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Staatsexamensarbeit

Vom Web 2.0 zur Schule 2.0?

Möglichkeiten und Begrenzungen von netzorientierten


Werkzeugen im schulischen Unterricht

von Andreas Kasche

vorgelegt bei Prof. Dr. Karsten Wolf


und Prof. Dr. Michael Gessler

5. Mai 2008
Inhaltsverzeichnis ii

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3

2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 6


2.1 Gesellschaftliche und schulische Entwicklungen heute . . . . . . . 6
2.2 Was ist Web 2.0? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.2.1 Begriffsdefinition Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.2.2 Begriffsdefinition Social Software . . . . . . . . . . . . . . 10
2.3 Welches Grundwissen wird ein Schüler/Lehrer in Zukunft benötigen? 13
2.4 Wie definieren wir Bildung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.5 Über den Bildungsauftrag der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.6 Bildungsstandards und Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2.7 Web 2.0 - informelles versus formelles Lernen? . . . . . . . . . . . 18
2.8 Schule 2.0 - altes gegen neues Lernen? Brauchen wir eine neue
Schule? Wie könnte sie aussehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.9 Web 2.0 als Reflexionsmöglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.10 Bidirektional lernen im Netz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 24


3.1 Kategorisierung von Web 2.0 Werkzeugen . . . . . . . . . . . . . . 24
3.1.1 Online Communicating (Online Kommunizieren) . . . . . . 24
3.1.2 Social Networking (Soziales Vernetzen) . . . . . . . . . . . 26
3.1.3 Social Collaborating (Soziales Kollaborieren) . . . . . . . . 27
3.1.4 Social Publishing (Soziales Veröffentlichen) . . . . . . . . . 27
3.1.5 Hybrids (Hybride Formen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
3.2 Eigenschaften von Web 2.0 Anwendungen . . . . . . . . . . . . . . 32
3.2.1 Web als Plattform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
3.2.2 Software über Grenzen einzelner Geräte hinaus . . . . . . 33
3.2.3 Dienste anstatt Paketsoftware . . . . . . . . . . . . . . . . 33
3.2.4 Benutzererzeugte Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
3.2.5 Partizipation und Austausch . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
3.2.6 Einfache Bedienbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.2.7 Mashups . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.2.8 Folksonomy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Inhaltsverzeichnis iii

4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 38


4.1 Persönliche Bedingungsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
4.1.1 Reizüberflutung/Einstiegshürden . . . . . . . . . . . . . . 39
4.1.2 Internetsucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
4.1.3 Cyberbullying . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
4.1.4 Darf ein Recht auf Anonymität in der Schule gegeben sein? 42
4.2 Strukturelle Bedingungsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
4.2.1 Schüler generierter Inhalt gegen institutionell generierten
Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
4.2.2 Unterschiede Hauptschule und Gymnasium . . . . . . . . . 43
4.2.3 Quantität statt Qualität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
4.2.4 Firmeneinfluss durch Nutzung freier Web 2.0 Werkzeuge . 45
4.3 Technische Bedingungsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.3.1 Datensicherheit/-schutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.3.2 Hat jeder Schüler Zugang zum Internet? . . . . . . . . . . 47

5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 48


5.1 Weblogs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
5.2 Podcasts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
5.3 Wikis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick 54

Literatur 58

Technische Anmerkungen:
Alle Zitate sowie das Literaturverzeichnis wurden ausnahmslos nach den Vorschriften von DIN
1505 beziehungsweise DIN 5007 erstellt. Soweit es möglich ist, werden weibliche und männliche
Form aller Substantive gleichberechtigt verwendet.
1 Einleitung 3

1 Einleitung

Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die mögliche Bedeutung des Web
2.0 für die Entwicklung einer Schule der Zukunft, die wir im Folgenden Schule
2.0 nennen. Die Notwendigkeit einer solchen schulischen Weiterentwicklung ist
seit der PISA-Studie oder des OECD Berichts verdeutlicht worden. Die Frage
nach der Umsetzung hin zu einer besseren“ Schule ist dabei ein umkämpftes

Thema vieler Bildungspolitiker. Ein Faktor der Veränderung hin zur Schule 2.0
könnten Web 2.0-Anwendungen sein, die in den vergangenen Jahren durch ra-
sant wachsende Benutzerzahlen an Bedeutung gewonnen und es gemeinschaftlich
geschafft haben, dass Wikipedia durchaus mit traditionellen Lexika konkurrieren
kann (vgl. Patalong 2007). Vom möglichen Einsatz des Web 2.0 in der schulischen
Ausbildung handelt diese Arbeit.
Die Entwicklung der technologischen Möglichkeiten, die unserer Gesellschaft im
Jahr 2008 zur Verfügung stehen, zeigen insbesondere in der Veränderung der
Medienwelt eine große Reichweite. Es wird vom Eintritt in die Wissens- und
Informationsgesellschaft gesprochen. Ein maßgebendes Schlagwort dieser Verän-
derung ist das Web 2.0, welches zu einer veränderten Nutzung und Wahrnehmung
der Möglichkeiten, die Benutzer im Internet haben, geführt hat.
Diese Veränderungen haben unseren Alltag eingenommen, sie prägen ihn gera-
dezu in einem solchen Maße, dass die Augen kaum davor verschlossen werden
können. Die Abhängigkeit vom Netz ist allgegenwärtig, kein Unternehmen und
kaum ein Mensch kann sich ihrer verwehren ohne dabei mit Nachteilen zu rech-
nen. Der Austausch der Menschen untereinander über Dienste des Web 2.0 findet
mit negativen und positiven Erscheinungen statt. Diese Arbeit soll dabei gera-
de die Veränderungen in Hinsicht auf die Schule betrachten, sowie Chancen und
mögliche Gefahren aufzeigen.
Dabei kann diese Examensarbeit nicht als Standardwerk dienen, das Interessierten
als Handbuch zur Seite liegt in dem auf alle möglichen Gefahren hingewiesen
und mit möglichen Handlungsratschlägen weiterhilft. Die rasante Entwicklung
des Internets und speziell die des Web 2.0 ist durch eine wesentliche Besonderheit
chrakterisiert: es ist kaum im Griff zu behalten und in Gänze zu beschreiben. Zu
schnelllebig ist das Internet und mit ihm auch die Gefahren. Was heute aktuell ist,
kann morgen schon wieder veraltet sein. Dennoch muss sich die gesellschaftliche
1 Einleitung 4

Institution Schule, und damit auch ihre Beamten, die Lehrer, mit dieser Thematik
beschäftigen, sich für die Gefahren wappnen und für die Möglichkeiten die Augen
öffnen und vor allem den Schülern helfen, einen verträglichen Umgang mit den
neuen Technologien eingehen zu können.
Durch mein persönliches Interesse an der Gestaltung von Webseiten bin ich be-
reits vor einigen Jahren erstmalig in Berührung mit der Thematik gekommen.
Als Student der letzten Jahre ist man kaum an der Entstehung von Web 2.0
Netzwerkportalen vorbeigekommen. Man hat die Web 2.0 Entwicklung haut-

nah“ miterlebt, ohne sich ernsthaft mit der Tragweite auseinanderzusetzen. Ein
Leben ohne Web 2.0 ist für viele kaum mehr vorstellbar. Diese Entwicklung be-
ginnt auch in das Studium mit einzufliessen. Es werden Seminarblogs geführt
oder Vorlesungen können als Podcast heruntergeladen werden. Auch die Lehrer-
ausbildung nimmt sich zunehmend dieses für die Schule relevanten Themas an.
Aufgrund einer solchen Veranstaltung habe ich begonnen, mich näher für diese
Thematik zu interessieren und mich vor diesem Hintergrund entschlossen, meine
Examensarbeit dieser wichtigen Thematik zu widmen.
Das Kapitel 2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft?“ soll ausgehend von den gesell-

schaftlichen Entwicklungen versuchen die Begriffe Web 2.0 und Social Software
näher zu beleuchten und sie mit der notwendigen schulischen Entwicklung ver-
knüpfen. Dabei wird durch die Thematisierung des zukünftig notwendigen Grund-
wissen die Frage aufgeworfen, welche Bedingungen in einer Schule der Zukunft
erfüllt sein müssen. Über eine Definition von Bildung und der Frage nach dem
Bildungsauftrag von Schule wird geschaut, inwieweit die Web 2.0 Anwendun-
gen durch Bildungsstandards und Schulgesetz im Unterricht legitimiert werden
können, um daraus ein mögliches Bild von einer Schule 2.0 zu skizzieren. Dabei
wird auf die Veränderung des Lernens eingegangen und auch darauf verwiesen,
dass mit dem schulischen Web 2.0 Einsatz auf das veränderte Lernverhalten rea-
giert werden kann.
Im Kapitel 3 wird zunächst ein Überblick über die Anwendung des Web 2.0 gege-
ben, diese anhand ihrer Anwendungsmuster kategorisiert und schließlich mit eini-
gen Beispielen belegt. Im weiteren widmet sich das Kapitel den übergeordneten
Eigenschaften der Web 2.0 Anwendungen und versucht, die besondere Relevanz
für den Einsatz im schulischen Umfeld aufzuzeigen.
Das Kapitel 4 geht den negativen Begleiterscheinungen nach, die mit dem Einsatz
1 Einleitung 5

von Web 2.0 Anwendungen aufgekommen sind und versucht diese in die Bereiche
persönliche, strukturelle und technische Bedingungsfaktoren einzuordnen.
Im Kapitel 5 wird unter der Berücksichtigung der Bedingungsfaktoren und Mög-
lichkeiten ein beispielhafter Einsatz von Web 2.0 Anwendungen im schulischen
Unterricht skizziert.
Das letzte Kapitel soll anhand der in der vorliegenden Arbeit beleuchteten The-
matik einen Überblick geben und dabei auch einen Blick in die Zukunft werfen, um
den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen in einer Schule 2.0 zu legitimieren. Dabei
sollen zentrale Veränderungen der Schule 2.0 gegenüber ihrer Vorgängerversion
dargestellt werden.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 6

2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft?

2.1 Gesellschaftliche und schulische Entwicklungen heute

Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts befindet sich im Wandel. Vor zwanzig Jah-
ren noch unbekannt, gehören Begriffe wie z.B. E-Mail, SMS, Blogs, Messenger,
WLan, etc. heute zu den Begrifflichkeiten mit denen die meisten Jugendlichen
aufwachsen. Sie sind Teil des Wandels von der Industrie- hin zur Wissens1 - und

Informationsgesellschaft“. Nach Untersuchungen des medienpädagogischen For-
schungsverbandes Südwest (mpfs) haben bereits 95 Prozent der Jugendlichen im
Alter zwischen 12 und 19 Jahren die Möglichkeit von zu Hause aus ins Internet
gehen zu können. Dabei spielen hier weder das Geschlecht, das Alter noch die so-
ziale Herkunft eine entscheidende Rolle (vgl. Kutteroff u. a. 2007). Weiter wird in
dieser Untersuchung darauf hingewiesen, dass die Nutzungsdauer elektronischer
Formen der Kommunikation in den letzten Jahren stark zugenommen hat. So
verbringen Jugendliche nach eigenen Einschätzungen ungefähr 114 Minuten pro
Tag im Internet. Dabei schätzen männliche Jugendliche ihre eigene Verweildauer
deutlich höher ein als dies ihre weiblichen Altersgenossen tun (131 Minuten zu
114 Minuten) (ebd.). Die Nutzungsdauer steigt mit dem Alter zunächst an, wo-
bei die untersuchten 18 und 19-Jährigen vermutlich auf Grund der veränderten
Lebensumstände (Ausbildung, Lehre, Beruf, Interessen), wieder weniger Zeit im
Netz verbringen.

[...]Betrachtet man die Aktivitäten, denen die jugendlichen Nutzer im



Internet regelmäßig (täglich/mehrmals pro Woche) nachgehen, so ste-
hen kommunikative Tätigkeiten im Vordergrund. 72 Prozent tauschen
sich regelmäßig via Instant Messenger aus, am zweithäufigsten werden
E-Mails versandt oder empfangen (60 %), 30 Prozent suchen mit die-
ser Intensität Chatrooms auf. Weite Verbreitung hat das Internet bei
den Jugendlichen aber auch als Informationsmedium – sei es für die
persönliche Recherche zu interessierenden Themen (40 %), um sich
über das aktuelle Geschehen oder Nachrichten zu informieren (38 %)
oder natürlich für schulische oder berufliche Belange (36 %). Wichtig
1
Problematisch ist diese Begrifflichkeit, weil große Teile der Gesellschaft vom Wissen aus-
geschlossen sind auf Grund ihrer Lebenssituation, die ihnen ein Teilhaben daran nicht
ermöglicht - sowohl global wie national.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 7

ist in diesem Zusammenhang natürlich auch das Anhören von Mu-


sik (49 %). Weniger deutlich in den Alltag integriert sind Tätigkeiten
wie das Lesen von Beiträgen in Newsgroups (21 %), das Anschau-
en von Filmen oder Videos (20 %), das Informieren über regionale
Veranstaltungen oder das Stöbern bei Ebay (je 15 %), Online-Spiele
mit anderen Internet-Nutzern (14 %), das Schreiben von Beiträgen
in Newsgroups (13 %) oder das Downloaden von Musik (12 %).[...]“
(Kutteroff u. a. 2007, S. 41)

Der Wandel ist stark mit der Entwicklung des Internet verknüpft, sind doch durch
die technologischen Errungenschaften neue Möglichkeiten geschaffen worden sich
auszutauschen, zu verknüpfen, zu vernetzen oder zu verwirklichen. Neue Formen
gesellschaftlicher Interaktion entstehen, von großen gemeinschaftlich organisier-
ten Open-Source-Projekten über das Spielen in virtuellen Welten bis hin zum
Bloßstellen anderer Menschen auf Video-Portalen. Alle diese neuen Errungen-

schaften“ werden gerade von Schülern in allen Formen genutzt:

[...]Als Beispiel seien hier Videoclips mit pornographischem Inhalt



oder Gewaltdarstellungen genannt, die von Webseites heruntergela-
den oder als Happy Slapping“-Kurzfilme selbst erstellt werden. Im-

mer wieder werden diese auf Schulhöfen oder während des Unterrichts
von Handy zu Handy weiter verbreitet. Diese Tatsache - in Kombi-
nation mit den Nutzungsgewohnheiten der Schülerinnen und Schüler
- erfordert pädagogisches Handeln im Sinne einer reflexiven Medien-
kompetenz.“ (Wenzel 2007, S. 5)

Die hier erwähnte Nutzung ist nicht nur auf Mobiltelefone beschränkt. Vielmehr
oder gerade in Anbetracht des vorliegenden Themas ist ähnliches Nutzungsverhal-
ten mit allen internetfähigen Endgeräten vorstellbar, so dass sich die Notwendig-
keit für ein pädagogisches Handeln im Sinne einer reflexiven Medienkompetenz“

(ebd.) auch auf PDAs, Laptops, Smartphones, MP3-Player, etc. ausweiten lässt.
Wenzel (Wenzel 2007) stellt weiter fest, dass die Jugendlichen auf eine mediale
Infrastruktur auf hohem Niveau zurückgreifen können (was die JIM-Studie be-
legt vgl. (Kutteroff u. a. 2007)). Diesem Niveau versucht die Institution Schule
Rechnung zu tragen, scheitert leider aber allzu oft an der mangelhaften Fähigkeit
der Lehrenden mit den neuen Technologien umgehen zu können.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 8

[...]Daraus folgt: Die Schule darf das Thema nicht ignorieren, son-

dern muss offensiv aufklären: zum Beispiel durch aktive Einbindung
des Themas in den Unterricht und eine Sensibilisierung für die ent-
sprechenden Gefahren und Probleme.“ (Wenzel 2007, S. 5)

Die Probleme, die durch die Nutzung von Web 2.0 Technologien aufkommen
können, werden näher in Kapitel 4 behandelt.

2.2 Was ist Web 2.0?

In diesem Abschnitt soll nun versucht werden, die einzelnen Kernbegriffe Web
2.0 und Social Software ausführlich zu beleuchten, die für die weiterführenden
Kapitel von Bedeutung sind.

