Sie sind auf Seite 1von 5

Psycholegierungen

Kind und Familie in deutsch-französischen Fachdiskursen

Ulrich Kobbe*)

Der Beitrag wird anhand der Diskussion um das Kindeswohl einige Unterschie-
de und Gemeinsamkeiten der psychosozialen Diskurse in Frankreich und in
Deutschland aufzuzeigen versuchen. Hierbei sollen - nicht ohne inhaltliche
Verkürzungen, politische Exkurse und plakative Sprach-Bilder - einige Anmer-
kungen zu deutschem Verständnis französischen Denkens gemacht werden:
Eben als - wie Derrida ') anmerkt - in der Übersetzung enthaltene „Setzung",
als vom französischen in den deutschen Kontext hinübersetzende und über die-
sen hinausgehende, darübersetzende Setzung im sozialen und familiären Raum,
der das Wohl des Kindes bestimmt.
Der Begriff der „Familie"selbst birgt Überraschungen in sich: Obwohl bezie-
hungsweise weil im 18. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen,
meint sie nicht einfach nur „toutes les personnes qui vivent dans une mesme
maison, sous un mesme chef', wie das Dictionnaire de l'Academie Francaise
von 1694 definierte. „Familie" bedeutet für uns die eigene Klein- oder die
Ursprungsfamilie, in Frankreich hingegen mehr: „J'ai de la famille ä Paris"
meint keineswegs in der Hauptstadt wohnende Schwester, Bruder oder Eltern-
teil, eher irgendeinen unter Umständen weitläufigen Verwandten. Und auch die
Floskel „Et ta famille?" führt Deutsche oft zur keineswegs erfragten Erklärung,
man sei noch nicht verheiratet - habe also noch keine eigene Familie -, oder zur
Angabe des Wohnorts der Eltern.2) Damit geht der semantische Raum des fran-
zösischen Begriffs „famille" über die deutsche Familiendefinition hinaus, denn
er dient auch der Abgrenzung zu den „gens", den - fremden - „Leuten", die als
andere eben nicht zum Familien verband gehören.

Der Staat und seine Bürger - „l'Etat et ses citoyens"

Die Unterschiede betreffen mehr noch die unterschiedliche Rolle der einzelnen
Mitglieder und die Beziehung Staat - Familie. Die bürgerliche Gesellschaft
Deutschlands hat historisch andere Wurzeln als die französische: Der deutsche
„Bürger" ist in der französischen Übersetzung gleichwohl „bourgeois" und
„citoyen", bei uns semantisch hingegen nichtadlig-nichtproletarischer Mittel-
stands- und Staatsbürger - eine abgrenzende Definition, die auch zur Auf- und
Abwertung des „bürgerlichen Westens" gegen den „sozialistischen Osten"
Deutschlands beitrug. Damit aber sind Bourgeoisie und Bürgertum nicht iden-
tisch, wenngleich auch nicht zusammenhanglos; die französische Gesellschaft

) U l r i c h Kobbe ist Diplom-Psychologe am Westfälischen Zentrum für Forensische Psychia-


trie Lippstadt. Es handelt sich um den gekürzten Text eines Vortrages vor dem deutsch-fran-
zösischen Seminar des Internationalen Sozialdienstes „Das Kind und seine Familie in Frank-
reich und in der Bundesrepublik" vom 7. bis 9. März 1994 in Homburg/Saar.
J. Derrida: Memoires I. Wien 1988, S. 13.
B.-D. M ü l l e r : Familie, in: J. Leenhardt / R. P i c h t (Hrsg.): Esprit/Geist. 100 Schlüs-
selbegriffe für Deutsche und Franzosen. München/Zürich 1990, S. 312-313.

