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Dieses Land hat keine Lebensfreude mehr

von

Christian Sickendieck

Einer meiner Arbeitskollegen plant, auszuwandern. Als wir neulich im kleinen Kreis darüber
sprachen, fiel der Satz: Dieses Land hat keine Lebensfreude mehr. Es gab Niemanden,
der widersprochen hat. Man muss nur einmal in die Hamburger U-Bahn steigen und in die
Gesichter der Menschen schauen. Es wird nicht gelacht, Fremde beäugen Fremde und
wenn man es wagt, sich hinzusetzen, erntet man böse Blicke und der Nachbar rutscht so
weit weg, wie möglich. Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel haben dieses
Land verändert – die Politik hat den Menschen die Luft zum Atmen genommen, jegliche
Lebenslust wird erstickt. Die da oben machen, was sie wollen, ist zum Standardsatz einer
ganzen Generation geworden. Sieht man die Menschen, sieht man ihre
Hoffnungslosigkeit. Spricht man mit ihnen, hört man ihre Wut. Redet man mit ihnen, spürt
man in jedem Satz ihre Fassungslosigkeit. Unsere Gesellschaft taumelt am Abgrund
entlang – und es scheint, als gäbe es kein Zurück mehr.

Nach 16 Jahre Helmut Kohl herrschte 1998 in diesem Land eine große
Aufbruchstimmung, Rot-Grün wurde gefeiert, die Menschen hatten wieder Hoffnung.
Diese Hoffnung wurde schnell begraben, Lafontaine trat zurück, politisch änderte sich in
den Folgejahren praktisch gar nichts, bevor 2002 Gerhard Schröder seine Agenda 2010
verkündete. Seitdem ist Nichts mehr so, wie es einmal war. Die Schwächsten dieser
Gesellschaft werden diffamiert, in ein unwürdiges Leben gezwungen und selbst die
Mittelschicht erodiert, steht selbst kurz vor Hartz IV. Auf der anderen Seite explodieren die
Großvermögen, Banken verzocken Milliarden, die aktuell Bundesregierung betreibt
Klientelpolitik und hat sich scheinbar kaufen lassen – jegliches Handeln und jegliche
Äußerung von Merkel und Westerwelle ist aktuell darauf ausgelegt, sich bis zur NRW-Wahl
im Mai durchzuwurschteln. Wolfgang Schäuble kündigt bereits harte Sparmaßnahmen
des Sozialstaats an – natürlich ohne konkrete Aussage, Mitte des Jahres werde man sich
zusammensetzen.

Die SPD existiert nur noch auf dem Papier – sie ist zu einer kleinen Mischung aus Union
und FDP verkümmert. Eine funktionierende Demokratie lebt insbesondere davon, dass
die Opposition den Menschen eine Alternative zur Regierungspolitik anbietet – davon ist
bei der SPD nichts zu sehen. Selbst die Grünen sind im so genannten Establishment
angekommen – Glaubwürdigkeit ist unter Schröder und aktuell in Hessen meistbietend
verkauft worden. Die Opposition ist kopflos, unglaubwürdig und im derzeitigen Zustand
mit dem aktuellen Personal überflüssig.

Das sind alles Punkte, die bekannt sind und schon oft dargelegt wurden. Nicht nur, dass
viele Beobachter der politischen Kaste darauf immer wieder hinweisen – auch die
Menschen wissen und spüren es. Viele Bürgerinnen und Bürger mögen blind sein – doch
sie können im Dunkeln sehen. Gestern Abend habe ich zwei ältere Männer beobachten
können, sie kamen wohl gerade von der Arbeit, saßen im Blaumann und mit einem
Fläschchen Bier in der U-Bahn und ließen sich über die da oben aus. Man würde die
beiden nicht wirklich in einer politischen Diskussion sehen – und doch, mit einfachen
Worten gaben sie das wieder, worauf F!XMBR und andere Publikationen seit Jahren
hinweisen. Die Diskussion endete mit den Worten: Wir haben wenigstens noch einen Job.

Die Betonung lag dabei auf noch und man spürte in dem Moment nicht nur das Wissen
darum, dass der Job nächste Woche schon wieder obsolet sein kann, sondern auch die
Unzufriedenheit, die ganze Hilflosigkeit, an dieser Situation etwas ändern zu können. In
diesen beiden Menschen manifestierte sich für mich der Satz meines Arbeitskollegen:
Dieses Land hat keine Lebensfreude mehr. Die Menschen haben aufgegeben, sie
glauben nicht mehr daran, dass sich etwas verbessern wird. Das Gegenteil ist der Fall, sie
erwarten, dass es noch viel schlimmer kommen wird. Unsere Gesellschaft ist ernsthaft
krank, die Menschen haben kaum noch Hoffnung, diese Gesellschaft hat keine Ziele
mehr. Die Menschen leben von einem Tag in den anderen, in der Erwartung, es werde
alles noch viel schlimmer. Jegliche Zukunftsvision – die Hoffnung auf bessere Zeiten – wird
von der Politik bereits im Keim erstickt.

Wird sich vielleicht unsere nachfolgende Generation aus diesem Klammergriff befreien?
Ein Sechser im Lotto ist wohl wahrscheinlicher – noch viel mehr als den Alten, ist den
Jungen das Engagement für einen Aufbruch, für positives Denken, die Hoffnung auf
bessere Zeiten abhanden gekommen. Hier liegt die größte Sünde der so genannten Elite
– viele Kinder wissen bereits, dass sie nichts vom Leben zu erwarten haben, sie einfach
nur funktionieren müssen. Funktionieren sie nicht, werden sie vom Staat und der
Gesellschaft hart bestraft. Und sie können darauf zählen, dass es ja genau richtig sei, was
mit denen da unten gemacht wird. Genauso, wie es richtig ist, über Studenten, Beamte
und Rentner herzuziehen, diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die deutsche Politik hat
sich eine wunderbare Generation herangezogen – es herrscht ein Gegeneinander und
so kann die Politik handeln, wie sie es für richtig hält ohne Konsequenzen fürchten zu
müssen. Wenigstens eine Linie, die klar erkennbar ist…

Veröffentlicht auf F!XMBR