2.2.1 Begriffsdefinition Web 2.0

In der Vorbereitung auf eine Konferenz des O’Reilly Media Verlages im Jahre
2004 wurde durch Dale Dougherty (Vize-Präsident des Verlages) und Craig Cli-
ne (Media Live) auf die weiterhin wachsende Bedeutung des Internets, trotz der
geplatzten Dotcom-Blase Ende der neunziger Jahre, hingewiesen. Der Wandel
des Internets vom Read-“ zum Read-Write-Web“ war durch, eine für techno-
” ”
logische Revolutionen übliche, Marktbereinigung initiiert worden und so erst zu
der aufstrebenden Technologie geworden, die heute das Internet mit der enormen
wirtschaftlichen Bedeutung auszeichnet. Im folgenden Jahr schrieb Tim O’Reilly
(CEO und Gründer des O’Reilly Media Verlages) sein Buch What is Web 2.0?“

(O’Reilly 2005)), in dem er Merkmale des Web 2.0 beschreibt und somit einen ent-
scheidenden Beitrag zur Einführung des Begriffes Web 2.0“ leistete. Merkmale

dafür sind nach O’Reilly:

1. Dynamik des Softwaremarktes (immer schnellere Weiter- und Neuentwick-


lung von Software)

2. Bedeutung der Daten (unterschiedliche Filter ermöglichen dem Kunden/Nutzer


ein größeren Nutzen an Informationen)

3. Nutzung kollektiver Intelligenz (die Möglichkeit gemeinsam ein Produkt zu


schaffen)
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 9

4. Geräteübergreifende Technologie (Information werden unabhängig vom End-


gerät dem Nutzer zur Verfügung gestellt)

5. Individualisierbare Dienste (individuelle Anpassbarkeit der Datenbeschaf-


fung nach Interessen des Nutzers)

6. Service- statt Produktorientierung

Inspiriert durch diesen Beitrag haben seit dem Experten versucht das Neue“

Internet auf zum Teil unterschiedliche Weise zu beschreiben. Anja C. Wagner
beschreibt das Web 2.0 durch zwei Hauptmerkmale, auf der einen Seite die durch
Open-Source-Projekte entstandenen und unterstützten Dienste wie Blogs, Social
Bookmarking, File-Sharing, Instant Messaging, Wikis, Video-/Audio-Podcasts,
etc. (eine technologische Entwicklung) auf der einen Seite, und auf der ande-
ren Seite die Wandlung der Interaktionsmöglichkeiten (gerade durch die eben
beschriebenen Dienste), so dass der passive Nutzer nun vielmehr durch aktive
Mitarbeit zum Gestalter und Produzenten des Internetinhaltes geworden ist (vgl.
Wagner 2006). Auch andere Experten sind der Meinung, dass der Begriff Web 2.0
nicht ausschließlich der technologischen Erneuerung des Internets, sondern der
bewussten Wahrnehmung und Nutzung, der durch diese Entwicklung neu ent-
standenen Dienste, zuzuschreiben ist, was zu einem neuen Wirken und Aussehen
der Onlinewelt geführt hat (vgl. Kerres 2006a). Die wesentliche Trendwende ist
insofern die Nutzung der Web 2.0 Anwendungen, die nicht mehr auf dem heimi-
schen Computer installiert sein müssen, sondern im Internet genutzt werden.

Durch dieses Online-Arbeiten werden Gemeinschaften (Communi-



ties) im Internet geschaffen, in denen sich der Internetnutzer nicht
länger mit seiner Rezipientenrolle begnügt, sondern selber aktiv wird,
zum Produzenten avanciert und sich z.B. auf Plattformen wir flickr2
mit Gleichgesinnten über sein Hobby, das Fotografieren, austauscht.“
(Bernhardt und Kirchner 2007, S. 19)

Michael Kerres (Kerres 2006a) beschreibt neben dieser Erneuerung ( User vs.

Autor“) noch zwei weitere Entwicklungen gegenüber der nunmehr als Web 1.0 be-
schriebenen Technologie. Mit lokal vs. entfernt“ beschreibt er die neuen Möglichkeiten

2
http://www.flickr.com
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 10

Daten auf Server und nicht mehr auf dem eigenen Computer ablegen zu können.
Die wachsende Abdeckung von (drahtlosen) Breitbandinternetverbindungen er-
möglicht so einen Zugriff auf die Daten unabhängig vom Ort und unterstützt
die Onlineverarbeitung mit Diensten wie z.B. GoogleDocs3 oder Backpack4 . Als
dritte Erneuerung des Web 2.0 beschreibt Kerres die Möglichkeit des Publizierens
von privaten Dingen ( privat vs. öffentlich“). So wird das Netz zum Mittel der

Selbstdarstellung durch Dienste wie Facebook5 , MySpace6 oder auch StudiVZ7 .

[...]Dies kann aber gleichzeitig negative Konsequenzen haben, da



die Daten unauslöschbare Spuren“ der Person hinterlassen. In kur-

zer Zeit lässt sich aus unterschiedlichsten Quellen ein Portfolio einer
Person und dessen Privatleben zusammenstellen, das nicht nur den
guten Freund, sondern auch den zukünftigen Arbeitgeber interessie-
ren könnte (Gefahr des gläsernen Menschen“)[...]“ (Bernhardt und

Kirchner 2007, S. 20)

Die Abbildung 1 soll diese Transformation hin zum Mitmach-Netz“ verdeutli-



chen. Es bleibt demzufolge festzuhalten, dass der Begriff Web 2.0 eine enorme
Bedeutung in einer kurzen Zeitspanne erhalten hat. Er wird in der Öffentlichkeit
weit verbreitet benutzt, so dass die Suchmaschine Google8 im Frühjahr 2008 mehr
als 51 Millionen Webseiten auflistet, die mit dem Begriff Web 2.0“ in Verbin-

dung gebracht werden können. Die Popularität des Begriffes reicht soweit, dass
das amerikanische Time Magazin als Person des Jahres 2006 in Anlehnung an die
enorm große Web-2.0-Bewegung You“, also die Benutzer selber, gewählt hat (s.

Abbildung 2).

2.2.2 Begriffsdefinition Social Software

Ausgehend von dem Verständnis des Web 2.0, der Bedeutung vom Schaffen und
Aufrechterhalten von sozialen Netzwerken, kann eine Software beschrieben wer-
den, die genau diesem Zwecke dient, die so genannte Social Software.
3
http://docs.google.com
4
http://www.backpackit.com/
5
http://www.facebook.com
6
http://www.myspace.com
7
http://www.studivz.net
8
http://www.google.de/
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 11

Abbildung 1: Darstellung Web 1.0 vs. Web 2.0 (Quelle: Epic 2007, übersetzt duch
A. Kasche)

Nach Plieninger und Stabenau wird Social Software als rechnerunabhängig, ser-
vergestützt und meist kostenlos im Netz angebotene Software beschrieben, die auf
Geräten anwendbar ist, die mit dem Internet verbunden sind. Sie verweisen dabei
auf die Einbindung automatischer Benachrichtigungen bei Veränderungen der ei-
genen oder fremder Inhalte mit der so genannten RSS Technik (wird in Kapitel
3.1.4 näher beschrieben). So bietet Social Software die Möglichkeit die Arbei-
ten anderer Nutzer zu beobachten und ggf. die Arbeiten in die eigenen Arbeiten
mit einfliessen zu lassen oder darauf zu verweisen. Durch die Nutzung gleicher
Dienste kann dabei eine Community“ entstehen, die sich um ein gemeinsames

Projekt bzw. Produkt kümmert. Für Plieninger und Stabenau ist gerade die ein-
fache Anwendbarkeit, sprich die intuitive Bedienung, und die freie Verfügbarkeit
solcher, Sozialer Software“, ein wichtiges Kriterium, so dass die Nutzung auch

ohne Schulung oder Anleitung möglich ist (vgl. Plieninger und Stabenau 2007).
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 12

Abbildung 2: Titelblatt des Time Magazin Dezember 2006 (Quelle:


http://www.benjamin-gloeckner.de/files/time.jpg)

Nach Ott ist der Begriff Social Software“ auf den amerikanischen Internetex-

perten Clay Shirky zurückzuführen, der den Begriff mit software that supports

group interaction“ (Shirky zitiert von Ott 2007) definierte. Genauer beschreibt
Ott die Social Software als Anwendungen, die es Benutzern ermöglicht, durch den
Computer zu kommunizieren, soziale Verbindungen aufzubauen, eine Form von
Zusammenarbeit zu fördern und den gegenseitigen Informationsaustausch in den
Mittelpunkt zu stellen.
Die Abgrenzung der Begriffe Web 2.0“ und Social Software“ ist nicht trivial,
” ”
gibt es doch für beide Begriffe keine allgemeingültige Definition. So verwundert es
nicht, wenn beide Begriffe oft fälschlicherweise als Synonyme verwendet werden.
Social Software beschreibt eher Anwendungen, die die Interaktionsmöglichkeiten
des Internets unterstützen, wobei nicht zwingend eine große Anzahl von Benut-
zern beteiligt sein muss. Einen wesentlichen Aspekt von Web 2.0 Anwendun-
gen macht die Nutzung der kollektiven Intelligenz“9 aus, die typischerweise

9
Kollektive Intelligenz kann durch die Struktur des Web 2.0 in Verbindung mit (intelligenten)
Menschen enstehen.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 13

vollständig im Internet verortet ist (vgl. Ott 2007).

2.3 Welches Grundwissen wird ein Schüler/Lehrer in Zukunft


benötigen?

[...]Mit Bezug auf den Wandel der bisherigen Industriegesellschaft



zu einer Wissens-, Dienstleistungs-, Erlebnis-, Freizeit- und Produkti-
onsgesellschaft und von wissenschaftlichen Entwicklungen, vor allem
aber aufgrund der umfassenden weltweiten Medienvernetzung ist zu
fragen, ob Schulen und Lehrer noch beweglich genug sind, diesen An-
forderungen erfolgreich zu begegnen.[...]“ (Struck und Würtl 2007, S.
11)

Welches Wissen Schüler und Lehrer in Zukunft benötigen, kann zum jetzigen
Zeitpunkt kaum beantwortet werden. Es ist nicht absehbar, welche technischen
Revolutionen noch folgen werden. Gerade der enorm schnelle Wandel an sich -
und das belegt das erwähnte Zitat - macht eine Veränderung notwendig. Nicht die
Frage nach dem Lernstoff sollte im Fokus stehen, sondern vielmehr sollte die Fra-
ge nach dem Lernprozess, die Anforderungen an die Schüler und an den Lehrer im
Vordergrund stehen. Schüler müssen Lernen lernen“ und somit müssen Lehrer

in Zukunft den Schülern beibringen, wie man lernt. Bereits heute können Schüler
durch einen kleinen Klick ins Internet herausfinden, welche klassisch dargebotene
Inhalte der Lehrer nicht uptodate“ präsentiert. Die Schüler können leicht in Be-

reichen des schulischen Alltags zu Experten werden und die Lehrer überprüfen.
Das klassische Lehr-/Lernschema wird so in Frage gestellt und ist ambivalent zu
beurteilen. Die Autorität des Lehrers sollte idealerweise zu großen Anteilen auf
Wissen und oder Kenntnissen beruhen. Dieses lässt sich nun durch das Web 2.0
leichter überprüfen und kann so Lehrern und Schülern zu Vorteilen verhelfen,
wenn auf diese Weise das Bild der allwissenden Lehr- und Belehrungsautorität in
Frage gestellt ist. Lehrer müssen ihre Rolle überdenken und sich dieser Problema-
tik bewusst werden, sie müssen ihre Aufgabe in der Schule als alleinige Experten
ablegen und sich der Rolle des Coaches annehmen, der den Schülern dabei hilft
ihre Lernfähigkeiten zu entwickeln und ihnen ein Bewusstsein dafür gibt, dass sie
nicht für Prüfungen oder Tests lernen, sondern für ihr gesamtes Leben.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 14

2.4 Wie definieren wir Bildung?

Der in der Philosophie und Pädagogik beschriebene Begriff Bildung“ kann so-

wohl als ein Zustand angesehen werden im Resultat des gebildet sein“ oder aber

auch als Prozess des sich bildens“. Er wird umgangssprachlich und auch in der

Wissenschaft inflationär verwendet, so dass seit jeher eine Diskussion über seine
genaue Bedeutung und Sinnhaftigkeit stattfindet.
Der Bildungsbegriff kann in einigen Punkten zusammengefasst werden. Zum einen
beschreibt er den Prozess der Selbstentwicklung, der Mensch-werdung“ im Le-

ben. Dies schließt alle Handlungen mit ein, die der Entwicklung der eigenen
Persönlichkeit, aber auch der Aneignung der gegebenen Welt angehört. Zum
Anderen kann der Bildungsbegriff benutzt werden, alle institutionellen gesell-
schaftlichen Formen der Organisation von Lernen zu beschreiben - alles von Kin-
dergärten bis hin zur Erwachsenenbildung. Weiter kann er als Leitbegriff zur Re-
flexion von eigenen gesellschaftlichen gegebenen Traditionen, Zukunftswünschen
und präsenten Daseinsformen zur Entwicklung besserer Lebensformen und Ver-
haltensweisen benutzt werden (vgl. Zwahr 2006, S. 80 ff.). Dieser kurze Überblick
zeigt die Vielfältigkeit der Wahrnehmung des Bildungsbegriffs und auch die Schwie-
rigkeit damit umzugehen. Als besonders diskussionswürdig, gerade im Kontext
des Web 2.0 und Schule 2.0, ist der Bildungsbegriff von Hartmut von Hentig, der
sich selber nicht unbedingt als Freund des Einsatzes von Computern im schuli-
schen Unterricht gezeigt hat (vgl. von Hentig 1997).

Es geht um Anregung (nicht um Eingriff, mechanische Übertragung,



gar Zwang); alle (nicht nur die geistigen) Kräfte sollen sich entfal-
ten (sie sind alle schon da, werden nicht ’gemacht’ oder eingepflanzt),
was durch die Aneignung von Welt (also durch die Anverwandlung
des Fremden in einem aktiven Vorgang) geschieht - in wechselhafter
Ver- und Beschränkung (das heißt erstens: auch die ’Welt’ bleibt nicht
unverändert dabei, zweitens: die Entfaltung ist kein bloßes Vorsichhin-
Wuchern, sie fordert Disziplin); die Merkmale sind Harmonie und
Porportionierlichkeit (Bildung mildert die Konflikte zwischen unse-
ren sinnlichen und unseren sittlichen, zwischen unseren intellektuellen
und unseren spirituellen Ansprüchen, sie fördert keine einseitige Ge-
nialität); das Ziel ist die sich selbst bestimmende Individualität - aber
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 15

nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie als solche die Menschheit
bereichert“ (von Hentig zitiert in Dörpinghaus u. a. 2006, S. 37 ff.)

Es wird deutlich, dass Hentig nicht den Inhalt oder gar die Institution Schule ins
Zentrum von Bildung stellt, sondern sich vielmehr einem Prozess zur Bereicherung
der Menschheit widmet. Hierzu hat er Kriterien beschrieben, die der Bildung als
Maßstab dienen sollen.

1. Die Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit“, sprich die Wahrneh-



mung von unmenschlichem Verhalten und das Bewusstsein über die Ver-
antwortung eines jeden, diese Welt menschlicher zu gestalten.

2. Die Wahrnehmung von Glück“, sprich also die Bildung soll zum glücklich

sein/werden beitragen, dafür sensibilisieren und ebenfalls das Bewusstsein
für die Verantwortung des eigenen (fremden) Glücks

3. Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz“



4. Wachheit für letzte Fragen“

5. Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publi-

ca“

Dies sind moderne Werte, zu denen hin erzogen werden soll. Sie gehen dabei
über den Akt der reinen Wissensvermittlung hinaus, hin zu einer Einstellung“,

die aber ebenso hinterfragt werden kann. Von Hentig stellt aber auch Alterna-
tiven für Schulbildung in den Raum. Er spricht vom Aufbruch“, raus aus den

Elternhäusern, raus aus den Schulgebäuden hin zur Bildung an allen denkbaren
Orten, seien es Theater, Kinos, Berghänge oder Zeltplätze. Gerade im Hinblick
auf das Web 2.0 im schulischen Unterricht ist dies ein interessanter Aspekt, kann
doch auch hier aufgebrochen“ werden zu neuen virtuellen Ufern. Er schreibt

der Bildung einer Wahrnehmung für die gesellschaftlichen Verpflichtungen jedes
Einzelnen zu bzw. beschwört das Bewusstsein, sich bei der Entwicklung der Ge-
sellschaft beteiligen zu wollen. Laut Hentig unterstützt eine solche Sichtweise von
Bildung den Gedanken des lebenslangen Lernens, denn nach ihm kann keine Bil-
dung durch eine Prüfung oder Abschluss einer Bildungseinrichtung abgeschlossen
werden. Dieses lebenslange Lernen bedeutet aber auch, sich den ständigen (tech-
nischen) Revolutionen anpassen zu müssen, da eine Enthaltung der Teilnahme
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 16

zur sozialen und ökonomischen Exklusion führen kann. Sie beginnt in frühster
Kindheit und endet erst im hohen Alter mit dem Tod (vgl. Dörpinghaus u. a.
2006, S. 38 ff.).

