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Politik der Seele: Vom Einbruch öffentlicher Zwangsmoral

ins klinische Feld - Reflektion eines psychologischen Großversuchs*

Ulrich Kobbé

Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,


Die wahrhaft ideelle -
Sie gibt die innere Einheit uns.
(Heine 1814, 327)

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,


ich werde im Folgenden über ein psychologisch-psychotherapeutisches Spezialgebiet, denn um
nichts Anderes handelt es sich ja bei der forensischen Psychiatrie, und die Verwicklungen darin
berichten. Vorab eine kurze Skizze des Arbeitsfeldes: Die Rahmenbedingungen sind gekenn-
zeichnet durch einen hoheitlichen Auftrag der ›Besserung und Sicherung‹ psychisch kranker bzw.
gestörter Straftäter, die strafrechtlich in einer sog. freiheitsentziehenden Maßregel untergebracht
sind, durch bemühte Diskursform(ation)en zwischen Einschluß, Zwang, (Wieder-)Anpassung,
Emanzipation und Selbstbestimmung also. Die Unterbringung selbst wird bei ›einer rechtswidrigen
Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit‹ (§ 20 StGB) oder der ›erheblich verminderten Schuldfähig-
keit‹ (§ 21 StGB) angeordnet, ›wenn - so der § 63 Absatz 1 des Strafgesetzbuches - die Ge-
samtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebli-
che rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist‹.
Das Einweisungsmerkmal ist also eine zustandsbedingte Gefährlichkeit des Patienten. Der Un-
terbringungszweck dient dem Schutz der Allgemeinheit mit Hilfe geeigneter therapeutischer Maß-
nahmen unter Sicherungsbedingungen. Damit haftet psychologisch-psychotherapeutischer Tätig-
keit in einem solchen Feld der gesellschaftlichen Ausgrenzung psychisch kranker Rechtsbrecher
zwangsläufig der Charakter des Besonderen (des besonders Gefährlichen, des besonders Ris-
kanten ...) und des Stigmas (als moralisch-ethisch Verwerflichem, als bösartig-krank Infektiösem
...) an. Sich dennoch für ein therapeutisches Engagement in der forensischen Psychiatrie zu ent-
scheiden, birgt - Mitscherlich paraphrasierend - zwangsläufig in sich, daß man nur mit schlechtem
Gewissen als Psychologe und Psychotherapeut im Maßregelvollzug tätig sein kann ... »die letzte
›schöne Seele‹ à la Hegel«, kommentieren Deleuze und Guattari (1980, 167-168).
Dieses auf die aufgezwungene Hilfe bezogene ›schlechte Gewissen‹ jedoch kippt unter Umstän-
den in ein ebensolches Anderes um, wenn es im konkreten Einzelfall erneuter Delinquenz um den
unzulänglichen Schutz der Bevölkerung geht. Denn dieser ist angesichts der unmöglich hundert-
prozentigen Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens immer nur bedingt zu garantieren (Schu-
mann et al. 1990) und erweist sich als kollektiv verdrängtes Risiko spätestens im konkreten Un-
Fall als trügerische Sicherheit. Ich will und kann nicht darüber sprechen, was das Opfer, dessen
Angehörige erleben und ertragen oder was ein einzelner Therapeut erlebt, wenn einer seiner Pa-
tienten erneut straffällig wird - »Hintergrundsbelastung« nennt Rathert (1990) diese hinter jeder
diagnostisch-prognostischen Tätigkeit aufschimmernde latente Angst des klinischen Psychologen
in Straf- und Maßregelvollzug. Es ist ohnehin nicht leicht, sich öffentlich zu einem immer wieder af-
fektiv hochgradig besetzten Gesellschaftsproblem zu äußern, bei dem weder das Strafverfahren
gegen den Täter noch das Ermittlungsverfahren gegen Behandler den ›Fall‹ abzuschließen in der
Lage sein werden: Was bleibt, ist eine Tragik der Opfer und ihrer Angehörigen, aber eben auch -
wenngleich gänzlich anders - der involvierten Behandler … und letztlich auch des erneut zum Tä-
*
Unveröffentlichter Vortrag (Redetext), vorbereitet für den 3. Deutschen Psychologentag des BDP, Bremen 14.-17.09.1995.
