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Subjektivität, Nachträglichkeit und Mangel.

Zur Ethik des Subjekts der Forensischen


Psychotherapie
Ulrich Kobbe

Zusammenfassung

Ethische Fragen forensisch-therapeutischer Praxis nötigen zur Überprüfung vermeintlich (end-)


gültiger Standards und Prämissen. Gegenüber in Mode gekommenen deliktfixierten, effizienz-
und effektorientiertcn, manualisierten „Behandlungsmodulen" wird eine subjektzentrierte
Haltung vertreten. Dies fordert die Ausarbeitung eines psychologiseh-subjekttheorctischen
Begründungsdiskurscs. Anstelle einer unveränderbar abgeschlossenen Vergangenheit sollte
forensische Behandlung die Wiederherstellung einer subjektlogisch strukturierten, synchronen
Zeitlichkeit des Subjekts provozieren, um die Art und Weise, wie es seine eigene, delinquente
Geschichte annimmt, zukunftsweisend weiterzucntwickeln und sich dabei zu kontextualisicren.
Die Auseinandersetzung mit Mangel, Devianz, Verkennung, Verleugnung und Selbstidealisic-
rung ist dabei als Prozess der „Instituierung" und „Subjektivierung" zu verstehen. Ziel ist die
Entwicklung einer Autonomie der Selbstunterwerfung und des Begehrens.

Schlüsselwörter

Ethik - forensische Therapie - Nachträglichkeit - Mangel - Subjcktivicrung - Instituierung


versus Destituierung

Summary

Ethical questions on the matter of forensic-thcrapcutic practise necessitate the examination of


what are thought to be valid and definitive Standards and assumptions. In Opposition to the
manualised "treatment modules" fixed on the offence and orientated to efficiency and effec-
tiveness for which a certain fashion exists, a subject-centred attitudc is represented. This re-
quires the working out of a psychological-subject-theoretical discourse pertaining to its justifi-
cation. Instead of a non-changeable complete past, forensic treatment should provoke the re-
instatement of a structured and synchronised temporal subject logic, in order to contextualise
the subject and the way in which he is able to accept his own delinquent past, to point towards
a future path, and to give an impetus to further development. The eonfrontation with defi-
ciency, deviance, lack of understanding, renunciation, and idealisation of the seif is to be
understood now äs a dialcctic of "institution/dcstitution" and the proeess of "subjeclion". The
development of an autonomy of self-submission and desire is the goal here.

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Key words and phrases Sade (Kobbe 2002b) hinreichende Paradigmen zur Entwicklung eines ethi-
schen, forensisch-therapeutischen Begründungsdiskurses sein können. Da-
ethics - forensic therapy - deferred action - deficiency - subjection - institution versus
destitution
mit konterkariert diese theoretische Begründung subjektzentrierender Praxis
die aktuell in Mode gekommenen Behandlungsansätze der Psychiatrie wie
des Strafvollzugs, die durch Effekt- und Effektivitätsorientierung, Deliktfi-
Resume xierung, „Manualisierung" (Legewie) und „Modul"-Strukturen charakteri-
siert sind. Hierfür soll in einem ersten Schritt versucht werden, die psycho-
Ce sont les questions ethiques d'une pratique therapeutique sous les conditions de privation de logischen Prozesse innerhalb forensischer Behandlungen nachzuvollziehen,
liberte qui forcent de verifier ses Standards appliques ainsi que ses premisses. Critiquant les
um dann in einem zweiten Schritt den Möglichkeiten zur „Instituierung"
«modules de therapie» fixes sur le delil, Orientes sur efficacite et effets et manualises qui sont ä
la mode, I'auteur adopte une attitude centree sur le sujet. Ceci exige l'elaboration d'un discours (Legendre) des ethischen Subjekts im forensischen Setting nachzugehen.
fondamental et theorique d'une psychologie du sujet. Au lieu d'un passe acheve et immuable,
toute therapie devrait provoquer le retablissement d'une temporalite logique, structuree et
synchrone du sujet qui n'aura qu'un avenir s'il rcussit de se contextualiser en acceptant sä Alteritäten
propre histoire delinquante. Cette confrontation avec son manque-ä-etre, sä deviance, sä me-
connaissance, sä denegation et son auto-idealisation doit etre comprise comme etant caraeteri-
«J'ai decide d'etre „Ich habe beschlossen zu sein,
see par une dialectique d'institution versus destitution et contenant un processus de subjectiva-
tion dont le but serait le developpement d'une autonomie d'assujettisseinent et d'une ethique ce que le crime afait de moi ...> was das Verbrechen aus mir gemacht hat..."
du desir.
Mit diesem Zitat sucht Sartre (1968) den Prozess zu skizzieren, der Jean
Mots-cles Genet als Subjekt einer bestimmten Gesellschaft zu dem schwulen und
delinquenten «poete maudit» gemacht hat, als der dieser bekannt war (Rad-
ethique - therapie en privation de liberte - apres coup - manque ä etre - assujettissement -
institution versus destitution
datz 1980, 83). Die Logik dieser dialektischen Metapher mag auf den ersten
Blick befremden, vielleicht wie eine existentialistische Offerte zur Exkul-
pierung erscheinen. Doch dürfte Sartre (1969, 48) hierbei auch die ,Freiheit'
des Menschen als „jene kleine Bewegung" mitgedacht haben, „die aus ei-
nem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der
„philosophari necesse est" nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt". Gerade
(Schöpf 1990, 218) diese dialektische Form der Argumentation bestätigt zwar einerseits die
individuelle Geschichte als Resultat eines „sozialen Geschicks", das ,ge-
Die ethischen Fragen der forensisch-psychotherapeutischen Praxis nötigen lebte Leben' als jenseits' des Psychologischen sozial bedingt, doch darf
immer wieder zur Überprüfung vermeintlich end-gültiger Standards und gerade dies andererseits nicht in „eine einseitige Reduktion des Sozialen auf
Prämissen. Hierbei zeigt sich, dass die eigenen Ausarbeitungen zur Ethik das Psychologische" (Caruso 1972, 60) umkippen. Insofern geht es viel-
der forensischen Psychotherapie (Kobbe 1992a; b; c), der forensischen mehr um den lebensgeschichtlichen Entwurf eines an-archischen Selbst als
Behandlung (Kobbe 1997; 1998b; d) und der forensisch-politischen Prämis- archaischem Subjekt einer Un-Ordnung, die nur eine andere Ordnung dar-
sen (Kobbe 1998c; 1999a; Kobbe & Pollähne 1999) keineswegs so stellt, nur „das der Möglichkeit nach Thematisierte" ist (Levinas 1968, 299).
zeitüberdauernd wie damals angenommen, sprich, mitnichten heute noch Konkret merkt Sartre (1977, 145) dabei an: „So wird aus Jean Genet ein
selbst-verständlich, sind. So soll im Folgenden ausgearbeitet - und nach- Dichter, obwohl er dazu bedingt war, ein Dieb zu sein".
träglich begründet - werden, inwieweit weder die damals in Anspruch ge-
nommene aristotelische Ethik des Guten noch die Kantische Ethik des mo-
ralischen Gesetzes (Kobbe 1998a) noch die Anti-Ethik des Genießens bei de

