Sie sind auf Seite 1von 5

47.138 Ethnografie urbaner Bewegungspraktiken SoSe 2014 Heike Lüken

Exzerpt von Judith Laux

Gugutzer, Robert (2004): Trendsport im Schnittfeld von Körper, Selbst und Gesellschaft. Leib- und körpersoziologische Überlegungen. Stuttgart: Lucius & Lucius Verlag. S. 219 - 243

Lese-/Exzerpierdatum: 23.05.2014

Standort des Textes: Sport und Gesellschaft – Sport and Society, Jahrgang 1 (2004) Heft 3, S. 219- 243

Zentrale These

Ein spätmodernes Verständnis von Körper, Selbst und Gesellschaft ist das Entscheidende Merkmal im Trendsport

Kurze Zusammenfassung

Eine Einführung in die entwickelte These, dass Trendsport ein Merkmal von einem spätmodernen Verhältnis von Körper, Selbst und Gesellschaft ist, sich Trendsport von traditionellen Sportarten in den Praktiken unterscheidet und der Hinweis, dass eine deutliche Unterscheidung zwischen Körper und Leib getroffen wird. Hinweis darauf, dass gerade leibliche Erfahrung elementar für Trendsportarten ist → Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung der Kategorie Leib in der sport- und körpersoziologischen Forschung

1) Zusammenfassung und Einleitung (S. 219- 221)

Benennung einiger Trendsportarten (Sammelbegriff) Beispiel: Inlineskating, Skate-, Snow, Wakeboarding, Kitesurfing, Paragliding etc.

Aussage: Trendsportarten sind ein Spiegelbild des aktuellen gesellschaftlich-kulturellen Zustandes (und Wandel) Trendsport = avantgardistisch?

Unterschied zu traditionellem Sport = Art wie der Sport betrieben wird (kein Verein, Trainer), das Umfeld, die Weise wie das Sport treiben erlebt wird → Unterscheidung Leib/Körper; (Verweis auf die weiteren Kapitel)

2) Die Zweiheit von Leib und Körper (S. 221-223)

Gugutzer erklärt zunächst mit Hilfe von Helmuth Plessner in welchem Verhältnis der Mensch zu seinem Körper steht (=was ist Körper?)

These: Der menschliche Körper ist die Zweiheit von Sein und Haben.

1. Der Mensch hat einen Körper

2. Der Mensch ist sein Körper

Haben und Sein stehen im Bezug zu einander, treten mit einander auf, kein Dualismus sondern gegenseitige Bedingung Konzept beruht auf Theorie der Positionalität – Organismus ↔ Umwelt

Theorie der Positionalität: Mensch ist an zwar rein körperlich an Raumzeitlichkeit gebunden (zentrisch), ist aber in der Lage exzentrisch, außer sich, zu sein und zu sich in Gegenstandstellung zu treten (Plessner, 1975, S. 292)

Körperhaben: Körper als Ding begreifen, zu dem man in Distanz treten kann, den man instrumentell oder expressiv nutzen kann. Allerdings geht Plessner nicht auf Körpersein ein.

Hermann Schmitz spricht vom Erleben, von leiblich-affektiv erfahrbarem Körpersein. Spürbare Gegenwartserfahrung

Leib (phän.) = Körpersein (anthr.) → Die Zweiheit von Sein und Haben des Körpers= Die Zweiheit von Leib und Körper

Leib: spürend, sich passiv erlebend

Körper: Gegenstand, aktiv einsetzbares Ding

→ immer wechselseitig

Körperpraktiken und Körperwissen prägen das Spüren des eigenen Leibes und umgekehrt. Übertragbar auf gesellschaftlich-kulturelle Ebene.

Dominant in der Sportwissenschaft: Körperbegriff im Sinn von Körpehaben

3) Bewegungskulturelle Innovation und ein neues Verständnis sportiver Körperpraxis (S. 223-226)

Eindeutigstes Merkmal bei einem Großteil der Trendsportarten: Einsatz des körperlichen Kapitals (Bourdieu, 1982, S. 329, 345)

Trendsport als innovative, kreierende bewegungskulturelle Praktik (ungewohnt, spektakulär) (Schwier, 2003, S.18)

Bruch mit Konventionen im Sport und ritualisiertem Sich- Bewegen Stellvertretend, symbolisch für den Bruch mit tradierten Sportpraktiken → Roll- und Gleitsport lösen den Sieg-/Niederlage Code durch einen subkulturellen Code und einen motivationalen Code ab (Bette 1999, Schimank 1988) subkultureller Code erfasst Temporalität, Virtuosität, Extremität Motivationscode erfasst Spaß, Freiheit und Erlebnis

Gleiten als Synonym für ein neues Verständnis von Sport, Géneration glisse (Loret, 1996)

→ Lebenskultur und Verständnis von Unabhängigkeit, nicht Sesshaftigkeit, entgegen von pädagogischer Anleitung, gegen Expertentum und Leistungsvergleiche