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ter gewordenen forensischen Patienten … Hier nun geht es um die Einwirkungen von Bürgern,
Politikern und Medien auf die Rahmenbedingungen der Therapie.
Eine erneute Straftat eines in Behandlung befindlichen Täters kommt sozusagen einem forensi-
schen GAU, dem ›Größten Anzunehmenden Unfall‹ gleich, der nicht nur dem Opfer und seinen
Angehörigen, sondern eben auch - anders gelagert - den direkt oder auch nur indirekt beteiligten
Behandlern und Prognostikern in der forensischen Psychiatrie widerfahren kann. Das durch einen
forensischen Patienten begangene Gewaltdelikt führt zwangsläufig zu öffentlichen, politischen
Einflußnahmen der Medien, der Politiker und der Bürger. Politik habe - skizziert Lyotard (1973,
59)- »nichts mit der Bestimmung von Institutionen, d.h. von Regelabständen zu tun, sondern viel-
mehr mit der Bestimmung einer Spielfläche für libidinöse Intensitäten, Affekte, ›Leidenschaften‹«.
Folgerichtig erleben Mitarbeiter forensisch-psychiatrischer Institutionen, die zwar kritisch und
selbstkritisch, gewissenhaft, reflektiert, verantwortungsbewußt und verantwortungsbereit, aber
eben nicht unfehlbar sind, seit einem solchen Deliktrückfall durch einen (Ex-)Patienten in jedem
Fall - ganz gleich also, ob aus der eigenen oder einer fremden Institution - unterschiedlichste In-
terventionen, die als »von außen induzierte Angst und Druck« nie »ohne Folgen für das ›innere
Klima‹ und die ›therapeutische Grundhaltung‹« bleiben können. »Andererseits wiederum stellen
Klima und ›Grundhaltung‹ Bedingung und Voraussetzung einer therapeutischen Arbeit im eigent-
lichen Sinne dar« (Rogge 1985, 8).
Schon beim vorauseilenden Versuch der präventiven Definition einer - potentiell/vermeintlich -
permanent gefährlichen Tätergruppe wird versucht, den antizipierten Fall durch Subjektivierung
und Individualisierung »auf eine einzigartige biographische Konstellation« zurückzuführen und da-
durch kalkulierbarer zu machen, daß er aus seiner interaktionellen und gesellschaftlichen Kausa-
lität herausgelöst wird (Heinze 1992, 49). Denn der Öffentlichkeit affektive Logik reduziert jeden
Patienten auf (s)eine Straftat, auf (s)ein Delikt als quasi unveränderbare Persönlichkeits-
eigenschaft. Hier soll nicht weiter darauf eingegangen werden, daß ›Sicherheit‹ nur durch qualifi-
zierte und sorgfältige Prognosestellungen ›kalkuliert‹ werden kann. Einzugehen ist aber auf die
Auswirkungen in der Institution, denn »die Politik muß« - schreibt Lévinas (1982, 63) - »in der Tat
immer von der Ethik aus kontrollierbar und kritisierbar bleiben«. Das Stereotyp des ge-
meingefährlichen und unberechenbaren psychisch Kranken gerät hier zum griffigen und jederzeit
verfügbaren Stigma, dem eine die Gefährdung zwar nur behauptende Ideologie, jedoch im Rück-
griff auf Einzelfälle vermeintlich beweisende »Stigma-Theorie« (Goffman 1963, 14) zugrunde
liegt. Diese Reduktion des psychisch kranken Straftäters auf (s)ein Unterbringungsdelikt stützt
sich als prognostisches ›Kriterium‹ demzufolge keineswegs »auf ein wissenschaftliches W issen,
sondern eher auf ein Nicht-Wissen, auf eine von vornherein auf einen ›Mythos‹ reduzierte W is-
senschaft« (Mouloud 1978, 49) 1.
