im Oktober 1944 in Marza-
botto im emilianischen Appenin, bei
Warnung vor dem 770 Menschen getötet wurden.
PartisanInnenaktivitäten

Dass die Wehrmacht


einen ''sauberen'' Krieg
geführt habe, spiegelt
nicht die Realität wider

Dieses von SS und Wehrmacht verübte


Massaker entsprang einer „Politik der
verbrannten Erde“. Die Deutschen „säu-
berten“ dabei das Hinterland entlang der
Frontlinie von PartisanInnen – aber
auch von ZivilistInnen. (Vgl. „Zivile
Opfer waren grausames Kalkül“) 7
Das erste Massaker an der italienischen seine Befehle angestachelt, italienische „Du wirst es haben / Kamerad Kessel-
Zivilbevölkerung hatten deutsche Sol- ZivilistInnen als Repressalie zu töten.7 ring / Das Denkmal / Das du von uns
daten schon vor dem 8. September 1943 Im Mai 1947 sprach ihn das Gericht in Italienern verlangst / Aber aus welchem
verübt. Am 12. August fielen 30 Wehr- diesem Punkt schuldig8 und verurteilte Stein es erbaut sein wird / Entscheiden
machtsangehörige beim Rückzug aus ihn zum Tod durch Erschießen. Im Juni wir / Nicht aus den rauchgeschwärzten
Sizilien in das Dorf Castiglione di Sici- wurde die Strafe in lebenslängliche Haft Steinen / Der unschuldigen Dörfer
lia ein und eröffneten eine Schießerei, umgewandelt. Im Oktober 1952 wurde gepeinigt von deiner Vernichtung /
bei der 16 Personen getötet wurden. Ein Kesselring entlassen – angeblich wegen Nicht aus der Erde der Friedhöfe / Auf
Anlass für diese Aktion ist nicht Kehlkopfkrebs, den er de facto nie hat- denen unsere jungen Genossen / In Frie-
bekannt. Folgt man der Argumentation te. den ruhen / Nicht aus dem reinen
des Historikers Gerhard Schreiber, so Schnee der Berge / Die dich für zwei
liefert einzig das inzwischen schon Dem vorausgegangen war eine mehr- Winter herausgefordert hatten / Nicht
geprägte Misstrauen gegen den Bünd- jährige Kampagne zu seiner Freilas- aus dem Frühling in den Tälern / Der
nispartner Italien und rassistische Res- sung, die anfangs von Angehörigen und dich flüchten sah / Einzig aus dem
sentiments gegen Italiener und Italiene- alten Militärs geführt wurde, ab 1950 Schweigen der Gefolterten / Härter als
rinnen eine plausible Erklärung für die- jedoch von Teilen der bundesdeutschen jeder Stein / Einzig aus dem Fels dieses
ses Verhalten.6 Presse mitgetragen wurde. Argumen- Paktes / Geschlossen zwischen freien
tierten die alten Kameraden gerne mit Menschen / Die sich freiwillig gefunden
der Aufstellung der neuen Bundeswehr haben / Aus Würde nicht aus Hass / Ent-
''Schöngeist'' Kesselring und dem Kalten Krieg (es sei ein „uner- schlossen sich zu befreien / Von der
habe die Kunstschätze träglicher Gedanke, deutsche Soldaten Schande und dem Schrecken der Welt /
Italiens beschützt als Verbündete von alliierten Armeen zu
sehen, während ihre Kameraden
Solltest du auf diesen Straßen zurük-
kkehren wollen / Wirst Du uns in unse-
unschuldig in alliierten Gefängnissen ren Dörfer finden / Tote und Lebende
Wie aus Lageberichten des Sicherheits- sitzen“9 ), berief sich die Presse gerne mit der selben Verpflichtung / Ein Volk
dienstes hervorgeht, fand innerhalb der auf den „Schöngeist“ Kesselring, der versammelt um das Denkmal / Das da
Führung und Gesellschaft Deutschlands Italiens Kunstschätze beschützt habe heißt:
nach Kriegseintritt Italiens oder trotz und, so im „Spiegel“ 1951, der es gar ORA E SEMPRE RESISTENZA
desselben eine negative Neubewertung nicht über sein süddeutsches Herz Widerstand - Jetzt und immer“
des Bündnispartners statt. Zum einen gebracht habe, gegen Badoglios „Lum-
lag es an den militärischen Misserfolgen pen“ länger als vier Wochen den „furor Heike Herzog
Italiens, man konnte aber auch an anti- teutonicus“ anzuwenden.10 Eine Argu-
italienische Ressentiments aus dem mentation, derer sich Kesselring auch
Ersten Weltkrieg wieder anknüpfen. gerne selbst bediente, wenn er davon 1 Klinkhammer, Lutz: Zwischen Bündnis
Das Rassenpolitische Amt der NSDAP sprach, dass auch in Italien Menschen und Besatzung. Das nationalsozialistische
startete – um nur ein Beispiel zu nennen der Meinung seien, er habe ein Ehren- Deutschland und die Republik von Salò
1943-1945, Tübingen 1993, S. 2.
– im Juli 1941 eine Initiative, die sich mal, aber keinen Prozess verdient.
mit dem Vorschlag an die italienische Dieses Ehrenmal bekam er von ehema- 2 Pavone, Claudio: Una guerra civile.
Botschaft wandte, ein Heiratsverbot ligen PartisanInnen aus Cuneo (in der Saggio storico sulla moralità nella
zwischen Deutschen und Italienern bila- Region Piemont) in Form einer Gedenk- Resistenza, Torino 1994, zit. n.: Oliva,
teral zu erlassen. tafel am dortigen Rathaus: Gianni: I vinti e i liberati, Mondadori
Editore, Mailand 1994, S. 9.
Denkmal für Kesselring 3 Gruppo oder Squadra d’azione patriotica
– patriotische Aktionsgruppen.
Im Februar 1947 begann der Prozess 4 Klinkhammer, Lutz: Stragi naziste in
gegen den obersten Heeresführer Kes- Italia. La guerra contro i civili (1943-44),
selring. Einer der Anklagepunkte laute- Sandkastendarstellung im Museum
der freien Partisanenrepublik in Donizelli editore, Rom 1997, S. 91.
te, er habe zwischen Juni und August Montefiorino: eine deutsche Einheit
1944 ihm unterstellte Truppen durch 5 Kesselring-Befehl, IMT, Bd. 39, S. 130-
wird aus dem Gebüsch heraus 136: OB Südwest, 17.6.1944.
angegriffen
6 Vgl. Schreiber, Gerhard: Deutsche
Kriegsverbrechen in Italien. Täter, Opfer,
Strafverfolgung, München 1996, S. 56.
7 Vgl. Staron, Joachim: Deutsche
Kriegsverbrechen und Resistenza,
Paderborn u. a. 2002, S. 152f.
8 Der zweite Anklagepunkt betraf die
Verantwortlichkeit Kesselrings für die
Erschießung von 335 Geiseln in den Fosse
Ardeatine in Rom als Repressalmaßnahme
für einen Bombenanschlag einer GAP-
Gruppe gegen eine Polizeieinheit – auch
in diesem Punkt wurde Kesselring
schuldig gesprochen.
9 Zit. n.: Staron Joachim: Deutsche
Kriegsverbrechen, S. 221.
10 Ebd. S. 223.
sche Figur, sondern er gab Politikunter-
richt. Es wurde nicht nur darüber
gesprochen, was wir morgen mit den
Deutschen machen, sondern auch wofür
wir eigentlich kämpfen? Was wir nach
dem Krieg in Italien verändern wollen?
Insofern wird der militärische Faktor oft
überbewertet. Und wir haben fast alle
1945 die Waffen abgegeben. Damit war
aber unser Engagement nicht zu Ende.
Ich bin wie viele ehemalige Partisanen
lange Jahre Bürgermeister und Kreisrat
gewesen.
Im Laufe des Krieges haben uns die
Engländer und die Amerikaner massiv
mit Waffen unterstützt, so dass wir
durchaus zu ernstzunehmenden militäri-
schen Gegnern wurden. Ein Erfolg
Giacomo Notari unserer Bewegung waren die Partisa-
nenrepubliken: Sieben, acht Gemein-
den, die ein zusammenhängendes
Zeitzeugnisse befreites Gebiet bildeten. Wichtig für
die Republiken war der zivile Aspekt.

Wir wollten ein


Nach 20 Jahren Diktatur gab es Wahlen,
Lebensmittel und Medikamente wurden
gerecht verteilt, Schulen für die Kinder

anderes Leben organisiert. Dies war eigentlich die


Hauptbotschaft, die diese Partisanenre-
publiken verbreiteten. Hier wurde schon
in kleinem Rahmen die Demokratie aus-
Giacomo Notari (Deckname: probiert, die erst 1946 in Italien einge-
“Willi”) schloss sich im Mai 1944 Eine kleine Partisanengruppe verminte führt wurde.
der Resistenza an und war die Brücke, die zu unserem Dorf führte. Aber auf dem Weg dahin gab es natür-
Partisan in einer Dadurch kam ich in Kontakt mit der lich Schwierigkeiten. Es hat sehr bald
kommunistischen Garibaldi- Resistenza. Anfangs waren wir sehr Vergeltungsmaßnahmen gegeben. Nach
Einheit wenige und schlecht ausgerüstet. Später den Massakern in Cervarolo, in Marz-
sind wir mehr geworden und hatte bes-
sere Waffen und Ausrüstung. So wurden
Giacomo Notari: Ich komme aus wir zu einem ernsthaften Störfaktor und
einem Bergdorf im Apennin, aus einem haben versucht unseren Beitrag zur Man musste sich
sehr katholisch geprägten Umfeld. Inso- Befreiung zu leisten. entscheiden: Setzte man
fern hatten wir keine besondere antifa-
schistische Vorbildung. Wir lebten in
Unsere Motivation war nicht nur gegen
die Deutschen zu kämpfen, sondern den
sich zur Wehr oder zog
ganz ärmlichen Verhältnissen und Krieg so schnell wie möglich zu been- man mit den Faschisten
betrieben Landwirtschaft. Wir erwirt- den. In den Partisaneneinheiten haben
schafteten gerade so viel, dass es zum wir uns schon bald einen Kopf darüber
Überleben reichte. Unsere faschistische gemacht, was aus dem Land nach dem abotto und in verschiedenen Dörfern der
Regierung ging zwar in Nordafrika Län- Krieg werden soll. Wir wollten ein Toskana war es schwierig die Deut-
der besetzen und führte in Spanien anderes Land aufbauen, das niemandem schen anzugreifen. Und das bringt einen
Krieg, aber in unseren Dörfern gab es mehr den Krieg erklärt, in dem die Dör- Widerstandskämpfer natürlich in eine
nicht einmal fließend Wasser oder Elek- fer Wasser und Licht haben und die Kin- schwierige Situation. Ein Beispiel:
trizität. Und dann kam noch der Eintritt der zur Schule gehen können. Wir woll- Eines Tages hatten wir kein Brot mehr.
in den Zweiten Weltkrieg dazu. ten die Monarchie abschaffen und eine Wir beschlossen in meinem Dorf Brot
Mit der deutschen Besatzung ab 1943 demokratische Republik errichten, in zu holen. Während wir warteten, kamen
wurde alles nur noch schlimmer. Es der Frauen auch wählen dürfen und Deutsche, die Lebensmittel für ihre
wurden Leute aus unseren abgelegenen nicht nur Kinder für den Krieg gebären. Truppen beschlagnahmten. Wir haben
Bergdörfern deportiert und es gab Mas- Die Partisaneneinheiten waren am uns auf dem Dachboden versteckt, von
saker an Zivilisten mit vielen Toten. Anfang sehr kleine Gruppen, zuerst fast wo aus wir die Deutschen beobachten
Auch die ärmsten Apennindörfer wur- ausschließlich Männer. Trotzdem hat es konnten und auch hätten erschießen
den angegriffen und alles vernichtet immer eine Organisationsstruktur und können. Sie haben alles Brot, eine Fuh-
oder mitgenommen. Das wurde von vie- auch Regeln gegeben. Diese wurden re Heu und ein Rind mitgenommen.
len Leuten meines Alters als himmel- allerdings nicht einfach von oben vorge- Wenn wir diese Deutschen erschossen
schreiende Ungerechtigkeit empfunden. schrieben, sondern wurden diskutiert. hätten, hätten andere Deutschen das
Letztendlich musste man eine Entschei- Es gab immer einen demokratischen ganze Dorf umgebracht. So haben wir
dung fällen: Setzte man sich zur Wehr Umgang zwischen den einzelnen Parti- sie mit dem Brot ziehen lassen. Und
und versucht diesen Krieg zu bekämp- sanen und Partisaninnen und den einzel- mein Vater hat neues gebacken - aber
fen oder zieht man wieder für die nen Kommandanten. Und dann gab es wir haben ein Massaker im Dorf ver-
Faschisten, die mit den deutschen
Besatzern kollaborierten, in den Krieg.
den politischen Kommissar. Dieser war
absolut keine militaristisch-hierarchi-
mieden.
9
Annita Malavasi kam zur 144. Brigade
Garibaldi. Deren Einheiten operierten
im Bergland des Appenin südlich von
Reggio Emilia. Insgesamt elf Frauen
kommandierten in dieser Gegend die
Annita Malavasi Partisaneneinheiten - eine davon war
“Laila” arbeitete als Annita Malavasi.
Botin, organisierte
die Gegenspionage "In den Bergen musstest du draußen
und wurde später schlafen, hattest keine Familie und kein
Kommandantin Haus mehr. Insofern hatten es die Men-
einer Partisanen- schen einfacher, die in der Ebene und in
einheit in den der Stadt arbeiteten. Aber dieser Vorteil
Bergen. wurde dadurch aufgehoben, dass du in
besetztem Gebiet arbeitetest und stän-
dig einem immer schärfer dir nachset-
"Laila" (vorne links) mit anderen Frauen der zenden Feind ausgeliefert warst. Wir
Resistenza im September 2001 bei dem Denkmal hingegen in den Bergen, die wir viel-
für die Frauen in der Resistenza in leicht größere Unbequemlichkeiten im
Castelnovo Monti Alltag auf uns nehmen mussten, konn-
Zeitzeugnisse ten uns immerhin in großen Gruppen
und in befreitem Gebiet aufhalten.
Ich habe neun Monate in den Bergen

Einen Strich für jedes verbracht, Freundinnen von mir die


gesamte Zeit des Widerstands - 20

Militärfahrzeug
Monate. Draußen auf dem Erdboden zu
schlafen, ist äußerst ungesund und
ungemütlich. Auch auf dem harten
Steinboden eines Stalles oder einer
Berghütte zu schlafen, ist nicht wesent-
Annita Malavasi: "Die Partisanengrup- mationen überbracht hatten, nahmen lich bequemer. Das waren aber unsere
pen mussten ihre militärischen Aktio- wir auch an militärischen Einsätzen teil, einzigen Unterschlupfmöglichkeiten.
nen miteinander absprechen. Alle diese wir verminten Gebiete oder betrieben Oft haben wir uns zu sechst oder siebt
Kontakte, über den politischen und Sabotage. An solchen Aktionen habe ich eine Decke teilen müssen. Wir haben
militärischen Sinn von Aktionen, liefen sehr oft teilgenommen. Viele Stafetten uns aneinander gelegt, damit wir nicht
über die Frauen, zum Teil über sehr wei- hatten eine Doppelfunktion: Gegenspio- erfroren, denn der Winter `44/45 war
te Entfernungen. Es kam vor, dass Sta- nage, Weitergabe von Losungsworten, extrem kalt. Es hat von Weihnachten bis
fetten von Reggio Emilia bis nach Mai- Versorgung, aber eben auch der direkte zum sechsten Januar ununterbrochen
land fahren mussten. Wir wurden nicht Kampf." geschneit. Der Schnee lag einen Meter
nur vorgeschickt um zu erkunden, was hoch, die Kälte und die Schneemassen
unsere Leute machen konnten, sondern Annita Malavasi, Kampfname Leila, waren für uns ein großes Problem.
wir mussten auch auskundschaften, was musste Ende August 1944 die Stadt Unterwegs mussten wir die Wege mit
der Feind machte, wir mussten die Reggio Emilia verlassen und zu den unseren Beinen freiräumen - das war
Truppenbewegungen der Deutschen Partisanen in die Berge gehen. Sie war enorm anstrengend. Die Verpflegung
kontrollieren. beim Transportieren von Waffen war schlecht!
erkannt worden, nachdem man bei Dieses Leben hat natürlich unsere Kör-
einem verhafteten Partisanen ihren per verändert - was aber auch Vorteile
Dieses Leben hat unsere Namen gefunden hatte. Nach eineinhalb hatte: So wurde man nicht erkannt,
Tagen Haft und Verhör wurde sie wieder
Körper verändert - was freigelassen.
wenn man von den Deutschen kontrol-
liert wurde, obwohl sie Fahndungsfotos
natürlich auch Vorteile von uns hatten, weil wir nicht mehr so
hatte "Wenn man mitbekam, dass Frauen
identifiziert wurden - denn wir arbeite-
aussahen. Etwas Selbstbeherrschung
gehörte allerdings auch dazu, um ruhig
ten ja im Untergrund - dann mussten sie durch einen Kontrollpunkt zu gehen,
aus ihrem normalen, zivilen Leben raus wo du gefragt wurdest, ob du dieses
Diese Gegenspionage sowie das Enttar- und in die Berge zu den Partisanen Mädchen kennst und dir dann dein eige-
nen von eingeschleusten Spionen, die gehen und konnten nicht mehr als Sta- nes Foto vorgehalten wurde. Diese Ver-
Kontrolle von Faschisten, wie sie sich fetten in der Stadt oder in der Po-Ebene änderungen, die wir, die unsere Körper
in den Orten bewegten und was sie arbeiten. durchmachten, - und es gibt viele
machten, all das lag in den Händen von Ein Mitglied der Kommunistischen Par- Freundinnen, die das gleiche erzählen
Stafetten. Sie beobachteten, wo der tei hatte mich gewarnt, dass ich beo- können - hat dazu geführt, dass mich
Feind stand und wie stark er war, um bachtet würde. Meine Familie stellte nach dem Krieg meine eigene Familie
dann kämpfende Partisaneneinheiten daraufhin einen Antrag wegen Bomben- nicht wieder erkannt hatte."
abzusichern und den Weg weisen zu gefahr aussiedeln zu dürfen. Der Freund
können. jedoch riet: 'Wartet nicht auf die Ant-

10 Ich habe so eine Antispionageeinheit wort, macht, dass ihr weg kommt, ihr
kommandiert. Nachdem wir die Infor- werdet überwacht!'"
Zeitzeugnisse

Als Kommandant
brauchte man
kein Abitur
den ja als Deserteure gesucht, die eige-
nen Leute wollten uns erschießen, die
Deutschen deportieren.
Marmiroli Camillo “Mirko” Durch Kontakte zum Widerstand wurde
schloss sich Anfang Mai ich im April 1944 ins "Casa Roma"
1944 der Resistenza an und gebracht. Von dort begleiteten uns Sta-
war Vizekommandant einer fetten - immer ein paar Kilometer, dann
Garibaldi-Birgade. Vorher übernahm eine andere. Wir waren 45
nahm er als Leutnant junge Männer mit 7 Gewehren und einer
der Infantrie in der Jagdwaffe - das war unsere glorreiche
italienischen Armee am Bewaffnung. Wir waren politische Anal-
Balkan-Feldzug teil. phabeten und wussten zunächst nicht,
was man eigentlich hätte tun sollen, tun
können.
Einige Tage später sind wir zu einer
Marmiroli Camillo: Beim Waffenstill- Gruppe von 7 Partisanen in der Provinz
“Mirko“ (rechts) und “Volpe“, der eine
stand war ich Soldat in Jugoslawien. Modena gebracht worden. Alles hat sich Garibaldi-Gruppe kommandierte
Die Deutschen besetzten nicht nur Ita- sehr langsam entwickelt. Zuerst mussten
lien, sondern auch andere Länder und wir Überfälle durchführen um an Waf-
deportierten italienische Soldaten. Es fen zu kommen. Im Mai bekamen wir getötet, weil jemand auf die italieni-
war eine schreckliche Zeit, ich dachte erstmals Unterstützung durch Fall- schen Besatzer geschossen hatte. Daran
damals oft an meine Mutter. Zu der schirmabwürfe der Engländer. kann ich mich noch genau erinnern. Ich
schwierigen Lage, der Arbeit und dem Viele von uns waren jung und konnten war nicht zum Exekutionskommando
Hunger, kam für sie noch die Sorge um mit Waffen nicht umgehen. Bei mir war eingeteilt, sondern bei denen, die das
mich und meine Brüder, die in Deutsch- das anders, ich hatte ja - leider - den Gebiet abgesperrt haben. Aber im Prin-
land gelandet waren. Krieg in Jugoslawien erlebt. Einmal zip war ich mit dabei. Die Verbrecher,
Wir hatten ein Schiff organisiert mit warfen die Engländer über 130 Sten- die das Kommando führten, haben Leu-
über 500 italienischen Soldaten, die aus Maschinenpistolen und 4 schwere te für das Erschießen eingeteilt und sind
Jugoslawien abhauen und zurück nach Maschinengewehre ab. Aber am Anfang dann weggegangen, haben andere die
Italien wollten. Wir schipperten die hatten wir nicht mal genug Leute, um sie Drecksarbeit machen lassen. Der Krieg
Küste entlang, aber niemand wollte uns. einzusetzen. Also mussten wir die Waf- war eine große Schweinerei.
Am Ende sind wir in Ancona an Land fen erst einmal verstecken und lernen, In der Partisanenzeit habe ich auch viel
gegangen - unbewaffnet und ausgehun- damit umzugehen. geschossen, aber da konnte man sich
gert. Später wurden Untergruppen gebildet. nicht rausziehen. Als wir in die Berge
Untergebracht wurden wir in einer alten Wir sind ins Enza-Tal gegangen, haben gegangen sind, haben wir das nicht aus
Fabrik. Ich durfte raus und bin losgezo- unsere eigene Brigade aufgezogen und Lust zu töten getan. Mein Gewissen ist
gen, weil ich eine schreckliche Lust hat- sie nach Antonio Gramsci benannt. Die- rein, ich habe niemand misshandeln
te, wieder etwas zu essen. Ich hatte se Brigade hatte vier Bataillone, eines oder hinrichten lassen. Natürlich haben
Weintrauben gesehen, und wie ein klei- davon kommandierte ich. Man brauchte wir geschossen. Wir haben auch Leute
nes Kind bin ich hinter denen her gewe- dazu kein Abitur. Ich habe die Grund- gebracht bekommen um sie hinzurich-
sen. Die Obstverkäuferin erzählte mir, schule besucht und als Handwerker
wie man abhauen könnte. Auf dem gearbeitet, aber darauf kam es nicht an.
Schiff waren sieben aus Reggio Emilia. Es ging darum, dass man ruhig blieb, in Wir waren ja zuerst
Drei haben sich mit mir nach Hause einigen Situationen ein bisschen Mut politisch Analphabeten
durchgeschlagen. Die anderen drei fan-
den es zu riskant und haben das mit der
hatte und Erfahrung.
Bevor ich Partisan geworden bin war ich
gewesen
Deportation nach Deutschland bezahlt. 42 Monate Soldat, habe kistenweise
Wir haben von den Leuten Zivilkleider Munition verschossen. Normalerweise ten, die uns als Faschisten präsentiert
bekommen. Seine Sachen hergeben war siehst du im Krieg nicht, auf wen du wurden. Einmal wurde uns ein 19jähri-
damals ein großer Akt, die Kleider- schießt, du schießt irgendwohin, weißt ger gebracht. Da meinte ich: Da ich nun
schränke waren nicht so gut bestückt letztlich nie ob du getötet hast. mal Kommandant bin, wird er nicht auf-
wie heutzutage. Und natürlich waren Man muss auch sagen, wie wir Italiener gehängt. Das war ein Junge, der mitge-
das Sachen, die zu klein oder zu groß uns auf dem Balkan aufgeführt haben. macht hat, aber als er konnte, abgehauen
waren. Aber so haben wir es geschafft Von Gebirgsjägern und faschistischer ist. Später kämpfte er mit uns und wir

11
nach Reggio zu kommen. Wir hielten Miliz wurde z. B. ein ganzes Dorf aus- haben gemeinsam die Befreiung
uns ein paar Monate versteckt. Wir wur- gerottet. Über 300 Zivilisten wurden gefeiert.
Agitation, Sabotage, Attentat
GAP und SAP in italienischen Städten

Ein großer Teil der bewaffneten


Widerstandsgruppen befand sich in den
Bergen, wo den deutschen Truppen der
Zugriff erschwert war. Doch auch in den
Städten bildeten sich Gruppen, die mit
allen Mitteln Widerstand leisteten: Die
Aktionsgruppen der PartisanInnen GAP
oder SAP ("gruppo" bzw. "squadra di
azione partigiana"). Mario Rovinetti war
bei der GAP in Bologna, Renzo Bianchi
bei der SAP in Parma.

