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Universität Lüneburg Fachbereich Angewandte Kulturwissenschaften Studienfach Sprache & Kommunikation Seminararbeit von Jessica Franke

Der zögernde Emigrant - Thomas Manns Weg ins Exil 1933 - 1936
Der zögernde Emigrant
- Thomas Manns
Weg ins Exil
1933 - 1936

1

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

3

1. Das politische Umfeld

4

2. Unfreiwilliges Exil

4

2.1. Richard Wagner Vortrag

5

2.2. Der Schutzhaftbefehl

6

3. Küsnacht wird neue Heimat

7

4. Private Distanz zum Nationalsozialismus

8

4.1. Sorgen um das Vermögen

9

4.2. Einflüsse des Verlegers Gottfried Bermann-Fischer

10

5. Öffentliches Bekenntnis

13

5.1. Offener Brief an die Neue Züricher Zeitung

13

5.2. Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft

16

Fazit

18

Literaturverzeichnis

19

2

Einleitung

Thomas Mann gehörte zu den deutschen Schriftstellern, die zur Zeit der nationalso- zialistischen Herrschaft in Deutschland ins Exil gingen. Er tat dies jedoch nicht freiwil- lig und brauchte insgesamt drei Jahre, um sich damit abzufinden. Thomas Mann hat- te sich immer als Repräsentant des Deutschen verstanden. Doch als sich die politi- schen Verhältnisse in Deutschland änderten, war er durch seine Vernunft und sein Gewissen, welche ihm zeigten, dass die Herrschaft der Nationalsozialisten eine schlechte war, dazu gezwungen, sich von seinem Heimatland zu distanzieren. Er wurde somit von der Rolle des Repräsentanten in die Rolle des Märtyrers gedrängt, die ihm sehr schwer fiel. Er war von seinem Wesen her zu konservativ und zu unfle- xibel, um sich schnell an seine neue Umgebung anzupassen und ein Risiko einzuge- hen. So war der Weg ins Exil ein sehr schwerer für ihn, und man kann nachvollzie- hen, dass er so lange brauchte, um ihn zu beschreiten. Diese Arbeit soll den Weg Thomas Manns vom unfreiwilligen Exil bis zum festen Entschluss, sich mit der Emigration zu solidarisieren, aufzeigen. Es soll die Frage beantwortet werden, wieso er trotz seiner tiefen Abneigung gegen den Nationalsozia- lismus so lange zögerte, um sich öffentlich gegen ihn zu bekennen. Um die politi- schen Umstände besser zu verstehen, die Thomas Manns Handeln beeinflussten, soll zunächst eine kurze Übersicht der politischen Geschehnisse gegeben werden. Anschließend wird darauf eingegangen, wie Thomas Mann eher zufällig ins Ausland gelangte, sein Entschluss erörtert, vorerst nicht zurückzukehren und die Schweiz zu seiner neuen Heimat zu machen. Im Anschluss sollen die Gründe aufgezeigt werden, die für Thomas Mann ausschlaggebend waren, sich wider seines Gewissen nicht öffentlich gegen den Nationalsozialismus zu bekennen und wie sein Umfeld auf sein Verhalten reagierte. Die Umstände, die schließlich doch zu einem öffentlichen Be- kenntnis geführt haben und die Frage, warum er letztendlich sein Exil vollständig ak- zeptiert hat, sollen diese Arbeit abrunden. Thomas Manns Verhalten war in diesen drei Jahren von Unsicherheit und Zweifel geprägt. In seinen Tagebüchern und Briefen kann man nachlesen, wie sehr ihn das Thema seiner Emigration immer wieder beschäftigte. Dieses wichtige Material soll genutzt werden, um einen Einblick in die Gefühlswelt von Thomas Mann zu erhalten.

3

1.

Das politische Umfeld

Deutschland hatte im Winter 1929/30 mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen. Die hohe Arbeitslosenquote, das sinkende Realeinkommen der Bevöl- kerung, die existentielle Not und die hohe Kriminalitätsrate ließen den Wunsch nach einem autoritären Verwaltungsstaat entstehen. So kam es, dass die NSDAP an Wahlerfolgen gewann und innerhalb von zwei Jahren an die Macht kam. 1 Die parla- mentarische Demokratie der Weimarer Republik befand sich zusätzlich in einer Kri- se. Die ständig wechselnden Regierungsparteien machten die Republik instabil. En- de des Jahres 1932 bot der Zentrumspolitiker Franz von Papen Adolf Hitler ein ge- meinsames Kabinett an und wurde somit zu seinem Wegbereiter. Von Papen wollte den nur durch eine Notverordnungsvollmacht regierenden Kurt von Schleicher zu Fall bringen und sich dafür die NSDAP zunutze machen, die zu dem Zeitpunkt durch Wahlverluste und innerparteiliche Konflikte geschwächt war. Hiervon wollte von Pa- pen profitieren. Er und Hitler brachten den Reichspräsidenten Hindenburg dazu, un- ter dem Vorwand von Halbwahrheiten und angeblich drohenden Skandalen, Reichs- kanzler von Schleicher, dem es nicht gelungen war, sich eine Mehrheit im Parlament zu sichern, am 28. Januar 1933 die präsidiale Notverordnungsvollmacht zu entziehen und Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen. Franz von Papen wurde Vizekanzler. Die politisch unerfahrene NSDAP sollte eigentlich nur zur Mehr- heitsbeschaffung dienen, sie sollte kontrolliert und in die Richtung der Zentrumspartei gelenkt werden. Dass dies misslang, erkennt man an den Ereignissen, die auf den 30. Januar 1933 folgten. Dieser Tag wurde von den Nationalsozialisten als „Machter- greifung“ gefeiert. Schritt für Schritt übernahmen sie die politische Regierungsgewalt in Deutschland. 2

2. Unfreiwilliges Exil

Die politischen Ereignisse wirkten auf Thomas Mann anfangs unbedrohlicher, als sie es in Wahrheit waren. Bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hoffte er zu- nächst darauf, dass die Koalition mit der Zentrumspartei seine Macht eingrenzen werde 3 . Dass die Begebenheiten auch ihn persönlich betreffen könnten, wollte er nicht wahrhaben. Er bezeichnete sich selbst als unpolitisch, Politik gehörte nicht zu

1 Vgl. Nationalsozialismus I, Von den Anfängen bis zur Festigung der Macht. Hrsg. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2000 (=Informationen zur politischen Bildung 251)., S. 8.

