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24       Kunstmarkt Samstag, 30. Januar 2010  ·  Nr.

Stirbt der Antiquitätenhandel?


Auktionen und Messen bedrängen den Handel – Zusatzdienstleistungen als Überlebenshilfe – Interior Design

Christian von Faber-Castell

V
erlässt man sich auf die Verlaut­
barungen der internationalen Auk­
tionshäuser und auf Händlerstim­
men an grossen Messen wie der Art Basel
Miami Beach, scheint sich der Kunst­
markt von den Schwierigkeiten der letzten
anderthalb Jahre erholt zu haben. Doch
dieser Schein trügt. Die Erholung wird
nämlich fast ausschliesslich vom Verstei­
gerungswesen getragen, und auch hier
sind es immer noch auffallend mehr teure
Spitzenlose, die den Umsatz stützen, als
die solide Routineware.
Lesenswert und unterhaltsam: «Art Dem Auktionswesen nutzt dabei auch
Investment Funds» von Bruno J. Schneller. die wirtschaftliche Kräfteverlagerung in
Richtung der neuen Märkte in Russland,
Asien, dem Nahen Osten, Nordafrika und

Geld und Südamerika, von der auch die europäi­


sche und die amerikanische Exportindus­

Unterhaltung
trie profitieren. Der konventionelle, nicht
versteigernde Kunst- und Antiquitäten­
handel versteht sich jedoch nicht als Ex­
Art Investment Funds portgeschäft, sondern er wendet sich an
die lokale und regionale Käuferschaft.
«Wenn Banker Banker treffen, reden sie Diese aber hat ihre Kaufgewohnheiten
über Kunst, wenn Künstler Künstler treffen, verändert und besucht Kunsthandlun­
reden sie über Geld.» Das Zitat von Oscar gen, Antiquitätengeschäfte und Galerien