GAP und SAP setzten sich aus Frauen


und Männern zusammen, die tagsüber
ihrer Arbeit nachgingen und nachts im
Widerstand aktiv wurden. Dabei arbei-
teten die SAP eher näher an der Mas-
senbasis, waren für Verpflegung und
Organisation von Waffen, Agitation in
den Stadtteilen und Fabriken zuständig,
versuchten laut Rovinetti das was an GAP-Gruppe will
Organisation noch da war, zu schützen Eisenbahngleise sprengen
und zu entwickeln. Vor allem die GAP In Parma berichtete Renzo Bianchi vor
hatte im engeren Sinne eine klandestine dem früheren Gestapo-Hauptquartier im
Kleingruppenstruktur. In den Sektionen Palazzo Rolli über die Bedingungen,
des Oberkommandos der PartisanInnen unter denen die Partisanen in der Stadt durch Sympathisanten unter den italie-
(CLN) zugeteilten, aber weitgehend arbeiteten. Immer wieder mussten sie nischen Wehrpflichtigen erleichtert
selbstverantwortlich agierenden Grup- sich wegen Spitzeln neue Aufenthalts- wurden. Bei einer dieser Aktionen
pen waren je 5-6 Personen organisiert. orte suchen. Dann wurde meistens auch erbeutete Waffen wurden bei einem
Zum Schutz vor Infiltration durch Spit- der Deckname gewechselt. Blumenhändler an einem der Friedhöfe
zel waren die Gruppen streng separiert; Die italienischen Behörden übergaben von Parma verborgen, bis sie verteilt
kein Mitglied sollte zu viel über andere politischer Aktivitäten verdächtige oder zu den PartisanInnen in den Ber-
Gruppen wissen.Den Berichten von Gefangene an die Gestapo. Dort wurden gen gebracht werden konnten. Besagte
Renzo Bianchi und Mario Rovinetti diese in provisorischen Zellen zusam- Aktion habe keine Repressalien nach
mengepfercht und gefoltert. Zeugenaus- sich gezogen: Sie sei - gleich anderen -
sagen dokumentieren den Einsatz von totgeschwiegen worden, weil die deut-
Folgt dem Elektroschocks an allen Körperteilen. schen Besatzer und die Salò-Faschisten
Einberufungsbefehl, lasst Im Februar 1945 seien über 70 Partisa-
nen in Parma, darunter Bruno "Andrea"
keine schlechte Figur machen wollten.
Immer wieder schlossen sich italieni-
euch einkleiden, nehmt Longhi, eine kleiner, stets unbewaffne- sche Polizei- und Armeeangehörige den
die Waffen und setzt euch ter Agitator von hoher konspirativer PartisanInnen an. Die Empfehlung der
in die Berge ab Intelligenz und der militärische Kom-
mandeur der SAP Eugenio "Cecio"
Untergrundorganisationen an die Wehr-
pflichtigen habe damals gelautet: folgt
Biaggi durch Spitzel verraten worden. dem Einberufungsbefehl, lasst euch ein-
zufolge agierten GAP und SAP ähnlich: Longhi überlebte die Folter nicht, Biag- kleiden, nehmt die Waffen und setzt
Sie verteilten Flugblätter und Plakate, gi wurde danach ins Konzentrationsla- euch in die Berge ab.
sammelten Informationen über die Akti- ger Bozen verschleppt. Zu den Mitar- Bianchi, ein gelernter Drucker, stellte
vitäten des Gegners, raubten Geld für beitern der Gestapo in Parma gehörte mit einem Matrizendrucker in der Via
die politische Arbeit, sabotierten Tele- auch Otto Alberti. Er war an der Liqui- Garribaldi viele Flugblätter und
fonlinien und Verbindungswege, störten dierung des Ghettos von Bialystok Bekanntmachungen der Partisaninnen
Truppenbewegungen und Durchkäm- beteiligt und arbeitete bei Kriegsende in her. Er berichtete auch über die Vor-
mungsaktionen, griffen deutsche Besat- einem Sonderkommando, das die Spu- sichtsmaßnahmen, die beim Verteilen
zungstruppen und italienische faschisti- ren der Massenvernichtung verwischen zu treffen waren: Mehrere Gruppen ver-
sche Verbände an und verübten Attenta- sollte. 1963 war er Hauptkommissar der einbarten einen festen Zeitplan und ver-
te auf faschistische Funktionsträger und Kripo in Kiel. steckten Flugblätter im Futter ihrer
Spione. Trotz der brutalen Repression schreck- Jacken. Dann wurde zum vereinbarten

12 ten die SAP auch vor Angriffen auf


Kasernen nicht zurück, die zum Teil
Zeitpunkt für etwa 15 Minuten verteilt,
danach gingen alle ihrer Wege.
Oft war Improvisationsvermögen stecke. Eines der größten befand sich in
gefragt. Beim Versuch eine internatio- den Kellern des zentralen Krankenhau-
nale Telefonverbindung zu sabotieren, ses von Bologna. Als diese Basis auf-
erwies sich der Schaltkasten als zu hart flog, wurde sie von deutschen Truppen
für die Äxte.. So entschloss man sich, mit Artillerie angegriffen. Trotz großer
durch die entstandenen Löcher zu pin- Verluste konnten sich die meisten Parti-
keln und auf diese Weise einen Kurz- sanInnen zurückziehen und andernorts
schluss zu erzeugen. den Kampf wieder aufnehmen.
Als typische Aktion schildert Rovinetti
Am 31. August 1944 erschossen die den Angriff auf die deutsche Komman-
Partisanen zwei berüchtigte Mitglieder dantur in Bologna. Partisanen drangen
der faschistischen schwarzen Brigaden mit Benzinkanistern in das Hotel in der
(Brigate Nere, BN). Darauf wurden 7 zentral gelegenen Via dell´Indipendenza
politische Gefangene, die sich in deren ein und setzten das Treppenhaus von
Gewahrsam befanden, von den Faschi- oben bis unten in Brand. Draußen waren
sten zu Tode gefoltert. Die Leichname Posten aufgestellt, die Deutsche die flie-
waren so entstellt, dass die Angehörigen hen wollten unter Beschuss nahmen.
sie kaum identifizieren konnten. Einer Die siebte Brigade der GAP, der auch
der zu Tode gefolterten sei Otello Mas- Rovinetti angehörte, war auch in der
sani gewesen. Seine Tante habe immer Poebene aktiv.
wieder vor dem Hauptquartier der BN Truppentransporte wurden angegriffen,
seine Freilassung verlangt, bis sie mit Panzer wurden mit Spezialsprengkör-
Schüssen verjagt worden sei. Als die pern mit zeitverzögerter Zündung, die
Faschisten die Leichen ihrer Opfer auf von den Alliierten abgeworfen wurden
den Friedhof warfen und alle bedrohten, und in die Kanonen deutscher Panzer
die diese begraben wollten, ließ sich passten, gesprengt. Solche Aktionen
Massanis Tante nicht einschüchtern. Sie zogen oft auch Massenerschießungen
holte ihren toten Neffen am helllichten von ZivilistInnen nach sich.
Tag nach Hause, bei der Totenwache
Mario Rovinetti (oben) im September 2002 in
wurde ihm das rote Halstuch umgelegt. Die GAP setzten sich überwiegend aus Marzabotto. Renzo Bianchi (unten links) während
Die 7 Opfer der BN sollen von einem Frauen und Männern zusammen, die einer Stadtführung in Parma zu den Aktivitäten
Spitzel namens Rosi verraten worden schon vor dem Waffenstillstand im anti- der SAP (Sommer 2001)
sein, der sich später den Faschisten faschistischen Widerstand aktiv waren.
anschloss. Ein weiteres Opfer war der Die Wurzeln dieses Widerstandes liegen
19jährige Bruno Vescovi. Dessen Bru- vor allem im seit den zwanziger Jahren
der war nach dem Krieg in Parma poli- bestehenden kommunistischen Wider-
tisch sehr aktiv, auch um das Andenken stand. Frauen gab es laut Mario Rovi-
an Bruno zu wahren. Als Rosi nach sei- netti sowohl in der GAP als auch in der
nem Tod 1996 in Parma begraben wor- SAP; sie konnten sich auf den Straßen
den sei, habe Vescovi den Blumen- freier bewegen als die Männer.
schmuck auf dem Grab zerstört und sei
bald nach dem Verhör durch die Polizei Rovinetti, habe das Glück gehabt, dass
an einem Herzinfarkt gestorben. Fast sei seine Eltern Antifaschisten waren. Wäh-
es so, als ob der Faschismus 50 Jahre rend es in der Schule nur Gehirnwäsche
später auch den Bruder getötet habe, gegeben habe, konnte der Vater zu Hau-
erklärt Bianchi. se den Mund nicht halten, so dass er als
In der Straße des heutigen Unigeländes, Junge von Lenin und der Sowjetunion
in der sich der Sitz der BN befand war gehört habe. Aus der Arbeit in der
auch ein Büro der faschistischen Partei. Fabrik habe er Kollegen gekannt, die
Die Straße war damals nach einem organisiert waren und habe sich über
Faschisten benannt, der beim Marsch diese einer kommunistischen GAP-Bri-
auf Rom gestorben war. Mehrfach wur- gade angeschlossen.
den die Straßennamen mit Schablonen Während viele seines Jahrganges einbe-
übermalt: Die Straße wurde nach dem rufen worden waren und vom faschisti-
gefallenen Partisanen Giordano Cave- schen Heer in die Berge gingen, konnte
stro benannt und heißt heute so. Bianchi Rovinetti zunächst in der Stadt bleiben:
merkt vergnügt an, dass die Faschisten Er war freigestellt, weil er tagsüber für
es durchaus mit der Angst zu tun eine deutsche Luftwaffeneinheit
bekommen hätten, da diese Aktion "kriegswichtige Arbeiten" leistete;
wiederholt direkt vor ihrer Nase durch- nachts beteiligte sich an Aktionen. Erst
geführt worden sei. als die Deutschen abzogen, wurde sein
Passierschein ungültig. Mario Rovinetti
In Parma wie in Bologna war es von verließ Bologna und schloss sich einer
größter Wichtigkeit, Straßen, Hinterhö- GAP-Brigade in der Gegend von Mar-
fe und Abkürzungen, ja sogar die zabotto an, wo er seine Arbeit im Unter-
Abwasserkanäle wie seine Westenta- grund fortsetzte.
sche zu kennen - alles das also, so
Mario Rovinetti, "was der Feind nicht
so gut kannte". In Kellern gab es Ver-
PartisanInnengruppe im Appennino modenese

