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Die vertikale Richtung

der narzißtischen Apokalypse *

Psychoanalytisch-philosophischer Essay
zur Sozialpsychologie des Verbrechens

Ulrich Kobbe

Zusammenfassung

Anhand der Interaktion zwischen den Zofen Papin und ihren Herrinnen werden psy chosoziale
Aspekte des lebensgeschichtlichen Dramas, der paranoiden Wahnentwicklung, der
narzißtischen Krise und der grausamen Tatdynamik aufgezeigt. Die historische Fallvignette
erörtert Fragen der geschlechtspezifischen Delinquenz, der Dialektik von Demut und
Demütigung sowie der Metaphernanalyse aus psychoanalytischer Sicht und stellt die
Einbeziehung philosophischer, sprachanalytischerund surrealistischer Untersuchungsaspekte
zur Diskussion.

Schlüsselwörter

weibliche Delinquenz - Herr-Knecht-Dialektik - Täter-Opfer-Beziehung - Metaphern -


Dekonstruktion

Summary

The interaction ofthe servants Papin and her mistresses allows to exemplify psychosocial
aspects ofthe biographic drama, ofthe paranoid maniac development, ofthe narcissistic
crisis, and ofthe cruel offensive dynamic. The historical casualty treats questions ofsex-
specific delinquency, of a humility-humiliation-dialectic, of metaphorical analysis from a
psychoanalytic view and discusses the use of philosophical, linguistic and surrealistic
discoursive aspects.

Key words and phrases

feminine delinquency - master-slave-dialectic - offender-victim-relationship - metaphors -


"de-construction"

Resume

L'interaction entre les deux bonnes, les soeurs Papin, avec leurs maitresses montre les
aspects psychosocials de ce drame biographique, du developpement du delire parano'iaque,
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de la crise narcissique et de la dynamique d'un crime atroce. Du point de vue psychanalytique, 482). -Als zweites biblisch-anthropologisches Thema dialektischer Sozialgeschichte
ce cas historique traite les questions d'une delinquance feminine, d'une dialectique entre (Zwahr 1990) wird das paradigmatische Figurenpaar von Herr und Knecht einge-
humilite et humiliation, d'une analyse metaphorique et permet l'introduction des discours führt: Zwar wird dessen Dialektik von Nietzsche (l 886) bestritten, doch ist die
philosophiques, linguistiques et surrealistes dans la discussion. forensische Kasuistik gerade aus der deliktrelevanten, konzeptionell dialektischen
Sicht des Knechts zu untersuchen (Deleuze 1962, 13-15).
Mots-cles
In diesem Kontext ist der Mord der Zofen Papin als intrapsychische Krise,
delinquance feminine - dialectique maitre-esclave - relation offenseur-victime - metaphores
wahnhafte Dramatik und agierte Raserei, mithin als narzißtische Apokalypse
- «deconstruction»
zusehen. Ihr existentieller Sinnausfall führt als "metaphorische Indetermi-
nation" (Baudrillard) dazu, daß die nicht mehr dialektisch zu bewältigende
"Mein ist die Welt, und Untertan und dienstbar Situation katastrophisch zu lösen versucht wird. Damit ist ihre Beziehungs-
Sind alle Kräfte mir, struktur nicht - mehr - nur als horizontale Begegnung Täterin . /. Opfer zu
zur Magd ist mir betrachten, sondern auch als - sich mörderisch umkehrende - vertikale
Die herrnbedürftige Natur geworden." Beziehung des Oben ./. Unten darzustellen:
(Hölderlin 1799, 235-236)
Daß es sich um Frauen als Täterinnen handelt, soll zunächst als Ausgangs-
Einleitung punkt der Überlegungen dienen. Selbstkritisch bleibt einzuwenden, daß
man aber von dem gewählten diskursiven Ansatz aus trotz Einbeziehung
Im folgenden soll ein historischer Mordfall erörtert werden, der neben anderer Denkfiguren nicht der Tatsache entkommt, damit zugleich einen
dem klinischen Zugang zu einer Facette weiblicher Straftaten auch sprach- Wahrheitsdiskurs über die Frau oder das Weibliche zu halten, da diese/s
analytische, diskursphilosophische, literarische Bezüge und surrealistische nur in Form von männlich verordneten Paradigmen existiert (Irigaray
Querverweise gestattet, damit auch eine andere, zum Teil spekulative Les- 1977b, 89)'.
art des forensischen Materials ermöglicht. So greift bereits der Titel dieser
Arbeit eine Formulierung Dali's (1968,73) über den Sinn des " katastrophen- Charakteristika weiblicher Tötungskriminalität
haft erlösenden" Konflikts, "die vertikale Richtung dieser Apokalypse"
auf. In ihr deutet sich an, daß die psychodynamische zur philosophischen Wenn delinquentes Handeln unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten
Argumentation hin ausgeweitet soll, um eine Annäherung an das Verständ- als Möglichkeit sozialen Verhaltens mit problemlösendem Charakter zu
nis der Tat zu ermöglichen. Denn allzu leicht" löscht die moderne Psycho- begreifen ist, so zeigen Frauen geschlechtspezifisch eher anderes, nicht-
logie den Begriff des Tragischen aus und ersetzt ihn durch den des Patholo- delinquentes Problemlösungsverhalten (Rode 1985, 10). Eine der Bedin-
gischen, sie legt das pragmatische Feld der Behandlungschancen frei" gungen hierfür ist, daß "sich infolge der spezifischen Position der Frau in
(Starobinski 1976, 18-19). unserer Gesellschaft neben vielen anderen Chancen auch die' Deliktchance'
einengt" (Wiese 1993, 29): Noch immer werde Frauen im Rahmen ge-
Der Terminus 'Apokalypse' suggeriert eine apokalyptische Erlösungsvision, in schlechtsspezifischer Arbeitsteilung "überwiegend die Verantwortung für
der sich Menschen benachteiligt, unterdrückt, verfolgt erleben (Vondung 1993,9/ die Reproduktion in Ehe und Familie übertragen" und von ihnen im Rah-
18-9/19). Die Erlösung aus der Krise scheint nur durch Vernichtung der Welt bzw. men der weiblichen Rollendefinition erwartet, keine antisozialen Verhal-
des Gegenübermöglich, wobei die Unbedingtheit und Radikalität dieses Phantasmas tensweisen zu zeigen. Denn: "Die informelle soziale Kontrolle durch ...
Ambivalenz auslösen muß: Die Angst vor dem katastrophenhaften eigenen Unter-
gang mag in - eschatologische - Lust am Untergang und/oder Lust an der Zer- insbesondere die Familie, aber auch die verinnerlichte Kontrolle als Er-
störung umschlagen, kann als psychotisches Erlebenhingegen "Züge eines apoka- gebnis des weiblichen Sozialisationsprozesses führen zur quantitativ ge-
lyptischen Geschehens " annehmen (Becker 1990,9) und in eine Totalvernichtung ringeren Ausprägung kriminellen Verhaltens bei Frauen und tragen dazu
der Gesamtstruktur verinnerlichter Entfremdung münden (Drewermann 1985,

