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Humanistische Bibliothek

Texte und Abhandlungen

Herausgegeben von

Ernesto Grassi und Eckhard Keßler

Redaktion

Hanna-Barbara Gerl

In Verbindung mit

Centro Italiano di Studi Umanistici e Filosofici Center for Medieval and Renaissance Studies of Barnard College, Columbia University Institute for Vico Studies, New York

Reihe II • Texte Band 18

Francesco Petrarca

Heilmittel gegen Glück und Unglück

De remediis utriusque fortunae

Lateinisch-deutsche Ausgabe in Auswahl übersetzt und kommentiert von Rudolf Schottlaender

Herausgegeben von Eckhard Keßler

Mit den zugehörigen Abbildungen aus der deutschen Ausgabe Augsburg 1532

Wilhelm Fink Verlag

(

Bayerisch«

Staatsbibliothek

München

ISBN 3-7705-2505-1 © 1988 Wilhelm Fink Verlag, München Gesamtherstellung: Graph. Großbetrieb F. Pustet, Regensburg

Inhalt

Einleitung

11

Zu den Illustrationen

40

An Azzo-Vorrede in Briefform (Ad Azonem. Epistolaris praefatio)

45

Über Muße und Ruhe (I, 21: De otio et quiete)

69

Von der Bücherfülle (I, 43: De librorum copia)

81

Vom Schriftstellerruhm (I, 44: De scriptorum fama)

97

Vom Rachenehmen (I, 101: De vindicta)

109

Von der Hoffnung auf Sieg (I, 102: De spe vincendi)

123

VomSieg (I, 103: De victoria)

129

Von der Hoffnung auf Frieden (I, 105: De spe pacis)

137

Von Frieden und Waffenstillstand (I, 106: De pace et indutiis)

145

INHALT

Vorrede zum Zweiten Buch (In librum secundum praefatio)

155

Von Traurigkeit und Elend (II, 93: De tristitia et miseria)

189

Vom freiwilligen Handanlegen an sich selbst (II, 118: De voluntaria in seipsum manuum iniectione)

207

Von Neid und Mißgunst (II, 106: De invidia [active])

225

Vom Neide (II, 35: De invidia [passive])

231

Vom lästigen Gefeiertwerden des eigenen Namens (II, 88: De celebritate nominis importuna)

237

Kommentar

247

Ausgewählte Bibliographie zur Einführung in das lateinische Werk Petrarcas

261

Das Titelblatt zum ersten Teil zeigt das rotierende Rad der Fortuna. Vier Windgeister in den Ecken versetzen es durch ihr Blasen in ständige Umdrehung. Links steigt ein König empor, oben wehrt sich einer voll Angst, rechts wird ein stürzender Machthaber gezeigt, der sich mit Händen und Füßen ans Rad klammert, unterm Rad liegt ein vierter, dessen Krone zerbrochen ist. Die ersten beiden deutet man auf die Zeit des Illustrators:

im Aufsteigen ist der türkische Sultan, der 1521 Belgrad besetzt hatte, oben wehrt sich der Kaiser mit geschwungenem Schwert.

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M> D> XXXIL

Einleitung

„Du erinnerst dich doch an die Zeit dort, an die vier Jahre? - wie

waren wir da voller Frohsinn, voller Sorglosigkeit! zu Hause welche Ruhe, im öffentlichen Leben welche Freiheit! was für Mußestunden

auf freiem Feld und was für eine Stille!

angelangt - es steht mir vor Augen, als ob es heute gewesen wäre - und ergriffen von dem ungewohnt schönen Bild der Landschaft, sagte ich mir in meinen kindlichen Gedanken, wie ich es eben verstand: Ja, das ist der Ort, der zu meiner Natur am besten paßt! ihn würde ich, wenn es irgendwann möglich ist, den großen Städten vorziehen!" 1 So empfand Francesco Petrarca als Zwölfjähriger; als Dreiund- sechzigjähriger redet er davon in einem Brief an einen Jugend- freund. Noch weiter in die Kindheit zurück aber führt eine Erinne- rung entgegengesetzter Art. Petrarca teilt sie in dem Widmungs- brief mit, den er der Sammlung seiner Briefe an Freunde als Einleitung vorausschickt'. Er berichtet darin von dem Schiffbruch, den er mit seiner Familie als Siebenjähriger vor Marseille erlitten hat - das schlimmste Erlebnis eines von Geburt an verbannten Kindes auf seinen Irrfahrten! Das Ereignis muß unvergeßbar in ihm nach- gewirkt haben, denn nach der Schilderung eines von ihm mitangese- henen entsetzlichen Seebebens in der Bucht von Neapel denkt er an jenen ersten Schiffbruch in der Weise zurück, daß er seinen festen

Am Quell der Sorgue

1 An Guido Sette, Erzbischof von Genua, Sen. X,2; die darin enthaltenen Erinnerungen an die im provenzalischen Städtchen Carpentras ver- brachten Knabenjahre sind schon im Herbst 1367 geschrieben (vgl. Nachod-Stern, S. 376).

2 An Socrates (Ludwig van Beeringen), Padua 13. 1. 1350.

EINLEITUNG

Vorsatz, nie wieder zur See zu fahren, besiegelt mit dem römischen Dichterwort:

„Ungerecht

Klagt der Neptun an, den ein zweiter Schiffbruch

trifft.'"

Schon in früher Jugend also ist der schneidende Gegensatz zwi- schen dem Abscheu vor der wilden Unruhe draußen und der Sehnsucht nach ungestörtem innerem Frieden in ihm angelegt. Daraus erklärt sich wohl am ehesten sein lebenslanges Ankämpfen gegen die „Fortuna", die er nicht als Göttin versteht, sondern als jenen ewigen Wechsel von Gunst und Ungunst der äußeren Um- stände, der zumeist - und diese Abhängigkeit ist es, die Petrarca bekämpft - einen entsprechenden Wechsel im Gemütszustand des Betroffenen nach sich zieht. Aus diesem Kampf entsprang schließ- lich das Werk, das ihm drei Jahrhunderte hindurch mehr als alles andere, was er geschaffen hat, Leser überall und Autorenruhm in ganz Europa brachte: „De remediis utriusque fortunae." Will man ein so frühes und dauerndes Verlangen nach tiefster Ruhe ein subjektives Extrem nennen, dann muß man gerechter- weise hinzusetzen, daß der so beschaffene Mann sich in seinem Jahrhundert dem extremen Gegenteil gegenübersah. Das „Tre- cento", insbesondere sein zweites Drittel, war ein Zeitalter der größten allgemeinen Unsicherheit; die Zustände glichen fast denen in der Epoche der Völkerwanderung, nur daß diesmal das Unheil nicht am unabwendbaren Ende, sondern am verheißungsvollen Anfang einer Blütezeit der Kultur hereinbrach. Petrarcas Lebens- zeit (1304-1374) fiel fast genau zusammen mit dem Exil der römi- schen Päpste in Avignon. Diese geschichtliche Tatsache hat ebenso für seine Biographie wie für den Zustand Italiens überragende Bedeutung. Schon daß er nicht in Florenz, der Heimat seiner Eltern, sondern, als Kind eines verbannten Vaters, in Arezzo geboren wurde, sagt genug. In seinem Geburtsjahr war südlich der Alpen die päpstliche ebenso wie die kaiserliche Macht auf einem Tiefstand angelangt. Dante als Zeitgenosse bezeugt es mit eindringlichen

3 Farn. V,5 an den Kardinal Giovanni Colonna, Neapel 26. Nov. 1343; das Zitat - „improbe Neptunum accusat, qui iterum naufragium facit" - ist ein im Altertum geflügeltes Wort des Mimendichters Publilius (um 50 v. Chr. Geb.).

EINLEITUNG

^Worten. „In seinem Stellvertreter wurde Christus gefangengesetzt" — so kommentiert der Dichter 4 die Verhaftung des Papstes Bonifa- rius VIII. (im September 1303), die dieser nicht lange überlebte. Aber so spricht Dante nur aus Ehrfurcht vor der Würde des Amtes, nicht etwa aus Respekt vor der Person jenes Papstes. Im Gegenteil:

er verabscheut ihn als den „Fürsten der neuen Pharisäer", der die Kreuzzugsidee dadurch entweiht habe, daß er einen regelrechten Kreuzzug gegen die Christen in der Stadt Rom, statt gegen Glau- bensfeinde im Morgenland, gepredigt hat, nämlich gegen das Adels- geschlecht der Colonna, mit dem er verfeindet war und dessen Besitzungen er in seine Hand bringen wollte. Diese Familie war es denn auch, die ihn mit französischer Hilfe in seinem Palast gefan- gennahm. Papst Bonifaz wird in der Hölle büßen 5 , aber der Franzo- senkönig Philippe IV. („le Bei"), den Dante für das Sakrileg des Haftbefehls verantwortlich macht, gilt ihm als der noch Schlim- mere, als ein „neuer Pilatus" 6 . Wäre nun der deutsche Kaiser sich seiner Pflicht bewußt gewesen, so hätte all' das entweder gar nicht geschehen können oder wäre doch mit aller verdienten Härte gesühnt worden. Aber jener „Alberto Tedesco", König Albrecht I. (1298-1308), Sohn Rudolfs I. von Habsburg, hat, wie schon sein Vater, seinen deutschen Interessen zuliebe Italien, „den Garten des Reiches, wüst gelassen" 7 ; ja, er war überhaupt nie nach Italien gekommen, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, und galt deswe- gen dort nicht als Oberherr. Diese in Dantes Augen fluchwürdige Unterlassungssünde der Habsburger hatte zur Folge: Italien ist nun wie eine „wilde Stute, bösartig, unbändig und grausam" 8 . Florenz, die Heimat der Eltern Petrarcas, war schon nicht mehr die der beiden Söhne Francesco und Gherardo. Es war Petrarcas Vater ebenso ergangen wie Dante; in einem Brief des Sohnes an Boccaccio heißt es: „Mit meinem Großvater und Vater hat er (Dante) zusam- mengelebt, jünger als mein Großvater, älter als mein Vater, mit dem zugleich er an einem und demselben Tage im Hin und Her des Bürgerkriegs aus dem Heimatland vertrieben wurde; in solcher Zeit

4 Purg. XX,87.

5 Inferno XIX,53.

6 Purg. XX.91.

7 Purg. VI.105.

8 Purg. VI,94-101.

EINLEITUNG

werden ja die von gemeinsamen Sorgen Betroffenen oft zu nahen Freunden, und so geschah es im höchsten Grade auch bei ihnen, denn außer dem ähnlichen Schicksal bestand zwischen ihnen auch eine große Ähnlichkeit der Studien und des Geistes"''. Was war das für ein Florenz, zu dem Francesco Petrarca niemals zurückfand, auch dann nicht, als ihm, dem schon weltberühmten Mann, im Jahre 1351 von der dortigen Regierung außer der Rücker- stattung der väterlichen Besitzungen ein Lehrstuhl angeboten wurde, den er nach seinen eigenen Wünschen einrichten sollte? Er lehnte ab. Das große Florenz bedeutete ihm weniger als das kleine, von Felsen umschlossene Tal der Sorgue, sein Vaucluse, die „Clausa Vallis", wie er den Namen latinisierte 10 , eine „Klause" eigener Art, wo er abgeschlossen vom Treiben der Städte, aber nicht in mönchi- scher Isolierung lebte. Er war eben nicht nur, wie sein Vater und Dante, florentinischer Emigrant, sondern darüber hinaus bereits ein Auslandsitaliener, für den die Provence zum Land seiner Jugend wurde. Welche Unsicherheit damals im Florenz der Parteien- kämpfe! - welche Sicherheit im Machtbereich des französischen Königshauses! Dante charakterisiert sein Florenz mit der gerechten Schärfe des Liebenden; die Franzosenherrschaft aber scheint ihm, dem auf die deutsche Kaisermacht eingeschworenen „Ghibellinen", nur des Hasses und der Verachtung würdig. Mochte die Familie des Ser Petracco" dem Freunde zustimmen in seinem Hohn über Florenz, wo „Verordnungen, im Oktober fein ausgedacht, Mitte November schon nicht mehr gelten" 12 , so konnte sie ihm sicherlich nicht mehr folgen in seiner allzu parteiischen Einschätzung des französischen Vorkämpfers der „Guelfen": Roberts von Anjou. Dieser „Robert le Sage", wie ihn die Franzosen nennen 11 , hatte einen Traktat über die „evangelische Armut" geschrieben; für Dante jedoch, der sich auf Kaiser Heinrich VII., den deutschen „Lützel- burger", festgelegt hat, ist dessen schriftstellernder Rivale, dem in

9 Farn. XXI,15.

10 Vgl. u. a. sein achtzeiliges lateinisches Lobepigramm auf Vaucluse am Schluß des Briefes auf seinen Freund Philippe de Cabassoles, Bischof von Cavaillon (Farn. XI,4).

11 Dies der Vatersname, den der Sohn zu „Petrarca" latinisierte.

12 Purg. VI, 143 f.

13 Vgl. E. R. Labande, L'Italie de la Renaissance, Paris 1954, passim.

EINLEITUNG

der Provence die neue Papstresidenz Avignon, in Italien das König- reich Neapel (nebst dem Anspruch auf Sizilien) gehört, ein aus der Art geschlagener Geizhals, der besser fürs Predigen als für die Königsherrschaft geeignet sei' 4 . Demgegenüber verfügte der junge Petrarca über reichere und bessere Erfahrungen. Unter der Anjou- herrschaft hatte sein Vater, ein Notar, in Avignon Zuflucht und neue berufliche Tätigkeit gefunden; im nahe gelegenen Carpentras hat Francesco als Elementarschüler, in Montpellier als blutjunger Jurastudent glückliche Jahre verlebt. Aber wie gern er auch an jene in der Provence verbrachten Jahre zurückdachte, so verhaßt war ihm von Anfang an die Stadt Avignon in ihrer Rolle als französisches Gegen-Rom. Eine Reihe von Ge- heimbriefen 15 , die er ohne Datum, Unterschrift und Adressatennen- nung in Umlauf brachte und später unter der Bezeichnung „Liber sine nomine" zusammenfaßte (ohne sie aber zur Veröffentlichung vorzusehen!), dient der Brandmarkung der Zustände in der Papst- residenz an der Rhone. Besser bekannt sind die drei Sonette (Can- zoniere 136-138), in denen er die Verderbnis des Klerus anklagt, vor der er sich ins nahe Vaucluse rettet (Canz. 114). Wenn Historiker heute noch von einer damaligen „babylonischen Gefangenschaft" der Kirche sprechen", so ist das mißverständlich. Ins „babylonische Exil" waren im 6. vorchristlichen Jahrhundert die Juden als Besiegte deportiert worden; sie hatten aber gerade in der Unglückszeit nach dem Fall Jerusalems ihre religiöse Einheit gefestigt. Die Kurie hingegen hatte sich kurz nach 1300 aus der gefährlichen Unsicher- heit ihrer römischen Existenz unter französischen Schutz begeben, woraus ja die Petrarca-Familie und andere italienische „Guelfen" großen Nutzen zogen; nur daß dann freilich die Beschützer sehr bald zu politischen Beherrschern und moralischen Verderbern wurden. Die Mehrheit im Kardinalskollegium und die Mehrzahl der Päpste waren Franzosen und wirkten im Interesse der französi- schen Krone. Bei dem Kennwort „Babylon", das Petrarca der Stadt Avignon anheftet, mußte und sollte jeder an das apokalyptische

14 Paradiso VIII,76-84; 147.

15 Eingeleitet, herausgegeben und kommentiert von P. Piur, Petrarcas „Buch ohne Namen" und die päpstliche Kurie, Halle 1925.

16 Vgl. Storia d'Iitalia 2 , Turin 1965, I, p. 527.

EINLEITUNG

„Weib auf dem Tier" denken, von dem es im 17. Kapitel der Offenbarung Johannis heißt, es stehe ihr „an der Stirm geschrieben:

,Die große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden'", sie sei „die große Stadt, die das Reich hat über die Könige auf Erden". Avignon war zwar, verglichen mit Rom, eine Klein- stadt, aber durch den Zudrang zur neuen Papstresidenz in eine künstliche, überfüllte, „stinkende" Großstadt verwandelt. Ein alle- gorischer Vergleich der damaligen Kirche mit einer entarteten und am Ende willenlos entführten Dirne findet sich schon bei Dante". Petrarca aber schildert, was er mitangesehen hat: Trunksucht, sexuelle Ausschweifungen, Falschheit, Habgier, Verrat, Hochmut. Das alles wirft er bestimmten Päpsten und Kardinälen vor; durch die genauen Angaben, die er dabei macht, erhärtet er, was er in Formeln wie „L'avara Babilonia" (Canz. 137) und „Babilonia falsa e ria" (Canz. 138) angedeutet hat. Daß er auch die Irrlehren und Ketzereien zu den von Avignon ausgegangenen Übeln zählt (Canz. 138), beweist, wie sehr ihm an der Reinheit der katholischen Kirchenlehre gelegen ist und wie wenig er an eine Abschaffung des Papsttums denkt, wie er es vielmehr durch seine leidenschaftliche Kritik regenerieren helfen will. Unabsehbar mußte ja die entsittli- chende Wirkung auf die ganze christliche Welt und nicht zuletzt auf Rom und Italien sein, wenn die Prostitution in Avignon Formen annahm, wie Petrarca sie in den Versen geißelt, mit denen er den päpstlichen Hof anredet:

„In deinen Räumen - Lärm von wilden Tänzen, Mädchen und Greise! Satan tritt die Bälge, Schürt rings die Glut, läßt rot die Spiegel glänzen" (Canz. 136).

Der totale Autoritätsverlust, der aus solchem Treiben folgt, wurde in Italien durch nichts, was allgemein respektiert worden wäre, ausgeglichen. Die Gewalttaten ausländischer Söldner im Dienste einer Vielzahl rivalisierender italienischer Stadtstaaten reißen nicht ab; fremde wie einheimische Räuberbanden organisieren sich zu Gangstermaffias („Grandi Compagnie"). Die Pestepidemie des Jah- res 1348 kam hinzu. Sie verwüstete zwar ganz Europa, war aber in Italien Glied einer Kette von Auflösungserscheinungen, die lange

17 Purg. XXXII.148-160.

EINLEITUNG

vorher begonnen hatten und sich danach beschleunigt fortsetzten. In der instruktiven Studie von Franz Xaver Kraus über das „Anno Santo" handelt ein Abschnitt vom „Heiligen Jahr" 1350'". Es war das zweite der Jubiläen dieses Namens und wurde in dem von den Päpsten längst verlassenen Rom begangen, während im ersten Jubeljahr 1300 die „Ewige Stadt" noch unbestrittener Sitz des Papsttums war. Roms historische Bauten und Denkmäler waren zu Ruinen verfallen, die Bevölkerung verarmt, vom Hunger und von Räubern bedroht. Nicht lange vorher hatte Cola di Rienzo, der „Tribun", wie er sich nannte, sein ursprünglich großangelegtes Werk der Wiederherstellung Roms durch eine vernichtende Bür- gerkriegsschlacht eingeleitet, in der die meisten männlichen Mit- glieder der mit Petrarca befeundeten Adelsfamilie Colonna fielen. Zunächst hatte sich Petrarca mit Enthusiasmus der Sache Rienzos angeschlossen und dafür die Entfremdung von den Colonnas in Kauf genommen. Bald aber ging dem neuen Volkstribunen durch den wachsenden Widerwillen gegen seine pompöse Selbstverherrli- chung, über die auch Petrarca entsetzt war, die Machtstellung verloren. Kaum war das geschehen, hielt die Pest ihren Einzug. Die Zerknirschung der Überlebenden trieb Massen von Gläubigen aus ganz Europa zum großen Sündenablaß nach Rom. Insgesamt soll etwa eine Million Pilger sich auf den Weg dorthin gemacht haben. Unter denen, die an der Vorverlegung des Heiligen Jahres auf die Jahrhundertmitte - entgegen der ursprünglichen Absicht, nur alle hundert Jahre das „Anno Santo" zu feiern - mitgewirkt hatten, war auch Petrarca gewesen. Als er die Stadt im Jubiläumsjahr 1350 wiederum besuchte, tat er es in dem nagenden Gefühl, das er schon vor seinem ersten Rombesuch in ein Gedicht gefaßt hatte" und das ihn nie verließ: Roma ohne ihren Papst ist wie eine trauernde Witwe ohne ihren Gatten. Petrarca und Rom - das ist jenes einzigartige Verhältnis eines

dieses

Mannes zu einer Stadt, das uns die lateinischen Schriften

18 Essays II, Berlin 1901, S. 217-336, darin bes. 280-302.

19 Epistolae metricae 1,2, gerichtet an Papst Benedikt XII. und gipfelnd in der Aufforderung, von Avignon nach Rom zurückzukehren (ed. Ros- setti III, 132: „coniugis antiquae"); ähnlich 17 Jahre später an den anderen „Gatten Romas", den Kaiser Karl IV. (Fam. X,l, Padua, 24. Febr. 1351).

EINLEITUNG

ersten Humanisten erst voll verstehen läßt. Seinem Bedürfnis nach einem „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht" konnte das, was die Natur im Tal der Sorgue ihm bot, auf die Dauer nicht genügen, ebensowenig sein Liebesidol: die von ihm besungene Laura, eine gewiß nicht erfundene, aber aus den Visionen seiner Lyrik nicht mehr als reale Gestalt herauszuerkennende Frau, die ihm jedenfalls nie Gewährung schenkte. Frei von der Qual, die sich solcher Verehrung stets beimischte, war die Hingabe an all' das, was der Name „Roma" in ihm wachrief, besonders im Kontrast zu dem Jammer des damaligen römischen Alltags. Er schreibt über seinen Ersten Eindruck von Rom, das er erst als Zweiunddreißigjähriger zum erstenmal sah, an seinen Freund, den Kardinal Giovanni Colonna:

„Aus Rom! - was magst du da von mir erwarten, nachdem du schon über meinen Gebirgsaufenthalt soviel von mir erfahren hast? Du glaubtest wohl, ich würde dir nach meiner Ankunft in Rom einen langen Brief schreiben. Vielleicht hat sich mir für die Zukunft ein gewaltiger Stoff zum Schreiben dargeboten; im Augenblick gibt es nichts, was zu beginnen ich wagen möchte, so sehr bin ich übermannt vom Wunder so großer Dinge und von der Wucht des Staunens. Eines nur möchte ich nicht verschweigen: das Gegenteil deiner Vermutung ist eingetreten. Du rietest mir nämlich immer - ich erinnere mich gut - vom Rombesuch ab, wobei du besonders den Grund vorbrachtest, es solle nicht durch den Anblick einer Ruinenstadt, der ihrem Ruhm und meiner aus Büchern geschöpften Meinung nicht entspricht, meine Begeisterung nachlassen. Und auch ich selbst, wie sehr ich auch vor Sehnsucht brannte, verschob die Reise nicht ungern, aus Furcht, es könne das, was ich mir in meinem Geiste vorgestellt hatte, abgeschwächt werden durch den Augenschein und durch die den großen Namen feindliche Gegen- wart. Diese hat aber, so seltsam es klingt, nichts gemindert, sondern alles gesteigert. Wahrhaftig: größer ist Rom und größer sind seine Überreste, als ich glaubte. Jetzt wundere ich mich nicht mehr, daß die Welt von dieser Stadt bezwungen, sondern daß sie so spät bezwungen wurde. Lebe wohl! - Rom, an den Iden des März 20 , auf dem Kapitol." (Farn. 11,14)

20

15. III. 1337

EINLEITUNG

Roma , die Weltbezwingerin - das ist das antike Rom! Un d von dessen Erinnerungsstätten fand sich Petrarca weit mehr angespro-

chen als von der christlichen Architektur, ein wie guter Christ er

ihn aber zugleich das zeitgenössische

Elend der Stadt erschüttert hat, ersehen wir aus einem Gedicht in italienischer Sprache, dem er seine Krönung zum „poeta laureatus" sicherlich mitzuverdanken hat (Canz. 53). Es ist wahrscheinlich an den im Oktober 1337 zum römischen Senator gewählten Bosone da Gubbio gerichtet 22 und beschwört diesen „edlen Geist", er möge „unser Weltoberhaupt Roma mit entschlossener Hand bei dem verehrungswürdigen, aber jetzt aufgelösten Haupthaar packen,

damit die Träge aus dem Schlamm herauskommt"; dann erst könn- ten die antiken Helden des „Marsvolkes" sagen: „Meine Roma wird noch einmal schön sein"; dazu müsse aber vorher der „lange Haß zwischen den Bürgern beendet sein", besonders der Streit zwischen den Adelsgeschlechtern, der keine Sicherheit in der Stadt aufkom- men läßt, so daß man in einer „Räuberhöhle" zu sein glaubt.

Diese aus leidenschaftlicher Liebe geborene Klage macht einmal deutlich, welche ungeheuren Hoffnungen der Dichter in die Be- wußtmachung der großen altrömischen Vergangenheit setzte, zum andern aber auch, warum seine Lorbeerkrönung auf dem Kapitol, die Ostern 1341 erfolgte, zum stärksten, weil endlich einmal eini- genden Erlebnis der Bürgerschaft Roms wurde. So hatte er es gewollt, und das war keine eitle Ruhmsucht, wie man oft lesen kann. Höchstwahrscheinlich nämlich ließ sich damals nur so, wen- gleich vorerst für kurze Dauer, von neuem ein römisches Gemein- schaftsbewußtsein schaffen, nicht aber auf dem Wege über eine archaisierende revolutionäre Machtergreifung, wie sie bald darauf Cola di Rienzo betrieb. Daß Petrarca dieses Unternehmen zunächst begeistert begrüßte, war zwar auf kurze Sicht ein politischer Irr- tum; auf lange Sicht gesehen aber erfüllte sich sein Traum von Rom als geistigem Weltoberhaupt grandios im humanistisch-päpstlichen Rom des Jubeljahres 1450 2 '.

sonst auch war 21 . Wie tief

21 Vgl. Storia di Roma vol. XI, E. Dupre Theseider, Roma dal Comune di Popolo alla Signoria Pontificia (1252-1377), Bologna 1952, p. 510.

22 Vgl. die Fußnote von F. Neri in der Ausgabe der „Rime", Milano-Na- poli 1951, p. 76.

23 Vgl. G. Voigt, Die Wiederbelebung des classischen Alterthums 4 , Nach- druck Berlin 1960, 1,60 ff.

EINLEITUNG

In der jahrelangen selbstgewählten Einsamkeit in Vaucluse, dem Ort, den schon der Zwölfjährige sich ausersehen hatte, reiften noch andere Früchte jenes ersten Rombesuchs, literarische Taten, die den Namen Petrarca in gelehrten Kreisen bekanntmachten und ent- scheidend beitrugen zu der Lorbeerkrönung, die ja der Form nach eine Art von akademischer Habilitation war 24 . Es sind dies die zwei ersten Bücher seiner lateinischen Versdichtung „Africa" und Teile seiner Biographiensammlung „De viris illustribus". Zutreffend be- zeichnet N. Sapegno es als die leitende und beide Werke verbin- dende Absicht des Autors, „die Größe des antiken Rom zu zeigen, deren wissenschaftliche Verherrlichung die Bücher ,De viris illu- stribus' in der gleichen Weise sein sollten wie die ,Africa' deren dichterische Verherrlichung war" 25 . Als Wissenschaftler, der in lateinischer Prosa das Leben des älteren Scipio und anderer großer Römer beschrieb, ebenso wie als Dichter, der in lateinischen Versen den gleichen Scipio zum epischen Haupthelden machte, hielt Pe- trarca sich in allererster Linie an Titus Livius als den klassischen Gewährsmann. Damit ist schon gesagt, daß in diesen beiden auf das alte Rom bezogenen Werken der Poet wie der Prosaiker Petrarca vor allem Historiker sein wollte; in der „Africa", für die es nicht so selbstverständlich war, erklärt er die Geschichtstreue ausdrücklich zur Pflicht auch dessen, der ein historisches Thema poetisch behan- delt (IX,90-97, Rime 694ff.). Nur unter diesem Gesichtspunkt läßt sich voll würdigen, was es heißt, daß er den Lorbeer urkundlich als „großer Dichter und Historiker" erhielt, womit die Berechtigung verbunden war, eine entsprechende Lehrtätigkeit auszuüben. Ebenso wichtig für ihn selbst wie für die Zeitgenossen war die gleichzeitige Verleihung des römischen Bürgerrechts. Petrarcas Wunsch, daß dieser Akt gleichzeitig mit der Lorbeerverleihung auf dem Kapitol (dem „Campidoglio") stattfinden sollte, hat zwei noch erkennbare Motive. Das eine ist die enge Verbindung mit dem damals schon alten König Robert von Neapel, „Robert dem Wei- sen", der den Kandidaten vorher drei Tage lang prüfte und sich dabei aus der „Africa" vorlesen ließ. Zwar schickte er zur Krönung Petrarcas aus Altersgründen einen Stellvertreter, aber er selbst war ja der offiziell ernannte Stellvertreter des - in Avignon weilenden -

24 Vgl. Dupre Theseider a.a.O., p. 514.

25 Storia letteraria d'Italia, II Trecento 3 , Milano 1966, p. 211.

EINLEITUNG

Papstes in Rom, so daß in der Örtlichkeit des Kapitols die alter- tums- und die kirchengeschichtliche Bedeutung des feierlichen Aktes vereinigt zutagetraten. Zugleich, und das war für Petrarca gewiß ebenso wichtig, hatte zu der Verleihung des Ehrenbürger- rechts das Volk von Rom seine Zustimmung zu geben; dadurch erst wurde das, was sonst eine rein akademische Zeremonie gewesen wäre, zu einer demokratischen Veranstaltung und der Dichter- Historiker zum Helden des Tages. Das alles mußte in seinen Augen die schönste Bestätigung dafür sein, daß er recht daran getan hatte, die ihm gleichzeitig von der Pariser Universität angebotene Lor- beerverleihung und Habilitation auszuschlagen zugunsten der Ze- remonie in Rom, wo er den Lorbeer in einer Umgebung empfing, die es in Paris nicht gab: „über den Gräbern der heiligen alten Dichter und dort, wo sie weilten" (Farn. IV,6). Was Petrarca als Bürger von Florenz nicht wurde, das war er als Ehrenbürger von Rom geworden: aus einem Auslands- ein Inlands- italiener. Von da an lebte er trotz vieler Reisen und vorübergehen- der Rückkehr in die Provence mehr in Italien als anderswo. War er auf solche Art in einen anscheinend normalen politischen Status eingetreten, so hatte er damit aber auch, paradoxerweise, die Höhe seines Glücks überschritten. Bis dahin hätte weder er selbst noch sonst jemand ahnen können, daß er einmal die „Heilmittel gegen Glück und Unglück" zum Gegenstand seines umfangreichsten Werkes machen würde; unter den vielen Entwürfen, Vorarbeiten, Teilausführungen, die er in Vaucluse in Angriff genommen hat, findet sich dazu nichts. Es mußte erst die Wandlung eintreten, die seinen von ihm sehr geliebten, drei Jahre jüngeren Bruder Ghe- rardo, mit dem zusammen er den berühmten Aufstieg zum Mont Ventoux unternommen hatte (vgl. Farn. IV, 1), ins Kloster trieb. Mönch zu werden war freilich Francescos Sache nicht, dazu hätte er ja die Reisen aufgeben müssen, die ihn auf seiner unermüdlichen Suche nach Handschriften antiker Autoren, außerdem auch in Begleitung von Freunden und in diplomatischen Missionen durch viele Länder Europas führten. Er teilte aber mit seinem Bruder den Widerwillen gegen das städtische Leben und vor allem gegen die erotischen Verstrickungen, die in den großen Städten so nahe lagen. Man hat sich oft darüber gewundert, daß er in seinen sonst so beredten und mitteilungsfreudigen Briefen von seinen Liebschaften kaum spricht, und ebenso darüber, daß die beiden unehelichen

EINLEITUNG

In der jahrelangen selbstgewählten Einsamkeit in Vaucluse, dem Ort, den schon der Zwölfjährige sich ausersehen hatte, reiften noch andere Früchte jenes ersten Rombesuchs, literarische Taten, die den Namen Petrarca in gelehrten Kreisen bekanntmachten und ent- scheidend beitrugen zu der Lorbeerkrönung, die ja der Form nach eine Art von akademischer Habilitation war 24 . Es sind dies die zwei ersten Bücher seiner lateinischen Versdichtung „Africa" und Teile seiner Biographiensammlung „De viris illustribus". Zutreffend be- zeichnet N. Sapegno es als die leitende und beide Werke verbin- dende Absicht des Autors, „die Größe des antiken Rom zu zeigen, deren wissenschaftliche Verherrlichung die Bücher ,De viris illu- stribus' in der gleichen Weise sein sollten wie die ,Africa' deren dichterische Verherrlichung war" 25 . Als Wissenschaftler, der in lateinischer Prosa das Leben des älteren Scipio und anderer großer Römer beschrieb, ebenso wie als Dichter, der in lateinischen Versen den gleichen Scipio zum epischen Haupthelden machte, hielt Pe- trarca sich in allererster Linie an Titus Livius als den klassischen Gewährsmann. Damit ist schon gesagt, daß in diesen beiden auf das alte Rom bezogenen Werken der Poet wie der Prosaiker Petrarca vor allem Historiker sein wollte; in der „Africa", für die es nicht so selbstverständlich war, erklärt er die Geschichtstreue ausdrücklich zur Pflicht auch dessen, der ein historisches Thema poetisch behan- delt (IX,90-97, Rime 694 ff.). Nur unter diesem Gesichtspunkt läßt sich voll würdigen, was es heißt, daß er den Lorbeer urkundlich als „großer Dichter und Historiker" erhielt, womit die Berechtigung verbunden war, eine entsprechende Lehrtätigkeit auszuüben. Ebenso wichtig für ihn selbst wie für die Zeitgenossen war die gleichzeitige Verleihung des römischen Bürgerrechts. Petrarcas Wunsch, daß dieser Akt gleichzeitig mit der Lorbeerverleihung auf dem Kapitol (dem „Campidoglio") stattfinden sollte, hat zwei noch erkennbare Motive. Das eine ist die enge Verbindung mit dem damals schon alten König Robert von Neapel, „Robert dem Wei- sen", der den Kandidaten vorher drei Tage lang prüfte und sich dabei aus der „Africa" vorlesen ließ. Zwar schickte er zur Krönung Petrarcas aus Altersgründen einen Stellvertreter, aber er selbst war ja der offiziell ernannte Stellvertreter des - in Avignon weilenden -

24 Vgl. Dupre Theseider a.a.O., p. 514.

25 Storia letteraria d'Italia, II Trecento 1 , Milano 1966, p. 211.

EINLEITUNG

Papstes in Rom, so daß in der Örtlichkeit des Kapitols die alter- tums- und die kirchengeschichtliche Bedeutung des feierlichen Aktes vereinigt zutagetraten. Zugleich, und das war für Petrarca gewiß ebenso wichtig, hatte zu der Verleihung des Ehrenbürger- rechts das Volk von Rom seine Zustimmung zu geben; dadurch erst wurde das, was sonst eine rein akademische Zeremonie gewesen wäre, zu einer demokratischen Veranstaltung und der Dichter- Historiker zum Helden des Tages. Das alles mußte in seinen Augen die schönste Bestätigung dafür sein, daß er recht daran getan hatte, die ihm gleichzeitig von der Pariser Universität angebotene Lor- beerverleihung und Habilitation auszuschlagen zugunsten der Ze- remonie in Rom, wo er den Lorbeer in einer Umgebung empfing, die es in Paris nicht gab: „über den Gräbern der heiligen alten Dichter und dort, wo sie weilten" (Farn. IV,6). Was Petrarca als Bürger von Florenz nicht wurde, das war er als Ehrenbürger von Rom geworden: aus einem Auslands- ein Inlands- italiener. Von da an lebte er trotz vieler Reisen und vorübergehen- der Rückkehr in die Provence mehr in Italien als anderswo. War er auf solche Art in einen anscheinend normalen politischen Status eingetreten, so hatte er damit aber auch, paradoxerweise, die Höhe seines Glücks überschritten. Bis dahin hätte weder er selbst noch sonst jemand ahnen können, daß er einmal die „Heilmittel gegen Glück und Unglück" zum Gegenstand seines umfangreichsten Werkes machen würde; unter den vielen Entwürfen, Vorarbeiten, Teilausführungen, die er in Vaucluse in Angriff genommen hat, findet sich dazu nichts. Es mußte erst die Wandlung eintreten, die seinen von ihm sehr geliebten, drei Jahre jüngeren Bruder Ghe- rardo, mit dem zusammen er den berühmten Aufstieg zum Mont Ventoux unternommen hatte (vgl. Farn. IV, 1), ins Kloster trieb. Mönch zu werden war freilich Francescos Sache nicht, dazu hätte er ja die Reisen aufgeben müssen, die ihn auf seiner unermüdlichen Suche nach Handschriften antiker Autoren, außerdem auch in Begleitung von Freunden und in diplomatischen Missionen durch viele Länder Europas führten. Er teilte aber mit seinem Bruder den Widerwillen gegen das städtische Leben und vor allem gegen die erotischen Verstrickungen, die in den großen Städten so nahe lagen. Man hat sich oft darüber gewundert, daß er in seinen sonst so beredten und mitteilungsfreudigen Briefen von seinen Liebschaften kaum spricht, und ebenso darüber, daß die beiden unehelichen