"Die Arbeit der Frauen


war das Rückgrat der Resistenza"
Frauen im Widerstand

ber 1926 zur "Verteidigung des Staates" Auch Laura Polizzi berichtet von sol-
geworden waren: Aufgrund des dabei chen Büchern in ihrem antifaschistisch
geschaffenen Sondergerichtes schnellte orientierten Elternhaus: "Obwohl meine
die Zahl der Verurteilten in die Höhe. Familie arm war und wir manchmal kei-
Die Gefängnisse füllten sich mit Antifa- ne Schuhe hatten, kaufte mein Vater
"...als Intellektuelle kamen sie schistInnen, die Mehrzahl davon kom- doch Bücher, die vom Faschismus ver-
heraus." Die antifaschistische munistisch orientiert. boten waren, darunter ausländische
Generation der 20er Jahre Werke, z. B. Victor Hugo u. a." Sie
Die in den Gefängnissen bald organi- selbst jedoch nahm an der regen
"Aus dem Gefängnis erhielt ich Briefe sierten politischen und ideologischen Diskussion der Männer in ihrer Ver-
von meinem Onkel. Wie viele Gefange- Schulungen waren bei den mehrjährigen wandtschaft vorerst nicht teil, denn:
ne bildete auch er sich dort weiter, die Haftzeiten von hohem Wert. Man "Ich dachte, ich bin eine Frau und diese
Inhaftierten studierten gemeinsam. Als schmuggelte antifaschistische und mar- Dinge haben mich nicht zu interessie-
Ungebildete kamen sie ins Gefängnis, xistische Literatur hinein, Bücher, die in ren."
als Intellektuelle kamen sie heraus." Die Italien nicht mehr erhältlich waren, son- Doch in den Gefängnissen saßen durch-
Partisanin Laura Polizzi aus Parma, Jg. dern aus dem Ausland eingeschleust aus auch Frauen, die aufgrund ihrer
werden mussten. Gelang eine Vereinba- antifaschistischen Arbeit verhaftet wor-
rung mit dem Wärter, der die Buchein- den waren.
gänge überwachte, konnten "verdächti- Camilla Ravera, Jg. 1889, die sofort bei
Ich dachte, ich bin eine Frau ge" durch "harmlose" Buchtitel ausge- ihrer Gründung Mitglied in der kommu-
und diese Dinge haben tauscht werden und in das Innere wurde nistischen Partei geworden und ihren
mich nicht zu interessieren ein Blatt mit dem Stempel der Zensur-
behörde und der Unterschrift des
GenossInnen in die Emigration nach
Frankreich gefolgt war, wurde bei
Gefängniswärters geklebt, das man einem Auftrag in Italien 1930 gefasst
einem erlaubten Buch entnommen hat- und vom Sondergericht zu 15 Jahren
1926, schildert hier den Erfahrungshori- te. Dieses Vertauschspiel erkannten die Haft verurteilt, von denen sie fünf in
zont derjenigen antifaschistischen Gefängniswärter selten, zumal viele dem von Nonnen geleiteten Frauenge-
Generation, die Opfer des faschisti- Bücher nicht auf italienisch, sondern in fängnis von Perugia abbüßte. Sie kam
14 schen Sondergesetzes vom 25. Novem- einer Fremdsprache verfasst waren. hier in Einzelhaft und durfte nur selten
Besuch empfangen; auf ihrem Hofgang weise die rassistischen Gesetze keines-
begleitete sie nur die zuständige Nonne. wegs abgeschafft hatte. In der Familie "Massen-Maternage"
Camilla Marcella Oriani, Jg. 1908, aus von Laura Polizzi ging somit der antifa- - so fing der Widerstand an
Cusano Milanino, arbeitete in der kom- schistische Kampf weiter, doch noch
munistischen Untergrundorganisation immer ohne ihre Beteiligung: "Ich frag- Frauen aus den unterschiedlichsten
Mailands mit. 1935 aufgrund kompro- te die Männer in meiner Familie, ob ich Zusammenhängen ließen den sich selbst
mittierenden Materials gefangen mitmachen könnte. Ihre Antwort war überlassenen Soldaten des italienischen
genommen, wurde auch sie vor dem nein. Ich sei ein Mädchen. Eines Tage Heeres jede erdenkliche Unterstützung
Sondergericht wegen Gründung eines kam ein etwas älteres Mädchen als ich zukommen. Diese in der italienischen
kommunistischen Zirkels und subversi- zu uns, Lucia Sarzi. Sie arbeitete als Forschung als "Massen-Maternage"
ver Propagandatätigkeit zu 10 Jahren Stafette für die Brüder Cervi und die bezeichneten Aktivitäten werden durch
Haft in Perugia verurteilt. Dort versuch- kommunistische Partei1. Sie wurde von Tausende Aussagen bezeugt. Annita
ten die politischen die unpolitischen, den Männern gleichberechtigt behan- Malavasi, Jg. 1921, die sofort mit der
"kriminellen" Häftlinge zu politisieren delt. Das hat mich neugierig und nei- Untergrundorganisation der PCI (kom-
und auch diejenigen Frauen zu errei- disch gemacht: Warum sie und ich munistische Partei Italiens) in Reggio
chen, die ab dem 8. September 1943 nicht? Wir wurden Freundinnen, disku- Emilia in Kontakt trat, berichtet: "Um
anstatt ihrer Männer als Geiseln verhaf- tierten über Politik, über Faschismus, den 8. September herum gab es die
tet worden waren, weil diese sich nicht über die Bücher, die wir beide gelesen ersten Aktionen, mit denen sich die
zum Militärdienst gemeldet hatten. hatten. Lucia war verwundert darüber, Frauen an der Resistenza beteiligten. In
Gerade weil in diesem von Nonnen dass ich so viel wusste, aber nicht im diesen Tagen mussten viele Soldaten
geführten Frauengefängnis von Perugia Widerstand tätig war, und sie fragte versteckt werden, wenn sie nicht an der
die Insassinnen durch monotone religiö- mich, weshalb. Ich sagte ihr, das wäre, faschistischen Republik von Salò betei-
se Übungen abgestumpft wurden, waren weil ich eine Frau sei und die Männer ligt sein wollten. Es blühte ihnen dann
diese politischen Sensibilisierungsmaß- aus der Familie meine Beteiligung nämlich die Deportation in deutsche
nahmen umso wichtiger. Viele, die nach ablehnten. Das konnte sie gar nicht ver- Lager. Die Reaktion von sehr vielen
dem 25. Juli 1943 - dem Sturz des ita- stehen und auch nicht gutheißen und so Frauen war in diesem Tagen, Anziehsa-
lienischen Faschismus - aus den sprach ich abermals mit meinem mitt- chen rauszusuchen und zu verschenken,
Gefängnissen kamen, schlossen sich lerweile aus dem Gefängnis entlassenen damit sich die Soldaten umziehen und
sogleich dem Befreiungskampf, der Onkel." Er begann nun tatsächlich von der Bildfläche verschwinden konn-
"Resistenza" an. Giacomina Castagnet- damit, sie in der Geschichte von Kom- ten. Ich selbst bin mit meinen Geschwi-
ti, Jg. 1925, die als junges Mädchen der munismus und Ökonomie zu unterrich- stern in die Kaserne von Reggio gegan-
Resistenza beitrat, sah ihre Wider- ten: "Ich wurde dadurch Kommunistin. gen. Wir hatten uns doppelt angezogen,
standstätigkeit auch als Teil einer schon Der andere Onkel gab mir kleine illega- so dass wir einen Teil unserer Kleidung
länger bestehenden antifaschistischen le Aufgaben und eines Tages bringt er den Soldaten überlassen konnten. Sie
Haltung unter Frauen: "Tatsächlich mich zum Fluss und zeigt mir einen warfen ihre Uniformen weg und sind
waren es in Italien mehrere Frauen, die Revolver. Er lädt und leert ihn wieder:
aufgrund ihrer antifaschistischen Arbeit ‚Bald wirst du ihn nutzten müssen, Lau-
vom faschistischen Sondergericht ange-
klagt und verurteilt worden sind. Es gab
ra, denn bald müssen wir zu den Waffen
greifen.'"
Man hat so manche
bereits eine Tradition unter den Frauen, Mit dem Waffenstillstandsabkommen Partisanin misstrauisch
sich für Freiheit und Demokratie einzu- vom 8. September verschärfte sich tat- beäugt, gerade wenn es
setzen, gegen den Faschismus zu kämp-
fen, was dann in ihrer Beteiligung am
sächlich die Situation. Neben den
bereits politisch geschulten GenossIn-
ein junges Mädchen mit
Befreiungskampf mündete." nen, erkannten auch andere Frauen, dass einem Gewehr in der
der Krieg damit keineswegs zu Ende Hand war
"Weil ich ein Mädchen bin" war, sondern dass man sich im Gegen-
- von der Schwierigkeit, teil auf einen harten Kampf gegen die
Partisanin zu werden deutschen Besatzer und ihrer faschisti-
schen KollaborateurInnen würde mit uns als ziviles Personal, das in den
Der nach dem Sturz Mussolinis einge- gefasst machen müssen. Kasernen zur Verpflegung arbeitete, an
setzten Regierung Badoglio misstrauten den Wachposten vorbeigekommen. Wir
die meisten zutiefst, zumal er beispiels- gingen auch zu den Familien mit Söh-
nen im wehrpflichtigen Alter und ver-
Partisaninnen suchten sie zu überzeugen, sich nicht
zum Wehrdienst zu melden, obwohl
darauf Gefängnisstrafe, Deportation
oder sogar die Todesstrafe stand. So
haben wir viele aufwiegeln können."
Über die Ereignisse des 8. September in
Parma berichtet Laura Polizzi: "Die
Antifaschisten gingen auf die Piazza
Garibaldi und sagten der Bevölkerung,
dass das Land besetzt werden würde.
Sie sollten sich auf einen bewaffneten
Kampf vorbereiten. Es sprachen die
Christdemokraten, die Kommunisten
und Sozialisten - alle vereint. Plötzlich
hörte man einen Knall, wahrscheinlich
15
war es nur ein geplatzter Fahrrad- lichen Namen durfte von nun an nie- hat so manche Partisanin misstrauisch
schlauch. Die Leute, die eben noch mand mehr erfahren -, wurde zunächst beäugt, gerade wenn es ein junges Mäd-
beteuert hatten, für den Kampf bereit zu als Stafette für die kommunistische chen mit einem Gewehr in der Hand
sein, flüchten alle total aufgeschreckt. Untergrundorganisation von Parma ein- war. Aber sie mussten einsehen müssen,
Da kam ganz spontan eine Wut in mir gesetzt. "Die einzige Kommunikation, dass die Arbeit der Frauen wichtig war,
hoch und ich stieg auf das Denkmal von die die Widerstandsgruppen miteinan- denn wenn es die Stafetten nicht gege-
Garibaldi, von wo eben noch die Män- der hatten, lief über unsere Beine,", ben hätte, wären die Partisanengruppen
erläutert Annita Malavasi, die den völlig voneinander isoliert gewesen."
Kampfnamen "Laila" trug. Unter dem von Stafetten beförderten
Was man den Frauen Material befanden sich auch Munition,
nachsagte, sie seien Hinter den zeitgenössischen Berichten, Waffen, Sprengstoff: "Wir trugen in
zartfühlend und weich, in denen lapidar von Stafettenarbeit die
Rede ist, verbirgt sich eine äußerst
unserem Einkaufskorb obenauf die Kar-
toffeln und versteckt darunter die Muni-
davon verspürte ich nichts gefährliche, anstrengende und unver- tion." (Giacomina Castagnetti) Die Par-
zichtbare illegale Arbeit: "Die Arbeit tisaninnen leugnen dabei nicht ihre
der Frauen war letztendlich das Rück- Angst. "Einmal war ich mit einer Tasche
ner gesprochen hatten. Ich sprach an die grat der Resistenza", resümiert Laila, voller Handgranaten unterwegs, die wir
Öffentlichkeit und rief, gerichtet die Unteroffizierin in der 144. Brigade zur Tarnung in Glühbirnenkartons ver-
besonders an die Mädchen und Frauen: Garibaldi wurde: "Das liegt nicht daran, packt hatten. Ich habe die Tasche weit
‚Ja wie, eben noch habt ihr versprochen dass die Frauen irgendwas besonderes von mir gehalten - als ob das etwas
zu kämpfen und jetzt flüchtet ihr und wären, was die Männer nicht sind. Es genützt hätte!"
habt Angst? Ich habe ja keine Angst, ging lediglich darum, dass die Frauen Stafetten halfen, Verletzte und Kranke
obwohl ich ein Mädchen bin!' Die Leu- eine relative Bewegungsfreiheit genos- an sicheren Orten zu verstecken und zu
te blieben verwundert stehen. Mein sen und Arbeiten und Aktionen durch- kurieren, sie beschafften Geld, Lebens-
Onkel umarmte mich und sagte: ‚Du führen konnten, die den Männern mittel und Kleidung für die kämpfenden
PartisanInnen in den Bergen. Bei ihrer
Arbeit mussten sich die Frauen über
weite Strecken hinweg bewegen, mit
dem Fahrrad, auf dem Lastwagen mit
Nazifaschisten, in überfüllten Zügen
den Bombardements ausgesetzt, doch
meistens zu Fuß, bei jeder Witterung.
Laila erinnert sich an einen Tag im
November '44: "In unserer Gegend gibt
es oft Nebel, wir waren zwölf Stunden
unterwegs und es hat ununterbrochen
geregnet. Der Nebel war so dicht, dass
man keine Handbreit sehen konnte. Wir
hatten einen Partisanen dabei, der ehe-
mals Armeeoffizier war. Er hatte damals
die Fähigkeit erworben, sich auch im
Nebel zu orientieren. Anhand der Wet-
terseite der Bäume, indem er die Rinde
fühlte, erkannte er, wo Norden war. So
haben wir uns einen Tag lang durchge-
schlagen, im Nebel, im Regen, das Was-
ser lief dir im Nacken rein, den Körper
runter, in die Schuhe. Wir kamen abends
an einen Stützpunkt. Ich war völlig fer-
tig und habe rheumatisches Fieber
Nach der Befreiung auf dem bekommen. Wir hatten eben keine
Rathausplatz in Reggio Emilia unmöglich waren. Das ist natürlich dem beheizten Häuser, nur schlechte Ver-
Feind bald klar geworden und es hat pflegung, unsere Körper waren
musst jetzt in die Resistenza eintreten!'" erheblich Nachforschungsarbeiten geschwächt. Ich wurde sehr krank und
Was dann folgte, erzählt sie heute, 60 gegen unsere Organisation gegeben. Es habe 15 Tage lang in einem Stall gele-
Jahre später, mit einem Lachen: "Ich gab Verhaftungen, Folterungen und gen, mein Körper musste das ganz
antwortete: ‚Ja, gerne. Aber erst muss Tötungen in unseren Reihen." allein machen."
ich die Erlaubnis von meinem Vater ein- Die Stafetten verbanden die bewaf-
holen.' Damals war man erst mit 21 fneten Formationen in den Bergen mit "Das erste Mal eine Organi-
volljährig." Der Vater erklärte sich den Führungszentren im städtischen sation von Frauen" - die
jedoch einverstanden. Untergrund, sie übermittelten Nachrich- Frauenverteidigungsgruppen
ten, Befehle, transportierten illegale
"Die Kommunikation lief Drucksachen, gefälschte Dokumente, Organisiert waren die Stafetten und all
über unsere Beine" - Lebensmittel und Geld. "Die Frauen die unzähligen Frauen, die ihnen zuar-
Stafetten selbst wussten, wie bedeutsam ihre beiteten indem sie z. B. in deutsche
Arbeit war schließlich haben es auch die Militärlager einbrachen und Stoffe
Laura Polizzi, die nun den Kampfna- Männer verstehen müssen. Denn natür- besorgten, die anschließend von
16 men "Mirka" annahm - ihren bürger- lich gab es Rückwärtsgewandte, man Näherinnen in getarnten Werkstätten für
die Kämpfenden illegal hergestellt wur-
den, in den GDD, den ‚Gruppen zur
Verteidigung der Frau und zur Unter-
stützung der bewaffneten Kämpfer'
(Gruppi di difesa della donna e di assi-
stenza ai combattenti). Diese Frauen-
verteidigungsgruppen wurden zwischen
Winter 1943 und Sommer '44 in Mai-
land, Turin, Bologna und Florenz und
vielen anderen Städten gegründet.
Allerdings wurden sie offiziell erst im
Sommer '44 von dem CLN, dem Natio-
nalen Befreiungskomitee anerkannt und
erhielten Geld für ihre Aktivitäten: Für
die Redaktion diverser Frauenzeitun-
gen, mit denen sie unter den noch nicht
politisierten Frauen agitieren konnten,
für die materielle Unterstützung, die sie
schon lange den Gefangenen und deren
Angehörigen zukommen ließen.
In der Emilia Romagna waren die GDD
extrem gut organisiert: "Es war das erste
Mal eine Organisation von Frauen. In
der Zeit, in der wir geheim und illegal Laura Polizzi 1944 und 2001
leben mussten, trafen wir uns häufig
und sprachen darüber, dass wir das
Frauenwahlrecht und andere Rechte für (Laila)
Frauen forderten. Die Frauenverteidi- Mirka wurde von der kommunistischen
gungsgruppen sind nach dem 8. Sep- Partei beauftragt, in der Gegend um ich während dieser Arbeit überhaupt
tember eine große, eine wichtige Bewe- Reggio die GDD anzuleiten: "Dieses nichts." Die Partisanin Laila resümiert
gung geworden. Es waren für mich die illegale Leben, wie war es? Viele mit einem kurzen Blick zurück auf den
wichtigsten Organisationen, denn viel- Genossen, die aus anderen Gegenden "Kulturgeist, der seit Tausenden von
leicht war dies das erste Mal in der kamen, hatten wie ich keinen festen Jahren hier herrschte": "Die untergeord-
Geschichte Italiens, dass Frauen eine Wohnort. Wir hatten falsche Dokumen- nete Rolle der Frau als ‚Engel des Herd-
eigene Organisationen hatten, deren te, einen Kampfnamen, der wiederum feuers' war nicht einfach zu verändern
erstes Ziel es war, gegen den Krieg zu ein anderer war, als der im Dokument und es dauerte sehr lang. Man musste ja
kämpfen, aber man dachte auch schon stand. Wir schliefen und aßen in Häu- nicht nur die Frauen anregen, ihre
an die Nachkriegszeit." (Giacomina sern, die uns die legalen KämpferInnen Denkweisen zu verändern, sondern es
Castagnetti) Eine weitere wichtige zur Verfügung stellten. Wir wussten am war auch nicht einfach, den Männern
Funktion dieser GDD war es, Radio Morgen nicht, wo wir am Abend schla- klar zu machen, dass ihr Denken verän-
London abzuhören und die Absichten fen würden." dern mussten, denn sie waren ja die
der Deutschen und FaschistInnen zu Herren und wir oft nur ihre Sklavinnen.
erkunden: "Ich habe eine Frauengruppe Vom "Engel des Herdfeuers" Es gibt heute viele Leute, die die Resi-
von der Antispionageeinheit komman- keine Spur stenza klein reden wollen, die auch die
diert. Wir waren ungefähr 40 Frauen. Es Beteiligung der Frauen und die Wichtig-
gab viele, die vor dem Haus sitzend auf- Die Frauen, die in den Befreiungskampf keit ihrer Arbeit klein reden wollen.
schrieben, wie viele Militärwagen der involviert waren, als Produzentinnen Doch der Faschismus hat uns lediglich
Wehrmacht vorbeifuhren, welche Art von Kleidung und Lebensmitteln, als Armut, Hunger und Krieg geschenkt.
der Bewaffnung sie hatten, usw. Diese "Gastgeberinnen" für Illegale und Ver- Für den Fall, dass es diese gesellschaft-
Informationen wurden von den Stafet- folgte, als Stafetten, Kommissarinnen liche Negativentwicklung und Rückent-
ten an die Partisanen oder auch an die oder mit der Waffe in der Hand: Sie alle wicklung wieder gibt, werden wir Frau-
Alliierten weiter gegeben. Dadurch machten Erfahrungen, die weit über en die allerersten sein, die die Zeche zu
wussten wir oft sehr schnell, wo sich ihren ihnen bislang zugestandenen bezahlen haben."
der Feind befand und es konnten ent- Horizont hinausgingen.
sprechende Aktionen durchgeführt wer- Nadja Bennewitz
den. In einigen Fällen haben ganze Mirka, die schließlich - ohne Erlaubnis
Familien mitgearbeitet, bzw. alle Frauen von der Partei - zu den kämpfenden Par-
der Familie, die Großmutter, Mutter, tisanenformationen in die Berge ging, 1 Die Arbeit und Verbindung dieser beiden
Schwiegertochter und Tochter. Kessel- wurde dort aufgrund ihrer politischen
Frauen wird u.a. in dem Museum der
ring hat einmal gesagt, der italienische Kenntnisse zur Politkommissarin für
Brüder Cervi benannt:
Widerstand hätte ein effektiveres Infor- die Schulung der jungen Partisanen Via F.lli Cervi, 9 42043 Gattatico (RE)
mations- und Antispionagesystem ernannt. In dieser Funktion war sie auch www.fratellicervi.it
gehabt als die Wehrmacht. Er wusste zuständig für das Verhör von Spitzeln:
nicht, dass es oft Analphabetinnen "Ich musste auch die Verhöre überneh-
waren, die lediglich Striche machten, men und wandte dabei zwar nicht die
um zu zählen, wie viele LKW's an Methoden der Deutschen an, doch was Weitere Beiträge auf deutsch über
man den Frauen nachsagte, sie seien Frauen im italienischen Widerstand
17
ihrem Haus vorbeigefahren waren."
zartfühlend und weich, davon verspürte unter: www.frauen.resistenza.de
Giorgio kam nicht
mehr zum Unterricht
Die Verfolgung jüdischer Menschen in
Parma: von den "Rassegesetzen" 1938
bis zur Shoa

gerade einmal aus 134 Personen, darun- den Schulbesuch verboten, den er bis
ter Elenas Ehemann Mosè Renzo Levi dato mit viel Erfolg absolviert hatte.
(deportiert und ermordet in Mauthau- Wurden wir dadurch besonders berührt?
sen) und ihre beiden Söhne Bruno und (...) Ich fürchte, ich muss der Ehrlich-
Fausto. keit halber zugeben, dass wir damals
Seit dem 14. Jahrhundert waren in Par- eher von Indifferenz und Apathie
ma und der Umgebung jüdische beherrscht waren."
Gemeinden ansässig. Die Assimilierung
jüdischer Glaubensangehöriger ab dem Italien im Krieg und die
19. Jahrhundert hatte die Zahl der Internierung nicht
Gemeindemitglieder kontinuierlich italienischer Jüdinnen
abnehmen lassen. und Juden
Angekündigt durch das "Manifest der
Rasse" vom 14. Juli 1938 und begleitet Die Entscheidung der faschistischen
von einer aggressiven Pressekampagne Regierung, den Zuzug verfolgter jüdi-
Liliana und Luciano Fano am 7. Dezember wurden Anfang September 1938 die scher Personen aus Europa zu stoppen,
1943 in Parma. Sie wurden am 10. April ersten antisemitischen Erlasse vom fiel zeitlich mit den Vorbereitung zum
1944 in Ausschwitz ermordet. Ministerrat bekannt gegeben. Im Kriegseintritt Italiens zusammen. Mitte
November trat eine weitere Reihe legis- Mai 1940 beschloss Mussolini, die nicht
lativer und administrativer Bestimmun- italienischen Jüdinnen und Juden, zwi-
gen in Kraft, die die jüdische Minder- schen 5.500 und 6.000 Personen, in spe-
"Alles begann an diesem schicksals- heit an den Rand der Gesellschaft ziellen Lagern zu internieren. Für die
schweren 2. September 1938, als ich auf drängte. Auch in Parma wurden Jüdin- Männer war die Gefangenschaft in
der Straße die furchtbare Nachricht aus nen und Juden aus den öffentlichen Lagern vorgesehen, während Frauen
dem Lautsprecher erfuhr: ‚Die jüdi- Schulen, aus der Universität und den und Kinder in den Kommunen festge-
schen Lehrkräfte und Schüler sind ab staatlichen Behörden ausgeschlossen. halten und nach und nach in Tarsia in
dem kommenden von den öffentlichen Es wurde ihnen der Besitz von Grund- der Provinz Cosenza konzentriert wer-
Schulen ausgeschlossen.' Für einen stücken und Häusern verboten, sie durf- den sollten. Fünf Tage nach Kriegsein-
Moment wurde der Himmel pech- ten sich nicht mehr freiberuflich nieder tritt verkündete das Innenministerium,
schwarz und alles um mich herum und lassen, konnten keine Handelszulassung alle nicht italienischen Jüdinnen und
in mir brach zusammen." erwerben oder nichtjüdische Hausange- Juden, "die Angehörige solcher Staaten
stellte einstellen. Somit wurden sie aus sind, in denen die Rassegesetzgebung
dem politischen und gesellschaftlichen Gültigkeit haben", in Konzentrationsla-
"Für einen Moment Leben verdrängt. Auch wenn aus Par-
ma, anders als aus Triest, Padua oder
gern zu internieren. In den folgenden
zwei Jahren verlor das faschistische
wurde der Himmel Pisa, keine tätlichen Angriffe auf Perso- Regime, bereits internierte Jüdinnen
pechschwarz und alles nen jüdischen Glaubens bekannt wur- und Juden aus den annektierten Mittel-
meergebieten auf die Halbinsel zu ver-
um mich herum und in den, so empfanden doch auch hier die
jüdischen StadtbewohnerInnen die anti- legen - darunter ca. 3.000 Menschen aus
mir brach zusammen" semitischen Hetzkampagnen, besonders Jugoslawien und 1.000 aus Libyen. Im
der Tageszeitung "Corriere Emiliano - Frühjahr 1943 waren es in Italien an die
Gazetta di Parma", und die bestehenden 6.400 Jüdinnen und Juden, die von die-
Mit diesen Worten beschrieb Elena Foà rassistischen Gesetze als einen Akt der ser Freiheitsberaubung betroffen waren:
Levi kurz nach dem Ende des Zweiten Gewalt. In der öffentlichen Meinung 2.000 von ihnen waren in die Lagern
Weltkrieges den Tag, an dem sie das hingegen fehlte das Bewusststein über verbracht worden, während die rest-
erste Mal mit den antijüdischen Ge- das Ausmaß dessen, was da an Unge- lichen in den einzelnen Kommunen
setzen des faschistischen Regimes heuerlichkeiten geschah, völlig. In die- interniert waren.
Bekanntschaft machen musste und eine sem Sinne äußert sich auch der Zeitzeu- In der Provinz von Parma waren im Juni
erste Ahnung von der Tragödie, die sich ge Giovanni Timossi, der sich an den 1940 ebenfalls zwei "polizeiliche Kon-
bald darauf ereignen sollte, sie ergriff. Ausschluss seines jüdischen Schulka- zentrationslager" eingerichtet worden,
Im Jahr 1938 bestand die kleine jüdi- meraden Giorgio Foà aus dem Lyzeum in denen die jüdischen Gefangenen
sche Gemeinde in Parma laut der erinnerte: "Zu Beginn des dritten Schul- inhaftiert waren, die meisten von ihnen
"Judenkartei", einer aufgrund der "Ras- jahres kam Giorgio nicht mehr zum aus dem Ausland, häufig aus Jugoslawi-

18 segesetze" angelegten Sonderdatei, Unterricht. Die Rassegesetze hatten ihm en. Bei ihrer Ankunft mussten sie eine
Erklärung unterschreiben, mit der sie Errichtung der Repubblica Sociale Ita- aufgelöst, nachdem die Gefangenen in
derart viele Regeln und Verbote akzep- liana (RSI) verschärften die Lage der das Durchgangslager von Fossoli bei
tieren sollten, dass eine der Internierten politischen und jüdischen Gefangenen. Carpi verbracht worden waren. (Vgl.
schrieb: "Ich halte es für überflüssig, Mit dem Polizeigesetz Nr. 5 vom 30. "Teil des deutschen Lagersystems").
dass sie uns die Dinge mitteilen, die November 1943, erlassen vom faschisti- Das Konzentrationslager von Scipione
verboten sind: Es sind zu viele. Es wäre schen Innenministerium der RSI durch bei Parma dagegen, aus dem ebenfalls
einfacher, uns zu sagen, was gestattet Guido Buffarini Guidi, wurde bestimmt, Gefangene im März 1944 nach Fossoli
ist." Die ausländischen Internierten, alle italienischen Jüdinnen und Juden gebracht worden waren, wurde erst im
größtenteils waren es ganze Familien, vorerst in örtlichen Konzentrationsla- Sept. 1944 aufgelöst, nachdem Partisa-
lebten in einer materiell äußerst prekä- gern zu sammeln, bis sie in Sonderla- neneinheiten dort die letzten Gefange-
ren Situation. Manches Mal kam die gern zusammen gelegt würden. Drei nen befreit hatten.
ansässige Bevölkerung zu Hilfe und gab Tage später ließ der stellvertretende
Lebensmittel, Kleidung und spendete Kommissar der faschistischen Partei Die Vernichtungslager
Trost. Es sind einige Episoden doku- von Parma Guglielmo Ferri verlauten,
mentiert, bei denen BewohnerInnen des dass die bereits bestehenden Konzentra- Die nach Fossoli gebrachten Gefange-
Ortes mit den Internierten vertraut wur- tionslager wieder in Betrieb genommen nen blieben dort nur ca. drei Wochen.
den und Freundschaft schlossen, werden sollten - eines der zwei Lager in Am Morgen des 5. April 1944 wurden
obwohl es dagegen ein striktes Verbot Parma war auf Grund der Flucht aller die jüdischen BewohnerInnen Parmas in
der öffentlichen Sicherheitsbehörden Gefangenen nach dem 8. September verschlossene Viehwagons verfrachtet
gab. Nach dem 8. September 1943 ver- geschlossen worden, in dem anderen und mit dem Konvoi Nr. 9 nach
suchten viele, aus der Internierung zu befanden sich allerdings noch immer Auschwitz deportiert. Der Zug trug die
entkommen, um der Verhaftung durch Gefangene. Die erwachsenen jüdischen Aufschrift RSHA, "Reichssicherheits-
die deutsche Polizei zu entgehen, doch Männer wurden dort interniert, während hauptamt", das für die Deportation in
der Großteil von ihnen wurde abermals die Frauen und Kinder in örtliche die Vernichtungslager zuständig war.
verhaftet und erneut in Lagern bis zur Gasthöfe verbracht wurden. Hier kamen Die Fahrt dauerte mit Stopps in Mantua
Deportierung festgehalten. italienische und nicht italienische Jüdin- und Verona fünf Tage. In Verona wur-
nen und Juden zusammen, deren den weitere Wagen angehängt, die nahe-
Die deutsche Besatzung und gemeinsames Schicksal die Vernichtung zu ganz Europa durchquerten, bis sie in
die Lager in der Republik in den Todeslagern werden sollte. Polen ankamen. Es waren fünf leidvolle
von Salò Einige der Lager wurden im März 1944 Tage einer Reise, die nie zu enden
schien.
Die Besetzung Zentral- und Nordita- Laut den Akten des Archivs der
liens durch die Deutschen und die Gedenktafel im Park für die
Geschwister Fano und Della Pergola Gedenkstätte des Konzentrationslagers
in Parma Auschwitz entgingen von den insgesamt
600 Personen aus dem Zug Nr. 9 nur 80
Frauen und 154 Männer nach der
Ankunft der Gaskammer. Von den Frau-

"Es wäre einfacher, uns zu


sagen, was gestattet ist."

