DER VIERTE WEG

GURDJIEFF ° OUSPENSKY ° BENNETT
DER VIERTE WEG
GURDJIEFF ° OUSPENSKY ° BENNETT
GEORGES I. GURDJIEFF. EIN HINWEIS AUF SEIN
LEBEN UND WERK 1

Am 29. Oktober 1949 starb in Paris ein höchst außerordentlicher Mann: G. Gurdjieff,
betrauert von Freunden und Schülern aus vielen Ländern. Er starb, während sein erstes
Buch in vier Ländern im Druck war - ein Gleichnis gewissermaßen seiner
immergewahrten und gewollten Anonymität der größeren Öffentlichkeit gegenüber,
trotzdem sein Aktionsradius von Tibet über Europa bis nach Amerika reichte.
Hinterlassen hat er derWelt ein vierfaches Gut:
1. S e i n e S c h r i f t e n
2. S e i n e M u s i k
3. S e i n e „B e w e g u n g e n“ u n d T ä n z e
4. S e i n e w o h l v o r b e r e i t e t e Ü b e r l i e f e r u n g

Mir, als dem einzig Lebenden seiner deutschsprachigen Anhänger und Übersetzer seiner
Schriften ins Deutsche, fällt die Aufgabe zu, für alle meine Brüder gleicher Zunge, wenn
auch sehr unzulänglich, so doch auf Gurdjieff hinzuweisen. Gurdjieff wurde 1872 in der
Gegend des Ararats geboren, von alters her ein Knoten- und Kreuzungspunkt vieler
Völker und Kulturen. Seine Vorfahren stammten von Griechenaus Cäsarea ab, deren
Geschichte weit vor Christi zurückreicht. Er wuchs in einer patriarchalischen Familie unter
geradezu biblischen Lebensumständen auf. In der zweiten Serie seiner Schriften
„Begegnungen mit hervorragenden Menschen“, schildert er seinen Vater, einen letzten
Barden und ursprünglichen Denker, seinen ersten Lehrer, den Dechanten der militärischen
Kathedrale in Kars, der seinen fähigen Schüler für die Laufbahn eines Priesters und Arztes
zugleich bestimmte, das heißt, zur Heilung desganzen Menschen. Er selber hatte großes
Interesse für alle Wissenschaften und zeigte gleichzeitig große Geschicklichkeit mit den
Händen, weshalb er sich in vielen Gewerben versuchte. Aber einige Jugenderlebnisse in
der seltsamen kaukasischen Umgebung, für die er keine Erklärung in der Wissenschaft
fand, ließen ihn früh über den Sinn des Lebensnachdenken und an dem zweifeln, was die
Leute sagen. So kam es dahin, daß er sich noch jung auf die S u c h e n a c h w a h r e m
für a l l e Z e i t e n und für a l l e M e n s c h e n gültigem W i s s e n aufmachte.
Nachdem er verschiedene mittelalterliche Ruinen und altarmenische Literatur studiert
hatte, kam er zu der Überzeugung, daß die Menschen früherer Zeiten einWissen besessen
hatten, das im Laufe der Zeit verlorengegangen war. Im Verein mit einigen jungen
Freunden machte er sich auf die Suche nach Überresten oder Spuren dieses alten Wissens
auf. Sie nannten sich „Wahrheitssucher“ und kamen in abgelegene Klöster, die uralte
Traditionen bewahrt hatten, trafen Derwische, heilige Männer und Mitglieder der
verschiedensten religiösen Bruderschaften. Später gesellten sich Leute ausverschiedenen
Wissenszweigen und mit größeren materiellen Hilfsmitteln zu ihnen, einArchäologe, ein
Geologe, ein Ingenieur, ein Arzt, Sprachwissenschaftler usw. Einigen von diesen hat
Gurdjieff auch in der zweiten Serie seiner Schriften ein Denkmal gesetzt. Ihre Reisen ging
nach Persien, Turkestan, Tibet, Indien, der Wüste Gobi, Ägypten. Gerüchte, daß Gurdjieff

1 http://gurdjieffclub.com/de/articles-essay-louise-march-g-gurdjieff-a-call-for-attention-to-his-life-and-work
in Tibet eine führende Rolle im englisch-tibetanischen Krieg gespielt habensoll, sind aus
dieser Zeit erhalten geblieben. Gelegentlich tauchte er zu Hause auf und verschwand
wieder, betrieb auch zwischendurch verschiedene Geschäfte und Gewerbe, um sich seinen
Unterhalt zu verdienen. Seine Spuren werden für uns erst um 1912 herum deutlich.
Damals war er an die vierzig, lebte in St. Petersburg und hatte Schüler um sich, die von
seiner ungewöhnlichen Originalität und Echtheit angezogen waren. Sie empfanden alle
etwas von dem, was eines meiner Kinder so zum Ausdruck brachte: „Er sieht a n d e r s
a u s und er i s t a n d e r s als alle anderen L e u t e.“

Damals lernte ihn der Schriftsteller D. P. Ouspensky kennen,
der durch seine Erforschung der vierten Dimension auf
psychologisch-philosophischem Gebiet bahnbrechend
geworden ist. Er fand in ihm alles, was er, der selbst gerade
aus Indien zurückgekehrt war, an verschiedenen Orten im
Osten vergeblich gesucht hatte. In seinem letzten Buch Auf
der Suche nach dem Wunderbaren. Fragmente einer
unbekannten Lehre schildert Ouspensky sein
Zusammentreffen mit Gurdjieff und gibt wörtlich viele seiner
Gespräche mit Gurdjieff wieder, oder genauer gesagt,
Gurdjieffs gewichtige Antworten auf die prägnanten Fragen
Ouspenskys sowie anderer Schüler. Gurdjieff kannte sich auf
allen Gebieten aus und brachte Licht in die dunkelsten
Ecken. Besonders gab er eine neue Auffassung vom Sinn und
Zweck des menschlichen Daseins und dem, was Evolution
wirklich ist. Er ging über alles bekannte Universitätswissen hinaus, auch über das, was
gewöhnlich Religion genannt wird; er konnte helfen, wo die üblichen Ärzte und
Seelsorger versagten. Aber er hielt keine Vorlesungen, er drängte sein Wissen niemandem
auf, im Gegenteil, es war schwer, es aus ihm herauszuholen und man mußte wirklich
ernsthaft suchen, wirklich es sich etwas kosten lassen, w i r k l i c h m e h r a l s W o r t e
w o l l e n. Bei ihm hatte alles Hand und Fuß, das große Ferne kam einem nahe und wurde
deutlich wie die eigene Hand, das nahe Kleine wurde millionenfach vergrößert und
deshalb erkennbar. Alles übrige Denk- und Glaubens“gut“ des modernen Menschen
flatterte wie Motten am Licht, wenn es in das Blickfeld Gurdjieffs kam. Dafür gab er zu
ahnen, in seiner Sprache „zu kosten“, w a s „d e r W e g“, „d i e W a h r h e i t“, „d a s L e
b e n“ i n W i r k l i c h k e i t i s t.

Damals war er im Begriff, ein großes Institut zu gründen, „Institut für die harmonische
Entwicklung des Menschen“, in dem der physische, emotionelle und denkerische Teil des
Menschen auf gleiche Weise erzogen und Aufmerksamkeit und Wille zur Erkenntnis und
Lenkung seiner selbst herangebildet werden soll. Er hatte schon viele wissenschaftliche
Apparate aus Deutschland kommenlassen, als die politischen Ereignisse alles vereitelten;
der erste europäische Krieg brach aus. So unglaublich es klingen mag, auch ein solches
enormes Ereignis brachte Gurdjieff nicht von seinem Vorhaben ab; das geplante Institut
wurde ein wanderndes Institut, teils mit den gleichen, teils mit verschiedenen Leuten.
Dabei machten sie alle Schwierigkeiten der Millionen von Heimatlosen dieses unseligen
zwanzigsten Jahrhunderts durch. Gurdjieff wie die Schüler kämpften um das tägliche
Brot, aber nicht nur in dem einen Sinn, in dem dies gewöhnlich verstanden wird, sondern
sie arbeiteten auch. Arbeit bei ihm und in seinem Kreis bedeutet: A r b e i t a n s i c h
s e l b s t , A r b e i t z u r E r k e n n t n i s s e i n e r s e l b s t u n d z u r S e l b s t-
v e r v o l l k o m m n u n g. „Je größer die Schwierigkeiten, um so größer die Möglichkeit zu
produktiver Arbeit, vorausgesetzt, daß man b e w u ß t arbeitet.“ Für eine Weile schien es, daß
das Institut im Kaukasus, dann in Tiflis seßhaft werden könnte, aber die politischen
Ereignisse vereitelten es auch dort nach kurzer Zeit. Gurdjieffs Takt, Menschenkenntnis
und ganz ungewöhnlicher allgemeiner Umsicht war es zu verdanken, daß die
verschiedenen feindlichen Parteien ihn und seine Gruppe unbehelligt ließen, ja es kam
sogar dazu, daß die Weiße und Rote Armee ihn „unparteiisch“ genug fanden, so daß zum
Beispiel beide ihm eine schriftliche Erlaubnis gaben, Waffen tragen zu dürfen. Das
wandernde Institut gelangte schließlich nach fast unüberwindlichen Schwierigkeiten nach
Konstantinopel. Alfons Paquet, der Frankfurter Schriftsteller, traf ihn dort 1921, am Tag
vor seiner Rückkehr nach Deutschland, und sah eine Vorführung der sakralen Tänze von
Gurdjieffs Gruppen. Es ist erstaunlich, wie viele Ahnungen er an jenem einen Abend von
der Universalität von Gurdjieffs Lehre gewann.2

Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, das Institut in Hellerau zu eröffnen, und Gurdjieffs
Weigerung, es in London zu tun, kam es schließlich 1922 dazu, daß es in Fontainebleau im
historischen Château du Prieuré eine - wie es schien - bleibende Behausung fand. Es hatte
Schüler aus aller Herren Länder, vorwiegend jedoch Russen und Engländer. Das große
Haus und der große Garten und Wald gaben mehr als genug Gelegenheit zu praktischer
Arbeit. Es wurde gebaut, gefarmt, studiert, gewoben, gemalt und in dem aus einer
Zeppelinhülle eigens dafür errichteten „Study House“ wurden bis tief in die Nacht „die
Bewegungen“ und heiligen Tänze geübt, psychologische Übungen gemacht und es gab
Gurdjieff seine auf Fragen gegebene Antworten. Eine Vorführung im Theater der Champs
Elysées ließ die Welt sehen, was Gurdjieff und sein Kreis leisteten. 1924 ging er mit 40
Schülern seines Instituts nach Amerika und gab dort große Vorführungen in Carnegie
Hall, New York, Boston, Chicago und anderen Städten. Diese Vorführungen von
Tempeltänzen und psychologischen Phänomenen erregten größtes Aufsehen. Damals
wollte er in Amerika und in verschiedenen anderen Ländern Zweigstellen des Instituts für
die harmonische Entwicklung des Menschen gründen. Wiederum unterbrach das
Schicksal seine Pläne und wiederum wurde dadurch nur die Form der Mittel, seine Lehre
an andere weiterzugeben, verändert. Kurz nach seiner Rückkehr nach Frankreich erlitt
Gurdjieff eine sehr schweren Autounfall, der seinem Lebenfast ein Ende machte. Während
er wochenlang im Bett lag und mit großer innerer Anstrengung sein Bewußtsein
wiedererkämpfte, erkannte er, wieviel er noch zu tun und wie wenig Zeit er noch hatte.
Damals eben beschloß er zu schreiben. Es war sein eigener Entschluß, seine ihm von sich
selbst diktierte Aufgabe, sein freiwillig auf sich genommenes Kreuz. Er schloß sein Institut
für die harmonische Entwicklung des Menschen, schickte seine Schüler nach Hause, schloß
sich selbst von allem ab und begann zu schreiben. Der von ihm gewählte Rhythmus seines

2 Siehe Alfons Paquet, Delphische Wanderung, Seite 218 ff.
Tages blieb überall derselbe; alle nur mögliche Kraft und Zeit verwandte er auf das
Schreiben. Davon wich er nicht ab, ganz gleich, was die äußeren Umstände waren er
schrieb auch in der Eisenbahn oder auf dem Schiff. Meistens saß er im Café de la Paix in
Paris, oder in einem kleinen Café in Fontainebleau, oder wenn er für kurz nach New York
kam, bei Childs, und schrieb. Der Lärm der redenden Menschen und das Klappern des
Geschirrs drangen nicht an sein Ohr - ja selbst Besucher, deren viele kamen, mußten
warten, bis er sich ihnen zuwandte, und darüber konnten ein und zwei und drei Stunden
vergehen. Manche spürten in der Nähe des seltsamen Meteors den Gegensatz zwischen
der geräuschvollen, hastenden, trügerischen äußeren Welt und der Ruhe, Sicherheit und
inneren Fülle dessen, der da saß und schrieb. Ziemlich am Anfang meiner Arbeit, als ich
noch verwundert war, daß Gurdjieff nichts von dem suchte, was die Annehmlichkeiten
und das Streben aller anderen Menschen ausmacht, setzte er sich einmal, als er sichtlich
ermüdet aus dem Café zurückkam, neben mich auf die Terrasse mit dem schönen Blick auf
dem historischen Garten der Prieuré, wo ich an der Übersetzung arbeitete. „Warum
arbeiten Sie nicht auch hier, mit dem Blick auf die Rosen, den Goldfischteich und die
beschnittene Platanenallee, in so guter Luft?“ „Ich arbeite immer nur in Cafés, Tanzlokalen
und ähnlichen Stätten, wo ich die Menschen sehe, wie sie sind, wo ich die sehe, die am
meisten betrunken sind, am anormalsten. Bei ihrem Anblick kann ich den Impuls der
Liebe in mir erzeugen. Und aus dem heraus schreibe ich meine Bücher.“ Eine Art
Erholung war für ihn das Kochen. Er nannte sich „Dr. Kulinari“ und konnte die
verschiedensten Gerichte aller asiatischen Stämme zubereiten, so wie sie durch die
Jahrhunderte überliefert worden sind, und viele eigene Kombinationen dazu, die nicht nur
den uns immer mehr abhanden kommen den Geschmackssinn beleben, sondern den
Menschen auch zu einem gewissen Bewußtwerden der in ihm vor sich gehenden
Verdauungsvorgänge führen. Acht oder neun Jahre verwandte er zum Schreiben und es
entstanden drei Serien von Büchern, für einen einzigen Menschen von ungewöhnlicher
Fülle, Originalität und Vielfalt der Bedeutung. Die zweite Serie, die zugleich ein Reisebuch
von unvergleichlicher Schönheit ist, ging ihm so leicht wie seine Musik vonstatten, die an
die 5000 Stücke zählt. Die Hauptanstrengung für Gurdjieff war die erste Serie seiner
Schriften, betitelt; „ E i n e o b j e k t i v e - u n p a r t e i i s c h e K r i t i k d e s L e b e n
s d e s M e n s c h e n“ oder „B e e l z e b u b s E r z ä h l u n g e n f ü r s e i n en E n k
e l“

Manche Kapitel der ersten Serie, vor allem das Kapitel „Gedankenerwachen“,zuerst
„Warnung“ genannt, hat er sieben- und dieses sogar zwölfmal umgearbeitet. Was für eine
Mühe, bis alle Themen seines Werkes, das keine Frage unberührt läßt, in dieser Ouvertüre
angeschlagen und verbunden waren. Bei den Änderungen war deutlich zuerkennen, daß
er „den Knochen tiefer vergraben wollte“, das heißt, nichts auf billige Weise geben wollte.
Dies war unbedingt nötig zur Erreichung des sich von ihm gesteckten Zieles. Es kann
keinem etwas geschenkt werden; auch das Beste, was uns gegeben wird, kann nur dann
unser eigen genannt werden, wenn wir es selbst erarbeiten. Auf keinem Fall wollte er
„neues Wissen“ geben, was sich leicht in Worten sagen läßt, sondern etwas im W e s e n
des Menschen ändern, öffnen, entfalten, was ihn langsam zur Erschaffung seiner eigenen
inneren Welt führen und ihm V e r s t e h e n geben sollte. Er, der die Menschen mit einem
Blick erkannte, wußte, daß dieser Vorgang eine ungeheure Operation bedeutet und die
erste Serie hatte eben die Aufgabe, aufzuräumen „mit den im Denken und Fühlen des
Lesers seit Jahrhunderten eingewurzelten Vorstellungen und Anschauungen über alles in
der Welt angeblich Existierende“, um Platz zu schaffen zur Aufnahme von etwas Neuem
und Wirklichem. Damit komme ich auf das Hauptziel von Gurdjieffs Schriften zu
sprechen und vor allem zu seiner ersten Serie: an Stelle eines persönlichen Lehrers gibt sie
alles, was wir in diesem zwanzigsten Jahrhundert brauchen, um uns eine wahrhafte und
unveränderliche innere Welt erwerben zu können. Dies kann aber nur geschehen, wenn
der Leser langsam lernt, daß seine Mitarbeit, sein sich-wundern, Vergleichen, Gegenüber-
stellen, Fragen-lernen, und auf Antwort-warten, ebenso nötig ist, wie die Hilfe des Buches.
Durch unsere falsche Erziehung sind die uns verliehenen Kräfte des Denkens, Fühlens
und Empfindens ganz vermechanisiert und einseitig ausgebildet; erst recht, wenn wir
sogenannte gebildete Menschen sind. Der Kern in uns, das Samenkorn, das sich nach einer
Entfaltung und Kontinuierlichkeit sehnt, liegt deshalb erstickt und eingezwängt zwischen
den falschen Tätigkeiten unserer vielen vermeintlichen „Ichs“.

Während der acht Jahre des Schreibens ließ Gurdjieff täglich vor oder nach Tisch, im
kleinen Kreis oder für viele Gäste das eine oder andere Kapitel in der einen oder anderen
Sprache vorlesen. Gurdjieff beobachtete die Zuhörer und erkannte an ihnen den Grad der
Vollendung des von ihm neu geschrieben wie auch die Exaktheit der Übersetzung. Oft
wählte er Kapitel, die dem einen oder anderen Menschentyp mehr entsprachen, oder aber
das Kapitel über die Nation des Betreffenden. Neue Gäste waren erstaunt, daß er ein
kleines Wort oder eine Satzverdrehung so wichtig nehmen konnte, die Übersetzer dagegen
kannten Gurdjieff schon als L e h r e r d e r E x a k t h e i t. Für uns geschah die
Übersetzung nicht eigentlich um der Übersetzung willen sondern war unsere Schulung,
die uns aus unseren subjektiven Vorstellungen und Ansichten herausschälte und mit der
Schaffung einer neuen exakten Sprache zu einem Verstehen brachte, das wir am Anfang
nicht einmal hätten ahnen können. Vor allem wurde in uns allmählich die Fähigkeit des
„Sich-leer-machen-könnens“, des „Hören-könnens“ herangebildet. Nur wo Platz ist, kann
etwas neues Platz finden. Nun ist das ein schwierigerer Prozeß als die meisten Leute
glauben wollen: d i e B e f r e i u n g v o n d e m a u t o m a t i s c h e r w o r b e n e n,
r e i n s u b j e k t i v e n D e n k - u n d V o r s t e l l u n g s k a l e i d o s k o p und d i e
E r w e r b u n g e i n e s b e w u ß t a r b e i t e n d e n, i m m e r g ü l t i g e n, o b j e k-
t i v e n V o r s t e l l u n g s g u t e s an seiner Stelle. Alle möglichen Anekdoten
illustrieren diesen Vorgang, und wenn sie erst einmal gesammelt werden, um Gurdjieffs
Lehre in seiner grandios-humorvollen Weise zu veranschaulichen, werden die Übersetzer
einen guten Beitrag liefern können. Aus dem Lesen um Gurdjieff erwuchsen allmählich
Gruppen in den verschiedensten Hauptstädten der Welt, wobei die Zuhörer, jeder für sich,
die erstaunliche Tatsache feststellten, daß seine erste Serie, dieses kosmische Märchen,
wirklicher als alle Märchen, mit einer sicherlich außerirdischen Wissensquelle, die ihnen
unerläßlich nötige Hilfe in der Erkenntnis ihrer selbst und aller Dinge in dieser Welt gibt.
Wenn sie eine Frage hatten, auf die sie keine Antwort finden konnten, eine Schwierigkeit,
die sie nicht annehmen oder überwinden konnten, so brachte ihnen dieses Buch die nötige
Hilfe. Dabei konnte man im Laufe der Jahre bemerken, daß ihr äußerer Mensch, ihr sich
Wichtignehmen, ihr mit tausend kleinen täglichen Aufregungen und Begeisterungen
gefülltes Dasein gewöhnlich stiller, ruhiger und ernster wurde, und ihr innerer Mensch,
derin fast keinem Menschen der heutigen Zeit zum Durchbruch kommen kann, anfangs
gelegentlich und später häufiger in Erscheinung trat. Man mußte nicht mit ihnen reden,
aber man spürte, daß dieses Buch ihnen eine wirkliche Nahrung und Maßstab war.

S e l b s t z u f r i e d e n h e i t k o n n t e n i c h t a u f t r e t e n, wenn man erkannte, wie
lange es gebraucht hatte, bis man die eine oder andere Sache verstand, oder, richtiger
gesagt, auf dem Wege war, zu verstehen; oder wenn man bemerkte, daß zwei Stunden des
Zuhörens schon zuviel waren für unser nur auf flüchtige Beobachtung eingestelltes
„Denken“ und unser immer flatterndes oder lahmes Gefühl. Jede Seite, jedes Kapitel in
Gurdjieffs Schriften ließen den Zuhörer sein eigenes Unvermögen, seine eigene
Uneinheitlichkeit, seine eigene Nichtigkeit erkennen und gleichzeitig verstärkten sie in
ihm den Drang nach etwas Bleibendem, Sicherem, Dauerndem, erweiterten seine
Fragemöglichkeiten, förderten sein Forschungsvermögen und seine nachdenkenden
Fähigkeiten und erweckten in ihm Kräfte, die ihm zwar niemals recht, aber dafür den
Geschmack dessen geben können, was ein Mensch sein könnte und sein sollte. Gurdjieff
sprach in den acht Jahren, in denen er die verschiedenen Serien seiner Schriften schrieb,
oft von deren Veröffentlichung, ja, er fuhr sogar eigens nach Leipzig, um mir den Ort zu
zeigen, wo seine Schriften gedruckt werden sollten. Damals, in den späten zwanziger und
frühen dreißiger Jahren, verstand ich das Gedrucktwerden hauptsächlich in dem Sinne,
daß es in mir gedruckt werden müsse, nämlich, um in mir jenen Menschen zu erwecken
und wach und tätig zu erhalten, der das Verlangen in meiner Kindheit gewesen war, wenn
ich darüber nachsann, was es denn eigentlich bedeute, dieses „Lieben deinen Nächsten
wie dich selbst“. Gerade als ich nach allen möglichen Versuchen und unter Zuhilfenahme
der mir bekannten Religionen, philosophischen Richtungen, Wissenschaften und Künste
endgültig die Hoffnungslosigkeit jedes wirklichen Versuches in dieser Richtung
eingesehen hatte, hörte ich selber zum erstenmal ein Kapitel aus „Eine objektiv unparteiische
Kritik des Lebens des Menschen“ (man konnte es damals nie selber lesen, nur hören), um ihm
meine erste gesegnete schlaflose Nacht zu verdanken. Anfang 1949, bei einem Besuch in
New York, sagte Gurdjieff im Kreise einiger seiner älteren Schüler, daß die Zeit gekommen
sei, seine Schriften zu drucken und daß es noch im gleichen Jahre geschehen müsse. Er
bestimmte, daß die erste Serie, die schwierigste, unbedingt als erste herauskommen
müsse, und zwar im Taschenformat, damit jeder sie in seiner Tasche bei sich tragen könne.
Gleichzeitig gab er die Erlaubnis das letzte Werk von Ouspensky, der in England und
Amerika sehr bekannt und ob seiner früheren Bücher sehr geschätzt wird, zu
veröffentlichen: „Auf der Suche nach demWunderbaren, Fragmente einer unbekannten Lehre“ ist
sowohl Vorläufer als auch ein erster Kommentar zu Gurdjieffs Schriften. In Deutschland
las ich 1929 zum erstenmal in Gegenwart von Gurdjieff einige Kapitel aus Beelzebubs
Erzählungen vor. Es war im Hause von Alfons Paquet in Frankfurt. Zu der Lesung luden
Paquet und ich Freunde ein; nach Gurdjieffs Weisung sollten mindestens sieben
Familienväter darunter sein. Drei Stunden ununterbrochenen Lesen waren auch für die
auf ihre Auffassungskraft stolzen Deutschen zuviel. Später wollte mich einer meiner
Freunde enttäuschen, indem er mir sagte, nur ein Wort sei ihm von dem langen Lesen im
Gedächtnis geblieben: „Kundabuffer.“ Mir schien dies genug: Kundabuffer an Stelle des
echten Menschen, Täuschung an Stelle der Wahrheit, außerdem die erste und einzige
Erklärung dessen, was in der Sprache der Kirche „Erbsünde“ genannt wird. Wider seinen
Willen war mein Freund beim Regnen nass geworden. In Berlin liess mich Gurdjieff als
erstes das Kapitel über „Früchte alter Zivilisationen und die Blüten der modernen“ lesen,
wobei mir schien, das einige der Anwesenden über das, was darin über die Erfindungen
der Deutschen gesagt wird, fast Blut schwitzten. Beim Studium der Massenpsychose,
jenem Greuel, der die Entartung der modernen Menschheit am schärfsten zeigt, nimmt
Gurdjieff alle Nationen unter seine Lupe, keine kann sich überlegen fühlen, alle sind in die
Irre gegangen. Inzwischen hat das Schicksal den
Deutschen sehr mitgespielt und ihnen ihre liebsten
Täuschungen, die manchem selbst lieber waren als das
Leben, entrissen. Als ich Mitte der dreissiger Jahre
wieder ein paar Jahre lang in Deutschland lebte,
berührte es mich sehr schmerzlich, zu erkennen, wie der
j e d e m M e n s c h e n innewohnende D r a n g n a
c h e i n e m W e g w e i s e r, nach einem Lehrer oder
Führer, in einer ganz falschen Richtung dort arbeitete.
Auch die, die nicht davon verblendet oder angesteckt
waren, tappten im Dunkeln und konnten nichts als
einleidendes, passives Ertragen aus dieser
Massenpsychose machen. Gurdjieff dagegen lebte
damals zurückgezogen in Paris, immer von einer
Gruppe an sich arbeitender Menschen umgeben, war
denselben äußeren Schwierigkeiten ausgesetzt wie alle
anderen Menschen und machte seine grandiosen Statistiken. Ihm diente diese größte aller
bisherigen Massenpsychosen zu einer letzten Überprüfung dieser Hauptkrankheit, die der
Mensch selbst, durch Schaffung der a n o r m a l e n ä u ß e r e n L e b e n s v e r- h ä l t
n i s s e verursacht hat, ein weder von der Natur noch von Gott gegebener Faktor. Mir
scheint, daß das deutsche Volk vielleicht mehr als jedes andere danach lechzt, in Gurdjieffs
Schriften und auch in den von Ouspensky aufgezeichneten Gesprächen die Gesetze
eindeutig klar aufgezeichnet zu finden, nach denen diese entsetzlichen, des Menschen
unwürdigen letzten Jahrzehnte verliefen. Wer schuld war, der Kaiser oder Hitler, die
Engländer, Russen oder Amerikaner - alle Theorien und subjektiven Deutungen werden
bei ihm hinfällig. Viel nutzloses Gerede, viele nutzlose Bücher werden einfach
verstummen. Was ist denn der Tod? Was wird durch ihn frei? Wozu dient es?
W a s k a n n a n d i e S t e l l e v o n K r i e g u n d ä u ß e r e r G e w a l t t r e t e n?
Wo fängt der Krieg an, und wo ist er immer zu Hause? In jedem Menschen und in den
Beziehungen jedes einzelnen zu den anderen. Wo kann er aufhören? Nur im einzelnen
und in seinen Beziehungen zu den anderen. Hat der einzelne Mensch eine Wahl? Können
wir lernen zu wählen? Deswegen muß dieses Buch, das aus einem wirklichen Wissen, aus
einer Gerechtigkeit und Liebe, deren Ausmaß wir nicht begreifen können, geschrieben
worden ist, jetzt an die Öffentlichkeit kommen.

Sommer 1950. L o u i s e M a r c h, Frankfurt am Main, Praunheim, Alte Mühle 2
DER VIERTE WEG 3

Dieser Ausdruck bezieht sich generell auf eine Lehre der möglichen geistigen Entwicklung
des Menschen, die der westlichen Kultur von George Gurdjieff in der ersten die Hälfte des
20. Jahrhunderts vorgestellt wurde. P. D. Ouspensky, ein Zeitgenosse und Student von
Gurdjieff, hat viele Aspekte dieser Lehre in einer verdichteten Form im seinem Buch Auf
der Suche nach dem Wunderbaren beschrieben. Der Vierte Weg ist ein Pfad der spirituellen
Entwicklung, der sich von den drei traditionellen Wegen unterscheidet. Diese sind
der Weg des Fakirs, der die Beherrschung des physischen Körpers hervorhebt, der Weg des
Mönchs, der die Beherrschung der Emotionen betont, und der Weg des Yogis, der den
Verstand diszipliniert. Diese verschiedenen Wege oder Annäherungen zu spiritueller
Entwicklung entsprechen auch den drei Arten von Mensch. Der Vierte Weg versucht, in
der Umgebung des alltäglichen Lebens alle drei traditionellen Wege gleichzeitig zu
beschreiten. Im Gegensatz dazu verlangen alle anderen Wege ein vollständiges Entsagen
des täglichen Lebens oder erfordern die Abgeschiedenheit einer klösterlichen Umgebung.
Der Vierte Weg wird deshalb manchmal auch der Weg des ‘schlauen Menschen’ genannt.
Jedoch können alle vier Wege zu den gleichen Einsichten führen und deren Praktizierende
von den äußeren Kreisen der Menschheit zu den exoterischen und in weiterer
Folge mesoterischen oder sogar esoterischen Kreisen führen. Die Prämisse des Vierten Weges
ist, dass der Mensch grundsätzlich mechanisch ist, und der Freie Wille, echtes Bewusstsein
und Freiheit nur selten realisierte Möglichkeiten sind. Im Normalzustand ist der Mensch
den Umständen unterworfen und verlebt sein Leben in einem Zustand des Schlafs.
Kernideen und verwendete Begriffe des Vierten Weges beinhalten: ‘kleine Ichs’, Tun, Sein,
Identifikation, Selbsterinnernung, Zentren, Mensch
1, 2, und 3, Fusion bzw. Verschmelzung (von
‘Spänen’), Welten, Wasserstoff, Futter für den
Mond. Während die Form der ersten drei Wege
relativ gleichbleibend vorgegeben ist, erscheinen
und verschwinden die Schulen des Vierten Weges
nach Bedarf, in einer für die jeweilige Zeit
geeigneten Form. Die Arbeit des Vierten Weges
erscheint, um eine spezifische esoterischen Aufgabe
erfüllen zu können, wie es die Zeiten erfordern
können. Ouspenskys Buch Auf der Suche nach dem
Wunderbaren ist wahrscheinlich die präziseste und
strukturierteste Präsentation des Hintergrunds und
der Grundsätze des Vierten Weges. Die
Hauptwerke Gurdjieffs sind: Beelzebubs Erzählungen
für seinen Enkel, Begegnungen mit außergewöhnlichen
Menschen und Das Leben ist nur real, wenn ich bin.
Die Quantum Future School (QFS) betrachtet
Gurdjieff als Lehrer von zentraler Wichtigkeit der
unmittelbaren Vergangenheit und verweist oft auf
seine Arbeit. Gurdjieff wird als Wegbereiter betrachtet, der seiner Zeit weit voraus war,

3 http://de.cassiopaea.org/2011/06/05/vierter-weg-definition/
und viele Dinge hinter Allegorien verstecken musste, von denen die QFS heute im Klartext
spricht. Das trifft besonders auf die Idee des ‘Futters für den Mond’ zu, d.h. die Art, wie
hyperdimensionale Lebewesen die Menschheit verwalten, so wie ein Landwirt seine
Schafe hütet. Gurdjieffs Konzepte der Kosmologie, des Schlafs der Menschheit, der
Notwendigkeit des Erwachens des Bewusstseins, usw., stimmen im Allgemeinen mit dem
Cassiopaea-Material überein, obwohl sich die Terminologie unterscheidet. Wie Gurdjieff in
Auf der Suche nach dem Wunderbaren meint, benötigt es nur etwa 200 Leute, die dem
esoterischen Kreis der Menschheit angehören, um die Welt in einer dramatischen Weise
verändern zu können – wenn sie es wollten. Allerdings existieren vielleicht überhaupt
nicht so viele Menschen dieser Art, oder sie haben beschlossen, dass die Menschheit viel
zu tief schläft und nicht nach einer Veränderung fragt. Dies kann man nicht wissen ohne
selbst diesem Level nahe zu sein. Das bezieht sich auf die Idee, dass es bestimmte Fenster
kosmischer Gelegenheiten gibt, in denen Bewusstsein eine entscheidende Rolle zur
Bestimmung einer zukünftigen Richtung spielen kann. Viele Schulen des Denkens sehen
die aktuelle Zeit als einen solchen Angelpunkt, an dem unsere Zukunft hängt. An den
Schulen des Vierten Weges verläuft die Arbeit in drei verschiedenen Linien. Diese sind
1. die Arbeit des Schülers an sich selbst,
2. die Arbeit mit anderen Schülern und
3. die Arbeit für die Schule.
Die erste Linie besteht aus Aktivitäten wie Selbstbeobachtung, Selbsterinnerung und
verschiedene individuell angepasste Übungen. Der Schüler muss Antrieb und Willen
bereitstellen, die Schule kann Führung und einen konzeptuellen Rahmen bieten, in
welchem der Schüler die gemachten Beobachtungen hineinstellen kann. Die zweite Linie,
die Arbeit mit anderen Schülern, ist ein Auslöser für den Empfang von neuen Schocks.
Durch die Teamarbeit mit nicht selbst ausgewählten, relativ fremden Personen, erfährt
man Reibung. Diese Reibung kann als Treibstoff für Selbstbeobachtung und Umwandlung
negativer Emotionen verwendet werden. Man übt externe Rücksichtnahme und innere
Nicht-Rücksichtnahme. Die dritte Linie, die Arbeit für die Schule, ist wiederum abhängig
vom Schüler. Der Schüler muss rechtzeitig einen Bereich unabhängiger Betätigung finden,
durch welchen man der Schule etwas zurückgeben kann. Es muss aus freiem Willen
geschehen und hauptsächlich dem Talent und Vermögen des Schülers entsprechen. Dies
könnte körperliche Arbeit sein, Lehren, Kunstschaffen, Nachforschungen oder viele
andere Dinge. Die Grundidee dabei ist, dass es vom Schüler kommen muss und der
Schule nützt. Alle Prozesse laufen gemäß dem Gesetz der Sieben ab, entsprechend dem
Vierten Weg. Die Arbeit ist dabei keine Ausnahme. Oktaven haben zwei Intervalle bzw.
Schocks, wo nicht ohne äußeren Anstoß bzw. zusätzlichen Impuls weitergekommen
werden kann. Die Arbeit des Schülers auf jeder der drei Linien kann zu einem Stillstand
oder Plateau führen. An einem solchen Punkt kann die Arbeit auf einer anderen Linie den
nötigen Impuls bringen, die Kluft zu überwinden. So bildet die Arbeit auf den drei Linien
ein organisches Ganzes. In seinen “fünf edlen Bestrebungen” hebt Gurdjieff den Gedanken
des “Zahlens für den eigenen Aufstieg” hervor. Rückgabe an die Schule kann als ein
solches Beispiel – und als ebenso notwendig – gesehen werden. Dies ergibt sich aus der
Tatsache, dass einseitiges Empfangen – Empfangen ohne angemessene Wertschätzung,
Anstrengung und Rückgabe – aus dem Gleichgewicht fällt und das Lernen auf einem
oberflächlichen Niveau belässt. Die Cassiopaeaner4 haben weiters hervorgehoben, dass
sich viele Leute, die sich selbst als in ihrer Entwicklung feststeckend empfinden, vorwärts
bewegen könnten, wenn sie für das, was sie erhalten haben, im Sinne des Gleichgewichts
zurückgeben würden. Ein anderer Grundsatz des Vierten Weges ist der Gedanke, dass
man nur dann Fortschritt macht, wenn man einen anderen dafür heranbildet, um den
eigenen vorherigen Platz einzunehmen. So sind Nehmen und Geben untrennbar in der
Arbeit verbunden.

Selbst-Erinnerung
„Keiner von euch hat die wichtigste Sache, auf die ich hingewiesen habe, bemerkt …
keiner von euch hat bemerkt, dass ihr euch nicht an euch selbst erinnert.“ (Gurdjieff hat diese
Worte besonders betont.) „Ihr empfindet euch nicht, ihr seid euch eures Selbst nicht bewusst.
Bei euch beobachtet es, genauso wie es spricht und es lacht. Ihr habt kein Gefühl für: Ich
beobachte, ich stelle fest, ich erkenne. Es wird alles nur festgestellt, es wird erkannt. … Um sich
selbst wirklich betrachten zu können, ist Selbst-Erinnerung unabdingbar.“ (Aus „Auf der Suche
nach dem Wunderbaren“, S. 124)
Selbst-Erinnerung ist die Brücke zwischen Wissen und Weisheit. Es ist eine Bemühung,
sich seiner selbst in der Gegenwart bewusst zu sein, jede imaginäre Vorstellung, wie
verlockend sie auch sein mag, von einem Moment auf den anderen zu verlassen, um in die
Wirklichkeit zurückzukehren. Es bedeutet die Fähigkeit zu einer sofortigen, innerlichen
Reorganisation: Das automatische Denken und Fühlen in den Hintergrund zu stellen, um
das Höhere Selbst hervortreten zu lassen – sich seiner selbst zu erinnern. In einem seiner
frühen Gespräche mit russischen Schülern stellte Gurdjieff den Begriff Selbst-Erinnerung
zur Debatte und forderte sie auf einander mitzuteilen, was sie während ihrer Selbst-
Beobachtung empfunden hatten. Keinem war es gelungen, die wichtigste Tatsache zu
erkennen: Niemand hatte sich seiner selbst erinnert. Ouspensky, der von diesem Gespräch
berichtet, beginnt daraufhin mit Selbst-Erinnerung zu experimentieren und realisiert in
der Folge dessen Schlüsselfunktion in der Arbeit am Bewusstsein. Hier, wie schon zuvor,
beruft Gurdjieff sich auf alte Praktiken und übersetzt diese in eine moderne Sprache. Die
Upanishaden sind eine umfassende Abhandlung über das Selbst, und wie sehr es
notwendig ist, sich daran zu erinnern und es an die vorderste Front zu stellen. Der
Sufismus verwendet den Begriff der „Erinnerung an das Göttliche“ in ganz ähnlicher
Weise wie Gurdjieff ihn später benutzte. Allerdings hat das Wort Gott im 20. Jahrhundert
seine ursprüngliche Bedeutung verloren, da es zu sehr mit religiösen Strömungen in
Verbindung gebracht wird, die den Menschen daran hindern, ein konkretes Verhältnis zu
ihm zu entwickeln. Gurdjieff hat diese älteren Systeme in eine, dem modernen, westlich
orientierten Menschen verständliche Sprache übertragen. Der Unterschied zwischen dem
System und dem Vierten Weg rührt daher: Gurdjieffs Darstellung des „Systems“ für das
20. Jahrhundert hatte insofern Gültigkeit, als dass der Vierte Weg selbst die Summe aller
vergangenen und gegenwärtigen Ausdrucksformen dieses Weges beinhaltet – das ganze
Spektrum der Überlieferungen, die auf der Bühne der Menschheit bisher erschienen und
wieder verschwunden sind. Frühere Ausdrucksformen des Vierten Wegs hätten sich selbst

4 http://de.cassiopaea.org/
nicht als vierten Weg bezeichnet. Gurdjieff nannte seine Darstellung den „Vierten Weg“,
um dessen Bedeutung in der Quadriga der möglichen Formen der Bewusstseins-
erweckung hervorzuheben. Alle vier Wege führen zu demselben Ziel: Der Erweckung des
Bewusstseins, der Wahrhaftigwerdung und Fähigkeit zu sein. Die spirituellen Pfade, die
zu diesem einen Ziel führen, können sich jedoch – wie Straßen, die an den selben
Bestimmungsort führen – in ihrer Art und Weise unterscheiden Um unser
Hauptaugenmerk nicht aus dem Blick zu verlieren, werden wir die drei anderen Wege
hier nicht näher erläutern; sie alle sind in Auf der Suche nach dem Wunderbaren eingehend
beschrieben. Was dort aber nicht ausdrücklich betont wird, ist, dass Gurdjieffs
Unterscheidung der drei Archetypen des Wegs auf Grundlage der verschiedenen
menschlichen Wesensarten nur in der Theorie Gültigkeit hat. Praktisch wird sich jeder
dieser Wege als eine Mischung der drei Möglichkeiten erweisen, wobei lediglich der
Schwerpunkt auf jeweils eine Variante gelegt wird. Insofern unterscheidet sich der Vierte
Weg, da er danach strebt, die drei Wege harmonisch zu vereinigen und gleichzeitig in
allen äußeren Erscheinungsformen des Menschen zu wirken Wir sagen ‚streben’, denn
genau das ist der Punkt. Normalerweise wird wohl jede Lehre anfangs als Vierter Weg
erscheinen, doch im Laufe der Weiterentwicklung zeigt sich dann, dass sich der
Schwerpunkt doch vorrangig auf einen bestimmten Aspekt verlagert. Sie wird zwangs-
läufig entweder einen gefühlsbetonten religiösen Charakter oder eine akademisch
intellektuelle Färbung annehmen. Dies scheint sowohl bei Gurdjieff als auch bei
Ouspensky der Fall gewesen zu sein: Beide begannen an einem ganz ähnlichen Punkt,
doch entwickelten sie im Laufe der Zeit bestimmte Fokussierungen, die jeweils ihrem
natürlichen Wesen entsprachen. Für Gurdjieff war das räumliche Agilität und für
Ouspensky die intellektuelle Auseinandersetzung. Ein grundlegender Aspekt des Vierten
Wegs, der bei den meisten modernen spirituellen Übungen fehlt, besteht darin, dass die
geistige Entwicklung des Menschen an eine Größenordnung gebunden werden muss, die
eben größer als der Mensch ist. Er entwickelt sich nicht bloß zu seinem eigenen Nutzen.
Im Grunde genommen ist der Mensch für spirituelle Entwicklung gänzlich ungeeignet. Er
ist vielmehr dafür geschaffen, körperliche Funktionen zu erfüllen, wofuer er in seinem
unterentwickelten Zustand auch durchaus imstande ist. Evolution ist die seltene
Ausnahme, ein Schwimmen gegen den Strom, ein Entkommen aus der sonst gültigen
Gesetzmäßigkeit. Der Grund dafür, dass spirituelle Entwicklung überhaupt möglich ist,
besteht darin, dass sie auch dem höheren Kosmos einen Nutzen bringt. Parallel zu der
abwärts gerichteten Bewegung universellen Wachstums – der physikalisch endlosen
Ausdehnung des Universums – existiert eine aufwärts, auf die Bewusstheit gerichtete
Bewegung, für die eine kleine Zahl bewusster Individuen unverzichtbar ist. Das sind die
breiten und schmalen Wege, die in den Evangelien erwähnt werden. Gurdjieff verglich die
bewussten Individuen mit Eicheln auf einem Feld. Aus wie vielen der Abermillionen
Eicheln, die die Natur hervorbringt, werden wirklich Bäume? Deswegen ist der Vierte
Weg exklusiv. Er ist für alle da, aber er schmeichelt niemandem. Es ist auch kein Weg, der
halbherzig gegangen werden kann. Er ist eine letzte Zuflucht, ein Ausweg für diejenigen,
die von allem anderen enttäuscht sind, die gesucht, aber nicht gefunden haben. Er ist ein
Weg für desillusionierte Menschen, die zuviel wissen – die wissen, dass sie nichts zu
verlieren haben.
METHODEN DER ARBEIT

BEOBACHTUNG - SELBST-BEOBACHTUNG
Die Praxis der Selbst-Beobachtung und der Selbst-Erinnerung sind die zwei Hauptpfeiler der
Gurdjieff-Arbeit. Selbst-Beobachtung ist das fundamentale Medium des Selbststudiums. Die
Selbst-Beobachtung, wenn sie korrekt ausgeführt wird, beginnt unsere innere und äußere
Situation zu enthüllen - unsere zwei gegensätzlichen Naturen, unseren Mangel an
Aufmerksamkeit, unsere Mechanität, die Disharmonie unsere Funktionen und Fähigkeiten
und warum alles in unserem Leben einfach nur „geschieht“. Die Selbst-Beobachtung
bekommt einen größeren Wert, wenn wir einiges an theoretischem Wissen über die
menschliche Maschine erwerben, ihre Funktionen, ihre wesentlichen Organe und deren
Verbindungen. Beispielsweise spricht Gurdjieff davon, dass wir drei Zentren oder
Funktions-Schwerpunkte haben: Denken, Fühlen und instinktiv-motorische Funktionen.
Über die Selbst-Beobachtung können wir diese Idee verifizieren und feststellen, welche
Assoziation oder welcher Impuls aus welchem Zentrum kommt oder welches Zentrum
davon beeinflusst wird. Wenn ich mich und meine Funktionen beobachte, ist es unabdingbar
eine objektive Haltung einzunehmen. Diese wird möglich durch eine korrekte
Wertschätzung für das Ziel des Erwachens. Ganz klar gesagt, ich muss wissen, was hilft mir
zu erwachen und was bringt mich in den Schlaf? Wie Gurdjieff sagte: Wenn ein Mensch sich
in Gefangenschaft befindet hat er nur ein Ziel – Freiheit. Wenn er also in seiner Zelle sitzt,
wie nimmt er jedes Ding, jeden neuen Eindruck auf? Nach welchem Kriterium? Wenn Sie
fähig sind hier innezuhalten und für einen Moment nachzudenken

SELBST-ERINNERUNG
Gurdjieff zufolge ist die echte Selbst-Erinnerung oder das Gewahrsein des eigenen Daseins
und der mechanischen Existenz, der prinzipielle Prozess, der die gesamte Praxis der Arbeit
durchdringt und mit einer erweckenden Kraft ausgestattet ist. Selbst-Erinnerung ist das
Selbe wie sich seiner Selbst bewusst werden – „Ich bin“: Gurdjieff deutete an, dass dies
weder psychische Funktionen, Gedanken, noch Gefühle voraussetzt; es ist ein spezieller
Zustand einer teilweisen, aber fortwährenden Transformation des Bewusstseins. Ein
charakteristischer Zug der Selbst-Erinnerung ist die geteilte Aufmerksamkeit, die
gleichzeitig auf das Objekt und uns selbst gerichtet ist. Es bleibt die wichtige Frage wie man
sich seiner selbst erinnert, wie gelangt man in diesen Zustand größerer Bewusstheit? Der
erste Schritt dahin ist das Erfassen der Tatsache, dass wir im Wesentlichen unbewusst sind,
dass wir schlafen; und wir müssen diese Tatsache vollständig akzeptieren. Wenn die
Akzeptanz dieser Tatsache, dass wir uns nicht unserer selbst erinnern können, in uns ständig
vorhanden ist, dann erhalten wir vielleicht die Chance uns unserer selbst zu erinnern. Wir
beginnen die Annäherung an die Selbst-Erinnerung mit Hilfe des Verstandes. In der Realität
jedoch ist dieses Phänomen keine intellektuelle Anstrengung auf den unteren Ebenen. Es
erscheint durch Aufmerksamkeit, die auf Gedanken, Gefühle, Empfindungen gerichtet ist,
durch die Kombination von Willen und ständiger Anstrengung, die im zunehmenden Maße
Momente von Selbst-Gewahrsein erzeugen und intensiver werden. P.D. Ouspensky
schrieb:“Um die Selbst-Erinnerung vollständiger zu erleben, ist ein hohes Maß an
emotionaler Energie notwendig“. Das Resultat der Selbst-Erinnerung ist das Gewahrsein des
eigenen, erwachten Bewusstseins und mit der Zeit, des eigenen permanenten „Ich“.
HEILIGE GLEICHUNG
Die Heilige Gleichung ist eine Praxis der Anrufung, die von Gurdjieff das Gebet der
Heiligen Bejahung genannt wurde.

Heiliges Bejahen,
Heiliges Verneinen,
Heiliges Versöhnen,
Verkörpert Euch in mir
Für mein Sein!

Gurdjieff glaubte, dass dies eines der universalen Gebete ist, in Verbindung mit dem
Gesetz der Drei, die der Menschheit gegeben wurden. Verneinung existiert in jeder
Situation im Leben. Die Bedeutung der Bejahung führt zu der Notwendigkeit eine
bewusste, spirituelle Anstrengung zu machen. Dies steht im Zusammenhang mit dem
Akzeptieren und Überwinden der eigenen Trägheit oder Schlafes. Die Heilige Versöhnung
darf nicht nur als etwas Abstraktes begriffen werden, sondern muss ihren Ausdruck als
eine Kraft finden, die bis in unser Innerstes dringt. Nach Gurdjieff kann die
Verwirklichung des Gesetzes der Drei in einem menschlichen Wesen wie folgt formuliert
werden: „Das Höhere verschmilzt mit dem Niederen, um das Mittlere hervorzubringen; welches
dann zum Niedrigen für das nächst Höhere oder zum Höheren für das nächst Niedrigere wird.“

ABSICHTLICHES LEIDEN
Gurdjieff glaubte, dass die Spannung, die unweigerlich zwischen unseren bewussten und
den unbewussten Teilen entsteht, gebraucht werden kann und auch gebraucht werden
sollte. Der Mensch, der nach Erweckung strebt, muss versuchen jedes mögliche Mittel für
diese Arbeit zu gebrauchen, einschließlich des ganzen Spektrums des Leidens. Der
schlafende Mensch leidet blind und ohne Hoffnung, dass heißt unbewusst. Ein richtiges
Verstehen und Anwenden dieser Methode kann zu einer Transformation von Energien
und einer zu Veränderung des Wesens führen. In einem seiner Gespräche sagte Gurdjieff:
“Man braucht Feuer. Ohne Feuer wird es nichts geben. Dieses Feuer ist Leiden, absichtliches
Leiden, ohne das es unmöglich ist etwas zu schaffen. Man muss sich vorbereiten, muss wissen
was einen Leiden lässt und wenn es soweit ist, muss man es gebrauchen.“

BEWUSSTES BEMÜHEN
Bewusste Arbeit – bezeugte anhaltende Anstrengung – intelligent angegangen,
eingeschätzt und verbessert auf einer fortführenden Basis – Anstrengungen, die etwas
bewirken, werden die Faulheit besiegen und die innere und äußere Welt verbinden. Diese
Anstrengungen müssen zu einem gründlichen und genauen Selbst-Studium beitragen.
Wenn wir den Wechsel unserer Ich’s und unserer inneren Zuständen beobachten,
beginnen wir die Wirkung kosmischer Gesetze zu sehen, wie sie durch bewusste und
mechanische Kräfte in uns interagieren. Bewusstes Bemühen ist der erste Schritt weg vom
Fluch der Selbst-Beruhigung.
ERKENNEN DES INDIVIDUELLEN ZIELES
Jedes menschliches Wesen, das zur Tradition des „Vierten Weges“ gehört, muss entweder
ein persönliches Ziel haben oder sich eines schaffen. Echter Fortschritt ist ohne Zweck und
zugrundeliegendes Ziel nicht fassbar. Wenn wir nach geborgten Zielen streben riskieren
wir Selbsttäuschung. Ein generelles Ziel der Arbeit gibt Stärke, kann aber das individuelle
Ziel nicht ersetzen, das damit verbunden sein muss.

DIE FÜNF SEINS-VERPFLICHTUNGEN
Die fünf Seins-Verpflichtungen in sich zu kultivieren und zu unterstützen, ist eine der Seins-
Pflichten des Menschen, der in der Arbeit voranschreiten will. Gurdjieff schrieb die folgenden
Formulierungen Ashiata Shiemash zu, einer mythischen Figur aus seinem Hauptwerk
„Beelzebubs Erzählungen“.

Das erste Streben — in ihrer gewöhnlichen Seins-Existenz alles für ihren planetischen
Körper wirklich Notwendige zufriedenstellend zu haben.“
Das zweite Streben — immer ein unablässiges instinktives Bedürfnis nach
Selbstvervollkommnung im Sinne des Seins zu haben.
Das dritte Streben — das bewusste Streben, die Gesetze der Weltschöpfung und
Welterhaltung immer mehr und mehr kennenzulernen.
Das vierte Streben — so bald und so rasch als möglich die Schuld für ihr Entstehen
und die Individualität ihrer Existenz abzuzahlen, um danach frei zu sein, soviel als
möglich den Kummer UNSERES GEMEINSAMEN VATERS erleichtern zu helfen.
Das fünfte Streben — ist das Streben, der schnelleren Vervollkommnung anderer
Wesen, sowohl der uns ähnlichen als auch der Wesen anderer Formen beizustehen, bis
zu dem Grade des heiligen Martfotai, das heißt, bis zum Grad der Selbst-
Individualität.

MOVEMENTS
In einem Vortrag von 1923 sagte Gurdjieff: „Movements, die als Teil der Arbeit betrachtet
werden, können in folgende Kategorien eingeteilt werden:

I. diejenigen, in denen die besonderen Eigenheiten des Menschen berücksichtigt werden,
nicht nur die heutigen, sondern auch diejenigen, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch
auftauchen werden
II. wenn der Atem an den Movements beteiligt ist
III. wenn das Denken an den Movements teilnimmt
IV. wenn die alten, konstanten und unveränderlichen Elemente des Menschen an den
Movements teilhaben

Nur wenn die Movements mit den eben aufgezählten Punkten in Verbindung stehen, können
sie im normalen, alltäglichen Leben nützlich sein. Gurdjieff, der ein bemerkenswertes Talent
auf diesem Gebiet besaß, nutzte viele Methoden, einschließlich, mit großer Intensität, die von
ihm geschaffenen Movements, die zu einer Musik ausgeführt wurden, die er und Thomas de
Hartmann komponierten. Während der Ausführung der Movements, unter Gurdjieff’s
Anleitung, war es möglich Fähigkeiten der Konzentration und des Gebetes zu erlangen, sowie
Informationen über die spezifischen Charakteristiken der eigenen „menschlichen Maschine“.
ÜBUNGEN ZU DEN 5 ANZUSTREBENDEN ZIELEN

Übungen, die die fünf Obligolnischen Bemühungen betreffen, lassen sich schwer festlegen,
da sie sich auf unser persönliches Lebensbild und die Arbeit beziehen. Die Aufgaben, die
zur Erfüllung dieser Veantwortung vollbracht werden müssen, können ganz verschieden
sein und richten sich nach unseren wesentlichen Charaktermerkmalen und Fähigkeiten,
unseren natürlichen Gaben und Interessen. Oftmals setzen sie nicht nur ein gehöriges Maß
an Selbstkenntnis voraus, sondern auch Geschick und Kenntnis in den betreffenden
Gebieten. Traditionsgemäß werden diese Aufgaben oft von einem Lehrer gestellt, der
Einblick in Teile unseres Wesens besitzt, die wir noch nicht entwickeln haben, die aber für
ein harmonisches Wachstum vonnöten sind. Natürlich wissen wir in vielen Fällen schon
sehr genau, was für uns nötig wäre, sind aber zu stark mit den durch Gewohnheit
verfestigten Verhaltensweisen unserer Persönlichkeit identifiziert, um die notwendigen
Schritte zu unternehmen, und daher brauchen wir ein wenig Ermutigung. Wenn man
keinen Kontakt zu einem Lehrer hat, liegt es an jedem Einzelnen selbst, sich seiner Fehler
und Mißstände auf diesen Gebieten bewußt zu werden und entsprechend zu handeln.
Erstes Ziel: „In seinem normalen Lebenszustand alles zu haben, das dem Wohlergehen des
planetarischen Körpers dient und das er wirklich benötigt .“
Die erste Bemühung läßt sich von den meisten von uns leicht bewerkstelligen, sonst
hätten wir nicht die Zeit, Mittel oder Inklination, die Arbeit überhaupt erst aufzunehmen.
Jeder, der auf diesem Gebiet versagt, disqualifiziert sich dadurch automatisch von der
Mitgliedschaft in einer Gruppe.
Zweites Ziel: „Ein fortwährendes und unermüdliches instinktives Bedürfnis nach
Selbstverbesserung des Wesenskerns zu haben.“
Das zweite Ziel handelt von der Ernsthaftigkeit und Energie, die man für die Arbeit
mitbringt. Viele Leute interessieren sich nur oberflächlich für die Arbeit, sei es aus
Gründen der Selbstliebe oder intellektueller Neugier. Auf diesem Gebiet ist aber absolute
Hingabe und Ehrlichkeit abgebracht. Hindernisse sollen bewältigt und nicht aus
persönlicher Bequemlichkeit und Faulheit umgangen werden.
Drittes Ziel: „Man muß bewußt immerzu danach streben, mehr und mehr über die
Gesetze der Welterschaffung und Welterhaltung zu lernen“.
Das dritte Ziel erfordert die Entwicklung des intellektuellen Zentrums und den
wahrhaftigen Wunsch, die Theorien und Prozesse unseres Universums zu verstehen und
die Entwicklung des eigenen Selbst. Wenn man eine gefhühls-zentrierte oder eine körper-
zentrierte Person ist, muß man sich auf intellektuellem Gebiet besonders anstrengen.
Viertes Ziel: „Das Ziel, vom Anfang ihres Lebens an danach zu streben, so schnell wie
möglich den Preis für ihr Entstehen und ihre Individualität zu begleichen, um danach die
Freiheit zu haben, den Kummer unseres Gemeinsamen Vaters so klein wie möglich zu
halten.“
Das vierte Ziel erfordert Mitleid und Unparteilichkeit, um das Leiden als natürliches Los
des Lebens zu ertragen. Arbeite daran, dich in die Lage eines anderen zu versetzen und
Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, die unter schwierigeren Bedingungen
leben. Es ist außerdem auch notwendig, eigene Fehler nach Möglichkeit wieder
gutzumachen, durch die man andere hat leiden lassen; wenn das nicht möglich ist, sollte
man bescheiden seine Last tragen.
Fünftes Ziel: „Das Ziel, immer Beistand zu leisten, um anderen Wesen zu ermöglichen,
sich schnellstmögllich zu vervollkommnen, sowohl Wesen die einem selbst ähneln als auch
solchen einer anderen Gattung, bis der Grad des heiligen Martfotai, das heißt, bis der Grad
der Untrennbarkeit des Selbst erreicht ist.“
Das fünfte Ziel ist möglicherweise eines der am schwersten zu erreichende, da es uns in
die Lage eines Lehrers versetzt. Lehren und jemand etwas beibringen kann viele
verschiedene Formen annehmen, sei es, daß man ein guter Vater oder gute Mutter ist, daß
man mit andern in einer Gruppe teilt oder daß man ein Guru ist, der Hunderte von
Schülern um sich schart. Höre auf dein Gewissen und suche dir deinen eigenen kleinen
Platz. Wie bei jedem Weg der Tat liegt die größte Schwierigkeit darin, daß erst einmal das
Ego überwunden werden muß, denn das Ego ist wie ein Stock mit zwei Enden. Das eine
Ende ist der arrogante, selbstgefällige Charaker, das andere Ende ist der unterwürfige
selbstzerstörerische Charakter. Beiden gemeinsam ist die Konzentration auf das Ego-
Selbst.
„Ich bin ja so großartig“ oder „Ich bin ja so ein Nichts“. Wahre Bescheidenheit hält diesen
beiden Seiten die Balance, und nur durch diese Balance kann man wirklich selbstlos
handeln. Die meisten von denen, die der Verantwortung des Lehrens aus dem Weg gehen
möchten, haben dafür die egoistische „Ich bin ja so ein Nichts“-Ausrede.
Unterschäze deine Fähigkeiten nicht und habe keine Angst davor, ein paar Fehler zu
machen. Dadurch, daß man anderen etwas beibringt, lernt man selbst am besten. „Wenn
der Lehrer bereit ist, dann kommen auch die Schüler.“

ERWÄGUNGEN

* Wer ist es, der strebt ?
* Bei der Erstrebung welchen Ziels spüre ich innere Widerstände ?
* Warum strebe ich ?
* Wonach strebe ich ?
* Wen möchte ich durch mein Streben beeindrucken ?
* Welche zu erstrebenden Ziele vermeide ich oder mag ich nicht ?
ERSTE INITIATION 5

(G.I. Gurdjieff zugeschrieben, vielleicht aber auch von Jeanne de Salzmann)

Ihr werdet sehen, dass man vom Leben exakt das zurückbekommt, was man
hineingesteckt hat. Euer Leben ist der Spiegel von dem was ihr seid, es ist euer
Spiegelbild. Ihr seid passiv, blind und anspruchsvoll. Ihr nehmt alles, ihr akzeptiert alles,
ohne jemals das Gefühl zu haben, dafür zahlen zu müssen. Eure Haltung zum Leben und
zur Welt ist die Haltung von jemandem, der das Recht hat, zu verlangen und zu nehmen.
Jemand, der für nichts bezahlen oder sich etwas verdienen muss. Ihr glaubt, dass alles für
euch so eingerichtet sei, nur weil ihr es seid. All eure Blindheit liegt da. Es fällt euch nicht
auf. Es ist jedoch das, was in euch eine Welt von der anderen trennt. Ihr habt keinen
Maßstab euch selbst zu beurteilen. Ihr lebt nur zwischen „Ich mag“ und „Ich mag nicht“.
Das bedeutet, ihr messt nur euch selbst Bedeutung zu. Ihr erlaubt es nicht, dass
irgendetwas über euch steht – theoretisch vielleicht, aber nicht in der Realität. Darum seid
ihr so voller Anspruch und denkt weiterhin, dass alles billig sein sollte, damit ihr es euch
leisten könnt alles zu kriegen. Ihr seht nichts was höher steht, nicht außerhalb oder
innerhalb von euch. Darum, ich wiederhole, habt ihr keinen Maßstab und lebt nur, um
eure Launen zu befriedigen.

Ja, eure „Selbstwertschätzung“ macht euch blind. Sie ist das größte Hindernis für ein
neues Leben. Man muss fähig sein dieses Hindernis zu überwinden, diese Schwelle, bevor
es weitergehen kann. Es ist der Test, der die Spreu vom Weizen trennt. Wie intelligent, wie
begabt oder brillant ein Mensch auch sein mag, wenn er seine Meinung über sich selbst
nicht ändert, ist er für die innere Entwicklung verloren. Für die Arbeit, die auf
Selbsterkenntnis beruht, einer echten Evolution. Er wird so bleiben wie er ist, sein ganzes
Leben. Die erste Anforderung, die erste Bedingung, der erste Test für den, der an sich
selbst arbeiten will, ist seine Selbstwertschätzung zu ändern. Es darf nicht nur eingebildet
sein oder gedacht oder geglaubt, man muss die Dinge in sich sehen, die man vorher nicht
gesehen hat, wirklich sehen. Niemand wir die Meinung über sich selbst ändern, solange er
nicht in sich sieht. Und um zu sehen, muss man lernen zu sehen: Das ist die erste
Einweihung eines Menschen zur Selbsterkenntnis. Zuallererst muss er wissen wonach er
Ausschau halten muss. Wenn er es weiß, muss er sich anstrengen, seine Aufmerksamkeit
fokussieren, konstant und Zäh schauen. Indem er seine Aufmerksamkeit aufrecht erhält,
er nicht vergisst zu schauen, wird er eines Tages sehen. Wenn er einmal sieht, kann er auch
das zweite Mal sehen. Und wenn das wiederholt wird, kann er nicht ignorieren was er
sieht. Das ist der Zustand, den wir in unserer Beobachtung anstreben; daraus wird der
wahre Wunsch, der Wunsch zur Entwicklung, geboren. Aus unserer Kälte wird Hitze,
vibrierend; wir werden tief angerührt von unserer Wirklichkeit. Heute haben wir nur die
Illusion von dem was wir sind. Wir überschätzen uns selbst. Wir respektieren uns nicht
selbst. Um mich selbst zu respektieren muss ich in mir einen Teil erkennen, der höher als
die anderen Teile ist und dem ich Respekt entgegenbringe, durch die Haltung, die ich
dazu einnehme. Auf diesem Wege werde ich mich respektieren. Und meine Beziehungen

5 http://gurdjieffclub.com/de/articles-essay-first-initiation-by-jeanne-de-salzmann
mit anderen werden durch denselben Respekt regiert. Wir müssen verstehen, dass alle
anderen Maßeinheiten, Talent, Gelehrsamkeit, Kultur, Genie veränderliche Maßeinheiten
sind, Einheiten für Details. Die einzig wahre Maßeinheit, unveränderlich, objektiv, ist die
Maßeinheit der inneren Schau. „Ich“ sehe – „Ich“ sehe mich selbst, das ist das Maß. Mit
einem höheren, wirklichen Teil, habt ihr einen niedrigeren, ebenfalls realen, beurteilt. Und
dieses Beurteilen, das durch sich selbst die jeweiligen Rollen jedes Teiles definiert, bringt
Selbstrespekt. Aber ihr werdet sehen, es ist nicht leicht.

Es gibt kein Feilschen. Man muss eine Menge bezahlen. Für die schlechten Zahler, die
Faulen, die Verlierer - keine Chance. Man muss zahlen, eine Menge zahlen, sofort und im
Voraus. Zahle aus eigener Kraft, mit aufrichtiger Arbeit, mit ganzem Herzen, ohne
Erwartung. Je mehr man gewillt ist zu zahlen, ohne Zurückhaltung, ohne zu betrügen und
ohne Falschheit, umso mehr wird man erhalten und von da an wird man seiner wahren
Natur begegnen. Ihr werdet all die Tricks sehen, all die Unehrlichkeit, um zu vermeiden
bezahlen zu müssen. Denn man muss mit seinen haltlosen Theorien, all den tief
verwurzelten Überzeugungen, all den Vorurteilen, all den Konventionen, dem „Ich mag“
und „Ich mag nicht“ bezahlen. Man muss bezahlen ohne zu feilschen, ernsthaft, sich nicht
nur etwas vormachen. Versucht zu sehen, wenn ihr Falschgeld benutzt.

Versucht für einen Moment die Idee zu akzeptieren, dass ihr nicht das seid, was ihr glaubt
zu sein, dass ihr euch selbst überschätzt, dass ihr euch deshalb selbst belügt. Dass ihr euch
immer belügt, jeden Moment, den ganzen Tag, euer ganzes Leben. Dass die Lüge euch in
einem Ausmaß regiert, dass ihr sie nicht mehr kontrollieren könnt. Ihr seid ihr Opfer. Ihr
lügt überall. Eure Beziehungen zu anderen, Lügen. Die Erziehung, die ihr gebt, eure
geliebten Konventionen, Lügen. Euer Lernen, Lügen. Eure Theorien, eure Kunst, Lügen.
Euer soziales Leben, euer Familienleben, alles Lügen und was ihr über euch selber denkt,
ebenfalls Lügen. Doch weder stoppt ihr euer Tun, noch das, was ihr sagt, den ihr glaubt an
euch. Ihr müsst innerlich anhalten und beobachten. Beobachten ohne Vorurteil,
gleichzeitig akzeptiert eine Zeitlang die Idee über das Lügen. Und wenn ihr in dieser Art
beobachtet, für euch selbst zahlt, ohne Selbstmitleid, indem ihr all eure falschen
Reichtümer für einen Moment der Wirklichkeit hingebt, werdet ihr vielleicht eines Tages
plötzlich etwas sehen, dass ihr niemals zuvor gesehen habt. Ihr werdet in euch jemanden
anderen sehen, nicht den aus eurer Einbildung. Ihr werdet sehen, dass ihr zwei seid. Einer,
der nicht ist, aber den Platz des anderen übernimmt und seine Rolle spielt. Und den, der
ist. Doch dieser ist so schwach, so unbeständig, dass er, wenn er auftaucht, auch schon
wieder verschwindet. Er kann Lügen nicht aushalten. Die kleinste Lüge tötet ihn. Er
kämpft nicht, es widersteht nicht, er ist im Voraus besiegt. Lernt zu schauen bis ihr den
Unterschied zwischen euren zwei Naturen beobachtet, bis ihr die Lügen gesehen habt, den
Betrüger in euch. An dem Tag, wenn ihr eure zwei Naturen seht, wird in euch die
Wahrheit geboren.
GURDJIEFFS "KAMPF GEGEN DEN SCHLAF" 6

Diese verfluchten Idioten ...
In der Abtei von Fontainebleau in der Nähe von Paris gründete Georg Iwanowitsch
Gurdjieff Ende 1922 das "Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen". In dieser
Abtei lebten und arbeiteten u. a. viele Schriftsteller, Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, die
alle bereitwillig ihre bisherige Arbeit und Karriere aufgegeben hatten, um Gurdjieffs Lehre
zu folgen. Ein unbeteiligter Beobachter der Geschehnisse, der die Abtei mehrmals
besuchte, schildert seine Eindrücke so:
"Die 60 bis 70 Schüler, die hier lebten, taten tagsüber harte körperliche Arbeit, lebten in kalten,
karg eingerichteten Zimmern und von verheirateten Paaren mit Kindern abgesehen, streng nach
Geschlechtern getrennt. Mittags gab es Suppe mit Mehl, dafür aber reichlich. Gurdjieff fordert
absoluten Gehorsam und verlangt von jedem genau das, was seinem persönlichen Zu- oder
Abneigungen entgegenläuft. Es gilt, die Gewohnheiten der Schüler zu brechen, denn diese sind
die stärksten mechanischen Verkettungen, denen man unterworfen ist. Etwa um neun oder
zehn Uhr versammeln sich alle zu den Tänzen und den sogenannten Dauerübungen: z.B. mit
ausgestreckten Armen umhergehen; was einige eine Stunde lang fertigbrachten."
Zu diesen Tänzen schreibt Dr. Young, ein Bewohner der Abtei:
"Der Sinn der Tänze bestand ebenfalls darin, die Trägheit körperlicher Gewohnheiten zu
brechen, sich trotz Erschöpfung um geistige Konzentration zu bemühen und absolute
Körperbeherrschung zu erlangen. Ein Training, für das sicherlich ein großes Maß an Willen
erforderlich ist. Die Tänze bestanden z.B. aus vier verschiedenen Bewegungen, von denen jede
einen eigenen Rhythmus hatte oder gegensätzlich war, wie beispielsweise Kreisbewegungen
mit der einen und Klopfbewegungen mit der anderen Hand, während dessen man ein immer
komplizierter werdendes Kopfrechnen durchzuführen hatte."
Weshalb entscheidet sich jemand für ein derartiges Leben? Der verwöhnte westliche
Mensch, der nun theoretisch die Freiheit und das Geld hätte, über sich selbst zu
bestimmen und sich gemäß seinen Anlagen zu entwickeln, sucht nach Lehrern, die ihn an
seine Grenzen heranführen, ihn in Frage stellen, ihn womöglich demütigen und von ihm
genau das Gegenteil verlangen, als wonach er gerade das Bedürfnis hätte. Fast sieht es wie
eine weitere Perversion seines Konsumverhaltens aus. Der moderne Mensch steht vor
einem Überangebot an Waren und Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. In vielen Fällen
scheint ihn das zu verwirren, wo kann er einen Sinn, ein Ziel erkennen? Nun sucht er
danach, seine äußeren Umstände wieder so schwer wie möglich zu gestalten, entscheidet
sich - freiwillig? - für Entbehrung, Demütigung, Gehorsamkeit, Schmerzen, Ekel,
einerseits, um in seiner Übersättigung überhaupt mal wieder etwas zu fühlen.
Andererseits vielleicht in der Hoffnung, durch bewußtes Wahrnehmen und
Transformieren der dabei auftretenden Gefühle innerlich frei und stark zu werden. Wie
könnte ein Mensch aussehen, der so frei und stark geworden ist? Wie wird er sich
verhalten? Wie nehmen wir ihn wahr? Zieht er sich zurück wie ein Mönch, ein
buddhistischer Meister, der abgeklärt und abgekehrt von irdischer Mühsal, nicht spricht,
nicht sprechen muß, sondern seine Weisheit in seinem ruhigen und unerbittlichen Lächeln
ausstrahlt? Gurdjieff, der, wie wir wohl annehmen dürfen, diese innere Freiheit besaß und,
wie Ouspensky es ausdrückte, "zu den Quellen der Erkenntnis" vorgedrungen war,
verhielt sich sehr anders. Man hat die Assoziation eines genialen Jongleurs, der anstatt mit
6 http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/186/
Bällen, mit seinen Schülern spielt, sie erhebt und wieder in Verwirrung stürzt, von ihnen
mit der unerschütterlichen Sicherheit eines von sich selbst überzeugten Menschen, Dinge
verlangt, die sie nicht verstehen und sie an den Rand ihrer Kräfte bringen und deren Sinn
sie erst durch die praktische Arbeit ergründen können - wenn sie können. Er konfrontiert
sie mit Widersprüchlichkeiten, Arroganz und Sarkasmus. Hierzu einige Beispiele aus
Louis Pauwels Buch Gurdjieff der Magier: "Man stellte sie (die Schüler) mit ihren
schändlichen Neigungen bloß und rechnete ihnen die erheblichen Ausgaben vor, zu denen ihr
Gastgeber durch ihren Appetit und Durst veranlaßt wurde. "Wieviel glaubt ihr, wird das kosten?"
sagt Gurdjieff und hält ein höchst mageres Radieschen hoch, "ein Sonderradieschen, extra für
mich aus dem Kaukasus geschickt." Es kam gerade-wegs vom Markt in Neuilly."
Dr. Young, ein bekannter englischer Psychiater und Schüler von C. G. Jung, gab seine
Praxis auf, um als Schüler von Gurdjieff in der Abtei von Fontainebleau zu leben. Er
berichtet: "Gurdjieff beschloß, einen Wagen zu kaufen. (...) Man nahm an, Gurdjieff habe nie
fahren gelernt, was wahrscheinlich stimmte. Viele - und darunter die intelligenten
Engländerinnen - glaubten, Gurdjieff brauche es nicht auf eine normale Art zu lernen. Er würde
sozusagen durch Eingebung fahren lernen. Man vertrat den Aberglauben, Gurdjieff sei mit
außergewöhnlichen und mysteriösen Kräften begabt. Wenn man das Kreischen des
mißhandelten Getriebes hörte, erklärten die Getreuen beharrlich, daß der Meister damit die
Zuneigung und Treue solcher Skeptiker, wie ich es sei, zu erproben gedenke."
Gurdjieff schrieb über sich selbst: "Die große Natur hatte meine ganze Familie und vor allem
mich freigiebig mit einem Ausmaß von Fassungskraft ausgestattet, wie es selten von einem
Menschen erreicht wird."
Der Wissenschaftler, Schriftsteller und Gurdjieff-Schüler Pierre Schaeffer erklärt die
Intentionen seines Lehrers wie folgt: "Ihr werdet weder getröstet, noch beruhigt, noch
aufgeklärt. Ihr werdet nur einen Mann vorfinden, der Euch fühlen läßt, inwieweit man ein
Mensch, und zwar ein einsamer Mensch, sein kann ."
Wer soweit gekommen ist, hat das erste große Ziel von Gurdjieffs Arbeit erreicht. Er hat
aufgehört, eine Maschine zu sein, die sich nicht kennen und für ihre Handlungen nicht
verantwortlich sein kann. Bevor ein Mensch also von sich sagen kann, er handle, muß er
noch einmal ganz von vorne beginnen, wieder Kind werden, und durch für ihn völlig
neue Herausforderungen und Überforderungen, seine wahren Grenzen und seine
Möglichkeiten kennenlernen. Denn der Mensch hat zwar die Illusion seiner Ganzheit und
Einheit, ist aber in Wahrheit nur eine sich mit äußeren Einflüssen, Ereignissen und ihren
eigenen gewohnheitsmäßigen Emotionen identifizierende Marionette.
Doch wo ist nun der Ausweg aus dieser Misere? Das zentrale Gebot in Gurdjieffs Lehre ist,
damit aufzuhören, sich zu identifizieren. Dies soll mit ständigen Bewußtheitsübungen
erreicht werden. Gurdjieff ging davon aus, daß alle Gefühle des noch nicht entwickelten
Menschen falsch, und seine Handlungen mechanisch sind. Der sein göttliches Selbst
Suchende sollte ständig den Satz "Das bin nicht ich" im Bewußtsein haben. Die innere
Arbeit, die Gurdjieff von denen verlangt, die erwachen wollen und damit nach seiner
Philosophie erst zu Menschen werden, birgt Gefahren in sich. In manchen Zeugnissen der
Gurdjieff-Schüler, die in Pauwels Buch zu Wort kommen, wird eine gewisse Sehnsucht
nach der "Lebensweise" einer funktionierenden Maschine deutlich: "Es ist besser zu leben
und wenig zu existieren, als überhaupt nicht zu existieren, weil man zu neugierig war und das
Schwindelgefühl einem das scheinbare Sein ausgehöhlt hat" (P. Schaeffer).
Und: "Es galt für mich, der Versuchung, das absolute, vollkommene und feste "Ich" zu besitzen,
abzuschwören - wenigstens für eine gewisse Zeit - wenn anders ich Freiheit und Gesundheit
wiedergewinnen wollte. (...) ich war wie die meisten Mitglieder der Gruppen Gefangener meines
eigenen Ehrgeizes (...)" (L. Pauwels).
Gurdjieffs Regeln:
1. Geh immer den Ereignissen nach, die der Rest der Menschheit als mysteriös abtut.
2. Tu niemals etwas, weil andere es auch tun.
3. Denke niemals das, was andere denken.
4. Vertraue nur der eigenen Sicht der Welt, niemals der Sicht, wie sie andere haben.
Und traue auch deiner eigenen Sicht nur einen Moment lang.

OUSPENSKY: DER KAMPF GEGEN DEN SCHLAF7
Um den Unterschied zwischen den einzelnen Bewusstseinszuständen zu verstehen,
müssen wir zunächst auf den ersten, den Schlafzustand, eingehen. Er ist ein völlig
subjektiver. Der Mensch ist hier in seine Träume versunken – gleichgültig, ob er eine
Erinnerung an sie bewahrt oder nicht. Selbst wenn irgendwelche realen Eindrücke auf den
Schläfer einwirken, wie gewisse Geräusche, Stimmen, Hitze, Kälte oder Gefühle seines
eigenen Körpers, so können diese doch nur phantastische Bilder in ihm hervorrufen. Dann
erwacht der Mensch. Auf den ersten Blick erscheint es als befände er sich in einem ganz
anderen Bewusstseinszustand. Er kann sich bewegen, mit anderen Personen sprechen,
Pläne machen, Gefahren sehen, sie vermeiden und so weiter. Normalerweise sollte man
annehmen, dass seine Lage nun wesentlich günstiger ist als im Schlaf. Aber wenn wir den
Dingen ein wenig mehr auf den Grund gehen, wenn wir einen Blick auf die innere Welt
des Menschen werfen, auf die Ursachen seiner Handlungen, entdecken wir, dass er sich
jetzt fast im gleichen Zustand befindet wie vorher. Ja, er ist sogar in einer noch
schlechteren Lage, denn während des Schlafes ist er passiv, das heißt, er kann nichts
unternehmen. Im Wachzustand hingegen kann er handeln, und die Folgen seiner
Handlungen werden auf ihn und seine Umgebung zurückwirken. Dabei ist er sich seiner
selbst gar nicht wahrhaft bewusst. Er ist eine Maschine, alles stößt ihm zu. Er kann die Flut
seiner Gedanken nicht hemmen, er kann weder seiner Phantasie, noch seinen Gefühlen,
noch seiner Aufmerksamkeit gebieten. Er lebt in einer subjektiven Welt des <<ich liebe>>,
<<ich liebe nicht>>, <<das gefällt mir>>, <<das gefällt mir n icht>>, <<ich habe Lust>>, <<ich
habe keine Lust>>, - in einer Welt also, die aus dem besteht, was er zu lieben oder nicht zu
lieben, zu wünschen oder nicht zu wünschen glaubt. Er sieht nicht die wirkliche Welt. Die
reale Welt ist für ihn hinter der Mauer seiner Phantasie verborgen. Er lebt in einem Traum.

Das, was er <<klares Bewusstsein>> nennt, ist nur Schlaf – und zwar ein viel gefährlicherer
Schlaf, als der, den er nachts in seinem Bett erlebt. Betrachten wir irgendein Ereignis in der
Geschichte der Menschheit. Den Krieg zum Beispiel. Auch in diesem Augenblick ist Krieg.
Was soll das heißen? Es bedeutet, dass mehrere Millionen Schlafender bemüht sind,
mehrere Millionen anderer Schlafender zu vernichten. Wenn sie sich weigerten das zu tun,

7 Der im Jahre 1917 gehaltene Vortrag von Gurdjieffs wurde dem Buch „Auf der Suche nach dem
Wunderbaren“ von P. D. Ouspensky entnommen
das zu tun, würden sie natürlich aufwachen. Alles was zur Zeit vor sich geht, ist auf
Rechnung dieses Schlafes zu setzen. Diese beiden Bewusstseinszustände also, der
Schlafzustand und der Wachzustand, sind gleichermaßen subjektiv. Erst wenn der Mensch
beginnt, sich seiner selbst bewusst zu werden, kann er wahrhaft erwachen. Dann gewinnt
das ganze Leben rings um ihn ein anderes Aussehen und einen neuen Sinn. Er erblickt
darin ein Leben von schlafenden Menschen, ein Traumleben. Alles was die Leute sagen,
was sie tun, geschieht im Schlaf. Nichts davon kann also auch nur den geringsten Wert
haben. Allein das Erwachen und das, was zum Erwachen führt, hat wirklichen Wert. Wie
oft habt ihr mich schon gefragt, ob es nicht möglich wäre, den Krieg zu vermeiden.
Natürlich wäre es möglich. Die Menschen brauchten nur zu erwachen. Das klingt sehr
einfach. Und doch gibt es nichts das schwieriger wäre, weil der Schlaf durch das gesamte
Leben um uns und durch alle Bedingungen unserer Umwelt verursacht und erhalten
wird.

