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Die erschröckliche Geschichte von

Abaelard und Héloise

Sabine Büssing
Nur wenige Liebesgeschichten haben im Laufe der Jahrhunderte die
Gemüter der Menschen so nachdrücklich berührt wie diejenige von Meister
Abaelard (von seinen Freunden Pierre genannt – obwohl er eigentlich keine
hatte, nur sehr viele gute Feinde) und seiner Schülerin Héloise. Die Romanze
der beiden beinhaltet schließlich alle Zutaten, die das Herz des geneigten
Lesers begehrt: Blut, Schweiß, Tränen; Haß, Hinterlist, Habgier; Sex, Lügen
und Kastration; Treue, Reue und noch viel mehr.
Geboren ward Abaelard im Jahre 1079 in Le Pallet als Sohn des Ritters
Berengar. Er selbst mochte kein Ritter werden, sondern verschrieb sich früh
dem Denken: Da denkende Ritter naturgemäß keinerlei berufliche Chancen
auf dem mittelalterlichen Arbeitsmarkt innehatten, gab Berengar
knirschenden Zahnes seinem Sohn die Erlaubnis, zum Ausgleich wenigstens
Philosophie zu studieren. Abaelard legte sich sehr früh mächtig ins Zeug,
eröffnete eigene Schulen und erwarb bald die Erlaubnis, an allen führenden
Universitäten zu unterrichten.
Die Grundlage des Abaelardschen Denkens war, stark vereinfacht gesagt,
das platonische Ideal, und dieses Ideal sollte dem armen Kerl letztendlich
den Garaus machen. Die Logik stellte den Mittelpunkt von Maître Abaelards
Wirken und Trachten dar, das Endziel, dem er alles, aber auch alles zu opfern
bereit war, inklusive seiner....aber wir wollen nicht vorgreifen und jetzt schon
die Messer wetzen. Nur ein wenig Geduld.
Aufgewachsen in der Nähe von Nantes, war Abaelard selbstredend ein
waschechter Franzose mit allem Drum und (zunächst noch) Dran. Dies ist
eine logische Schlußfolgerung, welche keines zusätzlichen Beweises bedarf.
Als logisch konsequenter Denker dachte Abaelard nicht im Traum daran, sich
seiner französischen Natur zu widersetzen, ergo sich unfranzösisch zu
verhalten. In der ihm eigenen durch und durch logischen Art stellte er
folgenden Syllogismus auf die – zugegeben – etwas wackligen Beine:
1. Alle Franzosen sind charmante Verführer schulpflichtiger junger
Mädchen.
2. Auch ich bin ein Franzose, ob ich nun will oder nicht.
3. Demnach bin ich, Abaelard, zum charmanten Verführer junger Mädchen
geboren.
4. (???) Nachsatz: Das ist Pech, aber Logik ist Logik. Q.e.d. (Was ich
noch beweisen werde!)
Abaelard wurde zum Scholastiker, welches keine Krankheit ist, sondern
eine Denkrichtung, will sagen: eine Schule. Die eröffnete er dann auch, und
zwar im Jahre des Herrn 1113 zu Paris. Diese seine Schule wuchs sich
schnell zu einer vielbesuchten Einrichtung aus. Neben seiner Lehrtätigkeit
hatte Abaelard unglücklicherweise auch noch Augen, Ohren und gewisse
andere Sinnesorgane für Dinge, die außerhalb seiner Funktion als Magister
der Logik lagen. Ein Mägdelein war ihm anvertraut worden, das
höchstwahrscheinlich noch seine jungfräulichen Qualitäten bewahrt hatte: die
berühmte Héloise. Selbstverständlich ist es vollkommen überflüssig zu
betonen, daß Abaelard, als der logische Philosoph, der er nun einmal war,
alles andere als einen Wolf im Magisterumhang darstellte. Niemals – ich
betone: niemals - wurde der Scholastiker seinen Pflichten sowohl als Denker
wie auch als Schulmeister untreu. Allerdings befand er sich bald in einem
unüberseh- und -schaubaren Dilemma. Zum einen war der Logiker in ihm
dem oben genannten Lehrsatz von der Natur des Franzosen verpflichtet.
Zum anderen bevorzugte der Verehrer Platos, der er ja zugleich war, die
geistige Anschauung der Dinge, besonders der weiblichen.
