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la resistenza

Beiträge zum
Widerstand
in Italien
Zur Person von Stefan ten mit meist amerikani- Für die Musik wurden 24 Lieder
Poetzsch: Nach vielen Er- schen MusikerInnen/Kom- der Resistenza bearbeitet und fließen
fahrungen mit Improvisa- ponistInnen konzertiert er
tion und Jazz arbeitet er regelmäßig in Europa und in Form einzelner Töne, Klänge, Pas-
derzeit kompositorisch USA (u.a. mit Benjamin sagen oder typischer Rhythmik ein.
und spezialisiert sich u.a. Boone/Ha-Yang Kim/Lukas Das musikalische Material entstammt
auf die Einbeziehung elek- Ligeti). Er erhielt für seine überwiegend diesen Liedern. Die vor-
tronischer Möglichkeiten Kompositionen und Kon-
(Liveelektronik; Prerecor- zerte als Geiger/Bratscher
liegenden Melodien wurden als instru-
dings) in die Komposition. verschiedene Preise und mentale Interpretationen bearbeitet.
In seinen überwiegend ex- produzierte für Rundfunk Aus dem reichhaltigen Interview-
perimentellen und kamm- und CD. material wählte Stefan Poetzsch Infor-
mermusikalischen Projek- mationen aus, die in gedruckter Form
oder auch in anderem Zusammenhang

Experimentelles Hörspiel nicht spektakulär genug wären oder


durch die Form des Berichtes nicht in
Frage kommen würden. Es werden
Eine Klangcollage zur Ausstellung ''Partigiani'' auch Sätze oder Wortfetzen wieder-
holt, die von ihrer Bedeutung viel-
leicht unwichtig sind, durch die klang-
Stefan Poetzsch: zu den mehrkanalig aufgenommenen liche Hervorhebung aber durchaus
Violine/Viola/Prerecordings/ Aufnahmen gespielt werden. Die Assoziationen wecken können.
Liveelektronik/Komposition Klangkomposition ergänzt die Aus- Bei der ausgewählten Literatur
(auf den Aufnahmen zusätzlich: stellung auf einer gefühlsmäßigen handelt es sich um Auszüge oder
Stimme/Klavier/Gitarre) Ebene, ohne dabei in pure Unterma- Splitter aus “Der verschollene Deut-
lung oder plakative Illustration in sche” von Nuto Revelli - einem ehe-
Am Samstag den 27. Januar 2001 Form von etwa Gewehrklängen abzu- maligen Partisanenoffizier - und “Für
wird die Klangcollage von und mit gleiten. Es wird nichts nachgestellt. Violine Solo” von Aldo Zargani, der
Stefan Poetzsch in der Stadtbücherei Das Jetzt dient als Basis für den als jüdisches Kind die Zeit der Juden-
Erlangen uraufgeführt. Sie ist aber Rückblick. verfolgung bei PartisanInnen überleb-
auch während der gesamten Ausstel- te.
lungsdauer für interessierte Besuche- Die Originalstimmen der erst im
rInnen hörbar. September 2000 befragten Partisa- Neben den Bildern und Informatio-
nInnen, die nun mit einem gewissen nen der Ausstellung und des Begleit-
Die Klangcollage erhebt nicht den Abstand über die damaligen Erlebnisse programms bietet die Klangcollage die
Anspruch einer Dokumentation, son- und Aktivitäten aus der Erinnerung be- Möglichkeit, sich auf anderer Ebene
dern ist eine klangliche Verarbeitung richten, haben ihren ganz eigenen dem Thema anzunähern.
der Interviews, was in dieser Form am Charakter. Die Stimmen der Überset-
ehesten einem experimentellen Hör- zer vor Ort sind in unbearbeiteter Form Wir danken dem Kulturamt Erlangen
spiel nahe kommt. zu hören. Doch sind die italienischen für die Unterstützung dieses
Stimmen nicht immer zeitgleich mit Projektes.
Originalstimmen von ZeitzeugIn- den Übersetzungen zu hören. So erle-
Das Hörspiel kann auch bestellt
nen, Aufnahmen originaler Partisanen- ben HörerInnen, die italienisch verste- werden unter mail@partigiani.de,
lieder und Textpassagen aus Büchern hen eine andere Reihenfolge und ein per Fax 09131/208255
ergänzen eigene Arrangements und anderes zeitliches Zusammentreffen oder unter VezuFaM,
extra für dieses Projekt erstellte Kom- mit wiederum anderen klanglichen Er- Feldstr.22, 91052 Erlangen.
positionen, die in der Performance live eignissen.

für die finanzielle Unterstützung der für die gute Zusammenarbeit:


VIELEN DANK

Ausstellung und Veranstaltungsreihe


'Partigiani' in Erlangen: Dr. Guido Pisi, Laura Polizzi, Marco
Comello, Gianfranco Poli, Alberto
Kulturamt Stadt Erlangen, Grüne Liste Custodero, Luciano Boccalatte,
Erlangen, Bismarckstraßenfest Erlangen, Giuglio Nicoletta, Joachim Bahler,
Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung Beate Bennewitz-Carpino,
in Bayern e. V. in Zusammenarbeit mit der Gabriella Dondolini-Scholl, Liana
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Q-Punkt Novelli-Glaab, Andreas Kohrs,
Nürnberg, ötv Erlangen, IG-Medien Libreria delle donne di Milano,
Nürnberg, Italienisches Kulturinstitut Istituto storico della Resistenza di
München, Frauengruppentreffen Parma, Istituto Regionale Ferruccio
Erlangen, Gleichstellungsstelle Stadt Parri di Bologna, Istituto
Erlangen, Feministisches Forum der Piemontese della storia della
Universität Erlangen-Nürnberg, Resistenza, ISTORECO Reggio Emilia
Rifondazione Comunista Nürnberg, und vielen anderen ...
Rechtsanwältin Schreiber-Dach Erlangen,
Taxi Hann Erlangen, IG Metall Erlangen,
Erlanger Bündnis für Frieden
I N H A L T
Seite 4 Seite 16
La Resistenza - der ''Sie sollten wissen, dass wir sie
Widerstand in Italien nicht in Ruhe lassen würden''
Gegen Faschismus und Giulio Nicoletta, Unterhändler der
deutsche Besatzung Partisanen in Cumiana, erinnert sich
von Nadja Bennewitz
Seite 17
Seite 6 ''Sehen Sie, was für eine
Den Unterschied zu vergessen, schicke Uniform er hatte''
bedeutet den Sinn der Geschichte Journalist Alberto Custodero besuchte
aufzugeben Anton Renninger in Erlangen
Revisionistische Bestrebungen in der aktuellen
Debatte um Resistenza und Faschismus Seite 18
von Guido Pisi ''Ein Schwarzer Moment in der
Geschichte der Partisanen''
Seite 8 Der Krieg der deutschen Besatzer
Deckname: ''Toni'' gegen die Resistenza
Aus der Arbeit eines Saboteurs aus einem Gespräch mit Luciano Boccalatte
Gespräch mit Fernando Cavazzin

Seite 10 Seite 18
''Geschichtsfälschungen
''In den Untergrund zu gehen,
verhindern''
war wie eine Beförderung'' 1994 werden in Rom Kriegsverbrecherakten
Laura ''Mirka'' Polizzi war im
wiederentdeckt
antifaschistischen Widerstand aktiv Interview mit Staatsanwalt Dr. Rivelli

Seite 11 Seite 19
''Obenauf die Kartoffeln, Deutsche Kriegsverbrechen
darunter die Munition'' Der verbrecherische Charakter
Vom täglichen Widerstand einer des Krieges in Italien
Partisanin von Gerhard Schreiber
Gespräch mit Giacomina Castagnetti
Seite 20
Seite 12 ''Du musstest gleichzeitig Hausfrau,
Absage an das faschistische Modell – Parteifunktionärin, Mutter sein ...''
Italienische Frauen im Widerstand Das politische Engagement einer Partisanin
Ohne die Teilnahme von Frauen wäre der
in der Nachkriegsgesellschaft
Widerstand nicht möglich gewesen aus den Erinnerungen von Laura ''Mirka'' Polizzi
von Liana Novelli-Glaab

Seite 14 Seite 21
Covo di banditi Die verratene Resistenza
Die Bedeutung der Resistenza
- Höhle der Banditen
für die italienische Nachkriegsgesellschaft
Das Massaker von Cumiana
vom Verein zur Förderung und die Neue Linke
alternativer Medien e.V. von Dario Azzellini

la resistenza
IMPRESSUM

Fotos:
Austellungskatalog Partigiani der Institute für
h e r a u s g e b e n zur Ausstellung und Veranstaltungsreihe Widerstand und Zeitgeschichte Modena, Parma,
'Partigiani' v o m Reggio Emilia: Titelblatt, S. 4, 5, 8 oben links,
Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. 19, 24
Feldstr. 22, 91052 Erlangen, Fax 09131 - 205020,
mail@partigiani.de Istituto Piemontese della storia della
V.i.S.d.P.: Wolfgang Most Resistenza: S. 3 oben, 12, 13
In Kooperation mit: IMEDANA
Laura Polizzi: S. 10, 20
(Institut für Medien- u. Projektarbeit) Nürnberg
Satz & Layout: Schwarzer Block M Marco Comello: S. 15
c/o Verein zur Förderung alternativer Medien
Verein zur Förderung alternativer Medien:
Druck: Brockmann & Klett, Cadolzburg
Titelblatt (Hintergrund), S. 6, 7, 8 oben rechts,
Erscheinungsdatum: 22. Januar 2001
9, 11, 14 oben rechts, 16, 17 oben, 18
http://www.partigiani.de
daten, von denen über 16.000 in den
Lagern sterben werden. Um die Solda-
ten vor der Deportation zu schützen,
beginnt nun die “größte Verkleidungs-
aktion der italienischen Geschichte”.
Es sind die Frauen, die auf den Plan
treten. Sie beschaffen den Soldaten zi-
vile Kleidung und verstecken ihre
Waffen für den bevorstehenden
Kampf. Tausende werden auf diese
Weise verkleidet, versteckt, versorgt
und auf den Weg nach Hause gebracht.
In der Forschung wird dieses Vorge-
hen als “Massen-Maternage” bezeich-
net, als eine spezifisch weibliche Form
der Resistenza, bei der den Frauen erst
aufgrund dieser Zuschreibung zuge-
Nach der Befreiung auf dem Rathausplatz in Reggio Emilia standen wird, stärker als Männer zu
sein.

La Resistenza –
Um der Deportation nach Deutsch-
land zu entgehen, ziehen sich viele
Männer in die Gebirgsregionen der
Emilia Romagna, des Piemont und Li-
der Widerstand guriens zurück. Sie bilden die ersten
Partisanenbanden als Reaktion auf den
Versuch Deutschlands, das Land für
in Italien seine Kriegsführung auszunutzen.
Meist sind es Ortskundige, die von ih-
ren Verstecken in den Bergen aus die
Bewegungen der deutschen Truppen
von Nadja Bennewitz im Widerstand tätig wird. Im Mai 1943 beobachten und dadurch einen Gue-
kapitulieren die deutsch-italienischen rillakrieg führen können, bei dem sie
Am 10. Juni 1940 tritt das faschis- Truppen in Afrika, am 9. Juni landen auf Überraschungsangriffe setzen. Da-
tische Italien unter Mussolini an der die Alliierten auf Sizilien, wo sie kaum zu stoßen ebenfalls militärisch ausge-
Seite Nazideutschlands in den 2. Welt- auf Widerstand stoßen. Von dort setzen bildete entflohene anglo-amerikani-
krieg ein. Doch die italienische sie auf das italienische Festland über. sche, sowjetische und jugoslawische
Kriegsmaschinerie ist schlecht ausge- Kriegsgefangene, nachdem sie zuvor
rüstet, der Militärhaushalt durch den Die Macht Mussolinis schwindet. meist von Frauen der Gegend aufge-
Kriegseinsatz in Äthiopien erschöpft. Am 25. Juli stellt sich der Faschisti- nommen, versteckt und in die
Die Angriffe gegen Frankreich, Grie- sche Großrat gegen ihn. Die Monar- Widerstandsbewegung eingeführt
chenland und Jugoslawien bleiben na- chie sieht Handlungsbedarf und setzt worden waren. Auch Deserteure
hezu erfolglos. Als Italien 1941 Mussolini ab und gefangen. Die Be- der Wehrmacht schließen sich den
Deutschland bei seinem Angriffskrieg völkerung feiert und demonstriert für Partisanen an.
den Frieden. Die Symbole des Fa-
schismus werden zerstört: Die Abset- Die politische Situation hatte sich
''So etwas hatte man noch zung Mussolinis ist für die meisten verschlechtert, seit es deutschen Fall-
nie gesehen! Es war ein gleichbedeutend mit dem Ende von schirmjägern gelungen war, Mussolini
deutliches Zeichen, dass Faschismus und Krieg. Die bisher im aus dem Gefängnis zu befreien. Die
Untergrund arbeitenden antifaschisti- von Deutschland abhängige faschisti-
die Dinge sich änderten'' schen Parteien, in erster Linie die sche “Republik von Saló” wird im
Kommunisten, formieren sich neu. September 1943 gegründet; Mussolini
bildet deren “Marionettenregierung”.
gegen die UdSSR unterstützt, ist die Die Resistenza, der Widerstand in Im Frühjahr 1944 mobilisiert die fa-
Stimmung in den italienischen Trup- Italien, beginnt am 8. September 1943. schistische Regierung abermals für
pen gespalten, der Sinn des Krieges An diesem Tag wird das Waffenstill- den Krieg. Um sich dem Kriegsdienst
vielen unklar. Auch in der Zivilbevöl- standsabkommen mit den Alliierten zu entziehen, schließen sich viele
kerung wächst der Unmut gegen den bekannt. Für die italienischen Streit- Männer der Resistenza an. Dies ist der
Krieg angesichts täglicher Entbehrun- kräfte entsteht dadurch eine unklare Unterschied zwischen Frauen und
gen, verstärkt durch die einsetzenden Situation. Militärische Befehle bleiben Männern im Widerstand, den Carla
Bombardierungen. Anfang 1943 aus, was viele Soldaten als Aufforde- Badiali, die Dokumente für die Parti-
scheint der Krieg bereits verloren. Im rung auffassen, nach Hause zu gehen. sanenbewegung fälscht, gegenüber ih-
März werden in den norditalienischen Die Situation eskaliert: Innerhalb we- rem Mann sagen lässt: “Ich mache das
Fabriken die ersten Streiks organisiert, niger Tage besetzt Nazideutschland alles, weil ich es mir ausgesucht habe.
an denen Hunderttausende teilnehmen. Italien. Flüchtende Soldaten werden Du hattest keine Wahl, ich ja.”
“So etwas hatte man noch nie gesehen! von deutschen Truppen gefangen ge- Die größte Bedeutung für die politi-
Es war ein deutliches Zeichen, dass die nommen und in Internierungslager sche und militärische Führung der Re-
Dinge sich änderten”, berichtet die sistenza haben diejenigen Frauen und
4 Lehrerin Ines Barone, die als Staffette
nach Deutschland verschleppt. Insge-
samt sind es 730.000 italienische Sol- Männer, die sich der Widerstandsbe-
wegung aus antifaschistischer Über- diese Fähigkeit deutlich: Der Trans- fenden Truppen produzieren, Geld von
zeugung heraus anschließen. Dieser port illegaler Zeitschriften zur Schu- Fabrikbesitzern besorgen. In der For-
Teil der italienischen Resistenza wird lung der PartisanInnen wird als schung wird heute von 150.000 be-
später die Grundlage für die Identität schwangerer Bauch getarnt, Waffen waffneten Partigiani ausgegangen.
der Nachkriegsgesellschaft bilden und werden im doppelten Boden der Ta- Der Partisanenkampf benötigt die
verdeutlichen, dass die Resistenza drei sche geschmuggelt. Gekleidet sind die Unterstützung der Zivilbevölkerung.
Aspekte und Zielsetzungen vereinigte: Frauen fast mädchenhaft - so entgehen Es ist von 14 Unterstützenden pro
den nationalen Befreiungskampf, den sie den Deutschen und leiten lebens- Kämpfenden auszugehen.
Bürgerkrieg gegen Faschismus und wichtige Informationen und Materia-
den Klassenkampf. Durch diese lien weiter. Ab Frühjahr 1944 gelingt einigen
Widerständigen wird die Schaffung Partisanenformationen die Schaffung
ideologisch-politisch gefestigter Parti- Nach dem Waffenstillstand am 8. befreiter selbstverwalteter Republi-
sanengruppen möglich. Zwar ist es September 1943 und der Auflösung ken, so u.a. in Montefiorino/Emilia
Frauen nicht wie Männern ohne weite- der Streitkräfte gründen die antifa- oder im Ossola-Tal/Piemont. Hier
res möglich, sich dem bewaffneten schistischen Parteien das Nationale werden kleine “Parlamente” einge-
Widerstand anzuschließen - zwanzig Befreiungskomitee, den CLN, der ein richtet, in denen männliche Dorfräte
Jahre Faschismus prägen das Frauen- breites Bündnis umfasst: Kommunis- die politische Verantwortung überneh-
bild auch der progressivsten linken ten, Sozialisten, Liberale, Republika- men.
Kräfte -, dennoch kämpfen auch unter ner und Katholiken. Drei Männer bil-
ihnen einige mit der Waffe, leben mit den die Führungsspitze des “Freiwilli-
in den Formationen und übernehmen genkorps für die Freiheit”, des militä-
dort politische Aufgaben. rischen Arms des CLN, dem die be- Unter Resistenza ist nicht
waffneten Partisaneneinheiten zuge-
Doch unter Resistenza ist nicht nur be- ordnet sind. Die Garibaldini stellen et-
nur bewaffneter Widerstand
waffneter Widerstand zu verstehen, wa die Hälfte der bewaffneten Wider- zu verstehen, sondern
sondern grundsätzlich eine Resistenza standskämpferInnen und werden von grundsätzlich eine
civile, der zivile Widerstand, als Ant- der kommunistischen Partei organi- Resistenza civile, der zivile
wort auf die Ausbeutung menschlicher siert. Politische KommissarInnen
und materieller Ressourcen durch den schulen die Partisanen, diskutieren Widerstand, als Antwort auf
Nationalsozialismus. Unabhängig von Gründe für den Befreiungskampf und die Ausbeutung mensch-
Parteien oder Organisationen sind es wie ein befreites Italien aussehen licher und materieller
meist Frauen, die Verfolgte schützen, könnte. Die Formationen “Gerechtig- Ressourcen durch den
Einrichtungen und soziale Zusammen- keit und Freiheit” stehen der liberalen
hänge frei von faschistischen Einflüs- Aktionspartei nahe. Die Autonomen Nationalsozialismus
sen halten, den ökonomisch-politi- Gruppen nähern sich schließlich den
schen Kampf gegen die Besatzer füh- Liberalen an. Quantitativ unerheb-
ren. Ihre Mittel sind Mut, Verstellung licher sind die sozialistischen Brigate
und Täuschung, die Fähigkeit, Bezie- Matteotti und die Brigate Mazzini der Neben dem Widerstand in den
hungen zum Schaden des Feindes zu Republikaner. Die anarchistischen und Bergregionen agieren die GAP, die Pa-
manipulieren. Anhand der Staffetten- einige marxistische Einheiten unter- triotischen Aktionsgruppen in den
dienste der Frauen, die die Kontakte stellen sich nicht der Autorität des Großstädten, organisiert von der
zwischen den Formationen und zu den CLN. Die Kontakte innerhalb des Kommunistischen Partei. Diese Frau-
Parteien halten und gleichzeitig ihr Oberkommandos und zwischen den en und Männer arbeiten vollständig im
“normales” Leben weiterführen, wird Partisanengruppen sind wegen unter- Untergrund, übernehmen Sabotageak-
schiedlichen politischen Ansichten te, Anschläge und erschießen Faschis-
und militärischen Vorgehensweisen ten.
nicht immer spannungsfrei. Sabotage-
akte wichtiger Versorgungsstrukturen Im Frühjahr 1945 befreien Partisa-
der Deutschen, Angriffe auf Polizeista- nInnen und EinwohnerInnen zahlrei-
tionen zur Beschaffung von Waffen che Städte. Am 25. April übernimmt
und mit den Alliierten koordinierte An- das CLN in den befreiten Gebieten die
griffe gehören zum Kampf der Partigi- Macht. Bennito Mussolini und seine
ani. Vergeltungsmaßnahmen deutscher Geliebte Claretta Petacci werden drei
Truppen und italienischer Faschisten, Tage später hingerichtet. Die Deut-
Geiselnahmen, Erschießungen von Zi- schen müssen bedingungslos in Italien
vilistInnen und mangelnde Ausrüstung kapitulieren. Die Partisanenformatio-
erschweren den Widerstand in den nen ziehen als Sieger durch die Stra-
Bergen. ßen. Die Partisaninnen dürfen nicht
mitlaufen oder müssen die Binde der
Frauen gehören nicht den Füh- Krankenschwester tragen ...
rungspositionen des CLN an, obgleich
sie wichtige Verbindungsfunktionen
A. Bravo & A.M. Bruzzone:
einnehmen. Sie gründen im November In guerra senza armi, Roma 1995
1943 die Gddd, die Frauenbefreiungs- L. Klinkhammer: Zwischen Bündnis
gruppen, die eigene Zeitschriften her- und Besatzung, Tübingen 1993
ausgeben, in den Fabriken für den anti- C. Pavone: Una guerra civile,
faschistischen Kampf agitieren, glei- Torino 1991