35
lebt - anders als die deutsche - in einer ebenso jakobinisch-revolutionären wie
nachrevolutionär-restaurativen Tradition.') Ersichtlich wird dies beispielsweise
daran, daß sich in Deutschland der Grundrechtekatalog in den ersten 17 Arti-
keln des Grundgesetzes des Jahres 1949 findet, er in Frankreich hingegen im
wesentlichen durch die 1946 und 1958 in den Verfassungspräambeln wiederhol-
ten Menschen- und Bürgerrechte aus dem Jahre 1789 bekräftigt wird. Damit ist
der französische „citoyen" Repräsentant, Ergebnis und Träger einer Idee bezie-
hungsweise eines Ideals, von der historisch-divergierenden Interessenlage der
Stadt-Land-Bevölkerung her jedoch antagonistischer als der einer nivellierten
Mittelstandsgesellschaft angehörende deutsche Bundesbürger. Jenseits der
nationalen Unterschiede zwischen dem „ensemble des citoyens", der französi-
schen Gemeinschaft der Bürger, und den im strukturell obrigkeitsstaatlichen
Deutschland zu Zucht und Ordnung erzogenen Staatsdienern4) verweist diese
Unterscheidung aber auch auf die intrapsychisch radikal differenten Gefühls-
haushalte von Bourgeois und Citoyen, die jeder umschalten und leben kann.5)
Im konkreten Verhältnis von Staat, Familie und Individuum wird die Erziehung
in der Lebensphase Kindheit bereits im Grundgesetz 6) und in der alten Bundes-
republik auch im Alltag als Aufgabe und „natürliches Recht" der Familie unter
Verantwortung der Eltern begriffen: Folgerichtig erlebten nach 1989 die neuen
Bundesländer die sukzessive Abschaffung von Ganztageskindergärten und ähn-
lichen staatlichen Dispositiven. In Frankreich hingegen haben Kinderkrippen
(„creches"), Kindergärten („jardins d'enfants") und Vorschulen („ecoles mater-
nelles") traditionell umfassende und gesellschaftlich anerkannte erzieherische
Aufgaben, wobei allerdings gerade 1993/4 (wieder) der Frankreich entspre-
chend auf die Straße treibende Versuch gemacht wurde, private gegen staatliche
Schulen auszuspielen.
Zugleich existierte im deutschen Jugendwohlfahrtsgesetz die „elterliche
Gewalt" im waltenden Eltern-Kind-Verhältnis, in Frankreich hingegen die
„puissance paternelle" für die väterliche Gewalt in der patriarchalisch verfaßten
Familie. Während der oszillierende Gewaltbegriff bei uns von der „elterlichen
Personensorge" abgelöst wurde und diese als Sorgepflicht für das Kind wie Sor-
gerecht um das Kind verstanden werden kann, konvertierte er im Französischen
mittlerweile zur „autorite parentale", zur elterlichen Autorität - ein Begriff, der
auch auf die Autorenschaft der Eltern für ihre Kinder und deren Wohl, nicht nur
ihre Autorität über sie verweist.

Das Symbolische und das Gesetz - „le symbolique et la loi"

In diesem Zusammenhang der Beziehung von Staat, Eltern und Kind wird gera-
de anhand des „placement familial", der Unterbringung von Kindern oder
Jugendlichen in Pflegefamilien, deutlich, daß noch andere wesentliche Aspekte
A. F e r n e r : Frankophilomythie. Über das Mythologische am deutschen Geschichtsbild, in:
fragmente 5/1982. S. 69-77.
D. Porte: Das Modell und seine Diener, in: Tintenfisch 21 Jahrbuch: Deutsche Literatur
1982. Berlin 1982, S. 88.
A. H e l l e r : Theorie der Gefühle. Hamburg 1981,5.297-311.
Art. 6 GG (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die
zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

