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ADORNO ARCHIV

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Kultur
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Philosoph Adorno (um 1965 in Sils-Maria): „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen“

D E N K E R

Narziss und Nilpferdkönig

Der Allround-Intellektuelle Theodor Wiesengrund-Adorno inszenierte sich im Nachkriegsdeutschland virtuos als Vordenker und Gewissen der Nation. Zum 100. Geburtstag huldigen gleich drei Biografen dem widersprüchlichen, egomanischen Genie.

Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf.

Theodor W. Adorno, „Minima Moralia“

H underte waren dabei, viele haben es nacherzählt, sogar Bilder exis- tieren – und doch klingt sehr fern,

was da am 22. April 1969 im Hörsaal VI der Frankfurter Universität ihrem prominen- testen Professor passierte: Drei Studentin- nen in Lederjacken umringen einen klei-

nen rundlichen Mann mit fast kahlem Schädel, streuen Blüten über ihn, küssen ihn auf die Backen und rücken ihm mit nacktem Busen zuleibe, bis er im Schutz seiner Aktentasche aus dem Saal stürzt. Als Happening war es gedacht, als iro- nisch-freche Aktion, die Theodor W. Ador- no klar machen sollte, dass Umsturz nicht im Kopf allein stattfinden dürfe, dass seine Bannflüche über „Kulturindustrie“ und „Verblendungszusammenhang“ Folgen ha- ben müssten. „Wer nur den lieben Adorno läßt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten“, stand an der Tafel.

Jetzt, zu seinem 100. Geburtstag am 11. September, ist die Geschichte fast nur noch eine Kuriosität. Entrückt scheint sie wie die Jahre, in denen jeder aufrechte Linksintellektuelle jederzeit seine eiserne Ration von Adorno-Worten herunterras- seln konnte: dass „das Ganze“ nur „das Unwahre“ sein könne, dass „kein richtiges Leben im falschen“ denkbar oder dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben „barbarisch“ sei.

nach Auschwitz Gedichte zu schreiben „barbarisch“ sei. Adorno mit Mutter (M.) und Tante (1916) Täglich zur

Adorno mit Mutter (M.) und Tante (1916)

Täglich zur Schule begleitet

Lang ist das her. Darum will Adornos Vaterstadt Frankfurt am Main, wo auch die Gralshüter des Theodor W. Adorno Archivs residieren, dem Verblassen seines Ruhms nun mit aller Macht Einhalt gebieten. Ein Festprogramm, wie es sonst nur der be- rühmteste Sohn der Stadt, Goethe, in Gang brächte, erreicht bald die heiße Phase. Symposien, Podiumsgespräche, Lesun- gen, Ausstellungen, die obligate Groß-Kon- ferenz, eine Preisverleihung samt Konzert, ein „Adorno-Lerntag“ und Aufführungen seiner Musikwerke: Wer dem Trubel tat- sächlich entkommt, wird früher oder spä- ter am neu gestalteten Theodor-W.-Ador- no-Platz im Westend landen und so vom Lokalhelden mit Weltniveau erfahren. Auf dem Buchmarkt gilt der 1969 gestor- bene Denker inzwischen als Klassiker. Von einem Neudruck der „Minima Moralia“, ein- schüchternd raffinierten „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, wurde sein Haus- verlag Suhrkamp in zwei Jahren über 15000 Exemplare los. Selbst auf CD-Rom ist Ador- no bald durchklickbar. Fehlte zur Heiligen- legende eigentlich nur noch die Biografie.

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CINETEXT (L.); ENDEMOL / ACTION PRESS (M.); AP (R.)

Doch wer traute es sich zu, einen Uni- versalisten zu schildern, der über Zwölf- tonmusik wie Hegel, den „Autoritären Charakter“ wie seine erste Flugreise, ja noch über das Wort „Uromi“ brillant- vertrackte Essays schrieb? Erst der Sog erwünschter Verehrung hat den Bann nun gebrochen: Gleich drei Lebensgeschichten und etliches andere erscheint dieser Tage (siehe Kasten Seite 141). Verblüffend genug: Die Bücher ergän- zen sich nahezu perfekt. Was der über tau- send Seiten starken offiziösen Lebenschro- nik des Soziologen Stefan Müller-Doohm an Verve und Weitblick abgeht, leisten die anderen: „FAZ“-Redakteur Lorenz Jäger, der ein zeitgeschichtlich umrahmtes Porträt geliefert hat, oder der Adorno-Schüler Det- lev Claussen, dessen feinfühliger Buch- essay ausdrücklich „ein letztes Genie“ würdigt (siehe Interview Seite 140). Aber gerade das Licht von vielen Seiten offen- bart nun auch Brüche und Widersprüche. Beim Namen fängt es an. Gern ließ der Sohn eines jüdischen Weinhändlers in spä- teren Jahren durchblicken, er stamme aus

in spä- teren Jahren durchblicken, er stamme aus chen „Frankfurter Zeitung“ Redakteur war. „An den

chen „Frankfurter Zeitung“ Redakteur war. „An den Stuhl seiner Mutter gelehnt, beantwortete er die ihm gestellten Fragen in einem matten Ton, der den großen trau- rigen Augen widersprach, die unter den langen Wimpern hervorblickten.“ Bald sah Kracauer, wie der Gymnasiast seine scharfsichtige Sozialkritik bis in De- tails übernahm – ähnlich ging Jung-Wie- sengrund wenig später mit seinem Philo- sophie-Doktorvater um und dann, 1925 in Wien, mit Alban Berg, dem Lieblings- schüler des strengen Arnold Schönberg. Selbst die raunend-marxistischen Ideen des Berliners Walter Benjamin, der wie Teddie selbst mit einem Habilitationsversuch in Frankfurt gescheitert war, sog er auf – Lernbegier und chamäleonhafte Anleh- nungslust schienen sich zu decken. Scheu war er nicht: Als Konzertkritiker rief er Schönbergs Stücke zur einzigen „Wahrheit“ aus. Leider nur fand Schön- berg den jungen Komponier-Streber von Bergs Gnaden widerwärtig. „Er soll einen wahren Wiesengrund-Komplex haben“, beklagte sich Teddie bei Kracauer.