Warnung vor PartisanInnengebieten


chen Lohn wie für Männer fordern,
Material und Kleidung für die kämp- 5
wickelt wird. Nachdem er aufgrund ei-
ner Wette eine Pistole gestohlen hat,
wird er von den Deutschen verhaftet.
Mit Hilfe eines Partisanen kann er aus
dem Gefängnis fliehen.
Durch den linearen Handlungsab-
lauf und die schnörkellose Sprache
bietet die Erzählung eine Darstellung
der Resistenza jenseits von Heldentum
und Verherrlichung. Calvino wählt für
seine Geschichte Randfiguren und
Antihelden wie den Jungen Pin. Die
Partisanenabteilung, der er sich an-
schließt, besteht aus Individuen ohne
soziale Verankerung und ohne politi-
sches Bewusstsein oder Klassenbe-
wusstsein. Der Blick des Autors rich-
tet sich auf Gruppen am äußersten
Rand der Welt der Resistenza, auf je-

Den Unterschied zu vergessen, bedeutet


den Sinn der Geschichte aufzugeben
Revisionismus in der aktuellen Debatte um Resistenza
und Faschismus in Italien
von Guido Pisi rischen Revisionismus, unterstützt nes unsichere Gebiet, in dem die Grün-
durch das Mitte-Rechts Lager, wieder. de dafür, ob einer auf der Seite der Par-
Während in Erlangen die Ausstell- tisanen oder der Deutschen und der Fa-
lung “Partigiani” eröffnet wird, die Diese Debatte über die Geschichte schisten steht, dem Leser nicht deut-
dem deutschen Publikum eine umfang- der Resistenza schlägt sich im Wahl- lich werden. Was die Entscheidungen
reiche Dokumentation über die italie- kampf zu den Parlamentswahlen im der einen oder anderen bedingt hat, ist
nische Resistenza und dem mit den Frühjahr 2001 nieder. Um den deut- weder klar bestimmbar noch rational.
deutschen Besatzern kollaborierenden schen Lesern das konfuse Klima ver- In beiden Lagern wurden die Men-
Faschismus der Republik von Salò bie- ständlich zu machen, in dem diese De- schen durch sehr ähnliche Gefühle ge-
tet, sind in Italien vor kurzem zwei Bü- batte geführt wird, möchte ich mich trieben: “Raserei und sinnlose Wut”,
cher von großer Bedeutung über hier auf Italo Calvino beziehen, einen “ein Spiel unter Gefährten, dessen Ein-
dasselbe Thema erschienen: Der vom der bedeutendsten Schriftsteller unse- satz der Tod ist”, wie es Calvino ver-
Nationalen Institut für die Geschichte rer Zeit. schiedentlich beschreibt.
der Befreiungsbewegung herausgege- Im Dezember 1946 vollendete Cal- Was also unterscheidet die einen
bene “Historische Atlas der italieni- vino seinen ersten Roman “Wo Spinn- von den anderen? Was macht sie un-
nen ihre Nester bauen”. Er stellt darin widerruflich verschieden, trotz der
unterschiedliche Überlegungen über Ähnlichkeiten der Einstellungen und
Diese Debatte über die seine frischen Erfahrungen in den Rei- der Impulse: Der brutalen Gewalt, der
Geschichte der Resistenza hen der Resistenza an. Calvino ging Wut, des Fehlens von Mitleid? Was
Anfang 1944 im Alter von 20 Jahren macht es unmöglich, über die Partisa-
schlägt sich im Wahlkampf mit seinem 16-jährigen Bruder in die nen und ihre Gegner in der gleichen
zu den Parlamentswahlen Berge und schloss sich den Partisanen Art und Weise zu urteilen?
im Frühjahr 2001 nieder der 2. Division “Garibaldi” an, die in Das Problem, das Calvino formu-
den Ligurischen Alpen an der französi- liert, ist dasselbe Problem, das in den
schen Grenze operierten. Er kämpfte letzten Monaten häufig auf den Kultur-
schen Resistenza” und der erste Band dort bis zur Befreiung gegen die Deut- seiten der größten italienischen Zei-
des “Wörterbuchs der Resistenza” (hg. schen und die Faschisten der Republik tungen diskutiert wird. Darüber disku-
von Enzo Colotti). Dies ist ein deut- von Salò. Seine frühen Aufzeichnun- tieren bei Calvino auf einem nächt-
licher Beleg für das Interesse, das die- gen zeugen noch heute, 55 Jahre spä- lichen Marsch Ferriera, der Comman-
se historische Periode in Italien noch ter, von einer intellektuellen Klarheit dante der Brigade – logisch und kon-
55 Jahre nach der Beendigung des 2. und Weitsicht, die um so erstaunlicher kret denkender Arbeiter, typischer Ver-
Weltkrieges findet. sind, wenn man sie den stereotypen treter der um Befreiung kämpfenden
Es geht hier auch um einen beson- Überzeugungen gegenüberstellt, die Klasse – und der politische Kommissar
deren Fall von öffentlichem Umgang damals in der antifaschistischen Bewe- Kim – ein angehender Psychiater auf
mit der Geschichte. In den großen ita- gung vorherrschten. der Suche nach unkonventionellen Er-
lienischen Tageszeitungen spiegelt er “Wo Spinnen ihre Nester bauen” klärungen. Die Überlegungen des
sich in der Auseinandersetzung zwi- erzählt die Geschichte des kleinen Jun- Kommissars Kim suchen auch nach

6 schen einer politischen Kultur antifa-


schistischer Prägung und einem histo-
gen Pin, der durch eine Spielerei un-
versehens in den Partisanenkrieg ver-
dem Sinn im Kampf derer, die “kein
wahres und kein erdachtes Vaterland
haben”, derjenigen die vielleicht Eben diese These wurde kürzlich versteckten, der Widerstand der Solda-
kämpfen, ohne das warum zu kennen, von den großen Tageszeitungen “La ten in den Gefangenenlagern, die Ab-
und die ein “Aufbegehren der Seele” Stampa” und “Corriere della Sera” lehnung der Einberufungen, der zivile
auf die falsche Seite geworfen hat. Es aufgegriffen. Anlass war das gerade er- Ungehorsam der Bauern, die ihre Pro-
ist möglich, dass ihre Beweggründe schienene Buch “La fine di una stagio- dukte bei den staatlichen Sammelstell-
dieselben wie die der Faschisten sind, ne” (Ende eines Lebensabschnittes) len nicht abgaben, sowie der gewalt-
erklärt Kim, “dieselben und doch ge- von Roberto Vivarelli. freie Widerstand der Kirchengemein-
nau das Gegenteil”. Um die einen klar Der siebzigjährige Vivarelli war den.
von den anderen zu trennen gibt es bisher für seine antifaschistische Es ist alarmierend, wenn der aus-
“die Geschichte”: “Und geschichtlich Orientierung und seine Untersuchun- gewogene, angesehene Journalist Pao-
gesehen sind wir auf der Seite der Be- gen über die Arbeiterbewegung be- lo Mieli in seiner Besprechung des
freiung, sie (die Faschisten) auf der an- kannt. In seiner späten Autobiografie Buches von Vivarelli sich beeilt, des-
deren” (all dies sind Formulierungen verspürt er das Bedürfnis, einen Teil sen Interpretation gut zu heißen. Er
von Calvino). Die Geschichte verleiht seiner verschwiegenen und verdräng- setzt die Mehrheit, “die es bevorzugt
der Gewalt und der Wut der Partisanen ten Erfahrungen zu enthüllen. hat, am Fenster zu stehen” mit jener
einen Sinn; dieselbe Geschichte zieht Durch das Beispiel des Vaters an- gleich, “die sich in der Nachkriegszeit
die Faschisten in einen zerstörerischen geregt, der als Freiwilliger im Krieg zur neuen herrschenden Klasse erklärt
Sog sinnloser Gewalt, die Unterdrück- gefallen war, und geformt durch die hat, im Namen des Antifaschismus”.
ung und Knechtschaft für immer fest- Propaganda der faschistischen Jugend- Die Kontrahenten, die sich im
schreibt. Auf der einen Seite gibt es organisationen, schloss sich Vivarelli “Bürgerkrieg” gegenüberstanden,
“das Richtige”, auf der anderen “das mit 14 Jahren begeistert der Republik werden auf eine Ebene gestellt; der
Falsche”. von Salò an. Er kämpfte in den “italienischen Republik, die aus der
Diesen einfachen, schrecklichen schwarzen Brigaden, war an der Er- Resistenza hervorging”, wird die Le-
Unterschied zu vergessen, bedeutet schießung von drei Partisanen (“Spio- gitimität abgesprochen, der Kreis
den Sinn der Geschichte aufzugeben. nen”, wie er sie nennt) beteiligt und schließt sich bei der Zerstörung von
Das Wesentliche, an das Calvino er- schwenkte mit Überzeugung die Fahne
innert, ist, dass auch hinter dem idea- mit dem Hakenkreuz.
listischsten Kämpfer der faschisti- Bei der Erinnerung an jene ferne
schen Brigate nere die Folterkammern, Vergangenheit verspürt er heute weder
Eine neue Variante des
Deportationen, Konzentrationslager Bedauern noch Reue und räumt ledig- faschistischen Denkens
und Gaskammern standen; aber hinter lich ein, dass er damals von den Ver- bahnt sich heute ihren Weg
dem schlimmsten und unwissendsten nichtungslagern nichts wusste. Zu sei-
Partisanen stand eine große Bewegung ner Entschuldigung führt er seine Gut-
von Männern und Frauen, die für eine gläubigkeit und sein jugendliches Un- Paradigmen der Geschichtsschreibung
pazifistische, demokratische und so gestüm an. Seine Rechtfertigung geht und der Gesellschaft, und so enthüllen
weit wie möglich gerechte Gesell- jedoch noch weiter, er versucht gefähr- sich die politischen Absichten derer,
schaft kämpften. licherweise mit Argumenten zu be- die all das betreiben. Das ideologisch-
Die Auffassung, die Geschichte sei gründen, warum er sich für den be- historiographische Modell richtet sich
auf eine einfache Anhäufung von Ein- waffneten Faschismus von Salò ent- nach dem politischen Interesse, dem
zelschicksalen reduzierbar, jeder schieden hat. Für Vivarelli liegt die es dient.
Mensch müsse einzeln für sich beur- moralische Grenze weniger zwischen Wenn man sich heute vorstellt,
teilt werden – in seiner unabänder- dem geschichtlich “Richtigen” und man wäre an Pins Stelle in jener lange
lichen, existenziellen Individualität. “Falschen”. Für ihn liegt sie vielmehr vergangenen Zeit, und als junger Ita-
Diese Idee ist die Grundlage für die “zwischen dem, der in gutem Glauben liener nicht glaubt, man könnte selber
unzulässige revisionistische Gleichset- auf der einen oder anderen Seite der entlang der Wege, “wo Spinnen ihre
zung der Partisanen mit den ”Jungen Barrikaden sein Leben aufs Spiel setz- Nester bauen”, in die Berge gehen, um
von Salò”. te, und jener Mehrheit, die es vorzog, sich den Partisanen anzuschließen, be-
Ob einer “gut” ist oder “schlecht”, am Fenster zu stehen und zu schauen, deutet dies zweierlei: Nicht nur, dass
ob er von der Geschichte freigespro- wie das Ganze wohl enden würde”. die Vergangenheit falsch interpretiert
chen oder verurteilt wird, hinge dann Darin begegnet uns ein häufig verwen- wird, sondern auch, dass Gerechtig-
nicht so sehr von den Ideen ab, für die detes Thema der postfaschistischen keit und Freiheit heute an Wert und
er sich eingesetzt hat, sondern – ganz Täterentlastung: Es billigt allen, die im Bedeutung verloren haben. Eine neue
gleich ob Partisan oder Schwarzhemd, Namen einer Vision mutig ihr Leben Variante des faschistischen Denkens
Opfer oder Schlächter – von dem indi- aufs Spiel setzten, den Partisanen und bahnt sich heute ihren Weg durch die
viduellen Auftritt, den er im Theater den Milizionären von Salò, dieselbe revisionistische Lesart der Marionet-
der Vergangenheit hatte. hohe moralische Gesinnung zu, egal tenrepublik von Salò und versucht, sie
auf welcher Seite sie kämpften. Die der Verurteilung durch die Geschichte
Mehrheit der Bevölkerung wird dage- zu entziehen und ihr eine Würde
gen in einen Topf geworfen und als fei- wiederzugeben, die sie wahrscheinlich
ge bezeichnet. Mit dieser Lesart wird nie hatte.
aus der Geschichte jene Vielfalt von Im Moment kommt dieses kultu-
Verhaltensweisen der Zivilbevölke- relle und politische Manöver krie-
rung eliminiert, die sich in der “Grau- chend und mit einer gewissen Vorsicht
zone” abspielte. Dabei wurde diese daher. Wie lange noch? Und wo wird
Vielfalt nebst der komplexen Bewegg- es enden?
gründe bereits durch die Geschichtss-
schreibung beschrieben und reflek- (übersetzt aus dem Italienischen
tiert: Die Courage der Frauen, die die
Soldaten nach dem Waffenstillstand
von Heike Herzog
und Matthias Brieger) 7
treiben. Unsere Verbände lösten sich
auf, und wir schlugen uns in Klein-
gruppen durch. Es gibt hier sehr viel
Wald, die Deutschen konnten nicht
das ganze Gebiet überblicken, und so
sind viele durch die deutschen Linien
weggekommen. Unsere Gruppe, um
die 60 Leute, hat 24 Stunden lang
Widerstand leisten können, da wir gut
im Wald versteckt waren. Uns ist es
auch noch gelungen, eine Brücke zu
sprengen. Irgendwann waren wir ein-
gekreist, und unsere Gruppe zog sich
12 Tage lang unter Gefechten in die
Winter 1944, bei Reggio Emilia: ''Toni'' im September 2000 Toscana zurück. Die Wälder lagen
Sabotage an der Infrastruktur ist ständig unter Mörserbeschuss, jedoch
eine der grundlegenden Aktions- meist nach dem Zufallsprinzip, und so
felder der PartisanInnenbewegung
haben sie uns nicht gekriegt.
Bei den Rückzugsgefechten gab es

Deckname: ''Toni'' auf beiden Seiten erhebliche Opfer.