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Zeitstrukturen schlossene Vergangenheit [zweite Vergangenheit, perfektum], dessen, das in
dem, was ich bin, gewesen ist, sondern die vollendete Zukunft [zweite Zu-
Wenn es also für das forensische Subjekt darum gehen könnte, analog Ge- kunft, futurum exactum] dessen, was ich für das gewesen sein werde, das zu
net - einem „Kronzeugen dieser festen, gegliederten, furchtbaren Wahrheit werden ich im Begriff stehe" (Lacan 1953, 181).
der Delinquenz" gleich - sein gewalttätiges, destruktives, anarchisches
Selbst selbstidentifikatorisch anzunehmen (Kobbe 2002d), so stellt sich die Um das Paradoxon einer immer schon ,da' seienden Vor-Zukunft, aber
Frage nach den psychologischen Gesetzmäßigkeiten, denen eine solche eben noch nicht realisierten Existenz anders zu formulieren: Für das kon-
paradox erscheinende Bewegung folgt. Hierzu arbeitet Lacan' heraus, dass krete forensische Subjekt geht es darum, sich aktuell zu vergegenwärtigen,
die Subjektivität der sich behauptenden, bestätigenden Selbstwahrnehmung in Zukunft der zu werden, den die Vergangenheit aus ihm gemacht hat.
ein „verzeitlichter Bezug von sich auf den anderen" ist (Lacan 1945, 118), Anders ausgedrückt, impliziert diese besondere temporale Existenzbedin-
indem es um eine „Reziprozitätsrelation" geht, die das innere Selbsterleben gung ein Verhältnis zu sich im Verhältnis zu anderen und in Bezug auf die
zeitlich strukturiert: „Dieser Bezug des ,ich' auf andere als solche muss in eigene Vergangenheit. Ganz im Sinne Sartres und Genets geht es für das
jedem kritischen Moment verzeitlicht werden« (Lacan 1945, 119), um den forensische Subjekt darum, sich selbst realisierend der - geworden - zu
Moment des begreifenden Erkennens dialektisch auch als ein augenblickli- sein, den das Verbrechen aus ihm gemacht hat (Kobbe 2002d).
ches Verkennen konzeptualisieren zu können. Da zeitliche Prozesse in Ver-
gangenheit, Gegenwart, Zukunft nicht abgelöst voneinander erlebt werden
können, drängt das verdrängte Delikt die Erinnerung strukturierend als Instituierung
noch-nicht-verarbeitete Vergangenheit in der Gegenwart an. Diese zeitliche
Struktur des Erinnerns impliziert eine ,Skandierung', einen von aktuellen Legendre bezeichnet, indem er auf das römisch-antike Grundprinzip des
Sinninhalten abgelösten Zeittakt des subjektiven Erlebens, die auch die , vitam instituere' Bezug nimmt, die institutionellen Effekte, die Effekte der
Erfahrungspotentiale der Gegenwart strukturiert (Kobbe 2003b). Institution ,Gesellschaft' als einen für die Subjektivierung wesentlichen
Aspekt der „Instituierung", sprich, der ,Einsetzung' des Menschen als so-
Vor der Folie dieser retrospektiven Selbst-Erfahrung wird deutlich, dass die ziales und ethisches Subjekt, da die Verinnerlichung der Begrenzung dem
darin enthaltene Beziehung zur Zeitlichkeit als eine ontogenetische Dimen- Subjekt die Beschränkung gibt, die es sucht, und so fundamentale Identifi-
sion des Subjekts zu verstehen ist. Denn die Verdrängung der eigenen De- zierungsmöglichkeiten eröffnet (Schneider 2001). Ganz im Sinne dieses
linquenz beinhaltet nicht nur die Abwehr einer unerträglichen psychischen Subjekt- und institutionstheoretischen Modells unterliegt das forensische
Realität, bei der die Straftat ein nicht assimilierbares „Angstobjekt par ex- Subjekt im Maßregelvollzug dadurch einem Prozess der „Instituierung"
cellence" repräsentiert (Kobbe 2003a, 14). Zugleich geht es auch um die (Elchardus & Elchardus 1995), dass es nicht nur der symbolischen Ordnung
Aufrechterhaltung eines idealisierten Bildes von sich selbst, einer selbst- (= dem herrschenden Sprach- und Be-Deutungssystem) unterworfen wird
idolisierenden Antizipation, die Vollkommenheit suggeriert und jede bzw. sich im selbst unterwirft, sondern indem es dazu angehalten wird, sich
Schadhaftigkeit, jedes Verfehlen in der Freiheit der Verantwortung ver- als Subjekt aktuell bewusst zu erinnern und auseinander zu setzen, um nach-
leugnet. Anders formuliert, stellt die unmöglich in die psychische Struktur reifend der werden zu können, den die eigene delinquente Lebensgeschichte
zu integrierende Deliktrealität eine Traumatisierung dar, die als primärpro- unbewusst vorgreifend aus ihm gemacht hat. Forensische Behandlung
zesshafte, unbewusste Realität des begehrenden Subjekts dem Wiederho- besteht folglich in diesem Aspekt darin, das rechtsbrechende Subjekt dazu
lungszwang unterliegt (Lacan 1964, 64-65). zu motivieren und dabei zu unterstützen, „die geschichtliche Aktualisierung
der Tatsachen zu vollenden, die im Laufe seines Lebens eine gewisse Zahl
Was sich in der Wiederholung und retrospektiv in der Lebensgeschichte des von historischen .Wendepunkten' bestimmt haben" (Lacan 1953, 139).
konkreten - forensischen - Subjekts verwirklicht, „ist nicht die bestimmte
Vergangenheit dessen, was war, weil es nicht mehr ist, noch ist es die abge-

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Mit diesem Modell versucht Lacan, die zeitliche Struktur des Subjekts ent- d. h. ein Wissen, das dem Subjekt nichts sagt und es nicht bindet" (Waltz
sprechend der Freudschen Theorie - weiter - zu entwickeln und nicht als 2001, 108), da die formalisierte Wissenschaftssprache die Wirklichkeit
abgeschlossen-statischen Zustand einer Geschichtlichkeit des Subjekts, abbilden soll anstatt - wie dies Sprache sonst leistet - diese Wirklichkeit zu
sondern als dialektischen Prozess einer Identität des sich erinnernden Den- artikulieren (Waltz 2001, 113).
kens zu konzipieren. Dabei besteht das Ziel keineswegs in einer quasi Ar-
chäologischen' Wiederherstellung der genauen Erinnerung objektiver Ge- Bei einem reflektierten subjekttheoretischen Behandlungsmodell aber
schehnisse, sondern in der „Aufnahme seiner Geschichte durch das Subjekt, müsste es darum gehen, sich der zwischenmenschlichen Anstrengung zu
so wie sie durch ein an den anderen gerichtetes Sprechen konstituiert wird" unterziehen, dem Tätersubjekt zuzuhören, sich auf das Sprechen wie auf das
(Lacan 1953, 134). Schweigen und Verschweigen dieses Subjekts einzulassen, darin die unbe-
wussten Anteile seines Erlebens, Phantasierens, Denkens, Handelns und
Verhaltens, deren Wunsch- und Abwehraspekte zu erfassen und zu verste-
Kriminalistische Psychiatrie hen.

