Sie sind auf Seite 1von 1

ZE I T P U N K T

www.bernerzeitung.ch

Zeitung im Espace Mittelland Samstag, 13. Februar 2010

37

«Fast Food» sagt noch nichts über die Qualität eines Gerichts aus, sondern eigentlich nur über die Dauer des Kochvorgangs. Ge- nauso beweist das Blatt «Israel Hayom» (Israel heute), dass «Gratiszeitung» noch kein Sy- nonym für mindere Qualität sein muss, wie das hier zu Lande angenommen wird.

Der Schreck der Etablierten

Seit dem Juli 2007 versetzt «Is- rael Hayom» die Herausgeber der grossen bezahlten Zeitun- gen im Land in Angst und Schre- cken. Denn «Israel Hayom» ist ein Gratisblatt mit Niveau, das sich mit Qualitätsjournalismus profiliert. Es gewährt erfahrenen und bekannten Journalisten Ar- beitsbedingungen, unter denen sie gründlich recherchieren kön- nen – was auch bei normalen Zahlzeitungen nicht mehr selbstverständlich ist. Am Bei- spiel von «Israel Hayom» kann man studieren, wie sich auch hier zu Lande der Konkurrenz- kampf der Presse um Leser und Inserateneinnahmen noch ver- schärfen könnte, wenn die Gra- tiszeitungen journalistisch auf- rüsten würden. «Israel Hayom» wird nicht nur an verkehrsreichen Orten wie Bahnhöfen verteilt, es gibt auch eine Hauszustellung und natür- lich die Internetversion (engli- sche Beschreibung: www.israel- hayom.co.il/en/). Innerhalb kur- zer Zeit etablierte sich «Israel Hayom» so gut, dass gestande- ne, ohnehin in der Krise stecken- de Tageszeitungen wie «Yediot Achronot» und «Ma’ariv» sich dazu veranlasst sahen, dieser neuen Gefahr einen regelrech- ten Krieg zu erklären. Lediglich die nationale Grosszeitung «Ha’aretz» profitiert vom Neu- ling, der ein anderes Ziel- publikum anspricht. Denn die unterbelastete Druckerei von «Ha’aretz» holt sich durch die Produktion von «Israel Hayom» Zusatzeinnahmen. Zudem gibt es eine Internetkooperation der beiden Verlagshäuser.

Auch am Weekend gratis

Dank seinem neusten Coup se- gelt «Israel Hayom» weiter auf Erfolgskurs: Durch die Lancie- rung einer grossen Wochenend- ausgabe drang das Blatt in den wichtigsten Bereich der israeli- schen Printmedien ein. Denn dort sind die grössten Werbe- einnahmen zu erzielen. Die Wo- chenendausgabe kommt offen- sichtlich sehr gut an: Nach nur zwei Monaten wurde die Auflage von 250 000 auf 350 000 Exempla- re erhöht. Der Verleger Asher Ba- harv sagt dazu: «Der Erfolg der Wochenendausgabe überstieg

« I S R A E L H A Y O M » Gratisblatt mit Niveau
« I S R A E L
H A Y O M »
Gratisblatt
mit Niveau
Das Blatt «Israel Hayom» lehrt die Konkur-
renz das Fürchten. Nicht nur, weil es gratis
ist, sondern auch, weil es eine hohe jour-
nalistische Qualität aufweist. Israels be-
drängte Bezahlzeitungen wollen das Blatt
nun verbieten lassen. Ein Zwischenbericht
vom Überlebenskampf der Presse.

Der Zeitungskrieg

unsere Erwartungen, und des- halb zogen wir den Plan, die Auf- lage zu erhöhen, zeitlich vor.» Gemäss einer kürzlich veröf- fentlichten repräsentativen Um- frage bei 10 000 der 3,8 Millionen potenziellen Zeitungsleser Is- raels über 18 Jahre erreichte die Gratiszeitung 2009 schon 28,9 Prozent der Befragten. 2008 wa- ren es erst 21,5 Prozent gewesen. Diese bemerkenswerte Steige- rung ging auf Kosten von «Ye- diot Achronot», das von 36,2 auf 34 Prozent zurückging, und von «Ma’ariv», das um ein halbes Prozent auf 13,5 Prozent schrumpfte.

Publizistik oder Kampagne?

Das erfolgreiche Gratisblatt wur- de vom US-amerikanischen Mil- liardär Sheldon Adelson lan- ciert, der sein Vermögen vor al- lem in der Immobilienbranche in Las Vegas machte. Er ist ein grosser Unterstützer von Pre- mierminister Benjamin Neta- nyahu. Die Gegner von «Israel Hayom» blenden ihre eigene Schwäche aus, indem sie be- haupten, «Hayom» sei hauptver- antwortlich für die Wiederwahl Netanyahus, ja Adelsons Me- dienprojekt habe ohnehin kei- nen geschäftlichen, sondern nur einen politischen Sinn. Andere Opponenten unter- stellen Adelson die Absicht, die Pressefreiheit in Israel unterwandern zu wollen, in- dem er mit seinem Gratis- angebot die Konkurrenz ausschalte. Adelson selber gibt gerne zu, dass es sein Ziel sei, die Nummer eins in Israel zu werden. Sein kommerzielles Modell bleibt un- durchsichtig. Die Netanyahu- Gegner und selbst ernannten Verteidi- ger der Pressefrei- heit wollen diese nun ihrerseits be- schneiden, in- dem sie im Par- lament ein Ge- setz gegen «Is- rael Hayom» anstreben, welches

rückwir-

kend den

Besitz von

israeli-

schen Me- dien durch Aus- länder verbieten soll. Die Gesetzesvorlage hat indes kaum eine Chance. Und auch wenn sie in Kraft träte, könnte sie «Israel Hayom» nicht stoppen, denn Adelson könnte die Zeitung auf seine israelische Frau oder die gemeinsame Tochter übertra-

gen. Schon haben die Gegner aber eine neue Gesetzesvorlage aufgegleist, die für ein ganzes Jahr eine Gratisnationalzeitung verbieten will.