haben“, beklagte sich Teddie bei Kracauer. ten das Lehren. Als sogar seine Wohnung durchsucht wurde,

ten das Lehren. Als sogar seine Wohnung durchsucht wurde, ergaben eilige Recher- chen nur eine Notlösung: England. Mit viel Glück – und der Hilfe eines aus- gewanderten Wiesengrund-Onkels – fand er Zuflucht im renommierten Oxforder Merton College: offiziell als „advanced stu- dent“, de facto eher als ein geduldeter Außenseiter. Zwar versuchte er, sein mise- rables Englisch aufzubessern, indem er Kri- mis im Akkord las, doch Gesprächspart- ner fehlten. In einem „Angsttraum“ sei er gelandet, klagte Teddie und nannte sein College-Dasein gar „das verlängerte dritte Reich“. Natürlich war der Brief-Seufzer kalku- liert: Er sollte bei einem alten Bekannten, dem Philosophen Max Horkheimer, Mit- gefühl wecken. Horkheimer war seit 1930 Chef des privaten, finanzstarken marxisti- schen „Instituts für Sozialforschung“, das er geschickt aus dem nun braunen Frank- furt über Genf und Paris nach New York verlegt hatte. Er hatte den brillanten Kopf längst verpflichten wollen. Doch zuvor soll- te Wiesengrund sich bewähren.

wollen. Doch zuvor soll- te Wiesengrund sich bewähren. Adorno-Feindbilder Popmusik, Fernsehen, Kommerz-Ästhetik*:

Adorno-Feindbilder Popmusik, Fernsehen, Kommerz-Ästhetik*: Grimmiger Feldzug gegen die einlullende „Kulturindustrie“

edler Genueser Patriziersippe. Tatsächlich aber hatte sich erst sein Großvater mütter- licherseits, ein korsischer Offizier a. D. und Fechtlehrer namens Jean François Calvel- li, der aus Liebe in Frankfurt geblieben war, nach eigenem Gutdünken ein klang- volles „Adorno della Piana“ zugelegt. Bei der US-Einbürgerung 1943 ließ sich Theodor Ludwig Wiesengrund, von Freun- den und Familie Teddie gerufen, den Bei- namen verbriefen; später fügte er ein ver- schämtes W. ein. Dahinter steckte keine Tücke, nur sein stets unbändiger Wille, so viel wie möglich aus sich zu machen. Schon der verhätschelte Frankfurter Junge, den Mutter und Tante täglich zur Schule begleiteten, dichtete und kompo- nierte; vom Sportunterricht befreit und all- jährlich mit einem Ferienaufenthalt im idyllischen Odenwald-Nest Amorbach be- lohnt, war Teddie der Paradefall eines welt- fremden, manchmal gehänselten Primus. Alles schien dem Sängerinnen-Sohn aus begütertem Haus zuzufliegen. „Wie ein verkleinerter Prinzensohn“ wirkte er auf seinen ersten Mentor, den 14 Jahre älteren Siegfried Kracauer, der bei der einflussrei-

Aber es musste ja nicht die Musik sein. In Frankfurt gelang es Wiesengrund nach immerhin dreieinhalb Jahren doch noch, Philosophie-Dozent zu werden: mit einer Studie über den dänischen Erzgrübler Sören Kierkegaard, in der Walter Benjamin manchen seiner Einfälle wiedererkannte. Allerdings mochte Benjamin noch aus anderem Grund eifersüchtig sein: Er rede- te die Berliner Fabrikantentochter Gretel Karplus, eine gertenschlanke, blitzgeschei- te Chemikerin, zwar traulich als „Felizi- tas“ an – mit Teddie aber war sie verlobt. Von solchen Privatheiten ahnten Wie- sengrunds erste Schüler nichts. „Alles, was er sagte, war druckreif, jeder Satz klang wie: So ist es, und nicht anders“, erinner- te sich ein damaliger Student. Um diese Zeit wurde die immer kahler werdende Gestalt noch auf Kostümfesten als Napoleon gesichtet. Doch nach drei Se- mestern verbot die neue nationalsozia- listische Führung dem jungen Privatdozen-

* Links: Elvis Presley im Film „Südsee-Paradies“ (1966); Mitte: Szene aus „Big Brother“; rechts: Modenschau in São Paulo.

Der tat das beinahe übereifrig – mit Ar- beiten für die institutseigene „Zeitschrift für Sozialforschung“, etwa über Jazzmusik, aber auch als Kontaktmann zu schwierigen Mitarbeitern wie Benjamin oder Kracauer. Selbst als Horkheimer und sein Mitstreiter Fritz Pollock ihn mit Text-Nörgeleien auf die Probe stellten, wurde der nur beflissener. Und es half: Dank Horkheimer fand sich eine Forschungsstelle in den USA. Anfang 1938 konnten Gretel und Teddie, frisch ver- heiratet, nach New York ziehen. Alles Weitere zählt längst zum Gründungs- mythos der Frankfurter Schule: Wiesen- grunds Eintritt ins „Institut für Sozialfor- schung“, 1941 der Umzug nach Kalifornien, das Leben unter Hollywoods Emigranten – ob Greta Garbo, Bert Brecht oder Fritz Lang –, die „Philosophie der neuen Musik“, das Fragebogen-Projekt zur Durchleuchtung der „autoritären Persönlichkeit“ und die Arbeit mit Horkheimer am gemeinsamen Haupt- werk „Dialektik der Aufklärung“, wo es um „das Destruktive des Fortschritts“ ging. Doch neben der offiziellen Geschichte zeigen die Dokumente nun auch den pri- vaten Theodor Wiesengrund-Adorno:

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Kultur

GABY GERSTER

KARL ALFRED MEYSENBUG

„Was ich hier tue, kannst du auch“

Adorno-Biograf Detlev Claussen über die pädagogische Verführungskunst des Philosophen

Claussen, 55, unterrich- tet Soziologie an der Universität Hannover. Seinen Lehrer Adorno hat er jetzt in einem bio- grafischen Essay gewür- digt: „Theodor W. Ador- no – ein letztes Genie“ (S. Fischer Verlag, Frank- furt am Main).