Die Deutschen brannten als Vergel-
tungsaktion eine Kleinstadt und ande-
re kleine Dörfer ab, töteten ca. 10 Zi-
Aus der Arbeit eines Saboteurs vilisten und deportierten mehrere 100
Leute zur Zwangsarbeit nach Deutsch-
land. All das konnten wir nicht verhin-
Fernando Cavazzini, Deck- schwere Niederlage zufügen. Das gab dern. Die Deutschen haben sich dann
name ''Toni'', ist ein ehemali- uns so einen Motivationsschub, dass nach 15 Tagen zurückgezogen. Kurz
ger Partisan aus dem Emilia- wir darauf hin fast alle kleineren Ka- darauf sind unsere Kleingruppen nach
nischen Appenin. Er berichtet sernen und Polizeistationen in dieser und nach zurückgekehrt, wir fanden
von seiner Partisaneneinheit Gegend angriffen und entwaffneten. uns wieder zusammen. Als wir zu-
und den Aktionen der Sabo- Es verbreitete sich wie ein Lauf- rückkamen, gingen wir nicht wieder in
tagegruppe ''Demonio'': feuer, dass diese relativ kleine Partisa- die gleichen Dörfer, sondern hielten
nenbewegung plötzlich große Erfolge uns in Zelten aus Fallschirmen auf
zu haben schien. Das führte dazu, dass dem Land auf. Wir konnten erst wie-
Die Mühen im Laufe des Monats Juni unsere Ein- der ganz langsam Kontakte in die Dör-
der Anfänge heit bis auf 2000 Leute anwuchs. Wir fer knüpfen, die in der Zwischenzeit
hatten enorme Schwierigkeiten, die abgebrannt, zerstört, halb deportiert
In den Bergen waren Waffen an- Neuzugänge ein bisschen auszubilden, waren. Es hat lange Zeit gedauert, bis
fangs Mangelware. An einem der er- auszurüsten und in unsere Formatio- wir wieder auf 1500 bis 2000 Partisa-
sten größeren Gefechte bei Ceresolog- nen einzugliedern, weil fast täglich nen angewachsen waren. Doch dann
no im Frühjahr 1944 waren 130 Parti- neue Gruppen zu uns stießen. haben wir das Gebiet der vorherigen
sanen beteiligt, davon hatten nur 30 ei- Auch die Einheiten in der Gegend offiziellen Partisanenrepublik wieder
ne Schusswaffe. Wir waren also drin- von Modena wuchsen innerhalb kurzer unter eigene Kontrolle bekommen. Ab
gend auf die Fallschirmabwürfe durch Zeit auf 5000 Partisanen an. So konn- Winter 1944/45 war es faktisch durch-
die Alliierten angewiesen. ten wir insgesamt ungefähr 7000 Leu- gehend befreites Gebiet. Zwar sind die
te hier in den Bergen zusammenzie- Deutschen ab und zu noch gekommen,
hen. Mitte Juni 1944 haben wir im aber nicht in so großer Anzahl und
Mitte Juni 1944 haben wir Hochapennin zwischen Reggio Emilia nicht für lange Zeit. Sie führten An-
im Hochapennin zwischen und Modena eine sieben Gemeinden griffe über ein, zwei Tage aus und zo-
umfassende Partisanenrepublik, ein gen dann wieder ab. So war unsere
Reggio Emilia und Modena Taktik, zusammen mit den uns be-
zusammenhängendes befreites Gebiet,
eine Partisanenrepublik ausgerufen und organisiert. Eine große kannten und von uns eingesetzten
ausgerufen und organisiert Fläche, circa 40 Kilometer breit, wo Bürgermeistern: Man zog sich zurück
erstmals seit zwanzig Jahren wieder und kam wieder.
Bürgermeister und Gemeinderat ge-
Funkkontakte zu den Alliierten gab wählt wurden. Wir hatten gute Verbin- Der Winter 1944/45 war fürchter-
es über einen Priester bereits im Ok- dungen zu den Alliierten, sie haben lich. Die Alliierten haben aufgrund des
tober 1943. Aber erst im Mai 1944 uns fast täglich aus der Luft versorgt. “Alexander-Befehls” die Abwürfe von
warfen die Alliierten die ersten Waff- Wir hatten begonnen, eine Landebahn Waffen und Hilfsgütern gestoppt, was
fenkisten in unserer Gegend ab. Wir für kleine Flugzeuge zu bauen. Das die Deutschen natürlich bemerkten.
waren nur um die 100 Personen und brachte wahrscheinlich das Fass zum General Alexander ließ verkünden:
sind dadurch gut ausgerüstet worden. Überlaufen. Die Deutschen führten am Partisanen, geht nach Hause, wir neh-
Daraufhin konnten wir einen Angriff 30. Juli eine große Durchkämmungs- men den Kampf im Frühjahr wieder
von mehreren hundert Schwarzhem- aktion in diesem Gebiet durch und zer- auf. Für die Deutschen war das ein
den abweisen, obwohl von uns nur 12 störten die Partisanenrepublik. großer Vorteil. Da sich an der Front
Leute beteiligt waren, aber gut postiert nichts mehr bewegte, konnten sie von
und bewaffnet. Gemeinsam mit den Zwei von der Front abgezogene dort immer wieder Kräfte zur Be-
nachrückenden Partisanengruppen Divisionen kamen von drei Seiten und kämpfung der Partisanen abziehen.
8 konnten wir den Faschisten eine versuchten uns in eine Sackgasse zu
9. September 2000: Buchvorstellung "pietre dolenti (schmerzenden Steine) - PartisanInnendenkmäler in Reggio
Emilia" auf der Lichtung Lama Golese bei Febbio. In der Nacht zum 19.5.1944 warfen hier die Allierten zum ersten
mal Waffen ab.

sche Partisanen mit dem Gruppenna-


Sabotage men “Der blaue Hund”.
Frankreich, das bereits von den Alli-
ierten befreit worden war. Sie wussten
Das Gebiet der ehemaligen Partisa- Manchmal zog unsere Gruppe zu- das noch gar nicht. Wir haben auch sie
nenrepublik war dann unsere Basis. sammen los, manchmal gingen nur über die Frontlinie zu den Alliierten
Von da aus gingen unsere Gruppen los, zwei oder drei. Wir waren ständig auf gebracht.
um z. B. die beiden großen Bundes- den Beinen. Auch in der Poebene und Bei uns waren auch Deutsche mit
straßen anzugreifen, Brücken zu auf der anderen Seite der Berge, in der dabei, der Berliner zum Beispiel. Ei-
sprengen und die Infrastruktur zu zer- Toscana, waren wir im Einsatz. Wir nes Tages hatten wir Spione verhaftet.
stören. Das hat die Deutschen sehr in umgingen Kampfgebiete, um hinter Einer von ihnen beteuerte seine Un-
Rage versetzt, denn es waren ihre dem Rücken der Deutschen Brücken zu schuld. Den sperrten wir mit unserem
wichtigen Verbindungswege: für sprengen, die Munitionszufuhr zu un-
Nachschub in die eine und Rückzug in terbrechen oder Verwirrung zu stiften.
die andere Richtung. So versuchte die Während des massenhaften Rückzugs Mein Job war Sabotage.
Besatzungsmacht gegen Ende des der deutschen Truppen stellten wir Wir waren sechs Personen
Krieges, kurz vor den Tagen der Be- deutsche Wegausschilderungen in die
freiung nochmals, mit schlagkräftigen, falsche Richtung auf. Dadurch verlief in einer Spezialgruppe,
schnellen Aktionen die Straße frei zu sich eine große Wehrmachtseinheit, davon sind am Ende nur
kriegen, um sich über die Toscana und mehrere tausend Soldaten, in eine zwei übrig geblieben
die Emilia in Richtung Brenner und Sackgasse und konnte von den Alliier-
heim ins Reich zurückziehen zu kön- ten gefangen genommen werden.
nen. Das hat aber zum großen Teil Deutschen aus Berlin zusammen, der
nicht geklappt, weil wir sämtliche Brü- sich auch als Gefangener ausgab. Ihm
cken hier in der Gegend gesprengt
Überläufer und erzählte er bereitwillig, dass er ein
hatten. In der Gegend von Reggio nah- Gefangene Spion war. Daraufhin haben wir ihn
men wir große Teile der durchziehen- erschossen.
den deutschen Truppen gefangen. In- Viele Deutsche sind zu uns überge- Ich kann mich nicht erinnern, dass
zwischen waren wir so kampferprobt, laufen. Manche sind als Einzelperso- unsere Gefangenen schlecht behandelt
ausgerüstet und motiviert, dass wir nen gekommen, andere haben sich in wurden. Auch nicht die deutschen Off-
Gegenangriffe durchführten und die Gruppen gestellt. Sie mussten ihre fiziere, denn die wollten wir ja austau-
Deutschen auch durchaus Niederlagen Waffen abgeben und waren ein paar schen.
einstecken mussten. Tage bei uns, bevor sie vielleicht wie- Aber auch Faschisten, die wir ge-
Mein Job war Sabotage. Wir waren der welche bekamen; darüber ent- fangen nahmen, behandelten wir nicht
sechs Personen in einer Spezialgruppe, schied das Kommando. Das Komman- schlecht. Wir schickten viele wieder
davon sind am Ende nur zwei übrig ge- do hat sie natürlich befragt. Wir hatten nach Hause und sagten, sie sollten sich
blieben. Daraufhin stellte ich eine neue eigentlich nie Probleme. nicht wieder blicken lassen, beim
Gruppe mit 12 Leuten zusammen, die Von Januar 1945 bis zur Befreiung nächsten Mal würden wir sie schlech-
darauf spezialisiert war, Brücken, Stra- kamen täglich 50 - 100 zu uns, um sich ter behandeln. Wir machten damit
ßen, Eisenbahnlinien etc. zu sprengen. zu ergeben, Deutsche und Italiener. auch Propaganda: Wir wollten ja, dass
Wir waren direkt dem Zentralkom- Wir brachten sie über die Frontlinie in Leute überliefen, um das Heer zu
mando der Partisanen unterstellt und den befreiten Teil Italiens. Einmal ha- schwächen.
wurden als flankierende Maßnahme ben wir bei Viano drei Deutsche gefan-
eingesetzt, wenn die Infrastruktur gen genommen, die wir mitnahmen.
Irgendwann wurde Tabak verteilt. Ob- Die Gespräche mit Fernando
lahm gelegt werden musste, um die
Cavazzini und Giacomina
entsprechenden Voraussetzungen für wohl es selten Tabak gab, haben wir
Castagnetti (S. 11) fanden statt im
Angriffe zu schaffen. auch mit denen geteilt. Sie sind sogar
Rahmen von "Sentieri Partigiani",
Es gab noch eine zweite wichtige unsere Freunde geworden. Diese Deut-
Sabotage-Gruppe, das waren sowjeti- schen kamen aus dem Grenzgebiet zu
veranstaltet vom ISTORECO Reggio
Emilia (http://www.istoreco.re.it). 9
''In den Untergrund zu
gehen, war wie eine
Beförderung''
in meiner Erziehung verhaftet, dass ich mir dann, dass ich zwar für meinen
erst Papa fragen wollte. Der war ein- Mut ausgezeichnet werden müsste,
verstanden, und ab dem Moment be- aber gleichzeitig erschossen gehörte,
gann mein neues Leben.” weil ich meinen Platz verlassen hatte.”
Polizzi arbeitet weiter als Schuh- Nach langem Hin und Her gelingt
verkäuferin, ist in ihrer freien Zeit als es einem Kommissar gegenüber der
Kurierin für den PCI tätig, nimmt an Partei durchzusetzen, dass Polizzi mit
Versammlungen teil, arbeitet für die dem Decknamen “Mirka” in den Ber-
antifaschistische Agitation und Propa- gen bleiben kann - als Vizekommissa-
ganda und baut eine Frauengruppe auf. rin. Ihre Aufgabe besteht nun darin,
“Mit der Arbeit als Verkäuferin die PartisanInnen politisch zu schulen.
musste ich plötzlich aufhören, weil ich “Dieses Amt hatte ich nur kurze
von einer Arbeitskollegin angezeigt Zeit inne. Denn inzwischen hatte ich
wurde. Es heißt, sie habe 5.000 Lire mich mit dem Kommandanten verlobt.
Laura Polizzi 1944 dafür bekommen. Als die Polizei zu Man war nun der Meinung, dass der
uns nach Hause kam, fand sie meine Kommandant und die Kommissarin
Schwester und meinen Onkel vor, bei- unmöglich eine Liebesbeziehung ha-
Laura Polizzi stammt aus ei- de wurden verhaftet, meine Schwester ben könnten, weil dies zweifellos das
ner antifaschistischen Familie war noch nicht mal siebzehn. Ich wur- Leben der Guerilla in Unruhe gebracht
aus Parma. Politisiert wird sie de zwar immer gesucht, aber nie ge- hätte. Ich war nicht besonders bereit,
durch ihre Onkel, die Führungs- funden. Natürlich war ich nun ‘ver- dies zu akzeptieren, aber dann habe
positionen in der Kommunisti- brannt‘ und musste mich verstecken. ich es doch geschluckt und bin in die
schen Partei (PCI) einnehmen. Später bekam ich einen falschen Aus- Ebene zurückgekehrt.”
Sie selbst tritt als Partisanin un- weis und musste Parma verlassen. Als “Mirka” verkleidet nach Par-
ter dem Decknamen ''Mirka'' Man sollte meinen, dass es furcht- ma geht, um Sachen von zu Hause zu
der Resistenza bei. bar war, in den Untergrund zu gehen, holen, erfährt sie, dass ihre Eltern ver-
dass ich hätte verzweifelt sein müssen, haftet worden sind. Die Eltern und
“Nach der Absetzung Mussolinis aber ich muss sagen, ich habe das hin- beide Geschwister werden schließlich
im Juli 1943 zogen meine beiden On- genommen. Ich wollte schon immer in die KZ Mauthausen und Ravens-
kel zu uns, weil sie sich zu Hause nicht dem Widerstand angehören. Es war, brück deportiert.
mehr sicher fühlten. So wurde unser als hätte man mich befördert. Und “Nun war alles sehr tragisch für
Haus zu einem Treffpunkt des antifa- dann bin ich mit demselben Auftrag, mich. Als ich nach Reggio zurückkam,
schistischen Widerstands. Ich erhielt den ich schon in Parma hatte, nach Pi- wollte ich mich den Faschisten stellen.
hier viele politische Kontakte und bat acenza gegangen: die Verteidigungs- Die Genossen waren sehr erschrocken
einen Onkel schließlich, in die Partei gruppen der Frauen zu organisieren und haben mich eine Woche lang ein-
eintreten zu dürfen. Er freute sich zwar und im Bereich Agitation und Propa- gesperrt. Dann habe ich mich beru-
darüber, lehnte aber ab, weil ich noch ganda zu arbeiten. Von dort aus ging higt, aber es war furchtbar.
ich nach Reggio Emilia.” In der Ebene haben sie mir wieder
Immer wieder bittet Polizzi die meine alten Aufgaben übertragen, ich
Dann bin ich nach Partei, mit einem militärischen Auftrag habe meine Kontakte wieder aufge-
Piacenza gegangen: die in die Berge gehen zu können. Aber nommen. Aber ich wurde immer in-
Verteidigungsgruppen der was ihr versagt bleibt, wird einem tensiver gesucht, und der Kreis um
Frauen zu organisieren Freund gestattet. Sie ist darüber ent- mich begann immer enger zu werden.
setzt: Es wurden Genossen erschossen, mit
“Und ich: ‘Ja wie, du ja und ich denen ich eng zusammen gearbeitet
zu jung und unsere Familie sowieso nicht?‘ Madonna! Ich war wirklich hatte. Kurz, das Leben in Reggio be-
schon zu sehr in den Widerstand ein- verzweifelt. Aber er sagt mir: ‘Warum gann für mich sehr gefährlich zu wer-
gebunden sei.” gehst du nicht auch einfach? Ich gebe den. Deshalb beschloss die Partei,
Stattdessen bekommt Polizzi dir die Parole, überleg‘s dir‘.” mich nach Mailand zu schicken.”
Unterricht in politischer Ökonomie Er verrät ihr das Losungswort für Dort erlebt “Mirka” die Befreiung.
und Theorie, liest Lenins Schriften und den Zugang zu den PartisanInnen. Ob- Danach kehrt sie nach Parma zurück,
übt die Handhabung von Waffen. Nach wohl sie gerade mit der wichtigen Auf- wohin auch später ihre Mutter, ihre
dem 8. September ‘43, dem Einmarsch gabe betraut ist, den Kontakt zwischen Schwester und ihr Bruder zurückkeh-
der Deutschen, schließt sie sich dem den katholischen und kommunisti- ren. Der Vater überlebt Mauthausen
Widerstand an. schen Frauengruppen aufzubauen, nicht.
“Es passierte für mich etwas Wun- schmeißt sie alles hin und geht in die
derbares. Mein Onkel nahm mich bei- Berge. Bearbeitete Übersetzung aus:
seite und sagte mir: ‘Ab jetzt gehst du “Ich bin in die Berge mit einer M. Minardi: Ragazze dei Borghi in
nicht mehr nach Hause, du stehst der Gruppe Jugendlicher, die auch schon Tempo di Guerra, Parma 1991
10 Partei zur Verfügung‘. Aber ich war so immer dorthin wollten. Dort sagte man
darunter die Munition und den Revol-
ver. Um Informationen weiterzugeben
war das Fahrrad das schnellste Mittel.
Wir mussten oftmals flüchten oder uns
verstecken. Heute kauft man einfach
eine Zeitung am Kiosk, aber damals
bedeutete, eine Zeitung gegen den
Krieg in der Tasche zu haben, sich in
Lebensgefahr zu befinden. Uns gegen-
über stand die deutsche Streitkraft,
sehr gut ausgerüstet und versorgt. Wir
waren mit Sicherheit etwas unbedacht,
die Gefahren waren uns nicht so be-
wusst. Hier wurden Mechanismen
ausgelöst, die uns zum Handeln be-
wegten, die heute im Nachhinein sehr
schwer zu erklären sind.
Bei Kriegsende war uns bewusst,
dass wir einen erheblichen Beitrag zur
Giacomina Castagnetti vor dem Denkmal für die Frauen der Resistenza in
Castelnovo Monti.
Befreiung des Landes geleistet hatten.
Als die Frauen nach dem Krieg das
Wahlrecht erhielten, war es letztend-
''Obenauf die Kartoffeln, lich auch hier so, dass die Parteien,
gleich welcher Coleur, die Frauen
brauchten. Deshalb hat sich niemand
darunter die Munition'' auf politischer Ebene getraut, sich ge-
gen das Frauenwahlrecht zu stellen. Es
Vom täglichen Widerstand einer Partisanin war klar für uns, dass wir jetzt auch
mehr Rechte und Freiheiten erhalten
wollten, und dass dies auch unser gu-
Giacomina Castagnetti Die Arbeit dieser Frauenbefrei- tes Recht war. Es hätte nach dem Ge-
stammt aus einer antifaschisti- ungsgruppen bestand darin, in die Fa- schehenen einfach nicht mehr anders
schen Familie. Schon als Kind milien zu gehen, um für die Partisanen sein können. Der Faschismus hatte die
wird sie somit politisiert. Als zu sammeln oder andere Familien in
1940 Italien an der Seite den Kampf mit einzubeziehen, sie für
Deutschlands in den Zweiten den Widerstand zu gewinnen. Wir
Weltkrieg eintritt, schreibt sie sprachen mit Familien, ob sie Partisa- Mit der Resistenza wurden
sich - 15jährig - in die Kom- nen beherbergen würden. Diese Arbeit die sogenannten Frauenbe-
munistische Partei ein. Nach war natürlich nicht ungefährlich. Wir
dem Waffenstillstand mit den wussten ja nicht immer, mit wem es freiungsgruppen gegrün-
Alliierten am 8. September diese Leute hielten, wie sie politisch det, denen ich beitrat
1943 schließt sie sich dem eingestellt waren. Aber der Widerstand
Widerstand an. hätte sich nicht vergrößert, wenn wir
uns nur in unserem Kreis von Antifa- Frauen, die bisher immer im Haushalt
“Mit der Resistenza wurden die so- schisten aus den Jahren zuvor ver- oder auf dem Hof gearbeitet hatten, in
genannten Frauenbefreiungsgruppen schanzt hätten. den Fabriken gebraucht, weil die
gegründet, denen ich beitrat. Natürlich Außerdem war jeder Truppenabtei- Männer an der Front waren. Wir wa-
war unser erstes Ziel, gegen den Krieg lung eine Staffette zugeteilt, es sollten ren daher keine voneinander isolierten
zu kämpfen, aber selbst in der Zeit, in und durften nicht mehr sein. Wir kann- Frauen mehr, nicht mehr jede für sich
der wir illegal leben mussten, trafen ten immer nur eine oder maximal zwei hinter ihrem Herd, abgeschieden von
wir uns und diskutierten über das Frau- Personen. Wenn ich alle Personen ge- anderen Frauen. Wir waren Frauen ge-
enwahlrecht und andere Rechte, die kannt hätte, die wie ich an derselben worden, die in der Gesellschaft prä-
wir für Frauen einforderten. Unsere Aktion beteiligt waren, und sie mich sent waren.
Zusammenkünfte haben wir mitten auf gefangen hätten, wäre es einfacher ge- Trotzdem aber mussten wir nach
dem Land abgehalten, um nicht die Fa- wesen, alles aus mir herauszube- dem Krieg tausend Widerstände bre-
milie und den Hof, in deren Nähe wir kommen; vielleicht hätte ich dem chen. Denn natürlich gab es Rück-
uns trafen, in Gefahr zu bringen. Es Druck und dem Terror standhalten wärtsgewandte. Man hat so manche
waren sehr viele Frauen in diesen können, aber ich hätte auch Namen Partisanin misstrauisch beäugt. Aber
Gruppen organisiert. Ich war ja schon preisgeben und dadurch die ganze letztendlich mussten die Männer ein-
vorher aktiv, aber viele andere haben Gruppe und unsere Organisation in sehen, dass die Arbeit der Frauen
sich erst 1943 für den Widerstand ent- Gefahr bringen können. Deswegen wichtig war, denn wenn es z.B. die
schieden. Nach dem 8. September musste diese Reihe unterbrochen wer- Staffetten nicht gegeben hätte, wären
musste man sich entscheiden: Entwe- den, indem man nichts wusste, nie- die Partisanengruppen völlig isoliert
der gingst du in die Berge oder du hast mand weiteren kannte. voneinander gewesen. Es gab natür-
dich der faschistischen Republik von Als Staffetten übermittelten wir lich immer wieder Männer, die die
Salò angeschlossen. Es gab keine drit- Nachrichten und transportierten Flug- Frauen genauso wie in vergangener
te Möglichkeit. Das wichtigste Ziel, schriften und Waffen. So trugen wir in Zeit gering geschätzt haben, aber als
das muss man sich klar machen, war unserem Einkaufskorb beispielsweise Partisanen konnten sie das nicht mehr
das Ende des Krieges. obenauf die Kartoffeln und versteckt tun.”
11
Absage an das
faschistische Modell
Italienische Frauen in der Resistenza

