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Grenzsicherungen: Social cxpectations towards psychology,

role conflicts and the margins and liberlies of Professional practice.


Gesellschaftliche Erwartungen an Psychologie, Based on case materiell of conflicts in forensic and clinical psychology, the paper
Rollenkonflikte und Spielräume im Berufsalltag analyzes the interaction of psychology's public image, institutionell role sets, and
Professional socialization of psychologists in Gennany. Conflicts in Professional
practice are linked to the social function of psychology äs a Subsystem maintaining
Ulrich Kobbe cultural boundaries and delimitntions. This implies systematic patterns of disruption
bolh on the level of everyday performance and of the discipline's social representati-
on. Within psychology, such conflicts cause the cleavages of paradigms, of theoretical
and applied psychology, of divergent approaches to psychotherapy, and of the sali-
ence and ambivalence in allitudes loward psychotherapy and psychoanalysis. These
An Erfahrungsbeispielen und Konfliktfeldem der forensischen und klinischen Psycho- cleavages restrict individual professionell creativity and the capacities for co-
logie untersucht der Beitrag, wie das Image von Psychologie, institutionelle Erwar- operation among different psychological directions. Psychology has failed to develop
tungen an psychologisches Handeln, berufliche Sozialisation und Identität und die tnedia for a comprehensive discussion of practical role conflicts in terms of a dyna-
Handlungsspielräume psychologischer Praxis interagieren und wie Rollenkonflikte mic profexsional identity.

mit der Bedeutung des Faches als Subsystem soziokultureller Grenzsicherungcn zu-
sammenhängen. Die damit verbundenen Brüche sind dem beruflichen Alllag wie auch Key words: Forensic psychology and psychialry; Professional role; Professional
dem fachliclien Image eingeschrieben. Sie werden im Fach u.a. als wissenschafts- socialization; Professional identity
theoretischer Dauerstreit, als Theorie-Praxis-Bruch, als Vereinseitigung von Thera-
pie „schulen" und als gleichzeitige Privilegierung und Abspaltung von Psychothera-
pie sowie Psychoanalyse aufgetragen. Sie bringen nicht nur individuelles professio-
nelles Handeln in Ambivalenzen und fach widrige Anpassungszwänge, sondern bela-
sten auch die Kooperationsfühigkeit verschiedener fachlicher Richtungen. Eine Folge
ist, daß Psychologie bislang kaum Verständigungsformen und -foren ausbilden konn-
]. Psychologische Identität als Konflikterfahrung -
te, in denen Psychologinnen sich über ihre Erfahrungen im Umgang mit Institutionen
Mögliche Annäherungen
und gesellschaftlichen Envarlungen verständigen, neue Umgangsweisen damit ent-
Das Bild „der" Psychologie fassen zu wollen, gestattet keine ausschließlich psycho-
wickeln und auf diese Weise ihre berufliche Identität offensiv - im Sinne einer Inte-
gration der Vielfall - entfalten konnten. logische Annäherung, die gerade die Blindstcllen fachlicher Sichtweisen wiederholen
würde. Das Herauspräparieren einzelner Fakten - etwa eine marktpsychologische
Image-Analyse - wird den Bezugssystemen psychologischen Handelns in komplexen
Schlüsselwörter: Forensische Psychologie und Psychiatrie; Beruf des Psychologen; Aufgaben und Konflikten nicht gerecht. Um deren Zusammenhang zu verstehen,
berufliche Sozialisation; berufliche Identität müssen wir den Blick vielmehr auf die beruflichen Alltagserfahrungen von Psycholo-
ginnen richten: Diese wirken als Sozialisationsinstanz in die Psychologie hinein wie
auf die Menschen, die mit ihr zu tun haben. Im Mittelpunkt meiner Überlegungen ste-
hen daher m.E. bezeichnende Konfliktkonstellationen psychologischen Handelns.

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Solche Konflikte versuche ich anhand eigener Erfahrungen aus meinem Berufsfeld, Diskurses „'im Schutz' der Gänsefüßchen", also potentiell defensiv geführt wird
dem therapeutischen Maßregelvollzug, der forensischen Psychiatrie, Psychologie und (AUTHIER, 1983).
Psychotherapie zu verdeutlichen. Dieses Feld bietet sich nicht nur an, weil es eben
„meines" ist, sondern auch in Anbetracht der breiten Aufmerksamkeit, die es in den
letzten Jahren öffentlich einnimmt (man denke an die Medienrepräsentanzen „Kinder-
schänder", „Monsterkids", „Intensivtäter" usw.). Hier bündeln sich gesellschaftliche
2. Das Dispositiv der Grenzziehung
Erwartungen an psychologisches Handeln, und gerade hier muß sich auch die Ver- Seit der Ausdifferenzierung verschiedenster Praxisfelder der Psychologie (vgl. JÄGER,
schränkung mit anderen Berufsgruppen bewähren. 1985) ist im Fach kaum mehr strittig, daß praktisch tätige Psychologinnen eingebettet
in Vorkehrungen sozialer Kontrolle arbeiten. Ordnungs-, Sozial- und Gesundheits-
Die Annäherung an Rollenbilder psychologischen Handelns über berufliche Konflikte
politik, Institutionen und Organisationen bestimmen ihre Praxis und Ziele: rechtlich,
und Sozialisation erfordert eine widerläufige Bewegung, nämlich einerseits eine me-
wirtschaftlich, kulturell, hinsichtlich der von ihnen geforderten Beurteilungs- und
thodische Abtrennung von Forscher und Gegenstand - „Um die eigene Kultur, in die
Entscheidungsmaßstäbe und -techniken sowie der dafür erforderlichen Kompetenzen.
ich als Forscher verstrickt bin, zu verstehen, ist eine weitgehende Distanzierung not-
Auftreten, Theorien, Methoden und Entwicklung der Psychologie sind nur im Rah-
wendig" (KREUZER-HANSTEIN, 1992, S. 59) -, andererseits aber die Verknüpfung
men historisch-struktureller Regelsysteme überhaupt verständlich. Und dies ist der
beider - sozialer und psychischer - Strukturen. Ich möchte versuchen, dieses Para-
dispositive Kontext unseres wissenschaftlichen Arbeitens, in dessen Rahmen das ge-
doxon mit einem reflexiv-narrativen Herangehen an Brenn- und Bruchpunkte psycho-
samte Fach gewissermaßen wie eine Trägerkonstruktion eingebettet ist.
logischen Handelns zu überbrücken. Dieses ruft auch in Erinnerung, daß Selbstbilder
nicht „naiv" synchron wirken, sondern geschichtliche Tiefe haben, daß sie aus kol- Eine wachsende Zahl wissenschafts- und sozialgeschichtlicher Untersuchungen zeigt
lektiven Erfahrungen entstehen. Deshalb werden die Konfliktskizzen immer wieder die Bindungen theoretischer und methodischer Standpunkte der Psychologie an ge-
auch um die Frage kreisen, welche Erfahrungen uns zu unseren Selbstbildern gebracht sellschaftliche Diskurse und Machtkonstellationen, problematisiert sie als gesell-
haben und wie man solche Erfahrungen sinnvoll in die Weiterentwicklung unserer be- schaftsspezifische Politiken der Wahrheit. Besonders prägnant sind diese Korrespon-
ruflichen Handlungsmöglichkeiten und Selbstverständnisse einbringen könnte. denzen für die klinische Psychologie erforscht; denn „der Mensch ist eine psycholo-
gisierbare Gattung erst geworden, seit sein Verhältnis zum Wahnsinn eine Psycholo-
Damit wird dieser Aufsatz um den subjektiven Pol einer - z.T. retrospektiven - Sicht
gie ermöglicht hat, d.h. seit sein Verhältnis zum Wahnsinn äußerlich durch Ausschluß
auf Psychologie oszillieren und den Verfasser als „ich"-sagende Person einführen.
