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Das Skotom des Normalen.

1
Kritische Einordnung und theoretische Erweiterung eines
missbrauchsanalytischen Readers.*
Ulrich Kobbé

Vorab
Dieses Vorwort ist keine einfach kommentierende Einleitung aus fachlicher Sicht, denn … das vorlie-
gende Buch vom Homes erweist sich als mehrfach ‚problematisch’, dessen Rezension sich mithin als
‚brisant’, sprich, als ein zwangsläufig sehr subjektives Unterfangen – in diesem Sinne wird am eige-
nen latenten Unbehagen aufzuzeigen sein, worin das Unerhörte dieses Buches besteht:
1. Zum einen thematisiert der Autor eine entwicklungs- und sozialpsychologisch höchst bedeutsame
forensische Interaktionsdynamik, die im Rahmen gesellschaftlich längst fälliger Debatten um
Missbrauch und andere sexuelle Gewalt zugleich ausgeblendet wurde.
2. Zum anderen nimmt Homes psychodynamische Zuschreibungen und Interpretationen vor, die bei
oberflächlicher Betrachtung zwar schlüssig erscheinen mögen, sich bei theoretisch fundierter Ana-
lyse jedoch als kurzschlüssig, mithin als falsch erweisen müssen.
3. Hinzu kommt, dass er in seiner konsequent tabulosen Entzauberungsstrategie dazu tendiert, sich
das Buch – so jedenfalls der Blick in die Reaktionen auf die Erstauflage des Buches (S. 322 ff.)
und Ergebnisse einer eigenen Internetrecherche – dazu anbietet, als Rechtfertigungs- und Kampf-
instrument missbraucht zu werden, d. h. Beifall von der falschen Seite (von Pädophilengruppen,
von militanten Vätervereinen etc.) zu erhalten.
Dass sich der Verfasser dennoch für das Schreiben dieses Vorworts – und so auch für eine Mitver-
antwortung der Publikation dieses Buches – entschieden hat, liegt vor allem darin begründet, dass
diese Arbeit eine wissenschaftliche und fachpublizistische Lücke schließt, ein informelles Defizit ver-
ringert und prinzipiell aufklärerischen Impetus hat. Genau genommen legt Homes nicht ein Fachbuch
im eigentlichen Sinne, sondern eine umfangreiche Fachdokumentation vor, in der er in wissenschafts-
jounalistischer Strategie auf eigene Theoriebildung verzichtet und sich diese dort ausborgt, wo sie
ihm in den recherchierten Veröffentlichungen zur Verfügung gestellt wird. Diese Programmatik hat je-
doch zu Folge, dass Homes in seiner Modellbildung jeweils nur so weit zu springen in der Lage ist,
wie ihm dies die Autoren der betreffenden Basisliteratur ermöglichen … und dies ist an einigen Stel-
len (siehe unten) für ein fundierteres Verständnis, für eine theoretische Einordnung zitierter Fakten
und Meinungen zu kurz. Dies (er)forderte anstelle einer nur kommentierenden Einleitung einen theo-
retischen Vorspann als sozusagen ‚co-mentierenden’ Rahmen, als eine Art ‚Kon-Text’ zum Text.

Subjekt und/oder Objekt des Diskurses? 2


Betrachtet man den bisherigen gesellschaftlichen Diskurs über die Thematiken des Kindesmiss-
brauchs, der – sexuellen – Gewalt an Kindern, so sind einerseits zwar ein hohes Ausmaß an effekti-
ver Aufklärung, ein Nachholen an Opferengagement und eine Verschärfung strafrechtlicher Sanktio-
nen als effektive Wirkungen zu verzeichnen; andererseits aber tendiert die Opferdiskussion zur Ent-
wicklung eines hysterischen Diskurses, in dem versucht wird, die Dialektik von Täter- und Opferseite
einseitig aufzulösen.
Anders formuliert: Wenn ich als Frau, auch als männlicher ‚Gutmensch’ und normenorientierter Bür-
ger ein – potentielles – Opfer bin oder als Kind eines war, fällt die Täterrolle zwangsläufig einem An-
deren zu und muss ich mich nicht mehr selbstkritisch danach fragen (lassen), was denn meine devi-
anten Anteile und Alltagspraxen sind. Psychologisch formuliert, ist der hysterische Opferdiskurs ein
nicht nur rechthaberischer sowie ein zugleich zirkulärer, selbstbezogener (statt wechselseitiger) Dis-
kurs. Wie so viele dieser auf Skandalisierung (des Missbrauchs) und auf Dämonisierung (des ‚Kinder-
schänders’) abzielenden Opfer-Diskurse offenbart deren zum Teil paranoid-offensiver Aktionismus ei-

