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Anne-Kathrin Grabs

Matrikelnummer: 0721846
anne-kathrin.grabs@sbg.ac.at

Hausarbeit im Rahmen des Proseminars

„Interkulturelle Pädagogik“
Lehrveranstaltungsleiter: Prof. Dr. Auernheimer
Lehrveranstaltungsnummer: 645.451

Arbeitstitel

Medien, Migration und Integration -


Der Einfluss von Medien bei der Integration von Migranten?

Salzburg, 08.01.10

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung...................................................................................................................................03

1.2 Fragestellung................................................................................................................04

1.3 Überblick......................................................................................................................05

2. Hauptteil

2.1. Mediale Segregation, Assimilative mediale Integration und interkulturelle


mediale Integration......................................................................................................06

2.2 Die Integrationsfunktion von Massenmedien...............................................................08

2.3 Inszenierung von Migration „Der Fall Arigona“..........................................................19

2.4 Überblick über österreichische Migrantenmedien und einige ausgewählte


Beispiele.............................................................................................................................22

3. Zusammenfassung

3.1 Wieviel Integration können Mehrheits- und Minderheitenmedien bewirken?.............28

Literatur

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1. Einleitung

"Es ist leichter, ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil." (Albert Einstein)

Seit ich 2004 mit meine Heimatstadt Dresden verlassen habe und für meine Ausbildung als
Werbekauffrau in die multikulturell geprägte Stadt Köln gegangen bin, beschäftigt mich das Thema
Migration. Der Ausländeranteil in Köln ist wesentlich höher als in Dresden (wo kaum Ausländer
leben, jedoch mit Abständen eine sehr hohe Ausländerfeindlichkeit herrscht), vor allem türkisch-
stämmige Migranten zählen zum Stadtbild. Einige meiner Kollegen sind türkischstämmige
Deutsche und zählen heute noch zu meinem engen Freundeskreis. Als ich 2007 nach Salzburg kam,
fiel mir sehr schnell auf, dass es solch eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Migranten in
Österreich nicht gab (und gibt). Ich beobachtete, dass mir im Alltag im beruflichen Kontakt kaum
Migranten, also als Verkäufer oder Berater, begegnen. Nachdem ich die Integration im Arbeitsmarkt
etwas kritischer betrachtet hatte, stellte ich mir die Frage, inwieweit ich Migranten im Fernsehen
sehe und im weiteren wie die Berichterstattung in den Medien über MigrantInnen verläuft. Dabei
fiel mir zunächst auf, dass keine MigrantInnen in den österreichischen Medien zu Wort kommen,
weder als Journalisten noch als Interviewpartner. Später haben mich vor allem die Wahlplakate der
FPÖ auf das negative Bild von Ausländern, welches in Österreich vermittelt wird, aufmerksam
gemacht. Dies soll auch das Thema dieser Arbeit unter dem Titel: „Medien, Migration und
Integration – Der Einfluss von Medien bei der Integration“ sein. In dieser Arbeit möchte ich die
Stellung der Medien bei der Integration von Migranten beleuchten, denn meiner Ansicht nach käme
den Medien hierbei eine bedeutende Rolle zu. Im Jahr 2008 betrug die Verweildauer der TV-aktiven
Bevölkerung in Österreich durchschnittlich 243 Minuten pro Tag. (WWW Dokument
http://mediaresearch.orf.at/index2.htm?fernsehen/fernsehen_nutzungsverhalten.htm Zugriff
08.01.10). Etwa 4 Stunden schaut der Österreicher im Schnitt Fernsehen pro Tag. Das ist sehr viel
Zeit, die sich der Mensch den Medien zuwendet. Die spannende Frage aus Sicht der
Integrationsforschung ist nun, wie in den klassischen Medien Fernsehen und Print, die ich - neben
dem immer stärker wachsenden Medium Internet - als Massenmedien bezeichnen würde, Migration
thematisiert wird und wie Migranten auftreten.

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1.1 Fragestellung

Laut Statistiken des Statistischen Jahrbuch Österreichs 2010 – Bevölkerung sind von 8.355.260
Menschen, die in Österreich leben, 7.484.556 Österreicher und 870.704 Nicht-Österreicher. Das
sind etwa 10,2%, zum Vergleich, in Deutschland sind es etwa 15% (Geißler & Pöttker, 2006, S. 16).
Im 2. Österreichischen Integrationsbericht (Fassmann, 2007) finden sich keine Ausführungen zum
Thema Medien und Migration, vielmehr verschafft der Bericht einen Überblick über die
Demografie und die soziale Lage der Migranten, sowie über deren strukturelle Integration in den
Arbeitsmarkt, den Wohnungsmarkt und das Ausbildungssystem bis hin zur Schilderung von
Lebensentwürfen. Zur Frage der Integration durch Medien erhält der Leser keine Antworten. Was
meine ich mit Integration? Mit Integration verstehe ich nicht Assimilation, im Sinne einer
Anpassung der Migranten an die Mehrheitsgesellschaft. Ich verstehe noch weniger die Segregation
oder Exklusion, im Sinne der Polarisierung in Parallelgesellschaften oder „Ghettoisierung“ von
Minderheiten, womit ich gleichzeitig den Diskurs unter 2.1 über Mediale Segregation, Assimilative
mediale Integration und interkulturelle mediale Integration vorwegnehme. Ich verstehe Integration
als Inklusion. Eine inkludierte Gesellschaft zeichnet sich durch das vollständige Einbezogensein
(Inklusion) als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft aus. In einer inkludierten Gesellschaft wird
Unterschiedlichkeit willkommen geheißen, unabhängig von Geschlechterrollen, Herkunftssprache,
sozialem Hintergrund oder Behinderung (Wetzel, 2009). Mit dieser Definition gehe ich bewusst von
einem Idealzustand aus. Im Weiteren spreche ich also von Integration als Inklusion.
Wie können nun Massenmedien zur Integration/Inklusion beitragen und woran liegt es, dass dieser
Aspekt in der Analyse des Österreichischen Integrationsberichts nicht zur Sprache kommt? Meine
These ist, dass Medien neben der Informations-, Orientierungs- und Sozialisationsfunktion
(Bonfadelli, 2007, S. 96), alltagstheoretisch keine Integrations- oder Erziehungsfunktion
zugesprochen wird. Den Institutionen für Erziehung und Bildung, sowie den Organisationen für
Arbeit wird diese Aufgabe zuteil. Medien sollen unterhalten und informieren, Soziale Einrichtungen
erziehen. Dass Massenmedien dennoch eine „Soziale Integrationsfunktion“ zukommt, haben viele
Autoren bereits nachgewiesen (Jarren 2000; Schatz 2000; Imhof 2002; Vlasic 2004), wobei Vlasic
die Entwicklung der Integrationsgfunktion der Massenmedien entlang des Einflusses der Medien
„auf die Wahrnehmung, das Wissen – vor allem – das Handeln der Individuen“ formuliert und die
„Erziehungsfunktion“ geschichtstheoretisch mit Einsetzen der Alliierten Rundfunk- und
Radiopolitik nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland nachweist (Vlasic, 2004, S. 50ff.). Meine

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Fragestellung lautet also welchen Einfluss Medien bei der Integration von Migranten ausüben
(könnten) und welche Möglichkeiten es für eine positive Inszenierung von Migration gebe.

1.2 Überblick

Zur begrifflichen Erläuterung von Integration und Medien möchte ich zunächst eine
Unterscheidung in Mediale Segregation, Assimilative mediale Integration und interkulturelle
mediale Integration vornehmen. Im nächsten Schritt erläutere ich, warum Massenmedien eine
Integrationsfunktion haben und greife dabei auf das Modell von Geißler & Pöttker der „sechs
Kategorien von Faktoren, die im Hinblick auf den Beitrag von Medien und Journalismus zur
sozialen Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zu erforschen sind“ (2006, S. 26)
zurück. Ich analysiere dabei die Kommunikatoren, Inhalte, Kanäle/Medien, Publikum/Rezipienten,
Wirkungen und kulturelle Einflüsse, die im Zusammenhang mit meiner Fragestellung wichtig sind
und lasse verschiedene Kommunikationstheoretische Konzepte, wie auch das von Bonfadelli
„Medien und gesellschaftliche Minoritäten“ (2007, S.95) einfließen, welches die Wechselwirkung
zwischen Sender und Empfänger beschreibt. Letztlich soll die Frage beantwortet werden welche
Bilder von Migranten durch Massenmedien vermittelt und wie sie vom Rezipienten verstanden
werden. Dabei gilt es auch zu klären, wann wir von
Minderheitenmedien/Migrantenmedien/Ethnomedien und wann wir von Mehrheitsmedien sprechen.
Im nächsten Schritt möchte ich anhand eines Beispiels in Österreich „Der Fall Arigona“ skizzieren,
wie Stereotype und Vorurteile durch Massenmedien entstehen und verstärkt werden. Die Arbeit
wird weiterhin ergänzt durch einen Überblick über Migrantenmedien in Österreich.
Zusammenfassend werde ich eine Einschätzung geben, welche Möglichkeiten und Risiken sich
durch die Integration durch Medien ergeben bzw. wie sich die Integrationsfunktion
realistischerweise ausüben ließe. Die Forschung im Bereich Medien und Integration von Migranten
ist in Österreich sehr wenig erforscht, weshalb ich großteils deutsche Publikationen zitieren muss.
Allerdings habe ich immer wieder versucht auch österreichische Bezüge herzustellen und
entsprechende Beiträge recherchiert.

