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SONN A B END/SONN TA G

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MAGAZIN

S Ä CHSISCHE ZEITUNG

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Verzerrte Gesellschaft Ist die Demokratie in einer Krise? Straßenproteste und neue Parteien sind Normalität, sagt
Verzerrte Gesellschaft
Ist die Demokratie in einer Krise? Straßenproteste und neue Parteien sind Normalität,
sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel. Ihn treibt eine ganz andere Sorge um.
S chon Platon und Aristoteles spra-
chen von einer Krise der Demokra-
tie. Doch in letzter Zeit scheint das
ewige Thema wieder brisant zu
werden: soziale Ungleichheit, sinkende
Wahlbeteiligung, Zusammenprall der
Kulturen, Massenproteste in Dresden. Der
Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel
befasst sich seit Jahren mit den Stärken
und Schwächen demokratischer Systeme.
Er warnt davor, dass sich ein Teil der Be-
völkerung von der Politik verabschiedet.
Herr Merkel, seit Jahren wird von der
Politikverdrossenheit geredet. Sind
Protestparteien und -bündnisse wie
AfD und Pegida Zeichen dafür, dass
die Verdrossenheit politisch wird?
Protestparteien und wiederkehrende De-
monstrationen zeigen häufig eine Politi-
sierung von Bürgern an. Da kann ein
Bahnhof in Stuttgart die Ursache sein
oder aber die Unzufriedenheit mit der
Einwanderungspolitik in Dresden. Die
AfD ist übrigens keineswegs nur eine Pro-
testpartei. Sie repräsentiert auch Einstel-
lungen und Meinungen eines gar nicht so
kleinen Teils der Bevölkerung.
also auch nicht. Ist das nicht eine
schleichende Aushöhlung der Demo-
kratie?
Ja, leider ist das so. Die EU ist deutlich we-
niger demokratisch als die meisten ihrer
Mitgliedsländer, nicht zuletzt Deutsch-
land. Würde die EU die Aufnahme ihrer
selbst in den Klub verlangen, sie würde
wegen gravierender Defizite abgelehnt.
Das Europäische Parlament bietet keinen
Ausweg aus dem Dilemma. Die Bürger
schätzen es nicht, falls sie überhaupt
seine Kompetenzen kennen. Die Wahl-
beteiligung ging seit 1979 noch bei jeder
Wahl zurück. Bei den letzten Wahlen
2014 beteiligten sich europaweit nur
noch 43,1 Prozent. Ein dünnes Eis, das
nicht weit trägt.
Warum aber nicht gegen eine Entwick-
lung protestiert wird, die 1 Prozent oder
0,1 Prozent der Gesellschaft schamlos su-
perreich macht, ist auch für Politikwis-
senschaftler schwer zu erklären. Die
demokratischen Regierungen haben welt-
weit mit der perspektivlosen Deregulie-
rung der Märkte und der Privatisierung
öffentlicher Güter dem Kapitalismus zu
viel Raum gegeben. Der Zauberlehrling
hat zu viel aus der Hand gegeben.
Ist Pegida ein Symptom für eine Krise
der Demokratie?
Nein, das wäre zu viel der Ehre für diese
dubiose Organisation. Eine Demokratie
kann, soll und muss auch diese Manifesta-
tionen aushalten, selbst wenn sie latente
fremdenfeindliche Ansichten zum Aus-
druck bringen.
In Sachsen lag die Wahlbeteiligung
voriges Jahr bei historisch niedrigen
49,1 Prozent. Was ist eine Demokratie
noch wert, in der jeder Zweite nicht
zur Wahl geht?
Fast nur die Hälfte. Dabei geht es nicht
nur um die niedrige Wahlbeteiligung,
sondern vielmehr um deren ständigen
Rückgang. Das eigentliche Problem aber
ist, dass diejenigen, die nicht wählen
gehen, kein repräsentativer Durchschnitt
der Bevölkerung sind. Sie sind vor allem
den unteren Schichten zuzurechnen.
Nicht nur in Sachsen, sondern auch in
ganz Deutschland, Europa und der gesam-
ten westlichen Welt: Die unteren Schich-
ten steigen aus der politischen Teilnahme
aus. Wir laufen Gefahr, zu einer „Zwei-
Drittel-Demokratie“ zu werden.
In Deutschland gibt es viele, die mit
Putin sympathisieren. Steckt dahinter
auch eine Sehnsucht nach dem „star-
ken Mann“, den es in einer Demokra-
tie kaum geben kann?
Die Deutschen fühlen sich da doch besser
bei einer „Mutti“ aufgehoben, die nicht
polarisiert, keine klare Meinung vorträgt,
abwartet und sich geradezu präsidial
überparteilich gibt. Ihr Typus verkörpert
in Wort und Bild eher den deutschen
Durchschnittstypus als eine herausgeho-
ben autoritäre Regentin.