36
aufgezeigt werden müssen: So wird ein Tagungsbeitrag mit „S'inscrire dans les
lois, s'inscrire dans la vie" überschrieben.7) Wir würden übersetzen, daß sich
das Kind in die Gesetzgebung und damit auch ins Leben „einschreibt", was
zwar primär tatsächlich auch gemeint und dennoch nicht alles ist.
Dahinter klingt eine Auffasung von strukturaler symbolischer Ordnung an, die
primär durch Sprache und ihre Gesetzmäßigkeit vermittelt wird. Dies ist Aus-
druck einer in Frankreich weit verbreiteten strukturalistisch-psychoanalytischen
Theorie, die hier nur unzulänglich-verkürzend angedeutet werden kann. Der
Mensch ist — wie Lacan anmerkt — ein „parletre", ein „Sprachwesen", dessen
reales Sein, „etre" eben, nur durch Sprechen, „parier", Bedeutung erlangen
kann.
parletre
parier
etre
Hinter dem realen Menschen und seinen realen Beziehungen finden sich ima-
ginäre Beziehungen und Abläufe, die Foucault*) als Macht-AVissensdiskurse
gesellschaftlicher Kräfte und die Lacan9) als psychoanalytische Theorie des
Realen, Imaginären und Symbolischen ausarbeitete. Dieses Symbolische ist
sprachliches Element der Struktur, die in den Alltagsrealitäten unbemerkt
Gestalt annimmt und als Hintergrund für individuelle und gesellschaftliche Pro-
zesse fungiert.
Denn kein Mensch erfindet Sprache selbst — er wird in sie und ihre Ordnung
hineingeboren, eignet sie sich an. Dies führt dazu, daß auch die vor dem
Spracherwerb ablaufenden gedanklich-emotionalen Prozesse des Kindes
sprachanalog strukturiert sind und auch das Unbewußte als „wie Sprache struk-
turiert" (Lacan) angenommen werden kann. Im Stadium des Spracherwerbs
erlebt sich das Kind primär im Spiegel des Gegenüber, was zu Differenzierung
und Vereinzelung führt. Mit diesen unausweichlichen Entwicklungsschritten
schreibt sich das Kind nicht nur in das Leben ein, sondern zugleich in die
Gesetze der Gemeinschaft, die als solche sprachlich symbolisiert sind. Dieses
komplexe geisteswissenschaftliche Modell beinhaltet ein dialektisches Spiel des
Sowohl-als-auch: Einerseits wird das Kind als „Sub-jekt", als „Unter-worfenes"
in eine bestehende symbolische Ordnung passiv hineingeboren - andererseits
ist seine Einordnung in diese Struktur ein aktiver Vorgang, eine Leistung des
Subjekts ohne alternative Wahlmöglichkeit. Diese Auffassung mag akademisch
erscheinen, ist es aber keineswegs.

Poetik der Sprache - „poetique de la langue"


Damit kommt eine gängige französische Denk- und Sprachfigur zum Vor-
schein, die Ausländern meist erhebliche Probleme bereitet: Das zuvor ange-
deutete sprachstrukturalistische Modell beinhaltet auch, daß die begrifflichen
7) D. Bass / A. Pelle (Hrsg.): Le Placement familial, un lieu commun? Recherches et pra-
tiques. Toulouse 1993, S. 115.
8 ) M. F o u c a u l t : Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frank-
furt a. M. 1974.
') P. W i d m e r : Subversion des Begehrens. Jacques Lacan oder Die zweite Revolution der Psy-
choanalyse. Frankfurt 1990.

37
Bedeutungsträger („Signifikanten") aufeinander aufbauen und verweisen, so
daß die Tiefenstruktur der Begriffe mehr enthält, als die reine lexikalische Defi-
nition beziehungsweise Übersetzung auf der Wortoberfläche anzeigt. - „La
langue est comme la mer"I0) spielt mit der Homophonie der Worte „mer" und
„mere": Mit „Die Sprache ist wie das Meer" wird ihre Oberflächen- und Tie-
fenstruktur thematisiert, und das simultan hörbare „Die Sprache ist wie die
Mutter" verweist - „Muttersprache" assoziierend - zugleich auf die Sprach-
strukturen als Ursprung des sich aus der mütterlichen Abhängigkeit sprachlich
differenzierend herausentwickelnden Individuums.
Der latente Sinngehalt ist somit nur sprachspielerisch durch Untersuchung der
Sprache auf andere Lesarten, ähnlich klingende Worte, anagrammatische
Umschreibungen hin erschließbar. Das ernstgemeinte Sprachspiel hebt die quasi
wortmagische Identität von Begriff und Sache auf und macht den Prozeß des
Verstehens spekulativ-experimentell („dekonstruierend") wieder dialektisch.