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2.1 Mediale Segregation, assimilative mediale Integration und interkulturelle
mediale Integration

Mediale Segregation

Anhand der Unterscheidungen in Integration, Segregation und Assimilation, die ich bereits
getroffen habe, können wir auch in mediale Segregation, assimilative mediale Integration und in
interkulturelle Integration (oder mediale Inklusion) unterscheiden, wobei letzteres ähnlich wie bei
der Inklusion einen Idealzustand darstellt.
„Mediale Segregation stellt den Gegentyp zur medialen Integration dar. Sie liegt vor, wenn
ethnische Minderheiten im Wesentlichen Ethnomedien nutzen und dadurch ethnische
Teilöffentlichkeiten existieren“ (Geißler & Pöttker, 2006, S. 21ff.). Sie werden meist im Ausland
von ausländischen Mediengruppen produziert und dann in Österreich vertrieben oder gesendet.
Minderheitenmedien bieten haben klarerweise einen stärkeren Bezug zur Identität. Geißler und
Pöttker schreiben außerdem: „Segregierte und damit ausgegrenzte Gruppen sind nicht in der Lage,
angemessen am Leben der Kerngesellschaft teilzunehmen“. Mediale Segregation bewirkt also
genau das Gegenteil von Inklusion nämlich Exklusion. Letztlich möchte ich jedoch hinzufügen,
dass ich die Tendenz sich medial auch mit der eigenen Ursprungskultur auseinander zu setzen für
sehr menschlich halte. Wenn jemand in ein fremdes Land kommt, wird das eigene Land, die eigene
Sprache umso wichtiger, da es dann keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Dies nachzuvollziehen
bedarf jedoch der eigenen Erfahrung im Ausland fremd zu sein und ich unterstelle, dass nicht jeder
Österreicher diese Erfahrung gemacht hat.

Assimilative mediale Integration

Die Assimilation ist nach einigen Autoren in der Migrationsforschung das „dominierende Modell“
und auch das einzig Erfolg versprechende nach Harmut Esser (2001). Dem würde ich entgegen
halten, was Erol Yildiz über die „kosmopolitane Einwanderungsgesellschaft“ schreibt: „Je nach
Perspektive leben wir in einer „Risikogesellschaft“, „Erlebnisgesellschaft“, „Mediengesellschaft“,
„metropolitischen Gesellschaft“, „Netzwerkgesellschaft“, „multikulturellen“ oder „transkulturellen
Gesellschaft“ (2006, S. 37). Diese Attribute sind freilich von den Medien oder Politik gemacht und
zeigen sich etwas zugespitzt, wenn beispielsweise Berlins Bürgermeister Wowereit mit seinem
Leitspruch „arm aber sexy“ das Selbstverständnis einer Stadt vorgibt. Je nach Blickwinkel

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verändert sich der Assimilationsdruck für die Migranten. Die assimilative, mediale Integration geht
jedoch von einer vollständigen Anpassung der Migranten an die Mehrheitsmedien aus. Das heißt
Migranten lesen einerseits die Mehrheitsmedien in deutscher Sprache, sie beschäftigen sich mit der
Politik und Kultur ihrer Aufnahmegesellschaft bzw. „ihres Landes“ und sie sind auch in den
funktional wichtigen Medieninstitutionen repräsentiert, beispielsweise als Journalisten oder als
Eigentümer. In Österreich konnte ich das am ehesten bei stark assimilierten ehemaligen Jugoslawen
erleben, welche in 2. oder 3. Generation in Wien oder auch auf dem Land leben. Das assimilative
mediale Integrationsmodell klingt erst einmal sehr positiv, wir stellen aber schnell fest, dass es
damit auch keinerlei Integrationsleistung mehr geben kann. Assimilierte Migranten haben i. d. R.
die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft angenommen, fühlen sich im Geiste wie
Österreicher und verhalten sich auch so. Das Nutzungsverhalten von österreichischen
Mehrheitsmedien ist dem der Österreicher gleich, es werden keine Ethnomedien konsumiert, zumal
sie meistens die deutsche Sprache besser sprechen als ihre Herkunftsprache oder die Sprache ihrer
Eltern.

Interkulturelle mediale Integration


Der Nachteil medialer Segregation ist, dass die Ethnomedien und Mehrheitsmedien voneinander
getrennt informieren, der Nachteil von assimilativer medialer Integration ist, dass Ethnomedien
ausgeschlossen sind. Bei der Integrationsfunktion von Medien sollte jedoch das Ziel keine
Exklusion sein, sondern den Migranten die Möglichkeit bieten, sich einerseits mit ihrer
Herkunfskultur auseinandersetzen zu dürfen, andererseits auch an den Medien der
Mehrheitsgesellschaft teilzunehmen. Wir benötigen daher ein drittes Modell, welches Geißler &
Pöttker genau aus diesem Bedarf heraus „interkulturelle mediale Integration“ nennen (2006, S.22ff).
„Im interkulturell integrativen Modell dagegen sind Mehrheit und Minderheiten miteinander
verzahnt, es existiert interkulturelle Kommunikation.“ Dabei soll die Medienproduktion zu gleichen
Teilen gemessen an der Verteilung der Mehrheiten und Minderheiten aufgeteilt werden. Praktisch
heißt das Journalisten mit Migrationshintergrund und ohne Migrationshintergrund sollen je nach
Verteilung in der gesamten Gesellschaft verteilt sein. In Österreich wären das wie bereits erwähnt
etwas 10% aller in der Medienproduktion beschäftigen Personen. Diesen Sachverhalt werde ich
unter 2.2 Die Integrationsfunktion der Massenmedien – Kommunikatoren genauer erläutern. Auf der
Ebene der Inhalte würden sich sowohl Informationen über die Mehrheitskultur als auch
Informationen über Migranten wiederfinden. Ich konnte beobachten, dass österreichische Medien
Migranten nicht ausreichend zu Wort kommen lassen, ungenügend deren Hintergründe
recherchieren und Ausländer als „Problemfall“ darstellen und bisweilen besonders auf politischer

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Ebene sogenanntes Framing (vgl. 2.2 – Inhalte) vorangetrieben wird. Bei interkultureller medialer
Integration existieren sowohl Mehrheitsmedien als auch Ethnomedien, wobei ethnische
Minderheiten ihre Anliegen und Probleme dann nicht nur in den Ethnomedien sondern auch in den
Medien der Öffentlichkeit wiederfinden. Was Ethnomedien folglich zur Integration leisten können
muss entlang ihrer Profile analysiert und hinterfragt werden. Kann eine Zeitung, welche
ausschließlich Nachrichten aus dem Herkunfsland in der Herkunfssprache bringt, die Integration
fördern oder dient sie dann ausschließlich zur Identifikation mit eigenen Herkunfskultur? Wie wird
ein Medium zum Integrationsmedium dürfte die spannende Frage sein, die ich im folgenden zu
beantworten versuche.

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2.2 Die Integrationsfunktion von Massenmedien

Wann spricht man von Massenmedien? Massenmedien werden in statuarische und transitorische
Medien (Schneider, 2003) eingeteilt. Unter den staturischen Medien werden alle Sichtmedien
(Plakat, Verkehrsmittel), Lesemedien (Zeitungen, Zeitschriften) und Elektronischen Medien
(Internet) zusammengefasst. Unter den transitorischen Medien werden auditive (Hörfunk) und
audiovisuelle Medien (TV, Kino, AV-Medien) verstanden. Letztlich werden darunter alle die
Medien verstanden, die in großer Auflage produziert werden oder eine hohe Reichweite
(Leserschaft, Hörerschaft, Seherschaft) erzielen. Wenn wir uns mit Medien und Migration
beschäftigen, müssen wir in Mehrheitsmedien – die Medien der Mehrheiten bzw. „der Österreicher“
und Minderheitenmedien, auch „Ethnomedien“ - die Medien der Minderheiten oder Migranten in
Österreich, die typischerweise in der Sprache der jeweiligen Minderheit gedruckt oder gesendet
werden, unterscheiden. Allerdings sei erwähnt, dass wir es mit einer solchen Vielfalt an
Medienangeboten (Privatsender, Digitales Fernsehen, Print, Online), dass wir nicht immer genau
zwischen Mehrheitsmedium und Minderheitenmedium unterscheiden können. Beispielsweise
zeigten sich bei Geißler & Pöttker, dass in Deutschland „jüngere Türken stärker zur Nutzung
deutscher Medien neigen“ (2006, S.33). Integration, wie ich sie bereits als das Idealbild „Inklusion“
vorgestellt habe, kann nur durch gesellschaftliches Miteinander, durch Kommunikation erfolgen.
Kommunikation kann direkt (zwischenmenschlich) oder indirekt (durch Medien) erfolgen.
Gesellschaftliche Kommunikation vollzieht sich nach Jarren weitgehend über Medien, weshalb den
Massenmedien eine zentrale Funktion für (Integrations-)Diskurse zukommt (2000, S. 22).
Medien sind immer Träger einer Botschaft und dienen der indirekten Kommunikation. Sie
ermöglichen es dem Sender (hier: Journalist) durch das Medium mit dem Empfänger (hier:
Publikum, Leserschaft) zu kommunizieren (Schneider, 2003, S. 514). Wie wird eine Botschaft
übermittelt und wie kommt sie beim Empfänger an? Ausgehend von der Lasswell-Formel: Wer?
Sagt was? Auf welchem Weg? Zu wem? Mit welcher Wirkung? (Schneider, 2003, S. 236) sind die
Sender einer Nachricht (Wer?) die Medienanstalten. Sie bestimmen, was gesendet wird. Der Weg
erfolgt, je nach Medienanstalt, über Fernsehen, Print, Radio oder Internet. Der Empfänger ist das
Publikum (zu wem?). Die Wirkung wird klassischerweise durch Quotenmessung erhoben. Für
meine Fragestellung ist jedoch eine inhaltliche Betrachtungsweise der Wirkung relevant, um
nachweisen zu können, dass Medien zur Integration von Migranten beitragen können oder nicht.
Es lassen sich von der Lasswell-Formel laut Geißler & Pöttker „sechs Kategorien von Faktoren, die
im Hinblick auf den Beitrag von Medien und Journalismus zur sozialen Integration von Menschen

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mit Migrationshintergrund zu erforschen sind“ (2006, S. 26) ableiten. Die sind: Kommunikatoren,
Inhalte, Kanäle/Medien, Publikum/Rezipienten, Wirkungen und kulturelle Einflüsse, wobei letzteres
die Lasswell-Formel nicht impliziert. Es ist jedoch sinnvoll auch einen Blick auf den kulturellen
Aspekt zu werfen. Ich werde nun die sechs Kategorien erläutern.