en überlebten in der Folgezeit nur weni-


ge die Strapazen und die Gewalt im
Lager. 51 von ihnen kehrten nach dem
Kriegsende nach Hause zurück. Die
genaue Zahl der ermordeten Jüdinnen
und Juden, die aus Parma stammten,
lässt sich noch nicht mit Bestimmtheit
nennen. Aufgrund der bislang zumeist
von der israelitischen Kultusgemeinde
in Parma gesammelten Nachrichten
wird die Zahl der Opfer aus Parma auf
22 bis 24 Menschen geschätzt.
Nur wenigen Menschen aus Parma
gelang es, sich dank der Hilfe einiger
Institutionen und Einzelpersonen der
Deportation zu entziehen. Von diesen
unterschiedlichen Helfern sei nur Ric-
cardo Pellegrino herausgegriffen, Amts-
richter aus Fornovo Taro, der die Aus-
wanderung zahlreicher Jüdinnen und
Juden aus Parma ermöglichte. Er
beschaffte falsche Papiere und schuf
wichtige Kontakte, sodass den Verfolg-
ten die Flucht in die Schweiz und damit
ihre Rettung gelang. 19
Der Vater arbeitete nun als Angestellter
in einer Apotheke, während der kleine
Luciano, der nicht mehr die Schule
besuchen durfte, in das Privatinstitut
"De La Salle" geschickt wurde. Im
März 1942 kam noch der kleine Bruder
Roberto zur Welt.
Am 7. Dezember 1943 wurde die
gesamte Familie einschließlich der
Von links: Donato und Cesare Della Pergola wurden am Tag ihrer Ankunft in Großmutter Giulia Bianchini und des
Auschwitz mit allen anderen Kindern aus dem selben Deportationszug in den Großvaters Enrico Fano von zuhause
Gaskammern ermordet. Mutter Emilia Camerini wurde auch nach Auschwitz abgeholt und eingesperrt. Die Großel-
deportiert. tern kamen in das Gefängnis San Fran-
cesco, die Mutter Giorgina Padova mit
den drei Kindern in das Lager Monticel-
Einzelschicksale Gemeindevertreter stark gefährdet li, der Vater Ermanno nach Scipione.
waren, zog sich die Mutter mit den bei- Die Kinder mussten den selben Weg mit
den Söhnen, den Tanten, der Großmut- ihren Eltern gehen wie die anderen
Die Familie Della Pergola- ter und anderen jüdischen Familien in Jüdinnen und Juden aus Parma: Von
Camerini den Apenin zurück in dem Glauben, Fossoli nach Auschwitz. Die Großeltern
somit der Gefangenschaft zu entgehen. kamen in andere Lager. Aus den Ver-
Donato und Cesare waren die Söhne Am 12. Dez. 1943 wurden sie von nichtungslagern kehrte niemand von
des Rabbiners Enrico Della Pergola und einem faschistischen Trupp gefangen ihnen zurück.
von Emilia Camerini aus Parma. Als die genommen und in das Frauenkonzen-
antijüdischen Gesetze in Kraft traten, trationslager von Monticelli Terme ver- Partisanen
musste der 6-jährige Donato, sein Bru- frachtet, wo sie nahezu drei Monate
der war erst drei, die öffentliche Schule blieben. Von dort aus kamen sie in das Nach dem 8. September 1943 wählte
verlassen. In den Jahren von 1938 bis Lager von Fossoli und wurden alle, bis eine kleine Minderheit der Italiener den
1943 bewegte sich das Leben der Fami- auf die Großmutter, nach Auschwitz Weg in den Widerstand gegen die deut-
lie zwischen dem Ausschluss aus dem deportiert. Am Tag der Ankunft wurden sche Besatzung und den Faschismus der
öffentlichen Leben und der gleichzeiti- Donato und Cesare zusammen mit allen RSI und gründete die ersten Partisanen-
anderen Kindern, die mit ihnen im sel- formationen. Auch einige Juden haben
ben Zug deportiert worden waren, in daran teilgehabt, wobei zu bedenken
''Ein jüdischer Partisan hat den Gaskammern von Auschwitz bleibt, dass "ein jüdischer Partisan zwei
zwei Mal so viel riskiert ermordet. Es war der 10. April 1944. Mal so viel riskiert hat wie ein anderer."
Davon ließen sich jedoch Remo Coen
wie ein anderer'' Die Familie Fano und Cesare Bassani nicht abschrecken.
Coen, der den Kampfnamen "Raffaello"
gen Hoffnung, dass sich die Dinge Liliana und Luciano Fano waren in Pel- erhielt, war 1916 in Parma geboren und
eines Tages wieder einrenken würden. legrino Parmense zur Welt gekommen, hatte seinen Militärdienst geleistet. Im
Diese Hoffnung, die mit dem Sturz wohin ihre Eltern schon 1931 gezogen Frühjahr 1944 wurde er Mitglied in der
Mussolinis im Juli 1943 Wirklichkeit waren. Der Vater Ermanno, Doktor der 47. Brigade Garibaldi und erreichte den
zu werden schien, wurde jedoch bald Chemie, führte dort die Ortsapotheke. Grad eines Majors. Am 20. November
zerschlagen. Anstatt dass Krieg und 1938 erhielt er aufgrund der "Rassege- 1944 fiel er einer deutschen Durchkäm-
Diskriminierungen ein Ende fanden, setze" Berufsverbot. Er war gezwun- mungsaktion, der "Operation Regen-
kam die deutsche Besatzung. Während gen, mit seiner Familie nach Parma zu wetter", zum Opfer. Vom italienischen
der Vater und andere Männer in die ziehen, um dort bei den Großeltern Staat wurde er nach dem Krieg für seine
Schweiz flüchteten, weil sie als unterzukommen. Widerstandstätigkeit mit einer Silber-
medaille ausgezeichnet.
Cesare Bassani, Kampfname "Sam",
war in Carrara zur Welt gekommen, wo
der Vater eine Druckerei hatte. Cesare
unterbrach sein Medizinstudium, um in
der Resistenza zu kämpfen, und schloss
sich der 1. Brigade Julia an. Während
eines Bombardements wurde er am 2.
Juli 1944 verwundet. Kurz nachdem er
ins Krankenhaus eingeliefert wurde,
erlag er seinen Verletzungen.

Stefania Campanini, Guido Pisi


(Parma)
(Übersetzung Nadja Bennewitz)

Das Privatinstitut “De La Salle di


Parma“ - Schuljahr 1942/43. 1. Reihe,
fünfter v. links: Luciano Fano.
richtungen zur organisierten Zwangsar-
beit oder zur organisierten Tötung.
Trotzdem war es Schauplatz von Miss-
handlungen, Folter und Hinrichtungen.
Am 2. August 1944 fand die letzte
Deportation statt. Danach lösten die
Deutschen Fossoli aus Sicherheitsgrün-
den auf und deportierten die verbliebe-
nen Gefangenen nach Bozen. 70 politi-
sche Gefangene, deren Transport als zu
unsicher erschien, wurden einen Monat
vorher in der Nähe von Carpi erschos-
sen. Zwei Gefangenen gelang auf dem
Weg zur Hinrichtung die Flucht.
In den knapp sieben Monaten, in denen
Fossoli von der SS geführt wurde, ver-
ließen sieben Deportationszüge das
Fossoli 2002 Lager, davon fünf nach Auschwitz. Ins-

Teil des deutschen


gesamt wurden von hier etwa 5.000
Menschen deportiert.

Lagersystems Mit absurder Präzision


Das Polizei- und Durchgangslager Fossoli nahmen die Deutschen den
Appell vor. ''Wieviel Stück?''
''660 Stück!''
Mit der Besetzung Italiens durch die 19. Februar 1944:
Deutschen nach dem 8. September 1943 der erste Transport Primo Levi am Vorabend seiner
Deportation nach Ausschwitz
verschärft sich die Situation jüdischer
Menschen auf der Halbinsel. Bis dahin 1942 beschloss die italienische Regie-
waren sie zwar aufgrund der 1938 erlas- rung in Fossoli ein Kriegsgefangenenla- Am Bahnhof von Carpi, von dem die
senen Rassegesetze starken Diskrimi- ger einzurichten. Hier wurden ab Mai Deportationszüge losfuhren, steht heute
nierungen ausgesetzt gewesen, aber kei- 1942 vor allem britische, neuseeländi- ein Gedenkstein, der an das Geschehene
ner Verfolgung. Nun führen die Deut- sche und australische Soldaten aus dem erinnert. Das Lager Fossoli ist mittler-
schen auch in Italien eine Politik der Nordafrika-Krieg in Zelten interniert. weile zerfallen und von Bäumen und
Vernichtung ein. Am 14. November Anfang 1943 ersetzte man diese durch Sträuchern überwachsen. Seit 2002 gibt
1943 verabschiedet das von den Deut- Baracken. Nach dem 8. September 1943 es Planungen, das Lager als Gedenkstät-
schen eingesetzte neue faschistische wurde Fossoli Teil des deutschen Lager- te einzurichten. Bisher hält das 1973
Regime ihr Regierungsprogramm, mit systems. Ab Januar 1944 übernahmen eröffnete, sehr sehenswerte und beein-
dem Jüdinnen und Juden zu Nichtitalie- SS-Untersturmführer Karl Titho und druckende Museo Monumento al
nerInnen und zu Angehörigen einer SS-Hauptscharführer Hans Haage mit Deportato im historischen Zentrum von
feindlichen Nationalität erklärt werden. einer 40 Mann starken SS-Einheit das Carpi die Erinnerung wach.
Damit beginnt die systematische Verfol- Kommando. Fossoli lag an der Nord-
gung aller italienischen und in Italien Süd Verbindung der Eisenbahnstrecke Dieter Binz
lebenden Jüdinnen und Juden. Bei die- über den Brenner und bot somit logisti-
sem mörderischen Projekt wird die nach sche Voraussetzungen als Durchgangs- Museo Monumento al Deportato
der bereits rassistisch ausgerichteten lager zur Deportation. Am 19. Februar Im Palazzo Pio, Piazza dei Martiri, Carpi
Volkszählung im August 1938 angefer- 1944 verließ der erste Transport Fossoli Öffnungszeiten: Do/Sa/Sonn- und Feiertags
tigte "Judenkartei" genutzt, um die nazi- in Richtung Bergen Belsen. 10 - 12.30 h und 15.30 - 19 h
Das Lager wurde jetzt in zwei Blöcke www2.comune.carpi.mo.it/musei/sito/depo/
faschistischen Razzien und Vergel-
tungsmaßnahmen schneller durchführen unterteilt: ein Block für jüdische Fami- Campo di Fossoli
zu können. Es tritt eine Verordnung in lien, der zweite für politische Gefange- Das Lager Fossoli liegt ca. 6 km nördlich
Kraft, die vorsieht, jüdische Menschen ne (PartisanInnen, Oppositionelle, von Carpi (im Museum ist eine
in Konzentrationslagern zu sammeln. Wehrdienstverweigerer, Streikende aus Wegbeschreibung erhältlich). Es ist
Von den ca. 40.000 Jüdinnen und Juden, Mailand und Turin... ). Während die umzäunt und von außen einsehbar.
die vor dem Zweiten Weltkrieg in Ita- jüdischen Menschen - ein Drittel aller Geöffnet Sonntagnachmittag (Stand
lien lebten, werden 8.500 verhaftet und jüdischen Deportierten aus Italien wer- September 2002).
den über Fossoli "verbracht" - haupt- www.fondazionefossoli.org
deportiert. 7.500 sterben in deutschen
Lagern. Die größten Lager in Italien sächlich nach Auschwitz kamen, so Die Stadt Carpi erreicht man mit dem Auto
sind neben Fossoli die von San Sabba di auch der Schriftsteller und Partisan Pri- von Norden kommend auf der
Trieste, Bozen und Borgo San Dalmaz- mo Levi, wurden die politischen Gefan- Brennerautobahn A 22, letzte Ausfahrt vor
zo. genen in unterschiedliche Vernichtungs- dem Autobahnkreuz mit der A 1 bei
lager gebracht: Mauthausen, Bergen Modena. Mit dem Regionalzug Verona -
Belsen, Buchenwald, Ravensbrück oder Modena, Bahnhof Carpi.
Dachau.
Literaturhinweis:
Das Durchgangslager Fossoli war kein
Vernichtungslager. Es gab keine Ein-
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
München 1998 21
mächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz
Sauckel sahen vor, im Herbst '43 über
300.000 italienische Arbeitskräfte für
die deutsche Industrie und Landwirt-
schaft zu rekrutieren. Im Jahr 1944 soll-
ten sogar 1,5 Millionen ItalienerInnen
zur Verfügung stehen. Man versuchte
auf der einen Seite, durch Prämien und Roberto Torelli wurde bei
Appelle "Freiwillige" anzuwerben, was der Operation "Wallenstein",
in einem bestimmten Umfang auch einer großangelegten
gelang, da die materielle Situation sich Durchkämmungsaktion
seit 1938 durch den Kriegseintritt Ita- gegen Partisanen und zur
liens noch weiter verschlechtert hatte. Gefangennahme von
Zum anderen wurden bei Razzien und Zwangsarbeitern, "vom Feld
Vergeltungsmaßnahmen gegen die weg" verhaftet und nach
Deutschland deportiert.
Deportation und
Bevölkerung im Zuge der PartisanIn-
nenbekämpfung - zumeist männliche -
Zivilisten verhaftet und nach Deutsch-
Zwangsarbeit land deportiert.
Etwa 600.000 italienische Soldaten, die Roberto Torelli: Ich bin Jahrgang
auf dem Balkan, in Frankreich statio- 1927. Wenn man in dieser Zeit geboren
Für die Entschädigung von Zwangsar- niert waren oder die deutsche Truppen wurde und zur Schule ging, war es
beiterInnen aus West- und Südeuropa nach dem 8. September in Italien ent- schwierig ein antifaschistisches Be-
sieht der Fonds der Bundesregierung waffneten, wurden nach Deutschland wusstsein zu entwickeln. Ich habe die
und der Industrie ca. 276 Millionen deportiert. Sie sind nach den momenta- italienische Balilla-Jugend mitgemacht,
Euro vor - fünf Prozent der Gesamtsum- nen Bestimmungen von Entschädi- das entspricht etwa der Hitlerjugend.
me. Nach der Besetzung Italiens wur- gungszahlungen ausgeschlossen, da die Dort wurde mir was geboten, deren
den die vormalig freiwilligen italieni- Stiftung der Industrie und das Bundesfi- Freizeitangebot nahm ich gerne an,
schen "Arbeitsbrüder" in Deutschland nanzministerium sie als Kriegsgefange- denn ich komme aus einer sehr armen
zu Gefangenen. Auch innerhalb Italiens ne deklariert, was sie damals faktisch Familie. Mein Vater emigrierte in den
wurden Menschen von den Nazis ver- nicht waren. Die Nazis erkannten ihnen 30er Jahren als Arbeiter nach Deutsch-
schleppt und zur Arbeit in Industrie, diesen Status ab und zogen sie zu land, kehrte aber wegen seiner
Landwirtschaft oder an der Front Zwangsarbeit in der Industrie und zu Gesichtslähmung Anfang der 40er Jahre
gezwungen. Die Organisation dieser Aufräumarbeiten heran. Ein bestelltes zurück. Er war politisch nicht sehr inter-
Sklaverei lag in der Hand der Organisa- Gutachten des Völkerrechtlers Christian essiert und hatte nichts gegen meine
tion TODT. Zu Beginn des Jahres 1945 Tomuschat soll die Haltung der Geldge- Aktivitäten bei der Balilla-Jugend.
mussten 240.000 Menschen Frontbefe- ber untermauern. Tomuschat argumen- Mit 17 Jahren arbeitete ich gegen Ver-
stigungsarbeiten leisten. tiert damit, dass das Vorgehen der Nazis pflegung auf einem Bauernhof im
Auch ZivilistInnen und kriegsgefange- völkerrechtswidrig gewesen sei, also Appenin. Am 6. August 1944 kamen
ne italienische Soldaten wurden nach müssten die italienischen Internierten deutsche Soldaten und befahlen: "Schu-
Deutschland deportiert - wie Carlo Por- rechtlich heute als Kriegsgefangene he anziehen und mitkommen". Ich war
ta und Roberto Torelli. betrachtet werden. 14.000 Italiener barfuß, denn bei der Arbeit wollte man
haben bei der IOM (Internationale
1938 lief die deutsche Kriegsproduktion Organisation für Migration, die für die
auf Hochtouren. Das Deutsche Reich Auszahlung der Gelder zuständig wäre)
hatte hohen Bedarf an Arbeitskräften.
Postkarte von Roberto Torelli aus dem
Widerspruch eingelegt. Am Verwal- Lager an seine Familie
Ab März diesen Jahres kamen "freiwil- tungsgericht Berlin ist eine Klage eines
lige" ArbeiterInnen aus Italien nach Italieners in dieser Sache anhängig.
Deutschland. Sie wurden in Italien von
den Faschisten mit Fahnen und Musik
verabschiedet und in Deutschland von
den Nazis offiziell und feierlich
begrüßt. Diese Menschen, die zum
Arbeiten nach Deutschland kamen,
waren neben Faschisten, die den Bünd-
nispartner unterstützen wollten, arme
BäuerInnnen und ArbeiterInnen. Die
Arbeitslosigkeit in Italien war hoch und
vor allem auf dem Land und im Süden
herrschte Hunger. Doch mit der Abset-
zung Mussolinis am 25. Juli 1943 wur-
den aus den "Arbeitsbrüdern" Gefange-
ne. Für mehr als 100.000 italienische
ArbeiterInnen wurde damit Deutsch-
land zum Gefängnis.
Die Besatzung Italiens bot Nazi-
Deutschland die Möglichkeit, auch die

22
dortigen menschlichen Ressourcen aus-
zubeuten. Die Pläne des Generalbevoll-
uns auch Luftwaffensoldaten: Wenn die
Eisenbahn bombardiert wurde, mussten
wir die Munition auf Lastwagen verla-
den, die oben deutlich mit einem Roten
Kreuz gekennzeichnet waren. Noch vor
Tagesanbruch mussten die 30 - 40 Rot-
Kreuz-LKW´s den Ort verlassen haben,
damit sie nicht so leicht mit der Muni-
tionsfabrik in Verbindung gebracht wer-
den konnten.
Die hygienischen Bedingung waren
miserabel. Die Schlafbaracken und die
Wagons, aus denen wir das Schießpul-
ver ausladen mussten, waren voller
Ungeziefer. Wir durften nur einmal in
der Woche duschen. Für 75 Leute gab es
nur fünf Duschen. Da waren wir unter-
einander nicht immer solidarisch und
haben uns auch schlecht behandelt.
Ostern 1945 mussten wir zusammen mit
Roberto Torelli einer deutschen Sprengmeistereinheit
Zeitzeugnisse das ganze Gelände verminen. Ein paar
Tage später traten alle Zwangsarbeiter

Acht Pferde
unter deutscher Bewachung den Evaku-
ierungsmarsch an. Aus der Ferne hörten
wir ein Erdbeben - das waren unsere 80

oder 40 Männer
Bunker, die nun in die Luft flogen.
Wir schliefen unter Bäumen und Brü-
cken. Unsere Bewachung war der Über-
Zwangsarbeit in einer mittelfränkischen setzer aus dem Lager - ein noch rüstiger
80-jähriger Mann aus dem Friaul, der
Munitionsfabrik Italiener hasste. Irgendwer hatte schon
alliierte Panzer gesehen. Der alte Mann
bekam Angst und wollte nicht mehr
sich nicht die guten Schuhe ruinieren. In schen Militär anschlossen, um nicht weiter: "Die älteren bleiben besser mit
Unterhemd und kurzer Hose wurde ich Zwangsarbeit leisten zu müssen. Für mir hier und die jüngeren, die Rachege-
mitgenommen. Die Deutschen schlepp- Kollaborateure gab es dort Toiletten, für danken haben, gehen alleine weiter." 60
ten uns dann von Bauernhof zu Bauern- die anderen nur ein großes Erdloch mit
hof und zwangen uns, ein Drittel des Baumstamm.
Viehbestands einzusammeln. Unsere Die gefangenen italienischen Soldaten Wenn die Eisenbahn
Gruppe wurde schließlich getrennt, die
politischen Leute wurden nach Fossoli
wurden ein wenig besser behandelt als
wir Zivilisten. Die Deutschen hofften,
bombardiert wurde,
und wir unpolitische Jungs nach Verona dass sie sich doch noch zum Militär- mussten wir die Munition
in eine Kaserne gebracht. Ein Woche dienst bereit erklären würden. auf Lastwagen verladen, die
später sperrten sie uns in Viehwagons.
Ich erinnere mich noch an die Schilder Danach kam ich mit 120 anderen nach oben deutlich mit einem
an den Türen: "Acht Pferde oder 40 Berlin. Wir mussten nach Bombenan- Roten Kreuz gekennzeichnet
Männer". So standen wir zu vierzigst im griffen die "Krümel" auflesen: Eisentei- waren
Viehwagon und bekamen einen Ballon le von zerstörten Fabriken einsammeln,
mit 30 Litern Wasser für drei Tage die dann wohl wieder verwertet werden
Eisenbahnfahrt. Ich hatte ein kleines sollten. Dann wurde ich in das Lager Deportiere und ich gingen. Unsere Stra-
Anspitzermesserchen für Bleistifte einer Munitionsfabrik in Langlau bei tegie war, uns nicht wie ein Haufen zu
dabei. Da kam mir die Idee, eines der Gunzenhausen (Mittelfranken) ge- bewegen, sondern kolonnenartig tags-
Bretter im Fußboden durchzusägen, bracht. 225 ZwangsarbeiterInnen arbei- über auf der Straße zu gehen. Kamen
nach unten zu gleiten und den Zug über teten dort. Etwa 150 Frauen aus der uns Deutsche entgegen, sagten wir, dass
mich hinweg fahren zu lassen. Die Ukraine und 75 Italiener. Daneben gab wir nur zum nächsten Ort unterwegs
Bodenbretter waren sehr dick. Niemand es viele einheimische Arbeitskräfte aus sind, dessen Namen ich auch immer
hat mir geholfen, niemand hat daran der ganzen Umgebung. nennen konnte. Das hat auch funktio-
geglaubt, dass man dieses Brett mit so Wir wurden hauptsächlich zum Be- und niert, ein bisschen, weil wir uns eine
einem Messerchen durchschneiden kön- Entladen von Munitionstransporten ein- Form gaben und natürlich auch, weil
ne. Meine Hände bluteten, aber ich gesetzt. Es war eine sehr große Anlage, sich die Deutschen inzwischen völlig im
schaffte es. Als ich den Kopf rausstreck- ca. 80 Bunker mit Eisenbahnanbindung Auflösungsprozess befanden. Am 1.
te, sah ich am Ende des Konvois die in einem Waldstück. Fast jede Nacht Mai überquerte ich den Brenner. Es fie-
Anhängerkupplung baumeln, die mich verließen Munitionstransporte die len riesige Schneeflocken und die Deut-
dann erschlagen hätte. So gab ich mei- Fabrik. In der Regel mussten wir 10-12 schen dachten nur noch daran wegzu-
nen Fluchtversuch auf. Stunden pro Tag arbeiten, außer am
Ich wurde in eine große Kaserne nach Sonntag. Normalerweise kommandier-