rade die sehr starke Beteiligung von schmerzhaft empfunden und nicht
Frauen belegt aber das Gegenteil. mehr vergessen. Aber auch die patriar-
Frauen hatten vielfältige Aufga- chalen Gesetze des Faschismus, der
ben: Sie verlangten einen hohen Grad Ausschluss der Frauen aus jeglicher
an Flexibilität, Risikogespür und die politischer Verantwortung und ihre
Fähigkeit, eigenständig zu handeln, Unterordnung dem Mann gegenüber
was keineswegs einem untergeordne- im Zivil- und Strafrecht sind Grund
ten Rang entspricht. Dagegen war das genug für ihre oppositionelle Haltung,
Stafetten aus dem Piemont (von Bewusstsein der Partisaninnen in Be- die schon in den Vorkriegsjahren in
links nach rechts): Assunta und zug auf das, was sie taten, sehr be- Erscheinung tritt. Auffallend ist zum
Marcella Versino, Reginalda scheiden, und sie empfanden es als ei-
Santacroce, die bei ihrer
Beispiel, dass ein Geburtenrückgang
Gefangennahme durch die ne bloße Erweiterung ihrer Fürsorge- trotz Propaganda des Regimes ver-
Deutschen gefoltert wurde. pflicht. Obwohl sie unter erheblichen stärkt zu bemerken ist. Ausgerechnet
Risiken arbeiteten, werteten sie ihre die Frauen, die vom Land in die Stadt
Aktion als “nichts Besonderes”, gera- ziehen, was die Regierung mit ver-
de weil viele ihrer Aktivitäten zur üb- schiedenen autoritären Maßnahmen zu
von Liana Novelli-Glaab lichen Tätigkeit von Frauen gehörten. verhindern sucht, beschleunigen diese
Entwicklung. Sollte nicht die bäuerli-
Bis vor kurzem hat man nur von ei- Welche Motive brachten Frauen che, kinderreiche “mamma” als ty-
nem “Beitrag” der italienischen Frauen dazu, sich im Widerstand zu engagie- pisch italienisches Frauenbild wieder
zum Widerstandskampf gesprochen. ren? hergestellt werden?
Die historische Frauenforschung geht Was ihnen nachgesagt wurde - fa- Viele Frauen erteilten dem faschis-
heute davon aus, dass ohne die aktive miliäre Erziehung, Liebe zu einem tischen Modell eine Absage, und die
Teilnahme der Frauen der Widerstand Partisanen (Vater, Sohn, Bruder, Ver- Teilnahme an der Resistenza ist ihre
in Italien nicht möglich gewesen wäre. lobten), Mütterlichkeit - stimmen oft konsequente und logische Folgerung.
Die offizielle Zahl der Partisanen nicht mit der Realität überein oder Gegnerinnen des Regimes sind in je-
bezieht sich auf die Kämpfenden unter müssen in Beziehung zu den Motiven der sozialen Schicht zu finden, sie
ihnen, und darunter sind die Frauen in der Männer überprüft werden: Auch stellen einen Querschnitt durch die ge-
der Minderheit. Dabei wird aber über- Männer wurden in oppositionellen Fa- samte italienische Bevölkerung dar.
sehen, dass die gesamte Versorgung milien großgezogen, aber niemand hat Alle Berufsstände sind vertreten, und
der Kämpfenden in ihrer Verantwor- ihnen dies als Zeichen unzureichenden den größten Anteil machen die Haus-
tung lag. Für die Versorgung einer Ar- Bewusstseins ihres Tuns angelastet. frauen aus. Das ist wiederum eine Be-
mee - vor allem einer Untergrundar- Solche Erklärungen für das Enga- stätigung des Volkscharakters der Re-
mee - ist eine sehr hohe Zahl von Hel- gement von Frauen in der Resistenza sistenza.
sind insofern interessant, als sie dem Es ist behauptet und beklagt wor-
Wunsch entspringen, Frauen nicht als den, dass das Engagement der Frauen
Frauen hatten vielfältige Subjekte der Geschichte, sondern als nur vom 8. September 1943 bis zum
Personen zu sehen, die nach immer Kriegsende gedauert hat, dass sie dann
Aufgaben: Sie verlangten gleichen Mustern agieren - Mütterlich- von der öffentlichen Bühne ver-
einen hohen Grad an keit, Fürsorge, Verantwortung für das schwunden und wieder ins Private zu-
Flexibilität, Risikogespür Wohl der Familie, in diesem Fall der rückgekehrt sind. Das stimmt nur zum
und die Fähigkeit, eigen- erweiterten Familie der Partisanen. Teil. Aus den Gruppi di difesa della
Dass diese Sicht einem psychologi- donna (Frauenverteidigungsgruppen)
ständig zu handeln, was schen Bedürfnis entspricht - mindes- entsteht zum Beispiel die Unione
keineswegs einem unter- tens das Verhalten der Frauen soll Donne Italiane (Union der italieni-
geordneten Rang entspricht stabil sein, damit man darauf bauen schen Frauen), die versucht, das
kann -, erklärt, warum die Figur der Selbstverständnis und das Leben der
Partisanin in der Nachkriegszeit so Italienerinnen zu modernisieren und
ferinnen und Helfern nötig, die die der dargestellt wurde. Diese Rezeption ist zu verändern. In die zwei großen
Kämpfenden weit übersteigt. Sie ist besonders in der Literatur zu finden. Volksparteien - die Democrazia Cristi-
auf 14 Personen pro Kämpfenden be- Aus den Aussagen der Frauen ent- ana und die Kommunistische Partei -
ziffert worden. steht ein differenzierteres Bild der Par- treten ehemalige Partisaninnen ein
Dieses Argument ist heute sehr tisaninnen. Sehr oft kommen sie aus und bilden weibliche Sektionen. Aber
wichtig, weil man mit einer offiziellen angestautem Ärger über die Ungerech- die meisten Frauen kehren tatsächlich
Zahl von etwa 350.000 Partisanen der tigkeit des Regimes zum Widerstand. nach Hause zurück.
Widerstandsbewegung ihre Veranke- Vor allem soziale Unterschiede werden Giuliana Gadola Beltrami, Präsi-
12 rung im Volk absprechen möchte. Ge- schon von kleinen Mädchen als dentin des Italienischen Partisanenver-
bandes ANPI, sagte Ende der 70 Jahre: politische Eignung der Frauen in Frage berufenen Männern, gar nicht ge-
“Die Familie ... hat sie (die Frauen) stellt. zwungen waren, sich für die Republik
wie ein Riesenpolyp gefressen. Und Anna Bravo hat das mütterliche oder für den Untergrundkampf zu ent-
niemand hat es bemerkt.” Wie konnte Verhalten der Partisaninnen zu Recht scheiden. Ihre Wahl ist tatsächlich
das geschehen? Die Historikerin Fran- unterstrichen. Es soll nicht vergessen freiwillig.
ca Pieroni Bortolotti sieht die Wurzeln werden, dass der Partisanenkrieg nach Wenn Ernesto Galli della Loggia
der allgemeinen Nichtbeachtung die- dem Waffenstillstand vom 8. Septem- die Zeit vom 8.9.1943 bis zum
ses Phänomens in der Frauenfeindlich- ber mit der größten Verkleidungsak- 25.4.1945 als “guerra femminile”
keit der patriarchalen Gesellschaft, de- tion anfängt, die in der italienischen (weiblichen Krieg) bezeichnet, stützt
ren Spuren auch in der Resistenza vor- Geschichte bekannt ist. Die Soldaten er sich auf die Tatsache, dass sich im
handen waren. Man denke nur, dass in aus der zusammengebrochenen italie- besetzten Italien nur die Frauen frei
den meisten Partisanenrepubliken die nischen Armee brauchten neue Klei- bewegen konnten, die Männer zwi-
Frauen kein Wahlrecht bekamen. Anna dung, um nicht als Feinde nach schen 18 und 65 Jahren - wegen des
Bravo erzählt, dass die Näherinnen, Deutschland deportiert zu werden. Da- Deportationsrisikos - nicht.
die die Bekleidung der Garibaldi-Bri- mals schneiderten Frauen in kürzester Wie hätte man also ohne Frauen
gaden schneiderten, nach rigiden An- Zeit Hosen und Jacken aus alten Dek- einen Kampf führen können? Wer
weisungen getrennt von Männern le- ken und Hemden. Die Soldaten beka- hätte Unterkunft und Verpflegung be-
ben sollten und sich einmal in der Wo- men am Bahnhof Adressen, wo sie ih- sorgt, Waffen geliefert, Befehle ge-
che einer ärztlichen Untersuchung re Uniformen gegen zivile Kleidung bracht, Verletzte versorgt, Untergrund-
unterziehen mussten - aus der Be- umtauschen konnten. Ihre Schuhe propaganda geschrieben, getippt und
fürchtung, dass die Partisanen aus mo- wurden gefärbt und später anderen ge- verteilt, um nur einige der Aufgaben
ralischen Gründen in Verruf kommen geben. Jede italienische Frau, die im zu nennen?
könnten. Das Misstrauen gegenüber besetzten Teil des Landes gelebt hat, Dass man heute solche Überlegun-
den Frauen war nicht nur in der Angst erinnert sich an diese Aktion. gen anstellt, ist nicht zuletzt das Ver-
begründet, die Bevölkerung würde sie Eine offizielle Anerkennung für dienst von Frauen. Es waren diejeni-
als sexuell leichtfertig abstempeln. diese Leistung gibt es nicht: Sie wird gen, die den Krieg und den Partisa-
Das geschah ohnehin und deswegen in keinem Schulbuch erwähnt. Nur die nenkampf selbst miterlebt hatten und
wurden viele Partisaninnen von ihren von der provisorischen Regierung ver- die Erinnerung der Teilnehmerinnen
Kampfgenossen daran gehindert, bei abschiedete Erweiterung des Wahl- zu Papier brachten - Bianca Guidetti
Umzügen zur Feier der Befreiung mit- rechts für Frauen erinnert an ihre Ver- Serra, Anna Maria Bruzzone, Rachele
zugehen. dienste im Krieg. Es ist ein Dekret von Farina, Franca Pieroni Bortolotti und
Wie so oft in der Geschichte sind Februar 1945, das fast unbemerkt Nuto Revelli (unter den Männern)
die Frauen gern gesehen bei spontanen bleibt. Nur ein Zeitungstitel äußert die sind die bekanntesten von ihnen.
Aufständen: Wenn sie in den ersten Befürchtung: “Werden jetzt die Frauen
Reihen - am besten mit ihren Kindern gebieten?” (Daraus spricht die alte Be- Aber keine Debatte über
auf dem Arm - für Brot oder Freiheit fürchtung, wenn die Frau nicht mehr
demonstrieren, zählt man auf sie und gehorchen muss, wird sie befehlen
eine neue Rolle der Frau in
hofft, dass ihretwegen der Schießbe- wollen ...) Aber keine Debatte über ei- der Politik entsteht.
fehl unterbleibt - was nicht immer der ne neue Rolle der Frau in der Politik Gleichgültigkeit ist die
Fall ist. Nach Ende der Revolte stört entsteht. Gleichgültigkeit ist die allge- allgemeine Reaktion
gerade diese urwüchsige Mutterge- meine Reaktion.
stalt, deren Kraft und Leidenschaft die Es sieht so aus, als ob sich viele
Frauen, die sich in der Hoffnung auf Wenn auch ihre Bücher die histori-
radikale Änderungen mobilisieren, sche männliche Perspektive in Frage
hinterher freiwillig zurückziehen, weil stellten, beeinflussten sie kaum die
die politische Verwaltung des Alltags allgemeine Geschichtsschreibung und
sie nicht interessiert. Mehrere Fakto- blieben innerhalb der Grenzen der
ren treffen zusammen und geben ein Frauenforschung. Erst seitdem die
sehr differenziertes Bild. Zum einen ist neue englische und amerikanische
den Männern die Rückkehr der Frauen Historiographie männliche und weib-
ins Private höchst willkommen, zum liche Rollen im Krieg und ihre Rezep-
anderen sind es die Frauen selbst, die tion als zentrales Thema betrachtet, ist
es aus Desinteresse oder Angst tun, als eine neue Sicht möglich. Der Krieg
ehemalige Partisaninnen gesellschaft- wird nicht mehr nur unter ideologi-
lich ausgegrenzt zu werden. Schließ- schen, politischen und militärischen
lich spielen regionale Unterschiede ei- Aspekten betrachtet, wobei nicht be-
ne Rolle. In der Emilia-Romagna be- waffnete Personen wie Frauen, Kin-
günstigt das bereits bestehende politi- der, Gefangene und Deportierte nur
sche Klima Institutionen, die den Frau- nebensächliche Akteure sind.
en eine Kontinuität ihrer im Krieg be- Heute kann die zivile Resistenza
gonnenen Politisierung erlauben. Im der Frauen als neue Kategorie in der
Piemont z.B. geschieht dies nicht, weil Geschichte ihren gebührenden Platz
die individuellen Motivationen der einnehmen.
einzelnen Partisaninnen nicht in politi-
schen Gruppierungen kanalisierbar Literaturtipps:
sind. F.P. Bortolotti: Le Donne della
So verschwinden viele Frauen ins Resistenza Antifascista, Milano 1978
A.M. Bruzzone/R. Farina: La
Namenlose, die, im Gegensatz zu den
von der Faschistischen Republik ein-
Resistenza Taciuta, Milano 1976
13
Buchtitel 'Covo di banditi'
1944: Niedergebrannter Straßenzug in Cumiana Gedenktafel für die 51 Opfer