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bei, daß Frauen nach anderen Konfliktlösungsstrategien Ausschau halten, haben bereits bei geringfügigeren Gelegenheiten ihren lebhaften Unmut bewie-
die tendenziell eher selbstdestruktiven Charakter haben". sen. Wie haben sich die Mutter und die Tochter verhalten, als sie bei ihrer
Rückkehr («le mince desastre»), die unbedeutende Katastrophe also, entdeckten?
Christines Aussagen haben diesbezüglich geschwankt. Wie dem auch sei, das
Wenngleich und weil der Aktionsradius der Frau auf das soziale Feld von
Drama kommt sehr schnell ins Rollen, und was die Art und Weise des Angriffs
Haus, Familie, nähere Umgebung eingeengt ist, muß sie ihre Konflikte in betrifft, kannkaum eine andere Version als richtig anerkannt werden, als diejenige
diesem sozialen Feld lösen: Hierbei werden dann in der Regel von Frauen der Schwestern, nämlich daß er schlagartig, gleichzeitig erfolgte und auf Anhieb
diejenigen getötet, die ihnen am nächsten stehen, d.h. Kinder, Ehemänner, denHöhepunkt der Raserei, «paroxysmedelafiireur», erreichte: Jede bemächtigt
Geliebte (Jones 1980, 12). Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, daß sich einer Widersacherin, kratzt noch lebendig die Augen aus den Höhlen, eine,
Frauen bei schweren Straftaten gegen das Leben anderer unterrepräsentiert wie man gesagt hat, in der Geschichte des Verbrechens beispiellose Tat, und
sind und Brökling (1980) für die grundsätzlich feststellt, es gäbe eine erschlägt sie. Dann stürzen sie sich mit dem, was sich in ihrer Reichweite befindet,
spezifisch weibliche Konfliktkriminalität entsprechend "den Widersprü- Hammer, Zinnkrug, Küchenmesser, auf die Körper ihrer Opfer, zerschmettern
chen der sozialen Lage der Frau in der kapitalistisch-patriarchalisch ihnen das Gesicht und schlitzen, ihnen das Geschlecht entblößend, die Schenkel
strukturierten Gesellschaft". Untersuchungen über tötende Frauen weisen und Hinterbacken der einen tief auf, um mit diesem Blut die der anderen zu
beflecken. Dann waschen sie die Instrumente dieser gräßlichen Riten, reinigen
daraufhin, daß es sich um überwiegend passive, angepaßte, unterdrückte, sich selbst und legen sich zusammen ins selbe Bett. «C'est du propre!» Dergestalt
unselbständige und abhängige Täterinnen handelt, die in schweren Kon- ist die Schlußformel, die sie austauschen und die den Ton der Ernüchterung bar
fliktlagen keinen anderen Ausweg mehr sehen, als die von außen festge- jeder Emotion wiederzugeben scheint, die bei ihnen auf die blutige Orgie folgt.
legten und von innen übernommenen Rollen an einem bestimmten Punkt
in einem tödlichen Ausbruch zu verlassen. " Frauen, die töten, wählen ex- Struktureller und individueller Wahnsinn
treme Lösungen für Probleme, mit denen Tausende von Frauen täglich auf
friedlichere Weise fertig werden" (Jones 1980, 32). Soweit der gräßlich Tatablauf, der - wie Genet (1968, 268) es ausdrückt
- geeignet ist, bei Zuhörern oder Lesern eine Art Unbehagen zu erzeugen,
Kasuistik des Mordfalls Lancelin ./. Papin «d'etablir wie espace de malaise dans la solle». Beim Vergleich des fran-
zösischen Originaltextes (Lacan 1933a) mit der publizierten deutschen
Für die psychodynamische Erhellung nun der Fall der Schwestern Papin Übersetzung (Lacan 1933b) wird deutlich, daß die eigene Übersetzung
und ihrer Herrschaft, so wie Lacan (1933a, 389-399; 1933b, 357-358) ihn 'texttreuer' bleibt und so weiterführende Hinweise für das Verständnis
beschreibt: bietet.
Die beiden 28 und 21 Jahre alten Schwestern sind seit mehreren Jahren die Dienst- Das skizzierte Tatgeschehen wurde von Lacan hinsichtlich des Einflusses
mädchen ehrenwerter Bürger der kleinen Provinzstadt, eines Anwaltes, seiner
der "jeweiligen sozialen Verhältnisse" untersucht und deren Relevanz so-
Frau und seiner Tochter. Musterhafte Dienstmädchen, wie man gesagt hat, die im
Haushalt geschätzt waren; zugleich unbegreifliche Dienstmädchen, denn, wenn wohl für die Walmelemente wie das Tatgeschehen über den "dynamischen
man festgestellt hat, daß der Herrschaft seltsamerweise menschliches Mitgefühl Begriff der sozialen Spannungen" erschlossen (Lacan 1933b, 360-361).
abging, so berechtigt uns nichts zu der Annahme, daß die hochmütige Gleichgül- Der im mörderischen Tatablauf agierte aggressive Trieb wird von ihm als
tigkeit der Hausangestellten lediglich eine Reaktion auf diese Haltung war; «on ne sozial bedingte Affizierung («affection») i.S. einer Schädigung, eines
separlaitpas», d.h. eine Gruppe 'sprach nicht' mit der anderen. Dieses Schweigen krankhaften Zustandes beschrieben, wodurch die Grundlage zur Psychose
jedoch konnte nicht bedeutungslos («vide») sein, selbst wenn es den Beteiligten gelegt und auf die soziale Bedingtheit («relativite sodale») des Triebes ver-
dunkel («obscur») war. wiesen wird. Es ist ein induzierter Wahn als Resultat der nur potentiell
dialektisch angelegten, im Mord-Fall mitinszenierten Sozialstruktur
Eines Abends, am 2. Februar, nimmt diese Dunkelheit Gestalt an infolge eines geschlechtsspezifischer Herr-Knecht-Dialektik (Deleuze 1962, 15). Da-
banalen Defektes des elektrischen Lichtes. Eine Ungeschicklichkeit der Schwe-
stern hat ihn verursacht, und die abwesenden Hausherrinnen («les patronnes»)
mit entsprang die wahnhaft-paranoide Verarbeitung charakteristischen

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Doppelstruktur von "strukturellem (primärem) Wahnsinn" als Wirklich- genoux» bedeutet Niederknien, einen Kniefall machen, und insofern eine
keit zweiter Ordnung und 1933 agierten "individuellem bzw. sekundärem zusätzliche narzißtische Verletzung (Dupre 1984,155). Daß dieser soziale
Wahnsinn" (Pusch 1992, 347). Un-Fall - zunächst - vergessen und erst bei späteren Befragungen erinnert,
so-mit zum scheinbaren Nicht-Fall wurde, gibt einerseits einen Hinweis
"Ihre Taten sind Diskurse; aber was sagen sie und warum sprechen sie die- auf den demütigend-strafenden Akzent der interaktioneilen sekundären
se entsetzliche Sprache des Verbrechens? Man braucht nur die Verwirrung Wahndynamik und beleuchtet andererseits die Alltäglichkeit des vorherr-
zu betrachten, die diese so tragisch-schönen Schauergeschichten im sonst schenden (sie!) strukturellen Wahnsinns. In ihrer Tat haben die Frauen
so satten, selbstsicheren Diskurs der Justizbehörden und der Ärzte gestiftet somit, "vom äußersten Rand der Gesellschaft aus, deren innere Struktur
haben, um zu begreifen, daß etwas Bedeutsames geschah" (Peter & Favret markiert und bloßgelegt" (Jones 1980, 32).
1973,213). Dieser Wahnsinn hat folgerichtig stets den intentionalen Cha-
rakter eines Verbrechens, fast beständig den einer Rache, oft den Sinn Anhand der Beziehung zur Paranoia macht Margarete Mitscherlich (l 987,49-51)
einer Bestrafung, d.h. einer auf sozialen Vorstellungen beruhenden Ver- eine sonst nur implizit mitgedachte Facette des Weiblichen deutlich. Sie be-
schreibt, "Würde" oder "Ehre" seien typisch männliche Attribute und dürften bei
geltungsmaßnahme (Lacan 1933a, 392-393).
der Frau "ad infmitum verletzt werden" - der Ausdruck 'Erniedrigung' verweise
bereits auf die hierarchische Grundeinteilung, daß "nur die Oberen" Ehre zu ver-
Delinquente Konfliktlösungen lieren haben:
"Dennoch soll ich Knechten gleich
Bei Betrachtung der paranoiden Verarbeitung im dargestellten Fall und der Den Tag der Unehr überleben"
«solution», der delinquenten Konflikt-Lösung im Impulsdurchbruch (Dupre fragt Empedokles bei Hölderlin (1798/99, 214) und drückt damit aus, was
1984), wird deutlich, daß sie gleichermaßen End-Lösung wie Auf-Lösung Mitscherlich (1987, 51) lakonisch feststellt: Eine Ehre "der Unteren" existiere
der paranoid-symbiotischen Verstrickung wird und auf die Sittenlosigkeit "quasi nicht".
des Impulsdurchbruchs, «la dis-solution [des moeurs] dans lepassage ä
Dies entspricht einem Rollenklischee, das offensichtlich an der ursprünglichen
l 'acte», verweist. «C'est du propre» kommentieren Christine und Lea die
biologischen Geschlechtsspezialisierung des Mannes - und nicht der Frau -
Tat (Dupre 1984, 68) - die Übersetzung "Eine schöne Bescherung" (Weid- normiert ist (Wickler & Seibt 1983, 184), damit
mann) unterschlägt entscheidenden Hinweis: "Na, das ist was Sauberes" a) der männlichen Rolle Dominanz und Überlegenheitsgefühle, Angstfreiheit,
(Gürtler 1992, 226 Fn40) oder "Das haben wir sauber hingekriegt" bein- sozialen Erfolg und geringe Emotionalität zuschreibt sowie
haltet diese Bemerkung gleichermaßen - "Das ist vom Feinsten" würde b) die weibliche Rolle durch Unterwerfungsbereitschaft, Ängstlichkeit, Untüchtig-
dies wohl neudeutsch heißen. In seiner projektiven Verkehrung ins Ge- keit und geringem sozialem Erfolg, hohe Emotionalität charakterisiert.
genteil wird die blutige Mordtat zur Säuberung, wird die Herrschaft zum Mit dieser Geschlechterdifferenz geht nach Mitscherlich (1987, 53-54) auch der
Schmutz, der beseitigt werden muß. Unterschied von autoplastischer und alloplastischer Reaktion einher, d.h. die
"paranoischen" Bedrohungsgefühle und Racheimpulse seien typisch männliche
Seinsweisen. Tatsächlich geben die Papins ihre demütig-indirekten autoplastischen
Jenseits der psychodynamischen Analyse dieses Abwehrgeschehens ver-
zugunsten direkter alloplastischer Aggressionsmusterauf. Allerdings enthält diese
weist der Fall auf die soziale Stellung der Dienstboten. Exemplarisch Charakterisierung Mitscherlichs das (miß)verständliche Problem, die Herrschaftsbe-
deutlich wird dies im erzwungenen Knie-Fall von L6a Papin: Im Jahr 1930, ziehung der Geschlechter nicht nur als geschichtlich zu begreifende, mithin sozial-
also zwei Jahre vor der Tat, zwang Madame ihr Dienstmädchen, ein aus psychologische Beziehung aufzufassen, sondernu. U. als geschlechtlich begründe-
dem Papierkorb gefallenes Stück Papier aufzuheben. Christine Papin be- te und somit anthropologische Herrschaftsbeziehung zu legitimieren (Kupke 1994,
schreibt dies mit den Worten «en lapinfant (eile) laforfait ä se mettre ä 49).
genoux», d.h. sie verfügt kneifend über den Körper der Dienerin, fügt ihr
ein körperliches Mal und den seelischen Schmerz («le mal») der Demü-
tigung zu und läßt sie sich - so das Erleben der Dienerin - keineswegs
einfach Hinknien = «agenouiller». Das von Christine benutzte «mettre ä
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Die gesellschaftliche Ordnung der Geschlechterdifferenz Herr und Knecht: Eine psychosexuelle Lesart