2.5 Über den Bildungsauftrag der Schule

Im Bremischen Schulgesetz unter § 5 Absatz 3 finden sich einige Punkte, die für
die Nutzung von Web 2.0 Werkzeugen im schulischen Unterricht sprechen bzw.
diese mit beinhalten:

[...]Die Schule hat den Auftrag, Basiskompetenzen und Orientierungs-



wissen sowie Problemlösefähigkeiten zu vermitteln, die Leistungsfähigkeit
und -bereitschaft von Schülerinnen und Schülern zu fördern und zu
fordern und sie zu überlegtem persönlichen, beruflichen und gesell-
schaftlichen Handeln zu befähigen. Die Schülerinnen und Schüler sol-
len insbesondere lernen,

1. Informationen kritisch zu nutzen, sich eigenständig an Werten


zu orientieren und entsprechend zu handeln;
2. Wahrheit zu respektieren und den Mut zu haben, sie zu beken-
nen;
3. eigene Rechte zu wahren und die Rechte anderer auch gegen sich
selbst gelten zu lassen;
4. Pflichten zu akzeptieren und ihnen nachzukommen;
5. eigene Verhaltensweisen einschätzen und verändern zu können
und gegebenenfalls Hilfe anzunehmen;
6. das als richtig und notwendig Erkannte zu tun;
7. Toleranz gegenüber den Meinungen und Lebensweisen anderer
zu entwickeln und sich sachlich mit ihnen auseinander zu setzen;
8. selbstkritisch selbstbewusst zu werden;
9. ihre Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeit zu
entfalten, Kreativität und Eigeninitiative zu entwickeln sowie
ständig lernen zu können;
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 17

10. eigenständig wie auch gemeinsam Leistungen zu erbringen;


11. den Wert der Gleichberechtigung von Mann und Frau auch über
die Anerkennung der Leistungen von Frauen in Geschichte, Wis-
senschaft, Kultur und Gesellschaft einzuschätzen.“ (Bremisches
Schulgesetz vom 28. Juni 2005)

Die soeben aufgeführten Punkte wie z.B. Informationen kritisch zu nutzen“ spre-

chen für einen direkten Umgang mit netzbasierten Werkzeugen im schulischen
Unterricht, denn gerade im Internet können schnell Informationen gesammelt
werden. Diese aber kritisch zu nutzen, Wahrheiten zu respektieren, Rechte zu
wahren, Hilfe anzunehmen oder Verhaltensweisen zu verändern sind nur einige
Punkte des Schulgesetzes, die den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen befürworten
(auch wenn einige dieser Punkte sehr kritisch hinterfragt werden können).
In den pädagogischen Leitideen für die gymnasiale Oberstufe des Bundeslandes
Bremen wird auf die politischen, technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftli-
chen Entwicklungen der gesamten Welt hingewiesen, die dazu geführt haben, dass
die Menschen immer stärker in umfassend vernetzte, globale Prozesse und Sys-

teme eingebunden sind“ (Pädagogische Leitideen für die Sekundarstufe II gymna-
siale Oberstufe 2002). Um dieser Veränderung gerecht zu werden, müssen Schüler
sich als Teil dieser Welt begreifen lernen“ (Pädagogische Leitideen für die Se-

kundarstufe II gymnasiale Oberstufe 2002) und deshalb lernen, diese neuen Tech-
nologien im schulischen Alltag anzuwenden wie Papier und Bleistift.
Zudem stellt sich die Frage, inwieweit die Institution Schule nur als Transmissi-

onsriemen“ herhalten muss, getrennt von den politischen Entwicklungsprozessen
die Schule gestalten oder ob nicht in der Schule und vor allem durch die Schule
diese Prozesse hinterfragt und dem Ideal nach mitgestaltet werden können. Gera-
de für solch einen demokratischen Umgang mit der Gestaltung von gesellschaftli-
chem Leben, können das Internet und damit vor allem die Web 2.0 Anwendungen
dienen (z.B. durch Online Petitionen).

2.6 Bildungsstandards und Web 2.0

In den Bildungsstandards ist nicht explizit auf das Erlernen von Kompetenzen
im Umgang mit Web 2.0 Anwendungen verwiesen. Dennoch kann der Erwerb von
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 18

Kompetenzen wie Fachwissen, Erkenntnisgewinnung, Bewertung und im Beson-


deren Kommunikation durch die Arbeit und Nutzung von Web 2.0 Anwendungen
gefördert oder/und unterstützt werden, wie folgendes Zitat belegt:

[...]Die Fähigkeit zu adressatengerechter und sachbezogener Kommu-



nikation ist ein wesentlicher Bestandteil physikalischer Grundbildung.
Dazu ist es notwendig, über Kenntnisse und Techniken zu verfügen,
die es ermöglichen, sich die benötigte Wissensbasis eigenständig zu er-
schließen. Dazu gehören das angemessene Verstehen von Fachtexten,
Graphiken und Tabellen sowie der Umgang mit Informationsmedien
und das Dokumentieren des in Experimenten oder Recherchen ge-
wonnenen Wissens.[...]“ (Bildungsstandards im Fach Physik für den
Mittleren Schulabschluss 2004, S. 10)

Diese Standards, die nach der 10. Klasse von den Schülern erworben sein sollen
und der soeben zitierte Umgang mit Informationsmedien, zu denen auch das In-
ternet gezählt werden kann, erfordert demnach einen schulweiten Umgang mit der
Thematik Internet“. Auch in den konkreter gefassten Rahmenplänen findet sich

der Umgang mit dem Internet wieder (vgl. Rahmenplan für die Sekundarstufe I
2003), auch wenn hier nicht explizit auf die Anwendung von Web 2.0 Technologien
verwiesen wird. Dennoch bzw. gerade weil die Schule Schüler im Umgang mit der
Alltagswelt unterrichten und vorbereiten soll, verbietet es sich, diese Entwicklung
des Web 2.0 unberücksichtigt zu lassen. Dazu kommt noch die wachsende Bedeu-
tung dieser Anwendungen in der heutigen Berufswelt, die den Einsatz von und
die Entwicklung weiterer Web 2.0 Anwendungen in der schulischen/beruflichen
Ausbildung fordert (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2008).

2.7 Web 2.0 - informelles versus formelles Lernen?

Das informelle Lernen, also das Lernen außerhalb von Bildungseinrichtungen wie
Schule, Universität oder Kindergarten, wurde lange Zeit in Deutschland nicht
ernsthaft beachtet. Dabei handelt es sich beim informellen Lernen um die am
häufigsten angewandte Lernform. Laut einer Untersuchung des Bundesministe-
riums für Bildung und Forschung können ungefähr 70% aller durch menschliche
Lernprozesse gewonnenen Erkenntnisse, Kompetenzen und Erfahrungen auf in-
formelles Lernen zurückgeführt werden (vgl. Dohmen 2001). Gerade im Hinblick
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 19

auf die Aufgabe, die Schüler zu einem lebenslangen Lernen10 zu animieren, kann
sich auch die Institution Schule nicht davor verschliessen, dass informelle Ler-
nen zu fördern. Als mögliche Werkzeuge können hierbei Web 2.0 Anwendungen
dienen, die auf der einen Seite das formelle Lernen in Schulen unterstützen und
auf der anderen Seite als Anreiz bzw. Möglichkeit gesehen werden können, sich
außerhalb von Schule weiter zu bilden. Es ist also weniger hilfreich informelles
und formelles Lernen gegeneinander zu stellen, sondern eher die Chancen einer
Verdindung von formellem und informellem Lernen durch die Schule zu sehen,
um den Schülern eine bestmögliche Entwicklungschance zu bieten.

2.8 Schule 2.0 - altes gegen neues Lernen? Brauchen wir eine
neue Schule? Wie könnte sie aussehen?

Der Begriff Schule“ bedeutet im ursprünglichen Sinne Muße“ oder freie Zeit“,
” ” ”
soweit die Griechen mit dem Wort schole“ und die Römer es mit dem Wort

schola“ beschrieben. Gemeint wurde damit, dass man sich der Bildung nur über

eine Ruhe und Zeit zuwenden konnte, ohne dabei dem Druck der Wirtschaftlich-
keit ausgesetzt zu sein (vgl. Struck und Würtl 2007). Zu Zeiten des Mittelalters
wurde die schulische Bildung im Allgemeinen von der Kirche übernommen, mit
allen ihren negativen Seiten, wie Autorität, etc. In der Epoche der Aufklärung
wurde die Notwendigkeit einer Bildung aller Menschen postuliert, die in Form der
allgemeinen Schulpflicht in Preußen 1723 eingeführt wurde und so die heutigen
Entwicklungen erst ermöglichte. Erst zu Zeiten der Weimarer Republik wurde
das bis dahin fällige Schulgeld für die so genannten Volksschulen abgeschafft und
ermöglichte somit größeren Teilen der Gesellschaft eine grundlegende schulische
Bildung. Diese gesellschaftlichen Errungenschaften einer kostenfreien Bildung für
alle Menschen, scheint sich in den vergangenen Jahren wieder umzukehren.

[...]Eltern misstrauen immer häufiger den staatlichen Schulen und



setzen zunehmend auf private Alternativen - auch im Ausland. Schritt
für Schritt deutet sich an, dass sie wieder für Leistungen zahlen müssen:
für Hefte und Papier, für Bücher, für die Selbsthilfe beim Instandset-
zen maroder Klassenräume und sicher auch irgendwann für Lernlap-
tops, die wohl bald die jetzigen Schulrucksäcke ersetzen werden.[...]“
10
http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007 208/03.html
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 20

(Struck und Würtl 2007, S. 11)

Der Begriff Schule 2.0 mag zuerst verwirren. Die Ähnlichkeit zwischen Web 2.0
und Schule 2.0 suggeriert auch eine inhaltliche Nähe beider Begriffe. Kann dies
aber wirklich der Fall sein? In Kapitel 2.2.1 wurde versucht die Herkunft und
Bedeutung des Web 2.0-Begriffes zu verdeutlichen. Für Schule 2.0 gibt es diese
Definition aber vermutlich noch nicht, Schule 2.0 [ist] noch nicht in Sicht“ (vgl.

Appelhoff und Becker 2007) aber der Begriff wird schon verwendet (vgl. Kurschat
2006).
Hier setzt mein Versuch an, den Begriff genauer und aus verschiedenen Sicht-
weisen heraus zu beleuchten. Ausgehend vom Begriff Web 2.0 könnte der Begriff
Schule 2.0 eine neue Auffassung der Wahrnehmung von Schule umschreiben. Ana-
log zum Wandel des Internet, dass vom reinen Lesen“ zum Lesen und Schrei-
” ”
ben“ Netz wurde (siehe Abbildung 1 auf S. 11), könnte man diese Wandlung auf
die Schule übertragen. Ein Abschied von einer Schule der allwissenden Pauker“,

die nur der Wissensvermittlung dient, hin zur Schule, in der Schüler sich beteili-
gen und aktiv an der eigenen Lernwelt und Lerninhalten gestalterisch arbeiten? In
welcher der Lehrer vom Pauker zum Coach“ wird (vgl. Struck und Würtl 2007)?

Vom Frontalunterricht zur Mitmach-Schule“? Ein möglicher Ansatz, aber kei-

neswegs eine wirklich neue Idee, denn Schüler zu mehr Eigeninitiative und Betei-
ligung zu bewegen, wird bereits seit Jahren in unterschiedlichen Rahmen gedacht
und/oder praktiziert, z.b. in der Laborschule Bielefeld (vgl. von Hentig 2003).
Der Einsatz von Web 2.0 Anwendungen in der Schule alleine kann auch nicht zu
einer Schule 2.0“ führen, denn nur der forcierte Einsatz weiterer Medien führt

zu keiner echten Veränderung, sondern nur zu einer neuen Gestalt ohne etwas am
Inhalt zu verändern.
Der Ansatz einer Schule 2.0“ muss einer wesentlich grundlegenderen Idee der

Wahrnehmung von Schule im Ganzen nachgehen. Vielleicht verhält es sich mit
dem Begriff Schule 2.0“ wie mit dem Begriff Web 2.0“ der als Alter Wein in
” ” ”
neuen Schläuchen“ (Rüddigkeit 2006, S. 2) bezeichnet wird. Schule 2.0 könnte
die Anwendung bereits gedachter Leitideen für die schulischen Bildungseinrich-
tungen bedeuten, die in heutiger Zeit eher als massenhafte Bildungstrichter (nach
der Klausur wird alles wieder vergessen) fungieren, denn als ein Ort der Muße
und Zeit sich Dingen zu widmen. Was nun Schule 2.0 bedeutet, kann nicht einein-
deutig beschrieben werden. So bleibt der Begriff als ein Synonym für eine Schule
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 21

altes Lernen neues Lernen


linear, langsam exponentiell, vernetzt,
schnell
basierend auf Wissen basiert auf geteiltem Wissen
sieht Idee als strategischen Ideen bringen einen weiter
Vorteil an
bereitgestellt durch Mento- bereitgestellt durch Mikro-
ren mentoren
Lernen findet durch umge- Lernfortschritt kommt allen
kehrtes Konstruieren statt Beteiligten zugute
Fortschritt wird durch Ex- Fortschritt durch Breitopf“

perten getragen
basiert auf Weisheit von Ex- basiert auf Weisheit der
perten Masse

Tabelle 1: Altes Lernen vs. neues Lernen nach Graham Attwell (Attwell 2007)

der Zukunft stehen, in der neue (technische) Entwicklungen genauso behandelt


werden, in der Lernprozesse und nicht der Lernstoff an sich von zentralem In-
teresse sind. Sowohl für Schüler wie für Lehrer muss sie eine Veränderung der
Wahrnehmung von Schule an sich beschreiben. Schüler müssen diesen Ort an-
nehmen, sich motivieren lassen und erkennen, dass sie Ziele aufstellen, verfolgen
können und es dabei kein Problem darstellt, Fehler zu machen. Lehrer müssen
anders mit ihrem Unterricht umgehen. Sie müssen die Schüler unterstützen sich
Ziele zu setzen, diese zu verfolgen und zu verwirklichen. Diese Veränderung bildet
meiner Auffassung nach den Kern einer Schule 2.0“, bei deren Verwirklichung

der Einsatz von Web 2.0 Anwendungen hilfreich sein kann. Der Lehrer wird zum
Initiator und Begleiter von Lernprozessen, die auch auf dem Web 2.0 basieren.
Graham Attwell spricht in seinem Video-Podcast von einer Veränderung des Ler-
nens, weg vom alten Lernen hin zum neuen Lernen (siehe Tabelle 1).
Dieser Veränderung von Lernen muss auch die Schule 2.0 Rechnung tragen. Es
gilt, sich die neuen gesellschaftlichen Lernformen zu Nutze zu machen, das alte
Lernen zu ergänzen (nicht zu ersetzen), um den Schülern eine Chance zu geben
in der Welt des 21. Jahrhunderts mit den nötigen Kompetenzen zu bestehen.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 22