*
Vorwort für Homes, Alexander Markus. (2005; geplanten Neuauflage 2006). Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am
Kind. Lengerich: Pabst.
ne manifest aggressiv-defensive Tendenz, den als vollkommen ich-fremd, uneinfühlbar, fern usw.
dargestellten Täter dadurch zu strafend zu verfolgen, dass Skandalisierung und Dämonisierung ge-
eignete Mittel sind, den Anderen propagandistisch aus der Gemeinschaft auszuschließen und in ein
soziales Abseits zu verbannen (Margalit 1999, S. 114-116). Diese ethisch-moralisch durchaus an-
greifbare Reaktionsweise tendiert dazu, den Missbraucher zu entmenschlichen und verdinglicht zu
behandeln, ohne dabei die ethische Problematik seiner selbstgerechten Position des moralisierenden
Recht-Habens zu erkennen, geschweige denn zu reflektieren:
„Wer betroffen ist, wähnt sich dabei von vornherein im Recht: er steht hier und kann nicht anders.
So zufällig es ist, wer denn betroffen ist, so unbestimmbar sind auch die Folgen, die der Betrof-
fenheit entwachsen. Betroffenheit ist ein Fetisch, vor dem alle Argumente in die Knie zu gehen
haben. Vor ihr dankt alle Vernunft ab. Persönliche Betroffenheit wird heutzutage stets dann rekla-
miert, wenn die Argumente entweder ausgegangen sind oder man sich mit ihnen nicht mehr ab-
geben möchte. Betroffenheit gilt als kostenloser moralischer Bonus allen denjenigen gegenüber,
die mit ihr nicht aufwarten können. Wer sie an Stelle eines Arguments für sich reklamiert, setzt
das zufällige Ich als letzte Bastion der ihm fremden und unverständlichen [Innen-]Welt [des Miss-
brauchers] gegenüber. Betroffenheit als letzte Größe ist Aufspreizung des Subjekts mit gleichzei-
tigem Verlust seiner Vernunft, ist Distanzlosigkeit“ (Pohl 1983, S. 109-110).
In der Tat hemmt Differenzierung den Elan. Um so schwieriger ist es, angesichts eines affizierenden
Themas, eines moralisierenden parteilichen Opferdiskurses und eines emotionalisierten gesellschaft-
liches Klimas eine unabhängig-reflektierte, versachlichende und sozusagen a-moralische Haltung
einzunehmen bzw. zu bewahren, um einen wissenschaftlichen Diskurs führen zu können. Das Buch
von Homes zumindest konterkariert die zum Teil höchst einseitig und emotionalisiert geführten Täter-
Opfer-Diskurse, indem es in weiten Teilen eine wissenschaftliche Materialsammlung zur Verfügung
stellt. Kritisch bleibt dabei einzuwenden, dass die Form der Zitatmontagen dazu tendiert, wissen-
schaftliches Arbeiten als eine Art von exzerpierendem Sampling vorzuführen und unterschiedliche
AutorInnen quasi gnadenlos zu montieren, doch wird dieses Buch damit auch zu einem „Steinbruch“
im Foucaultschen Sinne, zu einer „toolbox“, aus der Interessierte sich – allerdings fast beliebig – be-
dienen können3.