Covo di banditi –
Höhle der Banditen
Das Massaker von Cumiana

In seinem Buch “Covo di banditi” schen in ganz Italien die Bekämpfung die Häuser zu räumen, zu plündern
beschreibt der Politikwissenschaftler des Widerstands forcieren, wird auch und niederzubrennen. 135 ZivilistIn-
Marco Comello aus Cumiana eines der Cumiana Zielort der Repression: An- nen werden am Dorfeingang zusamm-
größten Massaker während der deut- fang März wird das VII. Bataillon der mengetrieben und am Nachmittag als
schen Besetzung Italiens: 51 Zivilisten italienischen SS in der Ebene fünf Ki- Geiseln in die SS-Kaserne gebracht.
werden in Cumiana als Vergeltung für lometer vor Cumiana stationiert. Aus dem Augenzeugenbericht des
eine Partisanenoperation erschossen. Unterstützt von anderen Einheiten be- Arztes von Cumiana, Michelangelo
Im Herbst 1999 erhob die Turiner ginnt die SS mit Durchkämmungsak- Ferrero: “Am 2. April gegen 9 Uhr
Militärstaatsanwaltschaft in dieser Sa- tionen und Verhaftungen. wurde ich gefragt, ob ich den Partisa-
che Anklage wegen Mord, begangen Bei einer Razzia am 30. März wer- nen eine Mitteilung des deutschen Off-
an italienischen Zivilisten durch feind- den 80 Personen verhaftet, eine unbe- fiziers überbringen würde. Ich bejahte.
liche Militärangehörige. Angeklagt kannte Anzahl von ihnen verschwindet Der Offizier diktierte mir mit Hilfe ei-
war Anton Renninger aus Erlangen. in Arbeitslagern in Deutschland. Einen nes Dolmetschers einen Brief, den ich
Nach Zeugenaussagen war er damals Tag später bringt ein Lastwagen, ge- niederschrieb. Ich habe am 8. Januar
mit einer italienischen SS-Einheit un- fahren von einem der Gefangenen des 1946 dem Oberleutnant Fairley eine
ter deutschem Kommando in Cumiana. Vortages, die Lebensmittelzuteilung Kopie des Briefes übergeben, der in
Circa 40 Kilometer westlich von für Cumiana. Eskortiert wird er von 40 meiner Anwesenheit unterschrieben
Turin liegt die Gemeinde Cumiana. Für italienischen SS-Männer unter dem wurde. Ich sah den deutschen Offizier
die Deutschen galt diese Gegend am Kommando deutscher Unteroffiziere. diesen Brief unterschreiben und erinn-
Fuß der Berge als “rifugio di banditi” - Die Eskorte bleibt über Nacht mit dem nere mich, dass sein Name ‘Rennin-
Lastwagen im Zentrum von Cumiana, gen’ war. Zusammen mit Don Felice
da die Verteilung an die Händler erst Pozzo und einem anderen Pfarrer ging
Der italienische am nächsten Morgen erfolgen kann - ich zu den Partisanen. Sie schrieben
Unteroffizier sagte: ''Es ist eine Provokation für die PartisanIn- den Brief ab und brachten ihn in ihr
jetzt 17.38; ihr habt 5 nen. Hauptquartier.”
Dieser Brief ist das Ultimatum
Minuten um die heiligen Im Morgengrauen beschließen die Renningers, in dem gedroht wird, die
Sakramente zu empfangen, Kommandanten dreier PartisanInnen- Geiseln zu erschießen und Cumiana
um 17.43 wird begonnen'' gruppen, darunter Franco Nicoletta, niederzubrennen, wenn die Partisa-
den Lastwagen an sich zu bringen. Die nInnen ihre Gefangenen nicht “heil
Aktion beginnt am 1. April um 11 Uhr. und unversehrt” freiließen.
als ein Rückzugsgebiet der Partisa- An ihr nehmen 60 PartisanInnen teil, In einer ersten Entscheidung lassen
nInnen, von dem aus diese operierten die aus den umliegenden Häusern die die PartisanInnen mitteilen, dass sie
und Zugang zur Ebene um Turin hat- Eskorte des Lastwagens unter Be- nur bereit seien, acht Gefangene gegen
ten. In den Februartagen des Jahres schuss nehmen. Nach heftigen Gefech- acht Partisanen, die am 30. März in die
1944 gelingt es den PartisanInnen des ten bemächtigen sich die PartisanInnen Hände der Deutschen gefallen waren,
Val Sangone (nahe Cumiana), die des LKWs. Sie nehmen 31 SS-ler als zu tauschen.
Kontrolle über die umliegenden Berge Gefangene mit in die Berge. Zwei Par- “Diese Entscheidung entstand aus
und Dörfer zu erlangen. Cumianas fa- tisanen kommen ums Leben. dem militärischen Charakter der Situa-
schistischer Bürgermeister macht sich Die Vergeltungsaktion beginnt tion: Wäre man auf die Erpressung
aus dem Staub. zwei Stunden später. Einige 100 Solda- eingegangen, hätten die Partisanen in

14 Als im Frühjahr 1944 die Deut- ten, Deutsche und Italiener, beginnen Zukunft bei ähnlichen Geschehnissen
keinerlei Handlungsspielraum mehr Dann befahl der italienische Unteroffi- Bevölkerung von Cumiana: “Jede
gehabt. Außerdem schien es in diesem zier je drei Geiseln vorzutreten und Feindseligkeit ist beendet. Die Bevöl-
Moment legitim, den Deutschen einen führte diese um die Ecke der Mauer. kerung wird aufgefordert zu den all-
Gegenvorschlag zu unterbreiten. Die Wir konnten die Schüsse hören. Unge- täglichen Arbeiten zurückzukehren, da
Bevölkerung sollte aus dem Kriegsge- fähr die Hälfte der Geiseln war schon es nun keinen Grund mehr für Ausein-
schehen herausgehalten werden” (Co- liquidiert, als ich an der Reihe war vor- andersetzungen und Aufruhr gibt”
vo di banditi, S. 88). zutreten. Ich ging gerade mit meinen (Covo di banditi, S. 114).
Dieses Angebot der PartisanInnen zwei Kameraden in Richtung der Ek-
wird von den Deutschen abgelehnt. In ke, als einer der noch zurückgebliebe-
den nächsten Stunden trägt Doktor nen Geiseln schrie: ‘Lasst uns fliehen.’ 55 Jahre später
Ferrero immer wieder Angebote und Als ich diese Worte hörte, blieb ich
Antworten zwischen den PartisanIn- stehen, genau an der Ecke der Mauer Anton Renninger wird in der An-
nen und der SS hin und her. Die Parti- und sah den deutschen Unteroffizier, klageschrift vorgeworfen, “ohne Not-
sanInnen schlagen eine Unterredung der neben den Leichen stand und mich wendigkeit” den Tod dieser 51 Perso-
vor, Renninger will dem nur zustimm- ansah. Ich tat so, als wollte ich noch nen bewirkt zu haben. Der 81-jährige
men, wenn diese im Umkreis von 500 einmal den Priester grüßen und drehte Erlanger reagierte anfänglich mit der
Metern von Cumiana stattfindet. Dies mich um, um zu sehen, was die ande- Rechtfertigung, er habe nur Befehle
wiederum lehnen die PartisanInnen ren Geiseln taten. Als ich mich wieder ausgeführt. Im Frühjahr diesen Jahres
aus Sicherheitsgründen ab. zu dem deutschen Unteroffizier wand- teilte Renningers italienischer Anwalt
Dazu Ferrero: “Am frühen Nach- te, sah ich, dass er schon einen meiner dann dem Gericht mit, er könne Be-
mittag des 3. April ging ich das vierte beiden Kameraden getötet hatte und weise vorlegen, dass sein Mandant zur
Mal zu den Partisanen. Die Partisanen gerade dabei war, auch den anderen zu Zeit des Massakers nicht in Italien,
schlugen Giaveno als Ort der Unterre- töten. In diesem Moment schleuderte sondern in Deutschland in einem
dung vor. Giaveno liegt 9 Kilometer eine der Geiseln eine Flasche gegen Krankenhaus gewesen sei. Für den
von Cumiana entfernt. Oberleutnant die Soldaten, die die Geiseln in einem Staatsanwalt Pier Paolo Rivello klingt
Renninger lehnte dies ab und sagte: engen Kreis umzingelten. Diese be- dies nicht plausibel: “Dies war auch
‘Entweder innerhalb von 500 Meter gannen daraufhin mit ihren Maschi- eines der Elemente, das wir versucht
oder gar nicht.’ Gegen 16 Uhr ging ich nengewehren zu schießen. Kurz bevor haben zu widerlegen. Diese ganze
das fünfte Mal zu den Partisanen mit das Feuer eröffnet wurde, rannten drei Reise nach Deutschland erschien un-
dem Ziel, sie dazu zu bewegen, einem Geiseln zur Mauerecke in Richtung glaubwürdig.” Des Weiteren führt er
Treffen in nächster Nähe von Cumiana des deutschen Unteroffiziers. Sie lie- zur Beweislage gegen Renninger aus:
zuzustimmen. Die Partisanen willigten ßen sich lieber von ihm erschießen, als
schließlich ein, dass aus ihren Reihen von einem Maschinengewehr getrof- ''Der deutsche Unteroffizier
Giulio Nicoletta mit mir nach Cumia- fen zu werden. Der deutsche Unterof-
na zurückkehrte. Wir kamen gegen 19 fizier wurde durch die Schüsse über- wurde durch die Schüsse
Uhr nach Cumiana. Nicoletta blieb am rascht und erschoss eilig diese drei überrascht und erschoss
Dorfeingang, und ich machte mich auf Geiseln. Während er dies tat, warf ich eilig diese drei Geiseln.
die Suche nach Oberleutnant Rennin- mich auf den Leichenberg. Der deut-
sche Unteroffizier, besorgt wegen der
Während er dies tat, warf ich
ger. Entlang der Straße lagen die Lei-
chen von vielen Menschen, und ein fa- Schreie und Schüsse, lief an die Ecke mich auf den Leichenberg''
schistischer Offizier sagte mir, dass der Mauer um zu beobachten, was ge-
die Befehle des Generals inzwischen schah, und begann zu schießen. Als er “Die Schlüsselfigur für diese Verhand-
ausgeführt worden sind.” mir den Rücken zukehrte, sprang ich lungen war der Partisan Giulio Nico-
Die Leichen entlang der Straße von dem Leichenberg auf und rannte letta. Er wurde dreimal vernommen
sind die Leichen von 51 Dorfbewoh- auf eine Tür in der Mauer zu. Ich kam und hat sich mit großer Klarheit an
nern, hauptsächlich Männer im mittle- in das Haus und befand mich vor der Renninger erinnert.”
ren Alter und acht Partisanen. Gioacc- Tür zum Keller, in dem ich mich dann Anton Renninger starb im April
chino Mollar, der selbst unter den Gei- versteckte. Einige Minuten später kam 2000 in Erlangen, bevor der Prozess
seln war, erinnert sich, dass diese dorthin auch der Lehrer Luigi Losano, beendet werden konnte.
Gruppe schon am Vortag aus den an- und wir versteckten uns zusammen In Cumiana ist diese Geschichte,
deren Geiseln, ältere Männer und Eva- hinter einem Weinfass.” wie Marco Comello ausführt, noch
kuierte aus Turin, ausgesondert wor- heute gegenwärtig: “Auch wenn seit-
den war. Nach neuen Verhandlungen wer- dem fast 60 Jahre vergangen sind, hat
Augenzeugenbericht von Gioacc- den zwei Tage später die übrigen Gei- sie niemand vergessen. 51 Bewohner
chino Pietro Mollar, Schuster von Cu- seln gegen die Gefangenen der Partisa- einer Kommune mit 5000 Einwohnern
miana: “Der italienische Unteroffizier nInnen ausgetauscht. sind relativ gesehen ungeheuer viele.
sagte: ‘Es ist jetzt 17.38; ihr habt 5 Mi- Am selben Tag schreibt Doktor Das wäre ungefähr so, als wenn in Tu-
nuten um die heiligen Sakramente zu Ferrero auf Geheiß des deutschen rin, einer Stadt mit 1 Million Einwoh-
empfangen, um 17.43 wird begonnen.’ Kommandos eine Proklamation an die nern, 10.000 Einwohner auf einmal er-
schossen würden. Es ist vielleicht ein
Gedenkveranstaltung in bisschen hässlich, solche Vergleiche
Cumiana am Ort des
anzustellen, aber es dient dazu, besser
Massakers
zu verstehen, was dies für ein Schock
war, der auch heute noch - nach bald
60 Jahren – anhält. Deswegen ist diese
Geschichte nie vergessen worden.”