23
Wiesbaden gebracht. Dort wurden auch ten uns ältere und auch invalide zivile
Italiener ausgebildet, die sich dem deut- Vorarbeiter. Aber manchmal befehligten
Carlo Porta musste die Jahre Mit dem Vorrücken der Sowjets musste
1939 bis 1942 auf Grund seiner ich für ein Jahr ins Ruhrgebiet, ungefähr
antifaschistischen Oppositions- 30 km von Essen entfernt. Eine große
tätigkeit in einem süditalieni- Batteriefabrik - dort wurden auch Batte-
schen Straflager verbringen. rien für Panzerfahrzeuge gebaut - wurde
Nach seiner Entlassung wurde ständig bombardiert und wir mussten
er vom örtlichen faschistischen immer wieder aufräumen. Ich musste
Parteisekretär als Wehr- dann auch während der Luftangriffe
pflichtiger gemeldet und zum arbeiten. Irgendwann habe ich aufge-
Militär eingezogen, dem er sich hört mich vor den Bomben zu verste-
eigentlich hatte entziehen
cken und nur gehofft, dass alles gut
wollen. Nach den Vorschriften
geht. Unser Tag begann sehr früh. Man
hätte er als "unzuverlässiger"
Soldat gar nicht in Albanien wurde um 5 Uhr geweckt, danach ging
stationiert werden dürfen. es 2 km zu Fuß zum Bahnhof. Zurück
Wenige Tage vor dem 8. Sep- kamen wir oft erst abends um 9 Uhr.
tember erging ein Befehl des Mittags aß man dort, wo man gerade
italienischen Ministeriums, dass arbeitete. Es gab gestampfte Kartoffeln
er unter Bewachung nach mit etwas Margarine. Für den restlichen
Italien zurück zu schicken sei. Tag blieb uns nur Brot, das man sich in
Aber zwischen der albanischen Portionen schnitt, um jede Stunde ein
und italienischen Küste operier- winziges Stück davon zu essen. Und
ten bereits englische U-Boote, abends, wenn wir Brot schnitten und die
so wurde der Abfahrtstermin Krümel auf dem Tisch lagen, rissen sich
Carlo Porta über den 8. September hinaus alle darum, den Tisch sauber zu
verschoben. Schließlich wurde machen. Das schlimmste war der
er von dort als Militärinter- abendliche Zählappell. Einer fehlte
nierter nach Deutschland
Zeitzeugnisse deportiert.
immer, manche waren einfach schon auf
ihren Lagern eingeschlafen. Wir mus-

"Diese Leute morgen


sten dann oft eine Stunde Gymnastik
machen, auch im Regen.
Den härtesten Kampf mussten wir Mili-

früh kein Brot" tärdeportierte austragen, als Hitler


beschloss, unseren Status als Kriegsge-
fangene aufzuheben. Man forderte uns
Der italienische Militärinternierte Carlo Porta auf, in die Division Monterosa einzutre-
ten - eine Einheit der faschistischen
Carlo Porta: Am 8. September feierte Häftlinge begraben seien. Wenn wir uns Schwarzhemden. Man hätte also zumin-
meine Einheit gemeinsam mit etwa 150 entsprechend benähmen, würden wir dest nach Italien zurück kehren können.
deutschen Soldaten das Kriegsende. Ita- überleben - wenn nicht, würden wir uns Ein Offizier aus Sardinien und ich
liener und Deutsche legten ihre Unifor- bei den 16.000 wieder finden. Aber wir kämpften dafür, dass niemand sich dazu
men weg. Kurz darauf erhielten die waren jung und konnten auch über man- bereiterklärte. Wir glaubten nicht, dass
deutschen Soldaten jedoch den Gegen- che Dinge lachen. Am ersten Morgen sie uns nach Italien zurückschicken
befehl, sie zogen ihre Uniformen wieder kamen Soldaten und riefen "Aufstehen! würden, sondern an die russische Front.
an und nahmen uns fest - alle, vom ein- Aufstehen!" Und wir sagten: "Ah, auf Der Lagerführer befahl daraufhin: "Die-
fachen Soldaten bis zum Offizier. geht's zum Kaffeetrinken." Bloß, dass se Leute morgen früh kein Brot" [diese
Zu Fuß und mit Karren mussten wir den Kaffee nur sie tranken. Wir verstan- Worte sind Carlo Porta heute noch auf
den, dass dies der Weckruf war, und die- Deutsch im Gedächtnis]. Die Ausein-
se Worte habe ich nie verlernt. andersetzung dauerte zwei bis drei
Wir haben die Leute zu In Neubrandenburg blieb ich ungefähr Monate, aber 300 Häftlinge haben nicht
Tausenden sterben sehen. drei Monate lang. Wir mussten in einer unterschrieben. Irgendwann haben sie
aufgegeben, aber wir bekamen viele
Aber ich habe nie den Mut Ziegelfabrik fertige Steine auf LKW's
und Züge verladen. Abende kein Brot. Es gab auch Lager, in
verloren und mir gesagt, Im Lager war auch jemand von der denen die Unterschriften mit Gewalt
bevor ich sterbe, sterben faschistischen Miliz und ein Soldat der erzwungen wurden.
Eines Tages standen amerikanische
Armee, beide hätten mich eigentlich vor
der Führer und Mussolini - dem 8. September von Albanien nach Panzer da, es war soweit, wir waren
und so war es dann auch Italien zurückbegleiten sollen. Sie hat- befreit. Wir sind dann in verschiedene
ten deshalb meine gesamten Unterla- Gefangenenlager hin und her geschoben
Richtung griechischer Grenze zu einem gen. Sogar diese beiden überzeugten worden, mal unter amerikanischer, mal
Bahnhof laufen. Dort wurden wir in Faschisten wurden deportiert. Ich hatte unter sowjetischer oder englischer Ver-
Eisenbahnwagons gepfercht und nach also die ganze Zeit große Angst, dass waltung. Mehrere Monate musste ich
Deutschland deportiert. 17 Tage ver- meine Vorgeschichte als politischer auf eine Transportmöglichkeit nach Ita-
brachten wir in diesen Wagons auf dem Gefangener herauskommen würde. lien warten. Am 12. September 1945
Weg über Berlin ins Durchgangslager Zum Glück wurden sie mit Arbeitskom- kam ich dann als einer der Letzten nach
Neubrandenburg. mandos in andere Städte geschickt. So Hause zurück. Seit zweieinhalb Jahren
Über 30.000 Häftlinge waren dort verloren wir uns aus den Augen und wussten wir nichts mehr von unseren
inhaftiert. Gleich zur Begrüßung er- meine Unterlagen sind nie mehr aufge- Angehörigen und waren in großer Sor-

24
wähnte der Lagerführer das Massengrab taucht. ge, was wir vorfinden würden, wenn wir
hinter dem Lager, in dem bereits 16.000 zurückkehrten.
Zivile Opfer waren
grausames Kalkül
Das Massaker von Marzabotto

nInnen unter ihrer starken Beobachtung.


Heute leben kaum mehr Im September 1944 wurde die 16. Pan-
Menschen auf dem Monte Sole zergrenadierdivision "Reichsführer SS"
südöstlich von Marzabotto. Nur an diesen Frontabschnitt verlegt. Diese
wenige überlebten das Nazi- Division zog eine regelrechte Blutspur
Massaker zwischen 29. quer durch die Toskana und tötete nach
September und 1. Oktober 1944. Erkenntnissen des Historikers Carlo
Diejenigen, die in die zerstörten
Gentile etwa 2500 ZivilistInnen und
Ortschaften zurück kehrten,
schickte mindestens 10.000 Italiener
fanden noch Monate nach
Kriegsende den Tod durch von zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach
deutschen Soldaten gelegte Deutschland. Am 28. September wurde
Minen. Das Massaker war von der Befehl erteilt, das ganze Gebiet
einem gemischten Verband aus "von Partisanen zu säubern", um die
SS und Einheiten des Heeres Verteidigung und den Rückzug der
verübt worden. Was als Deutschen zu sichern.
militärische Aktion geplant war -
endete in einer Reihe grausamer Die Ereignisse
Massaker an der
Zivilbevölkerung. Am frühen Morgen des 29. September
wurde das Gebiet von Einheiten der SS
und der Wehrmacht umstellt. Sie erhiel-
Im Winter 43/44 scharte Mario Musole- ten Unterstützung von einzelnen ortsan- Indischer Partisan der Formation Stella Rossa. Als
si aus Marzabotto, Kampfname "Lupo", sässigen Faschisten, die, getarnt durch Soldat der Commonwealth-Truppen geriet er in
eine Partisanengruppe um sich. Nach SS-Uniformen, den Deutschen Wege, Kriegsgefangenschaft, konnte fliehen und schloss
dem Vorbild der jugoslawischen Parti- Häuser und mögliche Verstecke zeigen sich der Resistenza an.
sanInnen unter Tito, die unter dem roten sollten. Die Einheiten ermordeten in
Stern kämpften, nannte er die Einheit den folgenden Tagen 770 Zivilpersonen
"Stella Rossa". Zur Zeit des Massakers auf brutale und sadistische Weise. "Es war der 29. September um neun Uhr
bestand sie aus ca. 800 Leuten, darunter Kampfhandlungen gegen Partisanen morgens. Als ich vom Herannahen der
90 Frauen und eine größere Gruppe fanden nur wenige statt. Deutschen erfuhr, flüchtete ich nach
geflohener Kriegsgefangener. Bei Scope kam es zu einem ersten kur- Casaglia. Ich habe meine Familie ver-
Das Gebiet zwischen den Flüssen Reno zen Gefecht. Doch den PartisanInnen lassen und war nicht bei ihnen, als sie
und Setta, das zu den Gemeinden Mon- gelang es, sich auf den Monte Sole ermordet wurde. Es waren meine Mut-
zuno, Grizzana und Marzabotto gehört, zurückzuziehen. In Ca di Derino waren ter und meine 12-jährige Schwester,
lag zwischen den Fronten: Die Alliier- ca. 30 PartisanInnen und im benachbar- acht Cousins und vier Tanten, die alle
ten waren von Süditalien bereits bis ten Cadotto, wo sich der Kommando- am 29. und 30. September in Cerpiano
zum benachbarten Gebirgszug vorge- stand befand, ca. 20 von ihnen. Hier ermordet wurden. Am 29. haben sie sie
drungen, die Deutschen belagerten die wurden in den folgenden Gefechten die verletzt. Am 30. kamen die Nazis
gegenüberliegende Bergkette. Auf zwei meisten PartisanInnen getötet, darunter zurück, um sie umzubringen.
wichtigen Verkehrsstraßen und zwei auch ihr Kommmandant "Lupo". Den In Casaglia hörten wir die Schüsse der
Eisenbahnlinien, darunter die direkte Überlebenden gelang es, sich im Wald Deutschen immer näher kommen. Wir
Zugverbindung zwischen Bologna und zu verstecken und - vermutlich in einer konnten den Rauch der in Brand gesetz-
Mittelitalien, transportierten die Nazifa- Kampfpause - der Einkreisung durch ten Häuser sehen. Niemand wusste
schisten Truppen, Waffen und Waren. die Deutschen zu entkommen. wohin und was machen. Letztendlich
Dies machte die Gegend zu einem wich-
tigen Aktionsgebiet der "Stella Rossa", Überlebende berichten
die Sabotageaktionen und Überra- Diese Division zog eine
schungsangriffe deutsche und faschisti- Zum Zeitpunkt des Massakers lebten regelrechte Blutspur quer
sche Einrichtungen und Einheiten
durchführte.
nicht nur Einheimische auf dem Berg,
sondern auch Flüchtlinge aus Bologna, durch die Toskana
Seit dem Angriff der Alliierten im Som- die in den Bergen Schutz vor Bombar-
mer 1944 auf die "Gotenlinie", die deut- dements gesucht hatten. Andere waren haben wir uns in die Kirche geflüchtet.
sche Verteidigungslinie in Norditalien, von den Deutschen aus der Toscana Als die Nazis dorthin kamen, hatte ich
waren die beiden Berge Monte Caprara hierher verschleppt worden. Angst, ihnen ins Gesicht zu sehen. Sie
und Monte Sole für die Deutschen die Nur durch glückliche Zufälle gelang es schlossen das Kirchentor und alle im
letzten natürlichen Bollwerke vor
Bologna. Deshalb standen die Partisa-
einigen wenigen, dem Massaker zu ent-
kommen, so Lidia Pirini aus Cerpiano:
Inneren schrieen vor Entsetzen. Wenig
später kamen sie zurück und führten uns 25
sie ihn vor dem Altar. Ich hatte eine einige Nazis tauchten mit furchteinflö-
Hand auf den Mund meines Cousins ßenden Gesichtern auf. In ihren Händen
Giorgio gepresst, aus Angst, er würde trugen sie Handgranaten und sie sahen
schreien. Sie ermordeten auch eine uns an, als würden sie ihre Beute aussu-
Frau, die gelähmt war und sich nicht chen (...). Dann flogen Handgranaten
rühren konnte." durch die Tür und die Fenster: Wir
Der Partisan Adelmo Benini von der schrieen, weinten, flehten, die Mütter
"Stella Rossa" verlor bei dem Massaker hielten ihre Kinder fest, schützten die
seine Frau und beide Kinder. Er erfuhr Gesichter und suchten verzweifelt
in der Nacht vom 28. auf den 29. Sep- Schutz. Ich fiel ohnmächtig zu Boden."
tember vom Anrücken der Deutschen
und warnte seine Frau, die mit den bei- Anerkennung von Kesselring
den Mädchen fluchtartig das Haus ver-
ließ und nach Casaglia flüchtete. Nach "Bandenaktion beendet, mit Vernich-
den bisher gemachten Erfahrungen ging tung der Bande Roter Stern." Dafür gab
man davon aus, dass die "männliche es eine Anerkennung von Kesselring.
Matrix des Krieges" respektiert werde: Doch nur zwei Tage später klagten die
Bei vorangegangenen Razzien, waren Deutschen wieder über eine Zunahme
die Männer zu Zwangsarbeit ver- der Bandentätigkeit. Lediglich die logi-
schleppt worden, den Frauen, Kindern stische Struktur der "Stella Rossa" war
und Alten war jedoch nichts geschehen. zerstört worden. Lutz Klinkhammer
So glaubte sich die Zivilbevölkerung in zieht den erschreckenden Schluss: Da
der Kirche von Casaglia sicher. Die den durchführenden Einheiten schnell
Kämpfenden zogen sich in die angren- klar gewesen sein dürfte, dass sie die
zenden Wälder zurück, um keine Zivili- "Stella Rossa" nicht vernichten konn-
stInnen zu gefährden. ten, sei die Tötung der ZivilistInnen
Doch Adelmo Benini musste vom Berg grausames Kalkül gewesen. Man habe
aus zusehen, was unten in Casaglia eine möglichst große Zahl von Opfern
geschah: gebraucht, um eine erfolgreiche Aktion
"Voller Panik stellten wir fest, dass die melden zu können.
Nazis keineswegs Frauen und Kinder
Mauerreste des Ostchores der Kirche von Casaglia. verschonten. Das sah man, als sie sie 1989 wurde das betroffene Gebiet zum
In den Tagen vom 29. September bis zum 1. mit Stößen und Fußtritten zum Friedhof "Parco Storico di Monte Sole", zum
Oktober finden die Massaker statt. Von überall her jagten. Wir sahen, wie sie das Tor zum historischen Park von Monte Sole
flüchten sich die BewohnerInnen des Monte Sole in
die Kirche von Casaglia, in der Hoffnung, dort in Friedhof aufschossen und sie alle auf erklärt.
Sicherheit vor der deutschen Razzia zu sein. Doch den Stufen zur Kapelle zusammen-
alle - mit Ausnahme eines Priesters, einer pferchten, die Großen hinten, die Klei- Nadja Bennewitz und Dieter Binz
gelähmten Frau und zwei Kindern, die sofort nen vorne; als ich merkte, wie sie mit
erschossen werden - werden von den Soldaten aus den Maschinengewehren zielten, warf
der Kirche getrieben und später auf dem Friedhof ich mich den Bergrücken hinunter und 1 Alle Zeitzeuginnenberichte stammen aus:
erschossen. Giorgi, Renato: Marzabotto parla,
schrie die Namen der meinigen, (...). Ich
konnte sehen, wie sie mit Maschinenpi- Marsilio Editori, Venezia 1999
zum Friedhof. Wir mussten uns vor der stolen und Gewehren mitten in die
Gedenkstätte Parco Storico Monte Sole in
Kapelle aufstellen; sie platzierten sich Unschuldigen schossen. Sie warfen der Emiglia Romagna, südlich von Bologna:
in der Hocke, um gut zielen zu können. Handgranaten und die Soldaten töteten Autobahn Bologna - Florenz, Ausfahrt
Sie schossen mit Maschinenpistolen Einzelne, die noch am Leben waren und Sasso Marconi: Bundesstraße 64
und Gewehren. Ich wurde von einem klagten." (Superstrada SS 64) entlang des Flusses
Maschinengewehr am rechten Ober- Nicht weit von der Kirche von Casaglia Reno in Richtung Porretta; Marzabotto
schenkel getroffen und fiel ohnmächtig entfernt befand sich der Andachtsraum durchfahren bis zum Ortsteil Pián di
zu Boden.1" von Cerpiano. Hier hatte die SS 49 Per- Vénola; dort links abbiegen in Richtung
sonen eingesperrt, darunter 19 Kinder. "Parco Storico di Monte Sole/Casaglia",
Kurz nach ihrer Ankunft warf die SS hinter Bahnübergang nach
Flussüberquerung rechts halten. Dann
Wir mussten uns der Größe Handgranaten in den Andachtsraum. 30
kleine Bergstraße hoch bis zur Hochebene
nach vor der Kapelle Menschen waren sofort tot. Der achtjäh-
rige Fernando Piretti war am Leben
des Monte Sole.
Sede legale: Via San Martino 25, 40043
aufstellen; sie platzierten geblieben. Weil er glaubte, die Nazis Marzabotto (Bo)
sich in der Hocke, um gut seien abgezogen, zog er die sechsjähri- Sede Ufficio: Via Porrettana Nord 4 d/e/f,
40043 Marzabotto (Bo)
zielen zu können ge Paola Rossi unter dem toten Körper
ihrer Mutter hervor, der sie vor dem Tod
bewahrt hatte. Doch die Nazis kamen Joachim Staron: Fosse Ardeatine und
Elena Ruggier gelang es, sich zusam- am nächsten Morgen zurück, um die Marzabotto: Deutsche Kriegsverbrechen
Überlebenden durch gezielte Schüsse zu und Resistenza, Paderborn u. a. 2002
men mit ihrer Tante, einem Cousin und
einem Bekannten in der Sakristei zu töten. Die dritte Überlebende, die Leh-
Friedrich Andrae: Auch gegen Frauen und
verstecken, von wo aus sie das weitere rerin Antonietta Benni, schaffte es gera- Kinder. Der Krieg der deutschen
Geschehen beobachten konnten: "Der de noch rechtzeitig, die beiden Kinder Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in
Priester konnte deutsch und redete mit unter einer Decke zu verstecken. Sie Italien 1943 - 1945, München/Zürich (2)
zweien von ihnen. Sie lachten ständig berichtet: "Wir hatten gehofft, dass sie 1995

26 und zeigten auf ihre Gewehre und weil


der Priester beharrlich blieb, erschossen
uns nichts antun würden. Stattdessen
öffnete sich nach kurzem die Tür und
Zeitzeugnisse

Es folgte eine Explosion ...


