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14    STADTKULTUR  l   der landbote   l   Mittwoch, 10. FEBRUAR 2010

«Kunst braucht eine gute Community»


Die gebürtige Amerikanerin
und Malerin Michelle Bird
setzt alles daran, in Winter­
thur eine Künstlergemein­
schaft nach dem Muster von
Amsterdam oder San
Francisco ins Leben zu rufen.

War­um ihr Grüntee so wunderbar duf­


tet, bleibt ihr Geheimnis. Offen spricht
sie dagegen über die Gefühle, die in
ihr aufsteigen, wie der aromatische
Duft aus dem Teeglas, das sie gera­
de ihrem Gast reicht. «Grüntee weckt

OUTSIDEINSIDE
In­ter­na­tio­na­le kunst
Wie Kunstschaffende aus aller Welt
Winterthur se­hen und beleben

Kindheitserinnerungen», sagt sie, Er­


innerungen an gemeinsame Stunden
mit ihrer Grossmutter, zu Hause in
San Francisco.
Wer mit der Künstlerin ins Ge­
spräch kommt, ist überrascht, wie
sehr sie sich zunächst aus dem Blick­
feld nimmt. Wenn sie über sich selbst
reden muss, dann be­ginnt sie mit ih­
rer Familie, denjenigen Menschen,
denen sie sich verbunden fühlt und
denen sie, wie sie sagt, viel verdankt.
«Mein Vater kam als erst 16-jähriger Michelle Bird in ihrem Atelier. Mit ihren farbigen und impulsiven Gemälden sorgt sie ebenso für Aufmerksamkeit wie mit ihren Ideen. Bild: Marc Dahinden
Junge von Schanghai in die Vereini­
gten Staaten», erklärt sie. Er schlug Traum, Künstlerin zu werden, in die Wüste, im Urwald, im Meer, in dem Bird lebt und arbeitet inmitten ei­ Künstler hier sind Einzelkämpfer, es
sich in einer Curryfabrik durch, ar­bei­ Realität umzusetzen. «Lebe deinen sich der Himmel spiegelt. ner quirligen Künstlerkolonie, die sie fehlt die Gemeinschaft», stellte sie
te­te sich hoch und holte seine Fami­ Traum» – von ihrer Mutter sei sie ty­ ungemein inspiriert. Keine Jury habe fest – und begann, die Kunstschaf­
lie nach, auch seine Mutter, Michelles pisch amerikanisch geprägt, schmun­ Kunst ohne Kompromisse bestimmt, wer hier Mitglied sein kön­ fenden auf Trab zu bringen. Sie or­
Grossmutter. «Wie er so jung und zelt die Künstlerin. Von ihr habe sie Wie ihr Vater stellt sich Michelle mit ne und wer nicht. ganisiert seit 2007 einmal im Jahr die
ganz auf sich allein gestellt Fuss fas­ ihr Durchsetzungsvermögen und ihren 16 Jahren auf eigene Füsse, schlägt Sie malt ungegenständlich, aber Open Doors, Tage des offenen Ate­
sen konnte, beeindruckt mich sehr», Geschäftssinn geerbt. sich mit Servicejobs durch, arbeitet auch figurativ und sitzt tagelang in liers, und gibt seit 2008 ein Heft in fre­
sagt sie. Ihr Vater arbeitet später als Michelle wächst in San Francisco sich für kleine Firmen in Buchhaltung Coffeeshops und hält mit dem Zei­
Maler und Fotograf, ihre Grossmutter
ist Schauspielerin und Tänzerin am
Chinesischen Thea­ter von San Fran­
und an verschiedenen Orten der ame­
rikanischen Westküste auf, «die Vä­
ter kamen und gingen», sagt sie, aber
und Marketingmethoden ein, sie geht
aufs College und arbeitet daneben im
Designbüro ihrer Mutter. Eine kleine
chenstift das Leben im bekannten Rot­
lichtquartier De Wallen fest und pu­
bliziert die­se Zeichnungen gemeinsam
«Die Winterthurer
haben mich mit offenen
Armen empfangen»
cisco. In dieser Stadt kommt Michelle ganz ohne Groll. Sogar in Hawaii lebte Erbschaft ihres (dritten und Adoptiv-) mit Bruce Harris in einem Buch. Die
1965 zur Welt. sie einige Jahre – dann kehrte sie nach Vaters verändert alles in ihrem Leben. Arbeit in dieser Community gehört zu
Kalifornien zurück. Über­all, wo sie Sie kehrt San Francisco als 25-Jährige ihren produktivsten überhaupt. Michelle Bird
Malkurs statt Kinderkrippe lebt, wandert sie mit offenen Augen den Rücken und lässt sich in Amster­ An einem Kunstfestival lernt sie ei­
Entscheidend für ihre Karriere sei durch die Natur, durch in die sanften dam nieder. Wieder stürzt sie sich in nen Schweizer kennen, der von weit,
aber ihre Mutter gewesen. Sie setzt grünen Hügel mit den roten Felsen in die Arbeit, lernt Niederländisch, ar­ weit weg, aus Winterthur, angereist ist. chem Pink heraus und baut eine Web­