Bild: CFC
Wilde, das der Zürcher Wirtschaftswissen­ immer seltener ausserhalb besonderer
schaftler Bruno J. Schneller seiner Kunst­ Anlässe wie Vernissagen.
fondsübersicht «Art Investment Funds – Ak­ Messen stehlen Galerien die Show: Stand der Pelham Galleries, Paris & London, an der Tefaf 2009 in Maastricht.
tuelle Herausforderungen» vorangestellt
hat, deutet an, was der Leser von ihr zu er­ Beratung und Restauration
warten hat und was nicht. Für eine umfas­ Dramatisch ist die Situation im Bereich wie die im November gemeinsam mit Kas­ merziellen Unverstand mancher dieser Dichte und Vielfalt an interessanten Ein­
sende Behandlung der sach­lichen und der Möbel, der Einrichtungskunst sowie par Fleischmanns Zürcher Fotogalerie zur sympathischen Einzelkämpfer. kaufsmöglichkeiten angewiesen sind. Klas­
rechtlichen Erfordernisse für den Aufbau der Gebrauchs- und Ziergegenstände des Stockeregg konzipierte Ideenschau zum Zu all dem kommt, dass der Antiqui­ sische Antiquitätenquartiere wie in Zürich
eines Kunstkapitalanlagefonds ist das Buch 16. bis 19. Jh. Viele traditionelle Antiquitä­ Wohnen mit Kunstfotografie locken zu­ tätenhandel je länger, je mehr seine tra­ etwa das von Oberdorfstrasse, Kirchgasse,
zu knapp bemessen. Auch als Entschei­ tengeschäfte können ihren Handel nur sätzliche Kundschaft in die Galerie. ditionellen Einkaufsquellen für interes­ Neumarkt und Rämistrasse gebildete Ge­
dungshilfe für Vermögensverwalter oder Ka­ noch mit zusätzlichen Dienstleistungen Viele alteingesessene Möbel- und Anti­ santes und margenträchtiges Material an viert mit seiner anregenden, von Antiken
pitalanleger eignet es sich nur beschränkt. wie der Beratung und der Ausführung in quitätengeschäfte leiden jedoch nicht nur das Auktionswesen verliert. Wer heute als und Afrikana bis zu Antiquariaten, Art
Zwar beschreibt der Autor kurz die Sachen Innendekoration oder mit Res­ unter der Trägheit ihrer Kunden, sondern Privatperson beispielsweise eine mit al­ déco und Avantgarde reichenden Ange­
Hauptmerkmale und Hintermänner von taurierungen querfinanzieren. Dass eine auch unter ihrer eigenen. So haben viele ten Möbeln und Antiquitäten eingerich­ botsmischung dürften daher zumindest
sechzehn Kunstfonds von Philip Hoffmans geschickte Angebotsmischung aus Anti­ dieser Händler zu lange nur passiv auf tete Wohnung – etwa aus einer Erbschaft in kleineren Städten seltener werden.
Fine Art Fund (www.thefineartfund.com) quitäten und dazu passenden Dienstleis­ Kundschaft gewartet, statt aktiv auf ihre oder wegen des Umzugs in ein Senioren­ Für immer mehr alte und vor allem
bis zu einem 2006 als Sammlung zeitge­ tungen ein erfolgreiches Geschäftsmodell Kunden zuzugehen. Zwar kann man von heim usw. – auflösen muss, wendet sich jüngere Kunst- und Antiquitätenhändler
nössischer chinesischer Kunst unter dem für einen gesunden, überlebensfähigen einem eingefleischten Antiquitätenhänd­ dafür immer häufiger an ein lokales oder erfüllen stattdessen Kunstmessen und
Namen Sinopia Fine Art Collection (www. Kunst- und Antiquitätenhandel begrün­ ler nicht erwarten, dass er den Ge­ regionales Versteigerungshaus. Dieses verwandte Anlässe – in Ergänzung zu ihrer
sinopia.nl) gegründeten Fonds. Der dis­ det, zeigt das Beispiel der Zürcher Galerie schmackswandel seiner Kunden nach­ übernimmt als Gesamtdienstleister das Präsenz im Internet – die Rolle eines rea­
krete Charakter dieser Fonds erlaubt dem Hafter, die kürzlich aus der engen Zürcher bildet und nun plötzlich in modernem ganze Material zur Verwertung, wozu ein len Galerieschaufensters, eines Kontakt­
Autor aber keine genauen Angaben zu Innenstadt näher zu ihren Kunden in Design macht. Aber mit einer attraktiven, Händler meist weder personell noch fi­ hofes zum Kennenlernen neuer Kunden
Performance und Fondsvermögen. grosszügigere Galerieräume in Küsnacht ideenreichen Präsentation kann man nanziell in der Lage ist. und zugleich die eines temporären Ein­
Geschichten und Zitate, vorgetragen in an der Goldküste übersiedelt ist. manch originelle Antiquität ins rechte kaufszentrums für neue – teure – Nach­
einer wohltuend unakademischen Spra­ Neben seinem Angebot an klassischer Licht rücken und auch jüngeren Kunst­ schubware. Mit dieser Verlagerung auf
che, machen diese Arbeit zu einer lehr­ englischer Einrichtungskunst und an ak­ freunden schmackhaft machen. Teure Innenstadtlagen das nationale und internationale Messe­
reichen und unbedingt lesenswerten tuellen asiatischen Antiquitäten bietet das Dass es heute immer noch Antiquitä­ Dass gute Passantenlagen in den Städten geschehen aber gewinnt schliesslich auch
Kunstmarktchronik. Bruno J. Schneller, Familienunternehmen seit Jahrzehnten tengalerien gibt, die zwar in guter Passan­ immer teurer und für junge Kunsthändler, der Handel mit alter Kunst und Antiquitä­
«Art Investment Funds – Aktuelle Heraus­ umfassende Dienstleistungen im Bereich tenlage liegen, aber ihrer Laufkundschaft Antiquariate und Galerien unerschwing­ ten mehr und mehr den punktuellen
forderungen», VDM Verlag Dr. Müller von Innenarchitektur und Interior Design absurderweise weiterhin die Bequemlich­ lich werden, beschleunigt die Entleerung Eventcharakter, den das Auktionswesen
(www.vdm-vsg.de), Saarbrücken 2009, an. Sonderausstellungen und zuweilen keit der Kreditkartenzahlungsmöglichkeit traditioneller Antiquitäteneinkaufsquar­ mit seinen unverrückbaren Versteige­
ISBN: 978-3-639-21163-4, Preis: 49 €. CFC auch grenzüberschreitende Aktivitäten verweigern, spricht Bände über den kom­ tiere, die ja ihrerseits auf eine gewisse rungsdaten ja längst vorgespurt hat.