Ein derartiges Vorgehen jedoch löst alle Voraussetzungen einer therapeutischen Reintegration
des aus dem Gesellschaftsvertrag herausgefallenen Subjekts auf und in seinem Reduktionismus
einer »Serialisierung« (Sartre), bei der eine Vielfalt von Eigenschaften und Vielzahl von Personen
zur Isolierung jedes Einzelnen und von ihm »als seine negative Struktur« erfahren wird: »Ich habe
mit dir nichts zu tun« (Laing 1964, 110), lautet die Botschaft. Mit dieser Konstituierung eines ge-
meinsamen Objekts ›Sexualstraftäter‹ werden »serielle Verhaltensweisen, serielle Gefühle, seri-
elle Gedanken« unterstellt und geschaffen, »die die seriellen Individuen in all ihren Strukturen ver-
wandelt« (Laing 1964, 111). Daß es den Triebtäter, den Sexualstraftäter nicht gibt, sondern nur
Individuen, die auf dem Hintergrund äußerst differenter Lebenserfahrungen und aufgrund unter-
schiedlicher Störungs- und Krankheitsprozesse ebenso verschiedene (z.B. heterosexuelle, ho-
mosexuelle, pädophile) Sexualstraftaten begangen haben, ist allgemein bekannt, jedoch offen-
sichtlich in der (affektiven) Krise des Deliktrückfalls nicht bewußt. Im übrigen folgt die Etikettierung
als ›Triebtäter‹ einem äußerst naiven, vorwissenschaftlichen Hydraulik- und Staudamm-Modell -
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männlich-genitalfixierter - Sexualität mit Triebdruck, Triebstau, Triebdurchbruch usw., das die Mo-
dellvorstellungen der komplexen Beziehungen von Trieb und Sexualität (Morgenthaler 1985),
Triebkontrolle und Herrschaft (Marcuse 1955) schlicht ignoriert. Die vorgenommene Reduzierung
bedeutet in Anlehnung an Sartre und Laing, daß der Sexualstraftäter, der Mörder, der Brandstifter
nicht nur gedankliche Verkürzungen, nicht nur Typus - und argumentativ instrumentalisierter Pro-
totyp - sind, sondern das ständige abgespaltene Selbe im Anderen. »Anders ausgedrückt: Die
Glieder einer Serie sind sozusagen Anhängsel ihres gemeinsamen Phantasieobjekts« (Laing
1964, 111). Was sie gemein haben, ist ein gemeinsames statisches Objekt: Der Sexualstraftäter
als Anti-Selbst, als erstarrte Negatividentität, die die Mitglieder der Bürgerinitiative mit ihm ge-
meinsam haben.
Doch ein solches Vor-Urteil und Stigma negiert Entwicklungsprozesse und Veränderungsmöglich-
keiten, ignoriert den Prozeßcharakter des Lebens. Es beschädigt die soziale Identität, da der Pa-
tient somit als ewiger Straftäter gewissermaßen zeitlebens zum Nicht-Bürger außerhalb der bür-
gerlichen Gesellschaft wird, Schuld nicht mehr durch Strafhaft getilgt und krankheits- bzw. stö-
rungsbedingte Gefährlichkeit ebensowenig durch Behandlung reduziert und beseitigt werden kann.