Bekanntlich konstatiert Plato mehrere unterschiedliche Ebenen der
Schönheit. So gibt es z.B. die sogenannten platonischen Körper. Grob
vereinfacht könnte man sagen: Je körperloser das Objekt der Kontemplation,
desto erfreulicher ist es für den Betrachter. Wenn gar nichts mehr da ist
außer heißer Luft, also nur noch die reine Seele, ist der Betrachter erst so
richtig glücklich. Dann hat er den platonischen Absprung voll geschafft.
Leider mußte diese Konfrontation zwischen beiden philosophischen
Denkansätzen Unheil nach sich ziehen (wobei allerdings der Philosoph den
Begriff "Unheil" völlig anders definieren würde als wir normalen Sterblichen,
da doch aus vermeintlich negativen Ereignissen oft sehr positive
Entwicklungen erwachsen – ich weiß im Augenblick bloß kein Beispiel).
Schuld an allem war, wie man die leidige Sache auch drehen und wenden
will, die kleine Héloise. Sie besaß beileibe keinen geeigneten Körper für das
Platonische, dafür einen außerordentlich begabten für das Französische. Es
war lediglich eine Frage der Zeit, wann das unbeirrbare, glasklare logische
Denken die Oberhand über Abaelards schwärmerische platonische
Kontemplation gewinnen mußte.
Aus dem oben ausgeführten Widerstreit der Anschauungen ergab sich
folgende Prämisse für Abaelards weitere Vorgehensweise (eine Prämisse ist
wortwörtlich etwas, das man irgendwo vorne dranstellt, auch wenn sie sich
ungefragt aus etwas ganz anderem ergeben hat, wenn Sie mir bitte folgen
wollen): Abaelard beschloß, seine beiden Denkansätze auf die Probe zu
stellen, sie quasi unter hermetisch abgeschlossenen Laborbedingungen zu
testen...
Dazu brauchte er naturgemäß einen Körper, der sich letzten Endes
entweder als französisch oder platonisch würde herausstellen müssen.
Besagter Körper war, wir ahnen es bereits, der von Héloise, da er zugleich
die größte philosophische Herausforderung und die beste Angriffsfläche bot.
So kam es, daß Meister Abaelard seine Schülerin mitnehmen mußte, um
ungestört das geschilderte denkwürdige Experiment durchführen zu können,
welches vor ihm noch kein Denker dermaßen durchdacht, kein Logiker so
konsequent, rigoros und schonungslos ausgeführt hatte.
Um sich, endlich abgeschirmt von der leidigen Öffentlichkeit, sämtliche
Möglichkeiten der platonischen Betrachtung offen zu halten, sofern diese
denn den Sieg über die Logik davontragen sollte, mußte Abaelard unter allen
Umständen auch Héloises schönstes und kostbarstes Gut, ihre reine Seele,
mit ins Labor nehmen. Das ging relativ einfach vonstatten, alldieweil sie ja ein
natürlicher Bestandteil ihres französisch/platonischen Körpers war, diesem
sozusagen innewohnte.
Es kam, wie es im Mittelalter kommen mußte. Héloise, deren Körper und
auch Seele aufgrund ihrer Entführung durch Lehrer Abaelard unentschuldigt
von der Schule abwesend waren, erregte ob eben dieses Fehlens die
Besorgnis ihres Onkels. Dieser Onkel, ein leicht erregbarer Geselle,
obendrein seines Zeichens Kanoniker und daher niemals ohne Bewaffnung
anzutreffen, mißverstand Abaelards streng wissenschaftliches Experiment
grundlegendst. Der unaufgeklärte Banause – zufällig Héloisens Vormund –
brauchte Héloise für seine eigenen dunklen Zwecke, die mit den hehren
Zielen wahrer Wissenschaft nicht das geringste zu tun hatten. Allenfalls mit
Alchimie, denn er grübelte ständig darüber nach, wie er aus Héloisens
unberührtem Zustand das meiste Gold herausschlagen konnte.
