Sie sind auf Seite 1von 4

08.06.2015

DieErfindungderTürkei­Kultur­Tagesspiegel

http://www.tagesspiegel.de/kultur/die­erfindung­der­tuerkei/632530.html

12.08.200500:00Uhr Kultur DieErfindungderTürkei Von­
12.08.200500:00Uhr Kultur DieErfindungderTürkei Von­

12.08.200500:00Uhr

Kultur

DieErfindungderTürkei

Von­

DerSchriftstellerOrhanPamuküberosmanischeTraditionen,

VerwestlichungunddieZukunftEuropas

HerrPamuk,dieHeldenIhrerBüchersindaußerordentlichehrgeizig.In„Dieweiße

Festung“und„DasschwarzeBuch“wollendieProtagonistennichtwenigeralsihre

Identitätwechseln,in„DasneueLeben“wirdebendiesesneueLebenersehnt,in„Schnee“,

IhremletztenaufDeutschveröffentlichtenBuch,verzehrtsichderHeld–beinahemuss

mansagen:nur–nachderLiebeeinerschönenFrau.WarumgibtessovielEhrgeizin

IhrenBüchern?

VielleichtbinicheinehrgeizigerMensch!WennicheinenRomanschreibe,dannreißeich

michumdieschwersteAufgabe.IchkennenureinZiel:große,ambitionierteBücherzu

verfassen.NatürlichkanndieserRadikalismuseinenauchdazubringen,große

KitschBücherzuschreiben.Abersobinichnuneinmal.Ichsympathisieremit

Protagonisten,diegenausoambitioniertsind,undversuche,siezuerfinden.Sieträumen

dieTräumederArmen,derUnterdrückten,derVerlierer.Dasganzetürkische

Verwestlichungs­undModernisierungsprojekthatjaeinenaiveSeite.Esgleichteinem

strebsamenarmenStudenten,dernichtssehnlicherwünscht,alsTeildesWestenszu

werden.EhrgeizistdieHoffnung,ichwürdenichtsagen:derArmen,aberderjenigen,die

nichtshaben.UndichselberhatteauchdasGefühl,nichtvielzuhaben.Esgingnichtso

sehrdarum,dasseshierkeineKulturgegebenhätte,sonderndarum,dassesimWesten

einegab,diemansichaneignenwollte.DaherwardasGefühl,stetsimWettbewerbzu

stehen,sichbeweisenzumüssen,nichtnureineunentbehrlicheVoraussetzungfürden

BlickdieserKulturaufdieWelt,sondernauchfürdieKultur,dieLeutewiemich

hervorbrachte.IchwarstetsvollerEhrgeiz.Kierkegaardcharakterisiertdenunglücklichen

Menschenalsjemanden,dernichtinderGegenwartlebenkann.Erlebtentwederinder

VergangenheitoderderZukunft.EhrgeizistOpiumfürdiejenigen,dieinderZukunft

leben.

SiehabenmehrereJahreindenUSAgelebt.HatdieseErfahrungIhrenBlickaufdie

Türkeiverändert?

08.06.2015

DieErfindungderTürkei­Kultur­Tagesspiegel

MeinBlickaufdieTürkeihatsichnichtverändert–meineSichtderLiteraturhatsich

gewandelt,meineproblematischeBeziehungzursogenanntenTradition,diesem

gehätscheltenLieblingderKonservativen.MittederAchtzigerlasichinNewYorkviel

Avantgarde,Postmoderne,Experimentelles.DasmeistewarstarkvonBorgesbeeinflusst,

vonCalvino,PynchonundJohnBarth.IhreVorstellungenvonErzählungenalsetwas

FantastischemließenmichzurückkehrenzudentraditionellenislamischenSufi­Schriften.

DieseeherpersischealstürkischeTraditionisteingroßerSchatz,aberichkannteihn

nicht,undmeineGenerationwusstenicht,wiesieihnhebensoll.Wirwarengehemmt

durchdenstarkenWunschnachVerwestlichungundSäkularisierung,undwieMarcel

Duchamp,dasAltewiederzubenutzen,daswurdevoneinerfrüherenAutorengeneration

inderTürkeialsreaktionär,islamischundunmodernangesehen.

IhreBüchersprechenvondenzentralenProblemenIhresLandes.MankannsiealsReisen

indasHerzdertürkischenFinsternisundihrerhellenEpisodenlesen.Warumkommen

Siedavonnichtlos?

WeildiesesLandindenletzten200JahrenunterAufbietungallerKräftedurchdenStaat

versuchthat,demWestenähnlichzuwerden.Dasbedeutetnichtsanderes,alsdassunsere

Geschichteunglücklichausgegangenist.Wirhabenirgendetwasverloren,alsomüssenwir

unsetwasNeuesaneignen.DashatdieregierendeElitederNation,demVolk,der

öffentlichenMeinungeingehämmert.IchbineinKinddieserKultur.Wennesabersolch

einenstarkenWillenzurVeränderungeinerKulturgibt,dannentstehtnatürlich

Widerstand.DieseKulturalsGanzesbestehtausdemKampfzwischen–nennenSiees,

wieSiewollen–TraditionundModerneoderOstundWest,wovonJournalistengern

sprechen,oderVergangenheitundZukunft.

AuchÖsterreichoderGroßbritannienhabeneinImperiumverloren.