Denn die politische Öffentlichkeit - und dann ggf. auch die forensisch-psychiatrische Institution -
fragt nun nicht mehr nur danach, ob der Patient noch gefährlich ist: Bei positiver Prognose hakt
sie ein zweites Mal nach und klassifiziert aufs Neue nach gänzlich anderen Gesichtspunkten, um
eine ordnungspolitisch (und moralisierend) induzierte ›overprediction‹ vorzunehmen. Nicht nur,
daß diese Stigmatisierung unter Sicherheitsaspekten nicht sinnvoll ist, weil eine Klassifizierung
der ohnehin Deklassierten unter Behandlungsgesichtspunkten geradezu widersinnig ist. Bereits
Diagnose und Unterbringung im Maßregelvollzug beinhalten diskreditierende Zuschreibungen un-
erwünschter oder negativer Eigenschaften, und so führt diese neue Stigmatisierung zu einem
ausgesprochen therapie- und hoffnungsfeindlichen, zu einem mystifizierenden Klima (Simon &
Stierlin 1984, 246-247). Denn nunmehr wird forensischen Patienten unterschiedslos Gefährlich-
keit unterstellt, was sie als Zuschreibung von Bösartigkeit erleben müssen. Da dieser Etikettie-
rung keinerlei Bezug auf ein verbindlich abgeleitetes Modell des Subjekts zugrunde liegt, entsteht
ein sprachliches Beliebigkeitsspektrum, in dem »das Wahre und das Falsche durch das Mögliche
und das Unmögliche ersetzt sind« (Lefebvre 1975, 217). W enn aber mit Hilfe des Begriffs vom
›gefährlichen‹ Individuum »über die gesamte Biographie ein Kausalitätsnetz« gezogen wird (Fou-
cault 1975, 324), dann geraten Therapeuten und Patienten in eine Anklage- und Verteidigungs-
Falle (Schrenk 1976), die die ohnehin diffizilen Ausgangspositionen von Psychotherapie im Maß-
regelvollzug verschärft. Für die Patienten beinhaltet dies Laing (1961, 135) zufolge eine Position
der Verteidigungsunfähigkeit. »Die Aufgabe des Therapeuten ist es, einem solchen Menschen
dazu zu verhelfen, entmystifiziert zu werden« (Laing 1965, 303). Auf der Systemebene ist ein
derartiges Gefährlichkeitskonzept Albrecht (1986, 74) zufolge Teil einer »Ideologiefunktion des
Präventions-(Resozialisierungs-)Gedankens«, da es neben der bewirkten Individualisierung so-
zialer Problemlagen zu einer Entpolitisierung ihrer gesellschaftlichen Bedeutung führe und es in
der Logik der Präventionskonzepte zu Forderungen von Anpassungsleistungen des delinquenten
Individuums, mithin insgesamt »vordergründig« zu einer Entschärfung bzw. Verschleierung sozial-
struktureller Probleme komme.
Auf die straffällig gewordenen Mitbürger (denn um solche handelt es sich ja bei psychisch gestör-
ten Rechtsbrechern) bezogen, bedarf es fraglos einer Trieb- und Selbstkontrolle, doch bringt »die
sich als Selbstbeherrschung artikulierende Vernunft ... die Leidenschaft nicht zum spurlosen Ver-
schwinden, sondern unterdrückt sie«; dies aber gerade nicht nur beim plötzlich oder unvorher-
sehbar gewalttätigen Kranken, sondern eben auch beim irrational agierenden Normalbürger: »Die
Leidenschaft bleibt virulent, schafft sich Ventile, die plötzlich, unproduktiv, irrational aufspringen«
(Knieper 1981, 31-32). Simon und Stierlin (1984, 247) kommentieren, Folge derartiger Stigmati-
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sierungs- und Selbststigmatisierungseffekte seien »die Verhinderung der Individuation, der Ent-
wicklung von Identität sowie die Verzerrung der Kommunikation und der kognitiven Schemata«.
Denn in der Tat bleiben die Versuche der Behandler, sich nur auf die »harte Realität der Tatsa-
chen« (Žižek) zu beziehen, dann sinnlos, wenn dieselben Therapeuten dem Patienten gegenüber
Maßnahmen mitzumachen genötigt sind, die sie selbst als anti- oder untherapeutisch ablehnen
müssen, sodaß ihre Authentizität und Verläßlichkeit in Frage gestellt wird. Anders ausgedrückt:
Als »Subjekte einer solchen ›de-ideologisierten‹, ›nüchternen‹, ›objektiven‹, ›vorurteilslosen‹ Be-
trachtungsweise« des psychisch kranken Straftäters bleiben wir - wie Žižek (1991, 115-116) aus-
führt - nichts anderes als »das Bewußtsein unserer ideologischen Träume«. Denn die vorge-
nommene Deliktorientierung impliziert Definitionen, in denen der »›Prä-Delinquente‹ oder der
über seine potentielle Gefährlichkeit definierte« Patient analog Albrecht (1986, 65) einem neuen
präventiv-gestaltenden Modell sozialer Kontrolle unterworfen wird. Diese Praxis zerstört allerdings
nicht nur unrealistisch-sozialromantische Behandlungsideologien, sondern eben auch realistische
therapeutische Ideale des Humanen, induziert eine fatalistisch-hoffnungslose Dynamik beim Pati-
enten, weil ›Rehabilitation‹ zum argumentativen Schlagwort für Ausgrenzung in scheinbarer Nor-
malität zu geraten und zum Verweis auf eine obskure Zukunft einer ›Freiheit unter Kontrolle‹ zu
werden droht.