EINLEITUNG

Kinder, von denen wir wissen - Giovanni, der Sohn, geboren 1337, gestorben 1361, und die 1343 geborene Tochter Francesca, mit deren kleiner Familie er in seinen letzten Lebensjahren zusammen- wohnte - aus einer Zeit stammen müssen, in der seine unablässig und über alles geliebte Laura (gestorben 1348) noch lebte. Befrem- det zeigte man sich auch darüber, daß er solche freien Liebes- beziehungen anscheinend als mit seinen kirchlichen Verpflichtun- gen vereinbar ansah. Was den letzten Punkt angeht, so waren die „niederen Weihen", die er empfangen hatte, zwar Voraussetzung seiner Pfründen - nach denen er so viel und so wenig „gejagt" hat wie heute ein Professor nach seinem Beamtengehalt - , verpflichte- ten ihn aber in sexueller Hinsicht zu nichts 2 *. Seine vielleicht nicht ganz unerwiderte, aber dauernd unerfüllte Liebe zu Laura konnte nicht bedeuten, daß er sexuell ausschließlich an sie gebunden wäre, wenn auch, da er sie, die verheiratete Frau, nicht ehelichen konnte, seine Abneigung gegen die Ehe damit gewiß etwas zu tun hat. Sein Schweigen in den Briefen aber hängt ohne Zweifel damit zusam- men, daß er, zufolge seiner eigenen Aussage im „Brief an die Nachwelt", mit vierzig Jahren aller Geschlechtslust abgeschworen hatte, nicht nur für sich persönlich, sondern auch in seinen moral- philosophischen Äußerungen über Liebe und Ehe, die an Feindse- ligkeit kaum zu überbieten und besonders in manchen Abschnit- ten der Schrift „De remediis" mit penetranter Schärfe formuliert sind. In der gleichen zweiten Hälfte seines Lebens, und das ist kein Zufall, dominiert immer mehr sein lateinisches Schrifttum, bis zu dem Grade, daß er von den Liebesgedichten seines Canzoniere wie von belanglosen Stilübungen spricht 2 '. Italienische Prosa wie sein neun Jahre jüngerer Freund und Bewunderer Boccaccio hat er ohnedies nie veröffentlicht, sie also wohl nicht wie dieser zum Rang einer Kunstprosa zu erhöhen versucht. Dichtungen in italienischer Sprache allerdings verfaßte er vor, während und nach der Arbeit an „De remediis": es sind die „Trionfi", die vor allem dazu beigetragen haben, daß man mit ihm die Reihe der neuzeitlichen Pessimisten beginnen läßt - so sehr hat sich sein immer schon starkes seelisches Ruhebedürfnis zu einem wahren Überdruß an allem, was Sorgen

26 Vgl. F. X. Kraus, Essays I, Berlin 1896, S. 433

27 Farn. VII,3; XII,6; Sen. V,2; XIL10.

EINLEITUNG

und Erregungen bringen könnte, gesteigert. Antithesen wie Be- gierde und Keuschheit, Ruhm und Tod, Zeit und Ewigkeit bestim- men die Thematik, und immer erscheint als der Mühe und Qual nicht wert, worauf sich die natürlichen Neigungen richten, wie sehr auch der trügerische Glanz ihrer Objekte Gelegenheit zur Entfal- tung poetischer Kunst gibt. Doch ist die radikale Ablehnung der Erotik nur der eine Aspekt der Veränderung, die sich in Petrarca nach seinem 40. Lebensjahr zugetragen hat. Von ebenso entscheidender Bedeutung ist der andere, der politische Aspekt. Mit Recht bezieht H. Baron 2 " die Abkehr Petrarcas von allem Republikanismus und seine Hinwen- dung zu monarchistischen Gedanken in die „Krise" ein, die mit dem Scheitern Rienzos einsetzt und bis ins Quattrocento hinein andau- ert. Auch die altrömische Geschichte sieht Petrarca nun anders. Er beurteilt Cäsars Diktatur nicht mehr, wie in seiner Jugend, vom Standpunkt des Tyrannenhassers, sondern als geschichtlich unaus- weichliches Resultat genialer Leistungen (so in seiner Biographie „De gestis Caesaris") 2 '. Er wendet sich in persönlichen Schreiben an Kaiser Karl IV. als erhofften Retter Italiens, ja, er begibt sich für lange Jahre unter den Schutz der Viscontis, die als die „Signori" von Mailand in ihrem Staat wenigstens Ordnung anstelle von Anarchie erreichten. Als Petrarca sich im Sommer 1353 auf die großzügige Einladung des regierenden Erzbischofs Giovanni Visconti hin in Mailand niederließ, hatte er eine Lebensepoche hinter sich, deren endgülti- ger Abschluß ihm den Weg freimachte zur Konzeption des Werkes „De remediis utriusque fortunae". Abschied genommen hatte er nach Lauras Tod von aller Erotik, und das bedeutete für ihn, der so stark in antiken Vorstellungen lebte, eine Hinwendung zum Stoizis- mus. Ein Abschiednehmen war nach der Enttäuschung über Rienzo auch der Verzicht auf die Erneuerung des republikanischen Römer- tums, und das hieß, auf römische Begriffe gebracht: Umstellung auf den Cäsarismus. Nicht entsagt aber hatte er dem Streben nach schriftstellerischem Ruhm. Er besaß ihn schon lange, wollte jedoch

28 The Crisis of the Early Italian Renaissance, Princeton 1966, pp. 57;

119f.

29 Zuerst als ein Werk Petrarcas erwiesen von Karl Ernst Christoph Schneider und von ihm unter dem Titel „Historia Julii Caesaris" kritisch ediert, Leipzig 1827.

EINLEITUNG

darauf nicht ausruhen, sondern suchte neue Wege, nicht aus Auto- reneitelkeit, sondern weil verdienter Ruhm nichts geringeres ist als ein Zeichen der Befriedigung berechtigter Bedüfnisse einer aufnah- mebereiten Gesellschaft. In den zwei Jahren seines tiefsten Hasses gegen den päpstlichen Hof in Avignon, die seiner definitiven Über- siedlung nach Italien vorangegangen waren, hat er ein schonungslos gegen die Kurie gerichtetes „poetisches Avignongemälde" 50 geplant, aber nicht ausgeführt. Wahrlich, ein Thema, das in allen christlichen Ländern höchstes Interesse gefunden hätte; aber das Risiko für ihn selbst und andere, das mit einer Veröffentlichung verbunden gewe- sen wäre, war viel zu groß. Petrarcas Verzweiflung über das „Baby- lon" an der Rhone entsprang einem Bewußtsein der Verantwortung für die Christenheit, das weit hinausging über allen Romkult und italienischen Patriotismus. Wenn auch nicht in Form eines direkten Angriffs gegen die Exilpäpste, wollte er doch von nun an ganz Europa ansprechen, in allen Ständen, wo überhaupt Leser lateini- scher Literatur - nur Latein kam damals für die internationale Kommunikation in Frage - zu vermuten waren. Sein Name war bekannt genug, seine Reisen und Korrespondenzen hatten sich weit genug erstreckt; er durfte sich zutrauen, die Sorgen der Menschen aller christlichen Völker zu erraten. Zuletzt hatten ihm das Wüten der großen Pest (1348) und der Pilgerstrom im Jubiläumsjahr (1350) gezeigt, daß jäher Glückswechsel, Ratlosigkeit und ungestillte seeli- sche Hilfsbedüftigkeit, wenn sie auch in Italien extreme Grade erreicht hatten, mehr oder weniger in allen europäischen Ländern weit verbreitet waren. Die Dichtungen des Canzoniere hatten, schon aus linguistischen Gründen, nur in Italien, wo man das „Volgare" sprach, und allenfalls noch in der Provence, wo viele es leicht verstanden, echte Begeisterung wecken können. Die Werke lateinischer Poesie: das allegorisch verschlüsselte „Bucolicum Car- men" und das Epos „Africa", stellten so hohe Ansprüche an die historische Bildung und das künstlerische Verständnis, daß nur ein sehr begrenzter Kreis für eine intensive Lektüre in Betracht kam. Lateinische Prosaschriften, soweit Petrarca bis dahin solche verfaßt hatte, waren teils, wie „De viris illustribus" und „Rerum memoran- darum libri", rein historischer Art und für gelehrte Freunde des Altertums bestimmt, teils richteten sie sich, wenn religiöse und

30 Vgl. Piur a.a.O., 124-132.

EINLEITUNG

philosophische Probleme darin im Vordergrund standen, an die verhältnismäßig Wenigen, die mit ihm die Vorliebe für die Einsam- keit („De vita solitaria") und für asketische Meditationen („De otio religioso") gemein hatten; ja, eine davon, die heute noch interessan- teste, war sogar, wie er selber sagt, für ihn allein, also höchstens noch für die geschrieben die an dem „geheimen Konflikt seiner Sorgen" Anteil nahmen, weswegen er sie auch kurz „Secretum" nannte". Ein moralphilosophisches Buch mit Argumenten, die der Autor frei aus antiken, christlichen und eigenen Überlegungen und Erfah- rungen schöpfte, war damals etwas Neues. Im römischen Altertum hatte es Vergleichbares gegeben. Geradeso, wie Petrarca sich zu Cicero verhält, nämlich voll Ehrfurcht, aber doch wählend nach eigenem Urteil, steht Cicero selber seinen griechischen Vorgängern gegenüber; und die von jeder Enge freie Treue, die der Katholik Petrarca den Dogmen seiner Kirche hält, findet sich entsprechend auch bei dem Stoiker Seneca im Verhältnis zur altstoischen Lehre. „Heilmittel" könnte man passend schon das nennen, was Cicero - fast wie Petrarca schließlich ein resignierter Republikaner! - in seinen „tuskulanischen Disputationen" den Zeitgenossen darbietet. Von Seneca entlehnt Petrarca aus dem - unvollständig erhaltenen - Büchlein „De remediis fortuitorum" die Form des Dialogs zwi- schen „Ratio" und „Sensus", wobei „Sensus" nur kurz das jeweilige Thema einmal oder mehrmals angibt, „Ratio" hingegen die ganze Argumentation entfaltet. Diese Gesprächsanlage läßt keinen echten Dialog aufkommen; die stereotype Aussagewiederholung des „Ge- fühls" und das kampflose Rechtbehalten der „Vernunft" langweilt den Leser und stellt einen Haupteinwand gegen die Dialogform dar, die Petrarca für seine „Heilmittel" gewählt hat (eine deutsche Übersetzung aus dem 16. Jahrhundert läßt daher fast nur die „Ver- nunft" reden, tilgt also den Dialog, ohne jeden Schaden für die Sache). Ein grundlegender Unterschied zu Seneca besteht darin, daß in dessen Schrift nur die Gefühle von Kummer und Furcht: im Gedanken an Tod, Verbannung, Schmerzen, Armut, Hilflosigkeit,

31 Unter dem Titel „Gespräche über die Weltverachtung" deutsch von H. Hefele, Jena 1910 und Berlin 1913, vgl. auch Francesco Petrarca, Dichtung und Prosa, Hrsg. H. Heintze, Berlin 1968, S. 457-509.

EINLEITUNG

Verlust der Gesundheit, der Liebe, Schiffbruch, Raub, feindliche Nachstellungen, zu Worte kommen, wohingegen Petrarca den Gesichtskreis systematisch erweitert und ergänzt. Die Originalität seiner Konzeption liegt darin, daß er den Leser ebenso wie gegen übermäßigen Schmerz auch gegen maßlose Freude wappnen will. Hieraus folgt die Zweiteilung seines Werkes in einen ersten Teil, wo er der Vernunft die Freude und die Hoffnung, und in einen zweiten, wo er ihr den Schmerz und die Furcht gegenüberstellt. Das ist zwar eine konsequente Fortbildung stoischer Ansätze, war aber in dieser Weise noch nie durchgeführt worden. Wie Petrarca als Christ in Fragen entscheidet, die von der Kirche anders beantwortet werden als von der Stoa, darüber sind einge-

angestellt worden' 2 . Als Ergebnis kommt her-

aus, daß er in Zweifelsfällen stets der kirchlichen Dogmatik zu- stimmt, trotz der nicht seltenen Widersprüche zu sonst von ihm aufgestellten Behauptungen. Über einer solchen Fragestellung ver- liert man allerdings leicht aus dem Auge, daß Petrarca bei aller Anlehnung an theologische und philosophische Vorgänger ein selbständiger Denker war. Er wollte es in dem gleichen Sinne sein wie Cicero und war es vergleichsweise eher in höherem als in geringerem Grade als dieser von ihm am meisten bewunderte römische Autor. Einen philosophischen Hintersinn hat schon das Wort „Fortuna" im Titel. Darüber hat Petrarca sich in einem Altersbrief ausführlich geäußert". Der Kirchenlehre zufolge ist der Glaube an eine Glücks- göttin namens „Fortuna" ein heidnischer Wahn. Schon im Altertum hatten aufgeklärte Geister sich davon gelöst; so zitiert Petrarca den römischen Satiriker Juvenal, der diesen Volksaberglauben in dem Vers verhöhnt:

hende Forschungen

„Dich, Fortuna, Machen erst wir zur Göttin und lassen im Himmel dich wohnen.'" 4

32 K. Heitmann, Fortuna und Virtus. Eine Studie zu Petarcas Lebensweis- heit. Köln 1958.

33 An den Florentiner Medizinprofessor Tommaso del Garbo, Sen.

VIII,3.

34 Sat. 10,365 f. und gleichlautend 14,315 f.

EINLEITUNG

Eine Polemik des Kirchenvaters Laktanz findet Petrarcas vollen Beifall. Cicero hatte geschrieben: „Daß große Kraft steckt in For- tuna und zwar nach beiden Seiten: zum Glück wie zum Unglück hin — wer weiß das nicht?! Bringt uns doch, wenn ihr Wind uns in den Rücken bläst, die Fahrt zu erwünschten Erfolgen, wenn aber ins Gesicht, zum Scheitern!" (De officiis 11,6,19). Hiergegen Lak- tanz (Divinarum Institutionum lib. 111,29,7ff.): „Erster Wider- spruch: was soll das heißen, wenn einer, der bestreitet man könne irgendetwas genau wissen, hier so spricht, als wüßten er selbst und alle es ganz genau?! Zweiter Widerspruch: einer, der sogar das, was wahr ist, in Zweifel zu ziehen versucht, hält hier für ganz klar, was ihm im höchsten Maße zweifelhaft hätte sein müssen; für einen weisen Geist ist es einfach falsch. ,Wer weiß das nicht?!', sagt er. Nun, ich weiß es nicht: mag er mich doch lehren - wenn er kann - , was das eigentlich für eine ,Kraft' ist und was eigentlich ihr ,Blasen in den Rücken' oder ,ins Gesicht'? Eine Schande also ist es für einen Mann von Geist, etwas zu behaupten, was er, falls man es bestreitet, nicht beweisen kann. Drittens und letztens: gerade Cicero, der sonst die Urteilsenthaltung einschärft, weil es die Art eines törich- ten Menschen sei, Unbekanntes blindlings zu bejahen, gerade er glaubt den Meinungen der Menge und der Unkundigen in dem, was er für .Fortuna' hält und für ihre guten und schlimmen Gaben an die Menschen." Petrarca selber hat in seinen jüngeren Jahren oft von Fortuna wie von einer „Glücksgöttin in beiderlei Gestalt" gespro- chen. Das verwirft er jetzt, aber nur deswegen, weil er es damals naiv getan hatte. In wohlüberlegter Weise habe auch Augustinus mit zweierlei Sprachgebrauch gearbeitet, je nachdem ob er in bewußter literarischer Anpassung an profane Vorstellungen oder aber streng theologisch argumentierte. Auf ihn, den Meister, der ihm höher steht als alle anderen Denker, beruft er sich im Hinblick auf sein vor wenigen Wochen abgeschlossenes Werk „De remediis utriusque fortunae". Die in der Öffentlichkeit umlaufende Rede- weise habe er gewählt, weil er diesmal „öfter zu gewöhnlichen Menschen als zu Philosophen zu reden hatte". Anders gesagt: die Schrift ist ein exoterisches Werk. In esoterischen Erörterungen, beispielsweise in einem Freundesbrief wie diesem, hält Petrarca daran fest, daß „Fortuna ein Nichts" ist. Die vorauszusehende Gegenfrage des Freundes vorwegnehmend, fügt er hinzu: „Was ist dann wohl der Hauptgrund für mein tatsächliches Verhalten: ein

EINLEITUNG

Buch geschrieben zu haben über etwas, wovon ich wußte oder doch glaubte, daß es ein Nichts ist? Hierauf soll meine Antwort sein: Ich habe gar nicht über Fortuna, sondern über die Heilmittel gegen die sogenannte Fortuna geschrieben, eine Sammlung dessen, was, wie ich gefunden habe, dem Menschenherzen schmeichelt oder es äng- stigt. Da man das gewöhnlich die ,Glücksumstände' nennt, habe ich den alten Ausdruck beibehalten, um den Leser nicht durch einen Wortstreit abzuschrecken und ihn so der Schrift selbst wie auch ihrem Verfasser zu entfremden. Ich weiß, daß nach allgemeiner Überzeugung immer dann, wenn etwas ,zufällig' d. h. ohne offen- sichtliche Ursachen geschieht - denn ohne Ursache geschieht nichts.' - dies ein Zufallsgeschehen ist und so etwas eben ,Fortuna' heißt." Kurz nach dem Erscheinen des Werkes „De remediis" und wahrscheinlich mit Bezug darauf wurden Stimmen zünftiger jünge- rer Philosophen laut, die Petrarca die Qualität „Philosoph" über- haupt absprachen und ihn zum „guten, ja, vorzüglichen, aber ungebildeten Mann und völligen Laien" herabsetzten. In der gegen solche Widersacher gerichteten Schrift „Von seiner eigenen und vieler anderer Unwissenheit" nimmt er Stellung zur damaligen Schulphilosophie. Als Wortemacher, Epigonen, Glaubensfeinde, alles in allem als einen „tollen und lärmenden Haufen" 35 bezeichnet er die „Scholastiker", die damals an den Universitäten das repräsen- tierten, was man „Philosophie" nannte. Gegenüber diesen auf ihre Gelehrsamkeit und Disputierkunst pochenden Kommentatoren des Aristoteles („Averroisten" genannt, weil sie sich auf den arabi- schen Aristoteliker Averroes stützten) bekennt Petrarca sich zu Cicero und über dessen Vermittlung zu Plato, den er wegen seiner unzureichenden Kenntnis des Griechischen im Urtext nicht lesen konnte. Diese Entscheidung rechtfertigt er mit dem Argument, Cicero wie auch schon Plato seien potentielle Christen gewesen und wären mit Sicherheit zu guten Christen geworden, wenn sie nach Entstehung des Christentums gelebt hätten. Insbesondere Augusti- nus habe das erkannt. Als Nachfolger dieses philosophisch bedeu- tendsten aller Kirchenväter betrachtet Petrarca sich auch da, wo er Probleme behandelt, die entweder von antiken Philosophen einge- hender als von christlichen Theologen erörtert oder überhaupt noch nicht ins Blickfeld getreten waren.

35 „insanum et clamosum vulgus", Prose, Milano-Napoli 1955, 750

EINLEITUNG

Es bleibt freilich eine offene Frage, ob eine solche Selbsteinschät- zung in Einklang zu bringen ist mit der Auffassung von Philoso- phie, die wir heute zugrundelegen, sobald wir uns vornehmen, einen Philosophen von einem philosophisch interessierten Laien zu unterscheiden und seinen denkerischen Rang zu bestimmen. Wenn man da skeptisch ist, meint man hauptsächlich die enge Verbindung mit der Rhetorik, die für Petrarcas philosophisches Schrifttum charakteristisch ist. Eins von beidem, so lautet das Vorurteil, könne ein solcher Autor nur sein: entweder ein Rhetor oder ein Philosoph. Die Alternative ist abwegig 36 . Der Moralphilosoph darf Moral weder nur dozieren noch nur predigen. Die kunstvolle Rede (oder ihre schriftstellerische Entsprechung) hat in Fragen der Ethik die doppelte Aufgabe: den Hörer (oder Leser) von den für das prakti- sche Verhalten maßgebenden Einsichten durch einleuchtende und verständlich vorgetragene Argumente zu überzeugen und zugleich durch anschauliche Erläuterungen und packende Beispiele die Ent- schlossenheit und Tatkraft in ihm hervorzurufen, die zur Verwirk- lichung der Folgerungen aus solchen Einsichten erfoderlich sind. Das ist, wie Grassi hervorhebt, nichts, was in äußerlicher Weise als entbehrlicher Schmuck zur Philosophie hinzukäme, sondern ihr wesentlich eigen. Das begriffen und auf solcher Grundlage als philosophischer Autor gearbeitet zu haben, sei ein Hauptverdienst Petrarcas; dieses damals Neue habe er an die italienischen Humani- sten weitergegeben. M<-hr noch als die rednerische Form der Darbietung mag der theoretische Inhalt der Moralphilosophie Petrarcas zunächst be- fremden. Zwar kann es für den Kulturhistoriker von Interesse sein zu erfahren, wie Petrarca zu den philosophischen Quellen, aus denen er in „De remediis" schöpft: den stoischen einerseits, den christlichen andererseits, bei Gelegenheit der wechselnden Themen steht Aber der Einwand liegt nahe, daß man sich philosophisch besser unterrichtet, wenn man einen Seneca oder einen Augustinus statt Jen von beiden abhängigen Frühhumanisten liest. Die für den vorliegenden Band getroffene Auswahl bevorzugt solche Teile des

36 Über die Vereinbarkeit von Philosophie und Rhetorik vgl. die Abhand- luag von E. Grassi, Italienischer Humanismus und Marxismus. Zum Problem Theorie und Praxis, in: Zeitschrift für philosophische For- schung 26 (1972) Heft 1 und 2.

EINLEITUNG

Gesamtwerks, in denen mehr die Selbständigkeit des Autors als seine Abhängigkeit hervortritt. Was könnte, soweit der Denker Petrarca in Frage steht, sein Eigenstes sein? War er der erste moderne „Pessimist"? Sicherlich gibt er die gründlichste Analyse dessen, was man im Deutschen mit dem etwas unbestimmten Ausdruck „Weltschmerz" wiederzugeben pflegt. Es ist eine „pestis animi", die er „accidia" nennt 37 . Unter diesem Namen sagt Augustinus (im Dialog) unserem Franciscus auf den Kopf zu, woran er leidet, und dieser bestätigt es durch eine Schilderung. „Pestis", wenn das Wort, wie hier, im übertragenen Sinne gebraucht wird, bedeutet „Verderben"; „pestis animi" ist also das die Seele Verderbende. Solche seelische Verderb- nis ist nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit Gemütskrankheit; zu dieser Gleichsetzung sollte uns auch das im Verlauf des Dialogs synonym gebrauchte Wort „morbus" nicht veranlassen. Als Begriff der theologischen Morallehre war „acedia" längt bekannt" 1 . Man verstand darunter eine Art von Willensschwäche, die den strengen Vorschriften der mönchischen Askese zuwiderläuft und sich ab- wechselnd in verschiedenen Formen zeigt: in träger Erschlaffung oder rastlosem Wandertrieb oder im Unbehagen an allem, was einen umgibt. Solche „accidia""' fällt unter den Oberbegriff der „tristitia", die nach katholischem Veständnis eine der sieben Haupt- sünden ist. Was Petrarca uns davon enthüllt, ist insofern neu, als es an die nicht leicht zu erkennende Stelle führt, wo der Zusammen- hang zwischen persönlicher Gemütsbeschaffenheit und philosophi- schem Pessimismus sichtbar wird. Hat „Fortuna" ihn, den sich darstellenden „Franciscus", durch eine Reihe von Schlägen mehr- mals „verwundet", so fühlt er sich schließlich wie allseits von Feinden umstellt, sieht den nahen Tod vor sich und verzagt in Trauer. „Keine Wunde in mir ist so alt, daß sie durch Vergessenheit vernichtet wäre; frisch ist alles, was mich peinigt. Und wenn mit der Zeit etwas hätte getilgt werden können, dann hat Fortuna so häufig wieder hineingetroffen, daß niemals eine Narbe die klaffende Wunde fest zusammengezogen hat. Hinzu kommt auch Haß und

37 Secretum II, Prose a.a.O. (Anm. 35), 106.

38 Vgl. Art. „Acedia" (Vf. R. Hauser) in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hrsg. J. Ritter, I (1971), 74.

39 Dies die von Thomas von Aquino, S. theol. 11/11,35, gebrauchte Wort- form.

EINLEITUNG

Verachtung gegenüber der Situation des Menschseins (humanae

conditionis). Von

tieftraurig sein. O b du so die ,aegritudo' oder die ,accidia' oder was

daran liegt mir nicht viel; über die Sache

selbst sind wir ja einig" 40 . Es ist eine allgemeine psychologische Erfahrung, daß die schmerzlichen Erlebnisse sich dem Gedächtnis tiefer einprägen als die freudigen. Die Warnfunktion des Schmerzes ist biologisch wichtiger als die Bestätigungsfunktion der Freude. Wohl kann man sagen, daß bei Petrarca das Herzensgedächtnis für Leidvolles zu einer Art von Überfunktion ausgeartet ist. Aber gerade diese Eigen- schaft befähigt ihn, Eindrücke zu bewahren und zusammenzufas- sen, die sonst leicht vergessen oder verdrängt werden. Man sollte sich hüten, ihn deswegen als eine pathologische Persönlickeit hin- zustellen, wie das mit besonderem Nachdruck B. Croce getan hat, der in ihm den ersten Patienten der modernen Krankheit, genannt „Romantizismus", und Stammvater aller Dekadenzliteratur er- blickt 41 . Petrarca ist im „Secretum" nicht nur Franciscus - er ist auch Augustinus! So machtvoll kann ein Autor ein real fundiertes Ideal- bild eigener Schöpfung nur sprechen lassen, wenn es auch wirklich Macht über ihn ausübt. Wäre dem nicht so, dann müßte man sich folgerichtig dazu entschließen, erst recht einen Goethe zum „patho- logischen Fall" zu erklären, weil er den Werther und den Tasso in sich trug, Gestalten, die er doch selber war und die er zugleich immer wieder überwand, ob er ihnen nun einen Dialogpartner - man könnte an den Antonio im Tasso denken - ausdrücklich entgegenstellte oder nicht. Was Augustinus von Franciscus, der schwächeren Hälfte des ganzen Francesco, verlangt: die Liebe und den Ruhm aufzugeben, um von der „accidia" zu genesen, das hat Petrarca zum Ansatzpunkt genommen, von dem aus er den ersten Teil von „De remediis" entwickelt. Am aufschlußreichsten aber im Hinblick auf den philosophischen Pessimismus Petrarcas ist die Vorrede zum zweiten Teil. Wir haben sie um so lieber in die vorliegende Auswahl aufgenommen, als sie in dem Maße unver- dient vergessen scheint, wie sie früher außerordentlich gewirkt hat. Der deutsche Petrarca-Meister, der die erste deutsche Gesamtüber-

immer sonst definierst,

alledem

überwältigt,

kann ich nicht anders als

40 Secretum II, Prose a.a.O. (Anm. 35), 108.

41 Zitiert bei Sapegno a.a.O. (Anm. 25), 225.

EINLEITUNG

Setzung der Schrift (um 1520) illustrierte, hat dem zweiten Teil im Anschluß an die Vorrede zwei seiner schönsten Holzschnitte ge- widmet. Petrarca knüpft an Heraklit an - eine Bezugnahme, die bisher in der Sekundärliteratur, soweit ich sehen kann, nicht gewür- digt wurde. Die heraklitische These: „Alles geschieht gemäß dem Streit" (omnia secundum litem fieri) konnte Petrarca, wenn er auch im Griechischen über die Anfangsgründe nie hinauskam, sehr wohl aus dem höchst einfachen (bei Origenes, einem der berühmtesten Kirchenväter, überlieferten) Urtext vertraut sein 42 . Bei Heraklit geht das Wissen um die allbekannte und vielbeklagte Wandelbarkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen mit dem tragischen Bewußtsein vom Walten und Wüten des Krieges zum ersten Mal eine philoso- phische Synthese ein. Das Neue ist, daß der universelle „Streit" als Ursache des universellen „Fließens" verstanden wird. Petrarcas bis fast zur Zwangsvorstellung treues Gedächtnis für das Schmerzliche ließ den Gram des Verlustes oder der Entbehrung lebhafter und nachhaltiger wirken als die, Freude früheren Besitzes. Hieraus erklärt sich seine unerschöpfliche Klage über die Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Unbeständigkeit alles dessen, woran das Herz hängt, sein „senso della labilitä", unter welcher Benennung man dieses Merkmal seiner Persönlichkeit analysiert hat 43 . Auch der Satz Hera- klits, daß man „nicht zweimal in denselben Fluß steigt", ist ihm wohlbekannt; er variiert ihn, indem er die Anwendung auf die sich unaufhörlich wandelnden Städtebilder macht 44 . Die „Dunkelheit" Heraklits, von der er aus Cicero weiß, ist ihm so wenig ein grundsätzlicher Einwand, daß er sie vergleicht mit den zum tieferen Nachdenken anreizenden „Dunkelheiten" anderer großer Autoren, ja, selbst der Heiligen Schrift an manchen Stellen 45 . Die im Altertum populäre Vorstellung von Heraklit als dem „weinenden" Philoso- phen meint seine mit Enttäuschung, Abscheu, Empörung unter- mischte Trauer über die Verständnis- und Einsichtslosigkeit der Masse der Menschen (insbesondere seiner ephesischen Mitbürger), die die Wahrheit nicht zu sehen vermögen und den sie verkünden- den Philosophen ebenso als „schwer verständlich" ablehnen, wie sie

42 Vgl. Fragmente der Vorsokratiker, Diels-Kranz 12 B 80.

43 U. Bosco, Francesco Petrarca : , Bari 1961, 54-67.

44 De otio religioso, Prose a.a.O. (Anm. 35), 594.

45 Invective contra medicum III, Prose a.a.O. (Anm. 35), 670f.

EINLEITUNG

sich vor der Seherkraft der Sibylle und dem Prophetentum des delphischen Apollon verschließen. Eine hiermit verwandte Denk- weise wird immer mehr auch zur Gesinnung Petrarcas, bis er schließlich seinen volkstümlich gewordenen „Canzoniere" herab- würdigt zugunsten seiner philosophischen Prosaschriften, mit de- nen er an die Stelle der volkssprachlich bedingten nationalitalieni- schen Ausschließlichkeit des „Sängers von Valchiusa" die interna- tionale Exklusivität des ciceronianischen Latinisten setzt. Die Vorrede zum zweiten Teil von „De remediis" auf den Text Heraklits „Alles geschieht gemäß dem Streit" unterscheidet sich freilich vom ursprünglichen heraklitischen Gedankengang in einem Hauptpunkt. Der ewige Wandel nämlich, den der universelle „Krieg" bewirkt, schließt bei dem Vorsokratiker Vergehen und Entstehen, Zerstörung und Neuschöpfung gleichermaßen in sich ein; Petrarca dagegen sieht als Folgen des alldurchwaltenden „Streits" ausschließlich die Vergänglichkeit, die Ruhestörung, das Zunichtewerden. Daher kommt es, daß Heraklit, gerade wenn man seine Fragmente gegeneinander abwägt, nicht eigentlich ein meta- physischer Pessimist genannt werden kann, während Petrarcas Wiederaufnahme des heraklitischen Grundgedankens allerdings in eine pessimistische Weltansicht einmündet. Mag man das einen metaphysischen Pessimismus nennen - ein ethischer Pessimist aus radikaler Verzweiflung ist Petrarca ganz und gar nicht; der mephi- stophelische Einschlag fehlt bei ihm. Den besten Beweis hierfür liefert das in unsere Auswahl aufgenommene Kapitel „De tristitia et miseria" (IL, Dial. 93): die philosophische Selbstheilung von der „accidia" hat darin ihren sprechendsten Ausdruck gefunden. Veranlagung und Lebenslauf, Umwelt und Jahrhundert reichen, selbst zusammengenommen, noch nicht aus, um den Pessimismus Petrarcas ganz zu erklären. Eine geistesgeschichtliche Ergänzung muß hinzukommen. In diachronischer Sicht durch die Jahrtausende ergibt sich die folgende Reihe von Gegensätzen: Heraklit der „weinende" - Demokrit der „lachende" Philosoph; Piaton der Naturverächter 4 '' - Aristoteles der Freund und Kenner der Natur; Pelagius, der die Kräfte der menschlichen Natur hoch genug ein-

46 Ein Beleg für diese Kennzeichnung Sophistes 265 E; vgl. R. Schottlaen- der, Paradoxien der „Kreativität", in: Zeitschrift für philosophische Forschung 26 (1972) 160.

EINLEITUNG

schätzt, um ohne die Annahme der Erbsünde auskommen zu können - Augustinus, der das Erbsündendogma gegen den „Pela- gianismus" erneut und verschärft durchsetzt; Averroes, in dessen Gefolge im 13. Jahrhundert naturwissenschaftliche Denkweise die Kirchenlehre zu untergraben droht - Petrarca, der schärfste Gegner der Physiker und Mediziner, die sich mit ihrer Wissenschaft auf die körperliche Natur beschränken sollten, den eigentlichen Menschen aber wie auch die Lehren der Weisheit über ihn jenen Denkern zu überlassen hätten, die, statt sich auf scholastische Manier in frucht- losem Wortstreit zu erschöpfen, über Augustinus zu Cicero und über diesen zu Plato zurückkehren 4 '. In dieser Reihe wiederholt sich immer wieder der Gegensatz zwischen denen, die den Normal- menschen für gefestigt genug halten, um seinen Geist auf die Erforschung und Beherrschung der äußeren Natur hinzulenken, und denen, die ein solches Zutrauen zur Menschennatur keineswegs haben, aber gerade darum die Hauptaufgabe des Geistes in der aufs Heil bedachten Selbsterkenntnis des Menschen als Menschen er- blicken. Es leuchtet ein, daß ein relativer Pessimismus, verglichen mit dem korrelativen Optimismus der Gegenseite, für das plato- nisch-augustinische Denken charakteristisch war. Wie es zu Petrar- cas Persönlichstem gehört, daß er die pessimistische Tendenz radi- kalisiert, so entspricht auch sein neuartiger Humanismus einer ebenso liebevollen wie tiefschmerzlichen Unzufriedenheit mit der „conditio humana". Soweit dieser Humanismus sich der Antike, insbesondere der römischen Literatur, zuwendet, markiert das Werk „De remediis" einen Wendepunkt. Man hat von einem „capovolto" gesprochen 4 " und damit gemeint, daß auf die Erhebung zu den antiken Vorbil- dern, jenen Heldengestalten, denen er das Epos „Africa" und die Sammlung „De viris illustribus" geweiht hatte, Petrarca nun in umgekehrter Richtung geht, nämlich von der Höhe antiker Weis- heit herab und auf den von ihr gewiesenen Wegen hinein in die Wirklichkeit des Erdendaseins. Diese Wendung entspricht durch-

47 Daß der schroffe Gegensatz der (auf den Menschen bezogenen) „Weis- heit" zur „Wissenschaft" (Naturwissenschaft) den Humanismus in Europa auslösen half, hat G. Toffanin gezeigt, vgl. Geschichte des Humanismus, deutsche Ausgabe Amsterdam 1941, bes. S. 101 ff.