Frau – Mutter – Täterin


Nicht aus Versehen war bislang von ‚dem’ Missbraucher die Rede … Die gesellschaftlichen Diskurse
vermeiden konsequent die Vorstellung, auch Frauen – Mütter gar – könnten Täterinnen (gewesen)
sein. Erinnern wir uns: Nachdem in den USA 1874 erstmals die Bezeichnung ‚Grausamkeit gegen-
über Kindern’ ( „cruelty to children“) als spezifischer Begriff aufkam, war es dennoch ein relativ lang-
wieriger Weg bis zur definitiven Formulierung des ‚Kindesmissbrauchs’ ( „child abuse“); wesentlich
hierfür war die US-amerikanische Agitation gegen den Kindesmissbrauch im Jahre 1961, als durch
die American Medical Association das ‚Syndrom des geschlagenen (Klein-)Kindes’ („battered child
syndrome“) präsentiert und damit öffentlich diskutiert (werden darf), dass – manche – Eltern ihre Kin-
der missbrauchen. Zwar erweitert sich der Fachbegriff von der körperlichen auf den – auch oder pri-
mär – sexuellen Missbrauch und wird dies nicht mehr nur Devianten und außerfamiliären Fremden
zugeschrieben, doch bleibt der Inzest nach wie vor Männersache: Der neue Terminus technicus er-
wies sich als nicht nur moralischer Begriff, sondern als zugleich in höchstem Maße kausalattribuie-
render Begriff.
Frauen – und erst recht Mütter – blieben in öffentlichen wie im wissenschaftlichen Denken geradezu
ausgespart. Frauen waren und blieben dichotom wahrgenommene Wesen zwischen Madonna oder
Hure, was einer schablonenhaft männlichen Wahrnehmung der Frau als zwei verschiedener und ge-
trennter Wesen – das der Heiligen und das der Sünderin, das der Mutter und das der Hure – folgt(e)
und die ‚normale’ (Ehe-)Frau und Mutter als ein a-sexuelles, "geheiligtes" Liebesobjekt konzipiert(e).
Symptomatisch ergibt sich denn auch die Brisanz der Disco-Diva und Pop-Ikone ‘Madonna’ weniger
aus deren Gesangsqualitäten denn vielmehr aus ihrer inszenatorischen Ambivalenz: Durch ihre
wechselnden Repräsentationsformen – als mithin Präsenz wie auch Präsent – und Rollenüberschrei-
tungen erscheint sie einerseits als kalkuliertes Produkt männlicher Wunschvorstellungen, anderer-
seits ist sie Repräsentantin eines ganz eigenen weiblichen, sexuellen Selbstbewusstseins. Madonna
sprengt die üblichen dichotomen Visualisierungen des Weiblichen in polare Klischees von Madonna
bzw. „good girl“ versus Hure bzw. „bad girl“, von Opfer versus Täterin, und erschafft sie sich selbst als
Konstrukt, als ‚Heilige Hure Madonna’, als wandelbare Projektionsfläche innerhalb der Medienkultur.
Vergessen wir dabei nicht: Diese Madonna ist – unvorstellbar! – Mutter ... Bezeichnenderweise ist die
überzeugende Arbeit von Welldon (2003) über ‚Perversionen der Frau’ im englischsprachigen Original
ursprünglich unter dem Titel „Mother, Madonna, Whore“ (‚Mutter, Madonna, Hure“) erschienen.
Problematischerweise bleibt Homes jedoch gewissermaßen ‚unentschieden’, ob er mit seinem Buch
das Unerhörte des inzestuösen Missbrauchs des Kindes durch (s)eine Mutter untersuchen und dies
bislang gesellschaftlich und wissenschaftlich marginalisierte Thema aktualisieren will, oder ob es ihm
um eine Analyse der intrapsychischen und interpersonellen Dynamik inzestuöser, gewalttätiger Mut-
ter-Kind-Beziehungen mitsamt einer Art Psychopathographie weiblicher Perversion geht: Während
die Buchüberschrift auf das „von der Mutter missbraucht[e]“ Kind abhebt, focussiert der Untertitel als
Kehrseite dieser Problematik „Frauen und die sexuelle Lust am Kind“ … Das heißt:
Zwar arbeitet sich Homes kapitelweise vom (1) „’anderen’ Inzest“ am „Tatort Familie“ über (2) die
„sexuelle Lust“ von Müttern am Kind und dessen Funktion als Sexualobjekt zum (3) „Seelenmord“
am „stummen Opfer Kind“ und zum (4) Umschlag des potentiellen Opfers ‚Frau’ in eine mütterli-
che, perverse Täterin vor.
Zwar vervollständigt er diese Psychologie und Soziologie der Fakten durch (5) Darstellungen se-
xualwissenschaftlicher und sexualstrafrechtlicher Strategien „im Spiegel des Feminismus“, durch
(6) Zahlenmaterial zu Missbrauchsraten mit kritischen Stellungnahmen zu Manipulation und Miss-
brauch statistischer Daten, durch (7) Berichte über sexuellem Missbrauch in Heimen und Überle-
gungen zur Perpetuierung eines Opferdiskurses durch die interessierte Produktion von „Horror-
zahlen“.
Zwar untermauert er diese umfassenden Ausführungen durch (8) umfangreiches Zahlen-, Daten-
und Aktenmaterial, durch Zitatstellen, Publikationsverweise, Veröffentlichungen und kompiliert er
hierfür (9) insgesamt über 1.000 Literaturstellen zu einem beeindruckenden, repräsentativen Ar-
chiv.
Und so entsteht auch angesichts der Mehrgleisigkeit seiner thematischen Behandlung eine Notwen-
digkeit vorab (er)klärender Ergänzungen durch kontextualisierende Theoriearbeit, denn: Bedenklich
bleibt, dass Homes den Begriff ‚Perversion’ unzureichend definiert, dass und wie er den Begriff ‚Pä-
dophilie’ geradezu inflationär verwendet sowie die Dynamik der Täterin bzw. der Tat auf sexuelle De-
terminanten verengt.