SPIEGEL: Herr Professor Claussen, wie sind Sie Adorno begegnet? Claussen: Am Alten Gymnasium in Bremen besuchte ich einen Philoso- phie-Arbeitskreis, den der Dompredi- ger Abramzik anbot. Er organisierte auch Vortragsreihen für Radio Bremen. Hinterher gab es Treffen bei Suppe und Wein in seiner Dienstwohnung, zu de- nen auch ich eingeladen wurde. Das war phantastisch. So lernte ich schon als Schüler Ernst Bloch, Hans Mayer und 1964 eben auch Adorno kennen. SPIEGEL: Worüber sprach er? Claussen: Es war sein damaliger Stan- dardvortrag – er machte ja richtige Tourneen – über den Fortschritt. Schon der erste Augenblick war bezeichnend:

Auf dem Podium standen ein Pult und ein Klavier. Adorno schien ans Klavier zu wollen, dann bog er zum Katheder ab. Erst später habe ich gemerkt, wie symbolisch dieser Moment war. Ador- no benahm sich wie ein Künstler, der etwas aufführt, auch privat. Bei seinen Partys später im Kettenhofweg setzte er sich gern an den Steinway – und er spielte nicht nur Schönberg. SPIEGEL: Sie haben seine Performances dann oft erlebt. Wie ging es zu im le- gendären Hörsaal VI? Claussen: Das Verblüffende war: Man merkte nicht, ob Adorno ablas oder frei sprach. Dabei bildeten die Vorlesungen einen Teil seines Schreibens. Auch Mit- schnitte gab es. Aber Tonbänder wa- ren für ihn allenfalls, wie er sagt, „Fin- gerabdrücke des lebendigen Geistes“. SPIEGEL: Ließen sich seine gedrechsel- ten Sätze überhaupt mitschreiben? Claussen: Kaum. Aber das war auch unwichtig. Am Anfang verstand keiner etwas. Wer dabei blieb – es waren fast alle –, der hörte sich mit der Zeit ein und merkte, wie genau da einer dach- te und redete.

Zeit ein und merkte, wie genau da einer dach- te und redete. Attacke auf Adorno (1969):

Attacke auf Adorno (1969): „Dumm und unfair“

SPIEGEL: Sie nennen Adorno „ein letz- tes Genie“. Weshalb? Claussen: Es passt einfach, gerade weil darin schon der Widerspruch zum her- kömmlichen Begriff steckt. Anstatt das Originalgenie mit plötzlichen Einge- bungen zu spielen, hat Adorno – wie alle echten Genies, auch das Frankfur- ter Bildungsbürger-Ideal Goethe – vor- gelebt, worauf es wirklich ankommt:

durch unendlichen Fleiß zu treffen, was man auszudrücken hat. Er war ja auch ein Wunderkind, das dem traurigen Schicksal so vieler Wunderkinder ent- rinnen wollte. Nur durch harte Arbeit konnte das gelingen. Was ich hier tue, kannst du auch, signalisierte er. Das war das Demokratische an ihm. SPIEGEL: Sie lernten also Denk-Moral? Claussen: Das Moralische würde ich gar nicht so betonen. Es ging bei Adorno immer um die Sache, auf Lehrsätze kam es nicht an. SPIEGEL: Aber auf Zeitgemäßheit? Claussen: Im tieferen Sinne, ja. Das Ge- nie bündelt, wie schon Hegel meint, das, was an der Zeit ist, das Epochale. Adorno vermittelte die Überzeugung, dass Theorie den Dingen nicht hinter- herhinken darf. Sie muss auch etwas riskieren. Seit er wieder in Deutsch- land auftrat, machte er darum, wo im- mer er sprach und schrieb, klar: Es kann nicht weitergehen wie zuvor. SPIEGEL: Ein Plädoyer gegen jede Re- stauration? Claussen: Gewiss. Nur plädierte er nicht, er zeigte und analysierte. Das war das Überzeugende.

SPIEGEL: Erlebten Sie ihn auch allzu menschlich? Claussen: Wenn er sich freute, wirkte er oft fast kindlich. Aber auch seine Klaue war ein Ku- riosum. Bekam jemand eine Se- minararbeit zurück, haben wir oft zu viert oder fünft die An- merkungen zu lesen versucht. Schließlich musste Frau Ol- brich, seine Sekretärin, helfen. SPIEGEL: 1968/69 war dann die Lustigkeit vorbei, als ihn seine Studenten attackierten – und Studentinnen… Claussen: Also, dieses Happe- ning mit den entblößten Busen

wird total überdramatisiert. Es waren richtige Idioten aus der Leder- jacken-Fraktion, das wussten alle. Wir waren ja die ganze Zeit im Gespräch, Assistenten und Studenten und er sel- ber. Auch er selbst wusste haargenau Bescheid – zum Beispiel, dass die In- stitutsbesetzung nur dazu dienen soll- te, eine erlahmende Revolte wieder in Gang zu bringen. Dass er die Polizei holen lassen musste, war eine sehr dum- me und unfaire Aktion von uns SDS- Aktivisten, die doch zum größten Teil seine Schüler waren. SPIEGEL: Nach Adornos plötzlichem Tod, schreiben Sie, sei „kaum eine Lü- cke“ zu sehen gewesen, „wo sich frei formulieren ließ“. War sein Alles-Er- klärertum auch bedrohlich? Claussen: Nicht bedrohlich, aber wie ein Mahlstrom, ein Sog. Es war ein Schock, dass diese Verführungskraft plötzlich weg sein sollte. SPIEGEL: Schüler ohne Guru? Claussen: Nein, Anbetung und Nach- plappern funktionierten bei ihm nicht. Er verlangte von uns harte Arbeit. Er gab sich ja auch mit sich nie zufrieden. SPIEGEL: Ist es das, was Sie von Ador- no gelernt haben? Claussen: Viel mehr. Und es gab ja zudem auch noch Horkheimer und Marcuse. Sie alle vermittelten eine le- bendige kritische Theorie, keine aka- demischen Karrierismus. Das Glück, etwas zu verstehen, sogar Altbekann- tes mit neuen Augen zu sehen, das ha- be ich damals erfahren – und versuche es heute meinen Studenten weiter- zugeben.