Man könnte Pegida auch so sehen:
Tausende machen von ihrem Bürger-
recht auf Demonstration Gebrauch
und stoßen eine Debatte an. Ist das
nicht lebendige Demokratie pur?
Das wäre ja ein schickes sächsisches Para-
dox: Bürger mit teilweise undemokrati-
schen Einstellungen äußern diese auf der
Straße, und schon wird die eingeschla-
fene Demokratie wieder quicklebendig.
Aber dafür ist Pegida selbst zu wenig de-
mokratisch. Dennoch: Da gibt es Bürger
– und das geht über Pegida und AfD
hinaus –, die fühlen sich von den konven-
tionellen Parteien nicht mehr repräsen-
tiert. Sie gründen neue Parteien und Orga-
nisationen und füllen damit eine Reprä-
sentationslücke. Auch das ist Teil, wenn
nicht gar Stärke der Demokratie.
Oft hört man jedoch, die Wahlbeteili-
gung sei so niedrig, weil es den Men-
schen einfach zu gut geht.
Es gibt diese Zufriedenheitsthese, sie
kommt vor allem aus den USA. Dies ist
empirischer Unsinn. Denn es sind nicht
die saturierten oberen Mittelschichten,
die sich der Wahlen enthalten. Die
wählen fleißig überproportional weiter.
Es sind die unteren Schichten, die mit ih-
rem Leben unzufrieden sind. Sie protes-
tieren aber immer weniger, sondern zie-
hen sich resigniert in die politische Apa-
thie zurück.
Brauchen wir vielleicht doch wieder
mehr Nationalstolz, um die Menschen
für Politik zu begeistern?
Nein, weiß Gott nicht. Da reicht schon die
Begeisterung für unsere Fußball-Elf.
„Wir“ spielen uns gegenwärtig schon ge-
nügend als wirtschaftspolitischer Lehr-
meister in Europa auf. Das wird Deutsch-
land längerfristig in der EU zurückgezahlt
werden. Am deutschen Wesen soll bitte
niemand genesen.
Viele klagen, es gebe kaum noch Un-
terschiede zwischen den Parteien. Was
sagt die Politikwissenschaft dazu?
Das ist zwar ein populärer Spruch, stimmt
aber nicht. Die Programme von FDP und
der Linken, der AfD und den Grünen un-
terscheiden sich erheblich. Richtig ist,
dass die beiden großen Parteien CDU/CSU
und SPD sich in Fragen der Finanz-, Wirt-
schafts- und Sozialpolitik nur noch wenig
unterscheiden, wenn sie in der Regierung
sitzen. Große Koalitionen sind aber kei-
neswegs weniger demokratisch als an-
dere Koalitionen, da sie einen größeren
Anteil der Wähler repräsentieren.
Der sächsische CDU-Landtagsabgeord-
nete Lars Rohwer vergleicht Pegida
mit der 68er-Bewegung, weil die „Sys-
temfrage wieder auf der Tagesord-
nung“ sei. Sehen Sie auch Parallelen?
Das ist im ersten Anschein ignorant, bei
genauerer Ansicht geradezu abstrus. Wer
Pegida attestiert, sie hätte die Systemfrage
gestellt, also die Frage nach dem Sein oder
Nicht-Sein der Demokratie, bläst die Be-
deutung einer in sich gerade zusammen-
fallenden Bewegung noch mal kräftig auf
und unterschätzt fahrlässig die Robust-
heit unserer Demokratie. Der Vergleich
mit der 68er-Bewegung offenbart zudem
eine erstaunliche historische Unkenntnis.
In Belgien gibt es eine Wahlpflicht.
Aber kann das die Lösung sein, die
Bürger an die Wahlurne zu zwingen?
Ich halte eine Wahlpflicht für sinnvoll.
Einmal in vier oder mehr Jahren zu Kom-
munal-, Landtags-, Bundestags und Euro-
pawahlen zu gehen ist keine Freiheits-
beraubung. Das Steuerrecht verlangt von
den Bürgern ganz andere Pflichten. Bei
einer Wahlpflicht sollte es aber auch eine
Protestoption auf dem Wahlzettel geben,
das heißt eine Wahlkategorie, die besagt:
Weil sich immer mehr vom System ab-
wenden, wird jetzt oft nach politischer
Bildung gerufen. Riecht das nicht nach
„Staatsbürgerkunde“ wie in der DDR?
Nein, Staatsbürgerkunde ist keine Anwei-
sung von oben. Es ist eine Ermächtigung
der Zivilgesellschaft, die da oben zu kon-
trollieren und sich aktiv in die öffentli-
chen Angelegenheiten einzumischen.
Heute vollziehen sich nämlich politische
Lernprozesse viel stärker in der Zivil-
gesellschaft als unter staatlicher Ägide.