Wie kann man sich diesem Schlaf entziehen? Das ist die wichtigste und wesentlichste
Frage, die ein Mensch stellen kann. Doch bevor er sie stellt, muss er sich von der Tatsache
überzeugen, dass er schläft. Und das wird ihm nur möglich sein, wenn er aufzuwachen
versucht. Wenn er erst einmal begriffen hat, dass er sich seiner selbst nicht bewusst ist und
dass ein Bewusstwerden bis zu einem gewissen Grad ein Erwachen bedeutet, und wenn er
die Erfahrung gemacht hat, wie schwer es ist, sich seiner selbst bewusst zu werden , dann
wird er auch begreifen, dass der Wunsch allein nicht genügt. Genauer gesagt , der Mensch
kann nicht allein zum Erwachen gelangen. Wenn aber zwanzig Menschen vereinbaren,
dass der erste von ihnen, der aufwacht, die anderen weckt, besteht schon eine gewisse
Chance. Doch selbst das genügt noch nicht, denn es ist denkbar, das diese zwanzig
Menschen gleichzeitig einschlafen und nur träumen, dass sie aufwachen. Man muss also
nach einer anderen Lösung suchen. Die zwanzig Menschen müssen von einer anderen
Person beaufsichtigt werden, der selbst nicht einschläft oder der zumindest nicht so leicht
einschlummert wie die anderen oder der doch nur dann, und zwar ganz bewusst,
einschläft, wenn es statthaft ist, das heißt, wenn daraus kein Schaden für ihn oder die
anderen entstehen kann. Die zwanzig Menschen müssen also einen solchen Menschen
finden und ihn dazu bringen, sie aufzuwecken und ihnen zu gestatten, wieder in den
Schlaf zurückzusinken. Ohne diese Voraussetzung ist ein Erwachen nicht möglich. Diese
Tatsache gilt es zu begreifen. Es ist möglich, tausend Jahre lang zu denken, es ist möglich,
ganze Bibliotheken zu schreiben, Theorien zu Tausenden aufzustellen – und alles das im
Schlaf, ohne jede Hoffnung auf Erwachen. Im Gegenteil: die von Schlafenden verfertigten
Theorien und Bücher werden nur bewirken, dass immer mehr Menschen in diesen Schlaf
hineingezogen werden. Diese Idee von Schlaf ist keineswegs neu. Fast seit der Erschaffung
der Welt schon hat man den Menschen davon gesprochen.

Wie oft lesen wir zum Beispiel in den Evangelien: „Wacht auf“, „Wache“, „Schlaft nicht“.
Sogar die Jünger Jesu schliefen im Garten Gesemane, während ihr Meister zum letzten
Mal betete. Diese Tatsache besagt alles. Aber verstehen die Menschen sie? Sie halten sie für
eine rhetorische Floskel, für eine Metapher. Und sie begreifen nicht, dass sie buchstäblich
als Wahrheit begriffen werden muss. Dabei ist gerade in diesem Fall der Grund noch leicht
zu erfassen. Die Jünger brauchten ja nur zu erwachen, oder sie sollten es zumindest
versuchen. Man hat mich tatsächlich oft gefragt, warum die Evangelien nie vom Schlaf
sprechen… Es ist auf jeder Seite davon die Rede. Die Frage beweist nur, dass die
Menschen auch die Bibel im Schlaf lesen. Wie bringt man es fertig, einen schlafenden
Menschen aufzuwecken? Man muss ihn anstoßen. Wenn ein Mensch jedoch tief schläft,
genügt ein einfacher Stoß nicht. Dann muss man ihn immer wieder unaufhörlich rütteln.
Infolgedessen ist ein Mensch nötig, der dies besorgt. Ich sagte bereits, dass ein Mensch,
der erwachen will, sich einen Helfer dingen muss, der es übernimmt, ihn ständig
wachzurütteln. Aber wen kann er dazu bringen, wenn doch alle Welt schläft? Er nimmt
einem Menschen das Versprechen ab, ihn zu wecken, und dieser fällt seinerseits in den
Schlaf. Wozu ist er ihm also nütze? Und wenn man einen Menschen findet, der tatsächlich
fähig ist, sich wachzuhalten, so wird dieser vermutlich Wichtigeres zu tun haben, als die
anderen zu wecken. Es besteht auch die Möglichkeit, sich mechanisch wecken zu lassen.
Man kann eine Weckeruhr benutzen. Das Unglück ist nur, dass man sich allzu rasch an
jede Weckeruhr gewöhnt: man hört sie schließlich gar nicht mehr. Man braucht also viele
Weckeruhren mit verschiedenen Klingelzeichen. Der Mensch muss sich buchstäblich mit
Weckern um geben, die ihn am Einschlafen hindern. Aber auch hier erheben sich wieder
neue Schwierigkeiten. Die Weckeruhren müssen aufgezogen werden; um sie aufzuziehen,
ist es unerlässlich, dass man an sie denkt; um daran zu denken, muss man immer wieder
aufwachen. Und das schlimmste: der Mensch gewöhnt sich an alle Wecker, und nach einer
gewissen Zeit schläft er nur umso besser.

Infolgedessen müssen die Wecker ständig ausgewechselt werden, und man muss immer
wieder neue erfinden. Das hilft mit der Zeit. Leider besteht aber nur wenig Hoffnung, dass
der Mensch diese ganze Leist ung des Erfindens, des Aufziehens und des Austauschens all
der Weckeruhren allein, ohne äußere Hilfe, vollbringen kann. Es ist sehr viel wahrschein-
licher, dass er diese Arbeit zwar in Angriff nimmt, dann aber bald einschläft und im Schlaf
träumt, dass er Wecker erfindet, sie aufzieht und austauscht. Ein Mensch, der erwachen
will, muss sich also nach anderen Menschen umsehen, die den gleichen Wunsch haben,
um dann mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn die
Bewältigung einer solchen Aufgabe und ihre Organisation verlangen Kenntnisse, über die
der gewöhnliche Mensch nicht verfügt. Die Arbeit muss organisiert werden, und einer
muss die Leitung übernehmen. Wenn diese beiden Bedingungen nicht erfüllt sind, kann
die Anstrengung nicht die erwarteten Erfolge zeitigen, und alle Mühe ist vergebens. Die
Menschen können sich quälen, aber auch diese Qualen werden sie nicht erwachen lassen.
Es sieht so aus, als sei für gewisse Menschen nichts schwieriger, als diese Zusammenhänge
zu begreifen. Sie mögen aus eigener Initiative zum größten Einsatz fähig sein, aber sie
werden sich um keinen Preis der Welt davon überzeugen lassen, dass ihr erstes Opfer
darin bestehen muss, sich einem anderen zu unterwerfen. Und sie wollen nicht zugeben,
dass all ihre anderen Opfer in diesem Fall zu nichts nütze sind. Die Arbeit muss geplant
werden. Und das kann nur durch einen Menschen geschehen, der ihre Probleme, ihre
Methoden und ihre Ziele kennt und der sich selbst schon einmal in ein solch organisiertes
Werk eingegliedert hat.
Energie – Schlaf1
In einem früheren Vortrag sagte ich Ihnen, dass unser Organismus im Laufe von
vierundzwanzig Stunden eine bestimmte Energiemenge erzeugt, die für seine Existenz
notwendig ist. Ich wiederhole: eine bestimmte Menge. Gleichwohl ist diese Energiemenge
viel grösser als das, was ein normaler Verbrauch erfordern würde. Aber unser Leben ist so
anomal, dass wir den Grossteil und mitunter sogar die gesamte Menge verausgaben, und
noch dazu unproduktiv. Eine der Hauptursachen für den Energieverbrauch sind all die
unnötigen Bewegungen, die wir im alltäglichen Leben ausführen. Später werden Sie
anhand bestimmter Experimente sehen, dass diese Energie grösstenteils genau in dem
Augenblick verbraucht wird, da unsere Bewegungen weniger aktiv sind. Zum Beispiel:
wieviel Energie gibt ein Mensch an einem Tag aus, den er ganz mit körperlicher Arbeit
zubringt? Ziemlich viel. Trotzdem gibt er sogar noch mehr aus, wenn er ruhig dasitzt und
nichts tut. Unsere grossen Muskeln verbrauchen weniger Energie, weil sie sich besser auf
die Schwungkraft eingestellt haben, während die kleinen Muskeln mehr verbrauchen, weil
sie sich der Schwungkraft weniger angepasst haben: sie können nur durch Kraft in
Bewegung gesetzt werden. So wie ich beispielsweise jetzt hier sitze, hat es den Anschein,
als bewegte ich mich nicht. Das heisst aber nicht, dass ich keine Energie ausgebe. Jede
Bewegung, jede Spannung, ob gross oder klein, ist mir nur möglich, wenn ich diese Energie
ausgebe. Im Augenblick ist mein Arm gespannt, doch ich rühre mich nicht. Dennoch gebe
ich mehr Energie aus, als wenn ich ihn in dieser Weise bewegte (er macht eine Geste). Es ist
etwas sehr Interessantes, und Sie sollten zu verstehen versuchen, was ich über die
Schwungkraft sage. Wenn ich eine jähe Bewegung mache, strömt Energie herbei, doch
wenn ich diese Bewegung wiederhole (er macht die gleiche Geste), erfordert die
Schwungkraft keine Energie mehr. Sobald der erste Anstoss gegeben ist, hört der
Energiestrom auf, und die Schwungkraft tritt an seine Stelle. Jede Spannung benötigt
Energie. Bei Spannungslosigkeit ist der Energieverbrauch geringer. Wenn mein Arm
gespannt ist wie jetzt, so verlangt das einen ununterbrochenen Strom, was bedeutet, dass er
mit den Akkumulatoren verbunden ist. Bewege ich jetzt meinen Arm auf diese Weise, dann
gebe ich, da es mit Unterbrechungen geschieht, noch immer Energie aus.
Leidet ein Mensch an chronischen Spannungen, so gibt er, auch wenn er nichts macht, auch
wenn er sich hingelegt hat, mehr Energie aus als ein Mensch, der einen ganzen Tag mit
körperlicher Arbeit zubringt. Wer hingegen diese kleinen chronischen Spannungen nicht
hat, der verschwendet, wenn er nicht arbeitet oder sich nicht bewegt, gewiss keine Energie.

Fragen wir uns jetzt: gibt es viele unter uns, die von dieser schrecklichen Krankheit frei
sind? - Wir sprechen nicht von den Leuten im allgemeinen, sondern von den hier
Anwesenden; die anderen gehen uns nichts an. Fast alle haben wir diese reizende
Gewohnheit. Vergessen wir nicht, dass jene Energie, von der wir jetzt so leichthin reden
und die wir unwillkürlich und ohne Not vergeuden, die gleiche Energie ist, die wir für die
beabsichtigte Arbeit benötigen; ohne sie vermögen wir nichts zuwege zu bringen.
Wir können auch nicht mehr Energie erhalten. Der Energiezufluss nimmt nicht zu:die
Maschine bleibt so,wie sie geschaffen wurde. Wenn sie zum Beispiel geschaffen wurde, um
zehn Ampere zu erzeugen, so wird sie auch weiterhin zehn Ampere erzeugen. Der Strom
liesse sich nur vermehren, wenn man alle Drähte und Spulen veränderte. Eine Spule stellt
1 Ouspensky, P.D. - Auf der Suche nach dem Wunderbaren
beispielsweise die Nase dar, eine andere ein Bein, eine dritte die Hautfarbe oder die Grosse
des Magens. Die Maschine lässt sich also nicht verändern - ihr Aufbau bleibt so, wie er ist.
Die Menge der erzeugten Energie ist konstant; selbst wenn die Maschine überholt wird,
erhöht sich diese Menge nur geringfügig. Das, was wir beabsichtigen, erfordert grosse
Anstrengungen. Und Anstrengung verlangt viel Energie. Aber die Art von Anstrengungen,
die wir bisher gemacht haben, bringt eine solche Energievergeudung mit sich, dass wir
niemals werden ausfahren können, was wir uns vorgenommen haben. So brauchen wir
also einerseits sehr viel Energie, und andererseits ist unsere Maschine dergestalt gebaut,
dass sie nicht mehr erzeugen kann. Wie kommen wir aus dieser misslichen Lage heraus?
Der einzige Ausweg, das einzige mögliche Verfahren heisst: sparsam mit der vorhandenen
Energie umgehen. Wollen wir daher in dem Augenblick über Energie verfügen, da wir
ihrer bedürfen, so müssen wir lernen, mit ihr, wo immer wir können, hauszuhalten.

Es steht fest, dass einer der Hauptenergieverluste auf unserem Zustand unwillkürlicher
Gespanntheit beruht. Es gibt in uns viele andere Lecks, aber sie sind alle schwieriger zu
reparieren. Deshalb beginnen wir mit dem Leichtesten, das heisst mit der Beseitigung
dieses Lecks. Anschliessend werden wir lernen, wie man mit den anderen fertig wird.
Der Schlaf des Menschen ist nichts anderes als die Unterbrechung der Verbindungen
zwischen den Zentren. Die Zentren des Menschen schlafen nie. Da die Assoziationen ihr
Leben, ihre Bewegung ausmachen, halten sie niemals an, hören sie niemals auf. Ein
Stillstand der Assoziationen bedeutet den Tod. Die Bewegung der Assoziationen setzt in
keinem Zentrum auch nur für einen Augenblick aus. Sie laufen sogar im tiefsten Schlaf
weiter. Wenn ein Mensch im Wachzustand sieht, hört, sein Denken wahrnimmt, so sieht,
hört, nimmt er sein Denken auch im Halbschlaf wahr, und diesen Zustand nennt er Schlaf.
Selbst in jenem Zustand, in welchem er seiner Meinung nach ganz und gar aulhört zu
sehen oder zu hören - und den er auch Schlaf nennt -, gehen die Assoziationen weiter.
Der einzige Unterschied liegt in der Stärke der Verbindungen zwischen dem einen
Zentrum und einem anderen. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Beobachtung sind nichts
anderes als die Beobachtung eines Zentrums durch ein anderes oder das Abhören eines
Zentrums durch ein anderes. Folglich brauchen die Zentren selber nicht anzuhalten und zu
schlafen. Schlaf bringt ihnen weder Vorteile noch Nachteile. Der sogenannte Schlaf ist nicht
dazu da, den Zentren eine Ruhepause zu gewähren. Wie schon gesagt, tritt der Tiefschlaf
ein, wenn die Verbindungen zwischen den Zentren unterbrochen sind. Und tatsächlich
herrscht der vollständige Ruhezustand der Maschine, der Tiefschlaf, dann, wenn alle
Verbindungen, alle Bindeglieder zu funktionieren aulhören. Wir haben mehrere Zentren,
und wir haben ebenso viele Verbindungen, sagen wir fünf Verbindungen. (In Wirklichkeit
stimmt das nicht ganz: einige Menschen haben zwei Verbindungen, andere haben sieben.
Fünf haben wir als einen Mittelwert genommen). Der Wachzustand ist dadurch
gekennzeichnet, dass alle diese Verbindungen intakt bleiben. Wenn jedoch eine davon
unterbrochen ist oder nicht länger funktioniert, so sind wir weder eingeschlafen noch
hellwach.
Ein Bindeglied ist abgetrennt - wir sind nicht mehr hellwach, aber auch nicht eingeschlafen.
Sind zwei Bindeglieder unterbrochen, so sind wir noch weniger wach - allein wir sind noch
immer nicht eingeschlummert. Wenn ein drittes unterbrochen wird, so sind wir nicht
eigentlich mehr wach und dennoch nicht wirklich in Schlaf gefallen; und so weiter.
Demnach haben wir nicht, wie wir annehmen, zwei Zustände: Schlaf- und Wachzustand,
sondern mehrere. Zwischen dem aktivsten und intensivsten Zustand, den jeder haben
kann, und dem passivsten Zustand gibt es bestimmte Abstufungen. Wenn nur eine
Verbindung ausfällt, so ist das äusserlich nicht ersichtlich und bleibt für andere
unbemerkbar. Es gibt Menschen, deren Fähigkeit sich zu bewegen, zu gehen, zu leben nur
dann aussetzt, wenn alle Verbindungen abgebrochen sind, und es gibt andere Leute, bei
denen die Unterbrechung zweier Verbindungen genügt, damit sie in Schlaf fallen.
Betrachten wir den Bereich zwischen Schlaf und Wachen als einen mit sieben
Verbindungen, so gibt es Leute, die im dritten Grad des Schlafes weiterhin leben, reden
und gehen.

Der Zustand des Tiefschlafs ist für alle der gleiche, doch die dazwischenliegenden
Abstufungen sind häufig subjektiv. Es gibt sogar «Sonderlinge», die sich höchst aktiv
zeigen, wenn bei ihnen eine oder mehrere Verbindungen unterbrochen sind. Wenn ein
solcher Zustand einem Menschen infolge seiner Erziehung zur Gewohnheit wurde und er
in diesem alles erwarb, was er besitzt, dann ist seine Tatkraft darauf aufgebaut, und er kann
folglich nur bei Eintritt dieses Zustands aktiv sein. Für Sie persönlich ist der aktive Zustand
relativ - in einem bestimmten Zustand können Sie aktiv sein. Allerdings gibt es einen
objektiven aktiven Zustand, wenn alle Verbindungen intakt sind; und es gibt in einem
entsprechenden Zustand subjektive Aktivität. So bestehen zwischen Schlaf und Wachen
vielerlei Abstufungen. Der aktive Zustand ist ein Zustand, in welchem das Denkvermögen
und die Sinne bei voller Leistungsfähigkeit und mit Hochdruck arbeiten. Wie es einen
objektiven Wachzustand, das heisst einen echten Wachzustand gibt, so gibt es auch einen
objektiven Schlafzustand. «Objektiv» heisst wirklich aktiv oder passiv. Auf alle Fälle muss
jeder verstehen, dass der Zweck des Schlafes nur dann erreicht wird, wenn alle
Verbindungen zwi- schen den Zentren unterbrochen sind. Nur dann kann die Maschine
erzeugen, was sie während des Schlafes erzeugen soll. Der Tiefschlaf ist ein Zustand, in
welchem wir keine Träume oder Empfindungen haben. Hat man jedoch Träume, so bedeu-
tet dies: eine Verbindung ist nicht unterbrochen, da ja Gedächtnis, Beobachtung,
Empfindung nichts anderes sind als die Beobachtung eines Zentrums durch ein anderes.
Wenn Sie also sehen, was in Ihnen vorgeht, oder wenn Sie sich daran erinnern, heisst dies,
dass ein Zentrum ein anderes beobachtet. Und wenn es zu beobachten vermag, dann
deshalb, weil etwas vorhanden ist, wodurch es dies kann. Und wenn etwas vorhanden ist,
wodurch ein Beobachten möglich wird, dann ist die Verbindung nicht abgebrochen.

Hieraus folgt: befindet sich die Maschine in gutem Zustand, so braucht sie nur sehr kurze
Zeit, um jene Stoffmenge herzustellen, die der Zweck des Schlafes ist; auf jeden Fall viel
weniger Zeit, als wir gewöhnlich im Schlaf verbringen. Was wir «Schlaf» nennen, wenn wir
zwischen sieben und zehn Stunden oder Gott weiss wie lange schlafen, ist kein Schlaf.
Diese Zeit bringt man grösstenteils nicht im Schlaf zu, sondern in jenen Übergangsstadien,
jenen unnötigen Halbtraumzuständen. Einige Leute brauchen mehrere Stunden, um
einzuschlafen, und mehrere Stunden, um danach wieder zu sich zu kommen. Könnten wir
auf einmal einschlafen und ebenso schnell vom Schlaf zum Wachzustand übergehen, so
würden wir auf diese Ubergangsstadien nur ein Drittel oder ein Viertel der Zeit
verwenden, die wir gegenwärtig dabei verlieren. Aber wir wissen nicht, wie man diese
Verbindungen willentlich unterbricht. Sie werden bei uns mechanisch unterbrochen und
wiederhergestellt. Wir sind Sklaven dieses Mechanismus. Wenn «es» ihm gefällt, dann
können wir in einen anderen Zustand übergehen. Andernfalls gilt es, sich hinzulegen und
zu warten, bis «es» uns die Erlaubnis zu ruhen erteilt. Diese Mechanität und lästige
Abhängigkeit hat verschiedene Ursachen. Eine dieser Ursachen ist der chronische
Spannungszustand, von dem wir zu Beginn sprachen und der einer der vielen Gründe ist
für den Verlust unserer Energiereserven. Sie verstehen somit, dass die Befreiung von dieser
chronischen Spannung einem doppelten Ziel dienen würde. Einmal würden wir viel
Energie sparen, und zum anderen wäre das sinnlose Herumliegen und Warten auf den
Schlaf überflüssig. Sie sehen, wie einfach das ist, wie leicht zu erreichen und wie
notwendig. Sich von dieser Gespanntheit zu befreien, ist für uns von unschätzbarem Wert.
Später werde ich Ihnen hierzu einige Übungen geben. Ich empfehle Ihnen, diese mit
grossem Ernst zu beachten, und bemühen Sie sich mit allen Ihren Kräften, aus jeder Übung
das zu gewinnen, was diese geben soll. Man muss - koste es, was es wolle - lernen, nicht
gespannt zu sein, wenn Spannung nicht notwendig ist. Wenn Sie sitzen und nichts tun,
lassen Sie den Körper schlafen! Wenn Sie schlafen, schlafen Sie so, dass Sie insgesamt
schlafen.

Frage: Gibt es eine Möglichkeit, das Leben zu verlängern?

Antwort: In gewissen Schulen findet man verschiedene Theorien über die Verlängerung
des Lebens, und zahlreiche Systeme befassen sich mit diesem Thema. Auch gibt es immer
noch leichtgläubige Leute, die an die Existenz eines Lebenselixiers glauben. Ich werde
Ihnen schematisch darlegen, wie ich die Frage verstehe. Hier ist eine Uhr. Sie wissen, dass
es verschiedene Uhrenarten gibt. Die meine hat eine Triebfeder, die 24 Stunden läuft. Nach
24 Stunden bleibt die Uhr stehen. Uhren anderer Bauart können eine Woche gehen, einen
Monat, vielleicht sogar ein Jahr. Der Mechanismus ist stets für eine bestimmte Zeit berech-
net. So wie er vom Uhrmacher konstruiert wurde, so bleibt er. Sie haben vielleicht
gesehen, dass Uhren einen Regulator haben. Wenn man ihn verstellt, dann kann die Uhr
langsamer oder schneller laufen. Entfernt man ihn ganz, so kann sich die Triebfeder sehr
rasch entspannen und, obwohl sie für 24 Stunden berechnet ist, in drei oder vier Minuten
ablaufen. Andererseits könnte meine Uhr im Zeitlupentempo ebensogut eine Woche oder
einen Monat funktionieren, obgleich ihr System für 24 Stunden berechnet ist. Wir gleichen
einer Uhr. Unser Funktionssystem ist im voraus festgelegt. Jeder Mensch besitzt mehrere
Arten von Triebfe- dern. Je nach der Vererbung ist das System anders. So kann zum
Beispiel ein Mechanismus auf 70 Jahre zugeschnitten sein. Wenn die Haupttriebfeder
abläuft, geht das Leben seinem Ende zu. Der Mechanismus eines anderen Menschen kann
für eine Dauer von 100 Jahren berechnet sein; es ist, als wäre er von einem anderen
Handwerker entworfen worden. Und bei einigen läuft die Haupttriebfeder womöglich nur
eine Woche. So hat jeder Mensch eine andere Lebenszeit. Unser System können wir nicht
modifizieren. Jeder von uns bleibt so, wie er geschaffen wurde. Die Lebensdauer lässt sich
nicht verändern; wenn die Triebfeder abgelaufen ist, so bedeutet dies das Ende. Die
Lebensdauer ist bereits bei der Geburt festgelegt, und wenn wir glauben, wir könnten in
dieser Hinsicht etwas ändern, dann ist das blosse Einbildung. Hierzu müsste man alles
umgestalten: die Vererbung, unseren Vater, unsere Grossmutter ...
Dafür ist es zu spät. Wenngleich sich unser Mechanismus nicht künstlich verändern lässt, ist
es dennoch möglich, länger zu leben. Ich sagte, dass die Triebfeder statt 24 Stunden eine
Woche lang arbeiten könnte. Oder aber umgekehrt: eine für die Funktionsdauer von 50
Jahren berechnete Triebfeder kann durch Beeinflussung in fünf oder sechs Jahren ablaufen.
Jeder Mensch hat eine Haupttriebfeder; es ist unser Mechanismus. Das Ablaufen dieser
Triebfeder steht mit unseren Ein- drücken und Assoziationen in Zusammenhang.
Darüber hinaus haben wir zwei oder drei Spiralfedern - ebenso viele, wie es Gehirne gibt.
Die Gehirne entsprechen diesen Federn. Zum Beispiel ist unser Verstand eine Feder. Unsere
gedanklichen Assoziationen haben eine bestimmte Dau- er. Das Denken ist mit dem
Abspulen einer Garnrolle vergleich- bar. Jede Rolle enthält eine gewisse Garnlänge. Wenn
ich den- ke, spult sich das Garn ab. Meine Rolle hat 50 Meter Garn, die eines anderen hat
100 Meter. Heute verbrauche ich zwei Meter, morgen ebensoviel, und wenn die 50 Meter zu
Ende gehen, geht auch mein Leben seinem Ende zu. Die Garnlänge lässt sich nicht
verändern. Doch so wie die für eine Laufzeit von 24 Stunden entworfene Haupttriebfeder
sich in zehn Minuten entspannen lässt, so kann auch das Leben sehr schnell verbraucht sein.
Der einzige Unter- schied ist der, dass die Uhr in der Regel nur eine Feder besitzt, während
der Mensch über mehrere verfügt. Jedem Zentrum entspricht eine Feder von
unterschiedlicher Länge. Wenn eine der Federn abgelaufen ist, kann der Mensch
weiterleben. Sein Denksystem zum Beispiel wurde für eine Dauer von 70 Jahren berechnet,
sein Gefühl hingegen für eine Dauer von nur 40 Jahren. Nach 40 Jahren lebt dieser Mensch
weiter, allerdings ohne Gefühl. Das Ablaufen der Feder lässt sich beschleunigen oder
verlang- samen. In diesem Bereich kann man nichts entwickeln; das einzige, was wir
machen können, ist hauszuhalten. Die Zeit ist proportional zum Assoziationsfluss; sie ist
relativ. Um dies zu verstehen, erinnern Sie sich doch zum Beispiel an folgendes: Sie sitzen
zu Hause, in der Ruhe. Sie haben den Eindruck, fünf Minuten lang so dagesessen zu haben,
aber die Uhr beweist Ihnen, dass eine ganze Stunde verstrichen ist. Ein andermal warten Sie
auf jemanden auf der Strasse; Sie sind verärgert, dass er nicht kommt. Ihrer Meinung nach
stehen Sie schon eine Stunde lang da, während es nur fünf Minuten sind. Dies kommt
daher, weil Sie während dieser Zeit viele Assozia- tionen hatten. Sie überlegten: warum
kommt er nicht? Ist er vielleicht überfahren worden? und so weiter. Je mehr Sie sich
konzentrieren, desto kürzer erscheint Ihnen die Zeit. Eine Stunde kann unbemerkt
vergehen, denn wenn Sie sich konzentrieren, haben Sie sehr wenige Assoziationen, wenige
Gedanken, wenige Gefühle. Die Zeit ist subjektiv; sie hängt von den Assoziationen ab.
Wenn Sie konzentrationslos dasitzen, erscheint Ihnen die Zeit lang. Ausserlich existiert die
Zeit nicht; sie existiert für uns nur innerlich. In den anderen Zentren laufen die
Assoziationen genauso ab wie im Denkzentrum. Das Geheimnis der Verlängerung des
Lebens beruht auf der Fähigkeit, die Energie unserer Zentren langsam und stets absichtlich
auszugeben. Lernen Sie, bewusst zu denken! Dies bewirkt eine Einsparung beim
Energieverbrauch. Träumen Sie nicht!

Nahrungsarten
Alle Substanzen, die für die Erhaltung des Lebens des Organismus, für die psychische
Arbeit, für die höheren Bewußtseins-Funktionen und das Wachstum der höheren Körper
notwendig sind, werden im Organismus durch die Nahrung erzeugt, die von außen in ihn
hineinkommt. Der menschliche Organismus nimmt drei Arten von Nahrung auf:

1. Die normale Nahrung, die wir essen.
2. Die Luft, die wir atmen.
3. Unsere Eindrücke.

Es ist nicht schwer einzusehen, daß Luft eine Art Nahrung für den Organismus darstellt.
Aber wieso die Eindrücke eine Nahrung darstellen, mag zuerst schwierig zu verstehen sein.
Wir müssen uns jedoch erinnern, daß wir mit jedem äußeren Eindruck, ob er nun die Form
eines Lautes, einer Gesichtswahrnehmung oder eines Ge- ruches hat, von außen her eine
gewisse Energiemenge, eine gewisse Anzahl von Schwingungen aufnehmen; diese Energie,
die von außen in den Organismus eintritt, ist Nahrung. Femer kann, wie schon ge sagt
wurde, Energie nicht ohne Stoff vermittelt werden. Wenn Eindrücke von außen Energien
von außen mit sich in den Organismus hineinbringen, so bedeutet das, daß auch Stoffe von
außen eindringen, die den Organismus im vollen Sinne des Wortes ernähren. „Für seine
normale Existenz muß der Organismus alle drei Nahrungsarten erhalten, das heißt
physische Nahrung, Luft und Eindrücke. Der Organismus kann nicht nur von einer, auch
nicht von zwei Nahrungsarten existieren, alle drei werden benötigt. Aber die Beziehung
dieser Nahrungsstoffe zueinander und ihre Bedeutung für den Organismus ist nicht die
gleiche. Der Organismus kann für eine verhältnismäßig lange Zeitspanne bestehen, ohne
frische physische Nahrung zu erhalten. Es sind Fälle von Hungern bekannt, die über sechzig
Tage dauerten, wobei der Organismus nichts von seiner Vitalität verlor und sich sehr schnell
wieder erholte, sobald er wieder Nahrung zu sich zu nehmen begann. Natürlich kann ein
solches Hungern nicht als vollständig betrachtet werden, da in allen Fällen solchen
künstlichen Hungerns die Betreffenden Wasser zu sich genommen haben.
Nichtsdestoweniger kann ein Mensch sogar ohne Wasser und ohne Nahrung für einige Tage
leben. Ohne Luft kann er nur einige Minuten leben, nicht mehr als zwei oder drei;
gewöhnlich stirbt ein Mensch, wenn er vier Minuten ohne Luft ist. Ohne Eindrücke kann ein
Mensch nicht einen Augenblick leben. Wenn der Fluß der Eindrücke auf irgendeine Weise zu
einem Halt gebracht werden könnte oder wenn man dem Organismus seine Fähigkeit,
Eindrücke zu empfangen, raubte, so würde er sofort sterben. Der Strom von Eindrücken, die
uns von außen zukommen, gleicht einem Treibriemen, der uns Bewegung vermittelt. Der
Hauptmotor ist für uns die Natur, die uns umgebende Welt. Die Natur übermittelt uns durch
unsere Eindrücke die Energie, durch die wir leben, uns bewegen und sind. Wenn der Strom
dieser Energie angehalten wird, so wird unsere Maschine sofort zu arbeiten aufhören.
Infolgedessen sind von den drei Nahrungsarten die für uns wichtigste die Eindrücke,
trotzdem es klar ist, daß ein Mensch von Eindrücken allein nicht lang leben kann. Eindrücke
und Luft befähigen einen Menschen, etwas länger zu leben. Eindrücke, Luft und physische
Nahrung befähigen den Organismus, bis zum Ende seiner normalen Lebensdauer zu leben
und die Sub- stanzen zu erzeugen, die nicht nur zur Erhaltung des Lebens, sondern auch für
die Bildung und das Wachstum der höheren Körper notwendig sind.
DIE LETZTE STUNDE DES LEBENS 8

Gurdjieff: „Stellen Sie sich vor, dass Sie nur mehr ein paar Minuten – vielleicht eine Stunde – zu
leben hätten; irgendwie haben Sie herausgefunden, wann genau Sie sterben werden. Was
würden Sie mit dieser kostbaren Stunde des Aufenthaltes auf der Erde anfangen? Würden Sie
alles Ausstehende in dieser letzten Stunde verrichten können, haben Sie eine bewusste
Vorstellung davon, wie Sie das verrichten könnten?“
„Und während Sie Ihren letzten Atemzug ausstoßen, würden Sie Genugtuung verspüren, weil
Sie wissen, dass Sie alles mögliche in diesem Leben getan haben, ständig präsent, immer stark,
immer wartend waren, so wie der Sohn auf seinen Vater, den Seemann, wartet? In der
manifestierten Welt hat alles seinen Anfang und sein Ende. In der Realen Welt ist immer alles
gegewärtig; und eines schönen Tages wird Ihnen erlaubt werden, alles zu vergessen und die
Welt ‚für immer‘ zu verlassen.“
„Freiheit ist eine Million Mal mehr wert als [politische] Befreiung. Der freie Mensch ist selbst in
Sklaverei der Meister seiner Selbst.“
„Zum Beispiel: Ich gebe Ihnen ein Auto, in dem kein Treibstoff ist, es kann nicht fahren. Ihr Auto
braucht einen speziellen Treibstoff, aber nur Sie können sagen, welche Art Treibstoff gebraucht
wird, und wo er herzubekommen ist. Sie müssen selbst definieren, wie Sie meine Ideen
verdauen, um sie zu Ihren eigenen zu machen, damit Sie nur Ihnen gehören. Ihr Auto kann nicht
mit demselben Treibstoff wie mein Auto fahren. Ich schlage Ihnen nur das primäre Material vor.
Sie müssen davon das herausarbeiten, was Sie verwenden können. Also, seien Sie mutiger und
setzten Sie sich vor das Lenkrad.“
„Das organische Leben ist sehr zerbrechlich. Der planetare Körper kann jederzeit sterben. Er ist
immer nur einen Schritt vom Tod entfernt. Und wenn Sie es schaffen, einen Tag länger zu leben,
dann nur, weil es ein Zufall ist, der Ihnen von der Natur gegeben wurde. Wenn Sie nur eine
Stunde länger leben, können Sie sich glücklich schätzen. Vom Zeitpunkt unserer Zeugung an
leben wir von geborgter Zeit.“
„Wenn man in dieser Welt lebt, muss man den Tod jede Sekunde fühlen, also schlichten Sie Ihre
Angelegenheiten, sogar in der letzten Stunde. Aber wie kann jemand diese Stunde genau
kennen? Sicherheitshalber regeln Sie Ihre Dinge mit der Natur und sich selbst in jeder Stunde,
die Ihnen gegeben wird, damit Sie nicht unvorbereitet getroffen werden. Dem Menschen muss
das in einer [esoterischen] Schule beigebracht werden: wie man atmet, isst, sich bewegt und
stirbt. Dies muss Teil eines Ausbildungsprogramms sein. In diesem Ausbildungsprogramm ist es
notwendig, zu lehren, wie man die Gegenwart des „Ichs“ verwirklicht, und auch, wie man
Bewusstsein herstellt.“
Frage: „Wie handelt man, wenn man nicht empfindet, dass etwas unvollendet ist?“
Gurdjieff antwortete nach einer Pause. Er nahm einen tiefen Atemzug und sagte:
„Fragen Sie sich, wer in Schwierigkeiten sein wird, wenn Sie sterben wie ein Hund. Im Moment
des Todes muss man sich völlig seiner bewusst sein, und spüren, dass man – nach eigenem
Vermögen – alles in der Macht stehende unternommen hat, die Dinge, die einem in diesem
Leben gegeben wurden, zu nutzen.“
„Nun wissen Sie nicht viel über sich selbst. Aber mit jedem Tag, an dem sie tiefer und tiefer in
diesen Sack voller Knochen graben, erfahren Sie mehr und mehr Details. Tag für Tag werden Sie
herausfinden, was Sie hätten tun sollen und was Sie unter all den getanen Dingen nochmals tun
müssen. Ein echter Mensch ist wer vom Leben alles genommen hat, was von Wert war, und
sagen kann: ‚Und nun kann ich sterben.‘ Wir müssen versuchen, unser Leben so zu leben, dass
wir an jedem Tag sagen können: ‚Heute könnte ich sterben, und nichts bereuen.‘“

8 https://web.archive.org/web/20110104091529/http://quantumfuture.net/gn/zeichen/letzte-stunde.html
„Verbringen Sie niemals die letzte Stunde Ihres Lebens fruchtlos, denn es könnte die wichtigste
Stunde für Sie sein. Wenn Sie sie falsch verwenden, könnten Sie später darum trauern. Diese
aufrichtige Erregung, die Sie heute verspüren, kann für Sie eine machtvolle Quelle jener Kraft
sein, die Sie auf einen perfekten Tod vorbereitet. Wissend, dass die nächste Stunde Ihre letzte
sein könnte, absorbieren Sie die darin enthaltenen Impressionen wie ein echter Gourmet. Wenn
Madame Tod Sie ruft, seien Sie vorbereitet; jederzeit. Der Meister weiß, wie man von jedem
schmackhaften Bissen das letzte Restchen des Besten aufnimmt. Lernen Sie, Meister Ihres
Lebens zu sein.“
„Als ich jung war, lernte ich, Düfte herzustellen. Ich lernte, vom Leben seine Essenz, seine
subtilsten Qualitäten zu extrahieren. Suche in Allem das Wertvollste; lerne, das Feine vom
Groben zu trennen. Jener, der gelernt hat, wie man die Essenz, das Wichtigste eines jeden
Lebensmoments, extrahiert, hat einen Sinn für Qualität entwickelt. Er kann mit der Welt etwas
tun, was nicht von einem Ureingeborenen getan werden kann.“
„Es kann sein, dass Sie in den letzten Momenten Ihres Lebens nicht die Wahl haben zu
entscheiden, wo Sie sein wollen und mit wem. Aber Sie werden die Wahl haben, zu entscheiden,
wie vollständig Sie sie leben werden. Die Fähigkeit, das Wertvolle vom Leben zu nehmen, ist
dasselbe wie mit der Nahrung, der Luft, und den Impressionen – die Substanzen zu nehmen, mit
denen Sie die höheren Körper aufbauen. Wenn Sie von Ihrem Leben das Kostbarste für sich
nehmen wollen, muss es dem Höheren zugute kommen; für Sie selbst ist es genug, wenn Sie nur
ein wenig davon abbekommen. An sich selbst zu arbeiten – um anderer Willen – ist ein kluger
Weg, das Beste vom Leben für sich zu bekommen. Wenn Sie mit der letzten Stunde nicht
zufrieden sind, sind Sie auch mit Ihrem ganzen Leben nicht zufrieden. Zu sterben bedeutet,
durch etwas hindurch zu gehen, das unmöglich wiederholt werden kann. Ihre wertvolle Zeit mit
Nichts zu vergeuden bedeutet, sich selbst der Möglichkeit zu berauben, das Wertvollste aus dem
Leben zu gewinnen.“
„In dieser Welt das ganze Leben durchzuleben – vom Anfang bis zum Ende –, ist Ausdruck eines
weiteren Aspekts des Absoluten. Alle großen Philosophen haben sich sorgfältig für die letzte
Stunde ihres Lebens vorbereitet. Und nun werde ich Ihnen die Übung vermitteln, mit der Sie sich
auf die letzte Stunde auf der Erde vorbereiten können. Versuchen Sie nicht, auch nur ein Wort
von dieser Übung zu missinterpretieren.“

DIE ÜBUNG
„Blicken Sie zurück auf die eben vergangene Stunde, als ob es für Sie die letzte auf der Erde
gewesen wäre, und nehmen Sie an, dass Sie gerade gestorben wären. Fragen Sie sich: Waren Sie
mit dieser Stunde zufrieden?“
„Und nun wiederbeleben Sie sich und nehmen Sie sich ein Ziel vor. In der nächsten Stunde
(wenn Sie das Glück haben, noch eine weitere leben zu können) versuchen Sie, vom Leben ein
wenig mehr zu gewinnen als in der vergangenen Stunde. Definieren Sie, wo und wann Sie
bewusster hätten sein sollen, und wo Sie mehr inneres Feuer hätten haben sollen.“
„Und nun öffnen Sie Ihren Blick weiter; und damit meine ich, eröffnen sie mehr Möglichkeiten
für sich selbst, seien Sie ein wenig mutiger als in der vergangenen Stunde. Da Sie ja wissen, dass
es sich um Ihre letzte Stunde handelt, und Sie daher nichts zu verlieren haben, versuchen Sie ein
bisschen Mut zu gewinnen – zumindest jetzt. Natürlich soll man dabei nicht töricht sein. Lernen
Sie sich besser kennen, schauen Sie auf Ihre Maschine wie von außen. Denn wenn Sie sterben, ist
es sinnlos, Ihre Reputation oder Ihre Prestige aufrecht zu erhalten.“
„Ab nun, bis zur wirklich letzten Stunde, streben Sie mit Beständigkeit danach, möglichst viel
Wertvolles vom Leben zu empfangen, entwickeln Sie Ihre Intuition. Nehmen Sie sich jede
Stunde ein paar Momente Zeit und blicken Sie auf die vergangene Stunde zurück, ohne
Wertung, und dann stimmen Sie sich darauf ein, mehr von der nächsten Stunde zu gewinnen.“
„Wenn wir jede Stunde als separate Lebenseinheit ansehen, können Sie so gut wie möglich
versuchen, jede Einheit vollständig auszunutzen. Zwingen Sie sich und finden Sie den Weg, aus
der nächsten Stunde mehr zu machen als aus der vorigen, aber kümmern Sie sich auch um die
Schulden, die Sie bis jetzt angesammelt haben. Steigern Sie das Selbstgefühl und die
Selbstkenntnis, und steigern Sie auch die Fähigkeit, sich selbst zu meistern. Dies wird die
Arbeitsweise Ihrer Maschine verändern, die immer außer Kontrolle ist. Diese Fähigkeiten können
Hinweise auf die echte Veränderung sein. Und es ist absolut unwichtig, was die Maschine
darüber denkt.“
„Den Rest des Lebens stündlich mit der Probe des eigenen Todes zu verbringen ist nicht im
geringsten pathologisch. Niemand kann mehr vom Leben gewinnen als der Krebspatient,
welcher ungefähr weiß, wann er sterben wird. Und weil er bereits erkannt hat, wie er den Rest
seines Lebens zu verbringen wünscht, muss er nicht die totale Veränderung darin schaffen, aber
er kann dorthin gehen, wo er schon immer hingehen wollte, aber wo er unter anderen
Umständen niemals hingegangen wäre.“
„Der Mensch, der weiß, dass er bald sterben wird, wird versuchen, das Maximum aus jeder
Stunde des Rests seines Lebens herauszubekommen. Das ist genau das, was Christus meinte als
er sagte, dass die letzten Tage schnell kommen würden – die Tage vor dem jüngsten Gericht. Wir
stehen alle vor dem Richter, aber es sind nicht die Anderen, die uns richten, sondern wir selbst
nehmen die letzte Beurteilung in unserem Leben vor. Wir müssen nicht in der allerwichtigsten
Beurteilung versagen, wo wir selbst der härteste Richter sind.“
„Jeder Moment allein gesehen repräsentiert ein Partikel der ewigen →Schöpfung. Daher können
wir jeden Moment die subtilsten Substanzen extrahieren, welche wir ‚Essenz des Lebens‘ nennen
können.“
„Stellen Sie sich die Substanz ‚Luft‘ oder die Substanz ‚Impressionen‘ vor. Nun halten Sie sich die
Substanz ‚Moment‘ vor das innere Auge. Ja, sogar die Momente der Zeit sind Substanzen.“
Wenn wir fähig werden, die feinsten Substanzen aus den gröberen zu extrahieren, müssen wir
früher oder später dafür bezahlen. Dieses Gesetz nennt sich das Gesetz des Gleichgewichts.
Darum werden wir lernen, wie man sofort für das bezahlt, was man vom Leben bekommt. Nur
dann werden wir keine Schulden haben. Sofort bezahlen – das wird auch ‚wirkliches Tun‘
genannt. ‚Tun‘ – bedeutet denken, fühlen, handeln – aber ‚wirkliches Tun‘ bedeutet, sofort zu
bezahlen.“
„Tun – kann nur eines bedeuten: Die Essenz eines jeden Lebensmomentes zu extrahieren und
gleichzeitig alle Schulden der Natur und sich selbst gegenüber zu bezahlen; aber nur wenn Sie
ein ‚Ich‘ haben, können Sie sofort bezahlen.“
„Das echte Leben ist nicht eine Veränderung der Aktivität, sondern eine Veränderung der
Qualität der Aktivität. Bestimmung – ist Bestimmung. Jeder einzelne von uns muss sich selbst in
der ganzen Ordnung der Dinge finden. Es ist nicht zu spät, damit erst heute zu beginnen,
obwohl Sie den größeren Teil Ihres Lebens im Schlaf verbracht haben. Von heute an können Sie
beginnen, sich auf den Tod vorzubereiten und, gleichzeitig, Ihre Lebensqualität zu verbessern.
Aber verzögern Sie nicht den Start – denn vielleicht haben Sie nur mehr eine Stunde in Ihrem
Leben.“
Frage: „Dürfen wir das mit Anderen teilen? Ich denke, dass das, was wir heute Abend gehört
haben, sehr wichtig ist.“
G: „Sie können es Wort für Wort wiedergeben, aber solange Sie diese Übung nicht selbst
können, würde es Anderen gar nichts bedeuten. Existenz ist das Mittel bzw. das Instrument für
Handlung. Denken Sie darüber nach, und Sie werden herausfinden, warum dem so ist.“
Frage: „Wenn wir also nicht existieren, oder wenn unser ‚Ich‘ abwesend ist, können wir die
Schulden nicht bezahlen?“
G: „Warum haben Sie so einen Bedarf, zu zahlen? Für was bezahlen? Wenn Leben nur ein Zufall
ist, dann gibt es gar keinen Grund, weiterzumachen. Das bedeutet nicht, dass man sein Leben
mit einem Selbstmord beenden muss. Im Gegenteil, man muss seine gesamte Anstrengung auf
das ‚Leben zu leben‘ ausrichten. Der herkömmliche Mensch lebt immermit der Strömung. Er ist
nicht nur am schlafen, er ist absolut tot. Um wirklich zu leben, ist es notwendig, die
Bemühungen der Natur zu unterstützen, aktiv vom Leben zu nehmen, und nicht passiv zu sein –
wohin auch immer die Strömung geht.“
„Während man vom Leben das Kostbarste extrahiert, muss man in der Lage sein, seine
Emotionen zu beherrschen. Sehen Sie nur, wie fair Sie sich abschätzen können. Beobachten Sie
sich aufmerksam und Sie werden viele bemerkenswerte Wege sehen, fair zu sein. Jedes Mal
bemerken Sie für sich verschiedene Momente, wenn die Begierden kommen. Handeln Sie wie
zuvor, doch seien Sie sich ihrer Anwesenheit bewusst. Transportieren Sie in die Welt einen Teil
Ihres Blutes, aber dasjenige von höherer Ebene.“
„Am Ende jeder Stunde, wenn Sie ihre jeweilige Nützlichkeit eingeschätzt haben, stellen Sie sich
vor, als ob sie eben im absolut Unbekannten – im Vergleich zur letzten, vergangenen Stunde –
aufwachen. Es ist wichtig zu bemerken, dass die anscheinende Kontinuität der letzten Stunde in
Wirklichkeit mit jeder Stunde sich verändert, obwohl die Dinge und die Leute gleich erscheinen
wie zuvor. Mit der Zeit werden Sie lernen, sich selbst als Geist einer speziellen Substanz zu sehen,
die von einer Welt zu einer anderen geht, als ein nicht eingeladener Gast der Natur.“
„Von dieser Perspektive aus bewerten Sie alles, was Sie in Ihrem Leben tun. Blicken Sie auf die
Resultate all Ihrer vergangenen Anstrengungen und denken Sie nach, welchen Sinn sie nun, in
der letzten Stunde Ihres Lebens, haben. Jene, die Die Arbeit tun, sind für diese Welt tot, und
dennoch sind sie in dieser Welt mehr am Leben als jeder Andere. Arbeit … etwas seltsames,
unsichtbares, aber für manche ist es unmöglich, ohne sie zu leben.“
„Die herkömmliche Art das Leben zu verstehen, ist Eitelkeit über Eitelkeit. Wie groß das Ergebnis
gemessen an irdischen Maßstäben auch sein mag, früher oder später wird es zugrunde gehen.
Sogar der Sand wird im Laufe der Zeit zu Staub zermahlen. Sogar die signifikantesten
Persönlichkeiten der Geschichte werden vergessen. Um die echten Möglichkeiten dieser Welt zu
verstehen, ist es notwendig herauszufinden, was wir in dieser Welt erreichen können, das in der
Wirklichen Welt von Nutzen sein wird.“
„Blicken Sie aufmerksam auf das Leben der größten Leute – jene, die Armeen kommandierten,
die über Andere Macht hatten. Was ist für sie der Vorteil all ihrer großartigen Taten nun, wo sie
tot sind? Sogar als sie noch lebten, waren all diese großartigen Taten nur leere Träume. Wir sind
nicht hier, um uns selbst zu preisen oder zu beweisen. Das widerwärtigste am herkömmlichen
Menschen ist seine Fähigkeit, sein Fleisch so schnell zu befriedigen.“
„Die Mehrheit der Leute finden viele Entschuldigungen, nicht an sich zu arbeiten. Sie sind in
einem totalen Gefängnis ihrer eigenen Schwäche. Doch gerade jetzt sprechen wir nicht über sie,
sondern über euch.“
„Verstehen Sie mich richtig, ich brauche keine Anhänger, ich bin eher daran interessiert, die
guten Organisatoren zu finden; die echten Krieger der neuen Welt. Ich verstehe die Schwäche
der Organisation, weil wir jetzt nicht über die übliche Organisation sprechen, die aus Initiierten
besteht.“
„Ich erinnere Sie noch einmal: Lernen Sie, jede Ihrer Stunden mit größerem Nutzen zu leben.
Entwerfen Sie einen detaillierten Plan der letzten Stunde Ihres Lebens. Um zu verstehen, wie
man sterben sollte, müsste man tiefe Wurzeln ins Leben wachsen lassen. Nur dann werden Sie in
der Lage sein, wie ein menschliches Wesen zu sterben, und nicht wie ein Hund. Auch ist es nicht
jedermann gegeben – zu sterben. Sie können zu Dünger für unseren Planeten werden, aber das
bedeutet nicht wirklich, zu sterben. Aus dieser Welt für immer fortzusterben – das ist eine Ehre.
Für diese Ehre müssen Sie mit Bewusster Arbeit und Absichtlichem Leiden bezahlen. Sie müssen
sich dieses Recht verdienen.“
„Versuchen Sie selber relativ klar sich Ihre Letzten Stunde auf Erden vorzustellen. Schreiben Sie
eine Art Drehbuch über diese letzte Stunde, als ob Sie ein Skript für einen Film schreiben
würden. Fragen Sie sich: ‚Möchte ich so mein Leben beenden?‘ Wenn Sie mit der Antwort nicht
zufrieden sind, schreiben Sie das Skript um, bis Sie es mögen.“
„Blicken Sie auf das Leben aus der geschäftlichen Perspektive. Die Zeit entspricht dem Geld des
Lebens. Als Sie in diese Welt eintraten, wurde Ihnen ein bestimmter Geldbetrag mitgegeben,
und diesen können Sie nicht überziehen. Zeit ist die einzige Währung, mit der Sie für Ihr Leben
bezahlen. Nun sehen Sie, dass Sie den größten Teil davon auf dumme Weise verschwendet
haben. Sie haben nicht einmal das Hauptziel in Ihrem Leben erreicht – zur Ruhe zu kommen. Sie
haben als Geschäftsmann versagt, und auch als Benutzer des Lebens – Sie haben sich etwas
vorgetäuscht. Ihr ganzes Leben lang haben Sie gedacht, dass alles, was Ihnen gegeben wurde,
kostenlos war. Und nun entdecken Sie plötzlich, dass dem nicht so ist. Sie bezahlen das
Benützen der Zeit; und das ist der Grund, warum jeder Moment Ihres Aufenthaltes hier etwas
kostet.“
„Wie kann es für Sie möglich sein, zumindest ein Wenig von diesen Verlusten zurückzu-
gewinnen? Sehen Sie nach, ob das Defizit in Ihrem Bankkonto nur vorübergehend ist, oder doch
permanent? Haben Sie die Zeit verloren oder konnten Sie sie nutzbringend investieren? Wenn
Sie Ihr gesamtes Geld mit Urlauben verbraucht haben, dann bleibt nichts anderes mehr, als um
die Vergangenheit zu trauern.“
„Für viele Jahre haben Sie Ihr Leben verbracht, als ob Ihre Eltern Ihnen ein Bankkonto mit
unlimitiertem Kredit gegeben hätten. Aber nun ist der Betrag aufgebraucht, und Sie sehen, dass
Sie ganz alleine sind, und dass es niemanden gibt, auf den Sie sich verlassen können. Es hat
keine Zeit mehr auf Ihrem Bankkonto. Nun sind Sie gezwungen, jede Stunde Ihres Leben sich zu
verdienen. Ihr ganzes Leben lang haben Sie sich wie ein Kind verhalten und verbrachten die Zeit
wie ein frisch verheiratetes Pärchen auf Hochzeitsreise.“
„Unser Hauptfeind, der uns daran hindert, die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, ist
die Hoffnungslosigkeit. Ich weiß, Sie werden viele Entschuldigungen haben, sich nicht auf die
letzte Lebensstunde vorzubereiten. Die Gewohnheit ist eine mächtige Kraft, aber wenn Sie
einmal begonnen haben, können Sie lernen, mit jedem Mal etwas mehr zu tun.“
„Spielen Sie nicht den ganzen Tag herum, zwingen Sie sich zumindest eine Stunde am Tag, sich
anzustrengen, ansonsten werden Sie alles verlieren. Sehen Sie das Durchproben Ihrer letzten
Stunde als eine Ballettübung – Sie müssen sie Ihr ganzes Leben lang tun.“
„Ich verbringe vier Stunden pro Tag mit dieser Übung, aber als ich jung war, verbrachte ich damit
zweimal so lang.“
G.I. GURDJIEFF ZWEI FLÜSSE 9

Auzug aus dem letzten Kapitel von „Beelzebubs Erzählungen - die „Hinzufügung“

Denkt, was einem Menschen geschehen könnte, der die Unvermeidlichkeit seines eigenen
Todes sich deutlich vorstellen und erleben könnte! Wenn man ernst nachdenkt und
wirklich tief dahinein dringen und seinen eigenen Tod erkennen würde, was könnte
schrecklicher sein? Angenommen, daß solche heutige Menschen, die schon endgültig alle
Möglichkeiten, irgendwelche wirkliche objektive Hoffnungen für die Zukunft zu haben,
verloren haben, das heißt solche, die in der Zeit ihres verantwortlichen Lebens niemals
etwas „gesät" und die folglich nichts in der Zukunft zu „ernten" haben, die
Unvermeidlichkeit ihres schnellen Todes erkennen würden, würden sie — allein bei
diesem Gedanken — sich aufhängen.

Wenn wir fragen, warum uns die Fähigkeit fehlt, das Entsetzen unseres eigenen Todes zu
empfinden, so wäre die Antwort wahrscheinlich, daß das, was die Menschen tatsächlich
davor bewahrt, solches Entsetzen zu erleiden, eben ihr eigener „Wille" ist. Wenn dem so
ist, warum schützt uns dann nicht dieser angeblich, in uns vorhandener Wille vor allen
kleinen Ängsten, die wir auf Schritt und Tritt erleben? Stellt euch vor Ihr geht heute nach
Hause, zieht euch aus und legt euch zu Bett, und in dem Moment, wo ihr euch mit der
Decke zudeckt, springt eine Maus unter dem Kissen hervor, läuft über euren Körper und
versteckt sich in den Falten der Decke. Gesteht nur offen, läuft euch nicht schon beim
bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit ein Schauer über den ganzen Körper? Was ist
denn so Schreckliches dabei? Es ist doch nur eine gewöhnliche Hausmaus; ein ganz
ungefährliches und harmloses Tierchen. Nun frage ich euch, wie kann man zur Erklärung
all des Gesagten den in jedem Menschen angeblich vorhandenen Willen anführen? Wie
kann man in Einklang bringen, daß der Mensch vor einem zaghaften sich selbst vor allem
fürchtenden Mäuschen und vor tausend anderen ähnlichen Kleinigkeiten, die ihm
vielleicht sogar niemals zustoßen werden, Angst hat und daß er gleichzeitig kein
Entsetzen vor der Unvermeidlichkeit seines eigenen Todes empfindet? Auf jeden Fall ist es
unmöglich, einen solchen offensichtlichen Widerspruch mit dem Wirken des
vielgepriesenen menschlichen Willens zu erklären.

Wenn dem heutigen Durchschnittsmenschen die Möglichkeit gegeben wäre, zu empfinden
oder sich wenigstens mit seinen Gedanken daran zu erinnern, daß er irgendwann an
einem bestimmten ihm bekannten Zeitpunkt, zum Beispiel morgen, oder in einer Woche,
oder einem Monat, oder erst in einem Jahr, oder in zwei Jahren sterben würde, ganz sicher
sterben würde, was würde dann, so fragt man, was von all dem, was sein Leben bisher
ausgefüllt und ausgemacht hat, übrigbleiben ?

Alles würde für ihn seinen Sinn und seine Bedeutung verlieren. Was wäre dann schon die
Auszeichnung, die er gestern für vieljährigen Dienst erhalten hat und die ihm solche
Freude gemacht hat, und was gälte der von ihm erst unlängst bemerkte,
vielversprechende Blick der Frau, die bis jetzt das Objekt seines beständigen und bisher
9 http://gurdjieffclub.com/de/gigurdzhiev-dve-reki
ergebnislosen Begehrens war, und die Zeitung beim Morgenkaffee und der ehrerbietige
Gruß des Nachbars auf der Treppe und das Theater abends und Erholung und Schlaf und
alle seine Lieblingssachen — wozu nur das alles? Das alles würde nicht länger die
Bedeutung haben, die man ihm bis dahin gegeben hat, sobald man weiß, daß der Tod,
wenn auch erst in fünf oder zehn Jahren, einen ereilt. Kurzum, der Durchschnittsmensch
kann nicht und darf nicht seinem Tod, wie man sagt ,,in-die-Augen-schauen — sonst
würde er mit einem Mal sozusagen den „Boden-unter-den-Füßen" verlieren und vor ihm
würde dann in ihrer ganzen Schroffheit die Frage auftauchen: Wozu und wofür leben und
leiden und plagen wir uns denn?

Es gibt in unserem Leben einen gewissen, sehr großen Zweck, und wir alle müssen diesem
großen gemeinsamen Zweck dienen — darin liegt die ganze Bestimmung und der Sinn
unseres Lebens. Alle Menschen ohne Ausnahme sind Sklaven dieses „Großen", und alle
müssen sich ihm widerspruchslos unterwerfen und müssen ohne Einschränkung und
Kompromisse erfüllen, was jedem von uns vorausbestimmt ist, als Folge der auf ihn
gekommenen Vererbung und des von ihm selbst erworbenen Seins.

Indem ich nach all dem hier Eingeschobenen zum Hauptthema der heute hier gehaltenen
Vorlesung zurückkehre, will ich Eurem Gedächtnis die einige Male zur Definition des
Menschen gebrauchten Ausdrücke „echter-Mensch" und „Mensch-in-Anführungsstrichen"
zurückrufen und zum Schluß Folgendes sagen: Wenn auch beide, sowohl der echte-
Mensch, der schon ein persönliches „Ich" erworben hat, als auch der Mensch-in-
Anführungsstrichen, der ein solches nicht hat, Sklaven des besagten „Großen" sind, so
besteht doch der Unterschied zwischen ihnen, wie ich schon gesagt habe, darin, daß der
erste, der sich seiner Sklaverei bewußt ist, die Möglichkeit erwirbt, gleichzeitig mit dem
Dienst für die all-universelle Verwirklichung auch einen Teil seiner Manifestationen
gemäß der Voraussicht der großen Natur für sich selbst zu dem Zweck zu verwenden, ein
„unvergängliches-Sein" zu erwerben, wogegen der zweite, der seine Sklaverei nicht
erkennt, im Laufe seines ganzen Existenz-Prozesses ausschließlich nur als ein Ding dient,
das, nachdem die Natur seiner nicht mehr länger bedarf, auf immer verschwindet.

Um das soeben von mir Gesagte verständlicher und bildhafter zu machen, wird es sehr
nützlich sein, das menschliche Leben im allgemeinen mit einem großen Strom zu
vergleichen, der aus verschiedenen Quellen entspringt und über die Oberfläche unseres
Planeten fließt, und das Leben jedes einzelnen Menschen mit einem Tropfen Wasser, der
mit unzähligen andern zusammen die Gesamtheit dieses Lebensstromes beansprucht und
ausmacht. Dieser Strom fließt zuerst als Ganzes durch ein verhältnismäßig ebenes Tal und
an der Stelle, wo die Natur einen sogenannten „ungesetzmäßigen-Kataklysmus" erlitten
hat, teilt er sich in zwei Ströme, oder wie man auch sagt, der Strom erfährt eine „Teilung
der Wasser". Dabei gerät die ganze Wassermasse des einen Stromes bald nach dem
Passieren dieser Stelle in noch flachere Täler ohne sogenannte „majestätische und
malerische" Szenerien auf beiden Seiten, die sie aufhalten könnten, und mündet dann in
den offenen Ozean. Der zweite Strom, der sein Fließen über Stellen, die als Folgen des
„ungesetzmäßigen-Kataklysmus" entstanden sind, fortsetzt, fließt schließlich in die
Spalten der Erde, die auch die Folge desselben Kataklysmus sind, und sickert ins Innere
der Erde hinein. Obgleich von der Teilung der Wasser an das Wasser beider Ströme
selbständig weiterfließt und sich die Ströme nie mehr vereinen, kommen sie sich doch in
ihrem weiteren Lauf oft so nahe, daß verschiedene Resultate, die sich aus dem Prozeß
ihres Fließens ergeben, miteinander verschmelzen und sogar manchmal während großer
atmosphärischer Erscheinungen, als da sind Sturm, Wind und so weiter, Wasserstäubchen
und sogar einzelne Tropfen von einem Bett ins andere geraten. Das Leben jedes einzelnen
Menschen, bevor er verantwortliches Alter erreicht hat, entspricht einem Tropfen Wasser
im anfänglichen Fließen des noch ungetrennten Stromes, und die Stelle, wo die Scheidung
der Wasser stattfindet, entspricht der Zeit, in der der Mensch mündig wird. Nach dieser
Trennung wird jede weitere gesetzmäßige große Bewegung des Stromes und auch die
kleinen untergeordneten Bewegungen für die Verwirklichung der im voraus festgesetzten
Bestimmung des ganzen Stromes gleicherweise auf die einzelnen Tropfen übertragen,
insofern sich diese Tropfen in der Gesamtheit dieses Stromes befinden. Für den Tropfen
selbst haben seine eigenen Umlagerungen, Richtungen und Zustände, die von der
Verschiedenheit seiner Lage und durch verschiedene zufällig entstandene ihn umgebende
Verhältnisse bedingt werden, und ebenso die Beschleunigung oder Verzögerung des
Tempos seiner Bewegung, immer ganz zufälligen Charakter. Für die Tropfen gibt es keine
Vorherbestimmung ihres persönlichen Schicksals; eine Vorherbestimmung des Schicksals
gibt es nur für den ganzen Strom.

Im anfänglichen Fließen des Stromes ist der Tropfen einmal hier, einmal dort, und nach
einer weiteren Minute kann er überhaupt aufhören, einer zu sein, wird aus dem Fluß
herausgespritzt und verdunstet.Da also die Große Natur ob des unwürdigen Lebens der
Menschen gezwungen war, den allgemeinen Bestand der Menschen entsprechend
umzuformen, hat es sich von da an, was die allgemeine Verwirklichung alles
Existierenden betrifft, so ergeben, daß das menschliche Leben im allgemeinen auf der Erde
in zwei Strömen fließen muß. Und allmählich wurden von der Großen Natur
entsprechende Gesetzmäßigkeiten in den Einzelheiten ihrer allgemeinen Verwirklichung
vorausgesehen und festgesetzt, damit in den Wassertropfen im anfänglichen Fließen des
Lebens-Stromes bei dem entsprechenden subjektiven sogenannten „Kampf-seiner-
eigenen-selbst-Verneinung" jenes „Etwas" entstehen oder nicht entstehen könne,
demzufolge gewisse Eigenschaften erworben werden, durch die er an der Stelle der
Trennung der Wasser dieses Lebens-Stromes in den einen oder den anderen Strom geraten
kann. Dieses „Etwas", das im allgemeinen Bestand des Wassertropfens als Faktor dient,
der in ihm die Eigenschaft verwirklicht, die dem einen oder andern Strom entspricht, ist
im allgemeinen Bestand jedes Menschen, der verantwortliches Alter erreicht, jenes „Ich",
von dem in der heutigen Vorlesung gesprochen wurde. Der Mensch, der in seinem
Bestand ein eigenes „Ich" hat, gerät in das eine Bett des Lebens-Stromes und der, der es
nicht hat, in das andere.

Für uns heutige Menschen liegt das Grundübel darin, daß wir — ob verschiedener von
uns selbst eingerichteter Verhältnisse unserer gewöhnlichen Existenz, hauptsächlich durch
die anormale sogenannte „Erziehung" — wenn wir verantwortliches Alter erreichen, und
den allgemeinen Bestand haben, der nur jenem Lebens-Strom entspricht, der schließlich in
die „unteren Regionen" mündet, in diesen Fluß geraten und es uns dahin trägt, wie er will
und wohin er will; und ohne über die Folgen nachzudenken, gehen wir passiv mit und
werden weiter und weiter getrieben. Solange wir passiv bleiben, können wir es nicht
vermeiden, nicht nur einzig und allein als ein Mittel für die „involutionäre Konstruktion"
der Natur zu dienen, sondern sind auch im Laufe unseres ganzen weiteren Lebens
sklavisch allen möglichen blinden Zufallslaunen ausgesetzt. Da die Mehrzahl der hier
versammelten Hörer schon die Schwelle zum verantwortlichen Alter, wie man sagt,
„überschritten" hat und offen einsieht, daß sie bisher ihr eigenes „Ich" nicht erworben hat,
und gleichzeitig nach allem, was ich hier im wesentlichen gesagt habe, sich keine
besonders angenehmen Perspektiven ausmalt, werde ich, damit ihr, gerade ihr, die das
einseht, nicht allzu sehr, wie man sagt, „den-Mut-sinken" laßt, und nicht in den üblichen
und den im heutigen anormalen Leben der Menschen herrschenden sogenannten
„Pessimismus" verfallt, ganz aufrichtig, ohne jeden Hintergedanken sagen, auf Grund
meiner Überzeugungen, die sich durch langjährige Untersuchungen bildeten und sich auf
zahlreiche ganz ungewöhnlich durchgeführte Experimente stützen, auf deren Resultaten
das von mir gegründete Institut-für-die-Harmonische-Entwicklung-des-Menschen
begründet ist: auch für euch ist es noch nicht zu spät.

Die besagten Untersuchungen und Experimente haben mir nämlich sehr deutlich und sehr
bestimmt gezeigt, daß die für alles sorgende Mutter Natur den Wesen die Möglichkeit
gegeben hat, zum Kern ihres "Wesens, das heißt zu ihrem „Ich" auch nach dem Beginn
ihres verantwortlichen Alters zu gelangen. Die Voraussicht der gerechten Mutter Natur
besteht in diesem Fall darin, daß sie uns die Möglichkeit gegeben hat, unter gewissen
inneren und äußeren Verhältnissen aus dem einen Strom in den anderen überzugehen.Von
einem in den anderen Strom überzugehen, ist nicht so einfach: einfach zu wollen und
hinüber zu gelangen. Dazu ist es erstens notwendig, in sich die Gegebenheiten bewußt zu
kristallisieren, die in unserem allgemeinen Bestand den dauernden unauslöschlichen
Impuls des Wunsches nach einem solchen Übergang hervorrufen und dann eine lange
entsprechende Vorbereitung. Zu diesem Übergang ist es vor allem notwendig, sich von
allem, was euch als ein „Segen" erscheint, was aber in Wirklichkeit nur sklavisch und
automatisch erworbene Gewohnheiten sind, die im ersten Lebensstrom vorkommen,
freizumachen. Mit anderen Worten, man muß für das einem zur Gewohnheit gewordene
gewöhnliche Leben sterben. Eben von diesem Tod wird in allen Religionen gesprochen.
Und dasselbe wird durch den vom fernen Altertum auf uns gekommenen Spruch
ausgedrückt: „Ohne Tod keine Auferstehung" — das heißt, wenn du nicht stirbst, kannst du
nicht auferstehen. Der Tod, von dem hier gesprochen wird, ist nicht der Tod des Körpers,
denn für einen solchen Tod braucht es keine Auferstehung. Wenn es eine Seele gibt, noch
dazu eine unsterbliche, so kann sie auf eine Auferstehung des Körpers verzichten. Die
Auferstehung ist auch nicht notwendig, um vor dem Herrgott beim Jüngsten Gericht zu
erscheinen, wie uns die Kirchenlehrer gelehrt haben. Nein! Sogar Jesus Christus und alle
anderen von Oben gesandten Propheten haben von dem Tod gesprochen, der noch
während dieses Lebens sich vollziehen kann, nämlich vom Tod jenes „Tyrannen", von dem
unsere Sklaverei während dieses Lebens herrührt und von der Befreiung, von der allein
die erste und hauptsächlichste Befreiung des Menschen abhängt. Wenn man alles
zusammenfaßt, sowohl die Gedanken, die in der Vorlesung ausgeführt sind, wie auch was
ich heute hinzugefügt habe, daß nämlich im allgemeinen Bestand der Menschen in der
letzten Zeit ob der progressiv sich verschlimmernden von ihnen festgesetzten
Verhältnisses ihres gewöhnlichen Lebens — hauptsächlich ob des falschen
Erziehungssystems der heranwachsenden Generation — der im allgemeinen Bestand jener
Menschen, die nicht eigens an sich gearbeitet haben, vorhandenen Eigenschaft
vorkommen, die ich diesmal so nennen würde: „die-in-des-Menschen-Auffassung ganz-
verdrehte- Widerspiegelung-der-Wirklichkeit". Die Resultate des Denkens und Fühlens im
Durchschnittsmenschen bringen es oft dahin, daß, wie man es ausdrücken kann, „eine-
Mücke-zu-einem-Elefanten-wird-und-ein-Elefant-zu-einer-Mücke". Die Manifestierung
dieser verderblichen Eigenschaft im allgemeinen Bestand der besagten Menschen
verwirklicht sich besonders intensiv gerade während solcher Ereignisse wie Krieg,
Revolution, Bürgerkrieg, Krisen und so weiter. Gerade während solcher Ereignisse
manifestiert sich besonders schroff der sogar von ihnen selbst festgestellte Zustand, dessen
Einfluß sie alle mit wenigen Ausnahmen verfallen und den sie „Massenpsychose" nennen.

Wo sind da der freie Wille und die Freiheit, die dann immer wieder beschworen werden?
Nur wenn ein Mensch sich von allen Illusionen befreit, alles was ihn daran hindert die
Wirklichkeit zu sehen, all die Hoffnungen, Träume, Sorgen und Ängste – erst dann
werden sein Streben, seine Ambitionen erlöschen und die Impulse in seiner Psyche
werden zu einem Halt kommen und eine Leere wird entstehen. Das ist der Tod des „Ichs“,
des „Egos“, das Sterben von allem aus dem es bestand, dem Unechten, geboren aus
Ignoranz und einem unbewußten Leben. Es bleibt als Material, aber es bildet nicht länger
die Substanz des Menschen. Erst jetzt ist es möglich, wenn man genug Energie hat, neues
Material zu sammeln, dieses Mal aber frei ausgewählt. Dann nimmt der Mensch das was
er für sich braucht und ihm wird es nicht, wie vorher, von fremden Kräften eingeflößt. Das
ist sehr schwierig, aber möglich.
NASREDDINS MANTEL VON ARKARDIJ ROVNER 10

Im Kapitel „Fegefeuer“ des Buches „Beelzebub“ erwähnt Gurdjieff drei „Körper des
Daseins“ (auch „Lebenskörper“): einen niederen (auch planetarischen), einen mittleren
(auch „Körper Kesdjan“) und einen höheren Körper.
Der niedere Körper ist uns von Anfang an gegeben.
Der mittlere und der höhere Körper entstehen durch
Bemühungen aus besonderen kosmischen
Substanzen. Wenn man stirbt, trennt sich der mittlere
Körper vom niederen. Letzterer zerfällt wieder in die
Elemente und vermischt sich mit den Substanzen des
Planeten. Der mittlere Daseinskörper zerfällt auch
und löst sich im eigenen Element auf. Der höhere
Körper, der sich vom mittleren trennt, zerfällt nicht
mehr, sondern kehrt zu seinem Ursprung namens
Sonne, zum Absoluten zurück. Aber laut Gurdjieff
interessieren sich die Leute seit einiger Zeit nicht
mehr für den Körper des mittleren und höheren
Daseins. Da diese uns nicht von Anfang an gegeben
sind, sind sie gar nicht im menschlichen „Gepäck“
vorhanden.

Der Mensch muss sie sich erst durch „freiwilliges Tun und absichtliches Leiden“
erschaffen. Anders ausgedrückt, heißt das, dass der Mensch zunächst keine Seele hat, er
muss sich diese – falls er das will – erst selbst erschaffen. Jedoch lenkt diese Formulierung
vom Verständnis dafür ab, dass es in Wirklichkeit um zwei Seelen geht: um den „Kesdjan
Körper“ und um den höheren Körper des Daseins. Sie betont allerdings die große Idee
über den Aufbau der Körper des Daseins. Zusammen erinnert dies entfernt an verbreitete
theosophische und anthropologische Vorstellungen vom physischen und ätherischen
Astralleib des Menschen. Dort hat der Mensch diese Leiber. Man muss sie bloß anstrahlen.
Vergleichbare Ideen kann man im Judentum, im Hinduismus und im Buddhismus finden.
Mein Ziel ist nicht der Vergleich verschiedener Theorien sondern eher praktischer Natur:
ich möchte notwendige Schwerpunkte geistiger Arbeit hervorheben, wie sie im Licht der
Vorstellungen und genauen Betrachtungen von Gurdjieff erscheinen. Zuerst möchte ich
daran erinnern, dass sich der moderne Mensch viel stärker als der traditions-verbundene
Mensch als ein willensschwaches Spielzeug seines physischen sowie sozialen Leibes
erweist. Man könnte sogar sagen, dass er ganz von diesen Leibern, die nicht von ihm
beherrscht sondern von unabhängigen physischen und sozialen Mechanismen gelenkt
werden, aufgenommen ist. In dieser Schicht der Realität kann der Mensch nichts
erschaffen. Alle seine Versuche, den auseinander gehenden Stoff seines Lebens zusammen
zu nähen - den Mantel Nasreddins zu flicken – scheitern: der Mantel muss weggeworfen
werden, aber ihn durch einen neuen zu ersetzen, gelingt leider niemandem. Dasselbe

10 http://gurdjieffclub.com/de/articles-essay-arkady-rovner-nasreddin-s-robe
könnte man über sogenannte Suchende nach Spiritualität, über Besucher der Seminare
und Leser esoterischer Literatur sagen. Im besten Fall führen sie in ihr physisches und
soziales Leben kleine Änderungen ein, beispielsweise täglich ein- oder zwei Meditationen,
ein oder zwei Besuche einer esoterischen Praxis oder Gruppe, dazu noch das Lesen von
Büchern und Artikel zu ihnen interessanten Fragestellungen. Diese Anstrengungen
reichen nicht dafür aus, einen Raum, der vor Einwirkungen des phy-sischen und sozialen
Elements schützen könnte, aufzubauen. Am häufigsten führt geistige Tätigkeit und Arbeit
einen Suchenden zum psychologischen Ausgleich oder zur Aufnahme von Fetzen fremder
Energie, die jedoch schnell wieder durch Ritzen im eigenen Körper verloren geht. Weil ein
solcher Suchender versteht, dass er für den Aufbau des höheren Körper des Daseins
weder die Entschlossenheit noch die notwendigen Mittel und Voraussetzungen aufweist,
setzt er sich dieses ganzheitliche Ziel erst gar nicht.

Dabei könnte gerade der Aufbau höherer Leiber des Daseins der einzige Inhalt und das
einzige Ziel geistiger Arbeit sein. Jahrhundertelang war das die Aufgabe buddhistischer,
christlicher, sufistischer und anderer Lehren. Heutzutage sind sporadische und träge
Bemühungen oder ein kompletter Mangel an Anstrengungen bei einer zugleich grellen
Vorstellungskraft zu beobachten, was einen Suchenden abhält und vom Gegenteil
überzeugt. Auf welche Weise kann die Aufgabe, höhere Leiber des Daseins aufzubauen,
aus dem Bereich der Phantasie und des Traums in die Realität übertragen werden? Wie
kann man einen festen Stoff inneren Lebens oder ein heiliges Futter weben, so dass das
äußere Leben durch ein reales Fundament ausgefüllt und verschönert wird? Geht es
darum eine zusätzliche Schicht zu schaffen, die harmonisch mit dem äußeren Stoff des
Lebens verbunden ist? Erinnern wir uns an Nasreddins Mantel, der zwar voll von Flicken
und Löchern war, dessen Futter aber aus Gold und Juwelen bestand. Aber in unserem Fall
geht es noch lange nicht um Edelsteine. Es geht um eine ruhige und geheimnisvolle
Arbeit, wenn man an der eigenen ganzheitlichen Schicht arbeitet. Das Futter sollte nicht
kaputt, sondern ganz sein. Es darf keine Ritzen haben und nicht Fetzen hängen. Aber
woher sollte die Kraft dafür kommen? Welches Abbild kann man sich zum Muster
machen? Wie baut man den Plan der Arbeit auf? Selber muss man Kraft dafür entwickeln.
Es gilt eine Quelle für die Kraft zu finden und Ritzen zu schließen.

Die Aufmerksamkeit hilft einem, zur Quelle hin zu finden. Natürlich sollte sie im eigenen
Inneren gesucht werden. Der Mensch stiehlt nicht dem Lehrer die Kraft, sondern
umgekehrt ist es: er gibt ihm einen Teil seiner Kraft für die endlos große Arbeit des
Lehrers. Die Vorstellung vom eigenen Antlitz und der Arbeitsplan werden nur im Raum
des Lehrers geschaffen. In diesem Raum wird auch die Arbeit geleistet. Diese Tätigkeit
kann vom Himmel gesegnet werden. Dann werden Gold und Edelsteine mit allen ihren
übernatürlichen Farben aufleuchten. Doch kann die Arbeit auch ohne Auszeichnung
bleiben. Darauf sollte man gefasst sein. So wie der Lehrer in keinem Fall diese
Entscheidung trifft, so leistet er auch nicht die Arbeit. Der Lehrer kann einem zur
Vollbringung einer Heldentat bloß den Rat geben, welche Arten von Futter in der geistigen
Welt existieren. Es gibt ein Futter, das aus der heiligen Stille aus Gebet, Dankbarkeit und
Gedächtnis an sich besteht. Es gibt Futter, die „schöpferisches Chaos“ oder „magischer
Wille“ heißen. Es gibt auch andere Arten davon. Ähnlich werden auch die Wege zum
Erschaffen dieser heiligen Futter genannt. Einige erwähnen in diesem Zusammenhang
Gott, andere Gottes Königreich, wieder andere die kosmische Schöpfung, wieder andere
„Gold“ und wieder andere wundervollen Feuervogel. Gurdjieff bezeichnete es als
„höchsten Leib des Daseins“. Viele reden davon, aber bloß wenige entschließen sich dazu,
diesen zu schaffen. Solche Arten von Futter können nicht einfach in den alten Mantel von
Nasreddin eingenäht werden - der abgenutzte Stoff würde sie nicht halten. Man braucht
ein Zwischenfutter, das „mittlerer Leib des Daseins“ oder „Körper Kesdjan“ genannt wird.
Der zur Heldentat Entschlossene stellt es selbst in einer schweren Arbeit her. Es wird
parallel zum „höchsten Leib des Daseins“ aus der Substanz von Aufmerksamkeit
geschaffen, indem man mit dieser reinen Aufmerksamkeit seinen physischen Körper füllt.
Der zum Erschaffen Entschlossene erhält vom Lehrer Antrieb und Motivation, doch muss
er die Arbeit selbständig und geheim machen. Wem ist es nicht empfohlen, solch eine
Arbeit zu übernehmen?

Vor allem jenen, die jeden ihrer Schritte mit dem Lehrer absprechen möchten, die darauf
hoffen, alle Hinweise nicht aus der Tätigkeit selber ableiten zu müssen, sondern diese vom
Lehrer zu erhalten. Auch Leute, die daran gewohnt sind, mehr zu fragen als zu tun, sollten
diese Arbeit meiden. Ebenso jene, die von der Arbeit ihren Freunden erzählen und jenen,
die den Feuervogel betrügen wollen sowie denen, die nicht bereit sind, großzügig
abzugeben – für Senkrechtes mit Waagerechtem zu bezahlen. Will man bloß mit ernsten
Dingen spielen ohne Strafe zu fürchten, sollte man lieber auf diese Absicht verzichten - das
ist ein gefährliches Spiel. Es bleiben wenige, die zur Einsamkeit und zur Arbeit bereit sind.
Sie sind aufmerksam auf jedes weise Wort, das während der Arbeit entsteht. Solche
bekommen Verständnis und Hilfe.

WAS KANN GURDJIEFF’S ARBEIT EINEM MENSCHEN GEBEN?11
Die Arbeit eröffnet einem Menschen neue Horizonte und gibt seiner Existenz einen
dauerhaften Sinn. Der Mensch beginnt klar zu erkennen, dass das, was er früher als so
wertvoll und großartig empfunden hat, nur ein Kartenhaus ist. Nur Ideale, die er oder
andere künstlich geschaffen haben und von denen nichts bleibt. Aber der Mensch hängt an
diesen Dingen, denn ohne sie steht er vor dem Nichts, vor einem Abgrund… Es ist ihm
klar, dass es nötig ist all diese Dinge aufzugeben, das Kartenhaus einstürzen zu lassen und
dann Stein für Stein etwas Neues zu bauen, was nicht einfach weggeblasen werden kann.
Er versteht es mit seinem Verstand und wünscht es sich, aber er hat Angst seine
Vergangenheit aufzugeben; vielleicht findet er nicht einmal einen Stein. Was dann? Was
wird geschehen? Er denkt es wäre besser ein Kartenhaus zu haben als gar keins… Aber
ohne Risiko geht es nicht.