und Bestrafung und innerlich durch Einordnung in die Moral und durch Schuld defi-
Selbstthematisierungen jedoch sind in der wissenschaftlichen Literatur nicht nur un-
niert ist" (FOUCAULT, 1968, S. 113). So besteht der Auftrag von Psychologie inner-
üblich, sondern gelten geradezu als anstößig. Doch wenn die Erörterung charakteristi-
halb der psychiatrischen Institutionen in einer „Grenzsicherung" (DÖRNER, 1988)
scher psychologischer Erfahrungsbereiche, wenn die Darstellung einiger Selbst- und
/.wischen ungefährlichen Vernünftigen und gefährlichen Unvernünftigen. „Damit die-
Fremdattribuierungen mehr sein soll als eine Aneinanderreihung abstrakt-
se Aufgabe ordnungsgemäß erfüllt wird, wurde es einmal als nützlich angesehen,
generalisierter Aspekte, muß ein selbstreflexiver Bezug 7.11 einem konkreten Selbst
Psychiater und Psychotherapeuten von der philosophischen Reflexion abzukoppeln,
und seiner Subjektivität hergestellt werden. Insofern gebietet die Aufgabenstellung
damit sie sich im positivistischen Glauben an ihre Wissenschaft nicht stören lassen"
den Versuch einer Selbstthemaüsierung, zumal wir dies im Rahmen angewandter
(DÖRNER, 1988, S. 451). Diese gesellschaftlich gewollte, ja, erforderliche Blindstelle
Psychologie, z.B. psychologischer Beratung oder Behandlung, unseren Klienten oder
mache aber, so DÖRNER weiter, die Wiedereinführung auch philosophischen Refiek-
Patienten wie selbstverständlich abverlangen (HAHN, 1987). In der Selbstthematisie-
tierens in Psychologie und Psychiatrie erforderlich, um deren Praxis gegen ihre eigene
rung wird die Anonymität erzeugende Objektivität aufgegeben, werden das themati-
Gefährlichkeit zu schützen.
sche Bewußtsein und erkenntnisleitende Interesse exponiert, so daß ein Teil dieses

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Diese Forderung wendet sich an die „andere Seite" der Psychologie, die ja ihren Ur- eine vergleichbare Psychologiekompetenz erwerben". BAUMANN (1996, S. 694) be-
sprung in einem Projekt der aufklärerischen Vernunft hat. Gerade dieses Fortschritts- tont die „Fundierung der allgemeinen Psychotherapie durch die Psychologie. Die Psy-
projekt aber ist in diesem Jahrhundert ins Schlingern geraten: Aufklärung steht unter chologie mit der Breite an Erkenntnissen gewährleistet eine allgemeine Psychothera-
Verdacht, sich auf käufliche und manipulative Zweckrationalität zurechtstutzen zu pie und vermindert das Risiko des Schulendenkens".
lassen und nur mehr von ihrem Mythos zu leben (HORKHEIMER & ADORNO, 1947). Die letzte Aussage - besser wohl Hoffnung - zeigt an, wie die gesellschaftlichen
Die Moderne selbst wird als ein Vorhaben bloßgestellt, in dem alles Mehrdeutige, Handlungsbedingungen dem fachlichen Konsens Sollbruchstellen einfügen. Erstens
Andere und Fremde in der Logik binärer Dichotomien vernichtet werden muß, weil es verkürzt die Gleichsetzung von Psychologie mit Psychotherapie unsere klinisch-
die „Reinheit" sozialen Funklionierens bedroht (BAUMAN, 1992). Das Projekt der psychologische Tätigkeit in unzulässiger Weise, umfaßt psychologische Beratung und
Aufklärung scheint selbst zum Bestandteil des Problems geworden zu sein, das es zu Behandlung doch mehr bzw. anderes als ausschließlich Psychotherapie. Hier entsteht
lösen beabsichtigte. mit der Fixierung auf die Approbation eine Verengung der (Selbst-)Wahrnehmung
Dieser Widerspruch greift unmittelbar in den Alltag psychologischer Berufspraxis wie der Theoricbildung. Das Berufsbild kann zweitens durch die gesellschaftlichen
hinein, wo es ja um Bestimmung, Zuschreibung und Formierung von Identitäten, Rahmenbedingungen („Richtlinien") auf die Zugehörigkeit zu Schulen konzentriert
Spielräumen und Ambivalenzen geht. Gerade im gesellschaftspolitischen Bereich des werden. Hiergegen müßten Fach- und Berufsverbände übergreifende ethische und be-
kongenialen Zusammenspiels wissenschaftlicher, administrativer und therapeutischer handlungsbezogene Standards für klinische und therapeutische Praxis entwickeln,
Diskurse hat sich der instrurnentelle Charakter der Vernunft in einer Weise verselb- doch gerade sie geraten unter die Handlungszwänge der Sollbruchstellen. Erinnert sei
ständigt, daß er - im gesellschaftlichen Alltag wie in den Wissenschaften - Aspekte an die Konflikte verschiedener Fachvereinigungen im Vorfeld des PThG, die sich
des Irrationalen, Affektiven, Imaginären oder Unbewußten in einer Weise denunziert aber auch innerverbandlich wiederholten: Als das BDP-Zertifikat „Klinischer Psycho-
und ausschließt, daß dieses Verdrängte in den sozialen Repräsentationen unweigerlich loge" vor Jahren zu „Klinischer Psychologe/Psychotherapeut" erweitert wurde, gab
wiederkehrt. schon der Schrägstrich in der Mischidentität unfreiwillig eine Spaltung innerhalb der
neuen Verbindung an. Entsprechend bekam die BDP-Sektion „Klinische Psycholo-
gie" Konkurrenz durch den „Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen", kam
es zu Doppelmitgliedschaften, Übertritten, Vorstandskonflikten, Auseinandersetzun-
3. Psychologie / Psychotherapie: Spaltung in Verbindung
gen in und mit dem Verbandspräsidium usw. - jedoch weder zu einer Klärung der
BAUMANN (1996, S. 693) dürfte den fachlichen Konsens zusammenfassen: Er nennt Gemeinsamkeiten in Sachfragen und Interessen noch zur Herausbildung je charakte-
Psychologie als besonders wichtige Determinante der Psychotherapie. Die Psy- ristischer Profile. Diese Und/Oder-Identität wurde durch die seit Anfang 1999 gefor-
chologie als Wissenschaft erbringt maßgebend und umfassend wissenschaftli- derte Approbation neu definiert - bezeichnenderweise durch gesellschaftliche Rah-
che Beiträge zur Psychotherapie, die als Methode im Erleben und Verhalten an- mensetzung, nicht durch eine innerfachliche Lösung. „Psycho" ist nun ggf. per Gesetz
sel/.l: Sie ist daher in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie nicht gleichrangig und Urkunde beides - Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, beides aber in Über-
zu anderen Fächern (u.a. Medizin, Pädagogik, Philosophie, Soziologie, Theo- lappung mit anderen Berufsgruppen und Praxisbedingungen, die die Doppelfunktion
logie) zu sehen. ... Psychotherapie stellt einen Spezialfall klinisch-psycholo- in Ausbildung wie Berufshandeln unter Dauerstreß setzen: Die Verbindung (von Psy-
gischer Intervention dar. chologie und Psychotherapie) steht in ständiger Gefahr der Spaltung: individuell, wis-
senschaftlich, sozial und fachpolitisch.