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ADORNO ARCHIV

NATIONALMUSEUM MARBACH

ADORNO ARCHIV NATIONALMUSEUM MARBACH Institutssitzung mit Horkheimer und Adorno (M., 1955): „Zu jeder Analyse auch das

Institutssitzung mit Horkheimer und Adorno (M., 1955): „Zu jeder Analyse auch das Gegenteil“

belegt, und in einer New Yorker Tagebuch- notiz von 1949, jetzt im neuen Bildband erstmals gedruckt, heißt es über eine bis- lang unbekannte Dame:

Das Weekend mit Carol. Wir aßen im Rumpelmeier, ich setzte ihr das Pro- gramm auseinander, das wir streng inne- hielten; Genießen der Vorlust … Nach- mittag der äußersten Exzesse, in völliger Helle und Klarheit. Echte Masochistin:

zweimal ihr Orgasmus nur beim freilich erbarmungslosen Schlagen … Das Kunst- stück beim Lieben von hinten einen ganz einzuschließen … Morgens nackte Repri- se. Menschlich und geistig gereift. Solche Kehrseiten lassen die Biografen nahezu unerwähnt. Gretel, die fast alles

wusste, hielt still; auch später, wenn sich Adorno in Frankfurt einer Eva hier oder ei- ner Arlette dort näherte. An der Fußgän- gerampel konnte Professor

Adorno ungestraft seine Gattin mit dem Spazier- stock fortschubsen, um freie Sicht auf eine attraktive jun- ge Dame zu gewinnen. Wichtiger als jeder Flirt aber war ihm in Kalifornien sein Kontakt zum Star der Exil-Literaten, Thomas Mann. Für den Komponis- tenroman „Doktor Faus- tus“ lieferte Adorno Mate- rial und sogar Beschrei- bungen nie erklungener Stücke, die Mann kaum re- tuschiert übernahm. Erst als

Adorno vor Bekannten mit seiner Zuarbeit prahlte, rückte Thomas Mann ab vom „Wirk- lichen Geheimen Rat“, der als penetrant do- zierender Musiklehrer Wendell Kretzschmar im Buch auftrat. Und er nahm subtile Rache, indem er fünf Noten bei Beethoven die Wor- te „grüner Wiesengrund“ unterlegte. Als 1947 „Doktor Faustus“ und die „Dia- lektik der Aufklärung“ erschienen, gab es schon wieder Verbindung nach Deutsch- land. Auch wenn es nun das Land der Mör- der war, ohne seine Muttersprache fühlte Adorno sich verloren. Doch erst drei Jahre später gelang es Horkheimer, das Institut wieder in Frank- furt anzusiedeln; Professor wurde Adorno gar erst 1957. In dieser Zeit erschrieb sich der Rundum-Interpret, der Paradoxe lieb- te („Die wahre Sprache der Kunst ist sprachlos“) und nicht müde wurde, die mo- derne Welt kulturkritisch als Kapital-Jam- mertal zu schildern, einen festen Platz im intellektuellen Nachkriegsdeutschland. Nicht alle fanden das richtig. Adorno sei „einer der widerlichsten Menschen, die ich kenne“, giftete die jüdische Heidegger- Schülerin Hannah Arendt im Brief an den Philosophen Karl Jaspers. Auch Jaspers vermutete „Schwindel“ hinter Adornos „unermesslich viel wissenden, alles hin- und herwendenden Schriften“. Selbst Frau Horkheimer hatte einmal erklärt: Teddie sei „der ungeheuerlichste Narziß, den die alte und neue Welt aufzuweisen hat“ – ein Satz, den Biograf Müller-Doohm lieber in die Anmerkungen abschiebt. Nun aber war das Publikum da, und es schien zu rufen. Musik-Analysen, von Bach über Wagner bis Alban Berg, ließen auf- horchen; Soziologen beriefen sich auf die (heute im Fach kaum noch anerkannten) Fragebogen-Methoden des Instituts. Kafka oder Geschenkartikel, Beckett oder eine „Theorie der Halbbildung“ – kein Kultur- thema schien Adorno fremd, und immer zeigte sich hinter seiner manierierten Aus- drucksweise ein versonnener Denk-Spieler. Wenn Philosophen, denen bekanntlich das Schweigen immer schon schwerfiel, aufs Gespräch sich einlassen, so sollten sie so reden, daß sie allemal unrecht be-

* Anfang der dreißiger Jahre.

• als Papier-Marxisten, der unentwegt sin- niert, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Bar- barei versinkt“, aber nur ungern in der Touristenklasse über den Atlantik fährt;

• als verwöhnten Eierkopf, der Einrich- tung und Haushalt seiner Gattin über- lässt („eine Aufgabe, an der teilzuneh- men ich in der zynischsten Weise ab- lehne“), sie als Schreib-Hilfe nutzt, aber Schlafzimmer-Trennung praktiziert;

• als braven Sohn, der sich in Briefen an seine bald ebenfalls ausgewanderten Eltern „Nilpferdkönig Archibald“ nennt – Gretel muss bei Schwiegermama alias „Wundernilstute Marinumba von Bauch- schleifer“ das Rezept von „Teddies ge- liebter Buttersuppe“ erfragen;

• als Dauer-Pessimisten, der entsetzt stöhnt, „daß man, ganz gleichgültig wo, hoff- nungslos gefangen ist“; aber auch

• als Erotiker, der sich unentwegt in Af- fären stürzt, um dann durch Schreib- arbeit der Sehnsucht zu entrinnen. Keineswegs alle Opfer dieser „grenzen-

losen Fähigkeit zum Leiden, zum Hinge- rissen-Werden, zum sich Verlieren“ (so Adorno selbst) nennen die Biografen beim Namen. Schon 1926 gab es in Frankfurt eine Kurzliaison mit der Schauspielerin Ellen Dreyfuss-Herz; in Los Angeles in- szenierte Adorno 1943 einen „Schauerro- man“ mit der Aktrice Renée Nell, für die er sogar demütig-keck dichtete: „Vergib mir, Schönste, daß ich Dich erfand.“ Im Jahr darauf hatte es

ihm ausgerechnet die Frau seines Arztes angetan. Da- neben flirtete er – stets von echtem Adel gebannt – mit dem Starlet Luli Deste, einer Gräfin Goerz und geborenen Baronesse Bo- denhausen: „Ein Jahr nur jünger als ich, aber schlech- terdings das schönste, edels- te und zauberhafteste Ge- schöpf, das ich in meinem Leben getroffen habe“. Aber auch weniger edle Eskapaden leistete er sich oft. Bordellbesuche sind

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Adorno-Braut Gretel Karplus* Stets getrennte Schlafzimmer BÜCHER ZU ADORNO Theodor W. Adorno: „Die Hauptwerke“.