2

3

Vgl. Nationalsozialismus I, S. 28 f.

Vgl. Hermann Kurzke: Thomas Mann. Epoche – Werk – Wirkung. München 2 1991, S. 233.

4

seinen Interessen, sondern war mehr eine lästige Verpflichtung, die ihn vom Dichten

ablenkte. 1 Trotzdem war er der Meinung, dass er dieser Pflicht unbedingt nachkom-

men und den Nationalsozialismus bekämpfen müsse. Auf der Basler Tagung der Eu-

ropa-Union am 11. November 1934 sagte er:

„Wenn man denkt, der Dichter habe sich nicht um Politik zu kümmern, so müßte er entgegnen: Wenn die Kultur selbst in Gefahr steht, so hat es keinen Sinn, im Kulturellen zu arbeiten, sondern der Dichter und jeder geistige Mensch mit ihm muß für das Kulturelle zeugen.“ 2

Er nahm seine politische Verantwortung also durchaus ernst. Doch ehe er sich der

Gefahr bewusst wurde und sich vor allem gegen den Nationalsozialismus offen be-

kennen würde, sollte noch einige Zeit vergehen.

2.1. Richard Wagner Vortrag

Thomas Mann begann am 10. Februar 1933 seine Vortragsreise zum 50. Todestag

von Richard Wagner im Auditorium Maximum der Universität München. Hier las er

seinen Essay Leiden und Größe Richard Wagners, der „…ein geschickt verarbeitetes

Kompendium seiner früheren Veröffentlichungen und Ansichten über Wagner“ 3 war

und der vom Publikum beigeistert aufgenommen wurde. Hinterher reiste er weiter

nach Amsterdam, Brüssel und Paris, um sich im Anschluss in Arosa bei einem Ur-

laub zu erholen. Thomas Mann befand sich also eher zufällig im Ausland, als die

NSDAP mit Hitler bei den Reichtagswahlen im März eine Mehrheit erhielt 4 . Am 27.

Februar 1933 brannte das Reichtagsgebäude, welches Hitler einen Vorwand lieferte,

Hindenburg davon zu überzeugen, die Notstandsgesetze zu unterzeichnen, durch

die er diktatorische Vollmachten erlangte. Manns Tochter Erika berichtete ihm von

der Gleichschaltung Bayerns und den darauf folgenden Ausschreitungen 5 . Auch sein

Sohn Klaus Mann und sein Verleger Gottfried Bermann-Fischer warnten ihn vor einer

Rückkehr nach Deutschland. Thomas Manns Bruder Heinrich war bereits nach Paris

geflüchtet und informierte Thomas Mann über Deutschland: „Nach seinen Berichten

von den unglaublichen Zuständen daheim mußte Thomas zugeben, daß es weise

1 Vgl. Rolf Kieser: Erzwungene Symbiose. Thomas Mann, Robert Musil, Georg Kaiser u. Bertholt Brecht im Schweizer Exil. Bern, Stuttgart, Haupt 1984, S. 37.

2

Thomas Mann zit. nach Walter A. Berendsohn: Die humanistische Front. Einführung in die deutsche

Emigranten-Literatur. Erster Teil. Von 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939. Reprint Worms 1978, S.

150

3 Vgl. Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger. Eine Biographie. München, Wien 1995., S. 282.

4 Kurzke, S. 233.

5 Vgl. ebd., S. 234.

5

war, fernzubleiben[…]1 . Jedoch war ihm nicht klar, dass sein Abschied von Deutsch-

land endgültig sein würde. Die für den 11. März geplante Rückkehr nach Deutsch-

land kam nicht in Frage, jedoch hoffte er, zu einem späteren Zeitpunkt heimzukeh-

ren, wenn sich die Lage gebessert hat:

„Möglich ist immerhin, daß […] schon in absehbarer Zeit eine Rechtssicherheit, eine leidlich gutartige Lebensform sich herstellt, sodaß ich mit den Meinen zu- rückkehren kann. Zieht der Schrecken sich in die Länge, so muß ich für meine Person draußen bleiben[…]2

Es fiel ihm schwer, sich mit den fortschreitenden Entwicklungen in Deutschland ab-

zufinden. Erst am 16. April 1933 bekam Thomas Mann den entscheidenden Impuls,

nicht in seine Heimat zurückzukehren. In den Münchner Neusten Nachrichten 3 er-

schien ein „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“, der von 45 bedeutenden

Persönlichkeiten Münchens unterzeichnet war und gegen seine kritischen Ausfüh-

rungen im Essay Leiden und Größe Richard Wagners anging. 4 Er könne sich nicht

anmaßen, mit diesem Vortrag die deutsche Kultur im Ausland zu repräsentieren.

Thomas Mann drückte in einer Erwiderung sein Entsetzen über diesen Protest aus,

die auch in mehreren Zeitungen abgedruckt wurde, jedoch sehr vorsichtig formuliert

war. Seine Entscheidung, nicht nach Deutschland zurückzukehren, war nun endgül-

tig gefällt 5 . Am 20. Juli schrieb er in sein Tagebuch:

„Die Rückkehr ist ausgeschlossen, unmöglich, absurd, unsinnig und voll wüster Gefahren für Freiheit und Leben, - das ist meiner Vernunft klar, so sehr ich den klaren und freiwillig vollzogenen Bruch bisher zu verzögern suchte.“ 6

Doch so entschlossen diese Entscheidung klingen mochte, Thomas Mann war noch

nicht in der Lage, sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus zu bekennen. Auch

hegte er immer wieder Zweifel an seiner Entscheidung und Gedanken über eine

mögliche Rückkehr.

2.2. Der Schutzhaftbefehl

Dass die Entscheidung, nicht nach Deutschland zurückzukehren, richtig war, erkennt

man an dem Schutzhaftbefehl 1 , der auf Thomas Mann ausgestellt wurde. Hiernach

1 Prater, S. 282.

2 Briefe. Thomas Mann. Hrsg. von Erika Mann. Frankfurt am Main 1962, S. 328 f.

Die Zeitung war zu diesem Zeitpunkt bereits gleichgeschaltet und stand unter dem Einfluss des SS Führers Heinrich Himmler und des NS-Funktionärs Reinhard Heydrich.

