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Tages-Anzeiger – Freitag, 2. November 2012

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Kultur & Gesellschaft

– Freitag, 2. November 2012 27 Kultur & Gesellschaft Monet Sind seine «Mohnblumen bei Vétheuil» Fluchtkunst?

Monet Sind seine «Mohnblumen bei Vétheuil» Fluchtkunst? Die Sammlung Bührle will dies mit neuen Dokumenten widerlegen. 29

Dichter und Henker

Immer wieder gab es Poeten, die nationalistischer Brutalität den Boden bereiteten. Die Kunst lässt gute Menschen bisweilen Schlechtes tun. Deshalb müssen wir die Sprache beherrschen – sonst werden wir von ihr beherrscht. Eine Rede von Slavoj Zizek

Platon hat einen schlechten Ruf, weil er die Dichter aus der Stadt hinauswerfen wollte. Eine ziemlich vernünftige Idee, wenn man sich das ehemalige Jugosla- wien anschaut, wo die gefährlichen Träume der Dichter die ethnischen Säu- berungen vorbereiteten. Gewiss hat Mi- losevic selbst die nationalistischen Ge- fühle geschürt und manipuliert, aber es waren die Dichter, die ihm den Stoff dazu lieferten. Sie – die aufrichtigen Dichter, nicht die korrupten Politiker – standen am An- fang von allem, als sie in den 1970er- und 80er-Jahren nicht nur in Serbien, son- dern auch in anderen ehemals jugoslawi- schen Republiken dem aggressiven Na- tionalismus den Boden bereiteten. An- stelle eines industriell-militärischen Komplexes hatten wir im ehemaligen Jugoslawien den poetisch-militärischen Komplex, verkörpert von den Zwillings- figuren Radovan Karadzic und Ratko Mladic. Radovan Karadzic, Psychiater von Beruf, war nicht nur ein rücksichts- loser politischer und militärischer An- führer, sondern auch ein Dichter. Man sollte seine Gedichte nicht als lächerlich abtun, sie verdienen eine genaue Lek- türe, weil sie uns zeigen, wie ethnische Säuberungen funktionieren. Das sind die ersten Zeilen eines Gedichts ohne Titel:

«Bekehrt euch zu meinem neuen Glauben, Volksmengen

Ich biete euch etwas, was bisher noch keiner hatte

Ich biete euch Unbarmherzigkeit und Wein

Wer kein Brot hat, wird vom Licht meiner Sonne genährt

Volk, nichts ist verboten in meinem Glauben

Es gibt Liebe und Gelage

ist verboten in meinem Glauben Es gibt Liebe und Gelage Das Verhältnis zwischen Dichtung und Macht

Das Verhältnis zwischen Dichtung und Macht ist ambivalent: Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. Foto: Jean-Luc Bertini

Und man darf so lange in die Sonne schauen, wie man will

Und diese Gottheit verbietet euch nichts

Oh, folgt meinem Ruf, Brüder Volksmengen»

Ein Über-Ich, das uns von allen mora- lischen Einschränkungen und Verboten befreit, ist zentraler Bestandteil unseres heutigen «postmodernen» Nationalis- mus. Dabei muss das Klischee, dass in- mitten der verwirrenden Unsicherheit unserer modernen säkularen Gesell- schaft eine leidenschaftliche ethnische Identifikation einen sicheren Glaubens- und Wertekanon vermittelt, radikal hin- terfragt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Nationalistischer Fundamentalis- mus vertritt heute vielmehr die geheime, aber kaum getarnte Losung «Du darfst!». Wenn wir diesen perversen pseudo- befreienden Effekt des heutigen Natio- nalismus nicht verstehen, verkennen wir seine wahre Dynamik.