Psychologie bildet die „Voraussetzung für Psychotherapie. Psychotherapeuten/innen
benötigen ein breites Psychologiewissen auf universilärern Niveau, wie es im Psycho-
logiestudium der Hochschulen angeboten wird. Andere Berufsgruppen müssen daher

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4. Psychologie und Psychoanalyse: Schwestern hinter der Couch? Psychologie und Psychoanalyse haben sich viertens - und sei es durch Kontrastbil-
dung - unübersehbar beeinflußt, und beider Modellvorstellungen und Begriffe haben
Diese nämliche Verstrickung bezeichnet auch das Verhältnis von Psychologie und
Psychoanalyse, und zudem einen zentralen Konflikt in deren Selbstverständnis. Eine fünftens gemeinsam Eingang in Alltagsdenken und -spräche gefunden (vgl. z.B.
Rekonstruktion psychoanalytischer Theoreme (RAPAPORT, 1973) erweist, daß Psy- HERZLICH, 1975; PARKER, 1997). In den „Sozialen Repräsentationen" von Psycholo-
chologie und Psychoanalyse die gesellschaftliche Determination und Ambivalenz ih- gie ist das Setting der Psychoanalyse sehr dominant (SYDOW, in diesem Band). Diese
rer Oegenstandsbereiche, Praxisaufgaben und Konzepte teilen: Alles Verhalten hat kollektive Vorstellung der Medien und Alltagstheorien erweist sich vor dem Hinter-
strukturelle Determinanten, wird situativ wie biographisch-genetisch durch Realität grund ähnlicher Rollenkonfliktc als bemerkenswert realistisch. Es ist daher wahr-
bestimmt, Gesellschaft ist deshalb notwendige Matrix psychischer Entwicklung. Des- scheinlich, daß die „Laientheorien" über Psychologie und Psychoanalyse keineswegs
halb weist auch die Dynamik beider Selbstverständnisse Parallelen auf: blind gegenüber beider Teilhabe am Dispositiv der Grenzziehung sind und daß aus
dieser Einsicht ein Gutteil der verbreiteten, aber der Natur der Sache nach kaum di-
Erstens geht es um Abgrenzung und Schulcnbildung vs. Einheit und Kooperation: rekt in Befragungen zu fassenden Ambivalenz gegenüber Psychologie, Psychoanalyse
FREUD bestimmte Psychoanalyse als „ein Stück Psychologie, nicht medizinische Psy- und Psychotherapie rührt.
chologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften Vorgänge, sondern Psycho-
logie schlichtweg, gewiß nicht das Ganze der Psychologie, sondern ihr Unterbau,
vielleicht überhaupt ihr Fundament" (1955, S. 289). Solche Formulierungen lassen
Dominanz wie Kooperation als Möglichkeiten der Zusammenführung offen, wie auch 5. Konfliktlösung durch Konventionsbildung,
Reaktionen aus der Psychologie sich als Vereinnahmungen lesen lassen. BÜHLER oder: Komplementäre Diskurse
(1978, S. IX) formulierte: „Was die Psychoanalyse angeht, so bin ich der Meinung, Mein eigenes Studium (1972-1977) wurde von einer manifest angloamerikanisch ori-
daß gewisse Trennungsmauern zwischen ihr und der übrigen Psychologie lallen müs- entierten Psychologie geprägt, deren Wissenschaftsverständnis empirisch und stati-
sen". Hiernach wäre Psychoanalyse nicht Unterbau oder Fundament, sondern eben stisch, naturwissenschaftlich und verhaltensorientiert war - zwar konsequent, aber
auch - nur - eine Richtung innerhalb des Faches. eher implizit i.S. eines „hidden curriculums". Erst als ich in der Diplomarbeit auf
phänomenologische Wahrnehmungs- und Bewußtseinstheorien der 20er und 30er Jah-
Zweitens ist die therapeutische Praxis Handlungsziel wie Erkenntnisquelle; doch über
re Bezug nahm, wurden die Kommentare deutlich: „Phänomenologie ist keine Wis-
das Dispositiv der Grenzsicherung üben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
drittens in beiden Feldern einen Druck zur Medikalisierung aus, zum „Hintercouch- senschaft" (so ein Vertreter des Professoriums). Der Gegensatz nomothetischer und
ler" (REINKE, 1987a, S. 159). LACANs bitterböse Kritik lautet, Psychologie sei „das ideographisch-praxeologischer Arbeitsrichtungen gehört indes bis heute zu den So-
Vehikel von Idealen: Die Psyche steht dabei nur Pate, wenn es darum geht, sie in den zialisationsstufen von Psychologinnen (vgl. WITTE, in diesem Band).
Rang einer akademischen Wissenschaft zu erheben" (1964, S. 210). Denn solcherlei BÜHLER betonte 1927, „daß wir im Rahmen des Ganzen die sogenannte geisteswis-
Psychologie unterwerfe sich den Gesetzen des Marktes, gebe „sich und mit ihr Freud" senschaftliche Psychologie nicht entbehren können" (1978, S. IX). Deren Verschwin-
darin gesellschaftlich dominierenden Interessen preis (LACAN, 1964, S. 211). Aber den in Deutschland mag mit den NS-Erfahrungen zusammenhängen - obwohl andere,
auch für Psychoanalyse ist das Aufgehen in Strukturen und Konventionen des Medi- heute keineswegs als genierlich empfundene Bereiche des Faches damals ebenfalls
zinbetriebes alles andere als erstrebenswert. Um mit FREUD (1926/1982, S. 291) zu florierten (GEUTER, 1984). Selbstvereinheitlichung durch Methodologie ist vielmehr
sprechen: „Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert, daß die Psychoanalyse eine durch alle Humanwissenschaften verbreitete Form der Abwehr von Angst und
von der Medizin verschluckt werde und dann ihre endgültige Ablagerung im Lehr- Ambivalenz (DEVEREUX, 1984). Bei der Arbeit am Dispositiv der Grenzziehung bie-
buch der Psychiatrie finde,... daß die Therapie die Wissenschaft erschlägt". tet die Methodik mit ihrer Seriosität, Sicherheit und Distanzierung zwischen Objekt
und Subjekt einen Ausweg aus der Unsicherheit allen Handelns, die gerade hier sub-

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jektiv belastend und für die Rollenerfordernisse wie für die Rollenautorität recht hin- Vereinigung erfolgt die (einseitige) Festlegung auf eine Therapierichtung. Auch der
derlich werden kann. Statistische Denkweisen und Werte sind in unserer Gesellschaft institutionelle Arbeitsalltag macht diese Zuschreibungen.
zu allgemein anerkannten Quellen von Normalitätsdefinitionen geworden, ihre wis-
So wurde der von mir drei Jahre geleitete Behandlungsbereich aufgrund der dortigen
senschaftliche Rationalität wird fraglos hingenommen, als Denkmodelle durchdringen
Verwendung psychoanalytisch-tiefenpsychologischcr Modelle zur Genese schwerer
sie Medien, Literatur, Politik, Verwaltung und Wissenschaft gleichermaßen (LINK,
Pcrsönlichkeitsstörungcn von dritter Seite als „psychoanalytisch" apostrophiert, ob-
1996).
wohl dort sowohl verhaltenstherapcutisch als auch tiefcnpsychologisch-psychoanaly-
Pluralität der Psychologie(n) ist deshalb nicht nur als Integrationsmodell auseinander- tisch ausgebildete Psychologinnen arbeiteten. Gerade in der gegenseitigen Ergänzung
driftender Richtungen wichtig. In seiner Arbeit über „die Notwendigkeit eines schien eine Chance der gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit mit schwer und
(erklärenden) 'doppelten' Diskurses" zeigte DEVEREUX (1972, S. 19), daß auch zwi- schwerst persönlichkeitsgestörten Rechtsbrechern zu liegen, d.h. im Perspektiven-
schen verschiedenen Diskursformen gegenseitige Irreduzibilität und Komplementart- wechsel der „Schulen", in Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung anstelle von Ri-
tät herrscht, so daß „jede zu weit getriebene experimentelle Untersuchung zerstört, valität oder Spaltung.