3

4

5

Vgl. Kurzke, S. 234.

Vgl. Prater, S. 295.

6 Thomas Mann. Tagebücher 1933 – 1934. Hrsg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt am Main 1977, S. 132

6

wäre er als „Gegner der nationalen Bewegung und Anhänger der marxistischen Idee“ 2 bei seiner Ankunft in München wahrscheinlich sofort ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden. Grundlage für diese Anschuldigungen war ein Polizei- dossier, das bereits seit Beginn der zwanziger Jahre über die Aktivitäten von Thomas Mann geführt wurde. Es enthielt unter anderem Passanträge, Aktenvormerkungen und Zeitungsausschnitte. 3 Jedoch war man hauptsächlich in München zu solchen Maßnahmen geneigt. Die na- tionalsozialistischen Behörden in Berlin leiteten noch keine Schritte ein, um die Aus- bürgerung zu vollziehen und hätten es wahrscheinlich sogar befürwortet, wenn der Nobelpreisträger ins Deutsche Reich zurückgekehrt wäre, um sein kulturelles inter- nationales Ansehen zu erhöhen 4 . Er galt „noch lange als tolerabel“ 5 . Dies erkennt man auch daran, dass die Bücher Thomas Manns, abgesehen von zwei republikani- schen Schriften, noch nicht unter den Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am

10. Mai 1933 in Berlin waren. Auch war sein Name nicht auf den ersten Ausbürge-

rungslisten zu finden.

3. Küsnacht wird neue Heimat Nachdem Thomas und Erika Mann von Freunden und Verwandten über die Situation

in Deutschland gewarnt wurden, blieben sie zunächst in Arosa. Sie waren sich unsi- cher, wo sie sich niederlassen sollten und zogen zunächst in ein Chalet in der Len- zerheide und am 24. März in ein Hotel in Lugano. 6 Am 12. Juni zogen sie in das Haus La Tranquille in Sanary. Als die Zeit im Exil andauert, sehnte Thomas Mann sich nach einer deutschsprachigen Umgebung. Zudem brauchte er geordnete und regelmäßige Umgebung, um Schreiben zu können. Daher ging es bei der Wahl des künftigen Wohnorts darum, „…ein passendes Ersatzmilieu zu finden, wo sich die idealen Münchner Zustände täuschend ähnlich wieder herstellen liessen[…]7 . Am

27. September 1933 zogen die Manns in ein Haus in Küsnacht, in der Schiedhal-

denstraße nahe des Züricher Sees in der Schweiz. Hier fand Thomas Mann zu sei- nem vornehmen Lebensstil zurück. Das elegante Haus stand in einem Villenviertel

1 Das genaue Datum ist nicht bekannt. Wahrscheinlich am 23. Juni 1933 (Vgl. Kurzke, S. 234.)

2 Schreiben Reinhard Heydrichs an Reichsstatthalter von Epp vom 12. Juli 1933, zit. nach Kolbe, Jür- gen: Heller Zauber. Thomas Mann in München 1894 - 1933. Berlin 2 1987, S. 411

Vgl. Kolbe, S. 410 f
4

Vgl. Kieser, S. 58.
5

3

Kurzke, S. 235.

6 Vgl. Prater, S. 286

7 Kieser, S. 31.

7

des bürgerlichen Züricher Vororts, der von reichen Industriellen, Großbürgerfamilien und anderen sozial angesehenen Leuten bewohnt wurde. 1 Innerhalb von zwei Mona- ten konnte mit Hilfe von Handwerksfirmen und einer Hausangestellten sogar der an- tike Schreibtisch und anderes Mobiliar aus dem Münchner Haus in der Poschin- gerstraße nach Küsnacht gebracht werden. Das neue Heim machte den tröstli- chen Eindruck einer unveränderten Lebensweise.“ 2

4. Private Distanz zum Nationalsozialismus In seinem Tagebuch sowie in privaten Briefen drückte Thomas Mann immer wieder seine Ablehnung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime aus. Der Außenwelt zeigte er sich jedoch viel mehr als politikscheuen Ästheten denn als kämpferi- schen Publizisten[…]3 . Er stellte seine politischen Aktivitäten, besonders die antifa- schistischen ein, vermied Interviews und trat aus einer Reihe von Institutionen aus, um „…fortan in voller Sammlung mir selbst zu leben[…]4 . So strich er zum Beispiel zensurwidrige Stellen im Wagner-Essay, denn er fragte sich, „wozu in diesem Au- genblick diese Tiere reizen?“ 5 Thomas Mann nahm zunächst eine Zwischenposition ein. Er bekannte sich weder gegen das nationalsozialistische Regime, noch konnte er sich mit der Emigration solidarisieren. Er fühlte, er sei in einer „…singulären, mit anderen Schicksalen nicht zu verwechselnden Stellung[…]6 . Diese Sonderstellung entstand daraus, dass er zum einen, verglichen mit anderen Emigranten, durch den Nobelpreis über einen relativ großen Wohlstand verfügte. Er war ein nationaler Autor und weder Jude noch Marxist. Zudem erschienen seine Bücher noch bis Ende 1936 in Deutschland. 7 Er befand sich also in einer Art „halben Emigration“, die aus einem „vorsichtigen Taktieren zwischen Exilschriftsteller und Faschismus“ 8 bestand. Sein Verhalten brachte ihn in eine verhängnisvoll fragwürdige Position gegenüber dem Dritten Reich. Zunächst war sein einziger offener Protest gegen das Nazi-Regime sein Fernbleiben von Deutschland. Die ersten Jahre seines Exils waren von Unsicherheit, Zweifel und Wut gegen die Nationalsozialisten geprägt. Es gab unterschiedliche Gründe, weshalb er sein öffent-

1 Ebd., S. 31.

2 Prater, S. 300.

3 Kurzke, S. 236.

4 Tgb. 1933 – 1934, S. 3.
5

6 Ebd., S. 67.

7 Vgl. Kurzke, S. 235 f.

8 Alexander Stephan: Die deutsche Exilliteratur 1933 – 1945. Eine Einführung. München 1979., S. 38.

Ebd.