Wie bereits erwähnt, erweist sich das Unglück des Normalsterblichen für
den wahren Philosophen nicht selten als Glücksfall, ohne den seine weiteren
geistigen Forschungen gänzlich auf der Strecke bleiben oder in einer
Sackgasse enden müßten. So verhielt sich die Sache auch im Falle des
Maître Abaelard. Nach monatelangem Denken und Suchen in seinem
Schlafzimmer – pardon, seinem Studierzimmer – war Abaelard noch immer
nicht auf eine beständige Lösung seines Problems verfallen. Mal obsiegte die
Logik, nach deren Gesetzen er dann folgerichtig und ohne Schonung seiner
selbst und anderer agierte. Dann wieder, insbesondere im Zustande
äußerster körperlicher Erschöpfung, schwor Abaelard auf die höchste
platonische Ebene und liebte Héloisens reine Seele, denn das erwies sich auf
die Dauer als nicht annähernd so anstrengend.
Die Waagschalen seiner gegensätzlichen intellektuellen Axiome wogten hin
und her, auf und nieder (und nicht nur sie); ein Ausweg zeichnete sich
nirgends ab. Da plötzlich nahte die Rettung in Gestalt einiger von Onkelchen
gedungener Spitzbuben, die den Auftrag hatten (und ordnungsgemäß
ausführten), Meister Abaelard gewaltsam von einem gewissen Körperteil zu
befreien, welches den Früchten seines philosophischen Ringens letzten
Endes nur im Weg...nun ja...stand. Die Männer erledigten ihren Auftrag zur
allseitigen Zufriedenheit. Onkel war zufrieden. Héloise war zufrieden, denn
sie hatte es langsam satt, ihre reine Seele als Versuchskaninchen für
irgendwelche hergelaufenen Pariser Scholastiker herzugeben. (Ihre Figur
hatte eh schon schwer gelitten, und ihr platonischer Körper entledigte sich
kurz darauf eines gewissen kleinen Astralabius. Wo diese Astral-Ausgeburt
der Wissenschaft abgeblieben ist, bleibt unklar.) Abaelard selbst mußte erst
mühsam davon überzeugt werden, daß auch er zufrieden war, aber ein
wahrer Philosoph gewöhnt sich an alles, und dann wurde er sich tatsächlich
der ungeheuren Vorteile seines Nachteils bewußt.
Zugegeben, im ersten Überschwang hatte er nicht übel Lust, seinen Verlust
dem Heiligen Stuhl zu klagen, aber weder der Papst noch sein Mobiliar wären
(trotz aller Unfehlbarkeit und anderer Superkräfte) in der Lage gewesen,
Abaelard seinen kleinen Gottseibeiuns zurückzugeben.
Plötzlich und unerwartet hatte man Abaelard der leidigen Aufgabe
enthoben, gemäß dem o.g. "Franzosen-Syllogismus" denken und handeln zu
müssen. Sein Geist war frei, denn nichts auf der Welt zwang ihn mehr, sich
als Franzosen oder aber als Französin zu betrachten. Das platonische
Denkmodell hatte eindeutig den Sieg davongetragen, und sein eigener
Körper unterstrich seine neu gewonnene Einstellung auf das überdeutlichste.
Abaelard konnte nun endlich in ein Kloster eintreten und so einen Traum
verwirklichen, den er nie geträumt hatte! Als Mönch in St.-Denis fing er
bescheiden an und gründete wenig später sein eigenes Kloster, welches an
der Seine gelegen war. Übrigens war er bereits Wochen nach seiner
Entmannung wieder in der Lage, Vorlesungen zu halten, wenn auch mit
neuer, ungewohnter Fistelstimme.
Unbestätigte Gerüchte besagen, daß Abaelard an den Jahrhunderte später
im Kloster Benediktbeuren gefundenen Carmina Burana mitgedichtet haben
soll. Seine wunderbare Singstimme prädestinierte ihn zwar nicht für das Lied
"Ego sum abbas" ("Ich bin der Abt"); dagegen soll er die Agonie des
gebratenen Schwans wahrhaft vortrefflich zum Ausdruck gebracht haben.
Seinen berühmt gewordenen "Briefwechsel" mit Héloise hat Abaelard
übrigens erdichtet. Immerhin war er jedoch vor seiner, äh, einschneidenden
Bewußtseinsänderung wenigstens einige Schritte weiter gekommen als
Dante mit "seiner" Beatrice. Die Tatsache, daß er in seinen Liebesversen
demnach sich selbst, seine eigene reine Seele andichtet, stimmt uns beinahe
neidisch: Abaelard konnte sich nun selber gernhaben, den ganzen lieben
langen Tag, auf der höchsten Ebene. Platonisch halt.