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KULTUR

Südostschweiz | Mittwoch, 1. Juli 2015

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«Ich schreibe
wie unter
Hypnose»
Der Schweizer Schriftsteller Claude Cueni
erzählt in seinem Roman «Giganten» eine
Geschichte über eine Rivalität zwischen
zwei Meistern der Monumentalarchitektur
aus dem 19. Jahrhundert.

Hat einen neuen Roman veröffentlicht: der Schweizer Schriftsteller Claude Cueni.

mit Claude Cueni
sprach Heinz Aerni

C

laude Cueni wurde 1965 in
Basel geboren und schrieb
historische Romane, Thriller, Theaterstücke, Hörspiele und viele Drehbücher,
unter anderem für TV-Serien wie «Tatort», «Eurocops», «Peter Strohm» und
«Cobra 11». Sein historischer Roman
«Das grosse Spiel», die wahre Geschichte des Papiergelderfinders John Law,
belegte Platz eins der Schweizer Bestsellerliste und wurde bisher in 13 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien 2014
der Bestseller «Script Avenue», in dem
Cueni, anders als in seinen bisherigen
Büchern, nicht die Geschichten anderer, sondern seine eigene erzählt. Cueni ist an Leukämie erkrankt und lebt in
Basel.
Herr Cueni, steht man in der Krone
der Freiheitsstatue in New York
oder unter dem Eiffelturm in Paris,
dann liegt das Wort Gigantismus in
der Tat auf der Zunge. Sie nähern
sich nun in Ihrem Roman den beiden Erschaffern dieser Bauwerke.
Erinnern Sie sich noch, was oder
wo die Initialzündung dafür war?
CLAUDE CUENI: Als Bub hat mich
Bartholdis Löwe von Belfort sehr beeindruckt, ich habe später oft sein Ge-

burtshaus in Colmar besucht, das heute ein Museum ist, aber es gibt keine
eigentliche Initialzündung, ich speichere vieles intuitiv und im Laufe der
Jahre entsteht ein Stoff für einen Roman.
Während die Charakterbeschreibungen des Bildhauers Bartholdi
und des Ingenieurs Eiffel der Realität näherkommen, basiert der Konflikt – unter anderem natürlich
durch eine Frau – auf Fantasie. Wie
kann man sich die Arbeit zwischen
Wahrheit und Fiktion vorstellen?
Wo lagen die Herausforderungen?
Der Roman besteht aus historisch gesicherten Fakten, die ich einer fiktiven
Dramaturgie unterzogen habe. Ursprünglich schrieb ich einen klassischen historischen Roman und bewegte mich eng an der historischen Zeitschiene.

«Ich schrieb den
Roman deshalb neu.
Es ist sicher ein
wesentlich besseres
Buch geworden, aber
immer noch auf
Fakten basierend.»

Bild Wörterseh Verlag

Aber Sie kamen schlussendlich davon ab.
Ja, irgendwie haben die historischen
Figuren in meiner Fantasie ein Eigenleben entwickelt und diese Szenen fand
ich wesentlich spannender und bewegender. Ich schrieb den Roman deshalb
neu. Es ist sicher ein wesentlich besseres Buch geworden, aber immer noch
auf Fakten basierend.
Historische Stoffe haben Sie als Romancier schon immer fasziniert,
nun befinden wir im Roman «Giganten» in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Eigentlich die
Epoche, die unsere heutige Gesellschaft massgeblich gestaltete. Haben Ihre Recherchen neue Schlussfolgerungen zu unserer Geschichte
ermöglicht?
Meine letzten Romane spielen im 17.,
18. und 19. Jahrhundert. Eigentlich erlebt jede Generation Finanz- und Wirtschaftskrisen, Enteignungen, Verarmung, Kriege, Epidemien – das ist historisch betrachtet so alltäglich wie die
vier Jahreszeiten. Wer nur die Gegenwart kennt, denkt, so was sei heute
nicht mehr möglich. Aber diese Katastrophen werden sich immer wieder ereignen, denn die Natur des Menschen
verändert sich nicht. Er bleibt ein rücksichtsloser Jäger, der nur an seinen
eigenen Nutzen denkt.

«Der historische
Roman ist ein Film,
der nur mit der
Fantasie der Leser
vollendet wird.
Es entsteht ein
prächtiges Gemälde,
ein Unikat.»
Beim Lesen wähnt man sich auch
immer wieder im Alltäglichen dieser Zeit. Können Sie sich einfach
aus der Gegenwart ausklinken?
Ja, das ist nie ein Problem. Kaum habe
ich das erste Wort geschrieben, sitze
ich in einer anderen Epoche, und
selbst wenn links und rechts Bauarbeiter hämmern und bohren, nehme ich
das nicht mehr wahr.
Wie machen Sie das?
Ich brauche auch keine besonderen
Arbeitsbedingungen. Ich schreibe beinahe wie unter Hypnose, weil ich in
Gedanken Tag und bei meinen Figuren
bin.
Was kann die Belletristik besser als
ein Sachbuch? Warum die Form des
literarischen Erzählens?

