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Alba Regia, XXII, 1985

P.

ENGEL

DIE BARONE LUDWIGS DES GROSSEN, KÖNIG VON

(1342—1382)

UNGARN

Das Schicksal des Königreichs Ungarn wurde im 14. Jh. vom König, der Königin und von einigen Vornehmen gelenkt, die in den Quellen am häufigsten als „Prälaten und Barone des Reiches" (prelati et barones regni) bezeichnet werden. In der Fachliteratur wird diese Gruppe gewöhnlich „königlicher Rat" genannt, treffend zwar, aber konventio- nell, denn im zeitgenössischen Wortgebrauch ist der Terminus consilium regis praktisch unbekannt. Ebenso wie in den Feudalstaaten Westeuropas kam also in der Regierung des Landes eine Art Dualismus zur Geltung. Wohl hatten die Anjou-Könige aus Süditalien auch völlig andere Gepflogenheiten mitgebracht. Nach sizilianischem Modell beriefen sie sich zuweilen gerne auf ihre „Vollmacht" (plenitudo potestatis) und trafen aus „besonderer Gnade" (de specialigratia) öfters Maßnahmen, die im Widerspruch mit den Bräuchen ihres neuen Landes standen. Das waren aber jeweils nur Ausnahmen. In ihren Entscheidungen, die das Schicksal des Landes betrafen, handelten sie, allenfalls der Form nach, jederzeit im Einvernehmen mit den Prälaten und Baronen, mit denen sie gemeinsam die Außen- und Innenpolitik des Landes bestimmten; kurzum, das Reich wurde in allen Angelegen- heiten vom Herrscher und seinen Würdenträgern gemein- sam vertreten. Dies bedeutete auch, daß der königliche Rat nicht nur eine beratende Körperschaft zur Erleichterung des Regie- rens, sondern ein dem König beinahe gleichgestellter Teilhaber der Machtbefugnisse war. Falls der König in einer Angelegenheit persönlich betroffen war, trat der Rat in Vertretung des Landes auch als selbständige Körperschaft auf. So verpflichteten sich im Jahre 1323, als Karl-Robert von Anjou einen Vertrag mit den Habsburgern einging, elf hohe Würdenträger in einer eigenen Urkunde, den Herrscher nach bestem Können (prout nobis fuerit pos- sibile) zum Einhalten des Vertrages zu ermutigen, ihm vertragswidrige Ratschläge niemals zu geben und, mehr noch, auch selbst das Abkommen getreu einhalten zu wollen. Noch deutlicher zeigte sich die öffentlich-rechtliche Bedeutung des Rates einige Jahre später, als Felicián Záh,

der auf die königliche Familie einen Anschlag verübt hatte, abgeurteilt wurde. Da der Leidtragende der Herrscher selbst war, wurde das Urteil im Namen „des gesamten Adels von Ungarn" von 24 Baronen gefällt und mit ihren Siegeln bekräftigt. In anderen Fällen, wenn der König mit auswärtigen Mächten einen Kontrakt abschloß, leisteten die Würden- träger entweder gemeinsam mit ihm den Ratifizierungseid,

oder sie garantierten die Einhaltung des Vertrages in einer eigenen Klausel unter ihrem Siegel. Im Jahre 1348 schwur Ludwig d. Gr. mit zwanzig seiner Baronen, und zwar mit den „vornehmsten" (de dignioribus et magis prepositis regni nostri negotiis), das mit Venedig ausgehandelte Waffenstill- standsabkommen einzuhalten. Den Frieden von Zara ratifizierte er 1358 gemeinsam mit fünfzehn Baronen. Die Verlobung der Prinzessin Katharina mit Ludwig Herzog von Orléans wurde im Jahre 1374 durch zwölf „höhere Barone und Adelige" (barones et nobiles de maioribus) bekräftigt, während 1376, als König Ludwig sich mit dem Patriarchen von Aquileja verbündete, die Bündnistreue mit dem Schwur von einundzwanzig kirchlichen und weltlichen Würdenträgern (barones regni Hungarie princi- paliores) „im Namen ganz Ungarns" sowohl mit den eigenen wie auch den Reichsgütern (cum obligatione bonorum nostrorum et dicti regni) gewährleistet wurde. Im Jahre 1380 verlobte sich Ludwigs andere Tochter, Hedwig, mit Wilhelm Herzog von Österreich. Unga- rischerseits wurde der Heiratsvertrag diesmal von neun

ecclesiastici) und achtund-

zwanzig „weltlichen Fürsten, Grafen und Baronen" (seculares principes, comités et barones) garantiert. Dem Ausland gegenüber wurde also das Land vom König und seinen Würdenträgern gemeinsam repräsentiert. Merkwürdigerweise kommt aber derselbe Dualismus auch in jenen Maßnahmen zur Geltung, die im Interesse der „Landesbewohner" (regnicole) getroffen wurden. Auch diesmal wird die „immerwährende Gültigkeit" der könig- lichen Urkunde dadurch gewährleistet, daß das Einver- nehmen der Würdenträger symbolisch mit inbegriffen ist.

Kirchenfürsten (principes

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In der endgültigen, feierlichen Formulierung jeden könig- lichen Privilegs finden wir den Ausdruck, der Beschluß sei „nach dem Rat unserer Prälaten und Barone" (de consilio prelatorum et baronum nostrorum) getroffen worden; anschließend folgt, gleichsam eine Klausel, die stereotype Aufzählung der amtierenden Bischöfe und der wichtigsten weltlichen Würdenträger, die sog. Würdenreihe. Die Formel läßt auch durchblicken, daß die namentlich Genannten den königlichen Rat nur symbolisieren, aber nicht ausschöpfen; der Maßnahme pflichteten nicht nur sie bei, sondern alle die Würdenträger des Landes (et aliis quampluribus comitatus regni nostri tenentibus et honores). Die Herrschaft über das Land wurde also vom König und seinem Rat gemeinsam ausgeübt. Niemand anderer — außer der Königin — hatte bei den Entscheidungen ein Mitspracherecht. Es sei hier eigens betont, daß auch die Adelsgesellschaft in keinerlei organisierter Form an der Staatslenkung beteiligt war. Ein „Reichstag", d.h. die Einberufung des Adels, fand unter Ludwig d. Gr. nur ein einziges Mal, im Jahre 1351, statt, denn sonst hielten es Ludwig und seine Würdenträger offensichtlich nicht für notwendig, den gesamten Adel um seine Meinung zu ihren Beschlüssen zu bitten. Bekanntlich blieb der Reichstag bis zu den 1430er Jahren ein ganz seltenes Ereignis, welches eher aus Krisensituationen denn aus der Regierungsroutine folgte. Unter Ludwig war jedenfalls die Macht unbestritten in den Händen des Königs, der Kirchenfürsten und der Barone konzentriert. Der königliche Rat — um bei diesem üblichen Ausdruck zu bleiben — ist also nichts anderes als das Lenkungsorgan desAnjou-Staates, nämlich die Gemeinschaft jenerPersonen, die zusammen mit dem König die politischen Entscheidun- gen treffen, also die Verkörperung des Herrschaftssystems schlechthin. Infolgedessen ist die nachfolgende Untersu- chung der Zusammensetzung dieses Rates kein Problem der „Verfassungsgeschichte", sondern der politischen Geschichte. In der Beurteilung des Charakters des Anjou- Königreiches ist es von erstrangiger Bedeutung zu prüfen, wer zum königlichen Rat gehörte, mit anderen Worten, wer die Teilhaber, die Leiter und die Nutznießer dieses poli- tischen Systems waren. An dieser Stelle möchte ich die Untersuchung der Zusammensetzung des Rates auf die Kirchenfürsten nicht erstrecken, nicht als ob dieser Aspekt der Frage kein Studium erforderte, aber die Kirche ist eben doch ein relativ stabiles und daher besser bekanntes Element der ungarischen Gesellschaft. Wer in Ludwigs Urkunden unter „Prälaten" gemeint sind, können wir mit mehr oder weniger Gewißheit erraten: Offenbar sind es die Bischöfe und noch einige hohe Würdenträger der Kirche. Anders verhält sich die Lage mit der Bezeichnung barones: Ihre Interpretierung ist noch bei weitem nicht geklärt, und so wollen wir unsere Aufmerksamkeit an erster Stelle dieser Frage widmen. Die Zusammensetzung des königlichen Rates der Anjou- Zeit wurde bisher mit modernen Methoden noch nicht untersucht. Die Ansichten, die in dieser Frage heute sozusagen als allgemein verbreitet gelten, wurden vor etlichen Jahrzehnten formuliert und bestehen nicht die Probe einer Gegenüberstellung mit den Quellenangaben. Wir wollen nun sehen, um welche Ansichten es sich