Meine Schwester war mit unserem Cou- hier ein. Plötzlich tauchten Reder und
sin und anderen Jugendlichen in die seine Leute wieder auf, die alle im Haus
Pfarrkirche nach Casaglia gegangen. in den Keller einsperrten. Sie benutzten
Francesco Als sie ankamen, war die Kirche bereits die Küche, wärmten sich an dem bren-
Pirini mit ca. 90 Personen gefüllt. Die Solda- nenden Ofen und fingen an, die Frauen
ten trieben die Leute dann zum Fried- einer Inspektion zu unterziehen. Ein
Francesco Pirini ist einer der hof, wo die gesamte Gruppe mit Onkel von mir war einer der Überleben-
wenigen Überlebenden von Maschinengewehren beschossen wurde. den. Er hatte seine Frau und sechs Kin-
Marzabotto. Nachdem er fast Meine Schwester bekam einen Schuss der die Woche zuvor verloren. Er
50 Jahre nicht über seine in ihr Hüftgelenk. Sie knickte ein und bemerkte die seltsame Inspektion und
Erlebnisse sprach, berichtet er fiel, starb aber nicht an der Verletzung. versteckte ein Mädchen mit meiner
heute als Zeitzeuge über die Sie blieb verletzt auf der Erde liegen Schwester unter einem umgedrehten
damaligen Ereignisse. und die anderen fielen tot auf sie. Das Holzkübel. Dadurch entgingen die bei-
war am 29. September 1944, einem den dem nachfolgenden Schicksal der
Freitagvormittag. Sie blieb dort bis zum Frauen. Denn kurz darauf wurden alle,
Samstagnachmittag liegen, als ein Bau- einschließlich einer Ordensschwester,
Francesco Pirini: Am 29. September er aus der Gegend kam, der verzweifelt von Reder und seinen Soldaten verge-
1944 bekamen wir in Cerpiano mit, dass seine Familie suchte. Er fand seine waltigt. Dann mussten sie das Haus ver-
es eine deutsche Durchkämmungsaktion Angehörigen tot unter dem Berg von lassen. Die Gruppe der Überlebenden
gab. Meine Mutter hat mich fortge- Leichen. Er hörte meine verletzte zog nach Bologna und brauchte über
schickt. Mit 17 Jahren befand ich mich Schwester und befreite sie. Trotz des einen Monat, bis sie dort Mitte Novem-
im "Risikoalter", zum Militär eingezo- Steckschusses machte sie sich in Rich- ber ankamen.
gen zu werden. Es war schon häufiger tung Cerpiano auf. Sie wollte nach Hau- Ich hielt mich die ganze Zeit über im
vorgekommen, dass die Deutschen hier- se gehen, um zu sehen, was mit den Wald versteckt. Als die Soldaten ihr
her kamen und Häuser ansteckten oder anderen geschehen war. Auf ihrem Weg Lager aufbauten, hatte ich die Hoffnung
jemanden suchten. sah sie in einiger Entfernung deutsche aufgegeben, nach Cerpiano zurückkeh-
Soldaten. Da sie offensichtlich auf sie ren zu können. Im Wald war ich auf
Ich versteckte mich auch diesmal in schießen wollten, ließ sie sich in einen
einem Waldstück, von dem aus ich Cer- Straßengraben die Böschung herunter-
piano sehen konnte. Um zu sehen, was fallen. Somit entging sie den Schüssen. Meine Schwester blieb
dort vor sich ging, legte ich mich in Im Graben stieß sie auf drei andere verletzt auf der Erde
unmittelbarer Nähe flach auf den Wald-
boden und konnte folgendes beobach-
Frauen, die sich dort bereits versteckt
hielten. Vorerst blieben sie zusammen. liegen und die anderen
ten: Die Frauen behandelten ihre Wunde fielen tot auf sie
Ungefähr 16 Soldaten der SS waren durch Waschungen mit eigenem Urin
angekommen. Sie hatten die älteren und brachten ihr bei, wie man Wunden
Männer, Frauen und Kinder in unser desinfiziert. andere Leute gestoßen. Wir hatten
Kirchlein getrieben. Dann folgte eine Nach ein paar Tagen kamen alle aus gemeinsam den Fluss überquert und
Explosion. Ich hörte Schreie und Stöh- ihrem Versteck. Sie suchten nach ihren unterhalb eines Dorfes herausgekom-
nen aus dem Inneren der Kirche, das Familien und fanden Tote und Leichen- men. Wir waren durchnässt und dreckig
nach und nach abflachte und schließlich berge. Sie setzten die Verstorbenen in und versuchten Unterschlupf bei ein
aufhörte. Plötzlich wurde versucht, die einem Massengrab bei. paar Bauernhäusern zu finden, was uns
Tür von innen zu öffnen. Ein älterer In Cerpiano war das große Steinhaus jedoch verwehrt wurde. Eine der Bäu-
Mann kam raus. Er wurde jedoch von nicht zerstört worden. Aus diesem erinnen, Margarita Janelli, hat sich
zwei Soldaten sofort niedergeschossen. Grunde fanden sich die Überlebenden jedoch dazu überreden lassen, Brot zu
Diese Ereignisse habe ich selbst beob- backen und uns Essen in den Wald zu
achtet, andere wurden mir von den bringen. Durch ihre 5 Brotlaibe konnten
Persönliches Gedenken in wir 10 Tage überleben.
Überlebenden erzählt. den Ruinen am Monte Sole
Später sahen wir ein Gefecht zwischen
Deutschen und anderen Soldaten. Da sie
gegen die Deutschen kämpften, waren
wir der Meinung, dass das diejenigen
waren, auf die wir warteten. In der fol-
genden Nacht machten wir uns in Rich-
tung dieser Soldaten auf. Dadurch über-
schritten wir die damalige Front und
befanden uns im schon befreiten Gebiet
der Alliierten.

27
Zeitzeugnisse

"Wenn du keine Post


bekommst,
geht es mir prima"
Erinnerungen eines deutschen
M. E., auch bekannt Deserteurs
als Alberto und Egbert

eingegliedert wurden, bildeten sie eine seiner guten Sprachkenntnisse - "ich


''Flieger-HJ" und betrieben den Bau von sprach englisch, ich sprach französisch,
Segelfliegern. ich sprach italienisch" - einem Kriegs-
M. E. - er möchte hier nur mit Eigentlich wollte M. E. Journalist wer- gefangenenlager bei Anzio Nettuno als
diesen Initialen genannt werden den, aber sein Vater zwang ihn zu einer Dolmetscher zugeteilt. Nebenbei
- war als junger Wehrmachts- kaufmännischen Ausbildung. Noch kurz schmuggelte er auch Flüchtlinge aus
soldat während des Krieges in vor Kriegsbeginn durfte er nach Eng- dem Lager. Er brachte auch italienische
Afrika und Italien. In seinem land reisen, lernte Marjorie, Billy und Prostituierte zu den Deutschen. Sie soll-
Kopf haben sich die Bilder der andere jungen EngländerInnen kennen ten Soldaten und Offiziere davon abzu-
Soldaten und ZivilistInnen und bekam dort einen Eindruck von halten, Frauen zu vergewaltigen. An
eingeprägt, die vor seinen Presse ohne allgegenwärtige Zensur. diese Vorfälle erinnert sich M. E., der
Augen gestorben sind. "Aber Nach seinem Arbeitsdienst meldete er sich von seinen italienischen FreundIn-
viel schrecklicher waren die sich Ende 1940 freiwillig zur Flieger- nen Alberto nennen ließ, noch sehr
Erlebnisse, die ich zu Hause ausbildung nach Schleißheim. Bald genau: Nachdem er durch Hilferufe
gesehen habe. Wie Hitler plagten ihn Gewissensbisse, dass er geweckt wurde, stürmte er nur mit Uni-
gesagt hat: Wir radieren. Aber vielleicht auf seine englischen Freunde formhose bekleidet auf die Straße: "A
dann haben die Engländer schießen müsste. "Also gut, ich werde soccorso, also Hilfe, Hilfe! Deutsche
radiert." denen was husten. Ich mime Bauch- Soldaten sind nach einem Saufgelage
schmerzen. Bei der Fliegerausbildung raus und haben Frauen gesucht, um sie
saß ja der Fluglehrer vorne, hinten saß zu vergewaltigen. Dann habe ich die
der Schüler. Auf einmal kotzte ich dem Pistole genommen und in die Luft
Was M. E. dazu bewegte zu desertieren, hinten in den Kragen, und ab der Zeit geschossen. Ich bin in ein Haus, wo ich
ist eine etwas längere Geschichte. Als war ich nicht mehr flugtauglich. Kann einen, der sich neben eine Frau legen
Junge war er begeisterter Pfadfinder man ja verstehen, nicht?" Danach erleb- wollte, zurückriss und sagte: mein lie-
und wünschte sich ein abenteuerliches te der Flugschüler als Kradmelder den ber Freund, raus hier! In diesem
Rückzug der deutschen Truppen aus Moment wusste keiner wer ich war -
Nordafrika. Es folgte seine Versetzung meine Rangabzeichen konnte ich ja
Also gut, ich werde denen nach Italien, er transportierte Lebens- nicht auf der nackten Schulter anbrin-
was husten. Ich mime mittel, Waren und die Beute deutscher
Offiziere von Süden nach Norden. Von
gen. Dann habe ich sie alle rausge-
schmissen."
Bauchschmerzen. Bei der seiner Mutter konnte er ein wenig italie-
Fliegerausbildung saß ja nisch.
Während er in Süditalien auf eine Fähre
Bald darauf bekam er den Auftrag,
Viehherden nach Norden zu treiben, die
der Fluglehrer vorne, wartete, lernte er eine italienische Frau dann nach Deutschland transportiert
hinten saß der Schüler. und im Anschluss ihre Familie kennen.
Der Bruder bat ihn, jemanden in seinem
werden sollten. Ihm wurden sechs oder
sieben Italiener und ein Panjewagen
Auf einmal kotzte ich dem Laster nach Rom mitzunehmen. "So zugeteilt. Auf dem Weg tauschten sie
mit der Bevölkerung Vieh gegen
hinten in den Kragen, und kam ich über die Frau zu deren Bruder,
der beim Widerstand war. Er brachte Lebensmittel und Quartier. "Es kam vor,
ab der Zeit war ich nicht noch zwei andere mit, die sich unter den dass ich 120 Schafe hatte und zum
Apfelsinen versteckt haben." Schluss kamen nur 80 an. Ja, was macht
mehr flugtauglich man bei einem Fliegerangriff, da laufen
Das war seine erste Begegnung mit der die Schafe halt weg." Aus Alberto und
Resistenza, die er nicht mehr genau zu den Italienern wurde eine "verschwore-
Leben. Seine Mutter war Sängerin mit datieren vermag - auf jeden Fall war es ne Gemeinschaft". Sie trugen sich mit
Ausbildung bei einer italienischen Pri- noch vor dem 8. September 1943. Wäh- dem Gedanken eine Widerstandsgruppe
madonna und zu Hause gaben sich rend dieser Zeit kam er viel herum, mar- zu bilden. Einmal wurde die Gruppe
KünstlerInnen aus vielen Ländern die schierte bei verschiedenen Truppentei- Zeuge, wie deutsche SS-Einheiten eine
Türklinke in die Hand. Den Sohn faszi- len, zeitweise auch bei einer Propagan- Gruppe Frauen zu Schanzarbeiten nach
nierte besonders die Fliegerei. Als die dakompanie. Nach der Landung der Monte Cassino verschleppten. Einige

28 Pfadfinder in Haan der Hitler-Jugend Alliierten in Sizilien wurde er wegen Frauen starben, als sie von einem über-
füllten Laster stürzten. Nur mit Mühe eine Frau namens Maria zu einer Parti- fizier genannt hatte. Auf der Suche nach
konnte Alberto seine Gefährten zurüc- sanengruppe in der Nähe von Rom, die dieser Gruppe erhielt er bei Privatleuten
khalten. "Wir wären alle erschossen sich zum Teil aus ehemaligen Spanien- Unterschlupf. In einem Taubenhaus in
worden, sie hatten Waffen und es kam kämpfern zusammensetzte. Als Alberto Den Haag wurde aus M. E., auch
Verstärkung." sich einem Hinterhalt gegen einen deut- bekannt als Alberto, Egbert. Als deut-
schen Konvoi beteiligen sollte, weigerte sche Truppen dieses Stadtviertel durch-
Im März 1944 erhielt Alberto einen er sich - niemanden, egal auf welcher kämmten, wurde Egbert auf der Flucht
Urlaubsschein, entschloss sich nach Seite, war er bereit zu töten. Die Parti- festgenommen. Da Deserteuren die
Hause zu fahren und verabredete sich sanInnen drohten daraufhin, ihn als Hinrichtung drohte, gab er sich diesmal
mit den anderen für die Zeit nach seiner deutschen Spion hinzurichten und für einen Italiener aus, der gemeinsam
Rückkehr. sperrten ihn in einen Schweinestall. mit den Deutschen gegen die Engländer
In Deutschland stand er vor Trümmer- Besagte Maria löste in der Nacht Bretter kämpfen wolle. Sehr schwierig sei es
landschaften, viele Freunde waren tot aus der Rückwand, brachte Brot, Käse gewesen, auch bei malariabedingten
oder verschollen, fünf von sechs Tanten und Wasser. Er hatte Fieber, sie wusste Fieberanfällen kein deutsches Wort zu
verbrannt. "Der Mutter habe ich gesagt: von seiner Gonorrhoe und Malaria. Ihr sprechen. Auf dem Weg zu einem Ver-
Mama, ich desertiere jetzt." Seine Mut- Vater war ein ranghoher Partisan. Heute hör gelang ihm später die Flucht. Bei
ter war sehr besorgt, weil sie nun wahr- denkt M. E., dass er wegen seiner einer christlichen Widerstandsgruppe
scheinlich nichts mehr über den Ver- Krankheit und Marias Hilfe seiner Hin- konnte er bis Kriegsende unterschlüp-
bleib ihres Sohnes erfahren würde. richtung entging. "Frauen haben eine fen. Aber das ist eine andere lange
"Wenn du keine Post mehr bekommst, große Rolle bei mir gespielt. Frauen Geschichte.
geht es mir prima", entgegnete M. E., habe ich mein Leben zu verdanken."
"aber sobald du Post bekommst, ist das Die Partisanen hätten auch seine Krank- Der spätere Reisejournalist erhielt kei-
die Todesnachricht. Also freu dich, heit als Vorwand genommen, weil sie nerlei Entschädigung, weil er seine
wenn du keine Post bekommst." ihn gar nicht hinrichten wollten, da sei- Geschichte nicht mit Dokumenten bele-
ne Haltung ihnen auch imponiert habe. gen konnte und seine ZeugInnen gestor-
Auf dem Rückweg nach Italien verließ ben oder nicht aufzufinden waren. Aber
er bereits kurz vor Rom den Zug und In der Apotheke holte er wieder seine er sieht das Ganze letztlich gelassen:
versteckte sich auf der Flucht vor einem Uniform. Mit einem Marschbefehl in "Ich habe das ja nicht getan, um Geld zu
Feldjäger in der Damentoilette. Dort der Tasche gelangte er in ein Lazarett bekommen".
bemerkte eine Frau den Deserteur, die für Soldaten mit Geschlechtskrankhei-
ihn, da er sich als krank ausgab, in die ten am Gardasee. Dort, in Riva, freun-
Apotheke ihrer Tante brachte. Gegenü- dete er sich mit einem deutschen Unter-
offizier an, der Kontakt zur Stauffen-
ber seinen Beschützerinnen gab er sich
berggruppe suchte. Seinen Aufenthalt Ja, was macht man bei
als Franzose mit einer deutschen Mutter
aus: Monsieur Bilancourt. Seine deut- im Lazarett konnte er als Mitglied des einem Fliegerangriff, da
sche Uniform blieb in der Apotheke Kameradenkabaretts in die Länge zie- laufen die Schafe halt weg
zurück, während der "Franzose" nach hen. Im August jedoch erhielt er einen
Rom gebracht und in einer Stadtwoh- Marschbefehl nach Holland. Er setzte
nung versteckt wurde. sich erneut von der Truppe ab und woll-
Es begann eine Zeit des ständigen Ver- te sich einer Widerstandsgruppe Für Deserteure gab es nach dem Krieg
stecktseins. Als Deserteur war er seinem anschließen, die ihm besagter Unterof- kaum Anerkennung und positive Reak-
Umfeld wehrlos ausgeliefert. Er lebte in tionen. M. E. erinnert sich an ein
ständiger Ungewissheit über sein weite- Gespräch mit dem Pfarrer, den er als
res Schicksal. Kind sehr geschätzt hatte. Der Geistli-
1940: Auszeichnung che machte ihm nach dem Krieg Vorhal-
Von der Apotheke holte ihn eine Fah- vom Führer für M.E. tungen, weil er desertiert war und seiner
rerin in einem Fiat mit zerschossenem Mutter Sorgen bereitet hätte. Später
Spiegel ab. Sie trug eine Pistole. Als sie fand er heraus, dass sein Pfarrer selber
wortlos mit ihm in einen abgelegenen Offizier war - es entfährt ihm ein "Pfui
Waldweg fuhr, ausstieg und hinter dem Deibel".
Wagen verschwand, befürchtete er, jetzt
erschossen zu werden. Die Frau stieg Matthias Brieger, Maike Dimar,
jedoch wieder ins Auto, als ob nichts Wolfgang Most
gewesen wäre. Beim Weiterfahren
glaubte er aus dem Augenwinkel
Monatsbinden liegen zu sehen.
Rom war zu diesem Zeitpunkt bereits Das Gespräch mit M. E. fand im Januar
"offene Stadt", was er nicht wusste. Von 2003 statt.
seinen HelferInnen wurde er auf Herz
und Nieren geprüft; so befragte ihn ein Die Recherchen zu diesem Beitrag wur-
italienischer Widerstandskämpfer, der den von der Rosa Luxemburg Stiftung
in der Fremdenlegion französisch gefördert.
gelernt hatte. Vor Aufregung vergaß der
"Franzose" seinen Namen und nannte
sich "Boulanger". Dennoch überstand er
diese und andere rätselhafte Überprü-
fungen. Nach einer Zwischenstation in
einem anderen Bauerndorf brachte ihn
29
"An ihre Namen
erinnere ich mich
nicht mehr"
Deserteure Man kann nicht mit Sicherheit behaup-
in der Resistenza ten, dass die Deserteure mit gefestigten
Widerstandswillen repräsentativ sind.
Fernando Cavazzini, Kampfname Toni,
Familie unter den Bomben sie davon war Partisan im Emilianischen Appenin.
überzeugt hatte, dass dieser unerträgli- Auch in seiner Einheit gab es Deserteu-
che Zustand, dieser Krieg, ... beendet re: "Diejenigen, die bei uns waren,
werden müsse". waren alles ehemalige Wehrmachtsol-
Andere, wie der in Berlin geborene daten, keine überzeugten Nazis. Leute,
Aktivist der GAP mit dem Kampfnamen die keine Lust auf den Krieg hatten. Das
"Enz" kamen aus antifaschistischen war auch der Grund, weshalb sie bei uns
Hans Schmidt Milieus. "Enz", dessen Familie in deut- zum großen Teil nicht an bewaffneten
schen Lagern ermordet worden war, Aktionen gegen deutsche Wehrmacht-
Über 100.000 deutsche geriet in die Fänge der SS, wo er zu seinheiten teilnehmen wollten. Sie
Soldaten desertierten im Tode gefoltert wurde, ohne die Stellun- kannten die Leute, bis kurz vorher
Zweiten Weltkrieg. Gegen gen der PartisanInnen verraten zu waren das ihre Kollegen gewesen und
Deserteure, derer sie habhaft haben. sie wollten sich da raushalten. Sie haben
wurde, ging die Wehrmachts- zwar bei uns mitgearbeitet, waren wich-
justiz mit erbarmungsloser In La Spezia hatte sich Kapitän zur See tige Unterstützer, aber wollten an den
Härte vor: 22.750 so genannte Rudolf Jacobs wegen der Massaker von direkten bewaffneten Aktionen oft nicht
Fahnenflüchtige wurden zum deutschen Truppen zur Zusammenarbeit teilnehmen. Vielleicht wäre das anders
Tode verurteilt. Viele wurden mit den PartisanInnen entschlossen. gewesen, wenn wir irgendwelche
noch in den letzten Kriegstagen Bereits vor seinem Übertritt lieferte er besonderen Nazieinheiten hätten an-
umgebracht. Informationen. Im Spätsommer 1944 greifen müssen."
setzte er sich nahe Lerici ab, fiel aber
schon am 3. November 1944 im Kampf Deserteure wurden durch Agitation von
Die Zahl der Desertionen in Italien hat- gegen italienische Faschisten. Von der antifaschistischen Kräften in den eige-
te bereits im Sommer 1944 ein erhebli- Gemeinde Sarzana wurde er posthum nen Reihen, der Resistenza oder der
ches Ausmaß. Laut einem Bericht der ausgezeichnet. Alliierten in ihren Entscheidungen
Geheimen Feldpolizei vom Juli 1944 beeinflusst; zum Teil spielten die Faszi-
desertierten in der Gegend von Civitella Hans Schmidt aus Berlin war Mitglied nation des Landes, Kenntnis der Spra-
721 Soldaten. Zahlenangaben zum Aus- der Sozialistischen Arbeiterjugend che, Beziehungen zu einheimischen
maß der Beteiligung deutscher Deser- gewesen und 1935 für einige Monate im Männern und Frauen oder Kontakte zu
teure an den Partisanenkämpfen gibt es KZ Columbia bei Berlin inhaftiert. 1944 PartisanInnen eine wichtige Rolle.
jedoch nicht. unterstand er als Funker der Luftwaffe
in Albinea/Reggio Emilia. Schmidt hat- Zweckorientierte Kriegsinterpretatio-
Battaglia1 kam durch eine Befragung te seit Monaten Kontakt zu den Parti- nen und verklärende Kriegserinnerun-
ehemaliger PartisanInnen zu dem sanInnen. Gemeinsam mit Oddino Cat- gen führten in der deutschen Nach-
Schluss, "dass sich der Übergang von tini plante er die Gründung einer Parti- kriegsgesellschaft zu einer Ächtung der
Deutschen in die Reihen der italieni- saneneinheit, die deutsche Deserteure Deserteure. Ihren Witwen wurden bis in
schen Widerstandsbewegung nicht auf aufnehmen sollte. Schmidt wollte den die 90er Jahre Renten verweigert. Die
Einzelfälle beschränkt, sondern ein PartisanInnen die Funkanlage überge- Bundesregierungen ließen sich bis 2002
bedeutendes Ausmaß erreicht" habe. ben und zwei Luftwaffenoffiziere aus- Zeit, Deserteure zu rehabilitieren. Wer
liefern, die verbrecherische Befehle sich jedoch den PartisanInnen
gegeben hatten. Andere Wehrmachtsan- anschloss, bleibt als "Kriegsverräter"
Diejenigen, die bei uns waren, gehörige - Erwin Bucher, Erwin Schlun- von der Rehabilitation ausgeschlossen.
waren alles ehemalige der, Karl-Heinz Schreyer und Martin
Koch - unterstützen ihn. Die Aktion war
Auf die Seite der gegen den Nationalso-
zialismus kämpfenden Gegner zu wech-
Wehrmachtsoldaten, keine bereits angelaufen, als ein alliiertes seln, gilt weiter als Straftatbestand.
überzeugten Nazis - Flugzeug Leuchtfeuer abwarf und in der
Leute, die keine Lust auf den Stellung Alarm auslöste. So flog alles Matthias Brieger
auf und die fünf wurden inhaftiert.
Krieg hatten Schmidt gelang es eine Handgranate mit 1 Roberto Battaglia: Deutsche Partisanen in
in seine Zelle zu nehmen. Sein Plan, der italienischen Widerstandsbewegung,
Der Partisan Alberto Qualierni sagte sich und die Offiziere umzubringen, die in: Internationale Hefte der
ihm: "An ihre Namen erinnere ich mich ihn verhören sollten, scheiterte; die Gra- Widerstandsbewegung 2, (1960), Heft 4,
S.73-82
nicht mehr. Was den Grund ihrer Deser- nate wurde entdeckt und er erschossen.
tion betrifft, so erinnere ich mich dass Bucher wurde auf der Flucht erschos- Die Recherchen zu diesem Beitrag wur-
sie, wenn sie überhaupt etwas sagen sen, die drei anderen hingerichtet. den von der Rosa Luxemburg Stiftung
30 wollten, erzählten, dass die Trennung
(...) oder das Zugrundegehen ihrer
Schmidt ist heute Ehrenbürger der
Gemeinde Albinea.
gefördert.
"Von
Massakern
wurde nie
etwas
erzählt"
SS-Karstwehr
Urlaubsort Pottenstein
ermordete in
Avasinis "Von Massakern wurde
51 Einwohner nie etwas erzählt"
Die Recherchen sind aufwändig,
sie führen bis nach Norditalien SS-Karstwehr ermordete in Avasinis
in die Provinz Udine. Dort liegt 51 Einwohner
das Bergdorf Avasinis, ein 800-
Seelen-Ort an den Hängen des
Monte Cuar. Die Spuren weisen
sich in nördlicher Richtung absetzte. Im beim Dorf vorbeigekommen sind.
auch in die von vielen
Anschluss an das kurze Gefecht begab "Ermittlungen sprechen sich in diesen
Urlaubern geliebte Fränkische
sich die Truppe ins nahe gelegene Ava- Kreisen schnell herum", meinte ein Kri-
Schweiz im Städtedreieck
sinis und metzelte erbarmungslos 51 minaler, der auch Absprachen der SS-
Bayreuth-Bamberg-Nürnberg.
Bewohner nieder, darunter fünf Kinder Leute untereinander vermutete. Vieles
Hier wurde im bekannten
im Alter von zwei bis zwölf Jahren und deutet darauf hin.
Urlaubsort Pottenstein 1942/43
zwei Frauen, die 75 und 81 Jahre zähl-
die sogenannte SS-Karstwehr
ten." Die letzte Hoffnung setzt Lückemann
gedrillt, die bei der Partisanen-
auf ein Rechtshilfeersuchen an Italien,
bekämpfung in Italien und
Jahrzehntelang blieben die Mörder in das im August 1999 gestartet wurde.
Slowenien eine blutige Spur
Uniform im Dunklen. Erst das Wiesen-
zog. Das SS-Karstwehrbataillon
thal-Dokumentationszentrum in Wien,
wurde im August 1943 nach
das weltweit NS-Verbrechen recher- Es habe wahrscheinlich
Kärnten verlegt und war
anschließend bei Tarvis im
chiert, wies die deutsche Justiz im keine Truppe gegeben, die
Einsatz. Im November 1943
August 1995 schriftlich auf das Massa-
ker hin. Der Würzburger Staatsanwalt-
so viele Verbrechen an der
wurde die Elitetruppe dem
schaft wurde das Verfahren schließlich Zivilbevölkerung beging
Höchsten SS- und Polizeiführer
Italiens, Karl Wolff, zur
im Juli 1997 zugeteilt. Parallel dazu wie die Karstwehr unter
Partisanenbekämpfung im
ermittelte Würzburg wegen zahlreicher
weiterer Massaker durch die Pottenstei-
fast einjähriger Führung
Adriatischen Küstengebiet von SS-Standartenführer
ner Karstwehr in Slowenien 1943 und
unterstellt.
1944 - ergebnislos. Geschichtsprofessor Hans Brand
Tone Ferenc von der Universität Ljubl-
jana fällte ein klares Urteil: Es habe
Die Mühlen der Justiz mahlen langsam.
wahrscheinlich keine Truppe gegeben, Die Militärstaatsanwaltschaft Padua
Die Staatsanwaltschaft in Würzburg
die so viele Verbrechen an der Zivilbe- hatte lange vorher wegen der Gräuel in
ermittelt seit Juli 1997 gegen unbekann-
völkerung beging wie die Karstwehr Avasinis ermittelt und auch heimische,
te Angehörige der SS-Karstwehrdivi-
unter fast einjähriger Führung von SS- zivile Augenzeugen vernommen. Die
sion wegen eines Massakers an 51 Ein-
Standartenführer Hans Brand. deutschen Fahnder erbaten Aktenein-
wohnern von Avasinis am 2. Mai 1945 -
sicht, um vielleicht doch noch auf
dem Tag, als die Kapitulation der deut-
Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Cle- Täterhinweise zu stoßen.
schen Streitkräfte in Italien in Kraft trat.
mens Lückemann in Würzburg auf
Die arglose Bevölkerung glaubte, der
Anfrage erklärte, wurden im Zuge bei- Heute erinnert in Avasinis ein mächtiger
Krieg wäre vorbei und wähnte sich in
der Verfahren insgesamt 134 ehemalige Gedenkstein, auf dem die Namen der
Sicherheit. "Die Glocken der Kirchtür-
SS-Karstwehrsoldaten vernommen. Opfer eingemeißelt sind, an den 2. Mai
me der umliegenden Dörfer läuteten
Lückemann hat "keinen Zweifel an der 1945. Die Gemeinde Trasaghis, zu der
zum Tag unserer Befreiung", erinnerte
Richtigkeit der Schilderungen" über das das Dorf gehört, veröffentlichte 1995
sich eine Zeitzeugin. Der renommierte
Blutbad. Zwar konnten sich die Vetera- eine Gedenkschrift, in der Lokalhistori-
Militärhistoriker Gerhard Schreiber
nen unisono daran erinnern, in diesem ker Pieri Stefanutti den "grausamen
schilderte in seinem Buch "Deutsche
Gebiet gewesen zu sein, doch keines- Rachefeldzug" rekonstruierte und
Kriegsverbrechen in Italien" den Über-
falls in Avasinis selbst. Für die deutsche Augenzeugen zu Wort kommen ließ.