M. Comello: Covo di banditi,


Pinerolo 1998 15
General gab zu verstehen, dass er
nichts mit dieser Sache zu tun haben
wolle. Statt dessen sprach ich mit Alo-
ist Schmidt, Führer des Sicherheits-
dienst in Turin, der eigentliche Chef
dieser Operation. Schließlich haben
wir uns geeinigt: Wir geben die deut-
schen Gefangenen frei, und sie sollten
die Truppen aus Cumiana abziehen.
Giulio Nicoletta Am nächsten Tag in Cumiana ver-
gewisserte ich mich bei Renninger, ob
die Vereinbarung eingehalten werde.
''Sie sollten wissen, Auf mein Zeichen hin kam jemand mit
den 30 Gefangenen, die wir austausch-
dass wir sie nicht in Ruhe ten.

lassen würden'' Warum wurde der Lebensmittel-


transport in Cumiana angegriffen?
Ein Unterhändler der Partisanen Nicoletta: Die Partisanen sahen die
in Cumiana erinnert sich Zone um Cumiana als befreites Gebiet
an. Die Tragödie von Cumiana bedeu-
tete, dass die Deutschen befreite Ge-
Giulio Nicoletta war Partisan Sie waren damals in Cumiana? biete nicht mehr zulassen wollten.
im Val Sangone in der Umge- Wir haben in dieser Zeit einige
bung von Cumiana. Er verhan- Nicoletta: Das deutsche Heer hatte hundert Tote gehabt. Von da an war die
delte mit Anton Renninger Cumiana besetzt. Der Priester und der Resistenza eine andere Sache. Man
über den Austausch der Sol- Arzt von Cumiana versuchten, über musste denen, die zu uns kamen, sa-
daten gegen die zivilen Geiseln den Austausch der Geiseln zu verhan- gen: Schaut her, wir haben viele Tote
der Deutschen. Der Verein zur deln. Sie sind nach Forno di Coazzo gehabt. Wer trotzdem blieb, wusste,
Förderung alternativer Medien gegangen, wo die Kommandozentrale was auf ihn zukommen würde.
(VezuFaM) sprach im Septem- der Partisanen war und baten um den Wir wollten den Deutschen und
ber 2000 mit Nicoletta in Turin, Austausch. Irgendwann war klar: Die den Faschisten zeigen, dass wir sie
wo der 76-jährige heute, lebt. eine Hälfte von uns ist dafür, die ande- nicht mehr in Ruhe lassen würden. Es
re dagegen. Ich war einer der vielen ging nicht um die Zerstörung des Fein-
Anführer kleiner Partisanengruppen, des, sondern um Einschüchterung. Wir
Daraufhin hat er sich ein und wegen einer Verwundung war ich bildeten uns nicht ein, in Italien den
bisschen beruhigt und mir zu der Zeit in den Bergen. Mein Bru- Krieg beenden zu können, es war ja ein
der bat mich, hinunter zu kommen. Er Weltkrieg.
mitgeteilt, dass bereits hatte die Befürchtung, dass in Cumia-
51 Zivilisten erschossen na großes Unheil geschehen könnte. In War die Aktion gegen den
worden waren dieser unentschiedenen Situation Transport umstritten?
stimmte ich also für den Austausch
und hörte auf die Befürchtungen mei- Nicoletta: Es gab eine Diskussion,
Giulio Nicoletta: Ich stamme aus nes Bruders, der in Kroatien schreckli- ob der Angriff falsch war, aber die war
Kalabrien und wurde im Krieg zum che Sachen gesehen hatte. Mein Votum nicht sehr heftig. Später war die natio-
Militärdienst eingezogen. Ab und an war entscheidend. Damit war klar, dass nale Leitung der Partisanen, der CLN,
konnte ich nach Hause fahren, wo ich mit den Deutschen verhandeln der Meinung, dass der Kampf nicht
mein Onkel lebte, ein Sozialist. Wir musste. Also bin ich mit dem Arzt und ohne einen Kommandanten für alle
diskutierten viel. Mein älterer Bruder, dem Priester nach Cumiana gegangen. Gruppen weitergehen könne. Wir wa-
ein überzeugter Antifaschist, war mit Ich traf dort jemanden, der sich als ren zwar nicht abhängig vom CLN,
der Finanzpolizei in Kroatien. Bei sei- Renninger vorgestellt hat. Am Anfang aber alle waren damit einverstanden.
ner Rückkehr schlug er sich zu mir war er sehr aufgebracht: “Die Partisa- Zu meiner großen Überraschung wur-
nach Turin durch. Mein Bruder war nen haben angegriffen, wir haben dar- de ich als Kommandant vorgeschla-
überzeugt, dass das Land bald von auf reagiert”, schrie er mehrmals. Ich gen, weil ich damals Ausgewogenheit
Deutschen besetzt werde. Daraufhin sagte: “Sagen Sie mir, was wir tun gezeigt hatte. Wir haben den Krieg
fuhren wir in Zivil mit einem Lastwa- müssen”. Daraufhin hat er sich ein fortgeführt. Es ging darum, Europa
gen in Richtung Berge. Wir wussten, bisschen beruhigt und mir mitgeteilt, vom Nationalsozialismus und vom Fa-
dass es dort Partisanen gab. dass bereits 51 Zivilisten erschossen schismus zu befreien.
worden waren. Angesichts dessen
VezuFaM: Welcher Einheit konnte ich natürlich nicht weiter ver- Haben Sie sich vom Prozess gegen
schlossen Sie sich an? handeln, sondern musste fragen, was Renninger etwas erwartet?
nun geschehen sollte. Renninger teilte
Nicoletta: Meine Einheit war auto- mir mit, dass er bis morgen eine Ant- Nicoletta: Natürlich habe ich mir
nom. Es gab auch einige kommunisti- wort erwarten würde. gewünscht, dass wenigstens formal
sche Formationen im Tal sowie katho- Wir entschieden uns, die Gefange- Gerechtigkeit stattfände, und Rennin-
lische und monarchistische. Als ich nen auszutauschen. Doch Renninger ger in Turin verurteilt würde. Der wah-
später Kommandant all dieser Grupp- sagte mir am nächsten Morgen, ab jetzt re Teufel aber war Schmidt, der den
pen war, habe ich Wert darauf gelegt, sei General Hansen in Pinerolo zustän- Befehl erteilt hatte. Renninger hat den
dass alle zusammen arbeiteten. dig. Zusammen mit dem Arzt und dem Fehler begangen zu gehorchen, eine
16 Pfarrer bin ich dorthin gegangen. Der typisch deutsche Tradition.
''Sehen Sie, was für eine
schicke Uniform er hatte''
Ein italienischer Journalist zu Besuch
bei Anton Renninger

Alberto Custodero ist Jour- Krieges. “Nein, nein, nein, darüber


nalist der italienischen Tages- wollen wir nicht sprechen”, verdeut-
zeitung 'La Repubblica'. Als in lichte die Frau. Daraufhin schob ich
Rom vor ein paar Jahren ver- die Fotografie unter der Tür durch:
schwundene Akten zu Verbre- “Sehen sie, diese wunderbare Fotogra-
chen an der italienischen Zivil- fie, was für ein schicker Mann ihr
bevölkerung während der Mann damals war, und was für eine
deutschen Besatzung auf- schicke Uniform er hatte. “Nun öffnete
tauchten, begann Custodero sie doch die Tür und ließ uns eintreten.
mit Recherchen zum Massaker Renninger saß in einem Ledersessel,
von Cumiana. Mit Hilfe von war wach und bei klarem Bewusstsein.
Marco Comello veröffentlichte Er begrüßte mich und bot mir einen
er eine Reihe von Artikeln und Sitzplatz an. Er erkannte sich auf dem
benannte die Verantwort- Foto wieder. Alberto Custodero mit Foto von Anton Renninger
lichen. Die Militärstaatsanwalt- Langsam näherten wir uns dann (s. unten) vor dem Hotel Nazionale in Turin, zur
schaft in Turin nahm die Er- der Thematik an. Ich zeigte ihm das Zeit der deutschen Besatzung Sitz des
mittlungen auf, und ein ehe- Buch von Marco Comello über die Sicherheitsdienstes (SD)
maliger Partisan überließ ihm Tragödie von Cumiana. “Sehen Sie”,
ein altes Foto von Renninger. erläuterte ich dazu, “da gibt es ein
Mit diesem Foto machte Buch über diese Geschichte, und Sie Irgendwann ist seine Frau ans Tele-
sich Custodero vor zwei Jahren kommen darin vor. Ich würde sagen, fon gegangen, und ich redete mit
auf nach Erlangen. dass es sich wirklich um Sie handelt, Renninger unter vier Augen. Ob er den
denn ich weiß, dass Sie eine Narbe auf Befehl zur Erschießung wirklich nicht
Alberto Custodero: Wir begannen der Hand haben.” Seine Frau fragte verweigern konnte, fragte ich ihn. Er
zu untersuchen, ob Renninger über- mich erstaunt, woher ich von der Nar- schlug mit der Faust auf den Tisch und
haupt noch am Leben war, ob er in be wissen könne. “Das hat mir der Par- sagte entschieden: “no”. Er sei nur der
Deutschland wohnte oder vielleicht in tisan, Giulio Nicoletta erzählt”, ant- Ausführende gewesen, habe nicht ent-
Südamerika oder sonst wo. Ich bat al- wortete ich. Ja, das sei er gewesen, gab
so einige Kollegen in Deutschland, in Renninger daraufhin zu, er sei dort ge-
ihren Computern und in Telefonbü- wesen. So hatte ich also einen Beweis. ''Nein, nein, nein,
chern nachzuschauen. Schließlich ha- Ich habe ihm dann ausführlich aus darüber wollen wir
ben wir in Erlangen einen Eintrag na- dem Buch vorgelesen und seine Frau nicht sprechen''
mens Anton Renninger gefunden, na- war - sagen wir es mal so - sehr be-
türlich wussten wir nicht, ob es wirk- sorgt. Sie wusste nicht Bescheid. Als
lich “er” war. Aber ich hatte ja das Fo- ich das merkte, war ich sehr schok- scheiden können, jemanden zu er-
to und wusste von seiner Kriegsverlet- kiert. Es ist mir unangenehm gewesen, schießen, habe den Befehl aber auch
zung, einer Narbe auf seiner Hand. Al- herzukommen und jemandem zu sa- nicht verweigern können.
so bin ich am 13. Februar 1998 nach gen. “Schau her, du hast 40 Jahre mit Wer den Befehl denn gegeben ha-
Nürnberg aufgebrochen, weil in Italien einem Kriegsverbrecher zusammenge- be, fragte ich ihn, ob es General Han-
niemand wusste, wo Erlangen ist. Von lebt - zumindest in den Augen von uns sen oder der Hauptsturmführer Alois
dort fuhr ich dann mit einem vereidig- Italienern.” In den Augen von Deut- Schmidt gewesen sei? Nein, Hansen
ten Dolmetscher zur Adresse von schen mag er vielleicht ein Held sein. hätte niemals so einen Befehl gegeben,
Renninger nach Erlangen. Ich klingel- antwortete er, das sei Schmidt gewe-
te. Der Dolmetscher erklärte Rennin- sen.
gers Frau, dass hier ein italienischer Ja, und das war’s. Ich wusste nun
Journalist stehe, der mit ihren Mann alles, was ich wissen wollte. Auch dass
über seine Zeit in Italien reden möch- Schmidt diesen Befehl gegeben hat,
te. Nein, nein, sie hätten keine Zeit; ih- war bisher nicht bekannt.
rem Mann gehe es nicht besonders gut,
wehrte die Frau ab.
Anmerkung: Alois Schmidt war
Als ich alle anderen Klingelknöpfe
Kommandierender des Sicherheits-
ausprobiert hatte, ließ uns jemand ins dienstes (SD) für die Region Pie-
Haus. Wir sind hoch in den ersten mont. Seine Behörde organisierte
Stock und haben direkt an der Woh- sowohl den Kampf gegen die Partisa-
nungstür nochmals geläutet. Die Frau Renninger (links) auf einem nInnen als auch die Deportierung der
fragte wieder, was wir denn wollten, Volksfest in der Gegend von Turiner Juden und Jüdinnen. 1950
Pinerolo. Nach dem Abzug der wurde er in einem Prozess in Neapel
ihren Mann gehe es nicht gut. Wir deutschen Truppen nahmen Parti- wegen anderer Kriegsverbrechen
möchten gerne mit ihrem Mann über sanen das Bild an sich. Das Original verurteilt. Man hatte aus Furcht vor
seine Zeit in Italien sprechen, erwider- liegt bei der Staatsanwaltschaft in Racheakten und Unruhen den Pro-
ten wir, über seine Zeit während des den Prozessunterlagen. zess nach Süditalien verlegt.
17
''Ein schwarzer Moment in der
Geschichte der Partisanen''
Luciano Boccalatte: schießung eines Unteroffiziers durch
“Um den historischen Rahmen zu PartisanInnen werden 27 Partisanen,
verstehen, ist es nötig, sich Folgendes Gefangene aus dem Turiner Gefäng-
vor Augen zu führen: Die Tragödie nis, erschossen - eine außerordentlich
von Cumiana fand in einem Moment harte Vergeltungsmaßnahme. Bei einer
verschärfter Aktionen der Besatzungs- anderen Vergeltungsaktion werden elf
Gespräch mit Luciano macht und der Faschisten gegen die Zivilisten erschossen, einfach von ih-
Boccalatte, Mitarbeiter am Partisanen statt. Man fürchtete nach ren Feldern weggeholt und umge-
Turiner Institut für Zeitge- dem Generalstreik vom März 1944 die bracht.
schichte, über Maßnahmen Zusammenarbeit von Partisanen und Am 2. April wird auf den Direktor
gegen PartisanInnen zur Zeit sozialen Bewegungen, die gerade in der Zeitung “Gazetta del Popolo” ein
des Massakers von Cumiana den Turiner Fabriken entstanden wa- Attentat verübt. Daraufhin werden als
ren. Somit war eines der Ziele der mi- Vergeltungsmaßnahme fünf gefangene
Das Frühjahr 1944 markiert für die litärischen Besetzung Italiens in Ge- Partisanen erschossen.
Resistenza den Beginn einer Krise, die fahr: die ökonomische Ausbeutung.”
weit in den Sommer hinein reicht. Die Auch die PartisanInnen um Cumia- Dazu Boccalatte:
deutschen Besatzer und die italieni- na unterstützen die Streiks in Turin. “In diese Zeit fallen auch große
schen Faschisten verstärken ihren Am Morgen des 2. März besetzen 200 Durchkämmungsaktionen, die die Par-
Kampf gegen die PartisanInnen. bewaffnete PartisanInnen die Zufahrts- tisaneneinheiten teilweise völlig zer-
Einer der härtesten Schläge ist die wege nach Cumiana. Busse, die Arbei- sprengen. Ziel ist es, die Talböden frei
Verhaftung des gesamten militärischen terInnen nach Turin fahren, werden an- zu halten, um so die Sicherheit für den
Flügels des CLN der Region Piemont. gehalten und das Telefon- und Telegra- durchquerenden Verkehr zu garantie-
Auf persönliche Anweisung Mussoli- fenamt blockiert. ren. Dies ist also die Situation, vor de-
nis wird in aller Eile ein Prozess Zur selben Zeit, in der die Tragödie ren Hintergrund die Tragödie von Cu-
durchgezogen. Acht hochrangige Mit- in Cumiana stattfindet, ereignen sich miana stattfand. Es ist wirklich ein
glieder werden am 5. April erschossen, mindestens zwei weitere Massener- schwarzer Moment in der Geschichte
dem Tag, an dem in Cumiana die Ge- schießungen im Piemont. der Partisanen, zumindest der des Pie-
fangenen ausgetauscht werden. Als Vergeltungsaktion für die Er- mont.”