48 G. Martellotti, Prose a.a.O. (Anm. 35), XIII.

EINLEITUNG

aus der Zweistadienvorschrift Piatons: daß der Philosoph, der zuerst und für lange die „Höhle" verlassen hat, um das Licht der Ideen zu schauen, danach aus ethisch-praktischer Verantwortung zu seinen einstigen Höhlengenossen zurückzukehren habe, um sie seiner gewonnenen Erleuchtung gemäß zu führen. Die platonisch verstandenen „Ideen" machen ein elementares „Alphabet" der Tu- genden und Laster aus und ermöglichen damit die unendlichen „Buchstabenkombinationen", mit deren Hilfe Petrarca in den Hel- den der römischen Geschichte wie in einem Buche „liest"". Redner, Historiker, Dichter, Philosophen, Theologen bieten die Vermitt- lung dar, die der lateinsprachliche Autor nicht entbehren kann, wenn er Weisheit, die vom Menschen handelt, unter gebildeten Menschen seines „Trecento" wirksam machen will. Die humanistische Absicht, die Petrarca mit dem umfangreich- sten seiner Werke verfolgte, ist somit wohl klar. Unter welchen Umständen nun kam es zustande, und wie erfüllte es seinen Zweck? Im Bewußtsein ungewohnter Geborgenheit begann Petrarca mit der Arbeit an seinem letzten größeren Werk 50 . Die Familie Visconti hatte ihm in Mailand ein Haus in günstigster Lage zur Verfügung gestellt: im äußersten Westen der Stadt, schon halb auf dem Lande, gegenüber der Kirche des Ambrosius, des großen Heiligen Mai- lands, den er sehr verehrte. Die größte Ruhe zum literarischen Schaffen war ihm gewährleistet, von nur wenigen diplomatischen Aufträgen unterbrochen, die in keinem Fall zu seinen politischen Überzeugungen im Widerspruch standen. Von den acht Jahren, die er sich in Mailand aufhielt (1353-1361), waren sechs (1354-1360) in erster Linie - wenn auch nicht ausschließlich, denn daneben ging die Arbeit an früher begonnenen Werken weiter - dem neuen moral- philosophischen Handbuch gewidmet. Wenn man von dem Flucht- jahr der erneuten Pestangst (1361) absieht, sind bis zu dem durch Petrarcas eigene Handschrift verbürgten Abschlußdatum, dem 4. Oktober 1366, reichlich elf Jahre an die „Heilmittel gegen Glück und Unglück" gewendet worden; die Hauptarbeit bis zur Wid- mung an Azzo da Correggio nimmt davon den ersten, größeren

49 Das platonische „Buchstabengleichnis" findet sich Politeia III, p. 402. 50 Die lebens- und werkgeschichtlichen Daten sind am genauesten und übersichtlichsten zusammengestellt bei E. H. Wilkins, Life of Petrarch, Chicago 1961.

EINLEITUNG

Zeitraum ein, während Erweiterungen, Zusätze und die Schlußre- daktion die Zeit bis zur endgültigen Fertigstellung zu füllen schei- nen. Kurz nach dem vorläufigen Abschluß der ersten Fassung über- nahm es Petrarca, eine Glückwunschbotschaft des Mailänder „Si- gnore" Galeazzo Visconti dem französischen König Jean IL („le Bon") nach Paris zu überbringen. Frankreich und Paris hatten damals, in den ersten Jahrzehnten des „hundertjährigen" Krieges gegen England, „Fortunas" Rückschläge in einem Maße erlitten, daß Petrarca, der das verwüstete Land „kaum wiedererkannte" 51 , auf gespannteste Aufmerksamkeit am Hofe stieß, als er dort anfing, über „Fortuna" zu philosophieren. Besonders der Kronprinz, der spätere König Charles V., folgte seinen Ausführungen mit höch- stem Interesse und hätte gern noch länger mit ihm disputiert 52 . Er war es auch, der noch zu Lebzeiten Petrarcas eine Übersetzung von „De remediis" ins Französische anfertigen ließ. Auch nach Prag bis an den Hof Kaiser Karls IV. war der Ruf des vorläufig abgeschlossenen Werkes gedrungen. Karls Kanzler Jan ze Stfeda (Johann von Neumarkt) bittet ihn (Anfang 1362) in Erläute- rung der dringenden Einladung des Kaisers, bei dem vorgesehenen - schließlich wegen der oberitalienischen Kriegswirren aufgegebe- nen - zweiten Besuch in Prag die „Remedia" mitzubringen 53 . Der Boden für eine paneuropäische günstige Aufnahme war also berei- tet, als Petrarca das Werk Ende 1366 veröffentlichte. Der Bucher- folg war unvergleichlich 54 . Eine Fülle von Abschriften kursierte bald in ganz Europa; mehr als 50 Übersetzungen in 9 verschiedene Sprachen, darunter 13 - die relativ größte Zahl! - ins Deutsche, erschienen im Laufe der folgenden drei Jahrhunderte, während das lateinische Original zwischen 1474 und 1756 in 28 Ausgaben ge- druckt wurde. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts schwand dieser für ein „profa- nes" lateinisches Buch der Neuzeit beispiellose Ruhm, und vom ausgehenden 18. Jahrhundert an bis in unsere Zeit wissen fast nur

51 Farn. XXII,14.

52 Farn. XXIL13.

53 Wilkins a.a.O. (Anm. 50), 182.

54 Vgl. die Übersicht bei Heitmann a.a.O. (Anm. 32), 12 f.

EINLEITUNG

noch Petrarcaforscher Näheres über das einst so hoch gefeierte Werk. Die ihm anhaftenden Schwächen schrecken anscheinend immer noch überall ab von dem Wagnis einer vollständigen kriti- schen Textausgabe; sie mußten gegenüber den vorher so hoch geschätzten Vorzügen desto empfindlicher stören, je stärker der Aufschwung der von Petrarca so heftig angefeindeten Naturwissen- schaften, der gerade in seinem Vaterland Italien um 1600 mit Galilei machtvoll eingesetzt hatte, immer größere Teile Europas und schließlich die ganze Welt erfaßte. Vielleicht sind wir aber jetzt an einem Sättigungspunkt angelangt und dürfen uns berechtigt glauben, für jenes so völlig vergessene Buch heute - mehr als 600 Jahre nach dem Tode seines Verfassers - nicht nur aus historischen, sondern auch aus anderen guten Grün- den um Aufmerksamkeit zu werben. Der Rechtfertigung bei diesem Versuch bedarf einmal das Zurückbleiben hinter den Ansprüchen, die an eine endgültige kritische Edition zu stellen wären, zum anderen die Auswahl selbst, die zwar nicht so willkürlich getroffen wurde, wie es zunächst scheinen könnte, aber andererseits auch nicht mit objektiver Notwendigkeit nur so und nicht anders zu treffen war. Die besten italienischen Kenner stimmen darin überein, daß eine

Weise V. Rossi im Rahmen der

„Edizione Nazionale delle Opere di Francesco Petrarca" für die 24 Briefbücher „Le Familiari" (Vol. X-XIII, Firenze 1933-1942, Index von U. Bosco) vollbracht hat, für „De remediis" vorläufig noch in weiter Ferne liegt. N. Sapegno vermißt „eine wenn auch nur provisorische moderne Ausgabe" (a.a.O. 263, Anm. 46). P. G. Ricci, der sich für seine zweisprachige Auswahl von sechs Kapiteln (nur aus dem 1. Teil: 1,1; 1,2; I,69 55 ; 1,92; 1,108; 1,121) um einen korrekten Originaltext bemühte, kam nach Musterung der ältesten Manuskripte anhand der florentinischen Codices schließlich zu der Feststellung, daß wir den Text, der dem letzten Willen Petrarcas entsprechen würde, deswegen nicht hinreichend genau vermitteln können, weil die (im übrigen korrekten) Manuskripte aus dem Trecento, die in Florenz aufbewahrt werden, durchweg nur den ersten unrevidierten Text enthalten, nicht aber die nach Petrarcas Durchsicht definitive Textgestalt, von deren Existenz wir anderer-

Edition, wie sie in vorbildlicher

55 nicht 49, wie es, wohl infolge eines Druckfehlers, zu lesen steht

EINLEITUNG

seits aus Proben in einer Laurentianushandschrift des Quattrocento mit Bestimmtheit wissen 56 . Unter diesen Umständen habe ich die Ausgabe von „De remediis utriusque fortunae", Bern bei Le Preux 1595, die (laut Fiske- Katalog, s. A. 57) in den Jahren bis 1616 fünfmal aufgelegt wurde, zugrundegelegt und den Text mit dem in der Baseler Gesamtaus- gabe der Werke (der zweiten von 1581, die ein Nachdruck der ersten von 1554 ist 57 ) verglichen; auf Abweichungen von Bedeu- tung, abgesehen von offensichtlichen Druckfehlern, wird im Kom- mentar hingewiesen. Bezüglich der Orthographie habe ich, wie schon G. Fracasetti in seiner Ausgabe der „Familiäres", die uns geläufige lateinische Schreibweise anstelle der italianisierten der Kopisten bevorzugt, also beispielsweise „ae" überall da eingesetzt, wo das lange „e" der Handschriften nur dem italienischen Ohr vertraut klingt. Ebenso habe ich die Interpunktion oft nach Ge- bräuchen verändert, die uns das Verständnis erleichtern. Für die Auswahl der Texte bot es sich als ein Grundsatz der negativen Auslese an, einerseits solche Stücke, die in der leicht zugänglichen zweisprachigen Ausgabe Prose (La letteratura Italiana vol. 7, Milano-Napoli 1955) abgedruckt sind, nicht aufzunehmen, andererseits in dem, was dort fehlt, besonders in dem völlig über- gangenen zweiten Teil, nach Kostbarkeiten zu suchen. Auszuschei- den freilich waren die zahlreichen Abschnitte, in denen Petrarca teils seiner starren Ablehnung nicht nur von Ehe und Familie, sondern auch von harmlosen Zerstreuungen und Liebhabereien in wenig überzeugender Weise Ausdruck gibt, teils gegen körperliche Leiden und Gebrechen Ratschläge aufbietet, die in Anbetracht der ihm mangelnden oder von ihm verschmähten medizinischen und insbesondere psychiatrischen Kenntnisse meist wie fader Trost wirken, teils endlich von den ihm zuströmenden Reminiszenzen aus der antiken Literatur zu kulturhistorischen Zwecken einen überreichlichen und oft unkritischen Gebrauch macht. Es sind das großenteils Ausführungen, die zu seiner Zeit und noch auf lange hinaus dem Geschmack vieler Leser zusagten, uns aber eher lang- weilen oder sogar verstimmen.

56 Prose a.a.O. (Anm. 35), 1171.

57 Vgl.

W. Fiske -

M. Fowler,

Oxford 1916, p. 1.

Catalogue of

the Petrarch

CoUection,

EINLEITUNG

Was übrig bleibt, ist insgesamt etwa ein Zehntel des Ganzen. Welche Vorzüge jedem einzelnen der ausgewählten Kapitel zukom- men, das wird, wie ich hoffe, der durchlaufende Kommentar im Schlußteil des Bandes erweisen.

Rudolf Schottlaender

Zu den Illustrationen

Wer der „Petrarca-Meister" war, von dem die Holzschnitte zur ersten deutschen Ausgabe von „De remediis utriusque fortunae" stammen, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Ein so bedeutender Forscher wie Wilhelm Fraenger trägt kein Bedenken, ihn mit Hans Weiditz zu identifizieren, und gibt daher seinem „Altdeutschen Bilderbuch" (Denkmale der Volkskunst Band 2, Leipzig 1930) den Haupttitel „Hans Weiditz und Sebastian Brant". Gegen die zuerst von Heinrich Röttinger 1904 vorgetragene Hypothese: die gele- gentlich vorkommende Signatur HW bedeute Hans Weiditz aus Straßburg, hat Theodor Musper den kunstkritischen Einwand erho- ben, daß zwischen dem unkünstlerischen Illustrator des „Kräuter- buches", als der uns Hans Weiditz bezeugt ist, und dem großen Künstler der Holzschnitte zu Petrarcas Werk (und zu einer Reihe anderer Schriften) ein zu großer Niveauunterschied bestehe, als daß man an einen identischen Schöpfer denken könnte (vgl. Th. Mus- per, Die Holzschnitte des Petrarkameisters, München 1927, S. 20 ff.). Dieser Argumentation schließt sich Walther Scheidig an (Die Holzschnitte des Petrarca-Meisters zu Petrarcas Werk Von der Artzney bayder Glück des guten und des widerwärtigen, Berlin- Ost 1955, S. 22). Am ehesten läßt sich der mit Namen nicht bekannte Künstler als „Burgkmair-Schüler" bezeichnen, denn in Hans Burgkmairs Augsburger Einflußbereich hat er, wenn auch mit großer Selbständigkeit, zwischen 1516 und 1522 gearbeitet. Wahr- scheinlich lag die von den Augsburger Verlegern Doktor Grimm und Wirsung für 1522 geplante deutsche Übersetzung dem Holz- schnittmeister noch nicht vor. Ob er selbst genug Latein verstanden hat, um den Urtext zu erfassen, ist ungewiß; auf jeden Fall hat er sich weitgehend nach den Anweisungen und Skizzen von Sebastian Brant gerichtet, der damals als einer der führenden Humanisten

Zu

DEN

ILLUSTRATIONEN

ebenso in lateinischer wie in deutscher Sprache dichtete und durch sein deutsches Gedicht „Narrenschiff" berühmt geworden war, nicht zuletzt dank Dürers Illustrationen. Brant ganz eigen ist der Gedanke, daß selbst solchen, die sich nichts aus Schriften machen oder vielleicht nicht einmal lesen können, durch Bilder zur morali- schen Selbsterkenntnis verholfen werden könne und solle. Daß Brant dem Petrarca-Meister in bestimmender Weise Anregungen zu den Holzschnitten gegeben hat, bezeugt der Augsburger Verle- ger Heinrich Steiner, der die von Peter Stahel (1. Teil) und Georg

gefertigte deutsche Übersetzung 1532 heraus-

brachte. Von da an wurden die Holzschnitte in den weiteren Auflagen bis 1620 stets reproduziert, der Name des Meisters aber blieb unbekannt. Von den 261 Holzschnitten, die wiederum nur ein Teil des (nach Musper) 733 Stücke umfassenden Gesamtwerks dieses Meisters sind, enthält unsere Ausgabe die zu den ausgewählten Textpartien gehörigen Illustrationen.

Spalatin (2. Teil)

Das Wasser, das der Magister aus der kostbaren Kanne gießt, scheint auf die philosophischen Lehren Petrarcas zu deuten, die sich auf die rechte, Gutes enthaltende Wagschale so reichlich ergießen, daß diese das Übergewicht über die linke, mit beschädigtem, also schlechtem Inhalt gefüllte gewinnt.

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Ad Azonem

Epistolaris praefatio 1

Cum res fortunasque hominum cogito incertosque et subitos rerum motus, nihil ferme fragilius mortalium vita, nihil inquietius invenio. Ita cunctis animantibus naturam miro remedii genere consuluisse video, ignorantia quadam sui, nobis solis memoriam, intellectum, providentiam, divinas ac praeclaras animi nostri dotes in perniciem et laborem versas. Tam supervacaneis enim semper nee inutilibus modo, sed damnosis atque pestiferis curis obnoxii et praesenti torquemur et praeterito, futuroque angimur, ut nil magis metuere videamur, quam ne quando forte parum miseri simus.Tanto studio miseriarum causas et dolorum alimenta conquirimus, quibus vitam, quae, si rite ageretur, felicissima prorsus ac iueundissima rerum erat, miserandum ac triste negotium effieimus, cuius initium caecitas et oblivio possidet, progressum labor, dolor exitium, error omnia. Quod ita esse quisquis vitae suae cursum acri iudicio remetietur, intelliget. Quem quietum, quaeso, quem tranquillum, quem non laboriosum magis atque anxium diem egimus? Quod unquam tam securum aut tam laetum mane vidimus, ut non ante crepusculum sollicitudo moerorque surriperet? Cuius mali, etsi ipsis in rebus multa insit occasio, nisi tamen nos fallit amor nostri, causa maior

An Azzo -

Vorrede in Briefform 1

Wenn ich an die Angelegenheiten und Schicksale der Menschen denke, an die ungewissen und plötzlichen Veränderungen der Dinge, finde ich kaum etwas Zerbrechlicheres und Ruheloseres als das Menschenleben. Sehe ich doch, daß die Natur für alle Lebewe- sen durch ein wunderbares Hilfsmittel gesorgt hat, nämlich durch ein Vonsichnichtswissen; daß aber allein bei uns Menschen Ge- dächtnis, Verstand und Voraussicht, göttliche und herrliche Gaben unseres Geistes, zu Verderben und Mühsal ausgeschlagen sind. Wir sind ja immerfort so überflüssigen, nicht nur nutzlosen, sondern schädlichen und unheilbringenden Sorgen verfallen, quälen uns ebenso mit dem Gegenwärtigen wie mit dem Vergangenen herum und schweben in Angst um die Zukunft, so daß man meinen könnte, wir fürchteten nichts mehr als womöglich irgendwann nicht unglücklich genug zu sein - mit so großem Eifer suchen wir Ursachen des Unglücklichwerdens und Nahrung der Schmerzen zusammen, wodurch wir das Leben, das, wenn es richtig geführt würde, das glücklichste und angenehmste Ding auf der Welt wäre, zu einem bedauernswerten und traurigen Geschäft machen, bei dem den Anfang Blindheit und Vergessen, den Fortgang Mühsal, das Ende der Schmerz, alles miteinander der Irrtum beherrscht. Daß es so ist, wird jeder einsehen, der mit scharfem Urteil auf den Lauf seines Lebens zurückblickt. Wann hätten wir wohl einen ruhigen, einen stillen, einen nicht stattdessen von Mühe und Angst erfüllten Tag zugebracht? Was war jemals beim Erwachen so sicher und froh anzuschaun, daß nicht vor Einbruch der Nacht Beunruhigung oder Kummer es uns entwunden hätte? Mag für dieses Übel noch so viel Anlaß in den Dingen selber liegen, so steckt doch - es sei denn, wir

AD

AZONEM

sive (ut ingenue fateamur) culpa omnis in nobis est. Ut vero sileam reliqua omnia, quibus undique trudimur, quod illud est bellum (quamque perpetuum) quod cum Fortuna gerimus, cuius nos pote- rat facere Virtus sola victores? Nos ab illa volentesque scientesque descivimus. Soli igitur, imbecilles, exarmati, non aequo Marte cum implacabili hoste congredimur; quos illa vicissim ceu leve aliquid attollit ac deiicit et in gyrum rotat ac de nobis ludit. Vinci tolerabi- lius foret, nunc etiam ludibrio habemur. Id vero quid aliud quam levitas et mollities nostra fecit? Idonei visi sumus, qui pilae in morem huc illuc tam facile iactaremur, animalia aevi brevissimi, sollicitudinis infinitae, quibus insciis, cui puppim litori, cui animum consilio applicemus, pro consilio interim sit pendere ac praeter praesens malum et a tergo quod doleat, et ante oculos semper habere quod terreat. Quod praeter homines animantium nulli accidit, quibus praesentia evasisse plenissimam securitatem tribuit. Nobis ob ingenium et acumen animi semper quasi cum Cerbero tricipiti hoste luctandum est 2 , ut ratione caruisse prope melius, in nosmetip- sos aethereae naturae praestantioris arma vertentibus huic malo obstare subdifficile est vetustate iam et consuetudine radicato. Enitendum tamen, in quam rem praeter generosi animi conatum, cui nihil est arduum, nihil inexpugnabile, et sapientium hominum crebra colloquia (quamvis id genus iam rarescat) et multo maxime iugis lectio ac pervigil scriptorumque nobilium monumenta profue- runt, modo salubribus monitis consensus animi non desit, quem unum in terris sani consilii vivum fontem asseverare non verear. Quamobrem si vel plebeis scriptoribus pro affectu nudo gratiam aliquando habitam scimus sive pro eo, quod iter aperuisse sequenti-

AN

AZZO

lassen uns von der Eigenliebe täuschen! - mehr Ursache, ja (sagen wir es nur gerade heraus!) die ganze Schuld in uns. Gar nicht zu reden von allem Übrigen, das uns von überallher bedrängt - was ist das doch für ein Krieg (ein ewiger sogar!), den wir gegen Fortuna führen, über die uns einzig und allein die Charakterstärke zu Siegern machen könnte! Wir aber, wir sind ihr mit Wissen und Wollen untreu geworden. Also stoßen wir nun allein, schwach, entwaffnet, unter ungleichen Kampfbedingungen mit einer unver- söhnlichen Feindin zusammen, so daß sie uns wie etwas Federleich- tes hochhebt, umwirft und im Kreise dreht, kurz: mit uns spielt. Besiegt zu werden wäre erträglicher; jetzt werden wir geradezu wie Spielzeug behandelt. Was anderes aber hat dazu geführt als unsere Haltlosigkeit und Weichlichkeit ?! Wir wurden für gut genug befun- den, wie ein Ball hierhin und dorthin geschleudert zu werden, Wesen, die ihre so kurze Spanne Zeit in grenzenloser Unruhe durchleben und die, weil sie nicht wissen, an welchem Gestade sie ihr Schiff, an welchem Grundsatz sie ihren Geist festmachen sollen, einstweilen den Grundsatz befolgen, unentschieden zu bleiben und über das gegenwärtige Übel hinaus sowohl im Rücken immer etwas zu haben, dem sie nachtrauern, als auch vor Augen immer etwas, wovor sie erschrecken. So geht es außer dem Menschen keinem der anderen Lebewesen, denen ja das Ausweichen vor gegenwärtigem Übel vollstes Gefühl der Sicherheit gewährt. Wir dagegen müssen infolge der Begabung und Schärfe unseres Geistes immerfort, wie Hercules mit dem Cerberus, gleichsam mit einem dreiköpfigen Feinde ringen. 2 Daher wäre es fast besser, Vernunft gar nicht erst zu haben, wenn wir doch die Waffen unserer ätherischen Natur, die unseren Vorrang ausmacht, gegen uns selber kehren. Und doch müssen wir uns bemühen! wozu außer hochgesinntem eigenem Bestreben, dem nichts zu steil, nichts uneinnehmbar ist, auch häufige Unterhaltungen mit weisen Menschen (mögen solche Ge- spräche jetzt auch seltener werden) und am allermeisten das anhal- tende und hellwache Lesen in den Schriftdenkmälern hervorragen- der Autoren geholfen haben, vorausgesetzt es fehlt ihren heilsamen Warnungen nicht an der Zustimmung des eigenen Herzens, denn diese allein, das möchte ich ungescheut behaupten, ist auf Erden die lebendige Quelle gesunder Einsicht. Gewiß: wir wissen uns manch- mal auch Schriftstellern der Volkssprache zu Dank verpflichtet für ihr einfaches Wohlmeinen oder dafür, daß sie als Wegbereiter für

AD

AZONEM

bus visi erant, quanta (oro te) gratia claris ac probatis scriptoribus est habenda, qui multis ante nos in terra versi divinis ingeniis institutisque sanctissimis nobiscum vivunt, cohabitant, colloquun- tur interque perpetuos animorum fluctus ceu totidem lucida sidera et firmamento veritatis affixa ceu totidem suaves ac felices aurae, totidem industrii ac experti nautae et portum nobis quietis osten- dunt et eo voluntatum nostrarum lenta carbasa promovent et fluitantis animae gubernaculum regunt, quoad tantis procellis agi- tata consilia tandem sistat ac temperet. Haec est enim vera philoso- phia, non quae fallacibus alis attollitur et sterilium disputationum ventosa iactantia per inane circumvolvitur, sed quae certis et mode- stis gradibus compendio ad salutem pergit.' In hoc te Studium hortari amicum forte, sed profecto necessarium non est. Natura te variae lectionis multiplicisque notitiae avidum fecerat, Fortuna, quae (ut aiunt) magnae rerum partis imperium tenet, turbido quo- dam ac profundo negotiorum et curarum pelago iactandum dedit:

ceterum non ut legendi otium sie noscendi desiderium eripuit, quominus semper literatorum hominum delectatus amicitia et con- victu et occupatissimis diebus otiosas horas quotiens licuit furatus quotidie instruetior, quotidie rerum memorabilium doctior fieri velles. Ubi illa qua nulli cedis memoria saepe te pro libris uti solitum ipse tibi sum testis. In quod si ab ineunte aetate pronus eras, eo nunc putandus es pronior, quo serotinus, matutino viatore ferventior atque animo saltem promptior esse solet, quandoquidem haec vulgaris est querela „crescere iter diemque decrescere", quod utique nobis in hoc vitae tramite accidet ad vesperam propinquantibus et viae multum superesse cernentibus. Non mihi igitur es hortandus, ut facias, quod semper avidissime fecisti. Admonuisse suffecerit, ut

AN Azzo

die Nachfolgenden anzusehen waren, aber wie groß (ich bitte dich!) muß dann erst der Dank sein, den man berühmten und bewährten Schriftstellern schuldet, die, obwohl sie viele Jahrhunderte vor uns auf Erden wandelten, doch durch ihr göttliches Genie und ihre hochheiligen Weisungen mit uns leben, wohnen, reden? die inmit- ten des beständigen Hin- und Herflutens unserer Seelen wie lauter leuchtende, am Firmament der Wahrheit befestigte Gestirne, lauter sanfte und glückbringende Lüfte, lauter fleißige und erfahrene Seeleute uns den Hafen zum Ausruhen zeigen, dorthin die trägen Segel unseres Willens vorantreiben und das Steuer der schwanken- den Seele so lange regieren, bis sie die von so starken Stürmen erregten Gedanken in Ruhe und Maß bringt? Das erst ist ja die wahre Philosophie! - keine, die sich auf trügerischen Flügeln emporschwingt und sich im windigen Großtun unfruchtbarer Streitgespräche herumtreibt, sondern eine, die mit sicheren und abgemessenen Schritten geradewegs auf das Heil zugeht.' Zu die- sem Studium dich aufzurufen, ist eine vielleicht freundschaftliche, aber durchaus unnötige Mahnung. Die Natur hatte dich auf man- nigfache Lektüre und vielfältige Kenntnisse erpicht gemacht, For- tuna aber, die ja (so sagt man) den Lauf der Dinge zum großen Teil beherrscht, hat dich zwar auf einem stürmischen und tiefen Meer der Geschäfte und Sorgen umhertreiben lassen, dir aber nicht zugleich mit der Muße zum Lesen auch das Verlangen nach Er- kenntnis geraubt, so daß du immer an der Freundschaft und dem Zusammenleben mit literarisch gebildeten Menschen deine Freude hattest und sogar an vielbeschäftigten Tagen, so oft es nur ging, Mußestunden dir abstahlst, um, Tag für Tag besser unterrichtet, Tag für Tag über denkwürdige Dinger tiefer belehrt zu werden. Daß du hierbei dein unübertreffliches Gedächtnis oft anstelle von Büchern benutzt hast, kann gerade ich dir bezeugen. Wenn du hierzu schon in jungen Jahren neigtest, so wirst du wohl jetzt noch geneigter sein, zumal ja zu später Stunde der Wanderer seinen Weg noch brennender als frühmorgens oder doch mit größerer Ent- schlossenheit zu gehen pflegt. Lautet doch eine gewöhnliche Klage:

„Weg wird länger, Tag wird kürzer"; wie uns das besonders auf unserer Lebensbahn widerfährt, wo wir, wenn es schon auf den Abend zugeht, einen so großen Rest des Weges noch vor uns sehen. Dazu also brauche ich dich nicht aufzurufen, daß du tun möchtest, was du schon immer mit größtem Verlangen getan hast. Als Mah-

AD

AZONEM

intendas animum, ne qua te hinc humanarum cura dimoveat, quae plerosque mortalium post egregios labores in ipsa consummatione maximorum operum avertit. Hoc adiecto, ut, quia simul omnia vel legere vel audire vel meminisse non potes, utilissimis quidem et (quando brevitas est amica memoriae) brevissimis quoque te fulcias. Non quod ego suadeam operosiora illa et maiora sapientiae consulta negligere, quibus te in ordinario (ut ita dicam) Fortunae certamine tueare, sed ut his interim brevibus et praecisis sententiis quasi quibusdam expeditis atque continuis armis contra insultus omnem- que repentinum impetum hinc illinc iugiter sis instructus.

Duplex enim est nobis duellum cum Fortuna et utrobique quo- dammodo par discrimen. Cuius non nisi partem unicam vulgus novit, scilicet quae vocatur adversitas. Philosophi, etsi utramque noverint, hanc tamen ipsam difficiliorem arbitrantur. Itaque notum illud Aristotelis in Ethicis suo iure diffinientis: „Difficilius esse tristia sustinere quam a delectabilibus abstinere."' Quem secutus Seneca ad Lucilium scribens: „Maius est", inquit, „difficilia per- stringere quam laeta moderari." 5 Quid dicam? Ausimne tantos inter viros hiscere? Durum quidem et temeritatis parata suspicio novo homini vetusta tangenti. Hinc autoritate igitur, hinc aetate promo- neor, sed alterius magni cuiusdam et antiqui viri succurrit autoritas. „Neque enim impetrari potest, quin, quäle quidque videatur ei, talem quisque de illo opinionem habeat" 1 ': Marci Bruti sunt verba scribentis ad Atticum, quibus vix aliquid verius dici reor. Quid enim de re qualibet iudicare possum nisi quod sentio? Nisi forte compel- lar, ut iudicio iudicem alieno; quod qui facit, iam non ipse iudicat, sed iudicata commemorat. Ego igitur reverenter tantorum ho- minum omniumque sie sententium iudicia praetervectus, si de proprio loqui vellem. Scio quidem alias varie de virtutibus dispu- tatum neque semper difficilioribus prineipatum dari neque fortuito

AN Azzo

nung kann genügen: du solltest bestrebt sein, dich hiervon nicht abbringen zu lassen durch die Sorgen um Menschliches, die ja die meisten Sterblichen nach außerordentlichen Anstrengungen und mitten im Vollbringen der größten Leistungen abgelenkt hat. Ich setze hinzu: du könntest dich ja, weil du doch nicht auf einen Schlag alles lesen, hören oder behalten kannst, auf das besonders Nützliche und - da das Gedächtnis die Kürze liebt - auf das besonders kurz Gefaßte stützen. Nicht daß ich dir raten wollte, die anstregenderen und bedeutenderen Überlegungen der Weisheit nicht zu beachten, mit denen du dich beim sozusagen regulären Kampf mit der Glücksgöttin schützen kannst! - ich meine nur: du solltest einstwei- len mit gewissen handlichen und nächstliegenden Waffen gegen alle Angriffe und jeden plötzlichen Ansturm, woher er auch komme, beständig gerüstet sein. Zweifach ist unser Krieg gegen Fortuna, und an beiden Fronten ist das Risiko so ziemlich das gleiche. Hiervon kennt die Menge nur den einen Teil, unter dem Namen „Unglück". Die Philosophen kennen zwar beide Gefahren, halten jedoch diese für die schwerere. Aristoteles gibt in seiner Ethik eine eigene Definition: „Schwerer ist es, das Traurige zu ertragen als sich vom Erfreulichen fernzuhal- ten." 4 Ihm hat Seneca sich angeschlossen, wenn er an Lucilius schreibt: „Eine größere Aufgabe ist es, Beschwerliches zu entschär- fen als Freudiges zu zügeln."' Was soll ich dazu sagen? Darf ich es wagen, gegen so große Männer aufzumucken? Hart ist es und erweckt leicht Verdacht, wenn ein Neuling Altes anrührt. Davor fühle ich mich zwar gewarnt durch die Autorität des Altertums, aber zu Hilfe kommt mir die Autorität eines anderen, gleichfalls dem Altertum angehörigen großen Mannes. „Denn dahin darf es nicht kommen, daß etwa der Einzelne sich seine Meinung über etwas nicht gemäß dem Eindruck, den er von der Sache hat, bilden sollte,"* schreibt Marcus Brutus an Atticus, Worte, die ich für so wahr gesprochen halte wie kaum sonst etwas. Wie kann ich denn über eine Sache urteilen, ohne daß ich es auch so meine? Das hieße ja mich zwingen, mit fremdem Urteil zu urteilen! - wer das tut, der urteilt nicht selbst, sondern referiert Urteile. Das respektvolle Durchmustern der Urteile so bedeutender Menschen und aller, die ihrer Meinung sind, habe ich hinter mir, wenn ich über mein eigenes Urteil sprechen möchte. Zwar weiß ich, daß anderwärts unter- schiedlich über die Tugenden disputiert worden ist, wobei man gar

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ultimum inter virtutes locum obtinuisse modestiam sive eam tem- perantiam dici mavis. Quantum enim ad id de quo agitur attinet, difficilius prosperae Fortunae regimen existimo quam adversae aliquantoque fateor apud me formidolosior et (quod constat) insi- diosior est Fortuna blanda quam minax; quod ut sie opiner non me scribentium fama,non verborum laquei nodique sophismatum, sed rerum experimenta vitaeque huius adigunt exempla et, magnum difficultatis argumentum, raritas. Nam qui damna, qui pauperium, qui exilium, qui carcerem, qui mortem et peiores morte graves morbos aequo animo tulerunt, multos vidi, qui divitias, qui hono- res, qui potentiam, nullum. Ita saepenumero me speetante contra omnem adversae Fortunae violentiam invictos ludo facili prosperior stravit, humanique robur animi, quod minae non fregerant, infle- xere blanditiae. Nescio enim quomodo mox ut mitior esse coeperit Fortuna, ineipit mens emollita tumidior fieri et suae sortis oblivio- nem adiuneta prosperitate coneipere. Neque a casu Flaccus ait:

„Bene magnam ferre disce fortunam!" Difficilem nempe censebat artem, quae nisi studio adhibito nesciretur. Ceterum Seneca ipse fortunae partem illam, quae sibi difficilior visa erat et est haud dubie prima fronte rigidior, brevi admodum sermone perstrinxerat. 7 Is libellus passim in manibus vulgi est. Cui ego nil addere, nil detrahere meditor, quod et magno ingenio conflatum opus nostram dedigna- tur limam et mihi meis rebus intento nee comere aliena nee carpere est animus. Sed quoniam et virtus et veritas publicae sunt neque Studium antiquitatis obesse debet posteritatis industriae, cui ex-

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nicht immer den schwierigeren den Vorzug gibt, so daß denn auch gar nicht von ungefähr auf den allerletzten Platz unter den Tugen- den die Besonnenheit, auch Mäßigung genannt, zu stehen kommt. Was jedoch unser Thema angeht, so halte ich es für schwerer, mit der Glücksgunst fertig zu werden als mit der Glücksungunst, und ich gestehe für meine Person: erheblich beängstigender und (erwie- senermaßen!) fallenreicher ist die schmeichelnde Fortuna als die drohende. Was mich zu dieser Meinung bringt, ist nicht der Ruhm von Leuten, die darüber schreiben, sind nicht die Fallstricke von Worten und die Schlingen von Sophismen, sondern Erfahrungen mit der Wirklichkeit wie auch die Beispiele aus diesem unserem Leben und - ein starker Schwierigkeitsbeweis! - deren Seltenheit. Denn solche, die Verluste, Armut, Tod und Krankheiten, schlim- mer als der Tod, mit Gleichmut ertrugen, habe ich schon viele gesehen, aber einen, der Reichtum, Ehren und Macht so ertrug, noch nie. Habe ich doch schon oft miterlebt, wie gegen Leute, die alle Gewalt des Mißgeschicks unbesiegt überstanden hatten, ein günstigeres Geschick leichtes Spiel hatte und sie niederstreckte, und wie den stämmigen Wuchs der Seele, den Drohungen nicht gebro- chen hatten, Schmeicheleien verbogen haben. Wie es zugeht, weiß ich nicht - aber wenn Fortuna milder zu werden begonnen hat, fängt bald der verweichlichte Geist an, sich aufzublasen und im Zustrom des Wohlstands das ihm zugefallene Los aus den Augen zu verlieren. Es hat schon etwas auf sich mit dem bei uns sprichwört- lich gewordenen Ausspruch, es koste große Anstrengung, sein Glück zu ertragen. Nicht von ungefähr sagt Horaz: „Lerne ein großes Glück gut ertragen!" Offenbar hielt er das für eine schwere Kunst, auf die man sich ohne Studium nicht verstehen könne. Im übrigen hatte Seneca selber nur einen Teil des Schicksals, der ihm als der schwerere erschienen war und der zweifellos auf den ersten Blick der rauhere ist, in ziemlich kurzer Rede durchgenommen. 7 Sein Büchlein ist in aller Händen. Ich gedenke ihm nichts hinzuzu- fügen noch wegzunehmen, denn weder entspräche es der Würde eines von einem großen Geist aus einem Guß geschaffenen Werkes, daß ich daran feile, noch steht mir, der ich mit meinem eigenen Anliegen beschäftigt bin, der Sinn danach, Fremdes zu glätten oder zu zausen. Da aber Tugend und Wahrheit öffentlich sind und das Studium des Altertums nicht abträglich sein darf für den Fleiß der Nachwelt, den anzuregen und zu unterstützen es bekanntlich ein-