Struktur – Symptom – Störung


Bei der Verwendung des diagnostischen Begriffs ‚Perversion’ ist generell zu unterscheiden,
ob dieser im Sinne einer klinischen Diagnose, eines psychopathologischen Terminus technicus
gebraucht wird, mithin eine sexuelle Devianz mit Krankheitswert kennzeichnet, bei der die Perver-
sionsbildung als stabile abweichende Orientierung mit Bindung der sexuellen Phantasien an per-
verse Inhalte charakterisiert werden muss und davon auszugehen st, dass eine befriedigende Se-
xualität von diesen perversen Praktiken und Phantasien abhängig ist, oder
ob dieser Begriff eine Struktur – der Persönlichkeit, der Interaktion bzw. des Handelns – angibt,
die dadurch typisierbar ist, dass der Andere entindividualisiert und ausschließlich wegen bestimm-
ter – realer oder projektiv attribuierter – Merkmale (des Aussehens, Geschlechts, Alters usw.) be-
gehrt, einseitig auf ein Objekt reduziert wird, wie dies auch in Tatabläufen der Fall sein kann; hier-
für unterscheiden Schorsch et al. (1985, S. 35) beispielsweise a) einen so genannten ‚perversen
Impuls’ als einmalige oder sporadische, an einen aktuellen Konflikt oder eine Lebenskrise gebun-
dene Handlung und b) eine so genannte ‚perverse Reaktion’ als wiederkehrendes, ‚habituelles’
Konfliktlösungsmuster bei psychischen Belastungen, aktuellen Konflikten wie auch Lebenskrisen.
Von dieser Differenzierung einer Störung und einer Struktur ausgehend wird deutlich, dass sich der
bei Homes vielfach als Substantiv (‚Pädophilie’) oder Adjektiv bzw. Adverb (‚pädophil’) gebrauchte
Begriff so leider bis zur Bedeutungslosigkeit verbraucht.
Reserviert werden sollte dieser Terminus technicus für die Diagnostik einer perversen Störung,
deren Leitsymptome darin bestehen, dass der/die Betreffende in seiner psychosexuellen Selbst-
und Fremdwahrnehmung, in seiner sexuellen Orientierung im oben genannten Sinne auf Kinder
und/oder Jugendliche festgelegt ist, diese aufgrund dieses Kriteriums – charakteristischer Merk-
male des kindlichen oder (prä)pubertären Aussehens, Charakters, Verhaltens – begehrt, wobei für
seine/ihre sexuelle Befriedigung eine Abhängigkeit von diesen pädophilen Praktiken und Phanta-
sien vorliegt.
Dem gegenüber sollten erotische und/oder sexuelle Beziehung Erwachsener mit Kindern oder Ju-
gendlichen – ob phantasiert oder real inszeniert – ohne diese Festlegung und Abhängigkeit, d. h.
ohne die Merkmale eine klinischen Störung, terminologisch als ‚pädosexuell’ gekennzeichnet wer-
den. Wenngleich pädosexuelle Praktiken demzufolge keinen Krankheitswert im klinischen Sinne
haben, erfüllen sie – wie in vielen Missbrauchsfällen – oft sehr wohl das Kriterium einer pervers
strukturierten Praxis einer aggressiven Vereinnahmung oder eines gewalttätigen Benutzens des
kindlichen Objekts.
Vor dem Hintergrund dieser gleichzeitigen Unterscheidung einer pädophilen Orientierung von einer
pädosexuellen Praxis ohne diese Orientierung wird deutlich, dass die betreffenden Mütter (und Väter)
in ihren missbrauchenden Motiven keineswegs so deviant, so ‚anormal’ sind bzw. sein müssen, wie
dies bei der Lektüre des Buches von Homes scheinen könnte.

Deutung und Bedeutung des perversen Symptoms


Mitbedingt wird dieses Missverständnis bereits durch den zwar griffigen, in seiner plakativen Verkür-
zung aber zugleich irritierenden Untertitel mit dem Fokus einer „sexuellen Lust am Kind“. Die notwen-
dige Bereitschaft beim Leser zur Differenzierungsleistung zwischen perverser Störung und perverser
Struktur sowie zwischen pädophiler und pädosexueller Missbrauchspraxis vorausgesetzt, bedarf es
noch eines weiteren kritischen Exkurs in die Theorie:
Homes versteht das Kind als „Sexualobjekt von Frauen und Müttern“, beschreibt den Körper des Kin-
des als ein „begehrtes Sexualobjekt“ und verweist dabei auf einen zwar bedeutungsvollen, jedoch
nicht den wesentlichen Aspekt dieses Begehrens. Das Wesen des Missbrauchs als ein pervers struk-
turiertes Symptom lässt hingegen qualifizierter erfassen, wenn es auf seinen Ausdruckgehalt und auf
seine dahinter entschlüsselbare Grundproblematik hin untersucht wird. Diesbezüglich lässt sich in
Erweiterung der Arbeiten von Schorsch et al. (1985, S. 49) schematisch angeben, dass folgende
Aspekte des pervers strukturierten Symptoms als dessen Bedingungen angegeben werden können
(vgl. Abb. 1):

Deutlich wird, dass bei den Motiven des Missbrauchs nicht primär ‚Lust’ im Sinne einer sexuellen Be-
friedigungslust ausschlaggebend ist, sondern dass es – im Spannungsbogens zwischen Angstabwehr
und Wunscherfüllung – darum geht, als unerträglich erlebte oder antizipierte Zustände von ‚Unlust’4
zu vermeiden und sich durch die symptomatische Missbrauchshandlung situativ zu stabilisieren. Da
dieser Effekt jeweils nur vorübergehende Wirkung haben kann, tendiert dieses perverse Bewälti-
gungsmuster dazu, den Charakter eines wiederkehrenden, schließlich habituierten Konfliktlösungs-
musters im Sinne der oben genannten ‚perversen Reaktion’ anzunehmen.