Wie die Katze im Comic

In seiner «Phänomenologie des Geistes» beschreibt Hegel das «stumme Fortwe- ben des Geistes», ein für das öffentliche Auge weitgehend verborgen bleibendes Verschieben der ideologischen Koordi- naten, das dann plötzlich explodiert und alle überrascht. Genau dies ist wäh- rend der 70er- und 80er-Jahre in Jugos- lawien passiert. Als in den 80er-Jahren die Situation plötzlich eskalierte, war es bereits zu spät, der alte ideologische Zu- sammenhalt war komplett verfault und stürzte einfach in sich zusammen. Das Jugoslawien der 70er- und 80er- Jahre war wie die Katze im Comic, die einfach über den Rand des Abgrunds hi- nausläuft und erst hinunterfällt, wenn sie in die Tiefe schaut und merkt, dass sie gar keinen festen Boden mehr unter ihren Pfoten hat. Milosevic war der Erste, der uns zwang, in den Abgrund zu schauen. Und damit wir uns nicht einbil- den, der poetisch-militärische Komplex

sei eine reine Balkanspezialität, sollte man auch Hassan Ngeze erwähnen, den Karadzic von Ruanda, der in seiner Zeitung «Kangura» systematisch den Hass gegen die Tutsi schürte und zum Völkermord an ihnen aufrief. Es ist auch zu einfach, Karadzic und Konsorten schlicht als schlechte Dichter abzutun: Andere ehemals jugoslawische Nationen (und Serbien selbst) hatten an- dere Dichter und Schriftsteller, die als «grossartig» und «authentisch» gerühmt wurden und die sich ebenfalls leiden- schaftlich für die nationalistische Propa- ganda engagierten. Und was ist mit dem Österreicher Peter Handke, einem Klas- siker der zeitgenössischen europäischen Literatur, der demonstrativ an der Be- erdigung von Slobodan Milosevic teil- nahm? Vor fast einem Jahrhundert wit- zelte Karl Kraus angesichts des Aufstiegs der Nazis in Deutschland, aus dem Land der Dichter und Denker sei ein Land der Richter und Henker geworden. Vermut- lich sollte uns eine solche Verwandlung nicht allzu sehr überraschen. Aber warum kommt es heute zu die- ser wachsenden, religiös (oder ethnisch)

Slavoj Zizek Philosoph und Provokateur

Am Wochenende sprach der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in der Gessnerallee in Zürich an der Tagung «ReARt: theUrban». Auffallend viele junge Leute folgten seinen Ausführungen zum Thema «Is art dange- rous?». Wir drucken sie hier in einer gekürz- ten Form ab. Der Star unter den zeitgenössi- schen Denkern versteht es, in kühnen argumentativen Pirouetten die Dinge stets etwas anders zu sehen, als es der Main- stream seiner Zunft gewöhnlich tut. Von Marxismus, Psychoanalyse und Postmoderne versteht er genauso viel wie von Philosophie, Film und Kunst. Im März 2013 erscheint bei Fischer «Das Jahr der gefährlichen Träume» («The Year of Dreaming Dangerously»). Bei Suhrkamp ist für Herbst 2013 die Überset- zung von «Less than Nothing» geplant. (kal)

begründeten Gewalt? Weil wir in einer Zeit leben, die sich als post-ideologisch definiert. Seit die grossen öffentlichen Anliegen nicht mehr länger mit Massen- gewalt, das heisst mit Krieg, realisiert werden können und seit die herrschende Ideologie uns dazu auffordert, das Leben zu geniessen und uns selbst zu verwirk- lichen, ist es für die meisten Menschen schwierig geworden, ihre Abneigung gegen das Foltern und Töten von Mit- menschen zu überwinden. Die grosse Mehrheit ist heute spontan «moralisch»:

Das Töten eines Menschen ist für sie eine zutiefst traumatische Vorstellung. Um sie trotzdem dazu zu bringen, ist das Her- aufbeschwören einer grösseren «heili- gen» Sache nötig, die ihre persönlichen Skrupel vor dem Töten als kleinlich und trivial erscheinen lässt. Die Religion und ethnische Zugehörigkeitsgefühle erfül- len diese Rolle perfekt. Selbstverständ- lich gibt es auch pathologische Atheis- ten, die aus reiner Freude am Töten Mas- senmorde begehen, aber sie sind seltene Ausnahmen. Die Mehrheit muss zuerst gegen ihre elementare Empfindlichkeit gegenüber dem Leiden der anderen be- täubt werden. Und um dies zu tun, braucht es eine heilige Sache. Religiöse Ideologen behaupten für ge- wöhnlich, Religion bringe schlechte Menschen dazu, gute Dinge zu tun, doch die Erfahrung lehrt uns, dass wir uns eher an Steve Weinberg halten sollten, der sagt: Ohne Religion tun gute Men- schen Gutes und schlechte Menschen Schlechtes, aber die Religion – und, wir ergänzen, die Kunst – lässt auch gute Menschen Schlechtes tun.

asdfasf

Man hört oft, an der ökologischen Krise sei unser Kurzzeit-Egoismus schuld: Be- sessen von schnellem Vergnügen und Reichtum, hätten wir das Gemeinwohl aus den Augen verloren. Hier hilft Wal- ter Benjamins Denkbild vom Kapitalis- mus als Religion weiter, denn ein echter Kapitalist ist kein hedonistischer Egoist. Im Gegenteil. Er ist fanatisch mit der

Vermehrung seines Vermögens beschäf- tigt und bereit, alles dafür zu opfern, seine Gesundheit und sein Glück und na- türlich auch das Wohlergehen seiner Fa- milie und den Umweltschutz. Man muss also keine hehre Moral ins Feld führen und den kapitalistischen Egoismus zum Teufel wünschen – als Mittel gegen die pervertierte und fanati- sierte kapitalistische Selbstaufgabe ge- nügt eine gesunde Portion einfacher Egoismus und Zweckmässigkeit. Mit an-

Was, wenn Platon recht hatte mit der Idee, man müsse die lügnerischen Dichter aus der Stadt entfernen?

deren Worten, das Pflegen von Rous- seaus natürlicher «amour de soi» (Selbst- liebe) erfordert ein hoch kultiviertes Be- wusstsein. Oder um einen Begriff von Alain Badiou aufzugreifen, aber in leich- ter Abgrenzung zu dem, was Badiou selbst sagt: Das Subjekt des Kapitalismus ist n i c h t das «menschliche Tier», son- dern vielmehr die Aufforderung, den eigenen Egoismus – also das Tier in sich – der Selbstreproduktion des Kapitals unterzuordnen. Das bedeutet aber nicht, dass Badiou unrecht hat: Das im globa- len Kapitalismus gefangene Individuum nimmt sich selber sehr wohl als eigen- nütziges hedonistisches «menschliches Tier» wahr. Diese Selbstwahrnehmung ist eine notwendige Illusion. Anders ge- sagt: Eigennütziger Egoismus ist keine brutale Tatsache unserer Gesellschaf- ten, sondern vielmehr ihre Ideologie. Heute wird oft behauptet, in unserer totalen Mediengesellschaft mit ihrer Kul- tur der öffentlichen Geständnisse und di- gitalen Überwachungsmöglichkeiten ver- schwinde die Privatsphäre. Das Gegen- teil ist wahr: Es ist vielmehr der öffentli- che Raum, der verschwindet. Jemand, der Nacktaufnahmen oder andere Inti-

mitäten von sich ins Netz stellt, ist kein Exhibitionist. Exhibitionisten dringen in den öffentlichen Raum ein, während die- jenigen, die Nacktbilder ins Netz stellen, in ihrer Privatsphäre bleiben, diese aber immer weiter ausdehnen und andere Menschen miteinbeziehen. Wenn wir nun zu den Künstlern zurückkehren, die ganz reale Gräuel anrichten, sollten wir es wagen, diese Behauptung auch auf die höchste aller Künste anzuwenden.