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citandae atque adiuvandae noscitur institutum, de hoc ipso tecum loqui aliquid, quodque ille Galloni suo tunc praestitit," id Azoni meo nunc, quantum hoc defesso iam et occupato semper ingenio dabitur, praestare propositum est mihi, insuper et partem alteram ab illo seu oblivione seu iudicio praetermissam attingere. Utrique autem sciens pauca permiscui, non fortunae cuiuspiam, sed virtutis et vitii excellentias aut defectus, quod, etsi extra propositum, ipsa quidem effectu tamen haud dissimili et laetos quoque moestosque animos factura viderentur. Quibus in rebus quo me gesserim inge- nio, tu censebis occupationum memor ac temporis, qui paucissimis diebus coeptum perfectumque opus admirans videris. Ego solius fidei iudex sum. Studui hercle non ut unumquodque mihi specio- sius, sed ut tibi atque (si tamen alius quisquam haec attigerit) utilius visum est conquirere. Denique finis meus is, qui semper in hoc genere studiorum fuit: non tam scilicet scribentis laus quam legentis utilitas, si qua ex me percipi aut sperari potest. Ad id maxime respexi, ne armarium evolvere ad omnem hostis suspicionem ac strepitum sit necesse, quin mali omnis et nocentis boni atque utriusque fortunae remedium breve, sed amica confectum manu quasi duplicis morbi ut non inefficax antidotum in exigua pixide omnibus locis ac temporibus in promptu habeas. Nam (ut dixi) utraque Fortunae facies metuenda, verumtamen utraque toleranda est et haec quidem freno indigens, illa solatio, hie animi elatio reprimenda, illic refovenda ac sublevanda fatigatio. Hanc ergo varietatem cogitanti mihi, non modo cum de hoc vellem aliquid scribere, tu occurrebas dignus eo munere, quo uterque nostrum communiter uteretur, 9 ut ait Cicero, sed etiam tu me solus, ut scriberem, excitabas, non quidem verbo, ut qui coeptorum nihil

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geführt wurde, habe ich mir vorgenommen, mit dir ein Gespräch gerade über dieses Thema zu führen und das, was seinerzeit Seneca seinem Bruder Gallio vorgelegt hat 8 , jetzt meinem Azzo - soweit es seinem schon überbeanspruchten und immerfort beschäftigten Geist wird zuzumuten sein! - vorzulegen, ja, überdies den von Seneca, sei's aus Vergeßlichkeit oder mit Absicht übergangenen anderen Teil in Angriff zu nehmen. In beide Teile habe ich bewußt einiges Wenige eingestreut, Auszeichnungen oder Mängel nicht irgendeines äußeren Geschicks, sondern innerer Stärke oder Schwä- che, weil das, mag es auch vom Thema abführen, doch ganz ähnliche, froh oder betrübt machende Wirkungen verspricht. Wie meine geistige Leistung dabei abschneidet, wirst du einschätzen können, wenn du meine sonstigen Geschäfte und die spärliche Freizeit in Anschlag bringst und dann mit Erstaunen sehen wirst, daß das Werk in (verhältnismäßig) sehr wenigen Tagen vollendet wurde. Ich selbst kann nur für meinen guten Willen einstehen. Wahrlich, ich bin bemüht gewesen um eine Sammlung, die sich nicht Punkt für Punkt vor mir selber recht gut auszunehmen brauchte, dafür aber dir und anderen (wenn überhaupt ein anderer danach greift) recht nützlich vorkommen sollte. Schließlich war mein Ziel das gleiche wie immer bei dieser Art von Studien: nicht so sehr Literatenlob als Lesernutzen, sofern er mir zu entnehmen oder mir zuzutrauen ist. Als Hauptsache hatte ich im Auge, daß nicht ein förmliches Arsenal nötig sei gegen jedes verdächtige Geräusch von Feindesseite, so als gäbe es ein kurzes Rezept gegen jedes Übel und jedes schädliche „Gute", überhaupt gegen die beiden Aspekte des Glücks, sondern daß von Freundeshand etwas gegen eine zweifache Krankheit verfertigt werde, was du als ein nicht unwirksames Gegenmittel in kleiner Salbenbüchse überall und jederzeit, wie man so sagt, griffbereit und zur Verfügung haben solltest. Denn, wie gesagt, beide Gesichter Fortunas sind zu fürchten, und doch müssen beide ertragen werden. Das eine bedarf des Zügels, das andere des Trostes, hier muß die gehobene Stimmung gedrückt, dort die ermüdete neu erquickt und aufgerichtet werden. Als ich nun über diese bunte Fülle nachdachte und darüber etwas schreiben wollte, warst du nicht nur derjenige, der sich mir als würdig eines Geschenks darstellte, das, mit Cicero zu reden, „zu unser beider gemeinsamem Gebrauch"' bestimmt wäre, sondern auch der ein- zige, der mich zum Schreiben anspornte, ich meine nicht mit

Petrarca, mit den Zügen Sebastian Brants ausgestattet, schreibt in einer frei in der Natur stehenden Villa, womit wohl die Stimmung der Abgeschie- denheit von Vaucluse bildlich vermittelt werden soll.

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conscius sis tantorum, sed rebus ipsis; et in utramque partem abundante materia multos in aculeo Fortunae habitos, multos in deliciis scimus, multos magno impetu rotatos, nee scandentium desunt exempla nee ruentium, nee sum nescius quosdam ex altiore fastigio prolapsos. Quot Romani imperatores, quot externi reges vel hostium vel suorum manibus e summo solio detracti vitam simul et imperium amisere! Anne omnia a vetustate mutuemur? - et exules nuper et captivos et in acie caesos et domi capite truncos (quodque durissimum relatum est) a laqueo enectos foedeque laniatos Reges novimus. Tibi, cui cor regium Natura dederat, nee dedit regnum Fortuna nee abstulit, at quem in ceteris illa tam varie egerit, vix quod sciam nostra aetas inveniet. Iam imprimis valetudine prosperrima et corporis viribus dudum fretus usque ad stuporem omnium, qui te norant, intra non multos annos ter desperatus a medicis ter vitam ac salutem in solo medici caelestis auxilio posuisti, sie ab illo tandem sanitati redditus, ut penitus tuum illud pristinum robur amiseris, non inferiore miraculo dexteritatis eximiae atque insolitae gravita- tis, ut, qui olim paene aeripes fueris, nunc aeclivis aut servorum manibus equi tergo impositus aut humeris nixus lentis terram passibus metiaris. Patria tua uno prope tempore te dominum vidit atque exulem, ita tamen, ut nihil obscurior exilio videretur. Nulli ferme nostrorum hominum par principum favor, nulli par fuit iniuria, ut, cum paulo ante certatim in amicitiam tuam niterentur, iidem ipsi de nulla alia re concordes in tuum mox exitium quasi communicato consilio conspirarent, et pars quidem tuum caput

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Worten - du wußtest von meinem so großen Unternehmen ja noch gar nichts -, vielmehr durch die Wirklichkeit, in der sich an dir so reichlicher Stoff unter beiden Aspekten fand. Wir kennen viele, die Fortuna in ihren Folterkammern, viele auch, die sie sich als Lieb- linge hielt, dazu viele, die auf dem Glücksrad heftig umgetrieben wurden. Es fehlt weder für Steigende noch für Stürzende an Bei- spielen, und ich weiß von solchen, die von einem recht hohen Gipfel herabgesunken sind. Wieviele römische Kaiser, wieviele fremde Könige sind durch Feindes- oder auch durch Freundeshand vom höchsten Thron gezerrt worden und haben zugleich ihr Leben und ihr Reich verloren! Ja, und müssen wir uns etwa alles aus dem Altertum borgen? Kürzlich erst haben wir von verbannten, gefan- genen, in der Schlacht erschlagenen, daheim enthaupteten, ja, sogar (welch' unerträglicher Bericht!) von mit dem Strick erdrosselten und abscheulich zerfetzten Königen erfahren. Dir, dem die Natur ein königliches Herz gegeben hatte, hat Fortuna ein Königreich weder gegeben noch genommen; aber einen, mit dem sie in allem Übrigen so launisch umgesprungen wäre, wird man, soviel ich weiß, in unserer Zeit kaum finden. Hattest du dich sonst von jeher auf deine ganz besonders blühende Gesundheit und Körperkraft verlassen können, so wurdest du zur Bestürzung aller, die dich kannten, innerhalb weniger Jahre dreimal von den Ärzten aufgege- ben, hast dreimal Leben und Gesundheit allein der Hilfe des Arztes droben im Himmel überantwortet. Von ihm ist dir endlich wieder zur Gesundheit verholfen worden, freilich so, daß du deine frühere Robustheit gänzlich verlorst, dafür aber ein nicht geringeres Wun- der an außerordentlicher Geschicklichkeit und ungewöhnlich ein- drucksvoller Haltung wurdest, indem du, vorzeiten ein fast uner- müdlicher Sturmläufer, jetzt nur mit Anlehnung oder von Diener- händen emporgehoben ein Pferd besteigen oder aufhelfende Schul- tern gestützt mit langsamen Schritten ein Stück am Boden voran- kommen kannst. Das Vaterland Parma hat dich fast gleichzeitig als Herrn und als Verbannten gesehen, freilich ohne daß die Verban- nung einen Schatten auf dich warf. Wohl kein anderer Zeitgenosse hat von Fürsten gleiche Gunst, aber auch gleiches Unrecht erfahren, so daß dieselben Leute, die sich kurz vorher um deine Freundschaft gerissen hatten, bald danach, wie wenig einig sie sonst auch sein mochten, sich doch wie nach gemeinsamem Plan zu deinem Unter- gang verschworen. Ein Teil hatte es heimtückisch auf deinen Kopf

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insidiis peteret, auro prius ac gemmis largifluisque muneribus tot per annos propitiae ac faventis Fortunae, et (quae his omnibus gravior iactura est) amicis atque clientibus universaque familia duris quidem, sed diversis tormentorum ac mortium generibus spolia- tum, pars, quae clementior fuit, illud ingens Patrimonium, terras, homines, domus, oppida invaderet, ut, qui modo te viderant, mox e summis opibus ad inopiam redactum ceu aliquid Fortunae prodi- gium mirarentur. Amicorum (ut dixi) pars periit; in superstitibus periit fides fugitque (quod assolet) cum prosperitate favor ho- minum, ut dubitare posses, an amicorum prius, an fidei fleres interitum. Accessit in medio rerum aestu aegritudo paene ultima et tam morti proxima, ut quem vivere amplius non posse persuasum esset, extinctum fama vulgaret. Et hie morbus, haec paupertas, hie laborum cumulus pulsum patria, proeul domo, in alienis terris ac laribus circumtonante bello semiobsessum oppresserant, ne quod omnino interim tibi cum his amicis, si quos aut virtus fecerat aut fortuna dimiserat, seu colloquii seu literarum posset esse commer- cium. Nihil omnium praeter carcerem defuit ac mortem, quamvis nee carcer defuerit, dum fidissima coniunx et pars tuorum viscerum nati omnes nataeque ab hostibus capti essent, nullo prorsus tibi relicto solatio tantae prolis; nee mors quidem, dum et tu secum assidue luctareris, et unus ex filiis iam tunc teneram et insontem animam in carcere posuisset. Quid multa? - impletum in te uno vidimus, quod de duobus summis viris Caio Mario Magnoque Pompeio 10 legimus, quid boni scilicet et quid mali possit haud umquam laeta tristibus miscentem, in te tuisque pignoribus secre- tim explieuisse Fortunam, cuius olim cum blanditias non tam insolenter ut plerique felicium, tum vero minas nuper atque impe-

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abgesehen, nicht ohne dich zuvor um Gold, Juwelen, Geschenke, mit vollen Händen jahrelang aus der Fülle eines gnädigen und günstigen Geschicks gespendet, gebracht zu haben, ja (ein schlim- merer Verlust als dies alles!), um Freunde und Gefolgsleute, um deine sämtlichen Angehörigen, mit Foltern und Todesarten von grausiger Mannigfaltigkeit. Ein anderer, glimpflicher verfahrener Teil brach ein in deinen gewaltigen Besitz an Ländereien, Men- schen, Häusern, Städten. So wurdest du von denen, die dich gerade erst gesehen hatten und aus höchstem Reichtum in Not gestürzt wiederfanden, als ein Beispiel der Ungeheuerlichkeit Fortunas be- staunt. Von den Freunden war - wie gesagt - ein Teil hin; an den Überlebenden war die Treue hin, und es mied dich, wie es zu gehen pflegt, mit dem Glück auch die Gunst der Leute, so daß du zweifeln konntest, was mehr zu betrauern sei: der Freunde oder der Treue Untergang. Hinzu kam mitten im Branden der Ereignisse die Krankheit, schier die allerletzte und dem Tode so nahe kommende, daß schon das Gerücht umlief, der Mann, von dem man überzeugt war, er könne nicht überleben, sei bereits hinüber. Und diese Krankheit, diese Armut, diese Häufung von Nöten hatte einen aus dem Vaterland Vertriebenen, der fern der Heimat in fremdem Land, in einem vom Krieg umdonnerten Haus lebte, überwältigt; es war eine halbe Belagerung, in der dir einstweilen keinerlei Verkehr möglich war mit den Freunden, die deine persönlichen Vorzüge dir verschafft hatten oder die das Schicksal hatte laufen lassen. Nichts von allem blieb dir erspart außer Kerker und Tod; nein, auch der Kerker nicht, solange deine überaus treue Frau und die dir entspros- senen Söhne und Töchter alle von den Feinden gefangengesetzt waren und du zurückbliebst ohne irgendeinen Trost von Seiten deiner vielen Kinder; nein, auch der Tod nicht, der, während du selbst immerfort gegen ihn ankämpftest, die zu der Zeit noch ganz zarte und unschuldige Seele eines deiner Söhne im Kerker ereilte. Wozu viel Worte! - an dir als einzigem haben wir erfüllt gesehen, was wir über zwei Männer höchsten Ranges: Caius Marius und Pompeius Magnus 10 , gelesen haben, wozu jedoch im Guten wie im Schlimmen Fortunas Kraft nie hinreicht: wohl hat sie, die Frohes und Trauriges sonst mischt, beides an euch (dir samt deinen Lieben) getrennt entfaltet, du aber hast einst ihre Schmeicheleien nicht so übermütig wie die meisten Glücklichen und erst recht vor kurzem ihre Drohungen und ihren Ansturm mit so tapferem und unbesieg-

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tum tam forti tamque invicto animo tulisti, ut vel ob hoc unum multis, qui antea tuum nomen oderant, te amandum mirandumque praebueris. Habet enim hoc proprium virtus, ut in amorem sui bonos erigat, in stuporem malos. Idque cum omnis virtus habeat, tum praecipue fortitudo, cuius inter Fortunae turbines ac tenebras rerum terribilium et tranquillitas gratior et lux ipsa conspectior est. Mihi vero non solum ad antiquum tui amorem (quod impossibile factu rebar) multum novae benevolentiae adieceris, sed alio festi- nantem calamum ad haec non suo tempore scribenda deflexeris, ut et in scriptis meis animi tui vultum velut in speculo contempleris et, si quid ibi minus excultum apparuerit, quod bona fide displiceat, ad hunc modum formes atque ita te instituas, ut seu solitis seu novis artibus, quae innumerabiles sunt, tecum posthac Fortuna variaverit, nulla te species rerum turbet, sed paratus ad omnia, promtus ad singula, dulcia pariter et amara despicias, fidentissime ab adverso Maronianum illud exclamans:

„Non ulla laborum, O virgo, nova mi facies inopinave surgit. Omnia percepi atque animo mecum ante peregi.""

Nee me fallit, ut in corporibus hominum sie in animis multiplici passione affectis medicamenta verborum multis inefficacia visum iri. Sed nee illud quoque me praeterit, ut invisibiles animorum morbos sie invisibilia esse remedia. Falsis opinionibus circumventi veris sententiis liberandi sunt, ut, qui audiendo ceciderant, au- diendo consurgant. Ad haec qui, quae habuit, libens egenti obtulit amico, quantulumcumque est, pleno amicitiae funetus est munere. Animum enim spectat amicitia, non rem, quae parva licet magni amoris indicium esse potest. Ego quidem, ut magnificum quodque tibi opto, sie, quid aptius hoc tempore largiar, non habeo. Quod si

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tem "Willen hingenommen, daß du dich schon allein deswegen vielen, die vorher deinen Namen haßten, als liebens- und bewunde- rungswürdig erwiesen hast. Denn dieses ihr Eigene hat die Tugend, daß sie die Guten in Liebe zu ihr, die Schlechten in Bestürzung versetzt. Trifft dies auf alle Tugend zu, so besonders auf die Tapferkeit, die in den Wirbeln des Geschicks und im Dunkel der Schrecknisse eine um so willkommenere Ruhe verleiht und ein um so helleres Licht verbreitet. Mir aber hast du wohl nicht nur die alte Liebe zu dir (eine Steigerung, die ich nicht für möglich hielt) durch ein großes Maß von neuem Wohlwollen verstärkt, sondern auch die Feder, die schon auf anderes zueilte, auf dieses noch nicht zur Niederschrift Herangereifte abgelenkt, so daß du in dieser meiner Schrift den Ausdruck deiner Sinnesart wie in einem Spiegel erblik- ken kannst. Sollte dir darin etwas nicht fein genug ausgeführt erscheinen, magst du alles, was du ehrlich mißbilligst, in der Weise gestalten und die ändernde Hand so anlegen, daß dich - sei's mit gewohnten, sei's mit neuen Feinheiten, deren es unzählige gibt - bei keinem Wechselfall, den Fortuna dir noch zugedacht hat, irgend- eine Außenseite der Dinge noch verwirren kann. Bereit vielmehr zu allem und gerüstet auf jedes Einzelne, mögest du Süßes und Bitteres in gleicher Weise geringschätzen. Voller Selbstvertrauen kannst du allem die Stirn bieten mit den Worten Vergils:

„Keine Nöte, prophetische Jungfrau, könnten vor mir sich Neu auftun mit unvermutetem Antlitz - ich habe Alles erlebt und alles im Geiste vorher ermessen.""

Wohl weiß ich, daß viele meinen werden, es müßten wie an Men- schenleibern so auch an Menschenseelen, die von mannigfachem Leid heimgesucht werden, Wortmedikamente wirkungslos bleiben. Aber auch das ist mir nicht entgangen, daß es ebenso wie unsicht- bare seelische Leiden auch unsichtbare Heilmittel gibt. Wer von falschen Meinungen umzingelt ist, muß durch wahre Ansichten befreit werden, auf daß, wer durch Hören zu Fall kam, durch Hören auch wieder aufsteht. Wer hierzu aus dem, was er hat, dem notleidenden Freunde beisteuert, wie wenig es auch sei, der hat eine Freundespflicht erfüllt. Denn auf die Gesinnung blickt die Freund- schaft, nicht auf die materielle Gabe, die ja, wie klein sie auch sein mag, ein Zeichen der Liebe sein kann. Ich jedenfalls, wie Großes ich dir auch wünsche, habe zur Zeit nichts Passenderes, was ich dir

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validum senseris, ipsa quae pretium rebus facit utilitas commenda- bit; si invalidum, excusabit amor nostri. Sic autem ad legendum venies, quasi quattuor illae famosiores et consanguineae passiones animi: spes seu cupiditas, et gaudium, metus et dolor, 12 quas duae sorores aequis partubus prosperitas et adversitas peperere, hinc illinc humano animo insultent; quae vero arci praesidet ratio, his omnibus una respondet clipeoque et galea suisque artibus et propria vi, sed caelesti magis' 1 auxilio circumfrementia hostium tela discu- tiat. Ea mihi de tuo ingenio spes est, ut, unde victoria stet, facile iudices. Non te diutius traham, sed ut propositum meum noscas, index operis epistola praemittenda erat, quam, si ascribendam duxeris, utrumque metiens videto, ne longior praefatio libellum brevem non aliter quam praegrande caput exiguum corpus premat. Nihil est enim sine mensura ac partium proportione formosum.

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schenken könnte. Wenn du das gelten läßt, wird der Nutzen, der den Dingen ihren Wert gibt, ganz von selbst das Werk empfehlen; läßt du es nicht gelten, wird deine Liebe zu mir es entschuldigen. Einlesen wirst du dich so: es werden jene vielberufenen und unter- einander verwandten vier Affekte: Hoffnung (oder Begierde) und Freude, Furcht und Schmerz, 12 die von den beiden Schwestern Gluck und Unglück in gleichartigen Geburten zur Welt gebracht wurden, bald von hier, bald von dort den menschlichen Geist bestürmen. Burgherrin aber ist die Vernunft: sie möge ihnen allen als einzige antworten, möge mit Schild und Helm, mit den ihr eigenen Künsten und der ihr eigentümlichen Kraft, mehr noch freilich mit Hilfe vom Himmel die rings schwirrenden Geschosse der Feinde zerstreuen. Auf deinen Geist setze ich meine Hoffnung, daß du leicht entscheidest, wem der Sieg gehört. Ich will dich nicht länger warten lassen; doch um dich mit meinem Vorhaben bekannt zu machen, mußte ich als Ankündigung diesen Brief vorausschik- ken. Willst du ihn als Widmung annehmen, so vergleiche nur ja die "Maße! - es soll ja nicht eine zu lange Vorrede auf ein kurzes Büchlein gerade so wie ein übergroßer Kopf auf einen kleinen Körper drücken. Denn nichts ist ohne das Maß und ohne die Verhältnismäßigkeit der Teile formschön.

Über Muße und

Ruhe

Der Illustrator hat sich inspirieren lassen durch Petrarcas Bemerkung, der Schlaf, der die „Ruhe der Lebewesen" heißt, habe „seine eigenen verborge- nen Schmerzen und die stürmischen, entsetzlichen Wirrnisse der Gesichte und Phantasmen". Der Mann links in seinem Bett, angekleidet, als wollte er noch nicht ruhen, ist vor Übermüdung eingeschlummert, aber ein Ausru- hen ist das nicht, denn es bedrängen und ängstigen ihn bedrohliche, grausige, unheilverkündende Traumvisionen.

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De otio et quiete

GAUDIUM: Otium

quiesve a laboribus

obtigit.

RATIO:

DUO humanae vitae bona gratissima, nisi usus

immodicus

mala illa gravissima fecerit, quod multis fecit et totidem

corporis

atque animi pestes tumorem nem.

corpori

parientes animoque

rubigi-

GAUDIUM: Otio fruor

iucundissimo.

RATIO:

„Utor" die! Nulla hie re fruendum,

sed utendum

multis,

habet doctrina

salubrior.

GAUDIUM: Delectabile otium est mihi.

RATIO: Refert multum, hoc ipsum otium quäle sit. Duas nempe species otio diffiniunt: operosi alteram atque ipsa in requie laboran- tis ac circa honesta studia solliciti, quo nil est dulcius, alteram inertis et languidi et solam requiem complexi, quo nil foedius, nil similius est sepulchro. De primo igitur saepe magna quaedam opera et mundo utilia et suis autoribus gloriosa proveniunt; de seeundo autem nihil unquam nisi inglorius torpor ac mareidus. Primum illud rite philosophantibus, hoc seeundum pigris, ventri somnoque dedi- tis peropportunum, ubi nullo interpellante edant licenter et dor- miant.

GAUDIUM: Optata perfruor

quiete.

RATIO:

Quies illa, qua perfruendum

erit, nullum finem

habitura

Über Muße und Ruhe

FREUDE: Muße und Arbeitsruhe ist mir zuteil geworden,

VERNUNFT: Zwei höchst willkommene Güter - es sei denn unmäßi- ger Gebrauch macht daraus, wie schon bei vielen, schwerste Übel und für Leib und Seele ebensoviele Seuchen, die den Leib schwellen, die Seele rosten lassen.

FREUDE: Muße der angenehmsten Art genieße ich.

VERNUNFT: „Gebrauche ich" sag' lieber! Zu genießen ist daran nichts, aber Gebrauch davon machen sollen viele - so will es eine heilsamere Lehre.

FREUDE: Vergnügliche Muße habe ich.

VERNUNFT: ES kommt viel darauf an, wie ebendiese Muße beschaf- fen ist. Unterscheidet man doch scharf zwischen zwei Arten von Muße: die eine ist leistungsstark, arbeitet gerade in der Ruhe und bekümmert sich um sittlich schöne Studien - etwas Lieberes gibt es nicht; die andere ist träge und schlaff, in die bloße Ruhe versunken - nichts häßlicheres gibt es, nichts dem Grabe Ähnlicheres. Aus der ersten also gehen oftmals große, für die Welt nützliche und für ihre Urheber ruhmvolle Werke hervor, aus der zweiten aber niemals etwas anderes als unrühmlicher und kraftloser Stumpfsinn. Die erste kommt den gehörig Philosophierenden sehr gelegen, die zweite den Faulen, die, hörig dem Bauch und dem Schlaf, von niemandem gestört sein wollen, wenn sie ausgiebig essen und schlummern.

FREUDE: Ich koste die ersehnte Ruhe aus.

VERNUNFT: Jene Ruhe, die man einst auskosten und die kein Ende

DE

OTIO ET QUIETE

non est hie. Vide ergo qua gaudeas quiete.

GAUDIUM: Quietem optatam repperi.

RATIO : Quietem dicis; an aceubitum vis dicere, an somnum, quem mortis consanguineum poetae quidam, alii mortis imaginem dixere, utrique perproprie?

GAUDIUM: Dormio et quiesco.

RATIO: Atqui et euntes saepe animo quieseunt et sedentes iacentes- que animo laborant. Et somnus ipse animalium quies dictus suos habet abditos dolores visionumque ac fantasmatum turbidos tumul- tus atque horribiles, de quo Deum familiariter alloquens sanetus et afflictus vir ille queritur.

GAUDIUM: Otiosus in thalamo requiesco.

RATIO: Uter, quaero, putas dulcius quiesceret, an Vacia suo in rure dormiens an Scipio in Africa cum hostibus pugnans, Cato cum anguibus, Regulus cum utrisque?' Nee quies sine gaudio nee sine virtute verum gaudium esse potest.

GAUDIUM: Reiectis laboribus grato recreor sopore.

RATIO: Labor est materia virtutis et gloriae: hunc qui reiicit, illas reiicit. Contra vitii et infamiae materia sopor est nimius, qui multos ad perpetuum soporem urget atque praeeipitat. Fovet ille libidinem, corpora praegravat, enervat animos, fuscat ingenia, scientiam mi- nuit, memoriam exstinguit, parit oblivionem. Non sine causa in- somnes industriique laudantur. Somno non laudatos cernimus, sed inflatos. Proinde ut somnum quidam mortem dicunt, sie vitam alii dixere vigiliam. Inter mortem vero et vitam vide quid eligas! Vigi- landum certe, quod sapientibus placet, ad hoc saltem, ut longior vita sit.

ÜBER MÜSSE UND RUHE

haben wird, gibt es hienieden nicht. Sieh also zu, über welche Ruhe du dich freust!

FREUDE: Ich habe die ersehnte Ruhe gefunden.

VERNUNFT: „Ruhe" sagst du - zum Beischlaf meinst du? oder zum Schlaf? den haben doch manche Dichter den „Verwandten des Todes", andere das „Ebenbild des Todes" genannt, beides sehr passend.

FREUDE: Ich schlafe und ruhe mich aus.

VERNUNFT: Nun: daß man zwar geht, der Geist dabei aber ruht, kommt ebenso oft vor wie daß man zwar sitzt und liegt, der Geist dabei aber arbeitet. Und der Schlaf selber heißt zwar die „Ruhe der Lebewesen", hat aber seine eigenen verborgenen Schmerzen und die stürmischen, entsetzlichen Wirrnisse der Gesichte und Phantas- men; worüber jener heilige Mann in vertrauter Anrede Gott sein Leid klagt.

FREUDE: In Muße pflege ich der Ruhe in meinem Schlafgemach.

VERNUNFT: Wer - frage ich - hätte wohl deiner Meinung nach die süßere Ruhe: Vacia beim Schlummer auf seinem Landgut oder Scipio in Afrika, der mit den Feinden, Cato, der mit den Schlangen, Regulus, der mit beiden kämpft?' Weder kann Ruhe ohne Freude noch wahre Freude ohne Tugend sein.

FREUDE: Ich habe den Arbeiten abgesagt und erquicke mich am willkommenen Schlummer.

VERNUNFT: Die Arbeit ist das Material für Tugend und Ruhm: ihr absagen heißt ihnen absagen. Dagegen ist das Material für Laster und Schande der übermäßige Schlaf, der viele überstürzt hindrängt zum ewigen Schlaf. Er nährt die Begehrlichkeit, belastet den Kör- per, entnervt den Willen, verdunkelt den Geist, vermindert das Wissen, tilgt die Erinnerung, gebiert das Vergessen. Nicht ohne Grund lobt man den, der in schlafloser Nacht beharrlich tätig ist. Für Schlaf gelobt? - das gibt es nicht, wohl aber, wir sehen's, vor Schlaf gedunsen! Ganz so wie manche den Schlaf als „Tod" haben andere das Leben als „Wache" bezeichnet. Zwischen Tod und Leben triff deine Wahl! und wär's auch nur, damit das Wachsein, mit dem es die Weisen halten, das Leben verlängere!

D E OTIO ET QUIETE

GAUDIUM: Longo et minime interrupto fruor somno.

RATIO: Bene, si non curis mordacibus, avaritia, ambitione, metu, maerore aut amore impio. Male autem, si non honesti studii cura cuiuspiam sopor abrumpitur. Profecto populis stertentibus vigilant reges, sopitoque duces vigilant exercitu, quod et res docet et Ilias probat Homerica.' Nobilioribus animis curae vigiles impendent, sed sobriae et salubres. Augustum Caesarem, principum maximum atque Optimum, somni brevis accepimus eiusque etiam crebrius interrupti.' Tu contrario gloriaris.

GAUDIUM: Profunde dormio.

RATIO: Et gulosi et libidinosi et iracundi, brutis animalibus, vivis tamen. Somnolenti ac sopiti dumtaxat mortuis comparantur, et quod ad illam partem temporis attinet, nihil differre felices a miseris philosophicam scis esse sententiam. Iure igitur ut pars illa pro viribus evitanda, quae solam inter homines differentiam somniorum linquit, sie seetanda contraria est nil difficultatis allatura volentibus. Si pro levi enim gloria aut lucro exiguo et bellatores et mercatores et nautae totis sub dio noctibus pervigilant, illi quidem inter hostium insidias, hi quolibet hoste peiores inter fluetus ac scopulos, tu propter veram gloriam lucrumque ingens, inter Dei laudes ac libellos tuos partem noctium vigilare non poteris?

GAUDIUM: Vigiliis defessus somno totus ineubui.

RATIO : Sic est: non mutatis stilum, cuncta fere uno modo agitis, et quae Deus ipse vel natura vel ars aliqua vobis ad obsequium dedit, in vestrum dedecus damnumque convertitis, potum cibumque ad

ÜBER MÜSSE UND RUHE

FREUDE: Ich erfreue mich eines langen und fast ununterbrochenen Schlafes.

VERNUNFT: Gut ist er, wenn keine Sorgen aus Habgier, Ehrgeiz, Furcht, Gram oder verruchter Liebe an ihm nagen; schlecht aber, wenn man sich durch keine Sorge um ein noch so ehrenhaftes Anliegen im Schlaf stören läßt. In der Tat: wenn die Völker schnarchen, wachen die Fürsten, und schlummert das Heer, so wachen seine Führer - die Wirklichkeit lehrt es, und Homers Ilias betätigt es. 2 Je edler die Seelen, desto wachsamer ihre Sorgen übers Kommende, nüchterne freilich und heilsame Sorgen. Kaiser Augu- stus, der größte und beste unter den Fürsten, soll ein Mann des kurzen, obendrein recht häufig unterbrochenen Schlafes gewesen sein. 1 Du rühmst dich des Gegenteils.

FREUDE: Ich schlafe tief.

VERNUNFT: Das tun auch die Schlemmer, die Wüstlinge, die Wüte- riche; insoweit lebst du nur wie die dummen Tiere. Schläfrige und Schlummernde wirken eigentlich wie Tote; daß im Hinblick auf diesen Teil der Zeit die Glücklichen sich nicht von den Unglückli- chen unterscheiden, ist eine auch dir bekannte philosophische Sentenz. Mit dem gleichen Recht also, mit dem man sich von der Partei fernhalten soll, die als einzigen Unterschied zwischen den Menschen den ihrer Schlafzustände übrigläßt, soll man die Gegen- partei ergreifen, die für die Willigen keine Schwierigkeiten mit sich bringen wird. Wenn nämlich für nichtigen Ruhm oder geringen Gewinn Krieger, Kaufleute, Seeleute ganze Nächte unter freiem Himmel durchwachen: die einen unter den Nachstellungen der Feinde, die anderen inmitten von Fluten und Felsen, die schlimmer sind als irgendein Feind, solltest dann du nicht imstande sein, für wahren Ruhm und ungeheuren Gewinn, zum Preise Gottes und in Gesellschaft deiner lieben Bücher einen Teil deiner Nächte zu durchwachen?

FREUDE: Von durchwachten Nächten erschöpft, habe ich mich ganz dem Schlaf hingegeben.

VERNUNFT: O ja, ihr fallt nicht aus der Rolle, ihr spielt nämlich alles auf die gleiche Manier, und was Gott selbst oder die Natur oder irgendeine Kunst euch gegeben hat, damit ihr ihnen gehorsam seid, das verdreht ihr so, daß es euch entwürdigt und schädigt: Speise und

DE

OTIO ET QUIETE

ebrietatem et crapulam, otium et quietem ad somnolentiam et marcorem, valetudinem ad voluptates, formam corporis ad libidi- nem, robur ad iniurias, ingenium ad fraudes, scientiam ad super- biam, eloquentiam ad discrimen, domicilium ac vestitum ad pom- pam inanemque iactantiam, opes ad avaritiam et luxum, prolem et coniugium ad metum et sollicitudinem immortalem. Ite nunc, stupete et querimini de fortuna et malis vestris ingemiscite! - de bonis mala facitis deque caelestibus donis compedes vobis ac la- queos et vincula animae conflatis.

GAUDIUM: Somno placido delector.

RATIO: At non modo reges et duces et principes et philosophi et poetae, insuper et familiarum patres vigilant et nocte consurgunt, quod ad sanitatem atque oeconomiam et philosophiam utile ait Aristoteles, sed fures etiam et insidiatores (quodque est mirabilius) insani et etiam amatores, quos suarum muliercularum memoria et desiderium excitat. Tu vero non virtutis amore somnum oderis vitiis amicum? Utque pereleganter ait Flaccus:

„Ut iugulent homines, surgunt de nocte latrones:

Ut te ipsum serves non expergisceris?" 4

Pudeat semper tantum in vobis posse turpes causas et nil posse pulcherrimas.

GAUDIUM: Nullo unquam interpellante totis noctibus quiesco.

RATIO: Videtur quidem Aristoteles, quod superius attigi, ita vitam hominis partiri, ut dimidiam partem somno tribuat dimidiamque vigiliae, dum pro parte dimidia non differre Studiosi vitam ait a stulti vita, et siquidem pro somno noctem, pro vigilia diem vult intelligi.' Recta, fateor, et vera est divisio, aequis enim partibus tempus inter sese dividunt. At si sie aeeipitur, aequas spatio inter partes differen-

ÜBER MÜSSE UND RUHE

Trank zu Trunkenheit und Rausch, Muße und Ruhe zu Schläfrig- keit und Schlaffheit, Gesundheit zu Lüsten, Leibesschönheit zu Begehrlichkeit, Stärke zu Unrecht, Geist zu Betrug, Wissen zu Hochmut, Beredsamkeit zu Streiterei, Wohnung und Kleidung zu Pomp und leerem Prahlen, Wohlstand zu Habgier und Luxus, Weib und Kind zu ewiger Furcht und Unruhe. Ja, stellt euch nur hin und

seid bestürzt und klagt über „Fortuna" und jammert über eure Not!