Kommunikatoren
Die Analyse der Kommunikatoren bzw. die Frage danach, ob ethische Minderheiten als Journalisten
oder Medienmacher vertreten sind, haben alle Publikationen zu diesem Thema gemeinsam. So
schreibt Becker in seinem Beitrag „Für Vielfalt bei den Migrantenmedien: Zukunftsorientierte
Thesen“, es sei wichtig die Zahl der Journalisten mit Migrationshintergrund zu erhöhen, vor dem
Hintergrund die Inhalte der Medien würden sich dann zugunsten einer Migrantenperspektive
verbessern (2007, S. 47). Geißler & Pöttker schreiben ebenfalls, dass zu prüfen ist inwieweit
Minderheiten auch Produzenten von Medieninhalten sind (2006, S. 26), d.h. ob sich unter den
österreichischen Redakteuren und Journalisten auch solche mit Migrationshintergrund finden. Ich
habe leider keine explizite Statistik zu diesem Sachverhalt in Österreich finden können. Es finden
sich vereinzelt Journalisten in den Mehrheitsmedien wie beispielsweise die Redakteurin Münire
Inam (ORF Report) und die Redakteurin Marijana Miljkovic (derStandard – Chronik). Meine
Online-Recherche ergab jedoch, dass sich ein Verein namens „M-Media“ - zur Förderung
interkultureller Medienarbeit bereits 2005 gegründet und sich 2010 prominente Personen aus
Medien und Wissenschaft in seinen Beirat geholt hat (Inou, 2010, WWW Dokument). Dies lässt
darauf schließen, dass die journalistischen Betätigungsfelder von Migranten kaum besetzt sind und
Nachholbedarf besteht. Die meisten Journalisten mit Migrationshintergrund sind in den
entsprechenden Migrantenmedien oder Ethnomedien, welche ich unter 2.4 Überblick über
österreichische Migrantenmedien und einige ausgewählte Beispiele noch näher darstellen werde,
vertreten. Beispielsweise wurde die ausländische Tageszeitung „Hürriyet“ mit der größten
Druckauflage der türkischsprachigen Tageszeitung in Österreich von 15.000 Stück pro Tag (Inou,
2009, S.8) von „Sedat Simavi“ gegründet. Die Wunschvorstellung, dass diese Journalisten dann
verstärkt unter dem Aspekt der Integration schreiben, setzt jedoch ein Mindestmaß an Identifikation
und Betroffenheit voraus. Es sei darauf hingewiesen, dass stark assimilierte, angepasste Migranten
möglicherweise Vorurteile der Mehrheitskultur übernehmen und nicht die Notwendigkeit einer
differenzierten Berichterstattung der Migranten sehen. Es bleibt noch hinzuzufügen, dass sich
sowohl Dr. Hans Winkler, ehemaliger Leiter der Wiener Redaktion der Kleinen Zeitung sowie
stellvertretender Chefredakteur als auch Dr. Wilhelm Sandrisser, Bereichsleiter im
Bundesministerium für Inneres und u.a. für die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Internationales und

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EU-Koordination verantwortlich, in einem Beitrag des Österreichischen Integrationsfonds für „die
Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund als Mitarbeiter in den privaten und öffentlichen
Medien der Mehrheitsgesellschaft“ aussprechen (Sandrisser & Winkler, 2008, WWW Dokument).

Inhalte
Die Analyse der Berichterstattung über Migranten kommt in der Literatur am häufigsten vor. Dabei
geht es um die Frage der Inszenierung von Migranten, Ausländern oder Asylbewerbern in den
Medien und welche Kategorisierungen sich davon ableiten lassen. Die Motivation der Autoren,
scheint mir, ist häufig, der Unmut darüber wie Medienmacher „in einer skandalisierenden und
diffamierenden Weise über Zuwanderer berichten“ (Butterwegge, 2006, S. 9). Da mir solche
Analysen nach langer Recherche nicht für österreichische Medien (außer der Analyse der
Zuwanderungsfamilie „Arigona“, die ich später noch vorstellen werde) vorliegen, werde ich mich
auf Publikationen aus dem deutschsprachigen Raum stützen. Wengeler (2006) untersuchte
beispielsweise Argumentationsmuster in Mehrheitsmedien in Deutschland und verschiedene Topos:
Anpassungs-Topos, Aufklärungs-Topos, Demokratie-Topos, der Topos vom wirtschaftlichen Nutzen
(pro), Der Belastungs-Topos (contra),Der Gefahren-Topos (contra), Der Topos aus den
individuellen Folgen (contra), Der Humanitäts-Topos (pro), Der Realitäts-Topos usw., die jeweils
auch politisch eingefärbt waren und sich in der Berichterstattung der untersuchten Zeitungen
widerspiegelten. In seinen Analysen von vornehmlich überregionalen Tageszeitungen geht er bis ins
Jahr 1960 zurück, um Aufzuzeigen wie lange sich diese Argumentationsmuster schon durchsetzen,
wobei er zwischen neueren und traditionellen Argumentationsmustern unterscheidet.
Bonfadelli (2007) und Ruhrmann & Demren (2000) kommen in ihren Analysen zu vergleichsweise
ähnlichen Kategorisierungen. Bonfadelli beschreibt ausgehend von der Framing-Perspektive, die
besagt, dass Medien die Realität nicht eins zu eins abbilden, sondern mittels „Hervorhebungen und
Auslassungen, durch Hinweise auf vermutete Ursachen und mögliche Konsequenzen, durch das
Zur-Verfügung-Stellen von Empfehlungen und Problemlösungen und durch moralische
Bewertungen“ (Bonfadelli, 2007, S. 102), ein für sie spezfisches und stimmiges Bild zeichnen. Der
Journalist steht zwischen Pressekodex und Medien- & Äußerungsfreiheit, wird aber im Notfall im
Sinne der Meinungsfreiheit schreiben. Die Framing-Perspektive lässt sich anhand folgender
Merkmale journalistischer Berichterstattung festhalten.
Zeigen und Ausblenden: Die Informationen für den Beitrag werden vorselektiert,
Hintergrundinformationen werden bewusst ausgelassen, um eine bestimmte Realität zu erzeugen.
Symbole statt Information: Die Betonung von Symbolen, Zeichen und Begriffen wie beispielsweise

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„Kopftuchträgerinnen“, „Asylanten“.
Willkürliche Verknüpfungen: Ohne wissenschaftliche Überprüfung werden Zuschreibungen und
hypothetische Annahmen gemacht. Beispielsweise wird der Islam mit Gewalt in Verbindung
gebracht, ohne jedoch zu schauen, wie das Leben eines Bürgers mit islamischen Glaubens im In-
und Ausland.
Metaphern und Stereotype: Negativ konnotierte Metapher und wertende Stereotype sind in der
Berichterstattung über Migranten (und nicht nur da, man braucht nur einmal den inflationären
Gebraucht des Wortes „Krise“ in den vergangenen Jahrzehnten betrachten, wo von „Ölkrise“,
„Finanzkrise“, „Arbeitsmarktkrise“, „Generationskrise“, „Globale Krise“ die Rede ist) häufig zu
finden, beispielsweise „Asylflut“, „Ausländerkriminalität“ usw. Diese Bilder können sich durch
kontinuierliche Wiederholung zu kognitiven Stereotypen kumulieren, die sich in verbalen
Vorurteilen und Diskriminierungen äußern. Die Gefahr besteht darin, dass die Medien dadurch –
bewusst oder unbewusst – ein Szenario der Bedrohung erzeugen.
Ruhrmann & Demren (2000) untersuchten die inhaltsanalystischen Studien von Delgado (1972),
Merten & Ruhrmann (1986), Ruhrmann & Kollmer (1987), Hömberg & Schlemmer (1995), Brosius
& Esser (1995), welche zeigen, dass „die Medien eine eher negatives Image der hier lebenden
Migranten verbreiten. Dieses Image beeinflussen die Ausbreitung von Fremdenfeindlichkeit der
Inländer.“ (2000, S. 73). Sie kommen weiterhin zu folgenden Merkmalen der typischen
Berichterstattung über Migranten: Kriminalitätssyndrom (Ausländer häufig im Zusammenhang mit
Kriminalität diskutiert), Überrepräsentation unerwünschter Gruppen in der veröffentlichten
Meinung (gemessen am Verhältnis Anzahl der Inländer – Anzahl der Ausländer bzw. Ethnien),
Definition des Ausländerproblems (vom „Türkenproblem“ zum „Asylantenproblem“ zum
„Flüchtlingsproblem“), Aktualitätssyndrom (Berichterstattung über Migranten nur bei aktuellen
Ereignis, meist mit schlechtem Ausgang), Negativsyndrom (konflikthafte, krisenhafte und negative
Ereignisse), Dramatisierung (insb. Fernsehen, „Übertreibung macht anschaulich“),
Gefahrensemantik (sprachwissenschaftliche Untersuchen zeigen, dass in der Semantik der Gefahr
von Migrationsprozessen gesprochen wird) und Rechtsradikalismus (meist nur spektakuläre
Übergriffe und gewaltsame Zwischenfälle, enormer Anstieg von Rechtsradikalismus im Internet).
Frank Esser hat zum Thema „Massenmedien und Fremdenfeindlichkeit im Ländervergleich“ von
1991 bis 1997 acht nationale Nachrichtenmagazine untersucht, darunter auch das Wochenmagazin
„Profil“ aus Österreich (Datenlücke bei Profil von 3/94 bis 6/95. Basis: 1565 Beiträge zur
Ausländer-, Asyl- und Fremdenfeindlichkeitsthematik aus acht Print-Nachrichtenmagazinen,
Vollerhebung 1991-1997). Profil veröffentlichte insgesamt 384 Beiträge über Ausländer, Asyl und
Fremdenfeindlichkeit, wovon etwa 15 Titelstories waren. Esser schreibt: „Als Folge des hohen

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Gewaltniveaus in Deutschland und des großen Einflusses der FPÖ in Österreich widmen sich
Spiegel und Profil der gesamten Thematik am ausführlichsten. Beide veröffentlichten
durchschnittlich sechs Artikel pro Monat.“.... „Profil berichtete in zehn Fällen über österreichische
Brandanschläge, in zwölf über Briefbomben, in elf über Personenangriffe sowie über einige
Sachbeschädigungen und kleinere Vorfälle.“ (Esser, 2000, S. 94ff.).