So ist denn nach inneren Distanzierungen eigener Art zu fragen: Wohin soll und kann Reinte-
gration erfolgen, wenn sich die Normalbürger als potentielle Identifikationsfiguren mit doppelmora-
lischen Winkelzügen in Augen der Patienten doch selbst demontiert haben und sich Therapeuten
diesen Einflußnahmen gegenüber als hilflos erweisen? Das heißt, auf Seiten des Patienten unter-
graben Sicherheitsideologie und projektierte nachträgliche Sicherungsverwahrung in Verbindung
mit politisch gewollter ›overprediction‹ das für eine deliktfreie Zukunft unabdingbare Vertrauen in
die Rechtsgarantien des Staates. Wie ersichtlich, lassen sich die ohnehin schwierigen Verhält-
nisse im Maßregelvollzug durch den Einbruch öffentlicher Zwangsmoral ins psychotherapeutische
Feld zusätzlich behindern. Die Vorstellung, eine forensisch-psychiatrische Institution lasse sich
bei ausreichend gutem Willen, engagierten Mitarbeitern, fachlicher Qualifikation trotz in-
teragierender Dynamiken von Großinstitution und Frühstörung zu einer Art therapeutischem Part-
ner entwickeln, muß ernüchtert werden: Forensische Psychiatrie und Psychologie innerhalb des
Maßregelvollzugs sind strukturell keineswegs so definitiv am Subjekt orientiert wie angenommen,
denn im Zweifelsfall werden Patient wie Therapeut zugunsten der Angstabwehr des gesunden
Menschenverstands ins Abseits manövriert. Offensichtlich erweist sich die - hier paraphrasierte -
Bemerkung Sartres (1975, 40) als richtig, daß die Lockerungspraxis die »offene Flanke« der Be-
handlungs- und Sicherungsideologie darstellt. Nicht in einer auf Gesellschaft und Täter bezoge-
nen Humanwissenschaft spiegelt sich die unbewußte Struktur der sozialen Institutionen wider,
sondern in einer ggf. defensiv-repressiven Sicherheitsideologie. Stigma-Theorie und Überwa-
chungsimperativ jedoch sind das Gegenstück jeden aufklärerischen Diskurses und thematisieren
Sexualangst als Facette gesellschaftlicher wie verinnerlichter Herrschaft.
Rasch (1984, 16-17) schrieb im ›Nachruf auf eine Bestie‹: »Die Zyklen der Kriminalpolitik schie-
ben einmal mehr den Strafgedanken, ein anderes mal stärker den Behandlungsgedanken in den
Vordergrund. W enn man hinter die Dinge schaut, könnte man, abgelöst von momentanen Mode-
schwankungen, sich darum bemühen, das Angemessene geschehen zu lassen. Auch in einer
Zeit, da öffentliche Mittel knapp sind, sollte nicht vergessen werden, daß viele, deren Fehl-
verhalten mit Strafen bedacht wird, eher Hilfe benötigen«. Dies allerdings würde auch vorausset-
zen, daß sich die Bürger, Politiker und Medien ihrer Projektionen auf die psychisch kranken Straf-
täter bzw. projektiven Identifikationen mit ihnen bewußt werden. Denn, so weiter Rasch (1984,
16): »An der Art, wie sie mit ihren Außenseitern umgeht, erweist sich der Reifegrad einer Gesell-
schaft. Vielleicht wächst die Einsicht, daß es wenig nutzt, nachdem alles geschehen ist, die Opfer
zu beklagen und auf die Täter einzuschlagen. Umgekehrt kann es natürlich auch nicht darauf an-
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kommen, den Täter zum eigentlichen Opfer zu stilisieren und zur Jagd auf andere Sündenböcke
zu blasen«.