So ist der Ritualmord der Schwestern Papin ebenso ein Akt momentaner Die reale Schlüsselinszenierung der hohen Stellung der einen und niedri-
Aufgabe ihrer Persönlichkeit wie der Inbesitznahme der Herrschaft ihrer gen Position der anderen verweist zudem auf den von Genet heraus-
Opfer: "Die Zofen wollen morden, um Madame zu werden, und erst, als gearbeiteten Kontext von analem Schmutz mit der sozialen Stellung. Der
es ihnen mißlingt, als die vorweggenommene, rollenhaft eingeübte Exis- Knie-Fall dient der Beseitigung von Ab-Fall, der bei Genet in der Küchen-
tenz der Madame ihnen verwehrt bleibt" (Raddatz 1983, 80-81), als also arbeit am Ausguß, in den Ausdünstungen und als Auswurf («crachat») von
die Anstrengungen, einen Konsens (durch Rollenübernahme, Idealisierung, Sauberem/Reinem zu trennen ist. "Wann wirst du endlich begreifen, daß
Identifikation usw.) zu finden, wegfallen und die Realitätskontrolle ver- dieses Zimmer nicht verunreinigt werden darf? " herrscht die gnädige Frau
loren geht, kann die Aggression nicht mehr (nur) typisch weiblich nach in- ihre Zofe an (Genet 1957,41), denn: "Alles, alles ohne Ausnahme was aus
nen gewendet werden: Ihnen 'brennt' nun auch selbst buchstäblich 'die der Küche kommt, ist Auswurf'. Und nicht nur das - selbst der Spülstein,
Sicherung durch' und "was übrig bleibt, ist nur noch eine richtungslose zu dessen "schweigende(m) Rülpsen des Ausgusses" (Genet 1957,47) sie
Aggression, die alles vernichtet, worauf sie trifft" (Erdheim 1982, 434). zurückkehre, werde noch von ihr "verpestet"... (Genet 1957, 44). Damit
erleben die Zofen real wiederholt die für Schamaffekte charakteristische
Neben der Inkohärenz gesellschaftlicher Ordnung verweist das Drama auch Trias von Schwäche, Schmutzigkeit und Defekt (Wurmser 1986, 125).-
darauf, daß die realen Zofen per definitionem «bonnes» sind. «Des bonnes», die Thematisch geht es "also darum, wer sich bücken muß, wer die (weibliche)
als Kinder-, Haus-undDienstmädchen, vielleicht auch als «banne ätoul'faire» gut, Arbeit = wer den Dreck wegmacht, oder nach der Herr-Knecht-Dialektik
gutwillig, fügsam und gutmütig, wohlwollend und freundlich sein sollten, «de Hegels formuliert: wer mit der selbständigen Seite der Dinge konfrontiert
banne gräce», bereitwillig und aufrichtig, «de banne foi». Für diese Dienstboten ist, um diese, die dem reinen Geniessen im Wege steht, dem Herrn zu er-
jedoch gilt, daß sie dies gerade nicht sind: «que les bonnes ne sont pas bonnes».
Sie sind "gefallene Engel" (Lautreamont) und es zeigt sich ein Bild der vollkom-
sparen" (Gürtler 1992, 226). So dürfen die intersubjektiven Aspekte des
menen und "unheimlichen sozialen Anpassung, wenn man von ihrer Schweigsam- konkreten Falls nicht von den historischen Bedingungen abgetrennt wer-
keit, dem Fehlen sozialer Außenbeziehungen und sexueller Interessen absieht" den. In der von Hegel (1807, 145-159) herausgearbeiteten Dialektik ver-
(Gürtler 1992,221). Diese innerweltliche Askese, Unterdrückung der weiblichen wirklicht erst der Knecht das Ideal der Freiheit des Selbstbewußtseins, das
Sexualität und sexuelle Enthaltsamkeit skizziert Gottschalch (1983, 1985) als vom Herrn nur mittelbar und damit unzulänglich verkörpert werden kann.
Kennzeichen frühkapitalistischer Geschlechts Verhältnisse, für die ein korrelativer
Zusammenhang von resultierenden Leidensdruck und reaktiver Aggressivität fest- Über diese Lesart hinaus bietet sich eine psychosexuelle Lesart an (Gürtler
zustellen sei. 1992,227 Fn 42), die sich auf die Hegel-Interpretation von Kojeve bezieht
und so geschlechtliche und geschichtliche Existenz miteinander verschränkt
So sind die Zofen Papin schließlich böse, neidisch, haßerfüllt und situativ (Kupke 1994, 49).
gefährlich, dies auch über die Dynamik ihrer inzestuös-paranoiden Spie-
gelbeziehung hinaus. Denn über den konkreten Einzelfall hinaus gibt es In der patriarchalisch verfaßten Gesellschaft ist das Tun der Frau, sind ihre Haus-
soziale Umstände, «parentes de edle des domestiques», die ganze Bevöl- arbeit wie ihre fortpflanzungs- und familien-bezogenen Tätigkeiten "unwesent-
kerungsgruppen zu Haß und Grausamkeit, zur Paranoia führen können (Le lich" . Zugleich erfährt sie als Mutter Anerkennung, indem sie "das Familienprinzip,
Guillant 1963,911). Deutlich wird hierbei auch die Qualität dieser - weib- d.h. jenes Prinzip der Einzelheit, das der Gesellschaft als solcher feindlich ist",
lichen - Aggression: Sie ist als feindselige Destruktivität beschreibbar, die vertritt (Kojeve 1973, 174). Hier findet sich die Dialektik des männlich regierten
situativ durch "exzessive Unlust", extreme Angst also, aktiviert wird Gemeinwesens, das sich dadurch "bewegt und erhält..., daß es ... die selbständige
Vereinzelung in Familien, welchen die Weiblichkeit vorsteht, in sich aufzehrt"
(Parens 1993) und als paranoider Übertragungshaß auf die traumatischen (Hegel 1807, 352). Dieses Prinzip geschlechtsspezifischer Arbeits- und Lebens-
Vorerfahrungen, d.h. die soziale Bedingtheit dieser feindseligen Destruk- einteilung wird von Jones (1980, 84-88) konkret als speziell deliktrelevante Be-
tivität verweist. dingung für Tötungen durch Frauen beschrieben. Denn selbst in der modernen Ge-
sellschaft beinhaltet der bürgerliche Ehevertrag die Unterwerfung der "züchtigen