Wenn es also darum geht, vergangene Ereignisse immer weiter zu resub- „Hier beginnt ein Sprechen über die Taten, und auch das Unerträgliche des Hörens,
jektivieren, sich erinnernd zu ver-innerlichen, so handelt es sich um etwas denn zuerst werden die Taten meist lapidar und nebensächlich dargestellt und es ist
definitiv anderes als eine detailgenaue Rekonstruktion des Tatgeschehens, schwierig, nicht darauf zu reagieren, sondern das Gesagte erst einmal im Raum
um ein dem tatortanalytischen Ansatz der Auswertung objektiver, subjekt- stehen zu lassen. Nur bestimmte Wörter aufzugreifen und ein weiteres Sprechen zu
unbezogener Tatbestandsmerkmale geradezu entgegengesetztes psychothe- ermöglichen, um eben nicht durch Entrüstung und Gegenargumente" einen verbalen
Schlagabtausch zu beginnen, sondern Augenblicke zu ermöglichen, in denen „das
rapeutisches Vorgehen. Denn diese „Kriminalpsychologie" nimmt für sich
immer gegenwärtige routinierte, leere Sprechen durchbrochen wird und das Gespro-
„die Möglichkeit" in Anspruch, „anhand einer abgeschlossenen Tatortana-
chene in seiner Zweideutigkeit überrascht" (Schwaiger 2003, 40-41).
lyse die Dynamik eines Verbrechens und damit die darunter liegenden Be-
dürfnisse des Täters zu erkennen", um über „derartig definierte Merkmals-
Gerade indem kriminalistisch orientierte Therapeuten „das Verbrechen mit
cluster [...] neue Erkenntnisse bei [...] den einzusetzenden Therapiemög-
all seinen grauenvollen Details" beweisführend präsentieren und mit der
lichkeiten [zu] bieten" (Müller 2002). Doch das Indizienparadigma der
Begründung, die Tat „gehöre [...] zur Persönlichkeit des Täters" (Klingst
Tatortanalyse verfehlt innerhalb forensischer Behandlungen und dort in
2003, 3), als objektivierbares Charaktermerkmal festlegen, nutzt diese kri-
seiner Konzentration auf objektive Fakten das Subjekt der Tat vollends.
minalistische Praxis die - „Scheußlichkeiten" der - Tat als Dreh- und An-
Nicht aus dessen unbewusster, subjektiver Wahrheit wird nunmehr dabei
gelpunkt so genannter Therapie. Anstatt sich jenes Subjekt zum Ausgangs-
versucht, die affektive Logik, die Beziehungsdynamik, den - bewussten wie
punkt forensisch-psychotherapeutischer Erkenntnis zu machen, „welches
unbewussten - ,Sinn' zu erschließen, sondern es soll in der Tradition na-
die (Natur-)Wissenschaft um der Objektivität willen auszuschalten bemüht
turwissenschaftlich-deterministischer Faktenanalyse mit linearem Abfolge-
ist" (Gondek 2001, 133), bedeutet tatortanalytisches Vorgehen, „dass die
modell etwas verobjektivierend konkretisiert werden, das innerhalb der
Tat stärker ins Zentrum von Therapie [...] rücken muss" (Klingst 2003, 3),
physikalischen Gegebenheit nicht zu erfassen ist: Außerhalb des „Profi-
dass die Behandlung also vom Täter und dessen Subjektivität abrückt und
ling" im Kontext von Täterfahndung und -Identifizierung verliert diese
dass Behandler ihre (scheinbare) wissenschaftliche Rationalität - wie bei-
Methodik gerade im forensisch-psychotherapeutischen Feld jedwede Be-
spielhaft an Begrifflichkeiten der „Scheußlichkeiten", des „Bösen" ablesbar
rechtigung, da objektiv(ierend)e Wissenschaft „nicht in der Lage sein
- zur Verwirklichung moralischer Maßgaben, sprich, irrationaler Behand-
[kann], meine .objektive subjektive' phantasmatische Identität, diesen ob-
lungsmaxime einsetzen. Denn: Das Postulat einer ,objektiven Realität' des
jektalen Kontrapunkt meiner Subjektivität, [zu] formulieren" («i«ek 1998,
Tatgeschehens und der Tatmotive schafft ein paradoxes Apriori, das in
47). Das heißt, die naturwissenschaftlich auf den Fetisch „Objektivierung" /
seiner unmöglichen' Objektivität zum objekthaften Korrelat des Subjekts
„Objektivität" fixierte Wissenschaft „produziert ein Wissen ohne Wahrheit,

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(Tat als Persönlichkeitseigenschaft) gerät und Fetischcharakter annimmt
(Tatzentrierung der Behandlung). auszuhalten anstatt ihn fatalistisch-tatobjektivierend zu prädeterminieren
und rational-kausalistisch zu ,erledigen'.
Wenn im Übrigen die Tat in dieser Form focussiert und die Details ihres
Ablaufs zu wesentlichen Prognosekriterien werden, so akzentuiert das tat-
Antizipierte Nachträglichkeit
ortanalytische Vorgehen zwangsläufig die statischen gegenüber den dyna-
mischen Prognosemerkmalen (Kobbe 2003c) und erweist es sich insofern
Anstelle einer auf der abgeschlossenen Vergangenheit des Perfektums ba-
als therapieskeptische Intervention, wenn nicht gar als Symptom eines ,hid-
sierenden Zeitlichkeit des bewussten Subjekts geht es darum, eine subjekt-
den curriculums' einer a) Zuschreibung von Therapicrunfähigkeit und b)
logisch strukturierte (,synchrone') Zeitlichkeit des Subjekts wiederherzu-
Infragestellung der Sinnhaftigkeit forensischer Psychotherapie. Das heißt,
stellen (Lacan 1965, 220). Dieses Konzept einer das menschliche Handeln
es geht nicht nur um den - unterstellten - objektiven Faktor der Subjektivie-
strukturierenden, intersubjektiven Zeit versucht, den gängigen Zeitbegriff
rung, sondern auch um das genaue Gegenteil: Hier entlarvt sich der - von
durch eine andersartige, eine Zeit zu ersetzen, „die der Bewegung des Un-
den Protagonisten unbemerkte - subjektive Faktor wissenschaftlicher Ob-
bewussten adäquater" ist (Weber 1978, 13) und eine intrapsychische Struk-
jektivierung («i«ek 1998, 90). Für die drängende Frage einer forensischen
tur als relativ festen systemischen Zustand konzipiert.
Behandlungsethik bedeutet dies, dass die tatanalytisch beanspruchte Reali-
tätsorientierung zwar eine rationale und argumentative Basis formuliert, „Die Eigentümlichkeit dieser Zeitlichkeit liegt weder in der bloßen Aufeinanderfol-
dass sie andererseits aber auch über „das Verbrechen in all seinen grauen- ge von Ereignissen noch in einem deterministischen Verhältnis zwischen der Ver-
haften Details" zu erforschen sucht, „woher das Böse kommt" (Klingst gangenheit als Ursache und der Gegenwart-Zukunft als Wirkung. Sie liegt aus-
2003, 3) ... und mit dieser Dämonisierung forensischer Patienten in die schließlich in der Möglichkeit, über die das Subjekt verfügt, ,sich' nachträglich
Falle moralisierender Behandlungspraxis geht, mithin mit ungeprüften, (apres coup) ,umzustrukturieren', d.h. darin (...) der eigenen Vergangenheit ausge-
impliziten moralischen Grundlagen arbeitet. hend von der Erschlossenhcit der Zukunft Bedeutung zu verleihen. (...) Nur so wird
verständlich, dass die Stränge der Vergangenheit keinen Sinn in sich tragen, sondern
Demgegenüber macht der hier skizzierte Ansatz den Versuch, den forensi- ihn durch die gegenwärtige Interpretation des Subjekts erhalten. Der Sinn der sub-
schen Patienten gerade nicht auf den Sexualstraftäter zu reduzieren, sondern jektiven Geschichte ist in der Tat keine Gegebenheit, keine Tatsache, sondern (...)
ihn in seiner Subjektivität und seinem Begehren anzunehmen, sozusagen der Effekt der Art und Weise, wie das Subjekt seine eigene Geschichte annimmt"
jenseits' einer Moral zu (be)achten, ohne ihm „subjektive Vorstellungen (Rccalcati 2000, 23).
von Gleichheit und Recht [...] narzisstisch überstülpen und aufoktroyieren
Diese Zeitstruktur des Subjekts setzt „an die Stelle der abgeschlossenen
zu wollen" (Schöpf 1990, 217). Mit dieser Ethik geht es fraglos - auch - um
Vollendung des Immer-schon-gewesen-Seins die unabschließbare Vollen-
die Auflösung narzisstischer Verkennung auf Seiten des Patienten, zugleich
dung des Immer-schon-gewesen-Sein-wf'rd, das durch kein Denken je ganz
aber eben auch um eine „Zurücknahme narzisstischer Verblendung, dass die
er-innert werden kann" (Weber 1978, 12). Für das forensische Subjekt be-
Vernunft des Subjekts eine Auflösung des Problems leisten könne", auf
deutet dies, dass es immer schon deliktbedingt - ohne sich dieser Tat(sache)
Seiten der Behandler. Damit verfolgt dieses Konzept eine mitunter „tra-
vollends bewusst gewesen zu sein - ein ,anderes' war und zugleich dennoch
gisch-existentialistische Lösung" (Schöpf 1990, 217), die vom konkreten
erst das zu werden hat, was das Delikt aus ihm gemacht hat (Kobbe 2002d).
Ergebnis her vielleicht in Einzelfällen nicht anders aussehen mag als das
Ergebnis kriminalistisch-biologistischer Psychiatrie: weitere Unterbringung
Dies bedeutet keineswegs, dass Gegenwart und Zukunft des Subjekts de-
nämlich. Doch dieser therapeutische Weg ist ein psychologischer, subjekt-
orientierter wie selbstrcflexiver - und insofern humanistischer - Weg, der terministisch im Erinnern der Vergangenheit vorweggenommen wurden.
Vielmehr handelt es sich um ein unbewusstes Angebot - und Erinnerungs-
weder dem Patienten noch dem Behandler erspart, den Dauerkonflikt weiter
gebot - des Subjekts an sich selbst, das den Charakter einer .antizipierten
Nachträglichkeit' in sich birgt und den Charakter einer .Konjektur', einer -