handelt und aus welchem Gesichtpunkt diese zu beanstan- den sind. Unsere Kenntnisse über den Königlichen Rat wurden

bekanntlich zunächst ganz allgemein von Nándor К n a u z

(1859)

(1900) begründet. Es sei allerdings vorausgeschickt, daß dies noch zu einer Zeit geschah, da sich die ungarische Rechtsgeschichtsschreibung noch überhaupt nicht der Bedeutung bewußt war, die dem 15. Jahrhundert in bezug auf die Entwicklung der ungarischen Ständeverfassung zusteht. Damals herrschte noch die Meinung vor, daß die ständische Gesellschaft und Staatsorganisation Ungarns im Laufe des 13. Jh. im Großen und Ganzen ihre endgültige Form erreichten, woraus sich die praktische Konsequenz ergab, daß unter den Königen der sog. gemischten Dyna- stien das Institutionssystem keinen wesentlichen Verände- rungen ausgesetzt war und daher einheitlich behandelt werden kann oder gar soll. Schille r ging also still- schweigend von dieser Grundthese aus, als er die Struktur des königlichen Rates des 14.—15. Jh. unter die Lupe nahm. Er dachte gar nicht daran, die Institutionen des 14. und des 15. Jahrhunderts, der Anjou- bzw. der Hu- nyadi-Epoche, voneinander getrennt oder gar einander gegenübergestellt zu untersuchen. Er bemühte sich viel- mehr, seine Generalisierungen in einer für beide gültigen Form abzufassen, was zwangsläufig zu mehreren irrtüm- lichen Feststellungen führen mußte. Mit der einen, auf die man sich bis heute öfters beruft, müssen wir uns ausführlicher befassen, da sie mit dem Gegenstand der vorliegenden Arbeit, der Interpretation des Wortes barones, eng zusammenhängt.

und dann ausführlicher von Bódog Schille r

Schiller — wie vor ihm auch Knauz — vertrat die An- sicht, daß es unter den Königen der „gemischten Dyna- stien" zwei königliche Räte gab: nämlich ein „engeres", operatives Organ, welches die alltäglichen Aufgaben der Staatsführung erfüllte, und ein „weiteres", welches er mit der in den Quellen angeführten Versammlung der „Präla- ten und Barone" identifizierte und für die „eigenartigste Institution" jener Zeiten hielt. Dies wäre die Körper- schaft, von der schon bisher die Rede war. Schille r trachtete das Wesen dieses größeren Rates zu bestimmen; alles, was er an Hand eines reichhaltigen Quellenmaterials über die Funktion, die Befugnisse und die öffentlich- rechtliche Bedeutung dieser Körperschaft feststellte, ist im allgemeinen auch heute annehmbar, nicht so die Ansicht, die er in bezug auf die Struktur des Rates und die Art seiner Tätigkeit vertrat. Schille r meinte nämlich, wir hätten unter den Ba- ronen des königlichen Rates die Großgrundbesitzer des Landes zu verstehen, und versuchte, die Tätigkeit des Rates aufgrund dieser Hypothese aufzuzeichnen. Der königliche Rat sei eben nichts anderes als die spontane, gelegentliche Versammlung der Kirchenfürsten und je- weiligen Großgrundbesitzer des Landes; dieser Zusammen- kunft wohnten jene bei, die zwecks Erledigung ihrer An- liegen am Königshof weilten. Die Versammlung des Rates sei demnach eine Sache des Zufalls gewesen. Wenn die Magnaten wegen ihrer offiziellen oder persönlichen Angelegenheiten — die es ja immer gab — den Hof auf- suchten, dann „war auf einmal, rein zufällig, ohne jeden Grund und jede Ursache, der größere königliche Rat

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beisammen". Infolgedessen war die Zusammensetzung des Rates höchst unbeständig. „Es war das natürliche

Recht eines jeden Magnaten, dem königlichen Rat beizu­

des

Begriffes .Großgrundbesitz' war auch der Begriff »Magnat' nicht klar, deutlich und exakt umschreibbar; daher waren auch die unteren Grenzen der dem königlichen Rat angehörenden Klasse der Großgrundbesitzer, der Mag­ naten, verschwommen und schwankend." Schiller s Konzeption bedeutete eine entschiedene Opposition gegenüber der traditionellen Auffassung unga­ rischer Rechtsgeschichtsschreibung. Unter Berufung auf das Tripartitum von István Werbőczy betrachtete diese nämlich die jeweiligen höchsten Würdenträger des Landes als „echte Barone des Landes" (veri barones regni). Schiller setzte gegen die Autorität des Tripartitum eine ganze Menge zeitgenössischer Quellen ein, so etwa all jene Urkunden aus dem 14. und 15. Jh., worin die Wür­ denträger des Landes namentlich aufgezählt werden und folgerte daraus, daß „sehr viele Urkunden unter den Großen, die den Versammlungen des königlichen Rates beiwohnten, auch solche Herren erwähnen, die kein öffentliches Amt bekleideten, sondern auf rein privat­ rechtlicher Basis als vornehm galten". Seine Beweisführung, wobei er sich auch auf ausländische Parallelen berief, stand auf dem höchsten Niveau der damaligen Rechts­ geschichtsschreibung, wirkte in jeder Hinsicht überzeugend und wurde infolgedessen sehr bald ein fester Bestandteil der ungarischen Verfassungsgeschichte. Man kann zwei­ fellos behaupten, daß zwei seiner Thesen auch heute gleichsam als Axiom im Kreis der ungarischen Historiker leben: 1) auch im 14. Jh. hatte der ungarische Adel eine Oberschicht, die in ihrer Eigenschaft als „Großgrund­ besitzer" eine öffentlichrechtliche Rolle spielte; und in den Quellen aus der Anjou-Zeit ist unter der Bezeichnung „barones" vor allem diese Schicht zu verstehen; 2) die Mitglieder dieser Schicht beteiligten sich in jener unorga­ nisierten, spontanen Form an der Staatslenkung, wie sie von Schille r so anschaulich beschrieben wurde.

Denken wir nun im Besitz unserer heutigen Kenntnisse auf diese Beschreibung zurück, so fällt uns unverzüglich auf, daß Schiller , als er sich die Tätigkeit des König­ lichen Rates vom 14.—15. Jh. vorstellte, das Bild vom ungarischen Ständestaat vor Augen hatte. Dies muß des­ halb eigens betont werden, weil man zu seiner Zeit die Entwicklung der Ständegesellschaft noch vom Jahrhundert der Goldenen Bulle (1222) rechnete und es als Selbver- ständlichkeit galt, daß das Begriffsgut des Ständewesens auch auf die Anjou-Zeit mit Gewißheit anwendbar sei. In dieses Koordinatensystem ordnete Schiller den Kö­ niglichen Rat der Magnaten des 14. Jh. ein. Heute wissen wir aber schon, daß die „frühreife" Entwicklung des ungarischen Ständewesens nach den letzten Jahrzehnten des 13. Jh. keine Fortsetzung fand, und daß der Ständestaat tatsächlich erst unter den Hu­ nyadis zustande kam. Jedoch ist dies nicht nur für den Ständestaat gültig. Auch der Adel teilt sich erst um jene Zeit mehr oder weniger deutlich in Hoch- und Gemeinadel auf, genauer aus dem Verband des bislang begrifflich ein­ heitlichen Adels erhebt sich um diese Zeit jene zahlen­ mäßig geringe, relativ klar umgrenzbare Gruppe, die wir

wohnen

Doch

infolge

der

Unbestimmtheit

— nunmehr zweifelsohne zu Recht — „Großgrundbesitzer und Hochadel" nennen können. György Boni s regi­ strierte vor einigen Jahrzehnten (1947) ganz genau auch die terminologischen Änderungen, die parallel mit diesem Prozeß im Wortgebrauch der Urkunden eintraten. Erst um die Zeit, also nicht früher als in der ersten Hälfte des 15. Jh., wird die oberste, meistbegüterte Schicht des Adels in den Urkunden mit einem eigenen Namen bezeichnet und es werden ihre Mitglieder zusammenfassend „Hochadel" (potentiores, potiores nobiles), „Magnaten" (magnates) und am häufigsten „Barone" (barones) genannt. Während noch im Laufe des 14. Jh. die Bezeichnung barones aus­ schließlich den höchsten Würdenträgern des Landes zu­ stand, wurden zur Zeit der Hunyadis und Jagellonen nicht mehr nur diese, sondern auch die Mitglieder der mäch­ tigsten Geschlechter des Hochadels darunter verstanden. Die letzteren sind es, die im Jahre 1487 als „natürliche Barone" (barones naturales) für die Einhaltung der Waf­ fenruhe von St. Polten haften; die im 22. Gesetz des Jahres 1498 berechtigt werden, eigene Banderien zu halten und die anläßlich des Reichstages bei Rákos (1505) unter dem Titel barones vor den anderen Ständen (proceres) und den Abgesandten des Landadels rangieren. Und schließ­ lich sind natürlich sie es, die Werbőczy unter den „nur nominellen Baronen" (barones solo nomine) versteht, die neuerdings diesen Rang für sich beanspruchen, obgleich er in Wirklichkeit nur bestimmten Würdenträgern des Landes, den „echten Baronen" (veri barones regni) gebührt. Ein suggestives Bild dieses neuen Baronenstandes, der neuen Aristokratie der im Entstehen begriffenen ständischen Gesellschaft zeichnete jüngstens Erik F ü g e d i (1970) auf, wobei er sich schon auch der zeitgemäßen Methoden der Soziologie bediente. Die Barone des 15. Jh., von denen er schreibt, sind schon vor allem mächtige Burgherren im Besitz von ausgedehnten Ländereien, die aufgrund ihres Vermögens an der Staatslenkung teilhaben und die höch­ sten Ämter des Landes besetzen. Im Mittelpunkt ihrer Politik steht ihre eigene Familie, um deren Zukunft sie sich auch dann bemühen, wenn sie in „Reichssachen" tätig sind. Den gleichen Stellenwert hat das Familienver­ mögen, auf dem ihr Einfluß beruht und dessen ständige Vermehrung daher den wahren Sinn ihres irdischen Daseins darstellt. Die Politik der Barone ist solcherart zwangs­ läufig eine Familienpolitik, die sich in den Kontrakten, Bündnissen oder zuweilen auch in den offenen Zusammen­ stößen der großen Geschlechter realisierte. Die Beteiligung an der Staatslenkung war nicht die Quelle, sondern eher die mehr oder weniger zwangsläufige Folge ihrer Macht. Zu dieser, nunmehr als ständisch zu bezeichnenden gesell­ schaftlichen und zugleich politischen Struktur gehörte deshalb eine typisch „hochherrschaftliche" Rolle, zu deren Besetzung der Spößling der Baronenfamilie von Geburt an erzogen wurde, nämlich die Rolle des aufgrund seines Vermögens und seiner Abstammung zur Staats­ lenkung berufenen Magnaten. Die einschlägigen typischen Bewußtseinsäußerungen und gegenständlichen Attribute wurden von F ü g e d i vorzüglich zusammengefaßt. Es ist unschwer zu erkennen, daß sich Schille r die hochadeligen Mitglieder des königlichen Rates vom 14.—15. Jh. genau in dieser Rolle vorgestellt hat. Seine

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Redewendungen zeugen davon, daß die Ratsmitglieder sind bei ihm ganz selbstverständlich Gutsherren, deren natürlicher Lebensraum das Familiengut mit Burg oder Landschloß ist. Von dort suchen sie von Zeit zu Zeit den Hof auf, hauptsächlich um ihre eigenen Anliegen zu erledigen. Bei dieser Gelegenheit, gleichsam nebensächlich, wohnen sie auch der Ratssitzung bei und äußern sich zu den Sachen des Landes, denn dies ist ja ihr „natürliches Recht". Nach verrichteter Arbeit kehren sie freilich heim, denn es erwartet sie das Familienvermögen, dessen Ver­ waltung ihre erstrangige Aufgabe und ihr eigentlicher Beruf ist. Eine derartige Beschreibung des Herrschaftssystems stimmt mehr oder weniger in den kürzeren oder längeren Zeitabschnitten der mittelalterlichen Geschichte Ungarns, als es keine starke und wirksame königliche Macht gab und daher das Schicksal des Landes tatsächlich vom Willen jener abhing, die nach dem König die größten Machthaber waren. Dies dürfte also für die stürmischen Jahrzehnte der Mitte des 15. Jh. gelten und ungefähr ebenso auch für die Zeit der Jagelionen. Unannehmbar ist sie jedoch in bezug auf die Zeiten vor dem Entstehen des Ständestaates und erst recht auf die jahrzehntelange Regierungszeit Ludwigs d. Gr., als die königliche Macht ihren Höhe­ punkt erreichte. Im Anjou-Staat, wo den Herrscher jederzeit mit Ehrfurcht umgab und wo auf seinen Befehl ganze Heere in den Sattel stiegen, um für dynastische Ziele ihr Blut zu vergießen, mußte das Verhältnis zwischen König und Baronen völlig anders gewesen sein als etwa hundert oder hundertfünfzig Jahre später. Nachstehend wollen wir dieses Verhältnis kurz umreißen. Seit Schille r die Institution des königlichen Rates mit den herkömmlichen Methoden des Rechtshistorikers untersucht hatte, erreichte die Geschichtsforschung eine beachtliche Entwicklung. Damals richtete sich eine der­ artige Untersuchung noch unmittelbar auf die Institutionen selbst und widmete nur wenig Aufmerksamkeit den Individuen, die diese Institutionen belebten oder gar bil­ deten. Heute muß eine ähnliche Analyse bereits von den Individuen her an das Wesen der Institution herangehen, „nicht auf die Umstände, sondern unter den Umständen auf den Menschen" (L. STONE) ausgerichtet sein, d.h. die Beziehung zwischen der Institution und der Gesell­ schaft aufklären. Hierbei steht eine entscheidende, all­ mählich ausschließliche Rolle der biographischen Me­ thode — in der Historikersprache der Prosopographie — zu, d. h. der Sammlung biographischer Angaben der im untersuchten Milieu wirkenden Personen. Es erübrigt sich zu betonen, daß es sich in der ungarischen Geschichte des 14. Jh. keineswegs um die Zusammenstellung voll­ ständiger Biographien, sondern selbst im günstigsten Fall nur um biographische Brocken handeln kann, die wir im Bereich der Amtskarriere, der Vermögensbildung und der sozialen Verbindungen der betreffenden Person hie und da finden und manchmal auch zusammenfügen können. Im vorliegenden Fall reichen aber auch diese Brocken aus, um die wichtigsten Fragen zu beantworten. Der prosopographischen Untersuchung ist vor allem zu entnehmen, daß zur Zeit Ludwigs d. Gr. der Kreis der weltlichen Großen aus den höchsten Würdenträgern des Landes bestand. Schille r irrte sich, als er auch in

bezug auf diese Zeit behauptete, unter den hohen Würden­ trägern kämen auch „Großgrundbesitzer" regelmäßig vor, die kein Amt bekleideten. Es gibt zwar einige Bei­ spiele dafür, daß die Würde des Betreffenden nicht ange­ führt wird, so etwa im Jahre 1380, als Tamás Szentgyörgyi, damals (1378—1382) Tavernicus, den Vertrag von Altsohl Zólyom nur als Thomas cornes de Sancto Georgio ga­ rantiert, während Ákos Prodavizi, gewesener Gespan von Pozsega und damals Kastellan zu Somlyó, nur als Akus filius condam bani angeführt wird. Aber es ist eine ganz seltene Ausnahme, unter den Großen auch solche zu finden, die weder damals, noch vorher irgendein Amt bekleidet hätten. Nur sind eben auch diese nicht einfach „Großgrundbesitzer", denn wir wissen ja oder können allenfalls vermuten, daß sie als „Hofritter" faule regie miles) hochangesehene Mitglieder der königlichen Aula waren. Die Tatsache, daß wir unter den Großen neben den Amtsträgern auch Hofritter finden, entspricht völlig dem, was wir aus anderen Quellen über die gewohnte Umgebung des Königs erfahren können. Gewiß war diese nicht in dem Maß unorganisiert wie allgemein angenommen. Wohl stand es jedem Edelmann im Prinzip zu, sich dem Königshof anzuschließen und diesem überall hin zu folgen, insofern er sich es materiell leisten konnte; so steht es jedenfalls im Freibrief von Karl-Robert, mit dem dieser die untreuen Heinrichssöhne von Kőszeg (Güns) wieder in seine Gunst aufnahm. In einem der ersten Punkte dieses Schreibens wird ihnen nämlich gestattet, sowohl daheim wie auch anderswo „ohne Mißtrauen und Widerspruch" vor dem König zu erscheinen, neben ihm zu bleiben und ihm geziemende Dienste zu leicten"; hingegen seien sie nicht verpflichtet, unbesoldet mit dem König im Ausland ins Feld zu ziehen. In Wirklichkeit war aber die Aula viel deutlicher umrissen. Die Chronisten erwähnen des öfteren Barone und Ritter als Ludwigs Geleit, während der König selbst seine Umgebung als aus seinen Baronen sowie den Rittern und Jünglingen seines Hofes bestehend bezeichnete. Diese Feststellung wird auch durch die Prüfung der Kanzleinotizen bestätigt. Die Personen, die bis An­ fang des 15. Jh, als Relatores der königlichen Urkunden vorkommen, gehören nachweisbar fast ausnahmslos einer der obgenannten drei Gruppen an. Diese drei Gruppen sind freilich nicht neben-, sondern untergeordnet. Der Hof der Anjou-Könige war hierarchisch gegliedert: auf der untersten Stufe standen die Jünglinge des Hofes faule iuvenes), in der Mitte die Hofritter faule milites) und auf dem Gipfel die Barone des Landes. Es ist dies eine sehr einfache Hierarchie, im Vergleich etwa mit dem fast unübersichtlichen Titel- und Rangsystem des byzantinischen Hofes; eine Hierarchie immerhin, die sich auch in der Titulatur widerspiegelt. Man könnte nicht behaupten, daß die Schriftlichkeit der Anjou-Zeit in dieser Hinsicht strengst konsequent gewesen wäre, doch sind gewisse Tendenzen ganz ent­ schieden zu beobachten, vor allem darin, daß wenigstens

der Prestige-Titel magist er im

gebührte. Nur selten stand er nicht vor dem Namen der „Jünglinge", gehörte aber unbedingt zu den Attributen der Ritter. Nur ganz wenige trugen wegen ihres hohen Amtes den Titel magister nicht mehr: so der Palatin, der

allgemeinen jedem Höfling

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iudex curiae, der Woivode von Siebenbürgen und später auch der von „Rußland" (Galizien), der Banus von Slawonien, Dalmatien-Kroatien, Macsó, Sewerin, der Tavernicus des Königs und der Königin und der iudex curiae der letzteren. Sie waren die „Reichsbarone" im engsten Sinne des Wortes, die gewöhnlich de Titeln magnificus vir trugen. Meistens wurde dieser Titel auch einigen anderen HofWürdenträgern verliehen, so etwa dem Erzschenk, dem Truchseß, dem Oberstallmeister und dem Hofmeister des Königs (seltener auch der Königin) und manchmal auch den Inhabern von wichtigeren Ge- spanschaften, doch niemals solchen Personen, die kein Amt bekleideten. Der Hochadel der Anjou-Zeit war vor allem eine Aristokratie der Würdenträger. Zwischen den magistri und magnifia, den einfachen Rittern und großen Baronen finden wir eine recht zahl- reiche Schar von Höflingen — etwa 20—30 Personen —, die sich vor allem aus den Würdenträgern der Gespan- schaften, den königlichen Kastellanen, den obersten Wür- denträgern am Hof der Königin sowie aus Personen ritter- lichen Standes der vornehmsten Familien zusammen- setzte. Da diese höher standen als ein einfacher magister, wurden sie oft mit dem Titel strenuus vir geehrt, der mit dem magnificus schon beinahe, wenn auch nicht ganz gleichwertig war. Da man seit dem 13. Jh. im weiteren Sinne auch die Inhaber der Gespanschaften und honores zu den Baronen zu zählen pflegte, gehörten in diesem Sinne auch sie zu den obersten Würdenträgern des Landes, deren Namen häufig unter den vornehmen Vertretern des Landes vorkommen. Im engsten Sinne umfaßte also zu jener Zeit der Begriff „Baron" die allerhöchsten Würdenträger, etwa zehn an der Zahl, im weiteren Sinne jedoch alle jene, die im Lande Gespanschaften und honores besaßen, insgesamt weitere 20—30 Personen. Hier sei bemerkt, daß die sog. Würden- reihen der königlichen Privilegien noch keine maßge- bliche Grundlage bieten, um daraus den Kreis der Barone zu definieren. Die auch später gebräuchliche „kanonische" Form dieser Namenslisten entstand in den 1350er Jahren, so daß man die zwölf wichtigsten der amtierenden Barone auswählte und im weiteren gewöhnlich nur die Inhaber dieser zwölf Amter aufzählte. Doch aus irgendeinem Grund wurde seit 1355 der Schatzmeister der Königin aus der Liste gestrichen, obwohl er auch fortan zum bis Tode der Kö- nigin Maria einer der angesehensten Barone des Landes blieb; angeführt wurde hingegen — als Einziger dieses Ranges — der Gespan von Preßburg (Pozsony), obwohl er laut anderen Urkunden nur den Rang eines magisters innehatte und zu jener Zeit als um nichts vornehmer galt als z. B. die Gespane von Vasvár, Zips, Szatmár oder der Szekler. Ein recht klares Bild der hohen Würdenträger Ludwigs d. Gr. erhalten wir aus den wenigen — insgesamt sechs — Namenslisten, die in den Klauseln der veischiedenen internationalen Verträge erhalten sind. Wenn wir nun im folgenden die Barone Ludwigs d. Gr. als eine mehr oder weniger umgrenzbare gesellschaftliche Gruppe zu charak- terisieren versuchen, werden unter Barones im allgeme- inen stets die amtierenden hohen Würdenträger gemeint, ungeachtet dessen, ob sie in den Quellen als magnificus oder als magister angeführt werden.

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»

Was die Anzahl der Barone Ludwigs d. Gr. anbelangt, war dieser Kreis ungefähr gleich groß mit dem der Per- sonen, die im Gesetzartikel 22 vom Jahre 1498 als Mag- naten des Landes im Range eines Bannerherren ange- führt werden. In diesem Gesetz werden insgesamt 38 Mitglieder der 30 meistbegüterten Familien sowie zweier mächtiger kroatischer Dynastien, der Grafen von Korbavia und Frangepan genannt. In den drei Namenslisten, die aus den letzten Regierungsjahren Ludwigs (1374, 1376, 1380) erhalten sind, werden insgesamt 36 weltliche Per- sonen erwähnt, also fast genau ebenso viele. Hier sei bemerkt, daß die Lage auch unter Karl-Robert nicht anders war: In drei ähnlichen Namenslisten aus den Jahren 1328—1333 finden wir 39 verschiedene Personen.

In einer weiteren wesentlichen Beziehung finden wir ebenfalls eine allerdings oberflächliche Ähnlichkeit zwischen der Aristokratie der Jagelionen und der Anjous. Für beide politische Systeme war, jeweils auf eigene Art, die Herrschaft der Großgrundbesitzer-Familien bezeich- nend; gerade dieser Umstand führte die Forscher des 14. Jh. in der Beurteilung des Herrschaftssystems lange Zeit auf den Irrweg. Die Barone Ludwigs d. Gr. waren nämlich ausnahmslos Besitzer großer Familienvermögen und ge- hörten in ihrer Mehrheit zu den größten Gutsherren des damaligen Ungarns. Dies bedeutete eigentlich einen ziem- lich engen Gesellschaftskreis: 8590 Prozent der Würden- träger der Anjou-Zeit gehörten lediglich 4550 Familien an, daher begegnen wir immer wieder denselben Namen, wenn wir in der Archonthologie der Großbarone und Gespane des 14. Jahrhunderts blättern. Dieser Kreis, d.h. die Baronenfamilien des 14. Jh., unterschied sich obendrein kaum von dem der Magnaten- familien des 15. Jh. Unter den Vorfahren der Bannerher-

ren des Jahres

1498 kommen Mitglieder der Familien

Újlaki, Drágfi, Bánfi de Alsólendva und Bolondóc, Bátori, Bebek, Homonnai (Drugeth), Kanizsai, Szentgyörgyi, Bazini, Szécsi, Kompolti, Losonci und Hédervári auch unter den Würdenträgern Ludwigs d. Gr. vor und das gleiche gilt auch für mehrere bekannte Geschlechter des 15. Jh, die schon vor 1498 ausgestorben sind: die Vorfahren der Familien Czudar, Garai, Kórógyi, Szécsényi, Treutel de Nevna, Mórócz de Meggyes waren führende Personen am Hofe Ludwigs d. Gr., doch finden wir dort, mit den letztgenannten beinahe oder ganz gleichgestellt, auch die Ahnen der ebenfalls ausgestorbenen Familien Gönyüi, Debreceni, Egregyi (Kölesei), Poháros, Kerekegyházi (Lackfi), Jánki de Nagylak, Fraknói (Nagymartoni), Töttös de Bátmonostor, Pósafi de Szer. Einige führende Familien der Anjou-Zeit wurden von den Parteifehden nach 1384 und den innenpolitischen Stürmen der darauf- folgenden Jahrhundertwende fortgefegt: der angesehenste Ast der Familie Lackfi, die Erben des Banus Ákos Mikes, ferner die Familien Gilétfi, Horváti und Nekcsei. Gleich- zeitig verarmten, wenn auch nicht vollständig, auch die Familien Paksi und Ostfi unter den Nachkommen der Barone Ludwigs.

Außer den Genannten gab es noch einige Würdenträger der Anjou-Zeit, deren Geschlechter zwar noch die Schlacht bei Mohács erlebten, aber dennoch außerstande waren, sich aus der Reihe des Gemeinadels zu erheben, da sie von ihrem Ahnherren nicht genügend Vermögen geerbt haben,

um dies zuwege zu bringen. Hierher zählen die Nachkom­ men von Benedek Himfi, ferner die Familien Gyulafi de Rátót, Hagymás (Hagymássy) de Berekszó, Telegdi, Ló- rántfi de Serke (Nachkommen des Woiwoden von „Ruß­ land", János Kaplai), Derencsényi, Herczeg de Szekcső, von denen manche — offenbar nicht aus Zufall — später unter den Führern des Gemeinadels der Jagellonen- Zeit bzw. im Dienst der Dynastie Szapolyai erscheinen. Die Kontinuität zwischen der politischen Führungs­ schicht der Anjou-Zeit und der Ständeepoche ist also ziemlich auffallend. Es hat den Anschein, als wäre das Land zu beiden Zeiten ungefähr von derselben kleinen Gruppe von Familien verwaltet worden, und als hätte die Zusammensetzung dieser Gruppe nur kaum ein anderer Faktor verändert als der natürliche Tauschprozeß, der infolge des Aussterbens einiger Familien eintrat. Wenn aber die Zusammensetzung der herrschenden Gruppe im wesentlichen unverändert blieb, so können wir daraus nur all zu leicht den Schluß ziehen, daß sich auch die Regie­ rungsweise nicht wesentlich änderte. Diese Schlußfolgerung ist aber, meines Erachtens, falsch. Im Land, welches zu verwalten war, herrschten nämlich im Jahre 1498 völlig andere Zustände, als im Jahre 1382 beim Tod Ludwigs d. Gr. In den Besitzverhältnissen vollzog sich mittlerweile eine derartige Wandlung, die auch auf das Herrschaftssystem und infolgedessen auf die Regie­ rungsweise nicht wirkungslos bleiben konnte. Der Kern der Umwandlung bestand im fast vollständigen Verschwinden der königlichen Domäne. Als Ludwig starb, stand rund die Hälfte aller Burgen des Landes — insgesamt 150 Burgherrschaften mit den dazugehörigen Dörfern — unter der unmittelbaren Befugnis des Königs, der Königin und ihrer Barone. Diese Zahl fiel unter dem Luxemburger Sigismund auf die Hälfte zurück und schrumpfte nach dessen Tod (1437) derart zusammen, daß Ende des Jahrhunderts der König nur mehr einer der größeren Grundbesitzer war. Hier einige Zahlen, um die radikale Umwandlung zu veranschaulichen, die durch diese Veränderung in der politischen Atmosphäre der Provinz bewirkt wurde. Östlich der Theiß und in Sieben­ bürgen sind uns aus dem Jahre 1382 24 königliche Burgen, aber nicht mehr als vier weltliche Herrschaften bekannt. Unter Wladislaus IL (1490—1516) befanden sich nur mehr die Burgen Huszt sowie in Siebenbürgen Déva, Görgény, Törcsvár und Höltövény — als Burgen des Voiwoden — in der Hand des Königs, während in den meisten Komitaten Magnatendynastien wie Geréb, Pongrác, Bátori u. a. herrschten. Im südwestlichen Teil des Landes, in Slawonien (Várasd und Pozsega inbegriffen) gab es unter Ludwig d. Gr. 21 königliche Burgen; der Banus, der über neun Burgen befahl, war nicht nur der höchste Würdenträger, sondern auch der größte Gutsbesitzer der Provinz. Im Jahre 1498 hatte der Banus hier schon keine einzige Burg mehr; die ganze Provinz stand unter der Kontrolle von János Cor- vinus sowie der Familien Ernuszt, Frangepan und anderer Magnaten. Der spektakulärste Erdrutsch ereignete sich im Nordwesten des Landes, im ehemaligen „Reich" des Oli­ garchien Máté Csák. Hier waren die Anjou-Könige auf die Erhaltung ihrer Machtposition ganz besonders bedacht. Im Jahre 1382 befanden sich in zehn Komitaten nicht weniger als 51 von insgesamt 64 Burgen in königlichem

Besitz. Im Vergleich dazu waren selbst die relativ bedeuten­ den Privatvermögen, so im Komitat Pozsony die Lände­

Szentgyörgyi, im Komitat Nyitra die

Familie der Újlaki, im Komitat Nógrád die der Szécsényi und Losonc geradezu verschwindend klein. Unter den Jagellonen hingegen finden wir in diesem ausgedehnten Gebiet nur mehr zwei königliche Burgen, Pozsony und Damásd, und eine dritte, die Burg Zólyom, gehörte der Königinwitwe; all die anderen bis auf vier-fünf bischöf­ liche Burgen befanden sich im Besitz weltlicher Herren. Schon diesen wenigen Angaben ist zu entnehmen, daß die Regierungsweise innerhalb des Jahrhunderts nach Ludwigs Tod eine grundlegende Änderung erfahren mußte. Um 1490 waren die meisten Burgen und Herr­ schaften des Landes unter 30—40 Magnatengeschlechtern verteilt; offenbar konnte die politische Führungsschicht des Landes nur aus diesen bestehen. Ebenso wie, laut Bonfini, im Komitat Ugocsa „das Perényi Geschlecht regierte", übernahmen auch in anderen Landesteilen die örtlichen Magnaten die Führung, weshalb eine Zentral­ macht, die diese Tatsache außer acht gelassen hätte, schwer vorstellbar gewesen wäre. Nicht so unter den Anjous, als die Kräfteverhältnisse gerade umgekehrt standen: Über die Mehrzahl der Burgen verfügten der König und sein Rat, weshalb die politische Führungs­ schicht nur aus dem Kreis jener bestehen konnte, die die königlichen Burgen in Besitz hielten, d.h. aus der Aristo­ kratie der amtstragenden Barone. Darin besteht der grund­ legende Unterschied zwischen den „natürlichen Baronen" der Jagelionen und den amtstragenden Baronen der Anjous. Die letzteren verwalteten die königlichen Güter im Rahmen des „quasi-feudalen" Systems der königlichen Amtslehen (honores). Da ich dieses System bei anderer Gelegenheit bereits ausführlich beschrieben habe, möchte ich mich hier nur auf einen kurzen Hinweis beschränken. Im wesentlichen geht es darum, daß die königlichen Burg­ domäne größtenteils Dienstgüter waren, die den Baronen als Amtslehen zur Nutznießung für die Dauer ihrer Amtszeit verliehen wurden. Mit dem Amt (honor) gingen also die Einkünfte ausgedehnter Grundbesitze und des öfteren auch die Verwaltung ganzer Landesteile einher, aber nicht als Eigentum sondern als jederzeit widerrufbares Benefizium, für die „Dauer der königlichen Gunst". Die Größe der Honorgüter war höchst unterschiedlich und richtete sich vor allem nach dem Prestige des betreffen­ den Würdenträgers und seiner Position innerhalb der Hofhierarchie. Die größten Benefizien gebührten den Großbaronen, den echten Leitern der Regierung, und waren meist ebenso groß, wenn nicht größer als die Län­ dereien der bedeutenden Magnatengeschlechter des 15. Jh. Der Palatin bekleidete gewöhnlich die Gespanschaft von vier, fünf oder mehr Komitaten und war der Benefiziar der in seinen Komitaten befindlichen Reichsgüter. Das übliche Benefizium des jeweiligen iudex curiae bestand im 14. Jh. aus einer größeren Gruppe von Burgen an der Waag, zuweilen mit zusätzlichen Gespanschaften und Gütern. Die zehn königlichen Burgen Siebenbürgens unterstanden dem jeweiligen Woiwoden. Mit ungefähr gleichem honor war auch die slawonische Banschaft belehnt. Der Banus von Macsó bekleidete mit ständigem Charakter in fünf Komita­ ten des Mutterlandes das Amt des Gespans, und besaß

reien der Familie

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außerdem auch südlich der Sava, in Macsó selbst, einige Burgen. Gewöhnlich — allenfalls bis zu den 1370er Jahren — erhielten auch die Hofwürdenträger des Königs und der Königin Honordomäne. Im Jahre 1366 hatte z. B. der Tavernicus János Gilétfi in den Komitaten Zala und Veszprém, der Erzschenk Péter Czudar in Abauj und Borsod, der Hofmeister János Gönyüi in Győr und Bakony und der Oberstallmeister Imre Lackfi in Miháld und Sebes die Gespanschaften bzw. Burgen inne. Unter den Baronen der Königin finden wir an der Spitze der jeweiligen Gespanschaft den Tavernicus György Bebek in Liptó, den Hofmeister Miklós Hédervári in Fejér und Tolna und den OberStallmeister Péter Darói in Csongrád, Die übrigen Gespanschaften und Burgen wurden anderen HofWürden­ trägern verliehen, zuweilen in Form höchst beachtlicher Honores: Einige Gespanschaften, etwa die von Pozsony, Vas, Krassó oder Várasd (Zagoria) mit den dazu gehören­ den Domänen galten als Würden von großer territorialer Bedeutung. Kleinere Honordonationen, bestehend aus je einer Burgherrschaft, wurden den jungen Magnaten zu Beginn ihrer Karriere und den besonders bevorzugten Rittern des Königs verliehen. Es folgte aus der Größe der Amtslehen daß nur der Amtsbesitz die gesellschaftliche Existenz dieser Aristokratie der Barone bestimmen und ihre Machtbasis sein konnte. Da die königlichen Burgen insgesamt die im Privatbesitz befindlichen Burgen erheblich übertrafen, konnten die Familienvermögen — und mochten sie noch so groß sein — in diesem System nur eine untergeordnete Rolle spielen. Im Vergleich zur Macht, die dem Inhaber einer bedeuten­ den Gespanschaft oder Baronenwürde zustand, war die Bedeutung des Privatvermögens verschwindend klein. Die meisten Barone besaßen zwar auch 1—2 eigene Burgen, doch wer schon mehr als zwei hatte, galt als besonders reich. Gegen Ende der Anjou-Zeit stand an der Spitze der Gutsbesitzer — angesichts der Zahl ihrer Burgen — das Geschlecht Lackfi (7 Burgen); außerdem besaßen nur noch einige große Geschlechter drei oder mehr Burgen: Die Familie des Palatins Miklós Kont, Vorfahren der Ujlakis (5), Nachkommen des Banus Mikes Ákos (5), die Enkel von Tamás Szécsényi (4), de Familien Drugeth (3), Bebek (3) und Garai (3). Es sei daran erinnert, daß gleichzeitig der Gespan des Komitats Vas in sieben und der von Pozsony in sechs Burgen befehligte, und selbst zu einem Honor „zweiter Klasse" wie die Gespanschaft von Liptó immerhin noch drei Burgherrschaften gehörten. Unter solchen Umstän­ den war es schlechthin undenkbar, daß irgendein Großgrund­ besitzer, gestützt auf das eigene Vermögen, gegen dem Hof Machtansprüche erheben könnte. Eine Beteiligung an den Regierungsgeschäften war nur im Besitz eines Amtes möglich und es war nur ganz natürlich, daß die Drugeth, nachdem sie 1355 vom Hof verdrängt wurden und keine Honores mehr erhielten, trotz ihrer ausgedehnten Ländereien für lange Jahrzehnte auch ihren politischen Einfluß völlig einbüßten. Wie läßt sich nunmehr die Position der Barone in der politischen Struktur des Staates Ludwigs d. Gr. charak­ terisieren? Wir sahen, daß der Mittelpunkt dieser Struktur der Hof und die Hofaristokratie waren. Ebenso wie die gesamte Kultur jener Epoche vom König und seiner

Umgebung gestaltet wurde, hing auch das Schicksal des Landes von ihnen ab. Es gab nur einen einzigen Hof: Die ständig sich unterwegs befindende königliche aula, deren jeweilige Residenz dadurch bestimmt war, wo sich der König mit seinem Gefolge im Laufe der häufigen Feldzüge, Reisen und Jagden aufhielt. Die ständigen Mitglieder des Gefolges waren die kirchlichen und weltlichen Würden­ träger sowie die in die Aula zugelassenen Ritter und Jünglinge. Obwohl gelegentlich auch andere Edelleute vor dem König erscheinen durften, bestand der organisierte Hof aus dieser Gruppe; dieser gehörten jene Personen an, die das Schicksal des Landes tatsächlich lenkten, vor allem die Inhaber der größten Honores, die Barone. Der einzige Machthaber, der ausschließliche Nutznießer der Herrschaft über dem Lande war die Hofaristokratie. In diesem Kreis wurden alle innen- und außenpolitischen Entscheidungen getroffen, von den wichtigsten bis zu den belanglosesten. Hier entschied der König mit seinen Baronen, ob es Krieg geben soll oder Frieden, hier verteilte man, gleichsam unter sich, die Honores des Landes, hier wurden alle gewichtigen Streitsachen entschieden und nur hier konnte man sich bereichern, d.h. als königliche Schenkung Grund und Boden erhalten. Wer in diesen Kreis nicht eindringen konnte oder aus irgendeinem Grund daraus ausgeschlossen war, mußte auf seinem Landgut leben, was damals mit der Verbannung gleichbedeutend war. Der Betreffende konnte nicht an der Regierung des Landes teilnehmen und zählte auch ungeachtet seines Vermögens nicht zu den „Mächtigen"; hatte er dann mit einem sihrer Dienstleute einen Zwist, so konnte er mit Gewißheit erwarten, im Prozeß den kürzeren zu ziehen. Es war daher das Hauptbestreben eines Edelmannes, sogar zum Preis materieller Opfer am Hof festen Fuß zu fassen und womöglich beim König selbst in Dienst gestellt zu werden; sollte dies nicht gelingen, so wenigstens bei einem der Barone. Vermochte er sodann noch höher emporzusteigen und in die enge Elite einzudringen, die über die Honores verfügte, so hatte er gewonnenes Spiel:

Fortan blieb er wahrscheinlich bis zu seinem Tod Mitglied der Aristokratie und hatte sogar die besten Chancen, um seine errungene Position seinen Söhnen zu vererben. Denn es stimmt zwar, daß innerhalb des Hofes — wie in jeder ähnlichen Organisation — ein harter Machtkampf um die wichtigeren Positionen, die reichen Pfründe und die erhält­ lichen Privilegien geführt wurde und daß dieser Kampf ab und zu auch seine Opfer forderte. Letzten Endes ist es aber für den Kreis der Barone dennoch eher bezeichnend, daß sich die Ämter wechselten, das „Recht" dazu aber auf Lebenszeit galt, und zwar in der Form, daß es im allgemei­ nen unangemessen war, jemanden ein niedrigeres oder weniger ertragreiches Amt zu verleihen als dieser schon bekleidete; langsamer oder schneller, aber ohne Unterlaß stieg also der Baron auf seiner Laufbahn immer höher, erwarb sich immer größere Honores, bis es ihm schließlich — vielleicht — gelang, den Gipfel zu erreichen : so die Würde des Palatins, eines „Gespans" (d.h. iudex curiae), Woiwoden oder Banus. Eine derartige Karriere hob nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Nachkommen endgültig aus dem weiteren Kreis der Höflinge hervor: Ihm gebührte nun schon unbedingt der prestigeträchtigste Titel magnificus, und seine Kinder und Kindeskinder werden sich jederzeit

mit Stolz darauf berufen, daß ihr Ahnherr einst auf der höchsten Stufe der Hierarchie stand, sie selbst also „Palatins- söhne", „Gespanssöhne", „Woiwodensöhne" oder „Banus- söhne", das heißt, „Baronensohne" (filii baronum) sind. Wie bereits erwähnt, war eine Position in der Hof- aristokratie meist hereditär. Nicht die Honordomäne wurde erblich — dafür gibt es praktisch kein Beispiel —, wohl aber der Baronenstatus selbst, die damit einhergehende gesellschaftliche Position und die Möglichkeit, daß der Sohn des Barons, sobald er vollberechtigtes Mitglied des Hofes wurde, auch selbst ein Honor erhielt und seine Amtskarriere antrat, wie es einst sein Vater tat. In der zweiten oder dritten Generation beginnt diese Karriere freilich früher und verlangt weniger Krafteinsatz. Der Vater sichert gewöhnlich noch zu Lebzeiten seinem Sohn eine Position im Kreise der Privilegierten, und eine derart gestartete Laufbahn führte ja bald in die Höhe. Durch diese Praxis des hereditären Status gestaltete sich die zahlenmäßig geringe, aber um so mächtigere Oligarchie der Barone. Die Mitglieder mancher Familien, die ihr angehörten, überfluteten nachgerade die verschiedenen Ämter und eigneten sich einige für Jahrzehnte an, wie etwa die Lackfis die Würde des Oberstallmeisters oder des Woiwoden von Siebenbürgen. Die königliche Macht, allenfalls unter Ludwig d. Gr., nahm durch dieses System keinen Schaden. Die Oligarchie, mit der der König gemeinsam regieren mußte, bestand ja schließlich ausnahmslos aus den Kreaturen der Anjous, ausgewählt entweder von Ludwig selbst oder noch von seinem Vater Karl-Robert. Das politische System, welches sie leiteten, haben sie selbst, gemeinsam mit der Dynastie, begründet, ihnen gehörte darin jede Macht. Warum hätten sie auch dagegen etwas auszusetzen gehabt? Die ganze Regierungsgeschichte Ludwigs beweist ohne Zweifel, daß sie sich jederzeit bereitwillig seinem Willen unterwarfen, ihm mit ihren Truppen überall folgten, wo immer er sie hinführen oder schicken mochte, und unseres Wissens kein einziges Mal versuchten, sich ihm zu widersetzen. Gegen- über dem ganzen Rat hätte freilich ein einziger Baron gar keine Erfolgschancen gehabt; die Gefahr bestand vielmehr darin, daß sich die Zwistigkeiten zwischen den Machthabern in bewaffnete Konflikte entarten und das Land in einen Bürgerkrieg stürzen. Einstweilen gebannt durch Ludwigs persönliche Autorität konnte diese Gefahr zwar erst nach dessen Tod Wirklichkeit werden, führte aber dann in wenigen Jahren zum Zusammenbruch des Anjou-Reiches. Die Herrschaft einer Amtsaristokratie hat es im Laufe der Geschichte schon oft und in vielerlei Formen gegeben, doch erscheint in ihren als klassisch geltenden Varianten fast zwangsläufig jenes bedauerliche Syndrom sozialen Verhaltens, welches in der politischen Umgangssprache seit Gibbon als Byzantinismus bezeichnet wird. In Spuren sind zwar solche Erscheinungen auch an Ludwigs Hof zu ent- decken, doch hat sich das ungarische Honorsystem in einer völlig anderen gesellschaftlichen Atmosphäre entwickelt und einen ganz anderen Herrschaftsform der Würdenträger repräsentiert. Gegenüber den „asiatisch" geprägten Varianten bedeu- tete den Unterschied des gesellschaftlichen Systems das Vorhandensein des auf dem Erbgut beruhenden Geburts- adels. Im 14. Jh. war die ungarische Gesellschaft in zwei

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höchst ungleiche Gruppen getrennt: Auf der einen Seite standen die Wenigen, die im Besitz eines geerbten Adels- gutes oder einer königlichen Schenkung zur privilegierten Kaste der „begüterten Menschen" (homines possessionati), d.h. der Adeligen zählten, auf der anderen die Vielen, die mangels eigenen Grundbesitzes als Unadelige (ignobiles) auf dem Gut der begüterten Klasse lebten, „unter fremdem Dach verborgen", um in der Ausdrucksweise der damaligen Zeit zu sprechen. Der Adelszustand bedeutete zwar nicht zugleich auch die Beteiligung an der politischen Macht, doch das Regime beruhte von vornherein auf dem Prinzip der Dichotomie der Gesellschaft. Wenngleich aus den Mengen der Adeligen nur relativ wenige unter die Nutz- nießer der Macht aufstiegen, waren die Aufgestiegenen doch ausnahmslos Adelige. Unadelige konnten am Anjou-Hof keinerlei Rolle spielen, es sei denn, auf kirchlicher Laufbahn. Die Atmosphäre des Hofes war also durch den Aristokra- tismus des Geburtsadels bestimmt. Darüber hinaus spielten aber in der Ausgestaltung des Herrschaftssystems auch andere gesellschaftliche Normen eine Rolle. Nach uralter Regel und jahrhundertelanger Praxis mußte der König seine Mitregenten aus der Reihe der Hochadeligen wählen, und zwar jeweils der reichsten und vornehmsten. Die Regel blieb nicht ungeschrieben:

Sie wurde von Anonymus als dritter Punkt des „Blutver- trages" formuliert; demnach stand den Nachkommen der „fürstlichen Landeseroberer" jederzeit ein Platz im Rat und bei der Verteilung der Würden zu. In dieser Form war dies freilich nur ein Wunschtraum von Wenigen, doch galt es jederzeit als Norm, daß der Gesamtadel des Landes durch die Allergrößten vertreten werden soll, der königliche Rat also aus Großgrundbesitzern zu bestehen hat. Auch die Anjous hielten sich streng an diese Regel, teils indem sie ihre Parteigänger aus den königstreuen Mitgliedern der vornehmeren Geschlechter anwarben, hauptsächlich aber so, daß sie den Personen, denen sie Machtbefugnisse zukommen lassen wollten, angemessene Schenkungen verliehen. Nach diesen Gesichtspunkten schuf Karl-Robert in seinen neuen System die Aristokratie der Barone, und auch Ludwig d. Gr. folgte diesem Brauch. Er sorgte dafür, daß seine Günstlinge, denen er die meiste Macht anver- traute, auch auf der Skala des Reichtums immer vornehme Plätze einnehmen konnten : so bereicherte er der Reihe nach die Lackfis sowie Miklós Kont und Miklós Garai, deshalb ließ er Péter Czudar und seinen Geschwistern bescheidener Herkunft ein mächtiges Vermögen zukom- men; darum übertrug er beinahe die ganze Erbschaft des ehemaligen Palatins, Dénes Péc, seinem Banus von Kroa- tien, Johannes Csuz, wodurch er diesen sozusagen aus dem Nichts emporhob und er von einem Tag zum an- deren ein mächtiger Burgherr wurde. Als Gesamtwirkung all dieser Faktoren ist die Aristokra- tie der Barone in der Anjou-Zeit ein eigenartiges „doppel- köpfiges" gesellschaftliches Gebilde. Sie ist einerseits eine Amts— und Hofaristokratie, deren Machtbefugnisse, die Beteiligung am Regieren, auf ihren Ämtern und den damit einhergehenden Dienstgütern beruht; andererseits ist sie auch eine Geburtsaristokratie mit dem SelbstVerständnis eines Hochadels, im vollen Bewußtsein ihrer von Geburt und Erbvermögen herrührenden gesellschaftlichen Bedeu- tung, eine Elitgruppe, deren neue Generationen bereits

in dem Bewußtsein aufwuchsen, daß die Beteiligung an der Staatsführung ihnen unabhängig von der königlichen Gunst, kraft ihrer gesellschaftlichen Position gebührt (secundum decentiam status et conditionis eorum), wie es in der Dekret der Landesgroßen aus dem Jahre 1386 festgelegt war, Dieses neue ständische Selbstbewußtsein manifestierte sich im Vertrag, den die Barone 1387 von Sigismund bei seiner Thronbesteigung erzwangen, und anderthalb Jahr- zehnte später wird dasselbe Selbstbewußtsein fast alle Nachkommen der Barone Ludwigs d. Gr. dazu bewegen, sich dem König offen zu widersetzen, um ihre frühere Machtposition zurückzugewinnen. Wie bekannt, sind dies schon die Vorzeichen des Ständewesens. Ich bin noch eine abschließende Bemerkung schuldig. Das Herrschaftssystem, das ich vorangehend aufzuzeichnen versuchte, mag auf den ersten Augenblick eigenartig oder gar als Einzelfall erscheinen, es ist aber in Wirklichkeit

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nicht. An anderer Stelle habe ich bereits darauf verwiesen, daß das Honorsystem der Anjou-Zeit eine strukturelle Analogie mit viel früheren westeuropäischen Institutionen aufweist. Dasselbe gilt nun für diese eigenartige Aristokra- tie der Barone. Gerd Tellenbach, einer der namhaftesten Bahnbrecher der deutschen Geschichtsschreibung und der prosopographischen Methode, hat schon vor Jahrzehnten den Begriff „Reichsadel" zur Beschreibung jenes sozialen Gebildes eingeführt, welches den Staat der Karolinger und später der Ottonen regierte. Dieser Reichsadel bedeutete jene drei bis vier Dutzende hochadeliger Familien, die aus der Reihe der anderen ähnlichen Familien hervorrag- ten und aus des Herrschers Gnade die Amtslehen ver- walteten und untereinander verteilten, „und deren Macht auf dem Amt, auf dem Amts- und Lehensgut, nicht aber auf ihrem Erbvermögen beruhte".

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