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Hausfrau" unter ein männliches Tugendideal, demzufolge sie "»drinnen« im seine Arbeit gewinnt der Knecht die Möglichkeit, seine Situation zu über-
beschränkten Umkreis des häuslichen Herdes - abgeschnitten vom öffentlichen winden, da sie ihm Identifikationsmöglichkeiten gibt und zu sozialer An-
Leben - »waltet«, legale Kinder gebiert und aufzieht" (Gnüg 1985, 261). erkennung führt. Diese Dialektik der Begierde und der Arbeit führt zur
Vertragsbeziehung von Herr und Knecht und zur Bewegung, in der sich
Selbst diese Anerkennung ihrer Weiblichkeit jedoch ist den sexuell abstinenten und
dienenden Zofen versperrt. Brunot beschreibt zu dieser geschlechtsspezifischen
die ungleichen Rollen reziprok aufeinander beziehen, Gegensatz und Wi-
Herr-Knecht-Dialektik, das Elend der weiblichen Dienstboten liege nicht eigent- derspruch ineinander vermittelt werden, schließlich bejahte Differenz mit
lich in der Arbeit, die sie verrichten. Die Misere ergebe sich vielmehr aus der Tat- Ähnlichkeit einhergeht.
sache, "daß die psychologischen Bedingungen, in denen sie sich befinden, an sich
schon Gefühlsverwirrungen verursachend sind. Sie sind in das Familienleben ein- Im Verhältnis der Schwestern Papin zu Mine und Mlle Lancelin jedoch
bezogen und bleiben doch am Rande der Familie. Sie sind nie frei und folglich nie erweist sich, daß diese Dialektik des ansich nichthierarchisch-freiwilligen
erwachsen. Und sie leben in der Verdrängung: nicht sprechenzu dürfen, wenn man (weil Differenz reziprok anerkennenden) Pakts von Herr und Knecht durch
Sie anspricht, mit Kleidern umzugehen und sie nicht tragen zu dürfen (Jones 1980, eine hierarchische Tyrannis der Gewaltherrschaft über die Dienstmädchen
398 Fn 45), einen Tisch zu decken und sich nicht setzen zu dürfen, den Luxus in
aufgehoben wurde und als Hierarchie des bedrohlichen Oben ./. Unten
sich auf zunehmen und zu wissen, daß man auf ihn niemals Anspruch haben wird"
(Brunot 1947, 766). Und damit befinden sich die Zofen auch 1933 - noch bzw. erstarrte. Bereits im Herrendiskurs grenzt die definitorische Macht des
wieder - in dem 1853 von Colet für Dienerinnen skizzierten "Zustand der Herrn unweigerlich etwas sich der sprachlichen Bestimmung Entziehen-
Sklaverei", indem sie "durch Gesetzgebung, Kirche und Patriarchat zu einem sub- des aus, was eine paranoide Dynamik beinhalten kann und innerhalb der
alternen Wesen deklassiert" würden (Wehinger 1985, 239). vorgefundenen Herrschaftsverhältnisse bedingen muß: «On ne separluit
pas» = man 'sprach nicht' miteinander, heißt es in der Beschreibung des
Ein Entkommen aus diesem unselbständigen Tun der Hausarbeit eröffnet Tatvorfeldes. Die resultierende Infragestellung der Knechtschaft impli-
sichbeiKojeve(1973,163) lediglich durch "die wirksame Tat..., Knecht- ziert auch das gewaltsam-tödl iche Aufbrechen der Herrschaftsverhältnisse:
schaft zu negieren, d.h. den Herrn zu negieren, also sein Leben in einen «Voilä assez longternps que l 'on es t domestique; nous avons montre notre
Kampf gegen ihn einzusetzen". Die Negation der Herrschaft der Schwes- force», denn Furcht und Demütigung "nährten langsam in ihnen den Haß,
tern Papin wird zum grauenhaft-absurden Drama: "Die Furcht des Todes, diesen so milden Alkohol, der heimlich tröstet, weil er der Leidenschaft
des absoluten Herrn" (Hegel 1807, 153) empfindend kamen sie "voll be- verspricht, sie früher oder später mit physischer Gewalt zu unterstützen"
wehrt aus einem Gesang Maldorors" (Eluard & P6ret) und "verbündeten (Eluard & Peret o.J., 357). Im delire ä deux der Schwestern Papin, ihrer
sie sich mit dem Tod, den sie mit der Freiheit identifizierten, gegen das paranoid gefärbten Zweieinheit als «couplepsychologique»(Lnc'dn\933ä,
Leben, das ihnen als deren Fälschung erschien" (Schneider 1983,87). Hier 395), kommt es zur doppelten Negation der in der Paranoia enthaltenen ho-
wird deutlich, daß der unerträglich chronische Konflikt die Dynamik und mosexuellen Wunschphantasie (Freud 1911, 299). Die Transformation
Verwerfung des Herrendiskurses berührt, daß die dergestalt ausgeübte des Begehrens in Neid und Haß, die projektive Entstellung eigener Be-
"Macht aufgeschobener Tod ist" und als "Macht des Herrn, einseitig das dürfnisse bedeutet, daß dem Zerrfall der Herrschaft auch der Zerfall der
Leben zu gewähren, nur abgeschafft werden kann, indem dieses Leben Idealisierung innewohnt und zum Fall der Herrschaft werden muß: "Der
ihm zurückgegeben wird - in einem nichtaufgeschobenen Tod" (Baudrillard Mord, exemplarisches Ereignis, zielt, inmitten einer erstarrten Welt, auf
1976,71). die Zeitlosigkeit der Unterdrückung und auf die Ordnung der Macht"
(Peter & Favret 1973, 215).
Erstarrung und Verwerfung dialektischer Interdependenz
Leiden an sich selbst
Lagadec (1974, 114-119) belegt, daß die Kategorie der Arbeit bei Hegel
die Herr-Knecht-Dialektik von einem feudalistisch-vorrevolutionären in Das Übel, zwei zu sein («le mal d 'etre deux.»}, bedeutet am Tatabend, daß
ein modernes Verhältnis überführt, denn Arbeit "ist gehemmte Begierde, die Angst vor der Bestrafung durch die Herrschaft in wahnhafter Verar-
aufgehaltenes Verschwinden, oder sie bildet" (Hegel 1807, 153). Durch beitung dazu führt, daß sie in ihnen das Wahnbild ihres Leidens («le
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mirage de leur mal») sehen und diese eigene Not hassen, um sie zu einem zur Lö-sung des narzißtischen Dilemmas umzubringen («prendre la
gräß-lichen Kontertanz («dans un atroce quadrille») zu schleppen (Lacan distance qu'ilfautpour se meurtrir»). Daß wahrscheinlich nur Christine
(1933a, 398). Zunächst aus der "Unterdrückung von Impulsen" gespeist, mordete und L6a sich selbst (mit)beschuldigte, um ihre geliebte Schwester
"die zum Leben zugelassen werden müssen, wenn die Wirklichkeit selber zu retten (Fleury 1994, 97), gibt dieser innigen Verbundenheit einen
menschlichere Züge (wieder)gewinnen soll", mündet die apokalyptische zusätzlich verwirrenden Akzent.
Dynamik in eine feindselige Vision, eine introjizierende Vernichtung der
Umwelt, indem "sich der Innenraum des Psychischen zur Welt selbst" er- Sprachlosigkeit
weitert und den eigenen Untergang durch die (ver)nichtende Zäsur von
Tod und Auferstehung abzuwehren sucht (Drewermann 1985, 481-483). Auf die situative Herstellung von Distanz verweist hingegen die Tat. Im
Das tödliche Element dieser Psychose spiegelt - über den konkreten Fall eruptiven Exzeß wird die Herrschaft nicht nur 'mundtot' gemacht: Die
hinaus - die existentiellen katastrophischen Erfahrungen der «condition Mundhöhle, die den zum Sprechen nötigenden Mangel symbolisiert, wird
humaine» wider, die nur durch die Fähigkeit zur Differenzierung, zur Her- bei beiden Opfern zerschmettert (Dupre 1984, 23, 26), gewissermaßen
stellung einer Differenz ausgehalten werden kann (Becker 1990,111-127). noch einmal ausgehöhlt - "das Nichts genichtet" (Gürtler 1992,225) - und
zugleich für immer gestopft («bauche bouchee»). Damit nehmen die
Schwestern eine Entwertung des (un)gesprochenen Wortes als Herrschafts-
anmutender Dramaturgie die Frage nach dem Genießen - dies einerseits, symbol vor und setzen ihm eine radikale Alternative des primitiven sym-
weil die Zofen Papin in ihrem Versuch, die Verhältnisse umzukehren, bolischen Tausches entgegen: Es ist die Nichtung des Nichtigen, das in der
auch versuchsweise das reine Genießen der Herrinnen leben könnten, und Tat nichts verdient hat, als so vollständig vernichtet zu werden, daß ihm
andererseits weil sich die Frage nach der Lust am Morden oder mörderischen ein Überleben unmöglich ist (Bergfleth 1982, 370).
Lust stellt, die als orgiastisches Erleben im Französischen mit «petitmort»
treffend konnotiert wird. Doch die Schwestern Papin haben kein Begehren Zugleich aber ist die Mundöffnung auch paradigmatischer Ort eines oralen
(«desir») als 'Wunsch' im Freudschenoder 'Begierde' im Hegeischen Sin- Introjektionsprozesses (Derrida 1976,43), der vom Schreien über den Ruf
ne, das zum reinen Genießen führen könnte: In ihrer unmittelbaren Be- nach der Gegenwart der Mutter bis zum Spracherwerb führt, durch den das
ziehung zur Realität kommt selbst - sexuelle - Lust nicht auf, denn hierfür abwesende Objekt als anwesend begriffen werden kann. Damit verweist
bedürfte es der erlebbaren Differenzierungsfähigkeit voneinander (s.o.), das Mundtotmachen der Opfer als eher unbeachteter Teil des Tatgeschehens
anstatt über die «belle indifference» latent homosexueller Paarbildung die auf die Hintergründe des wortwörtlichen Verwirklichens der Metaphern
bedrohliche Paranoia abzuwehren (Rosenfeld 1949). Vielmehr markieren des Unsagbaren (Arendt 1977, 115-129). Es wird eine umwertende Re-
die Tat und Organwahl den dialektischen Umschlag vom potentiell Orgias- konkretisierung der sprachlos erstarrten Beziehungen in Szene gesetzt, in
tisch-Lustvollen der Beziehung (siehe unten) ins Ekelerregende-Abstoßen- denen die Zofen zum schweigenden Hinnehmen der Demütigungen ver-
de, vom Vitalen in den Tod (Münster 1987, 88). Zudem kommt es tat- urteilt waren. Dieses hochdestruktive Ausagieren weist exemplarisch auch
charakteristisch zu einer zusätzlichen Verklammerung, ganz so wie sie auf die strukturell angelegten Positionen geschlechtsspezifisch unter-
sich Jelineks Ausgesperrte versprechen: "Wenn wir beide einem Opfer die schiedlicher Artikulationsmöglichkeiten hin, d.h. auf die strukturelle
Finger ins Auge bohren, so sind wir dadurch fester verbunden, als es in Sprachdominanz des Mannes und Sprachlosigkeit der Frau, wie sie als
der Ehe sein könnte" (Jelinek 1980, 12) - dies ganz im Sinne der For- 'Schweigen der Lämmer' (Harris 1988) auch über das Titelbild des Ta-
mulierung Dalis (1968, 75), die Grausamkeit sei "die Redlichkeit der gungsprogramms symbolisiert wird.
Liebe".
Äug in Äug: Die Dynamik des Augen-Blicks
Ihre Unfähigkeit zur Distanzierung zeigt sich nach der Tat darin, daß es
den Schwestern siamesisch eng im Bett liegend unmöglich ist, den In der Dramaturgie des Tatgeschehens kommt es zum grausamen Her-
Abstand herzustellen, der notwendig ist, - so Lacan (l 933a, 397) - um sich ausreißen der Augen mit den Fingern bei den noch lebenden geschwächten

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Opfern. Hier begegnen die Schwestern der paranoiden Bedrohung durch wurde (Cooper 1971, 74), sodaß der vehemente Ansturm des durchbrechenden
herrschaftliche Blicke, die töten könn(t)en, durch einen gräßlich-symbo- brutalen Affekts die sonst in der Interaktion Dienstmädchen ./. Dienstherrinnen
lischen Akt: 'Ich könnte ihr die Augen auskratzen' ist die gebräuchlichste garantierten Grenzen außer Kraft setzt: "Es gehört viel Mut dazu, einem
Menschen, der einen von vorn ansieht" - schreibt Jelinek (1980, 7) - "das Gesicht
Metapher des Hasses, wobei das französische «arracher lesyeux» auch die
zu zerkratzen, bzw. es auf seine Augäpfel abzusehen." Die Gegenleistung, beide
herausreißende Enukleation meint. Augen zuzudrücken, ist jedoch nicht zu erwarten, sodaß der Gipfel des Grauens
(«le comble de l'horreur») für die Schwestern wahndynamisch gerade darin
Interaktionsdynamisch nachvollziehbar markiert sich "im Blick, entwicklungs- besteht, die Augen nicht herauszureißen (Dupre 1984, 179). Denn: Es geht um
logisch noch eher als in der Stimme ... die Differenz des anderen, der die Macht den symbolischen Tausch der Lebenden und der Toten, um eine durch das
hat, das Selbst entweder zu bestätigen oder ihm die Anerkennung zu verweigern, Symbolische dieser Tauschform - wieder - hergestellte soziale Beziehung
es im Raum des Imaginären einer Spaltung auszusetzen" (Gürtler 1992, 229). (Bergfleth 1982, 372).
Sartre (1943,298-349) beschreibt insbesondere die fundamentale Einschränkung
der Freiheit des Menschen, da der Blick des Anderen nicht nur die Differenz,
sondern eben auch seine Souveränität demonstriert (Bastian 1993, 186). Die Sprache des Verbrechens (I): Ins Auge gefaßt ...