- ihr selbst macht ja aus Gutem Schlimmes und schmiedet euch aus

Geschenken des Himmels Fesseln und Stricke und Bande der Seele.

FREUDE: Am sanften Schlaf erquicke ich mich.

VERNUNFT: Aber nicht nur Könige, Heerführer, Fürsten, Philoso- phen, Dichter, obendrein auch Familienväter wachen und stehen nachts auf - was, wie Aristoteles sagt, für die Gesundheit, die Hauswirtschaft und die Philosophie von Nutzen ist -, sondern auch Diebe und Gauner tun es, ja (worüber man sich noch mehr wundern muß) Verrückte und Verliebte, die das sehnsuchtsvolle Zurückdenken an ihre Weiberlein hochtreibt! - und da hast du nichts gegen den Schlaf, wie es doch die Liebe zur Tugend schon deswegen von dir verlangt, weil er der Freund der Schlechtigkeit ist? Sagt doch Horaz so formvollendet:

„Menschen im Schlaf zu erdolchen, erheben sich nachts die Banditen. Du aber wachst nicht auf, damit du dich selber errettest?" 4

Ewige Scham, daß bei euch die schändlichsten Motive soviel, die edelsten so gar nichts vermögen!

FREUDE: Ohne daß mich jemand stört, habe ich ganze Nächte lang meine Ruhe.

VERNUNFT: Aristoteles allerdings - ich deutete es schon an - scheint das menschliche Leben so einzuteilen, daß er die eine Hälfte dem Schlaf, die andere dem Wachen zuweist, wobei - so sagt er - in der einen Hälfte das Leben des Studierenden sich nicht von dem des Dummkopfs unterscheidet. Da versteht er natürlich unter der Schlafzeit die Nacht, unter der Wachzeit den Tag. 5 Schon recht, ich gebe zu, die Einteilung stimmt: man teilt die Zeit zu gleichen Teilen auf - aber dies einmal angenommen, besteht doch zwischen den streckengleichen Zeiträumen immerhin ein anderer ungeheurer

DE

OTIO ET QUIETE

tia certe alia ingens est. Nulla enim acrior, nulla altior cogitatio est quam nocturna, nulla pars temporis studentibus aptior. Si autem somnum ipsum dimidiam temporis partem dicit, mirabile dictum est ex ore tam Studiosi et docti hominis. Absit enim ab anima bene instituta et studiis intenta dimidium temporis dormire, cum quar- tum suffecerit quibusdam et tertium voluptuosis quoque sufficiat. Noctu quidem surgere qualibet anni parte consilium est. Absit, ut noctem non hibernam modo, sed aestivam totam dormiant, qui grande aliquid moliuntur. Ceterum semel illam fregisse sufficiet fortassis, quodque vigiliarum anticipatum erit brevi (si res poscat) meridiana vicissitudine restaurari potest. At brumalis horae noctis saepius rumpendae, psallendum, studendum, legendum, scri- bendum, cogitandum, contemplandum, quaerendum ingenio novi aliquid semper et, quod studio quaesitum fuerit, memoria repe- tendum. Audiendus quoque Hieronymus ad Eustachium scribens:

„Noctibus bis terque surgendum", inquit, „revolvenda de scriptu- ris, quae memoriter retinemus". Denique his studiis fatigati oculi alterno sopore recreandi et brevi quiete recreati alterno exercitio fatigandi erunt, ne totis noctibus dormiendo, culcitrae incumbendo sepulta cadavera videamink, Motu crebro atque honesto vos vivos et virtuti deditos comprobate!

ÜBER MÜSSE UND RUHE

Unterschied: zu keiner Zeit nämlich ist das Denken energischer und tiefer als in der Nacht, kein Teil der Zeit ist den Studierenden dienlicher. Wenn er aber sagt, der Schlaf selbst sei „die Hälfte der Zeit", so klingt das sonderbar aus dem Munde eines so von Studium und Gelehrsamkeit erfüllten Menschen. Denn ferne sei es von einer Seele, um die es wohl bestellt und die den Studien hingegeben ist, die Hälfte der Zeit zu verschlafen, wo doch manchen ein Viertel genügt hat und sogar den Lüstlingen ein Drittel genügt. Nachts aufzuste- hen, gleichviel zu welcher Jahreszeit, ist ratsam. Nicht nur die Winternacht, sondern auch die Sommernacht ganz zu durchschla- fen - das sei ferne von denen, die mit etwas Großem umgehen! Für die Sommernacht mag übrigens eine einzige Unterbrechung viel- leicht genügen, und was die Freunde des Wachens damit vorweg- nehmen, wird sich (wenn die Sache es fordert) durch eine kurze eingelegte Mittagsruhe wiederherstellen lassen. Dagegen sollen die Stunden der Winternacht öfters unterbrochen werden, man soll Musik machen, studieren, lesen, schreiben, nachdenken, Betrach- tungen anstellen, immerfort mit dem Geist etwas Neues erwerben und das durch Studium Erworbene im Gedächtnis wiederholen. Auch auf Hieronymus ist zu hören, der an Eustochius schreibt, man solle zwei-, dreimal in der Nacht aufstehen und im Gedächtnis haftende Stellen der Heiligen Schriften neu überdenken. Und letz- tens: sind durch diese Studien die Augen angestrengt, sollen sie sich durch abwechselnden Schlaf erholen; haben sie sich durch kurze Ruhe erholt, sollen sie in abwechselnder Übung wieder angestrengt werden - statt daß ihr, im Tiefschlaf ganzer Nächte in eure Kissen vergraben, ausseht wie Leichen im Sarg. Führt durch häufige Bewe- gung zu guten Zwecken den Beweis für eure Lebendigkeit und Hingabe an die Tugend!

Von der Bücherfülle In der Mitte der büchersammelnde König Ptolemaios, vor ihm knieend sein Bibliothekar. Rechts sind bibliothekarische Kostbarkeiten aufgestellt, links dagegen entfacht ein Kind einen Bücherbrand, der an das Schicksal der Bibliothek von Alexandria gemahnt.

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De librorum copia 1

GAUDIUM: Librorum copia magna est.

RATIO: Opportune admodum de his sermo oritur. Nam ut quidam disciplinae sie alii voluptati et iaetantiae libros quaerunt. Sunt qui hac parte supellectilis exornant thalamos, quae animis exornandis inventa est, neque aliter his utantur quam Corinthiis vasis aut tabulis pictis ac statuis ceterisque, de quibus proxime disputatum est. 2 Sunt qui obtentu librorum avaritiae inserviant, pessimi om- nium, non librorum vera pretia, sed quasi mercium aestimantes. Pestis mala, sed recens et quae nuper divitum studiis obrepsisse videatur, qua unum coneupiscentiae instrumentum atque una ars accesserit.

GAUDIUM: Librorum larga copia est.

RATIO: Operosa, sed delectabilis sarcina et animi iueunda distrac- tio.

GAUDIUM: Ingens est copia librorum.

RATIO: Ingens simul laboris copia et quietis inopia, huc illuc circumagendum ingenium, his atque illis praegravanda memoria. Quid vis dicam ? - libri quosdam ad scientiam, quosdam ad insaniam deduxere. Dum plus hauriunt quam digerunt, ut stomachis sie ingeniis nausea saepius nocuit quam fames, atque ut ciborum sie

Von der Bücherfülle'

FREUDE: Bücher habe ich in großer Menge.

VERNUNFT: ES paßt ganz gut, daß das Gespräch hierauf kommt. Denn wie manche des Lernens wegen so erwerben andere zum Vergnügen und zum Prahlen Bücher. Es gibt Leute, die mit diesem Teil des Hausrats, der doch zum Schmuck des Geistes erfunden wurde, ihre Räume schmücken, und die damit nicht anders umge- hen als mit korinthischen Vasen, Gemälden, Statuen und alledem, worüber wir gerade disputiert haben. 2 Für einige sind Bücher ein Vorwand, unter dem sie ihrer Habgier fröhnen; das sind die Schlimmsten von allen, denn sie schätzen Bücher nicht nach ihrem wahren Wert, sondern so, als wären es Handelsobjekte. Das ist eine schlimme Pest, die aber noch neu ist und sich erst vor kurzem in die Interessen der Reichen eingeschlichen zu haben scheint als ein zusätzliches Instrument ihrer Begehrlichkeit und als eine zusätzli- che Kunst.

FREUDE: Bücher habe ich in reicher Fülle.

VERNUNFT: Eine Last, die zu tun gibt, allerdings auch Spaß macht und dem Geist eine angenehme Zerstreuung bereitet.

FREUDE: Eine Unmenge Bücher habe ich.

VERNUNFT: Damit auch eine Unmenge Arbeit und Mangel an Ruhe:

hierhin und dorthin muß sich der Geist im Kreise drehen, bald mit diesem, bald mit jenem muß sich das Gedächtnis belasten. Soll ich dir's auf den Kopf zusagen?: Bücher haben manche ins Wissen, manche in den Wahnsinn geführt. Schluckt man mehr, als man verdauen kann, dann geht es dem Geist wie dem Magen: Überfülle schadet mehr als Hunger, und wie der Genuß von Speisen so ist der

D E

LIBRORUM COPIA

librorum usus pro utentis qualitate limitandus est. In rebus omnibus quod huic parum, illi est nimium. Itaque sapiens non copiam, sed sufficientiam rerum vult; illa enim saepe pestilens, haec semper est utilis.

GAUDIUM: Immensa copia librorum est.

RATIO: Immensum dicimus, quod mensura caret, sine qua humanis quid in rebus rectum sibique conveniens, tu metiere! Est in his etiam, quae optima iudicantur, immensitas atque immoderatio fu- gienda, semperque prae oculis habendum illud comicum: „Ne quid nimis!" 3

GAUDIUM: Librorum inaestimabilis multitudo est.

RATIO: Maiorne tibi quam Ptolomaeo Philadelpho regi Aegypti? Quem Alexandrinae bibliothecae quadraginta librorum milia coa- cervasse compertum est, qui tamen diversis ex locis diu magno studio quaesiti simul, omnes arserunt. Quod elegantiae regum curaeque opus egregium fuisse ait Livius; quem Seneca reprehendit:

non id elegentiae curaeque regiae opus dicens, sed studiosae luxu- riae, immo ne id quidem, sed se ipsam conquisitis spectaculis inaniter ostentantis. 4 Et Livii tamen dictum et Ptolomaei factum utcumque forsitan regiae opes excusent, et in longum prospiciens regis intentio in hoc certe laudabilis, quod sacras literas^ mundo non utiles modo, sed necessarias summa diligentia atque impensa per electos ad tantum opus viros in Graecam linguam ex Hebraico fönte transfudit. At quid facias privatis non aequantibus, sed superantibus apparatus regios? Sereno equidem Sammonico'' doctrinae viro in- gentis, sed maioris curae, plurimarum literarum, sed plurium volu- minum, duo et sexaginta milia librorum fuisse legimus, quos omnes Gordiano luniori, cuius patri fuisset amicissimus, ille moriens

VON DER BÜCHERFÜLLE

von Büchern je nach der Beschaffenheit des Genießenden einzu- schränken. In allen Dingen ist das, was für den einen zu wenig ist, für den anderen zu viel. Daher will der Weise die Dinge nicht in reicher, sondern in ausreichender Fülle. Die eine ist nämlich oft verderblich, die andere immer nützlich.

FREUDE: Eine unermeßliche Menge von Büchern gehört mir.

VERNUNFT: „Unermeßlich" nennen wir, was kein Maß hat. Was aber, wenn das Maß fehlt, in den menschlichen Dingen aus dem „Rechten" und „Folgerichtigen" wird, das ermiß selber! Sogar in dem, was als das Beste gilt, ist die Unermeßlichkeit und Unmäßig- keit zu meiden, und immer sollte man sich jenen Komödienvers vor Augen halten: „Nichts im Übermaß!'"

FREUDE: Unabschätzbar groß ist die Menge meiner Bücher.

VERNUNFT: Etwa größer als die des Königs Ptolemaios Philadel- phos von Ägypten? Von ihm weiß man, daß er in seiner Bibliothek zu Alexandria vierzigtausend Bücher angehäuft hatte, die jedoch, nachdem er sie sich aus den verschiedensten Orten lange mit großem Eifer beschafft hatte, alle zugleich verbrannten. Es sei ein hervorragendes Werk des erlesenen Geschmacks von Königen und ihrer Sorgfalt gewesen, sagt Livius. Ihn tadelt Seneca, wenn er sagt, es sei ein Werk nicht des erlesenen Geschmacks und der Sorgfalt des Königs, sondern seiner gelehrten Verschwendung, ja schlimmer:

einer Prunksucht, die sich mit zusammengeholten Schaustellungen eitel brüstet. 4 Dabei läßt sich das Wort des Livius und die Tat des Ptolemaios vielleicht noch irgendwie mit dem königlichen Reich- tum entschuldigen, und die auf lange Zeit für den öffentlichen Gebrauch vorsorgende Absicht des Königs ist wenigstens insoweit lobenswert, als er die Heilige Schrift\ die für die Welt nicht nur nützlich sondern notwendig ist, mit höchster Genauigkeit und ohne die Kosten zu scheuen durch ausgewählte Männer aus der hebrä- ischen Quelle ins Griechische übergeleitet hat. Aber was hältst du von privatem Aufwand, der königlichem nicht nur gleichkommt, sondern ihn noch übertrifft? Da lesen wir doch von einem Serenus Sammonicus\ einem ungeheuer gelehrten, aber noch ungeheuerli- cher beflissenen Mann, der sehr viel literarische Bildung, aber noch viel mehr Bände besaß: er habe zweiundsechzigtausend Bücher sein eigen genannt. Die hat er alle dem jüngeren Gordianus, mit dessen

D E LIBRORUM COPIA

reliquit. Magna prorsus hereditas et multis suffectura ingeniis! - num vero (quis dubitet?) oppressura? Quid hie autem, quaeso, si nil aliud egisset in vita, nullum Uli vel scribendi Studium fuisset vel quaerendi labor, nihil omnium tot voluminibus comprehensorum legere atque intelligere laborasset? At non satis habuit negotii, libros ipsos ac librorum titulos et autorum nomina et librorum formas numerumque cognoscere? Pulcha vero ars, quae de philosopho librarium facit! Crede mihi: non est hoc nutrire scriptis ingenium, sed necare mole rerum atque obruere vel fortasse mediis in vadis more Tantaleo siti animam torquere, rebus attonitam, degustantem nihil atque Omnibus inhiantem.

GAUDIUM: Libri innumerabiles sunt mihi.

RATIO: Et errores innumeri, quidam ab impiis, alii ab indoctis editi, illi quidem religioni ac pietati et divinis literis, hi naturae ac iustitiae moribusque et liberalibus diseiplinis seu historiae rerumque ge- starum fidei, omnes autem vero adversi, inque omnibus et praeser- tim primis, ubi maioribus agitur de rebus et vera falsis permixta sunt, perdifficilis ac periculosa discretio est. Ut ad plenum autorum constet integritas! - quis scriptorum inscitiae inertiaeque medebitur corrumpenti omnia miscentique? Cuius metu multa iam (ut augu- ror) a magnis operibus clara ingenia reflexerunt, meritoque id patitur ignavissima aetas haec culinae sollicita, literarum negligens et cocos examinans, non scriptores. Quisque itaque pingere aliquid in membranis manuque calamum versare didicerit, scriptor habebi- tur, doctrinae omnis ignarus, expers ingenii, artis egens. Non

VON DER BÜCHERFÜLLE

Vater er sehr befreundet gewesen war, sterbend hinterlassen. Das war schon eine gewaltige Erbschaft, die für viele Geister ausgereicht hätte, aber wer könnte bezweifeln, daß sie bloß zur Geisttötung diente? Nehmen wir bitte an, der Erbe hätte sonst im Leben nichts getan, hätte sich weder fürs Schreiben interessiert noch ums For- schen bemüht, hätte sich überhaupt nicht angestrengt, um von alledem, was in so vielen Bänden enthalten war, irgendetwas zu lesen oder zu verstehen - ja, aber hat er denn nicht schon genug damit zu tun gehabt, die Bücher selbst, die Buchtitel, die Autoren- namen, die Formate und die Anzahl der Bücher kennenzulernen? Wahrlich, eine schöne Kunst, die aus einem Philosophen einen Büchermenschen macht! Glaube mir, das heißt nicht: den Geist durch Schriften nähren, sondern: ihn durch die Masse der Dinge morden und verschütten, oder vielleicht: die Seele inmitten von Gewässern Tantalusqualen des Durstes leiden lassen, indem sie die Dinge verzückt anstarrt, aber von keinem kostet, nach allem nur lechzt.

FREUDE: Unzählige Bücher habe ich.

VERNUNFT: Und damit unzählige Irrtümer, manche aus der Feder derer, denen es an der frommen Gesinnung, andere von solchen, denen es an der Gelehrsamkeit fehlt. Erstere stehen der Religion und der Bibelfrömmigkeit entgegen, letztere der Natur, dem Recht und den Sitten sowie den freien Künsten oder der Geschichte und dem zuverlässigen Tatsachenbericht, alle miteinander aber sind Widersacher der Wahrheit, und in ihnen allen, besonders aber da, wo in Fragen von größerer Bedeutung Wahres und Falsches durch- einandergeht, ist die Unterscheidung sehr schwierig und gefahrvoll. Mag bei der Mehrzahl der Autoren die reine Absicht feststehen! - wer soll aber etwas ausrichten gegen die Unwissenheit und Trägheit der Schreiberlinge, die alles verdirbt und vermischt? Durch die Furcht davor haben sich - so vermute ich - schon viele berühmte Denker von großen Leistungen abbringen lassen. Das geschieht unserer Zeit auch ganz recht, die in ihrer tiefen Erschlaffung nur noch um die Küche sich kümmert, sich aus der Wissenschaft aber nichts macht und die Köche prüft, aber nicht die „Schriftsteller". Daher wird jeder, der etwas auf Pergament zu malen und die Feder geläufig zu handhaben gelernt hat, als „Schriftsteller" gelten, wie unwissend in aller Gelehrsamkeit, bar allen Geistes und entblößt

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LIBRORUM

COPIA

quaero iam nee queror orthographiam, quae pridem interiit; quali- tercumque utinam scriberetur quod iubetur, appareret scriptoris infantia, rerum substantia non lateret. Nunc confusis exemplaribus et exemplis unum scribere polliciti, sie aliud scribunt, ut quod ipse dietaveris, non agnoscas. An, si redeat Cicero aut Livius multique alii veterum illustrium, ante omnes Plinius Secundus sua scripta relegentes intelligent et non passim haesitantes nunc aliena credent esse, nunc barbara? Inter humanarum inventionum tot ruinas literae sacrae stant, cum maiore hominum studio tum vel maxime prote- gente sua saneta poemata, suas sanetas historias divinasque suas leges autore illarum Deo suamque perennitatem suis inventionibus largiente. Reliquarum nobilissimae pereunt, etiam magna ex parte periere. Sic ingentis damni nullum est remedium, quia nullus est sensus. Neque id novum hac in re; et virtutum et morum damna ingentia negliguntur, cum tanto studio minoribus oecurratur, lite- rarum iacturam inter minimas numeratis. Sunt qui numerent inter lucra. Fuit nuper non in agris aut in silvis, sed in maxima florentissi- maque et (quod stupeas) urbe Italiae neque is pastor aratorve, sed vir nobilis magnique apud suos cives loci, qui iuraret se magno pretio empturum, ne quis umquam suam patriam literatus incoleret aut intraret. O vox saxei pectoris! Fertur tale aliquid sensisse Licinius infestus literis (ut scriptum est), quas „virus ac pestem" publicam nominabat. 7 Sed origo illum rustica forsan excuset. Etsi enim usque ad Caesareum nomen ascendisset, naturam tamen non exuerat. Verum est enim illud Flacci: „Natura non mutat genus."* Sed quid

VON

DER

BÜCHERFÜLLE

von Kunstverstand er auch sein mag. Ich will gar nicht der Recht- schreibung nachtrauern, die längst dahin ist; o würde doch nur, wie unorthographisch auch immer, hingeschrieben werden, was der Autor will! - es würde dann zwar die Kindlichkeit des Schreibers hervortreten, aber die Substanz der Sache nicht verborgen bleiben. Jetzt bringen sie Original und Kopie durcheinander, versprechen einen genauen Text und verändern ihn dann beim Schreiben so, daß man nicht mehr wiedererkennt, was man selber diktiert hat. Würde wohl, wenn er wiederkäme, Cicero oder Livius und viele andere Berühmtheiten des Altertums, allen voran der ältere Plinius, ihre Schriften beim Wiederlesen verstehen? werden sie nicht bald hier, bald da ins Stocken kommen und glauben, jetzt den Text eines anderen, jetzt gar Barbarenlatein zu lesen? Zwischen soviel Trüm- mern menschlicher Erfindungen steht die Heilige Schrift aufrecht; einmal geben sich die Menschen mit ihr mehr Mühe, besonders aber hat sie zum Beschützer den, der damit Seine geheiligten Dichtun- gen, Seine geheiligten Geschichten und göttlichen Gesetze schützt:

ihren Verfasser GOTT, der seine eigene weitüberdauernde Kraft durch seine Erfindungen freigebig mitteilt. Von den übrigen Schrif- ten gehen die edelsten verloren, sind großenteils schon verloren, und ein Mittel gegen so ungeheuren Verlust gibt es um so weniger, als die Empfindung dafür fehlt. Neu ist das auf diesem Gebiet nicht:

auch aus der ungeheuren Einbuße an Tugenden und Sitten macht man sich nichts, und während mit so großem Eifer gegen kleinere Schäden eingeschritten wird, rechnet ihr literarische Verluste zu den geringsten, ja, es gibt Leute, die das sogar auf der Gewinnseite buchen! Kürzlich hat jemand - es geschah nicht auf dem Lande oder in Wäldern, sondern in der größten und blühendsten (hört und staunt!) Stadt Italiens, und es war kein Hirt oder Ackersmann, sondern ein vornehmer Herr von großem Ansehen bei seinen Mitbürgern! - geschworen, er werde einen hohen Preis dafür zahlen, daß in seinem Vaterland kein Intellektueller Wohnung nehmen oder Zutritt erhalten sollte. O welch Ausruf eines steiner- nen Herzens! Etwas Derartiges soll auch Licinius gemeint haben, ein Todfeind der Literatur, der sie (so steht es geschrieben) „ein Gift und eine öffentliche Pest" 7 zu nennen pflegte. Aber den mag vielleicht seine bäurische Herkunft entschuldigen; hatte er doch, trotz seines Aufstiegs zur Kaiserwürde, seine Natur nicht abgelegt. Es ist ja wahr, was Horaz sagt: „Glück ändert nicht den Stamm." 8

D E

LIBRORUM COPIA

de nobilibus vestris dicam? qui non modo perire literas patiuntur, sed exoptant votis! Equidem hie rei pulcherrimae contemptus atque odium brevi vos in profundum ignorantiae demerserint. Accedent (ne a proposito deerremus) et scriptores nulla frenati lege, nullo probati examine, nullo iudicio electi; non fabris, non agricolis, non textoribus, non ulli fere artium tanta licentia est. Cum sit in aliis leve periculum, in hac grave, sine delectu tamen ad scribendum ruunt omnes, et cuncta vastantibus certa sunt pretia. Nee vero haec scriptorum magis humano more lucra captantium quam studio- sorum publicisque rebus praesidentium culpa est, quibus nulla umquam rei huius cura fuit oblitis, quid Eusebio Palaestinae Con- stantius iniunxerit: ut libri scilicet non nisi ab artifieibus iisque antiquariis et perfecte artem scientibus scriberentur.

GAUDIUM: Librorum bona copia est.

RATIO: Quid si capax animus non est? Meministi Sabinum illum apud Senecam servorum suorum scientia gloriantem? Quid inter te atque illum interest, nisi quod aliquanto tu stultior: uterque equi- dem alieno, verum ille servorum et certe suorum, at tu librorum nil ad te pertinentium ingenio gloriaris. Sunt qui quicquid in libris scriptum domi habent, noscere sibi videantur; cumque ulla de re mentio ineidit, „hie über", inquiunt, „in armario meo est", hoc tantum idque sufficere opinantes, quasi simul in pectore sit, elato supercilio conticeseunt, ridiculum genus.

GAUDIUM: Libris affluo.

RATIO: Quam mallem ingenio et eloquantia et doctrina multoque maxime innocentia et virtute! Sed haec venalia non habentur ut libri,

VON DER BÜCHERFÜLLE

Aber was soll ich über eure vornehmen Herren sagen, die den Untergang der Literatur nicht nur geschehen lassen, sondern sehn- lichst wünschen?! Wahrhaftig, soviel Verachtung, ja Haß gegen das AUerschönste dürfte euch binnen kurzem in den Abgrund der Unwissenheit versenkt haben. Um nun nicht vom Thema abzuschweifen, sollen auch solche Schriftsteller an die Reihe kommen, die kein Gesetz gezügelt, keine Prüfung erprobt, kein Urteil ausgewählt hat. Weder Bauern noch Weber noch Ausübende irgendeiner anderen Kunst genießen eine so unbeschränkte Freiheit, und obwohl doch die Gefahr in den sonstigen Künsten nur leicht, in dieser aber schwer wiegt, stürzen sich dennoch alle wahllos aufs Schreiben, und die Allesverwüster sind ihrer Bezahlung sicher. Aber daran schuld sind nicht so sehr die Schriftsteller, die nach Menschenart dem Gewinn nachjagen, wie die studierten Leiter der Politik, die sich hierum niemals geküm- mert haben. Vergessen haben sie, was Kaiser Konstantin dem Eusebius aus Palästina zur Pflicht gemacht hat: Bücher sollten nur von Künstlern und zwar traditionsbewußten und vollendet kunst- verständigen geschrieben werden.

FREUDE: Ich habe eine hübsche Menge Bücher.

VERNUNFT: Was aber, wenn dem Geist das Fassungsvermögen fehlt? Erinnerst du dich an jenen Sabinus bei Seneca, der aufgrund des Wissens seiner Sklaven prahlt? Was ist da für ein Unterschied zwischen dir und ihm, es sei denn, daß du noch ein bißchen dümmer bist: beide schmückt ihr euch mit fremden Federn, er aber wenig- stens mit dem Geist seiner Sklaven, also seines Eigentums, du aber prahlst mit dem Geist von Büchern, die doch zu deiner Person in keiner Beziehung stehen. Manche halten sich für Kenner alles dessen, was in den Büchern ihrer Hausbibliothek steht. Wird irgend eine Sache erwähnt,sagen sie: „Ein Buch darüber steht in meinem Schrank", weiter nichts; das, so meinen sie, genüge doch, gleich- sam als hätten sie es damit auch inwendig; dann ziehen sie die Augenbrauen hoch und verstummen - ein lächerlicher Menschen- schlag!

FREUDE: Ich habe Überfluß an Büchern.

VERNUNFT: Ich wünschte: auch an Geist, beredtem Ausdruck und Gelehrsamkeit, am allermeisten aber an Unschuld und Tugend.

D E LIBRORUM COPIA

et si haberentur, nescio an emptores totidem reperturi sint quot libri. Uli enim muros vestiunt, haec animos, qui, quando oculis non videntur, ab hominibus negliguntur. At profecto si librorum copia doctos faceret aut bonos, doctissimi omnium atque optimi saepe esse possent qui ditissimi; cuius saepe contrarium videmus.

GAUDIUM: Adminicula ad discendum libros habeo.

RATIO: Vide autem, ne impedimenta sint potius! Ut nonnullis ad vincendum multitudo bellatorum sie librorum multitudo multis ad discendum nocuit, et ex copia, ut fit, inopia orta est. Qui si ultro adsint, non abiciendi equidem, sed sequestrandi erunt utendumque melioribus et cavendum, ne, qui forsan in tempore profuturi essent, intempestivi obsint.

GAUDIUM: Multi et varii mihi sunt libri.

RATIO: Fallit saepe viarum multiplicitas viatorem, et qui uno calle certus ibat, haesit in bivio, multoque maior est trivii error aut quadrivii. Sic saepe, qui librum unum efficaciter elegisset, inutiliter multos aperuit evoluitque. Multa sunt onerosa discentibus, doctis pauca sufficiunt. Nimia utrisque sunt importuna, sed fortioribus humeris subvectantur agilius.

GAUDIUM: Librorum nobilium magnum numerum contraxi.

RATIO: Librorum numero nemo (qui nunc occurrat) praeter regem illum Aegyptium nobilitatus est, neque id sibi tam numerus dedit quam famosa translatio. Haud dubie mirum tot ingeniorum, nisi post unius ingenii miraculum maius esset. Calle alio niti oportet, ut ex libris gloriam quaeras non habendi, sed noscendi; neque biblio-

VO N DER BÜCHERFÜLLE

Aber dies ist nicht verkäuflich, wie Bücher es sind; und wäre es das, so würden sich schwerlich Käufer in gleicher Zahl finden, wie es Bücher gibt. Die schmücken nämlich die Wände, dies aber die Geister, die, weil für die Augen nicht sichtbar, von den Menschen vernachlässigt werden. Nein, würde die Büchermasse gelehrt und gut machen, so wären die Allergelehrtesten und Allerbesten wo- möglich zumeist die Schwerreichen - das Gegenteil von dem, was wir zumeist sehen.

FREUDE: Ich habe die Bücher zur Unterstützung des Lernens.

VERNUNFT: Gib acht, daß sie nicht eher zu Hindernissen werden! Wie schon so manchem, der siegen wollte, die Menge seiner Krie- ger, so hat die Menge der Bücher schon vielen beim Lernen gescha- det, und aus Fülle ist, wie das so geht, Mangel geworden. Sind sie ohne weiteres zur Hand, so soll man sie allerdings nicht wegwerfen, vielmehr aussondern, nämlich Gebrauch machen von den besseren und sich davor hüten, daß solche, die vielleicht zu gegebener Zeit dienlich sein könnten, zur Unzeit hinderlich sind.

FREUDE: Ich habe viele Bücher verschiedenster Art.

VERNUNFT: Oft täuscht die Vielzahl der Wege den Reisenden. Wer auf einem einzigen Pfad sicher wanderte, stockt bei einer Gabelung, und noch viel mehr Irrtum ist möglich, wenn drei oder vier Wege sich kreuzen. Wer ein einziges Buch mit Erfolg gewählt hat, für den ist es schon oft nutzlos gewesen, viele aufzuschlagen und durchzu- arbeiten. Vieles ist eine Last für den Lernenden - dem Gelehrten genügt Weniges. Ein Übermaß fällt beiden lästig, aber auf stärkeren Schultern befördert sich's flotter.

FREUDE: Von Büchern ersten Ranges habe ich eine große Zahl zusammengebracht.

VERNUNFT: Wegen der Zahl seiner Bücher ist noch niemand, an den ich jetzt denken könnte, außer jenem König von Ägypten zu einem Mann „ersten Ranges" geworden, und auch er hatte das nicht so sehr der Zahl zu verdanken wie der berühmten Übersetzung, einer zweifellos wunderbaren Leistung so vieler Geister, wäre nicht nachher ihre Geisteseinhelligkeit das noch größere Wunder gewe- sen. Auf einem anderen Wege mußt du dich bemühen, um aus Büchern Ruhm zu erwerben, den Ruhm nicht des Habens, sondern

D E LIBRORUM

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thecae, sed memoriae committendi cerebroque, non armario con- cludendi sunt: alioqui vel librario publico vel armario ipso glorio- sior nemo erit.

GAUDIUM: Egregios multos libros servo.

RATIO: Multos in vinculis tenes, qui, si forsan erumperent et loqui possent, ad iudicium te privati carceris evocarent. Nunc flent taciti multa quidem, nominatim illud, quod persaepe unus iners affluit avarus, quibus multi egeant Studiosi.

V O N DER BÜCHERFÜLLE

des Kennens. Nicht der Bibliothek, sondern dem Gedächtnis sind sie anzuvertrauen, ins Gehirn, nicht in den Schrank sind sie einzu- schließen, sonst wird niemand dem Buchhändler, nein: dem Bü- cherschrank den Rang ablaufen.

FREUDE: Viele erstklassige Bücher hüte ich.

VERNUNFT: Viele Gefangene hältst du da eingesperrt: würden sie einmal ausbrechen und könnten reden, würden sie dich wegen „Privateinkerkerung" vor Gericht laden. Jetzt weinen sie im stillen über vieles, namentlich aber darüber, daß so sehr oft ein einziger fauler Geizhals Überfluß hat an Dingen, die viele Studierende entbehren.

Vom

Schriftstellerruhm

Daraus, daß „scriptor" sowohl „Schriftsteller" als auch „Abschreiber" bedeuten kann (vgl. 1,43), hat der Meister die Freiheit hergenommen, bloße Schreiber darzustellen. In der Schreibwerkstatt des im Hintergrund mit einem Käufer verhandelnden Buchhändlers schreibt vorn rechts ein Mann, dessen gewerbsmäßige Schreiberei durch die der Lohnberechnung die- nende Sanduhr anschaulich wird. Vorn links sitzt ein anderer, der säuber- lich Zeile für Zeile malt. Ein dritter rechts im Hintergrund scheint über eigene Schreibfehler verzweifelt.

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De scriptorum fama

GAUDIUM: Quid quod ipse libros scribo?

RATIO: Morbus publicus, contagiosus, insanabilis. Omnes sibi usurpant scribendi officium, quod paucorum est. Unus hoc correp- tus malo multos inficit. Aemulari enim pronum, imitari arduum; unde in dies crescit aegrotantium numerus, simulque vis aegritudi- nis ingravescit; cotidie plures, cotidie peius scribunt, quoniam „sequi facilius quam assequi" - scitum reque compertum et cum tempore clarius est illud sapientis Hebraeorum. Faciendi plures libros nullus est finis.

GAUDIUM: Scribo.

RATIO: Suis utinam se finibus tenerent homines rerumque ordo constaret, qui mortalium temeritate confunditur, scriberent, qui sciunt et qui possunt, alii legerent vel audirent - itane parva enim animi voluptas intelligere est? Nisi manus ad calamum praesump- tuosa festinet et quisquis libri particulam intellexit seu intellexisse visus est sibi, ilico libros scribere videatur idoneus, haereret utinam memoriae unum Ciceronis nostri dictum in Tusculani sui vestibulo, ne quem lateat claro scilicet et patenti loco positum: „Fieri enim". inquit, „potest, ut recte quis sentiat et id, quod sentit, eloqui polite

Vom

Schriftstellerruhm

FREUDE: Was sagst du dazu, daß ich selber Bücher schreibe?

VERNUNFT: Eine Krankheit ist das, eine öffentliche, ansteckende, unheilbare. Alle maßen sich das Amt des Schreibens an, das doch nur Wenigen zukommt. Ein einziger, den dieses Übel befällt, infiziert damit viele. Rivalisieren ist bequem, Gleichkommen mü- hevoll. So wächst Tag für Tag die Zahl der Erkrankenden, und zugleich verschlimmert sich die Gewalt des Leidens. Täglich schrei- ben mehr Leute, täglich schreiben sie schlechter. Ist doch „Nach- laufen leichter als Einholen"! - ein kluger, durch die Wirklichkeit bestätigter und mit der Zeit immer klarer werdender Ausspruch jenes hebräischen Weisen. Für das Verfassen von immer mehr Büchern gibt es keine Grenze.

FREUDE: Ich

schreibe.