Kanäle/Medien
Die dritte Kategorie von Geißler & Pöttker (2006, S.29) in Anlehnung an die Lasswell-Formel
lautet „Kanäle/Medien“. Klassischerweise werden dabei TV, Print, Radio genannt. Mit dem
Fortschreiten der technologischen Entwicklung konnten auch neue Kommunikationsmedien
erschlossen werden. Nicht nur das Internet, auch das digitale Fernsehen sind diesbezüglich zu
nennen. Mit digitalen Fernsehen kann der Österreicher etwa 300 Programme – von reinen Koch-,
Verkaufs- und Reisesendern bis zu ausländischen Nachrichtensendern wie den arabischen „Al
Jazeera Channel“, der französischen „France 24 Français“, den türkischen „TRT Türk“, den
polnischen „TVP Info“ usw. empfangen. Digitales Fernsehen ermöglicht es auch, dass sich kleine
Spartensender kostengünstig lokal etablieren können, da sie je nach Standort empfangen werden
(ähnlich wie bei Radiosendern). So konnte sich beispielsweise der Sender „Servus TV“ - von der
Red Bull Media House GmbH übernommen und am 1. Oktober 2009 erstmals ausgestrahlt - in
Kürze zu einem beliebten Sender mit starkem österreichischen Bezug etablieren. Auch wenn
„Servus TV“ im Vergleich zu bekannten Sendern wie Pro Sieben oder RTL ein Spartensender ist,
kann er nicht als Minderheitenmedium oder Migrantenmedium verstanden werden. Denn er wird
aufgrund der Sprache (deutsch) sehr wohl von der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung, also
„den Österreichern“, geschaut. Minderheitenmedien sind also solche Medien, die Programme in der
jeweiligen Herkunfssprache anbieten und/oder sich inhaltlich mit den Problemen, Themen,
Nachrichten der Herkunfslandes beschäftigen. Meist werden die Inhalte im Heimatland des
Migranten produziert.

Publikum
Dies sollte noch einmal der Unterscheidung in Mehrheitsmedien und Minderheitenmedien
(Ethnomedien) dienen, um besser die vierte Kategorie von Geißler & Pöttker (2006, S. 32) – das
Publikum/Rezipienten – untersuchen zu können. Bei den Ethnomedien konnte Weber-Menges
nachweisen, dass sich „seit den frühen sechziger Jahren mit einem Trend von Medien über
Migranten über Medien für Migranten und Medien mit Migranten hin zu Medien der Migranten“

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abzeichnet (2005, S. 244). Meine Beispiele unter 2.5 Überblick über österreichische Medien von
und für Migranten werden später untermauern, dass die Angebote der Ethnomedien sich meist an
Migranten richten, nicht aber ein Massenpublikum an Österreichern ansprechen wollen. Es muss
also im Sinne der Integrationsfunktion von Medien immer hinterfragt werden, welche Chancen
(Identitätsbildung) und Gefährdungen (Medien-Ghettoisierung) Ethnomedien bewirken können.
Medien-Ghettoisierung führt dann zur Exklusion statt Inklusion führen. Integration durch Medien
kann nur dann erfolgen, wenn beide – die Mehrheiten als auch die Minderheiten – ein gemeinsames
Medium verfolgen. Dies kann nur geschehen, wenn sich die Mehrheitsmedien der Thematik der
Migration vor dem Hintergrund der Inklusion nähern oder Minderheitenmedien Formate etablieren
(in deutscher Sprache), die auch für die Mehrheit der österr. Bevölkerung interessant und spannend
sind. Denn einerseits würde die Mehrheit über den Alltag des Migranten aufgeklärt, andererseits
würde der Migrant in den Mehrheitsmedien nicht mehr als reiner „Problemfall“ dargestellt werden.
Damit Migranten Mehrheitsmedien schauen oder lesen, ist die Voraussetzung die Beherrschung der
Sprache der Mehrheitskultur. Ob man also Inhalte in Mehrheitsmedien auch in anderen Sprachen
übertragen sollte, wie beispielsweise einige Sender auch in Gebärdensprache übersetzt werden,
muss also zur Diskussion gestellt werden. Jugendliche nutzen sowohl ausländische als auch
Medienangebote in deutscher Sprache, um einerseits in ihren Peer-Groups „mitreden“ zu können
andererseits um sich eine eigenen Medien- und Sprachenmix aufzubauen. Manuela Westphal
schreibt dazu im Herausgeberwerk „Risikobiografien“ von Spies & Tredop: „Oft entwickeln die
Jugendlichen in ihrer Clique – meist in bewusster Abgrenzung und Entgegensetzung zu
einheimischen Jugendlichen – einen neuen, jugendkulturellen Lebensstil. Mit diesem treten sie in
Konkurrenz zu anderen, vornehmlich zu den einheimischen Jugendlichen und ihren Jugendkulturen
bzw. ihren Stilen. Diese von ausgesiedelten Jugendlichen selbst berichtete und reflektierte Praxis ist
ein Beispiel für die interkulturelle Kompetenz der Jugendlichen und für ihre Fähigkeit, ihre
sprachliche und soziale Diversität produktiv in eigene Konzepte umzusetzen.“ Bei älteren
Migranten habe ich eher den Eindruck, dass sie sich medial segregiert haben, anstatt sich medial zu
integrieren. Es ist zu beobachten, dass bei den älteren Generationen kaum interpersoneller
Austausch mit Österreichern auf einer politischen, kulturellen, diskursiven Ebene stattgefindet und
somit kein „Bedarf“ da ist, sich mit den Mehrheitsmedien des Landes auseinander zu setzen. Damit
wäre die gesellschaftliche Segregation auch auf mediale Ebene übertragen. Dies ist keine Theorie
sondern eine hypothetische Annahme über das Generationenproblem beim Konsum von
Mehrheitsmedien und Minderheitenmedien.

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Wirkungen
Bonfadelli hat den Zirkel von Sender – Empfänger und Wirkungsweise in folgender Abbildung
anschaulich zum Ausdruck gebracht (2007, S. 95).

Das Publikum erfährt dabei die soziale Realität so, wie sie von den Medien konstruiert wird. Durch
die Selektion wird durch die Nachrichtenwert-Theorie gesteuert. Die Nachrichtenwert-Theorie
wurde erstmals von Lippmann entwickelt: „Unter dem Begriff „Nachrichtenwert“ versteht
Lippmann die Publikationswürdigkeit von Ereignissen, resultierend aus dem Vorhandensein
verschiedener Ereignisaspekte.“ (1922, zitiert nach Staab, 1990, S. 41). Diese Interpretation des
Journalisten, die freilich durch seine Bildung und Ausbildung als Journalist zulässig ist, wird dann
wiederum von Publikum entschlüsselt, d.h. dekodiert und interpretiert = gesellschaftliche
Kulturinterpretation (vgl. Hafez, 2002, S. 170). Diesen Prozess beschreibt Stuart Hall als
Encoding/Decoding-Kette, wobei der Journalist der Encodierer, der Medienkonsument der
Decodierer ist (1981, zitiert nach Hafez, 2002. S. 160). Journalisten sind jedoch selbst von einem
Encoding/Decoding-Prozess bei ihrer Arbeit als Berichterstatter nicht ausgeschlossen. So erhalten
sie die Nachrichten zunächst auch von Agenturen (es sei denn sie interviewen selbst), entschlüsseln
diese, wobei das Encodieren von ihrer Bildung, Sozialisation und eigenem Weltbild beeinflusst wird
und lassen dadurch wieder eine neue Berichterstattung entstehen. Wie sehr kann also eine solche
Berichterstattung die Wirklichkeit abbilden? Lippmann kam bereits vor 88 Jahren zu dem Schluss,
dass die vollständige Erfassung der Wirklichkeit unmöglich sei und daher auf Stereotype reduziert
werden müsse (1922, zitiert nach Staab), quasi um die Kommunikation zwischen Sender und
Empfänger zu ermöglichen. Dabei nimmt der Encodierer nach Hafez willkürliche, d.h. „arbiträre
Kodierungen vor, wobei sie sich zumindest partiell an vorhandene