was [sie] zu bestimmen sucht". Die Überhöhung der je eigenen Perspektive zeigt sich
Gelegentlich habe ich auch bei Ausbüdimgs- und Supervisionsaufgaben die Erwar-
auch im Umgang zwischen den Disziplinen, aber auch in der Ambivalenz von
tung vorgefunden, erforderliches Wissen und persönliche Kompetenz durch Identifi-
„Praktikern" gegenüber Theorie und „Theoretikern" gegenüber der Praxis (QUHNSliL,
kation mit ausschließlich einer speziellen Theorie und Behandlungspraxis beweisen
1989, S. 397-398): Theorie wie Praxis werden dann jeweils in Anspruch genommen
zu sollen. Alle diese Schemata behindern die komplementäre Verwendung verschie-
als Stigmatisierungs-, Ausgrenzungs-, Sanktions- wie Hilfsautorität, „die man auf der
dener Erklärungsmodelle und verleugnen immer auch (m)eine psychologische Identi-
einen Seite dezidiert von sich weist, um ihr auf der anderen Seite um so unvermittelter
tät.
zu verfallen". Insofern bedarf es innerfachlich eines Differenz angebenden, dynami-
sierenden und garantierenden Widerstreits (LYOTARD, 1989). Dies, indem die unter-
schiedlichen Regelsystemen angehörenden, inkommensurablen Diskurse nicht ge-
geneinander ausgespielt, sondern sachnotwendig i.S. gegenseitiger Anerkennung und 7. Die idealistische Versuchung: Bewegungen in der Praxis
Ergänzung als gleichberechtigte, doppelte Diskurse geführt werden. Insofern ist nicht nur das Amalgam von Psychologie, Psychotherapie und Psychoana-
lyse schwerlich aufzulösen, sondern ist zudem für kritisch-emanzipatorische Me-
tathcorien mit Anwendungsanspruch Bescheidenheit angeraten. Und selbst diese Be-
scheidenheit schützt nicht vor der Verführung durch die eigenen Ideale, die das Mit-
6. Einseitigkeit negiert Fachidentität
machen eines Versuches - einer Versuchung - durch das Modell institutioneller Psy-
Die gleichen Mechanismen einer unter gesellschaftlichem Erwartungsdruck verein-
chotherapie innerhalb des therapeutischen Maßregelvollzuges beinhaltete. Es ging um
seitigten und überhöhten Wissenschaftsauffassung prägen vielfach auch das Verhält-
einen ßehandlungsansalz, der auf Überlegungen der Milieutherapic BinTKt.iiHiMs
nis klinisch-therapeutischer Richtungen und bereiten t-inc Fachkultur der „Schulen"
und den Giundsäl/.cii institutioneller Psychotherapie fußte (s. Koiim'i, 1989) und - bei
(bis hin zu deren Kooperationsunfähigkeit im Angesicht des PsychThG).
allen utopisch-idealistischen Zügen - eine konsequent psychotherapeutische und ko-
Das Anliegen, Therapieansätze als gleichberechtigte Zugänge zum Menschen /.u ver- operative (i.S. einer weitgehend nicht-hierarchischen Institution) Verfassung unseres
stehen und weder in Konkurrenz noch in Ablehnung zu geraten, erweist sich in der Praxisbcrcichs suchte. Ich selbst war der Ansicht, daß dieser Versuch einer psycho-
Praxis als stellenweise schwierig. Mit der Approbation durch Bezirksbehörde und Be- analytischen Behandlung im Maßregelvollzug „aufgrund der Klarheit und Stringenz
arbeitung des Antrags auf bedarfs(un)abhängige Zulassung durch die Kassenärztliche der Konzeption sowie der ... erfolgversprechenden tiefenpsychologisch ausgerichteten

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Therapie und Reflektion des eigenen Handelns besticht" (KOBBE, 1985, S. 280). Die- heitswesens usw. Diese Problematik ereilt aber auch alle anderen psychologischen
se Wortwahl macht retrospektiv deutlich, wie sehr anspruchsvolle und idealistische Felder, wenn sie als Beratung, Behandlung oder Therapie zur angewandten Wissen-
Absichtserklärungen zur „Bestechung" geeignet sind. In der Tat war das Behand- schaft werden. Insofern stehen psychotherapeutische Diskurse zwangsläufig dem
lungskonzept nicht nur außerstande, eine dauerhaft humanistisch-therapeutische Pra- medizinischen nahe, insbesondere dann, wenn sie in psychischen Symptomen ein
xis zu garantieren, sondern drohte gerade durch seine „Stringenz" zu einer Totalisie- Objekt haben, der Normalität verpflichtet sind und das Subjekt gerade diesbezüglich
rung der Therapiceinrichlung beizutragen. - Analoge Erfahrungen machte ein ähnlich primär unter dem Gesichtspunkt seiner Veränderbarkeit betrachten, folglich als nor-
aufwendiges Projekt der rehabilitativen Behandlung von Straftätern (CORNEL, 1987; mativ-strategische Machtdiskurse fungieren.
REINKE, 1987b; TOUSSAINT, 1984): „Psychoanalyse als ein im Kern selbstreflexives, Die Transformation zum Machtdiskurs reflektiert eine vertraute Konstellation psycho-
auf Mündigkeit zielendes Verfahren im Zuge ihrer Institutionalisierung" erzeuge un- logischer Behandlung und Psychotherapie, wo diese nicht an neurotischen Mittel-
ter den gegebenen institutionellen Verhältnissen statt Selbstfindung und Autonomie schichtpatienten orientiert ist, sondern Menschen aus sehr einfachen Verhältnissen
vielmehr „Hierarchie und zunehmende Entmiindigung nach unten" (FABRICIUS, 1990, sowie sozial randsländigem Milieu erreichen muß. Auch die Art und Weise, wie für
S. 338). Straffällige mit dem stigmatisierenden Etikett „Sexualstraftäter" oder „Kinderschän-
der" eine Pflicht zur Behandlung eingeführt wird, betont den funktional-nachsozia-
lisierendcn Aspekt psychologischer Behandlung sowie die Tatsache, daß diese Klien-
8. Normativität und der Diskurs des Herrn: tel von sich aus kaum in Behandlung gekommen wäre. „Sicherung" und
Psychologie und Medizin „Behandlung" gehen ineinander über. Um so dringlicher stellt sich die Frage einer
Ein Teil des beschriebenen „Praxisdrucks" auf Psychologie läßt sich durch eine Handlungs- und Behandlungsethik im Kontext sozialtechnologischer Institutionen.
idealtypische Diskursanalyse der Disziplinen Medizin und - analytischer - Psychothe- Zudem müssen wir davon ausgehen, daß die Menschen die normativ-strategischen
rapie verstehen (vgl. SCHORSCH, 1992; WiDMER, 1990). Denn der medizinische Dis- Wirkungen psychologischen Handelns durchaus wahrnehmen: über die Medien, über
kurs gehört sowohl dem Herren- oder Meisterdiskurs («discours du maitre») wie dem eigene Erfahrungen mit Auswahlverfahren oder Lean-Management-OE usw. Deshalb
Wissenschaftsdiskurs («discours de la science») an. Wesentlich erscheint dabei, daß ist zu erwarten, daß die Ausübung sozialer Kontrolle - der verwissenschaftlichte Dis-
Medizin als angewandte Wissenschaft normative Funktion ausübt, indem sie durch kurs des Herrn - einen integralen Bestandteil des Images von Psychologie bildet.