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mutmaßlich besseren - Korrektur des bisherigen, unabgeschlossenen Le- „Geständniskultur" (Foucault) - der Beichte, des Geständnisses, der Anam-
bensentwurfs, annimmt (Kobbe 2003b). Dies „nicht, weil es immer noch nese - angelegten Gesellschaft ohnehin gefordert wird. Verwirklicht werden
eine Zukunft geben wird, die vom Subjekt nie ganz einzuholen sei, sondern muss diese geschichtliche Dimension des Subjekts als seine immer neu zu
weil jeder Versuch des Subjekts, seiner Geschichte habhaft zu werden, diese erreichende Kontextualisierung, als eine instituierende Integration in eine
aufspalten muss in eine Vergangenheit, die ihm immer noch bevorsteht, gemeinsame historische, soziale, kulturelle und symbolische Intersubjekti-
oder genauer: bevorgestanden haben wird. Demnach bestimmt sich die vität des Diskurses.
,lebendige Gegenwart' (Husserl) des Subjekts als ein Brennpunkt, dessen
Wirklichkeit nur eine antizipierte Nachträglichkeit sein kann" (Weber 1978, „Es darf [...] nicht der Eindruck entstehen, dass es [...] so etwas wie einen Moment
12). Der Bezug auf die bei Husserl angelegte, von Derrida ausgearbeitete gab, der die Wende vom leeren Sprechen (also dem Schlagabtausch) zum subjektiv
Phänomenologie der Geschichte beinhaltet nicht nur einen ebenso gesell- unbewussten Assoziieren markiert hätte. Ganz im Gegenteil ist in jeder Sitzung die
schaftlich-historischen wie individuell-lebensgeschichtlichen Aspekt, son- Routine omnipräsent und lässt sich nur durch ein genaues Hinhören, Akzentuieren
eines Wortes oder eben Versprecher und Fehlleistungen durchbrechen. Das Ritual
dern zugleich führt diese Ungleichzeitigkeit der Gegenwart mit sich selbst
der wöchentlichen Zusammentreffen gibt die Sicherheit, dass ein weiteres Sprechen
zu erkcnntnistheoretischen Fundierungen von ,Differenz' und ,Identität':
möglich sein wird, aber schützt nie vor dem routinierten Gerede, das in einer totalen
Institution wie dem Gefängnis [oder der Maßregelvollzugsklinik]* besonders ausge-
„Damit aber die Zukunft in der Gegenwart ,angekündigt' und die Vergangenheit in prägt ist. Und es garantiert eines nicht, was gegenwärtig als Signifikant zum Güte-
ihr ,einbehalten' ist, muss diese Gegenwart nicht bloß gegenwärtig sein: Sie muss siegel für jede Therapie erhoben worden ist: Qualitätssicherung, denn die Qualität
zur gleichen Zeit auch schon vergangene und noch zukünftige Gegenwart sein. Dank des Sprechens ist eine nachträgliche, die sich jeder ihr vorausgehenden Sicherung
dieser noch gegenwärtigen Vergangenheit und dieser schon gegenwärtigen Zukunft radikal entzieht" (Schwaiger 2003, 43).
wird die Vergangenheit als solche für uns die nicht mehr gegenwärtige Gegenwart
sein, und die Zukunft wird seit jeher und auf immer die Gegenwart gewesen sein,
Erst diese Form diskursiver Selbstbefragung und Selbstakzeptanz ist Vor-
die noch nicht gegenwärtig war" (Descombes 1981, 169).
aus-Setzung für die Antizipation einer Zukunft, für die Vorstellung einer
Lebensperspektive als Projektion des Selbst aus der zur Vergangenheit
Indem Zeit auch ,invers' ablaufend als Nachträglichkeit und als Vorweg-
werdenden Gegenwart in die Zukunft. Insofern ist eine ,lebendige Gegen-
nahme erlebt werden kann, existiert subjektiv kein linearer Zeitbegriff:
wart' des Subjekts nur in einer Sprachbeziehung, nur in der intersubjektiven
Bedeutsam sind nicht die realen Abfolgen oder Abläufe von Ereignissen,
Nachträglichkeit einer forensischen Therapie möglich, innerhalb derer sich
sondern die Art und Weise, wie diese vom Subjekt als „gegenwärtige Syn-
these der Vergangenheit" erinnert und gegenwärtig via Geständnis, Anam- der Patient
• die Vorstellung der eigenen Alterität imaginativ, projektiv-identifi-
nese und/oder therapeutischer Erinnerungsarbeit retrospektiv „historisiert"
werden (Lacan 1954). In diesem Sinne arbeitet sich das forensische Subjekt katorisch - wieder-an-erkennend - aneignet und
• diese symbolisch-identifikatorische (Re-)Introjektion vornimmt, um ein
an einer Art „Zeitschleife" (•i'ek) ab, die nicht nur eine existentiell fundie-
rende Struktur des Unbewussten darstellt, sondern auch impliziert, dass solcher zu werden wie ...
(s)ein Delikt als Wiederkehr des Verdrängten seine Bedeutung mitunter
nicht als verdrängtes Trauma der Vergangenheit erhält, sondern „seinen Das bedeutet, „in einer merkwürdigen Zeitform, die einem einholenden
Wert erst in der Zukunft, durch seine symbolische Realisierung, (durch) Zurücklaufen entspricht" (Widmer 1990, 43) und den formelhaften Impera-
seine Integration in die Geschichte des Subjekts annehmen wird" (Lacan tiv Freuds , Wo Es war, soll Ich werden' aufgreift, hat das bewusste, sprach-
1954,251). liche Subjekt seine unbewussten Eigenschaften zu artikulieren.
Folgt man diesem subjekttheoretischen Modell, so impliziert die Arbeit mit
Rechtsbrechern als solches prinzipiell keine psycho(patho)logischen Beson-
derheiten, sondern es akzentuiert lediglich die ohnehin immer wieder zu
leistende Selbsthistorisierung des Einzelnen, wie sie in der strukturell als