Ausgerechnet den Ostdeutschen, die
ihre Freiheit selbst erkämpft haben,
wird vorgeworfen, ihnen fehle Demo-
kratie-Erfahrung. Ist es nicht umge-
kehrt so, dass Westdeutsche in einer
Wohlfühldemokratie gelebt haben?
Die Bürgerrechtsaktivisten und die gro-
ßen Montagsdemonstrationen 1989 in der
DDR verdienen allen Respekt. Gerade von
den Wohlstandswessis, die die Chance der
Demokratie 1945 auch eher von den
Westmächten „geschenkt“ bekamen. Für
Ostdeutschland wurde die Freiheit eher in
Moskau entschieden, in Polen erkämpft
und in Ungarn vorbereitet. Erst dann
wuchs der Protest auch in der DDR.
„Keine der Parteien.“ Die Wahlpflicht
alleine wird es allerdings nicht richten.
Sind Islam und Demokratie miteinan-
der vereinbar?
„Den“ Islam und „die“ Demokratie gibt es
nicht. Es gibt Schiiten, Sunniten, Sufis, IS,
Euroislam, Hassprediger, Judenhasser,
aber auch rechtsstaatlich-demokratisch
denkende Muslime in Europa und anders-
wo. Allerdings kann kein Zweifel beste-
hen, dass manche Varianten des gegen-
wärtigen Islam nur schwer mit den Gebo-
ten der Demokratie vereinbar sind. Wer
den Abfall vom „rechten Glauben“ drako-
nisch bestraft, wer Homosexualität krimi-
nalisiert, die sexuelle Selbstbestimmung
der Frauen verweigert, wer Kritik am Pro-
pheten mit Fatwas belegt, der steht außer-
halb der Demokratie. Leider reden wir
weltweit da nicht über kleine Minder-
heiten.
Der System-Kollaps kam dann für viele
unerwartet. Können wir sicher sein,
dass unsere Demokratie stabil ist?
Unsere Demokratie ist nicht perfekt. Der
faktische Ausschluss der unteren Schich-
ten ist besorgniserregend. Die Transfor-
mation der sozialen Marktwirtschaft in
eine sozial unsensible Marktgesellschaft
stellt ein Problem dar. Aber: Die deutsche
Demokratie zählt in der Politikwissen-
schaft mit Recht zu den besten der Welt.
Zudem ist sie außerordentlich stabil.
Daran ändert auch die randständige
Pegida nichts.
Gespräch: Marcus Krämer
Inwiefern?
Die damalige Studentenbewegung ist
angetreten, die Reste der formierten
Adenauer-Gesellschaft aufzulösen. Sie
wollte die Gesellschaft öffnen, Pegida will
sie schließen. Sie trat für die Überwin-
dung nationaler Engstirnigkeit ein, Pegida
will zurück in nationalistische Ressenti-
ments. Die Studentenbewegung hat die
bundesdeutsche Gesellschaft kulturell
modernisiert, Pegida parodiert mit rück-
wärtsgewandten Parolen.
Sind Volksentscheide ein Mittel, um
die Bürger wieder mehr für Politik zu
interessieren?
Jein. Zum einen erweitern Volksent-
scheide die Mitwirkungsmöglichkeiten.
Das ist positiv. Aber: Zu Volksentscheiden
gehen noch weniger Bürger als zu Wah-
len. Je häufiger sie stattfinden, umso we-
niger nehmen teil. Je weniger sich beteili-
gen, umso größer ist der Überhang der
Mittelschichten und die Unterrepräsen-
tation der unteren Schichten. Wenn
knapp 25,1 Prozent vor allem der männ-
lichen Mittel- und Oberschichten mittle-
ren Alters ein Gesetz beschließen, das für
alle gilt – dann kann das auch weniger De-
mokratie bedeuten. Dann erhebt sich mit
Fug und Recht die Frage: Wer ist das Volk?
In Brüssel werden viele wichtige Ent-
scheidungen getroffen, die unser
Leben betreffen. Das EU-Parlament hat
darauf nur wenig Einfluss, wir Wähler
Warum gibt es in Deutschland eigent-
lich keine Massenproteste gegen die
zunehmende soziale Ungleichheit?
Wir sind eine saturierte Mittelschichts-
gesellschaft geworden. Die benachteilig-
ten Schichten beteiligen sich nur noch
wenig an der Politik. Gewerkschaften ver-
treten nicht mehr die Unterschichten.
Wolfgang Merkel, geboren
1952 in Hof, ist Professor
für Politikwissenschaft und
Direktor der Abteilung
„Demokratie und Demokra-
tisierung“ am Wissenschafts-
zentrum Berlin für Sozialforschung. Soeben
erschienen ist das von ihm herausgegebene
Buch „Demokratie und Krise“, Verlag Sprin-
ger VS, 500 Seiten, 59,99 Euro.
Mehr als 25 000 Menschen kamen nach Schätzungen der Polizei am 12. Januar 2015 zu dieser Pegida-Demonstration in Dresden.
Foto: Arno Burgi / dpa