die Diagnose von Krankheit oder Störung (versus Gesundheit) die Norm(ativität) des
verallgemeinerten Falles diskutiert. Hiermit ist medizinisches Handeln als strategi-
scher und Machtdiskurs charakterisierbar. Der analytisch-psychotherapeutische Dis-
9. Kompetenz und Image als Ressourcen
kurs hingegen wird LACAN zufolge potentiell zum quasi „ohn-mächtigen", reflexiv-
institutioneller Mikropolitik der Professionen
kommunikativen Diskurs, zur Umkehrung des Machtdiskurses: Durch die Beachtung
Die Nähe von Psychologie und Psychotherapie zu den auf Veränderung des Gegen-
von Subjektivität ist er nicht der Objektivität verpflichtet, somit nicht in allen Teilen
wissenschaftlich; ihm fehlt das verdinglichte Objekt; und die normativen Leitbegriffe über, auf „Intervention" hin angelegten Techniken der Behandlung stellt gleichzeitig
(„gesund", „normal") stellt er eher einmal in Frage, als sie gedankenlos zu exekutie- die Frage nach der Abgrenzung von klinischen Psychologen und Ärzten. Zweifelsoh-
ren. ne gibt es ein historisches Machtverhältnis zwischen beiden Disziplinen, das auf dem
Gebiet der Psychotherapie durch PThü und Approbation zumindest ansatzweise re-
Daß diese Zuschreibung der real vorfindbaren Situation nicht (mehr) entspricht, ist duziert wurde. Dennoch beinhaltet die konkrete Praxis ererbte Kränkungspotentiale,
unterschiedlichen Faktoren zuzuschreiben, u.a. der Reduktion von Psychoanalyse auf mit denen Psychologie und alle Psychologinnen umzugehen lernen müssen.
ein Behandlungsverfahren, ihrer Einbindung in das Leistungssystem des Gesund-

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Da ist die Sclilüsselfrage nach der Selbständigkeit im Zusammcnspiel unterschiedli- bietet sich die Verschiebung des Konflikts auf die Ebene fachlicher Spielregeln gera-
cher Berufe bei parallel bestehenden hierarchischen Kompetenzen. Speziell im klini- dezu an: Zwar haben behandelnder Psychiater und psychologischer Psychotherapeut
schen Kontext psychiatrischer Institutionen wurden Psychologen in den siebziger und eine gemeinsame Behandlungsplanung und -Umsetzung bei gegenseitiger Konsulta-
achtziger Jahren zu gleichberechtigten Partnern von Assistenz- und Fachärzten. Sie tion und Information vereinbart, doch unabgesprochen erhält der Patient plötzlich ei-
waren willkommen als Ersatz für die damals zu einer Arbeit in der „Anstalt" nicht be- ne Medikation, und der Psychiater beharrt auf medizinischer Behandlungskompetenz.
reiten Ärzte und übernahmen häufig Stationsleitungen. Sie leisteten zudem Ausgleich, Das Verhältnis der Fächer wird zur Machtressource einer „Mikropolitik mit Patien-
Kompensation und motivationale Unterstützung für unzureichend ausgebildetes, auf ten", der Konflikt wird nicht als bearbeitungsbedürftige Spaltung, als Effekt der Dy-
den geordneten Ablauf von - z.T. sinnentleerten - Stationsroutinen fixiertes Pflege- namik der Patienten und der Institution verstanden, sondern in aggressiver Restaura-
personal. Die Einrichtung von sozialpsychiatrischen Zusatzausbildungen der DGSP tion kurzgeschlossen.
und von Weiterbildungsstälten für Fachkrankenpflege in der Psychiatrie trug Anfang
Verschärfend ist nach Beobachtungen von Kolleginnen aktuell in der Psychiatrie ein
der 80er Jahre zur Qualifizierung und Professionalisierung psychiatrischer Kranken-
Trend zur biologischen Denkweise, zur Akzentuierung neuroanatomischer, -physiolo-
pflege bei; dies mit dem Ergebnis der - für langjährig diesen Status gewohnte Psycho-
gischer o.a. Dispositionen erkennbar. Diese rückwärlsgewandte Reform kündigt sich
logen kränkenden - Übernahme der Slations- oder Wohngruppenleitung durch fort-
bereits in Diagnosen einer „antisozialen" oder „dissozialcn" Persönlichkeitsstörung
gebildete Mitarbeiter des Pflegedienstcs. Inzwischen hat sich auch der Arbeitsmarkt
von ICD bzw. DSM an. Es handelt sich keineswegs um klinische Diagnosen einer
für Ärztinnen gewandelt - mit den bekannten Konsequenzen für Psychologinnen.
psychischen Störung, sondern um eine Art sozialer Normfeststellung im Gewand kli-
Meine Erlebnisse in einem sozialpsychiatrisch umzugestaltenden Großkrankenhaus nischer Begriffe, deren sich das Dispositiv der Grenzsicherung bedient. „Die Homo-
haben mir vermittelt, daß parlnerschaftliches, komplementäres Mileinander-Arbeiten sexualität hat die Bühne der psychischen Störungen mit dem Erscheinen von DSM-III
verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenpfleger, verlassen; die antisoziale Persönlichkeit hat sie betreten. Ihre Umschreibung ist voller
Bcschäftigungslherapeuten u.a.) nicht nur praktikabel, sondern für Patientinnen, Mit- sozialer Ressentiments, die jener des klassischen 'Psychopathen' in vieler Hinsicht
arbeitinnen und Institutionen darüber hinaus förderlich ist. Doch immer häufiger kon- recht nahekommen" (FlNZEN, 1998, S. 76).
vergieren berufsständisches und hierarchisches Selbstvcrständnis in schwer auflösba-
Zur biosozialen Wendung eines Teils der Psychiatrie, die sich auch in zahlreichen
rer Weise. Das Verhältnis von Psychiatern und Psychologen umfaßt auch eine - meist Medienereignissen spiegelt, wäre nun eine Stellungnahme der Psychologie erforder-
unausgesprochene - Konkurrenz: Waren Psychologen in den siebziger und achtziger lich. Die Kompetenz und das Wissen - klinisch-psychologische Forschungsergebnisse
Jahren noch Lückenbüßer im psychiatrischen Krankenhaus, so sind sie heute mitunter
und entwicklungspsychologisch-psychodynamische Theoriebildung - wären vorhan-
mit Coaching oder Supervision der Medizinerinnen beauftragt. Das stülpt herkömmli- den. Hier läge eine Chance, durch fundierte und konsistente Wortmeldungen die
che Selbstverständnisse um und löst standespolitische Gegenreaktionen aus, dies so- Kompetenz von Psychologie als eigenständig-gleichberechtigte Wissenschaft wahr-
wohl in der Gesamtstruktur (Ausschluß von Psychologinnen aus leitenden Positionen) zunehmen. Dies erfordert allerdings eine Reflexion der eigenen professionellen
als auch in der institutionellen Mikropolitik. So kann - wie in der o.a. bereichsleiten- Identität, eine (Rück-)Besinnung der Psychotherapeuten auf ihre psychologischen
den Funktion - ein Psychologe zum StuiHman des Psychiaters werden, indem er des- Wurzeln. Und es erfordert Standvermögen gegen die zeitgeistigen Strömungen - ein
sen krisengeschüttelten Klinikbcrcich leitend übernimmt - allerdings kommissarisch, Vermögen, das die Fachverbände durch Koordination von Expertisen unschwer er-
wohlgemerkt. mutigen könnten. Doch gerade sie geben defensiv den vorweggenommenen Erwar-
Die psychiatrischen Kollegen werden ihre Ambivalenz gegenüber gut ausgebildeten, tungen öffentlicher Meinung nach und verhalten sich still - ein Beispiel dafür, wie
u.U. bcrufserfahreneren Psychologen zunächst nicht offen zeigen, jedoch auf den viel Image mit selbsterfüllenden Prophezeiungen zu tun hat.