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Kodierungsneigungen der Konsumenten und an „professionelle Kodierungen“
der Medien anpassen müssen.“ (Hafez, 2002, S. 164). Dies markiert also das
Wechselspiel zwischen Journalist und Medienkonsument und entlastet den
Journalisten als den alleingen Konstrukteur der sozialen Wirklichkeit. Die
wissenschaftliche Diskussion über die Konstruktion von (Medien-)Wirklichkeit
möchte ich im Weiteren nicht fortführen. Stefan Weber bietet zur
Veranschaulichung der einzelnen Strömungen des Konstruktivismus eine sehr
kurze und prägnante Übersicht unter dem Titel „Was heißt: Medien konstruieren
Wirklichkeit? Von einem ontologischen zu einem empirischen Verständnis von
Konstruktion“ (Weber, 2003, WWW Dokument).
Mir ist jedoch wichtig, bei dieser Diskussion auch die
kommunikationspsychologischen Erkenntnisse von Schulz von Thun einfließen
zu lassen. Nach seinem „Quadrat der Nachricht“ (Schulz von Thun, S.44ff.)
kann sowohl der Sender auf der Appell-, Beziehungs-, Sachebene und auf der
Ebene der Selbstoffenbarung senden, als auch der Empfänger die Nachricht
empfangen kann. Praktisch heißt das, dass selbst wenn der Sender auf der
Sachebene kommuniziert, der Empfänger möglicherweise die Nachricht auf der
Beziehungsebene hört. Medienpsychologisch wird dies als die Theorie der
kognitiven Dissonanz (Festinger, 1978) bezeichnet, die fehlende kognitive
Übereinstimmung dessen, was der Sender sagen will und dessen, was der
Empfänger hören will. Letztlich führt kognitive Dissonanz nach Festinger
dazu: ,,Die Existenz von Dissonanz, die psychologisch unangenehm ist, wird die
Person motivieren zu versuchen, die Dissonanz zu reduzieren und Konsonanz
herzustellen" (Festinger, L. 1978 S.16). Das Publikum verlässt den Sender oder
legt die Zeitung weg. Und dies kann sowohl auf Minderheitenmedien als auch
auf Mehrheitsmedien zutreffen. Vielleicht wollen die Macher der Ethnomedien
bewusst die mediale Segregation? Und ist womöglich eine veränderte
Berichterstattung über Migranten mit starken „Irritationen“ für den Zuschauer
verbunden? Geißler & Pöttker weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „die Chancen
auf interkulturelle Integration auch von den Kenntnissen, Vorstellungen und Einstellungen abhängig
sind, auf die Medienangebote im Publikum treffen und die die Handlungsweisen der Rezipienten –
auch gegenüber den Medien – prägen“ (2006, S. 33). Jeder Medienkonsument ist geprägt von
seinem selektiven Medienkonsum und hat damit auch Erwartungen an die Medien. Zusätzlich

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wirken Vorurteile, Ängste und politische Einstellungen auf die Medienrezeption. Die
Medienwirkungsforschung gibt uns ein paar wenige Antworten, auf die Frage, wie die Medien
wirken (könnten). Anscheinend sind es vor allem die jüngeren Generationen, wo sich prägende
Wirkungen erkennen lassen, wenn Geißler & Pöttker (2006, S. 34) schreibt, dort „wo Einstellungen
entweder (noch) nicht vorhanden sind bzw. sich (noch) nicht verfestigt haben oder wo sie durch
dritte Faktoren in Frage gestellt werden und ins Wanken geraten:“ Mit letzterem meinen die
Autoren Umbruch- oder Krisensituationen bzw. neue Themen. Besonders Rezipienten mit noch
nicht abgeschlossener Sozialisation (Kinder und Jugendliche) können hier als in ihrer Meinung
„veränderbare“ Medienkonsumenten genannt werden. Und generell auch alle, die zu einem
kritischen Medienkonsum neigen und die Inhalte entsprechend hinterfragen.

Kulturelle/Politische Einflüsse

Wie steht der Staat Österreich zu seinen Einwanderern und wie kommuniziert er das nach außen?
Betrachten wir die Novellierung des Asylgesetzes in Österreich, die mit 1. Jänner 2010 in Kraft
getreten ist und restriktive Änderungen für die Asylbewerber beinhaltet. Nach diesem neuen Gesetz
wird Asylbewerber ohne weiteres mit Geldstrafen oder Schubhaft gedroht, sobald sie die
Gebietsbeschränkung verletzten, d.h. sich außerhalb des Bezirks bewegen. Zudem müssen sie sich
aller zwei Tage bei der Polizei melden (Meldepflicht). Amnesty International hat auf das
Fremdenrechtspaket in Österreich (von der SPÖ und ÖVP beschlossene Novelle des Fremdenrechts
2009) folgendermaßen reagiert: „Amnesty International drückt seine Besorgnis darüber aus, dass
der Aufbau und die Formulierungen der Novelle und insbesondere auch der „Erläuternden
Bemerkungen“ geeignet sind, fremdenfeindliche und rassistische Haltungen in der Bevölkerung wie
auch bei den vollziehenden Behörden zu erzeugen bzw. zu verstärken. Die vorgesehen gesetzlichen
Bestimmungen und die darauf bezugnehmenden „Erläuternden Bemerkungen“ nehmen in
auffallendem Ausmaß Pauschalverdächtigungen von Fremden vor. Hervorzuheben sind weiters die
Allgegenwart eines Missbrauchsverdachtes durch Fremde, die mannigfachen, überschießenden
Strafmaßnahmen und die zahlreichen Querverbindungen zum Strafrecht. Dadurch tritt der
eigentliche Zweck des Gesetzes, nämlich der Schutz von schutzbedürftigen Personen völlig in den
Hintergrund.“ Österreich hat eines der schärften Asylgesetze in Europa. Derzeit wird diskutiert, wo
in Österreich ein weiteres Asylheim erbaut werden soll, wobei der Kanzler Faymann Anfang Januar
2010 meinte, er sehe nicht die Notwendigkeit eines 3. Asyllagers (oe24.at, 2010, WWW
Dokument).
Gesetzesnovellen zum Asyl- und Fremdenrecht gab es in Österreich 2003, 2004, 2005, 2008 und

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2009, die nicht undiskutiert blieben. Man gewinnt den Eindruck auf politischer Ebene würde
„institutioneller Rassismus“ forciert werden. Für jemanden, der sich mit dieser Thematik nicht
kritisch auseinandersetzt, sondern immer wieder nur Schlagzeilen über die Asylthematik liest,
glaubt am Ende tatsächlich Österreich hätte ein starkes Asylproblem und geht womöglich mit dieser
Meinung an weitere Berichte heran. Wie sich diese Meinungen und Vorurteile kumulieren können,
habe ich bereits bei der inhaltsanalytischen Betrachtung erläutert.
Nach meiner Einschätzung ist Österreich ein Land, dass sich nach wie schwer tut, sich als modernes
Einwanderungsland zu verstehen. Die Bringschuld haben nach wie vor die Asylbewerber, Ausländer
und Migranten. Die Möglichkeit zur suksseziven Integration, die eine gewisse Zeit zur Entwicklung
der Sprache und Kulturaneignung benötigt, wird damit schon vorweggenommen.
Butterwegge beschreibt Medien als „Katalysatoren“ der Ethnisierung sozioökonomischer Konflikte
(2006, S. 188) und weist darauf hin, dass sie als „Bindeglieder zwischen institutionellem
(strukturellem, staatlichem), intellektuellem (pseudowissenschaftlichem) und individuellem bzw.
Alltagsrassismus“ fungieren. Gerade der insitutionelle Rassismus – wie Asylgesetze und
behördliche Maßnahmen gegen Migranten – werden den Österreichern hauptsächlich über die
Massenmedien kommuniziert. Der Staat verbreitet damit millionenfach seine Ressentiments
gegenüber Migranten. Dadurch wiederum werden die Klischeevorstellungen der „Normalbürger“
auch institutionell bestätigt. Sie werden meist unhinterfragt übernommen, da sie ja „vom Staat“
kommen und „richtig“ sein müssen. Dass ein Sozialstaat, wie auch Österreich es ist, seinen Bürgern
gegenüber verpflichtet ist, sozial zu agieren, wird dabei nicht beachtet.

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19
2.3 Die Inszenierung von Migration „Der Fall Arigona“

„Der Fall Arigona“ so lautet auch der Name der Studie, die 2007 von Herczeg und Wallner erhoben
wurde und nach meinen Recherchen die einzige, die ich zur Thematik Medien, Migration und
Integration in Österreich finden konnte. Die Studie ist leider nicht leihbar, weshalb ich Frau MMag.
Dr. Cornelia Wallner am 14.11.09 eine Email mit der Bitte um Zusendung schrieb, jedoch keine
Antwort erhielt. In meinen Ausführungen zu dieser Studie werde ich mich auf einen OTS
(Originaltextservice) vom 12. Juni 2008 stützen müssen. Ich hätte gerne aus der Studie direkt zitiert
und würde unter der Voraussetzung anderer Publikationen zu dieser Thematik dies nicht tun. Da es
sich aber um eine der wenigen (oder einzigste) Studie dazu in Österreich handelt, erlaube ich es mir.
In der Mitteilung steht geschrieben, dass es „in Österreich so gut wie keine quantitativen
Untersuchungen, wie die Migrantinnen und Migranten sowie Integration in den österreichischen
Medien dargestellt werden“ gibt. OTS vergleichbar mit der deutschen DPA schätze ich außerdem
als seriösen Qualitätsjournalismus ein.
„Arigona“ ist die Tochter der Familie „Zogaj“ aus dem Kosovo, die 2002 illegal nach Österreich
kam, 2007 wieder abgeschoben wurde, wobei Arigona untertauchte. Davon ausgehend wurde 2007
in den österreichischen Medien über Integration im weitesten Sinne berichtet. In der Studie wurden
vom 26.09.2007 bis 20.12.2007 insgesamt 1.900 Beiträge österreichischer Medien in einer
quantitativen Inhaltsanalyse untersucht. OTS dazu: „Bei der Themenhierarchie zeigt sich, dass vom
Fall ausgehend vor allem die Themen Bleiberecht und Asylverfahren debattiert werden.“ ... „Die
Themen Integration und Immigration kommen in den Diskursen weniger oft vor, der
gesellschaftliche Verständigungsprozess über Integration ist daher gering ausgeprägt.“... „Die
Integrations- und Identitätsthematik wird hauptsächlich auf strukturelle Bereiche der Integration
bezogen. (2008, S. 1ff, WWW Dokument).
Wie bereits unter 2.2 Die Integrationsfunktion der Massenmedien – Kommunikatoren beschrieben,
herrscht auch beim Fall Arigona ein elitedominierter Diskurs, d.h. die Betroffenen kommen erst an
vierter Stelle zu Wort (11%). Es überrascht nicht, dass die österreichische Innenpolitik das Thema
am stärksten in den Medien kommuniziert (35%). Als Folge werden sehr viele Leserbriefe, vor
allem in der Kronen Zeitung, geschrieben (17%). Zur Hälfte erfolgt der öffentliche Diskurs also
über Politik und Bevölkerung, Experten schreiben zu 12%.
In der Studie wurden einerseits Identifikationsangebote (Identitätselemente) und andererseits
Wertehaltungen erhoben. Identitätsbilder wurden mittels struktureller Indikatoren wie Bildung,
Ausbildung, Beruf und Finanzen, mittels sozialer Indikatoren wie Gesetzestreue, Beziehungsmuster