VERNUNFT: O würden die Menschen sich doch in ihren Grenzen halten und die Dinge in ihrer Ordnung bleiben, die sich durch die Unbesonnenheit der Sterblichen verwirrt; o würden doch nur solche schreiben, die dazu das Wissen und Können mitbringen, die anderen aber lesen und zuhören - ist denn das Begreifen ein so kleines geistiges Vergnügen? Würde nicht die vermessene Hand schleunigst zur Feder greifen und ein jeder, der vom Buch ein Teilchen begriffen hat oder begriffen zu haben sich einbildet, auch gleich sich einbilden, Bücher schreiben zu können, dann bliebe im Gedächtnis haften - o wäre es doch so! -, was unser Cicero in der Einleitung zu seinen „Tusculanen", damit es nur ja keinem ent- ginge, an weithin sichtbarer Stelle in die Worte faßt: „Es ist möglich, daß einer das Richtige meint, aber das, was er meint, nicht geschlif-

Staatsbibliothek

München

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D E SCRIPTORUM FAMA

non possit", et sequitur: „Sed mandare quemquam cogitationes suas literis, qui eas nee disponere nee illustrare possit nee delectatione aliqua allicere lectorem, hominis est intemperanter abutentis et otio et literis."' Sunt quidem Ciceroniana ista verissima, sed ea iam usque adeo vulgaris abusio est, ut nemo non sibi uni dictum putet, quod illi olim sacratissimo exuli, qui non de arescentibus rivulis, sed de ipso veri fönte potaverat, quae scribebat, dictum est et saepius repetitum; „Scribe!" Cui praeeepto contemptores praeeeptorum omnium om- nes oboediunt: omnes scribunt. Quod si in his, qui alienos scribunt libros, magni diximus esse periculi, quam tibi putas in his, qui proprios recentesque, quibus dubias atque damnatas mundo inve- hunt diseiplinas? Seu quod in his malum est levissimum, stilo obtundunt incondito et agresti, sie ut, cui vis desit ingenii, iactura saltem temporis laborque aurium taediumque non deerit. Hie ve- strarum hodie non alius fruetus inventionum: aut inficere aut afficere, reficere autem aut numquam aut perraro. Omnes tamen assidue libros scribunt, nee ulli aetati tanta vel scribentium vel disserentium copia, tanta scientium atque eloquentium fuit inopia. Horum de libris aeeidit, quod ibidem Cicero idem ait: „Itaque suos libros", inquit, „ipsi legunt cum suis, nee quisquam attingit praeter eos, qui eandem scribendi licentiam sibi permitti volunt." Quod quidem Ciceronis aetate rarum fuit; nunc commune est. Omnes igitur attingunt, quia scilicet eandem licentiam volunt omnes; sie se mutuo cohortantur impelluntque scribentes inania et laudantes laudemque simihum falsis de laudibus aucupantes. Hinc illa igitur scribentium audacia rerumque confusio. Ne tu valde tibi placeas libros scribens!

VOM

SCHRIFTSTELLERRUHM

fen ausdrücken kann", und gleich anschließend: „Wenn aber je- mand seine Gedanken zum Lesen anbietet, der sie weder gehörig einteilen noch lichtvoll darlegen noch den Leser durch sprachliche Reize anlocken kann, so handelt er als ein Mensch, der in unbe- herrschter Weise mit seiner Freizeit und mit der Literatur Miß- brauch treibt."' Zwar sind diese Ciceroworte von höchster Wahr- heit, aber der genannte Mißbrauch ist schon dermaßen gewöhnlich geworden, daß jeder glaubt, nur er sei gemeint mit der Aufforderung, die einst jener höchst heilige Verbannte, der nicht aus vertrocknen- den Bächlein, sondern unmittelbar aus der Quelle der Wahrheit das getrunken hatte, was er niederschrieb, zu wiederholten Malen sich selber zurief: „Schreib'!" Dieser Vorschrift gehorchen die Veräch- ter aller Vorschriften allesamt: sie alle schreiben. Von der großen Gefahr beim Abschreiben fremder Bücher haben wir gerade ge- sprochen; wie groß erst, glaubst du wohl, muß die Gefahr von seiten derer sein, die eigene, neue Bücher schreiben, mit denen sie zweifelhafte und durch Verdammungsspruch ausgeschlossene Lehrgegenstände einführen? Noch am leichtesten ist hierbei das Übel zu nehmen, daß sie durch ihren ungepflegten und bäurischen Stil abstoßend wirken, so daß es selbst dem Leser, dem es an Geist fehlt, wenigstens an Zeitverlust wie auch an Mühe und Qual der Ohren nicht fehlen wird. Dies und nichts anderes ist heutzutage die Frucht eurer Erfindungen: krank machen sie, erregt machen sie, aber heil machen sie nie oder doch höchst selten. Trotzdem schrei- ben alle unentwegt Bücher: zu keiner Zeit gab es eine so große Menge von Schreibenden und Dissertationsverfassern, zu keiner Zeit einen so großen Mangel an Wissenden und Ausdrucksfähigen. Mit den Büchern solcher Autoren geschieht, was der gleiche Cicero an der gleichen Stelle sagt: „Sie lesen ihre eigenen Bücher selber mit ihren Leuten, und es rührt sie keiner an außer denen, die für sich selbst die Gewährung der gleichen Schreibfreiheit beanspruchen." Das war zu Ciceros Zeit noch selten, jetzt ist es ganz gewöhnlich. Alle also rühren die Bücher an, einfach weil sie alle die gleiche Schreibfreiheit wollen, und so ermuntern sie sich gegenseitig und treiben einander an, indem sie gehaltloses Zeug verfassen und loben, wobei sie für ihr Lob von ihresgleichen ebenso falsche Lobsprüche erhaschen. Daher also stammt jene Verwegenheit der Bücherschrei- ber und das Durcheinander, das sie anrichten. Sei du nicht gar so selbstgefällig, weil du Bücher schreibst!

D E SCRIPTORUM FAMA

GAUDIUM: Scribo libros.

RATIO: Melius fortasse illos legeres, optime autem in vitae regulam lecta converteres. Tunc est utilis notitia literarum, dum in actum transit seque ipsam rebus approbat, non verbis; alioqui verum saepe deprehenditur, quod scriptum est: „Scientiam inflare." Cläre velo- citerque intelligere, multa simul et grandia eademque tenaciter meminisse et ornate eloqui et artificiose scribere et pronuntiare suaviter-haec omnia nisi ad vitam referantur, quid sunt aliud quam inanis instrumenta iactantiae inutilisque labor ac strepitus?

GAUDIUM: Libros scribo.

RATIO: Forsan utilius arares campum, gregem pasceres, telam texeres, maria navigares. Multi, quos natura mechanicos fecerat, illa invita atque obluctante philosophantur; contra aliquos philoso- phiae aptos, natos in arvis aut pascuis, in scamnis opificum aut nautarum transtris Fortuna detinuit. Unde effectum, quod mirentur causarum inscii, ut in mari medio aut rure, in silvis inque officinis acria et erecta reperiantur ingenia, cum in scholis exsanguia 2 ac deiecta sint. Difficile enim vincitur natura, si vincitur.

GAUDIUM: Scribo ardenter.

RATIO : Quanto ardentius olim multi, quorum ardor sie extinctus est, ut scripsisse illos, nisi id alii scriberent, nesciretur. Nullum opus humanuni semper durat, et mortalis labor nihil efficit immortale.

GAUDIUM: Scribo multa.

RATIO: Quanto plura alii! Quis Ciceronis libros aut Varronis

VOM

SCHRIFTSTELLERRUHM

FREUDE: Ich schreibe Bücher.

VERNUNFT: Besser vielleicht, du würdest welche lesen, am besten aber, du würdest das Gelesene in eine Lebensregel umwandeln. Dann erst ist die Kenntnis der Literatur nützlich, wenn sie in die Tat umgesetzt wird und sich selber durch wirkliches Verhalten, nicht durch Worte einleuchtend macht, sonst entpuppt sich oft als wahr, was geschrieben steht: daß „Wissen aufbläht". Eine klare und schnelle Auffassung zu haben, für viele und zugleich bedeutungs- volle Dinge über ein festes Gedächtnis zu verfügen, reich an Aus- druck zu sein, kunstvoll zu schreiben und angenehm vorzutragen - wenn das alles nicht auf die Lebensführung bezogen wird, was ist es dann anderes als ein Instrumentarium des leeren Großtuns, unnütze Arbeit und Lärm?

FREUDE: Bücher schreibe ich.

VERNUNFT: Vielleicht würdest du zu mehr Nutzen ein Feld beak- kern, eine Herde weiden, am Webstuhl arbeiten, zur See fahren. Viele, die die Natur zu Mechanikern gemacht hatte, legen sich, auch wenn sie das durchaus nicht will und sich heftig sträubt, aufs Philosophieren. Andererseits hat schon manche zur Philosophie geeignete Naturen das ihnen gewordene Los, das sie auf Ackerflur oder Weideland zur Welt kommen ließ, auf Handwerkerschemeln oder Ruderbänken festgehalten. Daher rührt es - zum Erstaunen derer, die die Ursachen nicht kennen - , daß man auf hoher See oder auf dem Lande oder in Wäldern und in Werkstätten energische und aufrechte Geister findet, während sie in den Schulen blutleer 2 und zaghaft sind. Nur schwer nämlich ist, wenn überhaupt, die Natur zu besiegen.

FREUDE: Ich schreibe mit Leidenschaft.

VERNUNFT: Noch viel leidenschaftlicher taten das einst viele, deren Leidenschaft so sehr ausgelöscht ist, daß man von ihrer Schreibetä- tigkeit, hätten nicht andere darüber geschrieben, nichts wüßte. Kein menschliches Werk dauert für immer, und sterbliche Arbeit be- wirkt nichts Unsterbliches.

FREUDE: Ich schreibe viel.

VERNUNFT: Wieviel mehr doch andere! Wer könnte Ciceros oder

DE

SCRIPTORUM

FAMA

enumeret? Quis Titi Livii aut Plinii opera metiatur? Graecorum unus sex milia librorum edidisse traditur. O ardentem spiritum, si vera res est! O longum otium ac tranquillum! Certe si unum duosve aut omnino paucos libros bene scribere multi negotium est laboris, tot unum milia scripsisse non tam facile est credere quam mirari. Summi tamen attestantur autores, quibus non credere durum sit quique hunc numerum non auditu sibi nee visu solo, sed eorum librorum lectione compertum dicant; quos si unum omnes legere potuisse mirabile, quanto mirabilius est scripsisse! Longum est enumerare, qui viri apud nos, qui vero apud Graecos et quae scripserint; quorum nullus ad plenum studiorum fortunatus fuit, sed horum aliqua, illorum autem magna pars, quorundam omnia periere. Tu de tuis quid praesagias, videto!

GAUDIUM: Scribo, et ea mihi interim voluptas

unica.

RATIO: Si ut ingenium exerceas scribendoque aliis te doceas, si ut obliviscaris temporum praeteriti memoria praesens taedium effu- gias, excuso; si ut scribendi morbo quidem oeculto et insanabili medeare, misereor. Sunt namque (si nescis), qui non scribunt nisi quia nequeunt desinere, et velut praecipiti decursantes volentesque subsistere rapiuntur.

GAUDIUM: Scribendi impetus ingens est.

RATIO: Melancholiae species infinitas ferunt: alii lapides iaetant, alii scribunt; huic scribere furoris initium est, huic exitus.

GAUDIUM: Scripsi multa et scribo.

VOM

SCHRIFTSTELLERRUHM

Varros Bücher aufzählen? die Werke des Titus Livius oder des Plinius ermessen? Von den Griechen soll einer sechstausend Bücher veröffentlicht haben. O was für ein leidenschaftlicher Geist (wenn es wahr ist)! was für eine lange und ruhevolle Muße zum Schreiben! Jedenfalls: wenn es schon eine viel Mühe bereitende Aufgabe ist, ein oder zwei oder alles in allem wenige Bücher gut zu schreiben, dann gibt der Bericht, ein einziger habe so viele tausende geschrieben, nicht so sehr zum Glauben wie zum Sichwundern Anlaß. Immerhin bezeugen es Autoren höchsten Ranges, denen nicht zu glauben schwer fällt und die nicht auf Hörensagen oder bloßen Augenschein hin, sondern aufgrund der Lektüre dieser Bücher, also aus Erfah- rung, das behaupten. Verwunderlich genug, wenn ein einziger alle zu lesen vermochte; um wieviel verwunderlicher erst, daß er sie geschrieben hat! Es würde eine zu lange Aufzählung werden, alle die Männer zu nennen, die bei uns und gar erst bei den Griechen geschrieben und worüber sie geschrieben haben - und doch hat von ihnen, aufs Ganze der Studien gesehen, keiner Glück gehabt, vielmehr ist von unseren Autoren einiges, von den antiken ein großer Teil, von manchen sogar alles verloren. Nu n magst du zusehen, was du dir für dein Werk versprechen kannst!

ganz

einzigartiges

VERNUNFT: Wenn du es tust, um deinen Geist zu üben und im Schreiben für andere dich selbst zu lehren, oder um die Zeitläufte zu vergessen und in der Erinnerung an Vergangenes dem Ekel vor der Gegenwart zu entrinnen, so entschuldige ich das; tust du es, um die Schreibsucht, heimlich und unheilbar wie sie ist, zu „heilen", so dauerst du mich. Es gibt nämlich (falls du es noch nicht weißt) Leute, die nur deswegen schreiben, weil sie nicht aufhören können, und die wie beim Herabrennen aus steiler Höhe , so gern sie auch stehenbleiben möchten, fortgerissen werden.

FREUDE:

Ich

schreibe,

Vergnügen.

und

einstweilen

macht

mir

das ein

FREUDE: Mein Ungestüm beim Schreiben ist ungeheuer.

VERNUNFT: ES soll unendlich viele Arten von Gemütsleiden geben:

manche werfen mit Steinen, andere schreiben Bücher; für den einen ist das Schreiben Anfangsstadium des Wahns, für den anderen Endstadium.

FREUDE: Ich habe viel geschrieben

und tue es noch.

D E SCRIPTORUM FAMA

RATIO: Si posteris profuturus, nihil satius; si tibi nudum nomen quaesiturus, nihil vanius.

GAUDIUM: Multa scripsi.

RATIO: O praeclaram insaniam! - et mirantur, si membranae solito cariores sunt.

GAUDIUM: Scribo et hinc famam spero.

RATIO: Dixi iam: melius arares aut foderes messem sperans. Humi enim tutius quam in vento seritur. Atqui famae Studium et pertinax scribendi opera ut quosdam claros sie innumerabiles stultos atque inopes in Senium misit nudosque et loquaces spectaculum vulgo fecit. Ecce dum scribitis, melioribus curis idoneum tempus elabitur. Extra vos rapti sopitique non advertitis, donec sero vos senectus excitet ac paupertas.

GAUDIUM: Scribo tamen famae cupidus.

RATIO: Mirum Studium de labore ventum quaerere! Certe ego ventos optare nauticum putabam.

VOM

SCHRIFTSTELLERRUHM

VERNUNFT: Bist du ein Autor, der der Nachwelt nützen wird, so gibt es nichts Schöneres; bist du einer, der bloß auf den Namen aus ist, nichts Eitleres.

FREUDE: Zahlreich sind meine Schriften.

VERNUNFT: Herrliche Verrücktheit! - da wundert man sich noch, wenn der Preis fürs Pergament ungewöhnlich hoch ist.

FREUDE: Ich schreibe und erhoffe mir davon Ruhm.

VERNUNFT: Wie gesagt, du würdest vielleicht besser ackern oder graben und dir davon Ernte erhoffen. Man sät nämlich sicherer in den Boden als in den Wind. Die Ruhmbegier freilich und der hartnäckige Schreibefleiß hat zwar manche als Berühmtheiten, unzählige aber als Toren und arme Teufel ins Alter entlassen und aus ihnen, entblößt und geschwätzig wie sie waren, eine Volksbelu- stigung gemacht. So seht doch: während ihr schreibt, verstreicht die für bessere Beschäftigungen geeignete Zeit! Außer euch geraten und traumverloren merkt ihr nichts, bis euch das Alter aufweckt und die Armut dazu.

FREUDE: Ich schreibe dennoch, ich giere nach Ruhm.

VERNUNFT: Sonderbarer Eifer: sich Arbeit machen, um Wind ein- zuheimsen! Ich war jedenfalls immer der Meinung, sich Winde zu wünschen sei Seemannssache.

Vom

Rachenehmen

Schon Petrarca selbst macht die Einschränkung, daß „nicht einmal allen Tieren, sondern nur den besonders bissigen und wilden" die „Rache süß" erscheine. Im Bild fungiert links der edle Löwe, der den wehrlos am Boder. liegenden Menschen verschont, während der Ritter, dessen Burg links oben im Hintergrund zu sehen ist, den um Gnade flehenden Bürgersmann, den er am Genick gepackt hat, sogleich erstechen wird.

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De vindicta

GAUDIUM: Hostis in manus venit, ultionis oblata est facultas.

RATIO: Immo experimentum tui, an irae mancipium, an clementiae sis amicus. Quod nisi ad utrumque ferri posses, incertum esset. Multi enim esse credunt, quod non sunt. Experti autem, quid sint, sciunt.

GAUDIUM: Est mihi hostis in manibus, ulcisci possum.

RATIO: Alii potentiae fines sunt, decoris alii; non quid possis, sed quid deceat, aestimandum est, ne, si quantum potes, velis, nil posse sit melius.

GAUDIUM: Ulcisci possum, nil dulcius est vindicta.

RATIO: Ira nihil amarius, quam cur quidam dulcem dixerit, mirari soleo; sin dulce aliquid inesse consenseris, dulcedo effera viro indigna ac propria beluarum earumque non omnium, sed praemor- dacium ac ferocium. Nil humanum minus quam saevitia et feritas. Contraque nil homini suum magis quam misericordia et lenitas, quibus nihil tam contrarium quam vindicta est et quicquid animi impetu homo in hominem committit asperius. Quid si omnino vindictae nomen dulce est, ostendam tibi, quo multa cum gloria uti possis: Nobilissimum vindictae genus est parcere.

Vom Rachenehmen

FREUDE: Der Feind ist mir in die Hände gefallen - jetzt bietet sich mir die Gelegenheit zur Rache.

VERNUNFT : Nein, eher zur Probe auf dich selbst, ob du

des Zorns oder ein Freund der Milde bist. Das würde, wenn du nicht die Möglichkeit hättest, dich auf beide zuzubewegen, unge- wiß bleiben. Es glauben ja viele zu sein, was sie nicht sind; nach der Probe aber wissen sie, was sie sind.

FREUDE: Der Feind ist tatsächlich in meiner Hand, ich kann mich rächen.

VERNUNFT: Die Grenzen der Macht sind andere als die des An- stands. Nicht was du kannst, sondern was anständig ist, gilt es abzuschätzen, damit nicht, falls du soviel willst wie du kannst, das Nichtkönnen besser wäre.

FREUDE: Ich kann mich rächen; nichts ist süßer als die Rache.

VERNUNFT: Bitterer ist nichts als der Zorn! Warum ihn irgendwer „süß" genannt hat, das frage ich mich immer wieder. Zugegeben aber, er habe etwas „Süßes", dann ist solche verwilderte Süße eines Mannes unwürdig, dafür Tieren eigen und das nicht einmal allen, sondern nur den besonders bissigen und wilden. Nichts ist weniger menschlich als Wütigkeit und Brutalität. Hingegen darf der Mensch nichts mehr sein eigen nennen als Erbarmen und Sanftmut, denen nichts so entgegengesetzt ist wie die Rache und überhaupt im Verhältnis von Mensch zu Mensch jedes zu harte aggressive Vorge- hen. Wenn nun aber schon, allenfalls, „Rache" ein „süßes" Wort sein soll - gut, dann will ich dir zeigen, welchen höchst rühmlichen Sinn du ihm geben kannst: die feinste Art, Rache zu nehmen, ist - die Schonung.

ein Sklave

D E VINDICTA

GAUDIUM: Ulcisci licet.

RATIO: Multo est satius multoque formosius oblivisci iniurias quam ulcisci; generosior nulla est oblivio quam offensae. Hanc summus orator summo duci summae laudi tribuit: quod scilicet nil soleret nisi iniurias oblivisci.' Nihil autem prohibet unius laudem illi non ereptam ad plurimos pervenire. Hoc inter multa praecipuum prae cunctis opibus habent animi bona: non decrescunt sparsa nee pereunt. Sume igitur et tu tibi nobilissimam hanc opinionem Caesa- ream, quae te multo faciet clariorem quam Cineam Charmadamque memoria sua. 2 Illa enim naturae fuerit, haec virtutis.

GAUDIUM: Ulcisci iuvat.

RATIO: Ultionis momentanea delectatio est, misericordiae sempi- terna. Duorum nempe delectabilium illud praeferendum quod diu- tius delectat. Fac tu hodie, quo perpetuo delecteris! Nulla vero maior, nulla firmior delectatio est quam quae de puritate conscien- tiae et rerum bene gestarum recordatione oritur.

GAUDIUM: Honestum est ulcisci.

RATIO: Honestius misereri. Multos dementia honestavit, nullum ultio. Nihil tam necessarium inter mortales, nihil tam commune quam venia. Nemo est enim, qui non peccet, nemo, cui non misericordia opus sit, qua negata quis tam multos criminum et eulparum extricabit nodos aut dissutum diruptumque societatis humanae foedus sarciet? Semper inter sese homines semperque in illos decertabit ira Dei. NuUus erit aut litium aut poenarum finis nee cessabunt arma nee fulmina. Parce igitur, miserere et compesce animum! Fac tu homini, quod tibi ab homine fieri velles, quod a Deo vis. Impudenter a domino veniam petit, qui conservo illam suo

VOM

RACHENEHMEN

FREUDE: ES steht mir frei, mich zu rächen.

VERNUNFT: Viel befriedigender und viel schöner ist es, das Unrecht zu vergessen als es zu rächen. Es gibt kein edleres Vergessen als die Kränkungsvergessenheit. Diese hat der größte Redner dem größten Heerführer als größtes Lob angerechnet, nämlich: „Caesar pflegt nichts zu vergessen außer selbsterlittenem Unrecht." 1 Warum sollte nicht - dem steht doch nichts im Wege! - dies einem Einzigen gespendete Lob ihm entrissen werden und schließlich einer Vielzahl gelten?! Diesen Vorzug - einen von vielen - haben ja die geistigen Güter vor den materiellen: wenn sie sich verteilen, nehmen sie nicht ab und verlieren sich nicht. Nimm also auch du diese höchst edle cäsarische Meinung für dich in Anspruch! - sie wird dich viel berühmter machen als einen Kineas und Charmadas ihr Gedächt- nis 2 ; stammt das doch aus der Natur, das andere aber aus der

Tugend.

FREUDE: Mich zu rächen ist mir eine Befriedigung.

VERNUNFT: Die Rache ist nur für den Augenblick erquicklich, das Erbarmen für immer. Hat man zwischen zweierlei Erquicklichem zu wählen, so soll man das vorziehen, was länger erquickt. Tue du heute das, woran du dich ewig erquicken kannst! Wahrlich: größer und sicherer kann die Erquickung nicht sein, als wenn sie aus der Reinheit des Gewissens und der Erinnerung an gute Taten quillt.

FREUDE: Rache ist ehrenhaft.

VERNUNFT: Erbarmen aber ehrenhafter! Viele hat die Milde geehrt- die Rache noch keinen. Nichts ist unter Sterblichen so nötig, nichts so allgemein wie die Verzeihung. Es ist ja keiner, der nicht sündigte, keiner, der Erbarmen nicht nötig hätte. Verweigert man es - wer soll dann die vielen Knoten von Verbrechen und Schuld entwirren? oder wer das aus den Nähten und Fugen gegangene Bündnis der menschlichen Gesellschaft ausbessern? Immer werden dann die Menschen gegeneinander und wird Gottes Zorn gegen sie alle auf Biegen und Brechen kämpfen, es wird kein Ende sein weder der Streitigkeiten noch der Strafen, nie werden die Waffen, nie die Blitze ruhen. Übe also Schonung und Mitleid und bändige dein Gemüt! Tue du als Mensch dem Menschen, wie du willst, daß er dir und daß der Herrgott dir tue! Es ist eine Unverschämtheit, wenn einer von seinem Herrn die Verzeihung begehrt, die er seinem

DE

VINDICTA

negat. Ecclesiasticus doctor clamat indignans: „Homo homini iram servat, et a Deo quaerit medelam? In Hominem sibi similem non habet misericordiam, et de peccatis suis deprecatur?"'

GAUDIUM: Non infero iniuriam, sed ulciscor.

RATIO : Quid refert, primus pecces an ultimus? Non est aequum ut, quod in alio improbas, in te probes. Visne saevitiam in hoste damnatam sequi fierique illi similis moribus, cui dissimilis animo sis, quodque pessimum habet, tuum facere?

GAUDIUM: Volo quidem, et licitum est ulcisci.

RATIO : Nee debes velle nee ulla id licitum lege est. U t defensio licita sie ultio vetita. Scriptum est: „Qui vindicari vult, a Deo inveniet vindictam." Et rursus (ut paulo ante dixi): „Mea est ultio, et ego retribuam eis in tempore", dicit Dominus. 4 Illud tempus exspeeta, sine te ille vindicet qui et offendentis est Dominus et offensi! Solet inter servos domini communis esse cognitio. Si quid ingenui habes, si qua tibi perfectionis habitus cura est, opta potius atque ora, ne ille quidem vindicet! - sie hostis crimen in tuam verteris salutem.

GAUDIUM: Ulcisci est animus.

RATIO: Da irae spatium, da consilio tempus, frena impetum, differ!

- aut desinet aut lentescet. Brevis hora sedet iratum aequor.

GAUDIUM: Ulciscar.

RATIO: Uno actu multos offendes. Una iniuria saepe innumerabiles hostes fecit.

GAUDIUM:

Ulciscar.

VOM

RACHENEHMEN

Mitknecht verweigert. Der Prediger, unser biblischer Lehrmeister, ruft entrüstet: „Der Mensch bewahrt gegen den Menschen seinen Zorn und ersucht Gott um Heilung? Für den Menschen, der doch

seinesgleichen ist, hat er kein Erbarmen übrig, für seine eigenen

Sünden aber bittet er um Gnade?" 3

FREUDE: Ich fange nicht an mit dem Unrecht, sondern räche mich nur.

VERNUNFT: Was macht es aus, ob man als erster oder als letzter sündigt? Es ist nicht recht, daß du das, was du bei einem anderen mißbilligst, dir zubilligst. Willst du denn dem Wüten, das du am Feinde verurteilst, selber dich hingeben? im Verhalten dem ähnlich werden, dem du in der Gesinnung unähnlich bist? sein Schlechtestes dir zu eigen machen?

FREUDE: Ich will mich eben rächen, und erlaubt ist es ja auch.

VERNUNFT: Weder sollst du es wollen noch ist es durch irgendein Gesetz erlaubt. Wie Verteidigung erlaubt, so ist Rache verboten. Geschrieben steht: „Wer gerächt werden will, soll bei Gott seine Rache finden." Und ein andermal - ich hatte es kurz vorher schon erwähnt - : „Mein ist die Rache, und ich werde es ihnen zur rechten Zeit heimzahlen", spricht der Herr 4 . Erwarte jene Zeit, laß Ihn dich rächen, der des Beleidigers und des Beleidigten Herr ist! Unter Knechten hat des Herren Richterspruch für alle miteinander Gel- tung. Hast du etwas vom freien Mann in dir und trägst du Sorge für die Vervollkommnung deines inneren Zustandes, so wünsche und bete lieber, daß sogar Gott nicht Rache nehme! - so wirst du das Verbrechen des Feindes in dein eigenes Heil umgewandelt haben.

FREUDE: Der Sinn steht mir danach, mich zu rächen.

VERNUNFT: Gib dem Zorn eine Frist, gib der Einsicht Zeit, zügle dein Ungestüm, gönn' ihm Aufschub! - und es wird verschwinden oder sich legen. „Kleine Weile sänftigt erzürnte Flut."

FREUDE: Ich werde mich rächen.

VERNUNFT: Durch eine einzige Tat wirst du bei vielen Anstoß erregen. Ein einziges Unrecht hat schon oft unzählige Feinde geschaffen.

FREUDE: Ich werde mich rächen.

D E

VINDICTA

RATIO: Plus te temporum laeseris quam hostem. Illi corpus forsitan aut opes, tibi animam famamque corruperis.

GAUDIUM: Ulciscar.

RATIO: Quotiens ulciscendi studio iniuria geminata est! Laeso saepe unicum dissimulasse remedium, saepe vel questum esse vel nutu tacito sensum iniuriae praetendisse periculum fuit.

GAUDIUM: Perdere hostem possum.

RATIO: Melius est amicum quaerere quam hostem tollere, sed utrumque simul Optimum; quod nulla arte melius quam parcendo fit, cum ulcisci possis. Aptissimum tollendis hostibus instrumen- tum est lenitas. In quo si creditum esset Herennio seni sapientis- simo, nee Samnitum exercitus modo victor collo iugum Romanum nee iugum primo cum reliquis, mox securim solus imperator Pon- tius pertulisset. s

GAUDIUM: Ulciscendi pungor aculeis.

RATIO: Resiste cogitationibus piis exemplisque omnibus, quae leniorem in partem inclinare animum possunt, et in primis memoria vitae brevis et ambiguae! Haec enim de Senecae (cui assentior) efficacissima videtur de iraeundia lenienda;'' cui is ipse (quem memoravi) doctor accedit. Nam quid aliud sentiebat, ubi ait: „Me- mento novissimorum et desine inimicari!" 7 Sic est enim nilque inimicitias magis alit quam conditionis oblivio. Siquidem iste, cuius mortem scitis, ne dubita, moriturus haud dubie est, et idipsum cito, fortasse hodie, tuque illum forsitan (quod non cogitas) praecursu- rus. Exspecta paululum, subsiste! - fiet, quod fieri optas, et quod metuis, fiet. Ceterum mors, quam hosti paras, sine tuo illi scelere praeparata est. Quid iuvat fati cursum properantis impellere et

VOM

RACHENEHMEN

VERNUNFT: Damit wirst du dir mehr Ärgernisse angetan haben als dem Feind: ihm wirst du vielleicht Leib oder Vermögen, dir aber Seele und Ruf ruiniert haben.

FREUDE: Ich werde mich rächen.

VERNUNFT: Wie oft schon ist durch den Rachedurst das Unrecht verdoppelt worden! Oft war es des Beleidigten einzige Rettung, so zu tun, als merkte er nichts, oft lag schon darin, daß er sich beklagt hatte oder daß ein stummes Kopfschütteln verriet, wie schwer er an dem Unrecht trug, für ihn eine Gefahr.

FREUDE: Ich kann meinen Feind zugrunderichten.

VERNUNFT: ES ist zwar besser, einen Freund zu erwerben als einen Feind zu beseitigen, aber das Beste ist beides zugleich, und das geschieht durch keine Kunst besser als durch die des Verschonens trotz bestehender Rachemöglichkeit; ist doch das geeignetste Mit- tel, um Feinde zu beseitigen, die ruhige Milde! Hätte man darin dem hochweisen alten Herennius geglaubt, so würde weder das eben noch siegreiche Heer der Samniten das römische Joch auf dem Hals noch sein Feldherr Pontius zuerst mit den Übrigen das Joch, dann als einziger das Beil erduldet haben 5 .

FREUDE: Mich stechen die Stacheln der Rachgier.

VERNUNFT: Widerstehe ihnen mit frommen Gedanken und mit allen den Beispielen, die dein Herz sanfter stimmen können, vor allem aber dadurch, daß du daran denkst, wie kurz und ungewiß das Leben ist! Diese Mahnung Senecas* (dem ich zustimme) scheint nämlich die wirksamste, wenn es gilt, den Zorn zu besänftigen. Ihm tritt der von mir schon erwähnte biblische Lehrmeister zur Seite, denn was sonst meinte er mit dem Wort: „Denk' an das Ende von allem und laß' ab von der Feindschaft!" 7 So ist es: nichts nährt Feindschaften mehr als das Vergessen unserer Lage. Kein Zweifel:

der, dessen Tod ihr beschließt, ist dem Tod geweiht und wird bald, vielleicht schon heute sterben; nur wirst du womöglich, ohne daran zu denken, ihm im Tode noch vorangehen. Wart' ein klein wenig, halt' inne: die Zukunft bringt, was du wünschst und was du fürchtest. Im übrigen ist dem Feinde der Tod, den du ihm bereitest, auch ohne dein Verbrechen schon vorbereitet. Was hilft es, den Lauf des eilenden Schicksals zu beschleunigen und mit dem Blute

D E

VINDICTA

morituri sanguine morituras manus inficere? Non scelestum modo, sed supervacuum est impietate tua proximum ac festinans tempus arcessere, quod, si valde velis, nulla possis pietate repellere aut differre. Quanto tranquillius atque honestius ille integer et illaesus, tu siccus et innocens quam uterque cruentus et tu noxius hinc abibis!

GAUDIUM: Urgeor ulciscendi stimulis.

RATIO: Cave ne cesseris, et oppone eis memoriam eorum, qui non tantum mites hostibus, sed faventes ac benefici fuere, contraque illos tibi propone, qui membratim caesis hostibus adhuc rabiem spirantes nequicquam in non sensura cadavera saevierunt. Dehinc tecum elige, quorum similis esse malis, neque actus solos, sed et verba confer! Pars enim non parva crudelitatis in verbis est. Crudelis pes, crudelior manus, crudelissima lingua est. Saepe animi saevi- tiam, quam manus non aequaverat, lingua transcendit; illa vero optima ut crudelitatis sie clementiae testis est. Sonet ad aurem tibi illa, cuius non multo ante meminimus Hadriani vox" simulque illa Tiberii, de quo scriptum est: „Quod cum audisset, unum e reis Carnulium nomine antieipasse mortem exclamavit: „Carnulius me evasit!"' O vox ferox et, si dici potest, ipso vocis autore ferocior! Quid usitati supplicii cogitabat, quem se in vinculis manu sua perimens evasisset? Ecce duo igitur unius Status, sed mentium diversarum, uno et eodem verbo quam varie usi sunt! Ille ad praesentem hostem: „Evasisti", ait. Hie de absente: „Evasisti", ait. Ille suo hosti vitam donavit, hie invidit mortem. Elige, quid horum potius a te dictum velis dici: an tranquillum illud vere principis an illud alterum immane carnificis?! Nee ignoro quod sit promptius

VOM

RACHENEHMEN

des Todgeweihten todgeweihte Hände zu färben? Nicht nur ver- brecherisch, auch überflüssig ist es, durch deine Verruchtheit die schon sehr nahe und eilende Zeit herbeizuholen, die du, so sehr du es auch möchtest, durch keine Frömmigkeit zurückdrehen oder aufschieben könntest. Um wie vieles ist ein Zustand, der für den anderen unversehrt und ungekränkt, für dich unbefleckt und un- schuldig wäre, ruhiger und ehrenhafter als ein für beide blutiger, aus dem du schuldbeladen hervorgehst!

FREUDE: Der Anreiz zur Rache läßt mir keine Ruhe.

VERNUNFT: Sieh dich vor, daß du ihm nicht nachgibst! setze ihm lieber die Erinnerung an solche entgegen, die ihren Feinden gegen- über nicht nur Milde walten ließen, sondern sogar Gunst und Wohlwollen! - und dagegen stelle dir die vor Augen, die ihren niedergehauenen Feinden in rasender Wut die Glieder vom Leibe gerissen und sinnlos gegen fühllose Leichen getobt haben! Darauf- hin triff deine Wahl, wem du lieber ähnlich sein willst, und verglei- che nicht nur die Taten, sondern auch die Worte! Denn ein nicht kleiner Teil der Grausamkeit steckt in den Worten. Grausam ist der Fuß, grausamer die Hand, am grausamsten die Zunge. Oft hat den Grimm des Herzens, dem die Hand nicht gleichgekommen war, die Zunge noch überboten, - sie ist aber wie für die Grausamkeit so auch für die Milde die beste Zeugin. Im Ohre klinge dir also jener vor kurzem zitierte Ausspruch Hadrians* und zugleich das Wort des Tiberius, das überliefert ist. Als er hörte, einer der Angeklagten, Carnulius mit Namen, habe den Tod vorweggenommen, rief er aus:

„Carnulius ist mir davongekommen.'"' O welch brutales Wort, das, wenn man so sagen darf, noch brutaler ist als die Person, die es aussprach! An welche Marter der üblichen Hinrichtung mochte wohl der denken, der ihm dadurch, daß er im Gefängnis Hand an sich legte, „davongekommen" schien. Siehst du, da haben also zwei Kaiser von grundverschiedener Denkungsart einunddasselbe Wort so ganz verschieden gebraucht. Hadrian sagt zu dem Feind, der da ist: „Du bist davongekommen." Tiberius sagt zu dem, der nicht mehr ist: „Du bist davongekommen." Der eine hat seinem Feind das Leben geschenkt, der andere ihm den Tod nicht gegönnt. Wähle, welchen Ausspruch man dir lieber zuschreiben soll: den ruhigen eines echten Fürsten oder den anderen, unmenschlichen eines Henkers! Ich weiß sehr wohl, daß die Aufforderung hierzu

D E

VINDICTA

iubere ista quam facere, et quid his obiici potest intelligo: difficilius in suis quam in alienis iniurüs mitem esse. Difficile fateor, sed bonum. De bono autem ac difficili omnem esse virtutem nee tu neges. Virtutis amatoribus sunt cuncta facilia.

GAUDIUM: Fixum est ulcisci.