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Theodor W. Adorno: „Die Hauptwerke“. Suhr- kamp Verlag, Frankfurt am Main; zus. 1958 Seiten; 50 Euro. Auswahl zum Jubiläum. Theodor W. Adorno: „Gesammelte Schriften“. CD-Rom. DirectMedia Verlag, Berlin; 79,90 Euro (erscheint 30. 10.). Maßgebliche Ausgabe im Volltext, ideal für Bonmot-Stöberer. Stefan Müller-Doohm: „Adorno. Eine Biographie“. Suhrkamp Verlag; 1032 Seiten; 29,90 Euro. Umfassende, offiziöse Chronik, aber ohne viel Esprit. Detlev Claussen: „Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 480 Seiten; 26,90 Euro. Leidenschaftliche Wür- digung, mit vielen kaum bekannten Zitaten.

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halten, aber auf eine Weise, die den Geg- ner der Unwahrheit überführt. Nach diesem absichtsvoll verqueren Grundsatz stritt er für das, was Horkheimer „Kritische Theorie“ genannt hatte: ein- greifende, verändernde Weltbetrachtung, aufgeklärt, skeptisch, ohne Utopie und im Zweifel links-materialistisch – kurz: „das je fortgeschrittenste Bewußtsein“ zur Kultur- und Geisteslage. Aber nach welchem Maß- stab war es zu finden? Die Antwort darauf verweigerte Adorno hartnäckig. Von überall her sahen die Frankfurter sich inzwischen beargwöhnt: Spottete hier der moskautreue Literatur-Philosoph Ge- org Lukács über das bequeme „Grand Ho- tel Abgrund“, so unkten dort Konservative, das Institut mache Umstürzlerei hoffähig. Selbst Adornos geistiger Ziehvater Sieg- fried Kracauer grollte: „Er schreibt ja auch so viel, und manches … ist auf einer hohen Ebene falsch, ausgeleierter Tiefsinn und eine Radikalität, die es sich gutgehen läßt.“ Zumindest das Letzte stimmte so nicht:

Arbeitend bis zur Erschöpfung, obendrein von Schlaflosigkeit geplagt, durchlitt Ador- no alle Qualen eines Medienstars der ers- ten Stunde. Und immer häufiger waren Wi- dersprüche zu erkennen:

• Der Gesellschaftsveränderer liebte es großbürgerlich – vom Urlaub im Luxus- hotel „Waldhaus“ in Sils Maria bis zur Frühstücksorder: „ein großes Omelett mit Toast und dazu ein gespritzter trockener Riesling von der Mosel“.

• Zwar mahnte Adorno, auch ästhetisch „ins Offene und Ungesicherte“ zu den- ken, aber Jazz hielt er für Kommerz- gedudel, schimpfte auf die „grölende Gefolgschaft“ des Elvis Presley und fand in den ersten Liedern der Beatles sofort „etwas Zurückgebliebenes“.

• Er, der für „Resistenz gegen das Auf- gedrängte“, gegen die „Macht des Be- stehenden“, „Charaktermasken“ und das „Funktionieren“ eintrat, schätzte privat feine Formen: „Endlich brauche ich mich nicht zu genieren, so höflich zu sein, wie ich bin“, notierte er er- leichtert beim ersten Paris-Besuch nach dem US-Exil.

• Anwalt der Zivilcourage, ordnete er sich doch dem Machtmenschen Horkheimer unter: Sowohl bei der Ab- lehnung des homosexuel- len Golo Mann als Profes- sor für Frankfurt wie spä- ter bei Horkheimers Nein zum Nachwuchsphiloso- phen Jürgen Habermas gab Adorno klein bei.

• Wie kein anderer förderte er das Erbe Walter Benja- mins, doch bei der Edition

dammte, liebte privat die Serie „Dak- tari“ mit ihren ulkigen Tierfiguren. • Den NS-belasteten Philosophen Martin Heidegger wollte er am „Jargon der Eigentlichkeit“ entlarven – obwohl sein Stil vergleichbare Schrullen zeigte, etwa das nachgestellte „sich“ („Wer den rech-

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von dessen „Schriften“ er- laubte er sich Eingriffe.

• Er, der „Fernsehen als Ideologie“ und einlullen- de „Kulturindustrie“ ver-

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ten Kontakt mit Büchern hat, der fühlt schwerlich in Bibliotheken sich wohl“). In seiner „Philosophie des Nicht-Identi- schen“, die er unter dem Buchtitel „Negati- ve Dialektik“ bündelte, beabsichtigte er, „über den Begriff durch den Begriff hin- auszugelangen“. Unbeirrbar zog er gegen

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konservative Genießerei zu Felde. „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen“, sagte er. Oder: „Nur das Äu- ßerste hat die Chance, dem Brei der etablier- ten Meinung zu entgehen. Das steht als Ma- xime hinter jedem Satz, den ich schreibe.“ „Adorno sagt zu jeder seiner Analysen auch das Gegenteil“, notierte ausgerechnet sein Kompagnon Max Horkheimer. „Aber trotz dieser auf die Spitze getriebenen Dia- lektik bleibt das, was er sagt, unwahr. Denn die Wahrheit läßt sich nicht sagen … Es kommt aber darauf an, das, was man an Wahrheit hat, irgendwie zu realisieren.“ Das forderten Mitte der sechziger Jahre plötzlich auch Adornos Studenten. Vergeblich suchte der Solist am Kathe- der, stets rührend um seine Schüler besorgt, den revolutionslustigen jungen Leuten klar zu machen, dass er ihnen Kant und Hegel erklären, aber kein Stichwortgeber für Ge- walt sein mochte. Er habe „niemals ein Mo- dell … zu irgendwelchen Aktionen gege- ben“, beteuerte er in einem SPIEGEL-Ge- spräch vom Mai 1969, als längst Molotow- Cocktails geflogen waren, das Institut poli- zeilich geräumt worden war und auch die bizarre Busen-Attacke stattgefunden hatte. Dabei war ihm schon 1939 eingefallen:

„Eigentlich kann man nichts mehr sagen. Die Tat ist die einzige Form, die der Theo- rie noch bleibt.“ Nun riefen seine Schüler zur Tat, ohne das „Quentchen Wahn“ (Adorno) in ihren Köpfen zu bemerken. Wie stets am Semesterende ausgelaugt, zusätzlich entnervt von endlosen, fruchtlo- sen Diskussionen mit den Studenten, brach Adorno Ende Juli 1969 zum üblichen Berg- Urlaub auf. In Visp nahe Zermatt ereilte den 65-jährigen, von einer hastigen Gipfel- tour geschwächten Denker am 6. August 1969 ein tödlicher Herzinfarkt. „Die Nach- richt von Adornos Tod wurde noch am sel- ben Tag von den wichtigsten Medien ver- breitet“, meldet Biograf Müller-Doohm mit Thomas-Mann-Pathos, dann aber macht er bald ein Ende. Zügig schließen auch Jäger und Claussen ihr Panorama in alpiner Gip- fel-Melancholie. Ein Resü-

mee überlassen sie anderen. Vielleicht aber hat der Mann, der im selben Jahr zur Welt kam wie der Teddybär, selbst schon am ehrlichsten seine Ziele benannt. Er, der Allround-Intellektuelle, des- sen Denk- und Schreibgestus viele Jahre lang jeder Geis- teswissenschaftler „wie die Masern“ überstehen musste (so der Philosoph Odo Mar- quard), dieser zum Präzep- tor gewordene Musterschü-

ler und Sprachkomponist, der alle Fachwissenschaftler übertrumpfen wollte, war schon in seinem Abitur-Aufsatz ganz sicher gewesen: „Die

Welt aber im Ich zu gestalten, ist der Sinn

des Lebens.

Johannes Saltzwedel

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d e s L e b e n s . “ Johannes Saltzwedel 143 Hommage an
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Hommage an die Hollywood- Ikone – fast unmittelbar nach ihrem Tod erschienen

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Die Zeit hatte einen doppelten Boden

Der Philosoph Theodor W. Adorno in den fünfziger Jahren. Eine persönliche Notiz

VON J. Habermas | 04. September 2003 - 14:00 Uhr

Was im Rückblick trivial erscheint, war damals, als ich in das Institut für Sozialforschung eintrat, nicht selbstverständlich: dass die Reputation des Hauses von der ungebrochenen, jetzt erst ihrem Höhepunkt zustrebenden Produktivität Adornos eher abhängen würde als vom Erfolg der empirischen Forschungen, mit denen sich das Institut eigentlich legitimieren sollte. Obwohl bei ihm alle Fäden der Institutsarbeit zusammenliefen, konnte Adorno mit Organisationsmacht nicht umgehen. Er bildete eher den passiven Mittelpunkt eines komplexen Spannungsfeldes. 1956, als ich ankam, bestanden zwischen Max Horkheimer, Gretel Adorno und Ludwig von Friedeburg symmetrische Gegensätze, die dadurch definiert waren, dass sich ihre jeweils an Adorno gerichteten Erwartungen durchkreuzten.

Friedeburg hatte das legitime Interesse an einer inhaltlichen Kooperation mit Adorno, die zu einer stärker theoretischen Ausrichtung der empirischen Forschung führen sollte. Unabhängig davon wollte Gretel den persönlichen, sowohl wissenschaftlichen wie publizistischen Erfolg des Philosophen, den Adorno eigentlich erst posthum errungen hat. Und für Horkheimer sollte Adorno die unmögliche Aufgabe lösen, dem Institut mithilfe politisch unanstößiger, akademisch eindrucksvoller Studien öffentliche Geltung zu verschaffen, ohne die Radikalität der gemeinsamen philosophischen Intentionen ganz zu verleugnen und die nonkonformistische Signatur der Forschungsrichtung – das für die studentische Nachfrage wichtige Image des Instituts – zu beschädigen.

Für mich gewann Adorno eine andere Bedeutung: Die Zeit hatte im Institut einen doppelten Boden. Während der fünfziger Jahre hat es vermutlich in der ganzen Republik keinen zweiten Ort gegeben, an dem die intellektuellen zwanziger Jahre so selbstverständlich präsent waren. Gewiss, die alten Mitarbeiter des Instituts, Herbert Marcuse , Leo Löwenthal und Erich Fromm , auch Franz Neumann und Otto Kirchheimer waren in Amerika geblieben. Aber in ganz ungezwungener Weise kursierten zwischen Adorno, Gretel und Horkheimer auch die Namen von Benjamin und Scholem, Kracauer und Bloch, Brecht und Lukács, Alfred Sohn-Rethel und Norbert Elias, natürlich die Namen von Thomas und Erika Mann, Alban Berg und Arnold Schönberg oder die von Kurt Eisler, Lotte Lenya und Fritz Lang .

Das war kein Name-Dropping. Die Namen waren auf eine verblüffend alltägliche Weise in Gebrauch, um auf Personen Bezug zu nehmen, die man seit Jahrzehnten kannte, mit denen man befreundet oder – und dies vor allem – verfeindet war. Bloch beispielsweise war zu der Zeit, als Adorno Die große Blochmusik schrieb, immer noch Persona non grata. Die irritierend selbstverständliche Gegenwart dieser Geister brachte mir eine

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Differenz im Zeitgefühl zu Bewusstsein. Während "für uns" die Weimarer Zeit jenseits einer abgründigen Zäsur lag, hatte ja "für sie" die Fortsetzung der zwanziger Jahre in der Emigration erst wenige Jahre zuvor ein Ende gefunden. Es waren kaum drei Jahrzehnte verstrichen, seitdem Adorno seine spätere Frau, die gelernte Chemikerin Gretel Karplus, in Berlin, wo sie die Lederwarenfabrik ihres Vaters weiterführte, zu besuchen pflegte, um bei einer dieser Gelegenheiten auch Benjamin kennen zu lernen. Benjamins Angelus Novus, den George Bataille, damals Bibliothekar an der Bibliothèque Nationale, beim Abschied von Paris in Verwahrung genommen hatte, hing in Gretels Zimmer an der Wand links neben dem Eingang. Dann ging das Bild in Scholems Besitz über und hängt heute in jenem Raum der Hebräischen Universität, wo die einzigartige Bibliothek dieses sammelwütigen Gelehrten untergebracht ist. Als ich nach Frankfurt kam, war Benjamin für mich wie für fast alle Jüngeren ein Unbekannter. Aber die Bedeutung des Bildes sollte ich bald kennen lernen.

Soeben hatten Gretel und Teddy Adorno bei Suhrkamp die ersten Aufsätze von Benjamin herausgebracht. Da das öffentliche Echo schwach war, forderte Gretel mich auf, eine Rezension zu schreiben. Auf diese Weise kam ich in den Besitz jener beiden hellbraunen Lederbände, die Benjamin aus dem Vergessen zurückholten. Ute und ich versenkten uns in die dunkel leuchtenden Essays und waren auf merkwürdige Weise berührt von jener unbestimmten Verbindung aus luziden Sätzen und apokryphen Andeutungen, die in kein Genre zu passen schien.