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und Familien und mittels kultureller Indikatoren wie Sprache, Religion und Nationalbewusstsein
erhoben. Indikatoren wie Bildung, Sprache und Religionszugehörigkeit kamen besonders häufig
vor, was an der Berichterstattung über den Fall an sich liegen dürfte.
Die Wertehaltungen wurden mittels Wertedimensionen, d.h. einerseits die fundamentalen Werte wie
Glück/Zufriedenheit, Familie, Leben und Gesundheit, andererseits Werte des sozialen Miteinanders,
wie Fürsorglichkeit/Hilfsbereitschaft und Freundschaft und weiters Werte des Gemeinwesens, wie
Anpassungsfähigkeit und Verantwortung, erhoben. Letzteres sind vor allem zentral, wenn man von
Integration als Assimilation versteht. Aus der Studie geht hervor, dass besonders fundamentale
Werte wichtig waren und zu 29% vertreten waren. Um zu überprüfen, wie sehr mit der
Berichterstattung auch das Thema Integration angesprochen und diskutiert wurde, erhob man
außerdem Werte wie Emphatie und Toleranz, die vergleichsweise selten vorkamen. Dafür waren die
Werte Anpassungsfähigkeit und Verantwortung (Werte des Gemeinwesens) umso wichtiger. Daran
konnte man ablesen, dass die Thematik Integration zwar auf gesellschaftlicher Ebene, nicht aber auf
der persönlichen und den einzelnen Menschen betreffenden Ebene, diskutiert wurde.
Betrachtet man die Sprecheraussagen und deren Bewertungen fällt auf, dass bei etwa 70% zwar
über den Fall Arigona, nicht aber über den Aufenthalt (und die Schwierigkeiten, Strapazen) an sich,
berichtet wurde. Dort wo der Aufenthalt thematisiert wurde, wurde auch gefordert, dass Arigona
„ohne Bedingung bleiben soll“. Berichterstattung mit Hintergrundinformationen korrelieren also
positiv mit der Bleibe-Forderung für Arigona. Interessant ist, dass insgesamt kritisch mit
„Bleiberecht“, „Asylverfahren“ und „Integration“ umgegangen und bei über der Hälfte der
Beiträge die Notwendigkeit der Verbesserung angesprochen wurde. Beim Bleiberecht wurde in 51%
der Beiträge tendenziell die Aussage gemacht, das Bleiberecht solle erleichtert werden. Bei
Aussagen zum Asylverfahren wurde in 59% der Beiträge eine Erleichterung des Asylverfahrens
angesprochen. Bei Integration lautete die Forderung zu 72% es solle verbessert werden.
Wenn über Arigona berichtet wurde, war der Anlass meist ein politischer. Das Schicksal dieser
Familie wurde zwar kontroversiell diskutiert, es überwiegte jedoch eine eher sachliche Aufmachung
der Beiträge (64%). Dem gegenüber steht eine emotionale Aufmachung der Berichterstattung,
welche zu 36% vertreten war. Betrachtet man Qualitäts- und Boulevardzeitschriften gemeinsam
halten sich „überwiegend sachliche“ und „überwiegend emotionale“ Beiträge die Waage. Allerdings
kippt dieses Gleichgewicht, wenn man Qualitätsjournalismus und Boulevardzeitschriften von
einander getrennt betrachtet. Dann sind die emotionalen Beiträge vor allem in der Boulevardpresse,
die sachlichen Beiträge im Qualitätszeitschriften zu finden. Qualitätsmedien berichteten jedoch zu
60% gar nicht über Arigona, wohingegen es die Boulevardpresse zu 58% tat. Der emotionale Bezug
wächst also, umso eher über das Schicksal des Mädchens berichtet wird. Die Qualitätspresse bot

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generell mehr Anschlusskommunikation und war offener für Diskurse, während bei den
Boulevardmedien mehr ereignisbezogen berichtet wurde. Der Inszenierungsgrad beim „Fall
Arigona“ war dennoch sehr gering und wenn dann von politischen Ereignissen bestimmt.
Letztlich ist Arigona kein Einzelfall für die Integrationsthematik in Österreich, wird aber als
„Aufhänger“ gern zitiert. Den österreichischen Medien würde ich daher nachlegen
Integrationsfragen auch unabhängig von aktuellen politischen Diskursen zu thematisieren. Damit
sind auch „Positivbeiträge“ geglückter Biografien und erfolgreicher Integrationsarbeit gemeint.
Vorbildhaft kann dafür der Radiosender FM4 (der Jugendsender des ORF) genannt werden, der im
vergangenen Winter schwerpunktmäßig in seiner alljährlichen Sendung „Licht in Dunkel“ über das
„Laura Gatner Haus“ - Hilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dabei kamdn nicht nur die
Betroffenen selbst zu Wort sondern es wurden auch die Pfleger und Mitarbeiter des Vereins
interviewt (Informationen finden Sie unter http://fm4.orf.at/stories/1632437/).

22
2.4 Überblick über österreichische Migrantenmedien und einige ausgewählte
Beispiele

Betrachtet man österreichische Medienmacher und Medienangebote fällt schnell auf, dass hier eine
andere Realität herrscht als beispielsweise in Deutschland. Die Privatsender aus Deutschland
werden aber auch in Österreich empfangen und geschaut. Österreich stellt jedoch mit seinen
öffentlich-rechtlichen Sendern ORF 1 und ORF 2 Medieninhalte zur Verfügung, die von seinen
Bürgern selbst bezahlt werden und damit auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben. Dennoch,
mediale Randmärkte die sich mittels neuer Kommunikationstechnologien subkulturell, sprachlich,
politisch, religiös, ethnisch, kreativ ausdrücken gibt es kaum. Bei den Zeitungen und Zeitschriften
können wir ähnliches beobachten. Selbst die Bloggerszene, die seit einiger Zeit den Verlagen in
Deutschland zu schaffen macht, ist in Österreich marginal. Ich möchte nun dennoch eine Übersicht
an Migrantenmedien oder Medienangeboten in ausländischer Sprache geben, welche im
Medienhandbuch Migration und Diversität 2009 für Österreich gefunden habe. Dabei wird es einen
Überblick über Printmedien, Fernseh- und Radiosender (Sprache, Zielgruppe, Auflage) geben. Zwei
Beispiele Biber und Okto werde ich etwas genauer beschreiben.

Printmedien
1) Tageszeitungen
• Hürriyet (Sprache, Zielgruppe, Druckauflage)
- Türkisch, auch Deutsch in einigen Beilagen wie Hürriyet Young bzw. bestimmte Beiträge in der
Zeitung; Türkischsprachige LeserInnen; 15.000 Stk.
• Vesti
- Serbisch; Ex-jugoslawische Gemeinschaft; 100.000 Stk.
2) Wochenzeitungen
• Augustin
- Deutsch; Menschen mit Interesse an alternativer Berichterstattung; 33.000 Stk.
• Die Presse
- Deutsch; Mehrheitsgesellschaft; -
• Europe Weekly
- Chinesisch; Chinesen in Österreich und Umgebung – Deutschland, Frankreich, Portugal,
Griechenland, Ungarn; 5.000 Stk.

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3) Monatszeitungen
• Bum
- Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch (Druckort ist Slowakei); alle; 85.000 Stk.
• Elmas (Avusturya Günlügü)
- Türkisch; Türkische Community; 10.000 Stk.
• Öneri
- Türkisch und Deutsch; in Österreich lebende Menschen, die sich für die Kultur der
türkischsprachigen Community in Österreich interessieren; 10.000 Stk.
• Vienna Dnes
- Deutsch, Bulgarisch; alle, 2.000 Stk.
• Vienna Review
- Englisch; englischsprachige internationale Gesellschaft; 10.000 Stk.
• Yeni Nesil Gezetesi
- Türkisch; türkischsprachige Mitbürger, die durch Beruf, Familie und gesellschaftliches
Engagement persönlich Verantwortung übernehmen, 20.000 Stk.
• Yeni Hareket Zeitung
- Türkisch; Migranten türkischer Herkunft; 15.000 Stk.
• Dolmec
- Deutsch; Gesamtgesellschaft; 10.000 – 15.000 Stk.
4) Zeitschriften/Magazine
• African Courier
- Englisch; Afrikaner, Europäer; -
• Biber
- Deutsch; junge WienerInnen mit Migrationshintergrund; 50.000 Stk.
• Bulgarien in Österreich
- Bulgarisch und Deutsch; in Österreich lebende BulgarInnen und die interessierte deutschsprachige
Öffentlichkeit; 5.000
• Die Gute Zeitung
- Deutsch; alle Haushalte; 1,55 Mio. Stk. (einmal jährlich)
• esnaf – Wirtschaftsmagazin für Unternehmen mit ethnischem Hintergrund
- Deutsch-Türkisch; Wirtschaftstreibende mit ethnischem Hintergrund; 6.900 Stk.
• Euro Arabpress – Arab Guide
- Arabisch, Englisch und Deutsch; die Interessierten an Orient und Nahost; 3.000 Stk.