RATIO: Vincit pars deterior. Obsta illi, dum adhuc potes, victoriam- que illi, priusquam ea uti coeperit, eripe stratamque mansuetudinem attolle! Memento te hominem! Multos quidem vindicasse paenituit, neminem pepercisse.

GAUDIUM: Ultus sum.

RATIO: Vinci ab hoste praestabat: hostis victorem vicit ira.

VOM

RACHENEHMEN

leichter ist als die Tat, und sehe schon, was man alledem entgegen- halten könnte: schwerer falle es, bei selbsterlittenem Unrecht milde zu sein, als wenn es anderen geschieht. Das Schwerere ist es, das gebe ich zu, aber es ist das Gute. Daß aber alle Tugend es mit dem Guten und zugleich Schweren zu tun hat, dürftest wohl auch du nicht bestreiten. Den Liebhabern der Tugend fällt alles leicht.

FREUDE: Bei mir steht fest: ich räche mich.

VERNUNFT: Dann siegt der schlechtere Teil. Widerstehe ihm, so- lange du kannst, entreiße ihm den Sieg, bevor er ihn ausnutzen kann, und hebe die niedergestreckte Sanftmut auf den Schild! Gedenke, daß du ein Mensch bist! Viele hat es gereut, Rache genommen zu haben - Schonung geübt zu haben noch keinen.

FREUDE: Ich habe Rache genommen.

VERNUNFT: Von einem Feinde besiegt zu werden zogst du vor: der Feind, der den Sieger besiegt hat, ist der Zorn.

Von der Hoffnung

auf Sieg

Dargestellt sind die Beispiele für unentschiedenes Ende durch Wechsel- mord, die Petrarca aus der Antike anführt. Polyneikes, hinten links, ist, von der Lanze seines Bruders getroffen, bereits niedergesunken; sogleich aber wird auch Eteokles, rechts, den der Lanzenwurf des Polyneikes ebenso ins Herz getroffen hat, vom Pferde stürzen. Vorn stehen, enger zusammenge- rückt, die römischen Todfeinde einander gegenüber; hier sind die Positio- nen vertauscht: während rechts der junge Tarquinius dem Tode schon näher ist, wird links den alten Brutus das bittere Ende Sekunden später ereilen.

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De spe vincendi

GAUDIUM: Bello victoriam spero.

RATIO: Cum fallax ubilibet, tum in bello fallacissima spes est. Nihil ex praemeditato agitur, inopine eunt omnia. Prudentissimus atque exercitatissimus militarium rerum fuit qui dixisse fertur „nusquam minus quam in bello eventus respondere".

GAUDIUM: Victoriam spero.

RATIO: „Pacem haberes utilius" eiusdem ducis verbum memorabile traditur. Melior tutiorque est certa pax quam sperata victoria.

GAUDIUM: Bello victor ero.

RATIO: Quid si victus? Haec spes multos in exitium egit. Sine victoriae spe nemo volens in aciem descendit.

GAUDIUM: Bello superior evadam.

RATIO: Futuri verbum temporis. Omnis enim de futuro spes, et futura semper ambigua.

GAUDIUM: Bello victor remeabo.

RATIO: O spes hominum inanes! Nee victor fortasse nee victus remeabis. Sic tibi reditum spondes apertumque inter gladios iter acri devotum classico Marti caput?

Von der Hoffnung auf Sieg

FREUDE: Durch Krieg erhoffe ich mir Sieg.

VERNUNFT: Trügerisch ist die Hoffnung auch sonst - am trügerisch- sten im Krieg. Nichts spielt sich da nach Vorplanung ab, unerwartet verläuft alles. Ein in militärischen Dingen besonders umsichtiger und geübter Mann war es, dem der Ausspruch zugeschrieben wird:

„Nirgends weniger als im Krieg entsprechen die Erfolge den Erwar- tungen."

FREUDE: Sieg erhoffe ich mir.

VERNUNFT: „Mehr Nutzen hättest du vom Frieden" - ein denkwür- diger Ausspruch, der von demselben Heerführer stammen soll. Besser und beschützter ist ein garantierter Friede als ein erhoffter Sieg.

FREUDE: Im Krieg werde ich der Sieger sein.

VERNUNFT: Und wenn nun der Besiegte? Diese Hoffnung hat schon viele in den Untergang getrieben; ohne Hoffnung auf Sieg geht niemand gern in den Kampf.

FREUDE: Ich werde aus dem Krieg als Sieger hervorgehen.

VERNUNFT: D U sprichst im Futurum. Jede Hoffnung bezieht sich ja auf die Zukunft, und alles Zukünftige ist zweifelhaft.

FREUDE: AUS dem Krieg werde ich als Sieger zurückkehren.

VERNUNFT: O leere Hoffnungen der Menschen! Vielleicht wirst du weder als Sieger noch als Besiegter zurückkehren. Bist du dir denn so sicher, daß du überhaupt heimkehrst und gar „auf waffenstarren- dem Weg, zu huldigen dem Kriegsgott, entblößten Hauptes bei schmetternder Fanfare"?

D E SPE VINCENDI

GAUDIUM: Esse victor spero.

RATIO : Est qui contrarium speret; vel utrumque vel alterutrum sit necesse. Potest vel alter vel uterque dux partium seu aliter seu mutuis vulneribus simul occumbere; quod et saepe credo alibi et quod nunc meminerim. Thebis ultimo inter fratres impios con- gressu 1 et Romae primo post exactos reges accidisse proditum est bello, ut Superbi regis filium Brutus consul ad inferos prosectus est.' Amisso autem spiritu victoria iam nulla est; quo servato saepe tamen ex acie pari Marte discessum tenes. Utrobique igitur ambos duces spe victoriae fraudatos constat. Unum nempe fraudari tam commune tamque cotidianum est quam in aciem proficisci. Quid scis autem, an unus ille tu sis, hac qua tibi blandiris victoriae spe fraudandus?

GAUDIUM: Bello vincam.

sie saepe tristis et sanguinolenta victoria

RATIO : Ut anceps semper

est. Non habetur gratis, quod vitae discrimine quaeritur. Care emitur, cuius sanguis est pretium, carius, cuius morte fieri potest, ut pars victrix ducem perdat. Ita tuis vincentibus vinci potes. Quid de victoriae sceleribus dicam? Non sunt tot victi miseriae, quot sunt peccata victoris. Quodsi peccato miserius nihil est, nee victus eo, quod vincitur, victore miserior, sed eo minus miser, quo minorum rerum damnis afficitur.

GAUDIUM:

Vincam.

RATIO: Ut ad summam redigam: et an vincas et an melius sit vicisse si viceris, in dubio est.

VON DER HOFFNUNG

AUF SIEG

FREUDE: Ich hoffe wirklich, Sieger zu sein.

VERNUNFT: Da gibt es einen, der das Gegenteil hofft! Geschehen müßte notwendigerweise eins von beidem oder auch beides. Es kann von den beiden Führern der feindlichen Gruppen der eine, es können aber auch beide, sei's durch wechselseitig beigebrachte Wunden oder auf andere Weise, zugleich unterliegen. Das ist anderswo, glaub' ich, schon oft geschehen; im Augenblick fällt mir Theben ein, wo die ruchlosen Brüder zu beider Ende aufeinander- prallten 1 ; auch in Rom hat es sich, der Überlieferung zufolge, im ersten Krieg nach der Vertreibung der Könige ereignet, als der Konsul Brutus den Sohn des Königs Superbus verfolgte, bis beide in die Grube fuhren 2 . Hat man aber das Leben eingebüßt, so ist das kein Sieg mehr; hat man es behalten, so gab es dennoch - das weißt du recht gut! - schon oft ein Verlassen des Schlachtfeldes nach unentschiedenem Kampf. So sind denn in beiden Fällen ganz sicher beide Führer um die Hoffnung auf Sieg betrogen. Daß sowieso der eine von beiden darum betrogen wird, ist so gewöhnlich und so alltäglich wie der Aufbruch zur Schlacht. Wie willst du aber wissen, ob nicht du jener eine bist, der um die Siegeshoffnung, mit der du dir schmeichelst, betrogen wird?

FREUDE: Im Krieg werde ich siegen.

VERNUNFT: Nicht nur immer ungewiß - auch traurig und blutig ist oft der Sieg! Umsonst ist er nicht zu haben; was man unter Lebensgefahr erwirbt, das kommt einen teuer zu stehen; wofür Blut der Preis ist, noch teurer; ist es der Tod, so verliert womöglich die siegreiche Seite ihren Führer, so daß du trotz Sieges der Deinen besiegt werden kannst. Und was soll ich über die Verbrechen des Sieges sagen? Es gibt nicht soviel Elend des Besiegten wie Frevel des Siegers! Wenn es nun nichts Elenderes als den Frevel gibt, so ist auch der Besiegte dadurch, daß er besiegt wird, nicht elender als der Sieger, sondern um so viel weniger elend, als er an Geringerem Schaden nimmt.

FREUDE: Ich werde siegen.

VERNUNFT: Um alles zusammenzufassen: ob du tatsächlich siegen wirst und ob es, wenn ja, besser ist, gesiegt zu haben - beides ist zweifelhaft.

Vom Sieg Der gepanzerte Sieger, fast in der Bildmitte, die im Hintergrund von einem Stadttor eingenommen wird, verweist mit triumphierender Handbewe- gung auf die Gefallenen am Boden. Die Grausamkeit seines Auftretens scheint anzudeuten, daß unter den vorn rechts Fliehenden vertriebene Städter zu verstehen sind.

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De victoria

GAUDIUM: At vici.

RATIO: Cave ne te vincat ira, superbia, crudelitas, furor, rabies! Hi sunt enim victoriae comites et victorum hostes invisibiles et hor- rendi, a quibus saepe clarissimi victores turpissime victi sunt. Nondum te vocat ad calculum Fortuna, longa et perplexa rationum series, creditrix violenta et pertinax, cum qua tibi nunc quoque negotium restat: mutuum reposcere solita est magno cum foenore.

GAUDIUM: Magno proelio vici.

RATIO: Victor proelio saepe victus est bello.

GAUDIUM: Vici autem.

RATIO: Quoties vicere Carthaginienses, quoties Galli gentesque aliae?! Quoties autem victi sunt Romani?! Sed spectandus est rerum finis, earum maxime, quae volvuntur et stare nesciunt.

GAUDIUM: Vici certe.

RATIO: Etsi certus belli exitus, adhuc eventus est dubius, et de laetis tristia, laeta de tristibus erumpunt.

GAUDIUM: Magnam victoriam quaesivi.

RATIO: Nil tam magnum, ut non nimio quaeri possit. Est ubi plus

Vom Sieg

FREUDE: Aber ich habe gesiegt.

VERNUNFT: Sieh dich vor, daß über dich nicht siegen: Zorn, Über- mut, Grausamkeit, Wut, Raserei! Sie sind ja des Sieges Begleiter und des Siegers unsichtbare und schauderhafte Feinde, von denen schon oft die berühmtesten Sieger am schändlichsten besiegt worden sind. Noch ruft dich das Schicksal nicht zur Endabrechnung. Lang und verwickelt ist die Reihe der Rechnungen, Fortuna eine gewalttätige und hartnäckige Gläubigerin, mit der dir selbst jetzt allerhand zu begleichen bleibt; ihre Art ist es, ein Darlehen mit hohen Zinsen zurückzufordern.

FREUDE: In einer großen Schlacht habe ich gesiegt.

VERNUNFT: Der Sieger in einer Schlacht ist schon oft im Kriege besiegt worden.

FREUDE: Ich habe aber gesiegt.

VERNUNFT: Wie oft haben die Karthager gesiegt, wie oft die Gallier und andere Völker! Wie oft dagegen sind die Römer besiegt wor- den! Hinschauen aber muß man auf das Ende der Dinge, besonders solcher, die sich drehen und keinen Stillstand kennen.

FREUDE: Jedenfalls habe ich gesiegt.

VERNUNFT: Mag der Ausgang eines Krieges auch sicher sein - blutig und fragwürdig bleibt das Ergebnis doch, und das Freudige kann in Trauriges ebenso wie das Traurige in Freudiges ausbrechen.

FREUDE: Einen großen Sieg habe ich errungen.

VERNUNFT: Nichts ist so groß, daß der Preis, für den man es erringt,

DE

VICTORIA

vulnerum ac funerum victoriosa pars computat. Si non credis, Xerxem atque Thermopylas interroga!

GAUDIUM:

Magnae victoriae sors

fuit.

RATIO: Vix potest magna victoria parvo pretio constare. De bello omnium maximo omnium maximus historicus dum ageret, „Adeo", inquit, „varia Fortuna ancepsque Mars fuit, ut propius periculo fuerint, qui vicerunt."

GAUDIUM: Plane vici.

RATIO: Non est plena victoria, ubi armatus hostis superest, quam- quam, etsi hunc oppresseris, alii renascentur; quasdam nempe victorias ceu sementes dicas esse bellorum. Sic odia ferro trunca repullulant densanturque, et redivivi in aciem redeunt bellatores

non ut fortassis imaginatio vehemens olim Cassio a se caesi hostis imaginem supremo illo suo die obviam dedit, tam tremendo aspectu, ut audacissimum virum, qui viventem illum non timuerat,

defuncti

species in fugam verteret 1 , sed ita, ut pro uno multi redditi

veris manibus verum ferrum moveant in illos, qui vicisse videban- tur.

GAUDIUM: Vici. Iam securus sine hoste

sum.

RATIO: Stulte! Dum erunt homines, non deerunt hostes. Tu Roma- nae urbi post innumeros triumphos edomitumque orbem non defuisse hostem legis, et tibi defuturum speras? Quiescenti forsan hostis deerit, at pugnanti nunquam.

GAUDIUM:

Victor

sum.

RATIO: Cave ne sis frustra! Uti scientibus victoria fructuosa est; uti

VOM SIEG

nicht zu hoch sein könnte. Manchmal zählt der siegreiche Feind insgesamt mehr an Wunden und Gräbern. Wenn du es nicht glaubst, frage Xerxes und die Thermopylen!

FREUDE: Das Los eines großen Sieges war mir beschieden.

VERNUNFT: ES ist kaum möglich, daß ein großer Sieg wenig kostet. Über den größten aller Kriege sagt der größte aller Historiker in seiner Darstellung: „So wechselnd und zweideutig war das Kriegs- glück, daß näher an der Katastrophe die gewesen sind, die schließ- lich gesiegt haben."

FREUDE: Ich habe klar gesiegt.

VERNUNFT: Der Sieg ist nicht vollständig, wo noch ein bewaffneter Feind übrigbleibt; ja, magst du den auch überwältigt haben, werden andere neu erstehen. Von manchen Siegen könnte man wirklich sagen, sie seien gleichsam die Saat von Kriegen: so sehr schlägt Haß, durch das Schwert gestutzt, wieder aus mit noch dichterem Laub, und auferstanden kehren die Krieger auf das Schlachtfeld zurück; und das vielleicht nicht nur in der Einbildung - wie sie einst voller Heftigkeit dem Cassius an seinem letzten Lebenstag das Bild des von ihm ermordeten Feindes entgegenstellte, so schauerlich anzuse- hen, daß ihn, den höchst verwegenen Mann, der vor dem lebenden Caesar keine Furcht gehabt hatte, die Erscheinung des dahinge- schiedenen in die Flucht trieb -', sondern so, daß aus dem einen viele werden und mit wirklichen Händen wirkliche Schwerter schwingen gegen die, die gesiegt zu haben schienen.

FREUDE: Ich habe gesiegt, und nun habe ich keinen Feind mehr und bin ohne Sorgen.

VERNUNFT: Wie töricht! Solange es Menschen gibt, werden Feinde nicht fehlen. Daß für die Stadt Rom nach unzähligen Triumphen und der Niederzwingung der ganzen Welt der Feind nicht ausblieb, kannst du nachlesen - und da hoffst du, bei dir werde er ausbleiben. Wenn du Ruhe gibst, wird er vielleicht ausbleiben, aber wenn du kämpfst, niemals.

FREUDE: Ich

bin Sieger.

VERNUNFT: Gib acht, daß du es nicht vergebens bist! Wer den Sieg zu gebrauchen versteht, dem trägt er Früchte. Unter „gebrauchen"

D E

VICTORIA

autem dico non eo modo, quo Maharbal Hannibali, sed quae Hanno, vir melior suae Reipublicae, consuluerat. 2 Nam profecto usus fructusque victoriae optimus pax est, neque ad alium quam ad pacis finem iusta bella suscipiuntur.

GAUDIUM: Victoria mecum est.

RATIO: Vide ne evolet allata est!

VOM SIEG

verstehe ich aber nicht die Art und Weise, zu der Maharbal, sondern die, zu der Hanno - ein Mann, der besser war als sein Karthago - dem Hannibal geraten hatte'. Denn in der Tat ist der beste Ge- brauch und Ertrag des Sieges der Friede, und zu keinem anderen Zweck als zum Frieden unternimmt man gerechte Kriege.

FREUDE: Der Sieg ist mein.

VERNUNFT: Wer weiß, ob er dir nicht bloß, um dir zu entfliegen, zugefallen ist?!

Von der Hoffnung

auf Frieden

Der Palmenzweig, das Symbol des Friedens, wird von dem von links herantretenden Ritter aus der Baumkrone gebrochen. Der Baumstamm, genau in der Mitte, dient dem wie mühsam gezähmt erscheinenden, prächtig geschmückten edlen Roß als Halt. Im Hintergrund Gebäude, die gleichsam für die nach Frieden sich sehnenden Bewohner stehen.

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CV. Capttel.

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De spe pacis

GAUDIUM: Spero pacem.

RATIO: Melius est pacem servare quam sperare. Stulti enim est fastidire res certas, ambiguas spes amplecti.

GAUDIUM: Pacem spero.

RATIO : Tenuisses eam arctius nee abire sineres quam sperares. Quid enim, si ad hanc spem impatientia te duxit tua, ut sperando angi eligeres, quo gaudendo uti poteras.

GAUDIUM: Pacem spero.

RATIO: Spes pacis multos perdidit, sperataeque pacis succedens insperata calamitas incautos obruit sopitosque, quos expertos inve- niens non laesisset.

GAUDIUM: Spero pacem.

RATIO: Quid tam diu speras, quod mox assequi in tua situm manu est? Rari sunt, qui pacem non inveniant, si bona fide velle coeperint. Sed his ipsis, quibus dulce nomen pacis, pax amara est; pacem itaque petentes paci obstant. Quattuor vobiscum habitant pacis hostes:

Avaritia, Invidia, Ira, Superbia. Has in aeternum exilium pellite! — pax aeterna erit.

GAUDIUM: Spes pacis haud dubia est.

Von der Hoffnung auf Frieden

FREUDE: Ich erhoffe mir Frieden.

VERNUNFT: Besser ist es, sich den Frieden zu erhalten als ihn sich zu erhoffen. Ein Tor, wer die sichere Wirklichkeit blasiert verschmäht, ungewisse Hoffnungen aber zärtlich umfängt.

FREUDE: Frieden erhoffe ich mir.

VERNUNFT: Hättest du ihn nur inniger festgehalten, ihn gar nicht erst gehen lassen, statt ihn nun zu erhoffen! Und wenn nun nur deine Ungeduld dich zu dieser Hoffnung geführt hat, so daß du lieber in Angst etwas erwartest, womit du in Freude leben konntest?

FREUDE: Frieden erhoffe ich mir.

VERNUNFT: Die Friedenshoffnung hat schon viele zugrundegerich- tet; statt des erwarteten Friedens ist dann ein unerwartetes Unglück über ahnungslose Schlafmützen hereingebrochen; wäre es auf Prak- tiker gestoßen, hätte es ihnen nichts anhaben können.

FREUDE: Ich erhoffe den Frieden.

VERNUNFT: Was hoffst du so lange? - du kannst ihn bald haben, es liegt nur an dir. Selten ist es, daß man den Frieden nicht findet, wenn man nur angefangen hat, ihn ernstlich zu wollen. Aber gerade die, denen das Wort „Frieden" süß klingt, finden den wirklichen Frie- den bitter. Daher stehen die Friedensforderer dem Frieden im Wege. Vier Friedensfeinde wohnen bei euch: die Habgier, der Neid, der Zorn, die Überheblichkeit. Treibt die in die ewige Verbannung, so wird ewiger Friede sein!

FREUDE: Die Hoffnung auf den Frieden ist nicht zweifelhaft.

D E SPE PACIS

RATIO: Inter spem pacis et pacem multa incidunt: leve verbum, gestus facilis compositam saepe turbavit pacem; ipsi tractatus pacifi- que sermones ferro saepe franguntur animosque acuit bellumque asperat pacis spes. Sic amicitiae mentionem irritam quasi cotem dixeris odiorum.

GAUDIUM: De pace igitur pax erit.

RATIO: De pace crebro nequiquam agitur, nonnunquam vero peri- culose de pace agebant, atque egerant et Gallorum et Poenorum duces, quando illos Camillus oppressit, hos Scipio.

GAUDIUM: Post belli finem pax firmabitur.

RATIO: Quanto firmata esset utilius ante belli principium! Quot damnis ac mortibus tempestiva pace esset occursum! Sed vos pueri contumaces ac dyscoli sine verberibus non sapitis, in pace bellum, in bello pacem quaeritis, neque unquam nisi bello afflicti pacem vel noscere incipitis vel amare eamque, ut perditam fletis, sie mox redditam pari levitate contemnitis, donec vos iterum atque iterum amissa perdoceat bona vestra non spernere, mala vestra non cupere, denique non ineptire, non furari quod, antequam assequamini, pudeat. Saepissime idem vobis audiendum nee audisse sat est, saepissime videndum et experiendum, dicam proprie; ut discatis aliquid, saepissime vapulandum est.

GAUDIUM: Bellum pax sequetur.

RATIO: Melius praecessisset bello iter obstructura! Nihil insanius quam spe remedii ultro vulneri sese offerre; auxilium, non causam

VO N DER HOFFNUNG AUF FRIEDEN

VERNUNFT: Zwischen Friedenshoffnung und Frieden kommt vieles in die Quere: ein unbedachtes Wort, eine leichtfertige Geste hat schon oft den Frieden gestört, ja, die Friedensverträge und Frie- densreden selber werden oft mit Waffen gebrochen, und das, was den Willen scharf und den Krieg erbittert macht, ist gerade die Hoffnung auf Frieden. So könnte man die Freundschaftsbeteue- rung, die ohne Wirkung bleibt, gleichsam den Wetzstein nennen, an dem die Feindschaften sich scharf schleifen.

FREUDE: SO soll denn aus dem (geschlossenen) Frieden der (dau- ernde) Friede werden.

VERNUNFT: Über den Frieden wird oft vergeblich verhandelt. Manchmal verhandelte man sogar mit Selbstgefährdung über den Frieden, wie es die Führer der Gallier und der Punier getan hatten:

über die Gallier wurde Camillus, über die Punier Scipio gewaltsam Herr.

FREUDE: Nach Kriegsende wird der Friede Festigkeit gewinnen.

VERNUNFT: Wieviel nützlicher wäre seine Festigkeit vor Kriegsbe- ginn gewesen! Wieviel Verluste, wieviel Sterben hätte ein rechtzeiti- ger Friede verhütet! Aber ihr widerspenstigen und störrischen Buben kommt ohne Schläge nicht zu Verstand, im Frieden sucht ihr den Krieg, im Kriege den Frieden, und erst in Kriegswöten, vorher nie, beginnt ihr, den Frieden kennen oder lieben zu lernen. Wie ihr ihm nachweint, wenn er verloren, so auch, mit der gleichen Leicht- fertigkeit, verachtet ihr ihn, wenn er euch wiedergegeben ist - bis sein immer wieder erlebter Verlust euch gründlich lehrt, eure Güter nicht zu verschmähen, eure Übel nicht zu begehren, endlich: nicht zu phantasieren und nicht im Handstreich etwas zu nehmen, woran ihr, bevor ihr es nahmt, nur mit Scham dachtet. Sehr oft müßt ihr dasselbe hören, aber das Hören reicht euch nicht, nein, sehr oft müßt ihr erst selber sehen und erleben, deutlicher gesagt: um etwas zu lernen, müßt ihr sehr oft Prügel beziehen.

FREUDE: Auf den Krieg wird der Frieden folgen.

VERNUNFT: Besser wäre vor dem heranrückenden Krieg im voraus eine Schranke errichtet worden. Nichts ist verrückter, als sich in der Hoffnung auf ein Heilmittel aus freien Stücken eine Wunde bei- bringen zu lassen, wo doch der Wundverband eine Hilfe gegen und

D E SPE PACIS

dant fomenta vulneribus; aegro salutem optare natura est, sano aegritudinem spe salutis insania.

GAUDIUM: Pax futura est.

RATIO: Solet pax urbibus mutationem rerum afferre pestiferam. Optima quidem ipsa, sed pessimis circumvoluta comitibus: iniquis legibus, fluxis moribus, occultis odiis, aperta tyrannide. Recordare quid civili olim bello praesagus ille dixerit nee fefellit:

„superos quid prodest poscere pacem? Cum domino pax ista venit" 1

Melior est autem servitus.

GAUDIUM: Pacem habeo.

RATIO: Interim bellum habes.

bellicosa

libertas viris fortibus

quam

pacifica

VON DER HOFFNUNG

AUF FRIEDEN

nicht ein Grund für die Wunden sein soll. Dem Kranken Heilung zu wünschen ist etwas Natürliches - dem Gesunden aber Krankheit, damit er auf Heilung hoffe, Wahnsinn.

FREUDE: ES wird Frieden geben.

VERNUNFT: Gewöhnlich bringt der Friede den Städten die Pest des Umsturzes. Zwar ist er selber etwas sehr Gutes, aber sehr schlimme Begleiter umzingeln ihn: ungerechte Gesetze, lockere Sitten, heim- liche Feindschaften, offene Tyrannei. Denk' an das, was einst im Bürgerkrieg jener ahnungsvolle Dichter gesagt und worin er sich nicht getäuscht hat:

„Frieden verlangen vom Himmel - was hilft's? Es kommt der Gebieter

Und mit ihm euer „Friede" 1 .

Besser aber noch ist für tapfere Männer kriegerische Freiheit als friedliche Knechtschaft.

FREUDE: Den Frieden habe ich jetzt.

VERNUNFT: Einstweilen hast du noch Krieg.

Von Frieden und Waffenstillstand Der Friedenstempel im Renaissancestil soll wahrscheinlich an das antike Rom erinnern. Für diese Deutung spricht, daß dem Petrarca-Meister unzweifelhaft durch Vermittlung von Sebastian Brant ein von diesem 1502 herausgegebener illustrierter Vergilband, enthaltend das Lehrgedicht „Vom Landbau" (Georgica), vorgelegen hat. Vergil spricht (III, lOff.) von einem Marmortempel, den er in seinem heimatlichen Mantua dem Augu- stus als dem Friedensfürsten und zugleich sich selbst als dem Dichterfür- sten dereinst errichten wird. Auf dem Bilde wollen der Krieg, dargestellt als gepanzerter Ritter, jedoch mit gesenktem Schwert, und der Friede, ein bekränzter junger Mann mit einer Fanfare in der Hand, den Tempel öffnen, in der offenkundigen Absicht, den Waffenstillstand zu schließen; die schwergerüsteten Reiter beiderseits im Hintergrund lassen erkennen, daß der Friede noch nicht gesichert ist.

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offt|emb

De pace et indutiis

GAUDIUM: Pacem habeo.

RATIO: Bonum ingens, si sincerum esset atque perpetuum. Neu- trum sane est. Nam neque novum est, sed commune nimisque cotidianum est, ut sub pacis umbra bellum lateat neque pacem quamvis puram diuturnam sinit animorum instabilitas secum assi- due non minus quam cum hoste pugnantium.

GAUDIUM: Pax quaesita

est.

RATIO : Sed amissa est cautio et disciplina militaris, fida urbium tutela, quaesita autem lenta segnities et semper periculosa securitas, cum in multis nempe sit melior bello pax, in hoc uno bellum melius, quod cautius atque experientius. Nunquam Romana virtus abiisset, si bellum Carthaginiense mansisset.' Pax Punica Romanae urbis excidium fuit urbibusque aliis documentum sempiternum non sem- per populis atque imperiis optimam pacem esse; idque vir optimus Nasica male non sibi creditum iurabit, et vera locutum omnes docti fatebuntur.'

GAUDIUM: Pacem habeo.

RATIO: Modeste utere! Bello quolibet funestior pax superba et negligens. Saepe armati inter gladios tuti, mox togati in gladios inciderunt et seris votis optavere bellum. Quid ruinam morum

Von Frieden und

Waffenstillstand

FREUDE:

Ich habe

Frieden.

VERNUNFT: Ein ungeheures Gut - wenn es echt und von Dauer wäre. Beides ist es natürlich nicht. Denn das ist nichts Neues, vielmehr etwas Gewöhnliches und nur allzu Alltägliches, daß unter dem Schatten des Friedens der Krieg lauert; und kein noch so reiner Friede kann lange dauern bei Unbeständigkeit der Herzen, die mit sich selber ebenso unablässig wie mit dem Feinde kämpfen.

FREUDE: Der Frieden

ist gewonnen.

VERNUNFT: Aber verloren sind die Vorsicht und die militärische Disziplin, die zuverlässige Beschützerin der Städte, gewonnen da- für die langsame Trägheit und die immer gefährliche Sorglosigkeit; ist doch in vieler Beziehung der Friede freilich besser als der Krieg, in dieser einen aber der Krieg besser, weil vorsichtiger und erfahre- ner. Die römische Tüchtigkeit hätte sich nie verloren, wenn man mit Karthago im Kriegszustand geblieben wäre.' Der punische Friede wurde für die Stadt Rom zerstörend und für andere Städte zur immer gültigen Lehre, daß nicht immer für Völker und Reiche der Frieden das Beste ist. Nasica, der Besten einer, hat hoch und heilig versichert, daß man zum eigenen Schaden ihm nicht geglaubt hat; und daß er die Wahrheit sprach, werden alle Gelehrten bezeugen. 2

FREUDE: Ich habe

Frieden.

VERNUNFT: Gebrauche ihn mit Maß! Verhängnisvoller als jeder beliebige Krieg ist der übermütige und nachlässige Frieden. Oft sind Leute, die in ihrer Rüstung zwischen Schwertern sicher waren, in Zivilkleidung bald in die Schwerter gestürzt und haben sich zu spät den Krieg zurückgewünscht. Was soll ich noch reden über den

D E PACE ET INDUTIIS

atque ipsius humanitatis interitum loquar? Quot iam bello viri optimi, pace pessimi evasere, quasi cum armis omnem penitus exuti virtutem mox cum toga vitia omnia induissent. Sic interior habitus cum exteriore mutatus est. Cuius quidem rei etsi multa milia hominum in testimonium trahi possunt, tamen abunde suffecerint testes duo: Sulla et Marius, quorum primum (ut de illo scribitur) neque laudare neque vituperare quisquam satis digne potest, qui, dum quaerit victorias, Scipionem se populo Romano, dum exercet saevitiam, Hannibalem repraesentavit. Secundus vero vir fuit, ut de illo itidem scriptum est, cuius si examinentur cum virtutibus vitia, haud facile sit dictu, utrum bello melior an pace perniciosior fuerit, adeo quam rem publicam armatus servavit, eam primo togatus omni genere fraudis, postremo armis hostiliter evertit.

GAUDIUM: Pacem patriae partam laetor.

RATIO: Quid si pax interdum, quod in homine Optimum est, exstinguit nutritque, quod est pessimum? Notum est illud Satyrici, qui, cum de causis priscae illius Romanae virtutis multa dixisset, inter quas est et proximus urbi Hannibal, ad extremum intulit:

„Nunc patimur longae pacis mala, saevior armis Luxuria incubuit victumque ulciscitur orbem."'

Estne autem (oro te) ulla pax tanti, ut non odiosa sit viris egregiis comitante luxuria? Certe altius cogitanti depositis licet armis pax videri nequit, ubi bello domestico, vitiorum insidiosissimo et ca- rente indutiis, oppugnantur animi, boni mores in exilium pelluntur, voluptates imperant, virtus opprimitur.

GAUDIUM: Pax firma est.

VON

FRIEDEN UND WAFFENSTILLSTAND

Verfall der Sitten und der Menschlichkeit selbst! Wie oft schon haben sich Kriegshelden zu Friedenstaugenichtsen entwickelt! - so als hätten sie zugleich mit ihrer letzten Waffe ihre letzte Tugend abgelegt und dafür mit der Zivilkleidung alle Laster umgelegt; so sehr hat sich da der innere Habitus mit dem äußeren gewandelt! Obwohl man hierfür viele Tausende zum Zeugnis heranziehen könnte, mögen zwei Zeugen mehr als genug sein: Sulla und Marius. Den Sulla kann man - wenn man sich an die Geschichtsschreibung hält - weder genug loben noch genug tadeln: im Gewinnen von Siegen hat er sich dem römischen Volk als ein Scipio, im Austoben von Grausamkeit als ein Hannibal dargestellt. Von Marius - wie- derum der Überlieferung zufolge - läßt sich bei prüfendem Ver- gleich seiner Vorzüge mit seinen Fehlern nicht leicht sagen, ob von ihm mehr Gutes im Kriege als Verderben im Frieden ausging: wohl hat er den Staat durch seine Waffentaten gerettet, ihn aber dann als Zivilist zuerst durch jede Art von Betrügerei und zuletzt mit Waffen wie ein Landesfeind untergraben.

FREUDE: Ich bin froh darüber, daß für das Vaterland der Frieden errungen ist.

VERNUNFT: Wenn nun aber bisweilen der Frieden das Beste im Menschen auslöscht und sein Schlechtestes nährt? Bekannt ist der Satz des Satirikers - vorher hatte er viel über die Gründe der altrömischen Tüchtigkeit gesagt, darunter auch etwas über Hanni- bal vor den Toren Roms - , mit dem er abschließt:

Jetzt sind wir krank an den Übeln des langen Friedens: Genuß- sucht,

Wilder als Waffen, rächt an uns die Welt, die besiegte." 3

Hat denn (ich bitte dich) irgendein Friede so großen Wert, daß er hervorragenden Männern nicht verhaßt sein müßte, wenn Genuß- sucht ihn begleitet? Wenigstens der Höherdenkende kann, auch wenn abgerüstet worden ist, darin nicht den Frieden erblicken, solange zu Hause gegen die Herzen ein Krieg mit vielen Tücken anstürmt, den die Laster führen und der keine Waffenruhe kennt, bei dem die guten Sitten verbannt werden, die Vergnügungen regieren, die Tugend unterdrückt wird.

FREUDE: Der Frieden ist fest verankert.

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PACE ET INDUTIIS

RATIO : Et pacis comites licentia et libido et (ut dixi) discrimina nee pauciora nee minora quam belli. Illa enim corporibus, haec animis pestes ferunt, saepe etiam corporibus. Itaque multis lorica felicior quam toga campusque securior quam thalamus, tuba quam tibiae, sol quam umbra. Sunt quibus nil tutius bello sit, quod Iulium Caesarem praedicantem de se suisque militibus audisti. Pacem vero, si sine vitiis veniret, et caeleste munus et seeundum nulli bonum fateor. Raro autem sine vitiis venit.

GAUDIUM: Sed feci indutias.

RATIO: Dedisti hosti spatium ad colligendas vires, quibus fortius te feriret.

GAUDIUM: Indutias habeo.

RATIO: Cognatae indutiis insidiae sunt. Multa per indutias hostiliter fieri vides, plura etiam facta legis, ut nulla alia re 4 belli consilia licentius agitantur, liberius contrahuntur auxilia. Quosdam bello invictos indutiae confecere.

GAUDIUM: Sunt mihi cum hostibus indutiae.

RATIO: Ignavum tempus, nee pace laetum nee bellis exercitum, sed dubiis inter utrumque pulsum fluctibus, ubi et tumor paci obstat et timor bello. Nescio, an sit gravius pendere quam ruere. Respirandi tempus optare fatigati est; miseri autem et insani est nee pacem pati posse nee bellum.

VON

FRIEDEN UND WAFFENSTILLSTAND

VERNUNFT: Auch des Friedens Begleiterinnen Zügellosigkeit und Begehrlichkeit und (wie ich schon sagte) Notstände, die nicht weniger und nicht geringer sind als im Kriege. Im Krieg bricht das Verderben über die Körper herein, im Frieden über die Geister, oft auch über die Körper. Daher bringt vielen der Panzer mehr Glück als die Toga, der Exerzierplatz mehr Sicherheit als das Schlafzim- mer, die Trompete mehr als das Flötenspiel, die Sonnenglut mehr als der Schatten. Manche sind am besten im Kriege geschützt; das entnimmst du aus dem, was Caesar über sich und seine Soldaten geäußert hat. Allerdings ist der Frieden, käme er ohne die Laster, ein Himmelsgeschenk und steht keinem anderen Gut nach, das gebe ich zu. Er kommt aber selten ohne die Laster.