8

liches Bekenntnis zur Emigration hinauszögerte. Wie sehr er unter dem Schweigen

litt und dass ihn dieses in eine psychische Krise stürzte, kann man in seinen Tage-

büchern nachlesen.

4.1. Sorgen um das Vermögen

Am 30. April 1933 berichtete Thomas Mann in seinem Tagebuch von der Durchsu-

chung seines Hauses in der Poschingerstraße. Hierbei wurden auch die drei Autos

beschlagnahmt 1 . Am 9. Mai schrieb er einen Brief an den Reichsstatthalter Franz

Ritter von Epp, um mit ihm über sein zurückgelassenes Vermögen zu verhandeln.

Als Antwort darauf beschlagnahmte Heydrich formell alle Vermögenswerte. 2 Die

Konten wurden gesperrt, angeblich, um eine Kapitalflucht zu verhindern. 3 Golo Mann

schaffte es noch, Anfang Mai 60.000 Reichsmark abzuheben. Für Thomas Mann wa-

ren „…ohne Zweifel für 100.000 Mark Wertpapiere, das Haus etc. verloren und die

Brücke endgültig abgebrochen […].“ 4 Jedoch fiel es ihm schwer, sich mit dem Verlust

des Vermögens abzufinden. Immer wieder keimte Hoffnung auf, begleitet von einer

Wut auf die Nationalsozialisten. So schrieb er am 2. Mai 1934 in einem Brief an René

Schickele:

„[…] ich sehe immer weniger ein, wie ich dazu komme, um dieser Idioten willen von Deutschland ausgeschlossen zu sein oder ihnen auch nur meine Habe, Haus und Inventar zu überlassen. Ich stehe von dem Versuch nicht ab, diese den Münchener Rammeln aus den Händen zu winden; und da ich auch beim letzten Schub, zu Enttäuschung eben jener Rammel, nicht ausgebürgert worden bin, besteht tatsächlich eine Art von Aussicht, daß ich sie in absehbarer Zeit zu- rückerhalte.“ 5

Trotz der Abneigung gegen die Nationalsozialisten war für ihn ein öffentliches Be-

kenntnis immer noch ausgeschlossen. Aus Deutschland ausgebürgert werden moch-

te er noch nicht.

Sein Reisepass war bereits am 3. April 1933 abgelaufen. Glücklicherweise war Tho-

mas Mann so bekannt, dass er ohne Schwierigkeiten in die Schweiz und später so-

gar nach Amerika einreisen konnte. Um den Pass zu verlängern, wurde der Münch-

ner Freund Hans Feist beauftragt, die Münchner Polizeidirektion aufzusuchen. Spä-

ter kümmerte sich der Münchner Rechtsanwalt Valentin Heins erfolglos um die Er-

1 Vgl. Tgb. 1933 – 1934, S. 65.
2

3 Vgl. Kolbe, S. 414. 4 Tgb. 1933 -1934, S. 97.

Vgl. Kurzke, S. 234.

5

Briefe, S. 356.

9

neuerung der Pässe. In einem Brief an die Deutsche Gesandtschaft in Bern wies er ausdrücklich darauf hin, „…den Gedanken auszuschließen, daß Herr Dr. Thomas Mann jemals Tages- oder Parteipolitik hätte treiben oder ein politisches Programm propagieren wollen.“ 1 Die Betonung des apolitischen Verhaltens von Thomas Mann ließ die Behörden jedoch unberührt. Er wurde immer wieder angewiesen, persönlich zu erscheinen. Gleichzeitig wurden die Generalkonsulate in Basel, Davos, Genf, Lu- gano und St. Gallen beauftragt, ihn bei seinem Erscheinen der Bayerischen Polizei auszuliefern. 2

4.2. Einflüsse des Verlegers Gottfried Bermann-Fischer Wenn Thomas Mann sich auch bereits seit 1933 im Exil befand, so wurden seine Werke doch weiterhin in Deutschland vom Fischer-Verlag verlegt. Schon vor der Machtergreifung Hitlers arbeitete er an der Romanreihe „Joseph und seine Brüder“. Der erste Teil, „Geschichten Jaakobs“, erschien im Oktober 1933 in Berlin, der zwei- te Teil, „Der junge Joseph“, sollte ebenfalls, trotz des jüdischen Motivs, dort noch 1934 erscheinen 3 . Für Thomas Mann war es sehr wichtig, dass er seine deutsche Leserschaft behalten konnte. In einem Brief im Dezember 1933 bekannte er, „…daß meine Bücher nicht für Prag und New York, sondern für Deutsche geschrieben sind.“ 4 Er hoffte, indem er noch in Deutschland veröffentlichte, weiter auf seine deut- schen Leser einwirken zu können. 5 Auch sein Verleger Gottfried Bermann-Fischer hatte ein Interesse daran, dass einer seiner berühmtesten und erfolgreichsten Auto- ren sich nicht gegen das in Deutschland herrschende Nazi-Regime bekannte. Er hat- te einen guten Sinn für Geschäfte: Die Josephromane kamen mit einer hohen Aufla- genzahl heraus und hatten einen großen Erfolg beim deutschen Publikum. 6 1933 hatte der Verlagsgründer Samuel Fischer sich geweigert, den Verlag ins Ausland zu verlegen. Trotz des jüdischen Besitzers und zum Teil ins Exil gegangener Autoren wurde der Verlag nicht von den Nationalsozialisten verboten. 7

1 Wilhelm Abegg, Brief an die Deutsche Gesandtschaft in Bern v. 1.10.1935. Politisches Archiv. Aus-

wärtiges Amt (Bonn). Ref. Deutschland. Inland II AB, 83-76, Bd. ! (1933 – 1936). Zit. nach Stephan, S.

46.

2 Vgl. Kolbe, S. 412.

3 Vgl. Berendsohn, S. 122 f.
4

5 Vgl. Thomas Goll: Die Deutschen und Thomas Mann. Die Rezeption des Dichters in Abhängigkeit von der politischen Kultur Deutschlands 1898 – 1955. Baden-Baden 2000., S. 47.

Briefe, S. 340.