Solange das Alte noch da ist kann nichts Neues beginnen. Manchmal und plötzlich sieht er
für einen Augenblick all die Nichtigkeit mit großer Klarheit. Und dann hat ein Mensch,
der dies erkennt, das Recht – nein, die Verpflichtung, seine Vergangenheit loszulassen, sie
sogar unter seinen Stiefeln zu zertreten, denn sie ist nicht länger notwendig für ihn. Und

11 Aus „Our Live with Mr. Gurdjieff“ von Olga und Thomas de Hartmann
wie unbedeutend ihm plötzlich die Leute erscheinen, mit ihren kleinen Idealen,
Bestrebungen, Leiden und Leidenschaften. Wie er es sich wünscht es laut hinaus zu
schreien, dass all dies nicht existiert: es gibt dieses Leiden, diese Liebe nicht, nichts davon,
alles erfunden! Und es erscheint ihm, als wenn ihm plötzlich Flügel an seinem Rücken
wachsen und er versteht nicht, warum er plötzlich jeden zu lieben und zu verstehen
beginnt, und sich wünscht, allen zu erzählen, zu erklären was er versteht und denkt. Und
zur gleichen Zeit, wenn Du es wärst, fühlst Du, dass Du nicht weiß „Wie“ Du zu ihnen
sprechen sollst, damit sie Dich verstehen. Darum bleibst Du stumm…

Dann geschieht etwas, etwas in Deinem äußeren Leben und wohin verschwinden all die
guten Gefühle und Gedanken? Du siehst nur noch Dein äußeres Leben. Du leidest, weil
Du wieder beginnst alles durch diese dunkle Brille zu sehen. Du erinnerst Dich was vor
ein paar Minuten war, erinnerst Dich an die Empfindungen und Gedanken, aber Du
kannst nichts tun. Etwas in Dir nagt physisch an deinem Herzen, so physisch wie ein
Zahnschmerz. Stunden und Stunden sind nötig, mit viel Nachdenken und Beispielen, bis
Du alles loslässt und wieder fähig bist, ohne Schmerzen, Dein Selbst zu fühlen… Und
hierin liegt die Frage: Auf welchem Weg ist es möglich, dass diese schlechten Dinge nicht
mehr passieren? Wir können vielleicht an den Punkt gelangen wo niemand von Außen
sehen kann, was in unserem Innern vorgeht… Aber zu was ist dann all das Äußere von
Nutzen, wenn im Inneren die ganze Zeit dieser Schmerz nagt? Zu verstehen, zu sehen,
nichts zu zeigen – das ist möglich. Aber wie die Wurzel selbst herausreißen, so dass nicht
immer das Selbe geschieht?
J.G. BENNETT - ARBEIT AN SICH SELBST

Gurdjieffs Lehre ist durch und durch praktisch. Sie beschäftigt sich mit der konkreten
Situation unserer unmittelbaren Existenz und was wir daraus machen. Sie betrifft genauso
die Ebene der augenblicklichen Wahl, des "Ja oder Nein", wie auch die entscheidende
Frage: "Was ist meine Bedeutung im Universum." Aber weil wir sehr subjektiv sind und
voller Illusionen, können wir kaum damit beginnen, die konkrete Realität in uns oder
außerhalb von uns ohne Vorbereitung zu verstehen. Wir können noch nicht einmal zu der
Idee von "Arbeit an sich selbst" ohne Vorbereitung kommen. Gurdjieff kann nicht zu
Leuten ohne Sinn für Wirklichkeit sprechen - nur zu jenen, die schon einen gewissen
Ansatz zum Verstehen haben.
Bevor ich beginne, seine Methoden der Arbeit zu
beschreiben, muss ich deshalb zuerst etwas über
Vorbereitung sagen. Die erste Aufgabe ist die Klärung
des persönlichen Ziels. Das muss jeder für sich selbst
tun. Ich kann ein Ziel nicht von jemandem borgen oder
stehlen. Ich muss für mich selbst entscheiden, was
mein Ziel ist. Mein Ziel ist nicht, was ich wünschen
soll, oder was ich denke zu wollen oder was allgemein
als begehrenswerter Gegenstand im Leben angesehen
wird, sondern was ich tatsächlich mehr wünsche als
alles andere. Ich muss mich fragen, ob ich mich auf
etwas einlasse, was bestimmt schwierige Arbeit sein
wird - das ist, etwas zu werden, was ich noch nicht bin,
mich auf eine höhere Ebene des Daseins zu erheben -
bin ich bereit, den Preis dafür zu zahlen? Ist dieses Ziel
für mich wichtiger als Ruhm, Reichtum, die Schätzung
und Bewunderung durch meine Mitmenschen, meine
eigene Bequemlichkeit und Sicherheit, meine körperlichen Begierden und Bedürfnisse
oder alle anderen Dinge, die ich schätzen mag? Sind dieses oder irgendeines davon
wichtiger als mein eigenes Sein? Das sind einfache, allgemeine Überlegungen, die jeder
selbst anstellen muss. Wenn wir soweit wie möglich versuchen ehrlich zu sein, können wir
nicht erwarten, dass etwas höchst Wertvolles billig zu erhalten ist.

Eine zweite vorbereitende Aufgabe ist, so weit wie möglich über unsere persönliche
Situation klar zu werden. Das erste ist zu entscheiden, was ich will, das zweite was ich
habe und was ich bin. Auch das können wir zu einem begrenzten Maße selbst tun, sogar
mit den geläufigen Vorstellungen, die wir haben, vorausgesetzt, wir verstehen ein Prinzip:
das ist die Notwendigkeit zwischen Wirklichem und Eingebildetem zu unterscheiden,
uns darauf einzulassen, dass nur das Konkrete und Nachprüfbare als Ausgangspunkt
angenommen werden kann. Ich kann selbst sehen, ob ich fähig bin, meine inneren
Zustände oder meine äußeren Manifestationen zu kontrollieren. Ich muss wissen, ob ich
die Fragen beantworten kann, die mich bewegen. Ich kann die Leiden der Welt sehen -
individuell und kollektiv - und mich fragen, ob ich das Wissen und die Macht habe, sie zu
erleichtern. Ich kann meine Zukunft untersuchen und mein Alter. Gebrechlichkeit und Tod
vor mir sehen - und versuchen in das Geheimnis des Lebens und dessen Bedeutung
einzudringen und dabei meine eigene Unwissenheit und Hilflosigkeit erkennen. Von
daher kann ich mich zur Möglichkeit eines neuen Wissens wenden, das mir vielleicht den
Weg hinaus zeigt, und mich dann nochmals fragen - welchen Wert hat dieses Wissen für
mich?

Das bringt uns zur dritten Aufgabe, wenn wir der Hoffnung gegenüberstehen, letztendlich
etwas zu finden auf das wir vertrauen können. Unsere nächste Pflicht ist klar. Es ist zu
prüfen - soweit wir können - ob dieser neue Faktor unseren Bedürfnissen und unserem
Verstehen entspricht oder nicht. Niemand kann uns diese Verantwortung abnehmen und
wir haben kein Recht zu erwarten, dass irgendjemand, weder ein einzelner noch eine
Organisation das tun sollte. Wenn ich mich in einem Wald verlaufen habe und jemanden
treffe, der behauptet, er wisse den Weg hinaus, muss ich alleine die Verantwortung für die
Entscheidung tragen, dem Vorschlag zu folgen oder auf eigene Faust weiterzusuchen,
und ich werde weise sein, soweit wie möglich zu prüfen, ob er irgendetwas über den
Wald weiß und sich selbst orientieren kann, ob er einen Kompass oder eine Karte besitzt
oder nicht. Wenn ich diese Dinge schließlich nicht beachte, sondern ihm blind vertraue
und mich noch tiefer verirre als zuvor, ist das meine Verantwortung und ich muss die
Konsequenzen tragen. Dies sind elementare, allgemeine Prinzipien, die Ihr für Euch
anwenden könnt und müsst, soweit es in Eurer Macht steht, bevor Ihr Euch auf einen Weg
einlasst, der neu und unversucht ist. Und worüber ich nun sprechen werde, muss als ein
höchst gefährliches Unternehmen scheinen - die Anwendung von Methoden, die Ihr
soweit noch nicht geprüft und getestet habt, für das Erreichen eines Ziels, worüber Ihr
nicht wirklich im Klaren sein könnt und das auf jeden Fall beinahe unmöglich zu
beschreiben ist. Man kann, das ist wahr, vielfältige, mehr oder weniger befriedigende
verbale Formu-lierungen finden - unsere eigene Ebene des Seins zu verändern - ein Leben
in einer Welt zu erlangen, die verschieden von der gewöhnlichen Welt mechanischen
Geschehens ist, wirkliche Männer und Frauen zu werden anstelle von Maschinen oder
Denk-Tieren, so wie wir und alle Leute sind.

Hier müssen wir uns klar sein: wie immer wir das Ziel formulieren, die enthaltene
Veränderung in uns ist so fundamental, dass wir ihre Art nicht im Voraus wissen können.
Wenn wir die drei einleitenden Fragen ernst nehmen - und uns entschieden haben, dass so
wie wir sind, wir keinen Weg aus dem Leben hinaus und auch keinen Weg aus dem Tod
wissen, und dann den Weg hinaus zu finden, muss wichtiger für uns sein, als immer
wieder im Vogelkäfig dieser Lebensumstände hin und her zu drehen - dann sind wir
bestimmt an einem Punkt unserer Entwicklung angelangt, genug vorbereitet, zu
experimentieren und zu sehen, ob wir Methoden prüfen können, die uns nicht nur den
Weg hinaus zeigen, sondern uns auch befähigen, ihn zu gehen. So sind wir nun an der
Stelle, an der wir bereit sind, über das WIE zu sprechen. In dieser Rede habe ich zuerst die
Worte "Arbeit an sich selbst" in Anführungszeichen gesetzt. Ich sagte es so, weil ich
gewohnt bin, dass Leute fragen: "Was bedeutet das?" und beteuern, unfähig zu verstehen,
wie Arbeit an sich selbst von gewöhnlichen Versuchen ein aufrechtes Leben zu führen
verschieden ist. Solche Leute sehen nichts Besonderes in der Idee. Andere bringen
Theorien vor, dass es unmöglich sei, irgendetwas an sich selbst zu tun, weil das eine
innere Spaltung hervorrufen würde, usw. Ich kann mich erinnern, wie lange ich
persönlich brauchte um zu verstehen, was Arbeit an sich selbst bedeutet. Ich bemerkte,
dass Ouspensky sich auf ähnliche Schwierigkeiten im ersten Kontakt mit Gurdjieffs Lehre
bezieht. Eine Passage am Anfang von "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" beschreibt
sein erstes Treffen mit einer von Gurdjieffs Gruppen in Moskau.

Er sagt: "Als ich sie nach dem System fragte, das sie studierten und was die
besonderen Merkmale seien, bekam ich sehr unbestimmte Antworten. Dann
sprachen sie von Arbeit an sich selbst, aber worin diese Arbeit bestehe, erklärten sie
mir nicht." An diesem Punkt des ursprünglichen Vortrags leitete Mr. Bennett folgendes
Experiment an: "Ich dachte darüber nach, wie ich Euch vermitteln kann. was mit
"Arbeit an sich selbst" gemeint ist. Ich schlage Euch vor, ein einfaches Experiment mit
mir zu machen, das helfen könnte, ein oder zwei Dinge klarzumachen, die ich an
diesem Abend erklären will. Strecken wir unsere Arme gerade hoch." Mr. Bennett
hielt dann seine Arme gerade hoch; und jeder im Saal (es waren ca. 350 Leute
anwesend) machte mit. Nach ein paar Sekunden sagte er: "Streckt nun die Arme
so weit wie möglich hoch." Die meisten Arme gingen ein paar Zentimeter höher. Mr.
Bennett bat die Anwesenden dann zu zählen: eins, zwei, drei, vier; vier, drei, zwei, eins;
zwei, drei, vier, fünf; fünf, vier, drei, zwei; drei, vier, fünf, sechs, und so weiter. Als sie
zwölf erreicht hatten, forderte er sie auf, die Arme nochmals zu strecken. Es war sofort
offensichtlich, dass beinahe jeder sich erlaubt hatte, die Arme etwas sinken zu lassen.
Mr. Bennett fuhr fort: "Was habt Ihr bemerkt? Nachdem die Aufmerksamkeit vom
Zählen weggenommen war, habt Ihr mit der Anstrengung nachgelassen, sie zu
strecken und als ich sagte, streckt Eure Arme wieder, gingen beinahe alle Arme ein
paar Zentimeter hoch. Ich möchte dies als Beispiel gebrauchen, um zu zeigen, was
ich mit Arbeit an sich selbst meine. An erster Stelle war das Hochnehmen der Arme
für einige Leute vielleicht eine Anstrengung, weil sie dachten, es sei eine lächerliche
Sache, dies in einem Vortragssaal zu tun. Aber beinahe jeder machte die
Anstrengung. Dann kam eine Illustration der Beziehung des Willens zum eigenen
Körper. Ihr nahmt die Arme hoch, aber Ihr habt keine besondere Anstrengung
gemacht, sie zu strecken. Erst als ich die Aufmerksamkeit dahin lenkte und sagte
‚streckt die Arme’, habt Ihr bemerkt, dass eine zusätzliche Anstrengung gemacht
werden sollte. So lange Ihr diese zusätzliche Anstrengung gemacht habt, blieben die
Arme der meisten auch gestreckt, aber nur bis wir zu zählen anfingen. Dann wurde
die Anstrengung vom Strecken der Arme zum Zählen umgeleitet und die
gewöhnliche Art zu zählen nahm die Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass Ihr nicht
länger die Anstrengung, die Arme zu strecken, gemacht habt. Als ich am Schluss
sagte, ‚die Arme strecken’, streckten sich beinahe alle Arme ein paar Zentimeter.“ „Zwei
Faktoren sind an dieser Sache beteiligt: Der eine ist die Fähigkeit und die
Entscheidung, eine bestimmte Anstrengung zu machen, und der zweite ist die Arbeit
an der Aufmerksamkeit. Sogar wenn man sich entschließt, eine bestimmte
Anstrengung zu machen, kann man nur so lange weitermachen, wie genügende
Mengen Aufmerksamkeit verfügbar sind."
ÜBER ENERGIEN
Ihr habt bemerkt, dass ich über Aufmerksamkeit spreche, als ob sie etwas Materielles sei,
und das ist berechtigt. Aufmerksamkeit ist Materie, es ist eine besondere Art von Energie
oder Material, von dem wir zu jedem Zeitpunkt eine bestimmte Menge in unserem
Organismus haben. Wenn diese Menge abgenutzt ist (wenn wir sie schneller verbrauchen
als produzieren), können wir unsere Aufmerksamkeit nicht weiter kontrollieren, auch
wenn irgendeine Notwendigkeit dazu vorläge oder wir uns zu etwas entschlossen hätten.
Das trifft ganz allgemein auf alles, was wir tun zu - alle unsere inneren und äußeren
Prozesse im Leben hängen von Materie oder Energie ab. Wenn wir die notwendige Kraft
oder Energie für einen Prozess haben, ist er möglich. Die Energien haben verschiedene
Qualitäten. Wie jede Materie nicht die gleiche Qualität besitzt - wie Holz oder Kohle, die
beim Verbrennen ihre Energie einfach in Form von Hitze abgeben - gibt es einige Energien
die höherer Art sind, beweglichere, so wie elektrische Energie. Eine andere Art Energie
hat mit aufgeregtem Zustand der Materie zu tun. Dann gibt es noch höhere Formen von
Energien, die jenseits der Möglichkeit der Messung durch gewöhnliche physikalische
Instrumente liegen. Jeder, der einfach nur populäre Physikbücher liest, weiß, dass mit der
Zunahme der Schwingungsfrequenz strahlender Energie, d.h. bei einer Zahl von mehr als
20 Nullen pro Sekunde (1020), sie kaum wahrgenommen werden. Wenn sie 22 Nullen
(1022) hätte, würde sie wahrscheinlich ganz unentdeckt verschwinden und wir würden
keine Mittel haben um zu wissen, dass solch eine Energie existiert. (Diese Energien
dringen durch die Materie, durch die ganze Erdatmosphäre und können schwerlich
entdeckt werden.)

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass noch höhere Energieformen bestehen, die unsere
modernen elektronischen oder kernphysischen Apparate nicht entdecken können. Solche
Energien sind mit Erfahrungen verbunden, mit Gedanken und Gefühlen, mit Empfindung
usw. Gerade wie die Energien gewöhnlicher Gedankenabläufe und Empfindungen eine
Stufe über der strahlenden Energie liegen, die wir mit unseren elektronischen Apparaten
messen können, so liegt die Energie, mit der wir die Macht haben, unsere Aufmerksamkeit
zu kontrollieren, eine Stufe über den Energien der Gedanken, Gefühle und
Empfindungen. Darüber hinaus gibt es noch eine andere Energie, die eine vitale Rolle im
Leben des Menschen spielt. Das ist die Energie, die uns befähigt, Entscheidungen zu
treffen, zu wählen. Nicht durch die Macht des Gedankens oder der Macht der
Empfindung können wir wählen. Noch nicht einmal mit der Energie der Aufmerksamkeit.
Sie ist ein Schritt höher in der Stufenleiter. Nun werdet ihr fragen: wie ist diese Diskussion
über verschiedene Energiearten für das Problem der Selbst-Schöpfung relevant, der Arbeit
an sich selbst? "Arbeit an sich selbst", zumindest einer ihrer Hauptzwecke, ist die
Produktion von diesen höheren Energieformen, welche uns an erster Stelle befähigen, zu
wählen und wirkliche Entscheidungen zu treffen. Diese höheren Energieformen, sind
auch fähig, unsere eigenen Funktionen, Denken, Gefühle und den Rest zu transformieren,
umzuwandeln und sie auf eine höhere Ebene zu erheben. Schließlich können sie etwas in
uns bilden, durch das wir in einer ganz verschiedenen Welt von der gewöhnlichen
mechanischen Welt unseres Alltagslebens leben können.
WIE FUNKTIONIERT DER MENSCH?
Bevor ich fortfahre, die Arbeit der Energien zu besprechen, sollte ich über die Psychologie
des Menschen in so einfachen Begriffen wie möglich sprechen. Wir haben drei vorrangige
Funktionsgruppen: Denken, Fühlen und Empfinden. Sie arbeiten mit verschiedenen
Teilen unseres Nervensystems, elektrische Energie gebrauchend, die mit elektrischen
Schaltungen verbunden sind, und sie haben ihre Begrenzungen entsprechend dieser Art
von Energie. Sie sind nicht mehr als komplizierte elektronische Geräte, nicht so sehr
verschieden von jenen, die Mathematiker und Physiker schon in ihren Laboratorien
konstruieren. Eine dieser Maschinen denkt, eine andere fühlt, während ein dritte mit der
Aktivität des Körpers beschäftigt ist. Die erste ist mit der Arbeit der Gehirnrindengebiete
verbunden. Sie ist das, was wir gewöhnlich Gehirn nennen. Die zweite ist mit dem
sympathischen Nervensystem verbunden, dessen Hauptzentrum im Solar Plexus ist und
damit anderen Nervenknoten beigeordnet. Die dritte basiert auf dem Rückgrat und
bestimmten Regionen im Kopf. Wenn dies alles wäre, was im Menschen besteht oder
bestehen könnte, würde er nicht mehr als eine Ansammlung von Maschinen sein ~ sehr
kompliziert und fähig wunderbare Arbeit zu leisten - aber immer noch nicht mehr als
Maschinen. Aber wir wissen, dass wir eine Erfahrungsweise oder Bewusstheit haben und
wir wissen, dass es eine derartige Sache wie Aufmerksamkeit gibt. Was sind diese
Energien und woher kommen sie?

Die Energie mit der diese drei Maschinen normalerweise arbeiten ist zu niedrig in der
Stufenleiter, über die ich spreche, um das mit sich zu führen, was wir Erfahrung nennen -
das ist innere Bewusstheit eines Prozesses als Teil des Prozesses selbst. Ihr könnt z.B. leicht
sehen, dass Euer Nervensystem dauernd Eindrücke von außen empfängt - aber Ihr seid
dessen selten bewusst. Wenn Eure Kleider bequem sitzen, bemerkt Ihr nicht die
Berührung auf dem Körper. Es gibt die ganze Zeit viele Geräusche, die Ihr nicht hört. Es
gibt Gedanken in Eurem Kopf, die Ihr nicht bemerkt, Gefühle, die Euer Bewusstsein nur
indirekt berühren. Die ganze dauernde Aktivität Eurer drei Gehirne könnte so
weitergehen - und meistens geht es so - ohne irgendeine Erfahrung von Eurer Seite, d.h.
ohne einen Anteil des "Bewusstseins". Zugleich ist Erfahrung möglich, sie ist tatsächlich
der einzige Teil unseres Lebens mit irgendeiner Bedeutung für uns. Erfahrung hängt von
einem höheren Grad der Energie ab, als einfache nervliche Aktivität. Kontrollierte
Aufmerksamkeit benötigt einen noch höheren Grad. Die meisten von uns werden auf
einem Stuhl sitzen und nicht den Druck des Körpers auf dem Sitz spüren, aber wenn wir
die Aufmerksamkeit darauf richten, werden wir dessen schnell bewusst. Die Leute sind
sich nicht klar, wie wenig sie darüber bewusst sind, was nur in ihrem Denkhirn vor sich
geht, und beinahe alles, was in ihrem Gefühlshirn vorgeht, was wir als unbewusst
bezeichnen, ist nicht mit Aufmerksamkeit verbunden. Zur gleichen Zeit sind diese drei
Gehirne das Ganze unseres Mechanismus, der auf die Umwelt reagiert. Damit leben wir.
Was wir bewusste Erfahrung bezeichnen ist hauptsächlich auf unser Denkhirn bezogen,
und was allgemein das Unbewusste oder Unterbewusste genannt wird, ist meist auf die
Gefühls- oder Empfindungswelt bezogen. Diese Trennung ist ziemlich künstlich. Wir
könnten wohl über diese anderen Teile bewusst sein, und wir sind uns nicht im Klaren
darüber, wie wenig wir des Denkteils bewusst sind. Es gibt gewisse einfache
Experimente, die wir machen können, um jedem zu demonstrieren, dass er nicht bewusst
darüber ist, was in seinem Denkteil vor sich geht. Das ist das erste Bild des Menschen. Er
hat drei Gehirne, drei neuronale Mechanismen, mit denen er Erfahrungen machen kann,
weil in ihm die Energie der Aufmerksamkeit ist. Solange die Energie der Aufmerksamkeit
nicht von innen kontrolliert wird, ist seine Erfahrung ganz automatisch und passiv. Was
seine Aufmerksamkeit anzieht erfährt er, er ist nicht „sein eigener Herr“, sondern Sklave
von dem, was gerade passiert und seine Aufmerksamkeit einfängt und festhält. Seine
Erfahrung hängt von der zufälligen Aktivität seines Nervensystems ab.

KONTROLLIERTE ERFAHRUNG
Wenn er anfängt seine Aufmerksamkeit zu beherrschen und zu steuern, kann er zu einem
gewissen Grad erfahren, was er erfahren will. Wenn ich meine Aufmerksamkeit z.B. auf
meine Gedanken richte, kann ich denken, was ich zu denken beschlossen habe und nicht
was zufällig in meinen Geist kommt, aber wenn ich diese Anstrengung nicht mache,
können meine Gedanken nur automatische Assoziationen sein, verbale Assoziationen,
und was ich in einer weiteren Minute denke, ist ganz unvorhersehbar. Das ist der
gewöhnliche Zustand der Arbeit des Denkhirns. Durch Aufmerksamkeit kommt
absichtliche Erfahrung, so dass Kontrolle und darum Veränderung möglich wird. Aber
Aufmerksamkeit allein ist nicht das gleiche wie Wille. Was wir gewöhnlich "Wille"
nennen, ist bloß Resultat aller Kräfte, die an unserer Aufmerksamkeit arbeiten und sie
diesen oder jenen Weg ziehen. "Wirklicher Wille" ist mit der höheren Energie verbunden,
von der ich sprach, in der die Macht wirkungsvoller Entscheidung liegt. Das bedeutet
zumindest die volle Macht über unseren Organismus. Daneben enthält es vieles anderes,
aber im Augenblick erwäge ich nur die primäre Notwendigkeit, dass mein "Ich" die Macht
über meine Gedanken, Gefühle, Empfindungen und meine körperlichen Reaktionen im
allgemeinen haben soll. Für gewöhnliche Leute kommt der Impuls für ihre Gedanken,
Gefühle und den Körper von ihren Begierden, ihren Interessen und Abneigungen. Diese
werden natürlich in den Grenzen gehalten, die durch Erziehung und Gewohnheit
auferlegt sind. Aber soweit das Bewegen oder Praktizieren körperlicher oder psychischer
Prozesse betrachtet wird, sind die aktiven Prinzipien die Kräfte des Begehrens und der
Abneigung, der Anziehung und Ablehnung. Soweit diese uns kontrollieren, kontrollieren
wir nichts, denn sie kommen ohne unseren Willen oder Absicht auf. Nun lasst mich
versuchen, diesen groben Umriss, den ich Euch gab zu sortieren. Das erste Bild des
Menschen ist das eines Wesens, das drei Mechanismen zum Leben hat, drei Mechanismen
zur Erwiderung auf die äußere Welt, das Denken, Fühlen und Empfinden.

Die Arbeit der drei Gehirne kann ganz automatisch sein, ohne irgendeine Absicht oder
Zweck, oder es kann kontrolliert sein, entweder durch die Lenkung der Aufmerksamkeit
oder in einer noch höheren Weise durch die Anwesenheit von etwas, das unabhängig von
beidem, den Gehirnen und der Aufmerksamkeit ist. Ich habe so zweimal eine dreifache
Teilung des Menschen gemacht. Die erste ist die Einteilung des Menschen in drei Teile,
den mechanischen Funktionen nach, und die zweite ist in drei Teile, soweit seine mögliche
Ebene der Erfahrung betrachtet wird. Solch eine Klassifizierung ist ausreichend, um die
Methoden der Arbeit zu erklären, aber ich muss sofort sagen, dass es sehr vereinfacht ist,
und wenn man dazu kommt es in Einzelheiten zu studieren, müssen viele Ver-
besserungen gemacht werden. Ich gebrauche auf dieser Stufe nur eine erste Annäherung,
um eine Grundlage zu haben, diese drei Ideen für Euch auszuführen.

DER WILLE BESTIMMT UND HARMONISIERT
Die nächste Frage, die wir hier zu stellen haben ist, wo in diesem Ganzen bin "Ich"? Was
bin Ich selbst in all diesem? Bin Ich selbst entweder das Ganze oder Teile meines
Denkhirns? Bin Ich selbst meine Gefühle, mein Gefühlszustand, meine Lust- oder
Unlustempfindungen? Oder bin Ich selbst mein Körper und all die Erfahrungen meines
Körpers - d.h., was ich als das sinnliche Gehirn oder den Empfindungsmechanismus
bezeichne? Wenn Ihr Euch die Mühe macht, zu studieren und zu prüfen, was ich sage,
werdet Ihr sehen, dass diese drei Gehirne beinahe immer ohne Bezug auf das andere
arbeiten und des anderen nicht bewusst sind, so dass wenn dieses Selbst mein Gehirn ist,
es sich nicht in einem anderen Teil befindet. Dies lässt sich am Leichtesten nachprüfen; es
wird uns dann klar, dass wir nicht sagen können "Ich bin meine Gedanken", "Ich bin
meine Gefühle" oder "Ich bin mein Körper" und spreche doch über mich als "Ich". Das
besagt entweder, dass es etwas in mir gibt, was es außer den Gedanken, Gefühlen und
Empfindungen gibt oder auch, dass ich über etwas spreche, das nicht existiert. Mein "Ich"
ist mein Wille. Es ist meine Existenz als ein freies Wesen. Es ist das, was mich von der
Leere einer bloßen Maschine erlöst. Aber ich habe kein "Ich" - meine Erfahrung ist eine
reine Folge zufälliger Zustände, herbeigeführt durch äußere Schocks. Gurdjieff vergleicht
den Menschen mit einem Taxi, das jeden Fahrgast aufnehmen kann und damit hinfahren
kann, wohin er auch möchte. Ein Mensch mit einem „wirklichen Ich" ist wie ein Auto mit
einem Besitzer, der immer ein und derselbe ist. Wir müssen uns mit der Erkenntnis dieser
Unterscheidung zufrieden geben.

Ich bin nicht eine Maschine, weil meine Gehirne mechanisch sind, sondern weil ich kein
"Ich" habe, um meine Gehirne zu kontrollieren und zu steuern. Natürlich wissen wir, dass
ein Philosoph einmal sagte: "Ich denke, deshalb bin Ich." Aber die Wahrheit ist, dass "Ich"
nicht denkt - "es denkt in mir". Meine Erfahrungen der Gedanken, Gefühle und
Empfindungen, die in mir vorgehen, sind etwas Zufälliges und Unbeherrschtes. Deshalb
gibt es nichts in mir, was eine Entscheidung in irgendeinem wirklichen Sinne des Wortes
treffen kann. Gedanken über Entscheidungen oder Gefühle davon können in mir
auftreten; aber zu dem Zeitpunkt, an dem diese Handlung gemacht werden muss, brauche
ich keine Bewusstheit von der Gegenwart oder keine Erinnerung von der Vergangenheit
zu haben. Nur der, der sagen kann: Ich bin heute, gestern und morgen - der Gleiche und
unteilbar - kann sagen, ein "Ich" zu haben. Wenn wir beginnen, eine ehrliche
Untersuchung der Situation zu machen, müssen wir zugeben, dass kein solches "Ich"
besteht. Wir können uns nicht einmal vorstellen, was ein solches "Ich" sein könnte. Wenn
ich dieses "Ich" in mir, das es in einem Menschen, der dieses Namens wert ist, geben sollte
- warum fehlt es? Wie sollte es aufgekommen sein? Gurdjieff antwortet: "In der Kindheit,
während der Vorbereitung für ein verantwortliches Alter." Wir sind Taxis, weil unsere
Maschine nie in die Hände eines wirklichen Besitzers gelegt wurde. Das Besondere, das
der notwendige Teil einer Person ist, dass er fähig sein sollte, verantwortliche
Entscheidungen zu treffen, ist abwesend, selbst bei Leuten, bei denen es häufig scheint, als
ob sie es hätten und die stolz darauf sind, es zu haben. Sie verwechseln die automatische
Arbeit ihrer drei Gehirne, die durch Training und Gewohnheit entsteht, mit wirklichem
Wille, mit der wirklichen Macht unabhängiger Entscheidung. Warum sprechen beide,
Philosophen und gewöhnliche Leute über den Menschen und sich selbst, als ob sie ein
"Ich" hätten? Warum glauben sie an etwas, das nach meiner Behauptung nicht existiert?
Die Antwort ist, dass wir es glauben möchten und deshalb bei jeder Erfahrung den Namen
"Ich" herbeirufen, sogar wenn es nichts mit dem zu tun hat, was vor einer Minute
passierte und sogar wenn es eine Minute später in etwas ganz anderes überwechselt.
Dieser Umstand wird von Gurdjieff das "eingebildete Ich" im Menschen genannt und er
bezeichnet einen Menschen, der kein wirkliches "Ich" hat, einen "Menschen in
Anführungsstrichen" - der überhaupt keinen wirklichen Menschen darstellt.

Kein Zweifel, es ist schwer zu akzeptieren und vielleicht sogar schwer zu verstehen, was
ich sage. Das macht im Augenblick nichts. Ich wollte nur zwei oder drei Ideen einführen,
die notwendig für das Thema des heutigen Gesprächs sind. Ich hatte etwas über die drei
Gehirne und über den Unterschied zwischen dem wirklichen Selbst und dem illusionären
Selbst zu sagen, weil praktische Methoden sich mit dem Harmonisieren der drei Gehirne
beschäftigen, so dass Sie zusammen arbeiten können, nicht unabhängig voneinander, und
als zweites mit dem Ablegen des falschen oder eingebildeten Selbst und mit dem Finden
und Bilden eines "Ich", eines wirklichen Selbst. Das Bild eines wirklichen Menschen ist das
eines Wesens, das ein "Ich" hat, das ein unveränderbares Zentrum der Entscheidung in
ihm selbst ist, in dem Entscheidungen getroffen werden können, die nicht nur
augenblicklichen Wert haben, sondern auch für morgen, das nächste Jahr, für den Rest
des Lebens, wenn notwendig, gelten, und das darüber hinaus fähig ist, Entscheidungen
zu treffen, nicht nur für ein Gehirn, sondern für alle drei, wogegen Leute wie wir keine
Entscheidungen treffen, die mehr als ein Gehirn in Anspruch nehmen. Nun, wie kann ein
Mensch ein derartiges "Ich" haben, das nicht in einem der drei Gehirne verweilen kann,
ohne dieses Gehirn mit den anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen? Grundsätzlich
muss der Mensch etwas in sich haben, das zusätzlich zum eigenen Nervensystem
existiert und zusammenhält - sogar außer dem eigenen körperlichen Organismus.

ÜBER DIE SEELE
Das bringt uns zu der Idee, die sehr alt ist, aber die so viele zerstreute Formen angenommen
hat, dass wir versuchen müssen, sie klar zu formulieren; das ist die Idee von höheren
Körpern des Menschen. In vielen Arten der Theorie über höhere Körper im Menschen ist
vorgebracht worden, dass der Mensch einen Astralkörper, einen mentalen, ursächlichen
oder viele andere Körper hat, oder dass er einen zweiten Körper hat, der "Wiedergeburts-
Körper" der Paulsbriefe. Manchmal werden anstelle des Wortes Körper solche Worte wie
Seele oder Geist benutzt. Aber in jedem Falle beschreiben sie etwas, das nicht aus dem
gleichen Stoff wie der physische Körper ist. Welcher Name auch diesem "Etwas" gegeben
wird, das der Sitz des wirklichen Menschen ist - seines "Ich", die Leute stimmen zu, dass er
es entweder hat und dass alle Menschen es haben, oder dass es einfach eine Erzählung ist
und nicht in jedem existiert. Gurdjieff lehrt weder das eine noch das andere. Er sagt, wir
können höhere Körper oder Seelen haben, aber um sie zu erlangen, müssen sie durch
unsere eigene Arbeit geschaffen sein. Er lehrt, dass der Mensch geboren wird und soweit es
die gewöhnliche mechanische Ebene der Existenz betrifft, nur mit einem Körper lebt, der
physischen und mechanischen Gesetzen unterliegt. Dieser Körper ist, wie jedes andere
materielle Objekt, dem Zerfall in der Zeit unterworfen und löst sich beim Tode auf,
verschwindet und hat keinen weiteren einheitlichen Bestand. Zugleich kann der Mensch in
sich einen zweiten Körper formen, der von einer höheren Ordnung der Substanz als der
physische Körper gemacht ist; grob gesprochen, durch diesen Körper, wenn er existiert, ist
einheitliche anstatt zerstreute Erfahrung möglich. Die Aufmerksamkeit eines Menschen
ohne den zweiten Körper kann sich nie von seinen drei Gehirnen trennen und daneben
stehen. Es ist der zweite Körper, der wahre, freiwillige Aufmerksamkeit hat, wirkliche
Macht über Gedanken, Gefühle und körperliche Erfahrung. Dieser zweite Körper wird im
Menschen als Ergebnis einer gewissen Art von Auseinandersetzung gebildet, über die ich
sprechen werde. In jenen, die ihn haben, kann seine Existenz nicht nur psychologisch
geprüft werden, sondern sogar durch physikalische Tests. Wenn der physische Körper
stirbt, dann verflüchtigt sich der zweite Körper nicht, weil er nicht aus dem gleichen
Material verfertigt ist. Zugleich ist er nicht das Vehikel des wahren Selbst, des
unabhängigen Willens. Dieses gehört zum dritten Körper im Menschen. Dieser ist von der
höchsten Energieform gemacht, welche - um langwierige Beschreibungen zu vermeiden,
die in unserem Geist wegführende Assoziationen hervorrufen - ich die Energie des Willens
bezeichne, die Energie der Entscheidung. Wenn der dritte Körper gebildet ist, wird der
Mensch im vollen Sinne des Wortes ein freies Wesen. Er hat dann vollständige Macht über
sich selbst. Er kann ohne Abhängigkeit vom ersten oder physischen Körper bestehen. Der
dritte Körper ist der Sitz des Wil- lens und ohne den dritten Körper kann es nur flüchtigen,
vorübergehenden Willen geben, keinen permanenten Willen im Menschen. Der dritte
Körper ist die Seele im christlichen Sinn. Es ist das "Hochzeitskleid" des Gleichnisses. Vem
dritten Körper spricht Christus, wenn er sagt: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die
ganze Welt gewinnt, aber seine eigene Seele verliert."

ERSCHAFFUNG UNSERES SEINS
Ihr erinnert Euch vielleicht, dass ich im ersten Gespräch von zwei verschiedenen
"Schicksalen" des Menschen sprach entweder er kann das Schicksal der Tiere auf der
deterministischen Ebene haben oder er kann sich selbst auf eine zweite Ebene erheben, auf
der seine Beziehungen mit anderen Leuten auch verschieden sind. Das ist eine
Vereinfachung, weil es mehr mögliche Ebenen gibt, aber grob gesprochen, können wir
sagen, dass der Mensch, der einen zweiten Körper hat, tatsächlich in einer anderen Welt
existiert als der Mensch, der nur den ersten Körper hat, und der Mensch mit einem dritten
Körper existiert in einer anderen Welt und hat eine andere Gegenwart und Zukunft
gegenüber dem Menschen, der nur zwei oder einen Körper besitzt. Die volle, harmonische
Existenz eines Menschen ist das Leben mit drei Körpern und unabhängigen Erfahrungen in
jedem dieser Körper. Das ist nicht nur durch die Veränderung der Erfahrung erreichbar,
sondern durch einen chemischen Prozess. Lasst mich erklären, warum ich es einen
chemischen Prozess bezeichne. Der Chemiker nimmt bestimmte Stoffe, lässt sie unter
besten Bedingungen aufeinander wirken und erhält Substanzen, die wertvoller sind; der
ganze Prozess unterliegt den natürlichen, quantitativen Gesetzen. Es muss immer ein
bestimmter Preis dafür gezahlt werden, für das was er tut -- er muss entweder Energie in
den Prozess bringen oder er muss etwas hinzugeben, um zu bekommen, was er wünscht. Es
ist genau das, was der Prozess der Erschaffung unseres eigenen Seins enthält. Ein Mensch
ist wie eine chemische Fabrik. Er nimmt drei verschiedene Arten von Rohmaterial auf; die
Nahrung, die wir essen, die Luft, die wir atmen und die Eindrücke, die durch unsere
Sinnesorgane kommen. Diese sind Quellen von Energie. Wir wissen, dass das Essen in
unserem Körper in Energie umgewandelt wird. Die Luft, die wir atmen, nimmt nicht nur an
dem einfachen Prozess der Erzeugung von Hitzeenergie teil, sondern baut in
komplizierteren Prozessen Substanzen auf, die für unser Leben und für diese höheren
Energien, über die ich sprach, notwendig sind. Zu jeder Zeit, wenn ein Nervenende durch
Licht, Hitze, Berührung usw. stimuliert wird, tritt eine entsprechende Energie in meinen
Körper und es gibt eine nervliche Entladung. Gewöhnliche Leute machen keinen Gebrauch
all dieser Möglichkeiten ihrer chemischen Fabrik, die tausende Arbeiter beschäftigt und es
fertig bringt, nicht mehr zu leisten, als die Fabrik selbst mit Rohstoffen versorgt zu halten,
aber ohne etwas herzustellen oder etwas zu verkaufen zu haben. Sie verbrauchen die
ganze Energie, die sie produzieren, ohne überhaupt etwas für sich, irgendeinen höheren
Zweck oder zum Guten der Mitmenschen zu gewinnen. Wenn wir wünschen, den Ertrag
dieser menschlichen, chemischen Fabrik zu erhöhen, müssen wir an zwei Dingen arbeiten.
Es gibt zwei Hauptabteilungen, wo die Arbeit der Fabrik verändert werden kann. Die erste
ist die Abteilung der Aufmerksamkeit. Die Alchemisten, die ihre eigene Terminologie
benutzen, um vielfältige psychologische Dinge zu beschreiben (das Wort Alchemie
bedeutet psychische Transformation im Menschen), gebrauchen dafür das Wort
Quecksilber und sagen, man muss lernen, sein Quecksilber zu festigen. Wir müssen lernen,
wie man diese sehr eigensinnige Energie der Aufmerksamkeit, so fein und so schwer zu
halten, unter Kontrolle zu bringen. Wenn wir das tun, finden bestimmte Veränderungen in
der Arbeit unseres Organismus statt. Wenn ich meine Aufmerksamkeit lenke und halte, tritt
eine Transformation der Energie ein, die Material erzeugt, das für vielerlei Zwecke benutzt
werden kann. Zum allerersten wird Energie für meine psychische Aktivität und des
Lebens des Körpers verbraucht. Zweitens strahle ich dauernd Energie in den Raum aus.
Diese Energie ist nicht verschwendet, sondern ist für die allgemeinen Zwecke des Lebens
nötig. Wenn ich eine Anstrengung mache, meine Aufmerksamkeit zu kontrollieren,
verändert sich die Qualität meiner Ausstrahlung und das hat ein wichtiges Ergebnis, über
das Gurdjieff viel in seinen Schriften zu sagen hat. Dann gibt es den dritten Gebrauch der
Aufmerksamkeitsenergie, der für die Formation und das Wachstum meiner höheren
Körper ist.

DIE ROLLE DES LEIDENS
Die zweite Abteilung in der chemischen Fabrik, deren Arbeit mehr effektiv gemacht
werden muss, hat mit noch stärkeren Kräften als der Macht der Aufmerksamkeit zu tun.
Ich bin hier nur dabei, über einen Aspekt dieser Energie zu sprechen, das ist die Kraft des
Leidens oder Opfers. Im Leiden gibt es eine Transformation einer Energie höherer
Ordnung. Wenn ich ein Sklave meines eigenen Egoismus bin, dann wird die durch Leiden
befreite Energie in solche Prozesse wie Selbstmitleid, Sorge, Furcht, Ärger, Verwirrung,
Empörung, Eifersucht und Neid gehen und ganz verschwendet sein, soweit es um mich
selbst geht. Nun kommt es, dass diese Energie einen speziellen Wert besitzt, es ist eine der
Nahrungen für meine höheren Körper. Ob ich es will oder nicht muss ich diese Energie
produzieren, d.h. ich muss leiden. Aber es liegt in meiner Hand, ob ich dieses Leiden
nützlich mache. Tue ich das nicht, ist es nicht nur verschwendet - es kann tatsächlich ein
Gift werden und es kann großen Schaden zufügen, sogar in meiner gewöhnlichen,
mechanischen Existenz. Wir alle wissen, wie schnell Männer und Frauen degenerieren,
wenn sie sich einmal ihrem Leiden ergeben haben, ob es der Typ von Selbstmitleid und
Angst ist, oder ob es gewalttätig in der Form von Ärger oder Hass auftritt. Wir haben
ebenso klare Evidenz der positiven Resultate des Leidens, dem nicht erlaubt wurde in
egoistische Kanäle zu fließen. Die besten und schönsten Charaktere, die wir im
gewöhnlichen Leben treffen, sind beinahe immer durch Leiden aus der richtigen Quelle
geformt. Bis jetzt sprach ich nur von "unfreiwilligem Leiden", d.h. Leiden, das ohne Wahl
oder Absicht entsteht. Dieses hat nur begrenzte Möglichkeiten, denn es kann nie ganz
bewusst werden. Ganz verschiedene Ergebnisse können aus dem, was Gurdjieff
"freiwilliges Leiden" nennt, gewonnen werden. Es gibt bestimmte Veränderungen, die nur
erlangt werden, wenn ich mich absichtlich, durch meine eigene Entscheidung, in eine
Situation des Leidens bringe. Ich habe viele Schwächen, viele defektive Prozesse und die
Verbindung dieser Schwächen und Defekte mit meinem eingebildeten Selbst, meinem
falschen "Ich", das Bild, das ich von mir habe, bringt mich in einen Zustand von beinahe
vollständiger Sklaverei. Auf einer Seite kann ich meine Schwächen nicht überwinden und
auf der anderen Seite kann ich das Bild von mir, nicht schwach zu sein, nicht aufgeben.
Zwischen diesen beiden bin ich gezwungen, mich selbst zu täuschen - zu verstecken,
obwohl ich die ganze Zeit weiß, was ich wirklich bin, und das zu zeigen, was wirklich
nicht existiert - kurz, ein Leben voll Lüge. In diesem Zustand ist keine Freisetzung von
höheren Energien möglich, weil jede Energie, die auch entwickelt wird, unvermeidlich in
die Kanäle der Eifersucht, des Selbstmitleids, der Verwirrung, des Ärgers usw. fließt. Wenn
ich das verstehe, sehe ich, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als mich in eine Situation
zu begeben, in der diese mangelhaften Eigenschaften meiner Schwächen und Selbst-Liebe
aufgebrochen werden. Dabei muss ich nicht nur verhüten, dass diese Energie verloren
geht, sondern ich werde tatsächlich eine vollständigere Transformation vollziehen, bei der
genügend des benötigten Materials für die Ausbildung der höheren Körper angesammelt
werden kann, um diese Transfor- mation in der verfügbaren Zeit zu erreichen. Das ist die
generelle Konzeption des Ablaufs der Selbst-Schöpfung im Menschen. Gurdjieff nennt es
"bewusste Mühe und absichtliches Leiden" und es läuft wie ein goldener Faden durch seine
Schriften. Ich habe nur versucht, eine Idee der Bedeutung dieses Anspruchs zu geben, der
Art der Anstrengung und Arbeit, die sie enthält. Ich werde nicht mehr über diese
generellen Methoden in diesem Gespräch sagen, denn sie sind nur wichtig, wenn sie
praktisch ausgeübt werden und sie können nur praktisch gesehen werden, wenn sie
verstanden werden und die Notwendigkeit für "Arbeit an sich selbst" ins eigene Wesen
eingedrungen ist.

GURDJIEFFS METHODEN
Ihr werdet schon verstanden haben, dass Arbeit an Aufmerksamkeit und die Anstrengung,
Widerstände unseres eigenen Organismus zu überwinden, notwendige Elemente in der
"Arbeit an sich selbst" sind. Wir müssen lernen, wie wir die latenten Kräfte unserer drei
Gehirne entwickeln können und sie in Harmonie miteinander bringen. Gurdjieff studierte
besonders und lehrte als einen sehr wichtigen Teil seiner Arbeit Methoden für die
Entwicklung, Harmonisierung und Vereinheitlichung der drei Gehirne durch physische
Arbeit. Ein anderer Teil wird passend "Bewegungen" genannt. Sie wurden von Gurdjieff
aus vielen östlichen und ein paar westlichen Schulen zusammengebracht, die den
Gebrauch von rhythmischen Bewegungen und heiligen Tänzen studierten, und sie bilden
einen sehr wichtigen Teil seiner Lehre. Sie verkürzen erheblich die Arbeit des Studiums in
der ersten Instanz, dann des Bewusstwerdens und der Möglichkeit, die drei Gehirne
richtig und harmonisch zu gebrauchen. Um Leuten zu helfen, die Arbeit ihrer Gefühle
und Sinne zu finden und zu verstehen, macht er Gebrauch einer besonderen Art von
Musik. Er hat ein grundlegendes Studium der Musik und dem Gebrauch der
Schwingungen im Allgemeinen gemacht und die Rolle, die sie im menschlichen Leben
spielen. Gurdjieff hat bestimmte andere spezielle Methoden, die das tiefere Wissen
vermitteln, das zu fein ist, um es in gewöhnliche verbale Begriffe zu fassen. Er machte
einen großen Gebrauch von mehr als einer besonderen Art von Symbolismus. Einige davon
sind in Ouspenskys Buch "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" beschrieben. In seinem
eigenen Buch "All und Alles", die erste Serie seiner Schriften, benutzt er eine Anzahl
verschiedener Symbolismen und Allegorien, eines im anderen, so dass ganz einfache Ideen
ausgedrückt werden, aber je tiefer man studiert, desto subtilere Ideen kann man darin
finden. Um Leuten, die in Kontakt mit ihm waren, zu lehren, pflegte er im Ablauf eines
Augenblicks ein Beispiel zu benutzen, das nur für jene galt, die ihn verstanden. Manchmal
konnten dreißig oder vierzig Leute im Raum sein, von denen jeder einzelne ganz
verschiedene Dinge dessen, was er beabsichtigte zu erzählen, verstand, weil er die
Symbole in einer Form benutzte, die ganz verschiedene Entsprechungen bei verschiedenen
Leuten fand. Auf diese Weise gab es ein Vorschreiten in seinen Lehrmethoden, die dem
entsprechen, was wir drei Kreise oder drei Grade nennen. Er nennt diese Kreise den
"exoterischen", den "mesoterischen " und den "esoterischen", also den äußeren, mittleren
und den inneren Kreis. Eine Person, die in Kontakt mit seinen Ideen kommt und die für
sich selbst die drei vorbereitenden Fragen, über die ich sprach, beantwortet hatte und
beschloss, dass sie zu lernen wünscht, betritt den exoterischen oder äußeren Kreis. Für jene
in diesem Kreis sind eine bestimmte Art des Wissens und eine bestimmte Weise der
Methoden verfügbar. Jene, die mit sich selbst einverstanden sind und auch durch ihr
Leben zeigen, dass dies objektiv die Resultate ergibt, die sie suchen, können in den zweiten
Kreis vorgehen. Dieser stellt ganz andere Anforderungen und jene, die darin sind, können
ganz andere Hilfe erhalten. Man kann sagen, dass im ersten oder exoterischen Kreis keine
Anforderungen gestellt werden, weil keine Anforderungen von Leuten verlangt werden
können, die nichts verstehen und keine Kontrolle über sich haben. Wenn Leute zu
verstehen beginnen und mehr wollen und auch vorbereitet sind, mehr zu geben, können
verschiedene Beziehungen hergestellt werden. Der dritte und innere Kreis ist der, in dem
der Schüler .mit der Realität zu tun bekommt. Hat er ihn einmal betreten, muss er
festhalten, bis er sein Ziel erreicht. Die Arbeit, die innen anfängt - an der Wurzel der
eigenen Natur - muss stufenweise ihren Weg hinaus finden. Zuerst in meinen Beziehungen
zu denen, die mir am nächsten stehen; dann in meinen Beziehungen zu meinen
Mitmenschen im allgemeinen. Letztendlich darf ich hoffen, dass sie mich Schritt für
Schritt leitet, den Sinn und die Bedeutung meiner Existenz zu entdecken und mich Auge in
Auge mit meinem Schöpfer bringt.
OUSPENSKY: PSYCHOLOGIE DER MÖGLICHEN
EVOLUTION DES MENSCHEN 12

Die Psychologie, die Ouspensky in diesen Einführungs-Vorträgen erläutert, existiert in der
einen oder anderen Form bereits seit Tausenden von Jahren. Im Gegensatz zur
moderneren Psychologie betrachtet sie den Menschen von dem Gesichtspunkt aus, was er
werden kann. Sobald ein Mensch einmal erkennt, wie wenig Kontrolle er über seine
Reaktionen auf äußere Umstände und innere Reize besitzt,
mag der Wunsch in ihm erwachen, einen Weg zu finden,
sich von dieser mechanischen Lebensweise zu befreien.
Ouspensky beschreibt, wie ein Mensch gleichzeitig an
seinem Wissen und Sein arbeiten muß, um innere Einheit
zu erlangen, und warum es sehr schwierig ist, sie ohne die
Hilfe einer »Schule« zu erreichen, auch wenn die
Entwicklung von den eigenen Anstrengungen abhängt.
Dies ist ein Quellenwerk ersten Ranges, ein Einführung
zum »Vierten Weg« aus erster Hand. Ouspenksy weist auf
zwei wichtige Definitionen hin: "Psychologie" und
"Evolution". Unter Psychologie möchte er etwas gänzlich
anderes verstanden wissen, als gemeinhin darunter
verstanden wird: "Die Psychologie ist das Studium der Grundsätze, der Gesetze und Tatsachen,
die sich auf die mögliche Entwicklung des Menschen beziehen." Später schreibt er, daß
Psychologie das "Studium seiner Selbst" ist, die Fähigkeit der Bewußtwerdung. Mit
Evolution meint er folgendes Prinzip: "Weiter müssen wir verstehen, daß nicht alle Menschen
sich entwickeln und andere Menschen werden können. Die Evolution ist eine Frage von
persönlichen Bemühungen und bleibt, was die große Masse der Menschheit betrifft, eine seltene
Ausnahme. Dies klingt vielleicht sehr fremd; wir müssen uns aber darüber klar sein, daß die
Evolution nicht nur selten ist, sondern daß sie immer seltener wird." Um eine
Weiterentwicklung der Persönlichkeit zu erreichen, muß der Mensch folgende Stufen
gehen:

a) Sieh' ein, daß Du Dich selbst nicht kennst! Du hast noch nicht einmal Kenntnis
darüber, inwieweit Du Dich nicht kennst!

b) Hast Du wirklich das Verlangen, Dich zu ändern? Bist Du Dir sicher, ein anderer
Mensch werden zu wollen?

c) Bist Du bereit, sehr viel dafür zu geben, daß Du Dich veränderst? Bist Du stark? Hast
Du Ausdauer?

d) Bevor Du neue Kräfte erlangst, mußt Du zunächst diejenigen kontrollieren, von denen
Du glaubst, Du würdest sie schon beherrschen.

e) Sieh' ein, daß Du eine Maschine bist. Unkontrollierte Persönlichkeitsteile treiben Dich
durch den Tag. Du hast keine Macht über Dich selbst!

12 Ouspensky, PD – Psychologie der möglichen Evolution des Menschen
f) Verstehe: Du bist keine Einheit, kein einzelnes ICH, sondern eine Vielheit, ein Parlament
verschiedener ICHs! Diese ICHs sind weder untereinander verbunden, noch irgendwie
koordiniert. Jedes von ihnen hängt vom Wechsel der äußeren Umstände ab und von den
Änderungen der Eindrücke.

g) Erwerbe die Fähigkeit des Tuns! Erwerbe die Individualität, die Einheit, das bleibende
ICH! Erwerbe Bewußtsein und Willen.

h) Folgende Kritieren führen Dich zur Bewußtheit: Wie oft bis Du Dir selbst bewußt? Wie
lange jeweils bist Du Dir selbst bewußt? Wessen bist Du Dir bewußt? Wenn Du bewußt
bist, kannst Du Dich später daran erinnern, sonst nicht! Schaue auf die Uhr: Wie lange
kannst Du einen Gedanken halten? Spätestens nach 2 Minuten wirst Du unbewußt! Die
Illusion, seiner selbst bewußt zu sein, wird vom Gedächtnis und vom Denkprozeß
geschaffen.

i) Du kannst vier Bewußtseinszustände haben: Schlaf, Wachbewußtsein, Selbstbewußtsein
und Objektives Bewußtsein. Bisher hast Du Dich in den ersten zwei Stadien aufgehalten.

Wie sind die vier Bewußtseinszustände (Schlaf, Wachbewußtsein, Selbstbewußtsein und
Objektives Bewußtsein) zu beschreiben? Der Schlaf ist ein völlig subjektiver, unkritischer
und passiver Zustand, in dem man Erlebnisse des Tages oder aktuelle
Sinneswahrnehmungen (Schall, Muskelspannung...) verarbeitet. Das Wachbewußtsein ist
immer noch ein traumähnlicher Zustand. Allerdings ist der Mensch etwas kritischer und
die Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen ist viel intensiver. [Anmerkung: Auch die
aktuelle Psychologie hat festgestellt, daß wir zu einem großen Teil des Tages in
Tagträumen leben!] Das Selbstbewußtsein hat kein Mensch, wenn er nicht ausdauernd
daran gearbeitet hat. Man kann es auch nur erlangen, wenn man sich zuvor eingesteht,
daß man es noch nicht hat. Hier kann die "Schule" helfen. "Das Bewußtsein seiner selbst ist
ein Zustand, in dem der Mensch objektiv gegenüber sich selbst wird, und das objektive
Bewußtsein ist ein Zustand, in dem der Mensch einen Kontakt mit der realen und objektiven
Welt erlangt, von der er jetzt getrennt ist durch die Sinne, die Träume und die subjektiven
Bewußtseinszustände." Warum aber glaubt jeder Mensch, er sei bewußt; in Wirklichkeit ist
er aber unbewußt?

"Fragen Sie einen Menschen, ob er bewußt ist oder sagen sie ih m, er sei nicht bewußt, so wird er
Ihnen antworten, daß er vollständig bewußt sei und es absurd wäre zu sagen, er sei nicht
bewußt, da er Sie doch höre und verstehe. Und er wird vollkommen recht haben, aber ebenso
völlig unrecht. Das ist der Streich, den ihm die Natur spielt. Er wird recht haben, weil Ihre Frage
oder Ihre Bemerkung ihn für einen Augenblick mehr oder weniger bewußt gemacht hat. Einen
Augenblick später wird das Bewußtsein wieder verschwinden. Aber er wird sich an das erinnern,
was Sie ihm sagten und was er geantwortet hat, und er wird sicherlich glauben, bewußt zu sein.“

Der Mensch hat sieben verschiedene Funktionen:

1. Das Denken (oder den Intellekt)
2. Das Gefühl (oder die Emotionen)
3. Die instinktive Funktion (die ganze innere Arbeit des Organismus)
4. Die Bewegungsfunktion (oder motorische Funktion, die ganze äußere Arbeit des
Organismus, der Bewegung im Raum usw.)
5. Die Geschlechtsfunktion (die Funktin der beiden Prinzipien des Männlichen und
Weiblichen in allen ihren Manifestationen)
6. Die höhere Gefühlsfunktion (während des Zustandes des Bewußtseins seiner selbst)
7. Die höhere Denkfunktion (während des Zustandes des objektivenBewußtseins)

Der Anfang der Psycholgie besteht darin, die ersten vier Bewußtseins-Funktionen zu
verstehen und an sich selbst zu beobachten. Erst wenn diese Ebenen bewußt gemacht
geworden sind, sollte die Geschlechtsfunktion erkundet und verstanden werden. Nach
einem langen Stück Arbeit kann man über die sechste Funktion eine absolute Wahrheit
über sich selbst erfahren und über die siebte Funktion die absolute Wahrheit über die Welt
erfahren. Wer einsieht, daß er nicht ständig bewußt ist, und wer dies wirklich ändern
möchte, braucht eine Schule, die ihm die Techniken vermitteln kann. Jeder Mensch
braucht andere Techniken, deswegen kann man die Bewußtwerdung nicht aus einem Buch
lernen. In einer Schule soll man an sich selbst arbeiten, an den anderen Schülern arbeiten
und für die Schule selbst arbeiten.

Persönlichkeit und Selbst
"Es ist unmöglich, den Menschen als Ganzes zu studieren, weil dieser in zwei Teile getrennt ist: in
einen Teil, der in gewissen Fällen fast völlig wirklich und in einen Teil, der in gewissen Fällen fast
vollkommen eingebildet sein kann. [...] In dem System, das wir studieren, werden diese beiden
Teile Wesenskern [...oder Selbst...] und Persönlichkeit genannt. Der Wesenskern ist das, was dem
Menschen angeboren ist. Die Persönlichkeit ist das, was erworben wurde."

Die Menschen lügen oft und unbewußt. "Die Lüge erfüllt unser ganzes Leben. Man gibt sich
den Anschein, vielerlei zu wissen: über Gott, über das zukünftige Leben, über das Universum,
über den Ursprung des Menschen, über die Evolution, über alles; aber in Wirklichkeit weiß man
nichts, auch nichts über sich selbst. Und jedesmal, wenn die Menschen über etwas sprechen,
was sie nicht wissen, so als ob sie es wüßten, lügen sie. Folglich ist das Studium der Lüge von
großer Wichtigkeit in der Psychologie."

Wenn in einem Menschen der Wesenskern stark überwiegt, lebt er oft im Einklang mit
seinen Bedürfnissen, ist aber ein Mensch ohne Kultur und mit großen Problemen zu
lernen und sich weiterzuentwickeln. Wenn die Persönlichkeit überwiegt, handelt es sich
oft um hochintellektuelle, gebildete Menschen, deren Wesenskern aber auf der Stufe eines
Kindes stehengeblieben ist. Ihre Bedürfnisse sind oft nicht die echten Bedürfnisse des
Körpers, sondern eingebildete Bedürfnisse. "Sehr viele Umstände des modernen Lebens
begünstigen diese Unterentwicklung des Wesenskerns. Zum Beispiel kann die übertriebende
Vorliebe für den Sport - besonders für den sportlichen Wettkampf - sehr wohl die Entwicklung
des Wesenskerns aufhalten; manchmal schon in einem so jugendlichen Alter, daß in der Folge
der Wesenskern niemals mehr fähig ist, sich weiter zu entwickeln."

Hindernisse bei der Arbeit
Bei der erfolgreichen Arbeit an uns selbst sind es drei wichtige Dinge, die uns bremsen:
Die Lüge, die Phantasie und negative Gefühle. Die "Lüge" haben wir ja bereits
kennengelernt: Ein Mensch behauptet Dinge über sich selbst und die Welt zu wissen,
obwohl er es gar nicht wissen kann. Die Phantasie hindert uns an der Beobachtung
unseres Charakters. Wir bilden uns Dinge ein, die es gar nicht gibt; so gesehen hat die
Phantasie auch eine zerstörerische Komponente. Der Begriff "negative Gefühle" bezeichnet
alle Emotionen von Gewaltsamkeit oder Niederge-schlagenheit. Sich diesen Gefühlen
hinzugeben ist keine Aufrichtigkeit, sondern menschliche Schwäche. Der Wesenskern des
Menschen ist von Natur aus nur mit positiven Gefühlen geboren und alle negativen
Impulse der Persönlichkeit sind nur von der Umwelt aufgenommen. Des weiteren nennt
Ouspensky folgende Hindernisse: den Drang zum unkontrollieren Reden, die
Identifikation mit dem ICH und das Bedürfnis, sich nach seinen Mitmenschen zu richten.

Menschen
Auf der Suche nach Selbstentwicklung stoßen wir auf das Proble m, daß zwischen
den Entwicklungsstadien der Menschen normalerweise nie unterschieden wird. Es gibt
keine Wörter für verschiedene Menschen, so wie es verschiedene Worte für "Regen" gibt:
von "Nieselregen" bis "Platzregen" existieren feine sprachliche Abstufungen. Die Lehre
Ouspenskys kennt sieben Kategorien des Menschen. Die ersten drei Kategorien stehen
quasi auf einer Stufe. Jeder Mensch wird in einer dieser drei Stufe geboren und kann sich
nur mit viel Arbeit aus diesen erheben, um in die Klasse vier oder höher zu gelangen.

1. Bei diesem Menschen ist das instinktive oder das motorische Zentrum stärker als das
intellektuelle und gefühlsbedingte. Er ist ein physischer Mensch.
2. Hier finden wir den Gefühlsmenschen.
3. Hier finden wir den intellektuellen Menschen.
4. Er unterscheidet sich von den Klassen eins bis drei durch die Kenntnis seiner selbst.
Außerdem hat ein einen dauernden Schwerpunkt, was bedeutet, daß für ihn der Wunsch
nach Einheit, Bewußtsein, einem dauernden ICH und einen freien Willen zu erlangen
wichtiger geworden ist, als alle seine anderen Interessen.
5. Dieser Mensch hat die Einheit und ein dauerndes Bewußtsein seiner selbst erlangt. Er
besitzt eine Menge von [z.B. außersinnlichen] Funktionen und Fähigkeiten, die der
gewöhnliche Mensch nicht besitzt.
6. Dieser Mensch hat das objektive Bewußtsein erlangt. Seine Fähigk eiten und
Eigenschaften gehen weit über das Begriffsvermögen des gewöhnlichen Menschen
hinaus.
7. Alles, was ein Mensch erreichen kann, hat dieser Mensch erreicht. Er hat ein dauerndes
ICH und einen freien Willen; er kann in sich selbst alle Bewußtseinszustände kontrollieren
und ist "unsterblich in den Grenzen des Sonnensystems".

Hier bietet Ouspensky die vierte Definition der PSYCHOLOGIE: "Die Psychologie ist das
Studium einer neuen Sprache. Und diese neue Sprache ist die Universalsprache, welche die
Menschen machmal zu entdecken oder zu erfinden sich mühen." Ouspensky bekräftigt erneut
seine Ansicht, daß der Mensch eine Maschine sei. Dabei bezieht er sich z.B. auf die frühen
Psychologen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die zunächst die Physiologie
des Menschen erforschten. Wie im ersten Vortrag schon ausgeführt, wird der Mensch von
seinen sieben Zentren gesteuert. Nun funktionieren diese bei den allermeisten
Menschen nicht korrekt, weil sich nicht jedes Funktionszentrum auf seine speziellen
Aufgaben konzentriert. Jedes Zentrum übernimmt auch Aufgaben der anderen Zentren.
Weil es diese aber natürlich nicht so gut simulieren kann, hat der Mensch Probleme. "Um
auf die unrichtige Arbeit der Zentren zurückzukommen: praktisch füllte sie - wie ich feststellen
muß - unser ganzes Leben aus. Unsere trübsinnigen Eindrücke, unsere verschwommenen
Wahrnehmungen, unsere Langsamkeit im Verständnis vieler Dinge, sehr oft auch unsere
Identifizierung und unser 'Sich Richten', selbst unsere Lüge - sie hängen von der unrichtigen
Arbeit der Zentren ab." Nur durch die Hilfe einer Schule - so Ouspensky - kann der Mensch
sein Wesen erkennen und ordnen. In einer Schule soll der Mensch an sich selbst arbeiten,
an den anderen Mitgliedern der Schule arbeiten und für die Schule arbeiten.

Wo liegen die ersten drei Zentren im Menschen? Das intellektuelle Zentrum im Kopf, das
Gefühlszentrum im Mittelteil des Körpers und das motorische (instinktive) Zentrum im
unteren Teil des Rumpfes. Diese Zentren lassen sich mit den klassischen Mitteln der
Wissenschaft nicht nachweisen. Man kann nur ihre Wirkungen beobachten. Die Zentren
arbeiten verschieden schnell. Das motorische Zentrum arbeitet 30.000 mal schneller als
das intellektuelle Zentrum. Und das emotionale Zentrum arbeitet sogar noch 30.000 mal
schneller als das motorische Zentrum. Dies zeigt das Potential des Menschen auf, nicht
aber unbedingt die tatsächlichen zahlenmäßigen Verhältnisse. Während der Verstand und
das motorische Zentrum zwischen ja/nein bzw. gut/schlecht oder aktiv/passiv
unterscheiden können, ist das emotionale Zentrum lediglich "positiv" geprägt. Es hat aus
sich selbst heraus keine negativen Gefühle. Wenn wir aber negative Gefühle (wie Wut,
Neid, Stolz...) fühlen, so nur deshalb, weil wir Roboter sind und unsere Mitmenschen
simulieren. Unsere Natur hingegen ist freundlich. Es gibt nichts mechanischeres, als
unsere negativen Gefühle.

"In seinem gewöhnlichen Zustand kann der Mensch niemals seine negativen Gefühle
beherrschen. Jene, die glauben, sie könnten ihre negativen Gefühle beherrschen und sie
ablaufen lassen, wie es ihnen gutdünkt, täuschen und belügen sich ganz einfach. Die negativen
Gefühle hängen von der Identifizeirung ab. Wenn diese zerstört wird, verschwinden sie. Das
seltsamste und phantastischste bei den negativen Gefühlen ist, daß die Leute sie leiden-
schaftlich lieben. Meiner Meinung nach ist es für einen gewöhnlichen, mechanischen Menschen
das schwerste, wenn er begreift, daß weder seine eigenen negativen Gefühle noch die der
anderen auch nur den geringsten Wert haben, und daß sie nichts Edles, nichts Schönes und
nichts Starkes enhalten. In Wirklichkeit enthalten die negativen Gefühle nichts als Schwäche, und
oft sind sie sogar der Anfang von Hysterie, von Wahnsinn oder Verbrechen. Ihre einzige gute
Seite ist, daß sie ohne den geringsten Nachteil zerstört werden können, nachdem sie ganz und
gar unnötig und von Grund auf von der Phantasie und der Identifizierung erschaffen sind. Dies
ist die einzige Möglichkeit für den Menschen, ihnen zu entkommen. [...] In der Sprache der
Schule besteht ein Gebot, welches sich auf den Kampf gegen die negativen Gefühle beziet: Der
Mensch muß seine Leiden opfern. [...] Einem alten Aberglauben unterworfen, erwartet der
Mensch immer etwas vom Opfer seiner Freuden, aber er erwartet nichts vom Opfer seiner
Leiden. [...] Des weiteren haben viele Leute nur negative Gefühle. Alle ihre ICHs sind negativ.
Wenn man ihnen ihre negativen Gefühle wegnehmen würde, brächen sie ganz einfach
zusammen und lösten sich in Rauch auf."

Welche konkreten Möglichkeiten haben wir nun, wenn wir an unserer Persönlichkeit /
unserem Wesen arbeiten möchten? In östlichen Schulen wird oft mit der Arbeit am Körper
begonnen; dies geschieht in Form von Tänzen oder auch Fakir-Übungen oder Übungen
ähnlich dem autogenen Training. Im Westen - wo die Menschen verstandesgemäß
orientiert sind - sollten wir mit intellektuellen Übungen beginnen. Ouspensky schlägt vor:
"Versuchen Sie nun zu beschreiben, was Sie bemerkten, als Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf
richteten, sich selbst zu beobachten. [...] Sie haben drei Dinge bemerkt: Erstens, daß Sie sich ihrer
selbst nicht erinnern [...] Zweitens, daß die Beobachtung erschwert wird durch den
ununterbrochenen Strom der Gedanken, Vorstellungen, Gesprächseindrücke, der Eindrücke von
Gefühlen, die unseren Geist durchkreuzen. […] Drittens, daß im Augenblick, wo Sie sich zu
beobachten beginnen, etwas in Ihnen die Phantasie auslöst, und die Selbstbeobachtung, wenn
sie wirklich erstrebt wird, ein ständiger Kampf gegen die Phantasie ist." Daraus folgert er: "Wir
müssen uns bemühen, uns unserer selbst zu erinnern. Hierfür müssen wir gegen die
mechanischen Gedanken und die Phantasie ankämpfen."

Der Mensch muß zwei Seiten an sich entwickeln: das Wissen und das Sein. Das Wissen
(über sich selbst) ist eine wichtige Basis für die weitere Entwicklung. Der Mensch muß
wissen, daß er sich selbst nicht kennt. Das Sein ist gänzlich unabhängig vom Wissen. Das
Wissen alleine ändert das Sein noch nicht. Wir sind ein Mensch der Stufe 1-7. Wir setzen
uns primitiven oder hochwertigen Einflüssen aus. Wir sind in einer Schule oder nicht.
"Das Sein betrifft das Tiefinnerste der religiösen Begriffe des Menschen."

Ouspensky widerspricht der von ihm beobachteten Einschätzung, daß ein Mensch, der
möglichst viele Widersprüche in sich vereinigt, ein interessanter Mensch sei. Ein
Philosoph mit perversen Neigungen ist für ihn kein Philosoph, sondern ein Perverser.
Wissen und Sein müssen gleichermaßen gepflegt werden. Alles andere führe in die
Stagnation. Bekanntermaßen sind Wissen und Verstehen zwei sehr verschiedene Dinge.
"Man glaubt oft, Verstehen hieße einen Namen, einen Ausdruck, einen Titel, eine Bezeichung
finden für ein neues oder unerwartetes Phänomen. Für unverständliche Dinge Worte finden
oder erfinden, hat aber nichts mit Verstehen zu tun. Im Gegenteil: Wenn wir uns von der Hälfte
unserer Worte befreien könnten, würden wir vielleicht eine bessere Möglichkeit für ein gewisses
Verständnis finden." In welchem Verhältnis steht dann das Verstehen zum Wissen und
Sein? "Verstehen ist, in gewisser Hinsicht, das arithmetische Mittel zwischen Wissen und Sein."
Das fehlende Bewußtsein: Der Mensch als Maschine?1
Der Psychologe und Esoteriker Peter D. Ouspensky wurde 1878 in Moskau geboren und
starb 1947 in London. Er beschäftigte sich zeitlebens mit philosophischen und
psychologischen Fragestellungen, die um die Möglichkeit einer "wahren" Erkenntnis von
Wirklichkeit kreisten. Währenddessen entwickelte er ein System der Bewußtseinser-
weiterung, das er als "Selbsterinnerung", später auch als "vierten Weg", bezeichnet hat.
Ouspensky wurde stark von Georg Gurdjieff, einem sufischen Eingeweihten, dem er um
1915 begegnete, beeinflußt. Beide entwickelten ein psychologisches System, das dem
Menschen die Erlangung höherer Bewußtseinsformen ermöglichen sollte. Daß dieses
System durch etliche Veröffentlichungen eine schriftliche Fixierung fand, ist ein
Widerspruch zur sonstigen sufischen Lehrtätigkeit. So wurde Gurdjiefs Lehre von dessen
Lehrern als mit seinem Tode hinfällig bezeichnet. Es käme für den Suchenden darauf an,
einen lebendigen Kontakt mit der Lehre herzustellen und sich einen lebenden Lehrer zu
suchen. Gleichwohl dürfte ein Einblick in diese bereits "tote“ Lehre für jemanden, der über
keinen Kontakt mit der lebendigen Lehre verfügt, von Interesse sein, da sie Ideen enthält,
die in dieser Radikalität selten formuliert wurden. Von daher sollen hier einige Grundzüge
der Lehre Ouspenskys skizziert werden. Eine von Ouspenskys Grundannahmen ist, daß
der Mensch, so wie wir ihn kennen, ein "nichtvollendetes Wesen" ist (Ouspensky 1988,
S.12). "Die Natur entwickelt ihn nur bis zu einem gewissen Grad, dann überläßt sie ihn sich
selbst, damit er seine Entwicklung durch eigene Bemühung und Initiative fortsetzt, oder lebt
und stirbt wie er geboren wurde" (ebd. S.12). Ouspensky unternimmt eine Unterscheidung
psychologischer Systeme, die für ihn durch zwei Hauptkategorien gekennzeichnet sind. In
die erste Kategorie fällt die gesamte wissenschaftliche Psychologie seiner Zeit, die sich
darum bemüht, den Menschen zu studieren, "so wie er ist - so wie sie ihn antreffen - oder so
wie sie annehmen oder sich einbilden, daß er sei." (ebd.S.11)
In die zweite Kategorie fallen Systeme, die den Menschen im Hinblick darauf studieren,
was er werden kann. Also Systeme, die den Menschen vom Standpunkt seiner "möglichen
Evolution" Ouspensky betrachten. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wird diese
„Psychologie der potentiellen Evolution des Menschen“ (Ouspensky) durch die
humanistische Psychologie vertreten (Lit.1978).
In seinem letzten Werk "Der vierte Weg" wird ein solches System als Quintessenz seines
Lebenswerkes dargelegt. Der "Vierte Weg" bezeichnet einen Weg der Erkenntnis, der
neben dem ersten Weg (dem des Fakirs, der zu höheren Bewußtseinsstufen gelangt, indem
er lernt seine körperlichen Funktionen zu kontrollieren), dem zweiten Weg (dem des
Mönchs, der versucht, über den Glauben und Entsagungen höhere Wahrheiten zu
erlangen) und dem dritten Weg (dem des Yogis, dem Weg des "Wissens und des
Bewußtseins") mehr als eine Synthese dieser drei Wege bezeichnen soll. (Ouspensky 1983,
S.112).
Der vierte Weg unterscheidet sich von den anderen Wegen vor allem dadurch, daß nichts
Äußeres aufgegeben werden muß, „ ... denn die ganze Arbeit findet innerlich statt" (ebd.
S.113). Ein wichtiges Merkmal dieses Weges ist, daß der Mensch, der ihn beschreiten will,
nichts glauben muß. Er soll alles anhand eigener Erfahrungen überprüfen; und erst dann

1 http://www.schamanismus-information.de/bewusstseinsforschung/selbsterinnern_ouspensky.htm
glauben, wenn er zutiefst davon überzeugt ist, daß etwas der Wahrheit entspricht. Aus
diesem Grund ist es - so Ouspensky - erforderlich, zu einer speziellen Form der
Selbstbeobachtung anzusetzen. Dies kann und soll in jeder konkreten Situation, in der der
sich der lernwillige Mensch aktuell befindet, beginnen. Als Ergebnis der angefangenen
Beobachtung stellt sich nach seiner Erfahrung zuerst folgende bedeutende Erkenntnis ein:
"Der Mensch ist eine Maschine. Er hat keine unabhängigen Bewegungen, weder äußerlich noch
innerlich. Er ist eine Maschine, angetrieben von äußeren Einflüssen und von äußeren Anstößen.
Von sich aus ist er nur ein Automat mit einer gewissen Ansammlung von Erinnerungen
vergangener Erfahrungen und mit einer gewissen Menge von Energie ... " (Ouspensky 1988,
S.17).
Ouspensky bringt diese schroff wirkende Beschreibung, um seine Zuhörer von Illusionen
über ihren Zustand zu befreien. Erst wenn man zu erkennen bereit ist, daß fast alle
inneren Vorgänge automatisch ablaufen und erkennt, daß der Mensch auf die meisten
seiner inneren Vorgänge (sei es nun Denken, Fühlen, Tagträumen oder Träumen) keinerlei
bewußten Einfluß hat und sich dieser schmerzlichen Wahrheit bewußt wird, kann eine
Entwicklung möglich werden. Wesentlich ist es zu erkennen, daß die subjektive
Einheitlichkeit der Ansammlung von Vorstellungen, Vorannahmen und Modellen, die
unser Inneres auszumachen scheinen, eine Illusion ist. Drei Faktoren sind es die im
Menschen die Illusion einer Einheit und Ganzheit schaffen: Erstens die Empfindung seines
physischen Körpers, zweitens sein feststehender Name und drittens ein Anzahl von
mechanischen Gewohnheiten, die durch Erziehung in ihn eingepflanzt und durch
Nachahmung erworben werden. "Vor allem soll der Mensch wissen, daß er nicht eine Einheit
ist - er ist eine Vielheit ... Dadurch, daß er stets die gleichen physischen Empfindungen hat, sich
immer beim gleichen Namen rufen hört und sich in Gewohnheiten und Neigungen
wiederfindet, die er immer gekannt hat, bildet er sich ein, stets derselbe zu sein. In Wirklichkeit
ist keine Einheit im Menschen, es gibt weder ein alleiniges Befehlszentrum noch ein bleibendes
„Ich“ oder Ego. ... Alle Gedanken, jedes Gefühl, jede Empfindung, jeder Wunsch, jedes „ich mag“
oder „ich mag nicht“ ist ein „Ich“. Diese „Ichs“ sind untereinander nicht verbunden noch
irgendwie koordiniert ... Einige „Ichs“ folgen anderen ganz mechanisch, einige erscheinen immer
von anderen begleitet, aber darin liegt weder Ordnung noch System" (ebd. S.18).
Ouspensky zufolge besitzt der Mensch aufgrund seiner Uneinheitlichkeit keine Fähigkeit
zum Tun, keine Individualität, keine Einheit, kein bleibendes Ich, kein Bewußtsein und
keinen eigentlichen Willen. Doch nur wenn er dies wirklich erkenne, werde er
Anstrengungen unternehmen, diese Fähigkeiten zu erwerben. Die meisten Menschen
allerdings bildeten sich ein, diese Fähigkeiten bereits zu haben; was ein wesentliches
Hindernis für eine Entwicklung der eigenen Möglichkeiten sei.

Vier mögliche Bewußtseinszustände: Schlaf, Halbschlaf, Selbsterinnern und objektives
Bewußtsein
Die wichtigste Fähigkeit, die es Ouspensky zufolge zu entwickeln gilt, ist gleichzeitig
diejenige, über die sich der Mensch die meisten Illusionen macht: Das Bewußtsein.
Bewußtsein ist nach Ouspensky ... „eine besondere Art von „innerem Aufmerken“, unabhängig
vom Denkprozeß, vor allem ein Achtgeben auf sich selbst, eine Kenntnis davon, wer er ist, wo er
ist, dann ein Aufmerken auf das, was er weiß und was er nicht weiß und so weiter" (ebd. S.20).
Ob der Mensch bewußt ist oder nicht, kann nur er selbst wissen; es ist von außen nicht
ohne weiteres einsehbar. Zudem ist das Bewußtsein nicht konstant: mal ist es größer, mal
ist es kleiner, mal ist es anwesend, mal abwesend. Qualität und Quantität des Bewußtseins
variieren demnach stark. Diese Tatsache kann von jedem Menschen unmittelbar
beobachtet werden. Mittels besonderer Übungen und beim Studium des eigenen
Bewußtseins kann die Bewußtseinsfähigkeit beständig gemacht und kontrolliert werden -
so Ouspensky. Für ihn steht fest, daß wir uns nur sehr selten unserer selbst wirklich
bewußt sind. Wenn ich beispielsweise versuche, den Zeiger einer Uhr zu beobachten und
mir gleichzeitig darüber bewußt zu sein, daß ich es bin, die dies tut, und daß ich jetzt hier
bin, wird mir dies nicht einmal zwei Minuten lang gelingen; spätestens dann verliere ich
die bewußte Empfindung, daß ich da bin (ebd. S.24).