Der Zeitungskrieg wird mit har- ten Bandagen und direkten An- griffen geführt. «Ma’ariv» befahl mehreren Journalisten, Beiträge gegen «Israel Hayom» zu verfas- sen. Darin wurde kritisiert, das Gratisblatt sei nicht ausgewo- gen und habe praktisch keine nennenswerte Enthüllung zu verbuchen. Tatsache ist aber, dass «Israel Hayom», wiewohl mehrheitlich rechts stehend, auch Vertreter des israelischen Friedenslagers zu Wort kommen lässt. Medienkenner halten es we- der für verwerflich noch ausser- gewöhnlich, dass das Blatt eine klare politische Agenda verfolgt. Sie stellen vielmehr fest, dass der «Ma’ariv»-Angriff fehlge- schlagen sei und eher als Bume- rang wirke, da «Ma’ariv» negati- ve Talkbacks von ihrer Webseite gelöscht habe und sogar so weit gegangen sei, Leserre- aktionen auf Artikel ge- gen «Israel Hayom» zu sperren. Die ande- re grosse Be- zahlzeitung «Yediot Achro- not» ihrerseits lancierte eine Grossoffensive gegen Netanya- hus Gattin Sarah, die angeblich ihre ehemalige Bediens- tete schlecht be- handle und ihren Mann unter der Knute habe. Nicht nur Neta- nyahus Anwalt, son- dern auch Medienexper- ten glauben, das wahre Ziel der Attacke sei die gefährliche Gratiskonkur- renz von «Israel Hayom». Jetzt erhebt Sarah Netanya- hu Klage gegen «Ma’ariv» we- gen übler Nachrede. Gegen «Yediot Achronot» reichte sie eine Beschwerde beim Presse- rat ein.

Rechercheur schlägt zurück

Der ehemalige Chefrechercheur von «Yediot» Moti Gilat, der heu- te für «Israel Hayom» schreibt, machte gleich seine Klage gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber publik. Der 62-jährige renom- mierte Recherchierjournalist warf «Yediot» vor, seine Recher- chen gegen den früheren Pre- mier Ehud Olmert und dessen

Vize Haim Ramon seien von der Zeitungsleitung abgeklemmt und er selber wegen uner- wünschter Investigationen durch verschiedene Schikanen zum Abgang gezwungen wor- den. «Yediot» giftete zurück, Gilat habe seinen journalistischen Ze- nit erreicht und nicht mehr die gleiche Leistung erbracht. Trotz- dem gingen die Parteien einen aussergerichtlichen Vergleich ein, und der Journalist wurde reichlich entschädigt. All die Querelen nützen letztlich eher «Israel Hayom».

Am Publikum vorbei

Eilon Zarmon, ein Werber, der eine Wochenendkolumne für «Israel Hayom» schreibt, mo- niert, dass die Konkurrenz des Gratisblatts schon lange vor des- sen Erscheinen nichts Richtiges unternommen habe, um den Le- serschwund zu bekämpfen. Die Attacken gegen die neue Zeitung würden dieses alte Problem nicht lösen. «Wenn die Zeitungsverleger ein offenes Ohr für das Publi- kum gehabt und von sich aus ein Qualitätsgratisprodukt ne- ben ihrer normalen Zeitungen lanciert hätten, so gäbe es auf dem Markt keinen Platz für ei- nen anderen Gratisplayer, und so hätten sie die Dominanz für zusätzliche Jahre gesichert», schreibt Zarmon.

Imperium der Arroganz

Er sieht einen offensichtlichen Grund für diese Unterlassun- gen: «Imperien gehen immer unter, weil sie nicht flexibel sind! Sie können die Realität nicht erkennen, denn sie glau- ben, dass sie sie bestimmen.» Zarmons Rat an die Zeitungen, die sich im Überlebenskampf zerfleischen: «Weder die Politik noch Angriffskriege und auch nicht die Boulevardisierung der Zeitungen werden helfen. Nur Offenheit gegenüber dem Publi- kum bringt sie weiter. Die Leser- schaft, welche diesen Tages- zeitungen den Rücken kehrte, würde gerne zu einem moder- nen, neuen und qualitativ hoch- stehenden Produkt zurück- kommen.» Eine Lehre aus dieser Entwick- lung hat inzwischen «Yediot Achronot» gezogen: Versuchs- weise wird die Zeitung im Raum Jerusalem seit einigen Wochen gratis verteilt. An Tankstellen bekommt man sie beim Kauf von Treibstoff umsonst. Ob dar- in die Lösung liegt?

Shraga Elam

Der Autor: Shraga Elam (zeitpunkt@ber- nerzeitung.ch) ist israelischer Journalist in Zürich.

ANZEIGE

ZE I T P U N K T www.bernerzeitung.ch Zeitung im Espace Mittelland Samstag, 13. Februar