6

7

Vgl. Kieser, S. 59.

Vgl. Stephan, S. 91.

10

Thomas Mann verband eine tiefe Freundschaft zu Samuel Fischer. Dies ist vielleicht der Grund, wieso er ihm stets treu war. Als bei seinem Tod der Verlag an Gottfried Bermann-Fischer ging, bewahrte er diese Treue. 1 Auch war Thomas Mann von den Tantiemen abhängig, die ihm vom Verlag regelmäßig überwiesen wurden. So gab er immer wieder dem Drängen des Verlages nach, sich nicht öffentlich gegen den Nati- onalsozialismus zu wenden. Der Verleger hätte es sogar am liebsten gesehen, wäre Thomas Mann nach Deutschland zurückgekehrt, da „…keine offiziellen Vorbehalte gegen ihn bestünden und daß er nichts sähe, was ihn von einer Rückkehr abhalten könnte.“ 2 Wieder quälte Thomas Mann sein Gewissen. Im August 1933 bat er Ber- mann-Fischer, dass die „Geschichten Jaakobs“ beim Querido-Verlag in Amsterdam herausgebracht werden. Dieser brachte ihn jedoch davon ab, mit dem Hinweis, dass dies den Verlust seiner deutschen Leser und somit auch seiner Einkünfte bedeuten würde. 3 Thomas Mann war hin- und hergerissen. Das zwiespältige Verhalten Thomas Manns wurde von der Emigration sehr kritisch aufgenommen. Die Emigranten in Frankreich, der Schweiz und England hatten das Gefühl, dass sie den berühmten Nobelpreisträger im Kampf gegen Hitler dringend brauchten und er ihnen mit seinem Verhalten in den Rücken fiel. 4 Die Kontroverse um „Die Sammlung“ ist ein weiteres Beispiel für die Zerrissenheit Thomas Manns und seinem fügsamen Verhältnis zu seinem Verleger. Am 1. September 1933 gab sein Sohn Klaus Mann zum ersten Mal im Querido Verlag in Amsterdam die monatli- che Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“ heraus. Die Zeitschrift sollte „dem zersplit- terten Exil ein gemeinsames Forum bieten“ 5 und enthielt nicht nur literarische Artikel, sondern hatte eindeutig eine antifaschistische Tendenz. Thomas Manns Mitarbeit wurde in dieser ersten Ausgabe im Impressum angekündigt. Die Rosenbergsche „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ setzte daraufhin den Fi- scher-Verlag unter Druck. Bermann-Fischer forderte Thomas Mann auf, sich von „Der Sammlung“ öffentlich zu distanzieren, da Thomas Mann vom Regime des „geis- tigen Hochverrats“ angeschuldigt wurde und er sich vor möglichen Konsequenzen fürchtete. 6 Thomas Mann empfand dies als „ empörende Erpressung“ und durchlebte ein „quälendes Schwanken zwischen Ablehnung und Nachgiebigkeit.“ Er bangte um

1 Vgl. Prater, S. 318.
2

3 Vgl. ebd. S. 296.
4

Vgl. ebd., S. 296.
5

6 Vgl. Prater, S. 297.

Ebd., S. 294.

Kurzke, S. 237.

11

den Erfolg seines „Josephs“ und wollte die Existenz des Verlages nicht gefährden.

Andererseits fiel es ihm schwer, sich so offen gegen seinen Sohn zu stellen und sich

den Nationalsozialisten unterzuordnen. Schließlich gab er nach und schrieb in einem

Telegramm am 12. September 1933, „…daß Charakter ersten Heftes Sammlung

nicht ihrem ursprünglichen Programm entspricht“ 1 und bat später brieflich um die

Streichung seines Namens von der Liste der Autoren. 2 Tatsächlich hatte Klaus Mann

wohl Thomas Mann gegenüber die antifaschistische Tendenz der Zeitschrift ver-

schwiegen. Am 7. September 1933 notierte er in seinem Tagebuch, dass ihm Klaus

Mann „…mit der Aufnahme des Artikels von Heinrich ins erste Heft einen Streich

gespielt“ 3 habe. Dieser Aufsatz Heinrich Manns richtete sich kritisch gegen das nati-

onalsozialistische Regime. Die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrift-

tums“ zog im Oktober 1933 ihre Anschuldigung zurück. Für Klaus Mann war die Dis-

tanzierung Thomas Manns eine schwere Enttäuschung. Auch Erika Mann war erbost

über das Verhalten ihres Vaters. Sie sah es als falsch an, dass Thomas Mann beim

Fischer-Verlag blieb. 4 Am 10. August 1934 schrieb er in einem Brief an Schickele, er

würde sich am liebsten

„[…]einer politischen Bekenntnis- und Kampfschrift hin[zu]geben, durch die ich mir rücksichtslos das Herz erleichtern[…]. Auf den Bruch mit ‚Deutschland’ kommt es mir längst nicht mehr an; ich wünsche ihn und hätte auch meine Bü- cher viel lieber draußen.“ 5

Er schaffte es jedoch nicht, sich gegen seinen Verleger zu stellen und den Bruch mit

Deutschland endgültig zu vollziehen. Doch der Wunsch festigte sich immer mehr,

„…nun doch endlich alle Beziehungen zu diesem Land zu lösen[…]“ 6 . Am 4. Sep-

tember 1935 notierte er in seinem Tagebuch, sein „…Hauptwunsch ist, daß Bermann

endlich außer Landes gehen möge, damit ich Unabhängigkeit gewinne[…]“ 7 . Ohne

seine Treue gegenüber seinem Verleger zu brechen, wollte er sich nun vom Natio-

nalsozialismus öffentlich distanzieren. Am 1. Mai 1936 überführte endlich Bermann-

Fischer den Verlag nach Wien. Mit ihm emigrierten die verbotenen Autoren, der

verbleibende Teil blieb unter der Leitung von Peter Suhrkamp in Deutschland. So

1 Tgb. 1933 – 1934, S. 177.
2

3 Tgb. 1933 – 1934, S. 172.
4

Vgl. ebd., S. 298.
5

6 Thomas Mann: Tagebuch 1935 – 1936. Hrsg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt am Main, 1978., S. 63.

7 Ebd., S. 168.

Vgl. Prater, S. 297.