Inzest als Spannungsfeld von Lust und Unlust


Wenngleich ein inzestuöses Begehren in seiner übergriffig-manipulativen Bemächtigung des Kindes
nicht nur amoralisch, sondern – gemessen an gängigen Norm- und Normalitätsvorstellungen – auch
unnatürlich erscheinen mag: Bereits das ‚Du-sollst-nicht’ in mehreren Geboten des Dekalogs macht
darauf aufmerksam, dass jedes Begehren als solches nicht nur zur problematischen Natur des Men-
schen gehört, sondern dass dieses Begehren immer auch grenzüberschreitend, anders formuliert,
immer auch aggressiv unterlegt ist. Der Inzest, die Überschreitung der innerfamiliären Generationen-
schranke, erweist sich dabei als ebenso ursprünglich-‚natürlich’ wie zugleich am zivilisatorischen Ur-
sprung jeder menschlichen Akkulturation verboten. Er ist, wie Foucault am geschichtlichen Beispiel
des despotischen Souveräns aufzeigt, als eine „der beiden großen verbotenen Konsumtionen“ (Fou-
cault 1975b, S. 133)5 Ausdruck eines monströsen Missbrauchs der Macht. Inzest ist, wie er unter Be-
zugnahme auf den Soziologen Durkheim, den Ethnologen Lévi-Strauss und den Psychoanalytiker
Freud ausführt, das „Verbrechen der Könige, Verbrechen aufgrund eines Zuviel an Macht“ (Foucault
1975b, S. 141). Was der historische Exkurs aufzeigt, ist die Dynamik der Macht und Verfügungs-
macht innerhalb der Missbrauchs- und Inzest-Thematiken, was sie für die Bewältigung von Macht-
Ohnmacht-Konflikten im Kontext der zuvor skizzierten Symptombedeutungen und Grundproblemati-
ken so sehr prädestiniert.
Dass dabei beiderlei Geschlecht die Möglichkeit einer ‚phallischen Potenz’ zugeschrieben wird, resul-
tiert aus der Tatsache, dass diese nicht an das biologische Organ des Penis gebunden ist, sondern
sich auf einen imaginären Phallus ( ) als Objekt des Begehrens in der infantilen Vorstellung oder auf
einen symbolischen Phallus ( )6 bezieht, der zwischen Mutter und Kind zirkuliert, in dieser Dialektik
sowohl auf das jeweils eigene Begehren wie den dabei erlebten Mangel verweist und in seiner phalli-
schen Symbolfunktion die Grundlage der Sexuierung7, der geschlechtlichen Identitätsbildung ( „gender
position“), legt.
„Bezieht man sich auf den Phallus als Symbol für psychophysische doppelgeschlechtliche Voll-
kommenheit und deren Unerreichbarkeit, dann geht es für beide Geschlechter um die Anerken-
nung der symbolischen Kastration“ (Becker 2003, S. II).
Die in dieser Intersubjektivität angelegte Spannung bedarf einer Regulation des Begehrens und des
Genießens, das im zuvor skizzierten Sinne durch das Lustprinzip geleistet wird. Indem Lust die Erhal-
tung einer Homöostase als Zustand von Beständigkeit beinhaltet, der durch jedes Genießen gestört
oder verletzt zu werden droht, gerät das Lustprinzip letztlich zu einem symbolischen Gesetz und liegt
der vorgenannten Geschlechtsidentität eine Integration in die (symbolisch repräsentierten, sprachlich
vermittelten) sozialen Gesetzmäßigkeiten – eine so genannte symbolische Kastration (- ) – zugrun-
de, die diesen Exzess des Genießens verweigert. Vor diesem Hintergrund ist es das Lustprinzip, das
in Form des Inzestverbots die Distanz zwischen dem Subjekt und dem (verbotenen) Objekt des inze-
stuösen Begehrens aufrecht zu erhalten bzw. zu regulieren sucht. Die von Homes zitierte „sexuelle
Lust“ ist folglich ein eher umgangssprachlicher Begriff: Sie ist keineswegs die sich selbstbegrenzende
Lust dieses homöostatischen Prinzips, sondern meint die Überschreitung der Inzestschranke … und
enthält in diesem Exzess einen zugleich unlustvollen Aspekt, der als soziale Scham und moralische
Schuld die Täterin ebenso bedroht wie von ihr (siehe Abb. 1) verleugnet, abgewehrt werden muss.

