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Mensch und Tier . Der unhörbare Schrei

Die Frage nach dem Tier im Menschen, die mit der Aktualität der Darwinschen Thesen auch bald wieder verblasste und die nur als Motivgeschichte, etwa in der Literaturwissenschaft, weiter ein Schattendasein fristete, scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt als die Frage nach dem Leben, seinem Ursprung, seiner Verstehbarkeit und seiner Manipulation neu belebt zu werden. So hat der in Verona lehrende Philosoph Giorgio Agamben einen Band mit dem Titel Das Offene. Der Mensch und das Tier veröffentlicht, der sich wie ein Pendant und Gegenbild zu Kathans Buch lesen lässt. Während der Kulturwissenschaftler Kathan eher beobachtet als wertet, argumentiert der Philosoph Agamben unverhohlen politisch. Er bezieht sich auf die Konzeption der Biopolitik, wie Michel Foucault sie entwickelt hatte, aber auch auf Heidegger und seine Vorstellung vom Spiel der "Offenheit" zwischen Mensch und Tier, auf den Ökologen Jakob von Uexküll und auf Georges Bataille. Zuletzt aber, mit der Wiederaufnahme des rätselhaften Benjaminschen Arguments von der "geretteten Nacht" als eines Potenzials künftiger Menschlichkeit entwickelt Agamben eine Theorie des Lebens, der er die Idee von der "anthropomorphen Animalität", die den Inbegriff des Menschen ausmache, zugrunde legt. Ihm geht es um das Verhältnis zwischen Tier und Mensch im Blick auf das noch mögliche Verständnis des Wesens des Menschen und die Bedeutung dessen, was Leben heißt. Anknüpfend an Kojèves legendäre Pariser Hegel- Vorlesungen, entwickelt Agamben die Vision vom Menschen am Ende der Geschichte, der einen letzten Blick auf das Menschentier zurückwirft; auf den inneren Kampf zwischen Mensch und Tier, der zwischen Offenbarung und Verbergung des Menschenwesens in seinem inneren Kern entbrennt. Dieser letzte Kampf ist, so Agamben, ein Rückzugsgefecht:

ein Rückzug aus der Politik, die das Menschenleben gestaltet, in die Biopolitik, die dieses Leben nur noch von Staats wegen verwaltet. Es gehe nicht mehr um Dichtung, Religion und Philosophie, die das Schicksal der Völker bestimmen, sondern nur noch um die Organisierung des Lebens, die strategische Bewältigung der Differenz zwischen Kultur und Natur, Humanem und Animalischem eine Bewältigung, die das Tier verschwinden lässt.

Das Menschentier ist keine Gattung mehr, sondern ein Feld dialektischer Spannungen, von Zäsuren durchquert. Worum es noch gehen kann, ist die wieder auffindbare Animalität am Ende der Geschichte, als des Menschen einziges wie letztes Kapital. Das Paradox, in dem der Mensch steht, zeigt ihn als den, der gezwungen ist, sich, um menschlich zu bleiben, als Nichtmensch zu erkennen. Oder umgekehrt, wie Agamben es formuliert: Der Mensch ist das Tier, das sich selbst als menschlich erkennen muss, um es zu sein. Agambens Lebensphilosophie sucht auf das gleiche Dilemma zu antworten, das auch im kulturdiagnostischen Blick Kathans erkennbar wird. Es sind, aus der Perspektive der Kulturwissenschaft wie aus derjenigen der Philosophie, zwei Versuche, den Begriff des Lebens neu zu befragen. Beide arbeiten an dem gleichen Dilemma. Wenn der Mensch seine Tierheit preisgibt, drängt er zugleich das Leben aus sich hinaus. Er wird zum Artefakt, zum Cyborg, wie Donna Haraway von feministischer Seite schon vor längerem zu bedenken gegeben hat. Die eigene Physis zu bejahen: Es scheint, als sei dies das politische Mandat, das dem Menschen, der Mensch sein will, zu ergreifen noch offen bleibt.

Bernhard Kathan: Zum Fressen gern Zwischen Haustier und Schlachtvieh; Kulturverlag Kadmos, Berlin 2004; 256 S.