Bewundernder Blick auf Stalin

Es geht wiederum um das ambivalente Verhältnis von Dichtung und Macht. Bo- ris Pasternak beschrieb sein Gedicht «Des Künstlers störrisches Entzücken

.» (das 1936 in der Tageszeitung «Iswestija» abgedruckt wurde) als «zweistimmige Fuge» über ein Paar: über einen Dichter (Pasternak selbst) als störrischen Ein- siedler, der sich vor der Öffentlichkeit versteckt, und über Stalin, den «Kreml- Einsiedler», «kein Mann, sondern eine verkörperte Tat», der mit «furchteinflö- ssender Grösse» handelt und es trotz- dem geschafft hat, «menschlich zu blei- ben». Obwohl der Dichter von «diesem Genie der Aktion verschlungen wird» und nur dessen dürftiges Echo ist, gibt es eine geheime Verbindung zwischen den beiden, nämlich, dass sie einander ken- nen. Diese Verbindung war real: Stalin strich Pasternaks Namen von der Säube- rungsliste des NKWD (Volkskommissa- riat des Inneren) und schrieb dazu:

«Rührt mir diesen Wolkenbewohner nicht an!» Ein brutal mächtiger Anfüh- rer, eine verkörperte Tat, als Traum eines Dichters, also? Stalin lebte den Traum des Dichters aus. Das bedeutet aber auch, dass Stalins Ich-Ideal, also die Perspektive, aus der er sich selber lie- benswert fand, eben dieser bewun- dernde Blick des Dichters war. Oder in den Worten der zynischen CIA-Agenten im Hollywood-Drama «Under Fire» (1983) über den Krieg in Nicaragua: Menschen verlieben sich in Dichter, Dichter verlie- ben sich in Revolutionsführer, diese ver- lieben sich in sich selbst, und schon ha- ben wir den Schlamassel Pasternaks poetische Begegnung mit Stalin könnte uns unverhofft eine Ant- wort geben auf eine Frage aus Hölderlins Gedicht «Brot und Wein»: «Wozu Dichter in dürftiger Zeit?» Ja, wozu? Um das hohle Reale zu verschleiern und um des- sen Schrecken mit Mythen abzudichten. Es ist ein Gemeinplatz (den auch viele Philosophen teilen), dass die Philoso- phie die Wegbereiterin der totalitären Schrecken des 20. Jahrhunderts war – von der Totalität zum Totalitarismus, von Platon zur Nato. Aber sind nicht auch die Dichter schuld? Standen nicht – wie wir bereits gesehen haben – hinter jeder nationalis- tischen Brutalität Dichter, die nationalis- tische Mythen woben? Was also, wenn Platon recht hatte? Was, wenn er einen empfindlichen Nerv traf mit seiner Idee, man müsse die lügnerischen Dichter aus der Stadt entfernen? Dichter lügen tat- sächlich, poetische Darstellungen verwi- ckeln uns tatsächlich in ein interpassives Spiel, an das wir eigentlich gar nicht glauben und das uns Gefühle empfinden lässt, von denen wir doch eigentlich wis- sen, dass sie nicht unsere sind. Wir sind berührt, obwohl wir wissen, dass es bloss Fiktion ist. Was, wenn Platon nicht einfach grundsätzlich Gefühlen miss- traute, sondern vielmehr beunruhigt war über diese sehr speziellen Gefühle, die nicht unsere eigenen sind, die uns aber reagieren lassen, als seien sie es? Was also können Gedichte tun? Nor- malerweise gehen wir davon aus, dass die Rede eines Subjekts ein Ausdruck seiner oder ihrer inneren Zerrissenheit, von verwirrenden Gefühlen etc. ist; dies gilt auch für ein literarisches Werk. Von einer psychoanalytischen Lektüre er- wartet man, dass sie die psychischen Krisen aufdeckt, die im Kunstwerk ver- schlüsselt ausgedrückt werden. Doch dieser klassische Ansatz verschweigt et- was: Sprache ist nicht bloss Abbild eines traumatischen Innenlebens.