Rollendynamisch ist dies die Knecht-Thematik der abhängigen Freiheit des wehr- Lea sagt aus: «... etj'ai vu sesyeux grands ouverts qui nie regardaient.
los angeblickten Subjekts (Sartre 1943,314,317),diehierauchgeschlechtsspezifisch C'est alors queje M ai mis les doigts dans les yeux et queje les lui ai
disproportional verteilte Sehweisenimpliziert. Die "erzwungene Skotomisierung" arraches» (Dupre 1984, 52). Das heißt, in diesem Augen-Blick spielt sich
und Unterwerfung des weiblichen Blicks der Zofen ist Gegenstück der entsubjekti- das Drama sozusagen "im Auge und fern vom Gehirn ab" (Moro 1985,
vierenden Erstarrung des auf die Linse reduzierten herrschaftlichen Auges und 877).
seines männlichen Blicks (Schneider & Laermann 1977).
Bei der Entkernung des beäugenden Auges geht es weder um die Blendung schuldig
Entwicklungsdynamisch verweist die ambivalente Qualität des Blicks (Bastian Gewordener in Mythologie und Antike (Starobinski 1984, 8) noch um das be-
1993, 186-187) auf frühe "Erlebnisse von Scham und frühem Zweifel" (Erikson klemmend-ästhetische surreale Aufschlitzen eines Frauenauges wie im «Chien
1950), auf die Genese des Urtraumas extremer Hilflosigkeit wie auf die optische Andalou» von Bunuel, wenngleich dort über die thematisierte aggressive Des-
Vermittlung des sozialen Zwangs zur Selbst- und Affektkontrolle. Hierzu macht integrations- und Zerstückelungsangst bereits Verbindungen zum Spiegelbild und
Bernstein (l 993) darauf aufmerksam, daß Mädchen aufgrund spezifischer Entwick- zum alter ego hergestellt werden. Thematisiert wird im Gegensatz zur Kasuistik
lungskonflikte einem größeren Zwang zum Erlernen der af fektiven Selbstkontrolle, jedoch das "verletzungssüchtige" Auge, das demMesser "seine eingegrabene Ver-
der kontraphobischen Bewältigung von innerem Chaos bzw. intellektueller Ver- letzungswilligkeit" gleichsam anbietet (Müller 1994, 54). "Reiße mir ein Auge
wirrung in Streß Situationen sowie der Beherrschung und Integration genitaler aus, bis es zu Bodenfällt, ich werde dir nie dengeringsten Vorwurf machen" lautet
Ängste unterliegen. Geschlechtsspezifisch bliebe also zu diskutieren, inwieweit diese phantasmagorische Umkehrung, denn "ich bin dein, ich gehöre dir, ich lebe
Frauen den Blicken des Anderen mehr ausgesetzt sind als Männer, dies
nicht mehr für mich" (Lautreamont 1869, 55).
* einerseits durch gesellschaftliche Sichtweisen als "herrschende skopische Öko-
nomie" und "Zuweisung zur Passivität" (Irigaray 1977a, 25),
* andererseits wegen des Erlebens als 'offenem' System mit den resultierenden «Je me suis serviepour les arracher que de nies doigts, je n 'ai employe ni
Ängsten des Zugangs und der Diffusion (Bernstein 1993, 533-537), des pene- les couteaux ni les ciseaux», sagt L6a Papin aus (Dupr6 1984, 52). Es geht
trierenden Eindringens und der Verschmelzung (Wurmser 1986, 113-116). um die Enukleation, das Herausreißen des Augapfels aus der Augenhöhle.
Dies also nicht als phallische Gewaltanwendung, vielmehr als eine den
Situationsdynamisch kommt es in der panischen Antizipation von Strafe zu einer Nukleus erbarmungslos entfernende Verstümmelung. Denn das Augenaus-
projektiv verzerrten Wahrnehmung der Herrschaft und ihres unbarmherzig kratzen steht in engem Kontext mit der Unbarmherzigkeit (Grimm &
strafenden Blicks: Die nervenzerreißende Angstspannung kippt um in das agierte Grimm 1854, 897): "ich will ihm die äugen mit den nageln auskratzen",
Zerreißender Sehnerven beim Gegenüber. was auch bedeute, "eine teufelei mit der ändern auskratzen". Denn das
radikal-archaische Kratzen mit den Nägeln als ältesten Waffen (s.a. Lau-
Wahndynamisch wird deutlich, daß der Blick der Herrschaften nicht nur als
durchbohrend und demütigend, sondern eben auch als Vergewaltigung erlebt
130 WsFPP 2.1g. (1995) H.l WsFPP2.Jg. (1995) H.l 131
tr6amont 1869, 13-14) dient primär feindseligem Gebrauch, Krallen brecht 1974, 51) und verweist als nur scheinbarer Tod der sprachlichen Zeichen
gleich, die "die Augen aufreißen wie Austern" (Giguere 1985, 474). darauf, daß diese (Ohn)Macht nur durch "die Vergeltung des aufgeschobenen
Todes mit dem unmittelbaren Tod" abgeschafft werden kann (Bergfleth 1982,
Weiter notiert der Gerichtsmediziner: « Un des globes oculaires a ete retrouve dans 379).
l'escaüer» (Dupre 1984, 26) - das linke Auge von Madame befand sich auf der
Treppe...-Thematisch ähnlich phantasiert Millet (l 990,216-218) Inder Auslotung Die stumme Beziehung der Dienstherrinnen und der Zofen läßt die Unterdrückung
einer ungeheuerlich sadistischen Folterung folgende Sequenz der Täterin: "Wage verbotener Bedeutungen bereits erahnen: Ihre Sprachlosigkeit verweist auf jenen
nicht, mich mit dem Blick so anzuschauen ... und jetzt die Augen genau in die kryptischen "Hohlraum" der "Sinn-Reserve", "wo Sprache und Wort sich impli-
Mitte. Tu', was ich dir sage, oder ich werde sie dir aus dem Kopf stechen und sie zieren" (Foucault 1966, 125-126). Das heißt, die Sprachlosigkeit enthält bereits
dort auf den Boden werfen, wo ich sie haben möchte. Wie Murmeln, hörst du insofern die tödliche Stille der Dinge («le silence des choses»), als sie das
mich...?"- Tatsächlich sagt Christine Papin an einer Stelle der Vernehmungen: Schweigenhinter den Worten («la silencederrierelesmots») selbst ist (Goldschmidt
«En arrachant lepremier oeil, je l 'aijete dans l 'escalier» - sie warf das Auge ins 1988, 15).
Treppenhaus. Es ist die agierte Phantasie beliebiger Verfügbarkeit.
In der Tat erscheint diese verworfene Dimension des Symbolischen, wird
Subversion der Metaphern der sprachlose Aufstand der geknechteten Zofen gegen die Tyrannis ihrer
Herrschaft wortwörtlich agiert. Denn die interpersonelle Dynamik bedingt
Deutlich wird in dieser Wahn- und Tatdynamik, daß eine sprachliche Klär- auch, daß in der Sprachlosigkeit die Introjektion verweigert oder untersagt
ung des Konfliktes nicht (mehr) möglich ist, wobei selbst die Metaphorik wird und so nicht mehr verbal artikuliert werden kann. Als zwangsläufig
nicht mehr 'funktioniert' - was nicht anderes bedeutet, "als daß die Wahr- erfolgende Inkorporation traumatischer Identitätsbildung (Küchenhoff
heit, die in ihrer metaphysischen Tradition im Sinne der Sehmetapher auf- 1990,18) werden diese unnennbaren Dinge quasi kryptisch als Phantasma
gefaßt wird, definitionsgemäß unaussprechlich ist" (Arendt 1977, 123). der Einverleibung über den Mund aufgenommen (Derrida 1976, 44), so-
Stattdessen werden Metaphern wörtlich genommen und primärprozeßhaft daß eine Metaphorisierung im Körper (über den Leib) erfolgt (s.a. Kobbe
agiert, sodaß diese Verbindung von Sprache - Handlung - Unbewußtem nä- 1994b), die nach außen hin als Demetaphorisienmg erscheine und zum
her zu untersuchen ist (Widmer 1990,70-79). Hierbei wird angenommen, Buchstäblichnehmen der damit zurückgewiesenen Metaphern führe. Da-
daß auch der Primärprozeß bereits sprachlich bedingt ist und das Unbewuß- mit ist der hier angesprochene Leib ein anderer als nur der Körper selbst:
te sprachanalog strukturiert innerhalb des Symbolischen geschieht. Er ist das leibhaftige Leben im Gegensatz zum funktionalen Körper (Gold-
schmidt 1988, 16). Das gemeinsame Element von Sprache, Körper und
Derrida (1976) verwendet zur Darstellung der einem Wort unterlegten Bedeutun- Handlung istalso eine Widerspiegelung, gleichsam als sprachliche Reflexion