31
fall: "Am Morgen jenes Maitages grif-
Justiz steht aber fest, dass Teile der Bürgermeister Ivo Del Negro will die
fen Partisanen einen SS-Verband an, der
Division zum betreffenden Zeitpunkt Erinnerungen wach halten, um damit
"bei einer wahrhaften Förderung des
Friedens mitzuwirken".
Der Schrank
werden. Die deutschen Staatsanwalt-
schaften müssten die Akten anfordern
und eigene Verfahren einleiten, wie im

im Palazzo Cesi Fall Siegfried Engel geschehen: Eben-


falls in Turin wurde der ehemalige SS-
Offizier zu lebenslanger Haft verurteilt.
Späte Prozesswelle gegen ehemalige Er soll für den Tod von 246 Geiseln ver-
deutsche Soldaten in Italien antwortlich sein, darunter die 59 Opfer
einer "Sühnemaßnahme" am Turchino-
Pass. Das Hamburger Landgericht ver-
Mit der Faust habe Renninger auf den Dort wurden in den 50er bis Anfang der urteilte den "Todes-Engel", wie ihn die
Tisch geschlagen und entschieden „no“ 60er Jahre noch von den Alliierten Häftlinge im Gefängnis von Genua
gesagt. Nein, den Befehl habe er nicht angelegte Akten über Kriegsverbrechen nannten, letztes Jahr wegen Mordes zu
verweigern können, er sei nur der Aus- gestapelt, die an die zuständigen Mili- sieben Jahren Haft. Lediglich auf das
führende gewesen und habe nicht ent- tärstaatsanwaltschaften hätten ver- Massaker am Turchino-Pass bezog sich
schieden, jemanden zu erschießen. schickt werden müssen. Doch die das Urteil, seine weiteren Verbrechen
Gerne erzählt Alberto Custodero, Jour- Unterlagen verblieben im Schrank, der blieben unerwähnt. Außerdem ist unge-
nalist aus Turin, von seinem Besuch bei verschlossen und mit der Tür zur Wand wiss, ob der 93-Jährige seine Haftstrafe
Anton Renninger; als er 1998 von Turin gestellt wurde. Während des Kalten überhaupt antreten muss: Das Gericht
extra nach Erlangen fuhr, um mit einem Krieges wollte man auf den NATO- hält Engel für haftunfähig und seine
alten Foto den mutmaßlichen Verant- Partner Deutschland Rücksicht nehmen. Verteidigung hat Revision gegen das
wortlichen für das Massaker in Cumia- Auf deutscher Seite sind in jener Zeit Urteil eingelegt.
na ausfindig zu machen, ihn zu seiner von den Staatsanwälten, die häufig Im Prozess gegen Anton Renninger
Zeit in Italien zu befragen und aus dem schon vor 1945 im Dienst waren, konnte in Turin kein Urteil gefällt wer-
Buch von Marco Comello vorzulesen. Ermittlungsakten über deutsche Kriegs- den. Der ehemalige SS-Obersturmfüh-
Ein gutes Jahr später, also erst über ein verbrechen ohnehin schnell wieder rer starb im Jahr 2000 vor dem Ende
halbes Jahrhundert nach Kriegsende, geschlossen worden. So staubten die seines Verfahrens. Bevor seine Vergan-
erhob die Militärstaatsanwaltschaft Unterlagen unberührt im "Schrank der genheit in Erlangen kurz vor seinem
Turin Anklage gegen Renninger wegen Schande" vor sich hin. Tod bekannt wurde, war er Ehrenvorsit-
Mordes an den 51 Geiseln. Erst Mitte der Neunziger Jahre öffnete zender eines Reitsportvereins und ein
ein Justizbeamter auf Suche nach Unter- angesehener Mann im öffentlichen
lagen für das Verfahren gegen Erich Leben der Stadt.
Mittels gesammelter Priebke den Schrank. Nahezu 700
Dokumente Geschichts- Akten kamen wieder zum Vorschein Giulio Nicoletta, der am 3. April 1944
verfälschungen verhindern und wurden diesmal an die zuständigen
Militärstaatsanwälte verschickt. Nun
als Anführer einer Partisaneneinheit mit
ihm über die Freilassung der Geiseln in
konnte jede Staatsanwaltschaft ent- deutscher Hand verhandelt hatte, erin-
scheiden, ob Ermittlungen aufgenom- nert sich: "Ich bin dort auf jemanden
Auf den Schreibtischen der italieni- men werden sollten. Es folgte eine Rei- getroffen, der sich mit Renninger vorge-
schen StaatsanwältInnen stapelten sich he von Prozessen und Verurteilungen, stellt hat. Am Anfang war er sehr aufge-
plötzlich Berge von Akten über ehema- zum Beispiel im Prozess gegen den bracht. Die Partisanen hätten angegrif-
lige Wehrmachtssoldaten oder SS- deutschen Kripo-Beamten und ehemali- fen, sie hätten darauf geantwortet - das
Angehörige, denen die Beteiligung an gen SS-Hauptsturmführer Theo Sae- schrie er mehrmals. Ich sagte, beschlie-
Kriegsverbrechen in Italien zur Last vecke: Er wurde wegen der Erschießun- ßen wir das ganze. Sagen Sie mir, was
gelegt werden. Während der 20 Monate gen auf dem Mailänder Loretoplatz in wir tun müssen. Daraufhin hat er sich
dauernden deutschen Besatzung wurden Abwesenheit zu lebenslanger Haft ver- ein bisschen beruhigt und mir mitge-
etwa 10.000 Zivilpersonen umgebracht, urteilt. Solche Urteile haben für die teilt, dass bereits 51 Zivilisten erschos-
nicht eingerechnet sind Militärangehö- Betroffenen jedoch kaum Folgen, denn sen waren."
rige und WiderstandskämpferInnen. nach dem Grundgesetz dürfen Deutsche "Dass die Gerechtigkeit wenigstens for-
Anlass für das späte juristische Vorge- nicht an andere Staaten ausgeliefert mal statt fände und Renninger im Pro-
hen war ein alter Aktenschrank im zess in Turin verurteilt würde", hätte
Palazzo Cesi, dem Sitz der Militär- sich Giulio Nicoletta gewünscht. Mag
Generalstaatsanwaltschaft im Rom. Anton Renninger (links) auf auch der eigentliche Befehl von weiter
einem Volksfest bei Pinerolo oben gekommen sein, Renninger habe
zumindest den Fehler begangen zu
gehorchen: "Eine typisch deutsche Tra-
dition". Eine grundlegende Funktion
solcher Prozesse ist es, hebt der Turiner
Militärstaatsanwalt Dr. Pier Paolo
Rivello hervor, "mittels der gesammel-
ten Dokumente und Zeitzeugenberichte
Geschichtsfälschungen zu verhindern".

Wolfgang Most
Alle Zitate stammen aus Interviews, die
vom Verein zur Förderung alternativer
Medien im September 2000 in Turin

32 geführt wurden. Sie sind im Internet


nachzulesen unter. www.resistenza.de
verstoßen haben. Die Legitimität des
Partisanenkampfes wird von bürger-
licher Seite immer wieder angezweifelt.
Gleich Engel sprach Staatsanwalt Kuhl-
mann in seinem Plädoyer von "Partisa-
nen, modern ausgedrückt Terroristen"

Der Nürnberger "Geiselmordprozess"


Tatsächlich haben nach der Haager
Landkriegsordnung (HLKO) von 1907
Partisanen keinen Kombattantenstatus
und bei ihrer Bekämpfung, heißt es
recht unpräzise, seien in besonderen
Fällen Repressalien gegen die Zivilbe-
völkerung gerechtfertigt. Gleichzeitig
gilt aber auch Art. 50 der HLKO: "Kei-
ne Strafe in Geld oder anderer Art darf
über eine ganze Bevölkerung wegen der
Handlungen einzelner verhängt werden,
1998: Alberto Custodero zu Besuch bei für welche die Bevölkerung nicht als
Anton Renninger in Erlangen
mitverantwortlich angesehen werden
kann."

"Völkerrechtliches Gewohnheitsrecht"
Der Prozess gegen Friedrich Engel aus völker- und
kriegsrechtlicher Perspektive

Am 4. Juli 2002 verurteilte das Soldaten Straffreiheit zu. In Italien wur- Da die Haager Landkriegsordnung den
Hamburger Landgericht den de dieser Befehl Hitlers durch den dor- Begriff Geisel noch nicht kennt und die
ehemaligen SS- tigen Oberbefehlshaber Generalfeld- Ausführungen zum Thema Kriegsre-
Obersturmbannführer Friedrich marschall Kesselring, dem seit April pressalie vage sind, kommt in dieser
Engel zu sieben Jahren Haft 1944 auch die Partisanenbekämpfung Frage dem VII. Nürnberger Nachfolge-
wegen des Mordes an 59 oblag, umgesetzt und eine Strafverfol- prozess von 1948 besondere Bedeutung
Partisanen und Gefangenen 1944 gung nochmals ausdrücklich verboten. zu. Bezeichnenderweise blieb die
am Turchino-Pass bei Genua. Für die Auswirkungen, die solche Rechtsprechung der Alliierten in diesem
Trotzdem sieht es so aus, als Befehle auf die italienische Zivilbevöl- wichtigen Prozess bei späteren Ver-
könne der 93-Jährige für seine kerung hatten, stehen gut 250 italieni- handlungen durch die BRD - auch im
Verbrechen nicht mehr zur sche Ortsnamen, in denen teilweise die Fall Engel - weitgehend unberücksich-
Verantwortung gezogen werden, gesamte Dorfbevölkerung massakriert
denn das Gericht hält Engel für wurde.
haftunfähig. Zu dem in der Presse Als im Sommer 1944 die Partisanentä- "Befehlsnotstand" und
als "letzter großer
Kriegsverbrecherprozess"
tigkeit deutlich zunahm, erweiterte Kes-
selring den Befehl zur Geiseltötung "völkerrechtlich zulässige
bezeichneten Hauptverfahren wesentlich, indem er diese nun über- Repressaltötungen" waren
kam es erst, nachdem Engel in haupt nicht mehr von der konkreten seit den 50er Jahren immer
Italien 1999 in Abwesenheit Tötung deutscher Soldaten abhängig
wegen 246-fachen Mordes zu machte. Vielmehr sollten alle Orte "in wieder die Stichworte,
lebenslänglicher Haft verurteilt denen sich Banditen nachweisen" lie- mittels derer Kriegs-
worden war; die weiteren Morde ßen, in denen "Anschläge auf deutsche verbrecher in der BRD
spielten im Hamburger Prozess oder italienische Soldaten beziehungs-
keine Rolle. weise Sabotageaktionen" begangen straffrei davon kamen
wurden, niedergebrannt werden, alle
Männer über 18 erschossen und die
Wesentliche Grundlage für den Terror Frauen in Arbeitslager interniert wer- tigt. Der Völkerrechtler Prof. Norman
gegen die italienische Zivilbevölkerung den. Paech geht sogar davon aus, dass die
war der "Bandenbekämpfungsbefehl" Das bisher skizzierte legt nahe, dass die heutige Rechtsprechung es "nicht nur
Adolf Hitlers vom 16.12. 1942, deutsche Führung ebenso wie Teile der versäumt (hat), dem Urteil aus Nürn-
ursprünglich zur Bekämpfung der Parti- Untergebenen bei Repressalien gegen berg zu folgen, sie hat es auch bewusst
sanen an der Ostfront erlassen. Dieser die italienische Zivilbevölkerung, ins- unterlaufen". Im sog. Geiselmordpro-
befahl der Truppe "ohne Einschränkun- besondere aber bei den Geiseltötungen, zess ging es um die Frage des Festset-
gen auch gegen Frauen und Kinder gegen damals geltendes Völker- und zens von Vertragsgeiseln und Repressal-
jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur
zum Erfolg" führte und sicherte den
Kriegsrecht, aber auch gegen diesbe-
zügliche Vorschriften der Wehrmacht
geiseln. Die Richter verdammten Gei-
seltötungen als ein "Gräuel" und "barba- 33
risches Überbleibsel aus der Vorzeit",
anerkannten jedoch letztlich das Recht
zur Geiselnahme und Geiseltötung unter
Bezugnahme auf die Theorie der Kol-
lektivverantwortlichkeit und die
gewohnheitsrechtlich begründete
Gehorsamspflicht der Zivilbevölkerung
in einem besetztem Land. Allerdings
machten sie die Rechtmäßigkeit der
Geiselnahme und Geiseltötung von
genau definierten Voraussetzungen
abhängig. Dazu zählten u. a.:
* Das Verbot, Geiseln aus Rache oder
militärischer Zweckmäßigkeit zu töten
* Die Verpflichtung nachzuweisen, dass
die Bevölkerung aktiv oder passiv an
dem zu sühnenden Vergehen Anteil
genommen hatte
*Die Gewähr, dass vor der Geiselnahme
oder Geiseltötung alle anderen Mög-
lichkeiten zur Wiederherstellung von
Ruhe und Ordnung erschöpft waren
* Der Nachweis, dass es unmöglich
gewesen ist, die Täter zu ergreifen
* Die Bekanntmachung der Namen und
Adressen der genommenen Geiseln
Die meisten dieser und weiterer Voraus-
setzungen, die sich für die Nürnberger
Richter aus dem Völkerrecht, dem
Gewohnheitsrecht oder unter Kulturna-

Verstorbene deutsche
Kriegsverbrecher werden in
Italien auch durch die rot- Nach dem 8. September 1943
hergestelltes deutsches Plakat:
grüne Bundesregierung durch beschuldigt wurde, an Geiselerschie- ''Deutschland ist wirklich Eure
Kranzniederlegungen geehrt ßungen beteiligt gewesen zu sein. Das Freundin''
erste Ermittlungsverfahren gegen den
"Henker von Genua" wurde am 1. Juli durch das damalige "völkerrechtliche
tionen allgemein akzeptierten Gebräu- 1969 eingestellt. Auch ein zweiter Gewohnheitsrecht" gedeckt, nur die Art
chen und Praktiken ergaben, waren bei Anlauf endete 1993 mit der Einstellung. der Ausführung rechtfertige den Tatbe-
den von deutschen Befehlshabern auf Damals suchte die Staatsanwaltschaft stand des Mordes, denn diese sei
dem italienischen Kriegsschauplatz aufgrund von Angaben der Alliierten besonders grausam gewesen. Weil
befohlenen Geiseltötungen nicht erfüllt Kriegsverbrecherkommission Engel Engel die Art der Exekution selbst ange-
- auch nicht im Fall von Friedrich wegen Mordes. Die beauftragte Lud- ordnet hätte, könne er sich nicht auf
Engel. wigsburger Zentralstelle zur Aufklärung einen Befehlsnotstand berufen.
nationalsozialistischer Gewaltverbre- "Befehlsnotstand" und "völkerrechtlich
Die Schuld chen und Hamburger Ermittlungsbehör- zulässige Repressaltötungen" waren seit
der deutschen Behörden den konnten Engels Adresse nicht den 50er Jahren immer wieder die
ermitteln - er stand im Telefonbuch. Stichworte, mittels derer Kriegsverbre-
Nicht zuletzt aufgrund der Verbrechen Doch selbst für die sieben Jahre braucht cher in der BRD straffrei davon kamen.
der Nazis verzichtete der deutsche Engel nicht in den Knast: Das Gericht Gemessen an den o. g. Ausführungen
Gesetzgeber auf die Möglichkeit der hielt den 94-jährigen Hobbygärtner, aus dem Nürnberger Nachfolgeprozess
Verjährung von Mord. Eine Verurtei- auch ohne ärztliche Prüfung, für nicht erfüllte die Erschießung der 59 Geiseln
lung wegen mehrfachen Mordes zieht haftfähig. am Turchino-Pass sehr wohl den Tatbe-
fast immer eine lebenslange Haftstrafe stand des Mordes. Fünf der Erschosse-
nach sich. Im Fall des ehemaligen Ober- Die nachträgliche nen waren unter 18 Jahren, sie hatten
sturmbannführers Engel argumentierte Legitimation der Verbrechen somit keinen Kombattantenstatus. 17
Richter Seedorf allerdings, dass "wegen Geiseln waren Partisanen und 42 andere
der außergewöhnlichen, unglaublich In dem Hamburger Verfahren wurde politische Gefangene. Ob ihre "aktive
langen Zeitspanne zwischen 1944 und zum wiederholten Male die nationalso- oder passive" Teilnahme an dem Bom-
2002 keine unverhältnismäßig hohe zialistische Praxis der Geiselerschie- benanschlag auf das Kino erwiesen war,
Strafe verhängt werden" dürfe. Es sei ßung gerechtfertigt, was einer nachträg- spielte im Engel-Verfahren keine Rolle.
die Schuld der Strafverfolgungsbehör- lichen Bestätigung faschistischen Auch der Nachweis, dass es unmöglich
den, vor allem der italienischen, dass 50 Unrechts gleichkommt. Laut Urteilsver- gewesen war, die Attentäter zu ergreifen