2.9 Web 2.0 als Reflexionsmöglichkeit

Im klassischen Unterricht bekommen Schüler Feedback in Form von Noten und,


wenn sie Glück haben, in Form von konstruktiven Beiträgen ihrer Lehrer oder
Klassenkameraden. Eine wirkliche Reflexion über die geschaffene Arbeit findet
nicht statt. Schüler lernen für die Noten und das, was sie lernen (wenn sie
überhaupt lernen) ist eher von untergeordneter Rolle (vgl. Huisken 1998). Ge-
nau hier kann die Nutzung von Web 2.0 Anwendungen Schülern helfen, sich
über ihre Arbeiten Gedanken zu machen, indem sie es der breiten Öffentlichkeit
präsentieren. Eltern, Mitschüler oder Brieffreunde aus der ganzen Welt (um nur
einige Beispiele zu nennen) haben die Möglichkeit, die Arbeiten zu bewerten und
vor allem zu kommentieren. Diese Form von Feedback ist für eine Reflexion der
geleisteten Arbeit und für den Lernprozess an sich enorm wichtig. Das Feedback
ist nicht auf einen Augenblick beschränkt (das Verteilen der Zeugnisse) sondern
kann über mehrere Wochen/Monate hinweg fortwährend geschehen. Es gibt keine
Deadline, nach der das verarbeitete Wissen und die geleistete Arbeit vergessen
werden können (weil sie nicht mehr gebraucht werden), sondern es kann immer
wieder auf die Arbeit verwiesen bzw. an sie erinnert werden, so dass der reflektier-
te Lernprozess nicht mit dem Beenden der Arbeit abgeschlossen wird. (Rüddigkeit
2006, S. 19)

2.10 Bidirektional lernen im Netz

Bidirektionales Lernen beschreibt einen Prozess, in dem Lernender und Lehrender


ihre Rollen tauschen können, so dass der Lernprozess bzw. der Wissenstransfer
nicht nur in eine Richtung, sondern vielmehr in beide Richtungen (bidirektio-
nal) ablaufen kann. Der Fortschritt der Web 2.0 Entwicklung begünstigt diese
Form des gegenseitigen Lernens und Lehrens, indem wir durch die Nutzung von
Netzwerken auf Experten zurückgreifen und selber unseren Expertenstatus an-
deren zur Verfügung stellen können. Für die schulische Bildung stellt dies eine
Herausforderung dar, denn zum Einen muss der Lehrer bereit sein, seinen Ex-
pertenstatus teilweise aufzugeben und zum Anderen müssen die Schüler sich von
ihrer Konsumentenrolle erheben und selber als Lehrende auftreten.
2 Schule 2.0 - Schule der Zukunft? 23

Zusammenfassung Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir in den ver-


gangenen Jahren miterlebt haben sind gewaltig, insbesondere im Hinblick auf
die Geschwindigkeit, mit der sie sich vollzogen haben und weiterhin vollziehen.
Die Bildungseinrichtungen tun sich mit der Anpassung an solche Veränderungen
schwer. Dennoch ist die Entwicklung einer Schule, die diesen gesellschaftlichen
Entwicklungen gerecht wird, somit einer Schule 2.0 notwendig. Die neuen tech-
nologisch basierten Veränderungen des Internets, die sich unter den Begriff Web

2.0“ vereinen lassen, bieten eine Möglichkeit diesen Entwicklungen gerecht zu wer-
den und darüber hinaus auch alten aber immer noch abgelegten Bildungsidealen
nachzugehen, um die Schule als Institution weiterzuentwickeln.
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 24

3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht

In Bezug auf die im vorherigen Kapitel herausgearbeitete Entwicklung hin zum


Web 2.0, kann der Aussage zugestimmt werden, dass die Novität, die mit dem

Label Web 2.0 markiert wird, weniger technologischer Art ist, sondern vor allem
als eine veränderte Wahrnehmung und Nutzung des Internets aufgefasst werden
kann“ (Kerres 2006b). Dieser Auffassung folgend muss sich auch die Schule dieser
veränderten Wahrnehmung bewusst werden und sich ihrer annehmen. In diesem
Abschnitt werden zunächst die Web 2.0 Anwendungen kategorisiert und im An-
schluss die sie charakterisierenden Eigenschaften beschrieben.

3.1 Kategorisierung von Web 2.0 Werkzeugen

Die Frage nach der Kategorisierung von Web 2.0 Werkzeugen bedarf weniger einer
abstrakten Definition anhand von O’Reillys Merkmalen, wie sie in Kapitel 2.2.1
beschrieben wurden, als vielmehr einem philosophischen Verständnis vom Web
2.0. Gerade aus der Sicht der Schule sind die Eigenschaften, die diese Anwendung
vereinen von besonderer pädagogischer Bedeutung (vgl. Ott 2007).
Ich werde zuerst den Taxonomieansatz von Thomas Bernhardt und Marcel Kirch-
ner (vgl. Bernhardt und Kirchner 2007) beschreiben, um dann im Anschluss auf
die Eigenschaften dieser Anwendungen nach Oliver Ott einzugehen und daran
die pädagogische Bedeutung für den schulischen Unterricht festmachen (vgl. Ott
2007).
Nach dem Taxonomieansatz werden die Web 2.0 Anwendungen in fünf Kate-
gorien (Online Communicating, Social Networking, Social Collaborating, Social
Publishing und Hybrids) unterteilt, die in Abbildung 3 mit einigen Anwendungen
verdeutlicht werden sollen.

3.1.1 Online Communicating (Online Kommunizieren)

Unter Werkzeugen des Online Communicating werden in erster Linie alle An-
wendungen verstanden, die dem Aufbau und der Aufrechterhaltung von sozialen
Kontakten dienen. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Kommunikation
und der Interaktion mit argumentativem Austausch. Dabei kann unterschieden
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 25

Abbildung 3: Taxonomieansatz von Social Software (Quelle: Bernhardt und Kirchner


2007, S. 58)

werden in synchrone wie z.B. Voice over IP, Instant Messaging, Video-Konferenz-
Anwendungen, etc. und asynchrone Anwendungen wie Internetforen, Emails, etc.
Für den schulischen Einsatz bieten sich diese Werkzeuge vordergründig für den
Einsatz in Gruppenarbeitsphasen (zwei oder mehr Personen) an, um sich zu un-
terschiedlichen Themen oder Arbeitsvorgänge untereinander auszutauschen und
diskutieren zu können. Zudem könnte mit diesem Hilfsmittel in bestimmten Sze-
narien Kontakt zur Lehrperson aufgenommen werden oder mit Experten zu be-
stimmten Themen diskutiert werden, um für die Bearbeitung von Hausaufgaben
oder Projekten zusätzliche Anreize zu erhalten (vgl. Bernhardt und Kirchner
2007, S. 59 ff.).
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 26

3.1.2 Social Networking (Soziales Vernetzen)

Social Networking Werkzeuge, wie Facebook11 , studiVZ12 , schuelerVZ13 , Xing14


oder MySpace15 , dienen in erster Linie der Darstellung der eigenen Person so-

wie zur Herstellung und Pflege von sozialen Kontakten in Netzwerken [...], wobei
Kommunikation und Interaktion vorrangig nur zur Kontaktaufnahme dienen.“
(Bernhardt und Kirchner 2007, S. 60) Die Handlung des Social Networking be-
schreibt dabei

[...]eine methodisch und systematische Tätigkeit, die darin besteht,



Kontakte zu Menschen zu suchen, Beziehungen zu pflegen und längerfristig
zu gestalten. All das geschieht in der offenen Absicht der gegenseitige
Förderung und des gegenseitigen persönlichen Vorteils.“ (Renz 2007)

(a) StudiVZ (b) Facebook (c) Xing (d) MySpace

Abbildung 4: Social-Networking-Portale

Diese Erklärung des Social Networking kann ohne Frage den oben erwähnten
Netzwerkportalen zugesprochen werden. Unterschiede gibt es unter den erwähnten
Beispielen besonders in ihrer Ausrichtung und in ihrer Offenheit, Benutzerdaten
der Öffentlichkeit Preis zu geben. Zunehmend ermöglichen die verschiedenen An-
bieter aber eine sehr genaue Kontrolle darüber, welche Daten von welchen Per-
sonengruppen eingesehen werden dürfen. Somit ist eine recht einfache und meist
kostenfreie Möglichkeit gegeben, ein (erfolgreiches) persönliches Netzwerk zu be-
treiben. Vor allem die Einfachheit, mit der man über die Profildaten zu Gleichge-
sinnten mit ähnlichen Interessen finden kann, muss hier als positiver Aspekt der
Social Networkingangebote beschrieben werden.

11
http://www.facebook.com
12
http://www.studivz.net
13
http://www.schuelerVZ.net
14
http://www.xing.com
15
http://myspace.com
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 27

Social Bookmarking (Teilen von Lesezeichen) Als Sonderform des Social Net-
working sehen Bernhardt und Kirchner das Social Bookmarking. Hierbei werden
von Nutzern Links der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und nach bestimmten
Themen mit Tags (siehe Kapitel 3.2.8) versehen. Durch dieses gemeinschaftliche
Indexieren von Links werden unterschiedliche Nutzer auf Links anderer Nutzer
aufmerksam gemacht. Ein Vernetzung solcher Verlinkungen unter den Benutzern
kann stattfinden. Bekannte Anbieter für Social Bookmarking sind del.icio.us16
oder Mister Wong17 .

3.1.3 Social Collaborating (Soziales Kollaborieren)

Unter dieser Kategorie versteht man alle Anwendungen, die dazu dienen, gemein-
sam an Dokumenten bzw. Daten synchron als auch asynchron zu arbeiten. Vor-
dergründig ermöglichen sie also verschiedenen Anwendern das Verändern oder
Bearbeiten von gleichen Daten. Die so genannten Online-Office-Tools wie z.B.
Writewith18 , ThinkFree19 , Google Text & Tabellen20 , Zoho21 und myGoya22 , die
in erster Linie der Bearbeitung und Erstellung von Word- und Excel-Dokumenten
dienen, unterscheiden sich von den so genannten Wikis, die wiederum zur Erstel-
lung gemeinsamer Nachschlagewerke eingesetzt werden (vgl. hierzu Kapitel 5.3).

3.1.4 Social Publishing (Soziales Veröffentlichen)

Bei Werkzeugen dieser Kategorie handelt es sich um Anwendungen, die auf der
einen Seite der Veröffentlichung von selbst produzierten medialen Inhalten die-
nen, auf der anderen Seite eine Reflexion fremdproduzierter medialer Inhalte mit
ähnlichem Themenbezug ermöglichen. Hierbei steht weniger das gemeinschaftli-
ches Bearbeiten und Erstellen von Inhalten im Vordergrund wie es beim Social
Collaborating der Fall ist (vgl. Bernhardt und Kirchner 2007, S. 66 ff.).

16
http://del.icio.us
17
http://www.mister-wong.de
18
http://writewith.com
19
http://www.thinkfree.com
20
http://docs.google.com
21
http://zoho.com
22
http://www.mygoya.de
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 28

Blogging Als weiterverbreiteter Vertreter der Social Publishing muss das Blog-
ging genannt werden. Dieser Begriff als Kurzform des Weblogs” wurde zusam-

mengesetzt aus Web“ und Log” für Logbuch und beschreibt somit die Natur
” ”
des Blogging. In einem Blog schreibt ein so genannter Blogger über Ereignisse
zu bestimmten ihm/ihr wichtiger Themen und stellt sie der Öffentlichkeit zur
Verfügung, um diese zu bewerten, beurteilen, zitieren oder einfach nur kommen-
tieren lassen zu können. Gerade die Möglichkeit Blogeinträge kommentieren zu
können, beschreibt einen wichtigen Aspekt der Blog Community, der so genann-
ten Blogoshäre. Diese Form eines Online-Journals kommt vorrangig in Textform
vor, beinhaltet aber auch Links, Bilder, etc. die vom Blogger für die Blogosphäre
als interessant eingestuft wird.
Nach Mandy Schiefner vom E-Learning Center der Universität Zürich, gibt es
seven things you should know about blogs” (vgl. Schiefner 2007):

chronologische Einträge - Die geschriebenen Beiträge erscheinen im Blog in der


Reihenfolge in der sie geschrieben wurden und zwar so, dass der neuste
Beitrag zuerst erscheint und die Beiträge sortiert nach ihrem Veröffentlich-
ungsdatum von jung nach alt folgen.

Kommentare - Blogs ermöglichen den Austausch über das Geschriebene mit


Hilfe von Kommentaren. Hierbei können Besucher der Seite Kommentare
zu den einzelnen Beiträgen hinterlassen, um so eine Möglichkeit zu haben
dem Autor ein Feedback zu hinterlassen.

RSS23 - Webseiten und somit auch Blogs bieten oft die Möglichkeit eines RSS-
Abonnements. Durch diese Technik können Abonnenten über neue Beiträge
informiert werden, ohne die Seiten selber besuchen zu müssen (siehe hierzu
Seite 31)

Trackback - Mit der Trackbackfunktion ist es Bloggern möglich in eigenen Bei-


trägen auf Beiträge anderer Blogger zu verweisen und zwar so, dass auch
diese davon Notiz nehmen.

Permalink - In oft benutzten Blogs kann die Orientierung zu den einzelnen


Beiträgen schnell verloren gehen, so dass mit Hilfe eines Permalinks die
Möglichkeit besteht den direkten Weg zu bestimmten Beiträgen zu sichern,
um in der Zukunft auf bestimmte Beiträge zurückgreifen zu können.
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 29

Subjektivität - Die Blogbeiträge beinhalten oft die Gedanken einzelner Personen


und kleinerer Personengruppen und zeichnen sich so durch einen hohen
Grad an Subjektivität aus.

Blogoshäre - Die Gemeinschaft aller Blogger wird als Blogoshäre” bezeichnet.



Besonderheit dieser Community ist es, dass sich Themen über mehrere Blogs
hinweg wiederfinden lassen und diese untereinander aufeinander verweisen.

Gerade die Punkte der Subjektivität und die der Blogoshäre spiegeln die große
Bedeutung der Blogs für das Web 2.0 wieder. Im Februar 2008 gab es laut Tech-
norati24 112,8 Mio. Blogs weltweit,

[...]Gemäß dem Motto Alles ist wichtig, nichts ist uninteressant” fin-
” ”
det alles, was Menschen bewegt, seinen Niederschlag. Blogs spiegeln
die gesamte Bandbreite menschlicher Interessen wieder.[...]“ (Rüddigkeit
2006, S. 12)

So reicht die Blogosphäre von Supermarktblogs25 über Warblogs amerikanischer


Soldaten im Irak26 bis hin zu politisch motivierten Blogs wie der Weblog der
Students for a Free Tibet27 . Verständlicherweise sehen verschiedene totalitäre
Staaten eine gewisse Gefahr in der Macht der Blogger, die unzensiert über Er-
lebnisse berichten können, was z.B. in China dazu führte, dass sich Blogger mit
ihrem realen Namen anmelden müssen, um nicht anonym als Cyber-Dissident”

auftreten zu können (vgl. Rüddigkeit 2006). Diese Freiheit der unzensierten und
ungeprüften Veröffentlichung beinhaltet aber auch eine große Gefahr, denn jeder-
mann kann auch aus weniger edlen Motiven heraus einen Beitrag in seinem Blog
der Öffentlichkeit präsentieren (siehe hierzu Kapitel 4.1.3).