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Vom unbewussten zum ethischen Subjekt o. g. Leere bezeichnet, außerhalb jeder inneren Repräsentationsmöglichkeit
anzunehmen ist und um das alle unbewussten Vorstellungen kreisen. Bei
Auf diese Weise strukturiert das begründende Sprechen des Subjekts „anti- Freud wie Lacan wird das ,Ding' als ein Objekt verstanden, „das als solches
zipatorisch-entwerfend das Bedeutsame dessen, was gewesen ist" (Widmer verloren ist" und unmöglich wieder aufgefunden werden kann: Es ist die -
1990, 19), da Erinnerung die delinquente Vergangenheit nicht nur referiert, vermeintliche - Erinnerung an ein erfülltes Genießen als Illusion ursprüng-
sondern dieser überhaupt erst ihre Bedeutung verleiht. Indem Gegenwart lich möglicher Befriedigung.
nur unter der Bedingung gegenwärtig ist, dass sie sich auf eine Abwesenheit
- der Vergangenheit oder der Zukunft - bezieht und so von dieser unter- Bedeutung hat diese Leere gerade im forensischen Kontext für das Ver-
scheidet, bedarf es der Vergangenheitsform als besonderer Zeitlichkeit des ständnis der Delinquenz: Denn die Tat lässt sich als Versuch verstehen, die
Unbewussten, um sich in der forensischen Psychotherapie retrospektiv Distanz zum ,Ding' aufzuheben, sich des , verlorenen' Objekts auf imaginä-
(s)eine Bedeutung zu erschließen und sich als ethisches Subjekt zu verselb- re Weise wieder zu bemächtigen und „die irreduzible Differenz des Dinges
ständigen, denn über diesen Prozess kann und muss sich der Rechtsbrecher wieder zu vergegenwärtigen" (Recalcati 2000, 71). Dass dies innerhalb der
vergegenwärtigen, dass die selbstidealisierende Idee der Vollständigkeit und Tat auf ent-täuschende Weise immer nur in Ansätzen und nur temporär
Allmacht ein narzisstisch stabilisierendes Phantasma des Perfektums, eine möglich ist, ist eine der begehrenden Determinanten für die dysfunktionale
illusorisch-fixe Idee mangel- und makelloser Perfektion, eine krampfhafte Tendenz zur Deliktwiederholung. Die zu entwickelnde Ethik des Subjekts
Abwehr intersubjektiver Ohnmacht und Abhängigkeit ist. lässt sich folglich als „eine Ethik des Abschieds und der Distanznahme
gegenüber dem narzisstischen Genießen des Dinges" beschreiben, indem
Was bedeutet dies für die zur Debatte stehenden Prämissen ethisch verant- die Unmöglichkeit, das , verlorene' Objekt jemals (wieder)finden zu kön-
wortbarer Therapie im forensischen Feld? Konnte therapeutisches Handeln nen, (an)erkannt wird. Ethisch zu begehren „bedeutet also, den eigenen
vor Jahren noch als primär dialogisch-intersubjektiver Diskurs verstanden - Mangel nicht als eine kontingente, sondern als eine strukturelle Mangelhaf-
und dementsprechend auf die individualethischen Standards befragt - wer- tigkeit anzunehmen, als ein Verfehlen des eigenen Seins, als einen" Mangel
den (Kobbe 1998a, 199a; b), so hat sich der Akzent aufgrund gesellschafts- an Sein, als einen 2 Seinsmangel (Recalcati 2000, 73). Indem der Mangel
politischer Entwicklungen in Maßregel- und Strafvollzug (Kobbe & Polläh- und die Unmöglichkeit einer definitiven Vervollkommnung als Charakteris-
ne 1999) wie vor dem Hintergrund neuerer Theoriebildungen nunmehr ein tika jedes Begehrens erkannt und anerkannt werden, enthüllt sich diese
zunehmend institutionell orientierter Zugang zum Verständnis des Subjekts Ethik als eine Ethik des Verlusts, mitnichten des Gewinns. In diesem Sinne
und der therapeutischen Diskurse entwickelt. Was impliziert der Terminus hat , Ethik' nicht - mehr - mit Werten (Aristoteles), mit einem kategori-
technicus des ,ethischen Subjekts'? Wie bereits an anderer Stelle (Kobbe schen Sein-Sollen (Kant) oder mit einer imperativen (Selbst-)Verwirk-
2003) ausgeführt wurde, stellt das Delikt das Auftauchen von angsterre- lichung des Genießens (de Sade) zu tun, sondern sie betrifft die Struktur des
gend-unerträglichen, nicht integrierbaren Handlungen innerhalb der gesell- Subjekts selbst: Diese Strukturierung durch einen existentiellen Mangel
schaftlichen Alltagspraxen dar: Bezogen auf ein Modell des Begehrens, ist erweist sich als „nichts anderes als das Gesetz der Wiederholung, der Wie-
dies der Einbruch des Realen in die (inter-)subjektive Struktur des Symboli- derholung eines Verlustes, wobei es das Ding ist, das verloren wurde. Die
schen und des Imaginären. Aufgabe von Behandlung wäre folglich die Ent- Ethik hat so letztlich mit dem Nicht-Sinn dieser Leere und dieses Mangels
wicklung einer ,Ethik des Realen', und in der Tat charakterisiert Lacan für zu tun" (Recalcati 2000, 74-75).
die von ihm vertretene Ethik die Dynamik eines ,Umkreisens einer Leere',
die mit der Unmöglichkeit des Realen verbunden ist. Dieser theoretische
Entwurf konzeptualisiert das Reale als eine Alltagserfahrung, die sich weder Imaginärer Objekt,verlust' - Unmöglichkeit der , Wieder'-Aneignung
auf Imaginationen (bildhafte Vorstellungen, Identifikationen usw.) noch auf
Symbolisierungsprozesse (Sprache, Schrift usw.) reduzieren lässt. Vielmehr In diesem Sinne ist die von Lacan entworfene Ethik der Psychoanalyse
greift er den von Freud eingeführten Begriff des ,Dings' auf, das genau die zugleich jeder hermeneutischen Ethik entgegengesetzt. Wenn das forensi-