Ein solcher Vortrag enthält immer das Risiko, mißverstanden zu werden. Denn die an die Angst-
lust, den ›thrill‹ (Balint 1959) in der Konfrontation mit Sex und Gewalt gebundenen Projektionen
führen in den Augen der Öffentlichkeit zur Unterstellung, Psychotherapeuten seinen in ihrem Be-
mühen um ein Verständnis der Sexualstraftäter oder Mörder potentiell deren heimliche, vielleicht
gar lustvolle Komplizen (Duncker 1995). Es sei »absurd« - schreibt Moser (1971, 432) - der Psy-
chologie/Psychiatrie/Psychoanalyse »zu unterstellen, sie sehe nur noch das Wohl des Täters und
vergesse die Opfer. Sie ist als Wissenschaft und Behandlungsmethode von gestörtem Verhalten
und gestörten seelischen Strukturen für die Arten von seelischer Abnormität zuständig, die zu
kriminellem Verhalten führen. Sie erkennt die Vorgeschichte des bösen Handelns als eine Lei-
densgeschichte, die sie, mindestens partiell, rückgängig zu machen oder zu kompensieren sucht.
Ihr Ziel ist es, den Täter so zu behandeln, daß er keine neuen Opfer braucht und diejenigen, die
seine Opfer waren, so weit wie möglich entschädigen kann.«
Daher ist eine solche Parteinahme unausweichlich, denn wer - wenn nicht der Therapeut - kann
und soll sonst den psychotherapeutischen Raum gegen den Einbruch öffentlicher Zwangsmoral
verteidigen und insofern kritischer Anwalt, keineswegs unkritischer Komplize, des Patienten wer-
den? Das aufgezwungene Wechselspiel machtstrategischer, ideologischer und angstökonomi-
scher Einflußnahmen zwischen Öffentlichkeit, Politik und Medien nötigt meines Erachtens die am
klinischen Großversuch beteiligten Psychologen zur ebenso fachlich-psychotherapeutischen, be-
rufs- und sozialpolitischen wie ethisch-autonomen Stellungnahme. Denn um einen ›Menschenver-
such‹ der Diskrepanz und Dissonanz von innerer Bereitschaft wie offiziell definierter Möglichkeit
zur erfolgreichen Behandlung versus faktischer Unerfüllbarkeit dieses Anspruchs handelt es sich
(Duncker 1993, 10-11). Therapeutisches Arbeiten im Maßregelvollzug kommt daher in der Tat
dem gleich, das Rasch** in Anlehnung an klassische affektpsychologische Experimente Tamara
Dembos (1931) einen ›Dembo-Versuch‹ genannt hat: Die quasi-experimentelle Situation ist da-
durch gekennzeichnet, dass den ›Versuchsteilnehmern‹ aufgegeben wird, den optimalen Lö-
sungsweg für ein als lösbar suggeriertes, de facto jedoch unlösbares Problem zu finden. In die-
sem Sinne sei, so Rasch, die Forderung an den Psychologen innerhalb der forensischen Psych-
iatrie (Maßregelvollzug) ein ›unmöglicher‹ Auftrag.
Mehr noch als in der allgemeinen Psychiatrie muß der klinisch-forensische Psychologe also -
analog Deleuze und Guattari (1980, 168) - einerseits für Toleranz und Verständnis plädieren, die
Nutzlosigkeit einer reinen Internierung und totalen Segregation betonen sowie die Auflösung
psychiatrischer Großkrankenhäuser fordern, andererseits aber für eine rationale (Selbst-)Kon-
trolle, spezielle Absicherung, innere Strukturierung, ethische Fundierung des therapeutischen Fel-
des und politische Abstinenz als Grundbedingung von erfolgversprechender Therapie im Maßre-
gelvollzug eintreten.
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