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Immanentes Vertrauen?

Über Begehren, Vertrauens(ver)lust und die fetischistische Inversion der Beziehungen.

Ulrich Kobbé

Das Problem – vermeintlich – schwindenden Vertrauens in politische Entscheidungsträger und po-


litische Programme wirft Fragen nach der gesellschaftlichen wie individuellen Dynamik auf. Deren
Analyse und Diskussion vor der Matrix eines psychoanalytischen Paradigmas weist eine differen-
zierte Betrachtung die Subjektpositionen in dessen diskursiven Beziehungen als entscheidend aus.
Skizziert man die Dynamik dieses Diskurses, so erscheint dieser von einer Frage angetrieben, de-
ren Antwort er sich selbst verschafft bzw. ist. Dabei erweist sich die diskursive Dynamik durch ei-
nen spezifischen Wahrheitsbegriff gekennzeichnet, der von der Beziehung des Subjekt zum Man-
gel bzw. zum Begehren abhängt (Lacan). Psychoanalytisch verstanden ist dieser Dimension des
Unbewussten „kein Realitätszeichen“ eigen (Freud) und geht es für den sprachlich konstituierten
Menschen als Sprachwesen («parlêtre») um die Beziehungen zum Symbolischen, um das Imagi-
näre der Intersubjektivität, um Gesellschaft als imaginäre Institution (Castoriadis), um eine subjek-
tive Wahrheit, die sich an dem konstitutionellen Seinsmangel («manque-à-être»), dem erlebten
Verlust ermisst (Lacan).
In diesem Kontext sind das Bedürfnis nach Vertrautem wie das Abtrauern der Ent-Täuschung, sind
Vertrauenslust und Vertrauensverlust zu verstehen. Als Auseinandersetzung mit einem – verlore-
nen – Objekt verweist diese Dynamik auf einen ursprünglichen Mangel, auf einen ‚leeren’ Ort der
Macht, der historisch und gesellschaftlich zwar besetzt, so doch aber weniger ausgefüllt erscheint
denn jemals zuvor. Indem prinzipiell jedes Objekt den leeren Platz des Dings einnehmen kann,
sprich, indem potentiell jeder Politiker – wenngleich nur aufgrund einer Illusion – den Ort der Macht
zu besetzen geeignet, gewillt und bestimmt ist, entspricht dies einer Antwort auf der Ebene des
Realen, mitnichten jedoch der Realität. Dabei folgt das Vertrauen in politische Repräsentanten ei-
ner Logik der „fetischistischen Inversion“ (Marx) innerhalb interpersoneller Beziehungen: Denn die
Subjekte glauben einem Politiker ihr Vertrauen entgegenbringen zu können, weil er Staatsmann
ist, während dieser lediglich gewählt wurde, weil die Subjekte ihn vorab als vertrauenswürdig er-
achteten. Determinierend ist folglich kein (be)trügerisches Charisma als Eigenschaft des Politikers,
sondern liegt in der „Reflexionsbestimmung“ (Hegel) des Verhaltens der Subjekte. Und in dem Au-
genblick, in dem das vertrauensbildende Charisma des Politikers von den Subjekten als performa-
tiver Effekt ihres eigenen symbolischen Rituals bemerkt wird, bleibt dieser Effekt nicht nur aus,
sondern löst er Affekte der kontraphobisch-enttäuschten, narzisstischen Wut aus (Žižek) und mobi-
lisiert er Facetten aggressiven Begehrens..
Das Phantasma wird demzufolge von den miteinander verschränkten Elementen des Imaginären,
Symbolischen und Realen ausgemacht. In dieser Topologie I-S-R lässt sich das Vertrauen als ein
symptomatisches Bindeglied verstehen, das dem Schutz vor der Leere des Begehrens, vor dem
abgründigen Realen des Mangels dient und als Verleugnung des Inakzeptabel-Unerträglichen fe-
tischhaft aufrechterhalten wird (Jurainville). Der performative Effekt muss demzufolge verkannt,
seine Wahrheit darf nicht bemerkt werden, weil er um einen „ex-timen Kern“ (Lacan), um eine Un-
möglichkeit herum strukturiert ist: Die Funktion des Vertrauens als Dimension des Realen besteht
darin, den inmitten der symbolischen Ordnung aufklaffenden ‚leeren’ Ort auszufüllen. Auch des-
halb kann – und darf – die Wahrheit nie „an sich“, sondern im Sinne eines «mi-dire» immer nur
„halb“ erkannt und ausgesprochen werden.
Zu entwickeln bliebe folglich eine Ethik des Begehrens als politische Haltung, eine Form ethisch
verantworteten Begehrens nach Vertrauen-Können wie Vertrauen-Sollen. Denn angesichts einer
Legitimationslücke wird Demokratie nicht nur zum Lehrstück eines schwierigen Systems der
Selbstlenkung (Foucault), einer höchst anspruchsvollen Praxis des Selbstmanagements: In ihr
stellt sich der früher – oder andernorts – durch absolutistische oder diktatorische Willkür ausgefüll-
te Ort der (Staats-)Macht als im Grunde ‚leerer' symbolischer Ort heraus. Gerade deshalb richten
sich Appelle bei Krisen an charismatische Macher, an so genannte „Führungspersönlichkeiten“, an
Politiker, die im Rückfall in vordemokratische Zeiten als „Landesvater“ oder ähnlich tituliert werden
... und sich so titulieren lassen. Wie ersichtlich, werden Politiker zur Projektionsfläche des – mitun-
ter aggressiven – Begehrens, tendiert der politisch begehrende Diskurs zur neidenden Unterstel-
Kobbé: Immanentes Vertrauen? Abstract 17.07.2007 - 2-