Der Familienroman - „le roman familial" • -' " • - ! '»-

Beispielsweise schreibt Lesourd") den Begriff „transparents", der wie im Deut-


schen „durchsichtig, durchscheinend" bedeutet, in „trans-parents" um, sprich in
„durchschaubare" und/oder „Übergangs-" beziehungsweise „Transit-Eltern".
Ableitbar ist --11;; r^.--if,?/" ; fr-,.' 'ih-n
• generell, daß alle Eltern ihr Kind nur bis zum Übergang des Adoleszenten
zum Erwachsensein begleiten können,
• speziell, daß die Ersatzeltern der Pflegefamilien in jedem Fall transitorische
Eigenschaften haben,
• weiterhin, daß dies für die Kinder ausgesprochen durchsichtig ist, da es ein
„Lieben-als-ob" bleiben muß.
Das heißt, diese kleine sprachspielerische Variation thematisiert,
• daß Kind und Pflegeeltern Gefangene eines frustrierenden imaginären
Anspruchs sind,
• daß beide real ihrer Unfähigkeit zur zufriedenstellenden Antwort auf diese
Erwartung ausgesetzt sind, und
• daß nur das „Lieben-als-ob" eine symbolische identifikatorische Rollenüber-
nahme ermöglicht, daher weit davon entfernt ist, so „zu tun als ob" und eine
Wahrheit ausspricht: Daß diesen Kindern eine leibliche Abstammung unmög-
lich ist.
Das Thema „On nait toujours d'une famille .. ."'2) knüpft an dieses Problem an:
„Man stammt immer von einer Familie ab ..." ist wörtlich übersetzt im Franzö-
sischen ein auch aktiver Vorgang des Subjekts: „Man gebiert immer aus einer
Familie heraus ...". Natürlich werden auch in Frankreich keineswegs alle Kin-
der in Familien geboren. Das Thema verweist auf ein kindliches Phantasma und
damit auf den „Familienroman" als psychoanalytisches Paradigma. Dieser

G . - A . G o l d s c h m i d t : Quand Freud voit la mer. Freud et la langue allemande. Paris 1988.


S. L e s o u r d : Creation d'un conte: La legende de Mythos, in: La Lettre du GRAPE
No 8/1992, S. 18.
D. Bass (Hrsg.): On nait toujours d'une famille, et apres ... La parentalite dans le soin ä
l'enfant deplace, Paris 1991.

38
Begriff Freudsl3) bezeichnet Phantasien, in denen das Kind die Familienbezie-
hungen mit seinen Eltern imaginär modifiziert. Das heißt,
• das Kind phantasiert, es stamme nicht von den realen Eltern ab, sondern von
angesehenen/wohlhabenden/begabten Eltern oder einem solchen Vater,
• es unterstellt also seiner Mutter heimliche Liebesabenteuer oder aber, die
Geschwister seien „Bastarde" und es selbst das einzige leibliche Kind.
Es sind ödipale Phantasien, die als Wünsche zur Herabsetzung oder Über-
höhung der Eltern, als Größenwunsch, als Versuch der Umgehung der Inzest-
schranke, als Ausdruck der Geschwisterrivalität usw. deutlich werden. Darüber
hinaus verweist der „Familienroman" auf die Problematik der Pflegekinder,
nämlich ihre frühere unbewußt phantasierte, nun real eingetretene Situation,
diese Eltern seien nicht ihre Eltern, und den nun erfüllten Wunsch, sich der
leiblichen durch andere Eltern zu entledigen.

„Lacancan" und/et „Derridada"

Zum Schluß noch der Hinweis, daß strukturalistische wie psychoanalytische


Modelle mit anderen Themen und Lebensbereichen der französischen Kultur
verbunden bis verwoben sind, so mit der Philosophie, der Politik, der Literatur,
der Kunst und hier insbesondere dem Surrealismus: Die Überschrift „Lacancan
und Derridada"14) kommentiert dieses für Deutschland ungewöhnliche Ineinan-
dergreifen der Disziplinen15) in sprachspielerischer Komprimierung:
Lacancan Derridada
Lacan Derrida
Cancan Dada '
Persifliert wird so zugleich der „intellektuelle Cancan" von Lacan wie die
„dadaistisch" anmutenden sprachlichen Dekonstruktionen bei Derrida.

S. Freud 1909: Der Familienroman der Neurotiker, in: GW VII. London 1955, S. 227-231.
K. L a e r m a n n : Lacancan und Derridada. Über die Frankolatrie in den Geisteswissenschaf-
ten, in: Kursbuch 84, ebd., S. 34-43.
U. K o b b e : Ni Lacancan ni Derridada. Psychologie et psychoanalyse dans la psychiatrie
ouest-allemande, in: vie sociale et traitement 14/1986, S. 36-38.

39