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• Kosmo
- Bosnisch, Kroatisch, Serbisch; Bewohner Österreichs mit Migrationshintergrund aus dem
ehemaligen Jugoslawien; 120.000 Stk. (monatlich)
• Liga – Österreichische Liga für Menschenrechte
- Deutsch; Vereinsmitglieder; 5.000 Stk.
• Lonam
- Deutsch; Afrikaner und andere interessierte Mitbürger; 10.000 Stk.
• Medyatik
- Türkisch; Familien; 15.000 Stk.
• Megaphon
- Deutsch, teilweise Englisch; politisch Interessierte, die Wert legen auf sozial verantwortungsvolles
Handeln; 13.000 Stk.
• Mo – Magazin für Menschenrechte
- Deutsch; sozialpolitisch Interessierte und Engagierte; 75.000 Stk. (vierteljährlich)
• Polonika
- Polnisch, seltener Deutsch; Polnische MigrantInnen; 4.000 Stk.
• Rundum.
- Deutsch; ExpertInnen, NGOs; 900 Stk.
• Tribüne Afrikas
- Deutsch, Englisch, Französisch; AfrikanerInnen, Freunde von Afrika, Entscheidungsträger,
Soziale Einrichtungen, politische Parteien; 6.000 Stk.
• Bunte Zeitung – Medium für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie
- Deutsch, Englisch; sozial Engagierte, AkademikerInnen, StudentInnen – MeinungsbildnerInnen;
20.000 – 40.000 Stk.

Radiosender
• ORF Radio Wien
- Deutsch; Gesamtgesellschaft; Jeden Sonntag um 20 Uhr: Heimat, fremde Heimat
• Radio Orange
- 20 Sprachen; migrantische Initiativen, Sozial-und Kulturinitiativen, mediel unterrepräsentierte
Gruppen und Menschen
• Radio Fro – Freier Rundfunk Österreich

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- 16 Sprachen; Radio von Menschen für Menschen, in einer Vielfalt von Formalten, Kulturen,
Generationen und Sprachen
• Radio Fabrik Salzburg
- 15 Sprachen; Sendungen von Jugendlichen, Kindern, SeniorInnen, MigrantInnen, Kultur-, Sozial-,
Frauen- und Jugendorganisationen und MusikliebhaberInnen
• Radio Helsinki – Verein Freies Radio Steiermark
- mehrere Sprachen, besonderes Augenmerk auf in den Medien unterrepräsentierte Gruppen,
Themen, Darstellungsformen und Menschen
• Radio Agora (Kärnten)
- mehrere Sprachen; versteht sich im Interesse der Medienvielfalt in Kärnten als Korrektor des
politischen und kulturellen Mainstreams, kritisches Hinterfragen mit intellektuellem Anspruch und
gleichzeitig Minderheitenplattform

Fernsehsender
• Okto.tv
- Deutsch; „Verein zur Gründung und zum Betrieb Offener Fernsehkanäle in Wien“
• ORF – Heimat, fremde Heimat
- Deutsch und Muttersprache des Herkunfslandes; „Heimat, fremde Heimat“ richtet sich an
Österreicher, die an ethnischen Themen interessiert sind, an eingebürgerte Zuwanderer,
ausländische Mitbürger und Angehörige der österreichischen Volksgruppen
• Elmas – Kanal 7 international
- Türkisch; lokale und internationale Politik, Kultur, Magazin, Wissenschaft, Gesundheit
• TV Pink
- Serbisch, Bosnisch, Kroatisch; Fernsehpublikum aus allen ehemaligen jugoslawischen
Teilpubliken; 3 Mio. Zuschauer weltweit (besonders aus Österreich)
• Yol
- Gesamtgesellschaft mit Schwerpunkt türkische Aleviten, alternatives Fernsehprogramm

Auffallend an der Übersicht ist zunächst, dass es in Summe mehr Angebote, sei es im Bereich der
Printmedien, als auch bei Radio und TV für türkische Migranten gibt, als für Menschen aus Ex-
Jugoslawien. Betrachten wir jedoch die Auflagen oder die Zuschauerquoten werden die Angebote in
serbischer, kroatischer oder bosnischer Sprachen weiter genutzt. Einerseits ist da die Tageszeitung

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Vesti mit 100.000 Stk. pro Tag oder die Monatszeitung Bum mit 85.000 Stk. Pro Monat als auch die
Zeitschrift Kosmo mit 120.000 Stk. Pro Monat zu nennen. Verglichen mit den türkischsprachigen
Zeitungen, die meist nur eine Druckauflage von 15.000 Stk. (je nach Tageszeitung pro Tag,
Monatszeitung pro Monat usw.) verzeichnet, ist die Leser- und Hörerschaft der Migranten aus dem
Ex-Jugoslawien wesentlich höher. Dies ist nachvollziehbar, wenn wir uns die
Bevölkerungsverteilung in Österreich betrachten. Personen aus dem ehemaligem Jugoslawien (ohne
Slowenien) sind mit 292.730 Personen, sind die am stärksten vertretene Ethnie in Österreich, wobei
Personen aus Serbien und Montenegro den Großteil (134.865) ausmachen. Es folgen Personen aus
Deutschland (130.684) und Menschen aus der Türkei (110.678). Auffällig ist außerdem, dass sehr
viele Medienangebote in Wien produziert oder vertrieben, was daran liegen dürfte, dass Wien als
Millionenstadt den größten Ausländeranteil hat, d.h. etwa 339.134 Ausländer von 1.687.271
WienerInnen (Statistik Austria, 2010, S. 14).

Einige ausgewählte Beispiele

Biber
Das Selbstverständnis dieses transkulturellen Magazins, welches sechs Mal im Jahr kostenlos
erscheint, ist „Wir tun nicht Multi-Kulti. Wir sind's – mit scharf“. Dies geht auf den Begriff „biber“
zurück, der im türkischen und serbokroatischen für Paprika und Pfeffer steht. Mir „scharf“ werden
„soziale Brennpunkte kommentiert, Missstände angegriffen und Tabu-Themen aufgerissen.“ (2010,
WWW Dokument).
Biber erfüllt eine der wichtigen Kategorien für Integration durch Medien, nämlich Journalisten mit
Migrationshintergrund zu Wort kommen zu lassen. Bei Biber arbeiten Journalisten mit türkischem,
bosnischem, serbischem, kroatischem, kuridischem, brasilianischem, slowenischem Hintergrund.
Interessant auch, dass hierbei nicht „Journalisten mit deutschem Hintergrund“ genannt werden. Dies
kann daran liegen, dass deutsche Journalisten häufig in österreichische Medienkonzerne
abgeworben werden, um dort ihre Erfahrungen aus der deutschen Medienlandschaft einzubringen.
In vielen Bereichen ist der deutsche Medienmarkt dem österreichischen voraus. Das kann ich durch
meine Ausbildung als Werbekauffrau in Deutschland und dem hiesigen Vergleich in Österreich
behaupten. Interessant ist dennoch, dass deutsche Migranten anscheinend nicht als solche wie
beispielsweise türkische Migranten betrachtet werden. Die Berichte bei Biber haben einen starken
Bezug zu Wien und ist für „mehrheitlich junge Menschen mit türkischem und ex-jugoslawischem

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Wurzeln, … , die die kulturelle Vielseitigkeit einer einzigartigen Stadt schätzen.“. Das Magazin ist
kommerziell ausgerichtet (Themen wie Lifestyle, Entertainment, Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft), positioniert sich aber „jenseits des Mainstreams österreichischer Massenmedien“.
Biber finde ich ein sehr gelungenes Migrantenmedium. Es versucht auf seine Art (Positionierung
mit „scharf“) die dennoch schwierigen Sachverhalte zu bearbeiten. „Biber lobt, attackiert, kritisiert,
thematisiert, feiert. Biber ist intelligent, kritisch und stylisch.“ Da es sich vor allem an Jugendliche
aus Wien ist die Jugendsprache mit der Biber arbeitet angemessen und richtig. So kann diese
Generation gewissermaßen „abgeholt“ werden. Kommunikation wird ermöglicht ohne von
vornherein belehrend zu sein. Die Kritik an der Gesellschaft übernehmen die Sprecher der
Minderheiten, was letztlich dazu führt, dass von der Perspektive des Migranten gesprochen wird.

Okto
Hinter dem TV-Sender Okto, welcher ausschließlich via Internet sendet, steht der Verein zur
Gründung und zum Betrieb Offener Fernsehkanäle Wien. Dem Auszug aus dem Vereinstatut ist
folgendes zu entnehmen: „Der gemeinnützige Verein, dessen Tätigkeit nicht auf Gewinn gerichtet
ist, bezweckt die Freiheit der Meinungsäußerung zu wahren, die Erhöhung der Pluralität in der
Wiener Medienlandschaft, die Ermutigung eines zivilgesellschaftlichen medialen Diskurses, die
Förderung des demokratiepolitischen Bewusstseins in der Bevölkerung, die Förderung des
kulturellen Diskurses in der Bevölkerung, die Förderung zivilgesellschaftlicher Communities und
die möglichst breite Vermittlung von Medienkompetenz in der Bevölkerung.“ (Inou, 2009, S. 41).
Okto sieht sich selbst als kleinen Sender mit der Absicht vor allem das „Urbane“ zu thematisieren.
Okto ist eine „mediale Plattform für eine urbane pluralistische Gesellschaft und sorgt so für mehr
kulturelle Vielfalt in diesem Land.“ (okto.tv, 2010, S. 1, WWW Dokument). Urbanität findet sich in
sozialkritischen und gesellschaftspolitischen Formaten, Beiträge zur Jugend, Bildung, auch Kunst
und Kultur. Neben mehrsprachigen Formaten als ausgesprochener Schwerpunkt ist Okto offen für
Beiträge von allen Bevölkerungskreisen. So können bei Okto Menschen entsprechende
Medienkompetenzen wie Kamera, Ton, Schnitt als auch Medien- und Urheberrecht lernen. Okto
profitiert damit vom sog. „User generated Content“ - selbstgemachte Inhalte von Usern im Web.
Die Inhalte werden nicht bezahlt, dafür wird kostenlos Infrastruktur und Sendezeiten zur Verfügung
gestellt. Die Jugend wächst heute ganz selbstverständlich mit Bewegtbildern, die sie nicht nur auf
ihren Rechnern zu Hause, sondern auch auf dem Pausenhof konsumieren, heran. Nicht zuletzt
dürfte das Internetportal „Youtube“ dazu geführt haben, dass sich diese Generation als
semiprofessionelle Amateurfilm-Macher versteht. Somit greift Okto einen sehr wichtigen Trend
unter den Jugendlichen auf, stellt ihnen eine Plattform als Sprachrohr zu Verfügung und erbeitet mit

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ihnen gemeinsam interessante Formate für deren Zielgruppe. Ich finde diese Version eines
Migrantenmediums sehr gelungen, kann es doch zuletzt zu jeder Zeit im Internet und so häufig wie
gewünscht angeschaut werden. Problematisch für dieses Medium dürfte wie bei allen Ethnomedien
die geringe Reichweite sein.