(Audio-/Video-)Podcasting Das Kunstwort Podcasting kommt vom englischen


Begriff Broadcasting” und dem Wort für Apple’s MP3-Player iPod” und be-
” ”
schreibt die Technik Blogs hör- und anschaubar in Form von Audio- und Vi-
deodateien zu machen. Der große Vorteil des Podcastings gegenüber dem einfa-
chen Blogging ist es, dass die Dateien auf unterschiedliche Endgeräte (nicht nur
24
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Technorati
25
http://www.shopblogger.de/blog
26
http://justzipit.blogspot.com
27
http://blog.studentsforafreetibet.org/
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 30

iPods) heruntergeladen und völlig zeit- und raumunabhängig konsumiert werden


können und dazu meist kostenfrei sind, wie es beim textbasierten Blog der Fall
ist. Das Podcasting reicht hier ebenfalls von einfachen Podcast einzelner Benutzer
zu alltäglichen Themen, wie z.B. Schlaflos in München28 bis hin zu sehr fachspe-
zifischen Podcasts, wie Bits und so29 oder hochprofessionelle Videopodcasts wie
Beautiful Places30 , sprich also ebenfalls die komplette Bandbreite menschlicher
Interessen. Nach Bernhardt und Kirchner (Bernhardt und Kirchner 2007) können
die sieben Merkmale (siehe Seite 28) für das Blogging auch auf das Podcasting,
also das auditive oder auditiv-visuelle Blogging, angewandt werden:

[...]Zu erwähnen sind hier also wieder die umgekehrte chronologi-



sche Reihenfolge der Beiträge, das Vorhandensein von Permalinks,
die Möglichkeit zu Kommentaren, Ping- oder Trackbacks, eine Sidebar
mit Zusatzfeatures, die Möglichkeit zur Einrichtung statischer Seiten
und die Subjektivität beim Podcasten.[...]“ (Bernhardt und Kirchner
2007, S. 72)

Media Sharing (Teilen von Medien wie Videos, Bilder oder Dateien) Diese
Unterkategorie der Social Publishing Werkzeuge beinhaltet alle Dienste, die das
Bereitstellen von Daten, wie Fotos, Videos oder auch Powerpoint-Präsentationen,
ermöglicht. Hierbei lassen sich wiederum kostenlose Dienste finden wie die bereits
erwähnte Foto-Community flickr, in der es Benutzern möglich ist Fotos zu teilen
oder auch kostenintensive Dienste wie .Mac31 der Firma Apple, die neben der
Möglichkeit Fotos zu teilen, auch Kalender-, Adressen- oder einfachen Dateien-
austausch ermöglicht. Die Anwendung und Einrichtung dieser Werkzeuge ist in
der Regel schnell und simpel. Wie in vielen Web 2.0-Anwendungen findet sich hier
auch oft die Möglichkeit des Kommentierens und Taggens (s. Kapitel 3.2.8). Ein
gerade für die Bildung interessanter Dienst für das Media Sharing ist Slideshare32
mit dem sich Präsentationen online stellen lassen und sogar nachträglich zu gan-
zen so genannten Slidecasts“ (audio-visuelle Präsentationen) verarbeiten lassen.

Auch einfache Bereitsstellung von Dokumenten kann so gewährleistet werden. Ein

28
http://www.schlaflosinmuenchen.com/
29
http://www.bitsundso.de/
30
http://www.beautifulplaces.tv
31
http://www.apple.com/de/dotmac/
32
http://www.slideshare.net
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 31

solcher Dienst ist scribd33 , der genau wie Slideshare die Möglichkeit bietet, die
hochgeladenen Daten von anderen Benutzer bewerten und kommentieren lassen
zu können. Genauso verhält es sich mit Diensten wie YouTube34 , wobei der für
den Bildungsbereich vielleicht interessantere Dienst SuTree35 eher genannt wer-
den sollte. Beide stellen eine Plattform für Videos bereit, wobei SuTree sich auf
Anleitungen und How-to-do“-Videos beschränkt.

RSS - Really Simple Syndication Der Name wirkliche einfache Verbreitung“



beschreibt eine wirklich einfache Art und Weise Informationen und Inhalten im
Netz zu verbreiten und kann deshalb dem Social Publishing zugeordnet (vgl.
Bernhardt und Kirchner 2007). Mit RSS lassen sich die gesamten Inhalte (z.B.
Einträge in einem Blog) oder einfach nur Teile (wie z.B. Nachrichtenüberschriften)
direkt verbreiten. Es ermöglicht somit Benutzern diese mit Hilfe von speziellen
Anwendungen wie z.B. RSS-Feedreadern einzusammeln. So können mit der RSS-
Technik eine große Anzahl an Webseiten auf Erneuerungen hin beobachtet bzw.
überwacht werden und der Benutzer ist somit in der Lage sich einer breiteren
Basis an Informationsquellen zu bedienen. Die erwähnten Feedreader oder auch
Aggregatoren genannten Anwendungen können dabei als webbasierte (z.B. Blog-
lines36 , eigenständige Programme (z.B. NewsNetWire37 oder als Plugin für andere
Programme (z.b. für Firefox38 oder Thunderbird39 ) gefunden werden.

3.1.5 Hybrids (Hybride Formen)

Unter hybride Formen werden Anwendungen verstanden, welche die bereits erwähnten
Kategorien vereinen und somit neue Aspekt gerade für den Bildungsbereich auf-
tun können.

Webtops Ein Webtop oder auch Webdesktop ist ein virtueller Schreibtisch bzw.
virtueller Arbeitsplatz, der netzbasierte Anwendungen vereinigt und dabei kom-

33
http://www.scribd.com/
34
http://www.youtube.com
35
http://www.sutree.com/
36
http://www.bloglines.com
37
http://www.newsgator.com/Individuals/NetNewsWire/
38
http://www.mozilla-europe.org/de/products/firefox/
39
http://www.mozilla-europe.org/de/products/thunderbird/
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 32

plett im Browser läuft. Dabei können kleine Tools integriert werden und so bei-
nahe die Funktionsvielfalt des lokalen Betriebssystems erreichen können (z.B.
iGoogle40 oder Protopage41 ).

E-Portfolios Portfolios sind keine Erfindung der Neuzeit. Die Herkunft des Be-
griffes Portfolio“ liegt in den lateinischen Begriffen portare“ für trage und fo-
” ” ”
glio“ für Blatt und beschreibt somit eine lose Blattsammlung in einer Mappe. Der
Inhalt eines Portfolios wurde in der lateinischen Sprache mit Artefakt“ bezeich-

net, welches wiederum mit Geschick gemachte Arbeit“ bedeutet. Somit spiegelt

sich die Bedeutung des Inhaltes für ein Portfolio wieder, denn es handelt sich um
besondere Dinge, die in einem Portfolio aufbewahrt werden sollen und nicht um
eine lose Sammlung von Inhalten. Das E-Portfolio stellt hierbei de digitale Versi-
on einer solchen Sammlung von Arbeiten. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze
ein solches E-Portfolio zu beschreiben. Der Folgende wird für diese Arbeit heran-
gezogen:

E-Portfolio ist eine digitale Sammlung von “mit Geschick gemachten



Arbeiten“ (=lat. Artefakte) einer Person, die dadurch das Produkt
(Lernergebnisse) und den Prozess (Lernpfad/Wachstum) ihrer Kom-
petenzentwicklung in einer bestimmten Zeitspanne und für bestimmte
Zwecke dokumentieren und veranschaulichen möchte. Die betreffende
Person hat die Auswahl der Artefakte selbstständig getroffen, und
diese in Bezug auf das Lernziel selbst organisiert. Sie (Er) hat als Ei-
gentümer(in) die komplette Kontrolle darüber, wer, wann und wie viel
Information aus dem Portfolio einsehen darf.“ (Hornung-Prähauser
u. a. 2007, S. 13)

3.2 Eigenschaften von Web 2.0 Anwendungen

Nachdem nun die Web 2.0 Anwendungen in Kategorien eingeordnet wurden,


möchte ich auf ihre Eigenschaften eingehen, da sie der Auffassung von Oliver Ott
(vgl. Ott 2007) nach, der ich mich anschliessen möchte, eher von pädagogischer
Bedeutung sind.
40
http://www.google.com/ig
41
http://www.protopage.com
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 33

[...] Das Verständnis in die Philosophie von Web 2.0 kann mit einer

Beschreibung der konkreten, gemeinsamen Eigenschaften der Web-
2.0 Dienste einfacher gefördert werden als durch abstrakte Definitio-
nen.[...]“ (Ott 2007, S. 10)

3.2.1 Web als Plattform

Eine Eigenschaft vieler Web 2.0 Anwendungen ist die Nutzung des Internets als
Plattform. Es werden große Netzwerke mit einer Vielzahl an Benutzern geschaf-
fen, die gerade auf Grund ihrer Größe erst Nutzen für den einzelnen Benutzer
bieten. Es ist quasi ein Hauptaugenmerk des Web 2.0 Begriffes, sich durch kol-
lektive Intelligenz (oder kollektive Dummheit) einen Nutzen (oder Nachteil) zu
verschaffen. Gerade dies sollte auch eine gewisse Flexibilität im Umgang mit
Web 2.0 mit sich bringen, denn einzelne Anwendungen in die Familie der Web
2.0 Anwendungen einzubeziehen oder auszugrenzen, wird oft nicht eindeutig zu
beantworten sein. Es muss also vielmehr als flexibles Konzept angesehen werden,
dass sich in Netzwerken oder als Plattform der kollektiven Intelligenz bedient.

3.2.2 Software über Grenzen einzelner Geräte hinaus

Zur Nutzung der Web 2.0 Anwendungen bedarf es nur einer Software auf dem
Endgerät, einem Browser. Mit der technischen Entwicklungen der vergangenen
Jahre ist die Nutzung eines Browsers (und somit der Zugang zum Internet) nicht
mehr nur auf herkömmliche Desktop-Computer beschränkt ist, sondern heutzu-
tage auf Notebooks, PDAs, Mobiltelefone, MP3-Playern, usw. möglich. Und es
kommen immer mehr netztaugliche Endgeräte hinzu, die auch in der Lage sind
(nach dem Web 2.0 Mitmach-Prinzip), Daten im Netz zur Verfügung zu stellen
und nicht nur zu nutzen.

3.2.3 Dienste anstatt Paketsoftware

Wie im vorhergehenden Abschnitt bereits beschrieben, handelt es sich bei Web


2.0 Anwendungen um browserbasierte Werkzeuge, die nichts weiter brauchen als
eben einen Browser. Folglich sind sie geräteunabhängig auf jedem browserfähigen
Endgerät und vor allem an allen Orten mit Internetverbindung verfügbar. Eine
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 34

logische Folge ist die Nutzung dieser Unabhängigkeit, so dass eine Tendenz weg
von lokalen Softwarepaketen wie Microsoft Office42 hin zu netzorientierten Werk-
zeugen wie GoogleDocs43 zu sehen ist. Neben dem Gewinn an Mobilität durch die
Nutzung solcher Anwendungen kann man von weiteren positiven Aspekten aus-
gehen. So lassen sich zum Einen durch die Verlagerung der Daten und Software
ins Netz Speicherkapazitäten einsparen und zum Anderen entfallen die Updates
der lokalen Software, wenn die Anwendung von einem Dienst betrieben wird. Au-
ßerdem können Web 2.0 Anwendungen entweder kostenfrei oder kostengünstig im
Gegensatz zu den oft kostenintensiven Paketanwendungen genutzt werden. Der
erwähnte Dienst von Google beinhaltet aber auch einen möglichen Firmenein-
fluss auf den kreativen Prozess bzw. dessen Produkt, der in Kapitel 4.2.4 näher
beschrieben wird.

3.2.4 Benutzererzeugte Daten

Im Kern des Web 2.0 liegen die selbst erzeugten Daten der Benutzer, die auf den
bereits erwähnten Seiten von Web 2.0 Anbietern wie z.B. YouTube abrufbar sind.
Die Datenmengen von YouTube sollen bereits für 10 Prozent der Datentransfers
im gesamten Internet verantwortlich sein(vgl. Schmidt 2007), und spiegeln die
große Beteiligung der Benutzer wieder ihre Filme, Fotos, Dateien, Links, Ansich-
ten, etc. mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die Web 2.0 Anbieter stellen hierbei
die Infrastruktur bereit, die es den Benutzern erst ermöglicht untereinander diese
Daten teilen zu können.

3.2.5 Partizipation und Austausch

Nach Ott (vgl. Ott 2007) sind nicht nur die Inhalte an sich, sondern noch viel mehr
das Verhalten der Benutzer dieser Inhalte von besonderer Bedeutung. Durch das
Verhalten verändert sich auch die Weiterentwicklung von Web 2.0 Anwendungen,
denn die Betreiber können direkt an den Bedürfnissen der Benutzer orientiert
Dinge weiterentwickeln, die besondere Nachfrage hervorrufen, und stellen Ent-
wicklungen ein, die an den Wünschen der Benutzer vorbeigehen. Die große Masse
an Benutzern ist also das entscheidende Glied bei der Entwicklung bzw. bei der

42
http://office.microsoft.com/
43
http://docs.google.com
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 35

Entscheidung über die Entwicklung neuer Anwendungen oder bei der Erneuerung
bestehender Web 2.0 Anwendungen. Die große Stärke liegt in der Nutzung von
kollektiver Intelligenz, die Dienste/Anwendungen berufen sich auf dieses Prin-
zip des Austausches von Information. Jede Idee, jeder Gedanken kann in Form
von Daten veröffentlicht werden und die Vernetzung und Verlinkung durch an-
dere Benutzer aufgegriffen, verarbeitet und weitergedacht werden. Durch diese
Verbreitung und Veränderung jedes einzelnen Benutzers wird die Schaffung einer
kollektiven Intelligenz deutlich, die eine der, wenn nicht sogar das maßgebende
Grundprinzip von Web 2.0 Anwendungen ausmacht (siehe Abbildung 5b) und
somit einen Fortschritt zum Informationsfluss im Web 1.0 darstellt (siehe Abbil-
dung 5a).

(a) Informationsfluss im Web 1.0 (b) Vernetzter Informationsfluss im Web


2.0
Abbildung 5: Informationsaustausch im Vergleich

3.2.6 Einfache Bedienbarkeit

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Web 2.0 Anwendungen ist die einfache
Bedienbarkeit durch die Konzentration auf klare Designs und Übersichtlichkeit.
Der Benutzer muss sich nicht um die technischen Details kümmern, sondern kann
sich direkt dem massenhaften Hinzufügen von Inhalten widmen. Diese Einfachheit
und die Möglichkeit schnell und unkompliziert an Inhalten zu arbeiten wird durch
die Nutzung neuer Technologien, wie z.B. AJAX44 unterstützt.
44
AJAX - ist ein Apronym für die Wortfolge Asynchronous JavaScript and XML“. Es be-
” ”
zeichnet ein Konzept der asynchronen Datenübertragung zwischen einem Server und dem
Browser, das es ermöglicht, innerhalb einer HTML-Seite eine HTTP-Anfrage durchzuführen,
ohne die Seite komplett neu laden zu müssen. Das eigentliche Novum besteht in der Tat-
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 36

3.2.7 Mashups

Abbildung 6: Das Prinzip eines Mashups (Quelle: Eigene Darstellung

Unter dem Begriff Mashup“ versteht man die Verknüpfung verschiedener Web-

Inhalte untereinander, so dass die unterschiedlichen Dienste untereinander kombi-
niert werden. So können Bilder, die in der Foto-Community flickr gespeichert sind
mit Hilfe der Karten auf GoogleMaps45 durch den Mashup-Dienst trippermap46
verknüpft werden, um dann für die eigenen Webseiten eine virtuellen Fotoreise-
bericht erstellen zu können (siehe Abbildung 6).

3.2.8 Folksonomy

Mit zunehmenden Datenmengen, die von den Benutzern im Web 2.0 abgelegt wer-
den, bedarf es eines Ordnungssystems. Dabei hat sich die so genannte Folksonomy
(aus Folk“ und Taxonomie“ zusammengesetzter Begriff) bewährt. Hierbei han-
” ”
delt es sich um eine gemeinschaftliche Indexierung der Daten, sprich die Daten
werden frei wählbaren Schlagwörtern (auch Tags“ genannt) durch die Benutzern

sache, dass nur gewisse Teile einer HTML-Seite oder auch reine Nutzdaten sukzessiv bei
Bedarf nachgeladen werden, womit Ajax eine Schlüsseltechnik zur Realisierung des Web 2.0
darstellt“ (Wikipedia.de 2008a)
45
http://maps.google.com
46
http://www.trippermap.com
3 Web 2.0 Werkzeuge im schulischen Unterricht 37

selber strukturiert. Die gewählten Schlagworte, können dann visuell in einer Tag
Cloud bzw. Wortwolke dargestellt werden (siehe Abbildung 7). Hierbei wird den
Schlagworten mit zunehmender Bedeutung (sprich die absolute Anzahl der Ver-
schlagwortung) durch eine größere Schrift bzw. dunkleren Schriftfarbe gerecht.
Die so entstandenen Schlagwortkataloge

[...] haben gegenüber herkömmlichen Katalogen ausserdem den Vor-



teil, dass sie durch ihre Anpassungsfähigkeit immer aktuell bleiben
und sich durch einen grossen alltagssprachlichen Bezug auszeichnen.“
(nach Brückmann zitiert in Ott 2007, S. 20 f.)

Abbildung 7: Tag Cloud


4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 38

4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im


schulischen Unterricht?