Perverse Symptombildung als Prothese und Fetisch gleichermaßen


Wenn in dieser Modellbildung mehrfach darauf Bezug ge-
nommen wurde, dass dies Missbrauchsdynamik für den/die
Täter/Täterin stabilisierende Funktion hat, so bezieht sich dies
auf das allgemeine Phänomen, dass die intrapsychische Struk-
tur störbarer ist, als allgemein angenommen. Freud hat diese
Struktur als Instanzen des Es – Ich – Überich konzeptualisiert,
die entwicklungspsychologisch in dieser Abfolge aufeinander
aufbauen bzw. sich auseinander entwickeln. Lässt man sich
auf dieses Modell ein, so erweisen sich diese Instanzen als keineswegs voneinander unabhängig, ja,
nicht einmal voneinander scharf abgegrenzt, sondern als miteinander verschränkt. Hierbei dienen be-
reits alltagsneurotische Symptome – Gewohnheiten, Rituale und Vermeidungsverhalten, Statussym-
bole, Fetischobjekte (Accessoires, Schmuck …) und weitere prothetische Hilfsmittel (Brille, Zahner-
satz, andere Prothesen, Handy …), Stereotype und Vorurteilsbildungen, Glaubenssätze und ideologi-
sche Fixierungen – dazu, diese konstitutionell brüchige Struktur kompensatorisch zu stabilisieren. Für
das perverse Symptom, so auch die Missbrauchshandlungen, unterstreicht Morgenthaler (1974, S.
29) deren Funktion „als Plombe, Pfropf, als ein heterogenes Gebilde […], das die Lücke schließt, die
eine fehlgegangene narzisstische Entwicklung geschaffen hat. Dank dieser Plombe wird die Homöo-
stase im narzisstischen Bereich ermöglicht und aufrechterhalten“. Indem diese Plombenbildung eine
„prothetische Struktur“ aufweist, kompensiert das Symptom Strukturrisse als ‚Lücken’ in der Struktur
des Selbst, wie sie in Abb. 2 topologisch als Notwendigkeit einer reparativen Überbrückung zwischen
den Instanzen des Ich und des Überich dargestellt wird.
In diesen Ausführungen wird bereits erkennbar, dass das missbrauchte Kind nicht ‚einfach’ nur „Se-
xualobjekt“ ist, wie von Homes anhand referierter Befunde zitiert: Zwar wird es innerhalb sexualisier-
ter Mutter-Kind-Beziehungen zu einem sexuellen Objekt gemacht, doch erfüllt es auf Seiten der Täte-
rin – wie oben bereits umrissen – nicht primär lustvoll-sexuelle Funktionen im Sinne der Befriedigung
irgendeiner abnormen Geilheit, sondern es hat die Funktion eines so genannten ‚Partialobjekts’. Das
bedeutet in Anlehnung an die Theorie der Perversionsentwicklung und -dynamik bei der Frau, dass
diese „als Dysfunktion des sexuellen Teils der Persönlichkeitsentwicklung mit einer Spaltung in geni-
tale Sexualität und in etwas, das nur den Anschein von Sexualität hat und gänzlich prägenitalen, vor
allem aggressiven Zielen dient“, verstanden werden kann (Becker 2003, S. V-VI). Dabei bezieht sich
Welldon auf die – auch bei Homes aufgegriffene – Arbeit Stollers, wonach die Perversion als „eroti-
sierter Hass“ (Stoller 1979) dadurch beschreibbar ist,
dass eine Perversion das – erneute – Durchleben eines gezielt gegen das eigene Geschlecht (als
körperlich Bedingtheit) oder gegen die Geschlechtsidentität (männlich – weiblich) gerichteten
Traumas ist,
dass dieses Trauma mit „allzu früher Erregung“ im Sinne zu großer, den Reizschutz durchbre-
chender Stimulation, zu geringer Erregungsabfuhr und/oder zu drückendem Schuldgefühl einher-
geht,
dass die Vergangenheit in der perversen Handlung ungeschehen gemacht werden soll (und situa-
tiv wird), indem das Trauma in Lust, Orgasmus, Sieg verwandelt wird,
dass das Bedürfnis – rspkt. der Drang – nach Wiederholung, nach unendlicher, ewiger Wiederho-
lung auf dieselbe stereotype Weise, aus der Unfähigkeit herrührt, sich von der Bedrohung, dem
Trauma, vollständig zu befreien,
dass wiederholt wird, weil Wiederholen eine Flucht vor dem frühen Trauma bedeutet,
dass Feindseligkeit, Rache, Triumph und ein entpersönlichtes Objekt – ob in krasser Form oder
verdeckt – wesentliche und unerlässliche Elemente der perversen Phantasie sind.
Indem die perverse Inszenierung als versuchsweise Umkehrung des infantilen Traumas verstanden
werden kann, wird in dieser nicht nur eine Rachephantasie inszeniert, sondern in der ständigen Wie-
derholung auch die Funktion einer „lebensnotwendigen Regulierung des Selbstwertgefühls i. S. der
narzisstischen Plombe“ erfüllt (Becker 2003, S. VI). Diese Modellbildung zum Kind als manipuliertem,
mütterlichem Partialobjekt8 ließe sich über Ausarbeitungen, wie sie der ebenfalls von Homes zitierte
Psychoanalytiker Khan zur „Wiedergutmachung am Selbst als idolisiertem innerem Objekt“ (Khan
1989, S. 9-18) und zur Rolle des „montierten inneren Objekts“ bei der Perversionsbildung vornimmt
(Khan 1989, S. 170-196) vertiefen, doch erscheint für das Verständnis mütterlichen Missbrauchs am
eigenen Kind einer anderer, spezifisch weiblicher Blickpunkt bedeutsam: Neben diesem, als klassisch
zu bezeichnenden Perversionsparadigma ist für Welldons Verständnis der weiblichen Perversion ein
so genanntes „Körper-Kriterium“ ausschlaggebend:
Dieses „besagt, dass bei perversen Handlungen der Körper benutzt werden muss und dies bei
Frauen etwas anderes als bei Männern bedeutet: Bei Frauen wird der ganze Körper, der Uterus,
das Kind als Teil ihres Körpers bzw. der Körper des Kindes fetischisiert. Die Umkehrung des
Traumas bedeutet dann etwa, dass eine Mutter, die selbst Partialobjekt ihrer Mutter war, jetzt ihr
eigenes Kind (durch Kontrolle, Manipulation, Entlebendigung) dazu bringt, sich ihren eigenen,
dem Kind unangemessenen Bedürfnissen anzupassen. Für eine andere Mutter, die einst selbst
sexuell missbraucht wurde, kann das Ungeschehenmachen des Traumas bedeuten, dass sie ihr
damaliges Ausgeliefertsein an die Befriedigung des Erwachsenen gleichsam annulliert, indem sie
ihr eigenes Kind überstimuliert“ (Becker 2003, S. VI).
Einerseits führt Welldon (2003) diese speziellen Bedingungen perverser Mütterlichkeit theoretisch dif-
ferenziert aus, andererseits versteht sie es, die betreffenden Frauen plastisch zu beschreiben und ‚le-
bendig’ werden zu lassen.