→ Metapher für die kulturelle Verfasstheit spätmoderner Gesellschaften

DAS charakteristische Bewegungsmerkmal: wider der Schwerkraft (Lippens, 1998) Verzicht auf Halt (Thomas Alkemeyer, 2004) neue Definitionen von bereits angeeigneten Techniken des Körpers → Förderung des Selbstfindungsprozesses (Mauss, 1975); Erfahrung von leiblicher Selbstbestätigung

Trainingsbegriff im traditionellen, organisiertem Wettkampfsport (oft als autoritär empfunden) ist negativ konnotiert. Kreativität, Nachahmung und Selbsttun, Ausprobieren stehen im Vordergrund Fehler sind erlaubt und gewünscht → Gelingen bedeutet Autonomiegewinn für Jugendliche gegenüber der Erwachsenenwelt

4) Bewegung als ästhetische Erfahrung und spürbare Selbstgewissheit (S. 226 – 230)

Ästhetik = Wahrnehmung (aistheis,gr.)

Die ästhetische Dimension des Sports wird in der Bewegung als leiblich-affektive Selbsterfahrung realisiert und damit zum Instrument der Selbstdarstellung

Martin Seel (1993): Der eigentliche Sinn des Sports ist das Ästhetische

Sinn im Tun wird im Moment des Gelingens wirklich (ästhetische Erfahrung im Tun)

→ andere Qualität als in traditionellen Sportarten, da der kinästhetische Sinn auf andere

Weise gefragt

und Geschwindigkeitsgefühl wird anders wahrgenommen)

→ anders = intensivere Wahrnehmung?

st und angesteuert wird und damit erlebt wird (Gleichgewichtssinn, Rotations-

Gegenwartserfahrung als wichtiges leitendes Motiv für Trendsportler

körperliche Handlungen gehen einher mit eigenleiblich, sinnlich-spürenden Wahrnehmungen

→ Zweiheit des Körpers; Praktik = Körperhaben, daraus resultierend die leibliche Erfahrung (Leibsein)

Ästhetisierung des Alltags (Gerhard Schulze, 1992) → bedingt durch gesellschaftlichen Wandel - Trend zur Orientierung nach Innen und in erster Linie Orientierung daran, was positive Erlebnisse hervorruft; am Schönen und Erhabenen Suche nach Erlebnissen wird durch permanente Steigerung der Erlebnisintensität zur Routine → Erlebnisrationalität (die Aussage ist mir hier persönlich nicht verständlich)

Entscheidung für einen Trendsport liegt neben dem Verlangen nach Freiheit und Spaß in der ästhetischen Erfahrung (Beispiel Snowboard S.227) → radikal, spektakulär, eigenwillig sinnliches Erleben Resultat von Dynamik, Eleganz, Risiko-, Gleit-, und Präsenzgefühl

Präsenzgefühl als hervorgehobener Faktor von Extrem-, Risiko-,und Thrillsportarten

→ Begrenzung des Bewusstseins auf die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit werden

(müssen) ausgeblendet (werden) → etwaige Hinderung der Ausführung bei zu vielem Nachdenken.

→ Psychische Entlastung durch Entbindung des gesellschaftlichen Zwangs zur

Selbstreflexion. Gegenwart und konkretes Tun sind gefordert, Reduktion auf den nächsten Schritt = Sinnverdichtung, die als spürbare Selbstgewissheit erlebt wird (Gugutzer 2002)

Halt durch Wagnis → Situation und Grad der Selbstgefährdung sind so eindeutig dass die Gefühle, die im Extremsport entstehen als genau so konkret wahrgenommen werden → totalisierende Wirkung (Bette 2003, S.31)

Bedürfnis von Gewissheit geht einher mit spätmodern gesellschaftlicher Authentizitätssuche Bedingt durch Aufgabe von traditionellen Identitätsformen (Religion, Klassenzugehörigkeit, Nationalität)

Authentizität ist am Besten erfahrbar über den eigenen Körper, weil er unmittelbar erfahrbar ist Trendsport wird immer extremer durch den gesellschaftlichen Leistungsimperativ (eigentlich Paradox, da Trendsport sich im Grunde nicht durch Leistung/Wettkampf definiert) geht auch einher mit dem Handlungsmotiv Thrill

Steigerung der Extremität bis hin zu grenztotähnlichen Erfahrungen (Midol & Broyer 1995, S.209) → leiblich-affektive Grenzerfahrungen: wichtig für den Prozess der Identitätsbildung (Drogenkonsum auch eine leiblich-affektive Grenzerfahrung?)

Der Vollzug der Bewegung (positive Selbsterfahrung) ist wichtiger als das Ergebnis (!!)