[...]Allerdings sollte man bei aller Euphorie aber auch mit einer gehörigen

Portion Skepsis ausgestattet sein, wenn von Paradigmenwechsel“,

Partizipation“, einem neuem Spirit“ oder gar von der Neuerfindung
” ” ”
des Internets“ die Rede ist. Schließlich liegt die geplatzte Dotcom-
Blase und der damit verbundene Niedergang der New Economy im
Internet gerade einmal einige Jahre zurück. Anlass genug für Spötter
und Skeptiker in Erwartung einer weiteren Luftblase respektlos vom
Bubble 2.0“ zu sprechen.“ (Roth 2006)

Die rasante und ungeordnete Entwicklung des Web 2.0 hat allerhand Begleiter-
scheinungen mit sich gebracht. Nicht alles von dem, was gekommen ist, wird auch
bleiben und die negativen Mitbringsel sind kaum zu übersehen. Menschen wer-
den zu Benutzern von Geräten, deren Funktion sie selber nicht mehr begreifen
können.

[...]Indem Nanotechnologie sich mit der Datenverarbeitung vereinigt,



[be]kommt uns der Computer buchstäblich nicht mehr zu Gesicht;
schon längst braucht der Mensch keine Computerkenntnis mehr, um
ihn zu bedienen; er verliert sich an die ihn umstellende Technik; sie
ist wie das Wasser, das den Fisch umgibt und das er nicht mehr wahr-
nimmt. Kommt die Biometrie hinzu (der Fingerabdruck entsperrt das
Auto, die Stimme öffnet die Haustür, am Auge wird die Soforterken-
nung vorgenommen), wird man am Ende vor allem eines loswerden
wollen: die lästige Verantwortung. Verantwortung aber ist neben der
Würde des Menschen das Schlüsselwort unserer Kultur.[...]“ (von Hen-
tig 2002, S.34)

Genau diese negativen Bedingungsfaktoren werden in diesem Kapitel dargestellt.


Dabei ist das Ausmaß ähnlich umfangreich und ebenso wenig in ihrer Gesamtheit
zu beschreiben. Ich habe die mir wesentlich erscheinenden Faktoren in drei Kate-
gorien zusammengefasst, den persönlichen, den strukturellen und den technischen
Bedingungsfaktoren.
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 39

4.1 Persönliche Bedingungsfaktoren

4.1.1 Reizüberflutung/Einstiegshürden

Die rasante Entwicklung der medialen Welt stellt die Menschen vor eine enorme
Anpassungsnotwendigkeit und somit auch vor ein Problem der Überforderung.
Der ständige Anpassungsdruck, um weiter mithalten zu können überfordert viele.

[...]Everything goes, everything goes in, everything stays - und sieht



adrett und harmlos aus. Wer hält die Provider, die Server und die
User zu der nötigen Disziplin an? Müßte nicht jeder die gemeinsa-
me Ordnung im Sinn haben, wenn aus Wissens-Vermehrung nicht
Wissens-Vermeerung werden soll?[...]“ (von Hentig 1997)

Dabei zeigen sich Schüler im Umgang mit den neuen Medien öfter sicherer als
es ihre Lehrer tun. Kaum verwunderlich wenn man bedenkt, dass in der Lehrer-
ausbildung der Einsatz von Computern nur zu einem gewissen Teil gefordert
bzw. selber erlernt werden kann. Es bleibt also die Herausforderung an Leh-
rer und Schüler in Schule 2.0 Manier, sich ihrer anzunehmen und gemeinsam
im Internet nach den Dingen zu suchen, die nicht überfordern und somit der
Wissen-Vermeerung“ Einhalt gebieten. Zudem muss ja nun nicht alles ins Inter-

net verfrachtet werden. Es muss von Lehrern zusammen mit den Schülern nach
sinnvollen Einsatzmöglichkeiten gesucht werden, die als gemeinsame Projekte von
Schülern und Lehrern gepflegt werden.

4.1.2 Internetsucht

Das übermäßige Nutzen vom Internet in einer gesundheitsschädigenden Form ist


eine der großen negativen Begleiterscheinungen des medialen Wandels. Mit zu-
nehmender Netzabdeckung, Internetflaterates und hohen Netzgeschwindigkeiten
können Menschen an nahezu allen Orten ins Internet und dort dem übermäßigen
Konsum der multimedialen Welt nachgehen. Die Folgen sind weitreichender Na-
tur:

[...]Als Risikofaktoren für exzessive Internetnutzung wurden dysfunk-



tionales Sozialverhalten, verminderte soziale Intelligenz, soziale Ängstlichkeit,
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 40

Einsamkeit, depressive Verstimmtheit und vermeidende Problemlösestrategien


(Realitätsflucht) ermittelt.[...]“ (van Egmond-Fröhlich u. a. 2007, S.
A2561)

Jugendlichen, die oft und viel im Internet verweilen, zeigen häufig ein aggressives
Sozialverhalten, was durchaus im Zusammenhang mit der leichten Verfügbarkeit
von Daten gewaltverherrlichenden Inhalt stehen kann. Genauso verdrängt die in-
tensive Internetnutzung die Chance auf andere soziale Aktivitäten, der direkte
Kontakt zu anderen Menschen nimmt ab, was sich auch auf die soziale Akzep-
tanz auswirkt. Jugendliche mit Internetsucht zeigen öfter Aufmerksamkeitsdefi-
zite. Neben diesen sozial-psychischen Auswirkungen, können aber auch physische
Folgen auftreten. Schüler können durch falsche Sitzhaltung vor dem Computer,
bleibende Rückenschäden davon tragen, adipöse Veränderungen, erhöhtes Diabe-
tesrisiko, Augenbeschwerden, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Schlafmangel
erfahren, was sich auf die physische und psychische Verfassung der Schüler aus-
wirkt. Die Verknüpfung der physischen, psychischen und sozialen Veränderungen
kann einen negativen Effekt auf die schulischen Leistungen haben. Der Einsatz
von Web 2.0 Anwendungen könnte Schüler dazu animieren, noch mehr Zeit im
Netz zu verbringen - mit den eben aufgezeigten möglichen Folgen. Weiter beschrei-
ben van Egmond-Fröhlich u.a., dass im Jahr 2006 bereits 3,2% aller deutschen
Internetnutzer als süchtig und weitere 6,6% als gefährdet klassifiziert werden.
Die Suchtgefahr bei Kindern und Jugendlichen, die aus bildungsfernen Schich-
ten stammen, liegt dabei höher. Gerade diese Kinder und Jugendlichen bedürfen
aber einer besonderen Aufmerksamkeit, um ihnen die gleichen Bildungschancen
eröffnen zu können. Um dies zu erreichen, müssen Eltern und Lehrer einen sinn-
vollen Umgang mit dem Web 2.0 in der Schule und zuhause vermitteln und über
die Schattenseiten aufklären. Nur durch ein kritisches Auseinandersetzen mit der
Problematik können Schüler eine Kompetenz entwickeln, die ihnen diesen kon-
trollierten bewussten Umgang ermöglicht. Ein maßvoller Einsatz von Web 2.0
Anwendungen im Unterricht könnte bei der Entwicklung einer solchen Kompe-
tenz helfen.

4.1.3 Cyberbullying

Mit der zunehmenden Verbreitung von mobilen Kommunikationgeräten wie z.B.


den Mobiltelefonen und der großen Beliebtheit von Web 2.0 Anwendungen, wird
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 41

es Schülern einfach gemacht auch verletzende und defamierende Inhalte im Netz


zu veröffentlichen. Dieses so genannte Cyberbullying47 findet tagtäglich in den
Schulen statt.

Auf Schulhöfen werden Gewaltsituationen mit dem Handy aufgenom-



men, in Umkleidekabinen und Toiletten wird mit dem Handy heimlich
fotografiert und gefilmt, Lehrer werden bei Auseinandersetzungen mit
Schülern aufgezeichnet. [...] Die Aufnahmen werden meist auf Inter-
netseiten veröffentlicht oder als MMS an Freunde verschickt. Diese
Art von Mobbing ist in unseren Schulen leider häufig zu beobachten.“
(Wenzel 2007, S. 8)

Mobbing bzw. Bullying sind keine neuen Erscheinungen im schulischen Alltag


(vgl. Olweus 1995). In der Vergangenheit konnte aber der gepeinigte Schüler Zu-
flucht in den eigenen vier Wänden finden. Mit der Zunahme an Möglichkeiten
Inhalte im Netz zu veröffentlichen und der Tatsache, dass man nahezu überall
ins Internet gelangen kann, gibt es für diese Schüler auch keine Zuflucht mehr.
Die Daten, die einmal im Netz veröffentlicht wurden, können ungehindert von
allen Internetnutzern eingesehen, heruntergeladen und weiterverbreitet werden.
Die Ausmaße, die das Cyberbullying annehmen kann, sind im Gegensatz zur
früher vielleicht genutzten Klowand unabsehbar. Die Opfer können überall und
von jedem mit den verletzenden Inhalten konfrontiert werden, zu Hause, im Fern-
sehen, auf Webseiten, auf dem Mobiltelefon, dem MP3-Player - kein Ort ist mehr
wirklich sicher. Die technischen Erneuerungen senken die Hemmschwelle für Pei-
niger Inhalte zu verbreiten, haben sie doch keinen direkten Kontakt zum Opfer
und können sich zudem auch noch in der Anonymität des Internets verstecken.
Zur Prävention vor Cyberbullying kommt den Lehrern neben den Eltern (und
Schulpsychologen) eine besondere Rolle zu. Viele verfügen leider nicht über die
Kenntnis, welche Möglichkeiten im Web 2.0 bestehen, Menschen zu demütigen,
um als Anlaufstelle dienen zu können, und was getan werden kann, um dieser Ge-
walt entgegenzuwirken. Um diese Kompetenzen als Lehrer (Eltern) zu erlangen,
ist es wichtig sich mit dem Web 2.0 auseinanderzusetzen. Es aus der Schule oder
dem Kinderzimmer zu verbannen, würde das Problem nur an einen anderen Ort
47
Cyberbullying: Verletzung und Belästigung von Personen mittels Nutzung neuer

Informations- und Kommunikationsmedien wie E-Mails, Handys und verleumderischer bzw.
beleidigender Webseiten“ (Robertz 2006, S. 12)
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 42

verlagern, es aber in keiner Weise lösen. Ein offener und kritischer Umgang mit
den neuen Technologien, den Schülern zeigen, dass man als Lehrer sich auch der
Probleme bewusst ist und somit als möglicher Helfer anbietet, kann nur der Weg
sein, um dieses Problem einzudämmen und den Opfern zu helfen (vgl. Robertz
2006).

4.1.4 Darf ein Recht auf Anonymität in der Schule gegeben sein?

Das im Kapitel 4.1.3 beschriebene Problem des Cyberbullying zeigt deutlich die
Problematik, die sich ergibt, wenn Inhalte anonym im Netz verbreitet werden
können. Die natürlichen Hemmungen anderen Menschen Schaden zuzufügen, sin-
ken mit der Anonymität.

[...]Ein Marketing-Fachmann hat in diesem Zusammenhang einmal



sehr treffend von den Klowänden des Internets“ gesprochen und

warum sollte ausgerechnet die Blogoshäre“ von den negativen Aus-

wüchsen des Internets verschont bleiben. [...] Wenn die Armee der
Schmutzfinken einfällt, darf natürlich auch der Spam nicht fehlen, der
sich ebenfalls explosionsartig in den Kommentaren ausbreitet und im-
mer mehr Blog-Betreiber dazu veranlasst, nur von vorher registrierten
Lesern Kommentare zuzulassen.“ (Rüddigkeit 2006, S. 15)

Die Folge für den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen im Unterricht kann nur sein,
die Schüler sich unter ihren realen Namen anmelden zu lassen, um die Beiträge
den Personen zuordnen zu können, was für die spätere Notengebung eine Rolle
spielt und um die Chance eines Missbrauchs des Web 2.0 Einsatzes zu minimie-
ren. Mitunter wird Schülern so aber auch ein Mittel genommen, um Lehrer zu
kritisieren. Sie werden mit der Kritik weniger offen umgehen, um mögliche Sank-
tionen von Lehrerseite aus zu vermeiden. Es muss auch in der Schule, als Teil der
Gesellschaft, offen und konstruktiv kritisiert werden dürfen, nicht nur von Leh-
rern sondern gerade auch von den Schülern, ohne dabei die Angst zu verspüren,
dass es sich negativ auf die Notengebung auswirken könnte. Die Kompetenz, Kri-
tik zu äußern und Kritik zu akzeptieren, stellt eine wichtige Schlüsselqualifikation
für das gesellschaftliche Miteinander dar. Um diese Kompetenz im Unterricht zu
vermitteln, könnte gerade der Einsatz von Web 2.0 Anwendungen dienen. Wich-
tig hierbei ist nur, dass den Schülern klar gemacht werden muss, dass die Kritik
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 43

an Mitschülern, am Lehrer und an sich selbst in sachlich konstruktiver Form


gewünscht ist. Erschwerend wirkt dabei, dass sowohl Lehrer als auch Schüler
sachlich konstruktive Kritik als persönlichen Angriff wahrnehmen können. Gera-
de die persönliche Lebenslage der Schüler (und Lehrer) kann hierbei eine sachliche
Aufnahme von Kritik erschweren. Der Verzicht auf die Anonymität wird zumin-
dest hier soweit helfen, als das unsachliche und unqualifizierte Äußerungen in
ihrer Häufigkeit abnehmen werden und die Hoffnung wächst, dass die Qualität
der Beiträge steigt.

4.2 Strukturelle Bedingungsfaktoren

4.2.1 Schüler generierter Inhalt gegen institutionell generierten Inhalt

Ein wesentlicher Bestandteil der Web 2.0 Bewegung ist die eigene Produktion von
Inhalten. Für die Institution Schule kann dies zum Problem werden, wenn Schüler
den Inhalt ihres Unterrichts selber gestalten und dabei mitunter darauf verzichten
dem Anspruch auf Qualität nachzugehen. Wenn aber die von Schülern generierten
Inhalte qualitativ mit den institutionell generierten Inhalten mithalten können, so
wäre deren Wiederverwendung in nächsten Klassen oder im weiteren Verlauf des
Unterrichts durchaus denkbar. Es ist sogar begrüßenswert, da die Hemmschwelle,
sich mit komplizierten Sachverhalten auseinanderzusetzen, sinken könnte, wenn
die Schüler wissen, dass das Material, welches sie benutzen, ebenfalls von Schülern
erstellt wurde (siehe dazu Kapitel 5.3, Beispiel Klausuraufgaben).

4.2.2 Unterschiede Hauptschule und Gymnasium

Es besteht die Gefahr, dass die Nutzung des Internets als Lernort und als ge-
meinsamer Wissensspeicher eher zu großen Anteilen den bereits guten Schülern
zu noch besseren Leistungen verhelfen kann, als dass es die Unterschiede zwischen
Gymnasium und Hauptschule ausgleicht, da ihnen die Notwendigkeit der Kom-
petenzen im Umgang mit Internetanwendungen für einen möglichen zukünftigen
beruflichen Erfolg eher klar zu sein scheint, als ihren Mitschülern in der Haupt-
schule. Zumindest sehen Schüler des Gymnasiums deutlicher einen Nutzen in der
Anwendung des Internets als Werkzeug. Sie nutzen sie das Internet zu 26 Prozent
als Informationsquelle, was die Schüler in den Hauptschulen nur zu 18 Prozent an-
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 44

geben (vgl. Kutteroff u. a. 2007). Ähnlich verhält es sich mit der absoluten Zeit,
die Gymnasiasten im Netz verbringen. Sie nutzen es öfter und hinzu kommt,
dass Hauptschüler das Internet häufiger zum Spielen nutzen (22 Prozent), was
ihre gymnasialen Mitschüler nur zu 13 Prozent angaben. Möglicherweise haben
die Lehrer in den Gymnasien eher die Möglichkeiten das Internet als Hilfsmit-
tel zu vermitteln oder vielleicht haben auch die Lehrer in den Gymnasien in der
Hinsicht auf den Einsatz neuer Medien eine größere Bereitschaft und weniger
Berührungsängste.