Fortsetzung auf Seite 28

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Tages-Anzeiger – Freitag, 2. November 2012

Kultur & Gesellschaft

Fortsetzung von Seite 27

Dichter und Henker

Der Eintritt in die Sprache selbst ist eine traumatische Tatsache (eine «symboli- sche Kastration»). Das bedeutet, dass dieser traumatische Eintritt in die Spra- che ebenfalls zu den Traumata dazuge- hört, mit denen wir uns sprachlich aus- einandersetzen müssen. Und auch die Beziehung zwischen innerer Unruhe und ihrem sprachlichen Ausdruck muss auf den Kopf gestellt werden. Unsere Sprache fasst nicht einfach unsere psy- chische Zerrissenheit in Worte, in einem bestimmten Kernpunkt ist diese psychi- sche Zerrissenheit selbst eine Reaktion auf das Trauma, das unser Aufenthalt im «Folterhaus der Sprache» darstellt. Der Mensch wohnt also nicht bloss in einem «Sprachgefängnis» (wie der Titel von Fredric Jamesons Buch über den Strukturalismus lautet), er wohnt in einem Folterhaus der Sprache: Die ge- samte Psychopathologie, die Freud be- schrieben hat, von den hysterischen und neurotischen Symptomen, die sich körperlich bemerkbar machen, bis zum psychotischen Zusammenbruch – das alles sind Narben, die von einer perma- nenten Folter herrühren. Omniprä- sente Zeichen eines ursprünglichen und unheilbaren Schnitts zwischen Subjekt und Sprache. Sie sind auch ein Zeichen dafür, dass der Mensch nie ganz daheim ist in seinem Heim und in seiner Heimat. Für die Wahrheit genügt es nicht, wenn man die Sprache ganz für sich al- lein sprechen lässt und jede aktive Inter- vention des Subjekts ausschaltet. Oder wie es Elfriede Jelinek mit ausserordent- licher Klarheit formuliert hat: «Man muss die Sprache foltern, damit sie die Wahrheit sagt.» Die Sprache muss ver- dreht, ausgebürgert, gedehnt, verdich- tet, zerschnitten und wieder zusam- mengefügt und gegen sich selbst ver- wendet werden. Sprache als der «grosse andere» ist keine Agentin der Weisheit, deren Aus- sage wir uns unterordnen sollten, sondern ein Ort grausamer Gleichgültig- keit und Dummheit. Die elementarste Form der Sprachfolter ist die Dichtung – man stelle sich bloss vor, was zum Bei- spiel eine einfache Sonettform der Spra- che alles antut, wenn sie den freien sprachlichen Fluss in das Prokrustes- bett einer festen Form von Rhythmen und Reimen zwingt. Als ich diese Ideen zum ersten Mal vor einem Publikum vorstellte, sagte man mir: Wer die Sprache foltert, wird früher oder später auch Menschen fol- tern. Ich denke, das genaue Gegenteil ist wahr. Die ultimative Alternative, vor der wir stehen, lautet: Entweder wir sind be- reit, die Sprache zu foltern, oder wir werden am Ende Menschen foltern.

Übersetzung: Daniela Janser

Kurz & kritisch

foltern. Übersetzung: Daniela Janser Kurz & kritisch Justin Vernon alias Bon Iver singt schmerzlos vom Weh

Justin Vernon alias Bon Iver singt schmerzlos vom Weh der Welt. Foto: D. L. Anderson