In einer genaueren Darstellung unterscheidet Ouspensky vier Bewußtseinsformen:
1. Der Schlaf: Es ist der Zustand höchster Identifikation. In diesem ist das Bewußtsein
vollständig vom Traumgeschehen absorbiert und wir sind nicht zu aktiven bewußten
Handlungsvollzügen in der Lage. Vielmehr sind wir in dem Zustand gewöhnlich
vollständig passiv und subjektiv.
2. Der "Wachzustand": Dieser wird auch als Halbschlaf oder "relatives Bewußtsein"
bezeichnet. Es ist dieser wenig von Bewußtsein geprägte Zustand, in welchem sich die
meisten Menschen fast ununterbrochen befinden.
3. Das Bewußtsein seiner Selbst, das „Selbst-erinnern“: In diesem Zustand werden wir uns
selbst gegenüber objektiv.
4. Das objektive Bewußtsein: Über das objektive Bewusstsein - so betont Ouspensky –
können wir nichts wissen, da wir zu weit von ihm entfernt sind und die Sprache diesen
jenseits aller Kategorien liegenden Zustand nicht fassen kann.
"Doch obwohl er die Möglichkeit hat, diese vier Bewußtseinszustände zu kennen, lebt der
Mensch tatsächlich nur in zwei dieser Zustände: Ein Teil seines Lebens spielt sich im Schlaf und
der andere im sogenannten „Wachzustand“ ab, der sich in Wirklichkeit nur wenig vom Schlaf
unterscheidet" (S. 24).
Im dritten Zustand, dem Bewusstsein seiner selbst, von dem wir gemeinhin annehmen,
daß wir in ihm leben, erleben wir manchmal bei starken Gemütsbewegungen, in
Augenblicken großer Gefahr und selten auch dann, wenn sich nichts "Besonderes"
abspielt. Daß wir uns gewöhnlich nicht selbst erinnern, können wir erfahren, indem wir
Erinnerungen an verschiedene Situationen miteinander vergleichen und feststellen, daß
manche Erinnerungen sehr lebendig sind (Gerüche, Farben, Gefühle, Empfindungen und
Gedanken), andere eher blaß erscheinen und wir von manchen Dingen nur noch wissen,
daß sie sich ereignet haben, aber uns überhaupt nicht daran erinnern können. Die
Erinnerung scheint wie gelöscht zu sein; vermutlich weil das Bewußtsein damals derart
von Tagträumen und Phantasien absorbiert war, daß diese Ereignisse keinerlei
Erinnerungsspuren im Bewußtsein hinterlassen konnten. Eine bewußte Präsenz des
erlebenden Subjekts im Sinne des Selbst-erinnerns hätte dagegen sicher eine Erinnerung
erzeugt. Eine Bewußtheit seiner selbst im Sinne des Selbsterinnerns entsteht also zuerst
meist zufällig und nur kurzzeitig. Die Kontrolle darüber zu erlangen und das Bewußtsein
seiner selbst absichtlich zu erwirken, ist das Ziel des psychologischen Systems von
Ouspensky. Eine weitere Voraussetzung für die Erlangung des Selbsterinnerns wie auch
des objektiven Bewußtseins ist es, die Bedingungen zu studieren, welche das
Selbsterinnern verhindern. Auch in diesem Fall betont Ouspensky, daß die
Selbstbeobachtung das Instrument der Er-kenntnis- ist, welches durch keine andere Art
des Studiums ersetzt werden kann.

Hindernisse der Bewußtseinsentwicklung
Die wichtigsten Hindernisse, die der Bewußtseinsentwicklung entgegenstehen können,
sind gemäß den Beobachtungen und Erfahrungen Ouspenskys:
1. Das Lügen.
Das Lügen möchte er nicht im moralischen Sinne verstanden wissen - ein
"absichtliches" Lügen ist hier nicht gemeint -, sondern Lüge heißt hier „ ... von
Dingen, die man nicht kennt, die man nicht kennen kann, so zu sprechen, als ob man sie
kennen kann, so zu sprechen, als ob man sie kennen würde und als ob man sie kennen
könnte" (ebd. S. 50). Er weist darauf hin, daß bei den meisten Menschen diese Art
des „Lügens“ automatisiert abläuft. So wissen wir Ouspensky zufolge nichts über
uns selbst und wissen auch, daß wir nichts wissen, sondern uns lediglich Ansichten
und Modelle über uns selbst einbilden. "Dennoch erkennen wir diese Tatsache niemals
an oder geben sie zu; wir gestehen sie noch nicht einmal uns selbst gegenüber ein, wir
handeln, denken und sprechen, als wüssten wir, wer wir sind: das ist der Ursprung, der
Anfang des Lügens" (Ouspensky 1983, S. 42). Der Begriff "Lüge" bezeichnet hier also
einen Automatismus, der sich in erster Linie auf die Art und Weise bezieht, in der
wir uns und den Umfang unseres Wissens über die Welt betrachten. Schon wenn
ich "Ich" sage belüge ich mich selbst, denn im Halbschlafzustand gibt es in dem,
was ich als „Ich“ bezeichne, keine Einheit und somit auch nichts Kohärentes, was
ich mit dem Begriff „Ich“ bezeichnen könnte. Diese Art des Lügens bezeichnet
Ouspensky in seinem Buch „Der vierte Weg“ auch als „Erkenntnispuffer“ (ebd.
1983, S. 45), der dazu diene, mit unvereinbaren Widersprüchen leben zu können.
2). Die Einbildung.
Wenn ich mich selbst beobachte, bemächtigt sich meiner nach einiger Zeit die
Einbildung und ich vergesse die Beobachtung. Für die Selbstbeobachtung ist die
Einbildung also keineswegs schöpferisch. Deshalb erkennt ein sich selbst
beobachtender Mensch, " ... daß er sie [die Einbildung] in keiner Weise kontrollieren
kann, und daß sie ihn immer weit fortführt von seinen mehr bewußten Entscheidungen
und zwar in eine Richtung, in die er nicht gehen wollte" (Ouspensky 1988, S. 51). Das
Verfallensein an diese Einbildung ist für Ouspensky der Normalzustand des nicht
im Selbsterinnern befindlichen Menschen.
3). Das Ausdrücken negativer Gefühle.
Dies ist für Ouspensky ein weiteres Hindernis bei der Bewußtwerdung. Negative
Gefühle wie etwa Selbstmitleid, Zorn, Angst, Mißtrauen, Eifersucht und andere
sind seiner Ansicht nach nicht nur vollkommen überflüssig, weil sie uns nicht mit
nichts Neuem verbinden und uns keine Energie einbringen, sondern sie vielmehr
durch ihren Ausdruck verschwendet wird. Zudem erzeugen wir so unangenehme
Illusionen, die in die Zukunft hineinprojiziert (und in ihrem Ausdruck Auto-
matisierungs-prozessen unterworfen), letztlich sogar unsere psychische und
körperliche Gesundheit angreifen können. Deshalb sollen negative Gefühle nicht
nur beobachtet, sondern ihrem automatischen Ausdruck aktiv Widerstand
entgegengesetzt werden. Der erste Schritt dazu ist, dass man sie erkennt und
aufrichtig realisiert, daß sie nutzlos sind (Ouspensky 1983, S. 19-23 u. S. 81-85).
Negative Gefühle haben nach Ouspensky ihre Ursache ausschließlich in uns selbst.
Wir kreieren sie. Es gibt keine Umstände, die sie erzeugen. Wenn wir etwa in einem
angstvollen Zustand sind, suchen wir uns Gegenstände und Menschen, vor denen
wir Angst haben, mit denen wir unsere Angst identifizieren können. Die Ursache
der Angst liegt jedoch ausschließlich in uns selbst und ist daher niemals außen,
sondern nur in unserem Inneren zu beseitigen. Es wäre ein Mißverständnis
anzunehmen, Ouspensky plädiere für eine simple Unterdrückung negativer
Gefühle, denn letztlich geht es um eine Verwandlung dieser Gefühle.
4). Das Reden.
Nicht zuletzt werden Sebstbeobachtung und schrittweise Bewußtwerdung durch
unnötiges Reden (gemeint ist hier in erster Linie der „innere Monolog“)
beeinträchtigt. Denn wer permanent mit sich oder anderen redet, kommt ständig
von der Selbstbeobachtung ab.
5). Die Identifikation.
Durch fortschreitende Selbstbeobachtung wird entdeckt, daß wir uns mit
Wahrnehmungen, Gegenständen, inneren und äußeren Vorgängen, mit Gefühlen
und Gedanken stark zu identifizieren neigen. "Die ‚Identifizierung‘ ist ein
merkwürdiger Zustand, in dem der Mensch mehr als die Hälfte seines Lebens verbringt.
Er ‚identifiziert‘ sich mit allem: mit dem, was er sagt, mit dem, was er weiß, mit dem, was
er glaubt, mit seinen Begierden, mit dem, was ihm nicht erwünscht ist, was ihn anzieht
und was ihn abstößt. Alles saugt ihn auf, und er ist nicht fähig, sich von der Idee, von dem
Gefühl oder dem Gegenstand zu trennen, der ihn verschlingt. Dies besagt, daß der
Mensch im Zustand der Identifizierung unfähig ist, den Gegenstand seiner Identifizierung
unparteiisch zu betrachten“ (Ouspensky 1988 S. 53). Ein wesentliches Merkmal des
Halbschlafzustandes, in dem sich die meisten Menschen - Ouspensky zufolge -
befinden, ist in der Tendenz zur Identifikation zu sehen, die eine der bedeutendsten
Ursachen ist, welche den Menschen am Erwachen hindert. Denn wenn wir
identifiziert sind, können wir nicht beobachten; und wenn wir uns nicht beobachten
können, fällt uns auch nicht auf, daß wir uns in dem besagten Halbwachzustand
befinden. "Es ist unmöglich bewußt zu sein, wenn Sie sich identifizieren" (ebd. S. 145).

Schlussfolgernd lässt sich festhalten, dass Lüge, Einbildung, Ausdruck negativer Gefühle
und unnötiges Reden durch ihr weitgehend automatisiertes Funktionieren ein Verharren
im Halbschlafzustand begünstigen, den es durch schrittweise Beobachtung und
Bewußtmachung dieser Automatismen zu überwinden gilt.
Selbsterinnern als Überwindung des Halbschlafzustandes
Wie bereits erwähnt, ist die Erkenntnis, daß die meisten unserer Gedanken und
Handlungen automatisiert ablaufen, wir weitestgehend identifiziert sind und nur in
seltenen Momenten unserer selbst gewahr werden, eine erste Voraussetzung zur
Entwicklung. Es stellt sich dann die Frage: Wie kann ich bewußter werden?
Dazu ist es zuerst einmal wichtig, Momente des Selbsterinnerns zu finden und sie mit
anderen nicht-bewußten Zeiträumen zu vergleichen. Ein nächster Schritt wäre, sich nach
einer abgeschlossenen Handlung (z.B., nachdem ich diesen Absatz gelesen habe) zu
fragen: "War ich während dieser Handlung bewußt - mir also gewahr, daß ich bin und wo ich bin
- oder nicht?" Was einen bewußten Moment ausmacht, kann nicht einfach beschrieben
werden: Nur der Erlebende kann diesen Unterschied bei sich feststellen. Das Phänomen
ähnelt einer Art geteilter Aufmerksamkeit: "Aber wenn sie zur selben Zeit, in der Sie
beobachten, bewußt sind, wird die Richtung ihrer Aufmerksamkeit zwei Pfeilen ähneln, von
denen der eine die Aufmerksamkeit zeigt, die auf den Gegenstand der Beobachtung gerichtet
ist, und der andere auf sie selbst" (ebd. S. 123).
Wenn man erkennt, daß man sich gewöhnlich nicht selbst erinnert, kann so etwas wie
Selbst-erinnerung langsam ermöglicht werden. "Wenn die Erkenntnis, daß wir uns nicht
Selbst-erinnern, stetig wird, dann können wir uns selbst erinnern. Jeden Tag können sie Zeit zu
der Erkenntnis finden, daß Sie sich nicht Selbst-erinnern; das wird Sie schrittweise zum Selbst-
erinnern führen. Ich meine nicht, sich zu erinnern, daß sie sich nicht selbst-erinnern, sondern es
zu erkennen" (ebd. S. 125). Eine überaus wichtige Rolle im Zusammenhang mit der
Methode des Selbsterinnerns spielen die Gedanken. So sind die Gedanken bzw. die
"Denkfunktion" eine der wenigen geistigen Funktionen, über die wir eine gewisse
Kontrolle erlangen können. Wenn wir die Gedanken darauf richten, uns beständig daran
zu erinnern, daß wir sind und wo wir sind, wird Selbst-erinnern möglich. Wenn ich
beispielsweise augenblicklich bemerke, daß ich mich identifiziere, kann ich mich Kraft
einer Gedankenanstrengung vielleicht aus der Identifizierung lösen. Allerdings ist das
Verhältnis von Denken und Selbsterinnern nicht einfach zu beschreiben: "Denken ist ein
mechanischer Vorgang, es kann ohne oder mit sehr wenig Bewußtsein arbeiten. Und
Bewußtsein kann ohne einen wahrnehmbaren Gedanken existieren" (ebd. S.130). Demnach
kann man sich im Bemühen um Selbsterinnerung nicht auf die "Denkfunktionen"
verlassen, da die Gefahr droht, dabei wiederum Opfer von Automatisierungsprozessen zu
werden.
Deshalb besteht eine Übung, die zu Selbsterinnerung führen kann, in dem Versuch, die
ständige Gedankenbildung anzuhalten. Dies ist jedoch ausgesprochen schwierig, da nur
allzu oft die Automatismen der Gedankenbildung wieder einsetzen. „Sie können die
Gedanken anhalten, aber sie dürfen nicht enttäuscht sein, wenn es ihnen anfangs nicht gelingt ...
Sie können sich nicht sagen: „Ich will meine Gedanken anhalten“, und sie hören auf. Sie müssen
sich die ganze Zeit anstrengen. Deshalb dürfen sie es nicht lange tun. Es reicht vollauf, wenn sie
es für wenige Minuten tun, sonst werden Sie sich selbst überreden, Sie täten es, während Sie
einfach ruhig dasitzen und denken und sehr glücklich darüber sind“ (Ouspensky 1991, S. 133).
Fest steht, daß die Entwicklung des Bewußtseins eine große Anstrengung erfordert. Die
Voraussetzung dazu ist, daß ein fester Entschluß gefaßt wird, aus dem Halbschlafzustand
zu erwachen. Um diesen Entschluß fassen zu können und sich auf diesen anstrengende
Weg zu begeben, ist es erforderlich, sich zu vergegenwärtigen, welchem Zweck diese
Arbeit dienen soll. „Wenn wir Willen haben, wenn wir frei sein möchten, anstatt Marionetten zu
sein, wenn wir erwachen wollen, müssen wir Bewußtsein entwickeln. Wenn wir erkennen, daß
wir schlafen, daß alle Menschen schlafen, und was das bedeutet, werden dadurch alle
Absurditäten des Lebens geklärt. Es ist ganz klar, daß die Menschen, wenn sie schlafen, nicht
anders handeln können, als sie es jetzt tun“ (ebd. S. 131).
Ouspensky behauptet weiter, wenn wir nur einmal für etwa 15 Minuten bewußt wären,
könnten wir die Welt mit völlig neuen Augen betrachten. Nichts scheint so schwierig wie
einen automatisierten Prozess als solchen zu identifizieren und zu entautomatisieren.
Kaum etwas ist so schwierig wie sich aus einer Identifikation, und sei sie auch noch so
winzig - wie etwa das Kleben der Aufmerksamkeit auf der Mattscheibe eines Fernsehers
oder einer Kinoleinwand - dauerhaft aufzuheben. Wenn dies gelingt, dann anfangs nur für
Sekunden und schon lassen wir wieder zu, daß das Bewußtsein von äußeren oder inneren
Geschehnissen absorbiert wird. Einen Seinszustand frei von diesen Attributen zu erlangen
ist das Ziel, welches Ouspensky in Aussicht stellt ...

Literaturverzeichnis
1. Ouspensky, P.D. (1983): Der vierte Weg.
Basel 1983 [orig. 1957].
2. Ouspensky, P.D. (1980): Tertium Organum.
Bern/München 1980 [orig. 1911].
3. Ouspensky, P.D. (1988): Die Psychologie der möglichen Evolution des Menschen. Berlin
1988 [orig. 1950].
4. Ouspensky, P.D. (1970): Ein neues Modell des Universums.
Weilheim 1970 [orig. 1931].
MOURAVIEFF – SCHWELLEN UND TREPPENHAUS 13

Mouravieff14 unterscheidet in der esoterischen Entwicklung drei Schwellen. Esoterische
Entwicklung wird als eine absteigende Oktave gesehen, vom C zum C. Die Schocks
zwischen dem ersten C und dem H der nächsten Oktave, zwischen dem F und dem E
dieser Oktave und zwischen dem C und dem H der dritten Oktave sind die drei
Schwellen. Das Leben stellt den Menschen in die Wildnis – getrennt von esoterischer
Arbeit. Der Mensch mag sich – durch die Unterscheidung von A- und B-Einflüssen – dem
Beginn des Pfades zum Zugang zum Vierten Weg nähern. Der äußere Mensch ist
entweder Mensch 1, 2 oder 3, abhängig davon, welches Zentrum in seiner Verfassung
vorherrschend ist. Die erste Schwelle bezeichnet den Beginn des Pfades zum Zugang
[zum Weg]. In der oben erwähnten Oktave entspricht das dem ersten C. Das
Überschreiten der ersten Schwelle stellt den Suchenden auf die erste Stufe des
‘Treppenhauses’, die zur zweiten Schwelle führt. Das Treppensteigen verwandelt Mensch
1, 2 oder 3 in Mensch 4. Das Stiegenhaus wird durch die Noten H, A, G und F
repräsentiert. Das Intervall zwischen F und E stellt die zweite Schwelle dar.
Nach dem Überschreiten der zweiten Schwelle wird Mensch 4 zu
Mensch 5, der auf der Stufe steht, die das E darstellt. Die
folgenden Noten D und C entsprechen Mensch 6 und 7. Die
dritte Schwelle stellt die Vervollständigung dessen dar, was in
menschlicher Form möglich ist, und befindet sich zwischen dem
C dieser Oktave und dem H der nächsten Oktave. Mouravieff
beschreibt die Stadien wie nachstehend. Wir weisen darauf hin,
dass all diese Schritte stattfinden können, während der Mensch
in der Welt lebt und funktioniert. Im Geiste des 4. Weges benötigt
keines der untenstehenden Schritte von sich aus einen
klösterlichen Lebenswandel.
Der Mensch lebt versunken in A-Einflüssen, während er
manchmal B-Einflüssen begegnet. Wenn er B-Einflüsse
nachverfolgt, z.B. durch Beschäftigung mit esoterischer Literatur, oder durch das Streben,
sich selbst zu erziehen und kennenzulernen, kann er eine Vorliebe für B-Einflüsse
entwickeln. Wenn diese Vorliebe stark genug ist, können wir von der Entwicklung eines
Embryos eines magnetischen Zentrums sprechen. Dies kann dazu führen, einem
Menschen mit C-Einflüssen zu begegnen, unter dessen Führung der Suchende zur ersten
Schwelle gelangt. Der Weg zu dieser Schwelle kann lang sein und mag für
unterschiedliche Leute unterschiedliche Formen annehmen. Keine noch so große Menge
an äußerem Lernen oder Lebenserfahrungen können für sich eine Schwelle ausmachen.
Schwellen sind innere Phänomene und beinhalten Hingabe und innere Veränderung, die
nicht durch äußere Erscheinung ersetzt werden können.
Die erste Schwelle stellt eine Abreise von der Welt der A-Einflüsse dar. Das Überschreiten
verändert den Menschen nicht so sehr, ist aber nicht rückgängig zu machen, sodass das
vorherige befriedigende Streben nach der äußeren Welt nicht länger befriedigend sein

13 http://de.cassiopaea.org/2011/06/03/schwellen-im-vierten-weg/
14 Mouravieff, Boris – Gnosis Vol 1-3
wird. Das heißt in keinster Weise, dass der Mensch nicht mehr anfällig für Versuchungen
wäre, im Gegenteil. Dies bedeutet nur, dass Streben nach solchem nicht die Befriedigung
bringen wird, die es vormals gebracht haben mag.
Der Pfad zum Zugang [zum Weg] beginnt nach der ersten Schwelle. Es ist für den
Suchenden nun die Hauptaufgabe, die permanenten Elemente im Film des Lebens von
den vorübergehenden zu trennen und Selbsterkenntnis zu erlangen. Dieses Wissen und
diese Analyse ist nur vorläufig und unzuverlässig aber nichtsdestotrotz notwendig. Der
zweite Schritt des Pfades zum Zugang kommt einer größtmöglichen
Persönlichkeitsentwicklung gleich. Was Mouravieff damit genau meint, ist unklar. Der
dritte Schritt zeigt die Festigung dieser Entwicklung, und der vierte und letzte das Stellen
der drei niederen Zentren unter die Kontrolle des magnetischen Zentrums. Das bedeutet,
dass die automatisch ablaufenden Interaktionen des Denkens, der Emotion und des
Körpers neu ‘verdrahtet’ werden, um unter der Kontrolle des magnetischen Zentrums
stehen zu können. Das heißt, dass Denken, Fühlen und motorische Funktionen ab dann
getrennt sind und sich nicht länger gegenseitig bedrängen, sodass man ausschließlich mit
dem Geist denkt und ausschließlich mit dem Herzen fühlt; also keine weiteren
Verwirrungen mehr.
Wurde dies bewältigt, ist der Suchende zu Mensch 4 geworden und steht der zweiten
Schwelle gegenüber. Bei der zweiten Schwelle erlangt dieser Mensch erstmalig ein
objektives Wissen über sich selbst. Dies zieht sowohl ein Verständnis über Karma als auch
Zugang zu vormals versteckten Inhalten des Unterbewusstseins nach sich. Der Mensch
sieht sich selbst als das Monster, das er ist. Dies entspricht dem “Resident an der
Schwelle”, wie es von Steiner und anderen bezeichnet und erörtert worden ist.
Der Mensch 4 ist in vielerlei Hinsicht immer noch ein äußerer Mensch. An der zweiten
Schwelle müssen Selbsttäuschungen, eingebildete Pflichten und weltliche
Anhänglichkeiten abgelegt und karmische Schuld bezahlt werden. Aus der Sicht des
äußeren Lebens ist das typisch für eine Krise und für eine Bruchstelle. Welche speziellen
äußeren Formen dies annehmen mag, wird von Fall zu Fall abhängen. Moral wird zu
Gewissen und bedingt angemessenes Verhalten. Äußere Formen innerem Wahrheitssinn
weichen. Der Mensch 4 ist theoretisch Meister seiner selbst, doch in der Praxis ist diese
Meisterschaft noch nicht vollständig. Die Schwelle stellt die Meisterprüfung dar.
Nach der zweiten Schwelle ist der Suchende zu Mensch 5 geworden – ein Mensch vom
Einfluss C –, kann zuverlässig zwischen A- und B-Einflüssen unterscheiden und hat einen
gewissen inneren Wahrheitssinn erworben. Das magnetische Zentrum hat sich mit dem
höheren emotionalen Zentrum vereint, und das provisorische Ich der Persönlichkeit, das
sich entlang des Weges, der zu diesem Schritt geführt hat, entwickelt hat, ist verbunden
mit dem wirklichen Ich. An dieser Stelle kann der Mensch den physischen Tod überleben
und durch bewusste Entscheidung reinkarnieren. Die zweite Schwelle zu überschreiten
wird auch “zweite Geburt” genannt, so wie in Joh 3;3: “[…] Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch, wenn ein Mann nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht
sehen.”
Und wieder ist Fortschritt an Dienstbereitschaft gebunden. Der Mensch mag wie ein
Meister erscheinen, aber weitere Entwicklung wird nur durch Dienst erreicht; was auch
immer den esoterischen Erfordernissen der Zeit sowie seinen eigenen speziellen
Fähigkeiten und Gaben entspricht.
Der nächste Schritt beinhaltet die Schaffung eines Zuganges zum höheren intellektuellen
Zentrum. Der letzte Schritt macht die Veränderungen dauerhaft. In diesen Etappen
können sich verschiedene ‘übersinnliche’ Fähigkeiten manifestieren, je nach Situation und
Notwendigkeit. Dennoch sind solche Gaben des Geistes in sich selbst nicht das Ziel der
Arbeit. An jeder Stelle entlang des Weges ist ein Fall möglich. Gleich dem Wissen und Sein
wächst auch die Verantwortung. Mouravieff erörtert dieses Thema nicht bis ins Detail,
aber wir können annehmen, dass die schwerwiegenderen Fälle mit vorsätzlicher
Hinwendung zum Dienst am Selbst, STS, zu tun haben, sowie mit dem Versuch, spirituelle
Kräfte für persönlichen Gewinn einzusetzen. Die Landkarte ist notwendigerweise sehr
allgemein gehalten und der Versuch, sie als Messinstrument des persönlichen Fortschritts
zu benutzen, enthält viele Fallen. Äußerliche Nachahmung von Veränderungen macht
diese Veränderungen nicht innerlich und man kann sich selbst auf viele Arten täuschen,
sodass man vom Erwachen in Wirklichkeit nur träumt während man sich im tiefsten
Schlaf befindet. Das Vorhandensein von Krisen allein lässt einen spirituell nicht wachsen,
obschon Wachstum durch eine gegenwärtige oder eine sich abzeichnende Krise ausgelöst
werden kann.
“Kenne dich selbst” verbleibt eine brauchbare Maxime. Konkrete Arbeit mit Anderen auf
einem esoterischen Pfad dient einer weiteren erforderlichen Realitätsüberprüfung.

TREPPENHAUS
Den Büchern Gnosis – Study and Commentaries on the Esoteric Tradition of Eastern Orthodoxy
von Boris Mouravieff zufolge, stimmt das Treppenhaus bzw. der Zugangspfad zum Weg
mit den vier Noten des Wegs – H, A, G und F – überein. Jede Note repräsentiert und bildet
eine Stufe des Treppenhauses, anfangend am Ende der ersten Schwelle und abschließend
am Beginn der zweiten Schwelle. Dies findet sich auch auf einem Diagramm des Weges
mit Abschnitten drei bis sechs der zehnstufigen Oktave vom C zum C. Das Treppenhaus
zu passieren ist der wichtigste und schwierigste Teil des Weges.
[nachstehende Zitate unter Anführungszeichen stammen aus Gnosis von Boris Mouravieff]
Das Treppenhaus symbolisiert eine Periode des Reifens. Mit den Worten “Kenne dich
selbst” bestimmt die Person einen Kurs, der zur Ebene des Menschen 4 führt, zur Ebene
der Meister der Betreuung. Aufgabenstellungen und Prüfungen sind für jede Note
festgesetzt. Durch das Arbeiten mit den Bedingungen und das Vervollständigen der
Erfordernisse für das Treppenhaus geschieht die Geburt der Individualität, die zweite
Geburt, mit dem Überschreiten der zweiten Schwelle.
Die Prüfungen finden alle zusammen auf allen Noten des Treppenhauses statt. Von der
Kraft der Sehnsucht angetrieben werden sie entsprechend der Besonderheiten unserer
Persönlichkeit verteilt. Die Zusammenstellung ist abgestimmt auf jede Verschiebung der
Betonung auf jeder Stufe, zuerst die Note H, dann A, G und F.
Wer immer danach trachtet, im Treppenhaus emporzusteigen, “muss sich diese
Anstrengung als Hauptziel seines Lebens setzen. Von nun an muss esoterische Arbeit die
Mitte seiner Existenz werden, um welche sich die inneren und äußeren Umstände seines
Lebens drehen.” Obwohl dieser unbedingte Anspruch einen nicht erschrecken sollte, sollte
man sich bewusst sein, dass die Prüfungen von der ersten Stufe des Treppenhauses an
beginnen. Die Prüfung, “in den Flammen einer glühenden Sehnsucht zu stehen, sich aus
den Verstrickungen des Lebens in der Wildnis zu lösen, so dass man sich selbst in das
Unbekannte stürzen kann, in eine Suche nach einem neuen, sinnvollen und wirklichen
Leben”, lässt einen die erste Schwelle überschreiten. Dies erlaubt dem Suchenden mit
einem festen Halt auf der ersten Stufe (Note H) des Treppenhauses zu stehen,
vorausgesetzt, dass diese Sehnsucht nach Umwandlung, welche das Intervall zwischen C
und H – die erste Schwelle – auffüllt, genug Kraft und Intensität hat.
Die Wichtigkeit der Sehnsucht entlang des Treppenhauses besteht darin, dass die vier
Noten durch eine tiefe Wechselbeziehung verbunden sind, da ihre Resonanzen vom
Anfangsimpuls der Sehnsucht ihre Kraft beziehen. Wenn “der Anfangsimpuls die gesamte
Existenz eines Menschen nicht in Hörigkeit vereint, wenn er sie nicht als Ganzes
dominiert, ist es besser für den Menschen, rechtzeitig anzuhalten und die [erste] Schwelle
nicht zu überschreiten. Wir wiederholen: Der Weg ist ein Pfad ohne Rückkehr. Dies ist der
wirkliche Grund für die Prüfung der Sehnsucht. Diese Sehnsucht muss, laut Tradition, die
Stärke eines Durstes haben.”
Der Weg ist eine Einbahnstraße, ein Pfad ohne Rückkehr, und einer verbotenen Rückkehr.
Nach der ersten Schwelle gibt es auf dem Weg entweder Fortschritt oder Fall. Jeder Schritt
im Treppenhaus gibt der Person genug Zeit, die Aufgabe, die für die Note gestellt wird, zu
bewältigen. Allerdings wird jede Stufe irgendwann nachgeben, da man nicht unendlich
lang auf einer bestimmten Stufe verbleiben kann. Dies kann zum Fall führen. Wegen der
Angst vor dem Fall, durch die Unpünktlichkeit und Zeitbeschränkung des Menschen, ist
er gezwungen, zur nächsten Stufe fortzuschreiten ohne bei der Bewältigung der Aufgabe
jener Note gänzlich erfolgreich gewesen zu sein. Indem er so handelt, beginnt er eine
karmische Schuld mit sich zu tragen. Das wird solange akzeptiert, bis seine Reinigung auf
der Note F vollständig ist.
Die Aufgabe auf der Note H besteht für eine Person darin, vorsichtig durch den Film ihres
Lebens zu gehen, um zwei Ergebnisse zu erhalten: Erstens, die in dieser Phase ihrer
Entwicklung objektivst möglich zwischen permanenten, ewigen Elementen und
temporären, karmischen Elementen zu unterscheiden. Zweitens, mit Hilfe dieser Analyse
eine innere starke Sehnsucht zu erwecken, die zweite Schwelle zu überschreiten. “Die
Stärke dieser Sehnsucht und die Entschlossenheit dieser Entscheidung sind die einzigen
Maßstäbe des Erfolgs.” Deshalb sollte die Person “der Arbeit an der Note H auf dem Weg
eine gewisse Wichtigkeit beimessen.” Es ist ein kurzes Intervall mit nur einem Halbton.
Eine hilfreiche Bemerkung für diese Note ist: “Er soll nicht dieses äußerliche Leben, mit all
seinen Illusionen, ins Auge fassen, sondern stattdessen den Film seines eigenen Lebens.”
Nachdem die Person auf der Note H eine Verbindung in der Kette esoterischer Einflüsse
geschmiedet hat, kommt in ihr Hoffnung auf, obwohl sie immer noch wie vorher ist. Ihre
bewussten Bemühungen machten es ihr möglich, die erste Schwelle zu überschreiten. Die
Unterscheidung zwischen A- und B-Einflüssen auf der ersten Stufe zeugte den Embryo
des magnetischen Zentrums. Mit dem reinen und genügend starken magnetischen
Zentrum auf der zweiten Stufe hat sie die erste Schwelle unter der Führung eines
Menschen von C-Einflüssen überschritten. Obwohl sie einen enormen Schritt vorwärts
getan hat, ist an diesem Punkt ihr ehrlicher Wunsch, aus dem äußerlichen Leben
herauszukommen, nicht ausreichend um sie von allen A-Einflüssen zu befreien.
Mesoterische Arbeit entfaltet sich damit. Solide errichtet und vorwärts gerichtet, versucht
die Person erfolgreich die Aufgaben der Note H zu erfüllen.
Die Prüfung auf der Note H ist die Prüfung des Glaubens. “Zu glauben ist nicht genug;
man muss Vertrauen haben. Die Prüfung trägt die Form der Notwendigkeit für einen
Menschen, seine Angst vor Verbannung zu überwinden und dem Vertrauen
unterzuordnen.”
Die Aufgabe auf der Note A ist “die Persönlichkeit bis zu ihrem größtmöglichen Ausmaß
wachsen zu lassen.” Die Prüfung auf der Note A ist für jene, die sich dem Treppenhaus
widmen, die Prüfung der Stärke.
Die Aufgabe auf der Note G ist die Persönlichkeit zu entwickeln. Die Prüfung auf der
Note G ist die Prüfung der Urteilskraft und der Geschicke.
Die Aufgabe auf der Note F ist “das Ausgleichen der drei niederen Zentren durch
Ersetzung der mechanischen Bindungen zwischen ihnen mit bewussten Bindungen von
jedem Zentrum zum magnetischen Zentrum, dem die niederen Zentren dann
untergeordnet sein werden.” Die Prüfung auf der Note F ist die Prüfung der Liebe, “der
Liebe, die wahres Leben gibt”.
Auf der vierten Stufe müssen die Bilanz erstellt und Rechnungen bezahlt sein. Bis zu
diesem Punkt war es ihm gestattet, seine Fehler der Vergangenheit mitzunehmen: Lügen,
Schwäche, Selbstmitleid, innere Kompromisse. Mit dem flammenden Schwert der wahren
Liebe wird alles, was nicht ganz wahre Liebe in ihm und zu ihm ist – alles, was er für
Liebe hält – verbrannt. So ist er dann fähig, jede Herzensregung zu beurteilen, und zu
wissen, ob oder ob es keine Spuren wahrer Liebe enthält.
Nachdem er die Prüfung – die Note in voller Resonanz – bestanden hat, sollte der Mensch
4 theoretisch Meister seiner selbst sein. Er hat nichts als pure Liebe in sich, welche die
Elemente der “verwandelten Sehnsucht, des Vertrauens, der Stärke und der Urteilskraft”
beinhaltet. Arm und nackt, und nur unter der Bedingung, dass er beständig und rein ist –
mit Betonung auf Beständigkeit, das heißt, dass er wahre Liebe inne hat –, wird er zur
zweiten Schwelle zugelassen. “Alles Falsche in ihm wird durch die Flammen des
brennenden Schwertes verbrannt werden…”
Die Bilanz wird erstellt, und “die moralische Last seiner unbezahlten Schulden und seiner
Verfehlungen gegen die Prinzipien des Gleichgewichts… und all ihre karmischen
Konsequenzen”, müssen auf der Note F zur Gänze bezahlt werden.
Der Mensch nimmt sein Schicksal in seine eigenen Hände, wenn er das Treppenhaus
besteigt, sich der zweiten Schwelle nähert und sie überschreitet. Diese neue Einstellung
hat genauso Konsequenzen, sowie er eine feinfühlige und gewissenhafte Einstellung in
seinen Entscheidungen betreffend derer um ihn herum annehmen sollte. Ein Blick auf den
‘Film’ des Lebens würde im Weiteren helfen, das zu klären.
ABDULLAH DOUGAN – PROBINGS 1

Kapitel 1

Wer ist dieses „Ich“, das die Kühnheit hat, seine
Liebe zu den Vorangehenden zu senden? Was ist
er? Er ist viele. Bis jetzt ist dort kein wirkliches
„Ich“ vorhanden, nur der Samen davon. Für die
einen ist er als Neil bekannt, für die anderen als
Pop, Pa und Dad, wieder für andere als Abdullah.
Was ist er für sich selber? Er ist ein Durcheinander!
Er ist das Ergebnis von vielen verschiedenen
Stimuli: Eltern, Ehefrauen, Kinder, Erziehung,
Land, Krieg, Depression, Essenz, Zufall und
Schicksal. Er wird verflucht und gelobt, geliebt und
gehasst. Äußerlich lebt er im Leben, während er
versucht, innerlich mit Gott zu leben. Er versucht
sich zu erinnern, wie wenig von ihm selbst dort ist,
während des Erinnerns an Gott. Sein Leben ist ein
Leben der Qual, während er sich wundert, ob er sich in der Illusion oder der Realität
befindet. Ist die innere Stimme, die er hört und sich durch bestimmte Gedanken
manifestiert eine Einbildung seiner Vorstellung? Kommt sie vom „Es“, dem schreiende
Körper, dem Tier? Ist das, was er gefunden hat, wahr? Warum will er seine Erfahrungen
anderen mitteilen? Aus Eitelkeit? Ist er ein Hasnamuss? Was läßt ihn ticken? Ist es Sex,
Angst, Selbstsucht, Herrschsucht, Ineffektivität, Gier, Macht, Abhängigkeit, Prahlerei,
Unaufrichtigkeit, Faulheit oder Liebe? Hat er die innere Kraft alles, was ihn bedrängt, zu
besiegen, alles was ans Tor hämmert? Viel wichtiger - hat er die Beharrlichkeit wach zu
bleiben in einer Welt, die darauf eingestellt ist, jeden schlafen zu schicken, wenn er nicht
schon tot ist? Welche Hoffnung besteht für diesen armen Idioten? Er sieht „Es“ sich wie
eine Puppe bewegen – mit wem an den Strippen? „Es“ bemüht sich sehr, das jeweilige
kleine Ich zu beherrschen, immer bereit, sich mit Essen, Trinken, Wärme, Sex zu
verwöhnen und jedem Wunsch zu folgen, wenn er erscheint, das „Ich“ zu einem Sklaven
zu machen für das, was der Sklave sein sollte. Gibt es irgendwelche Möglichkeiten für ihn?
Bei der Gnade Gottes, ja!
Jede Person hat seine eigene Vorstellung von Gott. Der Materialist denkt von ihm als
Materie, der Christ als Vater, Sohn und Heiliger Geist, der Buddhist als das Selbst, der
Moslem als Allah. Abdullahs Vorstellung ist die der Endlosigkeit auf einer Skala des
Absoluten. Ihm kommt dieses Bild beim Betrachten des Himmels während einer
mondlosen Nacht. Wenn er die Millionen Sterne der Milchstraße sieht und bemerkt, daß
die Lichtflecken gewöhnlich zwei Sonnen darstellen, die umeinander kreisen mit dazu
gehörenden Planeten und daß ein Fleck eine Galaxie mit Millionen und Abermillionen
Sternen sein kann, schreckt sein Geist zurück und ihm wird bewußt, daß kein Mensch

1 https://en.wikipedia.org/wiki/Abdullah_Isa_Neil_Dougan
Dougan, Abdullah - Probings
seine Endlosigkeit verstehen kann. Geistig kann er ein bißchen mehr verstehen, indem ihm
bewußt wird, daß das, was im Makrokosmos ist, auch im Mikrokosmos enthalten ist.
Emotional kann er Ehrfurcht empfinden. Seine Endlosigkeit ist das Gesetz des Einsseins
und wir nehmen es nur als Schwingung wahr. Abdullah glaubt, der Mensch kann nur
seine Liebe zu seiner Endlosigkeit senden und es dabei belassen. Die nächste Vorstellung
von Gott ist unsere Galaxis. Die vollständige Galaxis kreist um das Zentrum des Kosmos
und die Sonnen der Galaxis kreisen um ein Zentrum, das sich aus der positiven Sonne
Antares, die Zoroaster als Ahura Mazda bekannt war, der negativen Sonne Betelgeuze
und aus einem schwarzen Loch im Sternbild des Schützen, welches der neutralisierende
Faktor ist, zusammensetzt. Abdullah glaubt, dass wir eine winzige Vorstellung von
diesem Aspekt Gottes haben können.
Wenn wir zu dem Gott unserer Erde kommen, können wir eine etwas bessere Idee
bekommen. Selbst der Materialist muss unseren Vater die Sonne anerkennen – physisch
kann nichts in unserem Sonnensystem ohne Ihn existieren. Er ist die heilige Aktive, die
heilige Passive und die heilige Neutralisierende Kraft unseres Systems. Viele Religionen
haben dieses Gesetz der Drei verstanden, welches das Gesetz der Schöpfung ist und es
wurde als Gott der Vater, der Sohn und Heilige Geist von den Christen, von den Ägyptern
als Osiris, Horus und Isis, von den Hindus als Brahma, Vishnu und Shiva bezeichnet.
Ungeachtet dessen, was viele Astronomen sagen, glaubt Abdullah, daß Jupiter auch eine
Sonne ist – nämlich der Passiv-Teil zu unserer Sonne. Der Aspekt, der von konditionierten
Menschen vielleicht am schwersten zu glauben ist, ist der, daß die Planeten Träger von
Bewußtsein sind, genauso wie wir Menschen. In diesem Sonnensystem ist die Sonne der
männliche Faktor und Jupiter und der Rest der Planeten der weibliche. Auf einer höheren
Ebene ist die Sonne aktiv, Jupiter passiv und der Weltraum neutralisierend. Auf diesem
Wege wird das Sonnensystem eins. In All and Everything sagt Gurdjieff , daß die Sonne
weder leuchtet noch Wärme ausstrahlt. In diesem Zeitalter, in dem der Mensch zum Mond
fliegt, würden viele Leute sagen, daß diese Behauptung Nonsens sei, aber sie liegen falsch.
Was passiert ist, daß die Sonne Seine Sonne reflektiert, die wiederum Ihn reflektiert und auf
diese Weise kommen Schwingungen von der Quelle alles Exisitierenden von der Sonne zu
uns und unsere Atmosphäre, so daß wir auf der Erde Wärme und Licht erhalten. Dieses
gilt auch für den Mond und alles andere im Weltraum. Alles besitzt eine Atmosphäre –
Du, Abdullah, das Buch, das du gerade liest. Alles ist Schwingung: Der Heilige Prophet
hatte recht, als er meinte, dass es nichts anderes gäbe als Gott.
Wie auch immer, es ist besser etwas zu verehren, von dem wir etwas wissen können. Jede
Religion wurde zum richtigen Zeitpunkt ausgeführt, um einen bestimmten Zweck zu
erfüllen. Seit Menschengedenken sind Sonne und Sterne als geheimnisvolle und mächtige
Dinge, die man nicht verstand, verehrt worden. Man könnte argumentieren, daß Abdullah
zu diesen primitiven Gedanken zurückkehrt, indem er sagt, daß die Sonne der Gott
unseres Sonnensystems ist. Abdullah ist sich sehr wohl bewußt, daß sich die Leute immer
irgendeinen Gott für sich selbst erschaffen, ob es ein Stück Holz, ein Stein, eine Sonne, ein
Stern oder manchmal ein Gott ohne Form ist. Der Gedanke, daß die Sonne der Gott
unseres Sonnensystems ist, ist eine Fortsetzung der Ordnung, die von Seiner Endlosigkeit
oder Allah herkommt, der der Gott von allem ist, was existiert. Die Sonne ist genauso
Seine Endlosigkeit, wie der Leser und Abdullah Seine Endlosigkeit sind, aber Seine
Endlosigkeit ist soweit von der Menschheit entfernt, daß er eigentlich nicht-existent ist.
Die Kräfte der Sonne sind die Kräfte, die unsere Existenz in diesem Sonnensystem steuern.
Gott als Seine Endlosigkeit ist ohne Form, aber Gott als das Sonnensystem, in dem wir
leben, ist Gott in einer personalisierten Form. Insofern als die Menschen auf der Erde
laufen und denken, daß die Erde etwas ist, auf dem man laufen kann, realisieren sie nicht,
daß dieser Planet ein lebendiges Wesen ist, von dem sie nur ein sehr kleiner Teil sind.
Der Mensch hat die Möglichkeit, daß er lernen kann, der Erde auf eine bewußte Art zu
dienen und damit auch der Sonne. Es betrifft jeden von uns, diesen Schritt zu tun, der nur
gemacht werden kann, durch Anstrengung in sich selbst, um diese Ideen zu verstehen.
Die Einstellung der meisten Leute zu Gott ist konditioniert durch die Idee von Strafe und
Belohnung, aber wenn wir eine gewisse Vorstellung des Sonnensystems und der Sonne als
unserem Gott im Sonnensystem haben, werden wir verstehen, daß ein Ergebnis nur
erfolgen kann, wenn wir irgendwelche Aktionen machen und auf diese Art wird man
einsehen, daß es keine Person gibt, die über uns sitzt und uns auf den Kopf schlägt, wenn
wir schlecht sind und uns auf den Rücken klopft, wenn wir gut sind. Auf dieser Skala
existiert weder Gut noch Böse. Es wirken bestimmte Kräfte und wenn wir in Harmonie
mit ihnen sind, werden wir ein Ergebnis bekommen, dass wir „gut“ nennen könnten,
wenn wir sie mißachten und Disharmonie erschaffen, bekommen wir ein Ergebnis, das
wir „schlecht“ nennen könnten. Es ist nur die Selbstbezogenheit einer Person, wenn sie
glaubt, irgendeine Bedeutung für Seine Endlosigkeit zu haben, oder daß Seine Endlosigkeit
irgendein persönliches Interesse an ihr hätte. Eine solche Annahme ist lächerlich, da wir
auf einer sehr, sehr niedrigen Stufe in dieser Hierarchie sind. Oft haben die Menschen
Eindrücke von Gott in sich selbst, von denen sie denken, daß sie von Seiner Endlosigkeit,
Allah, Brahma oder irgendeinem anderen Namen, den sie dem Absoluten geben,
kommen, während diese Kräfte ein Teil dieses Planeten sind, da wir ein Teil dieses
Systems sind. Die beste Einstellung, die wir einnehmen können, ist die, zu erkennen, daß
wir die Möglichkeit haben, in diesem Sonnensystem in Harmonie zu dienen und weil wir
menschlich sind, können wir hoffen, daß dieses vielleicht auch Seiner Endlosigkeit hilft.
Ein Problem mit der Vorstellung, daß die Sonne der Gott unseres Sonnensystems ist,
besteht darin, dass die Menschen immer geneigt waren, das Äußere zu verehren.
Abdullah versucht dem Leser, die innere Kraft der Sonne in dem Sonnensystem
mitzuteilen. Die Verehrung der Sonne, wie sie von den Azteken und Ägyptern ausgeübt
wurde, degenerierte zu einer Verehrung der Form. Man dachte, wenn die Sonne das Ende
ihres Sonnenlaufs erreicht hatte, daß sie stirbt und wiedergeboren würde, wenn sie
zurückkam. Das wurde dann erweitert, so dass z.B. in der christlichen Religion gelehrt
wurde, daß Christus eine Ableitung der Sonnenlehre ist. Diese Lehren stimmen für die
Erklärung der Ebbe und Flut des Lebens auf diesem Planeten, aber sie sollten nicht
wörtlich genommen werden als eine Beschreibung eines personalisierten Gottes, der
sichtbar von den Toten wiederauferstanden ist. Jede Person muss auf ihre eigene Art die
Natur und die Wirkungsweise der Kräfte, die durch die Sonne von irgendwo weiter
draußen, verstehen und würdigen. Der Mensch ist nur eine sehr primitive Lebensform
und wenn wir das begreifen, sind wir vielleicht in der Lage ein besseres Verständnis der
inneren Lehren der Sonne zu bekommen.
Unser Ego steht immer im Weg bei unserem Bemühen, das zu tun: weil wir von uns selbst
als unsere Körper denken, sehen wir die Menschheit als bemerkenswerte Geschöpfe an,
die Maschinen erfinden und großartige Entdeckungen machen, aber es muß daran
erinnert werden, daß alles, was auf diesem Planeten existiert, entweder von diesem
Planeten oder der Sonne kommt. Selbst unsere Gedanken – die Gedanken, eine Maschine
oder eine Rakete zu bauen genauso wie Millionen von Gedanken, die wir bisher noch
nicht angezapft haben sind hier auf diesem Planeten. Alles was im Sonnensystem existiert,
entspringt aus einer der Kräfte der Sonne. Das Höchste in dem Sonnensystem, das der
Mensch anzapfen kann, ist die Stille, die von der Sonne kommt, eine außergewöhnliche
Qualität, die in allem und jedem existiert, aber nur von sehr wenigen Leuten
wahrgenommen wird. Diese Stille zu erreichen, ist der Gipfel unserer Anstrengungen auf
diesem Planeten. Wie jedes bewußte Ding im Universum hat der Heilige Vater die Sonne
drei unabhängige Teile – das heilige Aktive, das heilige Passive und das heilige
Neutralisierende. Das heilige Aktive wirkt hauptsächlich auf der Ebene der Planeten.
Jupiter hat Kontakt mit dem Menschen durch sein Gewissen. Das heilige Verneinende
oder Passive und das heilige Versöhnende oder Neutralisierende haben einen speziellen
Kontakt zum Menschen.
Gurdjieff beschreibt die Stufen der Menschen als Mensch Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7. Die
Menschen Nr. 1, 2 und 3 werden durch unterschiedliche Gehirne bzw. Zentren beherrscht.
Mensch Nr. 1 ist unter dem Einfluß des Bewegungs-Zentrums, Mensch Nr. 2 unter dem
Emotionalen Zentrum und Mensch Nr. 3 unter dem Intellektuellen Zentrum. Es kann
Kombinationen aus diesen geben mit Betonung auf einem Gehirn. Mensch Nr. 1, 2, 3 ist
unbalanciert; Mensch Nr. 4 hat eine gewisse Balance erreicht; Mensch Nr. 5 befindet sich
im Gleichgewicht, Mensch Nr. 6 ist fast perfekt und Mensch Nr. 7 hat Perfektion in
unserem Sonnensystem erreicht. Damit man zu einem Mensch Nr. 4 wird, muss man eine
Seele entwickeln (die Essenz und Persönlichkeit) und seine drei Zentren ausbalancieren.
Dann muß man „sterben“ und einen Kesdjan-Körper gebären – die Christen nennen es
„Wiedergeboren werden im Geiste“ und die Muslime „Sterben bevor man stirbt“.
Hiernach kommt entweder die Passive oder die Neutralisierende Kraft der Sonne in einen
Menschen hinein. Er wird er selbst: die drei ausbalanzierten Zentren mit seiner Essenz 2
und passiven Persönlichkeit (=Ego) werden kombiniert, um den Anfang seiner
Individualität zu erschaffen, die der aktive Part von ihm sein wird. Sein „Guide“ 3, von
dem später mehr zu berichten sein wird, ist seine verneinende Kraft, entweder als das
heilige Passive oder das heilige Neutralisierende, oder seine neutralisiernde Kraft, welche
Gott in ihm ist. Über die Jahre haben die Menschen beschrieben, dass sie Gott in sich reden
gehört haben und diese Aspekte der Sonne können sicherlich gehört werden, aber
unglücklicherweise können innere Stimmen von anderen Quellen kommen und
Täuschungen sein.
Abdullah hat seine Liebe zu den drei perfekten Menschen des Sonnensystems gesandt, die
er kennt. Buddha veränderte das Lebensmuster von Millionen von Menschen. Er brach mit
der Hindu Idee von einer Vielzahl an Göttern und lehrte, dass Gott durch persönliche

2 Essenz: geistige und körperliche Charakteristiken, die von den Großeltern geerbt werden, und auch aus früheren
Leben mitgenommen werden. http://www.gnosticpress.co.nz/?page_id=312
3 Guide: Der Vermittler zwischen Gott und dem Menschen, der Paraklet
Anstrengung in einem selbst erkannt werden kann. Hazrat Ali wurde in der Kaaba
geboren, die einzige Person, die so ausgezeichnet wurde, zehn Jahre bevor der Heilige
Prophet Mohammed seine Mission begann. Alis Vater, Hazrat Abu Talib, der einer der
Wächter der Kaaba in vorislamischer Zeit war, zog Mohammed auf, nachdem der
Großvater des Heiligen Propheten starb. Alis Mutter wurde von Mohammed mit sehr
großem Respekt behandelt. Später, als Talib arm wurde, zog Mohammed Ali als seinen
Sohn auf. Als der Heilige Prophet begann den islamischen Glauben öffentlich zu predigen,
rief er nach jemanden aus seinem Gefolge, der den Mantel des Nachfolgers akzeptieren
würde. Niemand außer Alis trat hervor, der 13 war, und er bot sich selbst für diese
Aufgabe an, worauf der Heilige Prophet diese Äußerung machte: „Seht hier ist mein
Bruder, mein Assistent, mein Vizeregent, mein Erbe und mein Kalif. Hört alle auf ihn und
gehorcht ihm.“ Die Menge machte sich lustig über die Vorstellung, dass ein junger Mann
über Älteren stehen sollte. Alis Glauben in den Heiligen Propheten war aber
unvergleichlich und er diente ihm in Krieg und Frieden gut. Der Heilige Prophet sagte:
“Ich und Ali sind eins und von demselben göttlichen Licht,“ Ali wurde in der Blüte seines
Lebens getötet, während er in einer öffentlichen Moschee in Kufa betete.
Zoroaster wird nicht von vielen verstanden, obwohl Spuren seiner Lehren in jeder
Religion, die heute existiert, gefunden werden können, wenn man weiß, wo man suchen
muss. Die Geschichte von Christus hat ihren Ursprung in den zoroastrischen Lehren und
wurde weitergegeben zu den Babyloniern, zu den Ägyptern, den Essenern, zu den
Griechen. Als ein griechisches, gnostisches Spiel wurde es als Religion ausgegeben, um
einen bestimmten Zweck zu erfüllen. In ihm waren alle großartigen Wahrheiten enthalten.
Die jungfräuliche Geburt von Christus ist die Geburt eines Kesdjan Körpers in einem
Menschen. Die Sterbeszene von Christus beschreibt einen Menschen mit drei Gehirnen
und einer Seele – ein Räuber stellt seine Persönlichkeit oder Ego dar und der andere seine
Essenz; im anderen Fall kann Christus einen Menschen Nr. 4 mit einem Kesdjan Körper
darstellen, ein Räuber einen Menschen Nr. 1, 2 oder 3 mit einer Seele und der andere einen
toten Menschen Nr. 1, 2 oder 3. Die drei Tage, die verstrichen bis Christus von den Toten
auferstanden ist, ist die Zeitspanne, die ein Aspekt der Sonne benötigt, um in einen
Menschen zu erscheinen, nachdem er wiedergeborenen ist. Die christlichen Parabeln
wurden von vielen erklärt; Dr. Maurice Nicoll zeigt einige gute Interpretationen in seinen
Büchern The Mark und The New Man.
Jeder Mensch auf dem Planeten hat ein Gewissen, welches die aktive Kraft der Sonne ist.
Selbst eine tote Person – jemand ohne Seele oder magnetisches Zentrum, oder ein übler
Verbrechen, haben diesen Aspekt Gottes in sich. Und jede Person hat eine „Guide“ zu dem
Gewissen. In All and Everything redet Gurdjieff auf eine sehr undeutliche Weise über den
„Guide“, aber er redet klar über die Notwendigkeit das Gewissen anzuheben, welches er
„Atlantis“ nennt. Viele Menschen glauben, daß das Gewissen durch die Umgebung und
Vererbung gebildet wird, was zum Teil wahr ist, aber Gewissen wird oft mit Moral
verwechselt. Moral ist relativ zu der Umgebung und Gewohnheiten eines Landes und ist
gewöhnlich subjektiv, Gewissen ist immer objektiv. Der „Guide“ zum Gewissen, also
jemand, der die Stufe des Menschen Nr. 4 entweder in seinem Leben auf der Erde oder
später erreicht hat, wird bei der Geburt in eine Person gelegt. Gelegentlich ist der „Guide“
ein Mensch Nr. 5, aber das ist außergewöhnlich und nur aus speziellen Gründen der Fall.
Der „Guide“ hilft dem Gewissen, aber ist selten in der Lage direkten Kontakt mit der
Person aufzunehmen. Menschen, die sagen, dass sie Gott in sich sprechen gehört haben,
wurden vielleicht von diesem „Guide“ durch ihr Gewissen kontaktiert.
Die Erde ist ein lebendiges Wesens und für uns, die wir als ein Teil von ihr leben, ist sie die
Mutter. Unsere Mutter Erde hat, wie der Mensch, drei unabhängige Teile, die wir kennen
lernen und denen wir auf eine bewußte Art dienen sollen. Der emotionale Teil der Erde ist
mit Ton und Sehen verbunden – das Seufzen des Windes, die Farben der Landschaft. Der
Mensch dient dem emotionalen Teil der Erde mit Gedichten, Malerei und alle visuellen
Künsten und Musik. Musik und Malerei kann wie die meisten Dinge wieder in drei
Aspekte unterteilt werden. Die meiste moderne Pop-Musik kommt vom Sex-Teil des
Bewegungs-Zentrums und gehört so zum Bewegungs-Zentrum der Erde. Emotionale
Musik wird zum Beispiel durch Kirchenmusik und klassische Musik repräsentiert,
bestimmte Werke von Bach sind intellektuell. Abstrakte Malerei ist hauptsächlich
intellektuell, während gegenständliche Malerei emotional ist. Das Bewegungs-Zentrum
der Erde spiegelt sich in Stürmen, Hurrikans, Leben der Pflanzen, Fruchtwechsel und das
Paaren aller Lebewesen wieder – das Verlangen nach Sex ist in allem auf dem Planeten
vorhanden. Das intellektuelle Zentrum ist, wie Gurdjieff sagt, die „Große Natur“. Diese
wird genauso als allgemeiner Ausdruck für die drei Zentren der Erde benutzt mit der
Betonung auf Güte. In Wirklichkeit ist die intellektuelle Seite der Natur, der Erde oder des
Menschen der ausgleichende Faktor, der die emotionalen und bewegenden Zentren
ausgleicht. Wenn zum Beispiel die Erde möchte, dass mehr Menschen existieren, dann läßt
sie die Bevölkerung wachsen, indem sie die Zahl der Kriege, Hungersnöte, Erdbeben und
Krankheiten verringert. Wenn sie weniger möchte, geschieht das Gegenteil. Vor 20000
Jahren gab es beständig Erdbeben und Vulkanausbrüche auf dem Planeten und folglich
eine geringere Population. Es gibt größere Gruppen von Menschen in bestimmten Teilen
des Planeten, weil Schwingungen mit unterschiedlicher Dichte und Qualität von der Erde
benötigt werden; deshalb geben bei einem Pokalspiel tausende Fans beides: negative
Emotionen und Begeisterung ab, während zur selben Zeit an irgendeinem anderen Ort auf
der Erde einige Leute bewußte Taten ausführen. Der intellektuelle Teil der Erde
kontrolliert das Gesetz des Zufalls in Bezug auf die Menschheit. Die Erde entwickelt sich
weiter und ist viel intelligenter als der unbewußte Mensch. Ein Mensch muß ein Mensch
Nr. 7 sein, um auf derselben Intelligenzstufe zu stehen, wie die Erde. Wenn ein Mensch
einiges davon versteht, wird er mit der Erde arbeiten, wie ein guter Diener und nicht als
ein Plünderer.

Kapitel 2

Es gibt nur eine Wahrheit und es kann nur eine Wahrheit geben. Abdullah versucht eine
Methode zu formulieren, die jedermann befähigt, diese Wahrheit für sich selber zu finden.
In diesem und den folgenden Kapiteln bemüht sich Abdullah seine Lehren auszuarbeiten,
die sich auf den Lehren von Gurdjieff, Inayat Khan, den alten Sufis, Ramdas, Buddha und
Zoroaster aufbaut. Der Mensch lebt entweder in einem bewußten, schlafenden oder toten
Zustand. Er lebt auf diesem Planeten, um verschiedene Funktionen zu erfüllen, die von
der Erde und der Sonne, die bewusste Wesen sind, benötigt werden. Alles, was existiert,
muss sich von irgendetwas anderem Existierenden ernähren. Wenn ein Mensch tot oder
negativ ist, füttert er den Mond, wenn er wach ist, kann er die Erde oder die Sonne
verpflegen. Menschen und Tiere ernähren sich von Pflanzen oder anderen Tieren, und
werden im Gegenzug auf die eine Art von der Erde und auf die andere Art von der Sonne
gegessen. Die Erde wandelt den leblosen Körper mit Hilfe von Feuer, Erde und Wasser
um, und viele Menschen enden auf der physischen Ebene als Nahrung für die niedrigsten
Kreaturen – Würmer und Maden. Auf einer größeren Ebene hat dieses Füttern mit
Vibrationen zu tun. Alles baut eine Atmosphäre auf, die von subtilen Vibrationen
geschaffen wird. Wenn ein Mensch, Tier, Insekt oder ein beliebiges fühlendes Wesen stirbt,
geht eine Vibration zur Sonne – das ist die Lebenskraft, die bei der Geburt eingeatmet
wird. Es ist sehr wichtig die Tatsache zu erfassen, daß der Mensch nicht atmet, sondern
beatmet wird. Wenn eine Person ohne ein magnetisches Zentrum stirbt, werden bestimmte
Vibrationen durch den Mond absorbiert, die Erde nimmt sich den physischen Körper und
Vibrationen, und die Sonne nimmt sich ebenfalls, was sie benötigt.
Gurdjieff lehrt, dass der Mensch aus drei Zentren oder Gehirnen besteht 4. Das
Bewegungs-Gehirn erstreckt sich innerhalb des Körpers vom Hinterkopf an die
Wirbelsäule abwärts bis zum Steißbein. Das emotionale Gehirn hat sein Zentrum im
Solarplexus und breitet sich im ganzen Körper aus. Das intellektuelle Gehirn befindet sich
im Kopf. Dort gibt es ein untergeordnetes Gehirn, welches „Formatory Apparatus“5
genannt wird, mit dem die meisten Menschen denken und das im vorderen Teil des
Kopfes liegt. Der unbewusste Verstand, der die gesamte Menschheitsgeschichte enthält
und der mit dem Verstand der Erde verbunden ist, ist nahezu unerreichbar für
unbewusste Menschen, aber er kann mit Hilfe bestimmter Methoden angesprochen
werden.
Die Zentren können unterschiedliche Entwicklungsstufen erreichen und eine Person kann
ein Kleinkind, Kind, Jugendlicher oder Mensch in jedem seiner Zentren sein. So kann eine
närrische Person ein Kleinkind in allen drei Zentren sein und wenn er kein magnetisches
Zentrum hat, dann wird er wahrscheinlich geisteskrank werden. Ein Mensch der gut mit
seinen Händen arbeitet, wie zum Beispiel ein Zimmermann oder Monteur ist vielleicht
jugendlich in seinem Bewegungs-Zentrum, aber in seinen beiden anderen Zentren ist er
noch ein Kleinkind, also gibt es dort kein Gleichgewicht. Es kann beliebig viele
Kombinationen von Zentren geben, aber jeder Mensch ist mit einem dominanten Zentrum
geboren, welches seinen Typ bestimmt. Das Ziel ist es in jedem Zentrum ein Mensch zu
werden, aber nur sehr wenige Menschen schaffen das auf dieser Erde.
Jede Person wird mit einer ererbten Essenz geboren, die seine Zentren beeinflusst. Ein
Mann erbt gewöhnlich die Basis seines emotionalen Zentrums von der Mutter seiner
Mutter, seines intellektuellen Zentrums von der Mutter seines Vaters und seines
Bewegungs-Zentrum von seinen beiden Großvätern. Eine Frau erbt die Basis ihres
emotionalen Zentrums gewöhnlich von dem Vater ihres Vaters, ihres intellektuelles

4 Genauer: 4 niedere Zentren (Bewegungs-, Instinktives-, Emotionales- und Intellektuelles Zentrum), das Sex-Zentrum und zwei
höhere Zentren (höheres Intellektuelles- und höheres Emotionales Zentrum). Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Centers_
%28Fourth_Way%29
5 Formatory Apparatus: Ouspenskys Bezeichnung für den mechanischen Aspekt des niederen intellektuellen Zentrums. Es fungiert
als Speicher und als assoziative Wiedergabe von Wissen. Formatorisches Denken ist gekennzeichnet durch einen Mangel an
Sensibilität und schablonenhaftes Schwarz/Weiß-Denken
Zentrum von der Mutter ihres Vaters und ihres Bewegungs-Zentrum von ihren
Großmüttern. Es kann Kombinationen geben, wo zum Beispiel das emotionale Zentrum
eines Mannes von beiden Großmüttern vererbt wird. Verborgene Essenz existiert in
Menschen, die schon mal auf diesem Planeten gelebt haben, als ein Rest ihrer vorherigen
Leben. Und jemand, der schon einmal gelebt hat, wird es mit ungetaner Arbeit an den
Zentren zu tun haben, die verantwortlich ist für viele ausgeprägte Vorlieben und
Abneigungen. Die Essenz kann gut oder schlecht sein, aber was auch immer eine Person
bekommt, ist es genau richtig für sie, da es das enthält an dem sie arbeiten muss. Wenn die
Großmutter eines Mannes ein grausames Gemüt hatte, wird sich das in ihm ebenfalls
zeigen und seine Aufgabe wird es sein, an dieser Grausamkeit und dieser Wut zu arbeiten;
wenn seine Großmutter ruhig und friedfertig war, dann wird auch er diese Eigenschaften
haben. Es kann viel über das eigene Wesen direkt von den Großeltern gelernt werden und
auch wenn sie schon tot sind, kann man eine Menge herausfinden, wie später erläutert
wird.
Bei den verschiedenen Gruppen, die Gurdjieffs Ideen studieren, haben viele Leute eine
falsche Vorstellung von der „Essenz“, weil sie immer als gut und die Persönlichkeit als
schlecht angesehen wird. In Wirklichkeit kann das Gegenteil der Fall sein, weil es oft viele
Dinge in der Essenz als auch in der Persönlichkeit gibt, die erbarmungslos zerstört werden
müssen. Margaret Anderson berichtet in „The Unknowable Gurdjieff“, dass Gurdjieff einst
einer Frau riet jedes mal, wenn sie sich eine Zigarette versagte, zu denken „Das ist für
mein Wesen“. Diese Idee ist zutreffend, aber er verstärkte dadurch die verneinende Kraft
in der Essenz der Frau. Die Essenz hat, wie jeder individualisierte Teil eines Menschen,
einen aktiven, passiven und neutralisierenden Teil und es ist das Gleichgewicht dieser
drei, das die Essenz in das Stadium versetzt, in dem sie schließlich sterben kann. Wenn
eine Person an seiner Essenz klammert, kann sie nicht weiter gehen; jedes Ding muss
seinen Zweck in dem Lauf der Evolution erfüllen.
Der Aspekt von sich selbst, mit dem man am vertrautesten ist, ist die Persönlichkeit (oder
das Ego - was Abdullah als Bezeichnung vorzieht), die von der Rasse, Land, Erziehung,
Reichtum und Status bestimmt wird. Das Ego wird am besten durch die Vorstellung
beschrieben, die eine Person von sich selber hat und die unvermeidlich der Körper ist. Das
Ego ist die Maske, die die Essenz versteckt. Die Maske ist sehr oft falsch und muss dem
Namen6 (den drei Zentren) gegenübergestellt werden, ansonsten ist es nur beständige
Selbsttäuschung. Wenn man an seinem Ego arbeitet, dann arbeitet man ebenfalls an
seinem Körper. Wenn ein Mensch immer in seinem Ego lebt, wird er die Beute von
äußeren Reizen, immer reagierend anstelle vom Namen aus agierend. Eventuell stirbt man
im Namen um so dem Geist zu erlauben aktiv zu werden. Also wird er wiedergeboren,
aber der Geist muss das Ego zerstören. Im Ego eines Menschen sind die Samen der Essenz
seiner Enkel enthalten, was ein weiterer wichtiger Grund ist an seinem Ego zu arbeiten.
Das Ego eines westlichen Menschen verschlechtert sich rapide aufgrund der allgemeinen
Bequemlichkeit des Lebens, während das Ego eines östlichen Menschen sich schnell
verschlechtert aufgrund des Wachstums von Kommunismus und Staatskapitalismus. Der
Mensch wird immer materialistischer und er verwendet sein Bemühen darauf immer
mehr und mehr Besitztümer zu bekommen. Kino, Radio und Fernsehen greifen ständig
6 Name: Zustand in dem die 3 Zentren im Körper in Harmonie funktionieren http://www.gnosticpress.co.nz/?page_id=312
die Sinne an, indem sie verführerische Wege zur Realitätsflucht anbieten und das hält
einen Menschen in dem Zustand des Schlafens. Auf diese Weise wird das Ego verändert
und geformt. Kinder ziehen vor „das zu tun, was die anderen auch tun“ auch wenn es
bedeutet, den elterlichen Rat zu ignorieren. Das Erziehungssystem erschafft Schafe und
die Selbstsucht ist universell, deshalb wird das Ego stereotyp. Viele Leute leben in diesem
künstlichen Umfeld und kommen nie an ihre Essenz, welche weiter und weiter verdrängt
wird, bis sie extrem passiv geworden ist. Wenn ein Mensch in seinem Bewegungs-
Zentrum ein Heranwachsender ist und ein Kleinkind in seinem emotionalen und
intellektuellen Zentrum und wenn sein Wesen durch ein künstliches Ego verdeckt wird,
dann ist es offensichtlich, das er einseitig sein muss. Ouspensky glaubte, dass die Essenz
mit elf oder zwölf Jahren aufhört zu wachsen; Abdullah würde das Alter eher auf sieben
Jahre setzen. Ouspensky teilte das Ego oder die Persönlichkeit auf in „richtige
Persönlichkeit“ und „falsche Persönlichkeit“, aber Abdullah teilt diese Meinung nicht.
Gurdjieff verweist nur auf „die Persönlichkeit“.
Das magnetische Zentrum ist der Same der Seele, der Anfang einer spirituellen
Individualität eines Menschen. Ungefähr die Hälfte aller Menschen, die auf diesem
Planeten geboren werden, haben ein magnetisches Zentrum und dieses sind diejenigen,
die schlafen. Diejenigen, die kein magnetisches Zentrum haben, sind tot. Buddha und die
Autoren der christlichen Evangelien meinen genau das, wenn sie sagen „lasst die Toten
ihre Toten begraben“. Tote Menschen werden auf die Erde gebracht, um den Mond zu
füttern, der ein Kind der Erde und der Sonne ist und der eine weitere Funktion besitzt,
von der später die Rede sein wird. Für einen Menschen ist es möglich von den Toten
aufzuerstehen, aber die meisten toten Menschen wollen nicht gestört werden. Das
christliche Gleichnis vom Sämann zeigt sehr gut, wie die Auswahl der Menschen
funktioniert.
Zunächst erscheint die Einteilung unfair zu sein, aber mit ein bißchen Nachdenken und
durch die Beobachtung der Menschen wird ihre Richtigkeit bestätigt. Bei ungefähr der
Hälfte von denen, die ein magnetisches Zentrum besitzen, ist es sehr schwach ausgeprägt.
Diese Leute haften an der äußeren Form einer Religion und versuchen nicht hinter ihre
jeweilige Lehre zu blicken. Für gewöhnlich kristallisieren sie, werden sehr engstirnig und
bigott, schließlich sterben sie oft in dem Sinne, daß sie das magnetische Zentrum, welches
sie hatten, verlieren. Sie benutzen ihre Religion um Kriege, Apartheid und ungerechte
Gesetze zu rechtfertigen – die Spanische Inquisition ist ein gutes Beispiel dafür. Das
verbleibende Viertel der Bevölkerung, welches ein stärkeres magnetisches Zentrum
besitzt, ist „der gute Grund“ aus der Parabel vom Sämann und sie sind motiviert, ihre
Religion etwas tiefer zu erkunden. Jeder, der das Buch bis an diese Stelle gelesen hat,
besitzt höchstwahrscheinlich ein magnetisches Zentrum; tote Menschen schauen sich
gewöhnlich kein Buch über Religion an. Wie auch immer, es gibt Menschen, die kein
magnetisches Zentrum besitzen, aber einen neugierigen Verstand haben, und die alles
lesen und oft über religiöse Ideen reden. Dies sind Grenzfälle, die man erkennen muß,
wenn man mit jemandem arbeitet. Ein magnetisches Zentrum aufbauen zu können um
durch die benötigten Bemühungen unzweifelhaft eine Seele zu bekommen führt zum
zweiten Grad der spirituellen Entwicklung. Die Seele ist eine Belohnung für Menschen,
die an sich selbst auf eine praktische Art arbeiten. Die Taoisten sagen, dass die Wege zu
Gott zahlreich und gewunden sind. Damit ein Mensch eine Seele aufbaut, benötigt er kein
spezielles Wissen für diese Arbeit, aber er muss ein Gewissen haben und Konflikte
erdulden können. Menschen, die oft in die Kirche gehen und eine Seele haben, haben eine
Art Schock vom Leben bekommen, der sie zu Allah (oder mit welchem Namen sie Ihn
auch immer bezeichnen) treibt. Ein weiterer Punkt ist ein Gefühl der Schuld, welches zur
Reue führt und hilft, ein Gleichgewicht zwischen Essenz, Persönlichkeit und den Zentren
zu finden. Damit ein Mensch eine Seele bekommt, muss er gewöhnlich ein Kind in seinen
Emotionen sein und muss einige seiner schlechten Aspekte seines Egos bekämpfen. Eine
Seele wird niemals gegeben, sondern sie muss mit viel Leiden verdient werden. Reue und
freiwilliges oder beabsichtigtes Leiden helfen der Seele zu wachsen und kann ebenso die
Zentren ausbalancieren. Ohne eine Seele kann ein Mensch nicht auf dem spirituellen Weg
voranschreiten.
Wenn Gurdjieff über die Essenz und das Wesen spricht, bezieht er sich oft auf die Seele
und manchmal benutzt er das Wort Seele für den „höheren Körper“, was einige
Verwirrung bei seinen Lesern hervorruft. Gurdjieffs Art zu Schreiben basierte auf seiner
Konditionierung und Vererbung und war für ihn der richtige Ausdruck. Abdullahs
Methode unterscheidet sich davon, weil es seine Aufgabe ist beim Klären zu helfen. Der
Mensch ist ein experimenteller Träger von Gewissen, welches von der Sonne kommt.
Deshalb sind verschiedene Charakteristiken in ihn eingepflanzt, die ihn von anderen
Tieren unterscheidet. Eines dieser Merkmale ist das Gewissen. Der moderne Mensch hat
sein Gewissen aber so tief vergraben, daß er es niemals hört und es bezweifelt, daß es
existiert. Wenn man gegen die objektive Moral angeht, versinkt das Gewissen nur tiefer.
Wenn man mit der objektiven Moral übereinstimmt, wird das Gewissen für das
Verständnis des Menschen erreichbar. Gurdjieff lehrte, daß es eine der Hauptaufgaben des
Menschen ist, das Gewissen zu erhöhen, was er in „the Five Strivings of Objective
Morality“7 in „All and Everything“ erklärt, wie man das erreichen kann.
Der Mensch hat die Fähigkeit zu Vergessen, die ihm zugute kommt, um Schmerzen und
Traumata zu überwinden, aber ihn ebenso weiter schlafen lässt. Gurdjieff nennt diese
Begabung das Organ „Kundabuffer“. Durch Arbeit an der Gewohnheit, Puffer gegen den
Wandel zu errichten und mechanisches Gebaren gegenüber äußeren Anreizen aufrecht zu
erhalten, hilft es, das eigene Gewissen zu vertiefen. Die Funktionsweise von
„Kundabuffer“ kann man klar erkennen, wenn man an seiner Essenz arbeitet – man mag
Ärger verleugnen und ihn teilweise los werden, nur um zu erkennen, daß er, wenn man es
am wenigsten erwartet, in einer subtileren Art und Weise an demselben Ort oder an einem
anderen wieder auftaucht.
Selbst wenn ein Mensch seine drei Zentren ausbalanciert und einen Kesdjan Körper
entwickelt hat, welches die dritte Stufe der spirituellen Entwicklung darstellt, können die
Auswirkungen des Organs „Kundabuffer“ störend sein, und werden nicht verschwinden,
bis er seinen mentalen Körper entwickelt hat und ein Mensch Nr. 5 geworden ist. Das
Wort „Kundabuffer“ ist von dem Hinduwort „Kundalini“, die Schlangenkraft die an der
Basis des Rückgrat zusammengerollt ist, abgeleitet. Yogis üben sich in einer Art der
Konzentration, bei der das „Kundalini“ durch die Chakren bis zum Kopf gehoben werden

7 http://www.endlesssearch.co.uk/exercises_5strivings_d.htm
kann und auf diese Art und Weise reinigt. Wenn ein Mensch an sich selber arbeitet,
werden seine niedrigen Teile angehoben und mitunter werden die Folgen des Organs
„Kundabuffer“ zerstört. Wenn Gurdjieff sagt, daß die überschüssige sexuelle Energie
dafür benutzt werden soll, um an sich zu arbeiten, meint er damit das Steigen des
„Kundalini“.8
Die medizinische Wissenschaft weiß sehr wenig über die Hypophyse/Hirnanhangdrüse,
eine Drüse von der Größe einer Erbse, die in einem kleinen Sockel in der Basis des
Schädels liegt, aber auf der esoterischen Ebene ist sehr viel darüber bekannt. Die Yogis
nennen sie den „Tausendblättrigen Lotus“ und gewöhnlich wird sie auf der Oberseite des
Kopfes gezeigt. Die Hypophyse ist der Sitz des Gewissens 9, bzw. der „Guide“ zum
Gewissen und zu den oberen zwei Zentren des Menschen. Deshalb kann ein Mensch,
dessen Hypophyse entfernt wurde, niemals Spiritualität entwickeln und er wird das
Leben eines untoten Zombies führen. Die Hypophyse arbeitet als zentrale
Reinigungsstation für alle Informationen, die vom Verstand eines Menschen kommen und
fungiert als der Empfänger, um Kontakt zu anderen Dimensionen aufzunehmen. Da es
offensichtlich ist, daß nur sie die wahre Quelle von Stimmen sein kann, die ein Mensch
hört, ist es sehr wichtig zwischen den Nachrichten des Körpers, der Zentren, der
Imagination, der Geister, des Gewissens, des „Guides“ und den höheren Wesen zu
unterscheiden. Die beiden höheren Zentren eines Menschen können nur angesprochen
werden, wenn man ein Mensch Nr. 5 geworden ist. Sie werden das höhere Intellektuelle
Zentrum und das höhere Emotionale Zentrum genannt – was aber nicht zutreffend ist, da
sie weder mit dem Intellekt noch mit den Emotionen verbunden sind. Menschen, die der
Meinung sind, dass sie Verbindung mit diesen Zentren haben, haben gewöhnlich Kontakt
mit dem positiven Teil des Intellekts oder der Emotionen, oder haben unter sehr
bestimmten Umständen ihren „Guide“ oder ein höheres Wesen gehört. Gelegentlich, wenn
man entsprechende Übungen macht, kann ein Mensch einen Aspekt unseres Vaters der
Sonne, die einen Zustand der Ekstase erzeugt, kontaktieren. Das wird manchmal als
Verbindung zu den höheren Zentren mißverstanden.

8 Gurdjieff hatte aber eine eher negative Sicht der Kundalini, als die Quelle der Maya-Illusion
Vergl. http://cassiopaea.org/forum/index.php/topic,7030.msg49955.html#msg49955
9 Im Gegensatz zu indischen und New-Age Traditionen welche die Aktivierung der Zirbeldrüse forcieren!
Wie können wir den Drachen in uns selber meistern? Ewige Wachsamkeit ist
notwendig, dies wird dargestellt durch den Heiligen Georg auf dem Pferd mit seinem
Speer, der den Hals des Drachen nur berührt. Solange der Drache weiss, dass er
beobachtet wird, ist er ruhig und friedlich. Dann kann ihn die Seele, symbolisiert
durch die Dame, an einem Seidenfaden führen. Der normale Zustand des Menschen
besteht darin, mit dem Drachen identifiziert zu sein. Sein Drache ist "Ich". Das ist der
Zustand wenn der Drache in der Höhle ist. Der Drache ist die Nafs Ammara.
J.G. Bennett - der Grüne Drache S. 92
TAIJI: 5 ELEMENTE 10

1. Unterscheide klar zwischen Oberflächlichem Geist und Tiefem Geist (deep mind).
Der Oberflächliche Geist ist der Teil des Bewusstseins, welcher durch die Gehirnaktivität
beherrscht wird. Der Oberflächliche Geist arbeitet hauptsächlich durch die 5 äußeren
Sinne und ist nach den ersten paar Jahren nicht weiter nützlich für das innere Training.
Die grundlegende Methode, um hinter den Oberflächlichen Geist gehen, ist: „Schließe den
Geist wie beim Einschlafen“.

2. Unterscheide klar zwischen den 5 äußeren Sinnen und den 5 inneren Sinnen.
Der Tiefe Geist wird auf seiner niedrigsten oder ätherischen Ebene geweckt und verstärkt
durch Konzentration auf die 5 inneren Sinne: Gelenkposition, Muskelstadium, Schmerz,
Druck und Temperatur. Sie sind die natürlichsten und sichersten Eingänge zum Tiefen
Geist. (Die 5 äußeren Sinne – sehen, hören, riechen, schmecken und tasten – sind mit dem
Oberflächlichen Geist verbunden. Konzentration auf sie kann den Oberflächlichen Geist
nur stärker machen.) Schmerz- und Gelenk-Sensoren zusammen mit den Muskelstadien
von Kontraktion und Entspannung sind am wenigsten wichtig, weil sie auch teilweise
vom Oberflächlichen Geist erfasst werden. Druck- und Temperatursensoren zusammen
mit den Sensoren für die Muskelstadien von Dehnung und Ent-Dehnung aktivieren
hauptsächlich die tiefsten Ebenen des Gehirns und die ätherischen Ebenen des Tiefen
Geistes.

3. Unterscheide klar zwischen den 5 Phasen des Muskelkreislaufs.
Von den 5 inneren Sinnen hat nur das Muskelstadium entsprechende motorische Nerven
(Druck, Gelenke und Temperatur werden indirekt durch den Wechsel der Muskelstadien
reguliert). Muskelkreislauf = 5 Muskelphasen: halten (neutral), zusammenziehen
(Kontraktion), entspannen, dehnen und ent-dehnen. Das Training bewusster Kontrolle des
Muskelkreislaufs fängt an `Yi´ (Intention oder Willen) innerhalb des Tiefen Geistes zu
entwickeln. Versuche die Dehnungsphase zu verlängern und gleichzeitig den Druck, der
durch die Dehnung entsteht, zu erhöhen. Benutze Intention, um die Welle der elastischen
Ent-Dehnung zu lenken. (Professor Cheng betonte Dingjin (Spüren) - entspannen und den
Druck hören. Meister Huang betonte Yi (Intention) - die Muskelkreisläufe hören und
regulieren. Am ausgewogensten ist es beides zu tun, zusammen mit der Wahrnehmung
des Wärmefeldes des Körpers.)