gen den plastischen Begriff der 'Krypta'; bei Foucault (1966, 124) "nistet" sich körperlicher Flexion(Deleuze 1965,45) bzw. als derenzwar unreflektiertes
die vom offiziellen sprachlichen Code nicht zugelassenen Bedeutung "in eine so doch reflexives Agieren.
wesentliche Falte des Wortes ein..., die es von innen und unendlich tief aushöhlt".
Die Subversion der Metaphern bedeutet, daß die Spannung des metaphorischen Dekonstruktionen
Pulsierens von verdrängtem Signifikant und dessen Substitut als Metaphorisierung
des Seinsmangels nicht mehr gelingt, da der metaphorische Pol des Begehrens im
unhaltbaren Versuch der Zofen, anstelle der Position des Knechts die des Herrn
Das beim Metaphorisieren ersetzte/verdrängte Wort steht in einer Bezie-
einzunehmen, aufgelöst wird. Denn die sinnstiftende Differenz, die sich für das hung zu seinem Substitut, die als Differenz den Sinneffekt ausmacht
Subjektaus der Substituierung des Signifikanten ergibt, wird durch die undialektische (Widmer 1990,70-79), der folglich durch eine sprachliche Analyse der tat-
Erstarrung und Verwerfung des Herrendiskurses weder hergestellt noch aner- sächlichen Geschehnisse erschließbar sein müßte. Wenn die Szenen
kannt. Angesichts dieser diskursiven Infragestellung kann die Halt gebende meta- zwischen Zofen und Herrinnen zum Ziel hatten, Wörter in Tat-Sachen zu
phorische Schließung des Seinsmangels nicht mehr erfolgen und was im Symbo- transformieren, so müßten sich diese aufgrund der kryptischen Struktur,
lischen verworfen wurde, kehrt unweigerlich im Realen wieder. Das Wörtlich- des intrasymbolischen Spalts im Ich sowie der Verdrängung bestimmter
nehmen wird zurRekonkretisierung, zur Wiederholung der Authentizität (Ercken- Worte in das Unbewußte als Rebus lesen lassen (Derrida 1976, 46). An-
132 WsFPPZ.Jg. (1995) H. l WsFPP2.Jg. (1995) H.l 133
stelle der verbalen Symbolisierung wird der inkorporierte Konflikt durch Die Sprache des Verbrechens (II): Anagrammatik der Biographie
die Szene visualisiert "und es bedarf einer Reflexion der Wörter, einer
Reflexion in den Wörtern, damit am Ende der flexionelle Charakter der Das Eindringen der anagrammatischen Dekonstruktion in die Syntax dient
Sprache, befreit schließlich von allem, was ihn zudeckt, erscheint" hier wie bei Zürn (1977; 1981) der biographischen Rekonstruktion einer
(Deleuze 1965, 45). labyrinthischen Wirklichkeit hinter der Sprache des Verbrechens und ver-
deutlicht das ihr inhärente "weibliche Veto gegen die männliche Öko-
Pur die Transkription wird ein lexikalisches Spiel mit Allosemen, Homonymen, nomie der reinen Form" (von Wysocki 1980, 47). Das Tatgeschehen
Homophonen, Synonymen und Anagrammen2 vorgenommen. Dieses Vorgehen selbst ist wie bei Millet (1990, 74) ein "auf eine seltsame Art sexueller
knüpft an die strukturalistischen Arbeiten von de Saussure an, der die Sprache Mord, aber ohne Sexualität; ... Verstümmelung statt Vergewaltigung".
(«langue») als Abstraktion von der Rede («discours»), dem Sprechakt («parole») Denn der Tat fehlt sogar bei der Zufügung klaffender Wunden eine
trennt und als konkretes Material i. S. einer «materia prima» behandelt (Starobinski phallische Potenz.
1971,9). Zugleich ver-weist sie Semiotik auf den Körper bzw. Leib (s.o.) und den
Trieb, da die Lust des Kindes am noch bedeutungslosen Laut dem Prozeß der
Sprache unterlagert bleibt (Morgenroth 1970,212). Das anagrammatische Sprach- Hinweise hierauf lassensich - sprachexperimentell - anhand der Implika-tionen der
spiel mit graphischen Zeichen versucht als " semiotisches Wurf elspiel" (M orgenroth), die Kränkungssituationen auslösenden Sachen erschließen, nämlich
die "verbale Latenz unter den Wörtern offenbar zumachen", d.h. alle unbewußten a) dem Stück Papier («baut de papier») als Anlaß des Kniefalls von Lea Papin
Elemente des thematischen Wortes bzw. Textes als Anathemen mitzulesen, die sowie
nicht das "schöpferische Subjekt", sondern das "leitende, verleitende Wort" be- b) den am Tatort herumliegenden zwei Brötchen («deuxpetitspains») als Auslöser
dingte (Starobinski 1971, 126). Es ist der Versuch, den Sprachkörper der Macht für die Schlagephantasie (Mitscherlich 1965) in der Übertragung vor der Tat.
in der anagrammatischen Dekonstruktion zu zersetzen (Rabain 1977, 186), da
Macht als "Residuum der Sprache" immer aus dem (wieder)entsteht, "was inner- «J'avais le couteau tres large qui ne coupepas beaucoup etje m 'en suis servipour
halb dieser Sprache nicht konsumiert wird" (Baudrillard 1976, 314). lafrapper» (Dupre 1984, 35): Die Tatwaffe, das große Messer, habe nicht gut
geschnitten und sie habe es zum Schlagen benutzt, äußert Christine, und an anderer
Nicht angebbar ist, wie der latente Inhalt oder die Tiefenstruktur der Gesamtheit Stelle (Dupre 1984, 73), daß das Messer nicht einmal ein Brot geschnitten hätte
der Rede bewiesen werden könnte, wann die dechiffrierte Bedeutung lediglich ein («n 'auraitpas coupe unpain»). Hier findet sich eine bemerkenswerte Koinzidenz
Phantom des Lesers oder nur zufälliges Resultat ist, denn "unter dem Gesetz des mit einer Anmerkung von Dupre zur signifikativen Potenz der Papins: Aus dem
Anagramms sind die Dinge bereit, sich tausendfältige Gesichter zuzulegen" (von «bout de papier» und den «deux petits pains» ergebe sich eine Konjektur, die im
Wysocki 1980, 48). Dennoch läßt sich das lexikalische Sprachspiel sinnvoll zur folgenden verdichteten Signifikanten sichtbar werde:
Erschließung dieses inexistenten Raums nutzen, "der unter der Oberfläche der PAPIER
Dinge das Innere ihrer sichtbaren Erscheinung und die Peripherie ihres unsichtba- PA IN
renKerns trennt" (Foucault 1963,141-142). Die Untersuchung auf das Sichtbare
und das Nicht-Sichtbare zeigt, daß diese "Aufspaltung des Selben der Sprache ihr PAPIN
Zeichen aufprägt" (Foucault 1963, 142), wenn man - im Widerspruch zu
Baudrillard (1976,299-325) - im Anagramm schlicht einen Aspekt des weder rein Liest man in der Bemerkung über das insuffiziente Tatwerkzeug «pain» phonetisch
zufälligen noch voll bewußten Prozesses der Rede sieht, der die nicht ausgespro- auf deutsch als 'Pein' bzw. englisch als "pain" (= Schmerz, Kummer, Mühe), so
chenen und zugleich dennoch nicht stummen Worte erschließt (Starobinski 1971, resultiert hieraus eine weitere Bestätigung des metaphorisierten und nun ana-
127). Denn das Wortspiel hebt die wortmagischc Identität von Begriff und Sache grammatisch erschließbaren "Gefühlsklimas" (Bellmer 1954, 223): Bei beiden
auf (Erckenbrecht 1974,76) und setzt "dem Zyklus der buchstäblichen Entsprechung Anlässen werden Metaphern des Niederkniens wie des Augenauskratzens wo rtlich
(Reversibilität und Dissemination)... die Ordnung der Diskursivität (Reversibilität genommen ausgeführt. Weder «pain» noch «papier» ergeben in der peinigenden
und Akkumulation)" entgegen (Baudrillard 1976, 314). Dieses diskursive Vorge- Realität einenpotenten NamenPapinund ihr deklinierender, sprich (knie)beugender
henmacht den Prozeß des Verstehens dadurch wieder dialektisch, daß ein speku- Übertrag, der ihn ergeben könnte, ist nicht von den Schwestern - erst dem un-
lativ-experimentelles Sprachdenken seine erstarrte Rationalität wieder belebt vollständigen Anagramm anderer entspringt "jählings" ein "in unerbitterlicher
(Erckenbrecht 1974, 77). Herrschaft gefangener Sinn" (Rabain 1977, 184).