Auf die Bezüge der temporalen Doppelbödigkeit des Institutsalltags war ich zwar literarisch nicht ganz unvorbereitet. Aber sie brachten mir das akademische Milieu der deutsch-jüdischen Tradition erst zur Anschauung – auch das Ausmaß der immer schon verspürten moralischen Korruption einer deutschen Universität, die die Vertreibung und Ausrottung dieses Geistes, wenn nicht geradewegs betrieben, so wenigstens schweigend hingenommen hatte. Damals begann ich, mir die Gemütsverfassung der Kollegen vorzustellen, die in der ersten Fakultätssitzung des Sommersemesters 1933 auf die leeren Stühle gestarrt haben müssen. In Frankfurt, wo die junge Universität ihren in der Weimarer Zeit erworbenen Ruhm dem Nicht-Diskriminierungsgebot ihrer Satzung und einer gegenüber Juden unvoreingenommenen Berufungspraxis verdankt hatte, wurde der Lehrkörper 1933 um fast ein Drittel dezimiert.

Intellektuell bin ich 1956 in ein neues Universum eingetreten. Trotz vertrauter Themen und Fragestellungen war es zugleich fremd und faszinierend. Verglichen mit dem Bonner Universitätsmilieu, war hier die Lava des Gedankens im Fluss. Nie zuvor war ich einer so differenzierten gedanklichen Komplexität im Zustand ihrer Entstehung begegnet – im Modus der Bewegung, bevor sie ihren literarischen Niederschlag fand. Was Schelling in seinen Jenaer Vorlesungen zur Methode des akademischen Studiums im Sommersemester 1802 als Idee der deutschen Universität entwickelt hatte, nämlich "das Ganze seiner

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Wissenschaft aus sich selbst zu konstruieren und aus innerer, lebendiger Anschauung darzustellen", das praktizierte Adorno in diesem Frankfurter Sommersemester.

Scheinbar anstrengungslos führte er in freier, aber druckreifer Rede die dialektische Verfertigung spekulativer Gedanken vor. Gretel hatte mich aufgefordert, sie zur Vorlesung, die damals noch im kleinem Hörsaal stattfand, zu begleiten. In den folgenden Jahren, als ich längst anderes zu tun hatte, sah ich, dass sie kaum jemals eine von Teddys Vorlesungen versäumte. Beim ersten Mal hatte ich Mühe, dem Vortrag zu folgen; geblendet von der Brillanz des Ausdrucks und der Präsentation, stolperte ich dem Duktus des Gedankens hinterher. Dass sich auch diese Dialektik oft zur bloßen Manier verfestigte, merkte ich erst später. Der beherrschende Eindruck war die noch aus dem Dunkel des Unverstandenen funkelnde Prätention der Aufklärung – das Versprechen, verschwiegene Zusammenhänge transparent zu machen.

Wie sich eine neue Welt auftut

Jedoch brachen die mir unbekannten Autoren und Gedanken – Freud und Durkheim, Psychoanalyse und Religionssoziologie – nicht wie von außen, reduktionistisch, in die heiligsten Bezirke des Deutschen Idealismus ein. Mithilfe von Freuds Über-Ich und Durkheims Kollektivbewusstsein wurde die schmähliche Rückseite des kategorischen Imperativs – dessen falscher Gebrauch – nicht beleuchtet, um Kants freien Willen zu denunzieren, sondern die repressiven Verhältnisse, die dieses Potenzial verkümmern ließen. Was Paul Ricœur später eine Hermeneutik des Verdachts nannte, war Adornos Sache nicht. Denn der rettende Impuls war ebenso stark wie der kritische, der jenem diente. So jedenfalls erschien es mir. Wir hatten an den moralisch morschen Universitäten der frühen, durch Selbstmitleid, Verdrängung und Unempfindlichkeit gezeichneten Adenauer-Zeit studiert. Im geistfetischistisch hohlen und abendländisch verschwiemelten Milieu eines "Verlustes der Mitte" war unser unklares Bedürfnis nach einem Akt begreifender Katharsis nicht befriedigt worden. Erst die intellektuelle Inständigkeit und die durchdringende analytische Arbeit eines in Einsamkeit renitenten Adorno hat für uns damals die Substanz der eigenen großen Traditionen auf dem einzig möglichen Wege – durch die unerbittliche Kritik an deren Entstellungen – gerettet.

Das imperativische Bewusstsein, absolut modern sein zu müssen, verband sich mit dem erinnernden Blick eines Proust auf die wüst nivellierende Fortschrittlichkeit einer erinnerungslosen Modernisierung. Diese war kaum irgendwo so aufdringlich wie in den hastig und roh angebrachten Korrekturen am verwundeten Straßenbild einer schwer gezeichneten Stadt wie Frankfurt – Berliner Straße! Wer Adorno zuhörte, konnte den avantgardistischen Geist der Moderne nicht mit dem falschen, ästhetisch sich selbst dementierenden Fortschritt des "Wiederaufbaus" verwechseln. Diesem Voranhasten war die Einsicht in die zukunftsweisende Dialektik der Unangepasstheit des als "überholt" Abgeschriebenen verloren gegangen. Für mich neu und unerhört: In einem philosophischen Kontext gewannen ästhetische Argumente unmittelbar politische Evidenz.

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Wenn ich mich an die Ambivalenz meiner ersten Eindrücke in der neuen Umgebung recht erinnere, mischte sich in meiner intellektuellen Erregung Befremden mit Bewunderung. Ich kam mir vor wie in einem Balzacschen Roman – der unbeholfen-ungebildete Junge aus der Provinz, dem die Großstadt die Augen öffnet. Ich wurde mir der Konventionalität meines Denkens und Fühlens bewusst. Akademisch war ich in den herrschenden, also in den durch die Nazizeit ununterbrochen fortgeführten Traditionen groß geworden und fand mich jetzt in einem Milieu wieder, in dem alles das lebte, was die Nazis eliminiert hatten. Es ist leicht, sich an die fremden Inhalte zu erinnern, die es nun zu lernen gab. Aber schwer zu beschreiben, wie sich ein Universum von Begriffen und eine Mentalität dadurch verändern, dass sich eine neue Welt auftut. Das geschah kurz nach meiner Ankunft während des Besuchs jener denkwürdigen Vorlesungsreihe, die von Alexander Mitscherlich und Horkheimer aus Anlass des 100. Geburtstages von Sigmund Freud veranstaltet wurde. Die auf mich einstürmenden, völlig neuen Gedanken hatten etwas Augen öffnend Überwältigendes.