Wissenschaftsethik – Wissen schafft Ethik


In diesem letzten Aspekt liegt eben auch einer der Schwerpunkte des vorliegenden Buches von Ho-
mes: Seine Fachdokumentation enthält zahlreiche Beispiele, Dokumentationen, Fallvignetten und
wird bzw. bleibt dabei konkret, authentisch, anschaulich und lebensnah.
Diese wissenschaftsjournalistische Arbeitsweise hat jedoch eine an manchen Stellen aufblitzende
Kehrseite, wenn Homes sich mit den Einflüssen der Institution ‚Kirche’ auseinandersetzt und sich
harsch mit den Auswirkungen der von ihm als „feministisch“ oder „radikal-feministisch“ etikettierten
Frauenbewegung auseinandersetzt. Hier kommt ihm bisweilen die wissenschaftlich gebotene Distanz
zum Untersuchungsgegenstand abhanden und gerät die sachbezogene Kritik mitunter zur polemisie-
renden Kritik. Bedauerlicherweise legt er sein erkenntnisleitendes Interesse nicht dar, sodass die Mo-
tivation zu diesen Kommentierungen nicht nachvollzogen werden kann – nötig hat seine Material-
sammlung diesen tendenziell diffamierenden Abschwung nicht: Das zusammengetragenen Belegstel-
len und Quellentexte sprechen für sich, sind auch so aussagekräftig und beunruhigend genug. Para-
doxerweise führt dies dazu, dass sich Homes in seiner Kritischen Position paradoxerweise an die von
ihm Kritisierten ‚bindet’, indem er sich ungewollt zu deren emotionaler Geisel macht.
Nun lassen sich Identitäten entgegen aller postmodernen Dekonstruktionen weder aushandeln noch
konstruieren, sondern als (vor)gegebene Identitäten nur annehmen, bejahen, sich zu eigen machen.
Das Interesse an der Wahrheit – und Wahrhaftigkeit – des Subjekts im wissenschaftlichen Diskurs
zielt also darauf ab, als Subjekt aus einer hinreichend reflexiven Position heraus sich mit allen Ab-
hängigkeiten und Hilflosigkeiten anzunehmen und in der Wirklichkeit des Sozialen einzufinden. Und in
diesem Sozialen geht es nicht primär um Nettigkeiten, politische Korrektheiten oder eine Ethik, son-
dern um die Konfrontation mit – ‚Skotomisierungen’ als – Bereichen der Täuschung und Selbsttäu-
schung, die durch entstellende bis verzerrende Vorstellungen, durch imaginäre Repräsentationen von
Frauen, Müttern und entsprechenden Zuschreibungen (siehe oben) und entsprechend ‚blinde Flek-
ken’, bestimmt werden.
„Die wahre Ethik beginnt jenseits des Sozialen, in der Konfrontation mit dem Realen“ (Waltz 2001, S.
123-124), mit den Tabus unerwünschter bis ängstigender Realitäten, hier: mit der Wirklichkeit einer
bis dato unmöglich gehaltenen Form inzestuöser Mütterlichkeit. Eine solche Wissenschaftsethik for-
dert (auf), dieser Konfrontation mit dem traumatischen Realen nicht defensiv, polarisierend und/oder
selbstgerecht auszuweichen, sondern in dem Festhalten an dem – immer auch aggressiven – eige-
nen Begehren den ethisch gebotenen Abstand zum (ausbeuterischen Genießen des) tabuisierten
oder dämonisierten Anderen, zum Zerrbild von Madonna – perverser Mutter – Hure aufrechtzuerhal-
ten.
Dass diese extrem anspruchsvolle Ethik inhaltlich tatsächlich zu verwirklichen wäre, darf bezweifelt
werden, doch liegen hier Potential und Verdienst des Buches von Homes begründet. Er sucht der
Reduzierung des Frauen- und Mutterbildes auf einen Prototyp entgegenzuwirken, bei der ein verall-
gemeinertes gemein(sam)es Phantasieobjekt ‚Mutter’ entworfen wird. Ein derart statisch fixiertes, un-
lebendig-starres mütterliches Phantasieobjekt verweist immer zugleich darauf, dass es bei (je)dem
Mitglied der sozialen Gemeinschaft eine – mehr oder weniger – ausgeprägte kollektive (Vor-
)Urteilsstruktur über Mütter – Mütterlichkeit – Mutterliebe usw. gibt. Indem nicht nur krampfhaft auf-
recht erhaltene Idealisierungen und Dämonisierungen sowie symbolisch vermittelte Tabuisierungen,
sondern auch Betroffenheit als kollektive Grunderfahrung die Mitglieder sozialer Gemeinschaften eint,