Moment warten, in dem diese generelle Kränkung beantwortet werden kann. Dafür

205
10. Ethik des Be-Handelns als Schlüssel chen Standards verpflichtet, allen ausgrenzenden, erzieherischen oder Behandlungser-
zum Verständnis psychologischen Handelns folg erzwingenden Absichten, d.h. sozialen Normierungen oder aktuellen Ideologien,
weitmöglichsl zu entziehen.
Zentral für das Bild, das andere Menschen, andere Berufe, potentielle Klienten und
wir selber von unserem Tun haben, sind offenbar implizite Regeln des Be-Handelns, Wie ersichtlich, tragen die repressive Struktur und „zynisch" reglementierende Praxis
des verantworteten Umgangs mit dem Dispositiv der Grenzsicherung, also eine psy- der Institutionen dazu bei, die therapeutischen Ideale zu destruieren (SLOTERDUK,
chologische Handlungs- und psychotherapeutische Behandlungsethik. Das „Wörter- 1983); angesichts der Verstrickung von Psychologie in Grcnzsicherung und Macht-
buch des Unmenschen" spitzt zu, daß „schon das Verbum 'Behandeln' ... eine Affini- ausübung sind Bescheidenheit und Selbstkritik vonnöten. Sich diesem Konfliktfeld
tät entweder zu schlechten, harten, gemeinen Subjekten oder aber zu schadhaften, ih- dennoch zu stellen, politisiert unausweichlich jede psychologische Berufsausübung:
rer lebensvollen Selbständigkeit schon beraubten Objekten der Behandlung" bedeutet, Sie fordert zur Klärung eigener wie fremder Positionen, zur Neuformulierung eigenen
„zu Verhältnissen der Unterdrückung oder Abhängigkeit ... Wer immer ... behandelt, Selbstverständnisses. Diese Politisierung teilt Psychologie mit fast allen gesellschaft-
tut es ... aus einer Position der Herrschaft... Behandlung von Menschen ist eben nicht lichen Handlungsfeldern: Nirgendwo mehr sind die eingespielten Selbstverständlich-
weit von Mißhandlung entfernt" (STERNBERGER, STORZ& SÜSKIND, 1962, S. 89). keiten unangreifbar, nirgendwo schweigt der Zweifel über die Abtretung von Hand-
lungsnormcn an Makrosystcme (BECK, 1993).
Ein Ansatz, das erstarrte Entweder-Oder, dieses Verhaken von Subjekt- und Objekt-
Positionen zu verhindern, wäre, das Gegenüber sprachlich, kulturell, individuell glei- Da wir die Patienten wie auch uns Behandler nicht unabhängig von der Realität ver-
chermaßen als Subjekt anzuerkennen: „Man kann eine Person nicht aus ihrem sozia- stehen können, in der wir leben, müssen Psychotherapeutinnen das soziale Umfeld
len Kontext reißen und sie weiterhin als Person ansehen oder als Person behandeln. anders erfassen und reflektieren können als ihre Patientinnen.2
Wenn man aber aufhört, den Anderen als Person zu behandeln, dann hört man selber Psychologisches Handeln ist deshalb in gesellschaftlicher Realität und deren Rahmen-
auf, Person zu sein" (LAING, 1969, S. 96). Hierfür bedarf es einer eigenen, selbstbe- setzungcn begründet; Psychologie als Wissenschaft wie Psychologinnen müssen sich
wußt-bescheidenen Position(ienmg) und einer praktisch-selbstkritischen Ethik. Diese entsprechend mit diesen Grenzsetzungen und ihrem eigenen Beitrag auseinanderset-
sollte dazu dienen, „sich von sich selber loszumachen", das heißt, das eigene Denken zen. Namentlich „einfühlende und sorgfältige" Psychotherapie muß versuchen, „die
zu modifizieren, sich ständig in den Stand zu versetzen, auch unter dem Druck des unbewußt verlaufenden adaptiven und kognitiven Funktionen des Ich zu gesellschaft-
Realen ethisch zu handeln, mithin sich - und den Patienten - anders zu beherrschen als lichen Vorgängen in Beziehung zu setzen" (PARIN, 1983, S. 44) - was aber nur so
mit „veralteten Schlagwörtern und den kaum erneuerten Techniken der anderen" weit gelingen kann, wie wir selbst diese Prozesse durchschauen.
(FoucAULT, 1989, S. 29).
Die Analyse und Beschreibung aktueller Systemdynamik erst ermöglicht dem gesell-
Nicht aus Approbation oder ähnlich attestierter Kunstfertigkeit erlangen Psychologin- schaftlich dezentrierten Therapeuten wie dem sozial ausgegrenzten Patienten einen
nen Befugnisse: Da sich, „wer Menschen behandeln will, ... selber über den Men- „Wandel vom dekontextualisierten zum kontextualisierten Ich" in einer Weise, daß er
schen setzt", ist ihm - „um 'Gcmeinschaftsfähigkeit' 7,11 erlangen" (STERNBERGER ET wieder „in das historische soziale, kulturelle und sprachliche Beziehungsgeflecht"
AL., 1962, S. 90) - als „un-bedingte" Ethik auferlegt, sich der „Norm der Normen"' zu reintegriert wird (HELLERICH & WHITE 1992, S. 10). Identifikation und Distanzierung
unterwerfen, die uns Therapeuten anhält, jedem kranken, gestörten, leidenden Indivi- erweisen sich als komplementäre Charakteristika psychologischen Engagements.
duum adäquate Behandlung und Fürsorge zu garantieren, um sich, nur diesen fachli-

Aus einem Vortrag von PAUL RlCOEUR (1998): La prise de decision sur le plan judiciaire et le
plan mddical. XXIIIe Congres International de Droit et de Sante Mentale. Laboratoire d'Ethique Dies gilt für Expertenhandeln allgemein: Sähen Expertinnen die Welt wie ihre Klientinnen oder
Medicale et de Sante Publique, Faculte de Medecine de Necker, Universite Paris V (28.06.- Auftraggeberinnen, hätten sie nichts Neues zu sagen, sind sie doch letztlich Expertinnen des
03.07.98); Übers, durch den Autor. Scheiterns oder Versagens der anderen...

206 207
11. Die Mühen der Abwägung als berufliche Aufgabe Vor diesem Hintergrund können wir das Dispositiv der Grenzsicherung als grandiose
Wenn sich Psychologinnen demzufolge als geschichtliche Subjekte begreifen Veranstaltung kollektiven Machbarkeitswahns und gesellschaftlicher Angstabwehr
(müssen), bedarf auch Psychologie als Wissenschaft einer historischen Einordnung. einordnen; und wir begreifen, warum das Beharren ernsthafter Psychologie auf den
So stellt sich für Psychologie und Psychotherapie - speziell im Handlungssystem Besonderheiten des einzelnen und seiner Spielräume eine Kränkung für die Gesell-
„Maßregelvollzug" - die Frage nach Kriterien des Fortschritts, hinsichtlich der poten- schaft bedeutet - eine Kränkung, die mit Ablehnung des Faches geahndet wird.
tiell disziplinierenden Strategien angewandter Psychologie und institutionalisierter Hier liegt aber auch der Ansatzpunkt für die Entwicklung und Vertretung einer Ethik.