Okay,ichsageIhnen,wasanderEntwicklunginderTürkeieinzigartigist.Großbritannien hatteeinEmpireundverlores,istabernichtsotraurigwiedieTürkei.DenndieBriten hattendasGefühl,dassdieUSAihreGeschichtefortsetzen.KemalAtatürksoffizielle Kulturpolitikaberliefaufein„VergessenwirdieOsmanen“hinaus.DieseGenerationwar vonpositivistischenfranzösischenGedankendurchdrungenunddachte:Warumfieldas osmanischeReich?WegenderReligion,wegendesIslam.LasstunsalsodenIslam unterdrücken,damitwirwestlichwerden.AußerdemgibtesdasEmpirenichtmehr,aber dieLebensqualitätinGroßbritannienistweiterhinhoch.Dasgiltauchfürandere europäischeNationen.DochhiersankdieLebensqualität.Türkenwarenundsinddarüber zuRechtbeunruhigt.EsprägtihrLebensgefühl,dasssieamRandvonEuropalebenund

imJahrganze3000EuroproKopfverdienen,währendesinEuropa30000sind.

WorauskönntedenneineneuetürkischeIdentitätentstehen?

MeineBüchermögendavonhandeln,aberichkannesIhnennichtsagen.Dochichweiß,

dassTürkensichzuRechtSorgenmachen,zuwenigGeldzuverdienen,zuwenigeGüter

zuproduzieren,nichterfinderischgenuginderTechnikundnichtkreativgenugzusein

08.06.2015

DieErfindungderTürkei­Kultur­Tagesspiegel

indenKünsten.KritischseheichallerdingsdieÄngstlichkeitimDenken,dieumdie

Identitätkreist.Dasgehtzuweit.WirTürkenhörenüberempfindlichaufdas,wasandere

überunssagen.

DannistderBeitrittderTürkeizurEuropäischenUniondieLösungdesProblems?

IchbinnatürlichfürdieAufnahmederTürkeiindieEU.Aberesistnichtsoeinfach,dass

wirdannwohlhabendwerdenundalleProblemegelöstsind.Europaistnachden

ReferendeninFrankreichundHollandmitsichselbstbeschäftigt.Esringenverschiedene

IdeenüberdenCharakterderUnionmiteinander.DefiniertsichEuropaausschließlich

überdieVergangenheit?DasisteinekonservativeAnsicht,undsielässtletztlichallesauf

DiskussionenüberdieAgrarpolitikunddieVerteilungvonGeldern

zusammenschrumpfen.SoistesimmerbeikurzatmigerPolitik.Aberlangfristigbraucht

EuropaeineumfassendeVisionvonsich,unddaherempfehleichdieAufnahmeder

Türkei.EsgehtjaauchumIdentität.DochIdentitätistkeinSchicksal,siekommtnicht

nurausderVergangenheit.Identitätwirderfunden.DieIdeedestürkischenBeitrittszur

EUgehörteherzurZukunftalszurVergangenheit.

SiesindAnfangdesJahresnacheinemInterview,indemSieermordeteArmenierund

Kurdenerwähnthaben,bedrohtwordenundhabendieTürkeifüreinigeMonate

verlassen.

Ichmöchtedasnichtüberbewerten.EsisteinerechtnormaleSachenichtnurinder

Türkei,sondernüberallaufderWelt,dassaufgebrachteMenschen,besonders,wenn

BoulevardzeitungeneinenzumFeinddesVolkeserklären,denVerlegeranrufenoder

Briefeschreibenunddrohen:WirwerdenDichumbringen.Alseszuvielwurde,schlugen

meineVerlegervor,dassichdocheineEinladungderColumbiaUniversityinNewYork

annehme.Soeinfachwardas.IchhabeGlückgehabt,miristnichtspassiert.Ja,esgab

hitzigeundhasserfüllteReaktionenaufmeineÄußerungen.AberichverstehesiealsTeil

dertürkischenRealität.

DassSiedenFriedenspreisdesDeutschenBuchhandelserhalten,hatmaninDeutschland

alseinesowohlliterarischewiepolitischeEntscheidungverstanden.

SehenSie,ichschreibejetztseit30JahrenBücher.SolcheinwichtigerPreishilft,erist

eineEhre.Ichwargeschmeichelt.Ichbinsehrfrohdarüber.Andererseits:Manweißnie,

warummaneinenPreisbekommt.FürdiesesBuch?Oderjenes?AlsThomasMannden

Nobelpreiserhielt,ärgerteersich,weilnurderRoman„DieBuddenbrooks“erwähnt

wurde.Erhättegerngesehen,wenndasNobelpreis­Komiteeauchden„Zauberberg“

erwähnthätte.Esistsinnlos,überdieGründenachzudenken.

DasGesprächführteJörgPlath.

OrhanPamuk,am7.Juni1952inIstanbulgeboren,istdererfolgreichstetürkische

RomancierseinerGenertion.SeineBüchersindin34Sprachenübersetzt,erscheinenin

über100LändernundhabeneineGesamtauflagevonmehralseinerMillionExemplaren.

08.06.2015

DieErfindungderTürkei­Kultur­Tagesspiegel

PamukstammtauseinerFabrikantenfamilie,besuchteinseinerHeimatstadtdas

englischsprachigeRobertCollegeundstudiertezunächstArchitekturundJournalismus.

DerinternationaleDurchbruchgelangihmmitdem1985erschienenenRoman„Beyaz

Kale“(DieweißeFestung,dt.1990):derGeschichteübereinenvenezianischenSklaven

undseinenosmanischenHerrn.ImOktobererhälterinderFrankfurterPaulskircheden

FriedenspreisdesDeutschenBuchhandels.