FREUDE: Ich habe jedoch einen Waffenstillstand herbeigeführt.

VERNUNFT: Da hast du dem Feind Spielraum gegeben, um seine Kräfte zu sammeln und dann stärker auf dich einzuschlagen.

FREUDE: Ich habe den Waffenstillstand.

VERNUNFT: Mit dem Waffenstillstand sind Tücken verbunden. Vieles siehst du durch solche Tücken auf feindselige Weise gesche- hen; noch mehr derart Geschehenes kannst du nachlesen. So wird man besonders ungebunden im Betreiben von Kriegsplänen und in der freien Beschaffung von Kriegshilfe. Einige im Krieg Unbesiegte hat ein Waffenstillstand zur Strecke gebracht.

FREUDE: Es besteht zwischen dem Feind und mir ein Waffenstill- stand.

VERNUNFT: Das ist eine faule Zeit: sie wird weder des Friedens froh noch im Krieg geübt, sondern fluktuiert zwischen beiden; man ist noch zu stolz für den Frieden, schon zu furchtsam für den Krieg. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: in der Luft hängen oder zu Boden stürzen. Wer eine Atempause wünscht, der ist übermüdet. Ein Zustand des Elends und des Wahnsinns aber ist es, weder den Frieden noch den Krieg ertragen zu können.

Die Illustration zu Petrarcas pessimistischer Auslegung des heraklitischen Wortes vom universellen „Streit" zerfällt in zwei Teile (linkes und rechtes Bild). Ein systematischer Aufbau ist besonders im linken Bild erkennbar:

„Die gegenseitigen Vernichtungsformen sind in vier große Ordnungen gegliedert: Den Widerstreit der kosmischen Gewalten, die Kämpfe in der Tierwelt, die Vernichtung der Tiere durch den Menschen und die Streitig- keiten der Menschen untereinander" (Fraenger a.a.O. S. 60). Sturm gegen Sturm, Sonne gegen Regen, darunter auf dem Meer Fische gegen Fische, ein Habicht, der Enten scheucht, Raubvögel, die zum Fischraub niederstoßen. Links in der Dorfgasse oben ein einander herausforderndes, darunter ein schon miteinander kämpfendes Paar von Feinden. Vor der Bauernhütte, die das Zentrum des Ganzen bildet, sitzt ein alter Mann, der gegen die Mücken kämpft, während ein Kind zum Schlag auf den kahlen Schädel des Alten ausholt. Ganz vorn eine Kombination des Kampfes der Tiere gegeneinan- der und des Menschen gegen die Tiere: die Jagd auf den Wolf, der einen Ziegenbock geraubt hat. - Auf dem Bild rechts geht es scheinbar vorneh- mer zu: statt der Hütte dominiert die Villa mit Balkon und Butzenscheiben. Aber schon sind links Einbrecher eingedrungen, während rechts unter dem Haus der Tod den Liebhaber von der Seite der Geliebten reißt. Darüber der Löwe, der von hinten den Hirsch anfällt; weiter oben der Unfriede im Taubenschlag, gemäß der von Petrarca mitgeteilten Beobachtung, die so sehr im Widerspruch steht zu der oberflächlichen Vorstellung, die Tauben seien „die harmloseste Tierart". Ebenfalls dem Text Petrarcas entnommen sind „die Kriege der Wasserschlangen mit den Störchen", ein Drama, das den Vordergrund füllt. - Dazu auf beiden Bildern noch vieles andere zum Thema „Allkrieg", was, ohne daß es bei Petrarca steht, vom Holzschnitt- meister selber beobachtet sein mag.

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In librum secundum praefatio

Ex omnibus, quae vel mihi lecta placuerint vel audita, nihil paene vel insedit altius vel tenacius inhaesit vel crebrius ad memoriam rediit quam illud Heracliti: „Omnia secundum litem fieri." 1 Sic est enim et sie esse propemodo universa testantur. Rapido stellae obviant fir- mamento. Contraria invicem elementa confligunt. Terrae tremunt. Maria fluetuant. Aer quatitur. Crepant flammae. Bellum immortale gerunt venti. Tempora temporibus concertant. Secum singula, no- biscum omnia. Ver humidum, aestas arida; mollis autumnus, hiems hispida. Et quae vicissitudo dicitur, pugna est. Haec ipsa igitur, quibus insistimus, quibus circumfovemur et vivimus, quae tot illecebris blandiuntur, - quam (si irasci coeperint) sint horrenda, indicant terrae motus et concitatissimi turbines, indicant naufragia atque incendia seu coelo seu terris saevientia. Quis insultus grandi- nis! quaenam illa vis imbrium! qui fremitus tonitruum! qui fulminis impetus! quae rabies procellarum! qui fervor, qui mugitus pelagi! qui torrentium fragor! qui fluminum excursus! qui nubium cursus et recursus et coneursus! Mare ipsum praeter apertam et rapidam vim ventorum atque abditos fluctuum tumores incertis vicibus alternantes certos statutosque fluxus habet, cum multis in locis tum conspectius in occasu. Quae res, dum manifesti motus latens causa

Vorrede zum Zweiten Buch

Von allem Gelesenen oder Gehörten, das meine Zustimmung fand, hat wohl kaum etwas so tief sich mir eingeprägt, so zäh in mir gehaftet, so häufig dem Gedächtnis Grund zur Wiederholung gegeben wie jenes Wort Heraklits: „Alles geschieht gemäß dem Streit." 1 Ja, so ist es, und nahezu alles bezeugt, daß es so ist. In rascher Bewegung die Gestirne - ihr Gegensatz das Firmament! Die entgegengesetzten Elemente - ein Wechselspiel des Kampfes! Die Erde bebt. Die Meere fluten. Die Luft wird erschüttert. Es knistern die Flammen. Ewigen Krieg gegeneinander führen die Winde. Wetter streitet mit Wetter. Jedes Einzelne kämpft gegen sich selbst, alles zusammen gegen uns. Feucht der Frühling - trocken der Sommer; weich der Herbst - rauh der Winter. Und - was Wechsel heißt, ist Kampf! Eben das, worauf wir unsern festen Stand haben, worin wir ein umhegtes Leben führen, was uns mit soviel Verlok- kungen umschmeichelt - wie sehr dieses Selbe (wenn es erst einmal ergrimmt!) uns schauern macht, erweisen Erderschütterungen und heftigste Orkane, erweisen Schiffbrüche und Feuersbrünste, deren Wüten bald vom Himel blitzt, bald aus Erdkratern bricht. Wie wild greift doch der Hagel an! Was für eine Gewalt haben doch Regen- güsse! Welch Getöse der Donnerschläge, welch jäher Angriff des Blitzes, welch Wüten der Stürme! Was ist das für ein Sieden, für ein Brüllen der See! Welch Krachen der Wildbäche! Welch Hochwasser der Flüsse! Welch Jagen der Wolken hinüber, herüber und gegen- einander! Das Meer selbst hat, außer der offenen und rasenden Gewalt der Winde und den verborgenen Flutschwellungen, die in unsicherem Wechsel einander ablösen, auch sichere, festgelegte Strömungen von Ebbe und Flut, wie man es an vielen Stellen, am auffälligsten aber im Westen sieht - ein Vorgang, der sich zwar handgreiflich abspielt, dessen verborgene Ursache aber noch ge-

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quaeritur, non minorem philosophorum in scholis quam fluctuum ipso in pelago litem movit. Quid quod nullum animal bellis vacat:

pisces, ferae, volucres, serpentes, homines. Una species aliam exagi- tat. Nulli hominum quies data. Leo lupum, lupus canem, canis leporem insequitur. Est et canum stirps audentior, non lupis modo resistere, sed leones, pardos, apros, ursos insectari solita atque aggredi. Quorundam vero tam generosa ferocia et tam nobilis fertur elatio, ut ursos aprosque fastidiant inque solos elephantes aut leones dignentur irruere. Quälern unum Alexandra Regi missum con- temptuque tali male cognito contemptum occidique iussum legi- mus; 2 missumque inde alterum probatumque, qua decuit, dilectum- que regi unice atque in deliciis habitum. Nam ipsius canis erga hominem, cui fertur amicissimus, quanta sit Caritas, nisi quam conciliat spes cibi, praeter morsus et latratus implacabiles non tantum Actaeonis fabula,' sed discerptus vere probat Euripides. 4 Vulpina fallacia una quidem ex multis audita est. Piscatores, cum ad urbem piscem deferrent, quod aestate libenter noctu faciunt, ali- quando vulpeculam ceu exanimem calle medio transversam habu- isse; quam arreptam decoriaturi ex commodo, cum supra sarcinam proiecissent, illam, ubi se piscibus affatim implesset, subito prosilu- isse mirantibusque illis atque indignantibus effugisse. Iam qui alii (oro) vulpium doli! qui luporum ululatus! quod murmur ad caulas! quae corvorum miluorumque circa columbarum domus ac pul- lorum nidos vigilantia! quod inter se ut perhibent naturale atque aeternum odium! Alter alterius invadit nidum effractisque ovis spem prolis interimit. Nam cuculo non unus quidem alterque est hostis; omnes fere aviculae illi insultant profugo semper et querulo. Quaenam praeterea et quales mustellarum contra aspides insidiae! Quod circa divitum thalamos acumen furum! Quaenam ex diverso cuiusque pro se in suo genere excubiae, quantaque quamque vigil

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sucht wird, so daß er in den Philosophenschulen einen Streit erregt hat, der nicht geringer ist als der Streit der Fluten auf dem Meere selber. Und weiter: kein Lebewesen ist vom Krieg ausgenommen - Fische, Wildgetier, Vögel, Schlangen, Menschen. Eine Tierart hetzt die andere. Keinem Menschen ist Ruhe gegönnt. Der Löwe verfolgt den Wolf, der Wolf den Hund, der Hund den Hasen. Es gibt sogar eine besonders mutige Hunderasse, die nicht nur Wölfen zu wider- stehen, sondern auch Löwen, Panthern, Ebern, Bären nachzusetzen und sie anzugreifen pflegt. Manche sollen von so rassiger Wildheit und so hochfliegenden Mutes sein, daß sie die Jagd auf Bären oder Eber verschmähen und nur noch das Losstürzen auf Elefanten oder Löwen für ihrer würdig halten. Einer wurde - so habe ich gelesen - König Alexander übersandt; der aber verachtete das damals noch ungenügend bekannte Geschenk und ließ es töten. 2 Erst zu einem zweiten, gehörig erprobten Exemplar faßte er eine so einzigartige Zuneigung, daß es sein Lieblingshund wurde. Der Hund gilt zwar als besonders anhänglich an den Menschen, aber wie groß diese Liebe ist, wenn keine Hoffnung auf Fraß sie stiftet, das beweist außer den Bissen und dem unversöhnlichen Gebell nicht nur die AktaionsfabeP, sondern durch seinen wirklichen Tod - er wurde von Hunden zerrissen - auch Euripides/ Über Fuchslist eine Erzählung unter vielen! Als Fischer ihre Fische zur Stadt brachten, was sie im Sommer gerne nachts tun, fanden sie mitten auf einem Waldweg ein sich totstellendes Füchslein, das sie sich griffen in der Absicht, ihm zu ihrem Vorteil das Fell abzuziehen. Als sie es auf ihr Bündel geworfen hatten, habe es sich weidlich mit Fischen vollge- fressen und sei dann plötzlich abgesprungen und zu ihrem Schaden und Arger entflohen. Und was gibt es, ich bitte dich, nicht sonst noch an füchsischer Schläue! Und welches Geheul der Wölfe! Was für Geknurr in den Käfigen! Was für ein Spähen von Raben und Falken rings um Taubenschläge und Kükennester! Wie zeigen sie doch auch untereinander einen natürlichen und ewigen Haß! Einer bricht ein in des anderen Nest, zerbricht die Eier und vernichtet die Hoffnung auf Brut. Der Kuckuck gar hat nicht bloß den einen oder den anderen zum Feind - fast alle Vöglein setzen ihm zu, so daß er immerfort flieht und klagt. Welche Tücken - und was für welche! - von Wieseln gegen Nattern! Wie scharf sind die Diebe auf die Gemächer der Reichen! Was stellt jeder woanders, jeder für sich innerhalb seiner eigenen Sippe an Posten auf, und wie groß und wie

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repugnantia est! Quis venatorum, quisve aucupum artes ac laqueos, quis piscatorum hamos ac retia horumque omnium labores vigilias- que explicet! aut haec contra ferarum, avium, piscium ingenia! Quae cuncta quid sunt aliud quam litium instrumenta? Age quinam asylorum aculei vesparumque hisce cum pestibus quae boum proe- lia! qui sudores! Nee maior canum equorumque aut reliquorum quadrupedum pax quiesve. Quae muscarum aestiva taedia! Quae nivium, quas muscas albas ludo dicunt, hibernae molestiae! Quae murum perennis inquietudo, quae pulicum pernox obsidio, quae culicum lis diurna! Quae anguium ranarumque cum ciconiis, quae Pygmaeorum bella cum gruibus! Quas inter Arimaspos et Gryphes pugnas excitat auri sitis! 5 ut, quorum maior improbitas, haud facile iudicem, nisi quod illi rapinam, hi custodiam moliuntur, illos avaritia stimulat, hos natura. Idem et custodiae Studium et praedae distantissimo mundi tractu apud Indos invenio. Illic quoque suum aurum contra parem gentis avaritiam formicis quibusdam incredi- bili mole et mira feritate tuentibus. Basiliscus anguis reliquos sibilo territat, adventu fugat, visu perimit. Elephantem spiris draco impli- cat seu perosis; est enim incertum. Unde nonnullis animantibus inter se naturale odium, seu aestate algidum sitiens cruorem, quod et quidam tradiderunt, et pugnae exitus facit, ut credi possit; si verum est alterum exsanguem exsiccatumque mori, alterum vero fusi hostis hausto sanguine ceu bello victorem victumque deliciis et nimio potu ruptum mortuumque procumbere. Multa praeterea genus hoc atque imprimis acerrimus epotae dolor hirudinis et visi vel auditi muris fastidia ostendunt. Mirum dictu tantum animal et tantarum virium tam pusilli hostis horrere conspectu! Sed sie sine lite atque offen-

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wachsam ist die Abwehr! Was kennen die Jäger, die Vogelfänger für Künste und Fallstricke! Wer käme zu Rande mit den Angelhaken und Netzen der Fischer, mit den Mühen und Nachtwachen aller dieser Leute! - aber wie erfinderisch hiergegen sind dann wieder die wilden Tiere, die Vögel, die Fische! Und was ist das insgesamt anderes als: lauter Hilfsmittel des Streits? Sieh dir an, wie Bremsen und Wespen mit ihren Stacheln die Kühe quälen und diese sich schwitzend wehren gegen das Geschmeiß! Und Hunde, Pferde oder andere Vierfüßler haben auch nicht mehr Ruhe und Frieden vor den ekelhaften Fliegen im Sommer! Die Schneeflocken erst, die man im Scherz „weiße Fliegen" nennt, was fallen sie im Winter lästig! Was für eine Unruhe jahraus, jahrein mit den Mäusen, welche Heimsu- chung durch die Flöhe nächtelang! Und tagsüber der Kampf mit den Mücken! Und die Kriege der Wasserschlangen und der Frösche mit den Störchen, der Pygmäen mit den Kranichen! Die Arimaspen und die Greifen entfacht zu Kämpfen der Durst nach Gold\ wobei ich nicht leicht entscheiden kann, wer niederträchtiger ist: die einen, wenn sie auf Raub aus sind, oder die anderen, wenn sie ihren Schatz hüten; die einen stachelt die Habgier, die anderen ihre Vogelnatur. Ob Hehlen, ob Stehlen - den gleichen Eifer finde ich am anderen Ende der Welt bei den Indern. Auch dort schützt Sippe gegen Sippe ihr Gold mit der gleichen Habgier durch eine Ameisenart von unglaublicher Masse und erstaunlicher Wildheit. Die Kobra schreckt die übrigen Tiere durch ihr Zischen, scheucht sie durch ihr Nahen, vernichtet sie durch den Basiliskenblick. Den Elefanten umschnürt die Riesenschlange mit ihren Windungen. Oder was mag ihm sonst noch an ihr besonders verhaßt sein? - man weiß es nicht genau. Es gibt ja bei manchen Tieren einen natürlichen Haß gegeneinander: eins dürstet in der Sommerhitze nach des andern kaltem Blut, wodurch dann, glaubwürdigen Berichten zufolge, der Kampf mit dem Tode beider endet, vorausgesetzt, es stimmt, daß das eine blutlos und ausgetrocknet stirbt, das andere zwar des geschlagenen Feindes Blut schlürft und gleichsam im Kriege Sieger bleibt, aber, vom wonnigen Genuß besiegt und durch zuviel Trin- ken geborsten, tot niedersinkt. Viel dergleichen gibt es: besonders den grimmigen Schmerz eines ausgesogenen Blutegels und ebenso den Ekel einer in Sicht- und Hörweite gekommenen Ratte vor ihm. Sonderbar: ein so großes Tier von solcher Kraft erschrickt beim Anblick eines so winzigen Feindes! So hat Mutter Natur eben nichts

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sione nil genuit natura parens. Leo ipse generosum ac securum animal, pro defensione foetuum ferrum spernens, neu forte visum terreat nee aspiciens quidem rotarum strepitum vacuos currus agentium et gallinaceorum cristas quis non stupeat (si vera fama est) magisque etiam cantus, super omnia vero flammas metuere crepi- tantes traditur. Ea ergo huic generi lis propria est, praeter illam communem feris omnibus venationem. Est et sua lis tigribus, raptae prolis et profugi hostis ludificantis instantem. Lupo una semper cum fame perpetua rusticisque ac pastoribus lis manet. Venenosa loquor et ferocia. Quaenam vero mansuetis gregibus est quies? Quantis nisibus quantisque odiis confligunt sues! quantis armen- torum duces! quaenam inter illos certamina, quaenam fugae, quae victoris insolentia, quis victi dolor, quae iniuriarum recordatio, qui reditus ad vindictam! Quis non legendo perpendit, ut poetarum ingenia et bellaces exercent tauri et inter se adversis luctantes cornibus haedi? quid de aliis? - est lis omnibus una, nilque non secundum litem fit. Quando novum ad praesaepe hospes equus, quando pullus advena quietum cibum inter pares sumpsit? Quis non illud advertit gallinis foetantibus pro imbecilli familia, quantus ardor, impatientia quanta sit! Quamquam est id quidem commune omnium: nullum tam mite animal, quod non amor subolis ac metus exasperet. Galli se calcaribus impetunt, et natura et cruore rutilas cristas inter vulnera detinent totis corporibus obnixi. Tantum invi- diae, tantumque superbiae parvo regnat in pectore, tanta vincendi cupiditas, tanta cedendi pudor est anatum; et anserum pertinaciam quis non vidit? ut pectoribus se perurgent, clangoribus increpitant. aus diverberant, rostris haerent. Et quidem in ferocibus minus miri.

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erzeugt, was ganz ohne Kampfes- und Angriffskraft wäre. Der Löwe selber, das hochgemuteste und unbekümmertste Tier, das zur Verteidigung seiner Jungen das blanke Eisen nicht scheut - als schreckte nicht auch ihn ein zufälliger Anblick, so daß er nicht einmal hinzuschauen wagt, wenn mit großem Getöse der Räder leere Wagen vorbeifahren; ja, er soll schon die Kämme der Hähne und erst recht ihr Krähen fürchten - wer staunte da nicht? (ange- nommen, der Bericht stimmt!) - und mehr als alles das Knistern der Flammen. Das also ist der dieser Tierart eigene „Streit", außer der allen Raubtieren gemeinsamen Jagd. Seinen eigenen „Streit" hat der Tiger, wenn er dem mit seinen geraubten Jungen geflüchteten Feind nachjagt, der sein Spiel mit ihm treibt. Dem Wolf ist ein einziger „Streit": der mit seinem ewigen Hunger und mit den Bauern und Hirten, vorbehalten. Ich rede von giftigen und unbändigen Wesen - leben aber friedliche Herden in Ruhe? Wieviel Kraft, wieviel Haß bieten die Schweine auf, wenn sie miteinander kämpfen! wieviel die Leithammel! Was sind das für Wettkämpfe zwischen ihnen! mit wieviel Flucht, wieviel Siegerübermut, Schmerzen der Besiegten, Gedenken ans Unterlegensein, Wiederantreten zur Rache! Wem wäre nicht beim Lesen der Gedanke an die Dichter gekommen wie sehr doch kriegerische Stiere und mit gegeneinander gekehrten Hörnern sich bekämpfende Böcke ihren Geist erregen! Und auch sonst - es herrscht überall ein einziger „Streit", und nichts ist, was nicht „gemäß dem Streit geschieht". Wann hätte ein Pferd als Gast neu an der Krippe, wann ein Hähnchen als Neuankömmling unter seinesgleichen in Ruhe sein Futter verzehrt? Wer hat nicht schon beobachtet, was die Glucken für ihre schwache Brut aufbringen an Leidenschaft, die sich nichts gefallen läßt! Das ist freilich etwas allen Gemeinsames: es gibt kein noch so sanftes Tier, das nicht zu erbittern wäre durch die Liebe zum Nachwuchs und die Furcht für ihn. Die Hähne gehen mit den Fußsporen aufeinander los, packen einander bei den schon von Natur und nun von Blut geröteten Kämmen, trotz der Wunden mit dem ganzen Leib ineinanderge- stemmt. So großer Haß, so großer Stolz herrscht in so kleiner Brust, so groß ist die Gier nach dem Sieg, die Scham vor dem Nachgeben bei den Erpeln; und die Hartnäckigkeit der Ganter! - wer hätte nicht schon zugesehen, wie sie sich mit den Brüsten bedrängen, mit Geschnatter beschimpfen, einander mit den Flügeln peitschen, mit den Schnäbeln ineinander hängen! Bei den wilden Tieren wundert

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usitatum et commune est, ut animalia maiora minorum pernicies ad sepulcrum sint. Fera feram, avis avem, piscis piscem, vermem vermis rodit. Quin et litoriae volucres aquatiaeque quadrupedes aequor, stagna, lacus et flumina rimantur, exhauriunt et infestant, ut mihi omnium inquietissima pars rerum aqua videatur, et suis mori- bus et incolarum perpetuis acta tumultibus; quippe quae novorum animantium atque monstrorum feracissima esse non ambigitur, usque adeo ut vulgi opinionem ne docti quidem respuant: omnes prope, quas terra vel aer animantium formas habet, esse in aquis, cum innumerabiles ibi sint, quas aer et terra non habent. Et in his quidem ferme omnibus praeda vel odium litem parit.

Quid quod his cessantibus lis non cessat?! Age enim in amore quantus zelus, quanta in coniugio dissonantia, quot querelae, quot suspiciones amantium, quae suspiria, qui dolores, quanta non dico dominorum ac servorum, qui non ideo minus infesti, quia domestici hostes sunt, cum quibus nulla unquam pax speranda, nisi quam vel mors fecerit vel paupertas; non dicam fratrum, quorum gratiam raram ipsa veritas ore Nasonis testata est, non filiorum in parentes, quod eiusdem poetae Carmen canit, sed parentum, quorum opina- tissimus est amor, quanta indignatio in filios, quos, dum bonos cupiunt, malos lugent; atque ita quodammodo, dum valde diligunt, oderunt. Et fraternum quidem paternumque vincli nominum arctis- simi saepe sine amore interdumque cum odio videmus. Veniam ad amicitiae sanetum nomen, quod ab „amando" dictum absque amore nee esse certe nee intelligi potest. Quanta vero in amicis, quamvis finium concordia, viae tamen actuumque discordia, quanta opi- nionum atque consiliorum conflictatio est! ut vix Ciceroniana diffinitio stare queat: sit enim inter amicos „benevolentia et Caritas", deest tamen illa omnium divinarum humanarumque rerum consen- sio, 6 ex qua ille diffinitionem conficit. Quid in odio speres igitur?

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rnan sich schon weniger, da ist es ja gebräuchlich und gewöhnlich, (daß die größeren die kleineren zu Leichen zermalmen. Raubtier zehrt an Raubtier, Vogel an Vogel, Fisch an Fisch, Wurm an Wurm. Und wie erst die Strandvögel und die Wassertiere Meer, Teiche, Seen und Flüsse durchwühlen, ausschöpfen und unsicher machen, so sehr, daß mir von allen Dingen das unruhigste das Wasser zu sein scheint, das ebensosehr von seinen eigenen Bewegungen wie vom ständigen Aufruhr seiner Bewohner erregt ist. Zweifellos ist es an neuartigen Lebewesen und Ungeheuern am fruchtbarsten; daher sind auch die Gelehrten der Volksmeinung nicht abgeneigt, die annimmt, daß ungefähr alle Formen der auf der Erde oder in der Luft lebenden Wesen auch im Wasser zu finden sind, während dort unzählige Arten leben, die es in der Luft und auf der Erde nicht gibt. Und hier bringen durchweg Beute oder Haß den Streit hervor! Was dann aber, wenn da, wo sie fehlen, doch der Streit nicht fehlt?! Sieh einmal hin: in der Liebe! - wie groß ist da die Eifersucht! wie schwer sind da die ehelichen Konflikte! unter den Liebenden wieviel Streitigkeiten, Verdächtigungen, Schmerzen! Und zwischen Herren und Knechten: da wird die Feindschaft nicht etwa deswegen weniger erbittert, weil die Feinde in häuslicher Gemeinschaft leben; Frieden ist da nicht zu erhoffen, es sei denn der Tod oder die Verarmung der Herren stellt ihn her. Und zwischen Brüdern? - wie selten da der Dank ist, bezeugt die Wahrheit selber durch den Mund Ovids, desgleichen den Undank der Söhne gegen die Väter, den ein Gedicht desselben Dichters besingt. Umgekehrt ebenso: was sind doch Väter über ihre Söhne, bei aller Affenliebe, oft entrüstet, wünschen sich gute und trauern über schlechte Söhne, so daß gerade aus der starken Liebe zu ihnen eine Art von Haß wird. „Brüder- lich", „väterlich" sind zwar Namen für engste Bindung, aber oft sehen wir dahinter Lieblosigkeit, oft sogar Gehässigkeit. Nun zu dem geheiligten Wort „Freundschaft"; „amicitia" kommt zwar von „amare" und kann jedenfalls ohne das, was „amor" heißt, weder existieren noch begriffen werden; aber was gibt es unter Freunden, mögen sie über die Ziele noch so einig sein, trotzdem für Uneinig- keit über Wege und Taten! wie groß ist das Gegeneinander der Meinungen und Ratschläge! Darum läßt sich Ciceros Definition kaum halten: angenommen nämlich, es bestehe zwischen Freunden Wohlwollen und Liebe, so fehlt doch jene „Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen'" 1 , die er seiner Defini-

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Est et in amore odium et in pace bellum et in consensione dissensio. Ostendam tibi sie esse ex his ipsis, quae assidue in oculis sunt. Feras aspice, quas ferro indomitas omnipotens amor domat! Intende animum: leaenae, tigres, ursae, quanto cum murmure veniunt ad id, quod cupidissime faciunt! - non cupidas, sed coaetas putes. Fe- rarum aliae, dum coeunt, magnis stridoribus, aliae rapidis unguibus inquietae sunt. Iam si credimus, quod de natura viperea magni scribunt viri, quanta rerum contrarietas quantumque litigium! Ma- ris caput sua quadam naturali, sed effrenata dulcedine in os viperae insertum illa praecipiti fervore libidinis amputat. Inde iam prae- gnans vidua, cum pariendi tempus advenerit, foetu multiplici prae- gravante et velut in ultionem patris una quoque quam primum erumpere festinante discerpitur. Ita duo animantium prima vota:

proles et coitus, huic generi infausta penitusque mortifera depre- henduntur, dum marem coitus, matrem partus interimit. Apium alvearia contemplare! - quae illa coneursatio, qui strepitus, quae- nam non modo bella cum proximis, sed civiles (ut ita dixerim) discordiae ac bella domestica! Columbarum nidos intuere: simpli- cissimum animal (ut memorant) feile carens, quantis, quaeso, cum proeliis quantisque clamoribus vitam dueunt! Indisciplinatis in castris ac barbaris esse videare, adeo nee luce pacati aliquid nee nocte quidem videas. Mitto autem insultus in alterutrum; ipsum in se vinclo voluptatis affectum par eamque ob causam Veneri sacrum - quantum querimoniis adoptatum fertur, ut saepe columbam cireuit, saepe aus rostroque persequitur suus amans!

Ad minutissima te remittam, quae non ut minor sie et minus speetabilis minusve laboriosa materia est. Quaenam ergo aranearum insidiae et quam vigil intentio! quae captandis infirmioribus telarum

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tion zugrundelegt. Was soll man sich nun aber vom Haß erhoffen? - und es steckt in der Liebe Haß, im Frieden Krieg, in der Überein- stimmung Widerspruch. Daß es sich so verhält, will ich dir direkt an Dingen zeigen, die wir ständig vor Augen haben. Sieh dir die wilden Tiere an: die das Schwert nicht bezwingt - die allmächtige Liebe bezwingt sie. Achte einmal auf Löwinnen, Tigerinnen, Bärinnen:

mit wie grimmigem Knurren sie an das gehen, was sie am begierig- sten tun! Nicht für begierig - für gezwungen könnte man sie halten. Einige wilde Tiere begatten sich unter lautem Zischen, andere reißen einander mit den Krallen vor Aufregung. Nun erst, wenn wir glauben, was bedeutende Männer über die Schlangennatur schrei- ben: welche Gegensätzlichkeit herrscht da, welcher Zank! Den Kopf des Männchens, der mit an sich natürlicher, aber hemmungs- loser Wollust ins Maul des Weibchens gleitet - in jäher Überhitze des Lustverlangens beißt sie ihn ab. Wenn sie dann, trächtig und verwitwet zugleich, in die Zeit des Gebarens kommt, will die zahlreiche und viel zu schwere Brut, wie um den Vater zu rächen, auf einen Schlag ausbrechen - und die Mutter zerbirst. So zielt bei zwei Lebewesen zwar der höchste Wunsch auf Fortpflanzung und Begattung, bei dieser Tierart aber erweist sich das als schlechthin tödlicher Unglückswunsch, wenn doch den Mann die Begattung, die Mutter die Geburt vernichtet. Betrachte die Bienenstöcke! - was ist das für ein Hin- und Herrennen! was für ein Gesumme! Was tragen sie für Kämpfe aus, nicht nur mit den Nachbarn, nein, auch - sozusagen - Bürgerkriege, häusliche Zwistigkeiten! Bitte sieh dir die Nester der Tauben an, der harmlosesten Tierart, der sogar, wie berichtet wird, die Galle fehlt! - wieviel Schlachten, wie großes Geschrei, womit sie ihr Leben hinbringen! Du könntest meinen, in einem undisziplinierten Barbarenlager zu sein - so wenig Frieden kannst du bei Tage, ja selbst in der Nacht bemerken. Ich will nicht weiter von ihren gegenseitigen Angriffen reden, nur von der gleich- starken Zuneigung, die sie in wechselseitiger Wollust so aneinan- derkettet, daß ihre Liebe als der Venus heilig gilt! - aber welche Klagen des sehnlichen Wunsches! wie oft umschwirrt der Liebha- ber seine Taube, wie oft verfolgt er sie mit Schnabel und Flügeln! Ich möchte dich auch auf Vorgänge kleinsten Ausmaßes verwei- sen, die deswegen, weil sie weniger Raum einnehmen, nicht etwa weniger sehenswert oder weniger mühevoll sind. Denke also an die Tücken der Spinnen, an ihre gespannte Wachsamkeit! Was sind das

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scaena, qui retium obtentus fallaciis ac rapinis! Quid pannis tineae! quid caries tignis nocturnique vermiculi non sine taedio et obtuso quodam sub strepitu trabium viscera fodiente, illarum maxime, quibus caedendis lunae ac mensium observatio diligens sit neglecta; quae latens pestis ut fumosis tectis agrestium sie auratis regum laquearibus insultat, templis quoque sacratis et altaribus sacrisque opibus philosophantium non parcit, quin et librorum postes et membranas et literas. Addam, quod nisi pice liquida levique incen- dio sit occursum, nonnumquam periculi vel naufragii etiam est causa et maria ingredi et carinas navium terebrare ausa saepe bellum grave nescientibus intulit. Praeterea quid bruchus oleribus? quid segetibus locusta? quid messibus seu anser advena, seu passer indigena, seu grus domicilii translatrix volucresque alia impor- tunum genus? Unde illud Georgicum Vergilii, quod mirari soleo, iam non miror: ut aves sonitu terreantur. Rure enim nunc Italico habitanti unum hoc ex multis aestivis taediis esse coeperit: sie mihi ad vesperam et insultus volucrum et lapidum collisio et villici clamor durat. Ad haec quid ericius vindemiae? quid aerugo herbis? eruca frondibus? talpa radieibus? quid postremo areis horreisque „curculio atque inopi metuens formica senectae'Y ut ait ille? Quis fervor et perexigui animantis inquietudo, ut, dum brumae suae consulit, nostram turbat aestatem? Tardus essem ad credendum aliis, expertus scio, quantum non solum taedio, sed et damno sit pulverulentum illud ac trepida semper expeditione festinum agmen, ut non tantum agros, sed arcas et thalamos et promptuaria populen- tur. Iam credere incipiam Pisanis in finibus castrum, quod haud

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für Vorführungen von Waffen zum Fangen der Schwächeren, was für Truggespinste von Netzen zu List und Raub! Und die Motten im Tuch! das Morschwerden von Holz, wenn nachts die Würmchen sich mit widerwärtigem, dumpf raschelndem Geräusch durch das Innerste der Balken graben, besonders wenn beim Baumschlag Mondphasen und Monate, statt aufmerksam beobachtet zu werden, vernachlässigt worden waren. Was ist das für eine heimliche Pest, die nicht nur die rauchgeschwärzten Dächer der Bauern, sondern ebenso die vergoldeten Zimmerdecken der Könige angreift, ge- weihte Tempel und Altäre so wenig schont wie die heiligen Schätze der Philosophierenden, in deren Pergamenten und Buchstaben das Verderben bohrt! Ich möchte noch hinzusetzen, daß der Holz- wurm, wenn man ihm nicht mit flüssigem Pech und durch Abbren- nen entgegenwirkt, manchmal zur Ursache von Gefahr und selbst von Schiffbruch wird, ja, daß er dreist auf die Meere übergegriffen, Schiffskiele durchgebohrt und so schon oft einen schweren An- griffskrieg gegen Ahnungslose geführt hat. Überdies: was tut die Heuschreckenlarve dem Gemüse an! was den Saaten die Heuschrecke! was den Ernten die Gans, die dort Besuch macht, der Sperling, der dort zu Hause ist, der Kranich, der unstet wohnt, und alle möglichen lästigen Vogelarten! Da hat es ja Vergil her (in seiner Dichtung „Vom Landbau"), wie man Vögel durch Lärm erschreckt - eine Schilderung, die mich nicht mehr, wie sonst beim Lesen, verwundert. Ich wohne nämlich jetzt in Italien auf dem Lande, und zu dem vielen sommerlichen Ärger ist einer hinzugekommen: bis zum späten Abend dauern die Einbrüche der Vögel, das Aneinanderschlagen der nach ihnen geworfenen Steine und das Geschrei des Pächters. Und der Igel an den Trauben? der Rost auf den Kräutern? die Raupe im Laub? der Maulwurf an den Wurzeln? Ferner die Ameise, die, mit Vergil zu reden, „vor der Armut des Alters sich fürchtet" 7 . Was für eine siedende Unruhe in dem winzigen Tierchen: gewiß, für seinen eigenen Winter sorgt es vor, aber dafür stört es unseren Sommer! Anderen es zu glauben würde ich zögern, aber ich weiß aus Erfahrung, wie groß nicht nur der Ekel, sondern auch der Schaden ist, der von jenen staubigen, immerfort in hastiger Unter- nehmung umhereilenden Kolonnen herrührt, die nicht nur die Felder, sondern auch die Truhen, Stuben und Vorratskammern verheeren. Ich möchte nachgerade glauben, daß es im Gebiet von

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