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DER BOLOGNA-PROZESS

Der Bologna-Prozess ist ein politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen
Hochschulwesens bis zum Jahr 2010. Er beruht auf der im Jahre 1999 von 29 europäischen
BildungsministerInnen im italienischen Bologna unterzeichneten Bologna-Erklärung.

Die Grundidee des Prozesses ist die Verbesserung der gegenseitigen Anerkennung von
Studienleistungen und Abschlüssen zur Förderung der Mobilität von Studierenden und
Lehrenden. Kernelemente des Bologna-Prozesses sind die Umstellung auf die dreigliedrige
Struktur (Bachelor, Master, PhD), sowie die Einführung des ECTS-Systems (European Credit
Transfer System), welches Leistungen vergleichbar machen soll.

Der Bologna-Prozess ist rechtlich nicht bindend. Er beruht auf Erklärungen, die alle zwei Jahre
bei den ministeriellen Konferenzen von den jeweiligen Bildungs- bzw.
WissenschaftsministerInnen unterzeichnet werden.

Im Bologna-Prozess wir mit verschiedenen sogenannten „Action Lines“ gearbeitet. Gemeint sind
damit die Schlagworte, zu denen Politik gemacht wird. Die Action Lines geben bestimmte Ziele
vor, welche allerding sehr diplomatisch und vage verfasst sind, und somit unterschiedlich
ausgelegt werden können. Die derzeitigen Action Lines sind: „Soziale Dimension: Gerechtigkeit
beim Hochschulzugang und bei der Vollendung des Studiums“; „Lebenslanges Lernen“;
„Beschäftigungsfähigkeit“ (engl.: „Employability“); „Studierendenzentriertes Lernen und der
Lehrauftrag der Hochschulen“; „Bildung, Forschung und Innovation“; „Internationale Offenheit“;
„Mobilität“; „Datenerhebung“; „Multidimensionale Transparenzinstrumente“; „Finanzierung“.

WARUM BOLOGNA DEN PROZESS MACHEN?


1. UNDEMOKRATISCHES ZUSTANDEKOMMEN
- Der Bologna-Prozess ist eine rechtlich nicht bindende Absprache zwischen Bildungs-
bzw. WissenschaftsministerInnen -> die nationalen Parlamente wurden nicht
einbezogen
- Es gab kaum studentische Mitbestimmung bei der Initiierung des Prozesses

2. ÖKONOMISIERUNG DER BILDUNG


2.1. AUSRICHTUNG DER BILDUNG AUF ÖKONOMISCHE VERWERTBARKEIT
2.1.1. Ausbildung statt Bildung: „Employability“ als Ziel des Bologna-Prozesses
- bedeutet die Ausrichtung der Bildung auf Unternehmens- und
Arbeitsmarkterfordernisse (vor allem der Bachelor dient nur mehr Berufsausbildung
statt universitärer Bildung; Unternehmen minimieren dadurch ihre Ausbildungskosten)
- zeigt die Verknüpfung des Bologna-Prozesses mit der Lissabon-Strategie1 der EU, in
welcher ebenfalls die Ausrichtung der Lehrinhalte und der Forschung auf wirtschaftliche
Interessen gefordert wird (v.a. die Kommission nimmt Einfluss auf den Bologna-Prozess
und forciert die Lissabon-Strategie)

1„Lissabon-Strategie“: die wirtschaftlichen Strategie der EU: „Europa soll bis zum Jahre 2010 zum
wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt werden“
- führt zur Instrumentalisierung der Bildung: Bildung ist durch die Ökonomisierung nicht
mehr Ziel, sondern wird ein Mittel zum Zweck
- erschwert es, selbstbestimmt und kritisch zu studieren, sowie eigene
Interessensschwerpunkte einzubringen

2.1.2. Lifelong Learning


- Das Ziel des lebenslangen Lernens bedeutet, dass AbsolventInnen auf eigene Kosten
immer wieder ihr Qualifikationsprofil den Markterfordernissen anzupassen haben; der
Mensch liefert sich so kognitiv den Märkten aus

2.2. BOLOGNA ALS VORWAND FÜR DIE NEOLIBERALE RESTRUKTURIERUNG DER


UNIVERSITÄTEN
Im Windschatten der sehr vagen Ziele des Bologna-Prozesses nutzten die EU-Mitgliedsstaaten den
Bologna-Prozess für den neoliberale Umbau der europäischen Hochschullandschaft (welcher genau
in dieser Form in der Lissabon-Strategie vorgeschlagen wird) – z.B. in Österreich durch das
UG2002

- Die Universitäten werden zu Dienstleistungsunternehmen verbetriebswirtschaftet, die auf


einem angeblichen Hochschulmarkt im Wettbewerb stehen (=Autonomie)
- Bildung wird zur Ware , StudentInnen werden zu KonsumentInnen
- Chronische Unterfinanzierung
- Finanzierung durch Drittmittel, Studienbeiträge und die kommerzielle Nutzung von
Forschungsergebnissen
- Private Interessen dringen in die Universitäten ein: Uni-Rat, Drittmittelfinanzierung ->
unabhängige und freie Forschung wird so unmöglich
- Prekarisierung der Lehre
- Ranglisten, Evaluierungen
- Zugangsbeschränkungen
- Demokratieabbau

3. ERHÖHTE BELASTUNG FÜR STUDIERENDE


3.1. ZU HOHER ARBEITSAUFWAND
- Überfrachtete Bachelor-Studienpläne: Zu viele Lehreveranstaltungen wurden in die
kürzeren Bachelor-Studienpläne gepresst
- Falsche Berechnung des „Workload“ (Arbeitspensum): Es wird davon ausgegangen, dass
Studierende nicht erwerbstätig sind, noch erhebliche Zeitanteile für gesellschaftliches,
politisches oder familiäres Engagement aufwenden
- Doppelstudien wurden dadurch erheblich erschwert

3.2. BENACHTEILIGUNG FÜR STUDIERENDE IN ALTEN CURRICULA


- Diplomstudienpläne laufen zu schnell aus
- Probleme beim Umstieg auf andere Studienpläne (Nichtanrechnung von
Lehrveranstaltungen etc.)
- Teilweise Benachteiligung für Diplom-Studierende bei Lehrveranstaltungsanmeldungen
gegenüber BA/MA-StudentInnen

3.3. PSYCHISCHE BELASTUNG FÜR STUDIERENDE


Immer mehr Studierende klagen über psychische Belastungen, Überlastung, Stress, depressive
Verstimmungen, Versagensängste und Prüfungsangst (siehe IHS-Studierenden-Sozialbericht
2009)

- durch zu hohe Arbeitsbelastung


- die Mindeststudienzeit wurde zur Regelstudienzeit umgedeutet
- erhöhter Druck, um in den beschränkten Master zu kommen; Beschränkungen führen zu
Konkurrenz unter den Studierenden

4. ELITENBILDUNG
4.1. ZWEI-KLASSEN-STUDIUM
- Das Konzept des dreigliedrigen Systems (BA, MA, PhD) wurde bereits mit dem
Hintergedanken erstellt, dass man so Zugänge beschränken könne; bzw. diente seine
Umsetzung als willkommener Anlass für Beschränkungen: Der Bachelor ist ein billiger,
minderwertiger Abschluss für die Masse der Studierenden, welcher
Beschäftigungsfähigkeit bringen soll (was durch seine kürzere Dauer der Uni erheblich
Geld spart)
- Bildung nur für die Elite im beschränkten Masterstudium
- Die Einheit von Lehre und Forschung ist gefährdet: im BA gibt es nur Lehre

4.2. SOZIALE SELEKTIVITÄT


- durch höheren Arbeitsaufwand werden berufstätige Studierende bzw. Studierende mit
Familie benachteiligt
- Zugangsbeschränkungen sind sozial selektiv -> Master und PhD sind deshalb bisherige Eliten
reproduzierend
- v.a. Frauen werden durch die Beschränkungen ausgeschlossen (es studieren relativ weniger
Frauen in Master und PhD)

5. VERSCHULUNG
- Voraussetzungsketten, STEPs, Modularisierung
- Freiheit, Selbstbestimmtheit und individuelle Schwerpunktsetzung wurden verunmöglicht:
Minimierung der Wahlmöglichkeiten; freie Wahlfächer – der Blick über den disziplinären
Tellerrand – wurden abgeschafft
- Kaum Zeit für eigene Reflexion oder Lektüre abseits der vorgegebenen Pflichtlektüre

6. BOLOGNA-PROZESS VERFEHLT EIGENE ZIELE


- Mobilität: Die stark verschulten, überfrachteten Studienpläne und der Druck, diese in
Mindeststudienzeit zu absolvieren, erschweren es sogar, Auslandssemester zu machen
- Anrechenbarkeit: ist nicht einmal innerhalb Österreichs zwischen Universitäten gegeben
- Das dreigliedrige System wir nicht akzeptiert: Der Bachelor wird in Österreich nicht als
akademischer, und auch nicht als berufsqualifizierender Abschluss anerkannt

Anm.:
[normal] Dem Bologna-Prozess inhärente Probleme
[kursiv] Verschlechterungen, für die der Bologna-Prozess als Vorwand missbraucht wurde bzw. die
durch seine Auslegung entstanden, welche aber nicht explizit im Bologna-Abkommen
vorgeschrieben sind