Konzert Bon Iver macht den Frieden mit der Welt

Zürich, Komplex 457 – In seliger An- dacht und Karohemd ist es versammelt, das junge feminine Zürich, und an der Hand hält es seine bärtigen Boyfriends. Bon Iver ist gekommen, der Trouba- dour, der in einer Blockhütte einst zum einfachen Holzgitarrenlied gefunden hat, der mittlerweile aber einen weit in den Jazz und in die Kammermusik aus- geästelten Folk spielt. Es ist der späte Mittwoch, der Abend vor Allerheiligen, und die Bläser, die Streicher, die Stim- men und ihre himmelhoch geschichte- ten Echos verströmen in Zürichs kühls- tem Konzertlokal eine freundliche Me- lancholie, ja man möchte sagen eine Art singenden Frieden mit der Welt. Die Musik von Bon Iver ist eine Wan- derung auf dem Grat zur Kunst, und beidseits gähnt der Kitsch. Es gibt in die- sem Konzert Momente, da wähnt man sich an einer Gala des Fastenopfers: Ge- messen summt die Musik ihren Welt- ernst, um dann in gelegentlichen, etwas unentschlossenen Crescendi paradies- wärts zu schwärmen. Im nächsten Mo- ment aber, und die Band hat nicht viel mehr gemacht als weitergespielt, ver- dichtet sich der Abend zu einer be- rauschten Phantasmagorie aus Folk, Soul und Free Jazz, an deren Horizont eine kosmische Psychedelia wetter- leuchtet. Dann hört man amerikanische Musik in vollendeter, spektral aufgefä- cherter Pracht und erkennt, wozu dieser Bon Iver fähig ist. Wie freihändig und doch elegant er seine Lieder orchestriert – sodass man gelegentlich sogar an den grossen Gil Evans erinnert wird. Allerdings hilft der Band das Konzert- lokal nicht gerade. Manchmal sind sie zu ahnen, manchmal auch zu hören, die

vielen hingesprenkelten Klangdetails, die Bon Ivers zweites Album vor einem Jahr zum Ereignis gemacht haben. Dann löst sich ein Folkchoral im Funkeln der Bläser auf – und man versteht, warum auch urbane Cool- und Klangkünstler wie Kanye West oder James Blake auf Bon Ivers Können zählen. Oft aber ver- schmieren hinter der Stimme und der viel zu laut abgemischten Gitarre des Ze- remonienmeisters all die schönen, mit Akribie vertupften Instrumentalklänge. Und das ist umso fataler, als die Musik sowieso zum Weichgezeichneten neigt und der elektronisch manipulierte Fal- settgesang zum Ominösen. Manchmal klingt es, als singe Bon Iver aus einer süssen Kifferwolke heraus. Und die verstärkt nur noch den Ein- druck einer gewissen Bedächtigkeit. Denn was das Konzert an Dynamik zu bieten hat, spielt sich über mittleren Tempi und mittlerer Lautstärke in Nuan- cen ab. Wo die Platte gerade aus diesen sanften musikalischen Kreisbewegun- gen einen schönen Teil ihres Reizes be- zieht, ahnt Bon Iver, dass die Bühne nach etwas mehr Vehemenz verlangt. Doch das Rockgitarrensolo, in dem sich der freundliche Sänger als hemdsärmli- ger Mann von Welt beweisen will, gerät ebenso geschmäcklerisch wie das elekt- ronisch verrauschte Saxofonrezital. Es ist nicht der individuelle Potenznach- weis, der Bon Iver zum Star der Indie- szene gemacht hat, und es ist auch nicht der Sympathenlook aus Bart, Mütze und Viereckhemd. Was ihn zur Ausnahme macht, ist die visionäre Fliehkraft, mit der bei ihm der Folk aus der Krume entsteigt; und es ist sein Singen, im dem ganz schmerzlos das Weh der Welt anklingt. Wie das Zür- cher Konzert aber gezeigt hat, sind dies Qualitäten, die leicht verwehen. Christoph Fellmann

CD

Glenn Gould improvisiert, Elisabeth Schwarzkopf hustet

Es war eine «unglückliche Liebe»: So hat es die Sopranistin Elisabeth Schwarz- kopf formuliert, nachdem sie sich abge- regt hatte über das, was im Januar 1966 in den New Yorker Columbia Studios passiert war. Dabei hatte es so vielver- sprechend begonnen: Schwarzkopf be- wunderte den Pianisten Glenn Gould als denkenden Musiker und musikalischen Denker. Für Gould wiederum war sie die einzige Sängerin, die in seiner Wert- schätzung in die Nähe seines Idols Bar- bra Streisand kam. Jahrelang hatten sie ein gemeinsames Projekt angepeilt und sich dafür auf den gemeinsamen Lieb- lingskomponisten Strauss geeinigt; und schliesslich erreichten sie auch, dass EMI-Produzent Walter Legge seine Ex- klusivkünstlerin und Gattin für einmal freigab. Aber dann ging alles so schief, wie es nur gehen konnte. Was genau schiefging: Das lässt sich anhand der Bänder, die bei der zwei- tägigen Session entstanden, zwar nicht lückenlos nachverfolgen – aber doch so genau, dass Michael Stegemann um die Originalaufnahmen ein aufschlussrei- ches Dokudrama entwickeln konnte. Veröffentlicht wurde es aus Anlass des 80. Geburts- respektive 30. Todesjahres des Pianisten, zusammen mit seiner kompletten Bach-Edition. Und ja, zusammen mit den Strauss- Liedern, die sich Gould und Schwarz- kopf vorgenommen hatten. Denn es war nicht so, dass gar nichts herausgekom- men wäre bei diesen Sitzungen: Sogar Schwarzkopf sagte später, die Aufnah- men der «Ophelia»-Lieder seien «zumin- dest akzeptabel» und Goulds Spiel «in Ordnung».