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Wenn Lacan (1933a, 392-393) auf die soziale Bedingtheit der Aggression Gerade letzteres bedeutet wortwörtlich auch, Auge unter Auge zu setzen und führt
abhebt, so werden kasuistisch Formen des weiblichen Masochismus zu folgender textgetreuer Gleichung:
erkennbar: oeil l Auge l
— v --^ V
* Die Zofenmachen aus einer sozial determinierten, geschlechtsspezifischen
oeil 2 Auge 2
masochistischen Position heraus kumulierende traumatisierende Erfah-
rungen der Demütigung und eine paranoid-symbiotische, vereinsamende Der fragliche Signifikant x könnte als einziges Äquivalent nur Geld («sous»)
Entwicklung durch, haben, was Haddad (l 983, 50) an Textstellen des Talmud belegt und was auch im
* agieren schließlich eine bis dahin verleugnete, brisant-destruktive Kom- deutschen "Auge um Auge" mitschwingt.
ponente dieses "Dauerschwelbrandes" (Becker) in der situativen Erregung
kontramasochistisch aus, Die im Mittelalter gebräuchliche Formulierung "... wenn man zugefügten
* um die chronische innere Demütigung und Scham(wut), die autoaggres- schaden mit gleichem widergilt, also äug um äug, handumbhand" scheint
sive eigene Verachtung mit geradezu ungeheuerlicher Vehemenz zu re- die ursprüngliche Bedeutung recht gut wiederzugeben: Mit der Präposition
externalisieren (Wurmser 1993, 394). 'um' wird gerade die Absicht verfolgt, "mehr oder minder den gedanken
Ergänzend verweist diese masochistische Verhaltensnorm (Loewenstein gleichen entgelts zum ausdruck" zu bringen (Dollmayr 1936, 781). Al-
1957) als "Sklavenmentalität" auch auf dievonNietzsche(1886,153-156) lerdings wird in dieser Metapher, die als sprachliche Erstarrung erhalten
als Sklaven-Moral diskutierte masochistische Komponente des knechtischen blieb, auch im Deutschen die Bedeutung des äquivalenten Entgelts nicht
Bewußtseins: Der Sklave sei mit seiner Situation - wie jedermann - nur all- mehr erkannt: Daß der "gerechte Preis" schon im Mittelalter "mit den
zu zufrieden («bien trop content»), kommentiert Lacan. Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt" variierte und vom Grundherr an-
stelle von Äug' und Zahn - sinkende - Geldbußen verlangt wurden, erklärt
Das Gesetz des Talion: Äug um Äug sich nach Bloch (1961) 42-44) zudem durch eine systeminhärente "Relation
zwischen Arbeitsmarkt und Strafvollzug". Stattdessen bezahlen die Herr-
Im buchstäblichen Ausagieren wird eine historische Komponente der schaften in der dialektischen Herr-Knecht-Logik für die zugefügte Knechtung
Interaktion von Herrinnen und Dienstmädchen im Umgang mit verursach- nicht mit einer Geldstrafe, sondern mit dem Leben. "Die Vergeltung ge-
ten Schäden deutlich: Schäden sind zu ersetzen, wodurch die Ordnung horcht, wie man sieht, einer Ethik des Zurückzahlens: das befleckte Leben
wiederhergestellt wird. In dieser Logik sind die Taten als Wiedergutma- wird als Schuld empfunden und muß zurückgegeben werden" (Bergfleth
chung für vorhergehende Demütigungen zu sehen: Reaktion siegt über 1982, 379).
Aktion, Widerspruch über Differenz, Rache und Ressentiment ersetzen
Aggressivität (Deleuze 1962, 14). Hierbei gilt die Bestrafung nach dem Ebenfalls in der konkreten Herr-Knecht-Dynamik rührt die Attacke der
Gesetz des Talion, das in der Formel 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' wei- Schwestern Papin nicht nur an " das unantastbarste und liebste, das man am
terbesteht, dem männlichen Glied bzw. dem es vertretenden Auge sorgfältigsten hütet" (Grimm & Grimm 1854,788), sondern zugleich zen-
(Ferenczi 1913, 267-268), wenngleich die gefürchtete Kastration bzw. tral an das Gesetz: "behalte mein gebot, ..., und mein gesetz wie deinen
Blendung durch eine symbolische Strafe ersetzt wurde (Reik 1941,35-36). augapfel" heißt es in den Sprüchen Salomos und akzentuierend findet sich
bei Kant (1838/39, 426) die Formulierung: "das recht, dieser augapfel
Dies ist angesichts der wortgetreuen Verwirklichung des Gesetzes durch gottes".
die Zofen insofern bemerkenswert, als das talmudische Prinzip 'Auge um
Auge' («oeil pour oeil») nach Haddad (1983, 50) nie für Verbrechen, Die Sprache des Verbrechens (III): Herrinnen des Diskurses
sondern lediglich leichtere Delikte galt, formell körperliche Züchtigungen
sogar dann untersagt, wenn der Schuldige selbst es fordert, und als nur an- Der Sinn dieser gräßlich-symbolischen Organwahl durch die Zofen setzt
nähernde und insofern ungenaue Übersetzung der Textstelle im Talmud zu einen Schlußpunkt unter einen früheren ergebnislosen Versuch, sich aus
sehen ist, in der es «oeil sous oeil» heiße. der unterworfenen Position gegenüber Madame zu emanzipieren und
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hierbei Appelle an das herrschende Gesetz zu richten: Die 1931 gegenüber wir uns - mit den gleichen Mitteln - verteidigt". Noch ist es der Versuch, der ag-
gressiven Eruption verbal zuvorzukommen: Dem Bürgermeister gegenüber wird
dem Ortsbürgermeister vorgebrachten Klagen über grausame Verfolgung/
ein Berichtais-noch verbaler-Protest und Rettungsappell entgegengebracht, dem
Belästigung («persecution») und widerrechtliche Einsperrung/Freiheits-
er zwar zunächst nachgeht, den er dann allerdings als Mär abtut.
beraubung («Sequestration») konnten von diesem nicht als konflikthafte
Mutterübertragung dechiffriert (Dupre 1984, 144-146) oder als Krise
Die Sprache des Verbrechens (IV): Mutter und Ehemann?
einer Herr-Knecht-Beziehung verstanden werden. Die Anklagen müssen
aber in der - bereits nicht mehr wirklich dialektischen - Interaktion der Zo-
Darüber hinaus enthält «maire» noch zusätzliche Hinweise, die sich beim -
fen und Dienstherrinnen gelesen werden, da die Wechselbeziehung der weiterhin experimentellen -kryptischen Blick («regardcrypte») auf das Anagramm
beiden Willensträger («deux volontes») den gegenseitigen Vertrag von dieses Wortes entschlüsseln lassen (Soriano 1990, 51-52):
Knecht und Herr als Rechtsbeziehung konstituiert. Dies umfaßt bei Hegel
weit mehr als die Definition des Rechtssubjekts der juristischen Ordnung, MAIRE
erstreckt sich auf das abstrakte Recht wie das moralische Bewußtsein und AIMER
ist als Personenrecht zunächst insbesondere Sachenrecht über den eigenen MARIE
Leib. In dieser Logik wird - sozusagen im Tatvorfeld - über Einschränkung
oder Entzug dieses grundlegenden Rechts als willkürlich-einseitige In- Dies verweist zunächst assoziativ darauf, daß es um das Lieben («aimer») der
fragestellung des gegenseitigen Vertrags geklagt. Mutter, hier von Maria als christlich überhöhter/idealisierter Mutter geht. Dem
kryptischen Hinweis ließe sich folglich die Thematisierung der ursprünglichen
(Haß-)Liebe zur Mutter und in der Übertragung zu den idealisierten Herrinnen, die
Angerufen wird der Bürgermeister («maire»), im Französischen u.U. auch nicht erwidert wird, entnehmen (Fleury 1994, 96-97). Ihre Liebe ist blind (Vian
«bourgmestre», als offizieller Garant des Meister- oder Herrendiskurses wie als 1949) und macht blind: "Reiße das Auge aus, ... wenn du begehrst", zitiert
Repräsentant der politischen, juristischen, moralischen Ordnung. Mechanismus Wurmser (1993, 84) einen seiner Analy-sanden. Wie verstrickt Mutter und
und Sinn dieser Verwechslung werden - wenn man die Be-deutungen der Töchter sind, wird zudem darin deut-lich, daß Christine Mme Lancelin heimlich
Homophone sprachexperimentell focussiert - hinsichtlich der Verschiebung von «Maman» nennt und so in Ma-dame und Mademoiselle ihre Mutter und sich zu
Mutter («mere») zu Bürgermeister («maire») transparenter: Mutter, Herrinnen töten versucht.
und Bürgermeister sind gewissermaßen «trans-parents», Transit- oder Über-
gangseltern (Kobbe 1994a, 38) bis zum hier nicht gelungenen Erwachsenwerden.
Daneben klingt in «Marie» an, daß die Schwestern Papin, die eigentlich zu dritt
Es ist eine praeödipale, miteinander verschränkte, ineinander greifende Identifi- sind, in der Nachfolge Marias alle drei demütig-brave Nonnen («bonnes soeurs»)
kation («imbrication d'Identification»; Fleury 1994, 97), die in der wahnhaftpro- werden wollten, nämlich
jektiven Beschuldigung zunächst der Mutter zum Ausdruck kommt, die Lancelins * daß sich die älteste Schwester Emilia als Nonne tatsächlich im Kloster befindet
nähmen ihr die Töchter, die hierauf mit der o.g. Klage wahnhaft antworten. So und dort den Inzest durch den Vater büßt (!),
wird die innere unbewußte Logik, nach der sich die Schwestern in ihrem Emanzi-
* daß die minderjährige Christine bereits 1920 ebenfalls Nonne werden wollte und
pationsversuch aus der Abhängigkeit von ursprünglich ihrer Mutter, dann Madame/
dies von der Mutter verhindert wurde,
Mademoiselle an den Bürgermeister wenden, erst durch die Homophonie der
* daß sich Lea ab 1966 «Marie» nennen läßt und damit nicht nur antizipiert, daß
Worte erschließbar (Dupre 1984, 152):
sieauchNonne, sondern zudem «SoeurMarie» = Schwester Maria werden möchte
(Dupre 1984, 201-202).
MAIRE
Das Entkommen aus der unfreiwilligen Beziehung von Herr und Knecht mit der
M E R E
leiblichen Mutter bzw. den Dienstherrinnen scheint damit allen drei Schwestern
durch einen freiwilligen Pakt mit der Mutterkirche möglich, wenngleich sich hier
Richtig verspürt Monsieur Lancelin bereits zu dieser Zeit die Bedrohung durch die
dieselbe Thematik in der Beziehung Äbtissin./. Nonne (Zwahr 1990, 41) wieder-
erregten Schwestern, wenn er die Wortwendung « Ce qui m 'afrappe ...»(= "Was holt und das Verhältnis von Demut und Demütigung im - nun selbstgewählten -
mich beeindruckt - aber auch:" Was mich geschlagenhat...") benutzt. Tatsächlich Niederknien neu definiert zu werden scheint. Zugleich erscheint in der Wunsch-
sagt Christine Papin später aus: «On a voulu nous frapper, nous nous sommes phantasie der engelhaften Nonne deren reales Gegenteil des gefallenen, rächenden
defendues, vousavez vu» - "Man hat uns schlagen wollen und wie Sie sehen, haben