4.2.3 Quantität statt Qualität?

Ein entscheidender Punkt der Kritiker ist, dass es sich bei der Hülle und Fülle an
Informationen im Internet um weniger qualitative als viel mehr um quantitative
Beiträge handelt. Oft ist die Rede von anonymen Heckenschützen“ (vgl. Lotter

2007), die die Freiheiten, die das Web 2.0 bereit hält, ausnutzen, um ihre eige-
nen Meinungen kund zu tun. Dieser Vorwurf ist sicherlich nicht von der Hand
zu weisen. Es gibt eine Menge an Informationen und darunter ist ein Teil von
schlechter Qualität. Der Anspruch einem Medium wie dem Internet nur quali-
tativ hochwertigen Inhalt zuzusprechen, ist jedoch völlig absurd, genauso wie es
zum Beispiel gute und schlechte Bücher gibt, so ist auch das Internet mit allen
Formen menschlicher Interessen gefüllt. Die Entscheidung, welche Informationen
nun für den Einzelnen von qualitativen Wert sind, kann einem nicht abgenommen
werden. Es muss, wie beim Lesen von Büchern, von gesundem Menschenverstand
und der Fähigkeit ausgegangen werden, die guten von den schlechten Beiträgen
zu unterscheiden.

[...]Wer sich freilich etwas eingehender mit den Möglichkeiten und



der Logik des Web 2.0 befasst, der wird vermutlich schnell merken,
daß die Kritik an der vermeintlichen Verderbtheit und Niveaulosigkeit
der Blogs und ihrer Leser vor allem eines ist: nämlich pauschal und
unzutreffend. Denn natürlich findet man auch innerhalb von Blogs
unsägliche dumme Artikel – doch stellt jemand ernsthaft das Medium
Fernsehen in Frage, nur weil es Sender wie “9live” gibt?“ (Scheloske
2008)
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 45

Es bleibt also anzumerken, dass die Schüler motiviert werden müssen (von Leh-
rern, Mitschülern, Eltern, etc.) Inhalte qualitativ zu verfassen und nicht bloß zur
Erledigung von Arbeitsaufträgen animiert werden, nach dem Motto Quantität
statt Qualität.

4.2.4 Firmeneinfluss durch Nutzung freier Web 2.0 Werkzeuge

Die Firmen, die hinter den Web 2.0 Anwendungen stehen, verfolgen auch den
Zweck des Profits. Dies kann über Werbung realisiert werden. Je größer die Anzahl
der Benutzer eines Dienstes, desto mehr kann über Werbung mit dem Dienst
verdient werden. Dabei bietet sich die Möglichkeit der nutzerbezogenen Werbung,
d. h. die vom Benutzer eingegebenen Daten werden ausgewertet und für Werbung
genutzt, die auf seine Interessen zugeschnitten ist.
Der schulische Unterricht kann sich zwar solchen Anwendungen entziehen, aber
die meisten Schüler nutzen gerade solche Dienste wie schuelerVZ oder ähnliche,
die die Benutzerdaten für die Werbung auswerten. Der Schule und somit den
Lehrern bleibt nichts anderes übrig, als die Schüler dafür zu sensibilisieren, dass
Firmen ihre Daten im Netz auswerten und das mit jedem Angebot und der dar-
gebotenen Werbung kritisch umzugehen ist.
Firmen werten aber nicht nur Daten aus, wie das folgende Zitat aus den Service-
bedingungen von Google zeigt:

[...]Durch Übermittlung, Einstellung oder Darstellung der Inhalte



gewähren Sie Google eine dauerhafte, unwiderrufliche, weltweite, kos-
tenlose und nicht exklusive Lizenz zur Reproduktion, Anpassung, Mo-
difikation, Übersetzung, Veröffentlichung, öffentlichen Wiedergabe oder
öffentlichen Zugänglichmachung und Verbreitung der von Ihnen in
oder durch die Services übermittelten, eingestellten oder dargestell-
ten Inhalte.[...]“ (Google 2008, Ziffer 11.1)

Durch diesen Punkt sichert Google sich an allen Produkten, die über ihre Dienste
erstellt werden eine Lizenz. Für die Schüler auf den ersten Blick kein ausschlag-
gebendes Argument gegen einen Einsatz dieser Dienste, aber das Bewusstsein
über diese möglichen Fallen, sollte bei Schülern (und bei den Lehrern) geschaffen
sein, wenn sie solche Dienste nutzen wollen. Die Daten der Nutzer haben einen
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 46

Wert für Firmen, die bereit sind große Summen dafür zu zahlen. Für das studiVZ
Portal wurde vom Holtzbrinck Verlag eine Summe zwischen 50 und 100 Mio Eu-
ro bezahlt48 und diese Investition muss sich durch einen finanziellen Nutzen der
Benutzerdaten refinanzieren.

4.3 Technische Bedingungsfaktoren

4.3.1 Datensicherheit/-schutz

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Daten im Netz sicher seien. Die Barrieren
für Hacker können groß sein, aber es gibt keine einhundertprozentige Sicherheit
der eigenen Daten. Diesem Umstand müssen sich Lehrer und Schüler bewusst
sein, wenn sie Web 2.0 Anwendungen im oder außerhalb des Unterrichts einsetzen
möchten. Aber nicht nur die eigenen Benutzerdaten könnten gestohlen werden, die
Sicherheit der Daten auf fremden Servern kann durch Serverprobleme gefährdet
sein. Daten können ungewollt gelöscht werden und sind somit womöglich nicht
wieder rekonstruierbar. Wenn man sich also für den Einsatz von Wikis, Blog,
etc. entscheidet, muss man sich auch Gedanken darüber machen, was passiert,
wenn die Daten auf dem Server verschwunden sind. Generell sollte hierbei mit
Backups gearbeitet werden. Lehrer sollten in regelmässigen Abständen die Daten
auf lokalen Speichermedien sichern, so dass im Notfall die Daten auf den Server
hochgeladen werden können und so nicht endgültig verloren sind.

[...]Sie geben den Stand von September 2007 wieder. Dieser Hinweis

ist notwendig, weil nichts rascher fortschreitet als das Wissen und die
Entwicklung im Bereich der Informations- und Kommunikationstech-
nologie.[...]“ (Wenzel 2007, S. 4)

Die Daten, die man als Benutzer ins Netz gibt, werden auf unbekannte Weise
weitergenutzt. Was heute in einem Blog geschrieben wird, könnte morgen schon
wieder veraltet sein. Die Benutzer können aber mitunter erst Jahre später darauf
aufmerksam gemacht werden, was sie vor Jahren verfasst haben. Kritik, die im
Netz geäußert wird/wurde, ist für jeden abrufbar. Für Angestellte kann sich dies
unter Umständen schlecht auf das Arbeitsverhältnis auswirken, wenn der Arbeit-

48
http://www.heise.de/newsticker/meldung/83150
4 Negative Bedingungsfaktoren des Web 2.0 im schulischen Unterricht? 47

geber im Netz z.B. Kommentare der Angestellten/Auszubildenden entdeckt49 .


Das Netz vergisst nicht und dennoch sind die Daten von gestern schon heute
veraltet.

4.3.2 Hat jeder Schüler Zugang zum Internet?

Ein wichtiger Punkt für den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen im schulischen
Umfeld ist die Zugangsgleichberechtigung aller Schüler, es darf keiner bei der
Nutzung ausgeschlossen werden. Wie im Kapitel 2.1 erwähnt, können bereits 95
Prozent aller Schüler zu Hause auf einen Internetzugang zurückgreifen. Diese Zahl
mag zu positiven Bewertungen verleiten, weist die JIM-Studie darauf hin, dass
nur zwei Drittel aller Schüler zwischen 12 und 19 Jahren einen eigenen Com-
puter bzw. Laptop zur Verfügung haben und dass nur die Hälfte aller Schüler
auf einen Internetzugang im eigenen Zimmer zurückgreifen können (vgl. Kutter-
off u. a. 2007). Für einen generellen Einsatz im schulischen Unterricht kann der
Lehrer demzufolge nicht davon ausgehen, dass alle Schüler über die selben Vor-
raussetzungen verfügen. Im Unterricht muss hierauf Rücksicht genommen werden.
Eine Möglichkeit ist es, die Arbeit in Gruppen zur organisieren, so dass gemein-
sam an Aufgaben gearbeitet werden kann oder dass auf die Computerräume in
den Schulen zurückgegriffen wird.

Zusammenfassung Das Web 2.0 bietet viel Raum für unterschiedliche Formen
menschlicher Interessen. Diese Interessen können sich negativ auf die menschli-
chen Verhaltensweisen auswirken. Um sich aber den positiven Effekten des Ein-
satzes von Web 2.0 Anwendungen zu Nutze machen zu können, bedarf es dem
Wissen, welche unterschiedlichen negativen Auswirkungen sie haben können. Die-
se negativen Auswirkungen wurden in die Bereiche persönliche, strukturelle und
technische Bedingungsfaktoren strukturiert und anhand von einigen ausgewählten
Beispielen rudimentär erläutert.

49
http://www.heise.de/newsticker/meldung/print/106024
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 48

5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht

Die Einsatzmöglichkeiten für Web 2.0 Anwendungen sind vielfältiger Natur und
können hier nur beispielhaft wiedergegeben werden. Die Möglichkeiten richten
sich zu sehr an die individuelle Situation, als das man hier ein allgemein gültiges
Paket schnüren könnte. Die folgenden Szenarien dienen hierbei nur als Beispiele,
die nicht den Anspruch der Vollständigkeit erfüllen können, aber einen guten
Überblick verschaffen können.

5.1 Weblogs

Blogs können in der Schule genutzt werden, um vielfältige Kompetenzen zu er-


werben. In erster Linie können hierbei schriftliche und gestalterische Arbeiten
verfasst und veröffentlicht werden. Aber auch der Einsatz als zentraler Ort zur
Kommunikation zwischen Schüler und Lehrern untereinander. Dabei muss dies
nicht auf Kurse, Fächer, Jahrgänge oder Klassen beschränkt genutzt werden. Der
Blog kann z.B. schulweit genutzt werden, als Mittel für selbstgesteuertes Lernen
und der Reflexion der erbrachten eigenen (und anderer) Leistungen. So kann man
mit ihnen sozial und vor allem kooperatives Lernen fördern. Einige Beispiele für
den Einsatz eines Weblogs im schulischen Umfeld sind :

• als Speicher für Gedanken, Hinweise, Besonderheiten

• zur Dokumentation des Unterrichts bzw. Unterrichtsteilen z.B. in der Form


von Protokollen, Berichten, etc.

• Präsentation von Gruppenarbeiten

• zur Erstellung eines E-Portfolios, sprich einer virtuellen Sammelstelle für


besondere Arbeiten der Schüler

• Klassen-, Kurs-, Jahrgangs- oder auch Schulplattform zur Organisation von


Arbeitsaufträgen (Hausaufgaben), Projekten, etc.

• im Fremdsprachenunterricht können Texte in der zu lernenden Sprache ver-


fasst und veröffentlicht werden
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 49

• zur gemeinsamen Vorbereitung von Auslandsaufenthalten oder zur Bericht-


erstattung über die Erlebnisse während eines Aufenthaltes im Ausland

• als Schülerzeitung, wodurch Schüler lernen sich journalistisch mit Themen


auseinanderzusetzen und in Redaktionen zusammenzuarbeiten

5.2 Podcasts

Wie in Kapitel 3.1.4 beschrieben, handelt es sich um beim Podcast um eine


äußerst mobile Web 2.0 Anwendung. Im schulischen Alltag kann durch das Ein-
binden von Podcasts dem Schüler die Freiheit eingeräumt werden zu entscheiden,
wann er sich dem Inhalt widmen möchte, er ist nicht auf das Schulgebäude an-
gewiesen. Insofern kann hier von selbstorganisierten Lernen geredet werden, der
Schüler entscheidet über Ort und Zeit des Lernens.
Generell können Podcasts entweder als bereits erstelltes Unterrichtsmaterial im
z.B. Politikunterricht genutzt werden oder die Schüler können selber einen Pod-
cast erstellen, um Gelerntes im Web 2.0 zu präsentieren und so zu festigen.
Gerade im Fremdsprachenunterricht bietet sich der Einsatz von Podcasts an. Die
große Auswahl an fremdsprachlichen Podcasts ermöglicht es auf (meist) kostenlo-
se Weise einen echten Muttersprachler in den Unterricht zu integrieren. Genauso
können die Schüler Podcasts nutzen, um mit ihren Austauschschülern in Kontakt
zu treten, Nachricht zu verfassen und selber zu erhalten. Durch Podcasts können
Hör- und Verständnisaufgaben an die Schüler herangetragen werden, wobei jedem
Schüler es überlassen ist, in welchem Tempo gearbeitet wird. Jeder Schüler kann
den Podcast selber stoppen, zurückspulen, sich Passagen wiederholt anhören und
sich so seinem eigenen Lerntempo anpassen, so dass eine Differenzierung statt-
finden kann zwischen den besseren und schwächeren Schülern. Gerade bei den
Leistungsschwächeren kann so die Chance erhöht werden, das Gehörte auch zu
verstehen. Zum Üben der Aussprache können Podcasts aber ebenso dienen. Leh-
rer können Hausaufgaben aufgeben, die das Sprechen beinhalten. Schüler erstellen
zuhause einen Podcast und laden ihn auf einen Schulserver hoch. Per RSS-Feed
kann der Lehrer informiert werden, wenn (und wann) der Schüler seine Hausauf-
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 50

gaben erledigt hat50 .


Ebenso kann im naturwissenschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Unter-
richt mit Podcasts gelernt werden. So kann im Unterricht zu bestimmten The-
men auf Videopodcastfolgen von Wissenschafts- und Nachrichtensendungen ver-
wiesen werden. Das Angebot bietet auch Videopodcasts von Vorlesungen an
Universitäten. Diese könnten eingesetzt werden, um hochbegabte Schülern die
Möglichkeit zu geben, sich mit einem Thema noch intensiver zu befassen ohne
dabei den Unterricht zu beeinflussen.

5.3 Wikis

Die Bezeichnung Wiki kommt vom hawaiianischen Begriff wikiwiki“ welches



schnell“ bedeutet und zielt auf die Möglichkeit den Internetnutzer schnell In-

halte einem Wiki hinzufügen, editieren oder neu erstellen lassen zu können ohne
dabei auf Anwendungen außer dem eigenen Webbrowser angewiesen zu sein. Die
einzelnen Seiten können einfach untereinander mit Querverweisen verknüpft wer-
den. Als wohl bekanntester Wiki-Vertreter muss Wikipedia51 genannt werden.
Für den Einsatz in der Schule bieten sich Wikis in vielfältiger Weise an. Nach
Alfred Klampfer (vgl. Klampfer 2006) kann durch den Einsatz von Wikis im Un-
terricht das vernetzte Denken gefordert und gefördert werden, da die Hypertext-
struktur52 des Wikis genau dieses Denken unterstützt und sich somit für Brain-
stormingprozesse anbietet. Ein weitere Einsatzmöglichkeit nach Klampfer ist in
der Projektplanung zu sehen. Schülerinnen und Schüler können hier auch außer-
halb von Klassenverbänden oder Schulräumen die Arbeit an gemeinsamen Projek-
ten/Kursen koordinieren. Hier können z.B. Protokolle, Merksätze oder Lösungen
für Übungen auf eine kollaborative Weise geteilt, genutzt und weiterverarbeitet
werden. Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich also gemeinsam ein Fundus
an Wissen“, der allen gleichermaßen zur Verfügung steht. Gerde die Vereinfa-

50
Auf ein Hilfsmittel sei hier kurz verwiesen: Loudblog (http://www.loudblog.com/), ein Content-
Managment-System, dass es erlaubt Podcasts zu veröffentlichen und das sich für den hier
erwähnten Einsatz beim Erstellen von Podcasts als Hausaufgaben bewährt hat.
51
http://www.wikipedia.de
52
Das Prinzip Hypertext“: Einzelne Informationseinheiten (Knoten) werden durch Links mit-

einander vernetzt. Dadurch entstehen komplexe, virtuelle Gewebe von Verweisen und Ver-
knüpfungen, die sich – je nach Anlage – strukturell unterscheiden.(Quelle: e-teaching.org
2008)
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 51

chung von Arbeitsabläufen in solchen Gruppenarbeiten sollen in Abbildung 8b


den Vorteil im Nutzen eines Wikis grafisch darstellen gegenüber der gemeinsamen
Bearbeitung von Dokumenten per Email & Desktopprogramm (siehe Abbildung
8a).