«zumin- dest akzeptabel» und Goulds Spiel «in Ordnung». Der musikalische Denker spielte, wie es ihm gefiel:

Der musikalische Denker spielte, wie es ihm gefiel: Glenn Gould. Foto: Dan Weiner

Während der Aufnahmen sah sie das anders. Der auf Goulds Wunsch über- heizte Saal machte ihr zu schaffen, und vor allem irritierte es sie, dass der musi- kalische Denker auch während der Arbeit weiterdachte, dass er über die Lieder improvisierte, statt mit ihr in den Abhörraum zu gehen, und bei jedem Take wieder anders spielte. Stegemann hat das geschickt montiert, auch als Hö- rerin der Dokumentation ist man ver- blüfft, wenn plötzlich Staccato erklingt, was vorher noch Legato war. Und man hat ein gewisses Verständnis für Schwarz- kopf, die zunehmend entnervt wirkt, die hustet und sich räuspert: «It is all full of Schleim!», ruft sie einmal – und macht dann doch weiter, diszipliniert, schmal- lippig, bis spät in die Nacht. Natürlich war auch Walter Legge da- bei im Studio, und von ihm fiel dann zu vorgerückter Stunde des zweiten von drei geplanten Tagen der entscheidende Satz: «Ich glaube, du solltest aufhören, mein Schatz, du wirst dir nur schaden.» Das war das Ende der Zusammenarbeit zwischen zwei der grössten Künstler ihrer Zeit. Das Ende einer «unglückli- chen Liebe». Und eine Steilvorlage für Stegemann, der sie mit diesem Doku- drama gekonnt verwertet hat. Susanne Kübler

Glenn Gould: Die Schwarzkopf-Bänder (CD 1: Strauss-Lieder; CD 2: Dokudrama, Chronik einer «unglücklichen Liebe»; Sony)

Glenn Gould: The Complete Bach Collection (38 CDs, 6 DVDs).

Literatur Bestenliste im November:

Toussaint an der Spitze

1. Jean-Philippe Toussaint: Die Dring- lichkeit und die Geduld. Essays. Frankfurter Verlagsanstalt, 140 S.

2. Fritz Rudolf Fries: Der Weg nach Oobliadooh. Roman. Die Andere Bibliothek, 351 S.

3. Thomas Hettche: Totenberg. Essays.

Kiepenheuer & Witsch, 224 S.

4. Clemens J. Setz: Indigo. Roman.

Suhrkamp, 478 S.

5. A. L. Kennedy: Das blaue Buch.

Roman. Hanser, 368 S.

6. Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen.

Roman. Galiani, 230 S.

7. Mark Twain: Meine geheime Auto -

biografie. Aufbau, 2. Bände, zus. 1121 S.

8. Ursula Krechel: Landgericht. Roman.

Jung & Jung, 496 S.

9. Gustave Flaubert: Madame Bovary.

Roman. Neu übersetzt von Elisabeth Edl. Hanser, 760 S. 10. Anne Weber: Tal der Herrlich- keiten. Roman. S. Fischer, 252 S.

Die Liste wird allmonatlich von 30 Literaturkritikern im Auftrag des SWR zusammengestellt.

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