Auf Adorno und auf das produktive Zusammenführen von Philosophie und Soziologie, von Hegel und Marx war ich immerhin vorbereitet, wenn mir auch der systematische Duktus ungewohnt war, mit dem ein radikaler gesellschaftstheoretischer Anspruch eingelöst zu werden versprach. Adorno erweckte die systematisch in Gebrauch genommenen und miteinander fusionierten Begriffe von Marx, Freud und Durkheim zu neuem Leben. Er streifte allem, was ich aus der Marx-Diskussion der zwanziger Jahre schon kannte, im Medium eines zeitgenössisch-soziologischen Denkens das bloß Historische ab und machte es ganz gegenwärtig. Erst im Schmelztiegel dieser gesellschaftstheoretisch aufgeklärten Kulturkritik haben sich die verschwommen kulturkonservativen Begrifflichkeiten meiner Bonner Studienzeit aufgelöst. Aber der Nebel unscharfer, bildungshumanistisch aufgeladener geisteswissenschaftlicher Kategorien hätte sich nicht so schnell gelichtet, wenn ich mich nicht vom wissenschaftlichen Charakter des neuen Blicks auf die Tatsachen überzeugt hätte.

Die Kraft negierenden Denkens

Dazu verhalfen mir die inzwischen legendären Freud-Vorlesungen. Damals befand sich die Psychoanalyse in den USA, in England, Holland und der Schweiz auf dem Höhepunkt ihrer Reputation. Die bahnbrechenden Werke von Erik Erikson, René Spitz, Ludwig Binswanger, Franz Alexander, Michael Balint, Gustav Bally und vielen anderen (zu denen natürlich auch Anna Freud gehörte) genossen internationale Anerkennung. Kaum mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende trat diese Elite von Wissenschaftlern vor ein deutsches Publikum, um über die Fortschritte der 1933 schmählich vertriebenen Disziplin zu berichten. Ich weiß nicht, was mich, dem Freud während seines Psychologiestudiums nur in abschätzigen Zusammenhängen begegnet war, mehr fasziniert hat: die eindrucksvollen Personen oder die glanzvollen Vorträge. In dieser seriösen Umgebung erhielten auch

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die beiden Beiträge von Adorno und Marcuse zur Horkheimer-Festschrift ein schärferes wissenschaftliches Profil.

Damals kannte ich das Forschungsprogramm des alten Instituts noch nicht und konnte nicht wissen, dass es allein diese beiden Autoren waren, die während der fünfziger Jahre die Tradition, ohne an einen Bruch zu denken, fortführten. Leo Löwenthal hatte wie Horkheimer seine produktivste Zeit hinter sich. Otto Kirchheimer und Franz Neumann waren immer schon eigene Wege gegangen. Erich Fromm war aus der Sicht des engeren Institutskreises zum "Revisionisten" geworden. Und Friedrich Pollock übte seit der Diskussion über Staatskapitalismus Anfang der vierziger Jahre theoretische Enthaltsamkeit.

Nicht alles war fremd in einem befreienden Sinne. Jemandem, der ein konventionelles Philosophiestudium abgeschlossen hatte, fielen im Frankfurter Kanon befremdliche Lücken auf. Was für mich die philosophischen "Zeitgenossen" waren, also die großen Autoren der zwanziger und dreißiger Jahre wie Scheler, Heidegger, Jaspers, Gehlen, aber auch Cassirer, selbst Plessner, ganz zu schweigen von Carnap und Reichenbach – sie kamen in Seminar und Vorlesung nicht vor. Wenn sie überhaupt erwähnt wurden, dann in einem Aperçu wie dem von Horkheimer: "wenn schon Jaspers, dann lieber Heidegger". Die hermeneutische Tradition von Humboldt bis Dilthey war als idealistisch abgestempelt. Nicht viel besser stand es mit der phänomenologischen Schule; Husserls Entwicklung schien vor dessen transzendentaler Wende abzubrechen. Von den Neukantianern wurden nur Cohen und Cornelius, der Lehrer von Horkheimer, mit einem gewissen Respekt erwähnt.

Die relevante Geschichte der Philosophie schien mit Bergson, Georg Simmel und dem Göttinger Husserl, also vor dem Ersten Weltkrieg aufzuhören. Erst beim Lesen der posthum veröffentlichten Antrittsvorlesung über Die Aktualität der Philosophie habe ich mit einem gewissen Erstaunen festgestellt, dass Adorno sich als Privatdozent mit Heideggers Sein und Zeit intensiv auseinander gesetzt haben muss; der bald darauf erschienene Jargon der Eigentlichkeit hatte mich davon nicht überzeugen können. Allerdings muss ich hinzufügen, dass jene erste Adorno-Vorlesung die einzige blieb, die ich über ein ganzes Semester hin besucht habe. Öfter nahm ich an den Hegelseminaren teil. Das Fehlen der Philosophie der zwanziger Jahre verlieh dem Frankfurter Diskurs etwas gewissermaßen Altmodisches. Umso stärker war der Kontrast zum Geist der ästhetischen und der freudianischen Avantgarde, den Adorno auf radikale Weise, bis in die Fingerspitzen hinein ausdrückte.

Wenn ich den Bewusstseinswandel beschreiben soll, den die mentalitätsprägende Kraft des täglichen Umgangs mit Adorno bei mir herbeigeführt hat, so ist es die Distanzierung von dem vertrauten Vokabular und der Weltsicht der sehr deutschen, in Herders Romantik wurzelnden historischen Geisteswissenschaften. Der ernüchternde soziologische Blick auf die unbegriffene Komplexität des verknoteten Ganzen eines verstümmelten Lebenszusammenhangs verband sich mit dem Vertrauen in die analytische Kraft eines negierenden Denkens, das diesen Knoten lösen würde – wenn sich die denkenden Subjekte nur nicht einschüchtern ließen.

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Jürgen Habermas war von 1956 bis 1959 Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. 1964 folgte er Max Horkheimer auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Frankfurt

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