ihre Tochter während der Arbeitszeit den Marin Headlands bei San Francis­ beitet für Architekturbüros, Designfir­ Nach dem Festival verliert sie ihn zwar plattform auf. «Kunst funktioniert in­
statt in einer teuren Kinderkrippe in co, den Redwood-Nationalpark oder men, vertieft sich in Computertechnik, aus den Augen, nur zwei Wochen spä­ haltlich und wirtschaftlich langfristig
den Mal- und Töpferklassen ab, die durch die Vulkanlandschaft mit ihren Tanz, Handwerk. Die Malerei ver­ ter aber macht er ihr einen Heiratsan­ besser in einer grösseren Communi­
in den zahlreichen Museen von San intensiven Farben in Hawaii. «So sieht folgt sie, wenn sie Zeit findet. Der Tod trag – am Telefon. «Ich wusste, er ist ty», ist sie überzeugt.
Francisco für Kinder nahezu kosten­ das dort aus», erklärt sie der Europäe­ eines Freundes 1998 sei so etwas wie der Mann meines Lebens», lacht sie Dass sie mit ihren Ideen in Win­
los angeboten werden. Die Mutter ist rin und holt aus ihrem Bücherfundus ein Wendepunkt in ihrem Leben ge­ und wartet, bis der Gast, der sich gera­ terthur nicht über­all auf Resonanz
die Geschäftsfrau, die erfolgreich ein Bildbände, die ahnen lassen, wo die wesen. Sie malt, findet darin so etwas de am Grüntee verschluckt hat, nicht stösst, ist ihr bewusst. Längst nicht
Design- und Architekturbüro aufbaut. opulenten und glühenden Farben der wie inneren Frieden. «Damals habe mehr husten muss. alle Künstler ziehen mit, aber «alle
Sie ermuntert ihre Tochter auch, ihren Gemälde ihre Wurzeln haben: in der ich entschieden, Kunst zu machen, haben ihre guten Gründe», sagt Bird,
ohne Kompromisse», blickt sie zurück. In Winterthur zu Hause die­se könne sie akzeptieren. Auf Ab­
Aussensicht und Blick nach Innen Sie verlässt Amsterdam und reist wäh­ Sie folgt dem Ruf des Herzens – und lehnung sei sie nirgends gestossen,
rend eines Jahres durch Asien. lässt sich 2004 in Winterthur nieder, sondern immer auf Wohlwollen und
In Winterthur leben und arbeiten Kunst­ mat mitbringen, bereichert das Leben baut mit ihrem Mann ein Haus an der Interesse: «Die Winterthurer haben
schaffende aus aller Herren Länder. dieser Stadt («inside»). Die Auswahl der Heiratsantrag am Telefon Breitestrasse, hier hat sie heute auch mich mit offenen Armen empfangen.»
Sie sind auf abenteuerlichen, versch­ ersten sechs Künstler geht von einer Nach Amsterdam zurückgekehrt, stu­ ein geräumiges Atelier. «Ich fühlte Langsam be­ginnt ihr Traum von ei­
lungenen oder ganz direkten Wegen Ausstellung unter dem Titel «Outside diert sie an der Rietveld Art Acade­ mich sofort zu Hause», sagt sie. Es ner Community Gestalt anzunehmen.
(und machmal­ auch einfach wegen Inside» aus, die im Januar 2010 auf In­ my Kunst – und ist enttäuscht, Malerei ist die Natur rund um die Stadt, die Nicht ganz in kalifornischem Tempo,
der Liebe) hierhergekommen. Wir stel­ itia­ti­ve von Michelle Bird im Alten Stadt­ gilt hier als Auslaufmodell. Sie findet sanften Hügel, das satte Grün der aber immerhin. Apropos USA: wirk­
len in dieser neuen Serie Künstler vor, haus Winterthur stattgefunden hat. einen Mentor, den Dichter und Maler Wälder, das sie an die Marin Head­ lich gar kein Heimweh? Vielleicht ein
die zwar von ihrer Herkunft («from out­ Weitere Interessenten für ein Porträt Anton Martineau. «Er teilte mit mir lands erinnert. Begeistert war sie von wenig – «Mir fehlt das Meer», seufzt
side») geprägt sind, die ihr Leben und sind willkommen, Hinweise aus der Le­ die Liebe zur Malerei», erinnert sie der Kultur, den Museen, aber auch sie. Und schenkt Grüntee nach.
ihr Schaffen aber mit dieser Stadt ver­ serschaft auf Kunstschaffende eben­ sich, bei ihm findet sie zu ihrer ganz von der reichen zeitgenössischen  lCHRISTINA PEEGE
bunden haben. Was sie aus ihrer Hei­ falls auf: cpeege@landbote.ch. (cp) eigenen Handschrift. «Er hat mich ge­ Kunst. Etwas ernüchtert war sie, dass
lehrt, an mich zu glauben», sagt sie. es hier keine «Art World» gibt. «Die www.michellebird.ch