4. Verstehe klar die 3 Ebenen des Tiefen Geistes (dann die 4. und darüber hinaus).
Sphäre des Tiefen Geistes = Großes Dantien = oberes + mittleres + unteres Dantien.

10 http://www.taichi-chuan-berlin.de/tai_ji_berlin_patrick_uberblick.html
Innerhalb der Tiefen Geist-Sphäre existiert die individuelle Person als ihr Tiefer Geist.
Tiefer Geist = 5 Bestandteile (Buddhisten)
= Tiefe Geist-Intelligenz
+ Tiefe Essenz (himmlisch, astral & ätherisch)
+ Körper
(Die Tiefe Geist-Intelligenz ist der Kontaktpunkt mit dem Höchsten Geist (spirit). Die tiefe
Essenz existiert innerhalb der unteren Energien – himmlisch, astral & ätherisch. Der
Körper, einschließlich des Gehirns, der weder vor der Empfängnis noch nach dem Tod
existiert, kann oder kann nicht als Teil des Tiefen Geistes angesehen werden.)

5. Weite das Training des Tiefen Geistes über den Körper und die ätherische Ebene
hinaus aus.
Durch lange Jahre (10 bis 14 Jahre) des Hörens auf die inneren Sinne während des Taiji-
Übens, wird der Geist auf der ätherischen Ebene stabil. Denke daran was Meister Huang
sagte: „14 Jahre Grundlagen lernen; danach ist es leicht“. Als Nächstes, nach dem Taiji-
Üben, während des stillen Ruhens mit inaktiven Muskelkreisläufen und dem Druck
größtenteils ohne Wechsel, konzentriere dich auf das Kribbeln (Schmerzsensoren), Fülle
(Drucksensoren) und Wärme (Temperatursensoren). Das wird die ätherische Energieebene
des Tiefen-Geistes schnell wiederbringen, basierend im unteren Dantien. Gehe tiefer und
durch Konzentration auf Licht, Wärme und reines Bewusstsein (awareness), zentriere den
Geist auf die Sphäre von Energie, die den Körper umgibt. Dies wird eine Mischung aus
den unteren Energien sein (ätherisch, astral und himmlisch). Stell dir nicht vor, dass dies
mehr ist als der früheste Kontakt mit dem seichtesten Teil des Tiefen Geistes, oder weiterer
Forschritt wird blockiert werden. Trainiere Wahrnehmung innerhalb dieser Ebene durch
sanftes Tiefersinken in dieses Stadium, während du die Gefühle von Wärme, Licht und
reinem Bewusstsein intensivierst. Trainiere Intelligenz innerhalb dieser Ebene, indem du
versuchst, die tiefen Vorgänge zu verstehen, die in dir selbst wirken, in Menschen, mit
denen du Kontakt hast, sowie in inneren und äußeren Welten.
Alle Dinge, die deine innere Entwicklung unterstützen, können als `gut´ angesehen
werden und alle, die sie erschweren, hingegen als `schlecht´. Wahres Verständnis sollte
tiefe Dankbarkeit entstehen lassen als Antwort auf alles Gute und Akzeptanz als Antwort
auf alles Schlechte. Trainiere Intention innerhalb dieser Ebene, indem du das Lichts zu
jenen sendest, denen du zu helfen wünschst, und indem du klar beschließt, die größten
negativen Aspekte von dir selbst durch positive zu ersetzen.
Der Einfluss der Tiefen Geist-Intelligenz wird wachsen, wenn die Bemühungen deine
innere Natur zu ändern, die unteren Energien verfeinern. Abdullah sagte: „Es dauert
mindestens 21 Jahre (meistens eher 30) die Energien des Tiefen Geistes zu kristallisieren
und die 4. Energieebene zu erreichen“. Dies ist die kleinere Erleuchtung von der Buddha
sagte, sie sei hinreichend, um dem Kreislauf von Leben und Tod zu entfliehen. Danach
wird die weitere Entwicklung fast ohne Anstrengung vollbracht, von innen nach außen,
abhängig vom Grad der Ausgeglichenheit der Person und dem Willen ihres eigenen
Höchsten Geistes (Schicksal). Auf dieser Stufe ist Meditation nicht länger nötig, weil der
tiefe Zustand präsent sein wird (mehr aktiv oder mehr passiv in Abhängigkeit von den
Umständen) zu jeder Zeit im normalen Leben.
GEFAHREN DER GURDJIEFF-ARBEIT 15

[Man muß] ... Gruppen scharf unterscheiden zwischen tatsächlicher Gnosis der spiri- tuellen
Wirklichkeit, kurzen Einblicken in sie, Symbolen und Lehren, die auf jene Realität verweisen,
und der Interpretation jener Symbole, Lehren und kurzen Einblickserfah-rungen. Das
entscheidende Merkmal einer mehrschichtigen Gruppe ist ein waches Bewußtsein für diese
Unterschiede. Dadurch wird die Gefahr verringert, daß einschichtige Verzerrungen sich
entwickeln können, bevor sie erkannt werden, und daß das spirituelle System der
betreffenden Gruppe als Mittel zur Selbstverherrlichung dient. In einschich-tigen Gruppen
ist die epistemologische Hierarchie auf eine einzige Ebene reduziert. Dies ist eine Folge der
univoken, positivistischen Anschauung, daß es nur eine einzige korrekte Möglichkeit gibt,
religiöse Bedeutungen und Symbole zu verstehen, und daß man, sobald man jenes
Verständnis erreicht hat und es als die Wahrheit akzeptiert, die Erlösung oder Erleuchtung
erlangt hat und deshalb fortan der übrigen Menschheit überlegen ist. Trotzdem gibt es auch
in jeder mehrschichtigen Gruppe Anfälligkeiten gegenüber einschichtigen Tendenzen, denen
entgegengewirkt werden muß, wenn sie auftreten. Um dies an einem Beispiel zu
veranschaulichen, wollen wir uns mit der Gurdjieff-Arbeit beschäftigen, die eine
mehrschichtig-dualistisch-technische Orientierung darstellt, sofern die Arbeit auf adäquate
Weise ausgeführt wird. Dieses System wurde von Georg I. Gurdjieff in den Westen gebracht,
einem gebürtigen Armenier, der im Jahre 1949 starb. Gurdjieffs Lehrsystem umfaßt Lehren
und Übungen, die verschiedenen esoterischen Traditionen des orthodoxen Christentums,
des Sufismus und des Zoroastrismus ent- stammen. Ob diese Methode transformierend
wirkt, hängt davon ab, ob man sich zu einer langfristigen Zusammenarbeit mit einer
kompetent geleiteten Gurdjieff-Gruppe entschließt, denn ohne eine solche Arbeit sind
Gurdjieffs Lehren nichts weiter als eine Sammlung interessanter Ideen. Eine der besonderen
Stärken von Gurdjieffs Ansatz ist die von ihm propagierte Wachsamkeit gegenüber dem
einschichtigen Irrtum, Transzendenz in Situationen zu vermuten, die in Wahrheit nur das
normale Alltagsbewußtsein zum Ausdruck bringen. Aus dieser Sicht ist die wichtigste
Voraussetzung für die Entwicklung des erforderlichen Unterscheidungsvermögens und für
das Vermeiden einschichtiger Selbsttäuschung die Bereitschaft, das eigene weltliche
Bewußtsein als das zu erfahren, was es tatsächlich ist - als labil, angefüllt mit falschen
»Selbsten« (unkontrolliert agierenden Teilpersönlichkeiten) und als etwas, dem nichts
wahrhaft »Höheres« und »Dauerhaftes« eigen ist. Die Gurdjieff-Arbeit ist in drei wichtigen
Punkten anfällig für einschichtige Verzerrungen:

1. Gurdjieffs Metaphysik beinhaltet, daß der Mensch nicht automatisch eine »Seele« oder
einen »Kesdjan-Körper« besitzt. Dieser wird erst im Laufe der Zeit durch besondere Formen
des inneren Ringens entwickelt, die die Gurdjieff-Arbeit zu unterstützen sucht. Doch
Gurdjieffs Diagnose des Menschen, so wie er ist - im Schlafzustand, seelenlos und völlig im
Banne biologischer, psychologischer, sozialer und kosmischer Kräfte -, kann die Tendenz
fördern, den eigenen Wert sowie auch den Wert anderer Menschen grundsätzlich zu
negieren. Dabei geht man von der Sichtweise aus, daß Menschen, bevor sie ein gewisses Maß
an Bewußtsein entwickelt haben - den erwachten Zustand, in dem sie ein »wahres Ich«

15 Wilber, Ken + Ecker, Bruce + Anthony, Dick - Meister, Gurus, Menschenfänger: Über die Integrität spiritueller
Wege S.245ff
entwickelt haben -, im Grunde nichts weiter als Automaten und damit keine wirklichen
Menschen sind. Diese Sichtweise kann dazu benutzt werden, Ausbeutung und Manipulation
anderer Menschen zu rechtfertigen. Sie kann dazu verleiten, gegenüber Wesen, die man als
rein mechanische Systeme versteht, jegliche moralischen Grundsätze fallenzulassen. In
dieser einschichtigen Verzerrung wird Mangel an Mitgefühl anderen Lebewesen gegenüber
dadurch legitimiert, daß man sich selbst die Fähigkeit zuspricht, zwischen niedrigeren und
höheren Entwicklungsstadien zu unterscheiden. Darüber hinaus haben Gurdjieff-Gruppen,
die dieser Verzerrung unterliegen, die Tendenz, bei Neulingen und in der Hierarchie niedrig
stehenden Mitgliedern ein Gefühl geringen Selbstwerts zu erzeugen, da diese sich dann in
einem gewissen Sinne als subhuman definieren. Die Sichtweise, daß der spirituelle Wert und
die letztendlich spirituelle Bestimmung des einzelnen grundsätzlich in Zweifel gezogen
werden, ist innerhalb der Anthony-Typologie das charakteristische Merkmal für dualistische
Orientierung.

2. Die Gurdjieff-Methode tritt dafür ein, »negativen« Emotionen und Tendenzen nur das
unbedingt notwendige Maß an Aufmerksamkeit zu schenken. Dies ist eine innere Praxis, die
einige Meriten besitzt. Sie kann jedoch leicht zu einer generellen Unterdrückung von
Gefühlen degenerieren (dualistische Systeme begünstigen generell Repression) und zu einer
rigiden, stark mental geprägten Lebenshaltung führen. In diesem Fall wird das Vermeiden
der eigenen Emotionalität mit einer transformatorischen Bemühung verwechselt.
3. Die von den Gurdjieff-Gruppen zum Programm erhobene Wachsamkeit gegenüber
falschen spirituellen Hoffnungen und einem falschen Gefühl der Transzendenz kann zu
einem exzessiven Herunterspielen und Mißachten der spirituellen Gefühle und Bestre-
bungen der Mitglieder führen. »Gewöhnlich« zu sein und den gewöhnlichen Zustand zu
meistern kann so sehr zum Mittelpunkt und zum scheinbaren Ziel der Arbeit werden, daß in
Vergessenheit gerät, warum man diese Arbeit überhaupt begonnen hat - so fernliegend
erscheint plötzlich die Möglichkeit, daß es um ein spirituelles Ziel geht. Diese einschich- tige
Verzerrung verwechselt echte spirituelle Sehnsucht, welche von einem intuitiven Erahnen
der spirituellen Wirklichkeit genährt wird, mit weltlicher Imagination und Emotionalität.

Diese drei einschichtigen Verzerrungen treten häufig sogar in Gurdjieff-Gruppen auf, die
von kompetenten Instruktoren geleitet werden, wenn auch in manchen Fällen nur in Form
von Stadien, die relativ unerfahrene Mitglieder im Laufe ihres Entwicklungsprozesses
durchlaufen. Hingegen sind diese Tendenzen in Gruppen, die von weniger kompetenten
Leitern betreut werden, oft nicht nur temporäre Phasen, die schließlich überwunden werden,
sondern das Endergebnis der Arbeit. Mehrschichtige Gruppen sind also keineswegs frei von
einschichtigen Tendenzen, doch sind sie prinzipiell in der Lage, diese zu überwinden. Wir
wollen uns nun noch einige weitere Unterschiede zwischen einschichtigen und
mehrschichtigen Gruppen anschauen. In einschichtigen Gruppen werden mystische
Erfahrungen als Beweise für die Wahrheit des eigenen Glaubenssystems und deshalb auch
für den spirituellen Status des einzelnen Mitglieds oder der Gruppe insgesamt interpretiert.
Mehrschichtige Orientierungen hingegen verstehen mystische Erfahrungen als wertvolle
Einblicke in das transzendente Bewußtsein, die jedoch nicht gleichbedeutend sind mit dem
definitiven Erreichen eines spirituellen Ziels. Deshalb ziehen Menschen, die sich einer
mehrschichtigen Orientierung zugehörig fühlen, keine klaren Grenzen zwischen den
Angehörigen ihrer jeweiligen Gruppe und anderen Menschen. ...
OBJEKTIVITÄT UND SUBJEKTIVITÄT16
Im üblichen Gebrauch bezeichnet Objektivität die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie
sind. Das Streben nach Objektivität ist eine zentrale Maxime esoterischer Arbeit, wie sie vom
Vierten Weg bzw. der QFS betrachtet wird. Wir werden die Frage der Objektivität aus
verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Nur wenige Menschen werden direkt behaupten,
dass Objektivität bzw. Wahrheit als solches nicht wünschenswert sind, aber viele werden die
Wässer in verschiedenartiger Weise trüben.
Bevor wir von Objektivität oder einem Mangel daran sprechen können, müssen wir zunächst
erkennen, dass eine äußere Welt existiert, und eine bedeutsame Trennung zwischen dieser
Welt und dem Beobachter besteht. Descartes’ “cogito ergo sum” (“Ich denke, also bin ich”)
stellt zum Beispiel fest, dass die einzig kenntliche Realität die des Denkens, und die äußere
Welt unwissbar ist. Demnach könnte sie sogar nur alleine in des Denkers Gedanken
existieren. Das nennt sich Solipsismus und ist eine logisch mögliche Behauptung, bildet
jedoch eine Art philosophische Sackgasse. Das Konzept der Objektivität hat keinen oder
wenig Platz in solchem System.
Andere, wie z.B. viele Befürworter des New Age, erkennen, dass es eine Realität gibt,
behaupten aber, dass alles in dieser Realität eigentlich Eins ist, und dass diese Realität eine
von allen geteilte Illusion ist, die durch die Glaubenssysteme des Teilnehmers in selbiger
Realität hervorgerufen wird. Es gibt hier keine Objektivität abgesehen von gemeinsamen
Glaubensvorstellungen, die den Anschein einer konsistenten Welt hervorbringen, über die es
möglich ist, Dinge auszusagen.
Dieses Argument des New Age ist eine Art Verwechslung von Ebenen. Wir können darin
zustimmen, dass das Universum auf einer fundamentalen Ebene ein Resultat von
Bewusstsein ist. Zumindest behaupten das viele Traditionen und gechannelte Quellen
unserer Zeit. Hieraus folgt aber nicht, dass die Ebene der menschlichen Erfahrungen in
irgendeinem signifikanten oder offensichtlichen Sinne auf menschliche Gedanken reagiert.
Erfahrungen von einer ‘bewussten Erschaffung’ durch menschliche Gedanken im Sinne einer
Wunscherfüllung sind spärlich und unzuverlässig. Wenn der Mensch Gott wäre, könnten
Gedanken möglicherweise erschaffen. Doch der Mensch ist weder Gott, noch wird er dieser,
indem er sich selbst suggeriert, bereits Gott zu sein.
Die Quantenphysik demonstriert durchwegs die Effekte eines Beobachters. Der Zustand
eines Systems kann nicht ohne Messung gekannt werden und die Messung beeinflusst das
System. Es ist noch unklar, ob Messung vollständig definiert werden kann, ohne das
Bewusstsein auf irgendeiner Stufe des Prozesses mit einzubeziehen. In diesem Sinne ist vor
der Messung ‘objektives Wissen’ über den spezifischen Zustand eines Systems nicht möglich.
Es ist jedoch möglich, nachprüfbare statistische Verhaltensmodelle eines Systems zu
formulieren. Diese sind ‘objektiv’ insoweit sie der Beobachtung entsprechen, folglich kann
ein Kriterium objektiven Wissens angewandt werden. Die Natur ist nicht willkürlich, auch
wenn sie aus der menschlichen Perspektive undeterminiert aussieht.
In der Philosophie sind hermeneutisches und phänomenologisches Denken als eine Antwort
auf den Naturalismus entstanden. Diese kritisieren die strenge Beobachter/Beobachtetes
Dichotomie, die dem früheren Gedankengut innewohnte. Die Verhaltenspsychologie könnte
16 http://de.cassiopaea.org/2011/06/03/objektivitat-definition/
z.B. darin kritisiert werden, dass sie das experimentelle Subjekt ‘objektiviert’, ihm eigentlich
a priori aberkennt, eine bewusste Entität zu sein.
Zu erkennen, dass die Umstände der Beobachtung in vielen Situationen von der
Beobachtung selbst untrennbar sind, entkräftet jedoch keinesfalls das Prinzip der
Objektivität, wie wir es verstehen. Im Gegenteil, es bereichert es, indem es Fakten über die
Welt aufzeigt.
Objektivität sollte nicht mit Reduktionismus verwechselt werden. Reduktionismus oder
Determinismus behaupten, dass es anhand von gegebener, vollständiger Information über
den gegenwärtigen Zustand eines Systems möglich ist, beliebig weitreichende Vorhersagen
über Vergangenheit und Zukunft des Systemzustands zu machen. Es gibt jedoch viele
Hindernisse im strikten Determinismus, angefangen mit der Quanten-Unsicherheit,
wahrscheinliche nicht-lokale Effekte, keine absolut geschlossenen Systeme, mögliche Effekte
des Bewusstseins und des Beobachters, usw. Gödel demonstrierte, dass ein System nicht sein
eigenes Meta-System sein kann, d.h., es kann nicht das vollständige Wissen über sich selbst
beinhalten. Dies deutet darauf hin, dass das Erreichen von objektivem Wissen über irgendein
Universum von innen heraus eine Suche mit offenem Ende ist.
Objektivität in dem Sinne, wie sie hier verstanden wird, impliziert epistemologischen
Realismus, was einfach bedeutet, dass die Realität durch viele Beobachter in einer
kompatiblen und widerspruchsfreien Weise kennbar ist. Das impliziert nicht, dass eine
absolute Identität einer Erfahrung oder eines Experiments möglich ist, aber es schlägt vor,
dass man sich an ein von mehreren Beobachtern geteiltes Verstehen der Welt annähern
kann, obwohl die Beobachter nicht gänzlich oder nachweislich von aller
Voreingenommenheit oder jedem ‘Lese-Fehler’ frei sein können.
In einem sozialen Schauplatz wird das Wort Objektivität manchmal als gleichbedeutend
mit Emotionslosigkeit verwendet, oder im Sinne davon, allen Parteien in einer Situation
zuzuhören. In diesem Sinne könnte eine ‘objektive Beurteilung’ der Durchschnitt aller zur
Frage gemachten Behauptungen sein. Der Begriff wird in der vorliegenden Arbeit in obigem
Sinne aber nicht verwendet. Erstens weisen wir darauf hin, dass wenn Objektivität auf das
Wissen von allem, was existiert, abziehlt, es nicht auf einer Prämisse fußen kann, die a priori
behauptet, dass ein Teil der beobachteten Situation einfach nicht existiere oder irrelevant sei.
Zweitens können wir anmerken, dass der Durchschnitt einer Lüge und einer Wahrheit eine
Halb-Wahrheit sein würde. Demnach ist die Bestimmung des Durchschnitts von Ansichten
kein verlässliches oder tatsächlich objektives Mittel, Wissen zu erlangen.
Besonders bezogen auf Angelegenheiten menschlicher Interaktionen mag vollständige
Objektivität schwer fassbar sein. Doch können wir Kriterien der Methodik angeben, auch
wenn wir Aussagen nicht formell beweisen können.
Aus Sichtweie esoterischer Arbeit sollten Wahrheit oder Objektivität das hauptsächliche Ziel
sein, in anderen Worten: ‘Gott kennenlernen’. Das Studium des Universums kann nicht
gänzlich davon getrennt werden. Jedoch können wir die direkt aus den Naturwissenschaften
übernommen Kriterien des Wissens nicht für esoterische Zwecke benutzen. Die innere Natur
des Werks erfordert eine gewisse Offenheit und guten Glauben oder wenigstens die
vorübergehende Aufhebung von Unglaube. Hiernach können innere Verifizierungen von
esoterischen Prinzipien möglich werden. Wegen der persönlichen und auf Erfahrung
beruhenden Natur vieler Beobachtungen ist eine Bemühung um Objektivität sogar noch
wichtiger als in den Naturwissenschaften, wo diese Objektivität viel leichter zu verifizieren
ist.
Auch Studium und die Auseinadersetzung mit Emotionen können wir nicht von der
esoterischen Arbeit ausschließen. Die Psychologie strebt danach, verlässliches Wissen über
Emotionen zu erlangen, indem sie Experimente, Fragebögen und statistische Methoden
benutzt. Dies funktioniert zu einem gewissen Grad beim äußeren Menschen, ist jedoch keine
direkt umsetzbare Annäherung in esoterischer Arbeit. Die Zahlen sind nicht groß und die
relevanten Kernpunkte einzelner Fälle können ziemlich unähnlich sein. Daher ist eine
‘nullachtfünfzehn’ Herangehensweise problematisch.
In den gesamten Beelzebubs Erzählungen betont Gurdjieff das Erlangen von objektiver
Vernunft und objektivem Bewusstsein. Wir können sagen, dass objektive Emotion möglich
ist, insoweit das emotionale Zentrum genaue Informationen über den emotionalen Zustand
der Umgebung vermittelt. Objektives Gewissen ist das gleichzeitige Sehen des eigenen
emotionalen Zustands und dessen Antwort auf den Zustand und die Handlungen des
erweiterten Selbst. Um es in Gurdjieffs Worten zu sagen, sind gewisse Impulse für einen
Menschen, der “objektive Vernunft und objektives Bewusstsein erlangt” hat, angebracht.
Diese sind von einem allgemein ethischen Charakter, wie z.B. eine gute Absicht, das
Rücksichtnehmen auf Andere, das Streben nach Selbstperfektion, Streben nach Wissen, das
Streben, für das eigene Aufsteigen zu zahlen, usw.
Die QFS verbindet die Suche nach Objektivität mit der Dualität zwischen dem Dienst an
Anderen (STO) und dem Dienst am Selbst (STS). Ausgeprägte Subjektivität oder
Wunschdenken werden als Kennzeichen/Merkmale von STS betrachtet. Wenn Gedanken
oder allgemeine innere Neigungen des Beobachters die Realität beeinflusst, dann schlägt die
QFS vor, dass dies wie folgt geschieht:
Eine Beobachtung, die mit der Realität übereinstimmt, erschafft Ordnung im
Beobachter/Beobachteten-System. Eine Beobachtung, die nicht mit der Realität
übereinstimmt, vermindert die Menge an Ordnung und vermehrt somit die Entropie des
Beobachters/Beobachteten-Systems. Ordnung und Entropie sind Gegensätze. Entropie
entspricht einem Verlust an Information und an Bewusstsein, Ordnung entspricht der
Schöpfung.
Indem der Magier und der ‘Wunschdenkende’ ihre Konzepte der Realität dem Universum
aufzwingen, vermehren sie eigentlich das Chaos und die Auflösung.
Jegliche Schöpfung, die mit der Polarität des Dienst an Anderen (STO) kompatibel ist, muss
mit dem Erkennen von dem, was ist, beginnen und muss darauf basierend handeln, und
nicht basierend auf einer teilweisen Deutung. Die Art der Handlung kann frei gewählt
werden, je nachdem, welcher Polarität der Akteur sich entscheidet, anzugehören.
Objektivität verbindet sich mit dem Konzept des freien Willens insofern, dass freier Wille,
ohne das Wissen um Möglichkeiten ineffektiv ist. Weiter kann ein uninformierter freier Wille
nicht frei genannt werden kann, da er von Faktoren eingeschränkt ist, die außerhalb seiner
selbst liegen. Ein annähernd objektives Wissen über das Selbst, wie auch das Wissen über die
eigene, typische, subjektive Neigung, sind eine Voraussetzung für den freien Willen. Siehe
Begriff: Freier Wille für die Diskussion über die ontologische Möglichkeit eines solchen.
Subjektivität durchdringt den menschlichen Zustand so sehr, dass es schwierig ist zu sagen,
wo sie nicht vorherrscht. Wir können sagen, dass Subjektivität die Fähigkeit ist, Dinge in
einer persönlich spezifischen Art zu erleben, was oftmals damit einhergeht, nicht in der Lage
zu sein, diese subjektiven Erlebnisse einem Anderen in einer Weise zu erklären, die
nachvollziehbar ist. Man kann die Tendenz zur Subjektivität als wesentliches Hindernis zur
klaren Kommunikation zwischen Menschen erklären. Im üblichen Sprachgebrauch wird
Subjektivität oft mit emotionaler Reaktion verbunden. Subjektivität ist jedoch nicht dasselbe
wie Emotion. Subjektivität ist, den eigenen Lieblings-Glaubensvorstellungen eher Vorrang
zu geben als der äußeren Welt. Solch eine Tendenz wird allgemein von einer starken
emotionalen Verhaftung an diese Glaubensvorstellungen gestützt. Emotion an sich kann
tatsächlich dazu dienen, die Welt so zu sehen wie sie ist, daher ist Subjektivität eher ein
Mißbrauch von Emotion als ein eigentliches Attribut von ihr. Subjektivität ist dem
Bewusstsein insofern entgegengesetzt, dass sie sich willkürlich auf eine bevorzugte
Sichtweise beschränkt. Subjektivität kann zu so einer Gewohnheit werden, dass die
implizierten Einschränkungen, die sie sich selbst auferlegt, aus der bewussten
Wahrnehmungsreichweite verschwinden. Subjektivität kann zu verschiedenen Graden in
einem unsichtbaren Gefängnis einsperren, gebunden durch automatisch von der
Berücksichtigung ausgeschlosser Möglichkeiten. Manchmal werden diese Möglichkeiten
nicht per se ausgeschlossen, werden aber emotional a priori als inakzeptabel bewertet und
erhalten daher nie eine tiefere kritische Betrachtung. Auf der metaphysischen Ebene ist
Subjektivität das Platzieren der eigenen Glaubensvorstellungen oder Auffassungen – wie
auch immer sie aufgekommen sind – über eine Rücksichtnahme dafür, wie die Dinge in der
äußeren Welt sein könnten. Subjektivität ist gewissermaßen eine Verlautbarung
dahingehend, dass man sich wünscht, von dieser äußeren Welt getrennt zu sein. Dies macht
Subjektivität zu einer Eigenschaft der Dienst am Selbst STS Polarität.
Subjektivität kann in der Sicht des 4. Weges auch der Entropie gleichgesetzt werden. In der
Physik bezieht sich Entropie auf den Grad der Unordnung in einem gegebenen System.
Irreversible Prozesse, wie z.B. Verbrennung, vergrößern die Entropie. Das bedeutet, dass die
Energie nach dem Prozess gleichmäßiger im System verteilt ist. Ein Holzklotz kann
verbrennen, aber er kann sich selbst nicht ‘zurückbrennen’. Die Energie, die in den
chemischen Verbindungen in den Molekülen, die den Holzklotz ausmachen, gespeichert ist,
wird in Form von Licht und Wärme abgebaut. Die Entropie hat sich vergößert. Eine
formalere Definition lässt sich in jeder physikalischen Literatur nachlesen. Die QFS
(Quantum Future School) benutzt den Begriff Entropie in einer besonderen Bedeutung.
Entropie wird benutzt um das ins Chaos fallen, speziell das der Gesellschaft und des
Individuums, zu beschreiben. Entropie ist das Gegenteil von Schöpfung. Schöpfung
beinhaltet das Ordnen der Dinge um so Bedeutung/Sinn zu erschaffen. Der Anstieg von
Entropie, bzw. Zerstörung, vernichtet Bedeutung und vergrößert Gleichheit. Ein sozialer
Zusammenbruch und der einhergehende Rückfall von zivilisiertem Verhalten zu rein
überlebensorientiertem Verhalten ist ein Beispiel für angestiegene Entropie in diesem Sinne.
Im metaphysischen Sinne repräsentieren Subjektivität und Wunschdenken die Entropie. Dies
ist so, weil die Kluft zwischen Wahrnehmung und der Realität in sich selbst eine Form von
Chaos und ein Verlust an Information und Kohärenz ist. Dienst am Selbst, STS, wird mit
dem Konzept der Entropie assoziiert, weil dieser danach strebt, den freien Willen anderer
einzuschränken und sie ihrer Energie und ihrem kreativen Potential zu berauben. Indem sie
andere ausbeutet, mag sich die STS-Wesenheit einen lokalen Hochpunkt an Macht und
Ordnung oder Kohärenz erreichen, dies geschieht jedoch auf Kosten einer viel größeren
Erschöpfung des Potentials der Ausgebeuteten. Daher steigt die Entropie im System als
Ganzes an.
Die Frage nach dem freien Willen stellt sich auf vielen Ebenen. Auf der Ebene des
Universums können wir sagen, dass der einzige Grund, warum irgendetwas existiert, der
freie Wille ist. Der kreative Wille von Allem vermittelt zwischen den Gedankenzentren von
Sein und Nicht-Sein, was einen Tanz aller möglichen Formen erschafft. Während der
ursprüngliche Impuls des kreativen Willens von den bedingungslosen Bereichen der
Schöpfung ausgehend zur Materialität hinabsteigt, ‘verwässert’ er und wird mit jeder Ebene
immer mechanischer und determinierter. Die Tradition, wie sie von Gurdjieff und
Mouravieff übermittelt wurde und wie sie sich sogar in der Bibel zeigt, legt nahe, dass
der Logos bzw. der kreative Wille des Absoluten der Impuls hinter allem, das existiert, ist.
Die Cassiopaeaner und Ra definieren den freien Willen als das erste universelle Prinzip.
Strikte Deterministen sind die einzigen, die den freien Willen vollkommen dementieren.
Das Konzept des freien Willens wird noch viel unschärfer, wenn es auf die menschliche
Ebene angewendet wird. Wir könnten postulieren, dass alles, was einen Grad an
Bewusstsein hat, auch irgendwie einen Funken des noch unerschaffenen, uranfänglichen
freien Willens in sich bewahrt. Wenn dies nicht so wäre, könnten wir keine Konzepte wie
“Verantwortung” definieren, die im Grunde in jeder Ethik zentral sind. Aus diesem Grund
erkennen mehr oder weniger alle Religionen einen gewissen Grad an freiem Willen an, egal
wie sie sonst dazu tendieren mögen, ihn anderweitig einzuschränken. Gurdjieff beschreibt
den menschlichen Grundzustandes als beinahe behavioristisch, d.h. fast gar keinen freien
Willen beinhaltend. Trotzdem ist Gurdjieffs gesamte Arbeit darum bestrebt, ein Fenster zu
öffnen, durch das dieser freie Wille sich manifestieren kann. In diesem Sinne ist Gurdjieff
diametral und fundamental jeder deterministischen Schule des Denkens entgegengesetzt.
Das größte Problem für einen manifestierten freien Willen auf der menschlichen Ebene ist,
dass der Mensch nicht eins ist: Ein ‘Ich’ will etwas, ein anderes will nicht, ein drittes ‘Ich’
weiß nicht mal von der gestellten Frage. Im Buch Das Leben ist nur dann wirklich wenn ‘Ich
Bin’ stellt Gurdjieff das Diktum “Ich Bin, Ich Kann, Ich Wünsche” vor.
Aus dem Buch:
Nur der Mensch, der bewusst sagt: “Ich Bin” – der ist wirklich; der sagt: “Ich Kann” – der
kann wirklich; der sagt: “Ich Wünsche” – der wünscht wirklich. Wenn “Ich Wünsche”,
dann fühle ich mit meinem ganzen Wesen, dass ich wünsche, und wünschen kann. Das
bedeutet aber nicht, dass ich benötige, dass ich brauche, dass ich mag, oder
schließlich, dass ich begehre. Nein. “Ich Wünsche.” Niemals mag ich, niemals benötige
ich, ich begehre nichts und ich brauche nichts – all dies ist Sklaverei; wenn “Ich” etwas
“Wünsche”, so muss ich es mögen, sogar dann, wenn ich es nicht mag. Ich kann mir
wünschen, es zu mögen, weil “Ich Kann”. Ich Wünsche – ich fühle mit meinem ganzen
Körper, dass ich wünsche. Ich wünsche, weil ich wünschen kann.

Freier Wille hat nichts mit Verlangen/Begehren zu tun, er ist bedingungslos, er existiert um
seiner selbst Willen; dennoch ist er nicht willkürlich oder zufällig, er mag eine Richtung
haben, die ein Grund in sich selbst ist. Der freie Wille, der für den Menschen in diesem Sinne
möglich ist, ist weit von der Möglichkeit ‘willkürlicher Duldung’ entfernt, was oftmals das
einzige ist, was der moderne westliche Sprachgebrauch unter Freiheit versteht.
BEWUSSTSEINSDICHTEN UND STO VERSUS STS
BEWUSSTSEINSDICHTEN
Im Material von Ra und Cassiopaea bezeichnet Dichte allgemein eine qualitativ
unterscheidbare Ebene des Seins. Jede Dichte hat ihre eigene Struktur von Lebensformen,
Wahrnehmung und typischen Lektionen für das darin befindliche Bewusstsein. Dichte
wurde durch die beiden genannten Quellen wie folgt grob definiert:

1. Dichte
Unbewegtes Leben. Falls wir hier überhaupt von Lernen sprechen können, geht es um das
Lernen von Materie (z.B. Atome, Gestein, Elementarkräfte wie Feuer etc.), chemische
Verbindungen bishin zu primitiven biologischen Organismen zu formen. Nähere
Definition siehe 1. Dichte.

2. Dichte
Vegetatives und tierisches Königreich. Lektionen haben mit Überleben, Adaption,
Wettbewerb, Gruppenorganisation, etc., zu tun. Die Seelenstruktur ist generell in Form
einer Gruppenseele einer Spezies; entwickelt sich eine Spezies jedoch weiter, können sich
einzelne Angehörige einer Spezies durch vielfältigeres, indivduelles Lernen von den
anderen unterscheiden.
3. Dichte
Menschliche Existenz. Die Lektionen der 2. Dichte setzen sich hier etwas komplexer fort,
wie z.B. in Kämpfen für soziale Herrschaft, erweitertes Überleben, etc. Individuell
angeeignete Persönlichkeit und individuelles Lernen spielt eine größere Rolle. Menschen
werden unterschieden in Prä-Adamiten, die sich eine Spezies-ähnliche Gruppenseele
teilen, und Adamiten, die eine individualisierte Seele haben.Die spezielle Lektion der 3.
Dichte ist jedoch, eine Wahl bei der Orientierung des Dienstes zu treffen: entweder in
Richtung Dienst am Anderen, STO, im größtmöglichen Ausmaß oder in Richtung Dienst
am Selbst, STS, im größtmöglichen Ausmaß. Um so eine Entscheidung treffen zu können,
ist eine individualisierte Seele nötig und daher vermutlich auch eine größere Anzahl an
gelebten Leben, damit sich die Seele die notwendige Polarisierung aneignen konnte.

4. Dichte
Diese wird als teilweise-physische Existenz beschrieben, in der ‘Absolventen’ der 3. Dichte
ihre gewählte Orientierung ausbauen und perfektionieren können. STO- und STS-
Gruppen sind in der 4. Dichte voneinander getrennt und kommen nicht automatisch in
Kontakt, es sei denn durch ihre jeweilige Interaktion mit der 3. Dichte.Die meisten
Geschehnisse rund um das UFO Phänomen involvieren STS-Wesen der 4. Dichte. Purer
Dienst am Selbst ist nur bis zur 4. Dichte möglich, wahrscheinlich weil es die letzte Dichte
ist, die teilweise materiell ist. Lebewesen der 4. Dichte haben eine bewusstere Kontrolle
über die Physikalität und bilden im Allgemeinen Gruppen, die telepathisch über einen
gemeinsamen Erfahrungspool verfügen, während sie sich eine gewisse Individualität
bewahren.

5. Dichte
Seelen der 1. bis 4. Dichte finden sich hier zwischen ihren Inkarnationen wieder. Dies ist
ein ‘Bereich’ der Einkehr, in dem die Seelen ihre vergangenen und zukünftigen Leben aus
einem gänzlich ätherischen Zustand heraus beobachten. Um sich weiterzuentwickeln
müssen die Seelen jedoch in eine Dichte inkarnieren (dort ‘Leben’), die ihrer Entwicklung
am besten entspricht.

6. Dichte
Diese entspricht der Ebene der vielen ‘Namen Gottes’ bzw. ‘vereinten Gedankenformen’.
Lebewesen des Dienstes am Anderen (STO) Lebewesen, die nicht länger inkarnieren
müssen, befinden sich auf dieser Ebene. Manche Kulturen bezeichnen diese Existenz als
‘Engel’.

7. Dichte
Das ist die Ebene, wo ‘Alles’ ‘Das Eine’ ist und gleichzeitig ‘Das Eine’ ‘Alles’ ist, auf eine
praktische, reale und bedeutungsvolle Art. Es gibt dort nicht länger die Unterscheidung
zwischen Gedanken und Realität. In anderen Begriffen kann diese Ebene als
‘allumfassender Gott’, ‘Universum’, oder in Begriffen des Vierten Weges auch als die
‘Absolute Sonne’ bezeichnet werden.
Das Konzept der Dichten ist komplex und Worte der 3. Dichte reichen für eine genaue
Beschreibung der Sache nicht aus. Das RA Material liefert einen systematischen Überblick
über dieses Thema. Das Cassiopaea-
Material baut weiter auf dieser Basis auf.
Zwischen diesen beiden Quellen gibt es
leichte Unterschiede in der Betonung und
Definition. Aber die Kernaussage beider
Quellen ist, unserer Ansicht nach, dass ein
Übergang von der 3. zur 4. Dichte in
manchen Fällen möglich ist und das
Meistern der Lektionen der 3. Dichte die
Voraussetzung dafür ist. Im Speziellen sind
das: Überleben, Karma und Entwicklung
eines wahrlich individualisierten
Wesenskerns, der zur konsistenten Arbeit
in der jeweilig gewählten Orientierung
(STO oder STS) fähig ist. Das Meistern des
Selbst, so wie es im Vierten Weg erklärt
wird, ist eine Teilaufgabe davon. Die verschiedenen Kosmen der Kosmologie des Vierten
Weges können als übereinstimmend mit dem Konzept der ‘Dichte’ angesehen werden. Ein
Vergleich mit anderen Bezeichnungen ist jedoch schwierig, da der Sachverhalt außerhalb
menschlicher Erfahrung und Existenz liegt.

STO VERSUS STS
Die beiden Konzepte Dienst am Anderen (engl. Service To Others, Abk. STO) und Dienst
am Selbst (engl. Service To Self, Abk. STS) sind das zentrale Element des Materials von
von RA17 und Cassiopaea18. Wir finden diese beiden Grundsätze auf unterschiedlicher
Weise überall in der esoterischen Kultur wieder. Die fundamentale Natur und Breite
dieser Begriffe macht eine vollständige Definition schwer, da sie sich in allen Dingen
unterschiedlich wiederspiegeln. RA sagte, dass es für das menschliche Verständnis am
einfachsten war, die beiden Begriffe mit ‘Dienst’ am Anderen bzw. am Selbst zu
bezeichnen, da wir Menschen dazu neigen, in Aktionsbegriffen zu denken. In jedem Fall
liegen die Prinzipien außerhalb von Wortbegriffen, da es eine Vielzahl von Aspekten gibt,
worauf diese Dualität Anwendung findet. Wir müssen daher auf Allegorien (einige
Beispiele siehe unten) zurückgreifen. Kosmologisch betrachtet sprechen die C’s vom
‘zweifachen hervortreten’ aus ‘Dem Einen’. ‘Das Eine’ ist die Quelle von Allem, was ist,
und woraus eben diese Dualität entspringt. Das Prinzip desFreien Willens ist der dritte
Aspekt und vermittelt zwischen beiden Ausprägungen. Im abstraktesten Sinn ist die
Existenz zwei voneinander verschiedener Kräfte bzw. Tendenzen plus Freier Wille die
einfachste Basis für ein offenes Universum. Alle Formen der Schöpfung entspringen dieser
Basis des Seins und erstrahlen sich durch eine Folge von zunehmend eingeschränkten,

17 Rueckert, Carla – RA. Law of One. Deutsch: http://www.llresearch.org/library/the_law_of_one_german/index.aspx
18 http://de.cassiopaea.org/
dichteren, bzw. mechanischeren Ebenen. Diese Ebenen entsprechen sowohl dem Begriff
Dichte von RA und den Cassiopaeanern sowie den Kosmen des Vierten Weges.
Vom einem kosmologischen Standpunkt aus sind beide Polaritäten notwendig. Dies
bedeutet jedoch nicht, dass diese auf der menschlichen Ebene wirksam vereint werden
können. Somit ist der kosmische Ruf an den Menschen, entweder das Eine oder das
Andere zu wählen. Einige Beispiele für Wortpaare, die verschiedene Aspekte der Dualität
beschreiben:
• Geist – Materie
• Schöpfung – Entropie
• Ordnung – Chaos
• Sein – Nichtsein usf.

STS-HIERARCHIE
Für ein System, in dem alle Mitglieder danach streben, ihre eigene Macht zu maximieren
und Position zu verbessern, ist eine pyramidenförmige Hierarchie die natürlich
resultierende Konfiguration. Sich selbt dienende Wesen, solche wie der Mensch, erkennen,
dass sie mit anderen ähnlichen Wesen kooperieren müssen, um sich effektiver selbst
dienen zu können. Eine solche Kooperation beruht auf der Idee einer opportunistischen
Allianz, falls direkte Dominanz nicht möglich ist. Auch erklärt sich die Notwendigkeit
einer Hierarchie in solch einem System als die einzige Alternative zu einem Zustand von
Anarchie, in welchem jeder ausschließlich einen kurzfristigen Vorteil für sich selbst
anstrebt. In solchen Systemen steigen die rücksichtslosesten und opportunistischsten
Elemente an die Spitze auf. Ein typischer Stabilisierungsmechanismus in solch einem
System ist das Kultivieren einer Klan-Ergebenheit mit fortschreitendem Anstieg der
sozialen Position. Dies kann mit einem Personenkult einhergehen. Nachdem eine interne
Hackordnung ausgefochten wurde, wendet sich die STS-Hierarchie für Nahrung und
Plünderung nach außen. Sie muss sich selbst ernähren, indem sie mehr ‘Futter’ absorbiert,
was, abhängig vom Fall, zeitweilige oder spirituelle Macht, Reichtum, neue Mitglieder etc.
bedeuten kann. Beispiele einer solchen Organisation sind überall zu finden, von
organisiertem Verbrechen bis hin zu Armeen, Regierungen, Geheimgesellschaften,
Straßenbanden und so weiter. Diese Organisationen leiden stets an einem Grad von
interner Entropie und ihre Mitglieder arbeiten nur selten problemlos zusammen, da sie
zumindest prinzipiell immer Ausschau nach einer Möglichkeit halten, jemand anderen zu
hintergehen oder selbst hintergangen zu werden. Laut Cassiopaea und Ra existieren die
“STS-Oberherren” der vierten Dichte der Erde als sogenannte STS-Soziale-
Erinnerungskomplexe, was Hierarchien sind, in denen die Mitglieder einen gemeinsamen
Pool an Wissen teilen und anderweitig Individualität besitzen. Diese Organisationen
leiden an den normalen Meinungsverschiedenheiten und Überkreuzungen, die für STS
typisch sind, aber auf Grund von telepathischer Transparenz, für die 4. Dichte
charakteristisch, zusammenhalten können. Demzufolge erkennen sie einen größeren Sinn
darin, Energie von außen zu absorbieren als untereinander zu kämpfen, insbesondere weil
jede Veränderung in relativer Position nur durch Energie zustande kommen kann, die
durch neue Eroberungen erlangt wird.
STS-VERFÜTTERUNG
Das Konzept des Verfütterungsmechanismus umfasst psychologische Manipulation und
eine Art psychisches Spiel um Dominanz und Ausbeutung. Der physische bzw.
psychologische Aspekt besteht darin, eine Form von emotionaler Kontrolle über jemand
anderen auszuüben. Der psychische bzw. metaphysische Teil beinhaltet das Entziehen der
Lebenskraft eines Anderen zur eigenen Bereicherung. Dies ist eine Form des Vampirismus.
Der Verfütterungsmechanismus ist in seinen unterschiedlichen Ausprägungen sehr
verbreitet und geschieht oft ohne bewusste Absicht oder das Wissen der Beteiligten. Er
wird entweder als Müdigkeit, Gereiztheit, Indifferenz, Aufregung, ein Hochgefühl oder
viele andere Wahrnehmungen empfunden, jeweils abhängig davon, ob man das ‘Futter’
oder der ‘Fresser’ ist. In extremen Fällen könnte sich ein Schwarzmagier absichtlich in
körperlicher oder mentaler Zerstörung eines Opfers betätigen, als Beweis oder Attribut an
die eigene Macht. Meistens jedoch ist der Verfütterungsmechanismus viel subtiler und
kann trotz scheinbar guter Absicht stattfinden. Das menschliche Wesen benötigt eine Art
von mentaler Nahrung aus Sinneseindrücken und Aufmerksamkeit. Die Tatsache, dass
Säuglinge sterben, wenn sie keine Aufmerksamkeit erhalten, ist Zeugnis hierfür. Der
biologische Mechanismus, diese Nahrung der Aufmerksamkeit zu bekommen, ist
genetisch programmiert. Sogar negative Aufmerksamkeit ist besser als keine. Dieses
grundlegende Bedürfnis kann sich zu allen möglichen manipulativen Verhaltensweisen
entwickeln, die darauf aus sind, sich an der Aufmerksamkeit Anderer zu nähren.
Narzißmus ist ein gutes Beispiel dafür. Andererseits müssen solche Tendenzen nicht die
Folge von Entbehrung sein, sie können angeboren sein, so wie beim Psychopathen.
Ein Verfütterungsmechanismus erfordert sehr oft mindestens eine passive Teilnahme
beider Parteien. Der Austausch kann mehr oder weniger unausgewogen sein, doch
gewöhnlich gibt es wenigstens einigen symbolischen Ausgleich vom ‘Fresser’ an den
‘Gefressenen’, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Das kann aus verschiedenen
Dingen bestehen, abhängig davon, was der Ausgebeutete am meisten begehrt und wofür
er am meisten bereit ist ‘seine Seele zu verkaufen’. Beim Verfütterungsmechanismus wird
gewöhnlich ein ‘nobles Gefühl’ des Opfers als Hebelkraft benutzt. Dies kann Mitleid für
den ‘Fresser’ sein, ein familiäres Verantwortungsgefühl, ein Pflichtgefühl, die
Unterdrückten zu verteidigen, jegliche Art von Schuldgefühl, usw. Der
Verfütterungsmechanismus kann das Benutzen eines Anderen für materielle Vorteile
beinhalten, das ist jedoch nicht notwendigerweise hauptsächlicher Inhalt. Aufmerksamkeit
zu bekommen und den emotionalen Zustand der Opfers zu kontrollieren kann viel
wichtiger sein. Der Verfütterungsmechanismus ist zweifellos eine eigennützige (STS)
Aktivität. Ermutigt man die Verfütterungsmechanismus-Gewohnheiten von Anderen
dadurch, bereitwilliges ‘Futter’ zu sein, fördert man im Allgemeinen die Ursache von STS.
Der Verfütterungsmechanismus hat die Tendenz, sich in eine Nahrungskette oder
-pyramide anzuordnen. Der ‘Verfütterte’ des einen strebt danach, seine psychischen
Reserven aufzufüllen, indem er seinerseits andere ‘frisst’. Dies ist gewöhnlich der Grund
warum Mißbrauch und Unterdrückung stets weitergereicht werden. Jegliche Verteidigung
dagegen, ‘gefressen’ zu werden, muss darauf basieren, dass die Möglichkeit, dass das
tatsächlich geschieht, überhaupt in Betracht gezogen wird. Um festzustellen, ob es
geschieht, kann man sich einer solchen Situation entziehen, um zu sehen, ob es einen
Unterschied macht. Falls das nicht möglich ist, kann man seine Anstrengungen in der
Selbstbeobachtung intensivieren. Symptome des ‘gefressen werden’ beinhalten
gewöhnlich emotionale Reaktionen oder Veränderungen des Energielevels. Da diese
jedoch zusammen mit vermindertem Interesse, der verminderten Fähigkeit zu denken und
zunehmender Subjektivität auftreten, ist es problematisch, diese zu entdecken. Emotion ist
das ‘Futter’ in einer Verfütterungsdynamik. Um nicht ‘Futter’ zu sein, sollte man keinerlei
emotionale Reaktion oder eine gänzlich unerwartete Reaktion äußern. Das ist schwierig,
da die Leute gewöhnlich Geschöpfe von mechanischer Gewohnheit sind und außerdem
abhängig von emotionalen Reaktionen. Es ist gut möglich, dass es eine Sucht wird, ‘Futter
zu sein’. Wird man bspw. durch Mitleid manipuliert, kann man sich wichtig und
gebraucht und nobel fühlen, was die eigene subjektive Wichtigkeit des Egos verstärkt,
obwohl man in Wirklichkeit nur ausgenutzt wird. In der Situation einer Verfütterung wird
der ‘Futterquelle’ ein gewisses ‘psychisches Anästhetikum’ injiziert, so dass die wirkliche
Natur der Interaktion von anderen Chemikalien überdeckt/getarnt wird. Verfütterungs-
szenarien mit gegenseitiger Abhängigkeit sind eine authentische Möglichkeit. Co-
Abhängigkeit oder sadomasochistische Beziehungen können ein Beispiel dafür sein.
Verfütterungs-Gewohnheiten der Menschen sind für gewöhnlich tief verwurzelt und oft
unbewusst oder werden zumindest beiseite geschoben, selbst wenn man sich ihrer auf
einer gewissen Ebene bewusst wäre. Nicht alle ‘Räuber’ sehen sich selbst als solche. Sie
werden gewöhnlich versuchen, die ganze Situation zu verdrehen, wenn sie mit Beweisen
für ihr Verhalten konfrontiert werden. Es ist am besten, sich emotional oder physisch aus
der Situation zu entfernen. Eine Veränderung in Menschen ist sehr selten und geschieht
niemals ohne Arbeit an sich selbst. Neue Tricks oder konditionierte Reaktionen zu
erlernen, verstohlener zu werden oder vorzutäuschen, man habe sich geändert, wird in
diesem Sinne nicht als Veränderung betrachtet. Im Falle eines ernsthaften, gemeinsamen
Angriffs durch andere ist es oft effektiv, den Angreifer nicht direkt anzugehen, sondern
vielmehr die ganze Situation öffentlich zu machen. Der Verfütterungsmechanismus stützt
sich zu einem gewissen Grad auf das verdeckte Tun.
Der Mythos des Vampires legt dar, dass die Opfer von Vampiren ebenso Vampire werden.
Dies ist eine passende Allegorie. Das bedeutet nicht einfach nur, dass sie ihre verlorene
Energie kompensieren müssen, indem sie sie wiederum von anderen nehmen. Es bedeutet
auch, dass sie in ziemlich konkretem Sinn die Weltsicht des Vampires übernehmen, mit
seiner einzigartigen Subjektivität und Gier nach Empfindungen. In metaphysischen
Begriffen kann man davon sprechen, in einen Wirbel hineingesogen zu werden, der sich
spiralförmig nach unten in das Gedankenzentrum des Dienst am Selbst (STS) schraubt.
Ein Vampir hat kein oder wenig objektives Ich-Bewußtsein. Er lebt in einem konstanten
Zustand der Identifikation mit dem Fressen und dem ‘immer mehr zu kriegen’, um die
subjektiven Verlangen seines Selbst zu befriedigen. Befindet man sich in diesem Zustand,
wird man sich eher nicht mehr ‘selbst-erinnern’ und wird weniger Bewußtsein haben, um
die Spirale stoppen zu können. Das ist der Grund, warum diese Dynamiken häufig in
Krise und Zusammenbruch kulminieren. Da der Verfütterungsmechanismus von Natur
aus Nahrungsketten bildet, sind die menschlichen Räuber nicht die letzten Nutznießer.
Vielmehr werden die gesammelten psychischen Energien aus allen persönlichen Dramen
des Verfütterns tendenziell in die höheren Dichten der STS-Kräfte geschleust. Ihre
menschlichen Agenten sind ebenfalls ‘Futter’ und machen gewöhnlich einen Prozeß des
psychischen Verfalls durch. Dies ist noch eine weitere Bedeutung des Diktums ‘Macht
korrumpiert’.

MATRIX-KONTROLLSYSTEM
In Anlehnung an den gleichnamigen Film aus dem Jahre 1999 wird der Begriff ‘Matrix’ als
Sammelbezeichnung für die heutige Realität unserer Erde verwendet. Er drückt folgende
Merkmale aus: Menschen verstehen nicht, dass sie sich innerhalb eines Gefängnisses
befinden. Sie werden dazu animiert, subjektiv, selbstgefällig, materialistisch und
kleinmütig zu sein. Menschen dienen höheren Kräften außerhalb der Matrix als Rohstoffe,
auch bekannt als ‘Nahrung für den Mond’. Durch Gruppenarbeit und die profunde
Erkenntnis, dass das Leben eines Jeden nahezu komplett aus Lügen und Illusion besteht,
offenbart sich eine winzige Chance des Erwachens. Selbst bereits bestehende positive
Impulse wurden in ihrer Natur durch falsche, aus der Umgebung aufgenommene
Glaubenssätze entstellt. In Wirklichkeit mögen die Menschen in der Matrix größtenteils
ihre Gefangenschaft und werden sie sogar verteidigen. Die Matrix vermag jeden
denkbaren Einfluss in das Leben der Menschen zu nehmen, um sie im Zaum zu halten;
mit Zuckerbrot und Peitsche, überwiegend zu subtil, um zweifelsfrei erkannt zu werden.
Siehe auch: A-Einflüsse (zur Zeit noch nicht übersetzt). Da die Matrix nicht genau
umrissen ist und da sie ein fundamentales Element unserer Realität bildet, wird sie weder
von Menschen gesehen noch suchen die Menschen im Stadium ihres Schlafes etwas
außerhalb der Matrix. Wenn wir über diese Allegorie hinausgehen, sehen wir, dass die
tatsächliche Matrix aus mehreren Stufen besteht. Die erste und unmittelbare Stufe stellen
politische Kontrolleinflüsse und konkrete Machtstrukturen dar. Die zweite Stufe bilden
kulturelle Werte und Religionen. Darüber hinaus existieren aller Wahrscheinlichkeit nach
Instanzen wie Geheimgesellschaften in Verbindung mit großen Geldeinflüssen,
militärisch-industrielle Komplexe, Kirchen und soziale Einrichtungen. Diese
Strippenzieher sind jedoch nicht Teil der erkennbaren Regierung. Solche Strukturen
können wiederum selbst in mehrere Stufen aufgegliedert sein. Auf einer bestimmten
Ebene existieren höchstwahrscheinlich Parteien, die direkt mit sogenannten Aliens oder
STS-Mächten der 4. Dichte zusammenarbeiten. Die oben genannte Struktur hält ihre
Kontrolle durch diverse Mittel aufrecht. Allerdings sehen wir nicht die Notwendigkeit
einer direkten, alles beherrschenden Gedankenkontrolle, da lang erprobte Methoden
politischer Manipulation, Ansporn zu Patriotismus und Religion, Untergrabung der
Bildung, Förderung der Armut und ähnliche Techniken dem Anschein nach völlig
ausreichen. In einigen Fällen könnte zielgerichtete Gedankenkontrolle real werden,
darunter fallen technisch realisierte Erscheinungen, künstliche telepathische Nachrichten,
Greenbaum-Programmierung, u.v.m. Die tiefste und metaphysischste Ebene dieser
Realität ist für uns nicht wahrnehmbar. Gemäß den Aussagen der Cassiopaeaner wurde
diese Einschränkung von den “Besitzern” dieses Planeten in die Genetik der Menschen
eingearbeitet. Die Legende vom Fall aus Eden ist die allegorische Wiedergabe der
Installation dieses tiefgreifenden Kontrollsystems. Das Kontrollsystem agiert von der 4.
Dichte aus. Es kann in unserer Realität in gewissen Zeiträumen zu einem Durchscheinen
der 4. Dichte kommen. Im Cassiopaea Material19 bezieht sich diese Beschreibung auf
verschiedene anomale Wahrnehmungen und Effekte. Die Idee besteht darin, dass zu
bestimmten Zeiten die Grenzen zwischen der 3. und 4. Dichte so dünn werden, dass
Wahrnehmungen und Naturgesetze beginnen, sich etwas fließend zu verhalten. Beispiele
sind etwa anomale Körperempfindungen wie Hitze, die sich mit keinem Thermometer
nachweisen lässt, Dinge von allen Seiten zur gleichen Zeit zu sehen, die Wahrnehmung
vielfacher Realitäten, die ineinander übergehen und so weiter. Wiederholte 4. Dichte-
Aktivitäten in einer bestimmten Region der 3. Dichte können solch ein Durchscheinen
begünstigen. Die Cassiopaeaner sagen, dass dies etwa bei unterirdischen Basen, die von
Wesen der 4. Dichte genutzt werden, auftritt – wie etwa jene in New Mexico. Ebenso kann
es als eine Art Nebenwirkung von Entführungen, Channelings, sowie vieler anderer
Faktoren auftreten. Wie Ouspensky sagt, setzt ein Wunder nicht die Naturgesetze außer
Kraft, sondern es bedeutet nur eine Manifestation von Gesetzen einer höheren Ebene auf
einer niedrigeren. Wenn Gott nach Belieben die Naturgesetze widerrufen bzw. verändern
würde, dann hätte es wenig Sinn gehabt, sie überhaupt erst zu erschaffen. Das bedeutet
jedoch nicht, dass in einigen Fällen die Gesetze einer höheren Welt nicht in einer
niedrigeren auftreten können.

STS UND DAS BEWUSSTSEIN DES RÄUBERS
[Hinweis: Das Räuberbewußtsein ist mit den archetypischen Kraftfelder der 7 Todsünden
und ihrer planetaren Einflüsse identisch.]

Dies ist Castanedas20 Begriff für das, was den Menschen auf das Gedankenzentrum des
Dienstes am Selbst, STS, ausrichtet. In Castanedas Das Wirken der Unendlichkeit erzählt Don
Juan von Kreaturen kondensierter Dunkelheit, die im Strudel der Zeit auf die Erde
einmarschieren; die sogenannten “Flieger”, die den Menschen als Nahrung benutzen.
Die Schlüsselidee ist, dass diese kosmischen Räuber den Menschen ihr Bewusstsein
gegeben haben. Dies ist vernünftig in Anbetracht vielen anderen Materials. Auf der
menschlichen Ebene sorgt ein System basierend auf Ausbeutung, Konsum und Kontrolle
dafür, dass die Leute diesem Bild entsprechend geformt werden: Der Sklave träumt eher
davon, selbst der Herr zu werden, als davon, die Sklaverei abzuschaffen. Jede
Organisation, die auf Dominanz basiert, nimmt von Natur aus die Form einer Pyramide
ein, mit Wenigen oben und den Meisten unten. Damit ein Mensch sich unten oder in
manchen Fällen in den mittleren Ebenen der Pyramide aufhalten kann, muss er ebenfalls
die Attribute der Herrscher besitzen, bloß auf reduziertem Maßstab.
Viele gechannelte Quellen heben hervor, dass, während STS Wesen auf metaphysischer
Ebene alles essen was sie wollen, die Energie, die von STO-orientierten Wesen ausgeht,
nicht essbar ist.
Castanedas Schriften beschäftigen sich zu einem großen Teil mit Wegen, sich selbst in
Bezug auf Energie und freien Willen vor einem solchen System zu behaupten, bzw. sich
davon zu befreien. Der Kampf findet zu einem großen Teil innerlich statt. Man muss
zuerst den eigenen, inneren Räuber demaskieren und ihm entgegentreten. Ansonsten
19 Knight-Jadczyk, Laura – Die Welle. Vol. 1-5
20 https://de.wikipedia.org/wiki/Carlos_Castaneda
laufen die eigenen, äußeren Handlungen – sogar wenn sie guten Absichten entspringen –
im Paradigma und Modus des Räubers ab. Der innere Räuber kann extrem subtil sein.
Dennoch hat er einige generelle erkennbare Charakteristiken: Castaneda drückt es
folgendermaßen aus:
“Sie [die Zauberer des alten Mexiko] entdeckten, dass wir einen lebenslangen
Begleiter haben”, sagte er mit großer Klarheit und Deutlichkeit.

“Es ist ein räuberisches Wesen, das aus den Tiefen des Kosmos kam und die
Herrschaft über unser Leben an sich gerissen hat. Die Menschen sind seine
Gefangenen. Dieser Räuber ist unser Herr und Meister. Er hat uns fügsam und hilflos
gemacht. Wenn wir protestieren wollen, unterdrückt er unseren Protest. Wenn wir
unabhängig handeln wollen, verlangt er, dass wir darauf verzichten.” […]

[…] “Du bist allein und aus eigener Anstrengung auf das gestoßen, was die
Schamanen im alten Mexiko das ‘Thema aller Themen’ nannten”, sagte Don Juan. “Ich
habe die ganze Zeit sozusagen bei dir auf den Busch geklopft und wiederholt
Anspielungen darauf gemacht, dass uns etwas gefangenhält. Wir sind in der Tat
Gefangene! Für die altmexikanischen Zauberer war das eine energetische Tatsache.”

[…] “Sie haben die Herrschaft übernommen, weil wir Nahrung für sie sind. Und sie
nehmen uns erbarmungslos aus, weil wir ihr Überleben sichern. So wie wir Hühner in
Hühnerställen halten, in Gallineros, so halten uns die Räuber in Menschenställen,
in Humaneros. Auf diese Weise haben sie ihre Nahrung ständig zur Verfügung.” […]

[…] “Ich wende mich an deinen analytischen Verstand”, sagte Don Juan. “Denk einen
Augenblick nach und sag mir, wie du den Widerspruch zwischen der Intelligenz des
Menschen als Techniker und der Dummheit des Systems seiner Überzeugungen
erklärst oder der Dummheit seines widersprüchlichen Verhaltens. Die Zauberer
glauben, dass die Räuber uns das System unserer Überzeugungen, unsere
Vorstellung von Gut und Böse, unsere gesellschaftlichen Sitten gegeben haben. Sie
bringen unsere Hoffnungen und Erwartungen hervor und unsere Träume von Erfolg
oder Versagen. Von ihnen stammen Verlangen, Gier und Feigheit. Die Raubwesen
sind es, die uns zufrieden und egoistisch und zu Gewohnheitstieren machen.”

[…] “Um uns gehorsam, demütig und schwach zu halten, haben die räuberischen
Wesen zu einem ungeheuerlichen Manöver gegriffen – ungeheuerlich natürlich vom
Standpunkt eines Kampfstrategen. Und es ist ein schreckliches Manöver vom
Standpunkt derer, die darunter leiden. Sie haben uns ihr Bewusstsein gegeben!
Verstehst du? Die Räuber geben uns ihr Bewusstsein, das unser Bewusstsein wird. Ihr
Bewusstsein ist verschlungen, widersprüchlich, verdrießlich und von der Angst
erfüllt, jederzeit entdeckt zu werden. Ich weiß, du hast zwar nie Hunger gelitten”, fuhr
er fort, “aber trotzdem hast du Angst um deine Nahrung. Und das ist nichts anderes
als die Angst des Räubers. Er fürchtet, seine Machenschaften könnten jeden Moment
aufgedeckt und ihm dadurch die Nahrung entzogen werden. Durch das Bewusstsein,
das schließlich ihr Bewusstsein ist, lassen die Raubwesen in das Leben der Menschen
einfließen, was immer vorteilhaft für sie selbst ist. Auf diese Weise erreichen sie ein
gewisses Maß an Sicherheit, die als Schutzwall vor ihren Ängsten steht.”

Castaneda erklärt weiters, dass Neugeborene mit einer leuchtenden Hülle an Bewusstsein
geboren werden und dass es diese ist, die der Räuber frisst, bis zu dem Punkt, an dem nur
noch ein schmaler Rand übrig ist. Dieser schmale Rand ist ausreichend, den Menschen am
Leben zu erhalten. Dieser schmale Rand ist des Menschen Selbst-Reflektion, in der der
Mensch unaufhebbar gefangen ist.
[…] “Dadurch, dass die räuberischen Wesen mit der Selbstreflexion ihr Spiel treiben,
bewirken sie ein momentanes Aufflackern des Bewusstseins, das sie dann
rücksichtslos und räuberisch verschlingen. Sie legen uns alberne Probleme vor, die
das Bewusstsein zum Aufflackern zwingen. So halten sie uns am Leben, damit die
energetischen Flammen unserer Pseudoprobleme sie ernähren.”

[…] “Sie [die Zauberer des alten Mexiko] kamen zu dem Schluss, dass der Mensch zu
einem bestimmten Zeitpunkt ein vollständiges Wesen gewesen sein muss, mit
erstaunlichen Erkenntnissen, Verstandesleistungen, die heute mythologische
Legenden sind. Und dann scheint all das verschwunden zu sein, und nun haben wir
einen sedierten Menschen.”

“Ich will sagen, dass wir es nicht einfach mit irgendeinem Räuber zu tun haben. Er ist
sehr intelligent und organisiert. Er geht nach einem methodischen System vor, das
uns nutzlos macht. Der Mensch, dem es bestimmt ist, ein magisches Wesen zu sein,
ist nicht mehr magisch. Für den Menschen gibt es keine anderen Träume mehr als die
Träume eines Tiers, das aufgezogen wird, um ein gewöhnliches Stück Fleisch zu
werden: schwerfällig, konventionell, schwachsinnig. […] Die einzige Alternative für
die Menschheit ist Disziplin. Disziplin ist das einzige Abschreckungsmittel. Mit
Disziplin meine ich keine strengen Routinen. Ich meine nicht, dass man jeden
Morgen um halb sechs aufsteht und kaltes Wasser über sich kippt, bis man blau wird.
Zauberer verstehen unter Disziplin die Fähigkeit, gelassen den Unkalkulierbarkeiten
zu begegnen, die außerhalb unserer Erwartungen liegen. Für sie ist Disziplin eine
Kunst. Es ist die Kunst, sich der Unendlichkeit zu stellen, ohne mit der Wimper zu
zucken, und zwar nicht, weil sie stark und verwegen sind, sondern weil sie tiefe
Ehrfurcht empfinden.”

[…] “Die Zauberer sagen, dass Disziplin die leuchtende Hülle des Bewusstseins für
den Flieger ungenießbar macht.”

[…] “Der grandiose Trick dieser Zauberer in alter Zeit”, fuhr Don Juan fort, “bestand
darin, dem Bewusstsein des Fliegers Disziplin aufzubürden. Sie fanden heraus, wenn
sie das Bewusstsein des Fliegers mit innerer Stille belasteten, floh der Fremdkörper.
Damit wusste jeder, der diesen Vorgang durchführte, mit absoluter Sicherheit, dass
das Bewusstsein einen fremden Ursprung hatte. Ich versichere dir, der Flieger kommt
zurück, aber er ist nicht mehr so stark wie zuvor, und es beginnt ein Prozess, in dem
es zur Routine wird, dass das Bewusstsein des Fliegers die Flucht ergreift, bis er eines
Tages endgültig flieht. Das ist dann ein trauriger Tag! An diesem Tag musst du dich
auf deine eigenen Mittel verlassen, die praktisch gleich Null sind. Niemand sagt dir,
was du tun sollst. Kein Bewusstsein fremden Ursprungs diktiert dir mehr den
Schwachsinn, an den du gewöhnt bist.”

“Mein Lehrer, der Nagual Julian, hat alle seine Schüler gewarnt und gesagt”, fuhr Don
Juan fort, “dass dies der schwierigste Tag im Leben eines Zauberers ist, denn das
wahre Bewusstsein, das uns gehört, die Summe unserer Erfahrungen, ist durch die
lebenslange Fremdherrschaft scheu, unsicher und unbeständig geworden. Ich würde
sagen, dass der wahre Kampf der Zauberer in diesem Augenblick beginnt. Alles
andere ist nur die Vorbereitung darauf.” […]

[…] “Das Bewusstsein des Fliegers flieht endgültig”, sagte er, “wenn es einem
Zauberer gelingt, die Vibrationskraft zu packen, die uns als ein Konglomerat von
Energiefeldern zusammenhält. Hält der Zauberer den Druck lange genug aufrecht, ist
das Bewusstsein des Fliegers besiegt und flieht. Und genau das wirst du tun. Du wirst
dich an der Energie festhalten, die dich zusammenfügt.”

Castanedas Darstellung stimmt in vielen Punkten wesentlich mit anderen Traditionen
überein. Wir werden Castaneda kurz mit anderen Quellen, die in unserer Arbeit diskutiert
werden, vergleichen:
Das Eindringen der Räuber würde grob dem ‘Fall’ (der ‘Vertreibung aus dem Paradies’)
entsprechen. Die Cassiopaeaner haben davon gesprochen, dass der Mensch sich von
früheren Fähigkeiten abgeschnitten wiederfindet, als wäre er durch ein “schweres
Schädeltrauma” benommen; all dies ist reflektiert in der zerhackten DNA. Die Wahl der
erhöhten Physikalität und des Dienstes am Selbst, STS, läuft im Wesentlichen darauf
hinaus, das Bewusstsein des Räubers sogar einzuladen. Gurdjieffs Organ Kundabuffer
nähert sich der Thematik von einer anderen Seite. Laut ihm wurde das Organ gewaltsam
in den Menschen installiert, um ihn allgemein der Realität gegenüber zu anästhetisieren
und das Unbedeutende großartig und das Großartige als unbedeutend zu betrachten.
Dieses Ereignis wird ebenfalls so geschildert, dass es ganz zu Anfang der menschlichen
Existenz auf der Erde stattgefunden hat, als Antwort auf eine kataklysmische Situation.
Wiederum finden wir eine radikale Verschiebung der Wahrnehmung zusammen mit
einem Kataklysmus auftretend. In Gurdjieffs Beelzebubs Erzählungen begegnen wir dem
durchgehenden Thema von Schwingungen, die von der Erde benötigt werden. Wenn
Menschen nicht die entsprechende Qualität [der Schwingungen] bewusst produzieren,
sorgt die Natur durch Verschiebung der Umstände für zufällige Schocks, die das benötigte
“Aufflackern des Bewusstseins” – bzw. die höheren Wasserstoffe – zur Verfügung stellen.
“Der Räuber füttert den Menschen mit Problemen und Krisen über Krisen.”
[Castaneda]

“Planetarische Einflüsse arrangieren Kriege und Katastrophen einfach nur, um die
benötigten Schwingungen zu erlangen.” [Gurdjieff]

Der Mensch kann seine Rolle auch bewusst spielen, zumindest theoretisch, und kann
somit frei von diesen willkürlichen Einflüssen werden und dem Universum in anderer
Weise dienen, schlägt Gurdjieff vor.
“Der Mensch wird geistig gesund geboren und wird von der zeitgenössischen
Erziehung verdorben, von der er die ‘Werte’ von Ego, Heuchelei, Selbstberuhigung,
Klugschwätzerei , Eitelkeit und Selbstliebe eingeschärft bekommt.” [Gurdjieff]

“Wenn der Mensch das Erwachsenenalter erreicht, ist nur der Rand der leuchtenden
Hülle des Bewusstseins übrig, der kaum die Zehen bedeckt. Dieser Rand ist das
Zentrum der Selbst-Reflektion, das einzige Bewusstsein, das dem Menschen
geblieben ist.” [Castaneda]

Die Cassiopaeaner und Ra sprechen an vielen Stellen vom menschlichen Bewusstsein, das
vielerorts Nahrung ist. Um keine Nahrung zu sein, muss man sich innerlich verändern.
Diese Quellen nennen dies Ausrichtung auf STO und Objektivität. Castaneda nennt es
Disziplin, Untadeligkeit, ein Krieger zu sein, der darum kämpft, frei zu werden. Gurdjieff
nennt es objektive Vernunft, Unvoreingenommenheit, Sein zu erlangen, objektives
Bewusstsein, und einfach so zu sein, wie ein Mensch sein sollte. Es gibt aber noch weitere
Parallelen. Castanedas Zauberer/Schamane, der erreicht hat, das Bewusstsein des Räubers in
die Flucht zu schlagen, ist Gurdjieffs Beschreibung des Wahren Ichs ähnlich, wenn es zum
ersten Mal durch den Schleier der Persönlichkeit flüchtig erblickt wird. Es ist klein,
unsicher, unbeständig und beweglich. Es zu nähren und die Persönlichkeit durch Schocks
mit ihm zu vereinen, ist ein Charakteristikum aller hier diskutierten Wege.
STO UND GEBEN
Laut dem Cassiopaea Material, gibt ein STO-Wesen alles jenen, die danach fragen. Das
lässt die Frage aufkommen, was mit Geben und was mit Fragen gemeint ist und wer die
tatsächlich Beteiligten des Austauschs sind. Der Kern der Sache liegt im Unterschied
zwischen Fragen und Manipulation. Manipulation trachtet nach der Kontrolle über den
Manipulierten und beschneidet somit per Definition seinen Freien Willen. Fragen ist eine
offene Bitte, die die Antwort ganz dem Befragten überlässt. Manipulation impliziert
generell eine versteckte Absicht, während Fragen das generell nicht tut. Die
Unterscheidung der beiden ist schwierig und nicht immer eindeutig. Hinzu kommt, dass
der Mensch allgemein nicht als ein einziges, in sich einiges Wesen fragt oder manipuliert.
Vielmehr ist der Mensch eine Mischung aus sich widersprechenden Programmen und
Impulsen, wobei manche zu STS und manche vielleicht zu STO tendieren. Die
Anwendung von Manipulation verstärkt generell die STS-Orientierung des
Manipulierenden. Um also STO zu leben, ist Manipulation zu vermeiden. Wenn ein
Mensch fragt, kann das äußerst zweideutig und widersprüchlich sein. Zum Beispiel
könnten manche in Wahrheit danach fragen, abgelehnt zu werden, wenn sie übertriebene
Forderungen stellen. Mit der richtigen Scharfsinnigkeit ist man in der Lage, dem STO-Teil
des Anderen zu geben und sich dem STS-Teil derselben Person zu verweigern.
Manipulation abzulehnen kann als ein Gefallen für jenen Teil des Anderen angesehen
werden, der nicht beabsichtigt auszunutzen – sollte es so einen Teil im Anderen geben.
Wir könnten z.B. Lügen als indirektes Fragen nach Wahrheit betrachten. Demnach würde
‘alles zu geben an diejenigen, die fragen’ bedeuten, dass man allen Dingen das zukommen
lässt, was ihnen gebührt, jeweils in Übereinstimmung mit dem Prinzip des Dienstes an
Anderen, STO. Der Schlüssel liegt hier in der Erkenntnis der wahren Natur des
Fragens/Bittens/Manipulierens.

Wie bei jedem anderen allgemeinen Prinzip kann auch dieses nicht mechanisch, d.h., ohne
das Bewusstsein über den Gesamtzusammenhang, angewendet werden. Während wir
unter Geben einen Austausch zwischen Menschen verstehen, ist die Idee nicht hierauf
beschränkt. Wir können es auch als ein Geben an ein Prinzip verstehen, z.B., sein Leben
einem gewissen Zweck zu widmen. Wir könnten sagen, dass das zur Verfügung stellen
von STO-orientierter esoterischer Information ein Geben an das Prinzip des freien Willens
ist. Dies kann einerseits eine Antwort auf eine Haltung spirituellen Suchens und Fragens
sein, das bei Menschen entsteht, die oftmals von den Religionen oder der New Age
Glaubensvorstellungen enttäuscht sind. Andererseits kann es eine Antwort auf jene Lügen
und Halbwahrheiten sein, die vom Kontrollsystem unter dem Mantel eben jener
Bewegungen gefördert werden. In dieser Welt der vermischten Inhalte können die Motive
für das Geben, ob nun zur persönlichen Befriedigung oder als ein Ausdruck der
Ausrichtung an einem unpersönlichen Prinzip, oftmals nicht unterschieden werden und
tauchen auch nicht getrennt auf. Reine Ausdrucksformen von STO oder STS sind selten.
Aus dem RA-Material:
Ra: Ich bin Ra. Stellt euch, wenn ihr wollt, euren Geist vor. Stellt ihn euch dann in
völliger Einheit mit jedem anderen Geist eurer Gesellschaft vor. Ihr besitzt dann einen
einzigen Geist und das, was vorher eine schwache elektrische Ladung in eurer
physischen Illusion war, ist nun eine sehr mächtige Maschine, mit Hilfe derer
Gedanken als Dinge projiziert werden können. In dieser Weise attackiert die Orion
Gruppe die mit Licht bewaffnete Konföderation. Das Resultat hiervon ist ein Patt, wie
ihr es nennen würdet. Beide Energien haben sich hierdurch ein wenig erschöpft und
müssen sich neu organisieren. Die negative Energie hat sich durch ihr Versagen zu
manipulieren erschöpft, die positive Enerige hat sich erschöpft durch ihr Versagen,
das zu akzeptieren, was gegeben ist.

Fragesteller: Könntest Du die Bedeutung von “Versagen, das zu akzeptieren, was
gegeben ist” näher ausführen?

Ra: Ich bin Ra. Auf jener Ebene von Zeit/Raum, wo dies in einer Form stattfindet, die
man Gedanken-Krieg nennen könnte, wäre die akzeptierenste und liebenste Energie
eine solche, die jene, die zu manipulieren trachten, so liebt, dass jene Wesenheiten
durch positive Energien umgeben und umflutet, transformiert würden. Da es sich
jedoch um einen Kampf zwischen ebenbürtigen Gegnern handelt, ist sich die
Konföderation bewusst, dass sie es sich – auf gleicher Basis – nicht erlauben kann,
manipuliert zu werden, nur um rein positiv zu bleiben. Denn dann, obwohl es rein
gewesen wäre, hätte es keine Wirkung, da sie dadurch von den sogenannten Kräften
der Dunkelheit unterjocht würden. Daraus ergibt sich, dass jene, die diesen
Gedankenkrieg austragen, sich eher defensiv statt akzeptierend verhalten müssen,
um ihre Nützlichkeit im Dienst an Anderen bewahren zu können. Folgendermaßen
können sie nicht in vollem Umfang akzeptieren, was die Orion Gruppe geben
möchte, nämlich Versklavung. Folgendermaßen geht einige Polarität aufgrund dieser
Reibung verloren und beide Seiten, wenn man so möchte, müssen sich dann
umorganisieren. Es ist für keine Seite günstig gelaufen. Die einzige Konsequenz, die
hilfreich war, ist ein Ausgleich der auf diesem Planeten verfügbaren Energien, so dass
es für diese Energien weniger erforderlich ist, sich in dieser Raum/Zeit auszugleichen,
was dadurch die Wahrscheinlichkeit einer planetaren Vernichtung verringert.

STO UND NETZWERKEN
Während eigennützige STS Wesen von Natur aus Hierarchien bilden, mit den Stärksten und
Rücksichtslosesten an der Spitze, würden uneigennützige, im Dienst an anderen orientierte
STO Wesen ein Netzwerk bilden. Wie die Cassiopaeaner sagen würden, ist das Konzept der
Vernetzung ein Vorgeschmack auf die 4. Dichte STO. Um die Idee in einen Kontext zu
bringen, können wir mit Gurdjieffs Definition einer Gruppe beginnen: In einer Gruppe ist
das, was einer erringt, für alle errungen, und was einer verliert, ist für alle verloren. Eine
Gruppe in diesem Sinne kann nur im Kontext esoterischer Arbeit existieren. Solch eine
Gruppe ist frei von Unstimmigkeit, nicht wegen einer Befehlsstruktur, sondern weil
dieselben Wahrheiten von allen gesehen werden. Wir können zwei Arten von
Gruppeneffekten unterscheiden: Der erste Effekt ist, wenn eine Gruppe auf die Ebene des
kleinsten gemeinsamen Nenners absteigt, wie z.B. bei lynchenden Banden und anderen
Fällen von Massenhysterie. Wir können uns aber auch eine Situation vorstellen, in der die
ganze Gruppe zur Gesamtsumme des Verstehens und der Kapazitäten aller Mitglieder
aufsteigt. Letzteres geschieht in kleinem Umfang in Teams, die eine gute Synergie aufweisen.
Jedoch drückt die mangelhafte Qualität der menschlichen Kommunikation und die Reibung,
die aus den Persönlichkeiten hervorgeht, diesen Effekt nieder und beschränkt in der Regel
ihren Horizont auf ein gut geübtes Gebiet, wie z.B. einen Mannschaftssport oder wie bei
einem Orchester.
Die Hoffnung der esoterischen Arbeit ist es, diese Effekte zu vergrößern und allumfassend
zu machen. Dies zu erreichen wird manchmal “Gemeinschaft von Heiligen” genannt. Dies
geht über ein soziales Phänomen hinaus und umfasst das Teilen der “Substanz des Wissens”
oder der “höheren Wasserstoffe”, das in der Gruppenarbeit hervorgebracht wird. Im
allgemeinen können wir sagen, dass eine Gruppe all das verstärkt, was ein beständig
miteinander geteiltes und angewendetes Prinzip der Gruppe ist. Dies hat jedoch einen
Haken: Wir finden häufig, speziell im Internet, New Age Gruppen, die in gewissem Sinne
‘offen’ sind, aber wo der Austausch entartet – wenn nicht in einen schreienden Wettstreit,
dann in einen subtileren, verfütternden, flehenden oder manipulierenden Disput. Es scheint,
dass innere Arbeit, um das Signal zu veredeln und das Selbst zuerst zu reinigen,
Voraussetzung für eine Gruppe ist, um alles außer Subjektivität zu verstärken. Für
gemischte, in erster Linie eigennützige Wesen, wie die Menschen es heutzutage sind, macht
unüberlegtes Teilen von Allem einfach nur Lärm. Sehr viel Aufmerksamkeit ist erforderlich,
damit die Mitglieder zuerst sich selbst überwinden und sich dann in einer Weise verhalten,
die annähernd STO orientierten Wesen entspricht, also nicht gemäß ihrer Standardimpulse.
Abermals, zu entscheiden was in welchem Fall den Dienst an Anderen ausmacht, ist eine
Frage für sich, aber eine gewisse Fertigkeit oder ein Gespür dafür kann sich durch Übung
entwickeln.
In der Praxis bedeutet ein Netzwerk nicht die Austauschbarkeit aller Mitglieder. Das ist nicht
machbar, noch ist es das Ziel. Eine ähnliche Ebene der Entwicklung erreicht zu haben
impliziert nicht die Identität einer Persönlichkeit oder eines Gruppendenkens, sondern
impliziert das Bemühen, dieselben Erkenntnisse zu sehen. Eine Gruppe kann Spezialisierung
mit sich bringen, und Lehrer und Schüler beinhalten, aber sie ist laut Definition eine
freiwillige Struktur und existiert nicht zum Vorteil eines einzelnen Mitglieds oder einer
Untergruppe. Stattdessen könnte eine solche Gruppe existieren, um eine spezifische
esoterische Aufgabe zu erfüllen, wie sie gerade für Zeit und Kontext erforderlich ist. Das
Konzept des Zurückgebens wird im Vierten Weg betont. Da das Prinzip vom Dienst an
Anderen (STO) eine Balance repräsentiert, durch die Idee des ‘Dienst-am-Selbst-durch-
Dienst-an-Anderen’, benötigt dieses Prinzip eine Wechselsei-tigkeit, um funktionieren zu
können. Balance kann nicht durch Gesetzgebung erlassen werden, sondern kann natürlich
auftreten, wenn die Teilnehmer in die gleiche Richtung gehen, d.h., wenn sie kollinear sind.
Für den Aufstieg in die 4. Dichte bietet ein Netzwerk deutliche Vorteile gegenüber dem
arbeiten im Alleingang. Die Mitglieder können sich gegenseitig vervollständigen, auch wenn
ihre eigene Schwingungs-Reinheit nicht perfekt ist. Um in die 4. Dichte STS zu graduieren,
müssen die Anwärter im Allgemeinen alleine arbeiten, weil die bloße Idee des Dienstes am
Selbst (STS) das Teilen allgemein als nicht wünschenswert betrachtet.
ERKENNE DICH SELBST. DER SCHLÜSSEL ZUR
OBJEKTIVEN WELTANSCHAUUNG UND DER WEG
AUS DER MATRIX 21

Mit den Lösungen die überall präsentiert werden, sei es durch den politischen Zirkus,
spirituelle Führer oder progressive Bewegungen, welche "nachhaltige Lösungen" anbieten,
scheinen viele Menschen einen Plan zu haben, wie man die Welt in Ordnung bringen
kann. Andere wiederum sagen "alles ist genauso wie es sein soll" und alles was wir tun
müssen ist mit dem „Fluss“ zu gehen sich auf „Liebe und Licht“ zu fokussieren und alles
wird gut.