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sehe Subjekt die vorgenannten Aspekte der Unmöglichkeit endgültiger keinen Platz" findet (Recalcati 2000, 42). Wenn also alle Angaben zur Ent-
Befriedigung seines Begehrens und der Unvollständigkeit seines Seins stehungsgeschichte des Delikts immer nur nachträglich und zudem phan-
anzuerkennen hat, dann lässt sich diese Alterität zwangsläufig auch nicht tasmatisch sind, bedeutet dies, einen Ursprung anzunehmen, der als solcher
durch hermeneutische Be-Deutungsversuche begreifen, „nicht einmal in den nur in der Erinnerung, in der Wiederholung existiert. Das (An-)Erkennen
Begriffen einer dialektischen Negativität" denken: „Die Ethik entspricht der einer mangelbezogenen Leere - einer durch die Aktivierung des Begehrens
Bereitschaft, diese Irrcduzibilität3, diesen Nicht-Sinn auf sich zu nehmen; zur Ursache gewordenen Leere - legt den „Zweck" und die „Absicht" die-
sie ist die Anerkennung dessen, (...) dass das Reale des Mangels nicht in der ser begehrenden Suche des Subjekts fest (Lacan 1986, 65) und fordert vom
Ordnung des Sinnes aufgehoben werden kann", sprich, „der Versuch, die forensischen Subjekt wie vom Therapeuten zu ertragen, dass diese de-
Opazität des Unmöglich-Realen, das jeder Interpretation widersteht, auf liktspezifische Subjektposition unausweichlich die Vorstellung einer Abwe-
sich zu nehmen" (Recalcati 2000, 77). Dies also bedeutet die Auf- senden' objektiven Ursache voraussetzt (Althusser 1993). Denn Lacan ar-
Forderung, der zu werden, den die Delinquenz aus ihm gemacht hat: Das beitet heraus, dass es bei diesem Verlust „nicht um den Verlust eines Ur-
forensische Subjekt hat sich zu vergegenwärtigen, sprungs geht, sondern darum, dass der Verlust selbst der Ursprung ist. ,Am
• dass seine inzestuösen Bemächtigungsversuche Ausdruck der Selbsttäu- Anfang war der Mangel', könnte man sagen" (Zupan«i« 1995, 29). Dass sich
schung über die Unmöglichkeit der Wiederaneignung des ,verlorenen' das Subjekt gleichsam „im Verlust des Objekts zu verlieren" tendiert, ist in
Objekts, über die Aufhebung von Getrenntsein und Differenz sind, seinem bis dahin wirksamen Unvermögen zur Konfrontation mit diesem
• dass aus einer Verkehrung der Unmöglichkeit, das .verlorene' Objekt Seinsmangel, zur Trauerarbeit bzgl. der eigenen Unvollkommenheit und der
(wieder) zu erlangen, das Fetischobjekt der Perversion resultiert, „das kontraphobischen Tendenz zur Selbstidealisierung zu verdanken. Auch in
genau dieser Unmöglichkeit Gestalt verleiht" (-i-ek 2000, 78), und/oder diesem Sinne beinhaltet forensische Behandlung das Ziel, der zu werden,
• dass seine perversen (Selbst-)Inszenierungen den illusionären Versuch den ich im Delikt zu erkennen genötigt und für die Zukunft anzuerkennen
darstellen, Lustverlust durch Verzicht nicht mehr ertragen zu müssen, gefordert bin: Es geht darum, die eigene Unvollkommenheit auf sich zu
sprich, eine quasi kapitalistische ,Ökonomie' des Genießens zu entwer- nehmen und im positiven Sinn zu ertragen.
fen (Kobbe 2002c),
• dass es zugleich aber (auf-)gefordert ist, von seinem - nicht erfüllbaren - „Kann sich aus diesem unausweichlichen ethischen Scheitern ein neuer ethischer
Begehren nicht abzulassen (Lacan 1986, 368). Sinn ergeben? Ich würde sagen ja, und ich würde sagen, dieser neue ethische Sinn
entspringt einer gewissen Bereitschaft, die Grenzen der Anerkennung selbst anzuer-
kennen und einzugestehen, dass wir dort, wo wir behaupten, uns selbst zu kennen
„Dieser Anspruch ist zweideutig, denn Lacan sagt nicht, dass dein Begehren erfüllt
und uns selbst darzustellen, auf bestimmte Art und Weise scheitern, auf Weisen, die
werden soll oder muss. Er sagt nur, dass das Begehren nicht stillgestellt werden soll.
aber wesentlich sind für das, was wir sind; und dieser neue ethische Sinn entspringt
Manchmal ist eben die Befriedigung das Mittel, von seinem Begehren abzulassen;
einer gewissen Bereitschaft einzugestehen, dass wir auch von anderen nichts erwar-
sie kann auch das Mittel sein, sich gegen das Begehren zu wenden, dessen Tod
vorzubereiten" (Butler 2002, 57). Diese ethische Verfügung, mit seinem Begehren ten können" (Butler 2002, 55).
keinen Kompromiss einzugehen, mahnt dazu, „unserem Begehren, aufrechterhalten
durch das Gesetz der minimalen Distanz zum Ding, treu zu bleiben - und man bleibt Auch insofern geht es um das Erlangen einer ethischen Subjektposition,
seinem Begehren treu, indem man die Lücke wahrt, die das Begehren aufrechterhält, wenn Margalit (1999, 92) die Achtung des Rechtsbrechers damit begründet,
die Lücke, durch die das inzestuöse Ding für immer dem Zugriff des Subjekts ent- dass dieser über die prinzipielle Fähigkeit verfüge, sein Leben zu ändern,
zogen bleibt" («i-ek 1998, 124). ihm eine Wendung zu geben, sprich, diesen Seinsmangel nicht zugunsten
eines abstrakten Sein-Sollens zu verleugnen, sondern aufzudecken und sich
Bezogen auf Tatgeschehen und Effekt dieser Tat wird die paradoxe Wir- dem Anspruch eines - unmöglich - ethisch zu verwirklichenden Genießens
kung des delinquenten Agierens deutlich: Indem sich dieses gegen das zu stellen: „Die Ethik situiert sich nach Lacan dort, wo das Subjekt dem
Subjekt selbst wendet, lässt sich eine subjektive Logik der Delinquenz fest- Mangel begegnet. Seine Prüfung zu erfahren, darin liegt das ethische Pos-
stellen, die in dieser Form im linear-kausalistischen „medizinischen Diskurs tulat" (Widmer 1994, 15). Das heißt, indem das Subjekt die Wahrheit seiner