→ weniger Standardisierung und Disziplinierung, dafür mehr Kreativität und Freiheit = mehr ästhetische Praxiserfahrung

5) Leibliche Interaktion mit Dingen und Elementen (S. 230 -234)

Weiteres Merkmal von Trendsport: Großer Bezug zu Geräten und Elementen, mit und in denen Sport betrieben wird → leiblich-affektiver Bezug durch leibliche Interaktion (Interaktion mit Dingen im Trendsport von besonderer Bedeutung) → Bezug zu dem Beispiel Snowboard

Marlovits (2001) berichtet von Interaktion zwischen Snowboard und Fahrer und einer offenbaren Erwartung dem Fahrer gegenüber Handlungsaufforderung (Habermas, 1999, S.224) die bei entsprechender Interaktionsgegenleistung mit einer Vereinigung von Board und Fahrer belohnt wird

Meist sind die Geräte technisch hoch entwickelt Besonders und ausschlaggebend ist, dass die Besitzer eine emotionale Beziehung und Bindung zu dem Sportgerät eingehen, sie werden zu geliebten Objekten oder Lieblingsdingen

Werden teilweise als Teil der eigenen Person wahrgenommen → Bewegungen sind mit dem Gerät automatisiert worden und ermöglichen Fokus auf das Tun ; Verwachsung des Körpers (Leib) mit dem Sportgerät → organische Verbindungen (Gebauer, 2004)

Einleibung, bzw. leibliche Kommunikation: der leibliche Raum kann expandieren, sich über die körperliche Begrenzung hinaus erstrecken und mit dem Leib anderer Personen und Gegenständen verschmilzen → Einverleibung= Form von nonverbaler Kommunikation, Spüren auf Basis der leiblichen Wahrnehmung des Gegenübers

Gleiches gilt für Interaktion mit den Elementen Wasser, Luft, und Erde (Berge) → Gefühl von direkter Verbindung zur Natur → Versprachlichung der Gefühle (Beispiel Surfen)

Nach-draußen-bringen von Hallensportarten und damit das Erleben von Outdoorfaktoren (Sand, Luft, Sonne) = Loslösung von der traditionellen Sportart an sich?

Urbaner Trendsport → Ausübung auf Asphalt, der Sport ist öffentlich und distanziert sich von der Privatwelt des traditionellen Sports, wird zum Ausdruck eines Lebensstils/Lebensgefühls Einverleibung des Ortes, Aufnahme der Stimmung des Kraftes (Gebauer 2004)

sinnlicher Mehrwert, umfangreicheres Erleben durch die Umgebung

Erleben des Erlebens (Bette, 1999, S.204): Sportler erleben den Sport und das soziale Umfeld nimmt die Praktik als Erlebnis wahr.

6) Der dramaturgische Körper als Mittel zur individuellen und kollektiven Selbststillisierung ( S.234 – 237)

Trendsport eher als bewegungskulturell Alltagspraktik anzusehen, als Sport im tradierten Sinn

→ andere, zusätzliche Bedeutung für den Körper im Sinn des Körper als kulturellem und symbolischem Kapital (Bourdieu, 1983, 1987): Selbstdarstellung Nutzung des Sports zu selbstdarstellerischen Zwecken; Alltagswelt = Bühne

Sportler: Darsteller, dramaturgischer Körper (Gugutzer, 2004, S.92ff.) Umfeld/Zuschauer: Publikum

Einsatz von Gestik, Mimik, Kleidung, Körperhaltung etc. dient zur Vermittlung des Selbstbildes und Erhalt von Anerkennung aus dem Publikum

Beispiel Streetball: persönliches Erleben und verstärktes Wahrnehmen von einem bestimmten Bild von Männlichkeit; Schaffung von eindeutigen Identitätsidealen zur Wahrung von

Sicherheit und Eindeutigkeit in einer spätmodernen Gesellschaft in der diese Eindeutigkeiten verwaschen sind durch die Auflösung von traditionellen Geschlechts- und Identitätsrollen

symbolisches Kapital und kollektive Selbsterfahrung sind möglich durch den szenetypischen Stil und die damit verbundenen Elemente, wie Kleidung, Sprache, Sportgerät, Musik, Gesten und Ritualen → Festigung von bewegungskulturellen Sozialitäten

symbolisches Kapital wird erworben durch Anerkennung in der Gruppe, Entwicklung eines eigenen Stils → Anerkennung fördert interne Bindung an die Szene des Trendsports (obwohl es auch Abgrenzung bedeuten kann)

Distinktion nach Außen, Bindung nach Innen

Fragen:

1: Wann ist eine Sportart Trendsport und z.B. nicht mehr Nischensport, ab wann wird von einem Trend gesprochen?

2: Wollen Trendsportler als solche gesehen werden und avantgardistisch sein, wenn sie sich im Grunde genommen primär abgrenzen wollen?

3: Können traditionelle Sportarten zu Trendsportarten gewandelt werden, welche Faktoren würden eine Rollen spielen?

4: Können Trendsportarten zu traditionellen Sportarten werden?