Auktionen und Ausstellungen


American International Fine Art Fair Palm Beach
Tel. 001 (0)561 209 1300, www.aifaf.com
3. bis 8. Februar, Kunst und Antiquitäten

Sophie Taeuber-Arp, «Surgissant,


­tombant, aherant, volant – steigend,
­fallend, fliegend», 1934, Öl auf Leinwand,
100×73 cm (Kirchner-Museum Davos,
­Leihgabe des Kunstmuseums Basel)

Sarah Moon, «G. S.», 1998, getonter Silbergelatineprint, signiert, Programmheft zum John Player Victory Meeting, Brands Hatch,
­datiert und nummeriert 5/20, Format 60×50 cm; Preis: 9000 € 22. Oktober 1972, signiert von Emerson Fittipaldi, Graham Hill, Mike
Alexej von Jawlensky, «Variation», Öl auf Karton, (Galerie zur Stockeregg) Hailwood, Jody Scheckter und Brian Redman; Preis: 850 Fr.
­signiert, 35×26,4 cm; Preis: 285 000 $ (Galerie Salis & Vertes, (Antiquariat «Stand 132», Zürich, an der Zürcher Antiquariats-Messe)
Zürich, an der AIFAF 2010 Palm Beach)
Kirchner-Museum Davos 4. bis 7. März
Tel. 081 413 22 02, www.kirchnermuseum.ch Internationale Messe für klassische Moderne und Gegenwartskunst
Bis 14. Februar 16. Internationale Zürcher Antiquariats-Messe
Ausstellung «Bewegung und Gleichgewicht. Tel. 044 260 59 00, www.bookfair.ch
Sophie Taeuber-Arp 1889–1943» 5. bis 7. März, Schweizer Buchantiquariatsmesse
Arco 2010 Madrid, Feria de Madrid, Madrid, Tel. +34 91 722 30 00, The European Fine Art Fair (Tefaf) 2010 Maastricht
www.ifema.es/ferias/arco/default.html/ The European Fine Art Foundation Tefaf, Stéphane Zaech, «Ohne Titel», 2009, Öl auf Leinwand,
17. bis 21. Februar Tel. 0031 411 64 50 90, www.tefaf.com 100×80 cm; Preis: 6800 Fr. (Katz Contemporary)
29. Ausgabe der bedeutendsten 12. bis 21. März
spanischen Gegenwartskunstmesse Galerie Katz Contemporary, Zürich
Scope Art Fair New York Tel. 044 212 22 00, www.katzcontemporary.com
Römische Marmorbüste des geflügelten
Eros, 1. Jh. n. Chr., nach einen Vorbild des Tel. 001 (0)212 2681522, www.scope-art.com Bis 20. Februar
griechischen Bildhauers Lysippos aus dem 3. bis 7. März Neue Werke des 44-jährigen Schweizers Stéphane Zaech
Yudi Noor, «Nissan Blue Bird», 2009, 26×39×39 cm; 4. Jh. v. Chr., Höhe: 39 cm; Preis: 185 000 $ Messe für internationale Avantgardekunst Galerie zur Stockeregg, Zürich
Preis: 3200 € (Galerie Birgit Ostermeier an der Arco 2010 (Royal Athena Galleries, New York, an der Art Karlsruhe Tel. 044 202 69 25, www.stockeregg.com
­Madrid) Tefaf 2010 Maastricht) Tel. 0049 (0)721 384 19 24, www.art-karlsruhe.de Fotografien von Sarah Moon, bis 25. Februar