34
Jahre nichts geschehen sei. Er unter- kündung durch Richter Seedorf war die oder durch andere Maßnahmen wieder
schlägt dabei, dass Engel schon 1950 Exekution als "Repressalienmaßnahme" Ruhe und Ordnung herzustellen, wurde
im Hamburger Verfahren nicht erbracht. dung ist es nicht unwahrscheinlich, dass Grenadierdivision "Reichsführer SS"
Wie hätte dieses auch möglich sein sol- Engel in der Revision freigesprochen hat in Italien zahlreiche Massaker
len - zwischen dem Anschlag auf das wird. begangen, denen insgesamt etwa 2000
deutsche Soldaten-Kino am 15. 5. 1944 Während das Urteil gegen Engel in der Zivilisten zum Opfer gefallen sind.
und der Exekution auf dem Turchino- bürgerlichen Presse weitgehend als Sommer ist der ranghöchste, noch
Pass lagen gerade mal 4 Tage. Auch auf besonnen und ausgewogen gelobt wur- lebende Beteiligte am Massenmord in
die völkerrechtlich dringend gebotene de, kritisierte der frühere zweite Bürger- Sant´Anna di Stazzema, bei dem 560
Bekanntmachung der Namen der Gei- meister von Hamburg und Landesvor- ZivilistInnen, darunter auch Kinder,
seln ist wahrscheinlich verzichtet wor- sitzende der FDP, Ingo von Münch, das ermordet wurden. Die italienische Justiz
den, denn Kesselring hatte schon am 12. Urteil als zu hart. Direkt nach dem bat auch die Zentralstelle zur Aufklä-
1. 1944 befohlen: "Die Erschießung von Urteil zweifelte er am Tatbestand Mord rung nationalsozialistischer Gewaltver-
Geiseln ist nicht bekannt zu geben." und erklärte in Bezug auf den Richter: brechen um Rechtshilfe. Die Ermittlun-
Immer wieder wurde in Kriegsverbre- "Wer den Krieg nicht bewusst miterlebt
cher-Prozessen behauptet, nicht nur hat, kann die damaligen Ereignisse
Repressaltötungen an sich seien zuläs- offensichtlich nicht immer gerecht beur- Gleichzeitig ist die
sig, sondern auch eine Quote von 10 teilen." Er lamentierte in der Zeitung Diskussion um deutsche
ermordeten Geiseln für einen toten
deutschen Soldaten sei mit dem Völker-
"Die Welt": Von den deutschen Opfern
sei im Engel-Prozess zu wenig die Rede
NS- oder Kriegsverbrechen
recht vereinbar. Die HLKO nennt keine gewesen, diese seien "unbewaffnet und vor dem Hintergrund
konkreten Zahlen, stellt aber fest, dass arglos" gewesen, die Partisanen hätten deutscher Militäreinsätze
Sühnemaßnahmen keinen exzessiven jedoch "heimlich", also heimtückisch
Charakter annehmen und nur der ihre Bombe deponiert, dementspre- in aller Welt hochaktuell
Abschreckung, nicht jedoch der Rache chend sei das Urteil eine "falsche Ent-
dienen dürften. Im Nürnberger Geisel- scheidung". gen der Ludwigsburger begründen den
mordprozess wurde eine feste Quote In der liberalen Öffentlichkeit, aber Anfangsverdacht des Mordes, weshalb
ausdrücklich verneint. auch in der antifaschistischen Linken jetzt auch das LKA Baden-Würtemberg
Richter Seedorf führte jedoch zugun- fand der skandalöse Prozess gegen Frie- ermittelt. Der 82-jährige Sommer gilt
sten des Angeklagten einen Führer- drich Engel so gut wie keine Beachtung. als Hauptverdächtiger, denn er hatte als
Befehl vom März 1944 an, an dem sich Dabei hat der Prozess nochmals viele Kompanieführer eine verantwortliche
die SS und Engel orientiert hätten. Tat- grundsätzliche Fragen im juristischen, Funktion in Sant´Anna.
sächlich hat die Legende von den aber auch im gesellschaftlichen
Tötungen im Verhältnis 10:1 im berüch- Umgang mit Opfern und Tätern des Felix Krebs
tigten Massaker in den Fosse Ardeatine deutschen Faschismus aufgeworfen.
ihren Ursprung, bei dem am 23. 3. 1944 Viele Täter, nicht nur Engel, sind mit Der Artikel ist die gekürzte und
als Vergeltung für ein Bombenattentat milden, zumeist gar keinen Strafen aktualisierte Version eines Redebeitrags zur
335 Menschen in Rom ermordet wur- davongekommen. Viele Opfer, so z. B. Veranstaltung: "Deutsche Kriegsverbrechen
den. Zuvor hatten italienische Partisa- die widerrechtlich verschleppten italie- in Italien - Zu den Prozessen gegen zwei
ehemalige Hamburger SS-Männer",
nen bei einem Anschlag 32 Polizeiange- nischen ehemaligen Militärinternierten, gehalten im Dezember 2002 in Hamburg.
hörige getötet und 68 verletzt, ein 33. haben bis heute keine Entschädigung Er stützt sich maßgeblich auf G. Schreiber:
Opfer starb später an seinen Verletzun- erhalten. Verstorbene deutsche Kriegs- Deutsche Kriegsverbrechen in Italien,
gen. Hitler ordnete eine Vergeltung von verbrecher werden in Italien auch durch München 1996.
10:1 an. die rot-grüne Bundesregierung durch
Abgesehen davon, dass Friedrich Engel Kranzniederlegungen geehrt.
59 Geiseln als Vergeltung für fünf getö- Gleichzeitig ist die Diskussion um deut-
tete deutsche Marineangehörige ermor- sche NS- oder Kriegsverbrechen vor
den ließ, unterschlug Richter Seedorf dem Hintergrund deutscher Militärein-
bei seinem Rekurs auf das Massaker in sätze in aller Welt hochaktuell. Und die
den Fosse Ardeatine jedoch, dass die Debatte um die Wehrmachtaustellung
dortigen Verantwortlichen für ihre Gei- des Hamburger Instituts für Sozialfor-
selerschießung zur Rechenschaft gezo- schung hat gezeigt, dass große Teile in
gen wurden. Alle drei Hauptverantwort- Militär und Politik die Wehrmacht
lichen wurden 1946 bzw. 1947 von immer noch als traditionswürdig
einem britischen Militärgericht zum betrachten.
Tode verurteilt. Das Gericht entschied,
dass die Ermordung von 335 Gefange- Ein neuer NS-Prozess wegen
nen keine "rechtmäßige Repressalie" Kriegsverbrechen in Italien?
darstelle, sprach vielmehr von "bluti-
gem Terror", von einem "Racheakt" und Gegen einen weiteren NS-Kriegsverbre-
einer "Ungeheuerlichkeit." cher aus Hamburg, den ehemaligen SS-
Untersturmführer Gerhard Sommer,
Von deutschen Opfern und sowie gegen 7 seiner Kameraden wird
anderen Phantomen momentan in Italien durch den Militär-
staatsanwalt von La Spezia ermittelt.
Der Anwalt von Friedrich Engel wie Sommers Einheit, die 16. SS-Panzer-
auch die Hamburger Staatsanwaltschaft
haben Revision gegen das Urteil bean-
tragt. Angesichts des überaus milden Das 1944 verteilte Plakat
Urteils, der sehr entgegenkommenden wirbt für den Eintritt in die
Prozessführung und der Urteilsbegrün- Spezialeinheit
Der Widerstand in Italien:

Zwischen Tradition und Konflikt


Das erste wichtige Datum ist das Jahr sie hat das Werk vollendet, das mit der
1946. Nach einem ruinösen Krieg stellt italienischen Einheit 1861 begonnen
sich Italien die Frage nach der Zukunft. wurde. Es wird eine Entwicklungslinie
Das Land wird von einer großen Koali- gezeichnet, in der Risorgimento und
tion aller Parteien regiert, die am Wider- Resistenza die identitätsstiftenden Ele-
Die Resistenza in Italien ist stand beteiligt waren. Am 2. Juni, beim mente sind, während der Faschismus als
heute wieder - was sie lange Referendum über die künftige Staats- reine Episode ausgeklammert wird.
Zeit nicht mehr war - zu form, entscheidet sich eine knappe Diese erste Phase geht 1947 durch das
einem Symbol geworden. Mehrheit für die Republik und gegen Auseinanderfallen der großen Koalition
Wie sich die Auslegung der die Monarchie. Nationalfeiertag wird abrupt zu Ende: Es war die kommunisti-
Resistenza im Laufe der der 25. April. Dies ist besonders interes- sche Partei, die die Koalition aufgrund
Jahre entwickelte und sant: Der 25. April war nicht das Krieg- des Beitritts zur NATO verließ. Dieser
veränderte: kein einfaches Bruch wird 1948 durch den Wahlsieg
Thema, denn trotz seiner der Christdemokraten bestätigt: erste
geringen Dauer (20 Monate Der 25. April war nicht Folgen des beginnenden Kalten Krie-
zwischen September 1943 das Kriegsende, sondern ges.
und April 1945) und obwohl Im selben Jahr spaltet sich auch die Par-
er nur einen Teil Italiens das Datum des tisanen-Vereinigung ANPI (Associazio-
betraf, ist dieser bewaffnete Partisanenaufstands in ne Nazionale Partigiani d'Italia), aus der
Befreiungskampf ein äußerst den Großstädten die katholischen und liberalen Gruppen
komplexes Phänomen. austreten.
Zudem besteht eine enge Zwischen 1948 und 1955 wird die Resi-
Verknüpfung zwischen der sende selbst, sondern das Datum des stenza von beiden politischen Fronten
Interpretation der Resistenza großen Partisanenaufstands in den (der christdemokratischen DC und ihren
und den politischen Großstädten Norditaliens. Von Anfang Koalitionspartnern auf der einen, den
Ereignissen in Italien von an wird der Widerstand zur legitimie- Kommunisten auf der anderen Seite) als
1945 bis heute. Im folgenden renden Grundlage der neuen, Republik Grundlage ihrer so unterschiedlichen
soll die Entwicklung dieser gemacht (die Verfassung tritt erst 1948 Identität in Anspruch genommen: Der
Interpretation anhand in Kraft). Dadurch wird auch eine histo- politische Kampf ist besonders hart;
wichtiger Daten
36
rische Kontinuität angestrebt: Die Resi- staatliche Organe starten eine regelrech-
rekonstruiert werden. stenza ist ein zweites "Risorgimento", te Verfolgungskampagne gegen die ehe-
maligen kommunistischen Partisanen. Aktion von Bauern, Arbeitern, Ange- der Regierung, wird sie als Mittel zum
Zehn Jahre nach Kriegsende wird die stellten, Männern und Frauen darzustel- Angriff gegen die kommunistische Par-
Resistenza von der Zentrumskoalition len. Der Antifaschismus soll die legiti- tei benutzt. Die Legitimierung der PCI
unter Scelba noch direkter zur Grundla- mierende Grundlage des demokrati- als tragende Kraft der Resistenza wird
ge des neuen Staats ernannt; anderer- schen Staates werden und einen Orien- in Frage gestellt, man unterscheidet
seits werden die Partisanenvereinigun- tierungspunkt im sozialen und kulturel- jetzt zwischen einer "guten", demokrati-
gen ausgeschlossen und die Rolle der len Wandel bieten. Einmal mehr wird schen, westlich orientierten Resistenza
Armee stärker betont. der Faschismus als "Feind im Inneren", und einer "roten" Resistenza, die angeb-
als Episode oder Unfall in der lich die kommunistische Revolution als
Das Jahr 1960 bringt eine zweite Wende Geschichte angesehen. Eine Besonder- Ziel verfolgte.
im Verständnis der Resistenza: Am 25. heit in diesem Kontext stellt die Rolle
März bildet der Christdemokrat Tam- der kommunistischen Partei PCI dar, die
broni eine Regierung, die von Monar- als starke, auf der Resistenza gegründe-
chisten und den Neofaschisten der MSI te Partei das Recht reklamiert, zusam- 1985 wird die Resistenza
unterstützt wird. Dies sorgt für neue
Einigkeit innerhalb der Resistenza, die
men mit den anderen antifaschistischen
Kräften an der Regierung beteiligt zu zum Museumsexponat
gemeinsam Streiks und Großdemonstra- werden.
tionen organisiert (in Reggio Emilia Diese Instrumentalisierung der
werden bei den Unruhen 5 Menschen "Ora e sempre - resistenza" - "Jetzt und Geschichte findet eine Fortsetzung nach
getötet). Am 22. Juli tritt Tambroni immer - Widerstand" war 1968 der Slo- 1992, als die Korruptionsskandale in
zurück: Trotz des Widerstands durch gan der Studentenbewegung. Eine neue wenigen Monaten zur Auflösung der
Großteile der DC, der Wirtschaft und Generation tritt auf den Plan. Sie kriti- alten Mitte-Links-Parteien führen.
dem Vatikan ist der Weg frei für eine siert zwar die Väter und die Art und
Öffnung nach links. Weise, wie sie den 25. April feiern, aber 1994 kommt eine Mitte-Rechts-Koali-
Die neuen "Mitte-Links"-Regierungen gleichzeitig will sie auch mit ihren tion an die Regierung, die neben einer
(mit Unterstützung der sozialistischen "alternativen" Demos dabei sein. Die ganz neuen Organisation (Forza Italia)
Partei PSI, die seit 1956 jede Zusam- Partisanenbande als kleine Einheit der auch die neofaschistische Partei Allean-
menarbeit mit der kommunistischen demokratischen Selbstverwaltung wird za Nazionale und die demagogisch-
Partei aufgekündigt hat) tragen weiter den Institutionen und dem "Compro- fremdenfeindliche Lega Nord umfasst.
zur Legitimation der Resistenza bei. messo storico", dem "historischen Für die politische und soziale Welt, die
Das Staatsfernsehen bringt Berichte und Kompromiss" zwischen DC und PCI sich mit den Werten der Resistenza
historische Dokumentationen, das Kul- entgegengesetzt. Auch in den späteren identifizierte, ist dies ein echter Schock:
tusministerium macht die Geschichte "bleiernen Jahren" zwischen 1975 und Am 25. April 1994 findet in Mailand die
bis 1947 zum obligatorischen Lernstoff 1980 bleibt diese Spaltung zwischen größte Demonstration seit 1946 statt,
für die Schule, neue Filme über den dem offiziellen Bild der Resistenza und bei der über 400.000 Menschen gegen
Widerstand werden gedreht. dem Versuch der sozialen Bewegungen, die Regierung demonstrieren. Die Resi-
sich als die richtigen Erben der Resi- stenza wird wieder zu einem starken,
Zum Anlass des 20. Jubiläums wird stenza darzustellen, weiterhin bestehen. generationenverbindenden Element der
1965 versucht, durch große zentrale In den links regierten Regionen, in kollektiven Identität. In diesen Jahren
Feierlichkeiten die Einheit der Resisten- denen die Führungsklasse direkt aus der erscheint auch das wichtigste Essay von
za zu betonen und sie als gemeinsame Resistenza stammt, wird der Widerstand Claudio Pavone, "Una guerra civile.
immer mehr zu einem wesentlichen Sazio storico sulla moralitá della Resi-
Faktor der kollektiven Identität. Vie- stenza" (Ein Bürgerkrieg. Historische
Sportfest “Gegen das lerorts wird die lokale Geschichte neu Abhandlung über die Moralität der
Vergessen der Resistenza und geschrieben, in dem die Zeit 1943 - 45 Resistenza). Der Autor spricht von der
der heldenhaften Partisanen'' als Ziel und Endpunkt einer hundertjäh- Resistenza als von einem dreifachen
rigen Entwicklung dargestellt wird. Krieg (Bürgerkrieg, Befreiungskrieg,
Klassenkampf).
1985 wird bei den Gedenkveranstaltun-
gen zur Resistenza der Höhepunkt der
Historisierung erreicht. Gerade als zum Der Text basiert auf einem Vortrag von
ersten Mal ein Sozialist Ministerpräsi- Massimo Storchi zur Ausstellungs-
dent wird (Bettino Craxi) und ein Anti- eröffnung "Partigiani" in Freiburg und
faschist und Partisan wie Sandro Pertini einem Gespräch, das im September
zum Staatspräsidenten gewählt wird,
2002 im istituto storico in Reggio
Emilia mit ihm geführt wurde.
wird die Resistenza zum "Museumsex- Massimo Storchi (Jg. 1955) ist
ponat" der nationalen Geschichte, zu Historiker am "Istituto storico della
einer historischen und unproblemati- Resistenza". Forschungsgebiete:
schen Selbstverständlichkeit. Der 25. Faschismus in der Emilia Romagna,
April wird zu einem formellen Feiertag, Resistenza und Nachkriegszeit. Veröff.
der den jüngeren Generationen kaum in Auswahl:
noch etwas vermitteln kann. Uscire dalla guerra. Ordine pubblico e
dibattito politico a Modena. 1945-46,
Diese Tendenz zur "Einmottung" findet Franco Angeli 1995;
mit dem Fall der Mauer in Berlin 1989
Combattere si può, vincere bisogna. La
scelta della violenza tra Resistenza e
ein Ende. Die Resistenza wird zum dopoguerra. Reggio Emilia 1943-46,
Konfliktelement in der Auseinanderset- Marsilio 1998.
zung der Linken. Vor allem von Seiten
der sozialistischen Partei, 1989 noch an 37
Jedes Jahr wird zur
Schlacht geblasen
Interview zum 25. April,
dem Tag der Befreiung Italiens
von der deutschen Besatzung

Guido Pisi: Für Berlusconi ist die Erin- Hat diese Aggression der Medien-
nerung an die Resistenza überholt und kampagne einen Einfluss auf die
damit demontiert er ein Erbe, das in Gesellschaft, sagen wir etwas verein-
gewisser Weise in der italienischen Ver- fachend, dass seit der Eröffnung der
fassung zusammengefasst ist. Seine Diskussion durch Berlusconi ein Riss
Idee einer Änderung der Konstitution, z. durch die italienische Gesellschaft
Straße in Parma B. der Umwidmung des 25. April, führt geht?
damit unweigerlich in die Richtung
Wer begeht wo und in welcher eines radikalen "zur Diskussion Stel- Guido Pisi: Ich glaube nicht, dass das
Weise den 25. April? Die lens" der Werte, welche die Resistenza Land ein Spiegel der Polemik ist, die
italienische Öffentlichkeit für das Nachkriegsitalien geschaffen über die Zeitungen und die Politik trans-
schielt auf die politischen hat. Dabei bedient er sich natürlich alter portiert wird. Davon ausnehmen muss
Würdenträger: Wo würdigt der Argumente und Beschuldigungen wie man natürlich immer die Splitter, die am
Staatspräsident Ciampi den etwa, dass die Erinnerung an die Resi- meisten politisiert sind, wie etwa aktive
Widerstand, die so genannten stenza immer von der Linken hegemo- Postfaschisten oder die total entfernt
Resistenza, was macht nisiert worden sei und verfälscht auch in davon sind, wie die engste Wählerschaft
Regierungschef Berlusconi? grober Weise die Geschichte, indem er der Lega Nord. Aber für den Rest, glau-
Diese Frage besitzt großen die Ereignisse, die er heranzieht, z. B. be ich, gilt dies nicht.
symbolischen Gehalt. Die mit dem Kommunismus Stalins gleich- Außerdem hat Berlusconi mit einer wei-
Schärfe und Polemik der setzt. teren Gleichsetzung, nämlich der Gefal-
Diskussionen im Vorfeld um die In dieser Diskussion geht es nicht mehr lenen der Resistenza und der Ermorde-
Bedeutung dieses Tages nimmt allein um einen Gegensatz zwischen ten in den Foibe1 im Friaul, ein sehr
seit der Regierungskoalition Faschisten und Antifaschisten, sondern schwaches Modell gewählt. Das Thema
Berlusconis aus Forza Italia, um eine politische Schlacht zwischen der Foibe war schon immer ein Leib-
den Neofaschisten der Alleanza den Parteien: Zum einen die politischen und Magenthema der neofaschistischen
Nazionale und den Separatisten Erben der damaligen antifaschistischen Rechten gewesen. Und damit hatte es
der Lega Nord von Jahr Koalition (u. a. auch Kirchen und Kon- für Berlusconi einen disqualifizierenden
zu Jahr zu. servative) und zum anderen einer Koali- Charakter, da es politisch eindeutig kon-
tion aus den Erben der Faschisten der notiert ist. Zum anderen ist dieses The-
Republik von Salò, welche die Erinne- ma auf Grund seiner Komplexität nicht
Wir sprachen mit Guido Pisi aus Parma rung an die Resistenza aus naheliegen- einfach und eindeutig zu bewerten. So
über die diesjährigen Auseinanderset- den Gründen ablehnen und Parteien wie gelingt die Gleichsetzung getöteter Par-
zungen um den 25. April. Guido Pisi etwa die Lega Nord und Forza Italia, die tisanen und mit Getöteten in den Foibe
war bis Sommer 2002 Leiter des Istitu- gar keine Wurzeln mehr in diesem Erbe nicht so leicht, wie die Gleichsetzung
to storico della Resistenza di Parma. haben, da sie erst später entstanden sind. Gefallener der Resistenza und mit gefal-
lenen Faschisten generell.
Guido Pisi: Die Diskussion um die Welche strategischen Absichten ver- In diesem Sinne war die Thematisierung
Erinnerung an die Resistenza ist eine folgt Berlusconi mit dieser Diskus- der Foibe als Kampagne für die Mas-
Konstante in der Geschichte der gesam- sion? senmedien nicht geeignet.
ten italienischen Republik. Um den 25.
April herum bildeten sich immer Kon- Guido Pisi: Berlusconi konnte schon
troversen um das, was wir den öffent- immer gut Konfliktsituationen schaffen
1Die Foibe sind tiefe Schluchten in den
licher Gebrauch der Geschichte der und über sein Medienimperium mit
Resistenza nennen. So wurde auch die- aggressiven Propagandakampagnen Bergen um Triest, in die die jugoslawi-
ses Jahr zur Schlacht geblasen zwischen polarisieren. Viel weniger gelingt es, die schen Partisanen v. a. in den letzten
dem Mitte-Rechts-Regierungsbündnis Regierungsfunktion als Mediation im Tagen des 2. Weltkrieges, nach der
Befreiung Triests, getötete italienische
und der Mitte-Links-Opposition. Land erfolgreich durchzuführen. Auch Faschisten, Mitläufer und Kollaborateu-
die Krise im Verhältnis mit der öffent- re warfen. Das Thema ist in den letzten
Verein zur Förderung alternativer lichen Meinung, die durch Unpopula- Jahren verstärkt in die politische
Medien: Worüber wurde denn dieses rität der Position der italienischen Diskussion gerückt.
Jahr gestritten? Regierung im Irakkrieg entstanden ist,
sind gute Gründe, um das alljährliche

38 Thema des 25. April in dieser Aggressi-


vität aufzunehmen.
Auswahl- Tagebücher und Selbstzeugnisse

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PartisanInnen in Montefiorino

la resistenza
Beiträge zu Faschismus, deutscher Besatzung
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ISSN 1612-5223 www.resistenza.de