Psychotherapie und für die Analyse der therapeutischen Praxis. Diese selbstreflexive Aus der subjektiven Realität des Psychotherapeuten in der phantasmatischen Bezie-
Anwendung macht die Bewältigung realer Problemsituationen und Aufgaben zu- hung zum Patienten - seiner Besorgnis um den konkreten Patienten und Sorge für ihn
nächst nicht unbedingt einfacher. Sie macht sie dafür aber in der Wahrnehmung direk- - wäre eine Haltung der Sorge abzuleiten und auch eine „Ethik des Eingreifens"
ter und indirekter Resultate psychologischer Vernunft bzw. der Erzeugung iatrogener (KOBBE, 1998a). Eine solche verlangt, dem politischen Handlungsdruck und sozial-
Artefakte konkret und erst so vcrantwortbar; andererseits macht erst sie praktisch technologischen Effizienzerwartungen ein Tabu entgegenzustellen, um den psycho-
handlungsfähig. therapeutischen Raum z.u garantieren und die Freiheit, ohne Diffamierung anders
Wenn wir einen Handlungsbereich meines Bcrufsfeldes als Beispiel heranziehen, be- bleiben zu können, zu schützen.
deutet dies, daß in der forensisch-psychologischen Praxis einerseits die Unmöglich- Abgefordert wird den psychologischen Therapeuten somit ein inneres Gleichgewicht,
keit wissenschaftlich abgesicherter, replizierbarer, (absolut) sicherer und zeitüberdau- das die Gegenübertragungsaffekte einschließlich der - uneingestandenen - Angst vor
ernder Prognosen der Gefährlichkeit, des Behandlungscrfolgs usw. zu formulieren ist. der therapeutischen Ohnmacht ertragen und dabei hilft, „bei einem Menschen auszu-
Und dennoch müssen wir uns andererseits der Anstrengung unterziehen, uns dem Ri- harren, auch wenn man weiß, daß man ihm nicht helfen kann - und zwar ohne in das
siko der falsch-positiven wie falsch-negativen „overprediction"-Prognoscn zu stellen Gefühl des Scheiterns oder Gescheitertseins zu fallen" (LA1NG, 1980, S. 52). Denn
(KOBBli, 1998b) und die Prognosekriterien und -invenlare zu verbessern. erst in der Selbstkonfrontation, im Eingeständnis der eigenen Schwäche ist es mög-
lich, Ohnmacht zu ertragen und aktiv mit ihr umzugehen. Diese Haltung impliziert die
Aufgabe psychotherapeutischer Größen- und Allmachtsphantasien, aber eben auch
den Abschied von therapeutischen Ohnmachts- und Insuffizienzgefühlen: Sie erkennt
12. Mäßigung als Kunst psychologischen Handlungsraums
die eigene Verstrickung des Behandlers an. Damit aber wäre eine Haltung gewonnen,
CARUSO (1972, S. 142) charakterisiert Psychoanalyse als in der die „Therapieunfähigkeit" weder dem Patienten noch dem Behandler schuld-
die Kunst, langsam und nur nach Maß der Möglichkeil das zerrissene Gewebe haft attribuiert werden muß und der Mangel im positiven Sinne begriffen werden
der individuell gelebten Geschichte /u flicken. Sie ist eine mühsame Praxis mit kann. Dies legt die Erwartung nahe, in der Arbeit mit diesen widersprüchlichen Pa-
einem alltäglichen konkreten Menschen, der spektakuläre Erfolge in der Regel tienten deren und die eigene Ambivalenz quasi „ohn-mächtig" auszuhalten, ihre
versagt bleiben Und so hebt sich das Hoffnungslose in der Psychoanalyse wie- scheinbar statische Dynamik mitzumachen und den Zwiespalt ohne Polarisierung, oh-
der auf; sie ist nämlich desillusionierende Skepsis, aber gleichzeitig auch eine ne Entwertung, ohne einseitiges Machtbedürfnis zu bewältigen.
hartnäckige, fast unsinnige Hoffnung darauf, daß der Mensch sich dazu aufrufe,
Die psychotherapeutische Haltung erweist sich so als eine Befähigung, auf die aus
mehr Mensch zu werden.
unvereinbaren Gegensätzen erwachsenden Ansprüche oder Begehrlichkeiten zu ant-
Das läßt sich auf Psychotherapie und Psychologie verallgemeinern. worten. Eine solche Haltung ist in Institutionen immer auch „politisch", da sie soziale
„Selbstverständlichkeiten", gesundheitspolitische Positionen oder fachliche Forde-
rungen einer fortwährenden Prüfung unterzieht.

208 209
Insofern taugen Psychologie und Psychotherapie nicht als gesellschaftstherapeutische eigenen Waffen schlägt, daß bei parasitärer Nutzung niemandem langfristig gedient
Interventionsstrategie (KOBBE, 1995): Sie wirken in dieser widerständigen Betrach- ist". Gerade dann nämlich, wenn Psychologie ihre Handlungskompetenz und Inter-
tungsweise eher problemgenerierend denn problemlösend. Sie leiten dazu an, Lebens- ventionsmacht forsch hervorhebt, bietet sie sich als Sündenbock geradezu an, wenn
praxen als historisch (d.h. bedingt und veränderbar) zu verstehen und politische wie Erwartungen enttäuscht werden (s. z.B. die schulpsychologische Fallstudie in SELVI-
historische Realität auf korrespondierende Pliantasmen zu untersuchen. Sie drängen NI-PALAZZOLI ET AL., 1991) - und das ist in konflikthaften gesellschaftlichen Situa-
auf Erweiterung unserer Kenntnisse der historischen, imaginären und symbolischen tionen fast immer der Fall.
Aspekte vermeintlich rein ökonomisch-zweckrationaler Institutionen. Die psychothe-
Eine andere Strategie wäre die als psychotherapeutische Haltung oben vorgeschlagene
rapeutische Haltung kann daher - analog SCHNEIDERS Ausführung zur Psychoanalyse
Weise. Sie läßt Psychologen - im Gegensatz etwa zu Psychiatern - als Störer institu-
(1988, S. 70) - „wohl nichts anderes heißen, als sich allen gestellten Konsensz.umu-
tioneller Routinen erscheinen. Denn die Aufgabe des Psychologen als Wissenschaftler
tungen gegenüber abstinent, also kritisch zu verhalten".
wie Psychotherapeut kann nicht darin bestehen, anderen zu sagen, was sie zu tun ha-
ben, sondern - so FOUCAULT (1989, S. 27-28) - „die Gewohnheiten des Handelns und
des Denkens aufzurütteln, die eingebürgerten Selbstverständlichkeiten zu sprengen,
13. Die Vielfalt ausschöpfen: Für eine Öffnung und Erneuerung die Regeln und die Institutionen neu zu vermessen". Offenbar fordert diese Haltung
psychologischer Professionalität dem Einzelnen einige Standhaftigkeit und Widerständigkeit ab. Doch haben - worauf
KANTS Aufruf zum Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit weiterführend, die Gruppenstudien Moscovicis immer wieder hinweisen - konsistent und kontinu-
fordert FOUCAULT (1984) uns auf, nicht nur zu entdecken, was wir sind, sondern es ierlich auftretende Minderheiten eine gute Chance, den Wertekonsens der Mehrheiten
zugleich zu verweigern. Für die Entwicklung unserer fachlichen Identität - und damit in ihrer Richtung zu beeinflussen (MOSCOVici & DOISE, 1994).