KNOW THYSELF. Aktivieren Sie den deutschen Untertitel indem Sie auf
"Untertitel aktivieren" klicken und "Deutsch" wählen.

Visionäre Ideen sind gut und wichtig, aber Hoffnungen welche auf Idealen basieren,
können zu Nichts zerfallen, wenn es kein Fundament gibt auf der diese aufbauen. Die
bekannte Auffassung ist, dass wir „tun“, „handeln“ oder „wählen“ müssen. Und es
scheint als ob die meisten Leute möchten, dass ihnen jemand sagt was sie tun sollen, so
dass sie nicht zu viel für sich selbst denken müssen. Die Frage jedoch ist: Was sind wir
wirklich in der Lage zu „tun“ wenn wir uns nicht einmal selbst kennen? Was ist die
Menschheit? Ja, wir sind alle eins, aber sind wir wirklich alle innerlich dieselben? Sehen,
denken und fühlen wir alle gleich? Wer ist in der Lage zu sagen was gut für die Welt ist
und was nicht? Die Probleme die unsere Welt heimsuchen - die Zerstörungen, Gier,
Genozid, ökonomische Kernschmelzen, können und werden nicht vom Menschen gelöst
werden, solange er sich nicht selbst ins Angesicht sieht und die Arbeit beginnt, Wissen
über das Selbst jenseits der Ego-Anbetung zu erlangen. Die Menschheit ist durch Kultur,
Gesellschaft, Religion, Medien, Nationalismus, Bildung, Regierung und alle Arten von
illusorischen Vorstellungen tief konditioniert. Bevor wir irgendwelche Lösungen anbieten
können, müssen wir uns dieser Konditionierungen bewusst werden und die nötige Arbeit
tun, uns selbst zu verstehen, mit unserem mechanisch-reaktivem Verhalten, emotionalen
Süchten und unserer Voreingenommenheit, Informationen automatisch abzuweisen
welche im Konflikt mit unserer konditionierten Weltsicht stehen. Aufrichtige Arbeit am
Selbst erfordert Anstrengung und Mut, da man der gesellschaftlichen Konditionierungen
und Programmierungen, als auch den Lügen, die man sich selbst erzählt um „dazu zu
gehören“ ins Auge sehen muss. Wenn man aufrichtig ist mit sich selbst, wird dieser
Prozess einen unweigerlich zur Konfrontation mit den Lügen in der Welt führen. Man
wird beginnen die Welt mehr so zu SEHEN wie sie IST, und nicht wie man sie mag, sie
sich wünscht oder sich vorstellt wie sie sei. Dies hat einen Anstieg des Bewusstseins und
der Bewusstheit zur Folge. Eine Bewegung von Subjektivität hin zu einer objektiveren
Sicht, das falsche konditionierte Selbst fallen lassend und sein höheres Selbst umarmend,
welches auf Wahrheit, Wissen und in der Essenz auf Liebe basiert, welche eine höhere

21 http://de.sott.net/article/13911-Erkenne-dich-selbst-Der-Schlussel-zur-objektiven-Weltanschauung-und-der-Weg-
aus-der-Matrix
Ebene des Seins ist und nicht etwa ein emotionaler Zustand. Je mehr wir uns selbst und
die Welt objektiv betrachten, desto weiser wird unsere Wahl werden und unsere daraus
resultierenden Handlungen werden einen andauernden positiven Einfluss haben. Diese
Arbeit muss innen wie außen durchgeführt werden, denn beide sind miteinander
verbunden. So wie Neo im Film Die Matrix erwacht, ist der Anblick nicht unbedingt
angenehm sobald die Illusionen, Puffer und Programme aus den Fugen geraten sind. Nur
die Wahrheit wird uns befreien. Sobald wir SEHEN, insbesondere die „unangenehmen“
Aspekte unserer Realität, die von so vielen so gerne ignoriert werden, werden wir ein
besseres Verständnis dafür haben, was zu TUN ist.

„Erwachen ist nur für diejenigen möglich, welche es
suchen und wollen, für diejenigen, welche, um es zu
erreichen, bereit sind sich für eine sehr lange Zeit
und sehr beharrlich, mit sich selbst auseinan-
derzusetzen und an sich selbst zu arbeiten.“ ~ G.I.
Gurdjieff

Die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis wurde
durch viele weise Menschen und alte Lehren,
überall auf der Erde, über Tausende von Jahren
übermittelt. Die Tiefe dieser Lehren und die
erforderliche Arbeit um höhere Bewusst-
seinszustände zu erlangen wird jedoch heute in
der New Age Arena und den „Bewusstseins-
Bewegungen“ verzerrt und verwässert. Manche
von ihnen machen dies sogar mit Absicht, um die
Menschen von der Wahrheit fern zu halten. Von
den herrschenden Kräften an der Macht wird
Desinformation nicht nur verwendet um
politische Parteien und fortschrittliche Organi-
sationen zu infiltrieren, sondern auch die New
Age Bewegung.
„Als nächstes kommt die Manipulation spiritueller Werte und Richtungen. Es ist
absolut kein Zufall, dass wir in den letzten Jahren einen neuen religiösen Gedanken
beobachten. Die Religion der Duldung und Passivität: Vertrauen in den Prozess. Was
auch immer passiert, ist das was passieren muss. Jeder hat Recht, wo er es braucht.
Du leistest keinen Widerstand. Du gibst dein Einverständnis. Widerstand ist negativ
sein, ist angstvoll sein, ist unbewusst sein. Ein großartiges Rezept, um die
Einheimischen davon zu überzeugen. Eine sehr gute, schlaue Form der
Manipulation.“

~ M.V. Summers

Seit ewigen Zeiten werden Religionen dazu verwendet Gesellschaften zu kontrollieren.
Die New Age Bewegung mit ihren vielen verzerrten Lehren scheint die neue „globale
Religion“ zu werden, welche die Menschen zu Selbstgefälligkeit und Konformität mit
einem über-vereinfachtem Verständnis von „Wir sind alle eins“ oder „Alles, was wir
brauchen, ist Liebe“ führt. Viele Menschen glauben bereits, dass sie wach und bewusst
sind. Tatsächlich träumen jedoch viele dieser Menschen nur, dass sie wach sind, genauso
wie fundamentale Christen, die behaupten einen "direkten Draht zu Jesus" zu haben. In
der Tat gleicht das was wir heutzutage im New Age sehen, Anhängern dogmatischer
Religionen: Blinder Glaube, Wunschdenken, emotionale Projektionen und das Fehlen
kritischen Denkens. Das gilt auch für viele Menschen die von sich glauben, wach zu sein
weil sie auf einem DMT-Trip sind oder "magische" Erlebnisse mit Ayahuasca oder anderen
"bewusstseinserweiternden" Substanzen gehabt haben. Der Neoschamanismus der
heutzutage kursiert hat das was Schamanismus wirklich ist, gründlich verzerrt und in eine
überdrehte Attraktion verwandelt, in der man nur ein paar Euros zahlen muss um ein
Erlebnis zu haben. Sicherlich können Heilpflanzen etwas Einblick schaffen und in
Heilungsprozessen helfen, so wie ich es auch selbst in meinem Leben erfahren habe.
Jedoch können sie Menschen auch davon ablenken, was tiefe spirituelle und esoterische
Arbeit wirklich ist. Es gibt auch viele Gefahren in energetischer, psychischer, physischer
und anderweitiger Hinsicht wenn man versucht einen höheren Zustand des Bewusstseins
durch Drogen zu erzwingen. Chemisch induzierte "Wohlfühlerlebnisse" sind kein Beweis
für die Wahrheit oder ein höheres Bewusstsein.

"Die meisten Menschen die heutzutage an der Spiritualität des Ostens interessiert
sind, begehren das "Erlebnis"/die "Erfahrung", obwohl sie das worauf sie aus sind,
eine intime Gemeinschaft mit Gott nennen mögen. Diejenigen die mit den Standards
und Normen von spirituellen Erfahrungen vertraut sind, die durch disziplinierte
Lehren wie dem Sufismus beschrieben werden, sind üblicherweise entsetzt über die
Art und Weise wie Menschen aus dem Westen jede Erscheinung aus dem Bereich
außerhalb des normalen Bewusstseins herausgreifen und als eine Manifestation des
"Spirituellen" ansehen. Tatsächlich gibt es unzählige Welten in der unsichtbaren Welt;
einige von ihnen sind weitaus gefährlicher als die schlimmsten Dschungel der
sichtbaren Welt . [Al-Arabi selbst sagte:] "So bewahret euch, meine Brüder, vor den
Unglücken dieses Ortes, denn zu unterscheiden ist äußerst schwierig! Seelen finden
es süß, und dann wenn sie drin sind, sind sie hinters Licht geführt worden, da sie
dann vollständig davon verzückt sind."

~ William Chittick, The Sufi Path of Knowledge

Um den Suchenden anzulocken enthält wirksame Desinformation immer einen guten
Anteil an Wahrheit, und genug Lügen um die Person genau davon (Wahrheit/objektive
Realität) wegzulenken und in einer subjektiven Tunnelsicht zu halten. Dasselbe kann von
den vielen Hilf-Dir-Selbst-Gurus gesagt werden und vielen anderen, welche behaupten
den Weg zur Glückseligkeit und zum Überfluss zu kennen. Sie sind hier um dir zu
„helfen, dir selbst zu helfen“, Techniken zu geben wie man Geld, eine erfüllende
Beziehung, den perfekten Job, Liebhaber, usw., anzieht und „manifestiert“, während sie
Millionen an der Verzweiflung der Menschen verdienen, welche nach Glückseligkeit und
nach einem Ausweg suchen.
„Der Mensch braucht Resultate, richtige Resultate, in seinem inneren und äußeren
Leben. Damit meine ich nicht die Resultate nach welchen moderne Menschen
begehren, in ihren Versuchen der Selbst-Verwirklichung. Dies sind keine Resultate,
sondern nur ein Umordnen des vorhandenen psychischen Materials, ein Prozess, den
die Buddhisten *samsara* nennen und unsere Heilige Bibel *Staub*.“

~ Jacob Needleman

Wenn man sich einige dieser Selbsthilfe-"Lehren" genauer anschaut, kann man sehen, dass
sie hauptsächlich an das Ego mit seinen subjektiven und konditionierten Wünschen und
Puffern gerichtet sind. Sie fördern es und drängen darauf, den eigenen Begehren und
Wünschen zu folgen, ohne überhaupt erst einmal wirklich zu verstehen zu versuchen,
woher diese kommen. In gewissem Sinne ist das, was heute als Spiritualität und Arbeit am
Selbst verkauft wird, so ziemlich das Gegenteil von dem, was uns die klassischen
esoterischen Traditionen hinterlassen haben. Es ist eher eine Flucht, ein weiterer Puffer,
um uns daran zu hindern die Welt und uns selbst so zu sehen wie sie ist. Es drängt den
Menschen mehr in die Subjektivität (alles zu ignorieren, was eine "Bedrohung" für das
eigene Glaubenssystem darstellt) seiner bereits konditionierten Persönlichkeit, anstatt sich
in Richtung der Objektivität des realen "Ich" zu bewegen, das nicht versucht der Welt
seinen Willen aufzuzwingen, sondern aus Wissen, Wahrheit, objektivem Bewusstsein
(höherer Bewusstseinszustand) und essentieller Liebe heraus handelt - wobei Liebe keine
emotionale Fixierung ist. Wahre Arbeit am Selbst ist kein Spaziergang im Park, kein
Manifestieren von Wünschen und es ist nicht "seine eigene Realität zu kreieren".

„Es gibt keine Bewusstwerdung ohne Schmerz. Die Menschen werden alles tun, egal
wie absurd, um ihrer eigenen Seele nicht ins Angesicht sehen zu müssen. Man wird
nicht erleuchtet in dem man sich Figuren aus Licht vorstellt, sondern indem
man sich der Dunkelheit bewusst wird.

~ Carl Gustav Jung

Das bedeutet nicht, dass alle prominenten Autoren und Lehrer bewusst täuschen. Sie
können selbst betrogen worden sein und verteilen die Desinformation daher
unwissentlich, selbst wenn ihre Absicht wohlmeinend ist. Viele dieser Leute verstehen
mehr über Marketing und wie man sich selbst verkauft, als über das Verständnis von
spiritueller Arbeit. Es ist nicht alles schwarz oder weiß, sondern Lügen sind mit Wahrheit
vermischt. Unterscheidung ist daher der Schlüssel. Über Tausende Jahre hinweg wurde
die Wahrheit über unsere Welt und die Menschheit unterdrückt, daher wird sie sicherlich
nicht in absehbarer Zeit auf RTL bekanntgegeben.

In seinem Buch Pushing Ultimates: Fundamentals of Authentic Self-knowledge, schreibt Lew
Paz:
„James Hillman, dessen Arbeiten sich tiefgehend mit Jung'schen Archetypen
befassen, betrachtet die meisten therapeutischen New Age Methoden als Versagen
darin, sich mit den wahren Komplexitäten der Seele auseinanderzusetzen. Wir
können diesen Mangel am wesentlichen psychologischen Gewahrsein bei vielen
New Age Autoren und Vorträgen sehen. Obwohl solche Redner im Fachwortschatz
von Hindu und Buddhismus spezialisiert sein mögen, die sich auf die Ebenen des
Bewusstseins beziehen, sprechen nur wenige mit jeglichem Hintergrundwissen über
westliche Kunst, Literatur, Poesie, Wissenschaft, Philosophie, und wie diese
Wissensgebiete dazu beigetragen haben die weiteren Höhen und Tiefen der
heutigen menschlichen Situation hervorzuheben. Viele [New Age Autoren] werden
berühmt weil sie in einem vereinfachendem Stil sprechen und schreiben,
welcher das Komplexe und Beunruhigende in abgepackte Formeln unterbringt,
was es mit dem spirituellem Wachstum angeblich auf sich hat. Dutzende solcher
New Age Autoren könnten ihre Werke in einem großen Band mit dem Titel
zusammenfassen: „Wie man sich der Tiefe seines Seins bewusst wird ohne die
Routine seines komfortablen Lebensstils zu stören.“

~ Lew Paz

Die Notwendigkeit die Wahrheit in sich selbst und der Welt zu suchen und danach zu
handeln, muss von einem selbst kommen. Niemand kann es für einen anderen machen
und niemand kann jemand anderen dazu bringen es zu tun, bevor dieser Mensch nicht
selbst anfängt zu erkennen, wie wertvoll die Zeit ist in der wir leben; und dann beginnt
danach zu handeln und an sich selbst zu arbeiten. Nur wenn der Mensch sich selbst
wirklich kennt, ist er in der Lage etwas zu Tun. Vorher ist der Mensch wie ein blinder
Mann der in einem Porzellan-Laden herumläuft. Der freie Wille ist nicht wirklich frei
solange der Mensch aus seiner konditionierten Persönlichkeit heraus handelt.

Wenn man die Welt in ihrem jetzigen Zeitpunkt betrachtet sieht man Milliarden von
Menschen die sich blind in einem Porzellan-Laden verlaufen haben. Menschen die sich
selbst nicht kennen werden weiterhin in einem selbst-auferlegtem Gefängnis leben, einem
Gefängnis ohne Gitter und Wände, und ihre Führer als „Heilsbringer“ verehren; wie in
einem globalem Stockholm-Syndrom, genau jene verehrend und verteidigend, welche sie
eingesperrt halten. Sie werden zu Werkzeugen der Matrix, davon überzeugt, dass sie
„frei“ sind. Dabei reagieren sie aber nur mechanisch auf externe Einflüsse (planetarische,
soziale, kulturelle) und lebenslange (bzw. über mehrere Leben hinweg) angesammelte
Konditionierungen. Niemand ist davon ausgenommen und diejenigen die am lautesten
schreien, wie "wach", "spirituell" und "bewusst" sie sind, sind in vielerlei Hinsicht
verblendeter als sie selbst in der Lage sind sich einzugestehen. Nichts wird sich verändern,
indem man einfach nur das neueste Verschwörungstheorie-Video postet oder weiterleitet
oder indem man fragwürdige New Age Lehren und bedenklichen gechannelten Aussagen
folgt (welche in den meisten Fällen korrumpiert sind und den Menschen bloß tiefer in den
Schlaf fallen lassen), Meditationen über Licht und Liebe betreibt, nach nachhaltigen
Lösungen strebt oder einfach nur mit ein paar Plakaten und Slogans protestiert. Ja,
manches davon kann Samen der Bewusstheit hervorbringen und pflanzen, jedoch kommt
Veränderung letztlich nur, wenn WIR uns ändern und Lügen von Wahrheit unterscheiden,
innen UND außen. Nur dann werden wir in der Lage sein, die Welt so zu sehen, wie sie
ist, ohne Filter der Verleugnung und Ignoranz, ohne Wunschdenken, falsche Hoffnungen
und falschen Wahrnehmungen auf Grund unseres korrumpierten Seinszustandes. Um die
Wahrheit in der Welt zu erkennen müssen wir die Wahrheit in uns selbst sehen und damit
aufhören uns selbst anzulügen. Nur dann werden wir fähig sein zu wissen was zu tun ist,
und danach zu handeln.
"Versuche einen Moment lang die Idee zu akzeptieren, dass du nicht bist, was du von
dir selbst glaubst; dass du dich überschätzt, sogar dass du dich selbst belügst. Dass
du dich immer, jeden Moment belügst, jeden Tag, dein ganzes Leben lang. Und dass
dich dieses Lügen derart beherrscht, dass du es nicht mehr kontrollieren kannst. Du
bist die Beute des Lügens. Du lügst, überall. Deine Beziehungen mit anderen - Lügen.
Die Erziehung, die du gibst, die Grundsätze - Lügen. Dein Lehren - Lügen. Deine
Theorien, deine Kunst - Lügen. Dein gesellschaftliches Leben, dein Familienleben -
Lügen. Und was du über dich denkst - ebenfalls Lügen.

Aber du hörst niemals auf in dem was du tust, oder in dem was du sagst, weil du an
dich glaubst. Du musst innerlich stehenbleiben und beobachten. Beobachte ohne
Vorverständnis, akzeptiere für eine Zeit die Vorstellung des Lügens. Und wenn du auf
diese Art beobachtest, mit dir selbst zahlst, ohne Selbstmitleid, all deine angeblichen
Reichtümer für einen Moment der Realität aufgibst, vielleicht wirst du dann plötzlich
etwas sehen, das du bis zu diesem Tage noch nie gesehen hast. Du wirst sehen, dass
du anders bist als das, was du bisher von dir gedacht hast. Du wirst sehen, dass du
Zwei bist. Einer, der nicht ist, aber den Platz einnimmt und die Rolle des anderen
spielt. Und der andere ist so schwach, so substanzlos, dass er sich sofort wieder
zurückzieht, wenn er einmal auftauchen sollte. Er kann keine Lügen erdulden. Die
geringste Lüge lässt ihn verschwinden. Er müht sich nicht ab, er widersetzt sich nicht,
er wird von vornherein besiegt. Lerne zu sehen, bis du den Unterschied zwischen
deinen zwei Naturen gesehen hast, bis du die Lügen gesehen hast, die Täuschung in
dir. Wenn du deine zwei Naturen gesehen hast, an diesem Tag wird in dir die
Wahrheit geboren.“

~ aus „First Initiation“ von Jeanne de Salzmann

Krishnamurti sagte vor über einem Jahrhundert:
„Was Frieden bringen wird, ist innere Transformation, welche zu äußerer Handlung
führt. Innere Transformation ist keine Isolation, ist kein Zurückziehen von äußerer
Handlung. Im Gegenteil, die richtige Handlung kann es nur geben, wenn es richtiges
Denken gibt, und richtiges Denken gibt es nicht ohne Selbstwissen. Ohne sich selbst
zu kennen, gibt es keinen Frieden. Ein Ideal ist nur eine Flucht, ein Vermeiden von
dem, was ist, ein Widerspruch zu dem was ist. Ein Ideal verhindert direkte Handlung
auf das, was ist. Um Frieden zu haben, werden wir lieben müssen, werden wir damit
anfangen müssen nicht ein ideales Leben zu leben, sondern die Dinge so zu sehen
wie sie sind und danach handeln, sie transformieren. Solange jeder von uns
psychologische Sicherheit sucht, wird die physiologische Sicherheit, die wir
brauchen, Nahrung, Kleidung und Obdach, zerstört. Einige von euch werden mit
dem Kopf nicken und sagen: „Ich stimme überein“, und nach draußen gehen und
dasselbe machen wie die letzten zehn oder zwanzig Jahre. Deine Übereinstimmung
ist rein verbal und hat keine Bedeutung, die Miseren und Kriege der Welt werden
durch deine beiläufige Zustimmung nicht beendet. Sie werden nur beendet wenn du
dir der Gefahr bewusst wirst, wenn du dir der Verantwortung bewusst wirst, wenn du
es nicht jemand anderem überlässt. Wenn du dir des Leidens gewahr wirst, wenn du
die Dringlichkeit sofortiger Handlung erkennst, und es nicht aufschiebst, dann wirst
du dich selbst transformieren.“

~ Jiddu Krishnamurti
Er hatte Recht. Bis zum heutigen Tag sind die meisten Menschen nur am Nicken, schauen
sich vielleicht "Zeitgeist" an, und gehen dann zurück und "tun" genau dasselbe was sie
schon immer getan haben. Sie bleiben Sklaven ihrer mechanisch konditionierten
Persönlichkeit. In der heutigen Zeit des Übergangs wollen immer mehr Menschen die
"Wahrheit" suchen, immer mehr Menschen scheinen "Wissen" zu wollen. In dieser Zeit der
Transformation IST ohne Zweifel ein Erwachen im Gange. Jedoch befinden wir uns auch
im Zeitalter der Falschheit und der Täuschung und wenn die Menschen sich nicht wirklich
kennen, werden sie "die Realität für Illusion halten und die Illusion für Realität", so wie es
Mouravieff in Gnosis beschrieben hat. Der Begriff „Erwachen“ muss genau betrachtet
werden, denn Menschen können auch mit Leichtigkeit einfach nur in eine andere Form
der Illusion und des Traums hinein „erwachen“, während sie in Wirklichkeit noch
schlafen. Andererseits kann Arbeit am Selbst schnell in eine narzisstische Aktivität
ausarten, wenn man zu sehr in sich selbst aufgesogen ist und/oder kein Netzwerk von
Menschen hat welche ein objektives Feedback und eine Spiegelung geben können.

Caroline Myss "The Consciousness Movement"

Immer wieder behaupten einige Leute, dass die Wahrheit simpel sei und dass man nur
dies oder jenes tun müsse: barmherzig sein, positiv sein, Liebe zeigen, visualisieren, seiner
"Glückseligkeit" folgen, nicht verurteilen, etc... . Viele andere ähnliche Ideale und Worte
werden verwendet, bei denen jeder Mensch ein anderes Verständnis über den Inhalt zu
haben scheint oder einfach nur eine abgespeicherte Definition dieser Worte und Ideale.
Boris Mouravieff gibt einen Einblick darüber in "Simplicity of Truth" (Simplizität der
Wahrheit) in seiner Gnosis Trilogie:
"Wir verlangen oft Einfachheit von esoterischen Lehren, auf Grund des allgemein
anerkannten Grundsatzes, dass die Wahrheit selbst einfach sein muss. Wir schließen
daraus, dass der Zugang zu dieser Wahrheit auch einfach sein sollte, so dass die
Methode die dazu führt leicht assimilierbar sein sollte. Dieses Argument wäre
vollkommen richtig unter der Bedingung, dass wir selbst einfach sind, das heißt,
gerecht in dem Sinne, in dem es im Evangelium verwendet wird. Leider ist dies nicht
der Fall, wegen der Anarchie, die unter unseren "987" verschieden kleinen "Ichs"
herrscht. Ein langer Weg ist zu bewältigen, von unserem verzerrten Zustand der
inneren Unordnung, hin zu unserer ursprünglichen Einfachheit. Dies ist der Weg, der
den Suchenden aus der Wildnis der Unwissenheit zum Licht des Tabors führt. Die
Erfahrung zeigt, dass in der Praxis diese Lehre von der "Einfachheit", wenn es als eine
Maxime betrachtet wird, den Schüler von der engen Pforte und dem schmalen Weg,
der zum Leben führt, abringt. Getrieben von dieser entgegengesetzten Wahrheit,
glaubt dieser Mensch, dass er vor dieser Tür steht, während er sich in
Wirklichkeit - obwohl zweifellos im perfekten Glauben an das Gegenteil - auf
dem breiten Weg befindet, der ins Verderben führt. Diese Lehre der Einfachheit,
die an sich korrekt ist, jedoch falsch interpretiert wird, wird ein Fallstrick für
unsere Herzen, die bereits zu korrupt sind; eine Gefahr die erkannt und
vermieden werden sollte."

Die Frage kommt auf: Wie soll man sich Selbst-Wissen aneignen, um Lügen von der
Wahrheit in sich selbst trennen zu können? Es ist einfach darüber zu reden und die
Notwendigkeit dafür zu erkennen, aber was bedeutet das und wie geht man in der Praxis
vor? Was sind die Techniken und wo soll man anfangen? Boris Mouravieff spricht über die
Arbeit am Selbst und die Stellung des Menschen in "The Parable of the Coach" (Das
Gleichnis der Kutsche):
"In der westlichen Zivilisation wird das Innenleben des Individuums mit all seinen
Reichtümern, zu einer kleinen Rolle in der Existenz verbannt. Der Mensch ist so
gefangen in den Quälereien des mechanischen Lebens, dass er weder die Zeit hat
anzuhalten, noch die Kraft der Aufmerksamkeit hat, die erforderlich ist um seine
mentale Vision auf sich zu kehren. Deshalb verbringt dieser Mensch seine Tage
absorbiert durch äußere Umstände. Die große Maschine die ihn mitschleppt dreht
sich ohne anzuhalten, und verbietet ihm, unter der Androhung zerquetscht zu
werden, anzuhalten. Heute wie gestern und morgen wie heute, erschöpft er sich
schnell selbst in dem hektischen Rennen, das am Ende in die Richtung des
Nirgendwo führt. Das Leben zieht - fast unsichtbar für ihn - an ihm vorbei, so schnell
wie ein Lichtstrahl und der Mensch wird verschlungen, während er immer noch von
sich selbst entfernt ist.

Wenn wir jemanden bitten, der unter diesem ständigen Druck des modernen Lebens
lebt, seine geistige Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten, wird er in der Regel
antworten, dass er nicht genügend Zeit übrig hat, um sich solchen Praktiken zu
unterziehen. Wenn wir darauf bestehen und er es dann versucht, wird er in den
meisten Fällen sagen, dass er nichts sieht: Nebel; Unklarheit. In selteneren Fällen
berichtet der Beobachter, dass er etwas sieht was er nicht definieren kann, weil es
sich die ganze Zeit verändert. Diese letzte Beobachtung ist richtig. In der Tat
verändert sich ständig alles in uns. Ein kleiner äußerer Schock, angenehm oder
unangenehm, glücklich oder unglücklich, ist ausreichend, um unserem inneren
Gehalt ein ganz anderes Aussehen zu geben. Wenn wir diese innere Beobachtung
fortführen, diese Introspektion, ohne Vorurteile, werden wir bald nicht ohne
Überraschung feststellen, dass unser "Ich", auf das wir so konsequent stolz sind, nicht
immer das selbe ist: das "Ich" verändert sich. Wenn sich dieser Eindruck zu definieren
beginnt, fangen wir an uns bewusster darüber zu werden, dass es nicht ein einziges
Individuum ist das in uns lebt, sondern mehrere, die jeweils ihre eigenen
Geschmäcker und eigenen Bestrebungen haben und jedes dieser "Ichs" versucht
seine eigenen Ziele zu erreichen. Plötzlich entdecken wir in uns eine ganze Welt
voller Leben und Farben, die wir bis jetzt fast vollständig ignoriert hatten.

Wenn wir mit dieser Erfahrung noch weiter gehen, werden wir bald in der Lage sein
drei Ströme innerhalb dieses sich ständig bewegten Lebens zu unterscheiden: Das
vegetative (unbewusste) Leben der Instinkte, sozusagen; das des tierischen Lebens
der Gefühle, und schließlich, dass des menschlichen Lebens im eigentlichen Sinne
des Wortes, das des Denkens und Sprechens. Es ist fast so, als gäbe es drei Menschen
in uns, die alle in außergewöhnlicher Weise miteinander verflochten sind. So lernen
wir den Wert der Selbstbeobachtung als Methode der praktischen Arbeit zu
schätzen, die es uns ermöglicht uns selbst zu erkennen und zu werden. Während wir
allmählich voranschreiten, werden wir uns der realen Situation, in der wir uns
befinden, deutlich bewusster.... "

Der russische Mystiker G. I. Gurdjieff sprach darüber, dass der Mensch eine Maschine ist
und dass er eine "Seele" bilden muss, bzw. höhere Zentren aktivieren, durch
Anstrengungen und bewusste Arbeit am Selbst, um die einzelnen Zentren in sich zu
vereinen, so dass sie alle in Harmonie und im richtigen Verhältnis zueinander arbeiten.
Dies passiert nicht einfach von sich selbst. Es gibt keine Evolution des Bewusstseins, wenn
es keine bewussten Anstrengungen gibt. Er bestand darauf, das der Mensch überhaupt
nichts "tut", weil er sich selbst nicht kennt und alles was ein solcher Mensch "tut" nur
mechanische Reaktionen auf äußere Einflüsse und Konditionierungen sind, bis er beginnt
an sich selbst zu arbeiten.
"Menschen sind Maschinen. Maschinen sind blind und unbewusst, sie können nicht
anders sein. Denn alle Handlungen müssen ihrer Natur entsprechen. Alles geschieht,
niemand tut irgend etwas. ‘Fortschritt’ und ‘Zivilisation’ in der wirklichen Bedeutung
dieser Worte können nur das Ergebnis bewusster Anstrengungen sein. Sie können
nicht das Resultat unbewusster und mechanischer Handlungen sein. Und was für
bewusste Anstrengungen kann es in Maschinen geben? Und wenn eine Maschine
unbewusst ist, dann sind auch hundert Maschinen unbewusst, und ebenso tausend,
hunderttausend oder eine Million. Und die unbewusste Geschäftigkeit von einer
Million Maschinen muss notwendigerweise in Zerstörung und Ausrottung enden. In
eben diesen unbewussten, unwillkürlichen Handlungen liegt die Wurzel allen Übels.
Sie können sich jetzt noch nicht alle Folgen dieses Übels vorstellen oder verstehen.
Aber die Zeit wird kommen, wo Sie verstehen werden.

Die Evolution des Menschen kann beschrieben werden als die Entwicklung der
Kräfte und Möglichkeiten in ihm, die sich niemals von selbst entwickeln, das heißt,
mechanisch. Nur diese Art von Entwicklung, nur diese Art von Wachstum markiert
die tatsächliche Entwicklung des Menschen. Wenn man von Evolution spricht, ist es
notwendig von Anfang an zu verstehen, dass eine mechanische Evolution nicht
möglich ist. Die Evolution des Menschen ist die Entwicklung seines Bewusstseins.
Und 'Bewusstsein' kann sich nicht unbewusst entwickeln. Die Evolution des
Menschen ist die Entwicklung seines Willens und "Wille" kann sich nicht unwillkürlich
entwickeln. Die Evolution des Menschen ist die Entwicklung seiner Kraft etwas zu tun
und etwas zu "tun" kann nicht das Resultat von Dingen sein die 'einfach nur
geschehen'.

Die Leute wissen nicht
was der Mensch ist. Sie
haben es mit einer sehr
komplexen Maschine zu
tun, weitaus komplexer
als der Motor einer
Lokomotive, eines Autos
oder eines Flugzeugs -
aber sie wissen nichts
oder fast nichts über den
Aufbau, die Arbeitsweise
oder die Möglichkeiten
dieser Maschine; sie
verstehen noch nicht
einmal die einfachsten
Funktionen dieser
Maschine, weil sie den
Zweck dieser Funktionen
nicht kennen.
[...] "Du denkst oft in einer sehr naiven Weise" sagte [Gurdjieff] . "Du denkst bereits,
dass du tun kannst. Diese Überzeugung loszuwerden ist für den Menschen
schwieriger als alles andere. Du verstehst nicht die ganze Komplexität deiner
Organisation, und du erkennst nicht, dass jede Anstrengung, zusätzlich zu den
erwünschten Ergebnissen, auch wenn diese eintreffen, zu Tausenden von
unerwarteten und oft unerwünschten Ergebnissen führt. Und die Hauptsache die du
vergisst ist, dass du nicht am Anfang anfängst mit einer schönen, sauberen, neuen
Maschine. Hinter dir stehen viele Jahre eines falschen und dummen Lebens, der
Nachsicht gegenüber jeder Art von Schwäche, deine Augen verschließend vor
deinen eigenen Fehlern, danach strebend alle unangenehmen Wahrheiten zu
vermeiden, der Realität, dass du dich ständig selbst belügst, der
Selbstrechtfertigung, andere zu beschuldigen und so weiter, und so weiter. All das
kann nicht helfen einen Einfluss auf die Maschine auszuüben. Die Maschine ist
schmutzig, stellenweise rostig und an einigen Stellen haben sich künstliche
Vorrichtungen gebildet, deren Notwendigkeit durch deine eigene falsche Art des
Arbeitens kreiert wurde. Diese künstlichen Vorrichtungen werden sich nun sehr stark
in alle deine guten Absichten einmischen. Man nennt sie "Puffer". "

~ G. I. Gurdjieff aus Auf der Suche nach dem Wunderbaren von P. D. Ouspensky

Die Lösungen, welche dieser Tage von verschiedenen „Bewusstseins-Bewegungen“ und
anderen Menschen mit guten Absichten präsentiert werden, sind nicht schlecht an sich.
Indem jedoch die notwendige tiefere Arbeit am Selbst ausgelassen wird (nach Objektivität
und Wahrheit im Innen und Außen zu streben), welche benötigt wird, um „die Veränderung
zu sein“, wird sich nichts fundamental ändern, und so werden viele dieser Lösungen zu
Luftschlössern. Es handelt sich auch um eine Vorbedingung, um die Wahrheit in der Welt zu
suchen, denn das eigene "Instrument der Wahrnehmung" muss fein abgestimmt sein um
Lüge von Wahrheit unterscheiden zu können. Aufrichtige Arbeit am Selbst geht Hand in
Hand mit dem Betrachten globaler Probleme, welche von vielen selbst ernannten
„bewussten“ Menschen, die eine bessere Welt wollen, ignoriert werden. Sei es 9/11,
Zionismus, Psychopathie und Ponerologie, die Lüge der Globalen Erwärmung,
gesunde/ethische Ernährung, die Wahrheit über Tabak, das UFO-Phänomen, zyklische
Kataklysmen und viele andere Geheimnisse der Gegenwart und Vergangenheit. Es gibt viel
mit dem wir uns auseinandersetzen müssen bevor sich irgend eine Form des „Goldenen
Zeitalters“ manifestieren kann. Das A und O ist die Unter-drückung von Wissen. Es gibt
Fallen und Sackgassen auf dem Pfad zum Erwachen, und es gibt Kräfte, die ihr Bestes tun,
um die Menschheit weiter am schlafen zu halten. Es ist kein Zufall, dass in den heutigen
spirituellen Bewusst-seins- und New-Age-Bewe-gungen viel von diesem entscheidenden
esoterischen Wissen herausgefiltert wurde und nur schwer aufzufinden ist. Wissen schützt,
Ignoranz gefährdet.

„Das Ziel jeder esoterischen Arbeit muss das der Objektivität sein, zuerst im
Verständnis von uns selbst, und dann, während unsere Filter und Programme sich
lösen, im Verständnis von der Welt. Eine wahre esoterische Lehre wird sich daher
nicht nur auf das „Erkenne dich Selbst“ konzentrieren, sondern auch Wissen über die
Realität der Realität lehren. Wenn der eine oder andere dieser Aspekte in einer Lehre
fehlt, kann man sicher sein, dass sie unvollständig ist. Und eine unvollständige Lehre
ist gefährlich, selbst wenn dies durch Unwissenheit oder Unbewusstheit des Lehrers
verursacht wird.“ ~ Henry See, aus „Spiritual Predator: Prem Rawat AKA Maharaji“
DIE SUPPE MUSS SCHARF SEIN. WAR GURDJIEFF EIN
ZEN-MEISTER? 22

Von Bruno Martin

Zen ist die besondere Weitergabe der Lehre außerhalb der buddhistischen Schriften. Wie
bei allen Meistern, die Schriften hinterlassen haben, gibt es auch bei G. I. Gurdjieff (1866-
1949), der eine "Schule des Augenblicks" Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den
Westen brachte, eine Weitergabe seiner Lehre "außerhalb der Schriften". Bruno Martin
lehrt seit über 30 Jahren Gurdjieffs Methode und entdeckte, dass diese Methode im
Wesentlichen der Zen Lehre entspricht. Der folgende Beitrag beleuchtet diesen
unbekannten Aspekt.

Zitat: "Schülerin: Diese Suppe ist aber scharf. Gurdjieff: Jede gute Sache ist scharf - das muss so
sein."

G. I. Gurdjieff verabscheute alles "laue". Immer wieder betonte er: "Wenn du etwas machst,
dann mache es gut. Gebe dich rückhaltlos hin. Etwas, das genau werden soll, muss präzise
bearbeitet werden - das gilt auch für den Menschen. Arbeit sollte kein Wunsch sein, sondern
eine Notwendigkeit. Suche dir eine Aufgabe, die dir etwas abverlangt." Wenn wir etwas tun, so
seine Lehre, dann sollten wir es mit Ausdauer verfolgen. Seine berühmte Geschichte des
kaukasischen Bauern, der ihm unbekannte, leuchtend rote Früchte auf dem Markt kaufte,
ist ein bildhaftes Beispiel dafür. Als der Mann auf dem Weg nach Hause eine Rast einlegte
und einige dieser "Früchte" verzehrte und dabei die volle Schärfe einer Chilischote erfuhr,
aß trotzdem weiter: "Ich werde nicht aufhören", sagte er zu einem Mitwanderer. "Habe ich doch
meine letzten sechs Groschen dafür bezahlt! Und müsst ich selbst meine Seele aufgeben, ich
würde weiter essen." Einige große Zen Meistern verhielten sich ebenso kompromisslos. Der
Zen Meister Gutei hatte die Angewohnheit, alle Fragen seiner Schüler zu beantworten,
indem er einfach einen Finger hob. Eines Tages bat ein Besucher einen der Schüler, ihm die
zentrale Lehre seines Meisters zu erläutern. Als Antwort imitierte der Schüler den Meister
und hielt einen Finger hoch. Gutei hörte davon, rief den jungen Mann zu sich und schlug
ihm plötzlich den Finger ab. Als der Schüler mit Schmerzen davonrannte, rief ihn der
Meister zurück. Der Schüler drehte sich um und sah, wie der Meister seinen Finger hob. Es
wird erzählt, dass der Schüler so seine Erleuchtung erfuhr. Heute würde Gutei wohl einen
Schadenersatzprozess am Hals haben... Meister Hakuin kommentierte den zentralen
philosophischen Gedanken des Zen "Form ist Leere, Leere ist Form" mit den Worten:
"Schund! Was für ein nutzloser Haufen Schrott! Versucht nicht, Affen beizubringen, wie man auf
Bäume klettert! Diese Ware liegt seit zweitausend Jahren in den Regalen und eignet sich nur als
Staubfänger."

Zen ist radikal. Es fordert die Menschen auf, die Welt immer wieder auf neue Weise zu
sehen. Gerade die chinesische Linie des Ch'an war "Down-to-Earth". Das Leben eines
Mönches bestand aus harter körperlicher Arbeit. Er schlief und meditierte auf derselben
Matte, flickte seine Robe und pflanzte Gemüse an. Seine Lehrer teilten die Arbeit mit ihm.

22 https://web.archive.org/web/20110102113314/http://www.gurdjieff-internet.com/article_print.php?ID=248&W=46
Die Verehrung von Buddha Figuren und komplexen Ritualen wurde vollkommen
abgelehnt, und gelegentlich ging dieses Verhalten so weit, dass alle "heiligen" Schriften
verbrannt wurden, denn nicht das auswendig gelernte Wissen zählt, sondern die eigene
Erkenntnis. Während seiner berühmten rituellen Mahlzeiten mit den "Toasts auf die Idio-
ten" praktizierte Gurdjieff dasselbe Prinzip. Wer etwas über sich erfahren wollte, musste
trotz reichlichem Genuss von Wodka hellwach im Augenblick sein. Wer es wagte eine
theoretische Frage zu stellen, wurde von Gurdjieff als "Stück Scheiße" bezeichnet. Es heißt,
dass Zen die besondere Weitergabe der Lehre des Buddha außerhalb der Schriften sei.
Deshalb soll die Zen Lehre mit der Blumenpredigt des Buddha begonnen haben, als er in
seiner wortlosen "Blumenpredigt" statt zu sprechen einfach eine Blume hochhielt. Sein
Schüler Kashyapa lächelte und zeigte dem Buddha dadurch, dass er in diesem Augenblick
Erleuchtung erfahren hatte. Die Lehre des Zen wird also viel mehr "von Herz zu Herz"
und nicht durch Worte weitergegeben. Das praktizierte Gurdjieff auch in der Weitergabe
seiner Lehre. Wie bei allen Meister, die auch Schriften hinterließen, bauten sich viele seiner
Schüler ein Gefängnis aus seinen Worten. Gurdjieff ist längst gestorben, andere Meister
auch.

"Wollt ihr die Dinge richtig sehen können, dann lasst Euch von niemandem verwirren. Wer
immer euch begegnet, außerhalb oder innerhalb von euch, den tötet sofort. Trefft ihr Buddha,
dann tötet ihn. Trefft ihr einen alten Meister, tötet ihn. Befreit euch von allem, dann wird nichts
mehr euch behindern. Löst euch von allem los und seid unabhängig." Lin-chi (Rinzai)

Zen ist eine "Schule des Augenblicks", die in jeder Situation und jeder Zeit immer wieder
von kreativen Geistern neu belebt wird. Der Meister Basho (1644-1694) sagte dazu: "Suche
nicht den Weg der Vorfahren, suche das, was auch sie gesucht haben." Diese Idee wird
durch eine der drei "großen Qualitäten" des Zen-Schulungswegs ausgedrückt, dem
"Großen Zweifel". Die Idee dahinter besagt, dass das Leben immer als Frage zu verstehen
ist, die noch der Antwort harrt, das Geheimnis unseres Lebens und des Kosmos
anzuerkennen und dieses Geheimnis unermüdlich und mit fester Absicht enthüllen zu
wollen. Dazu gehört die zweite Qualität der "großen Entschlossenheit", der Wille,
regelmäßig und mit bewusster Entschlossenheit zu üben und hart daran zu arbeiten, alle
Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die unsere Erkenntnis verstellen. Es ist auch die
Entschlossenheit, sich für die Bedürfnisse aller Mitwesen zu sensibilisieren und Mitgefühl
für sie zu entwickeln. Das alles wird möglich durch die dritte Qualität des "großen
Glaubens", dass in allen Wesen die Buddha Natur innewohnt, dass wir Erleuchtung
erfahren und unsere wahre Natur "sehen" können.

"Wenn nicht angespornt, kein Erwachen; wenn nicht in die Enge getrieben, kein Durchbruch."
Zen-Weisheit

Wie im Zen ist auch bei Gurdjieff der Alltag und das "gewöhnliche" Leben das große
Übungsfeld. Erleuchtung kann überall und in jeder Situation aufblitzen. Der große
Interpret des Zen, D.T. Suzuki, bringt den Zen Weg auf den Punkt: "Das Ziel der Zen
Übungen ist das Erreichen eines neuen Blickpunktes für die Einsicht in das Wesen der Welt... Du
und ich, wir leben scheinbar in der glei-chen Welt, aber wer kann sagen, ob das Ding, das wir
gemeinhin einen Stein nennen, für uns beide dasselbe ist?" Die Erreichung dieses neuen
Blickpunktes im Zen heißt Satori (wu im Chinesischen). Ohne Satori gibt es kein Zen, denn
das Leben des Zen beginnt mit der Erfahrung des Satori. Satori enthüllt eine "neue Welt".
Suzuki: "Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem Inneren jedes einzelnen.
Wir sind selbst unsere Lehrer. Zen weist nur den Weg." Satori löst die Identifizierung mit dem
Verstand, den Gefühlen und dem Körper und öffnet so den Weg zur direkten Erfahrung
der Einzigartigkeit des eigenen Wesens. Es ist nicht die Lehre, die zu einem Ziel führt.
Lehren sind "der Fingerzeig, der zum Mond weist". Dabei darf der Finger nicht mit dem
Mond verwechselt werden. Zen und andere kreative Lehren zeigen nur einen Weg: den
Weg zur Wirklichkeit. Wirklichkeit ist nicht irgendwo, sondern immer hier, bei uns und
mit uns. Es geht darum, das zu erkennen, was bereits vorhanden ist, was wir sind und was
wir immer waren: der erleuchtete Geist. In diesem Sinne kann die Erweckung des
erleuchteten Geistes kein Ziel sein, da er immer in allem gegenwärtig ist. Der Zen-Weg ist
der Weg des Lebens mitten im Leben. Die Entdeckung der Wirklichkeit oder des So Seins
liegt direkt vor unseren Augen. Jeder Augenblick unserer Existenz ist die Wirklichkeit des
Lebens. Die "äußere" Welt ist deshalb nicht getrennt von uns, sie ist auch unsere "innere
Welt". Jede wache Wahrnehmung des Seins wird in und von unserem unbewegten Geist
erfahren. Ohne die Aktivität unseres eigenen Geistes gibt es keine Erscheinungen, keine
Wirklichkeit, keine Welt.

"Der Himmel ist immer der Himmel. Wenn auch Wolken und Blitze kommen, der Himmel ist nicht
verwirrt." Shunryu Suzuki

Die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erkennen und zu erwachen, die eigentliche
Bedeutung des Begriffes satori, bietet sich zu jeder Zeit. Zen lädt deshalb ein, die Augen zu
öffnen, um die Vielfalt und Schönheit des Lebens immer wieder neu zu entdecken. Das
beinhaltet zugleich, unserem Bewusstsein nicht zu erlauben, sich von der Einsicht und
dem Erkennen ablenken zu lassen, weder an etwas anzuhaften, noch sich selbst zu
vergessen. Weisheit oder Erkennen ist dabei die Einsicht in das eigene, wahre Selbst
jenseits der Verhaftungen an die Alltagspersönlichkeit. "Sehen" ist die Erfahrung des
unbewegten Selbst, die Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit. Das chinesische
Schriftzeichen Wu - das meist als "Erleuchtung" übersetzt wird - besteht aus dem Begriff
"Herz" bzw. Geist, das synonym damit ist, und aus dem Begriff mein. Das Schriftzeichen
bedeutet also: "In meinem eigenen Herzen fühlen" oder "in meinem eigenen Geiste
erfahren". Diese Erkenntnis führt zum Gedanken der Nichtverhaftung weder an etwas noch
an nichts. "Wenn alles leer ist, findet kein Halten an etwas statt". Der Schluss, den der
große Zen-Meister des 7. Jhdt. Hui-Neng, der Begründer der "Schule der plötzlichen
Erweckung", daraus zieht ist, dass Zen (vom indischen Dhyana, d.h. Meditation abgeleitet)
nichts mit Sitzen in Meditation zu tun hat, sondern vielmehr Handeln, Bewegung,
Vollbringen von Taten, Sehen, Hören, Denken und Erinnern ist. Dhyana - also Zen - wird
mitten im Leben erlangt, denn Einsicht und Handeln sind gleich.
Schüler: "Was soll ich tun, wenn da immer noch der Schatten eines Zweifels übrig ist?" Meister:
"Selbst Einheit, wenn man sich an sie klammert, liegt weit vom Ziel."

Zen in diesem Sinne kann deshalb auch keine reglementierte oder sogar klösterliche Lehre
sein, es findet mitten im Leben statt. Zen ist in erster Linie pragmatisch und praktisch.
Hier trifft es sich mit der Lehre von Gurdjieff. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass
die "Schule des Augenblicks" als Zen Weg die eigentliche Lehre Gurdjieffs "außerhalb
seiner Schriften" ist. Wenn man mit einem neuen Blick an die Lehre Gurdjieffs herangeht,
kann man entdecken, dass er ein "Zen Meister" war, auch wenn er nicht in der
"klassischen" Zen Tradition stand. Doch seine Art zu leben und zu lehren entspricht der
Art der großen "verrückten" Meister aller Traditionen. Ich vermute sogar, dass er auf
seinen Reisen in die Mongolei und nach Tibet direkt oder indirekt (über einige Sufi
Meister in Taschkent) mit der chinesischen Zen-Tradition in Verbin-dung kam.
Wegweisende Lehrer leben und lehren den Zen mit einem unabhängigen, kreativen Geist.
Wie mit dem Finger, der auf den Mond weist, sollte man jedoch die Lehren eines "großen
Meisters" nur als Wegzeiger nehmen und nicht als fertiges System. Gurdjieff versuchte,
wie viele vor und nach ihm - man denke nur an Osho - den "Weg der weißen Wolke" (chin.
Dao) für einen westlichen Menschen im Alltag gangbar machen.

"Der Mensch muss einsehen, dass er nicht existiert; er muss einsehen, dass er nichts verlieren
kann, weil er nichts zu verlieren hat; er muss seine Nichtigkeit im vollen Sinne des Wortes
einsehen." G. I. Gurdjieff

Könnte dieses Zitat nicht auch von einem der Zen Meister stammen? Entkleide ich die
Lehre Gurdjieffs von allen Theorien, die mir die Sicht verstellen, schälen sich drei
wesentliche Pfeiler heraus: Selbst-Studium, Selbst-Beobachtung und Selbst-Erinnerung.
Diese entsprechen den drei Pfeilern des Zen - Lehre, Übung, Erleuchtung. Gurdjieffs
Begriffe mögen in die Zeit der Anfänge der Freudschen Psychologie gepasst haben, heute
jedoch können sie von den meisten "egokratisch" inter-pretiert werden. Die Menschen
beschäftigen sich immer stärker nur "mit sich selbst". Dabei ist das Gegenteil gemeint:
"Selbst-Studium ist die Arbeit oder der Weg, der zur Selbstkenntnis führt." Damit ist nicht die
egozentrische Per-sönlichkeit gemeint, sondern das "wahre" Selbst des Menschen,
unbekleidet von allen Äußerlichkeiten der angelernten Verhaltensweisen, der vielen Mas-
ken, die wir angenommen haben. "Negative Gefühle wie Neid, Angst, Ärger usw." sagt
Gurdjieff, "sind nützlich, denn sie zeigen uns etwas, was wir sonst nicht kennen würden. Doch
wir müssen uns davon distanzieren, damit sie nicht in unserem Wesen bleiben." Selbst-Studium
bedeutet so, alle menschli-chen Eigenschaften zu studieren, um schließlich das wahre
Wesen zu erkennen. In die Sprache des Zen übersetzt bedeutet Selbst-Studium die
Erweckung des "forschenden, offenen Geistes". Wenn wir Mensch und Welt mit offenen
Augen betrachten, wird uns deutlich, dass das menschliche Leben und das Universum
eine Gemeinsamkeit haben: sie sind eine riesige Bühne, auf der ein Schauspiel voll
unendlich komplizierter Wechselwirkungen aller Kräfte aufgeführt wird - und wir
Menschen sind ein Teil dieser Aufführung. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen
Tatbestand: Zwei Mönche diskutierten über das Flattern einer Fahne im Wind. Einer
behauptete, dass sich die Fahne bewegte, der andere meinte, es wäre der Wind. Der
Meister, der ihnen zuhörte, schnitt diesen Dualismus durch: "Es bewegt sich weder die
Fahne noch der Wind. Was sich bewegt, ist euer Geist."

Um zur eigenen Einsicht in derartige Phänomene zu gelangen, ist ein offener, forschender
Geist des Übenden notwendig, der alle Erscheinungen und Verhaltensweisen studiert,
auch die Erforschung des Körpers, des Gehirns und der Welt, um schließlich zur
Erkenntnis der Wirklichkeit des Seins durchzustoßen. Bewegt sich unser Geist tatsächlich
Der eigentliche Übungsweg ist die Selbst-Beobachtung. "Die Selbst-Beobachtung bringt den
Menschen zur Einsicht in die Notwendigkeit der Selbst-Wandlung. Und während er sich
beobachtet, bemerkt er, dass die Selbst-Beobachtung an sich schon verschiedene Wandlungen
in seinen inneren Vorgängen hervorruft. Er beginnt zu verstehen, dass die Selbst-Beobachtung
ein ... Mittel zum Erwachen darstellt." (G. I. Gurdjieff)

Doch was ist "Selbst-Beobachtung"? Im Zen wird die Frage gestellt: "Wenn du deinen Geist
beobachtest, wird du bemerken, dass es zwischen den Gedanken Momente gibt, in denen
der Geist frei von allem ist. Und doch ist etwas da. Was kann das sein?" Solange ein Teil
meiner Persönlichkeit, die vielen, verän-derlichen "Egos" in meinem Kopf, andere Teile
dieser Persönlichkeiten "beo-bachtet", dreht sich alles nur um "mich selbst". Diese Art, sich
"selbst zu se-hen" wurde inzwischen zur Volkskrankheit. Ich ziehe deshalb den Begriff
"Übung der Bewusstheit" oder "Übung der Aufmerksamkeit" vor. Achtsamkeit ist die
eigentliche Meditation, Dhyana, japanisch Zenna. Dhyana hat die Sprach-wurzel dhi,
wahrnehmen, nachdenken, kontemplieren, den Geist auf einen Gegenstand richten.
Dhyana heißt also den Geist sammeln, die Gedanken nicht abschweifen lassen.
Aufmerksamkeit geht im Zen wie bei Gurdjieff nur zusammen mit bewusster,
entschlossener Anstrengung. Aufmerksamkeit ist das besondere Instrument des Willens
zur direkten Wahrnehmung von allem was ist und so wie es ist, ohne irgendeine
Bewertung. Aufmerksame Wahr-nehmung ist das "Organ" des Geistes. Ohne
Aufmerksamkeit nehmen wir die Welt nicht wahr und sind in diesem Moment nicht-
existent, wir leben nicht, sondern "werden gelebt". Diese bewusste Achtsamkeit sollten wir
entwickeln, damit wir jeden Moment unseres Lebens mit wachem Bewusstsein erleben.
Wir sind uns dann bewusst, wie wir sitzen, gehen, stehen, liegen, arbeiten. Dazu gehört
auch die Bewusstheit des eigenen Körpers und des Atems. Bewusstes Atmen hat noch eine
andere, weitere Bedeutung, die besonders im Tao-Yoga und bei Gurdjieff akzentuiert wird.
Die Lebenskraft, Qi, die wir mit dem bewussten Atmen aufnehmen, verbindet Geist und
Körper. Durch Selbst-Beobachtung gelingt es allmählich, den Kreislauf der Verhaftungen
zu durchbrechen und in den Zustand der Selbst-Erinnerung zu gelangen. Leider hat der
Begriff "Selbst-Erinnerung" nur Verwirrung gestiftet. Ich halte es für hilfreicher diesen
Zustand des bewussten Gewahrseins als "Selbst-Innewerden" zu bezeichnen. Zen Meister
sagen, dieser Zustand ist immer gegenwärtig in allem was geschieht. Doch um in diese
"Erleuchtung" oder "Erweckung" des Geistes zu kommen, ist es notwendig, alle Umstände
klar zu erkennen, die einem davon abhalten. Dazu gehört vor allem Identifikation
(Gurdjieff) oder Anhaftung (Zen). Anhaftung geschieht ständig: Menschen identifizieren
sich mit ihrem Aussehen, ihrem Beruf, ihrer Rolle in der Familie, mit Gurus oder
"Erleuchteten". Sie identifizieren sich mit ihrem Erfolg, mit ihrem Wissen, mit ihrer
Erfahrung, mit ihren Gefühlen. Deshalb sagt Gurdjieff: "Ein Mensch, der sich mit irgend
etwas identifiziert, kann sich nicht selbst erinnern." Wer kann diese Umstände und
Hindernisse erkennen? Das kann nur der freie, unbewegte Geist bzw. das "wahre" Selbst.
Die Inhalte der Zen-Lehre und der Lehre Gurdjieffs unterscheiden sich für mich nur in
Details und der Form der Darstellung. Im Wesentlichen zielen sie in dieselbe Richtung. Zu
allen Zeiten gab es "Erleuchtete" und freie Geister, die sich von den strengen Regeln des
klösterlichen Zen frei machten und eigene Wege gingen. Teilweise waren sie so
ungewöhnlich, dass man sie "verrückte Wolken" nannte. Bei ihnen schwang der kreative
Geist des Zen am stärksten mit. Deshalb verstehe ich eine "Schule des Augenblicks" wie
den Zen Weg in dieser Mischung von Selbstdisziplin in der Übung und offenem
Forschergeist, der immer neue Einsichten gewinnen will. "Zen der plötzlichen
Erleuchtung" bedeutet für mich zu lernen, aus dem Dualismus des Denkens und
gewohnten Wahrnehmens auszubrechen, an nichts zu verhaften und im So-Sein oder
Selbst-Geist unbewegt zu bleiben.

"Die Natur des So-Seins ist unser ursprünglicher Geist, dessen wir uns bewusst sind. Und doch
gibt es weder denjenigen, der sich eines Dinges bewusst ist, noch dasjenige, dessen er sich
bewusst ist." (D.T. Suzuki)

Der Unterschied zwischen den Anhängern des Dhyāna, d.h. in der Meditation sitzen und
auf Erleuchtung zu warten, und der Richtung des Prajña, im Bewusstsein zu erwachen,
liegt im Verstehen, dass die Erweckung (Satori) nie als ein Erreichen oder Vollenden als
Folge von Bemühungen betrachtet wird. Da es kein Erreichen in der Erweckung der
Einsicht in die Selbstheit gibt, kann es auch kein Verweilen darin geben. Kein Erreichen,
also auch kein Festhalten. Wenn der unbewegte Geist in allen Verhältnissen klar bleibt, ist
das Zen. Der Übungsweg des Zen - ebenso wie der Übungsweg Gurdjieffs - besteht
letzten Endes darin zu lernen, unbewegt von irgendeiner Verhaftung an eine weltliche
Persönlichkeit oder eine Identifikation mit irgend etwas die Wirklichkeit zu erkennen.
Jedes direkte Erkennen, das in keiner Weise verhaftet bleibt, ist eine Erweckung des
Geistes, also Erleuchtung. Die "Erweckung" des leuch-tenden Geistes geschieht immer
blitzartig, plötzlich. Das bedeutet auch, dass wir plötzlich wieder "schlafen" und die
"Erleuchtung" nur eine Erinnerung bleibt. Niemand ist davon ausgenommen. Je häufiger
wir in die Wirklichkeit erwachen, um so öfter können wir in der Wachheit des Geistes sein,
die immer da ist, aber von unserem Alltagsbewusstsein unbemerkt bleibt. Wahrscheinlich
besteht das Quiz des Lebens darin, "Erleuchtungspunkte" zu sammeln, damit die
Kontinuität des erleuchteten Bewusstseins immer öfter erfahren werden kann.
Irgendwann wachen wir dann nicht mehr gelegentlich ins Bewusstsein auf, sondern die
Erleuchtung weckt uns auf.
ACHTSAMKEIT UND AUFMERKSAMKEIT 23

Achtsamkeit ist das Wunder, das auf einen Schlag unseren zerstreuten Geist
zurückrufen kann, ihn wieder ein Ganzes werden lässt, so dass wir jede kostbare
Minute unseres Lebens wirklich leben. Thich Nhat Hanh

Wir können das Wirken der Intelligenz nicht ohne Aufmerksamkeit wahrnehmen. Um
intelligent handeln zu können sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die
Schlüsselfaktoren. Darüber hinaus ist es kaum möglich, viele der alltäglichen
Anforderungen ohne ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit zu erledigen. Ein Chirurg
muss ausreichend wach und aufmerksam sein, um genau zu arbeiten und keine Fehler zu
machen – aber er muss auch in der Lage sein, in vielen Situationen intelligente
Entscheidungen zu treffen. Ein Autofahrer muss nicht nur auf die eigene Fahrweise
achten, er muss auch die anderen Verkehrsteilnehmer beachten. Ein Musiker muss nicht
nur ein feines Gehör haben, sondern braucht konzentrierte Aufmerksamkeit für die
erforderliche Qualität seiner Darbietung und des Spielens seines Instruments. Eine
Buchhalterin muss darauf achten, keine verkehrten Zahlen in die Tabellen einzugeben. Ein
Pilot muss trotz Computerunterstützung hoch konzentriert sein. Bei vielen Aktivitäten
führt mangelnde Aufmerksamkeit nicht nur zu Fehlern, sie kann auch zu Gefährdungen
und Unfällen führen. Zerstreuung und Unachtsamkeit kommen häufiger vor als man
denkt, werden jedoch selten bewusst gemacht. Glücklicherweise sind die meisten
Menschen für ihre besondere berufliche Anforderung gut trainiert, so dass sie konzentriert
arbeiten können und ausreichend Aufmerksamkeit für die jeweilige Aufgabe haben. Im
Alltag jedoch nimmt man die Aufmerksamkeit nicht so wichtig und daher lassen sich viele
leicht zerstreuen und ablenken. Wir nehmen meist nicht wahr, wie unsere
Aufmerksamkeit unwillkürlich von etwas angezogen oder abgelenkt wird, ohne dass wir
dies bemerken oder beachten. Insgesamt lässt in allen Lebenslagen unsere Konzentration
schnell nach. Selten sind wir in der Lage, uns auf eine Sache zu konzentrieren und
gleichzeitig noch eine andere Sache im Auge zu behalten. Bei einem Orchesterkonzert
hören wir meist entweder nur die Musik als Ganzes, aber können nicht noch die
Einzelinstrumente und die anderen Zuhörer gleichzeitig wahrnehmen. Manchmal
erwischen wir uns auch dabei, dass wir etwas Bestimmtes vorhatten und dann plötzlich
wieder vergessen. Es kommt häufig vor, dass wir nicht mehr wissen, wo wir unsere Brille
oder die Autoschlüssel hingelegt haben.

Auch wenn Achtsamkeit und Aufmerksamkeit meist gleichbedeutend gebraucht werden,
möchte ich hier eine kleine, aber wichtige Unterscheidung einführen. Achten, beachten,
auf Dinge achten, achtsam mit einer Sache umzugehen oder ein achtsames Verhalten zu
Pflanzen, Tieren und Menschen zu haben, auf ihre Bedürfnisse zu achten und vieles mehr
verwende ich für eine erweiterte Aufmerksamkeit insbesondere auf die äußere Welt.
Aufmerksamkeit im Besonderen ist die Fähigkeit, etwas zu bemerken, sich zu
konzentrieren und absichtsvoll mit wachem Bewusstsein zu handeln. Aufmerksamkeit
bezeichnet außerdem die Fähigkeit, nach „innen“ zu schauen, zum Beispiel den eigenen
Körper, die eigenen Gefühle und Gedanken wahrzunehmen – und sogar gleichzeitig sich
23 http://www.gurdjieff-work.de/pages/artikel.html
selbst und die Umwelt wahrzunehmen. Aufmerksamkeit kann in jeder Situation entweder
selektiv, konzentriert, erweitert, geteilt und anhaltend sein, manchmal sogar alles zugleich,
während Achtsamkeit eine sensitive Wachheit, Einfühlungsvermögen und ein feines
Gespür für eine Situation bezeichnet. Tatsächlich mangelt es uns an beidem. Wenn wir uns
dieser Sachlage bewusst werden, können wir etwas dagegen – oder besser: dafür tun.
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit lassen sich trainieren, wenn wir es wollen.

Aber warum ist die Ausbildung dieser Fähigkeiten auch außerhalb spezieller sachlicher
Notwendigkeiten so wichtig? Eine verfeinerte Achtsamkeit im Allgemeinen und eine
stärkere und erweiterte Aufmerksamkeit im Besonderen führen zu einer höheren
Lebensqualität. Mehr Achtsamkeit in allen Lebensbereichen kann das Leben erleichtern
und verbessern. Sie erweitert unsere Fähigkeit Dinge wahrzunehmen, die sonst unbeachtet
bleiben. Die Kraft der Aufmerksamkeit ist darüber hinaus die Schnittstelle zu unserer
inneren Welt, zum Feld des Bewusstseins und zum kreativen Feld. Mit der Entfaltung der
aufmerksamen Wahrnehmung, gelingt es auch, die Energien zu erkennen, die in den
verschiedenen Feldern wirken, mit denen wir in Verbindung stehen. Man kann sogar
behaupten, dass das Leben an uns gewissermaßen unbemerkt vorbeiläuft, wenn wir nicht
bemerken, was wir tun und wie wir handeln. Hinzu kommt: Wenn die Aufmerksamkeit
zu sehr auf die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse gerichtet und weniger auf die
Bedürfnisse der Mitmenschen und der Umwelt wird die äußere und innere Welt immer
kleiner. Je weniger wir von der Welt wahrnehmen, umso weniger inneren Raum und
innere Zeit haben wir. Je mehr wir unsere Aufmerksamkeit erweitern, umso größer und
reicher wird unsere äußere und innere Welt und es eröffnen sich immer mehr
Möglichkeiten der eigenen Verwirklichung.

• Um intelligent handeln zu können sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die
Schlüsselfaktoren.
• Achtsamkeit ist sensitive Wachheit, Einfühlungsvermögen und ein feines Gespür
für eine Situation.
• Achtsamkeit erweitert die Fähigkeit, Dinge wahrzunehmen, die sonst unbeachtet
bleiben.
• Aufmerksamkeit kann in jeder Situation entweder selektiv, konzentriert, erweitert,
geteilt und anhaltend sein, manchmal sogar alles zugleich.
• Die Kraft der Aufmerksamkeit ist darüber hinaus die Schnittstelle zur inneren Welt,
zum Feld des Bewusstseins und zum kreativen Feld.

SCHULEN DES AUGENBLICKS
"Nach der Selbst-Verwirklichung sind alle Verhaltensweisen oder Handlungen, die
durch den Körper eines Weisen zum Ausdruck kommen, spontan und frei von allen
Bedingtheiten. Sie lassen sich nicht durch irgendeine Disziplin binden.“
Sri Nisargadatta Maharaj

"Der Tausendfüßler ging seelenruhig und spontan seines Weges; als er gefragt wurde, wie er es
schaffte, all die Bewegungen seiner tausend Füße zu koordinieren, dachte er darüber nach und
war darauf nicht mehr imstande zu laufen." Diese Parabel zeigt den Kern der Ausbildung in
einer "Schule des Augenblicks". Für den japanischen Schwertkampf Kendo, das eine
Schule des "Zen der plötzlichen Erleuchtung" ist, muss der Schüler lernen, jederzeit im
Hier und Jetzt zu sein. "Wenn der Geist bei irgendeinem Objekt verweilt, sei es das Schwert
des Gegners oder der Gegner selbst, das eigene Schwert, der eigene Körper, die Handlung, die
man zur Verteidigung oder zum Angriff ausführen will, ist man auf jeden Fall überwunden und
besiegt. Der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt muss überwunden werden. Der Angriff
und die Verteidigung müssen ein einziges Ding werden" (Nitobé in: Bushido). Das Ziel der
Ausbildung ist "der untrübbare Geist". Dies ist ein "Geist" der sich "von jeder
Reglementierung befreit hat, jede Einengung durch menschliche Bedingtheiten
zurückweisen und aus eigener Kraft und nach eigenem Gutdünken fließen" muss.

Einer der "Meister des Augenblicks", der "interspirituelle" Lehrer G.I. Gurdjieff, entwickelte
für dieses Training unter anderem Gruppentänze und Bewegungsübungen, bei denen nicht
nur die verschiedenen Körperteile zu einer Musik koordiniert bewegt werden müssen,
sondern manchmal auch gegen den Rhythmus der Musik. Gleichzeitig muss der Schüler sich
auf die Bewegungen der anderen Tänzer einstellen und mit ihnen koordinieren. Ballett-
Tänzer lernen dies auch. Bei Gurdjieff kommen außerdem komplizierte Wort- oder
Zahlenfolgen dazu, die im Kopf gedacht oder laut ausgesprochen werden; desweiteren muss
der Schüler bestimmte Stellen seines Körpers in einer bestimmten Reihenfolge spüren und
Gefühle aktivieren. Diese komplizierte Verbindung bringt den Schüler entweder dazu, an
der Übung zu verzweifeln oder er schafft es wie der Tausendfüßler, in sein Zentrum zu
kommen, so dass die Übung wie von alleine fließt und der Geist des Übenden sich der
Situation voll bewusst ist. "Schulen des Augenblicks" gibt es innerhalb vieler spiritueller
Traditionen. Ich sage bewusst "innerhalb", weil nicht alle bekannte Traditionen, die aufgrund
der Literatur als "Schule des Augenblicks" gelten, grundsätzlich auch solche sind. Es gibt
starre zenbuddhistische Schulen genauso wie starre Sufi-Schulen. In gewisser Weise sind die
"spontanen" Lehrformen wie Sahnehäubchen auf einem Capuccino. Eine besondere Linie
dieser Schulen verschiedenster Traditionen lassen sich unter dem Oberbegriff der heiligen
Verrücktheit oder verrückten Weisheit zusammenfassen. "Um spirituelle Wahrheiten zu
vermitteln, greifen jene Meister häufig zu sehr unkonventionellen Mitteln, die man von
religiösen Menschen nicht erwarten würde. So benutzen sie beispielsweise Alkohol sowie
Drogen aller Art und Sexualität für die religiöse ["spirituelle", würde ich sagen] Unterweisung. Ob
sie in der Gosse oder im größten Luxus leben, ist ihnen gleichgültg, und ihr nach
konventionellen Maßstäben oft unerhörtes Verhalten entspricht meist ganz und gar nicht
unseren liebgewonnenen Vorstellungen von Religion, Moral und Heiligkeit." (Georg Feuerstein)

In einer "Schule des Augenblicks" geht es immer um die direkte Wahrnehmung der
Wirklichkeit des Seins ohne Schnörkel und umständliche Ritualisierungen. Doch man sollte
sich nicht vom Anschein täuschen lassen. Wenn z.B. Schamanen (à Schamanismus)
farbenfrohe Kleidung anziehen und mit viel Brimborium Rituale durchführen, heißt das
nicht, dass sie formal arbeiten. Das ist nur der äußere Schein. Nachgefragt sagen sie, dass sie
das für ihr Publikum machen, die das Bedürfnis nach "magischen" Darbietungen hat. Auf
diese Weise wird der Heilerfolg verstärkt. Doch ihre eigentliche Arbeit muss immer äußerst
spontan sein, weil sie mit einer Welt in Berührung kommen, die nicht unseren
Zeitmaßstäben unterliegt. Die "Geister" mit denen sie es in einer "anderen Wirklichkeit" zu
tun bekommen, sind unberechenbar. "Schule des Augenblicks" bedeutet zu lernen, die
lebendige Wirklichkeit durch einen Moment der Geistesgegenwart zu erwischen. Die
Grundlage des Trainings basiert auf der Fähigkeit und Schulung, in jedem Augenblick
achtsam zu sein und die Aufmerksamkeit bis an ihre Grenzen auszudehnen. Eine Zen-
Geschichte illustriert dieses Thema eingängig: "Zen-Schüler bleiben mindestens zehn Jahre
lang bei ihrem Meister, bevor sie es wagen können, andere zu belehren. Nan-in erhielt Besuch
von Tenno, der, nachdem er seine Lehrzeit hinter sich gebracht hatte, ein Lehrer geworden war.
Der Tag versprach regnerisch zu werden, darum trug Tenno Holzschuhe und hatte einen
Regenschirm bei sich. Nachdem Nan-in ihn begrüßt hatte, bemerkte er: 'Ich nehme an, du hast
deine Holzschuhe im Vorraum gelassen. Ich möchte gerne wissen, ob dein Regenschirm rechts
oder links von den Holzschuhen steht.' Tenno wusste in seiner Verwirrung keine sofortige
Antwort zu geben. Er erkannte, dass er nicht in der Lage war, seine Aufmerksamkeit in jeder
Minute bei sich zu haben und studierte weitere sechs Jahre bei Nan-in."

Selbstverständlich muss das durch vielfältige Übungen, die darauf hinzielen, die
Aufmerksamkeit zu schulen, gelernt werden. Dabei wird selten mit vorgegebenen Formen
gearbeitet. "Ein bestimmter Sufi wurde gefragt: "Warum tolerieren Sie unbesonnene Fragen?" Er
lächelte und sagte: "Um für uns alle, die Vorurteile zu haben, derartige Fragen kennenzulernen,
wie sie gerade eine gestellt haben." Eine häufig beschriebene Lehrmethode ist eine Reise mit
dem Meister. Gurdjieff nutzte die Methode der unmittelbaren Erkenntnis auch, wenn er
mit einigen Schülern Ausflüge mit dem Auto unternahm. "Wir brachen mit drei Autos auf,
und andere fuhren mit dem Zug, um sich uns in Vichy anzuschließen. Eines von Gurdjieffs
Überraschungsmanövern bestand darin, vor der verabredeten Zeit loszufahren. Wer das nicht
wusste, der mochte zwar pünktlich zur Stelle sein, musste dann aber feststellen, dass die
anderen schon vor einer halben Stunde aufgebrochen waren." In jeder Situation ist der
Schüler so vor immer neue, unerwartete Herausforderungen gestellt. Das schult die
Wachheit und innere Flexibilität.

Der Alltag ist ein breites Übungsfeld; alle großen Meister - mit wenigen Ausnahmen -
benutzen die alltäglichen Umstände für die beispielhafte Ausbildung der Schüler. Der
"Meister" oder die "Meisterin" mag dem Schüler bestimmte Aufträge oder Aufgaben geben,
die er besonders "richtig" erfüllen muss, oder er lernt durch das Handeln des Lehrers, der
ihn immer wieder durch Unberechenbarkeit fordert. Auch wenn bestimmte Handlungen oft
widersprüchlich oder paradox erscheinen, bei einem "Meister des Augenblicks" geschieht
selten etwas ohne Grund. Es wäre aber unvernünftig, ihn deswegen für "unfehlbar“ zu
halten. Ein schönes Beispiel für eine unerwartete Handlungsweise gibt folgende Geschichte:
"Ein Sufi gab eine Reihe von Vorträgen, die begeistert aufgenommen wurden. Während des
Vortrags pausierte er von Zeit zu Zeit und blickte in einen dicken Stapel von Blättern, die vor ihm
lagen. Ein Zuhörer ging nach dem Vortrag zum Pult und bat den Sufi, ob er diesen Vortrag in
seinem Universitätsmagazin veröffentlichen dürfe. Beiläufig blickte er in die Papiere und stellte
fest, dass diese vollkommen leer waren. 'Sie scheinen einen Notizblock zu haben, der gar keine
Notizen enthält', sagte er. 'Ach ja', antwortete der, 'das hat seinen Grund. Ich konnte früher häufig
bemerken, dass viele Leute das kritisieren, was ich vortrage, weil sie meinen, es sei nicht
sorgfältig genug ausgearbeitet, wenn es frei gesprochen wird. Oder sie interessieren sich mehr
für die Tatsache, dass man ohne Notizen sprechen kann und hören auf, dem Vortrag zuzuhören."
Von einigen Zen-Meistern (à Zen) werden ähnliche Anekdoten überliefert. Ein Zen-Meister,
in dessen Raum es durch das undichte Dach regnete, rief seinen Aufwärtern zu, sie sollten ihm
etwas bringen, womit man die Tatami (Strohmatten) trocken halten könne. Einer von ihnen
brachte ohne einen Augenblick des Zögerns einen Bambuskorb, während der andere überall
nach einem festen Zuber suchte... Der Meister, so wurde überliefert, war hocherfreut über den
Mönch, der den Korb brachte. Er hatte den Zen-Geist erfaßt... Dies nennt man im Zen 'Nicht-
Unterscheidung' (nach D.T. Suzuki). Es geht in diesem Beispiel eben nicht um den
"richtigen" Eimer, sondern vielmehr um die spontane "Richtigkeit".

Als "Meister des Augenblicks" geht es den Zen-Meistern bei der Schulung nicht so sehr
darum, den Schüler tagelang meditieren oder Koans (paradoxe Lehrsätze) lösen zu lassen,
sondern die Aufmerksamkeit des Schüler für jeden Augenblick so wach zu halten, dass er
eine Entscheidung treffen kann, die gerade richtig ist, oder eine spontane Erkenntnis
gewinnt - auch wenn sie in einem anderen Moment falsch sein kann. Koans sind auch
Übungen darin, bei alltäglichen Verrichtungen einen Teil der inneren Aufmerksamkeit
wachzuhalten. Spontane Erkenntnisse können bei jeder Gelegenheit auftreten, der Adept
muss nur fähig sein, diese „Erleuchtung“ oder die Intuition im gegebenen Moment
wahrzunehmen. Es gibt viele überlieferte Koans, doch ein wirklicher Meister wird seine
eigenen „erfinden“. Diese Fähigkeit wird z.B. in der Zen-Malerei ausgedrückt. "Kein
Zögern ist erlaubt, kein Löschen, kein Nachziehen, kein Retuschieren, kein Neugestalten... Einmal
gezogen, stehen die Linien ein für allemal unverrückbar fest. Die Inspiration ist etwas Spontanes,
Absolutes, Augenblickliches..." (D.T.Suzuki).