Briefe, S. 371.

12

konnte Thomas Mann seine Werke weiterhin in deutscher Sprache veröffentlichen,

„…wenn nicht in der Heimat, dann irgendwo im Ausland.“ 1

5. Öffentliches Bekenntnis

Im Dezember 1935 drängte alles in Thomas Mann schließlich auf die öffentliche Dis-

tanzierung zum Nationalsozialismus in Deutschland und dem öffentlichen Bekenntnis

zur Emigration. Der Fischer-Verlag war dabei, sich einen neuen Standort im Ausland

zu suchen, sein Vermögen sah er als verloren an, und der moralische Druck der Fa-

milie und der übrigen Emigration war groß. Seit dem 19. November 1935 war er

tschechischer Staatsbürger und hatte einen tschechischen Reisepass, so dass eine

Ausbürgerung aus Deutschland rechtlich keine große Bedeutung mehr hatte. 2 Er war

an einem Punkt angekommen, an dem er das

„…ihm und den Seinen aufgezwungene[n] Exil[s], das er nicht wollte, gegen das er sich mit ganzer Seele sträubte und das er schließlich doch, Schritt für Schritt, als eine folgerichtige Entwicklung seines Lebenswegs hinnahm und endlich mit ganzem Geist und Charakter bejahte […]3 .

Er empfand die Nationalsozialisten als einen „Sumpf von Dummheit und Nieder-

tracht“ 4 . Am Heiligen Abend 1935 notierte er in sein Tagebuch, das Exil ließe ihn „ei-

gentlich völlig gleichgültig“, und er habe „das Vaterland viel lieber nicht um [sich]5 .

Es fehlte nur noch der entscheidende Anlass für den endgültigen Bruch mit Deutsch-

land.

5.1. Offener Brief an die Neue Züricher Zeitung

Die Pariser Emigrantenzeitschrift „Das Neue Tagebuch“ veröffentlichte am 11. Janu-

ar 1936 einen Artikel des Herausgebers Leopold Schwarzschild, indem er Bermann-

Fischers Emigration des Verlages nach Wien kritisierte. Er unterstellte ihm, dass er

eine Sonderstellung im Dritten Reich habe und unter dem besonderen Schutz von

Goebbels stehen würde. Von Bermann-Fischer dazu aufgefordert, veröffentlichte

Thomas Mann zusammen mit Annette Kolb und Hermann Hesse am 18. Januar

1936 einen Offenen Brief in der „Neuen Züricher Zeitung“, in dem er gegen die Kritik

1 Prater, S. 324.

2 Vgl. Goll, S. 51.

3 Tgb. 1933 – 1934, Vormerkungen des Herausgebers, S. XVIII.

4 Tgb. 1935 -1936, S. 158.
5

Ebd., S. 226.

13

an Bermann-Fischer protestierte. 1 Am meisten traf ihn die Reaktion auf sein Handeln

seiner Lieblingstochter Erika Mann. 2 Sie schrieb in einem verärgerten Brief am 19.

Januar 1936:

„Er [Bermann, Anm. d. Verf.] bringt es nun zum zweiten Male fertig (das erste Mal anläßlich des ‚Eröffnungsheftes’ der ‚Sammlung’), daß Du der gesammten Emigration und ihren Bemühungen in den Rücken fällst […].“ 3

Erika Mann sah im Verhalten ihres Vaters ein Hintergehen der Emigration und fühlte

sich gleichzeitig, als leidenschaftliche Kämpferin gegen Hitler, persönlich angegriffen.

Sie ließ es auf einen Bruch mit ihm ankommen, da die Interessen Bermann-Fischers

wichtiger für ihn zu sein schienen als die der Emigration. 4 Thomas Mann schrieb dar-

aufhin einen 12-seitigen Brief an Erika Mann, „für sie und die Nachwelt.“ 5 Er erklärte

ihr, dass er zwar nicht gegen Schwarzschild sei, er sich aber bislang aus den Ausein-

andersetzungen der Emigration herausgehalten habe, da die Zeit noch nicht reif für

ein öffentliches Bekenntnis sei. 6 Thomas Mann wurde allerdings immer mehr unter

Druck gesetzt. So antwortete Leopold Schwarzschild auf Thomas Manns Artikel am

25. Januar 1936 im „Neuen Tagebuch“, „…die deutsche Literatur sei nun so gut wie

vollständig in der Emigration zu finden.“ 7 Einen Tag später erschien der Artikel des

Feuilletonredakteurs der „Neuen Züricher Zeitung“ Eduard Korrodi, in dem er

Schwarzschilds Behauptung widersprach. Es würde sich bei der emigrierten Literatur

nicht um deutsche, sondern um jüdische Autoren handeln. Kein „Dichter“ sei im Aus-

land zu finden: „Ausgewandert ist doch vor allem die Romanindustrie und ein paar

wirkliche Könner und Gestalter von Romanen.“ 8 Diese Äußerung Korrodis war eine

deutliche Diskriminierung der Emigranten und sonderte Thomas Mann, dessen Wer-

ke immer noch in Deutschland erschienen, von ihnen ab. Durch die außenpolitischen

Umstände erregte der Artikel keine große Aufmerksamkeit in der Welt. Auch Thomas

Mann selbst schien nicht besonders aufgebracht: „Korrodi in der N.Z.Z. gegen

Schwarzschilds unsinnige Behauptung, die ganze deutsche Literatur sei im Exil.“ 9

Die kurze Notiz in seinem Tagebuch klang fast zustimmend. 10 Doch die Emigration

1 Vgl. Prater, S. 338.

2 Vgl. Tgb. 1935 – 1936, S. 245.
3

4 Vgl. Prater, S. 339.

5 Tgb. 1935 – 1936, S. 246.
6

Vgl. Prater, S. 340.
7

8 Eduard Korrodi: Literatur im Emigrantenspiegel. In: N.Z.Z. (26.1.1936). Zit. nach Kieser, S. 67.

9 Tgb. 1935 – 1936, S. 247.

Brief von Erika Mann an Thomas Mann, zit. nach Kurzke, S. 239.

10

Ebd.

Vgl. Kieser, S. 67.

