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DAS KATHOLISCHE PORTAL FÜR DEN DEUTSCHEN SPRACHRAUM ARCHIV Walter Kardinal Kasper: "Barmherzigkeit" - 29.08.2012

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Walter Kardinal Kasper: "Barmherzigkeit" - 29.08.2012

Kardinal Kasper: "Barmherzigkeit" - 29.08.2012 Foto: Herder-Verlag Der in den Schriften des Alten und Neuen

Foto: Herder-Verlag

Der in den Schriften des Alten und Neuen Testaments so zentrale Begriff Barmherzigkeit ist in der systematischen Theologie (anders als in der christlichen Spiritualität und Mystik) weitgehend in Vergessenheit geraten oder wird nur am Rande thematisiert. Walter Kardinal Kasper, bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen in Rom, zeigt in seiner jüngsten Publikation, wie sehr das theologische Nachdenken über die Barmherzigkeit nicht nur zu den Grundfragen der Gotteslehre und der Eigenschaften Gottes, sondern zugleich zu den Grundfragen christlicher und kirchlicher Existenz hinführt. Die Überwindung der Entfremdung zwischen akademischer und geistlicher Theologie ist dem Autor dabei ein wichtiges Anliegen.

Der Gedanke, Gott könne betroffen sein vom Leiden der Menschen, erscheint uns eher befremdlich - und doch prägt er die biblische Botschaft von Anfang an und ist bis heute aktuell. Mit Blick auf das vielfältige Leid der Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart stellen sich immer mehr Zeitgenossen die Frage, ob es überhaupt einen barmherzigen und gerechten Gott geben kann und warum er menschliches Leid zulässt. Nicht Wenige sehen in ungerechtem Leid letztendlich das stärkste Argument gegen einen allmächtigen und barmherzigen Gott. Und tatsächlich „müssten [wir] von Gott schweigen, wenn wir den Menschen in so viel leiblicher und geistiger Not nicht die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit neu zu sagen wüssten. Die Frage nach dem Erbarmen Gottes und nach erbarmenden Menschen ist … heute dringender denn je“ (15).

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In neun Kapiteln legt Kasper aus biblischer, historischer, systematischer und praktisch-theologischer Perspektive dar, dass die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes den Kern und die Summe der biblischen Gottesoffenbarung darstellt. Der Autor lädt dazu ein, die Lehre von den Eigenschaften Gottes neu zu bedenken und dabei dem Thema Barmherzigkeit den ihr theologisch gebührenden Platz zukommen zu lassen. Die überaus lesenswerte Publikation ist ein Appell, Theologie und

Gottesglauben, Ethik, Ekklesiologie und Pastoraltheologie von der Wirklichkeit der Barmherzigkeit Gottes her neu zu durchdenken, um damit dem, was mit der heute vielzitierten und oft eingeforderten theozentrischen Wende in der

Theologie und im Leben der Kirche gemeint ist, Konturen zu geben. Der theologisch überaus fundierte Blick des Autors ist somit klar und praxisorientiert nach vorne gerichtet und bleibt nicht in der Theorie stehen.

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Das lebendig geschriebene Buch setzt keine besonderen theologischen Fachkenntnisse voraus, führt aber zu einem zu Unrecht vergessenen Kernthema der systematischen Theologie hin. Sich gemeinsam mit dem Autor auf die Spurensuche zu begeben, ist theologisch spannend und geistlich bereichernd zugleich. Die Publikation regt dazu an, das Nachdenken über die Barmherzigkeit Gottes zur großen Herausforderung zukünftiger Theologie werden zu lassen. So wird dieses Buch in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht zu einer Pflichtlektüre, die zu lesen fasziniert. Die überaus lesenswerte Neuerscheinung sei jedem Theologen, aber auch jedem interessierten Christen empfohlen, der tiefer in das Verständnis des eigenen Glaubens einsteigen möchte. Auch wenn viele Perspektiven lediglich angerissen sind und daher nur als Anregung für weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik zu verstehen sind: Die

Publikation ist in ihrer theologischen Klarheit und zugleich geistlichen Tiefe eine absolute Bereicherung, die jeder Experte, aber auch jeder interessierte Nicht-Theologe mit Gewinn lesen wird.

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Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit: Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens. Verlag Herder,

Freiburg 2012

Weitere Informationen zum Buch auf den Verlagsseiten:

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Eine Rezension von Andrea Kronisch.

Andrea Kronisch

© Aschendorff Verlag, Münster