Methoden einer "Schule des Augenblicks"
Eine "Schule des Augenblicks" nimmt je nach Bedarf eine neue Form an, sie hat keine
formale Methode und kein festes Lehrgebäude. Natürlich benötigt jedes Training, sei es in
einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder in einem Kloster eine gewisse äußere Struktur, doch
wenn sie im Kern die Geistesgegenwart der Schülerinnen und Schüler ausbilden will, dann
muss man damit rechnen, dass die tägliche Routine immer wieder durchbrochen wird. Der
Unterschied zwischen Mahamudra (à Tibet-Tantra) und à Zen verdeutlicht diese zwei
Formen: Als es nach Hui Neng (638-713) zur Teilung der Schulen kam, verwandelte sich das
chinesische Zen sowohl im Stil auch in der Praxis. Im Gegensatz zum Mahamudra kennt das
spätere Zen keine "Wegmarkierungen" oder Instruktionen. Der Schüler muss "im Dunkel"
beginnen, dem Meister vertrauen und eine plötzliche innere Erleuchtung erreichen.
Mahamudra bietet eine Schritt-für-Schritt-Schulung. In einer Schule des Augenblicks sind
die Dinge nie so, wie sie scheinen. In Gurdjieffs Übungszentrum Fontainebleau gab es einen
Teilnehmer, mit dem keiner zurechtkam. Er war reizbar, schlampig, fing mit allen Streit an
und wollte sich auch sonst nicht so recht beteiligen. Als er schließlich abreiste, waren alle
froh. Gurdjieff hielt ihn jedoch am Bus an, um ihn zurückzuholen. Der Mann hatte jedoch
keine Lust mehr. Schließlich bot ihm Gurdjieff einen ansehnlichen Lohn für seine Rückkehr
an. Als die anderen Schüler davon hörten, brach ein Aufruhr aus. Gurdjieff lachte und
erklärte ihnen den Grund: "Dieser Mann ist für euch das, was fürs Brot die Hefe ist. Wenn er
nicht hier wäre, würdet ihr niemals lernen, was Wut, Reizbarkeit, Geduld und Erbarmen ist.
Deshalb müsst ihr mir Geld für den Aufenthalt bezahlen, und ich bezahle ihn, damit ihr etwas
lernen könnt." Gerade die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen kann die
Wahrnehmung für die Ganzheit einer Situation schaffen. Deshalb sind Schulen dieser Art
(mit formaler Struktur oder ohne) wichtig, weil sie erst die notwendigen Grundlagen im
Schüler legen, damit er fähig ist, zum Kern der Erkenntnis vorzustoßen. Die notwendige
Aufmerksamkeit und Intuition kann nur durch Übung und Training entwickelt werden. Ein
gutes Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Kendo: "Wenn ein Schüler die Kunst des Kendo
zu erlernen wünscht, werden seine Abwehrbewegungen am Beginn seiner Unterrichtung ...
instinktiv sein. Nach einer langen Zeit wird er genauestens alle Angriffs- und
Verteidigungstechniken lernen. Beim Kampf wird er jetzt versuchen, die Techniken, die er erlernt
hat, anzuwenden: dabei wird sich sein Geist der Handlung bewusst sein: er wird den
ursprünglichen Hauch der Unschuld und der Freiheit verloren haben. Erst in der dritten Phase,
nach einer langen Ausbildungszeit, wird es ihm gelingen, endlich die Techniken zu vergessen,
die sein 'Körper' überdies selbständig angenommen haben wird, und sein Geist wird wieder zur
früheren Freiheit und Intuition zurückfinden, jedoch auf einem anderen Niveau." (Nitobé,
Bushido)
Aufmerksamkeit ist eine Eigenschaft oder direkt zugängliche "Funktion" des individuellen
Willens (oder des "wirklichen Ichs" oder wie im Buddhismus die "überpersönliche Kraft des
Geistes") und wird normalerweise von vielen Dingen angezogen und verbraucht. Wie die
Aufmerksamkeit konzentriert werden kann, ist eines der Geheimnisse der Lehre. Eine gute
Übung ist die Beobachtung, die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens. Sie kann dem
Schüler zeigen, wie er von vielen Dingen angezogen oder abgelenkt wird und entsprechend
reagiert. Deshalb rufen bestimmte Lernsituationen sehr viele Spannungen hervor, weil der
Schüler mit seinen Identifikationen konfrontiert wird, welche seine spontane
Aufmerksamkeit blockieren. Diese Spannungen dienen auch dazu, Energien aufzubauen, die
helfen, den notwendigen Abstand von den eigenen Verhaftungen zu gewinnen. Ziel ist die
Befreiung von der Identifikation mit inneren und äußeren Dingen, selbst der gelernten
Technik. Ein guter Kampfsportmeister braucht nur drei oder vier Armhaltungen um jeden
Angriff abzuwehren. Eine Methode zur Schulung der Aufmerksamkeit ist körperliche Arbeit
oder Körpertraining. Dabei lernt der Aspirant, konzentriert an seiner Aufmerksamkeit zu
arbeiten, entweder mit Hilfe von Selbstverteidigungstechniken, Tanz oder anderen Übungen,
die schnelle Bewegungsko-ordination erfordern. Denn gerade Bewegung, die schneller ist als
das Denken, kann den Übenden zum Zentrum seiner Bewegung führen, das bewegungslos
ist. Eine weitere Methode benutzt eine handwerkliche Tätigkeit oder Ausbildung. Dabei geht
es in erster Linie nicht darum, handwerkliche Fähigkeiten auszubilden, sondern in
ungewohnten Situationen mehr über sich selbst zu erfahren. Da ein handwerklich
unausgebilderter Schüler bzw. eine Schülerin zuerst lernen muss, mit dem neuen Material
zurechtzukommen, verfällt er nicht sofort in Routinen, die ein geübter Handwerker besitzt.
In dieser Situation wird der Wille, etwas Neues zu lernen, ebenso geschult wie die
Ausdehnung der Aufmerksamkeit. Ein weiteres Element ist die gezielte Unterbrechung
durch den Lehrer, um den Schüler immer wachsam zu halten. Gurdjieff benutzte dazu die
„Stopp-Übung“. Wenn der Leiter einer Gruppe laut hörbar das Wort „Stopp“ ruft, müssen
die Schüler alle Bewegungen und Tätigkeiten „einfrieren“ bis sie nach kurzer Zeit wieder
zum weitermachen aufgefordert werden. Diese Übung sollte – auch wenn sie einfach zu sein
scheint – nur von einem erfahrenen Lehrer durchgeführt werden, der alles im Blick hat,
damit keine Unfälle passieren können. Häufig werden Gruppensituationen geschaffen, in
denen die Teilnehmer den Eindruck haben, der Lehrer sei chaotisch und könne nicht gut
organisieren. Man erwartet eben, dass in einem Seminar alles so geschmiert abläuft, wie man
es gewohnt ist. Wenn der Leiter diese Form absichtlich gestalten kann, dann gelingt es ihm
schnell, die Teilnehmer zu verunsichern, die am Gewohnten festhalten wollen und eigentlich
nichts Neues lernen möchten. Erweiterte Aufmerksamkeit und spontanes Handeln ist von
besonderer Bedeutung für die eigene Entwicklung. Es ist eine Wachheit, die nicht nur auf
eine Sache konzentriert ist, sondern gleichzeitig mehrere Dinge auf einmal einbezieht, die
um den Übenden herum passieren, ohne die Aufmerksamkeit auf den Job zu verlieren.
Geübte Hausfrauen und Mütter mit Kindern sind natürliche "Meisterinnnen des
Augenblicks", wenn auch meist "unbewusst". Wenn Sie lernen, diese natürlichen Fähigkeiten
ihrer besonderen Lebensumstände auf andere Situationen zu übertragen, sind sie auch im
Leben erfolgreich. Männern fällt es meistens schwerer, mehrere Dinge gleichzeitig zu
beachten, was teilweise mit ihrer etwas anderen Gehirnstruktur zu tun hat. Fortgeschrittene
Trainingsmethoden verlangen gerade diese vielseitige Aufmerksamkeit. In sich selbst
zentriert zu bleiben und dennoch mit einem Teil der Aufmerksamkeit der äußeren Umwelt
gewahr zu sein, ist eine grundlegende Übungspraxis einer "Schule des Augenblicks". Denn
für unser normales Denken und Empfinden sind spirituelle Impulse zu schnell. Wir können
sie erst im Nachhinein wahrnehmen. Das beste Beispiel ist die Wirkung der Intuition und
Kreativität. Wir haben einen Einfall, der wie aus dem Nichts kommt, also nicht von äußeren
Faktoren bedingt ist oder jedenfalls keine unmittelbare Reaktion auf einen äußeren Anlass
darstellt, und sind selten in der Lage, diesen Einfall im Augenblick seines Entstehens zu
sehen, vielleicht noch nicht einmal hinterher. Er fließt einfach durch uns hindurch, ohne
Spuren zu hinterlassen. Doch wenn der Einfall wichtig ist, sollten wir in der Lage sein, ihn
zu bemerken! Manche spirituelle Richtungen, die heute verbreitet sind, sprechen davon, dass
man einfach "im kosmischen Strom fließen" soll. Das mag zwar ein sehr angenehmes Gefühl
sein, geht aber ganz am Kern der Sache vorbei. Denn die ungebundene Sensitivität sollte
nicht einfach erlebt, sondern konzentriert werden, damit die Aufmerksamkeit, das
Bewusstsein und die Kreativität, die intensivere "Energien" sind, überhaupt auf eine Basis
bzw. "Gefäß" in uns treffen. Ohne diese Basis sind wir allen möglichen inneren und äußeren
Impulsen ausgeliefert, die uns von unserer wirklichen Arbeit ablenken. Wir fühlen uns zwar
frei, doch sind nicht frei; Freiheit ist eine Eigenschaft des Willens und der Aufmerksamkeit.
(Die Welt des Willens, d.h. der geistigen Wirkkraft, darf natürlich nicht als rigide Struktur
verstanden werden, sie ist gerade das Gegenteil, sonst wäre es auch keine Welt der Freiheit.)

Was ist der Augenblick?
Wie bereits am Beispiel der Aufmerksamkeitsschulung gesehen werden konnte, ist die
"Meisterung des Augenblicks" keine willkürliche Angelegenheit, sondern basiert auf einer
gewissen Disziplin des Schülers. Auch eine strukturierte Methode kann viele Augenblicke
schaffen, die gemeistert sein wollen. Die Herausforderung ist permanent. Diese
Einstimmung in die Situation, in das "größere Ganze" ist Teil des Trainings für den
Augenblick. Jeder Moment ist der einzige, den wir haben, nicht die Vergangenheit oder die
Zukunft. Doch die Einheit eines gegenwärtigen Augenblicks liegt nicht in der
verschwindenden Sekunde eines Zeitablaufs, sondern im Heraustreten in eine andere
Zeitdimension, den größeren gegenwärtigen Augenblick. Hier wird eine Sekunde zur
Unendlichkeit.Je mehr inneren "Raum" wir erschaffen, desto mehr Zeit haben wir. Das klingt
Paradox, aber durch die Entfaltung eines inneren Seins, das außerhalb der Zeit ist, wird die
Zeit gemeistert. William Blake drückt das sehr schön aus: "Die Ewigkeit ist verliebt in die
Hervorbringung der Zeit."
Der innere Raum wird frei durch die Befreiung von vielem Schrott, den wir in uns tragen
und durch die bewusste Ausdehnung und Stärkung der inneren Kraft. Der Augenblick kann
sich erweitern. Die Meister des Augenblicks arbeiten mit dieser Tatsache, sie haben eine
Vision und eine Verbindung mit dem größeren Raum und der größeren Zeit. Deshalb
können sie im gegebenen Augenblick in einer Zeitsequenz der normalen Zeit richtige Dinge
tun, die von anderen für völlig unsinnig gehalten werden, weil diese nicht sehen können, in
welchem Zusammenhang die entsprechende Aktion steht. Eine Schule des Augenblicks führt
im Idealfall keine festgelegten Rituale durch, hat kein dogmatisches Lehrgebäude oder gibt
bestimmte Vorschriften. Sie schafft vor allem intelligente Umstände, die nicht nur dem
Schüler eine Möglichkeit zum Wachstum bringen, sondern auch in einer größeren Ordnung
eine Rolle spielen. Sie können jedes Material benutzen, das zur Verfügung steht, und seien es
Steine, die herumliegen. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Punkt: Zwei Zen-Mönche
diskutierten über Subjektivität und Objektivität. Einer sagte: "Dieser Stein dort, ist er außerhalb
oder innerhalb meines Geistes?" Der andere: "Nach den Regeln des Buddhismus ist er innerhalb."
Der Meister kam dazu: "Dein Kopf muss ganz schwer sein, wenn du den Stein dort herumträgst."
Die Meister des Augenblicks sind sich natürlich bewusst, dass jede ihrer Aktionen
irgendwann imitiert wird, dass jede Form und Struktur, die sie vorübergehend annehmen,
erstarren kann. Deshalb haben diese Meister immer neue Formen und neue Situationen
geschaffen, die der Augenblick geboten hat. Wir können uns also nicht darauf verlassen,
dass ein "Sufi" immer ein "Sufi" sein wird oder diesen Namen trägt. Wahrscheinlich wird er
sich selbst sowieso nicht so benennen. Eine Bezeichnung für die Manifestation einer Lehre
gilt immer nur für eine bestimmte Zeit und wird fallen gelassen, wenn sie ihren Dienst getan
hat. Diejenigen, die dann daran festhalten, halten an einer toten Form fest, die wenig
lebendige Kraft hat. Das Beharren der Menschen an bestimmten äußeren Formen ist
natürlich der Grund, warum manche Formen über Jahrhunderte überleben. Zum Teil ist das
auch beabsichtigt, weil wenige in der Lage sind, die Herausforderung der Schule des
Augenblicks anzunehmen. Im Zen gibt es den Ausspruch: "Triffst Du Buddha unterwegs,
dann töte ihn", was besagt, dass es einen Buddha nach unserer Vorstellung nicht gibt.
Wenn heute über spirituelle Traditionen wie Sufismus oder Zen geschrieben und gesprochen
wird, wird meistens die überlebte Form oder die Form der Anpassung an unseren
Geschmack gemeint. Wirkliche "Meister des Augenblicks" spielen nicht mit im Zirkus der
Eitelkeiten. Sie mögen uns bekannt sein, Vorträge halten und Bücher schreiben, doch ihre
wirkliche Arbeit geschieht im Verborgenen. Selbstverständlich hat jeder eine bestimmte Rolle
zu spielen, einen Dienst für die Menschheit zu erfüllen, und dieser wird wahrgenommen.
Dennoch wird es der Sucher schwer haben, einen kreativen "Meister" zu finden. "Ein Schüler
lernte seit einigen Monaten bei einem Sufi. Eines Tages sagte er: 'Meister, Du bist einer der
größten Männer in der Welt und doch verhältnismäßig unbekannt. Ich fühle es als eine Pflicht,
herumzureisen und den Leuten von Deiner Größe zu erzählen. Wie kann es nur sein, dass ein so
unendlich perfekter Mensch unbekannt bleiben soll.' Der Meister sagte: 'Wenn ich sagen würde,
ich sei ein unendlich perfekter Mensch, oder jemanden dies von mir verbreiten lassen würde,
würdest du wissen, dass ich dies nicht bin. Das Gefühl, dass du deinen Lehrer als den größten
Menschen auf Erden darstellen musst, ist ein Zeichen deiner eigenen Überheblichkeit."
Das Ziel unseres Strebens ist jenseits jeder Vorstellung. Auch die Meister des Augenblicks
sind gewissen Bedingungen unterworfen, doch sie sind wahrscheinlich eher in der Lage, sich
am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das kosmische Unendliche schafft immer
neue Gelegenheiten zur Arbeit, und mischt sich nicht ein. "Wenn wir uns dem Werk
verpflichten, das manchmal der Geist Gottes genannt wird, verpflichten wir uns für immer der
Veränderung."(Reshad Feild)
DIE RELATIVITÄT DES ZEITBEGRIFFS
(Quelle: Bruno Martin - Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff)

„Zeit an sich existiert nicht, sondern sie ist nur die Gesamtheit der Resultate, die aus
allen möglichen an einem gegebenen Ort vorhandenen kosmischen Erscheinungen
entstehen. Zeit an sich kann von keinem Wesen weder mit dem Verstande begriffen
noch durch irgendwelche äußeren oder inneren Seins-Funktionen empfunden
werden.“

Bevor Gurdjieff in „Beelzebub“ auf den Grund und die Ursache der menschlichen
Existenz kommt, spricht er über die Relativität des Zeitbegriffs und führt zugleich die Idee
ein, daß die Lebensdauer des Menschen aufgrund seiner Existenzform sich objektiv
gesehen immer weiter verkürzt hat. „Zeit ist die Potentialität der Erfahrung“; sagt A.R.
Orage. Er meint dabei die Anzahl von Erfahrungen, die wir mit unserem Körper, unseren
Gefühlen und unserem Denken machen können. Alles, was wir mit unseren Sinnen
erfahren, unterliegt der Entropie durch die Zeit ebenso, wie unser Körper und unser
Denken - wenn wir nicht einen Weg einschlagen, um unser inneres Leben zu intensivieren,
es auf eine andere Stufe des Bewußtseins zu bringen. Dann können unsere Erfahrungen in
einen völlig anderen Zeitablauf kommen.

Wenn wir durch „Arbeit an sich selbst“ unser inneres Sein entwickeln, wird unsere
Erfahrungswelt reicher und tiefer - wir gewinnen Zeit, d.h. wirkliche Lebensqualität. Wir
mögen zwar das Gefühl haben, daß der äußere Zeitablauf zu schnell ist und wir nicht
„genug“ Zeit für alles haben, was wir tun möchten, aber je mehr wir mit dem Bewußtsein
in Kontakt sind, desto mehr „innere Zeit“ haben wir. Diese Erfahrung wird beim
Ausführen der Gurdjieff-Tänze unmittelbar deutlich. Anfangs haben wir das Gefühl, den
Anforderungen unterschiedlicher Bewegungsabläufe mit Kopf, Armen und Beinen nicht
gewachsen zu sein. Doch dann kommt ein Punkt, wenn wir in die innere Konzentration
kommen, zentriert werden. Plötzlich gelingen alle Bewegungen ohne jede Hektik.

Anhand dieser zwei Zeitebenen erklärt uns Gurdjieff, daß es zwei Arten der Existenz gibt:
Erstens das normale Leben, das mit dem Strom der Zeit fließt und der Entropie unterliegt.
Wenn wir nur in und durch die Prozesse der materiellen Welt leben, sind wir auch Teil der
kosmischen Energietransformation, doch wir gewinnen nichts für unsere eigene seelische
Entwicklung. Denn so wie wir „normalerweise“ leben, geschieht die tägliche Erfahrung
ohne unser eigenes bewußtes Zutun. Wenn wir nicht lernen, die Energien zu kontrollieren
und zu transformieren, die durch unseren Körper und unsere Erfahrungen erzeugt
werden, läuft unsere innere Uhr immer schneller ab, wir werden von der Zeit getrieben.
Orage bringt ein Beispiel: Eine Person liest etwas in der Zeitung oder hört etwas und
identifiziert sich sofort damit. Er fühlt intensiv, aber seine wertvolle emotionale und
mentale Energie wird verschwendet. Er hat seine Lebenszeit verkürzt. Dasselbe geschieht
mit vielen anstrengenden Lebenserfahrungen, die uns „graue Haare“ wachsen lassen,
unsere Uhr läuft schneller ab, weil wir nicht in der Lage sind, unsere begrenzten Energien
zu halten.
Das zweite Lebensprinzip geht gegen den Strom der Zeit und der Entropie. Wir erschaffen
uns selbst gegen alle Widernisse des mechanischen Drucks des Alltagslebens. In diesem
Falle erschaffen wir eine neue Seinsqualität, die nicht der Abnutzung durch die Zeit
unterworfen ist.

„Zeit an sich existiert nicht, sondern sie ist nur die Gesamtheit der Resultate, die aus
allen möglichen an einem gegebenen Ort vorhandenen kosmischen Erscheinungen
entstehen. Zeit an sich kann von keinem Wesen weder mit dem Verstande begriffen
noch durch irgendwelche äußeren oder inneren Seins-Funktionen empfunden
werden .... Zeit kann man nur beurteilen, wenn man verschiedene kosmische
Erscheinungen miteinander vergleicht... Es muß hervorgehoben werden, daß im
großen Weltall überhaupt alle Erscheinungen ohne Ausnahme, wo immer sie
entstehen und sich manifestieren, nichts als folgerichtige gesetzmäßige Bruchstücke
einer ganzen Erscheinung sind, die ihren Ursprung in der Allerheiligsten ‚Sonne
Absolut’ hat.“ Im Kapitel über den Zeitbegriff vergleicht Gurdjieff das Fließen des
Heropas, der keine Quelle hat, mit dem Fließen der „göttlichen Liebe“.

Die kosmischen Fraktale der verschiedenen Welten werden nach dem Gesetz der Sieben
verwirklicht. Jeder der sieben Kosmen, von denen Gurdjieff spricht, hat seine eigene Zeit.
Die Zeit „läuft immer mit“, wie Gurdjieff sich ausdrückt, und ist deshalb die „einzig-
ideal-subjektive-Erscheinung“. Gurdjieff macht deutlich, daß jedes Lebewesen und jeder
Kosmos seine eigene subjektive Zeit hat. Je nach Intensität des Erlebens haben wir mehr
oder weniger Zeit. Wenn wir ins Bewußtsein aufwachen, ist unsere subjektive Zeit im
Verhältnis zum normalen Wachzustand wesentlich länger. Wir erleben die Dinge
„gleichzeitig“ und in höchster Intensität. Wenn wir in unserem wirklichen Ich zentriert
sind, haben wir die Freiheit zu wählen und zu entscheiden. Entscheidung ist ein
spontaner Akt, der nicht in der Zeit abläuft, aber Einfluß auf das Geschehen der Welt hat.

In Ouspenskys Niederschrift seiner Lehren sagt Gurdjieff: „Aber alle
Möglichkeiten, die geschaffen worden sind, oder in der Welt entstanden sind,
müssen verwirklicht werden. Die Verwirklichung aller geschaffenen oder
entstandenen Möglichkeiten bestimmt das Wesen der Welt. Gleichzeitig ist für die
Verwirklichung dieser Möglichkeiten innerhalb der Grenzen der Ewigkeit kein Platz...
Wenn wir uns die Linien der Verwirklichung dieser Möglichkeiten vorstellen, so
werden sie entlang der Radien verlaufen, die von einem Punkt in verschiedenen
Winkeln zur Zeit- und Ewigkeitslinie ausgehen. Diese Linien werden außerhalb der
Ewigkeit verlaufen, außerhalb des fünfdimensionalen Raumes,... in der sechsten
Dimension. Die sechste Dimension ist die Linie der Verwirklichung aller
Möglichkeiten.“

Der Physiker Anthony Blake bezeichnet die Zeitdimension der Ewigkeit als
„Informationsfeld“. Insofern ist der Begriff Ewigkeit eher irreführend. Es ist die Welt der
Möglichkeiten, der Formen, die noch nicht aktualisiert, also mit der materiellen Welt
verbunden sind. Umgekehrt gibt es eine Aktion in dieser Welt, die auf das
Informationsfeld zurückwirkt und dort gespeichert wird. Die Aktion, die in der Lage ist,
den Inhalt des Informationsfeldes zu gestalten, ist der Akt des Willens, der aus der
sechsten Dimension kommt.
ADAM NOTT – INTERVIEW VON ADAM TURNER 1

Übersetzung Mani Gerlach

F: Ich bin nicht mein Vater und ich bin mir sicher, du bist nicht deiner, aber ich habe vor
unserer Zusammenkunft noch einmal einige von C.S. Nott’s Bücher gelesen, um für den
Beginn unseres Gespräches eine gemeinsame Basis zu haben. In einem dieser Bücher steht,
dass ein Moment des Selbst-Erinnerns ein Moment von Bewusstheit ist, nicht im
gewöhnlichen Sinne, aber ein Bewusstsein des wirklichen Selbst, welches das „Ich“ ist. Wie
würdest du jemanden, der neu in den Ideen der „inneren Arbeit“ ist, den Unterschied
zwischen diesem „Ich“ und wie sich Leute normalerweise in ihrem gewöhnlichen,
alltäglichen Leben selber sehen erklärt?

A: Ich schätze, dass ist eine Sache, die man tun muss. Das Erste, was mir dazu einfällt ist,
dass man den Unterschied nur versteht, wenn er passiert. Es ist eine völlig andere Erfahrung
von sich selber. Und ich würde sagen, wenn jemand in Bezügen denkt, sagen wir, dass die
drei Zentren gewöhnlich keine Beziehung zu einander haben; aber wenn sie zusammen
kommen, dann hast du eine völlig andere Erfahrung von dir selbst, bist mehr und mehr
zusammen oder mehr vereinigt. Es ist selbstverständlich nicht etwas, was innerhalb unserer
Kontrolle geschieht oder besser gesagt, es ist ein Moment, der nicht kontrollierbar ist. Man
bekommt Hinweise für bestimmte Anstrengungen, welche zunächst anscheinend keinerlei
Effekte in Bezug auf die Erfahrung des Selbst-Erinnerns haben, aber ich bin mir sicher, dass
sie eine kumulative Wirkung haben. Man versucht es so gut wie möglich zu machen und
dafür braucht man Anleitung. Aber egal, wie viel Anleitung man hat, wenn man es versucht,
jedes mal wird es wahrscheinlich ganz unterschiedlich sein und nicht unbedingt passend,
aber manchmal ist es passend. Man muss es versuchen, ohne auf ein Ergebnis zu schauen,
ohne ein Ergebnis zu erwarten. Und als Ergebnis dieser Versuche treten diese Momente auf.
So, schätze ich, gehst du voran. Einer der Effekte solcher Anstrengungen ist ein kurzer
Eindruck wie man eher mechanisch funktioniert. Denn wenn man eher auf einem
mechanischen Niveau ist, fühlt es sich nicht mechanisch an, es fühlt sich „normal“ an. Aber
wenn du anfängst einen Geschmack von etwas anderem zu bekommen, dann kommst du an
einen Punkt, von dem du dies sehen kannst, tatsächlich ist, was passiert, völlig unbewusst.
Zum Beispiel, wenn du mit jemandem anderen zusammen bist und erkennst, dass du nicht
zuhörst. dann kannst du sehen, dass da die Möglichkeit des Zuhörens wäre und dass du
nicht zuhörst. In einem mehr erleuchteten Zustand kann dies als eine flüchtige Erfahrung
der Wahrheit gesehen werden, aber etwas in mir ist unfähig dies zu ertragen und
überwältigt durch Selbstkritik verliere ich die Erfahrung.

F: Diese Ideen ermutigen uns in unserem Körper präsent zu sein – zu spüren – aber es
erinnert uns auch daran, dass wir NICHT unsere Körper sind. Warum ist das so paradox?
Warum akzeptieren wir nicht einfach wie wir sind, ein Haufen Fleisch, der von vielen
komplexen Systemen zusammen gehalten wird, und fertig damit?

A: Nun, warum nicht? Aber tatsächlich ist es kein Widerspruch, weil dieses Mutmachen oder
diese Hinweise, dass es notwendig ist seinen Körper zu spüren, eine zweispurige

1 http://www.gurdjieff-internet.com/article_details.php?ID=319&W=55
Angelegenheit ist. Wer spürt den Körper? Ich vergesse dies andauernd und muss mich daran
erinnern, dass die Anstrengungen den Körper zu spüren, tatsächlich den Kopf und den
Körper zusammen bringen. Nur wenn Kopf und Körper zusammen sind, kann der Körper
gespürt werden. Die Leute reden die ganze Zeit von der Notwendigkeit, im Körper zu sein
und das ist richtig, aber was sie meinen ist, dass ich diese Verbindung zwischen den beiden
Bereichen benötige. Ich brauche die Erfahrung, dass ich in meinem Körper bin. Mann
vergisst, von wo der Impuls kommt. Er kommt vom Kopf. Es ist der Kopf, der sich mit dem
Körper verbindet, der die Erfahrung des Spürens ermöglicht. Beim Versuch die Zentren zu
verbinden, tendieren wir dazu mit dem Kopf und dem Körper zu beginnen, weil das leichter
möglich ist. Wenn ich versuche eine Verbindung zwischen Kopf und den Emotionen zu
machen, wird mein Kopf durch die Stärke der Emotionen weg getragen und eine
Verbindung ist nicht möglich. Also brauchst du diese Allianz zwischen Kopf und Körper, um
in der Lage zu sein, dich dem Pfad (Emotionen) zu stellen, ohne von ihnen weg getragen zu
werden. Und dann, vielleicht, können die Drei zusammen kommen. In den frühen Jahren
war der Weg wie die Arbeit gelehrt wurde, etwas kopflastig. Die Leute beschwerten sich,
dass da kein Platz für Gefühle sei. Aber tatsächlich erscheint es mir nun, dass genau dieses
das Ziel ist. Man kann nur erfahren, dass Gefühle im Gegensatz zu Emotionen stehen, wenn
alle drei Bereiche vereinigt sind.

F: Im gleichen Buch heißt es „Selbst-Erinnern fängt mit Selbst-Spüren an“. Es muss durch
das Instinktive-Bewegungs-Zentrum und das Emotionale Zentrum gemacht werden.“ Das
kann ich nachvollziehen. Meistens fängt das, was ich „Selbst-Erinnern“ nenne, mit meiner
Wahrnehmung von körperlichen Spannungen einer Haltung an, als Beispiel. Wenn man das
so macht, was meinst du, ist dann die Rolle von unserem intellektuellem Anteil?

A: Sind das Zitate von meinem Vater? Den Einflüssen, denen er ausgesetzt war, abgesehen
von seinem direkten Kontakt mit Herrn Gurdjieff, waren das, was wir heute als sehr
formatorisch bezeichnen würden. Und die Ideen, ich habe einige Notizen von der Gruppe,
die sie mit Orage in New York hatten, gesehen, meistens haben sie über die Ideen
gesprochen. Ich schätze, du hast die dritte Serie gelesen, wo Mr. Gurdjieff nach New York
fährt und jedem sagt, dass er die Orage-Gruppe zu verlassen hat und Orage aufgeben soll.
Und am Ende macht Orage das Gleiche. Ich denke, was das Ganze provoziert hat, war die
Erkenntnis, dass alles was dort passierte, auf dem Niveau über Ideen zu reden stattfand.
Nun tendiert man dazu, Leute aufzufordern von Erfahrungen zu sprechen, Erfahrungen von
ihnen selber, anstatt nur von einer Idee. Ich würde sagen, dass die Ideen jetzt einen anderen
Stellenwert haben, aber das heißt nicht, dass sie nicht wahr sind. Es war immer der Fall,
wenn du jemanden getroffen hast, der an der Arbeit interessiert war und an einer Gruppe
teilnehmen wollte, dass sie „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ gelesen hatten. Aber du
kannst feststellen, dass die Leute es nicht in der Art lesen, wie sie es gewohnt sind. Ich war
sehr überrascht, als ich letztes Wochenende in Irland war, dass es immer noch das Buch „Auf
der Suche nach dem Wunderbaren“ war, was sie wirklich dazu gebracht hat nach etwas
anderem zu suchen. Das würde mir auch so gehen. Ich hatte Eltern, die mit Mr. Gurdjieff
waren. Ich traf Mr. Gurdjieff, aber ich wusste nicht, was er lehrt. Das habe ich nur
herausgefunden, als „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ herauskam. Und meine Eltern,
das kann ich mit Glück sagen, haben mich nicht indoktriniert. Es ist wichtig, sich darüber
klar zu sein, was man unter dem intellektuellen Zentrum versteht. Man sollte den
formatorischen Apparat nicht mit dem intellektuellen Zentrum durcheinander bringen. Man
könnte sagen, dass der formatorische Apparat der lauteste Teil des intellektuellen Zentrums
ist. Aber wenn wir zu dieser Idee von der Verbindung des Kopfes zum Körper
zurückkommen, wenn man versucht sich zu spüren, da ist ein stiller Teil des intellektuellen
Zentrums, der weiter weg ist, und das ist der Teil, der diese Verbindung erzeugen kann. So
gib es da kein Problem, er wird einbezogen, wenn du dich selbst spürst.

F: Ich habe neulich Gras gemäht und habe versucht, meine Aufmerksamkeit auf bestimmte
Dinge zu behalten. Ich habe festgestellt, dass meine Aufmerksamkeit eine Minute da war,
dann wieder weg, und das ich keine Kontrolle hatte, wann und wie sie verschwindet.
Tatsächlich sind mir die Gründe für das Verschwinden manchmal ein Mysterium. Welche
Bedeutung hat es, auf diese Weise zu kämpfen, die Aufmerksamkeit zu behalten?

A: Ich denke, es kommt darauf an wie man kämpft. Es scheint mir, dass das, was du versucht
hast, während du den Rasen gemäht hast, eine sensible Idee ist, möglicherweise ein wenig
komplex, verschiedene Teile des Körpers zu spüren. Wahrscheinlich würde ich vorschlagen,
oder würde in dieser Situation selber versuchen, zu schauen, ob ich während des
Rasenmähens mit meinen Füßen in Kontakt bleiben kann. Und wahrscheinlich würde ich
herausfinden, dass ich das nicht kann. Da ist immer die Möglichkeit, indem man etwas
ausprobiert, man seine Fähigkeiten übt und diese Fähigkeit muss trainiert werden, und
vielleicht ist es wie ein Muskel. Du kannst bestimmte Sachen mit bestimmten Muskeln nicht
machen, wenn sie noch nicht benutzt wurden. Du musst sie benutzen, und wenn du
anfängst sie zu benutzen, erscheint es erst einmal so, dass es keinen Unterschied macht. Man
ist nicht sensitiv genug, um festzustellen, dass man ein wenig mehr Stärke als am Vortag
dabei hat, weil ich daran gearbeitet habe. Das ist der Grund es zu versuchen, aber ich habe es
immer in meinem Hinterkopf, dass ich nicht genau weiß was ich tue. Wenn ich also sage,
dass ich es versuche wie ich es gestern versucht habe, kann dies wahr sein oder auch nicht.
Ich bin es gewohnt über Zinsen nachzudenken. Ich denke auf die gleiche Art über Zinsen als
sie 6% betrugen. Ich dachte: was interessiert mich das? Aber wenn du £ 10.000 hast, können
6% Zinsen eine Menge Bedeutung haben, besonders wenn du es irgendwo anlegst, dann hast
du beim nächsten Mal Nachschauen die £ 10.000 und etwas mehr.

F: Wie siehst du die Bedeutung von Empfindungen (sensations) in der Arbeit mit Bewegung
und Aufmerksamkeit?

A: Nun, Empfindung ist das gleiche Ergebnis der Bemühungen, von denen ich bereits
gesprochen habe, Verbindung des Kopfes mit dem Körper. Und besonders, wenn man mit
dem Movements arbeitet oder einigen Movements, kann es einen Moment geben, wo wir sie
aufgrund der verschiedenen Anforderungen der Bewegungen wahrnehmen. Du kannst
einfach nicht alles mit dem Kopf regeln. Da ist etwas für den Kopf und dann kommt etwas
anderes hinzu. Der Kopf kann nicht nachvollziehen, was zuerst kam und genauso wenig,
was dann hinzukommt. Und so fängst du an zu realisieren, dass in diesem ganzen Prozess
etwas anderes lenken oder beteiligt werden muss, außerhalb von dem, was ich versuche, was
wahrscheinlich mein ordinärer Verstand ist. Manchmal passen die Sachen an einem guten
Tag, und aufgrund der Anforderungen der Movements ist man verpflichtet, einen anderen
Wege zu finden, wie man mit diesen Movements umgeht. Dann passiert oft ein Empfinden
intensiver als gewöhnlich, aber es ist immer noch das Ergebnis des Versuchs, die Dinge in
einem zusammen zu bringen, bei denen selbstverständlich die Movements hilfreich sind. Ich
möchte sagen, dass ich diese Erfahrung am stärksten durch die Movements gemacht habe.
Nicht nur die Anforderungen der Movements auch durch die Musik. So bringen mich dies
Einflüsse gemeinsam zu einem anderen Platz in mir. Ich möchte hinzufügen, egal welche
Tiefen jemand in sich gefunden hat, sie müssen stets erneut gesucht werden. Die Idee des
inneren Wachstums könnte interpretiert werden als die Fähigkeit zu Suchen. Die Fähigkeit
zu Suchen ist da, und indem ich es mache, bekomme ich Erfahrungen über mich selbst. Um
diese zu intensivieren ist es notwendig, dass ich stets weiterhin suche. Eine der Nachteile
einer sehr starken Erfahrung wie eine intensive Empfindung ist, dass du daran festhältst und
zurück schaust. Ich hatte das gestern, ich versuche es heute wieder, aber es ist nicht wie
gestern. Das hilft natürlich nicht, weil du diese Erfahrung nicht bekommen kannst, indem du
zurück schaust.

F: Diese Ideen haben etwas Gemeinsames mit den Ideen, die in den Westen gekommen sind,
die man unter dem gemeinsamen Nenner „Selbstverbesserung“ sehen könnte und das ist
„Veränderung“. Ich denke, wenn wir uns ehrlich betrachten, sind wir unzufrieden, und das
verursacht viel Leiden. Wir sehen, dass wir nicht so sind wie wir dachten oder wie wir sein
sollten. Was ist der Wert in der inneren Arbeit, zu versuchen uns zu ändern oder zu
wünschen uns zu verändern?

A: Nun Adam, Selbstverbesserung ist ein Begriff, der nicht groß genug ist, um die Lehre von
Herrn Gurdjieff mit einzuschließen. Der Begriff Selbstentdeckung ist in seiner Bedeutung da
näher. Ich würde sagen, dass der Wunsch sich zu ändern uns vielleicht zur Arbeit hinführt.
Was wir aber tatsächlich brauchen ist, dass du dich so siehst wie du tatsächlich bist, und
dieser Wunsch nach Veränderung ist hierbei häufig ein Hindernis, weil er auf einem
gewöhnlichen Niveau existiert. Ich sehe etwas in mir und reagiere, ich möchte es verändern,
aber in welche Richtung? Ich benötige das ganze Bild. Also ist die Veränderung, die benötigt
wird, die Fähigkeit wahr zu nehmen ohne zu reagieren. Und von dort könnte es möglich
sein auf eine intelligentere Art sich in die Richtung zu bewegen, die nötig ist. Tatsächlich ist
eines der Dinge, die wir in unserem Selbststudium begegnen, die Erfahrung, dass man in
sich ein fürchterliches Durcheinander antrifft.

Man möchte gerne von diesem Durcheinander befreit sein, und das geht nur wenn alles
zusammen passt, wenn du anfängst zu erkennen, dass dieses Durcheinander mein Material
ist. Und wenn ich das sehe und reagiere, dann entzieht es mir Energie, aber wenn ich es
akzeptieren kann, kann es transformiert werden. Das ist eine andere Art zu sagen, dass die
Sachen, die ich als „mein Durcheinander“ bezeichne, nicht geändert werden müssen. Was
sich ändern muss ist meine Haltung dazu, und das kann nur durch eine stärkere Verbindung
geschehen. Aber in Betrachtung der Lehren von Herrn Gurdjieff geht es nicht nur um mich
in der Welt, es geht um mich im Verhältnis zum Universum und um die verschiedenen Teile
des Universums im Verhältnis untereinander. Dies erklärt, warum Selbst-Verbesserung nicht
das passende Motto ist. Dies kann ein Anfang sein. In welche Richtung arbeitest du? Man
braucht eine Richtung für seine Arbeit, ganz wie im normalen Leben auch. Was ist Dein Ziel?
Die Reise findet zwischen dem Anfang wie man ist und dem Erreichen präsent zu sein statt.
Ich habe diese Idee von gegenwärtig sein, und ohne das macht es keinen Sinn anzufangen.
Meine Art dies zu erklären ist, dass ich diese Objektivität benötige, obwohl sie tatsächlich
Einbildung ist. Es ist eine Metapher. Dieses Bild hilft dir anzufangen, aber es ist wichtig
darauf nach und nach zu verzichten, weil es eingebildet ist. Wenn ich an diesem Bild
verhaftet bin, riskiere ich es, die Realität, die ich suche, zu verpassen, weil sie nicht zu dem
Bild passt, welches mich auf den Weg gebracht hat. Ich vergleiche das gerne mit den Einweg-
Benzintanks, die die Kampfflugzeuge im 2. Weltkrieg hatten. Um ihre Flugweite zu
erweitern, benutzten sie diese freien Benzintanks wenn sie starteten, und entkoppelten sie
sowie sie leer waren.

Q: Das Enneagram-Symbol ist etwas worüber viel gesprochen wird, manche Aspekte davon
sind in einen gewöhnlichen Gebrauch gekommen. Ich habe die sogenannte „esoterische“
Version davon studiert, mit bestimmten Qualitäten in Verbindung mit den Punkten 1-4-2-8-
5-7. Zum Beispiel die Opposition, Widerspruch und Balance von Punkt 1 (Mond), die sich
richtig in Richtung Passivität, Offenheit und das Potenzial von Punkt 4 (Venus) bewegt und
so weiter. Kennst du dich damit aus oder siehst du einen Wert darin?

A: Ich muss sagen, dass du den Vorteil hast, dich damit besser auszukennen als ich. Ich bin
sicher, dass du weißt, dass es da eine Riesenmenge Literatur über das Enneagramm gibt, das
von ein paar Nonnen entwickelt wurde, was nichts damit zu tun hat wie wir es verstehen.
Aber ich habe mich niemals damit in Bezug auf mich selbst befasst. Meine einzige Erfahrung
vom Enneagramm habe ich durch die Movements gemacht, und selbst da kann ich nicht
sagen, dass es mich weiter gebracht hat ... nun, ich kann die Verbindung zwischen ihm und
anderen Dingen, die ich verfolgt habe, nicht sehen, aber das kann ein Unvermögen
meinerseits sein. Mein Verständnis ist, dass Gurdjieff seine Lehren zu verschiedenen Zeiten
auf verschiedene Art präsentiert hat. Wenn du das Material vergleichst, wie es von
Ouspensky so gut aufgezeichnet wurde als er in Moskau mit Gurdjieff war und mit
Beelzebub, kann man sich gar nicht vorstellen, dass dies aus der gleichen Quelle stammt. Sie
haben ihre Bedeutung, und unterschiedliche Menschen wurden durch verschiedene Sachen
angesprochen. Ich habe einen meiner Lehrer gefragt, der jede Woche aus Paris kam, „Warum
gibt es all diese Sachen über Hydrogene und anderes in „Auf der Suche nach dem
Wunderbaren“, während du uns lehrst zu versuchen den Körper zu spüren?“ „Nun“, sagte
er, „das hängt alles zusammen.“ Es richtete sich an eine bestimmte Art von Menschen, wie
Alexander seine Lehren präsentierte. Er spürte, dass er seine Entdeckungen als etwas
Wissenschaftliches vorstellen musste, das war zu seiner Zeit wichtig. Heutzutage ist vieles
von dem, was er geschrieben hat mehr von historischer Bedeutung als von praktischem
Nutzen. Eines seiner Bücher hieß „Der Gebrauch des Selbst“, in dem er den Weg zu
Entdeckungen beschrieb, und weil er aus seiner Erfahrungswelt schrieb, ist das, was er zu
sagen hat, immer von Bedeutung. Vieles, was er sonst geschrieben hat, ist Spekulation und
daher sehr veraltet.

Q: Es gibt heilige Tänze oder Movements, die mit diesen Ideen in Verbindung stehen, von
denen ich denke, dass das du mit ihnen verbunden bist, und ich glaube, du stehst auch in
Verbindung mit der Alexander-Technik. Ich habe mit Interesse zur Kenntnis genommen,
dass die Alexander-Technik nicht nur in Verbindung zu Schmerzen, post-traumatische
Belastungsstörungen, Panikattacken und Stottern gebracht werden muss. Die Movements
arbeiten auch mit mehr als nur unserer körperlichen Maschine. Siehst du Parallelen
zwischen den Movements von Gurdjieff und der Alexander-Technik und wenn ja welche?

A: Ich denke, man muss sagen, dass du Gurdjieff’s Lehren nicht innerhalb der Alexander-
Technik unterbringen kannst, aber du kannst die Alexander-Technik innerhalb Gurdjieff’s
Lehren einordnen. Das eine bewegt sich in einer wesentlich anderen Größenordnung als das
Andere. Was bewundernswert an Alexander ist, dass er es alleine aufgebaut hat, und ich
denke was die Menschen, die Gurdjieff’s Arbeit studieren, von Alexander lernen können, ist
ein praktischer Weg von dem, was Gurdjieff als „Leben im Schlaf“ beschrieb. Aber die
Alexander-Technik gibt einen mehr zentrierten Blick darauf, wie du deinen Körper im Alltag
und speziell in Beziehung zwischen Kopf, Nacken und Rücken zu seinem Nachteil benutzt.
Aber es kann helfen deutlicher wahrzunehmen, dass du nicht weißt, was du mit dem Körper
machst, obwohl es eine Menge Lehrer gibt, die ständig vergessen, dass sie nicht wissen was
sie mit ihrem Körper machen. Es ist schwierig das wahrzunehmen, es gibt nur bestimmte
Momente, in denen man ausreichend in sich gesammelt ist, um das wahrzunehmen. Deshalb
würde ich zwischen der Alexander-Technik und den Movements keinen Zusammenhang
sehen, mit der Ausnahme zu sagen, dass man manchmal eine Erfahrung durch die
Movements haben kann. Eine Erfahrung an die ich mich erinnere, ist die Bewegung in einer
ungewöhnlichen Art und mit weniger Anstrengung und fließender. Eine solche Erfahrung
könnte man auch nach einer Alexander-Sitzung haben. So denke ich, was die Alexander-
Technik erreichen kann, könnte mehr sein als generell angenommen wird. Aber das muss
nicht so sein. Wahrscheinlich, Alexander sagt irgendwo, dass sie etwas Höheres berühren
kann, aber ich bin sicher, dass er das so nicht formulieren würde, weil er seine Arbeit als
etwas sehr Praktisches präsentieren wollte.

F: Bei dieser Gelegenheit, ich habe gesehen, dass der westliche Mensch als über-intellektuell
beschrieben wird. Man könnte sagen, er denkt zu viel, aber fühlt und spürt nicht genug. Auf
der anderen Seite fordern uns die Ideen auf „immer mehr und mehr über die Gesetze der
Weltschöpfung und er Welterhaltung“ zu wissen. Manchmal denke ich, dass ich mehr weiß
als ich anwenden kann und glaube in anderen eine egoistische Anhäufung von Wissen zu
sehen. Was meinst du ist der richtige Wert von Wissen?

A: Nun, ich schätze mal du wirfst die Fragen nach dem Unterschied zwischen Wissen und
Verstehen auf. Und ich vermute, dass du fragen könntest, wenn du von Wissen sprichst, was
das ist? Ich denke, dass Wissen hilfreich ist, und dass es in bestimmten Momenten das ganze
Wesen erhellen kann, wenn etwas in einem ist, das es auf die richtige Art empfangen kann.
Lass uns zum Beispiel den Schöpfungsstrahl nehmen. Nehmen wir mal an, ich wäre vertraut
damit, dann kann ich ihn auf einem Stück Papier aufzeichnen. Bei Gelegenheit kann ich
vielleicht in ihm mich selbst erfahren, und die Möglichkeit dieser Erkenntnis ist vielleicht
durch mein Wissen über das Diagramm möglich geworden. Und immer wieder, eine
bestimmte Zeile oder ein bestimmter Satz bekommt eine ganz neue Bedeutung je nachdem,
wo ich mich auf dem Weg gerade befinde. So kann ich nun sagen, dass ich ohne diese Verse
nicht die gleiche Erkenntnis gemacht hätte. Meine Ehefrau hat auf der Schule große
Abschnitte der Bibel gelernt, und sie ist stets dankbar dafür, dass sie das dort bekommen hat.
Das muss nicht notwendigerweise etwas bedeuten, aber manchmal eben schon. Und ich
schätze, dass ist der Vorrat an Wissen. Du bekommst Wissen, dass dich nähren kann.
F: Manchmal sehe ich in diesen Ideen die Möglichkeit „harmonisch“ zu leben,
„ausgewogen“ zu sein und „Lebensfreude“ zu erfahren und auch richtige Stille und Frieden
in der Meditation zu finden. Dieser erhabene Zustand, obwohl er ansprechend ist, erscheint
im Widerspruch mit dem Streben, seinen Zweck in dieser Welt zu erfüllen, der zu einem
gewissen Grad Unzufriedenheit bedeutet. So könnte man sagen, dass dies unvereinbar
miteinander ist. Wie siehst du das?

A: Wenn du die Ideen nimmst, um deine eigene Situation zu akzeptieren, was natürlich nicht
heißt, dass du dich hinlegst und alles passieren lässt und aufgibst. Die Fähigkeit zu
akzeptieren, was wiederum tatsächlich bedeutet nicht zu reagieren, ist normalerweise nicht
möglich, und so kannst du es als eine Frage der Gnade, den eigenen Reaktionen ausgesetzt
zu sein, sehen. Wenn ich das Leben akzeptieren kann, wie es ist, wie ich bin, dann bin ich
ausreichend integriert, und meine unterschiedlichen Teile kommen ausreichend zusammen,
dann bin ich nicht länger auf dem Niveau der Reaktion. Ich denke das Reaktionsschema
tendiert dazu, dass ein bestimmtes Zentrum reagiert, so funktioniere ich im wesentlichen
von einem Zentrum aus, die Reaktionen komme aus diesem Zentrum. Wenn die Zentren
mehr zusammen kommen, dann ergibt sich die Möglichkeit nicht zu reagieren und sogar,
dass ich mich akzeptiere so wie ich bin. Du siehst, das Ziel, das Verständnis von seinem Ziel,
wird unterschiedlich sein, je nachdem wie man ist. Und du könntest in manchen Momenten
sehen, dass das Streben von dem du dachtest es wäre notwendig, nicht das Streben ist,
welches notwendig ist, trotz dessen es dich zu dem Punkt gebracht hat dieses zu erkennen.
Es scheint eine Notwendigkeit zu Streben zu geben, aber vielleicht, na die Leute sprechen oft
über muskuläre innere Anstrengungen, und mit der Praxis findest du raus, dass die
Anstrengung nicht so muskulär ist wie du begonnen hast. Aber das findet man nur heraus,
indem man es macht. Wie alles andere auch, du fängst an, Movements zu machen, und nach
einer Weile stellst du fest, dass du unnötige Spannungen aufbaust, aber das findet man eben
nur heraus, wenn man es macht. So sehe ich hier keinen Widerspruch, obwohl es so
erscheint, weil man auf einem Niveau eine bestimmte Sichtweise hat und dann auf einem
anderen Niveau eben eine andere. Ich muss sagen, die Sache mit dem da sein und ruhigem
Sitzen, still mit sich zu sein und zu versuchen besser im Kontakt mit sich zu sein, wird nicht
leichter. (lacht) So gibt es immer eine Notwendigkeit für eine bestimmte Art von
Anstrengung. Wenn man nicht dran bleibt (lacht), wird es noch schwieriger, und wenn man
dran bleibt, wird es nicht leichter. (lacht)

F: Welchen Herausforderungen steht die „Work“-Organisation als Ganzes gegenüber, da die
internationale Gemeinschaft eine stärkere integrierte Globalisierung erfährt, und die äußeren
Aspekte der Lehre ein größeres Publikum über das Internet und andere Medien erreicht?

A: Ich denke, man könnte sagen, dass genau dies die Herausforderung ist, die vor uns liegt.
Ich denke, dass die Essenz der Lehre ... irgendwo ist sie als etwas beschrieben, dass sie nur
von einer Person zu einer anderen transferiert werden kann, weiterhin abhängig vom
menschlichem Prozess ist. So, obwohl das Wissen über diese Lehre oder darüber zu wissen
sich breit gemacht hat, ist da immer noch die Frage, was von einer Person zur anderen weiter
gegeben werden kann, ich sage nicht, was es ist. Durch die Leute, mit denen ich gearbeitet
habe, wurde mir ein bestimmter Weg des Seins gezeigt, welchen ich nicht erfahren hätte
ohne diese Begegnungen. Dinge können sich ohne das entwickeln und haben sich ohne das
entwickelt und sind zu entwickeln ohne das, aber für die, die ein anderes Level von Sein
erfahren haben ist, die Anforderung dran zu bleiben, um zu versuchen, diese Erfahrung in
sich selbst zu finden und möglicherweise dies an andere weiter zu übermitteln. Ich gehe
davon aus, dass das du mit dieser Idee vertraut bist. Ich habe vergessen, wo sie herkommt,
aber das ist aus einem der Bücher, dass du nur Fortschritte in der Entwicklung deines
Wesens machen kannst, indem du jemandem geholfen hast, der auf fortgeschrittener
Entwicklungsstufe ist. Und der einzige Weg auf deiner Entwicklungsstufe höher zu klettern
ist, dass du jemand anderem geholfen hast, der auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe ist.
Ich denke das ist eine wundervolle Formulierung. Und ich denke, dass die Lehre sich so in
bestimmten Gegenden verbreitet hat, so etwa. Aber natürlich, irgendwann kommt es in
Bereiche, irgendwann ist es gedruckt, aber siehst du, die gedruckte Seite enthält keinerlei
Sein. (lacht) Es ist beeindruckend, wenn Worte von einem Menschen, einer lebenden Person
gesprochen werden. Dann hast du nicht nur die Form der Wörter, die Bedeutung, sondern
auch die Intonation und trotzdem, manche Leute können auf eine Art und Weise schreiben,
die dich berührt als wen sie ein lebendiges Wesen zu dir sprechen würde. Das ist großartige
Schreibkunst.

F: Zum Schluss, impliziert in diesen Ideen ist der Gedanke, dass wir auf diese Welt zu einem
sehr bestimmten Zweck kommen, und dass es in dieser Arbeit darum geht sich zu bemühen
diese Bestimmung zu erinnern und sie zu erfüllen. Ich habe den Charakter Beelzebub in
Gurdjieff’s Buch als den „idealen“, normalen Menschen beschrieben gesehen, dessen
Funktion auf diesem Planeten aufhört. Angenommen ein Mensch erreicht diese Erfüllung,
was wäre deine Vermutung, was ihn erwartet?

A: (lacht) Erreichen, tut mir leid, welche Erfüllung? Was würde „erfolgreich zu sein“
bedeuten? Es ist wie mit dem Bergsteigen. Du kletterst einen Berg hoch und der Berg, an den
ich denke ist einer den du erklettern kannst. Du siehst etwas weiter oben etwas, nach dem du
strebst, dass wie die Spitze aussieht. Aber wenn du da angekommen bist, siehst du dass es
überhaupt nicht die Spitze ist, es ist auf dem Weg und dann ist dort ein weiterer Platz den
du anstrebst. So denke ich, dass man nicht an einen Punkt gelangt, wo man sagt „Jetzt hab
ich’s geschafft“. Zu denken, dass so etwas möglich sei, ist völlige Illusion, aber vielleicht
kann sogar diese Illusion nützlich sein, einen vorwärts zu bringen. Ich habe kein Bedürfnis
zu „vermuten“. Ich war am Dienstag auf der Beerdigung von einem Freund, und es gab
mehrere Beiträge von verschiedenen Quellen, die im Wesentlichen ausdrückten, dass das
Leben weiter geht, nur eben in einer anderen Form. Die Form, in diesem Körper auf dieser
Welt zu sein, ist beendet, und das Leben ist irgendwo anders hingegangen und ich finde
diese Idee ziemlich akzeptabel. Die Sache, die wir Geist nennen, nimmt eine andere Form an.
Ich weiß nicht, was für eine Form und ich gehöre nicht zu den Leuten, die darüber grübeln
was das sein könnte (lacht). Es könnte einfach nur Energie sein. Es gibt aufwendige Systeme,
nach denen wir, wie es uns gesagt wird, wieder in einer anderen Form zurückkommen. Das
hat mich niemals interessiert. Mein Gefühl ist, falls so eine Wiederkehr passiert, werde ich es
mitbekommen, wenn es passiert, (lacht) oder wahrscheinlich eher nicht.
NEW AGE
Dieser Begriff wurde wahrscheinlich von Carl Gustav Jung ( geboren 26. Juli 1875 in Kesswil;
gestorben 6. Juni 1961 in Küsnacht, Schweizer Mediziner, Psychologe und der Begründer der
Analytischen Psychologie) im Bezug auf die in das Wassermannzeitalter eintretende Erde
eingeführt. Wassermannzeitalter bedeutet lediglich, dass für einen Zeitraum von etwa 2000
Jahren die Sonne zum Frühlingspunkt (21. März) von der Erde aus gesehen im
Sternzeichen Wassermann steht. Abhängig davon, wen man fragt, hat das
Wassermannzeitalter bereits begonnen oder wird im frühen 21. Jahrhundert (Stichwort
2012-Mythos) beginnen. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezieht sich New Age auf eine
ganze Suite spiritueller bzw. geistlich-religiöser Glaubensvorstellungen, die größtenteils
durch alte Traditionen oder manchmal auch durch neue gechannelte Informationen aus
einer Vielzahl von Quellen wiederbelebt wurden. Die New Age Bewegung steht mit der
sexuellen Revolution der 1960er Jahre und der Humanpotenzialbewegung der 1970er
Jahre in Verbindung. Ihre ideologischen Wurzeln senken sich in das 19. Jahrhundert, als
der Okkultismus, die Theosophie, das Praktizieren des Spiritualismus, etc. wiederbelebt
wurde. New Age wurde zur Umsetzung des in der Offenbarung des Johannes
beschriebenen Plans des Teufels, eine Weltreligion hervorzubringen, beschuldigt.
New Age ist heute jedoch ein von COINTELPRO inspirierter Ersatz für traditionelle
Religionen geworden. Nach dem Sprichwort “Vom Regen in die Traufe” werden
Menschen davon abgeleitet, für sich selbst zu denken um dadurch die wahre Natur
unserer Realität zu entdecken. New Age Doktren verschmelzen westliche und östliche
Philosophien und heben hervor, dass die Erde in naher Zukunft “aufsteigen” bzw.
“gerettet” wird oder sich anderweitig – oft zum Besseren hin – transformiert. Sie
beinhalten manchmal eine verzerrte Version der Idee christlicher Erlösung, die “helfende”
oder “hoch entwickelte” außerirdiescher Zivilisationen involviert. Allgemein ist New Age
zu einem Marktplatz der Spiritualität geworden. Vieles ist auf subjektive Erfahrungen
ausgerichtet. Populäre Beispiele sind z.B. das Channeln persönlicher Geistführer, das
Erfahren glückseliger oder kosmischer Einheit, das Senden von Licht und Liebe, die
Aktivierung einer persönlichen “Aufstiegsmatrix”, Reaktivierung von Energiekörpern mit
Hilfe von heiliger Geometrie, das Empfangen von “hochschwingenden” oder
“feinstofflichen” Arten von “Energien”, positives Denken, neurolinguistisches
Programmieren, Channeling-Workshops, etc. Manchmal ist in New Age Kreisen die
Weigerung zu beobachten, das, was ist, anzuerkennen und es stattdessen selbst besser als
das Universum zu wissen, wie die Wirklichkeit ist.
Gegenwärtig wird die New Age ‘Marke’ auch mit breiten Medienrummel in Verbindung
gebracht, z.B. Kartenlegen im Fernsehen.
Kritisches Denken ist in der New Age Bewegung nicht üblich und auch nicht sonderlich
erwünscht. Es existiert oft eine adaptierte, von Wissenschaft und Technologie geborgte
‘Fachsprache’, wobei aber oft fehlerhafte Logik vorherrscht und wenig Wert auf Kohärenz
oder Präzision der Bedeutungen gelegt wird. Die New Age Bewegung ist eine ernst-
zunehmende Industrie geworden, die angefangen von persönlichen Sitzungen, Literatur,
Seminaren und Workshops bis hin zu Tourismus und Reisen ein farbenfrohes Spektrum
an Produkten und Dienstleistungen verkauft.
New Age kann größtenteils als ein Projekt der sozialen Manipulation gesehen werden, das
aus bestimmten Gründen von der etablierten Machtstruktur, die besonders in den USA
aber auch auf der gesamten Welt angesiedelt ist, an seinen Platz gesetzt wurde. Ein Grund,
der dies notwendig machte, war die wachsende Entfremdung der Menschen von den
Religionen. Menschen begannen, sich nicht länger mit den alten Mythen der
Weltreligionen zufrieden zu geben, die sie für fast 2000 Jahre in Reih- und Glied hielten.
Deshalb wurden neue, komplexere Mythen notwendig. Die heutige New Age Bewegung
startete bereits in der Elite der späten 1800er Jahre und erreichte den Massenmarkt bedingt
durch den allgemeinen Wohlstand erst in den 1960er Jahren. Aus einem esoterischen
Blickwinkel gibt es tatsächlich Grund anzunehmen, dass die Erde auf eine Art Unstetigkeit
zurast. Viele haben bereits davon gesprochen und es kann in der Tat eine Explosion der
Anzahl von Vorzeichen gesehen werden.
Die New Age Bewegung kann jedoch als Maneuver gesehen werden, dem startenden
Erwachen der Massen hin zu den Fakten bzw. der Wahrheit vorzubeugen. Deshalb wurde
das geistige Erwachen durch ‘Schlafmedikamente’ namens “du erzeugst deine eigene
Realität”, “automatischer planetarischer Aufstieg”, “Rettung durch hochentwickelte
Zivilisationen”, etc. bekämpft. Die meisten dieser Ideen haben tatsächlich eine wahre
Basis, um den suchenden Geist der Massen zufrieden zu stellen. Manche wurden aber bis
zur Unkenntlichkeit aus ihrem Zusammenhang gerissen. Die dabei verwendeten
plausiblen Lügen sind wegen ihrem wahren Kern besonders für jene schwer erkennbar und
nachvollziehbar, die nicht über hinreichend Wissen verfügen, wie die objektive Welt
funktioniert, oder denen das Konzept des Freien Willens (eigene Entscheidungs-
möglichkeit, offene Zukunft, kein unbeugsames Schicksal, etc.) unbekannt ist. So kam es,
dass der Großteil der New Age-Inhalte lediglich eine Übung im Wunschdenken sind; oder,
wie Gurdjieff sagte: “vom Aufwachen zu träumen”.

NEW-AGE COINTELPRO UND DIE OPTIMISMUS-GESTAPO2
Warum gab es keine im Weltfrieden gipfelnde Massentransformation des Bewusstseins, so
wie es uns damals, in den frühen Tagen der New Age Bewegung, so viele versprachen?
Die Antwort ist, dass ein metaphysisches COINTELPRO am Werk ist – unter dem
Deckmantel von Licht und Liebe. Die meisten Menschen kennen COINTELPRO nur aus
den Tagen der Black Panther, der Yippies und anderen revolutionären Gruppen, die
unsere Regierungen während der Zivilrechtsbewegungen und dem Vietnamkrieg unsicher
machten. In der Befürchtung, dass diese Gruppen amerikanische Bürger zu radikalen
Handlungen anstacheln würden, sendete das FBI Agenten aus, um Mitglieder dieser
unterschiedlichen Gruppen zu verunsichern und sie durch unterschiedliche Formen der
Täuschung, wie z.B. Erpressung, gegeneinander aufzureiben. Es sieht so aus, als ob heute
die CIA, FBI und NSA ihre Spitzel auf den metaphysischen Marktplatz senden um
sicherzustellen, dass Leute, die denken, dass sie zu höheren, positiveren transformativen
Dingen aufsteigen, in Wirklichkeit nur selbstgeduldiger, zerstreuter und verwirrter
werden. Der größte Zufluss dieser Agenten fand während der Blüte der
„Humanpotenzialbewegung“ in den frühen 70er Jahren über Institutionen wie z.B. Esalen
statt. Ganze Legionen von Menschen warfen ihre Protestbanner weg und verfolgten
2 https://web.archive.org/web/20110104184305/http://quantumfuture.net/gn/zeichen/newage/optimismus-gestapo.html
stattdessen ausschließlich ihre Glückseligkeit. Und das während einer Zeit, in der man
sozialpolitische Probleme direkt hätte konfrontieren müssen. Seitdem ist durch die
Hervorhebung der Persönlichkeitsentwicklung – und kürzlich durch die Bewegung rund
um das Dogma „Man erschafft die deine eigene Realität“ – ein signifikanter Teil der
Bevölkerung dahingehend gehirngewaschen worden, alle sozialpolitische Streitfragen zu
missachten. Welchen eleganteren Weg gibt es schon, Menschen zu entmachten, indem
man sie auf die Evolution ihrer Person fokussieren lässt? Und das auf die Kosten von ihren
Familien, Gemeinschaften und Ländern?

Metaphysische Schönrednerei
Die möglicherweise schamlosesten Exemplare von New Age und COINTELPRO sind
Channels, die beruhigende Nachrichten von vorgeblich hochentwickelten geistigen
Wesenheiten übermitteln. Zum Beispiel: Als der Irak-Krieg im Jahr 2003 begann,
behauptete ein bekannter Channeler in Santa Fe, New Mexico, der angeblich die
ägyptische Götten Sekhmet channelt, dass dieser Krieg ein „ultimativer Ausdruck von
[Sekhmets] Mitgefühl für die menschliche Rasse“ sei. Es benötigt eine beträchtliche Menge
an Leichtgläubigkeit, um derartigen Schwachsinn zu schlucken. Aber „Schlucken“ war es,
was die ‚New-Ager‘ taten. Mit solcher auf der Hand liegenden ‚multidimensionalen Logik‘
kann somit praktisch jede Ungerechtigkeit – ob Folter, Umweltzerstörung oder
Manipulation der Wirtschaft durch globale Mächte – als ein Akt des Mitgefühls
gerechtfertigt werden. Es ist nichts anderes als George W. Bushs theokratische Aussage,
dass ihm Gott mitgeteilt habe, in den Irak einzufallen. Jene metaphysische ‚Schönrednerei‘
ist gefährlich, aber nichtsdestotrotz in der populären Kultur vorhanden. Natürlich arbeiten
nicht alle Channeler für die Schattenregierung. Wir sollten aber mehr Urteilsvermögen
betreffend gechannelter Information aufbringen. Wenn uns gechannelte Informationen
durch Prophezeiungen entwurzeln, unsicher bzw. misstrauisch machen, kommt es
möglicherweise von einer COINTELPRO Quelle und sollte mit Vorsicht behandelt werden.

Die Optimismus-Gestapo
Der möglicherweise heimtückischste Aspekt der New Age Bewegung ist, was ich die
‚Optimismus-Gestapo‘ nenne. Das sind jene, die positives Denken anordnen und mit allen
notwendigen Mitteln darauf bestehen. Es ist ein Denken, in dem jedwede Kritik oder
Ausdruck negativer Emotionen verachtet werden. Ich konfrontierte einmal einen
‚Aufstiegsfanatiker‘ und Anhänger des ‚Galaktischen Kommandos von Ashtar‘ (eine
Gruppe, die glaubt, dass Außerirdische kommen werden, um uns zu retten) mit der
Tatsache, dass es theoretisch möglich ist, dass der demokratische Senator Paul Wellstone
nur deswegen ermordet wurde, damit ein republikanischer Senator gewählt wird. Bevor
ich noch weitersprechen konnte, unterbrach sie mich mit den Worten, „Es war für ihn
einfach Zeit zu gehen.“ Sie war intolerant der Tatsache gegenüber, dass ich es wagte, mich
in die Realität, die sie ‚erzeugte‘ – frei von Verschwörungen, gerissenen Politikern und
Betrügerei – einzumischen. Und je mehr ich mit ‚New Agern‘ Des Teufels Advokat gespielt
habe, umso mehr sah ich, dass solche Intoleranz die Regel, nicht die Ausnahme, ist. Denn
in New Age-Kreisen gibt es derzeit die Glaubensvorstellung, dass alles Negative nur dazu
beiträgt, weiteres Negatives magnetisch anzuziehen. Aber im Endeffekt werden jene, die
dieses Denken ausüben, nur ihre negativen Emotionen unterdrücken, die dann im
späteren Leben unkontrolliert hervorbrechen werden. Zum Beispiel war ich einmal ein
einem Massagesalon, um für den Inhaber ein Manuskript Korrektur zu lesen. Der Text
handelte davon, wie sehr der Inhaber die japanischen Vorgänger respektierte, die diese
Massagetechniken entwickelten, die er in seiner Praxis verwendete. Das Telefon läutete
und ich hörte ihn sagen, „Ruf doch 911“, woaufhin er den Hörer auf das Telefon schlug. Er
kam zu mir zurück und erklärte: „Das war meine Frau. Mein Kind ist gerade die Stiegen
heruntergefallen. Ich kann damit nicht umgehen.“ Oberflächlich betrachtet vermittelte der
Massagetherapeut eine Aura von Menschlichkeit und Fürsorglichkeit; aber gleichzeitig
unterdrückte er seine Schattenseite, wie er durch die Kälte seiner Frau und seinem Kind
gegenüber zeigte. Der Psychologe Dr. Carl Gustav Jung erkannte die Gefahren solcher
Verdrängung und empfahl, sich mit den Schattenseiten z.B. durch Traumarbeit
auseinanderzusetzen – als ein Weg zum Erlangen eines gesunden psychologischen
Gleichgewichts. Jeder, der Unterstützung in einer metaphyischen Gemeinschaft sucht,
sollte sich zunächst fragen, ob die eigene Fähigkeit, unabhängig zu denken, eingeschränkt
ist. Denn das Aufrechterhalten der Funktionstüchtigkeit des eigenen ‚metaphysischen
Radars‘ ist von höchster Bedeutung in einer Welt, in der es vor Gurus des ‚angeordneten
Hochmuts‘, COINTELPRO-Channelern und Selbsthilfe-Autoren nur so wimmelt.
ZUR HERKUNFT DES ENNEAGRAMM-SYMBOLS 1

Ein Literaturverzeichnis für diese Seite
sowie für die Seiten zur Wortherkunft ( ) und
zur Wissenschaftlichkeit des Enneagramms ( )
befindet sich am Ende der Seite.

Jemand sandte mir ein im Internet gefundenes Foto. Dieses Foto motivierte mich zu
Enneagramm-Nachforschungen :

Das Bild findet sich auch auf dieser Webseite ( nach unten scrollen zu "Anegondi").
Anegondi ist Teil von Hampi, der Hauptstadt des letzten Hindu-Königreiches
Vijayanagara. Das Königreich bestand vom 14. bis 16. Jh. und die Überreste gehören
heute zum Weltkulturerbe der UNESCO ( - hier ein Artikel mit vielen Fotos: ). Es
gab dort ein über 20 Jahre andauerndes Forschungsprojekt ( ). Eine der ehemaligen
Leiterinnen des Projektes, Prof. Anna L. Dallapiccola, teilte mir auf Nachfrage per e-mail
mit :

"The 'flagstone' is a fragment of a ceiling. It is not an unusual piece. The carved motifs displayed
on it are very common and are found in a number of buildings at the site. [...] As far as I am
aware, this motif appears in the early years of the 15th cent." Leider war Ihres Wissens keiner
der Projekt-Mitarbeiter des Vijayanagara Research Project "particularly interested in the
meaning of the symbols carved on ceilings, pillars etc." Sie machte dann noch eine
interessante Ergänzung : "My gut feeling is that the motif is partly Islamic-inspired (i.e. the
rotating square) and partly Hindu-inspired (i.e. the lotus at the centre). We must not forget that
there was a steady exchange of ideas between the Islamic Deccan and Vijayanagara, as evident,
for instance, from the stucco decorations on the ceilings and little balconies at the interior of
the Queen's Bath, on the stucco work on the Lotus Mahal etc. As a matter of fact, there is a very
palpable Bahmani influence in a number of little 'details' in architecture and stucco work."

1 http://www.motivatoren.de/enneagramm-symbolherkunft.htm
Interessant sind für mich die Hinweise, dass das Motiv "very common" sei, Ihr
Bauchgefühl darin einen islamischen Einfluss sieht und dass sie dies an dem "rotating
square" festmacht (was, wenn überhaupt, ein rotating triangle ist).

Auf der vorigen Webseite zur Wortherkunft zitierte ich Eric Salmon :
"Die älteste Spur seines Neuner-Schemas geht bis auf 600 v.Chr. zurück. Das Enneagramm, also
das Neuneck, war das neunte der zehn Siegel des Pythagoras." Und: "Zu einer Zeit, wo sich alle
Wissensweitergabe mündlich vollzog, bediente man sich häufig geometrischer Figuren, die
unter anderem als didaktische Hilfsmittel dienten. Pythagoras hatte zehn geometrische Figuren
als Träger der symbolischen Bedeutung der zehn Ziffern von eins bis zehn entworfen. Später hat
man sie die >>zehn Siegel des Pythagoras<< getauft. Beim Enneagramm handelt es sich um
das neunte der zehn Siegel des Pythagoras." (Salmon [1997]/ 1998: 16, 218) Unter dem Text
auf S. 218 ist das unregelmäßige Neuneck abgedruckt, das sich am gurdjieffschen
Enneagramm-Symbol orientiert :

Zu der Behauptung von Salmon sei Folgendes gesagt :
Erstens lebte Pythagoras 600 v. Chr. noch nicht. Diogenes Laertius schätzte seine
Lebensphase auf "Etwa 582-500 v. Chr." (Laertius [3. Jh.]/ 2008: 105) Die anscheinend gut
recherchierte Wikipedia-Webseite datiert seine Lebensspanne von "um 570" bis "nach 510
v. Chr." ( ). Ich folge dem auf der Wikipedia-Seite mehrfach zitierten Leonid Zhmud (
, ), der sich 1990-92 intensiv mit dem frühen Pythagoreismus beschäftigte - er nennt
den Zeitraum "um 570" bis "Mitte der 90er Jahre des fünften Jahrhunderts" (Zhmud 1997:
52, 55).

Zweitens nennt Salmon keine Quelle für die Behauptung der "zehn Siegel des
Pythagoras", sondern vermutet lediglich, "er habe diesen Hinweis aus dem Buch >>Die
großen Eingeweihten<< von Edouard Schuré." (Lendt/ Schwarzlmüller 2004: 78; , )
Treffend bemerken Lendt/ Schwarzlmüller zum Schuré-Buch : "Zumindest im recht
umfangreichen Kapitel über Pythagoras war aber auch hier nichts Dementsprechendes zu
finden. Stattdessen enthält es überbordende Phantasiebeschreibungen von Situationen, die
Tagebuchcharakter haben, ..." (ebd.) Ich habe das Pythagoras-Kapitel bei Schuré ebenfalls
gelesen und zusätzlich das gesamte Buch überflogen. Wie bereits Lendt/ Schwarzlmüller
habe auch ich nichts gefunden. Das Schuré-Buch ist romanähnlich geschrieben und lässt
sich angenehm lesen. Als Quellen für das mit Abstand längste Pythagoras-Kapitel nennt
Schuré : Fabre d'Olivet: Goldne Verse des Pythagoras - Proclus: Die Orakel des Zoroaster,
gesammelt in der Theurgie des Proclus - Just: Die Seherin von Provost - Chaignet: Pythagore et la
philosophie pythagoricienne - Diogenes Laertius. Das Buch von Schuré ist als pseudo-
wissenschaftliche Literatur einzustufen, bei dem zwischen eigener Dichtung und
sauberer Quellenarbeit nicht zu unterscheiden ist. Schuré schwärmt geradezu von Fabre
d'Olivet (1767-1825; "Fabre d'Olivet, dieser wunderbare Seher des prähistorischen Zeitalters
der Menschheit, ..." [Schurè [1889]/ 121956: 39; vgl. auch S. 461f Anm. 47]), doch wie diese
Quelle im Vergleich zur Quelle August Böckh (1785-1867) zu bewerten ist, können Sie aus
den Darstellungen der entsprechenden Wikipedia-Webseiten ablesen ( und ) - hier
noch ein Link zur Einordnung der Goldenen Verse ( ). Nachdem d'Olivet 1813 seine
Schrift zu Pythagoras veröffentlicht hatte, begann 1819 mit Böckh durch eine Schrift zu
Philolaos-Fragmenten die moderne Pythagoras-Forschung (vgl. Zhmud 2005: 135). Es
wurde rund 150 Jahre über die Einschätzung der Philolaos-Fragmente gestritten, bis
1962/1972 Walter Burkert klarstellte, welche Fragmente authentisch sind und welche als
Pseudopythagorica einzuschätzen sind (vgl. Zhmud 2005: 135) Schließlich ist auch die
spätantike Quelle Diogenes Laertius nicht frei von Dichtung ("ein Autor, bei dem notorisch
viel Gefälschtes steht"; Fehling 1985: 24). Doch Zhmud sieht Diogenes zumindest für
Pythagoras als eine akzeptable Quelle - ganz im Gegensatz zu den oft zitierten
Porphyrios und Jamblichos : "Die Analyse der von Diogenes herangezogenen Quellen hat
gezeigt, daß es bei weitem nicht die schlechtesten sind, zudem ist seine Beziehung zu den
Wundergeschichten innerhalb der Pythagoras-Tradition sehr viel verhaltener als die des
Porphyrios oder Jamblichos." (Zhmud 1997: 49)

Drittens habe ich im September 2011 den renommierten Altphilologen und Pythagoras-
Experten Walter Burkert ( ) nach den zehn Siegeln des Pythagoras gefragt. Die
Erwähnung solcher Siegel ist ihm nicht bekannt. Da Burkert bereits 1962 mit der Arbeit
Weisheit und Wissenschaft zu Pythagoras habilitierte, dann 2006 den Band Mystica,
Orphica, Pythagorica veröffentlichte und 2011 eine überarbeitete und erweiterte Auflage
seines bereits 1977 erschienenen Werkes Griechische Religion der archaischen und
klassischen Epoche herausgab, dürfen wir davon ausgehen, dass Burkert irgendwann in
seinem langen Forscherleben davon erfahren hätte, wenn eine wissenschaftlich
bedeutsame Quelle "zehn Siegel des Pythagoras" erwähnt hätte - und selbst wenn dem so
wäre, wäre zu klären, welchen Wahrheitsgehalt eine solche Quelle hätte. Was die
Zahlenlehre des Pythagoras angeht, finden wir bei Zhmud (2005) folgende Äußerungen :
"Die Theorie der vollkommenen Zahl 10 ist aber eine akademische, spezifisch speusippische
Doktrin, im vorplatonischen Pythagoreismus finden sich davon keine Spuren." (Zhmud 2005:
143; vgl. auch Burkert 1962: 63ff)

"Da der eigentliche Urheber der pythagoreischen Zahlenphilosophie weder bei Aristoteles noch
bei Theophrast erscheint, hat die spätere Überlieferung diese Lücke mit >>Pythagoras<<
ergänzt." (Zhmud 2005: 147) Zur Beurteilung der pythagoreischen Symbola (Sinnsprüche,
die zum Teil "Analogien zwischen Zahlen und >>Dingen<< sind", ansonsten eher den
Sprüchen der Sieben Weisen ähneln, oder einfach als seltsame Ratschläge erscheinen;
ebd.) siehe Zhmud (1997: 93-104 und 2005: 147-149). Und zur Seelenwanderungslehre
schreibt Zhmud : "Die Seelenwanderungslehre ist eng mit Pythagoras und den anonymen
Pythagoreern verknüpft; bei den Pythagoreern, die uns namentlich bekannt sind, finden wir
ganz andere Seelenlehren." (Zhmud 2005: 150) Zhmud findet auch Argumente gegen die
Schamanismus-These und mögliche ekstatische Kulthandlungen bei Pythagoras. (Zhmud
1997: 107-116) Die Seelenwanderungslehre (Metempsychose) ist seiner Meinung nach
keine Erfindung des Pythagoras, sondern "ist im Kontext der Transformation der
griechischen Religion vom achten bis sechsten Jahrhundert zu sehen, die nicht zuletzt zu
einer Änderung der traditionellen Vorstellung vom Menschen, seiner Beziehung zu den
Göttern, seiner Seele führt, und auf diesem Hintergrund ohne weiteres erklärbar." (ebd.:
122; in Anm. 27 bemerkt Zhmud: "Der Verfasser einer speziellen Untersuchung der indisch-
griechischen Kontakte hält die Übernahme der Metempsychose aus Indien für unmöglich
(Karttunen. Op.cit., 112f)." Außerdem : "Zeugnisse, die diese Lehre mit den Namen konkreter
Pythagoreer verknüpfen, gibt es nicht; dagegen kennen wir eine ganze Reihe von Fakten, die
dem Glauben der Pythagoreer an die Metempsychose widersprechen." (ebd.: 125)
Andererseits : "Fest steht, daß Pythagoras selbst und auch einige seiner Anhänger von der
Seelenwanderung überzeugt waren. Die Namen dieser Anhänger kennen wir nicht, soweit nicht
einige >>Pythagoristen<< dazu gehören, die in der mittleren Komödie genannt werden. Klar ist
aber dieses: Man kann nicht jeden beliebigen Pythagoreer als Anhänger der Metempsychose
vereinnahmen, nur weil er zur Schule gehört. Eine allgemeinverbindliche religiöse Lehre hat es
im Pythagoreismus nie gegeben, genausowenig wie eine allgemeinverbindliche Philosophie."
(ebd.: 126) Die populäre Pythagoras-Meinung, die durch unsere Köpfe geistert, entspricht
also entweder nicht dem Stand der Forschung, oder ist umstritten.

Auch wenn Salmon mit seinen Behauptungen ein bestehendes Gerücht in abgewandelter
Form weiter verbreitete, so ist ihm für den Hinweis auf Schuré zu danken, weil dessen Buch
gut das Spannungsfeld von Mythos und Wahrheit repräsentiert. Das 1889 in französisch
veröffentlichte Original Les Grands Initiès (Die Großen Eingeweihten) ist vermutlich ein
Spiegel des damaligen spirituellen Zeitgeistes (immerhin wurde das Buch ins Deutsche,
Englische, Italienische und Russische übersetzt, ; in Russland erschien es 1914, ). In
dem Buch behandelt Schuré die Personen Rama, Krishna, Hermes, Moses, Orpheus,
Pythagoras, Plato und Jesus. Hier drei Zitate aus der Einleitung (Schurè [1889]/ 121956) :

"Wenn wir von der experimentellen und objektiven Psychologie übergehen zur intimen und
subjektiven unserer Zeit, die sich in Poesie, Musik und Literatur ausdrückt, so finden wir, daß ein
ungeheurer Zug von unbewußtem Esoterismus sie durchzieht. Niemals vielleicht war das
Sehnen nach dem geistigen Leben, nach der unsichtbaren Welt, das die materialistischen
Theorien der Gelehrten und die Meinung der Welt zurückgedrängt hatten, ernster und
wirklicher. Man findet dieses Sehnen in dem Bedauern, den Zweifeln, der düsteren Melancholie,
bis hinein in die Lästerungen unserer naturalistischen Romanschriftsteller und unserer
dekadenten Dichter. Niemals hat die menschliche Seele ein tieferes Gefühl gehabt von der
Unzulänglichkeit, dem Elend, der Unwirklichkeit ihres jetzigen Lebens. Niemals hat sie sich
glühender nach einem unsichtbaren Jenseits gesehnt, ohne dazu gelangen zu können, an es zu
glauben." (ebd.: 25) "Was ich hoffe bewiesen zu haben ist, daß die Lehre der Mysterien am
Ausgangspunkt unserer Zivilisation steht; daß sie die großen arischen wie auch die großen
semitischen Religionen geschaffen hat; daß das Christentum die ganze Menschheit dahin führt
durch seinen esoterischen Gehalt und daß die moderne Wissenschaft in der Gesamtheit ihrer
Bestrebungen wie durch Vorsehung dahin zielt; daß sie dort endlich wie in einem Hafen
einlaufen müssen, um ihre Synthese zu finden." (ebd.: 27) "Dieses Buch ist ganz entsprungen
einer glühenden Sehnsucht nach der höchsten, vollständigen, ewigen Wahrheit, ohne welche
die Teilwahrheiten nur Trug sind. Diejenigen werden mich verstehen, die, wie ich, das
Bewußtsein davon haben, daß der gegenwärtige Zeitpunkt der Geschichte, mit seinen
materiellen Reichtümern, vom Standpunkt der Seele und ihres unsterblichen Sehnens aus,
nichts ist als eine traurige Wüste. Die Stunde ist ernst und die äußersten Konsequenzen des
Agnostizismus machen sich fühlbar in der sozialen Auflösung. Für Frankreich wie für Europa
handelt es sich um Sein oder Nichtsein. Es handelt sich darum, die zentralen, organischen
Wahrheiten auf unzerstörbaren Grundlagen festzusetzen oder endgültig in den Abgrund des
Materialismus und der Anarchie zu stürzen." (ebd.: 28)

An dieser Stelle macht es Sinn, kurz den Blick auf Rudolf Steiner ( , , ) und Marie
von Sivers ( ) zu richten. Steiner hatte 1907/9, 1911 und auch 1916 die Vorwörter für die
erste, zweite und dritte Auflage der dt. Übersetzung Die Großen Eingeweihten
geschrieben (im dritten Vorwort nennt Steiner 1909 als Erscheinungsjahr der ersten
Auflage, was mir ein Irrtum zu sein scheint, da bereits 1907 im Max Altmann Verlag die
erste Auflage erschien ( , ); möglicherweise ist das Buch 1909 erstmals in dem Otto
Wilhelm Barth-Verlag erschienen). Steiners Frau Marie Steiner-von Sivers hatte das Werk
übersetzt - Teile des Buches erschienen zuvor in der Zeitschrift Lucifer & Gnosis ( , vgl.
auch Fedjuschin 1988: 86, 326 Anm. 1).