14

war empört über den Artikel von Korrodi und erwartete dringend eine Reaktion von

Thomas Mann. Klaus Mann schrieb gemeinsam mit Fritz Landshoff vom Querido-

Verlag am selben Tag aus Amsterdam ein Telegramm an seinen Vater und forderte

ihn auf, „diesen verhängnisvollen Artikel wie und wo auch immer zu erwidern. Dies-

mal geht es wirklich um eine Lebensfrage für uns alle.“ 1 Wahrscheinlich war es der

moralische Druck seiner Familie, der ihn dazu bewegte, einen offenen Brief als Erwi-

derung auf den Artikel Korrodis zu schreiben. Es sollte seine persönliche Absage an

den Nationalsozialismus werden. Er schrieb den Brief sehr sorgfältig und brauchte

für die Formulierung vier Tage, vom 27. Januar bis zum 31. Januar 1936. Am Abend

brachte er das Manuskript des Briefes mit Katja und seiner Tochter Elisabeth zur

Redaktion der „Neuen Züricher Zeitung“. Er notierte in seinem Tagebuch:

„Ich bin mir der Tragweite des heute getanen Schrittes bewußt. Ich habe nach 3 Jahren des Zögerns mein Gewissen und meine feste Überzeugung sprechen lassen. Mein Wort wird nicht ohne Eindruck bleiben.“ 2

Thomas Mann rechnete nach der Veröffentlichung des Briefes fest mit seiner Aus-

bürgerung aus Deutschland. So entschlossen er an dieser Stelle des Tagebuches

klang, begann er am 1. Februar erneut zu zweifeln, ob seine Entscheidung richtig

war: „Meine Nervosität galt dem Zweifel, ob ich natürlich-persönlich gehandelt oder

mich zu Fremdem hätte treiben lassen.“ 3 Seine Bedenken dauerten jedoch nicht lan-

ge an und der Offene Brief erschien am 3. Februar 1936 in der „Neuen Züricher Zei-

tung“, in dem Thomas Mann seine Absage an Deutschland bekundete:

„Die tiefe, von tausend menschlichen, moralischen und ästhetischen Einzelbeo- bachtungen und –eindrücken täglich gestützte und genährte Überzeugung, daß aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nichts Gutes kommen kann, für Deutschland nicht und für die Welt nicht, - diese Überzeugung hat mich das Land meiden lassen, in dessen geistiger Überlieferung ich tiefer wurzele als die- jenigen, die seit drei Jahren schwanken, ob sie es wagen sollen, mir vor aller Welt mein Deutschtum abzusprechen. Und bis zum Grunde meines Gewissens bin ich dessen sicher, daß ich vor Mit- und Nachwelt recht getan, mich zu denen zu stellen, für welche die Worte eines wahrhaft adeligen deutschen Dichters gel- ten:

‚Doch wer aus voller Seele haßt das Schlechte, Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen, Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte. Weit klüger ist’s, dem Vaterland entsagen,

1 Klaus Mann, Briefe und Antworten 1922 – 1949. Band I. Hrsg. von M. Gregor-Dellin, S. 243. Mün- chen 1987. Zit. nach Prater, S. 341.

2 Tgb. 1935 – 1936, S. 250.
3

Ebd., S. 251.

15

Als unter einem kindischen Geschlechte Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen.’ “ 1

Im Vergleich zu dem übrigen Teil des Briefes, in dem sich Thomas Mann mit den An-

schuldigungen Korrodis beschäftigte, war jener Abschnitt, in dem er seine Solidarität

mit der Emigration erklärte, recht kurz. Die Absage an das Regime fiel „sehr milde“ 2

aus. Er formulierte sie auch nicht in seinen eigenen Worten, sondern benutzte dafür

die Worte August von Platens, unabhängig von ihrem historischen Zusammenhang.

Trotzdem ist er, seiner eigenen Überzeugung nach, deutlich gewesen. Am 3. Febru-

ar, dem Tag nach der Veröffentlichung des Briefes schrieb er in sein Tagebuch:

„ Das Bewußtsein, dem niederträchtigen Regime einen zweifellos empfindlichen Schlag versetzt zu haben, erfüllt mich mit Genugtuung. Es wird sich nach Kräf- ten zu rächen suchen. Möge es.“ 3

Für ihn war es eine offensichtliche Aufforderung an die nationalsozialistischen Mäch-

te, ihm seine deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen, und er war nun bereit, mit

den Konsequenzen zu leben.

5.2. Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft

Thomas Mann rechnete nun mit dem endgültigen Verlust seines Eigentums, mit dem

Verbot seiner Bücher und dem Entzug seiner deutschen Staatsbürgerschaft. 4 Doch

er musste eine Weile warten, bis das Dritte Reich auf seine Absage reagierte. Erst

nach zehn Monaten, am 2. Dezember 1936, stand sein Name auf den Ausbürge-

rungslisten. 5 Was dies für Gründe hatte, ist nicht eindeutig klar. Thomas Mann könn-

te „in seiner natürlichen Selbstüberhebung“ 6 die Auswirkungen seines Bekenntnisses

und die Bedeutung für das nationalsozialistische Regime überschätzt haben. Aus

politischer Sicht gab es mit Sicherheit genug Ablenkung. Am 4. Februar wurde der

nationalsozialistische Gauleiter Wilhelm Gustloff ermordet. So wählte Thomas Mann

einen recht ungünstigen Zeitpunkt für seine Absage. 7 Im November zweifelt er in ei-

nem Brief an Hermann Hesse, ob die Nationalsozialisten überhaupt noch reagieren

werden: „Olympiade und Außenpolitik sprechen dagegen, und ich halte es nicht für

1 Briefe, S. 413.

2 Kieser, S. 73.

3 Tgb.1935 - 1936, S. 252.
4

Vgl. Prater, S. 343.
5

Vgl. Berendsohn, S. 38.
6

7 Vgl. Kieser, S. 74.

Prater, S. 343.