3. Zusammenfassung
3.1 Wieviel Integration können Mehrheits- und Minderheitenmedien bewirken?

Gemeinsam ist diesen vorgestellten Medienangeboten, dass sie alle „unterrepräsentierte Gruppen“
ein Sprachrohr geben möchten bis hin zu alternativer Berichterstattung. Diese Beispiele
untermauern die Möglichkeit zur Integration durch Medien. Bei den genannten
Minderheitenmedien ist es das ausgesprochene Ziel. Es muss also im Vornherein eine
Bewusstwerdung erfolgt sein, dass dies in den Mehrheitsmedien bzw. Massenmedien nicht der Fall
ist, wenn beispielsweise Radio Helsinki in seinem Leitbild schreibt: „...wobei besonderes
Augenmerk auf in den Medien unterrepräsentierte Gruppen, Themen, Darstellungsformen und
Menschen gelegt wird, wie zum Beispiel in Graz lebende kulturelle Minderheiten, heimische Kunst-
und Kulturschaffenden, in anderen Medien marginalisierte Musikformen, soziale Einrichtungen
sowie Bildungseinrichtungen.“ (Inou, 2009, S. 40). Es findet sich bei den Mehrheitsmedien in
Österreich nur ein einziges Beispiel, nämlich die Reihe „Heimat, fremde Heimat“ (als Radio- und
Fernsehbeitrag) im ORF, der diese Aufgabe - Schwerpunkt muss man ihn nennen – berücksichtigt.
Damit werden die Pole mediale Segregation (genannte Ethnomedien) und assimilative mediale
Integration (keine ethnospezifischen Inhalte in den Mehrheitmedien) deutlich. Wie es scheint,
besteht zwar in Österreich der starke Bedarf Migranten in den Medien zu Wort kommen zu lassen,
jedoch sehen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diesen Bedarf nicht bzw. kaum. Das
Interesse an Minderheitenmedien steigt jedoch erst bei persönlicher Betroffenheit oder bei dem
Bedürfnis nach alternativer Berichterstattung, wobei man auch dann explizit auf diese Inhalte
aufmerksam gemacht werden muss. Die Massenmedien sind also die einzigen, die solche Inhalte
mit entsprechender Reichweite und Wirksamkeit kommunizieren können. Ich bin überzeugt, dass
die Minderheitenmedien nicht nur jährlich um finanzielle Mittel, sondern täglich um ihre Zuhörer-
und Leserschaft kämpfen muss und das in einem viel höheren Ausmaß als es beispielsweise
Zeitungen wie derStandard aufgrund der verstärkten Internetnutzung tun muss. Letztlich sind alle
Medien derzeit im Umbruch mit mehr oder weniger hohen Anpassungsschwierigkeiten. Die Verlage

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streiten sich mit der Bloggerszene über Qualitätsjournalismus, die Musikindustrie versucht es mit
neuen Geschäftsmodellen, da sich CDs und MP3s nicht mehr verkaufen und das Fernsehen stellt
seine Serien ins Netz, um beim Video-on-Demand-Trend mithalten zu können. Was bedeutet das für
Minderheitenmedien? Wenn sich der Massenmarkt immer stärker diversifiziert, werden sich
Minderheitenmedien und Mehrheitsmedien irgendwann auf gleicher Stufe begegnen. Derzeit ist
dies jedoch nicht der Fall und vor allem nicht bei den Medien in Österreich. Die Fernseh- und
Verlagstreue kann man allein daran ablesen, dass selbst bei den jüngeren Generationen „Salzburg
heute“ hohe Einschaltquoten verzeichnet. Auch wenn die vielfältigen Angebote und Auflagen bzw.
verhältnismäßig hohen Reichweiten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sender in
Minderheitensprachen belegen, wie notwendig sie sind, glaube ich nicht, dass sich diese Inhalte
langfristig in den österreichischen Massenmedien wiederfinden werden. Dies liegt einerseits am
normativ ausgerichteten Begriff der Integration an sich. Jarren weist darauf hin, dass das
Verständnis von Integration „immer stark normativ ausgerichtet ist, weil Integrationleistungen von
Einzelnen, von Gruppen, von Organisationen wie von Institutionen erwartet werden.“ (2000, S. 26).
Die Privatsender wie RTL, Pro Sieben, Sat1 usw. welche in Deutschland produziert und in
Österreich ebenfalls ausgestrahlt werden (im übrigen ein zweiter Hinweis darauf, warum deutscher
Journalismus nicht als „Migranten-Journalismus“ empfunden wird), sind kommerziell ausgerichtet.
Sie erhalten keine staatliche Förderung, sondern finanzieren sich durch Werbeeinnahmen. Es
handelt sich weder um Organisationen noch um Institutionen, sondern um Wirtschaftsunternehmen.
Sie interessieren sich schon allein aufgrund ihrer Struktur nicht für Integrationsfragen, auch wenn,
wie bewiesen, ihnen diese Aufgabe in einer Gesellschaft und besonders aufgrund ihrer hohen
Einschaltquoten und damit verbundenen Reichweite, zuteil käme. Dennoch haben wir ähnlich wie
in Deutschland (ARD, ZDF) in Österreich Sender (ORF 1 und ORF 2), welche von ihren Bürgern
und von öffentlicher Hand finanziert werden. Diese Sender sind nach meiner Ansicht nach
verpflichtet zur Integrationsarbeit, die jedoch, wie die Praxis zeigt, nicht in einem hohen Ausmaß
vorhanden ist.
Auch Esser zieht für die Integrationsfunktion der Massenmedien ein schlechtes Fazit, allerdings vor
dem Hintergrund, dass sich dadurch ethnische Schichtungen verfestigen würden (2000, S. 36ff):
„Insgesamt läßt sich danach – durchaus eher ernüchternd – festhalten, daß für die Integration von
Migranten und ethnischen Minderheiten von Seiten der Aufnahmegesellschaft über massemediale
Kommunikation nicht besonders viel getan werden kann. Der Hauptgrund liegt in den strukturellen
Verhältnissen, die nahezu unvermeidlicherweise ethnische Schichtungen begünstigen.“
Ich möchte dieser Argumentation nicht zustimmen, da bereits Formate mit biografischen Interviews
(„Zeitzeugeninterviews“ im ZDF) erfolgreich waren und auch andere Dokumentarfilme („Gegen

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die Wand“ von Fatih Akin) gezeigt haben, dass allein das zu Wort kommen lassen und Ausleuchten
der Situation des Betroffenen, Verständnis und Anteilnahme beim Zuschauer bewirken kann. Becker
weist zudem auf eine „Selbstbestätigungsfunktion“ hin, die durch Medienangebote für und von
Migranten gesteigert werden könne (2007, S. 46). Letztlich dienen Medien der Kommunikation -
egal ob via Film, Leserbrief oder Nachrichtensendung und sie tragen dazu bei, dass sich Menschen
damit eine für sie individuelle, spezifische oder gemeinschaftlich, kollektive Identität bilden.
Außerdem ist dies auch abhängig davon, wie sich die Gesellschaft selbst sieht. Geißler stellt seinen
Ausführungen immer das Modell der „unity-within-diversity“ (2000) voran. Aus Kanada
übernommen beschreibt es einen Zustand der „Einheit-in-der-Vielfalt“. Betrachtet ein Land also die
Vielfalt, die durch die Verschiedenheit der Bürger ermöglicht wird, wird sich dies auch in den
Medien widerspiegeln. Solange jedoch beispielsweise durch Asyldebatten, wie wir sie in Österreich
vorfinden, Panikmache vor der Andersartigkeit betrieben wird, kann „unity-within-diversity“ nicht
existieren.
Realistischerweise würde ich zusammenfassen, dass Minderheitenmedien ihre Integrationsfunktion
weiterhin zum Selbstverständnis machen müssen und durch interessante Formate neue Leser,
Höherer und Zuschauer der Mehrheit gewinnen sollten. Die öffentlich-rechtlichen Medien in
Österreich sollten diese Aufgabe nicht vernachlässigen und durch Moderatoren, Journalisten und
Berichterstattern mit Migrationshintergrund einen ersten wichtigen Schritt gehen. Durch den
Austausch könnten als Folge dessen eine neue Form der Berichterstattung entstehen. Privatsendern
sei aufgrund ihrer kommerziellen Ausrichtung empfohlen Formate zu etablieren, welche auch von
Migranten aller Altersgruppen geschaut werden, umso wieder neue Zielgruppen zu erschließen.
Dabei sollte jedoch nicht nur von „fremder Küche“ die Rede sein, sondern wirklich hinter die
Kulissen geschaut werden. Bei den Verlagen, die ebenfalls kommerziell bis nicht-kommerziell
ausgerichtet sind (sich aber irgendwie finanzieren müssen), sehe ich auch eine große Chance darin
Journalisten mit Migrationshintergrund in der Medienproduktion Print arbeiten zu lassen. Die
Perspektive und Qualität der Berichterstattung ändert sich automatisch durch dessen
Encodier/Dekodierprozess und wird beeinflusst durch seinen kulturellen Backround. Zum Schluss
möchte ich mit einem Zitat des Kulturanthropolen Geertz enden, der einmal gesagt hat: „Aus dem
Blickwinkel der eigenen Alltäglichkeiten einer Kultur schwindet ihre Unverständlichkeit“

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