''Geschichtsfälschungen
verhindern''
Militärstaatsanwälte verschickt wer- ihre Beschränkungen, seien es perso-
den müssen. Das geschah nicht. Die nelle oder andere.
Unterlagen verblieben in Rom. Ein
Briefwechsel zwischen dem italieni- VezuFaM: Gab es eine öffentli-
schen und dem deutschen Außenminis- che Diskussion in Italien, ob diese
terium dokumentiert, wie die italieni- Prozesse eröffnet werden sollten?
Dr. Pier Paolo Rivello ist sche Seite im Laufe der Jahre diese
Militärstaatsanwalt in Turin Prozesse aus Rücksicht auf die Bezie- Dr. Rivello: Abgesehen von dem
und ermittelte wegen der hungen zu Deutschland nicht weiter Prozess gegen Erich Priebke, der eini-
Erschießung in Cumiana voran trieb. Die Dokumente wurden in ges Aufsehen in der Öffentlichkeit er-
gegen Anton Renninger. einem Schrank verstaut und gerieten in regt hat, fanden diese Prozesse in den
Der Verein zur Förderung Vergessenheit. italienischen Zeitungen ein spärliches
alternativer Medien Ihre Wiederentdeckung 1994 ist ei- Echo. Vielleicht wurden sie im Aus-
(VezuFaM) fragte Dr. Rivello, ne unglaubliche Geschichte: Während land mehr beachtet.
warum nach über 50 Jahren irgendwelcher Arbeiten wurde dieser In Italien waren möglicherweise
in Italien eine Welle von große Schrank geöffnet, der seit Jahren auch innenpolitische Erwägungen
Kriegsverbrecherprozessen zugeschlossen war und dessen Inhalt ausschlaggebend: Man fürchtete, dass
eröffnet wurde. niemand kannte. Als man ihn öffnete, solche Prozesse, nach jahrzehntelan-
stellte man fest, dass er all diese Unter- gen gesellschaftlichen Widersprüchen,
Dr. Rivello: Nach dem Krieg be- lagen über Kriegsverbrechen in Italien in einem Moment, in dem der innenpo-
schlossen die Alliierten, Prozesse, die enthielt. 1994/95 wurden sie dann end- litische Frieden einigermaßen gewähr-
mit Erschießungen in Italien zu tun lich den zuständigen Militärstaatsan- leistet ist, wieder ein Klima der
hatten, ähnlich zu veranstalten wie in wälten zugesandt. Nun musste jeder Gegensätzlichkeit schaffen könnte.
Nürnberg - natürlich auf einem ande- Staatsanwalt entscheiden, ob Ermitt- Diese Meinung teile ich nicht. Harmo-
ren Niveau. Doch dieses Vorhaben lungen aufgenommen werden oder die nie entsteht vielmehr aus historischer
löste sich in Rauch auf. Alle Prozes- Sache eingefroren werden sollte. Ganz Klarheit und nicht durch Verschleie-
sunterlagen wurden in Rom aufbe- frei ist eine solche Entscheidung nicht, rung dessen, was in der Vergangenheit
18 wahrt und hätten an die verschiedenen jede juristische Struktur hat natürlich geschehen ist.
Deutsche
Kriegsverbrechen
gegenüber Italienern -
historische und juristische Aspekte

Funktionsträger begangene oder von von Geiseln. Zu berücksichtigen sind


ihnen geduldete Kriegsverbrechen. In hierbei zum einen die internationale
Rede stehen der Tod von 46.000 soge- und zum anderen die nationale Rechts-
nannten Militärinternierten, die Er- lage sowie insbesondere die Befehls-
mordung von fast 6.800 Soldaten, die gebung, welche die Täter zur Rechtfer-
von Gerhard Schreiber verbrecherische Tötung von rund tigung ihres Verhaltens in Anspruch
16.800 zivilen Staatsbürgern, darunter nehmen konnten und nahmen. Zu-
Als im Herbst 1962 der italienische 7.600 italienische Juden, und der Ver- gleich ist die Frage nach den Mög-
Spielfilm “Die vier Tage von Neapel” bleib von 37.000 politischen Gefange- lichkeiten zu thematisieren, die es dem
in den Kinos anlief, rief das in der nen. Anders gewendet, zwischen dem einzelnen Militärangehörigen erlaub-
Bundesrepublik nicht nur bei bestimm- 8. September 1943, als der “Achsen- ten, verbrecherische Befehle zu ver-
ten Journalisten, sondern auch bei Mit- partner” aus dem Krieg ausschied, und weigern.
gliedern der Regierung in Bonn, Un- dem 2. Mai 1945, als die Kapitulation Im Hinblick auf das WIE WAR
mut hervor. Weshalb kam es zu einer der deutschen Wehrmacht samt SS und ALL DAS MÖGLICH zeigt sich bei
so gereizten Reaktion? Polizei in Italien in Kraft trat, starben - einem solchen Untersuchungshorizont,
Vermutlich erklärt sich die tief ge- ohne Berücksichtigung der gefallenen dass im Zusammenhang mit der Täter-
hende - zugleich Arroganz verratende - Partisanen und regulären Soldaten so- forschung eine Vielzahl historischer,
Missstimmung mit der Verletzung ei- wie der durch Kriegseinwirkungen ge- situativer, juristischer, ideologischer
nes Tabus, das besagte, dass die Wehr- töteten Staatsbürger - täglich über 160 und anthropologischer Faktoren zu be-
macht, wenn überhaupt, nur im Osten italienische Kinder, Frauen und Män- denken und zu prüfen sind. In der Ge-
eine verbrecherische Kriegführung ner jeden Alters durch deutsche Hand, samtschau imponierte ein deutscher-
praktizierte. Diese angenehme gesell- sei es auf direkte, sei es auf indirekte
schaftliche Konvention stellte jener Weise.
meisterhafte Antikriegsfilm über den Was da gewollt oder
erfolgreichen Volksaufstand der Nea- Ein solcher Befund, der die von ungewollt in Vergessen-
politaner gegen die nationalsozialisti- einzelnen Soldaten unter Verletzung heit geriet und in aller
sche Besatzungsherrschaft in Frage. des Militärstrafrechts verübten Kriegs-
Seine Bilder und Texte konfrontierten verbrechen bewusst ausklammert, ver- Regel strafrechtlich
mit einer historischen Wahrheit, die langt Antworten. Und wie so oft lautet ungeahndet blieb, ist
man hierzulande im öffentlichen Be- die entscheidende Frage bezogen auf keine Bagatelle
wusstsein perfekt verdrängt hatte. den völkerrechtswidrigen Umgang mit
Bezeichnenderweise erschienen den italienischen Militärangehörigen
wissenschaftliche Arbeiten über italie- beim Kriegsaustritt des Landes sowie seits zu verzeichnender alltäglicher
nische Kriegsgefangene, Zwangs- auf die menschenverachtende Behand- antiitalienischer Rassismus, der wie je-
arbeiter und aus politischen sowie lung der Zivilbevölkerung im Rahmen der Rassismus eine Absage an die Idee
rassistischen Gründen deportierte Ita- der deutschen Besatzungspolitik: Wie gleicher Grundrechte aller Menschen
liener erst Mitte der achtziger Jahre. wurde all das möglich? ausdrückte und jegliche zwischen-
Auf Untersuchungen deutscher Auto- Es geht dabei historisch und juris- menschliche Solidarität erstickte, ge-
ren über in Italien verübte Kriegsver- tisch betrachtet um den verbrecheri- meinsam mit einem blinden Gehor-
brechen musste man sogar noch zehn schen Charakter des Krieges in Italien. sam, auf den die Täter rekurrierten, um
Jahre länger warten. Hingegen widme- Dieser manifestierte sich in Mord, sich ihrer ethisch-moralischen Ver-
te die bundesrepublikanische zeit- Ausrottung, Versklavung, Zwangsver- antwortung zu entheben. Diese Fakto-
geschichtliche Forschung den genann- schleppung, Freiheitsberaubung, Fol- ren bieten die überzeugendste Erklä-
ten Themenkreisen - bezogen auf an- terung, Verfolgung aus politischen, rung für die Ursachen der an Italienern
dere europäische Nationen - schon ver- rassischen oder religiösen Gründen, verübten Kriegsverbrechen und Ver-
hältnismäßig früh die gebührende Auf- Misshandlung von Kriegsgefangenen brechen gegen die Menschlichkeit.
merksamkeit. sowie Zivilpersonen und in der Tötung
G. Schreiber: Deutsche
Was da gewollt oder ungewollt in
Kriegsverbrechen in
Vergessenheit geriet und in aller Regel Italien. Täter - Opfer -
strafrechtlich ungeahndet blieb, ist kei- Strafverfolgung, München
ne Bagatelle. Handelt es sich doch 1996
zum Teil um staatlich legitimierte
rechtswidrige Tötungshandlungen, al-
so im Auftrag des NS-Regimes und Erschießung von
seiner entsprechend autorisierten Widerstandskämpfern
(unbekannter Ort) 19
''Du musstest
gleichzeitig Hausfrau,
Parteifunktionärin,
Mutter sein ...''
ren. Bestimmte Genossen aber wollten nachts heimkam, in Begleitung von
nichts davon wissen, dass ich Vorträge Genossen. Oft haben Genossen zu
hielt, da “eine Frau nicht sprechen meinem Mann gesagt: “Also ich hätte
kann”. es ja nicht gern, wenn meine Frau so
(...) Mein Gefährte und ich wollten ein Leben führen würde.”
aus Prinzip nicht heiraten, auch dann Zudem hatten weder ich noch mein
Laura Polizzi kämpfte in nicht, als ich schwanger wurde. Aber Mann große Erfahrung mit Sexualität,
der Resistenza, dann arbeite- mein Onkel war Sekretär des PCI. Er so dass ich oft schwanger wurde, mit
te sie als Funktionärin der sagte, er selbst hätte nichts dagegen, sehr schmerzhaften Schwangerschaf-
Kommunistischen Partei aber da ich Kommunistin sei, stünde ten. Ich habe nicht mal der Partei ge-
(PCI). Der PCI hatte den ich im Rampenlicht und solle des- sagt, dass ich schwanger war und dass
höchsten Frauenanteil unter wegen heiraten, um mich den Sitten mein Unwohlsein daher kam.
den Parteien, auch innerhalb anzupassen. So haben wir eben gehei- Und es blieb das Drama der Abtrei-
der Führungspositionen. Den- ratet. Dann hat mir der PCI das Gehalt bungen, heimlich, ohne Geld.
noch hielt er am traditionell- gestrichen, weil “zwei Gehälter in ei- Bis es zur Legalisierung kam, habe ich
len Frauenbild und bürger- ner Familie zuviel sind”. Aber weil wir nie jemandem davon erzählt, da war
lichen Geschlechterverhältnis es wirklich nicht schafften, habe ich ei- die Angst vor dem Gefängnis. Es gab
fest. Heute ist Polizzi Vorsit- nen Brief an die Partei geschrieben. kein Geld für einen Arzt, sondern
zende der Frauensektion im Doch sie antwortete nur, ich müsse ein Stricknadeln bei der Engelmacherin.
Partisanenverband ANPI und Beispiel geben. Immer wieder das mit Auch wenn sie weniger kostete als ein
berichtet über ihre politische dem Beispiel, ich arbeitete, schuftete Arzt, war es ein Problem. Es gab ja
Arbeit in der Nachkriegszeit: und bekam kein Gehalt. Ich erklärte keinen Posten “Abtreibung” in der Fa-
ihnen meine Situation, und sie gaben milienbilanz. Zudem war eine Abtrei-
mir wenigstens das halbe Gehalt. bung eine moralische Belastung. Und
Da ich Kommunistin sei, Dann ist das Kind zur Welt gekom- sie endete unweigerlich mit Infektions-
men, meist hat meine Mutter darauf fieber und Ausschabung in der Entbin-
stünde ich im Rampenlicht aufgepasst. Aber es war wirklich ein dungsstation bei vollem Bewusstsein.
und solle deswegen Hundeleben, denn du musstest gleich- Es war nicht leicht, nicht zu schreien.
heiraten, um mich den zeitig Hausfrau, Mutter und Partei- Wir wurden dort sehr schlecht behan-
Sitten anzupassen funktionärin sein, und bei der Partei delt, weil du sagtest, dass du von
waren sie nicht besonders verständnis- nichts wusstest, um Himmels Willen,
voll, wenn du mal zu spät kamst oder sonst landest du im Gefängnis. Ich
In die Politik einzusteigen war eine unvorbereitet erschienst. Du hattest ei- konnte schon wegen der Partei nicht
ideelle Entscheidung. Es ging darum, ne Wahl getroffen, und nur das zählte. ins Gefängnis, ich hätte meine Ehre
eine Revolution vorzubereiten, an die Zudem war ich lange die einzige Funk- verloren. Es war sehr unehrenhaft, aus
wir alle im tiefsten Inneren glaubten. tionärin, die ein Kind hatte. Es gab an- nicht politischen Gründen inhaftiert zu
Nach dem Krieg war es wahr- fangs noch wenige Funktionärinnen, werden.
scheinlich auch für die Männer hart. dann kamen immer mehr. Als Kommunistin fühlte ich mich nicht
Aber für uns war es genauso hart. In Wir waren alle so voller Idea- schuldig abzutreiben, sondern weil ich
der Tat hatte ich enorme Hindernisse lismus. Du warst mit dem Wiederauf- danach krank wurde und immer fehlte.
zu bewältigen. Als Verkäuferin zu ar- bau beschäftigt, damit, den Frauen zu Ich habe damals ein elendes politi-
beiten und den Haushalt zu erledigen einem demokratischen Bewusstsein zu sches Leben geführt, weil ich zu et-
war schon doppelte Arbeit, aber zudem verhelfen (In Italien wird das Frauen- lichen Kongressen und Versammlun-
Berufsrevolutionärin zu sein... Beim wahlrecht erst 1945 eingeführt.), und gen nicht gehen konnte. Es war nicht
UDI (Vereinigung der italienischen den Grundstein für den Sozialismus zu so, dass ein Genosse dich wegen der
Frauen) gab es lange kein Gehalt. Je- legen, denn wir dürfen nie vergessen, Abtreibung kritisiert hätte, wenigstens
denfalls mussten wir als Frauen wirk- dass genau der die treibende Kraft war. hoffe ich das doch. Ich, Stadträtin, Par-
lich sehr viel ertragen, auch innerhalb Das war nicht gerade eine Kleinigkeit! teimitglied, die auf den Plätzen laut-
der Partei. Und dann gab es für mich wie auch für stark die Familie verteidigte und so
Eine Frau, die öffentlich sprach, viele andere das Problem der Abtrei- weiter, und die dann wegen Abtrei-
erregte viel Neugierde und zog sogar bung. Erst mal die Sitten und von der bung ins Gefängnis gemusst hätte, so
Leute an. Ich erinnere mich an eine Sexualerziehung ganz zu schweigen. was war nicht vorstellbar.
Versammlung, die ich in Parma ab- Innerhalb der Partei und in der Gesell-
hielt, der Platz war brechend voll, ein- schaft war die Moral rigide. Ich bin si- Bearbeitete Übersetzung aus:
fach grandios, und die Leute waren cher, dass es Geschwätz über mich M. Minardi: Ragazze dei Borghi in
20 neugierig darauf, mich als Frau zu hö- gab, wenn ich erst um zwei, drei Uhr Tempo di Guerra, Parma 1991
Die verratene Resistenza
Die Bedeutung der Resistenza für die italienische
Nachkriegsgesellschaft und die Neue Linke