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selbst / seines Selbst reflexiv in Frage stellt, indem es seine Fähigkeit in gende Frage beantwortet werden, „wie es möglich ist, dass die Triebfeder
Frage stellt, die Wahrheit über sich zu (er-)kennen und zu sagen, von sich des Ethischen zugleich dessen Produkt ist, dass die Bedingung der Freiheit
Rechenschaft abzulegen, kommt es zu einer tatsächlichen Subjektwerdung die Freiheit selbst ist, die Bedingung der Autonomie die Autonomie selbst.
im Sinne eines «assujettissement»4, einer sich der Selbstkritik und Wahrheit Die Zirkularität dieser Bestimmungen ist nichts anders als ein anderer Name
unterwerfenden Subjektivierung (Kobbe 1998d). In dieser Hinsicht geht es für das Subjekt" (Zupan«i* 1995, 41). Einer solchen existentiellen und sub-
forensisch-therapeutisch nicht um die ,Enthüllung' eines bereits konstitu- jektethischen Position steht allerdings eine normative und unterwerfende
ierten - devianten - Subjekts, sondern um die Konstituierung dieses Sub- forensische Psychowissenschaft gegenüber, deren Psychologie „nichts an-
jekts als solchem, demgegenüber die strafbare Handlung als Akt signifi- deres als ein bestimmter Typ der Kausalität oder ,Mechanik' ist" und das
kanter Überschreitung das Subjekt so verändert, dass dies einer Art Selbst- Subjekt - durch Vorstellungen, Triebhaftigkeit usw. determiniert - „nichts
mord des Subjekts nahe kommt (Miller 1988, 109) und als eine „Destituie- anderes als ein automaton ist" (Zupan«i« 1995, 34). Mit dieser Verkürzung
rung" des Subjekts zu interpretieren wäre. Gerade damit ist die forensisch- ignorieren die Vertreter normativer Interventionswissenschaften eine Dia-
psychotherapeutische Behandlung als ethischer Akt „nicht nur jenseits des lektik von Gesetz und Gesetzesüberschreitung, die zunächst bereits darin
Realitätsprinzips' (in dem Sinne, dass er, ohne auf die Realität Rücksicht zu besteht, dass das Gesetz seine eigene Überschreitung „provoziert" («i«ek),
nehmen, ,gegen den Strom schwimmt', auf seinem Ursache-Ding insistiert), indem es den Wunsch nach seiner eigenen Grenzverletzung erzeugt. Weil
sondern er bezeichnet vielmehr eine Intervention, welche die Koordinaten die innerhalb des Straf- und Maßregelvollzugs institutionalisierte Therapie
des ,Realitätsprinzips' selbst verändert" («i«ek 2000, 160-161). Dies be- demzufolge in ihrem ethischen Kern ein ,logischer' Bestandteil der Strafe
inhaltet, dass „aus einem Sprechen über Symptome ein Sprechen über ist, repräsentiert sie die oben genannte „Rest-Schuld".
Schuld" hat werden können:
„Eine Institution, die total und in sich abgeschlossen wäre, also integrativ (um ein
„Dieses Auseinandersetzen mit Schuld gehört im Justizvollzug [wie im Maßregel- Modewort aus der Psychotherapie zu verwenden), wäre der Wahnsinn selbst: eben
vollzug]* zur sogenannten Resozialisierung bzw. Sozialisierung (häufig unter dem ein totaler Sinn, der restlos aufgeht und die Subjekte zu bloßen Marionetten - an
Begriff der Tataufarbeitung)." Auch wenn Therapie in Vollzugsinstitutionen „nicht ihren Gensträngen hängend - degradierte" (Schwaiger 2003, 47).
im philantropischen Sinne" helfe, könne sie „doch dazu beitragen, dass Strafe nicht
zum Strafbedürfnis erhoben wird - zum unbewussten Strafbedürfnis, von dem Freud Entsprechend entzündet sich die Kritik an den tatortanalytisch arbeitenden
spricht5: einer Schuld, die immer wieder durch Straftaten in Szene gesetzt wird, weil Behandlern wie an den Vertretern gesonderter Vollzugsinstitutionen für so
nicht über sie gesprochen werden kann. Im Sprechen dagegen entwirklicht sich die genannte , nicht behandelbare' Täter daran, dass diese sich selbst totalisieren
Schuld und verweist letztendlich auf die Frage [...] des Verbots (Oedipus). Es geht und sich der obigen Definition Schwaigers entsprechend quasi , wahnsinnig'
im wahrsten Sinne des Wortes um Schuld-Fähigkeit, besser gesagt: um die Fähigkeit
verhalten: Einerseits wird der unaussprechliche Rest (des Zweifels, der
zur Schuld, die das Soziale erst ermöglicht1'. Die Schuld ist das, was nicht aufgeht,
der Rest, der Mangel und auch das, was zum Sprechen bewegt und durch das Spre-
Schuld ...) kriminalistisch aufzulösen und zu leugnen gesucht, andererseits
chen nie ganz gesagt werden kann. Die Institutionen versuchen, diese Rest-Schuld täuschen sie in ihrem Therapieanspruch und Erfolgs- bzw. Sicherheitsver-
erträglich zu machen, dürfen dabei aber nie vergessen, dass sie eben diesen Rest sprechen über diesen Rest (an Unsicherheit, an Risiko ...) hinweg, doch
auch repräsentieren" (Schwaiger 2003, 46-47). „getarnt als RUckfall (so genannter therapierter Täter) [...] kehrt sich dieser
Rest gegen die Institution selbst und konfrontiert sie mit diesem Mangel"
(Schwaiger 2003, 47).
Autonomie der Unterwerfung - Freiheit der erzwungenen Wahl
„Die nicht-wahnsinnige Institution hingegen ist dieser Rest - sie ist der Mangel,
Das Subjekt des Unbewussten selbst befindet sich hiernach letztlich in der nicht dessen Kompensation [...] - und in dieser Leerstelle findet Sprache ihren
Platz. Doch auch Sprache ist institutionalisiert; sie existiert vor unserer Geburt, wir
Situation einer gleichsam ,erzwungenen Wahl' und konstitutionellen Auto-
können sie nicht schaffen, wir werden von ihr geschaffen. Und auch in ihr klafft ein
nomie in der Unterwerfung. Nur in diesem Verständnis kann die grundle-
Loch, das wir mit unserem Reden füllen. Oft mit Gerede, das man für uns vorfabri-

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ziert, manchmal mit Sprechen, das seinen bewussten Sinn [...J übersteigt. [...] des Mangels eines Grundes, dieser Abwesenheit einer ,objektiven' Ursa-
Sprache ist beides: Sie verweist auf ein unerbittliches Gesetz, auf einen Mangel, der che als Ursprung, dieses irreduziblen Nicht-Sinns einer mangelbezoge-
unser Begehren erst ermöglicht, aber sie birgt auch genügend Anarchie, um uns stets nen Leere.
von neuem in ihr wieder finden zu müssen" (Schwaiger 2003, 47).

Dabei erweist sich selbst der geforderte Gehorsam dem Gesetz gegenüber Freiheit im Begehren
nicht als intrinsisch motiviert, sprich weder als ,natürlich' noch als spontan,
sondern als ein Gehorsam aus pathologischen' Gründen, denn: Doch diese Aspekte der (Un-)Freiheit sind im Allgemeinen nicht bewusst:
Sie klaffen lediglich situationsabhängig auf, lassen sich in diesem Moment
Dieser Gehorsam ist „immer schon durch den Wunsch (und dessen Verdrängung) jedoch nicht im Sinne eines objektivierbaren Faktums be-greifen. Vielmehr
vermittelt, das Gesetz zu überschreiten. Wenn wir dem Gesetz gehorchen, ist dies
erweist sich das Unbewusste als „gewissermaßen permanent in Verzug"
Teil einer verzweifelten Strategie, gegen den Wunsch, das Gesetz zu überschreiten,
(Pagel 1991, 133) und ist das ,Aufspringen' dieses Brennpunkts der
anzukämpfen, so dass wir, je rigoroser wir dem Gesetz gehorchen, umso mehr
die Tatsache bezeugen, dass wir tief in uns den Druck des Wunsches empfinden, uns (Selbst-)Erfahrung mitnichten eine Aktualisierung als Wiederholung einer
der Sünde hinzugeben. Das Über-Ich-Gefühl der Schuld ist daher berechtigt: Je abgeschlossenen - und lediglich , vergessenen' - Vergangenheit. Denn diese
mehr wir dem Gesetz gehorchen, umso schuldiger sind wir, weil dieser Gehorsam in Wiederkehr des Verdrängten ist Effekt eines Sprechens, das Antworten
Wirklichkeit Abwehr unseres sündigen Wunsches ist und im Christentum der „evoziert" und das Subjekt erst dadurch „als Subjekt konstituiert" (Lacan
W u n s c h (die Absicht) zu sündigen, der Tat gleichkommt. (...) Diese christliche 1971, 181). Der Begriff , Wiederholung' ist dabei insofern irreführend als
Über-Ich-Haltung kommt vielleicht am besten in einem Vers T. Eliots Mord im Dom diese im Grunde eine imaginäre Reintegration von etwas beinhaltet, das -
zum Ausdruck: ,Die höchste Form des Verrats: Das Richtige aus dem falschen ohne Wissen des Subjekts - erst in der Gegenwart gelebt und als Wieder-
Grund zu tun.' Auch wenn du das Richtige tust - tust du es nur, um der niederträch- holung verkannt wird (Lacan 1954, 177), denn diese , Wiederkehr des Ver-
tigen Schändlichkeit seiner wahren Natur entgegenzuwirken und sie so zu verber- drängten' kommt nicht aus der Vergangenheit, sondern kommt aus der
gen" (n-ek 2000, 33-34).
Zukunft:
In seinem Begehren nicht nachzugeben, heißt demzufolge, konform dem „Sie stellt eine Bewegung dar, die das Vergangene überschreitet, indem sie eine -
eigenen Begehren zu handeln, „nicht länger in die ,morbide' Dialektik mit wenn auch ,kurze und begrenzte' Schleife in die Zukunft zieht. Und aus der Krüm-
dem Gesetz verwickelt zu bleiben" und die Treue gegenüber dem eigenen mung in die Zukunft kommt sie auf die Gegenwart zurück. In dieser Schleife aber
Begehren zur Freiheit einer ethischen Pflicht zu machen («i«ek 1998, 147). eröffnet sich die Perspektive eines ,Es wird gewesen sein', in der die Vergangenheit
Der Begriff der Freiheit des sich ,frei' entscheidenden Subjekts, „diese als .antizipierte Nachträglichkeit' anklingt. Was bei diesem Vorgang bezüglich der
Illusion einer psychischen Freiheit" (Freud 1917, 42), sich so oder anders zu Geschichtlichkeit des Subjekts verwirklicht werden kann, ist nicht die abgeschlosse-
entscheiden und/oder zu verhalten, läuft auf die Notwendigkeit der Unter- ne Vergangenheit dessen, was war (weil es nicht mehr ist), auch nicht das Perfekt im
scheidung zweier unterschiedlicher Aspekte hinaus: Auf die Differenz einer Sinne einer immer schon vollendeten Gegenwart, sondern die zweite Zukunft des-
Freiheit, die das Gegenteil von Unfreiheit ist, und der, die sowohl Freiheit sen, was ,es für das gewesen sein wird, was zu werden es im Begriff steht'" (Pagel
1991, 134).
als auch die Unfreiheit der Notwendigkeit aufrechterhält. „Und erst daher
ist die Konstitution des Subjekts als ethisches Subjekt möglich, die Konsti-
Dieses ethische Subjekt ist also „das (fiktionale) Subjekt, das sich am Ende
tution, die auf der Überschneidung zweier Mängel beruht (Zupan«i» 1995,
eines inszenierten Zweifelsprozesses durch die Gewissheit seiner selbst als
51):
denkend ermächtigt fühlt, auch über objektive Wahrheit zu entscheiden"
• des Mangels des Subjekts, seinem Mangel an Freiheit auf der Ebene der
(Gondek 2001, 133). Ziel dieser erinnernden Wiederholung ist nun somit
erzwungenen Wahl, deren Resultat die „psychologische Freiheit" des
aber keineswegs ein Verantwortlich-Machen mit dem Effekt der Übernah-
sich autonom wähnenden Subjekts ist, und
me von Verantwortung, denn dies geriete zu einem „Akt von leerem Nar-