(a) ohne Wiki (b) mit Wiki

Abbildung 8: Workflow einer Dokumentenbearbeitung mit/ohne Wiki (Quelle: eigene


Darstellung)

Der Vorteil des Wikis liegt in den Aspekten der Verfügbarkeit der aktuellen Ver-
sion und in der Verselbstständigung des gemeinsamen Produkts. Die Folge ist
idealerweise eine gesteigerte Produktivität.
Folgend einige Punkte, die das pädagogische Potenzial vom Einsatz im Unterricht
beschreiben.

Gruppenarbeiten - Während einer Gruppenarbeitsphase kann ein Wiki auf ver-


schiedene Weise eingesetzt werden und ermöglicht so einen Nutzen in der
Erstellung, Organisation, Dokumentation und Archivierung von Gruppen-
arbeiten.

• Die im Unterricht geplante Gruppenarbeit ist für alle einsehbar. Pläne


können erstellt werden und jeder kann sich von zuhause aus über den
Arbeitsablauf ein Bild machen.
• Der Anteil jedes einzelnen Schülers an der Gruppenarbeit ist für Mit-
schüler, Lehrer, (Eltern) überprüf- und nachvollziehbar.
• Das Produkt bleibt verfügbar. Was ein Austausch mit Experten (Stu-
denten, Professoren, Einbindung in die scientific community), die Ver-
netzung mit Partnerklassen und Eltern ermöglicht, um Ergebnisse zu
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 52

verifizieren, kontrollieren, diskutieren oder zu reflektieren. Was wieder-


um mit mehr Aufwand für den Lehrer verbunden sein kann. Ebenso
kann es ein Nachteil für den Schüler darstellen, wenn in Zukunft auf
die Daten zurückgegriffen werden kann. Ein möglicher Ausweg, wäre
es, die Daten komplett zu Anonymisieren, um keine Verknüpfung von
Inhalt und Person zu ermöglichen.
• Gerade der Austausch mit Experten bietet die Möglichkeit für ein Mo-
tivationsschub, wenn Ergebnisse beachtet werden.

Schulwiki - In einem schulweiten Wiki könnten sich Lehrer (in einem Lehrer-
wiki) austauschen, Vorlagen, Unterrichtsplanungen, etc. untereinander aus-
tauschen. Schüler könnten Ergebnisse zu Jugend trainiert für Olympia“

sammeln, sie archivieren, Berichte über Klassenfahrten veröffentlichen und
von Projektwochen erzählen. Problematisch ist hierbei, dass jeder auf die
Daten zugreifen kann, sie mitunter sogar verändern kann. Folglich sind Zu-
griffsrechte unverzichtbar, erfordern aber wiederum einen erhöhten Lehrer-
einsatz.

Lehrer - Problematisch kann es für Lehrer sein, wenn sie mit der Technik eines
Wikis nicht vertraut sind. Auch wenn die Arbeit simpel ist, so können die
Ängste auf Lehrerseite einen sinnvollen Einsatz im Unterricht erschweren,
wenn sie sich nicht der möglichen Kritik von Schülern aussetzen wollen.

Unterrichtsvorbereitung - Lehrer von unterschiedlichen Schulen könnten ge-


meinsam Unterrichtseinheiten erstellen, diese austauschen, gemeinsam wei-
terentwickeln und ein sachliches Feedback von Kollegen erhalten.

Klassenfahrten, Ausflüge - Wikis können von Schülern dafür genutzt werden,


die Erfahrungen, Erlebnisse auf Klassenfahrten und bei Ausflügen zu ver-
arbeiten und zu dokumentieren. Mit den oft vorhandenen Kameramobilte-
lefonen kann direkt vom Ausflug ein Bild in das Wiki geladen werden und
ermöglicht es Eltern und Verwandten direkt daran teilzuhaben.

Klausuraufgaben - Ein möglicher Einsatz von Wikis könnte dabei das Erstellen
von Klausuraufgaben durch die Schüler selber sein. Jeder Schüler könnte
Aufgaben mit Lösungen (die natürlich von den Lehrern und Mitschülern
diskutiert werden müssten) in das Wiki einstellen, so dass der Lehrer für die
5 Einsatzmöglichkeiten im schulischen Unterricht 53

Klausuren der Klasse auf ein zusätzlichen Fundus an Aufgaben zurückgreifen


kann, die dem Leistungsvermögen der Schüler entsprechen.
6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick 54

6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick

Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so ist die Institution Schule ei-
gentlich eine recht junge Erfindung. Bereits seit einigen hunderttausend Jahren
in denen der Homo sapiens den Erdball bevölkert, wird auch gelernt und Schulen
waren dafür nicht notwendig. Auch in der heutigen Zeit lernen Schüler vor allem
in der Familie und im Alltag ohne das ihnen dabei bewusst ist, dass sie lernen.
Sie probieren und machen Fehler und all das ohne dabei an Noten, Hausaufga-
ben oder Druck denken zu müssen, sondern einzig und allein, weil sie es können.
Im Alltag lernen Menschen. Die Schule als staatliche Institution soll ihnen dabei
helfen, sich in der Gesellschaft mit ihren Wertvorstellungen und Normen zurecht-
finden zu können. Die Vermittlung von Lernstoff an sich ist dabei nicht als die
Hauptaufgabe von Schule anzusehen, sondern der Versuch junge Menschen mit
Kompetenzen auszustatten, damit sie in der Gesellschaft zurecht kommen.
Die Entwicklung des Web 2.0 hat für große Diskussionen gesorgt. Dabei muss der
Einsatz des Computers in Schule und Alltag durchaus kritisch betrachtet werden.
Einige Wissenschaftler sprechen von der Net Generation“, Generation @“ oder
” ”
den digital natives“ und wollen so den jungen Menschen, die mit dem Internet

aufgewachsen sind, besondere Eigenschaften nachsagen (vgl. Schulmeister 2008, S.
4 ff.). Viele Schüler (und auch nicht Schüler) nutzen den Computer, aber weniger,
um wirklich an ihm zu arbeiten. Sie passen sich nicht dem Web 2.0 an, sondern
sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen der Computer bietet, um ihren Interessen
nachzugehen. Dabei verändern sich die üblichen Gewohnheiten kaum, immer noch
wird mit Freunden gesprochen, aber nun eben auch über den Computer.

[...]Je vertrauter und selbstverständlicher der Zugang zu diesen Me-



dien ist, umso eher gleichen sich die Tätigkeiten denen der Welt au-
ßerhalb der Medien an[...]“ (Schulmeister 2008, S. 62)

Auch wenn also nicht davon gesprochen werden kann, dass die Jugendlichen und
Kinder jetzt zu wahren Computerassen heranwachsen, so wachsen sie in jedem
Falle in einer medial veränderten Welt auf. Die Institution Schule kann diesen
Veränderungen kaum in der Gesamtheit nachgehen und vor allem nicht mit der
Dynamik der Veränderung Schritt halten. Die Frage ist aber auch, will sie dies
denn überhaupt? Muss sie mithalten? Schüler und Lehrer einer Schule 2.0 müssen
nicht das Internet als Kern ihres schulischen Alltags betrachten. Aber sie müssen
6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick 55

allen Möglichkeiten, die sich auf Grund der individuellen Situation eines jeden
Einzelnen, der Klasse und der Schule ergeben, offen gegenüber stehen. Lehrende
sollen die Möglichkeit sehen, dass Schüler motiviert werden können, wenn ihr
Lehrer auf Dinge in ihrer Alltagswelt eingeht und diese für den Unterricht nutzt.
Das Werkzeug Web 2.0 motiviert Schüler nicht per se, aber es kann dem Lehrer
dabei helfen, dass Schüler damit im Alltag bereits in den Kontakt gekommen sind.
Den Schüler also dort abholen, wo er ist“, mit den Mitteln die ihm bekannt sind,

um neue Erfahrungen und Erkenntnisse zu erlangen.
Die Entwicklung des Web 2.0 ist momentan nur ein Augenblick in einer perma-
nenten medialen Revolution. Alle Schritte können für die Schule von Nutzen sein,
aber wie könnte ein Web 3.0“ aussehen? Die Endgeräte könnten noch weiter ver-

kleinert werden, so dass sich Lehrer darauf gefasst machen müssen, dass Schüler
im Unterricht in der Lage sind mit ihren PDAs, etc. Informationen aus dem Inter-
net abzurufen. Diese Verkleinerung ist verbunden mit noch mehr Mobilität. Leh-
rer könnten Unterricht in Zukunft außerhalb des Schulgebäudes organisieren. Die
Schüler könnten dabei per Live-Stream von unterschiedlichen Orten aus berichten
und ihre Erfahrungen austauschen. Generell werden Geräte und Entwicklungen
den Alltag weiter verändern, nur die langsame Anpassbarkeit der Menschen an
die neuen Möglichkeiten des Internets bremst das Tempo der Weiterentwicklung.
Einen weitreichenden Einfluss haben schon im Web 2.0 die Daten an sich, sie
könnten in noch nicht vorstellbaren Ausmaßen weiter an Bedeutung gewinnen
(vgl. Web 2.0 der Film). Datenschützer warnen davor, dass das Recht an den
eigenen Daten weiter verloren geht und Firmen diese als Ware handeln könnten
(vgl. Ahlert u. a. 2007).
Die gesellschaftliche Relevanz des Web 2.0 zwingt Lehrer dazu, sich mit dem
Thema zu beschäftigen. Dies kann auch durch bewusstes Auslassen bzw. Meiden
der Web 2.0 Thematik geschehen, aber durch eine Behandlung oder eben auch
eine Nicht-Behandlung positioniert man sich als Lehrer. Die Schüler können dies
gutheißen oder eben auch nicht. Eine neue Schule 2.0 entwickelt sich auch nicht
durch die Technologie Web 2.0. Sie ist, wie bereits beschrieben, sie bedingt ei-
ne veränderte Wahrnehmung der Institution Schule, die oft gefordert, aber nie
wirklich durchgeführt wurde.
Eine Veränderung der Schule könnte wie folgt aussehen: Vor dem Hintergrund der
Gegenüberstellung in Tabelle 2, kann man als Lehrer einen Einsatz der Web 2.0
6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick 56

Schule 1.0 Schule 2.0


altes Lernen altes und neues Lernen
Lehrer als Experte Lehrer als Coach
Schüler als Lehrling Schüler als Mitgestalter,
Experten
starr an Curricula gebunden neuen Entwicklungen kri-
tisch aufgeschlossen
an Gebäude gebunden Lernortungebunden
fixe Lernzeiten flexiblere Lernzeiten
Wissensvermittlung Kompetenzvermittlung
Fehler werden benotet Fehler sind erlaubt und wer-
den ausgeräumt

Tabelle 2: Schule 1.0 und Schule 2.0

Technologien legitimieren. Web 2.0 Anwendungen können genutzt werden, um ei-


ne zukünftige Schulentwicklung mit zu gestalten. Lehrer müssen sich mit den Vor-
und Nachteilen auseinandersetzen, um auch den Schülern einen vernünftigen und
vor allem kritischen Umgang mit dem Mitmach-Netz“ zu vermitteln53 . Meine

Sichtweise einer Schule 2.0 besteht aber nun nicht darin, um jeden Preis Web 2.0
Anwendungen in den Schulen einzusetzen, denn guter (oder schlechter) Unterricht
wird mit und ohne Web 2.0 guter (oder schlechter) Unterricht bleiben. Vielmehr
sollen neue Wege gegangen und Dinge auszuprobiert werden, um Schüler mit
Kompetenzen auszustatten, die ihnen Möglichkeiten eröffnen in unserer Gesell-
schaft ein glückliches Leben führen zu können. Mein Ziel als Lehrender [...] ist

es, der Verschiedenheit der Individuen gerecht zu werden und ihre Diversität im
Unterricht zu respektieren“ (Schulmeister 2008, S. 30), dies kann aber nur gelin-
gen, wenn ich mich mit unterschiedlichen Möglichkeiten kritisch auseinanderset-
ze und institutionelle Strukturen neu überdacht werden (wie z.B. die Festlegung
von Schulstunden oder die starre Notenhierarchie). Die Schule wird sich nicht
durch das Web 2.0 zu einer Schule 2.0 weiterentwickeln, denn die in Tabelle 2
beschriebenen Veränderungen, sind nicht durch Web 2.0, aber mit Web 2.0 zu
bewerkstelligen und zum Anderen älter als die Entwicklung, die eben mit Web

2.0“ beschrieben wird. Der gedankliche Kern der Schule 2.0 ist ein Besinnen auf
die wesentlichen Dinge des Lernens, der Erfahrungs- und Erkenntnisaustausch.

53
Ein Versuch Lehrer hierbei zu unterstützen ist die von der European Schoolnet, einem Ver-
bund von 28 Bildungsministerien, der Wirtschaft und verschiedenen Web 2.0 Anbietern,
gestartete Seite http://teachtoday.eu
6 Zusammenfassung - Diskussion - Ausblick 57

Welche Technik dazu benutzt wird, hängt von den Umständen und Möglichkeiten
der Schule, deren Schülern sowie den Kompetenzen der Lehrer ab.
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Bremen, den
Name, Vorname

ERKLÄRUNG
gemäß § 22 Abs. 9 in Verbindung mit § 34 Abs. 4 der Prüfungsordnung der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an öffentlichen Schulen vom 15.12.1998
oder
gemäß § 17 Abs. 8 in Verbindung mit § 28 Abs. 4 der Verordnung über die Erste Staatsprüfung
für das Lehramt an öffentlichen Schulen vom 07.10.2003
oder
gemäß § 9 Abs. 1 Ziff. 5 der Verordnung über die Zweite Staatsprüfung
für das Lehramt an öffentlichen Schulen vom 12.11.2002

Diese schriftliche Hausarbeit habe ich selbstständig angefertigt.


Andere als die angegebenen Hilfsmittel habe ich nicht benutzt.
Die Stellen der Hausarbeit, die anderen Werken, auch eigenen oder fremden unveröffentlichten Prü-
fungsarbeiten, im Wortlaut oder ihrem wesentlichen Inhalt nach entnommen sind, habe ich mit ge-
nauer Angabe der Quelle kenntlich gemacht.
Die folgenden Auszüge aus den Prüfungsordnungen habe ich zur Kenntnis genommen:
Versucht eine Kandidatin oder ein Kandidat, das Ergebnis der Prüfung durch Täuschung zu beein-
flussen, ist die gesamte Prüfung für nicht bestanden zu erklären.
Nach § 11 Abs. 3 Ziff. 1 der Prüfungsordnung der Ersten Staatsprüfung vom 15.12.1998 liegt eine
Täuschung insbesondere dann vor, wenn eine der Wahrheit nicht entsprechende Versicherung nach
§ 22 Abs. 9 über die für die schriftliche Hausarbeit verwendete Literatur abgegeben wird.
Nach § 10 Abs. 3 Ziff. 1 der Verordnung über die Erste Staatsprüfung vom 07.10.2003 liegt eine Täu-
schung insbesondere dann vor, wenn eine der Wahrheit nicht entsprechende Versicherung nach § 17
Abs. 8 über die für die schriftliche Hausarbeit verwendete Literatur abgegeben wird.
Nach § 14 Abs. 2 Ziff. 1 der Verordnung über die Zweite Staatsprüfung vom 12.11.2002 liegt eine
Täuschung insbesondere dann vor, wenn eine der Wahrheit nicht entsprechende Versicherung nach
§ 9 Abs. 1 Ziff. 5 über die für die schriftliche Hausarbeit verwendete Literatur abgegeben wird.

Die Hausarbeit oder Teile von ihr sind † nicht veröffentlicht worden.
† veröffentlicht worden in

ich bin † nicht damit einverstanden,


† damit einverstanden, dass ein Exemplar dieser Hausarbeit ohne Bearbeitungsvermerke
aus der Prüfung in eine öffentliche Bibliothek eingestellt und den Bibliotheksbenutzern
zugänglich gemacht wird.

Unterschrift

Hinweis: Lassen Sie dieses Formblatt ausgefüllt als letztes Blatt in die Exemplare Ihrer Hausarbeit einbinden.