unserer individuellen Handlungsspielräume - scheint das nach den bisherigen Überle- Damit verschiebt sich die Aufgabe fachlicher Organisationen: Das Berufsbild, die
gungen ein nur bedingt hilfreicher Hinweis. Denn wir vermögen uns in unserem be- soziale Identität und die Handlungsspielräume von Psychologinnen könnten sie dann
ruflichen Handeln nicht neben die Gesellschaft zu stellen, jenseits ihrer Dispositive günstig beeinflussen, wenn sie für die „Arbeit am Konflikt" soziale und fachliche
sozialer Kontrolle, ihrer institutionellen Rollenvorgaben und Zuschreibungen sozialer Unterstützung böten. Hierzu fällt auf, daß die meisten fachlichen Tagungen gerade
Identität an Psychologinnen. Das, scheint mir, zeigen die Erfahrungen mit zentralen nicht dazu anregen, solche Erfahrungen in die Fachentwicklung einzubringen, son-
Konfliktzonen psychologischer Praxis recht klar. dern sich bemühen, praxisfertige Ergebnisse, effiziente Interventionsformen und wis-
Wie mit dieser Situation umgehen? Eine Strategie, die sich bei Fachverbänden großer senschaftliche Unangreifbarkeit in den Vordergrund zu stellen. Die Reflexion von
Verbreitung erfreut, besteht darin, die Medien durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Konflikterfahrung und beruflicher Sozialisation in unserem Fach ist also gespalten
möglichst oft und lange auf Wichtigkeit und Handlungsmacht des Faches Psychologie und verkürzt: Verbände besorgen die Artikulation wirtschaftlicher und juristischer
hinzuweisen und ihm dadurch langfristig mehr Autorität und Freiräuine zu gewinnen. Interessen, Supervision schult die individuelle Intervcntionskompetenz. neide Ebenen
Diese Strategie hat das Manko, daß sie sich auf fachfrcindc /Aimulnngen einlassen sind nur an einem Ausschnitt unseres Handelns und unserer Erfahrung interessiert.
muß, um Fachautonomie zu erlangen: Um die öffentlichkeitsfähigen Befunde und Beide versagen vielleicht gerade darum auch öfter mal bei ihren Kernaufgaben. Zu-
Interventionen zu erarbeiten und dann in die Medien zu tragen, muß eine ganze Reihe dem sind beide durch Autoritäts- und Funktionsgefälle gegliedert. Zu überlegen wäre,
gravierender gesellschaftlicher Erwartungen bereits erfüllt sein. Ebenso selbstkritisch ob wir andere und für Konflikterfahrungen geeignetere Formen professionellen Aus-
wie ironisch bezeichnen STORATH und DILLIG (1998, S. 251) den so agierenden Psy- tausches entwickeln könnten.
chologen als „Hofnarr" - doch wisse noch niemand, ob das System ihn oder er das „Bewußte Imagebildung setzt Identität voraus; Identität bedarf der Klarheit zu be-
System narrt: Macht wird „leerlaufen, wenn transparent wird, daß sich das System mit rufsethischen und fachlichen Minimalforderungen, bedarf der Kenntnis der Rahmen-

210 211
Bedingungen und Erwartungen der beschäftigenden Institution" (STORATH & DILLIG, zcn von Fachwissen in der Berufspraxis relevant sind. Erfahrungen über den Umgang
1998, S. 251). Diese Kenntnisse auszutauschen und produktive statt adaptive Um- mit institutionellen Konflikten gehören mit Sicherheit dazu.
gangsweisen damit zu entwickeln, ist eine wichtige Aufgabe fachlicher Gesprächs-
formen und Tagungen, aber auch der Ausbildung, des Studiums.
Wenn Professionalisierung und Professionspolitik sich in der Erschließung neuer Literatur
Marktsegmente zu erschöpfen drohen (vgl. HOFF, 1998), so gehen auch wichtige ko- Aulhier, J. (1983). „In Gänsefüßchen reden" oder Nähe und Distanz des Subjekts zu
gnitive Potentiale des Faches verloren. Zur Reflexion beruflicher Konflikterfahrung seinem Diskurs. Argument-Sonderband 98 (S. 59-75). Berlin: Argument.
und Weiterung professioneller Spielräume gehört deshalb die Pflege der Vielfalt der Bauman, Z. (1992). Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Hamburg:
Methoden, Fragen und Verfahren (vgl. MUNDT, 1997), möglichst gleichberechtigt, Junius.
und möglichst systematisch miteinander in eine praxisbezogene Auseinandersetzung
Baumann, U. (1996). Wissenschaftliche Psychotherapie auf der Basis der wissen-
gebracht.
schaftlichen Psychologie. Report Psychologie, 21 (9), 686-699.
Hierbei scheint mir wichtig, daß Psychologinnen sich nicht vorwegnehmend von ei-
Beck, U. (1993). Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Moder-
nem Image oder zugeschriebenen Rollencrwartungen einschränken lassen. Zwei Bei-
nisierung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
spiele:
Bühler, K. (1978). Die Krise der Psychologie. Frankfurt a.M.: Ullstein.
(1) Zur Fachidentität gehört auch die differenüaldiagnostisc'he Tätigkeit, sei es
Caruso, I. A. (1972). Soziale Aspekte der Psychoanalyse. Reinbek: Rowohlt.
durch Beobachtung von Verhalten, Erhebung eines psychischen/psychopatholo-
gischen Befundes, ausführliche Anamnese oder testpsychologische Untersu- Cornel, H. (1987). Psychoanalytisch verstehende Sozialarbeit und Soziotherapie im
chungen. Gerade letztere ist bei nicht wenigen Kolleginnen verpönt, die eine offenen Setting - lebenslageorientierte Rehabilitationshilfen für entwicklungsge-
Entwertung zum „Testknecht" fürchten. Dies ist zwar historisch berechtigt, doch störte Delinquenten und ihre kriminalpolitischen Implikationen. Reprint in: Fo-
verhindert die vorauseilende Ablehnung jede selbstbewußte Entfaltung dieser rensische Psychiatrie und Psychotherapie, l ( I ) (1994), 141-159.
psychologischen Aufgabe. Devereux, G. (1972). Die These. In G. Devereux (Hrsg.) (1984), Ethnopsychoanalyse.
Die komplementaristische Methode in den Wissenschaften vom Menschen
(2) Unter den Erfahrungen der Konkurrenz mit anderen Professionen (die mit Me-
(S. 11-26). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
dizin und Pflegeberufen wurden oben angerissen) hat sich in manchen Feldern
m.E. eine - gewiß auch defensive - Fixierung von Psychologen auf die Domäne Devereux, G. (1984). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt
Psychotherapie eingestellt, mit dem Resultat partieller Negierung der Vielfalt a.M.: Suhrkamp.
und des Profils psychologischer Kompetenzen und Funktionen. Dörner, K. (1988). Über die Randslängigkeit des Menschen. In T. König (Hrsg.),
Selbstkritisch bleibt schließlich nachzufragen, was Psychologinnen für die verschie- Sartre. Ein Kongreß (S. 451-460). Reinbek: Rowohlt.
denen - und hoffentlich neuen - Aufgaben, Felder und Verantwortungen (etwa Lei- Fabricius, D. (1990). Vor dem Teufel ist man nicht einmal im Himmel geschützt.
tungspositionen) qualifizieren soll: wie bei anderen Professionen auch, das Studium Anmerkungen zu E. Reinkes Aulsatz „Soziotherapie mit Straftätern". Psyche, 44
als solches gewiß nicht. Daher müssen wir ernsthaft Reformen der Rahmen- (3), 333-342.
Prüfungsordnung „andenken", etwa die Entrümpelung der (Auswendig-)Lernstoffe Finzen, A. (1998). Dax Pinelsche Pendel. Die Dimension des Sozialen im Zeitalter
des Vordiploms und die Förderung von „Brückenqualifikationen", die für das Umset- der biologischen Psychiatrie. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
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