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zissmus. Verantwortung verweist auf ein bindendes symbolisches System, hintergehen (Kobbe 2002b). „Und weil sie immer unmöglich ist, deswegen
das Verantwortungen zurechnet, die das Subjekt ablehnen oder übernehmen ist sie auch verboten, untersagt, darin liegt das Paradoxon. So bekommt das
kann" (Waltz 2001, 125). In diesem Sinne ist eine soziale Ethik in ihrer Gesetz die Form: ,Nicht alles ist möglich, d. h. erlaubt' und dadurch wird
freiheitlichen Beliebigkeit von Glück, Gemeinwohl und Nächstenliebe erst das Begehren möglich, weil es ja gezwungen wird, immer auf Umwe-
obskur und beginnt die hier zu fordernde Ethik Jenseits' des Sozialen mit gen und partiell sein Befriedigung zu suchen und zu finden" (Lipowatz
dem kantischen Imperativ ,Du kannst, denn Du sollst!', diese hier verkürzte 1989, 117).
Forderung lautet im Original, ,,...sich bewusst werden, dass man es k ö n -
n e , weil unsere eigene Vernunft ... sagt, dass man es tun s o l l e ..." (Kant
1788, A 283). Anmerkungen

Wenn man es mit zwei Prinzipien und einer Prämisse formuliert, lässt sich Kant hier * Einfügung des Verfassers UK
wie folgt verstehen:
Prinzip 1: Ab esse ad passe valet consequentia: Vom Sein darf man aufs Können
schließen; Fußnoten
Prinzip 2: Ultra passe nemo obligatur. Übers Können hinaus wird niemand ver-
pflichtet, bzw. wenn ich etwas nicht kann, bin ich nicht dazu verpflichtet; 'Da auf Deutsch vorliegende Übersetzungen der Texte Lacans zum Teil in Konnotationen
Prämisse: Angenommen, jemand tut etwas, obwohl er dazu verpflichtet ist, es divergieren, zum Teil in Nuancen widersprüchlich sind und darüber hinaus nicht komplett
bleiben zu lassen, so muss man - Prinzip l - feststellen, dass er es offenbar tun kann. zur Verfügung stehen, wurden alle französischsprachigen Zitate neu übersetzt. Auf ein wis-
Prinzip 2 lässt sich umstülpen zu: Wenn ich zu etwas verpflichtet bin, so kann ich es senschaftlich indiziertes Zitieren des Originaltextes wird aus Platzgründen verzichtet. Die
auch. angegebenen Sciten/.ahlen beziehen sich auf das französische Original.
Fazit: Daraus und aus der Prämisse gewinnt man: Ich kann es auch bleiben lassen. 2 Im Original „ein", hier grammatikalisch korrigiert in „einen".

Ich kann also, wozu ich verpflichtet bin, tun, oder es aber auch bleiben lassen. Kurz- '„irreduvbel" = nicht rückführbar, nicht ableitbar (philos., math.).
'Der Terminus technicus «assujettissement» bedeutet sowohl .Subjektwerdung' als auch ,Un-
um: Ich bin - im starken Sinne -frei.
terwerfung'.
'Freud (1916, 252-253)
Damit basiert ethisches Handeln nicht mehr auf beliebigen, austauschbaren ''„Siehe auch die umfangreiche Studie zur Frage von .Schuld - Vater - Institution' von Le-
moralischen Prinzipen und beruft es sich „nicht mehr auf irgendwelche gend« (1998)".
pathologischen' Interessen oder Motive" («t-ek 1999, 30). Indem das psy- 7 vgl. Kobbe (1998a;2002b)

chologische In-seinem-Begehren-nicht-Nachgeben bei Lacan als ein Dem-


Begehren-Folge-Leisten gleichbedeutend wird mit dem philosophischen
Seine-Pflicht-Erfüllen bei Kant, geht es darum, „der Konfrontation mit dem Literatur
traumatischen Realen nicht auszuweichen" und als Subjekt ,frei' die volle
ALTHUSSER, L. 1993: Berits sur la psychanalyse. Freud et Lacan, Stock / IMEC, Paris 1993
Verantwortung für das zu übernehmen, was es als seine Pflicht erachtet: BUTLER, J. 2002: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Suhrkamp, Frankfurt
a.M. 2002
„Wahrscheinlich ist das Wichtigste, was diese Ethik uns lehren kann, die Tatsache, CARUSO, I.A. 1972: Soziale Aspekte der Psychoanalyse. Rowohlt, Reinbek 1972
dass die Moderne einen Raum außerhalb des Symbolischen herstellt, in dem Kant DESCOMBES, V. 1981: Das Selbe und das Andere. Philosophie in Frankreich 1933-1978.
und Sade (...) sich begegnen, und dass es anspruchsvolle und feine Linien sind, die Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981
sie trennen" (Waltz 2001, 124).7 ELCHARDUS, G. & ELCHARDUS, J.M. 1995: Le traitement penal: Institution ou destitution
du sujet? In : Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2. Jg. (1995) H. 2, S. 51-60
FREUD, S. 1916: Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. In: FREUD, S.
Gerade daher ist de Sade in der Absolutheit seines Begehrens „mein Nächs- 1994: Studienausgabe, Bd. X. Fischer, Frankfurt a.M. [zitiert nach Schwaiger (2003)
ter" (Klossowski 1996), denn auch ihm gelingt es nicht einmal im Exzess, a.a.O., 481
die Unmöglichkeit der vollständigen Befriedigung zu unterlaufen oder zu

82 WsFPP lO.Jg. (2003) H.2 WsFPP lO.Jg. (2003) H.2 83


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Anschrift des Verfassers

Dr. Ulrich Kobbe


Universität Duisburg-Essen, Campus Essen
- Fachbereich 2 -
D-45117 Essen

E-mail: kobbe@grnx.de

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