von Dario Azzellini freit, mit deutscher Protektion die “Re- und die PCI-Führung viel Kraft, die
publik von Salò” gründete. breite Basis mit sozialrevolutionären
Der zahlenmäßig größte Anteil der Durch die Breite der Resistenza Interessen wieder zurückzudrängen.
Partisanen war in Verbänden wie den fanden sich viele Widersprüche der ita- Dem fiel auch der radikaldemokrati-
Garibaldini organisiert, die der lienischen Nachkriegsgesellschaft sche antifaschistische Parlamenta-
Kommunistischen Partei (PCI) nahe- auch in ihr wieder. In der PCI bestand rismus, wie ihn der CLN in Nordita-
standen. Viele erwarteten nach dem ein deutlicher Unterschied zwischen lien durchgesetzt hatte zum Opfer, der
Sieg über die deutsche Besatzungs- dem PCI-Überbau, der auf Machtbe- vom PCI ebenfalls aufgegeben wurde.
macht und den italienischen Fa- teiligung und nationale Einheit setzte, Sozialrevolutionäre Veränderun-
schismus eine revolutionäre Umwäl- und der Basis, die auf eine soziale Re- gen waren nicht nur die Idee einer
zung der alten Gesellschaft. Der PCI volution drängte. Hand voll Linksradikaler. Dies zeigte
verfolgte jedoch, wie Rossana Rossan- Die Alliierten standen schon früh sich auch an Streiks, die 1943 in Nord-
da in den ”Verabredungen zum Jahr- vor dem Dilemma, militärisch nicht italien stattfanden, oder dem Vorgehen
hundertende” feststellt, seit Kriegsen- auf die Partisanen im Kampf gegen die der Polizei der Regierung Badoglio ge-
de kein revolutionäres Projekt mehr. Nazis verzichten zu können, aber auch
kein Interesse an bewaffneten Komm-
Den Kampf der Partisanen als rein munisten oder sozialen Reformen zu
nationalen Befreiungskrieg zu inter- haben. So waren sie bestrebt, sich noch Den Kampf der
pretieren, verklärt den Blick auf die während des Krieges vieler Partisanen
Ereignisse und macht es unmöglich, zu entledigen, und versuchten Waffen-
Partisanen als rein
den weiteren Verlauf der italienischen lieferungen zu steuern. nationalen Befreiungs-
Geschichte zu verstehen. Nur ein ge- Die Wiedereinsetzung ehemals fa- krieg zu interpretieren,
nauer Blick auf die Rolle des PCI ab schistischer Eliten nach 1945 durch die verklärt den Blick auf die
1944 vermag die ab 1960 auftretenden USA beruhte auf dem Problem der All-
Kämpfe und ihre Radikalität zu erklä- liierten, keine anderen bürgerlichen Ereignisse und macht es
ren. Eliten vorgefunden zu haben. Des- unmöglich, den weiteren
Bei der Zerschlagung des Fa- wegen bauten sie bei der Landung in Verlauf der italienischen
schismus und dem Sieg über die deut- Süditalien 1943 auf die Mafia als Ga-
schen Besatzer in Nord- und Mittelita-
Geschichte zu verstehen
rantin stabiler Herrschaftsverhältnisse
lien spielten die Partisanen eine ent- und unterstützten sogar die Kandidatur
scheidende Rolle. Doch ein einheit- des Mafia-Bosses der Provinz Trapani
licher Block waren die mehr als für den Posten des Hochkommissars gen Arbeiter, das 1943 zwischen Juli
250.000 Angehörigen der Partisanen- von Sizilien. Der soziale Druck war und September 95 Tote forderte. Stets
armee nicht. Neben den Kommunisten, auch in Süditalien groß, 1944 began- vermischten sich Elemente des Klas-
die die Mehrheit bildeten, den Sozia- nen Landarbeiter vielerorts mit der Be- senkampfes mit dem antifaschistischen
listen und den Konservativen waren setzung und Bestellung von brachlie- Widerstand. Diese Tendenzen ver-
auch kleinere Gruppen von Linkska- gendem Großgrundbesitz. stärkten sich bis zum Höhepunkt der
tholiken und Monarchisten Teil der Als die Alliierten schließlich im durch die Partisanen ausgelösten
Resistenza. Nachdem Mussolini ver- April 1945 in die Poebene vorrückten, Volksaufstände und setzten sich auch
haftet und am 8. September die Kapi- waren die meisten Städte bereits durch nach Kriegsende fort.
tulation bekannt gegeben worden war, von den Partisanen ausgelöste Volks- Der PCI jedoch fügte sich Ordern
kämpfte die Armee offiziell auf Seiten aufstände befreit und besaßen eine aus Moskau, die von den Alliierten
der Alliierten. Viele ehemalige Mili- vom CLN (Komitee der nationalen Be- festgelegten Einflusssphären zu res-
tärs schlossen sich der Resistenza an. freiung) aufgebaute Verwaltung. pektieren, und strebte nach Anerken-
Die italienische Bourgeoisie hatte Nachdem sich dann die bürgerliche nung des CLN durch die Alliierten. Im
Mussolini und die Faschisten fallenge- Demokratie unter Beteiligung des PCI Januar 1944 reduzierte er seine Forde-
lassen, woraufhin dieser, von deut- als Kompromiss herausgeschält hatte,
schen Truppen aus dem Gefängnis be- kostete es die italienische Bourgeoisie Fortsetzung nächste Seite
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Waffen. Unterschiedlichen Schätzun- zei aus, jene aufzulösen - einige wur-
gen zufolge waren 1947 noch bis zu den in die Geheimdienststrukturen der
80.000 linke Ex-Partisanen bewaffnet. jungen Republik integriert. Die Angst
Aufgrund seiner faktischen Macht vor dem gemeinsamen Feind, der Lin-
wurde der CLN im Dezember 1944 ken, einte Alliierte, Konservative und
von der italienischen Regierung und Faschisten schnell wieder. Der Kom-
den Alliierten als Regierungsvertreter promiss zwischen Faschisten und Kon-
in den von den Deutschen besetzten servativen auf der Grundlage einer
Gebieten anerkannt. Der CLN trat in streng antikommunistischen Ideologie
die Regierung in Rom ein, wo es zu im Geist des kalten Krieges bestimmte
Spannungen kam, da die Bourgeoisie den weiteren Verlauf der italienischen
Die verratene mit Unterstützung der USA ihre Macht Politik.
ausbauen und festigen wollte, während Die kapitalistische Restauration
Resistenza ... die Bevölkerung mit Streiks und Land- Italiens wurde zügig vorangetrieben
besetzungen auf soziale Reformen und die Polizei ging mit äußerster Bru-
drängte. Die Konflikte spitzten sich talität gegen Land- und Industriearbei-
auch zwischen den linken und rechten ter vor: Von Juni 1947 bis Januar 1951
rungen auf die Abdankung des Königs Kräften in der Regierung zu. Der PCI starben 81 Protestierende durch Poli-
und vertagte die Frage einer neuen beugte sich auf der Suche nach der viel zeieinsätze, weitere durch Großgrund-
Verfassung auf spätere Zeiten. Im beschworenen “nationalen Einheit” besitzer. Bei einem Generalstreik 1949
März erkannte die UdSSR die Regie- den Interessen der Bourgeoisie und in Modena tötete die Polizei sechs
rung Badoglio an und der PCI verzich- wurde im Mai 1947, als die konserva- kommunistische Arbeiter. Im gleichen
tete auf die Abdankung des Königs. tiven Kräfte ihre Position gefestigt Jahr setzte sie in Kalabrien Handgra-
Der PCI hatte sich für einen konstitu- hatten, gemeinsam mit den Sozialisten naten und Maschinengewehre gegen
tionellen Pakt mit den Industriellen aus der Regierung ausgeschlossen. unbewaffnete Landbesetzer ein. Jed-
entschieden. Der aus dem sowjeti- Die Enttäuschung bei einem Teil weder Protest wurde mit gnadenloser
schen Exil zurückgekehrte PCI-Vorsit- der Ex-Partisanen war bereits durch Repression überzogen.
zende Togliatti schrieb der kommunis- die “ausgebliebene Revolution” groß. Nachdem die Christdemokraten
tischen Leitung des Nordens am 6. Ju- Aus dieser “verratenen Resistenza” bei den Wahlen 1953 zwei Millionen
ni 1944: “Man muss immer daran den- des Nordens gingen in der unmittelba- Stimmen verloren hatten, wuchs in Ita-
ken, dass der Aufstand, den wir wol- ren Nachkriegszeit verschiedene be- lien und den USA die Angst vor der er-
len, nicht den Zweck sozialer oder po- waffnete Gruppen hervor, die Strafak- starkenden Linken weiter an. Der PCI
litischer Transformationen im sozialis- tionen gegen Faschisten durchführten. hatte 5 Millionen Wählerstimmen und
tischen oder kommunistischen Sinne In der Region Emilia wurden in den er- 2,5 Millionen Mitglieder. Aber die To-
hat, sondern den Zweck der nationalen sten 18 Monaten nach der Befreiung gliatti-Linie - “Ja zur demokratischen
Befreiung und der Zerstörung des Fa- 1.496 Kommunisten zugeschriebene Machtergreifung, Nein zum revolutio-
schismus. Alle anderen Probleme wer- “politische Straftaten” gezählt. Allein nären Prozess” - war von der Funktio-
den vom Volk gelöst, morgen, wenn im Kreis Bologna gab es 615 Tote, 75 närsebene durchgesetzt worden. Der
einmal ganz Italien befreit ist, durch Faschisten “verschwanden”. Neben PCI und seine Organisationen hüteten
eine freie Volksbefragung und die spektakulären Aktionen wie der Stür- sich, die lokal stattfindenden Streiks
Wahl einer konstituierenden Versamm- mung eines Gefängnisses und der Er- zu koordinieren. Der von ihnen propa-
lung.” Dieser Hinweis war auch nötig, schießung von 54 inhaftierten Faschis- gierte Arbeitsethos, der den antifa-
ten durch eine kommunistische Einheit schistischen und qualifizierten Fabrik-
in Schio im Juli 1945, spitzten sich arbeiter des Nordens als - im Gegen-
auch die Konflikte auf dem Land zu. satz zur parasitären Bourgeoisie ste-
Im Kreis Bologna wurden 21 Groß- henden - produktiven und gesunden
Die kapitalistische grundbesitzer aufgrund von Landkon- Teil der Nation ansah, propagierte die
Restauration Italiens flikten getötet oder schwer verletzt, im ständige Weiterentwicklung der Pro-
wurde zügig voran- Kreis Ravenna kamen 15 Großgrund- duktivkräfte als historische Aufgabe
besitzer ums Leben, weitere zwölf der Arbeiterschaft. Denn eine fort-
getrieben und die Polizei wurden verschleppt, ohne dass sie je- schrittliche Demokratie wäre unver-
ging mit äußerster mals wieder auftauchten. Als Togliatti einbar mit den Unternehmerinteressen
Brutalität gegen Land- und 1945 und 1946 als Justizminister vage und damit auch die Vorbereitung für
Industriearbeiter vor formulierte Amnestien erließ, die prak- die - friedliche - Übernahme der Fabri-
tisch zur Freilassung aller verurteilten ken. So zeigten PCI und Gewerkschaf-
Faschisten und zum Abbruch laufender ten bei den nach 1958 sporadisch auf-
Verfahren führten, verursachte dies tauchenden Landkämpfen im Süden
denn ein Teil der Resistenza hatte starken Unmut. Insgesamt begaben und bei Fabrikbesetzungen im Norden
mehr als die “nationale Einheit” im sich über 500 Bewaffnete wieder in die Zurückhaltung.
Kopf. Berge. Es gelang erst 1947 diese
Spannungen innerhalb der Resis- Gruppen wieder zu zerschlagen. Viele Es sollten schließlich die Ereig-
tenza werden an Vorkommnissen wie andere enttäuschte Ex-Partisanen zo- nisse des Jahres 1960 sein, die eine
der Hinrichtung von 14 rechten Parti- gen sich aus der aktiven Politik zu- neue Dynamik in die politischen und
sanen durch kommunistische Partisa- rück. sozialen Auseinandersetzungen brach-
nen am 7. Februar 1945 deutlich: Die Auch erhalten gebliebene faschisti- ten. Die Regierung Tramboni geneh-
Erschossenen hatten sich geweigert, sche Verbände führten in der direkten migte, unterstützt durch MSI-Abge-
sich den Tito-Partisanen unterzuord- Nachkriegszeit Anschläge und An- ordnete, einen Kongress der Faschis-
nen. Nach dem Krieg verweigerte ein griffe auf Linke durch. Die Alliierten ten in Genua. Die Regierung wollte
22 Teil der Partisanen die Abgabe der übten Druck auf die italienische Poli- mit der Genehmigung des Kongresses
in der linken Hochburg Genua testen, Die linken Gewerkschaften und Genua trat eine Dissidenz zur klassen-
ob eine Öffnung zu den Faschisten Parteien rufen für den 30. Juni zum versöhnlerischen Haltung der PCI an
möglich ist. Generalstreik in Genua und Savona den Tag, die bis in die Tage der Resis-
Während sich die Organisationen auf, um die Protestbewegung wieder tenza zurückverfolgt werden kann.
der offiziellen Linken darauf beschrän- unter Kontrolle zu bekommen. Wäh- Die revolutionären und antifa-
ken, ein Verbot des Kongresses zu for- rend sie betonen, daß es sich um einen schistischen Ideen der Partisanen leb-
dern, organisieren Studierende, Ange- friedlichen Protest handelt, greifen ten weiter, und sie kamen in den
stellte und Jugendliche für den 25. Ju- Tausende von Studierenden, proletari- Klassenkämpfen am Ende der 60er
ni eine Protestversammlung. Als die schen Jugendlichen, kommunistischen und 70er Jahre immer wieder zum
Polizei die Kundgebung angreift, stür- Dissidenten und Anarchisten die Durchbruch. 1969 bildeten sich be-
men Arbeiter vom nahen Hafen und 15.000 aufmarschierten Ordnungskräf- waffnete Gruppen als Reaktion auf die
aus Fabriken mit Stahlhaken und Ei- te an. Die Funktionäre des PCI sowie Kämpfe in den Stadtteilen und Fabri-
senstangen herbei und kämpfen an der die Gewerkschaften und der PCI-do- ken, die sich in eine direkte Nachfolge
Seite der Protestierenden. Tags drauf minierte Partisanenverband ANPI der Resistenza stellten. Die Partisa-
werden Kontakte zu Ex-Partisanen, die mahnen zur Ruhe, die Demonstranten nenaktionsgruppe GAP um den Verle-
wegen ihrer Kritik an der Linie der off- hingegen beklagen den Mangel an ger Feltrinelli teilte sich mit den städ-
fiziellen Linken aus der aktiven Politik Waffen und fordern eine Intervention tischen Sabotagegruppen der Resisten-
ausgeschieden waren, geknüpft. Die der Ex-Partisanen. In Turin findet ein za nicht nur das Namenskürzel: An ihr
Studenten wenden sich direkt an die spontaner Solidaritätsstreik statt, bei sollen auch ehemalige Partisanen be-
Arbeiter, ohne den Umweg über die dem die kommunistische Gewerk- teiligt gewesen sein. Am 25. April,
Gewerkschaft zu gehen. schaft CGIL Arbeiter und Studenten dem Tag der Befreiung vom Fa-
davon abhält die Poli- schismus, werden 1971 und 1972 in
zei anzugreifen. In Mailänder Arbeitervierteln hunderte
Genua werden die Ak- von Fahnen der Brigate Rosse gehisst.
tionen am nächsten
Tag, ohne die offi-
zielle Linke, wieder
aufgenommen. Der Die Ideen der Partisanen
Vorsitzende der ANPI lebten weiter, und sie
distanziert sich von kamen in den
den Kämpfen und for-
dert öffentlich, die Klassenkämpfen am Ende
Verhafteten nicht zu der 60er und 70er Jahre
unterstützen. Dennoch immer wieder zum
strömen Tausende Ju-
gendliche und bewaff-
Durchbruch
nete Ex-Partisanen
nach Genua. Vertreter
der offiziellen Linken
werden ausgepfiffen Aktionen der Autonomia richteten
und angegriffen. Der sich in den Jahren um 1977 auch gegen
Kongress wird abge- die faschistische MSI, die sich nach
sagt. Die offizielle Mussolinis Marionettenrepublik be-
Linke organisiert für nannt hatte: Immer wieder kam es zu
die folgenden Tage Überfällen auf Faschisten, Parteilokale
“friedliche” Demon- der MSI wurden aus Demos heraus be-
strationen in ganz Ita- schossen.
lien, doch diese mün- Die schärfer werdenden Ausein-
den in massive Zu- andersetzungen der Jahre nach 1960
sammenstößen mit sind in gewisser Weise auch ein Kampf
den Ordnungskräften, um das verratene Erbe der Resistenza.
die in der ersten Juli-
woche landesweit
zehn Arbeiter erschie-
ßen. Es kommt zum Literaturtipp:
Generalstreik, die Re- P. Moroni & N. Balestrini: Die
gierung wird kurze goldene Horde. Arbeiterautonomie,
Zeit später umgebil- Jugendrevolte und bewaffneter
Kampf in Italien, Berlin & Göttingen
det.
1994
Neben dem kon-
kreten politischen Er-
folg stellen die Kämp-
fe vom Juni und Juli
1960 die Geburtsstun- Fotos (Seite 21-23) aus:
de der neuen Linken ‘77- L’anno della grande rivolta
und neuer Kampffor- (CD-ROM), Castelvecchi Editoria &
men dar. In den Comunicazione 1997
Kämpfen von 1960 in
23
la resistenza
Beiträge zum
Widerstand
Friedensdemonstration
in Italien
25. Juli 1943 in Mailand