Zu Beginn des 20. Jhd. wurde Steiner auch in Russland immer gefragter. So brachte die
Theosophin Elena Petrovna Piserva in einem Brief an Marie von Sivers den Bedarf nach
Steiners Vorträgen zum Ausdruck : ">>Wir brauchen in Rußland unbedingt Material von der
Art, wie es der Doktor zu geben hat. Die verzweifelten Menschen werfen sich auf alles, was nach
Geist aussieht. Neuerdings kam ein schlechtes, billiges, spiritistisches Journal heraus, welches
schon jetzt mehr als 16 000 Abonnenten hat. Kürzlich erst erfuhr ich, daß die Werke von Papus
und anderen französischen Okkultisten eines nach dem anderen auf Russisch im Druck
erscheinen. Deshalb darf es nicht sein, daß wir, die wir das Glück haben, einen solchen Lehrer
wie den Doktor zu kennen, nicht wissen, wo wir den Stoff für unsere okkulte Arbeit
herbekommen müssen.<<" (Fedjuschin 1988: 89) Fedjuschin kommentiert später : "In dem
Werk Rudolf Steiners sahen die Russen die Möglichkeit eines neuen geistigen und damit auch
historischen Weges für Rußland.Sie waren schon lange auf der Suche und fühlten voraus, daß
ein Lehrer kommen sollte, der sie zur Quelle des Lichtes, zu Christus, zurückführen würde."
(ebd.: 102)

Passend zu diesem Verlangen schrieb Steiner ähnlich schwärmerisch wie Schuré im ersten
Vorwort zu Die Großen Eingeweihten : "Schuré ist von dem Glauben beseelt, daß eine
Zukunft der Geisteskultur bevorstehe, in der sich die Wissenschaft durch die Weisheit zur
Anerkennung des Sehers der Wahrheit hindurchringen wird, und daß die Kunst eine Epoche
erleben werde, in der hinter der Phantasie die befruchtende Kraft der ewigen Urbilder der
Dinge walten werde. Auf diesem Vertrauen ruht sein künstlerisches Schaffen und aus ihm ist
auch dieses Buch erwachsen." (ebd.: 6)

"Es bietet den geschichtlichen Nachweis, daß das Wesen der Religion von dem Begriff der
>>Einweihung<< oder >>Erleuchtung<< nicht zu trennen ist. Das Bedürfnis nach Religion ist
allgemein-menschlich. Eine Seele, die verneint, ohne Religion leben zu können, ist in einer
schweren Selbsttäuschung befangen. Aber Befriedigung können diesem Bedürfnisse nur die
Sendboten der geistigen Welt bringen, die im Lande der Seher sich zu den höchsten Stufen
erheben." (ebd.: 7)
"Zwei Mittel sind heute vorhanden, um den Zugang zu der Sprache derjenigen zu finden, die
aus der Seher-Erfahrung heraus Kunde geben können von einer geistigen Welt. Der eine Weg ist
der direkte des Hinhorchens auf die Quellen, die auch in der Gegenwart aus dem Urgrunde des
Daseins fließen. Der andere Weg ist der in Schurès Buch gebotene. Für viele wird das letztere
Mittel wohl erst auf den vorgenannten Weg führen. Wenn sich solche Menschen erst
überzeugen können, daß die großen Geistesimpulse der Vorzeit, die noch in ihren Seelen
fortleben, aus Seherkraft entsprungen sind, dann werden sie sich zu der Einsicht
hindurchringen können, daß auch in der Gegenwart ein Erreichen dieser Kraft möglich ist.
Wer das Geistesleben der Gegenwart nicht nur an seiner Oberfläche, sondern in seinen Tiefen
verfolgen kann, der vermag auch zu sehen, wie sich nach dem Abfluten der materialistischen
Strömungen von vielen Seiten die Quellen des spirituellen Lebens öffnen. Gerade wer dies klar
durchschaut, wird nicht die zeitliche Notwendigkeit des Materialismus bestreiten. Er wird
wissen, daß dieser Materialismus in den letzten Jahrhunderten entstehen mußte, weil nur unter
seinem einseitigen Wirken die äußeren Erfolge der Kultur möglich waren. Ein solcher wird aber
auch sehen, wie ein neues Zeitalter der Spiritualität heraufzieht. Eine der besten Erscheinungen
dieses beginnenden spirituellen Zeitalters glauben wir mit Schurés >>Großen Eingeweihten<<
der deutschen Öffentlichkeit zu übergeben." (ebd.: 8)

Marie von Sivers und Rudolf Steiner nahmen Schurés Werk dankbar auf ( ), und es wird
m. E. am besten durch Steiners Vorstellung einer Akasha-Chronik ( , ) ergänzt.
Wenn wir annehmen, dass Schurés Buch auch Teil des russischen spirituellen Zeitgeistes
war - Les Grands Initiès wurde 1914 in russisch veröffentlicht - und wir wissen, dass
Gurdjieff wie auch Personen aus seinem Umfeld Kenntnis von theosophischen Schriften
hatten, so wird Gurdjieff in irgendeiner Weise von Teilen der dort geschilderten Inhalte
erfahren haben.

Eine Verbindung zwischen Enneagramm und Pythagoras gibt es durch die Tatsache, dass
sich Gurdjieff im Beelzebub auf Pythagoras bezog (als eine von zwei initiierten Personen
auf der Erde; als Experimentierer mit dem "monochord", den Gurdjieff für seine
Experimente als "vibrosho" baute). Da Gurdjieff den Namen Pythagoras nur im
Beelzebub und hier nur fünf Mal erwähnt (wobei er ihn an einer Stelle "as stupid as a
cork" bezeichnet), kommen Zweifel an dessen Wichtigkeit im Gurdjieffschen Denken auf.
Doch ist zu bedenken, dass der Beelzebub erst nach Gurdjieffs Unfall und dem
Niedergang des Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen (siehe weiter
unten) geschrieben wurde. Das heißt, dass Gurdjieff vielleicht erst im Nachhinein eine
geringe Bedeutung von Pythagoras ausdrückte, er aber in seinen Anfangsjahren in
Moskau und Petersburg eine größere Bedeutung gehabt hat - schließlich taucht auch das
Wort Enneagramm nicht in Gurdjieffs Büchern auf und trotzdem hat es für ihn eine große
Bedeutung gehabt. Zur Prüfung dieser Vermutung wären die Aufzeichnungen von
Ouspensky aufschlussreich. Doch in Ouspenskys Aufzeichnungen über die Zeit in
Moskau und Petersburg fehlt Pythagoras. Allenfalls die Beziehung zur Musik wird in
Ouspenskys Enneagramm-Kapitel Nr. 14 und im Kapitel 18 deutlich ( ).

Nun ist aber die Tatsache, dass das Wort Enneagramm an keiner Stelle im Beelzebub
auftaucht, nicht allzu hoch zu bewerten, weil laut Moore die Kapitel 39 und 40 auf
besondere Weise das Enneagramm beschreiben (vgl. Moore [1987]/ 2004: 9 Anm. 10).
Gleiches gilt für den nur spärlich erwähnten Pythagoras, weil Gurdjieff über seine
Quellen keine Auskunft zu geben pflegte, so dass die wahre Bedeutung des Pythagoras
für Gurdjieff schwer einzuschätzen ist. Indirekt lässt sich eine hohe Bedeutung ableiten -
mehr dazu in der Langversion zur Wissenschaftlichkeit des Enneagramm. Im übrigen ist
es auch bei Platon so, dass der "Einfluß des pythagoreischen Denkens" unbestritten ist,
obwohl er Pythagoras und die Pythagoreer "nur zweimal erwähnt (Res. 600a, 530a-531b) -
wenn wir von den Hinweisen auf Philolaos und seine Schüler im >>Phaidon<< und auch
Archytas im Siebten Brief einmal absehen. [...] Angesichts der zahlreichen Passagen, in
denen pythagoreischer Einfluß spürbar wird (zum Beispiel im >>Timaios<< oder im
>>Staat<<), wirkt es besonders verwunderlich, daß die Pythagoreer so selten direkt
erwähnt werden. Eine befriedigende Erklärung hat sich dafür bis heute nicht gefunden.
[...] Mit den Schülern Platons beginnt sich das Material über Pythagoras und die
Pythagoreer zu verdichten; und die Hauptsache ist, daß wir darin auch Hinweise auf
konkrete wissenschaftliche Entdeckungen finden." (Zhmud 1997: 131, 132) So war es
Orage, ein Schüler von Gurdjieff, der ihn einen pythagoreischen Griechen nannte : ">>A
Pythagorean Greek,<< Orage called him, thus connecting the prominence given to numbers in
the Gurdjieffian system with Gurdjieff's descent from Ionian Greeks who had migrated to
Turkey. Perhaps this appellation, "Pythagorean Greek," is as short a way as any to indicate the
strangeness of Gurdjieff to our civilization, which has never been compared to Greece in its
great period from the sixth to the fourth centuries before Christ." (Quelle: )

Eine in diesem Sinne in Gurdjieff hineindeutbare Verbindung zu Pythagoras stellt zum
einen die Wichtigkeit von Musik und zum anderen das Denken in Proportionen dar - bei
Gurdjieff kommt noch die tänzerische Bewegung und das Denken in
Schwingungen/Vibrationen hinzu (ein Antonios Diogenes ( ) hat sogar von angeblich
durch Pythagoras therapeutisch eingesetzten Tänzen berichtet ( ), was vermutlich
Gurdjieff dazu inspirierte, ebenfalls von "pythagorean dances" zu sprechen ( )).

Einen deutlicheren Pythagoras-Bezug finden wir bei der Person, die rund 50 Jahre nach
Gurdjieff das Enneagramm als psycho-spirituelles Persönlichkeitsmodell entwickelte.
Diese Person veröffentlichte 1991 das Gerücht von zwölf Siegeln des Pythagoras (nicht
zehn Siegel wie bei Salmon) - mehr dazu im letzten Kapitel, der Langversion zur
Wissenschaftlichkeit des Enneagramm.

Der mit dem Eingehen auf das Schuré-Buch vollzogene Zeitsprung von Pythagoras zur
Zeit des ausgehenden 19. Jh. und beginnenden 20. Jh. wird weiter unten fortgeführt. Für
diese Webseite Zur Herkunft des Enneagramm-Symboles macht zunächst ein Zeitsprung
von Pythagoras ins 13. Jh. Sinn. Würden wir Andreas Ebert folgen, müssten wir noch
einen Zwischenstopp bei Evagrius Ponticus einlegen, doch sind von ihm keine
Zeichnungen überliefert. Es gibt lediglich Aussagen in seiner Einleitung zu den 153
Kapitel über das Gebet, die uns über mögliche Figuren spekulieren lassen. Ebert hat einen
solchen Spekulationsversuch unternommen (vgl. Rohr/ Ebert [1999]/ 2009: 27-30)
Im Jahr 1283 verfasste der Franziskaner Raymundus Lullus/ Ramón Llull (1232-1316,
) die Ars demonstrativa, die unter anderem die in diesem Zusammenhang
bedeutsamen Figuren A und T enthält :

(Quelle: )
Es folgten in der Ars brevis (1308) zwei Figuren, die auf der deutschen Seite des Centre de
Documentació Ramon Llull so dargestellt sind :

(Quelle: )
Die Ars brevis war 1308 geschrieben worden, um den Zugang zur "großen Kunst" - also
der Ars generalis ultima (1305-1308), auch Ars magna genannt - zu erleichtern. Seltsam ist,
dass in der Figur A einige Verbindungslinien fehlen. Die Grafiken auf der spanischen
Version der entsprechenden Webseite ( ) sehen anders aus und werfen die Frage auf,
was die Grundlage für diese beiden Grafiken der deutschen Version ist. Auch habe ich auf
der Webseite es Centre de Documentació Ramon Llull nicht die Figuren A und T des
eigentlichen Werkes Ars generalis ultima finden können - sie sind auf dieser Webseite ( ) :
Rund 280 Jahre später finden wir die Figur A bei Giordano Bruno (1548-1600) in zwei Versionen
wieder :

(Quelle: )

Bei James Webb finden wir 1980 eine interessante Ableitung der Figur A (rechtes Bild,
Webb 1980: 519) :

Auf den ersten Blick sehen die Figuren gleich aus (wenn wir darüber hinweg sehen, dass
in der rechten Figur das Dreieck und das unregelmäßige Sechseck ergebenden Linien fett
gedruckt sind). Beim zweiten Blick ist zu entdecken, dass Webb das Muster der inneren
Verbindungslinien um 20 Grad gedreht hat - im Original sind die Buchstaben über den
Zwischenräumen, bei Webb sind sie nun über den Knotenpunkten. Dieses
Darstellungsprinzip findet sich durchgehend bei der Figur T und für die Figur A in der
Ars demonstrativa und der Ars brevis. Was mag es wohl zu bedeuten haben, dass Llull in
der Ars generalis ultima bzw. der Ars magna für die Figur A von seinem
Darstellungsprinzip abgewichen ist ? Diese Frage scheint mir für den auf dieser Webseite
dargestellten Zusammenhang nicht wesentlich, so dass ich ihr nicht weiter folge. Seit 1665
gibt es den Neunstern, die "Enneade", in der Arithmologia sive de abditis numerorum
mysteriis (Arithmologie oder das verborgene Geheimnis der Zahlen) des Jesuiten
Athanasius Kircher (1602-80, , Erläuterndes siehe hier: ). Kircher hat den Neunstern
von Llull übernommen.
In Kirchers Bild sitzen auf der Erde zwei Menschen (unten links und unten rechts), die
nach oben kucken. Quasi als deren Verlängerung oder himmlische Übermittler sind zwei
Engel zu erkennen, die zum Neunstern weisen, der in der Mitte das Auge Gottes enthält.
"The Monad, which is also the Holy Trinity, is represented by the eye in the triangle at the center
of the ennegram." (Webb 1980: 508; was hier in der englischen Sprache "enneagram" heißt,
ist bei Kircher die "Enneade", siehe den Hinweis zur Sprache bei Bartels 2005: 68 Anm.
128)

Unter Einbeziehung des Kreises mit den zwei Flügeln heißt es bei Godwin : ">>Die
Gottheit, dargestellt als Auge in einem Dreieck, das dreimal durch die hebräischen Buchstaben
JH markiert ist, sendet ihre Strahlen auf dem Weg über die neun Engelsscharen in ihren drei
dreieckigen Abteilungen in die Welt. Die Engel bewohnen die himmlische oder archetypische
Welt. Darunter sind die Sphären der sieben Planeten, umgeben von den Fixsternen des
Tierkreises und dem primum mobile. Die Erde befindet sich in ihrem Zentrum.<< Kircher hat
sich offenbar durch seine Studien der alten Religion Ägyptens zu der Vorstellung des
Gottesstrahls inspirieren lassen. Jedenfalls galt ihm die Lehre der Weltseele, die den Kosmos mit
einem Strahl aus Liebe erfüllt, als >>Zusammenfassung der 'ägyptischen' Philosophie<<. Der
Jesuit war erfüllt von der Hoffnung, in einer geheimen ägyptischen Ur-Lehre die Quelle der
großen esoterischen Traditionen der Welt zu finden - eine Leidenschaft, die ihn übrigens mit
Gurfjieff verbindet. Dieser vertrat nämlich die Auffassung, dass in Ägypten schon vor vielen
tausend Jahren eine esoterische Vorform der christlichen Religion existiert habe, die über
>>Schulen der Wiederholung<< tradiert worden und mit der Zeitenwende letztlich in das
Christentum übergegangen sei." (Bartels 2005: 67f mit Bezug auf Godwin, J. (1994):
Athanasius Kircher. Ein Mann der Renaissance und die Suche nach verlorenem Wissen,
Berlin, S. 82, 20, 15 und Ouspensky 91997: 444f als deutsche Übersetzung von Ouspenskys
In Search of the Miraculous)

Eine wichtige Quelle für den von Enneagrammern behaupteten alten Ursprung könnte
der Oedipus Aegyptiacus von Kircher sein : "The three full folio tomes of ornate illustrations
and diagrams were published in Rome over the period 1652–54. Kircher claimed that his
sources for Oedipus Aegyptiacus were
Chaldean astrology, Hebrew kabbalah, Greek
myth, Pythagorean mathematics, Arabian
alchemy and Latin philology." ( ) Hier das
Werk in lateinischer Sprache - eine
Webseite mit pdf-Dateien vom Mikrofilm
des Originalwerkes ( ). "The
arithmological view of number sees meaning
and not use in number." (Webb 1980: 503)
Sehr schnell sichtbar sind die Zahlen
unten auf dem Bild. Fast verborgen sind
die Ziffern, die sich an jeder Spitze des
Neunecks befinden. Schauen wir auf die
Anordnung der Ziffern, so wirkt das
rätselhaft. Entfernen wir das Dreieck in
der Mitte des Neunsterns, so sind wir bei
der folgenden Abbildung.
Eine mögliche Erklärung dafür, wieso die Zahlen bei Kircher so angeordnet sind und was
das vermutlich mit der Kabbalah und Llull zu tun hat, ist sehr spannend bei Webb 1980:
509-525 nachzulesen. Vorweg gesagt sei, dass die geometrische Figur der Enneade nicht in
der Kabbalah zu finden ist. Die Ursache für die Verbindung des Lebensbaumes ( ) mit
der Enneade liegt bei Franz Bardon (1909-1958, ). Er fügte in den von Robert Fludd
(1574-1637, , ) gezeichneten Lebensbaum ( ) verschiedene geometrische Symbole
ein ( , ) - bei Bardon heißt die "Enneade" von Kircher allerdings "Nonagon" ( ). Für
Webb ist klar - auch wenn er korrekt einschränkt "We cannot say for certain that Gurdjieff
did take his cosmology from Athanasius Kricher." - dass Gurdjieff durch Kircher inspiriert
wurde (Webb 1980: 512, 518). Das folgende obere Symbol ist das heute übliche
Enneagramm-Symbol, doch ist es nicht bei Gurdjieff zu finden ! Gurdjieffs Symbole sind
die beiden darunter, und sie sind zu finden bei Ouspensky 1949: 286 (ohne Ziffern), 288
(mit Ziffern) :

Das richtige Symbol wurde noch im Jahr 2000 auf dem Cover der deutschen Übersetzung
eines Riso/Hudson-Buches verwendet - allerdings nur in der/den ersten Auflage/n.
Die ebenfalls im Jahr 2000 gedruckte sechste Auflage sieht anders aus :
Der linke Buchtitel hat ein großes rotes Enneagramm-Symbol mit Pfeilen. Doch das Symbol
befindet sich ohne Pfeile und Nummern in dem schwarzen mittleren Bild. Seinen Ursprung
hat es auf dem Plakat des Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen (siehe weiter
unten). Auf Seite 377 sind bei Ouspensky (1949) zwei ergänzte Formen zu finden, die am
Außenrand noch Zahlen des "Diagram of Everything Living" und Oktaven-Buchstaben
beinhalten, was er dann als "food diagram" bezeichnet. Webb verweist darauf, dass für
Gurdjieffs Enneagramm die Bewegung wesentlich ist "and the direction of the movement is
marked by Ouspensky with arrows." (Webb 1980: 517) Ich habe bei Ouspensky (1949) keine
Enneagramm-Figur oder eine Hexade mit Pfeilen gesehen. Es sei noch auf eine Anmerkung
von Bartels verwiesen : "Webb spricht von Kirchers Enneade als einer >>figure called an
'enneagram'<<. (Circle 507) Bei Kircher selbst fehlt das Wort >>enneagram<< jedoch.
Möglicherweise ist seine >>enneade<< in der (englischsprachigen?) Sekundärliteratur irgendwo
zum >>enneagram<< geworden. Leider nennt Webb keinen Beleg." (Bartels 2005: 68 Anm. 128)
Bei der ganzen Diskussion um die Herkunft des Enneagramm-Symboles ist die Feinheit mit
dem gestrichelten Dreieck wichtig, weil es deutlich macht, dass das Symbol für Gurdjieff
aus drei Teilen besteht : einem Dreieck, einem unregelmäßigen Sechseck und einem Kreis.
Die Form des Kreises und des Dreiecks sind uralt. Das, was neu ist, ist das unregelmäßige
Sechseck. Entsprechend finden wir bei Ouspensky Begründungen und Beschreibungen für
den Kreis und das Dreieck. Das unregelmäßige Sechseck wird seltsamer Weise nicht
dargestellt. Stattdessen werden zwei Figuren gezeigt (Ouspensky 1949: 287),
die meine Phantasie in keiner Weise mit dem unregelmäßigen Sechseck des Enneagramm-
Symbol

in Verbindung bringen kann. In dem 1979 von Peter Brook veröffentlichten Film Meetings
With Remarkable Men wird deutlich, dass es um dieses unregelmäßige Sechseck geht,
wenn wir uns Fragen, was Gurdjieff angeblich bei einer sufischen Bruderschaft in einem
Kloster gefunden hat :

Ein helles Sechseck mit einem dunklen Kreis als Hintergrund in einem Buch ab 6:10 :
Ein helles Sechseck mit einem dunklen Kreis als Hintergrund auf einem Papyrus ab 0:50 :
Das Sechseck in hellen Linien auf einem dunklen Boden im Kloster der Bruderschaft,
wobei die Tänzerinnen auf dem Symbol weiblich sind, von 2:40 bis 3:30 : Der gesamte
Film startet hier: Der Film ist gerade deshalb eine seriöse Quelle, weil Jeanne de
Salzmann für den Inhalt mitverantwortlich ist. Sie war es, die Gurdjieff half, seine Ideen
für die movements (Heilige Tänze) in die Tat zu bringen bzw. Wirklichkeit werden zu
lassen und ihn seit Tiflis bis zum Tode begleitete. Und bei Ouspensky heißt es : ">>Each
completed whole, each cosmos, each organism, each plant, is an enneagram,<< he said, >>But
not each of these enneagrams has an inner triangle. The inner triangle stands for the presence of
higher elements, according to the scale of 'hydrogens,' in a given organism. This inner triangle is
possessed by such plants, for example, as hemp, poppy, hops, tea, coffee, tobacco, and many
other plants which play a definite role in the life of man. The study of these plants can reveal
much for us in regard to the enneagram." (Ouspensky 1949: 293, eigene Hervorhebung)

Das Symbol kann also ohne Dreieck dargestellt werden. Zu Llull und Kircher schrieb
Johannes Bartels im November 2001 den Beitrag Die Suche nach dem >>Ur-
Enneagramm<< ( ). Bartels zitiert darin James Webb, der die Personen Anna Butkovsky
und Anthony Charkovsky als Mitglieder der Petersburger Gurdjieff-Gruppe ( , ) und
Llull-Wiederentdecker erwähnt. In einer kritischen Anmerkung weist Bartels darauf hin,
dass Webb nicht sagt, woher er die Information hat. Und schließlich sei allenfalls eine
Parallele im Denken Llulls und Kirchers mit dem von Gurdjieff zu finden, was laut Bartels
aber nicht dazu berechtigt, in deren Figuren "eine ursprüngliche Fassung der neunfältigen
Charaktertypologie" zu sehen. So sehr ich die wissenschaftliche Strenge von Bartels
schätze, so sehr schätze ich auch die interessanten Hinweise und Argumente von Webb,
die glaubhaft darlegen, dass Gurdjieff vermutlich von Llull und Kircher wusste (eine
Wertschätzung für Webbs Argumente lese ich auch in Bartels oben erwähnten Vorab-
Dissertations-Auszug Die Suche nach dem >>Ur-Enneagramm<<, ; in seiner
Dissertation siehe die Kapitel zu Llull und Kircher, S. 60-71). Ich will hier keine
Zusammenfassung von Webb geben, sondern empfehle den interessierten Lesern, das
Kapitel "The sources of the system" in dem bereits 1980 von Webb veröffentlichten 600-
Seiten-Werk The harmonious circle zur Lektüre (S. 499-542). Für mich ist dieses Webb-
Kapitel der Scheideweg zwischen der historischen Herleitung des Gurdjieffschen
Enneagramms und der Nutzung des Gurdjieffschen Symboles durch Ichazo und die
nachfolgenden psychologischen Enneagrammer. Genau hier (und hier: ) schneidet das
wissenschaftliche Schwert von Bartels !

Bartels Kritik hinsichtlich der fehlenden Informationen zum Einfluss von Anna Butkovsky
und Anthony Charkovsky sei entgegnet, dass "Llulls Ars magna in der Barockzeit über
polnische und ukrainische Vermittlung" nach Russland gelangte. "Die Rezeption begann ab
1690 mit den Übersetzungen und den lullistischen Originalwerken von Belobockij und hielt das
gesamte 18. Jahrhundert an. [...] Dass die lullistischen Schriften in Rußland hauptsächlich
ungedruckt in Manuskriptform tradiert wurden, spricht für einen randständigen und
gegenoffiziellen Status. In den entsprechenden Milieus wurden sie aber viel gelesen und oft
über Generationen innerhalb einer Familie vererbt. Marginalien von Benutzern und Kopisten in
den erhaltenen Handschriften zeugen davon, daß die Texte sogar in den niedrigen und
schlechter gebildeten Schichten Leser fanden (...). [...] Insgesamt drei Übersetzungen lullistischer
Werke sind bei Sobolevskij genannt (1899, 71f, 101f). [...] Eine eminent wichtige
Überlieferungsinstanz waren die Freimaurerlogen (mit mehr als 120 verschiedenen Abschriften
von Belobockijs russischer Ars Magna; Gorfunkel' 1995, 25). [...] Wissenschaftliche Literatur in
russischer Sprache über Autoren und Werke der lullistischen Tradition kommt gegen Ende des
19. Jahrhunderts auf. Die ars combinatoria erscheint hier als Teil einer
Literaturgeschichtsschreibung, die ihre fremdkulturellen Stimuli dokumentiert. [...] In
Symbolistenkreisen dürfte Lullus und die lullistische Kunst ziemlich bekannt und geschätzt
gewesen sein." (aus dem Kapitel "Exkurs: Kombinatorik in Rußland. Spuren der
Tradierung der Ars Combinatoria und des lullistischen Denken" in: Greber (2002): 544f,
547, 549)

Diese Befunde deuten für mich darauf hin, dass das von Gurdjieff (Georgi Iwanowitsch
Gjurdschijew, 1866-1949, ) in die Welt gebrachte Enneagramm-Symbol eine interessante
Abwandlung ist. Gurdjieffs Geburtsdatum ist umstritten. Bennett nannte 1877 und der
Gurdjieff-Biograph James Moore nennt 1866 (Bennett [1973]/ 1976: 17f und Moore 1991:
339 [Moore verweist darauf, dass Bennett sich an einem Reisepass von Gurdjieff
orientierte, aber übersehen hatte, dass Gurdjieff mehrere Reisepässe hatte, von dem einer
sogar das Geburtsdatum 1. Januar 1864 trug. Moore argumentiert für 1866. Bennett hatte
"es als schwierig empfunden, die Chronologie seines Lebens mit dem Datum von 1877 in
Einklang zu bringen, aber seine Familie behauptet, daß es richtig sei." Bennett [1973]/ 1976: 18])

Sehen Sie hier eine Zeichnung, die Alexander von Salzmann (1874-1934) - ein in Tiflis
geborener russischer Maler, Karikaturist und Bühnenbildner - vermutlich für das im
September 1919 in Tiflis eröffnete Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen
angefertigt hatte :

(Quelle: )
Noch wichtiger als Alexander war für Gurdjieff dessen Ehefrau Jeanne de Salzmann
(1889-1990). Jeanne hatte 1912 am Festspielhaus in Hellerau ihren Mann kennen gelernt,
im gleichen Jahr geheiratet, war 1917 mit ihm nach Tiflis gezogen und hatte dort eine
Tanz- und Musikschule eröffnet. Im Frühjahr 1919 trifft das Paar dann - durch
Vermittlung des Komponisten Thomas von Hartmann - auf Gurdjieff. Bereits im Juni 1919
haben Jeanne und Gurdjieff eine erste öffentliche Aufführung der Movements (Heilige
Tänze) im Tiflisser Opernhaus. Sie war von nun an seine Schülerin, begleitete ihn bis zum
Tod, machte sein Gedankengut in Frankreich bekannt und führte Gurdjieff nach
Schließung seines Instituts in Paris neue Gruppen zu. Nach Gurdjieffs Tod gründete sie
mit anderen Schülern eine Gurdjieff-Stiftung, die sie bis zu ihrem Tod leitete ( , , ).
Für das am 1. Oktober 1922 in Fontainebleau bei Paris ( ) eröffnete Institut und den im
Jahr 1923 erschienenen Prospekt des Instituts veränderte Alexander von Salzmann die
ursprüngliche Zeichnung etwas (in den Wirren der russischen Revolution musste
Gurdjieff mit seinen Schülern 1920 Tiflis verlassen, machte die Gruppe im gleichen Jahr
Station in Konstantinopel sowie 1921 in Hellerau (bei Dresden) und Berlin, und
schließlich waren sie 1922 kurz in London und Südengland)
(Quelle: - in anderen Quellen wird das Bild auf das Jahr 1919 datiert: und in Roob
(1996): 655; und Ouspensky scheint wohl erst 1920 Kenntnis von diesem Bild gehabt zu
haben : "There was yet another drawing of the enneagram which was made under his direction
in Constantinople in the year 1920. In this drawing inside the enneagram were shown the four
beasts of the Apocalypse - the bull, the lion, the man and the eagle - and with them a dove.
These additional symbols were connected with the >>centers.<<" (Ouspensky 1949: 295)

Die Zeichnung enthält das bereits gezeigte Enneagramm-Symbol :

Bei dem daraus abgeleiteten heute üblichen Enneagramm-Symbol sind die gestrichelten
Linien des Dreiecks geschlossen. Bei Roob heißt es zu dem Zeichen :

"Gurdjieff unterschied vier Zentren im Menschen: das Bewegungs-, Denk- und Gefühlszentrum
und den formgebenden Apparat. Diese Vier seien als hierarchisches Gespann aus Fahrgast,
Wagen, Lenker und Pferd richtig zu organisieren. Auf dem Programmentwurf für sein Institut,
das er 1922 in Fontainebleau bei Paris gründete, sind sie als die vier Tierwesen im Enneagramm
dargestellt." (Roob 1996: 655; vgl. auch Ouspensky 1949: 40-51, 387f)

"Wesen und Persönlichkeit sind sogar in verschiedenen Teilen des Gehirns. Beinahe alles, was
zur Persönlichkeit gehört, ist in dem Formungsapparat. Das Wesen kann all dieses Material nicht
benützen, deshalb besitzt es keinen kritischen Verstand. [...] Bei den meisten Menschen
empfängt das Wesen nur bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren Eindrücke." (Bennett [1973]/
1976: 142)

Zum Enneagramm-Symbol sagte Gurdjieff laut Ouspensky unter anderem : "Das
Verständnis dieses Symbols und die Fähigkeit, es zu benützen, gibt dem Menschen eine sehr
große Macht. Es ist das perpetuum mobile und ist auch der Stein der Weisen der Alchemisten."
(zitiert in: Roob 1996: 656) Original: "It is perpetual motion and it is also the philosopher's
stone of the alchemists." (Ouspensky 1949: 294)

Die den Kreis bildende sich in den Schwanz beißende Schlange (Ouroboros) ist ein
typisches Zeichen der Alchemisten (siehe dazu Roob 1996: 400-430). Wir dürfen davon
ausgehen, dass der belesene Gurdjieff eine der vielen Ouroboros-Malereien/-
Zeichnungen ( , , ) in mindestens einem Buch gesehen hat. Passend wäre z. B. die
Zeichnung von Jacob Böhme (1575-1624) :
(Quelle: - es ist aus: Jacob Böhme: Theosophische Wercke, Amsterdam, 1682; vgl. Roob 1996: 427)
Bei Roob heißt es zu dem Zeichen :
"Der Teufel stellt der armen Seele, die sich von Gott abwenden will, sein eigenes Abbild als den
Kreislauf der Natur vor, und zwar >>in einer Schlangengestalt: das Feuer-Rad der Essenz<<. Er
spricht: >>Du bist auch ein solcher feurischer Mercurius, so du deine Begierde in diese Kunst
einführest. Aber du mußt von einer Frucht essen, darinnen die vier Elemente ein jedes in sich
selber über das andere regieren, darinnen sie im Streit sind.<< Nachdem sie davon gegessen
>>zündet der Vulcanus das Feuer-Rad der Essenz an und es erwachten alle Eigenschaften der
Natur in der Seele, und führten sich in eigene Lust und Begierde ein<<. (J. Böhme, Gespräch
einer erleuchteten und unerleuchteten Seele)" (Roob 1996: 426; eine Schrift, die Böhme in
seinem letzten Lebensjahr 1624 beendet hatte, )

"Seit Vulcanus das merkuriale Angstrad, in das sich die Seele hineinimaginiert hatte, angezündet
hat >>steht ihr Sinn nur noch nach der Vielheit natürlicher Dinge<<. Sie ist ganz dem
wechselvollen Spiel der Leidenschaften unterworfen. Die erleuchtete Seele rät der armen Seele,
die monströse Schlangen-Larve in sich zu zersprengen, indem sie sich in den Liebesgeist Christ
einführt, der durch seine Fleischwerdung die Höllenpforten zersprengt und so den Weg zum
Paradies wieder eröffnet hat." (Roob 1996: 427) Bei Schuré heißt es : "Eine Persönlichkeit, die
eine große Rolle in der Geschichte Adams und Evas spielt, ist die Schlange. Die Genesis nannte
sie Nahash. Was bedeutete nun die Schlange für die alten Tempel? Die Mysterien Indiens,
Ägyptens und Griechenlands antworten einstimmig: Die im Kreis geringelte Schlange bedeutet
das universelle Leben, dessen magisch wirkende Kraft das astrale Licht ist. In einem noch
tieferen Sinn bedeutet Nahash die Kraft, die dieses Leben in Bewegung setzt, die Anziehung des
Selbst zum Selbst, in welcher Geoffroy Saint-Hilaire den Grund der allgemeinen Schwerkraft sah.
Die Griechen nannten sie Eros, die Liebe oder die Begierde. - Wenden Sie jetzt diesen doppelten
Sinn bei der Geschichte Adams, Evas und der Schlange an, und Sie werden sehen, daß der Fall
des ersten Paares, die berühmte Erbsünde, unmittelbar zur Entfaltung der göttlichen
universellen Natur wird mit ihren Reichen, ihren Arten, ihren Gattungen in den ungeheuren und
unabwendbaren Kreis des Lebens." (Schuré [1889]/ 121956: 163)

Wahrscheinlich ist, dass Gurdjieff und/oder Alexander von Salzmann das persönliche
Siegel von Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891, ) und/oder das Siegel der von ihr
1875 in New York mitgegründeten Theosophischen Gesellschaft ( ) kannten :

(Quellen: und )
Das Hakenkreuz - die Swastika ( ) - ist beim persönlichen Siegel von Frau Blavatsky
rechts herum und beim Siegel der Theosophischen Gesellschaft links herum. Am Rande
sei bemerkt, dass amerikanische Historiker eine Ausgabe von Blavatskys Geheimlehre in
Adolf Hitlers persönlicher Bibliothek gefunden haben - "mit zahlreichen handschriftlichen
Randbemerkungen Hitlers versehen und damit Zeichen einer intensiven
Auseinandersetzung" (siehe "Kommentare", dritter Punkt: , der sich auf die Quelle
Constance Cumbey (1987): Die sanfte Verführung, Asslar: Schulte und Gerth, S. 140
bezieht; es gibt auch eine interessante Fernseh-Dokumentation über den okkulten
Hintergrund in der Nazi-Führung: ). Timothy W. Ryback hat rund 1.200 der insgesamt
"mehr als 16 000 Bände" umfassenden Büchersammlung Hitlers "auf Marginalien,
Anstreichungen, Widmungen und andere Spuren ihres Vorbesitzers hin untersucht" und
die Ergebnisse 2008 veröffentlicht (Frenschkowski in: Webb [1974]/ 2009: 32f). An dieser
Stelle sei auf ein Postskriptum und einen Bericht des Journalisten Rom Landau aus dessen
Buch God Is My Adventure (1935, ) verwiesen, was beides in Gurdjew der Magier von
Louis Pauwels (1956: 29-48) zu finden ist. Es geht dabei zum einen um eine angebliche
Verbindung von Gurdjieff zu Karl Haushofer und eine angebliche Verbindung zum 13.
Dalai Lama.

"Gurdjew hat sich immer geweigert, die Namen jener Leute zu nennen, die mit ihm zusammen
die Gruppe der >>Wahrheitssucher<< bildeten und die heiligen Gipfel der urtümlichen
Traditionen erforschten. Vertrauenswürdige Zeugen haben mir versichert, daß zumindest eines
dieser Mitglieder bekannt ist, es handelt sich um Karl Haushofer." (Pauwels 1956: 45; hier zur
Person Haushofer: ) Pauwels hat sich für sein dreiseitiges Postskriptum (S. 45-48) auf
Jacques Bergier bezogen ( ), der "im wissenschaftlichen Bereich wohlbekannt" ist und
behauptete, es gab "Beziehungen zwischen Gurdjew und der Thulegesellschaft". (ebd.: 48)
In dem hier Wikipedia-Artikel zur Thule-Gesellschaft ( ) gibt es im Kapitel "Mythen und
Spekulationen" einen sehr kritischen Hinweis ["keinerlei Belege"] gegenüber den Autoren
Pauwels/Bergier; dafür wird sich auf die Dissertation (1985) The Occult Roots of Nazism.
The Ariosophists of Austria and Germany, 1890-1935 von Nicholas Goodrick-Clarke
bezogen ( ). Herr Bergier hat 1954 für seine Behauptung "einige von seinen Quellen zitiert
und sich auf vertrauliche Mitteilungen bezogen, wie er sie im Lager Mauthausen aus dem
Munde von deutschen Offizieren hörte, die in das Attentat gegen Hitler verwickelt waren und
später hingerichtet wurden; die Offiziere hatten in diesem Zusammenhang Gurdjews Namen
genannt. Auf der anderen Seite hat Herr Bergier keine schlüssigen und ausreichenden
Dokumente vorlegen können, die einen Geschichtsschreiber befriedigt und jede Diskussion
ausgeschlossen hätten." (ebd.: 48) Abschließend der Text Die Verbindung der Nazis mit
Shambala und Tibet ( ) von Alexander Berzin.

Im Landau-Bericht behauptet ein Schriftsteller Achmed Abdullah, Gurdjieff sei "in Lhasa
als Agent des russischen Geheimdienstes" tätig gewesen (ebd.: 31). Landau weiter : ">>Ich
war damals auch in Lhasa, und in einem gewissen Sinne haben wir gegeneinander
gearbeitet.<< Gurdjew ist also im Zentrum aller Geheimlehren gewesen. Pauwels sagt
einige Seiten vorher, die Angaben von Landau "von vorneherein bestätigen zu können.
Gurdjew war etwa zehn Jahre lang Hauptagent des russischen Nachrichtendienstes in Tibet
(auch Kipling hat das übrigens gewußt). Die tibetanische Regierung hatte ihm verschiedene
Aufträge im Rahmen der Finanzaufsicht und der Bewaffnung der Armee erteilt. Aber diese
politische Rolle konnte er nur deshalb spielen, weil man sich in diesem Land, vor allem unter der
hohen Geistlichkeit, keinesfalls nur mit bloßen Worten zufrieden gibt und man ihn also als eine
geistige Potenz betrachtete. Er war Erzieher des Dalai-Lama und floh mit ihm, als die Engländer
in Tibet einmarschierten." (ebd.: 23f) Es gibt Leute, die behaupten, daß er in Lhasa nur dehalb
als Geheimagent aufgetreten ist, um die wahre Absicht seines Aufenthaltes zu verschleiern - er
wollte im Grunde die übernatürlichen Methoden der Lamas studieren. Andere behaupten
wieder, diese Geheimstudien seien ein Vorwand gewesen, um dahinter politische Absichten zu
verbergen. Aber was ist nun wahr ?" (ebd.: 31f) Landau bekam bei Drucklegung seines
Buches einen Brief von Achmed Abdullah, der gestehen muss : "Im Falle Gurdjew steht mir
kein anderes Beweismittel für die Richtigkeit meiner Auffassung zur Verfügung, als daß ich ihrer
gewiß bin." (ebd.: 44) In diesem Brief taucht folgender wichtiger Hinweis auf : "Den Russen
war er unter dem namen Hambro Akvan Dorzhiew bekannt. Beim britischen Geheimdienst hieß
er der Lama Dorzhiew." (ebd.) Pauwels gibt dazu in einer abschließenden Anmerkung zwei
widersprechende Hinweise, die die Richtigkeit des Dargestellten offen lassen. Meine
Deutung des Ganzen ist, dass Gurdjieff nicht identisch ist "mit einem burjätischen Lama
namens Dordjiew". (ebd.: 48) Abdullah verweist in seinem Brief darauf, dass Gurdjieff als
Dorzhiew mehrere Sprachen sprach - darunter "französisch (mit starkem Akzent) und ein
ziemlich phantastisches Englisch." (ebd.: 44) Wir wissen, dass Gurdjieff in England und
Frankreich Übersetzer brauchte - Abdullah kann also nicht Gurdjieff meinen. Alexandra
David-Neel ( ) wies bereits 1954 darauf hin (vgl. ebd.: 48), dass jener Dorzhiew nicht
Gudjieff sei, sondern der burjätische Lama Agvan Lobsan Dorzhiev (1854-1938) bzw.
Agvan Dorjiev oder Dorjieff ( ) - hier ein Artikel der Geschichtsprofessorin Helen
Hundley ( ), weitere Ausführungen im Kapitel "Der Traum vom buddhistischen
Großreich" ( ) - die wohl ausführlichste Quelle zu dieser Person dürfte das Buch von
John Snelling sein ( ). Bei den Trimondis findet sich im Zusammenhang mit Dorjiev und
Vladimir Solovjov (vermutlich Vladimir Soloviev) der Hinweis "Since the end of the 19th
century Buddhism had become a real fashion among the Russian high society, ..." ( ). Da ich
das Autorenehepaar Herbert und Mariana Röttgen bzw. Victor und Victoria Trimondi
zitiere, möchte ich auch auf eine Kritik an deren Kritik ( ) hinweisen, die der Indologe
und Religionswissenschaftler Karl-Heinz Golzio verfasste ( ) - hier noch eine
Stellungnahme von Thomas Lautwein, Einzelmitglied der Deutschen Buddhistischen
Union ( ). Und abschließend zwei Texte von Alexander Berzin - in dem ersten ist viel
von Dorjiev die Rede ( ), in dem zweiten nur an einer wichtigen Stelle ( ).

An diesen beiden Beispielen - Gurdjieffs angebliche Verbindungen zu Karl Haushofer und
zum Dalai Lama - wird deutlich, wie sehr man aufpassen muss, nicht irgendwelchen
Gerüchten aufzusitzen und sie weiter zu verbreiten. Als positives Gegenbeispiel
gegenüber der Verbindung, die sich von Blavatsky zu Hitler ziehen lässt, sei bemerkt,
dass die Anthroposophische Gesellschaft 1913 aus der Theosophischen Gesellschaft
hervorging ( , ). Gurdjieff aber sah in der Anthroposophie "eine Verirrung der gleichen
Art wie die Theosophie und der Spiritismus" (Moore 1991: 66). Doch setzten sich "so gut wie
alle bedeutenden Vertreter der russischen Kultur des 1. Viertels unseres Jahrhunderts in
irgend einer Weise mit der Anthroposophie auseinander, ließen sich durch sie
beunruhigen oder begeistern, fanden in ihr Anregungen für ihre eigene Lebensaufgabe
oder lehnten sie heftig ab." (Barbara Fedjuschina im Vorwort von Fedjuschin 1988)
Im Jahr 1907 hielt A. R. Orage, der Herausgeber des The New Age, "a series of lectures to
the Manchester and Leeds branch of the Theosophical Society on the topic of >>Consciousness:
Animal, Human and Superman.<<" (Lachman 2008: 140; grundsätzlich interessant ist hier
das gesamte Kapitel 7 "Journeys to the East" und das Kapitel "Die Weisen aus dem Osten"
bei Webb [1976]/ 2008: 183-256). Die Vorträge inspirierten Ouspensky, sich mit
theosophischer Literatur zu beschäftigen: "1907 entdeckte ich die theosophische Literatur,
die in Rußland verboten war: Blavatsky, Olcott, A. Besant, Sinnett ... Sie rief in mir einen sehr
starken Eindruck hervor obwohl ich sofort ihre schwache Seite sah. Diese schwache Seite
bestand darin, daß sie, so wie sie war, keine Fortsetzung haben konnte. Jedoch öffnete sie mir
Tore in eine neue und größere Welt. Ich entdeckte die Idee der Esoterik und die Möglichkeit, an
das Studium der Religion und der Mystik von einem gewissen Blickwinkel aus heranzugehen
und erhielt so neue Impulse zum Studium >der höheren Dimensionen<." (Ouspensky 1935
zitiert von Grunwald in: Ouspensky [1912]/ [21922]/ 21980: 305)

Ouspensky wurde in Petersburg Mitglied der Theosophischen Gesellschaft (ein deutscher
und russischer Zirkel der TG hatten sich 1902 und 1904 in Petersburg gegründet und dann
vereinigt; legal gegründet wurde die "Russische Theosophische Gesellschaft" am 17.
November 1908 in Petersburg; vgl. Fedjuschin 1988: 68f, 72). Ouspensky erhielt sogar eine
Einladung, dem inneren Zirkel beizuwohnen, der er aber nicht folgte ( , , vgl. auch
Grunwald (1972/3: 305f) als Herausgeber von Ouspenskys Tertium Organum.
Hier ein Kurzartikel zur TG in Moskau und Petersburg: . Der russische Freidenker
Nikolaj Aleksandrovitsch Berdjaev (1874-1948) hielt Ouspensky für "den einzigen
originellen theosophischen Schriftsteller nach E. P. Blavatskaja" (Fedjuschin 1988: 169) Im
Tertium Organum finden wir auch eine Bestätigung für Ouspenskys Kenntnis von Jakob
Böhme : "... die Gleichartigkeit mit der Erfahrung gewisser Mystiker ist sehr bemerkenswert in
ihnen, besonders mit jenen von Jakob Boehme." (Ouspensky [1912]/ 21922]/ 21980: 120; siehe
auch Ouspenskys Ausführungen zu Böhmes Erleuchtungserlebnissen: 249ff; siehe auch
Webb 1980: 109-114) Laut eines Blogbeitrages von Padma vom 24.10.2010 ( ), der sich auf
den Vortrag Gurdjieff and Blavatsky von Johanna Petsche vom 01.10.2010 an der
Universität von Sydney bezieht ( ), hatten neben Orage auch J. G. Bennett sowie Thomas
und Olga de Hartmann einen theosophischen Hintergrund (Frau Petsche promoviert zur
Zeit über Gurdjieffs wenig bekannte Klavier-Kompositionen und seine esoterischen
Theorien über Musik, Schwingungen und das Gesetz der Sieben, siehe Seite iv hier: ); in
den Begegnungen verweist Gurdjieff auf das Buch Die Welt der Schwingungen, dessen
Autor nicht Musiker sondern Mathematiker und Ingenieur war und "das meinen Gedanken
über die Musik eine bestimmte Richtung gab" (G2: 150).

Thomas de Hartmann war Mitglied eines 1911 gegründeten Moskauer anthropo-
sophischen Anfängerzirkels. "Ihm gehörten ungefähr 30-35 Leute an. Die Mitglieder dieses
Zirkels waren in der Hauptsache junge Musiker, ..." (Fedjuschin 1988: 101) Nach ersten Zirkeln
im Jahre 1911 wurde die russ. Anthroposophische Gesellschaft in Abgrenzung von der TG
im September 1913 gegründet. Zu den anthroposophen Zirkeln gehörte auch der
Naturwissenschaftler Aleksej S. Petrovskij, der "ein bedeutender Mitarbeiter des
Redaktionsrates des [symbolistischen] Verlages >>Musaget<<" (Fedjuschin 1988: 100) war und
der das Werk Aurora von Jakob Böhme ins Russische übersetzte. Im September 1913 wurde auch
das Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft im schweizerischen Dornach gegründet, wo
erstmals ein Goetheanum gebaut, verbrannt und zu dem heute weltbekannten Goetheanum
wieder erbaut wurde; "Am Bau des Ersten Goetheanum nahmen Menschen aus 17
verschiedenen Völkern teil, unter denen die Russen mit ihrem Beitrag für die gemeinsame Arbeit
einen bedeutenden Platz einnahmen: ..." (Fedjuschin 1988: 130).

Orage und Bennett lernten Gurdjieff zwar erst nach der Institutseröffnung kennen, doch
Thomas und Olga de Hartmann trafen ebenso wie Ouspensky bereits 1915 in Petersburg
auf Gurdjieff ( ) - und die de Hartmanns hatten in Tiflis den Kontakt zu den von
Salzmanns. Für die Zeit bevor Olga und Thomas auf Gurdjieff trafen, sagte Olga: "At that
time everyone was reading Blavatsky." ( ; zu Blavatsky siehe auch "E. P. Blavatskaja" bei
Fedjuschin (1988: 47-64), ein Unterkapitel des Kapitels "Theosophie in Rußland") Bei
Lachman finden wir : "... Theosophy quickly mushroomed into a worldwide occult
phenomenon, gathering under its wing an assortment of influential and important disciples
that would be the envy of any movement, political or otherwise." Und speziell für die USA :
"Few things are as American as baseball, and for a time at the turn of the nineteenth
century, Theosophy seemed in that league, too." (Lachman 2008: 119) Blavatskys Die
Geheimlehre - Die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie (1888/ 31893)
finden Sie hier als pdf-Dateien - siehe ganz unten auf der Seite unter "Weblinks": ).

Es sei angemerkt, dass die russische TG im Jahre 1916 "Erziehungsmethoden für die junge
Generation erarbeitet[e]. Sie wurden in der theosophischen Organisation >>Vereinigung zur
Erziehung eines freien Menschen<< angewendet. Diese Vereinigung wurde 1917 in Petrograd
gegründet. [...] Die Vereinigung wählte als Emblem das alt-arische Hakenkreuz, was etwa >>es
möge Licht werden<< bedeutet. Das Kreuz des Feuers und des Lichts ist ein Symbol für tätige
Liebe, für Schöpferkraft, die von der Passivität zur Aktivität übergeht. [...] Im Jahre 1919 wurde
die Vereinigung durch die oberste Führungsgewalt der Sowjetregierung aufgelöst." (Fedjuschin
1988: 76f)

Für die Brücke vom russischen Mystizismus und dem darauf folgenden Symbolismus bis
zu Gurdjieff und Ouspensky siehe auch das bereits erwähnte Kapitel "Die Weisen aus
dem Osten" bei Webb ([1976]/ 2008: 183-256) und insbesondere Fedjuschin (1988). Für den
Zusammenhang des russischen Symbolismus mit der Religiösität und dem "Konzept der
>>Sobornost<<, d. h. der >>Alleinheitlichkeit<< der Kunst" siehe die Dissertation "Kunst-
Leben". Der Einfluss der russischen "religiösen Renaissance" auf die Ästhetik und Kunst
des Spätsymbolismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland von Elena Sadykowa.
Sie zitiert den Dichter Andrej Bely (1880-1934) als einen "der ersten Theoretiker des
russischen Symbolismus": ">>Das Endziel der Kultur - ist nämlich eine Umgestaltung der
Menschheit; in diesem Endziel trifft sich Kultur mit den letzten Zielen der Kunst und der Moral;
Kultur verwandelt theoretische Probleme in praktische.<<" (Sadykowa 2004: 11 mit Bezug auf:
"Bely, A., Problema kultury (Problem der Kultur) // Bely, A., Simwolism (Symbolismus),
Moskau 1994, Bd. 1, S. 53") Weiter heißt es: "Die symbolistischen Theorien der Literaten und
die Philosophie der >>neuen religiösen Gesinnung<< bildeten die beiden einander
beeinflussenden Richtungen, die das Phänomen der russischen kulturellen Renaissance
ausmachten16. Geistiger Vater dieser beiden Richtungen war Wladimir Solowjew (1853-1900). Er
hielt die religiöse Ausrichtung der Kunst, ja sogar ihre vollkommene Verschmelzung mit Religion
allein für geeignet, das Leben der Menschen zu erneuern und zu heiligen." (Sadykowa 2004: 12,
in Anm. 16 mit Bezug auf: "Lewitzkij, S., Otscherki po istorii russkoj filosofii (Essays über
die Geschichte der russischen Philosophie), Moskau 1996, Bd. 2, S. 255) Fedjuschin
bezeichnet F. M. Dostojevskij (1821-1881) als "geistigen[n] Vater des Symbolismus auf
russischem Boden" und Solovjev als einen "andere[n] Vorbote[n] der religiösen
Wiedergeburt in Rußland ..., den Rudolf Steiner den >>reinsten und schönsten
Repräsentanten des Christus-Volkes<< nannte." (Fedjuschin 1988: 23).

Die Verschmelzung von Kunst und Religion zur "Theurgie als Fortsetzung des Werkes
Gottes, als Kunst der Weltschöpfung [...] fand ihre Fortführung in den zahlreichen Utopien der
russischen Avantgarde zwischen 1910 und 1920." (Sadykowa 2004: 13) Bei Lachman finden
wir die Hinweise: "In 1900, the Russian philosopher and visionary Vladimir Soloviev
wrote a strange work, War, Progress, and the End of History, that included a short story,
>>The Antichrist.<< Soloviev's prophetic visions were shared by the members of the
Russian intelligentsia known as the >>God-seekers.<<" und "In The Russian Idea, written
in exile during the dark days of World War II, Berdyaev remarks that >>Russia has always
been full of mystical and prophetic sects and among them there has always been a thirst
for the transfiguration of life.<<" (Lachman 2008: 131; siehe auch das Kapitel "Das religiöse
Suchen der russischen Intelligenz" in Fedjuschin, S. 20-37)

Den oben erwähnten Begriff "Sobornost" führte A. S. Chomjakow (1804-60), "einer der
bedeutenden Führer des Slawophilentums, Philosoph, Schriftsteller und Wissenschaftler"
in die russische religiöse Philosophie ein. "Mit der Idee der >>Sobornost<< (Integrität,
Ganzheit) verbanden die Gründer des Slawophilentums eine solche >>integre Gesellschaft, in
der die persönliche Freiheit mit den Eigenschaften der Individuen vereinigt wird [...], unter
Bedingung der freiwilligen Unterordnung einzelner Personen den absoluten Werten und (unter
Bedingung) ihres freien Schaffens, basierend auf der Liebe zur Ganzheit, zur Kirche, zum eigenen
Volk, zum eigenen Staat.<< Siehe: Losskij, N., Istorija russkoj filosofii (Geschichte der
russischen Philosophie), Moskau 1991, S. 40; vgl. Maslin, M., Istorija russkoj filosofii
(Geschichte der russischen Philosophie), Moskau 1991, S. 139" (Sadykowa 2004: 28, Anm.
44 + 45) Den deutschen Mystiker Jakob Böhme nennt Sadykowa als ersten deutschen
geistigen Vorläufer des russischen Symbolismus (vgl. Sadykowa 2004: 40, 86 [mit Bezug
auf Andrej Bely {eigentlich Boris Bugajew, 1880-1934}; siehe auch die Seiten 222-256 bei
Fedjuschin], sowie bei Sadykowa 96 [mit Bezug auf Wjatscheslaw Ivanow, 1866-1949] und
109 [mit Bezug auf Nikolai Berdjajew, 1874-1948; siehe auch die Seiten 157-174 bei
Fedjuschin], und schließlich bei Sadykowa 210 [mit Bezug auf Kasimir Malewitsch, 1878-
1935]).

Im Epilog ihrer Arbeit sagt Sadykowa über die russisch-religiösen Philosophen und die
Künstlergeneration von 1910 bis 1920: "Fast allen Künstlern war das Interesse an der
deutschen Romantik und idealistischen Philosophie gemeinsam. Von der Mystik Meister
Eckharts oder Jakob Böhmes fühlten sie sich ebenso angezogen wie von der magischen
Bedeutung der Buchstaben und Zahlen der Kabbala. Außerdem waren sie sehr empfänglich für
Okkultismus und Esoterik. Viele von ihnen standen sogar mit der Theosophischen oder
Anthroposophischen Gesellschaft in Verbindung. Darüber hinaus bezogen sie ihre Inspiration
aus der Kultur des Mittelalters und insbesondere aus der altrussischen christlich-orthodoxen
Kunst." (Sadykowa 2004: 215) "Nikolaj Berdjaev hielt sich für einen Nachfolger des deutschen
Mystikers Jakob Böhme, ..." (Fedjuschin 1988: 170f)
Eine wichtige Brücke wurde bereits Ende des 17. Jahrhunderts hergestellt : "Am Ende des
17. Jahrhunderts und Anfang des 18. Jahrhunderts strömten in das Moskauer Zarenreich wie
eine unaufhaltsame Welle die Vertreter und Waren der westeuropäischen Kultur - von den
Technikern und Werkzeugen bis zu den Büchern und Philosophen. Als einer von diesen
Philosophen erschien in Moskau im Jahre 1689 der Vorläufer des russischen Rosenkreuzertums,
der deutsche Mystiker Quirinius Kuhlmann (1651-1689). Er war ein überzeugter Nachfolger
Jakob Böhmes, ein Theosoph und Chiliast. Kuhlmann kam auf den Gedanken, daß das sündige
Babylon Westeuropa untergehen und ein Jesuelitisches Königreich entstehen würde. In den
Gerüchten über das Wiederaufleben des nördlichen moskowitischen Volkes sah er die
Morgenröte eines neu beginnenden Lebens. [...] Mit seinen Predigten böhmischer Ideen brachte
er Aufruhr in das Deutsche Viertel von Moskau. [...] Der Einfluß Kuhlmanns beschränkte sich
nicht nur auf das Deutsche Viertel. Nach seinem Tode begannen sich russische Übersetzungen
der Werke von Jakob Böhme zu verbreiten." (Fedjuschin 1988: 41f; ergänzt sei folgendes Zitat:
"Das Wirken der russischen Rosenkreuzer, die sich voll und ganz der Vertiefung der Lehre über
die göttliche Allweisheit gewidmet hatten, wurde im Jahre 1827 offiziell unterbunden. In diesem
Jahr hatte der russische Selbstherrscher Nikolaus I. (1796-1855) jegliche Logen in Rußland
verboten." (Fedjuschin 1988: 46))

Die vorigen zehn Absätze sollten auf die Bekanntheit von Jakob Böhme in Russland
hinweisen und ein wenig den geistig-atmosphärischen Hintergrund schildern, in dem sich
Gurdjieff bewegt hatte. Nebenbei stellt sich die Frage, ob Gurdjieff das "seperate chapter
on a certain >Soloviev<" (Moore 1991: 30) in seinen Begegnungen mit Gedanken an den
oben genannten Wladimir Solowjew schrieb (die in seinen Begegnungen erwähnten
Personen tragen zum Teil Phantasie-Namen und über die Identität der von Gurdjieff
verwendeten Personen gibt es mehr Vermutungen als Wissen: "Er spielt auf die Gruppe der
Wahrheitssucher an; bis heute wissen wir nicht, wer diese Jugendfreunde Gurdjieffs waren. [...]
Denn, obwohl diese Erzählung zweifellos echt klingt, scheint es offnsichtilch, daß Gurdjieff die
Spuren verwischen wollte ..." Anm. des Hg. von den Begegnungen [1960]/ 31984: 10; bei
Bennett heißt es: "Seine Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen erheben nicht den
Anspruch, in einem strengen Sinne autobiographisch zu sein. Der Zweck ist vielmehr, das Bild
eines Wertsystems zu vermitteln, das sich von dem des modernen Menschen unterscheidet, und
nicht, einen Bericht von Gurdjieffs eigenem Leben zu geben." Bennett [1973]/ 1976: 20). Die
Erzählungen zur Reise mit Solowiew beinhalten sogar noch das zweite Unterkapitel "Der
Tod Solowiews". Solowiew nimmt mit zwei Unterkapiteln in dem Hauptkapitel "Prinz
Juri Lubowedsky" mit 43 Seiten den größten einer einzelnen Person gewidmeten Platz in
dem gesamten Buch ein (und das geradezu versteckt in zwei Unterkapiteln).

Bei Moore findet sich dazu der Satz: "All in all, the symbolists' 'Sarmoung Monastery' is such
stuff as dreams are made of - though of course the better class of prophetic dreams, which have
their place in any spiritual topography. The Sarmoung issue cannot simply be smiled away: as
the purported source of Gurdjieff's profoundest insights, Sacred Dances and enneagram symbol
it is central to his story." (Moore 1991: 32) Bennett sagte dazu: "Die Rolle Solowievs ist vom
Anfang bis zum Ende phantastisch. Die Erzählung seines Todes - sein Hals wurde in der Wüste
Gobi von einem wilden Kamel zernagt - wirft jede mögliche Chronologie über den Haufen."
(Bennett [1973]/ 1976: 114)

Es gibt eine interessante geistige Verwandschaft zwischen dem 1900 verstorbenen
Solowiew und Gurdjieff. "Durch seinen prophetischen Scharfblick sah Soloviev voraus, daß ein
neuer Typus von Machthabern über menschliches Geschick in der historischen Arena
auftauchen werde: der Redner-Demagoge, der Machtsüchtige, der über die Menge herrscht,
und in dem deutlich die Charakterzüge der Diktatoren des XX. Jahrhunderts zutage treten -
Lenins, Trotzkij's, Hitlers und Stalins." (Fedjuschin 1988: 26) Und Gurdjieff hatte in seiner
dritten Buchserie, die er in den 1930ern mit den Erfahrungen des ersten Weltkrieges und
der Weltwirtschaftskrise schrieb, eine "Sorge der wachsenden Mechanisierung des
menschlichen Lebens, der Massenhypnose und der verlorenen Fähigkeit zu unabhängigem
Urteil" (Bennett [1973]/ 1976: 285).

Vor allem aber gab es eine enge Verbindung zwischen Solowiew und Rudolf Steiner : "Die
Leute, die anfangs der Russischen Anthroposophischen Gesellschaft beitraten, gehörten zu
einem Kreis, der den Philosophen Vladimir Solovjev verehrte. Meistens besaßen sie akademische
Bildung und glaubten daran, daß die Wissenschaft tief vom Geist Christi durchdrungen sein
sollte. Im Werk Rudolf Steiners sahen sie eine Vereinigung der Mystik Solovjevs mit der exakten
Wissenschaft, und deshalb erhielt die erste Anthroposophische Gesellschaft in Rußland den
Namen Vladimir Solovjevs." (Fedjuschin 1988: 107)

Bennett vermutet ein direktes Zugehen Gurdjieffs auf die Theosophen : "Um schnell
voranzukommen, machte er sich daran, das Vertrauen und die Unterstützung okkulter und
theosophischer Gesellschaften zu gewinnen, die viele Anhänger hatten unter den Russen und
anderen Menschen aus dem Westen, die in den bedeutenden Wachstumszentren wie zum
Beispiel Taschkent lebten." (Bennett [1973]/ 1976: 117) Außerdem : "Wenn man die
bruchstückartigen Informationen zusammenfügt, scheint es, daß er sich 1910 und 1911 als ein
berufsmäßiger Lehrer des Okkulten niedergelassen hatte mit Hauptsitz in Taschkent. [...] ... nur
eine sehr begrenzte Auswahl von Menschentypen an okkulten und theosophischen Kreisen
Interesse fände. [...] ... er mit den Menschen intensiver arbeiten müsste, als es bei den
monatlichen Treffen der theosophischen Kreise möglich war." (Bennett [1973]/ 1976: 119, 122)

Insgesamt stellen die Absätze ab den Symbolen von Blavatsky und der Theosophischen
Gesellschaft einen indirekten Weg dar, der zeigt, wie wir vermuten dürfen, dass Gurdjieff
ein Wissen von der Theosophischen Gesellschaft gehabt haben muss. Der direkte Weg
führt über Zitate von Gurdjieff zu unseren vier Körpern und zur Quersummenbildung bei
der Erklärung des Enneagramm-Symboles :

"The first is the physical body, in Christian terminology the 'carnal' body; the second, in Christian
terminology, is the 'natural' body; the third is the 'spiritual' body; and the fourth, in the
terminology of esoteric Christianity, is the 'divine' body. In theosophical terminology the first is
the 'physical' body, the second is the 'astral,' the third is the 'mental,' and the forth the 'causal.' 1
In the terminology of certain Eastern teachings the first body is the 'carriage' (body), the second
body is the 'horse' (feelings, desires), the third the 'driver' (mind), and the fourth the 'master' (I,
consciousness, will).1 That is, the body which bears the causes of its actions within itself,
isindependent of external causes, and is the body of will." (Ouspensky 1949: 41) "In Western
systems of occultism there is a method known by the name of 'thesophical addition,' that is, the
definition of numbers consisting of two or more digits by the sum of those digits. To people who
do not understand the symbolism of numbers this method of synthesizing numbers seems to
be absolutely arbitrary and to lead nowhere. But for a man who understands the unity of
everything existing and who has the key to this unity the method of theosophical addition has a
profound meaning, for it resolves all diversity into the fundamental laws which govern it and
which are expressed in the numbers 1 to 10." (Ouspensky 1949: 283; siehe auch 286 und 289)
Und bei Webb finden wir : "Gurfjieff - witness his remark about the time he wasted on H. P.
Blavatsky's The Secret Doctrine - had as much trouble as any other inquirer in sifting the grain
from the chaff." (Webb 1980: 502) Schauen wir uns nun das Siegel der TG und Gurdjieffs
Zeichen im Vergleich an :

Deutlich sichtbar ist im linken Bild nichts Menschliches zu erkennen. Das einzige Lebewesen ist
die Schlange. Ansonsten nur (geometrische) Symbole. Während das theosophische Symbol tote
Geometrie + Schlange ist, ist das Gurdjieffsche Symbol durch Lebewesen + (hintergründige)
Geometrie gekennzeichnet. Schauen wir uns nun das Bild zu Kirchers Arithmologia im Vergleich
mit dem Gesamtbild von Gurdjieffs Instituts-Bild an :
Im linken Bild dominieren ein Kreis mit Flügeln und ein Neunstern die Bildfläche. Im
rechten Bild wird der Blick von einem Kreis mit darin enthaltenen Lebewesen angezogen.
Fast im gleichen Augenblick nimmt das Auge zwei den Kreis umrahmende Figuren wahr,
und auf den zweiten Blick wird das gegenständliche Allerlei, welches sich im unteren
Drittel des Bildes befindet, sichtbar. Im Gurdjieffs Bild ist vordergründig nichts
Himmlisches zu erkennen, doch : "Ein Vortrag enthielt einen sehr bedeutsamen Hinweis
auf >>die Sufis<<: >>In einigen der alten Lehren wird gesagt, >Als Gott den Menschen
schuf, schuf er am gleichen Tag auch zwei Geister für jeden Menschen, den Geist Gottes
und den Geist des Bösen oder Engel und Teufel, Seite an Seite. Den Engel setzte er auf die
rechte Schulter und den Teufel auf die linke Schulter des Menschen.<" (Bennett [1973]/
1976: 163). Interessant ist bei beiden Bildern auch der Blick auf das jeweils untere
Bilddrittel :

Die linke Person hat auf den Beinen ein Buch liegen, in dem ein Fünfstern (Pentagramm)
und ein Sechsstern (Hexagramm) zu erkennen ist. Auf dem selben Bild ist rechts unten
neben einem den Betrachter anschauenden Tier eine Tafel mit den Ziffern 1234. Die rechte
Person hat drei Vierecke mit den Ziffern 3, 4 und 5 vor sich und einen Zirkel in der
rechten Hand. Auch dem mathematischen Laien wird deutlich : sowohl die linke als auch
die rechte Person haben etwas mit Geometrie und Mathematik zu tun. Dem mathematisch
Interessierten ist deutlich, dass dies Hinweise auf Pythagoras sind.
Anders verhält es sich auf dem unteren Bilddrittel des Gurdjieff-Bildes. Ich erspare Ihnen
das Aufzählen des dort Dargestellten. Sie werden selbst einiges entdecken können. Damit
es leichter wird, hier der gleiche Ausschnitt etwas größer :

Allgemein gesprochen, sehen wir hier ganz irdische 'Dinge des täglichen Gebrauchs'
aus der Kunst (Musik & Malerei), der Naturwissenschaft und aus dem Handwerk. Um
dieses Irdische zu verstehen, empfehle ich, Ouspensky zu lesen (1949: 44-52 - hier geht es
um den "Vierten Weg"). Zum Verständnis des Enneagramm-Symboles empfehle ich
ebenfalls, die Originalseiten bei Ouspensky zu lesen (1949: 278-298 sowie 376-378). Das
Kapitel 14 bei Ouspensky sollte jemand, der sich ernsthaft für das Enneagramm
interessiert, gelesen haben (hier in englisch: ). Für Personen, die Anderen über das
Enneagramm Vorträge halten, ist das eine unumgängliche Pflichtübung. Das Buch mit
dem deutschen Titel Auf der Suche nach dem Wunderbaren ist laut Bennett "die
maßgebende Zusammenfassung der Gurdjieffschen Ideen" (Bennett [1973]/ 1976: 5f). Zur
leserischen Pflichtübung zählen auch die Seiten 200-227, 253-273 und 289-318 in: Bennett,
J. G. ([1973]/ 1976): Gurdjieff - Der Aufbau einer neuen Welt, Freiburg: Aurum - diese
Seiten enthalten die Kapitel "Das Gesetz der gegenseitigen Erhaltung", "Der Mensch",
"Anhang I: Gurdjieffs Stil und Terminologie" und "Anhang II: Die großen Gesetze".
Dieses letzte Kapitel, welches die Pentade enthält, ist eine notwendige Ergänzung zu
Ouspenskys Enneagramm-Kapitel : "Die zwei Symbole - die Pentade und das Enneagramm -
stellen das gesamte System des Weltalls als einen Schauplatz der Energieumwandlung (...) und
der gegenseitigen Erhaltung (...) dar." (Bennett [1973]/ 1976: 317) Genauso wichtig ist
schließlich auch das Kapitel "The Sources of the System" bei Webb 1980: 499-542.

Die rituellen Bewegungen der Tänzerinnen in Form des Enneagramm-Symboles stellen
laut Bennett "die Überwindung des Zufalls durch die Wechselwirkung dreier Prozesse"
dar. (Bennett [1973]/ 1976: 210, zur Bedeutung der "Bewegungen" und "der heiligen
Gymnastik" in Gurdjieffs Lehre siehe auch S. 237-245) Bennett benennt den tiefen Wert
jeglicher kosmologischer Weltanschauung am Beispiel Gurdjieffs : "Das Traurige an jeder
Weltanschauung, die alle Werte und alle Bedeutungen allein aus der menschlichen Erfahrung
abzuleiten sucht, ist, daß sie keinen Sinn hat. Die Welt an sich ist zu groß und offensichtlich zu
erregend, als daß man sie als einen Hintergrund für das menschliche Drama behandeln kann.
Die enorme Bedeutung des Gurdjieffschen Schemas ist, daß es uns zeigt, wie wir eine
zusammenhängende Erklärung von >>All und Allem<< geben können. [...] Das einzigartige
Merkmal der Lehre Gurdjieffs besteht darin, daß er eine Verbindung herstellt zwischen der
Selbstvollendung und der Erfüllung einer kosmischen Pflicht. Bewußtes Bemühen und
absichtliches Leiden können sehr einfach als >>Dienst und Opfer<< ausgedrückt werden. Es
sind die beiden Werkzeuge, durch die der Mensch umgewandelt wird." (Bennett [1973]/ 1976:
224, 225)

So sehr Gurdjieff auch vom Sufismus und Asien fasziniert gewesen war, so war er doch
zutiefst Christ - auch wenn er nie gut von den christlichen Kirchen sprach. In einem
Vortrag im Februar 1923 sagte er : "Das Programm des Instituts, die Kraft des Instituts und das
Ziel des Instituts können in einem Satz ausgedrückt werden: Das Institut kann einem Menschen
helfen, fähig zu sein, ein Christ zu sein. - Ganz einfach! Das ist alles!" (Bennett [1973]/ 1976: 152)
Gurdjieff ist das Original. Alle nachfolgenden Enneagramm-Linien haben nur punktuelle
Gemeinsamkeiten und stellen eine durch Oscar Ichazo beeinflusste Neuschöpfung eines
Enneagramm-Mythos dar. Mit gutem Willen könnte auch von Weiterentwicklung
gesprochen werden, denn wir finden bei Gurdjieff eine begonnene Typologie (siehe dazu
den Abschnitt "Astrologie und Enneagramm" in der Langversion zur Wissenschaft-
lichkeit).

Diese Webseite enthält einen ergänzenden Herleitungsversuch für das Gurdjieffsche
Enneagramm-Symbol. Vorbildcharakter für die Herleitung hat das sehr interessante
Kapitel "The Sources of the System" bei James Webb (1980). Vieles von dem, was dort
steht, habe ich nicht erwähnt. Beides sind begründete Herleitungsversuche, aber sie
bleiben letztlich Spekulation. Webb schließt das Kapitel mit den Worten : "His vast
cosmology was a creation of the times. We will not be wide of the mark if we guess that
Gurdjieff put it together himself, although with the help of friends, from what are really the
obvious sources; and, of course, as he liked to imply (his head cocked heavenward for signs of
supernatural approval) with the Archangel Looisos watching." (Webb 1980: 542) Der Verweis
auf eine höhere Quelle ist auch bei Blavatsky zu finden. Bei Ichazo war es ein
Erleuchtungserlebnis. Das passt wunderbar zur "Story" eines wie auch immer
Auserwählten, der etwas ganz Besonderes mitzuteilen hat. Solange niemand einen
anderslautenden Nachweis erbracht hat, gelten die Aussagen des Gurdjieff-Biographen
James Moore ( ) und von Johannes Bartels.

Moore schrieb : "Conclusion: although some future revelation cannot be ruled out, we may
meanwhile decently hypothesise that the enneagram is sui generis and G. I. Gurdjieff, if not its
author, is at least its first modern proponent." (Moore [1987]/ 2004: The Enneagram: A
Development Study, Seite 2) Und Johannes Bartels stellt nüchtern fest: "Bis heute ist es trotz
großer Bemühungen nicht gelungen, das Enneagramm in seiner heute geläufigen
geometrischen Form für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert nachzuweisen." (Bartels 2005: 16;
einen Hinweis für diese Möglichkeit gibt Bartels in einer Anmerkung auf Seite 18 mit
Verweis auf die Quellen: Kabbani, Shaykh Muhammad Hisham: The Naqshbandi Sufi
Way. History and Guidebook of the Saints of the Golden Chain, Chicago 1995, S. 360f und
ein Artikel des selben Autors im Enneagram Monthly 32 [Oktober 1997], S. 10) Wenn laut
Moore und Bartels bis heute niemand das von Gurdjieff verwendete Symbol in einer
früheren Quelle gefunden hat, gehe ich davon aus, dass Gurdjieff den gleichmäßigen
Neunstern in (s)ein neues Symbol geändert hat.

Es wäre folgerichtig, wenn das von Gurdjieff eingeführte oder erfundene Symbol ein
"Markenzeichen" ist, das ausschließlich von der gurdjieffschen Enneagramm-Gemeinde
verwendet wird. Insbesondere den kirchlich orientierten Enneagrammern empfehle ich,
den regelmäßigen Neuneck-Stern als Symbol zu nehmen und ihre eigene Enneagramm-
Lehre weiter zu entwickeln - allerdings müssen Sie mit der Änderung des Symboles
einiges Umschreiben, weil die wissenschaftlich ohnehin nicht haltbare Dogmatik der
Fließrichtungen dann nicht mehr verwendet werden kann. Am freihesten wären sie, wenn
sie von dem Neunstern und der Figur A abstrahierend

dieses Symbol

verwenden und jeweils die Verbindungslinien ziehen, die sich aus der Selbsterkenntnis
ergeben. In diesem Zusammenhang sei an eine Aussage erinnert, die Helen Palmer in
ihrem ersten Buch im Kapitel "Die Grenzen des Typisierens" machte : "Das Enneagramm ist
jedoch kein starres System, sondern ein Modell miteinander verbundener, eine dynamische
Bewegung anzeigender Linien, in dem jeder von uns das Potential aller neun Typen - oder
Punkte - in unterschiedlichem Maße besitzt, auch wenn er sich am stärksten mit den Themen
seines eigenen Typs identifiziert. Darüber hinaus deutet die Struktur eines Sterns mit neun
Spitzen, die untereinander durch Linien verbunden sind, an, daß jeder sich zwischen den
Punkten frei bewegen kann. Die neun Punkte stimmen gut mit der heutigen psychologischen
Typologie überein, und die sie verbindenden Linien weisen auf spezifische Beziehungen
zwischen den verschiedenen Typen hin, mit deren Untersuchung in der aktuellen
psychologischen Literatur gerade erst begonnen wird." (Palmer [1988]/ 1991: 27, eigene
Hervorhebung)

Das Problem der heutigen Enneagramm-Praxis liegt womöglich darin, dass sie sich auf
die Untersuchung der Verbindungslinien konzentriert hat und dabei die Beweglichkeit
aus dem Blick verloren hat. Es ergibt sich sogar ein Problem innerhalb des beweglich
verstandenen Gurdjieff-Modells : "Gurdjieff versuchte, seinen Schülern ein Gefühl für das
Enneagramm als Modell der ewigen Bewegung zu vermitteln. Auf dem Boden der Halle seines
>>Instituts zur harmonischen Entwicklung des Menschen<< befand sich das Muster eines
neunzackigen Sterns. Die Schüler stellten sich auf die von der Eins bis zur Neun numerierten
Punkte des Kreises und führten komplizierte Bewegungsmuster aus, die die verschiedenen
Beziehungen zwischen den Punkten und entlang der Zickzacklinie Eins-Vier-Zwei-Acht-Fünf-
Sieben veranschaulichten. Es gibt Berichte von Schülern, die ihr Erspüren der inneren Rhythmen
und der natürlichen Momente des Innehaltens und Neuausrichtens der Kräfte beschreiben,
welche durch das Austanzen der Beziehungen zwischen Punkten und Linien hervorgebracht
werden. Sie schreiben von einem körperlichen Erkennen, das entsteht, wenn die
Aufmerksamkeit sich vom Denken abwendet und man völlig in den physischen Bewegungen
des Tanzes aufgeht." (Palmer [1988]/ 1991: 32, eigene Hervorhebung)

Hier wird nichts von den Nummern Drei-Sechs-Neun berichtet, was auch Sinn macht,
weil sie in keiner Linienverbindung zu dem unregelmäßigen Sechseck Eins-Vier-Zwei-
Acht-Fünf-Sieben stehen. Dieses Problem hätten wir nicht, wenn wir die Figur A des
Ramon Llull als Enneagramm-Symbol verwenden würden. Um den Blick nicht zu
verwirren, sondern frei zu legen, macht auch hier wieder die abgewandelte Figur A Sinn :

Gurdjieff war nicht allein mit seinem spirituellen Angebot. Neben ihm gab es jemanden
wie Hermann Keyserling und vor allem Rudolf Steiner mit seiner spirituellen
Wissenschaft, der Anthroposophie. Die Tragfähigkeit einer Idee erkennen wir immer erst
nach dem Tod ihres Erfinders. Gurdjieff hatte die Theosophie als eine Quelle und Steiner
ließ die Anthroposophie aus ihr und in Abgrenzung zu ihr entstehen. Heute gibt es noch
verstreute Gurdjieff-Gruppen auf der Welt. Die Anthroposophie hingegen ist eine Lehre,
die in Bereiche des täglichen Lebens wie die Pädagogik, die Landwirtschaft und das
Bankwesen hinein gewirkt hat. In der Psychologie ist Carl Gustav Jung die Persönlichkeit,
die sich mit Okkultem und Spirituellem befasst hat und die bis heute durch Instrumente,
die auf seiner Lehre gründen, in die Personalabteilungen von Unternehmen hineinwirkt.
Webb kommentiert zu Gurdjieff und Jung : "The similarity is sometimes so marked that
the two are said to have met; but Arnold Keyserling once secured a denial from Jung
himself. The parallel stems chiefly from Jung's own occult reading, and particularly from
his reliance on the Christian Gnostics." (Webb 1980: 536)

Für ein Verständnis des geistigen Klimas, in dem Gurdjieff mit seiner Lehre gedieh, siehe :
Fedjuschin, V. B. (1988): Rußlands Sehnsucht nach Spiritualiät, Schaffhausen: Novalis

Soboleva, M. (2007): Aleksandr Bogdanov und der philosophische Diskurs in Russland
zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Zürich/ New York: Georg Olms

Die starke Betonung des mechanischen Menschen kann nicht anders als im
Zusammenhang mit Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936, ) verstanden werden.
Pawlow/Pavlov hatte bereits im Jahr 1904 den Nobelpreis erhalten und der aus seinen
Erkenntnissen hervorgegangene Behaviorismus kann als genau die Denkrichtung
betrachtet werden, zu der Gurdjieff sich in Opposition stellte.

In Anknüpfung an Pavlov und Bogdanov ist der Film Menschenlabor Sowjetunion (2009)
von Boris Rabin sehr interessant ( ); zum Anschauen im Internet: ( ). Siehe auch :
Rüting, T. (2002): Pavlov und der Neue Mensch, München: Oldenbourg

Im nächsten Kapitel geht es um die Wissenschaftlichkeit des Enneagramm :
Zum Literaturverzeichnis :

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful