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14/07/2015

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Rezension:Sachbuch:DieLuftpumpedenken­Bücher­FAZ

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D'INKA, JÜRGENKAUBE,BERTHOLDK OHLE R,HOLGER STELTZNER Frankfurt28° Feuill eton Mittw oc h , 15 . J u
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Rezension:Sachbuch

DieLuftpumpedenken

BrunoLatourüberNaturundKultur/VonHelmutMayer

10.10.1995

A lsBrunoLatourvoreinigerZeitandasrenommierteInstitute forAdvancedStudyinPrincetonkommensollte,legtensich einigeNaturwissenschaftlerquer.Manhabeesdochwirklichnicht nötig,solautetederTenorihrerProteste,einenMannandiesen OrtderreinenForschungeinzuladen,deroffensichtlichnichts anderesimSinnhabe,alsdenWahrheits­und ObjektivitätsanspruchdermodernenNaturwissenschaftaus soziologischerPerspektivezurelativieren.DieKollegenausden geisteswissenschaftlichenDepartementsmögenfürsolche dekonstruktivenTendenzenzwaranfälligsein,vertretensiedoch nur"weiche"Wissenschaften,derenGegenständeziemlich unscharfumrissensind.AberdieNaturwissenschaftlerhättenes schließlichmitdem"hartenKern"zutun,mitderNatureben,die sichnichtalssozialeKonstruktion,alssoziologisches ForschungsfeldodergaralsTextansehenlasse.

DerWiderstandhatteletztlichErfolg:LatourbliebinParis,woer

einenLehrstuhlam"CentredeSociologiedel'Innovation"­

eingerichtetanderEcoleNationaleSupérieuredesMines,einer

derakademischenNischenderjüngerenfranzösischen

Wissenschaftsgeschichteund­forschung­innehat;eine

amerikanischeProfessurwarohnehinschondazugekommen.

14/07/2015

Rezension:Sachbuch:DieLuftpumpedenken­Bücher­FAZ

FürdieAusladunginPrincetonmagvorallemLatoursNeigungzu überbordenderRhetorikundpolemischerZuspitzungbestimmend gewesensein,nichtzuletztwohlauchderironischeTonfall,àla PaulFeyerabend,mitdemerdiehehrenAnsprücheder Naturwissenschaftlerzuglossierenpflegt.Insofernverstehtman zwardenProtest,abertrotzdemtraferinderSacheziemlichweit daneben.MitetwasmehrPlausibilitätimmerhinhätteersich gegenjeneWissenschaftssoziologenrichtenkönnen,diehartnäckig ­undoftmitinteressantenErgebnissen­daranarbeiten,auchden "hartenKern"derNaturwissenschaftenalsgesellschaftlich vermitteltesKonstruktzuentlarven.Aberselbstwernachden

früherenBüchernLatours­"LaboratoryLife"(1979,gemeinsam

mitStevenWoolgar),"LesMicrobes"(1984)und"Sciencein

Action"(1987)­nochimmerirrtümlichdaranfesthielt,ihnals

getreuenParteigängereinerSozialgeschichtederWissenschaften einzuordnen,dermußteseinUrteilspätestensangesichtsdesbreit

angelegtenEssays"Nousn'avonsjamaisétémodernes"(1991)

revidieren.Dieser"VersucheinersymmetrischenAnthropologie",

soderUntertitel,liegtnunindeutscherÜbersetzungvor.

HiernimmtLatourdieAuseinandersetzungmiteinerbrillanten "soziologischen"UntersuchungimFeldder WissenschaftsgeschichtezumAusgangspunkt,nämlichmitSimon SchaffersundStephenShapins"LeviathanandtheAir­Pump"

(1985).IndiesemBuchanalysierendieAutorendieDiskussion

zwischenRobertBoyleundThomasHobbesüberBoyles

ExperimentezumNachweisdesVakuumsmittelsdervonihm

entwickeltenLuftpumpe.Esgehtalso,unddasmachtdieSache

spannendundfürLatourwichtig,umeinenGründungsaktder

experimentellverfahrenden,sichaufBeobachtungenimLabor

stützendenNaturwissenschaft.

FürHobbesistesdabeieinSkandal,daßBoyle

Wahrheitsansprücheerhebt,diesichdochrechtensnurdurch

mathematisch­geometrischeDemonstrationeneinlösenlassen.

DannkönntensichschließlichallemöglichenLeuteum

irgendwelcheeigenartigenmechanischenApparateversammeln,

umanschließendzubehaupten,siehättenmiteigenenAugeneine

neueWahrheitentdeckt.EinzigdieBeweismethodemore

geometricokönneverhindern,daßdieWissenschaftzum

gesellschaftlichenSchlachtfeldvonMeinungenwird,diesichfür

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Rezension:Sachbuch:DieLuftpumpedenken­Bücher­FAZ

evidenteWahrheitenhalten­geradewieesindenBürgerkriegen

derFallist,dieinHobbespolitischerTheoriedurchdenabsoluten

Souveränunterbundenwerden.

BoylesiehtdieseLegitimationsschwierigkeitsehrgenau,löstsie

abermiteinergewitztenStrategie,welchenichtzuletztdie

KategoriegesellschaftlicherDistinktioninsFeldführt:Wennsich

ehrenwerte"Gentlemen,dieessichleistenkönnen,unbehindert

vonprivatenInteressenderErforschungderNaturnachzugehen",

solchenVersuchenwidmen,werwolltedannanihrensorgfältigen

BeobachtungenundmitallerUmsichtgezogenenSchlüssen

Zweifelanmelden?DieLuftpumpewirdmitdemHinweisaufdas

PrestigeihrerAdeptenaußerhalbdesBereichsdesMeinungsstreits

gestellt,wieerdiegesellschaftlichenAuseinandersetzungen

kennzeichnet.

BoylesetztesichimFeldderNaturwissenschaften,HobbesimFeld

derpolitischenTheoriedurch.Beideaberetablierten,wennauch

aufsehrverschiedeneWeise,einerigideTrennungvonNaturund

Gesellschaft,dieunsseitdemselbstverständlichgewordenist.

Obwohl,unddaraufrichtetsichLatoursInteresse,inihrer

Auseinandersetzungdarüber,waseigentlichalsBeweiszugelten

hat,"natürliche"und"gesellschaftliche"Instanzenoffensichtlichso

engmiteinanderverschlungensind,daßmansienurschwer

entflechtenkann.

Einesozialgeschichtlichodersoziologischorientierte

BetrachtungsweisetendiertangesichtsdiesesBefundes

unweigerlichdazu,dieÜbertragunggesellschaftlicherKategorien

aufdieKonstruktionderNaturalsGegenstanddermodernen

Naturwissenschaftherauszustreichen.GenauandiesemPunkt

setztLatouran:Übertragungsicherlich,aberebeninbeide

Richtungen.NachBoylesSiegimZeichenderLuftpumpeist

schließlichauchdieenglischeGesellschaftetwasanderszu

beschreiben;ebensowiediefranzösischeGesellschaftnachdem

SiegeszugPasteurs,denLatourin"LesMicrobes"untersuchte.

FreilichkannmandiesewechselseitigeÜbertragungimmernoch

nachdemModellvonsozialen"Einflüssen"aufdie

Naturwissenschaftdarstellen,welchewiederumoffensichtliche,

vorallemtechnologischvermittelteRückwirkungenaufdie

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Gesellschafthat.AberauchdastrifftnachLatournichtdie

wirklichenVerhältnissedermitHobbesundBoyleeingeläuteten

Moderne.WasinseinenAugendagegennottut,istdie

SuspendierungderSelbstverständlichkeit,mitderdieTrennung

zwischen"derGesellschaft"und"derNaturwissenschaft"­oder

prägnanter:zwischenKulturundNatur­selbstdannnoch

bestätigtwird,wennesumdieBetrachtungderWechselwirkungen

zwischenihnengeht.

AlsohättemaninPrincetondochzuRechtvermutet,hierwolle

einerwiederdurcheinandermischen,wasdieModernesomühsam

undrechtschaffengetrennthat?ImGegenteil:Latourweißdiese

"großeTrennung"durchausangemessenzuwürdigen;weshalber

auchdenVersuchen,dieNaturwissenschafteninsoziale

KonstruktionenoderbloßeDiskurseffekteaufzulösen,ebensoeine

AbsageerteiltwiedenStrategienderbärbeißigenNaturalisierung

vongesellschaftlichenPhänomenen.Nurglaubterzeigenzu

können,daßdiesestriktetheoretischeTrennungdieBedingung

dafürwar,daßsichinderModernedefactoeinimmerregerer

AustauschzwischendenontologischgeschiedenenBereichen

etablierenkonnte.SeinBefundlautet:Jegründlicherdie

"Reinigungsarbeit"betriebenwurde,mitderdas"Natürliche"und

das"Gesellschaftliche"auseinandergehaltenwurde,umsobesser

konntensichindervermeintlichleerenMitteZwischenwesen

ausbreiten.Diese"Hybriden",wiesieLatourmiteiner

terminologischenVerbeugungvorMichelSerresnennt,leisteneine

kontinuierlicheVermittlungsarbeitzwischendenbeidenPolen:

eineArbeit,vorderdieModernenzwardieAugenverschließen,

vondersietatsächlichaberabhängigsind.

DerAhnedieserHybridenistBoylesLuftpumpe;inder

Zwischenzeithabensiesichjedochmitimmergrößerer

Geschwindigkeitausgebreitet:Wermöchteauchbestimmen,wo

zumBeispielindenDebattenüberOzonloch,Aids­Forschungoder

GentechnikdiescharfenGrenzenzwischen"hartem"

wissenschaftlichemKernundpolitischen,technischenund

wirtschaftlichenFaktorenzuziehensind.Überall,soLatours

Diagnose,wimmeltesvondiesenZwischenwesen:"Wirklichwie

dieNatur,erzähltwiederDiskurs,kollektivwiedieGesellschaft,

existentiellwiedasSein,sosinddieseQuasiobjekte,denendie

ModernenzurAusbreitungverholfenhaben,undsosolltenwir

14/07/2015

ihnenauchnachgehen."

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Wirsolltendemnachgenaudastun,wasdieModerneninden

AugenLatoursverweigerthaben:dieHybridenanerkennen,

"indemwireinfachwiederwerden,waswirnieaufgehörthabenzu

sein:nichtmodern".Dasist,innuce,Latoursmethodisches

HeilmittelfüreineModerne,dienichtlängerglaubhaftmachen

kann,daßökonomischeRationalität,wissenschaftlicheWahrheit

undtechnischeRationalität­ausdifferenziertundgereinigtvon

derTyranneiderwiderstreitendensozialenInteressen­die

GaranteneinessinnvollenFortschrittssind.Stattaberdeshalbin

denKatzenjammereinerPostmodernezuverfallen,diemitder

ModernedieGeschichteendensieht,giltesdenverleugneten

HybridisierungenvonNaturundKulturendlichihrDasein

zuzugestehen:Nurdannkönneesnämlichgelingen,"die

wahnsinnigeVermehrungderHybridenzuersetzendurchihre

geregelteundgemeinschaftlichentschiedeneProduktion".

WomitLatoureinesderwesentlichenMotivefürseine

nichtmoderne"symmetrischeAnthropologie"formuliert.

SymmetrischineinemdoppeltenSinn:Zumeinenhatsiedie

SymmetrievonReinigungs­undVermittlungsarbeitzubeachten,

wennsiedenfeingesponnenenNetzwerkenderZwischenwesen

nachspürt.ZumanderenverabschiedetsiedieAsymmetrieder

anthropologischenPerspektive,wennesumdieUntersuchung

einerfremden"vormodernen"imGegensatzzurBetrachtungder

eigenen"modernen"Kulturgeht.DennNichtmoderne,dienicht

längermehraufdieabsoluteSonderstellungderModernepochen,

einetranszendenteNaturvomReichdersozialenKonstruktionen

tatsächlichgeschiedenzuhaben,dürfendiesenExotismus

verabschieden:Wennwirabernichtmehrexotischsind,sosindes

"dieanderen"auchnichtmehr.

SolchkurzentschlossenesDurchschneidenvongordischenKnoten,

welchedieModernegeschlungenhat,magvielleichtetwaszu

leichthändiganmuten.Abersoschnelldiepolemischen,meistgut

gezieltenundimmermitrhetorischemSchliffvorgetragenen

Ausfällegegendie"kritischenRepertoires"derModerne,deren

EinseitigkeitenLatourhintersichlassenmöchte,auchaufeinander

folgen:methodischüberlegtundanregendsindsieallemal.

14/07/2015

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BrunoLatour:"Wirsindniemoderngewesen".Versucheiner symmetrischenAnthropologie.AusdemFranzösischenvonGustav

Roßler.AkademieVerlag,Berlin1995.208S.,br.,48,­DM.

Wirsindniemoderngewesen

Quelle:FrankfurterAllgemeineZeitung,10.10.1995,Nr.235/SeiteL38

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