beinhaltet jedes Erkennen der Realität immer zugleich auch deren Verkennen und sieht sich jeder In-
teressierte in der Frau, der Mutter, der Täterin auch selbst, und zwar durch den Spiegel seiner Phan-
tasien über sie. Dies offen gelegt zu haben, ist eine weitere, eher nur beiläufig (an)erkannte Leistung
Homes’ in seiner – (un)erschrockenen? – Abarbeitung am Realen.
Anmerkungen
1 Skotom = von griechisch skotos (Dunkelheit): in der Medizin Ausfall oder Abschwächung (Dämpfung) eines Teils des
Gesichtsfeldes, ein ‚blinder Fleck’. Der Psychoanalytiker Stekel (1868-1940) führte den Begriff „Skotomisierung" als Er-
satz des Freudschen Verdrängungsbegriffs ein; er verstand darunter die Tatsache, dass das Subjekt für seine Komple-
xe ‚blind’ bleibt, wobei unwesentlich erscheint, ob es diese nicht wahrnehmen kann oder nicht wahrnehmen will.
2 Als Subjekt wird hier der den sozialen Regeln unterworfene Einzelne bezeichnet, wogegen unter dem Begriff Objekt al-
les Andere / alle Anderen, alles außerhalb des Subjekts Liegende (andere Menschen, Gegenstände, Umwelt) und deren
Eigenschaften sowie – durch Kognitionen (Denken, Erinnern), Phantasien, Fehlwahrnehmungen – dorthin externalisie-
rend Verlagerte subsumiert wird.
3 Foucault (1975a, S. 49): „Alle meine Bucher […] sind, wenn Sie so wollen, kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie
aufmachen wollen und diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden, um
die die Machtsysteme kurzzuschließen, zu demontieren oder zu sprengen […] – nun gut, umso besser“.
4 Unlust wird bei Freud – verkürzt formuliert – als die Störung des narzisstischen Gleichgewichts durch übergroße oder zu
geringe psychische Spannung definiert, Lust innerhalb dieses energetischen Prinzips lediglich als Abwesenheit von Un-
lust bei Wiederherstellung der homöostatischen Balance begriffen. Das Lust-Unlust-Prinzip stellt eines der wesentlichen
entwicklungspsychologischen Mechanismen zur Differenzierung und Strukturbildung des psychischen Apparats wie zur
Selbstregulation des Subjekts dar.
5 Konsumtion = Verbrauch, Konsum (an Wirtschaftsgütern).
6 Diese Modellvorstellung wird hier in Anlehnung an die psychoanalytische Theoriebildung bei Lacan wiedergegeben (vgl.
Kobbé 2005).
7 Sexuierung = Integration des Subjekts in die ‚zweigeschlechtliche Ordnung’ des Sozialen, die es sich dabei in seinem
Handeln, seine Beziehungen usw. aneignet und sich zugleich in ihr verortet, mithin Positionen von ‚Weiblichkeit' und
‚Männlichkeit' verinnerlicht und ihnen auf der Ebene des geschlechtlichen Körpers subjektiv Bedeutung verschafft.
8 Partialobjekt = Teilobjekt, bei nicht eine Person in ihrer Ganzheit als Wunsch- oder Liebesobjekt genommen wird, son-
dern – in Abhängigkeit vom jeweiligen (bspw. oralen oder analen) Partialtrieb – nur reale oder phantasierte Körperteile
oder deren symbolische Äquivalente libidinös besetzt werden.

Literatur

Becker, S. (2003): Vorwort. In: Welldon, E.V. (2003) a.a.O., S. I-XIII


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Khan, M.M.R. (1989): Entfremdung bei Perversionen. Frankfurt am Main
Kobbé, U. (2005): Lacan in der Psychologie. Zur Psychologik des Subjekts – des Diskurses – des Unbewussten. In: Psycho-
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Stoller, R.J. (1979): Perversion. Die erotische Form von Hass. Reinbek
Welldon, E.V. (2003): Perversionen der Frau. Gießen
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can – Wege zu seinem Werk (S. 97-129). Stuttgart

Lippstadt, im Januar 2006

Dr. Ulrich Kobbé


iwifo-Institut Lippstadt
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D-59543 Lippstadt
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ulrich@kobbe.de

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