16

ausgeschlossen, daß […] garnichts geschieht.“ 1 Man könnte sogar soweit gehen zu

behaupten, dass die Ausbürgerung im Dezember keine Reaktion mehr auf den Offe-

nen Brief in der „Neuen Züricher Zeitung“ war. 2 Jedoch waren keine weiteren Hand-

lungen Thomas Manns mehr nötig, um die Nationalsozialisten auf seine Distanzie-

rung aufmerksam zu machen. 3 Auch könnte man folgern, dass erst durch die Olym-

piade im August 1936 in Berlin das Dritte Reich an internationalem Ansehen gewann

und außenpolitisch so stabilisiert war, dass erst zum genannten Zeitpunkt die Aus-

bürgerung des angesehenen Nobelpreisträgers in Frage kam. 4 Da Thomas Mann

bereits Bürger der Tschechoslowakei war, hatte die Ausbürgerung keine rechtlichen

Folgen. Am 19. Dezember wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn

aberkannt. Er schrieb daraufhin eine berühmt gewordene Erwiderung, in der er mit

deutlichen Worten gegen die Mächte in Deutschland anging. Der Adressat war die

Universität Bonn, erreichen wollte er jedoch alle Deutschen. 5 Die Emigration war na-

türlich erfreut über sein Verhalten und sandte ihm aufmunternde Briefe. Auch mit Eri-

ka versöhnte er sich wieder.

Nach diesem deutlichen Bekenntnis gab es „kein Schwanken mehr“. 6 Von nun an

war Thomas Manns Verhalten nicht mehr zögerlich. Aus der halben Emigration wur-

de eine vollständige, die Thomas Mann nie bereute. Am 15. Dezember 1936 schrieb

er in einem Brief an Konrad Engelmann:

„Aber der Zorn über all das Herzeleid und Menschenelend, das jene nieder- trächtigen Machthaber angerichtet haben und weiter anrichten, hat mir die Wor- te und Handlungen abgezwungen, denen ich meine ‚Ausbürgerung’ zu danken habe. Ich will ein Schurke sein […], wenn ich irgend etwas bereue.“ 7

Sein Hass auf die Nationalsozialisten war nun öffentlich. Er legte seine Rolle als

Repräsentant des Deutschen ab. 8 Er fühlte sich jedoch nicht heimatlos: „In den Ar-

beiten, die ich mit mir führe, ist meine Heimat. […] Wo ich bin, ist Deutschland.“ 9

1 Briefe, S. 414.

2 Vgl. Kieser, S. 74.
3

4 Vgl. Kurzke, S. 215 und 240.
5

Vgl. Prater, S. 355.
6

7 Briefe, S. 432.

8 Vgl. Goll, S. 51.

9 Lehnert: Thomas Mann in Exile 1933 – 1938. Zit. nach Stephan, S. 140

Vgl. Goll, S. 51.

Kurzke, S. 240.

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Fazit

Wenn man Thomas Manns Verhalten während dieser drei Jahre betrachtet, könnte man seine Unentschlossenheit kritisieren. Man könnte verurteilen, wie er seiner Fa- milie und seinen Mitemigranten in den Rücken gefallen ist oder wie er sich seinem Verleger und den Nationalsozialisten teilweise untergeordnet hat, um seine deut- schen Leser und sein Vermögen nicht zu verlieren. Man könnte ihm Feigheit und Ei- genliebe vorwerfen, da er es nicht geschafft hat, etwas zu riskieren, um seine priva- ten Überzeugungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn als er sich am Ende ge- gen das Nationalsozialistische Regime bekannte, hatte er eigentlich nichts mehr zu verlieren. Doch so einfach kann man es sich bei Thomas Mann nicht machen. Betrachtet man sein Verhalten, muss man auch sehen, dass diese Jahre für ihn nicht einfach waren. Sein Gewissen und Zweifel quälten ihn während dieser Zeit immer wieder. Er handel- te nie, um anderen damit zu schaden. Seine Sorgen galten, abgesehen von seinem Prestige, vor allem seiner Familie, die er ernähren musste, und seinen deutschen Lesern, die er nicht ohne weiteres dem Nationalsozialismus überlassen wollte. Die Anpassung an das Exil zwang ihn dazu, sich zu verändern. Er musste sich nicht nur eine neue Heimat und ein neues Haus suchen. Auch musste er erst lernen umzu- denken. Deutschland, das er immer so geliebt hatte, gab es nicht mehr. Man sollte es also nicht abwerten, dass dieser Prozess drei Jahre dauerte. Eher soll- te man positiv beurteilen, dass Thomas Mann es überhaupt geschafft hat, sich letzt- endlich von Deutschland zu lösen, dem Nationalsozialismus offen entgegenzutreten und ihn später auch zu bekämpfen. Schließlich gab es so viele Deutsche, die in ihrer Heimat blieben und sich Hitler unterordneten. Weil sie von seinen Ideen begeistert waren, weil sie Mitläufer waren, weil sie Angst hatten oder weil es letzten Endes ein- facher war, als ihm die Stirn zu bieten.

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Literaturverzeichnis

Primäre Quellen:

Mann, Thomas: Tagebücher 1933 – 1934. Hrsg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt am Main 1977.

Mann, Thomas: Tagebücher 1935 – 1936. Hrsg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt am Main 1978.

Mann, Thomas: Briefe 1889 -1936. Hrsg. von Erika Mann. Frankfurt am Main

1962.

Sekundäre Quellen:

Berendsohn, Walter A.: Die humanistische Front. Einführung in die deutsche Emigranten-Literatur. Erster Teil. Von 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939. Reprint Worms 1978.

Goll, Thomas: Die Deutschen und Thomas Mann. Die Rezeption des Dichters in Abhängigkeit von der Politischen Kultur Deutschlands 1898 – 1955. Baden- Baden 2000.

Kieser, Rolf: Erzwungene Symbiose: Thomas Mann, Robert Musil, Georg Kai- ser u. Bertholt Brecht im Schweizer Exil. Bern, Stuttgart, Haupt 1984.

Kolbe, Jürgen: Heller Zauber. Thomas Mann in München 1894 – 1933. Berlin 2

1987.

Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche – Werk – Wirkung. München 2

1991.

Nationalsozialismus I. Von den Anfängen bis zur Festigung der Macht. Hrsg. von Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2000 (= Informationen zur po- litischen Bildung 251).

Prater, Donald A.: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger. Eine Biographie. München, Wien 1995.

Stephan, Alexander: Die deutsche Exilliteratur 1933 – 1945. Eine Einführung. München 1979.

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