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Black Eagle ist gelandet


Verena Azem Maksutaj schaut sich
im Kino an. Der Thaibox­
den Fotografen: in einer Pose für die
Ewigkeit.

Gick
wieder in den
weltmeister zeigt im Film
«Being Azem» seine Stärken.
In knapp 90 Minuten zieht dann
im Kiwi 7 zwei Jahre aus dem Leben
eines Kämpfers vorbei. Azem in Thai­
Stadtrat Pressevisionierungen von Filmen,
land, Azem in Kosovo, Azem im Trai­
ning, Azem im Bellagio von Las Ve­
www.verenagick.ch
die ins Kino kommen, finden in Win­ gas, wo sich ein grosser Traum erfül­
terthur nur wunderselten statt. Eine len könnte, ganz oben auf dem Olymp
Ausnahme ist «Being Azem», das Por­ angekommen zu sein (Olymp auf Ja­
«Winterthur soll auch für künftige trät der Filmemacher Nicolò Settegra­ panisch heisst­: K1). Es ist ein berüh­
Generationen lebens- und na und Tomislav Mestrovic über den render Film, denn er zeigt die Stär­
liebenswert sein. Gesunde Finan- 14-maligen hiesigen Thaiboxweltmeis­ ken, die ein grosses Herz hat. Nach
zen sind Voraussetzung für eine ter Azem Maksutaj – sein Wing Thai dem Abspann steht Azem Maksutaj
nachhaltige Sozial-, Bildungs- Gym ist ja schliesslich nur ein paar im Foyer und spricht über die Kämp­
Schritte vom Kiwi entfernt. Und so fe, die er hinter sich hat, und über die,
und Sicherheitspolitik. Deshalb steht er gestern da, als käme auf dem die noch kommen. Und er ist glücklich
brauchen wir das Engagement Neumarkt aus dem kalten Grau des über «Being Azem». Der Film hat in
von Verena Gick!» Morgens gerade die Sonne heraus: Winterthur am 24. Februar Premiere.
Susanne Haelg, Präsidentin Azem Maksutaj, den sie Schwarzer Dann mit rotem Teppich. (bu)
Kreisschulpflege Seen Adler nennen. Zusammen mit den Re­
gisseuren stellt er sich vor dem Kino www.beingazem.ch Being Azem Maksutaj: Die Filmemacher stellen den Kämpfer ins Zen­trum. Bild: ste