Der historische Roman ist ein Film, der
nur mit der Fantasie der Leser vollendet wird. Es entsteht ein prächtiges
Gemälde, ein Unikat. Das Sachbuch
hingegen besteht aus Fakten, Zahlen,
Tabellen, Abbildungen: Der Inhalt ist
für alle Leser gleich. Es geht um Informationen, nicht um Emotionen.
Wenn ich ein Gemälde mit einem
lesenden Menschen mit Ihrem
Buch in den Händen malen müsste,
wie sollte das aussehen?
Ich würde das Gemälde eines Orientalisten des 19. Jahrhunderts nehmen.
Wüsten, Ruinenstädte, Beduinen und
im Bild sitzt ein Mensch des 21. Jahrhunderts, der durch seine zeitgenössische Kleider auffällt. Witzig wäre natürlich auch ein Leser in einem Pariser
Bistro des 19. Jahrhunderts.

BÜCHERTIPP
Claude Cueni:
«Giganten».
Wörterseh Verlag. 398 Seiten.
36.90 Franken.

Als der King noch Prinz war: Elvis’ Karrierestart
Im Aufstieg zum Weltruhm hat der Fotograf Alfred Wertheimer Elvis Presley begleitet. Ein Bildband zeigt eine Auswahl seiner Aufnahmen.
von Annett Stein (sda)
1956, USA: Bald wird die ganze Welt
den Namen dieses jungen Mannes kennen. Noch aber ist Elvis Presleys Fangemeinde überschaubar. Alfred Wertheimer gehört nicht dazu. «Elvis wer?»,
habe er gefragt, als er den Auftrag erhielt, den Musiker zwei Wochen lang
zu begleiten, erinnert sich der Fotograf.
Seine Bilder werden nun im Bildband
«Elvis and the Birth of Rock and Roll»
präsentiert. Sie zeigen den Künstler
ganz nah – nur wenige Wochen, bevor
sein Aufstieg zum Weltstar begann.
Wertheimer (1929–2014) hat festgehalten, wie verliebt die Augen weibli-

cher Fans strahlten, wie gern der damals 21 Jahre alte Elvis flirtete. Elvis
auf der Bühne, Backstage, in Hotelzimmern, auf seiner Harley, immer war
der selbst erst 26-Jährige ganz nah dabei. Er sei dem Musiker nicht nur zwei
Wochen auf Tour gefolgt, sondern auch
«überall sonst hin», erklärt Wertheimer im Buch. «Elvis gewährte mir
völlig freien Zugang zu seinem Leben –
und ich folgte ihm sogar bis ins Badezimmer.»
Nicht mit Nähe-Regeln vertraut
Es sei sein erstes Jahr als Berufsfotograf
gewesen. Darum sei er glücklicherweise noch nicht mit den gängigen Nähe-

Regeln vertraut gewesen. Auf diese Weise entstanden Bilder eines Mannes, der
sich der Kamera in vielen Fällen wohl
kaum bewusst war: Elvis im Wasser,
beim Styling im Bad, mit Fanpost auf
der Couch, mit der geliebten Mutter
oder beim Einkauf neuer Hemden.
In den Begleittexten wird der Werdegang des Musikers geschildert, der
rasend schnell zum Star wurde und
doch ein unglückliches Ende nahm.
Eingebettet sind Zitate von Menschen,
die Elvis als Vorbild hatten und selbst
zu Stars wurden. Mit Elvis sei ein völlig
neuer Sound eingeführt worden, der
schliesslich Rock and Roll genannt
werden würde, heisst es im Text.

Er habe Elvis noch einmal bei einer
Pressekonferenz vor der Abreise des
Musikers zum 18-monatigen Einsatz
bei der dritten Panzerdivision in
Deutschland im September 1958 getroffen, so Wertheimer, dann nicht
mehr. «Die Ironie bei all dem ist, dass
ich 19 Jahre lang keine einzige Anfrage
für ein Elvis-Bild bekam – von der Zeit,
als ich ihn zum letzten Mal lebend sah,
bis zu seinem Todestag am 16. August
1977.»
Wertheimers Fotos zeigen Elvis unverbraucht mit offenem Blick. Noch liegen Enttäuschungen fern, noch geht es
immer nur in eine Richtung: aufwärts.
Es macht Freude, diesen Elvis zu sehen,

und ein bisschen traurig macht es
auch.

BÜCHERTIPP
Alfred Wertheimer:
«Elvis and the Birth of
Rock and Roll». Taschen Verlag.
360 Seiten. 69 Franken.

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