lung exzessiven Genießens, das – analog zum Mehrwert der Ökonomie – das eigene Begehren
nach Mehr-Lust rspkt. Mehr-Genießen («plus-de-jouir») als Referenz hat. In dieser affektiven Logik
wird gerade im Umgang mit der Aggression der unberechenbar erscheinenden anderen nach ei-
nem paternalistischen Machtwort gerufen, nach einem „starken Mann“ verlangt, und wird dies
gleichzeitig höchst ambivalent – ebenso misstrauisch wie vertrauensheischend – beäugt. Verges-
sen wird dabei von den Beteiligten, dass Macht immer nur abgeleitete Macht ist, dass sie – auch
wenn soziales Handeln speziell im Umgang mit den eigenen Infragestellungen nur allzu leicht zur
Spie(ge)lfläche von Affekten wird – lediglich beauftragt, sprich, abgeleitet ist.
Wenn dabei von Seiten der Politik(er) zugleich auch Vertrauen eingefordert wird, so wird dieser
Anspruch zu einem Gebot, das dies ohne Ansehen der Person einfordert. Vertrauen wird nicht er-
wartet, weil der einzelne er ist, sondern weil er politischer Repräsentant, weil er Mandats- und
Funktionsträger ist. Damit aber wird er entindividualisiert, soll ihm um eines Prinzips Willen vertraut
werden und nicht um seiner selbst Willen. Diese Konzeption aber entspricht der des Gebots der
Nächstenliebe: Indem ich den anderen auf irgendeinen Nächsten reduziere, wird er zum – anony-
men – Objekt der Nächstenliebe, wird er zum Fetisch. Und diese Praxis ist hinsichtlich des er-
heischten Vertrauens wie der gebotenen Nächstenliebe fraglos pervers (Lacan), indem der andere
– wie in der sexuellen Perversion – dadurch charakterisiert ist, dass der Politiker nicht Individuum
ist, sondern Objekt des Genießens, dass er
einem Zweck des Begehrens und der egoistischen Befried(ig)ung dient,
sich selbst instrumentalisiert und als entfremdete „Charaktermaske“ verobjektiviert (Marx),
sogar als zurückgetretener Politiker sich ideologisch selbst legitimiert bzw. sich als „toter Held“
in einer „perversen Schleife“ zum Instrument des Genießens macht (Žižek).
Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt im Sinne eines ethisch begehrenden Diskurses zu
gestalten, erfordert in seinem Begehren nicht nachzugeben, hierbei Verletzungen des phantasma-
tischen Raums des anderen weitmöglichst zu vermeiden und das „partikuläre Absolute“ des ande-
ren so weit wie möglich zu respektieren (Žižek). Die einzig adäquate Haltung, diesen konstitutiven,
irreduziblen Riss als «Condition humaine» anzunehmen, besteht mithin darin, die durch menschli-
che Unvollkommenheit bedingte – eben auch politische – Vertrauenskrise nicht durch fetischisti-
sche Verleugnung suspendieren oder durch obsessive Aktivität verbergen zu wollen. Diese Ethik
wäre keineswegs nur imaginär oder symbolisch, sondern insofern praktisch-politisch relevant, als
das Genießen immer das Genießen des anderen ist, auf den sich das Begehren richtet. Und zu-
gleich ist das Politische immer auch Grenze der psychologischen und Psychoanalyse, indem der
Gegensatz von Sozialem und Individuellem zwar innerhalb der Grenzen der Psychoanalyse fallen
(Lacoue-Labarthe & Nancy), doch weder Psychologie noch Psychoanalyse verlässliche Verhal-
tensmaxime und ethische Haltungen – vorgeschriebene Moralen – anzubieten vermögen, da es
„keine Vorschrift vor der Schrift" geben kann, die „das A priori erzeugt", dem sie sich selbst quasi
supplementär anfügen könnte und müsste (Derrida).
Der „nachträgliche Gehorsam“ (Freud) könnte sich dem entsprechend vielmehr als ethische Scheu
denn als – politische – Unterwerfung erweisen, eher als eine vertrauensvolle Achtung des anderen
denn als Selbstunterwerfung aus Schuldbewusstsein oder Reue (Borch-Jacobson). Die ethisch
begehrende Haltung setzt so den unverstellten, konzessionslosen Blick auf das Banale der Täu-
schung und den Irrtum als Seinsbedingung voraus, reflektiert aber eben auch eine erschreckend
banale Normalität und ist als Haltung „Redlichkeit vor der Unhaltbarkeit des Gedankens der Wahr-
heit" (Nancy). In dieser Beziehung geht die „Redlichkeit des Denkens" als interpretative Seins-
struktur „in progress“ (Vattimo) der Wahrheit voraus und riskiert sie, als formale Forderung nach
Wahrhaftigkeit zum „sälularisierten normativen Fetisch“ zu geraten (Pohl). Gerade in der Ausein-
andersetzung mit der Banalität des Politischen und dem Problem vorauseilenden Vertrauens, je-
doch erst nachträglichen Verstehens im politisch-moralischem Urteil, bedarf es solcher selbstrefle-
xiver Redlichkeit im Umgang mit der sprachlich kaschierten, kryptisch verborgenen Wahrheit des
Begehrens (Derrida).

Dr. Ulrich Kobbé


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Kobbé: Immanentes Vertrauen? Abstract 17.07.2007 - 3-