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Engels wieder, der "sich, unfähig, ein solches Leben länger zu ertragen, ent- kniend aufzuhebenden Papiers, der durchgebrannten Sicherung). Das Her-
schlossen in den Strom des Bösen warf..." (Lautreamont 1869, 11). ausreißen der Augen und Aufschlitzen der Schenkel durch die Zofen Papin
entspringt der monströs-intrapsychischenHölle im "Dritten Gesang des Maldoror"
In der Weiterführung liest sich das Anagramm als Homophon: bei Lautreamont (1869, 111-141) und folgt der affektiven Logik des gräßlich-
obszönen Auf- und Herausreißens, Ein- und Zerschneidens der Augen, des Auf-
MARIE reißens derSchließmuskel. des Auseinanderreißens der Vulva in den Beschreibun-
MARI gen Batailles (1967). "Erst wenn der Kopf zwischen den Beinen steckt, das Auge
in der Vulva ist, dann sieht sich der Einzelne »von unten«. Und er blickt nicht mehr
Aus der zunächst befremdlichen Umschreibung «mari» (= Ehemann/Ehegatte) »von oben« auf sich herab: die alten Lesetafeln sind zerbrochen" (Fohlen &
läßt sich retrospektiv der Hinweis ableiten, Wittmann 1980, 100 Fn 47).
* daß die Identifizierung von Christine mit Mlle Lancelin auch den sehnsüchtig
Neid auf deren zukünftigen Ehemann beinhaltete, der nach der Tat die Körper In dieser dialektischen Identität wird die Subjekt-Objekt-Beziehung durch
seiner Verlobten und zukünftigen Schwiegermutter untersuchen muß (Fleury die "Aneignung und letztlich destruktive Aufhebung des Objekts im Sub-
1994, 97);
jekt" bestimmt (Münster 1987, 88-89). Es ist die radikale Aufhebung des
* daß die Nonnen in ihrer Stellung eheähnlich mit Jesus Christus verbunden sind,
subjektlos erstarrten herrschaftlichen Blicks als "Umkehrung des werte-
dessen Braut sie durch Mutter Kirche werden;
* daß bereits hier ein Phantasma thematisiert wird, das in den von Lacan (1933a, setzenden Blicks" (Nietzsche 1887, 30), das subversive Umstürzen der
397) zitierten Worten Christines deutlich wird: "Ich glaube schon («crois bien»), eigenen Sehweisen und Bilder bis hin zur unerträglichen, wahnhaft ab-
in einem zweiten Leben sollte ich der Ehemann meiner Schwester sein". gewehrten Distanzerfahrung. Von der affektiven Dynamik her muß der
herrschaftliche "Affekt der Verachtung, des Herabblickens, des Überle-
Subversion der Sehweisen gen-Blickens" bei weitem hinter dem Ressentiment zurückbleiben, mit
dem "der zurückgetretene Haß, die Rache des Ohnmächtigen, sich an sei-
Den beschriebenen, sexualsymbolisch eindeutigen Handlungssequenzen nem Gegner ... vergreifen wird" (Nietzsche 1887, 31). Das heißt, es ist
als Ausdruck ihrer mörderischen Wut gilt kaum die Aufmerksamkeit der der Versuch, der Apokalypse des psychischen Universums mit einer zu-
verschiedenen Autoren, obgleich bereits die Blendung - ähnlich Ödipus' kunftsorientierten "Gegenkatastrophe" im sozialen Raum zu begegnen,
Selbstblendung - eine Kastration darstellen dürfte, wenn die Augen als indem die katastrophische Umwälzung der Verhältnisse mit den Dimen-
Symbol für das Genitale stehen (Ferenczi 1913; van der Sterren 1974, 71) sionen der "Gewalt", "Invarianz" und "Subversion des Systems" ein
und vice versa die Geschlechtsteile als "Augen des Leibes" bezeichnet "wirksames Kontinuum von Vorangegangenem, Gegenwärtigem und Zu-
werden - im Gegensatz dazu Breton: "Die Augen sind nicht sexuell" künftigem" herstellt (Becker 1990, 126).- Gleichermaßen geht es aller-
(Lütkehaus 1993,41). Lacan(1933a, 398) schreibt abschließend von jener dings auch darum, sich in die Herrschaft einzuschreiben und die andere zu
frevelhaften Neugier («curiosite sacrilege»), die sie in den klaffenden beflecken, blutig zu besudeln. "Wir werden das Leben - oder vielmehr das
Wunden nach dem bohren läßt, was Christine Papin in aller Unschuld als Überleben - nur durch Schändung, Zerreißen, Zerbrechen und Bluten
das Rätsel des Lebens («le mystere de la vie») bezeichnet und wodurch sie empfangen", enthüllt Dali (1968, 73) die "vertikale Richtung dieser
das Rätsel des Phallus und der weiblichen Kastration («l 'enigmeduphallus Apokalypse".
et de la castration feminine») thematisiert (Lacan 1933a, 397). Parallel
aber ist auch diese Verstümmelung im Kontext des Herr-Knecht-Paradigmas Die Sprache des Verbrechens (V): Schweigen
zu verstehen:
Diesen Merkmalen läßt sich ein letztes Charakteristikum der Tat entneh-
Die Absetzung des bürgerlich-herrschaftlichen Kopfes von Madame mit der men: Die Herrschaften zum Schweigenzubringen, verweist auf das eigene
Zerstörung des bürgerlichen Auges und herrschaftlichen Blicks findet sich - bei Verstummen («on neseparlaitpas»), und auch das genichtete Spiegelbild,
Bataille (l 967) nachlesbar - eingebun-den in ein Konzept der sadistisch-sinnlichen das "auf dem Grunde meines zerfetzten Augapfels Wohnung genommen
Verschwendung gegen das ökonomische Sparsamkeits- und Ordnungsprinzip (des hat" (Lautr6amont 1869, 116), reflektiert eine Lücke, einen narzißtischen
140 WsFPP2.Jg. (1995) H. l WsFPP 2.Jg. (1995) H. l 141
Defekt der Schwestern Papin, der zur Auslöschung und auch Selbstaus- dies nicht einmal in Form eine eruptiven delinquenten Handelns. Denn
löschung dieser Widerspiegelung führt. Das "Licht in den Spiegeln der nach wie vor sei die "strukturelle Machtlosigkeit der Frau in der patri-
Blinden" (Breton & Eluard 1930,144-145) meint beiderlei: Daß jeder mit archalischen Gesellschaft" derart ausgeprägt, daß sie das sadomasochistische
einem inneren Spiegel lebt und darin sieht, was er von der Welt braucht, Wechselspiel zwischen bereitwilliger, vermeintlich selbstbeherrschter
daß zugleich zu bestimmen versucht wird, was in dem Spiegel zu sehen ist Unterwerfung und aggressiver Auflehnung dergestalt inszeniere (Gödde
(Lenz 1970, 66).- Den Finger im Auge gibt es im Französischen nur 1983, 102), daß sich der "Durchbruch ... nun als massiver Affekt gegen
rückbezüglich mit dem Reflexivpronomen «sefourrer le doigtdans l 'oeil» die Vorrangstellung des Mannes richtet". Das resultierende Ressentiment
in der Bedeutung, sich auf den Leim zu gehen, sich gewaltig zu irren. Diese bedinge, daß im Extrem "Gleiches mit Gleichem" vergolten werde (Gödde
Selbstbestrafungs- und Opferthematik scheint in dem Anagrammgedicht 1983, 102).
"Ihr hättet Eure Augen ausgerissen..." von Zürn (1977, 18) wieder auf.
Wesentlich erscheint abschließend die doppelt angelegte Dialektik, daß
Das durch den objektivierend-herrschaftlichen Blick induzierte Schamer- diese Täterinnen sowohl Opfer ihrer Krankheit wie der gesellschaftlichen
lebnis muß von den Schwestern Papin - ähnlich wie in Sartres Ausar- Verhältnisse als auch Angreiferinnen eben dieser Gesellschaft sind (Gorsen
beitungen zu Genet (Cooper 1971, 74) - als sexueller Akt empfunden 1974, 431). An ihnen wird deutlich, daß für Frauen ein spezifisches
worden sein, dem sie unterworfen werden sollten. So zielt die kastrierende Ungleichgewicht zwischen individueller Libido und sozialer Anpassungs-
Entblößung der Scham und blutige Befleckung auf die Abwehr eigener erwartung im Sinne eines "ungelösten, unerträglichen sozialen Konflik-
sexueller Erniedrigung und die Beschämung der anderen hin, darüberhinaus tes" ex-sistiert (Gorsen 1974,452), der im Falle der Schwestern Papin zur
auch insofern auf die eigene Scham der Schwestern, als sie den inzestuösen induzierten Paranoia (als "Epiphänomen" des Konfliktes) führte und
Mißbrauch durch den Vater (Fleury 1994, 95) aktualisiert und ihre latente situativ in mörderischer Aggressivität zu lösen versucht wurde. Damit
Homosexualität ins Spiel bringt. Sie verweist auf den Kontext von Ver- aber erweisen sich gesellschaftliche Verhältnisse als strukturell auch un-
geltungsphantasien und selbstbestrafenden, masochistischen Impulsen, dialektisch angelegte Konfliktsituation, die keineswegs zwingend, sondern
die zweifelsohne beide sozial determiniert sind, und auf die gesellschaft- nur durch die Interaktion der konkreten Subjekte als Dialektik zu verwirk-
liche Stellung der weiblichen Dienstboten wie der Frau allgemein am lichen ist.
unteren Ende der Hierarchie.
Fußnoten
Wenn darüberhinaus die Syntax 'weiblich-männlich' hierarchisiert, einander un-
ter- bzw. übergeordnet und damit das Männliche Herr des Diskurses ist, bliebe 1 Ein derart "herrisch" regierender Diskurs entlarvt sich allerdings selbst in einer Logik,
auch zu fragen, die nicht einmal die Frage stellt, ob es auch eine andere, nach der "Herrschaft" fragende
* ob in dieses Diskursgefüge nicht nur durch "die verschleierte Frau", die "als (Irigaray 1977b, 92-93) und damit eine das hermetische Denksystem störende Logik ge-
ben kann (Briigmann 1985).
solche verschleiert und als Subjekt abwesend" ist, "'Sinn'-Blut?-'Inhalt'" einge-
2 sprachwissenschaftliche Begriffe:
bracht werden kann (Irigaray 1975, 137-138), Allosem = im Kontext realisierte Bedeutung sprachlichen Zeichens, d.h. seiner inhalt-
* ob also die Zofen Papin aus ihrer unterlegenen Position nicht nur durch ihre lichen Seite; Homonym = Wort, das ebenso wie ein anderes geschrieben und gesprochen
sinnliche Bluttat wieder Sinn in den einseitig-undialektischen Herrschaftsdiskurs wird, aber verschiedene Bedeutung sowie Herkunft hat und sich grammatisch von diesem
bringen konnten. unterscheidet;Homophon = Wort, das mit einem anderen gleich lautet, aber verschieden
geschrieben wird;Anagramm = Umstellung der Buchstaben eines Wortes zu anderen
Wörtern mit neuem Sinn.
Schluß
Anmerkungen
Zur masochistischen Position merkt Millet (1990, 160) an, es sei eine
Illusion zu glauben, daß Frauen "in einer solchen Situation einfach
* Überarbeiteter Vortrag während der 9. Eickelborner Fachtagung zu Fragen der Foren-
fortgehen können und deshalb aus freiem Willen bleiben. Fatalismus und sischen Psychiatrie. Westf. Zentrum flir forensische Psychiatrie Lippstadt, 02.-04.03.1994
Armut sind so geartet, daß es für die meisten von ihnen keine Wahl gibt",
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Anschrift des Verfassers

Dipl.-Psych. Ulrich Kobbe


Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt
Postfach 6100
59541 Lippstadt

148 WsFPP2.Jg. (1995) H.l