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Grenzsicherungen:

Gesellschaftliche Erwartungen an Psychologie, Rollenkonflikte und Spielräume im Berufsalltag

Ulrich Kobbe

An Erfahrungsbeispielen und Konfliktfeldem der forensischen und klinischen Psycho- logie untersucht der Beitrag, wie das Image von Psychologie, institutionelle Erwar- tungen an psychologisches Handeln, berufliche Sozialisation und Identität und die Handlungsspielräume psychologischer Praxis interagieren und wie Rollenkonflikte

mit der Bedeutung des Faches als Subsystem soziokultureller Grenzsicherungcn zu- sammenhängen. Die damit verbundenen Brüche sind dem beruflichen Alllag wie auch dem fachliclien Image eingeschrieben. Sie werden im Fach u.a. als wissenschafts- theoretischer Dauerstreit, als Theorie-Praxis-Bruch, als Vereinseitigung von Thera- pie „schulen" und als gleichzeitige Privilegierung und Abspaltung von Psychothera- pie sowie Psychoanalyse aufgetragen. Sie bringen nicht nur individuelles professio- nelles Handeln in Ambivalenzen und fach widrige Anpassungszwänge, sondern bela- sten auch die Kooperationsfühigkeit verschiedener fachlicher Richtungen. Eine Folge ist, daß Psychologie bislang kaum Verständigungsformen und -foren ausbilden konn- te, in denen Psychologinnen sich über ihre Erfahrungen im Umgang mit Institutionen und gesellschaftlichen Envarlungen verständigen, neue Umgangsweisen damit ent- wickeln und auf diese Weise ihre berufliche Identität offensiv - im Sinne einer Inte- gration der Vielfall - entfalten konnten.

Schlüsselwörter:

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Forensische Psychologie und Psychiatrie; Beruf des Psychologen; berufliche Sozialisation; berufliche Identität

Social cxpectations towards psychology,

role conflicts and the margins and liberlies of Professional practice.

Based on case materiell of conflicts in forensic and clinical psychology, the paper analyzes the interaction of psychology's public image, institutionell role sets, and Professional socialization of psychologists in Gennany. Conflicts in Professional practice are linked to the social function of psychology äs a Subsystem maintaining cultural boundaries and delimitntions. This implies systematic patterns of disruption

bolh on the level of everyday performance and of the discipline's social representati- on. Within psychology, such conflicts cause the cleavages of paradigms, of theoretical and applied psychology, of divergent approaches to psychotherapy, and of the sali- ence and ambivalence in allitudes loward psychotherapy and psychoanalysis. These cleavages restrict individual professionell creativity and the capacities for co-

develop

tnedia for a comprehensive discussion of practical role conflicts in terms of a dyna- mic profexsional identity.

operation among different psychological directions. Psychology has failed to

Key words:

Forensic psychology and psychialry; Professional role; Professional socialization; Professional identity

]. Psychologische Identität als Konflikterfahrung - Mögliche Annäherungen

Das Bild „der" Psychologie fassen zu wollen, gestattet keine ausschließlich psycho- logische Annäherung, die gerade die Blindstcllen fachlicher Sichtweisen wiederholen würde. Das Herauspräparieren einzelner Fakten - etwa eine marktpsychologische Image-Analyse - wird den Bezugssystemen psychologischenHandelns in komplexen Aufgaben und Konflikten nicht gerecht. Um deren Zusammenhang zu verstehen, müssen wir den Blick vielmehr auf die beruflichen Alltagserfahrungen von Psycholo- ginnen richten: Diese wirken als Sozialisationsinstanz in die Psychologie hinein wie auf die Menschen, die mit ihr zu tun haben. Im Mittelpunkt meiner Überlegungen ste- hen daher m.E. bezeichnende Konfliktkonstellationen psychologischen Handelns.

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Solche Konflikte versuche ich anhand eigener Erfahrungen aus meinem Berufsfeld, dem therapeutischen Maßregelvollzug, der forensischen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie zu verdeutlichen. Dieses Feld bietet sich nicht nur an, weil es eben „meines" ist, sondern auch in Anbetracht der breiten Aufmerksamkeit, die es in den letzten Jahren öffentlich einnimmt (man denke an die Medienrepräsentanzen „Kinder- schänder", „Monsterkids", „Intensivtäter"usw.). Hier bündeln sich gesellschaftliche Erwartungen an psychologisches Handeln, und gerade hier muß sich auch die Ver- schränkung mit anderen Berufsgruppen bewähren.

Die Annäherung an Rollenbilder psychologischen Handelns über beruflicheKonflikte und Sozialisation erfordert eine widerläufige Bewegung, nämlich einerseits eine me- thodische Abtrennung von Forscher und Gegenstand - „Um die eigene Kultur, in die ich als Forscher verstrickt bin, zu verstehen, ist eine weitgehende Distanzierung not- wendig" (KREUZER-HANSTEIN, 1992, S. 59) -, andererseits aber die Verknüpfung beider - sozialer und psychischer - Strukturen. Ich möchte versuchen, dieses Para- doxon mit einem reflexiv-narrativen Herangehen an Brenn- und Bruchpunkte psycho- logischen Handelns zu überbrücken. Dieses ruft auch in Erinnerung, daß Selbstbilder nicht „naiv" synchron wirken, sondern geschichtliche Tiefe haben, daß sie aus kol- lektiven Erfahrungen entstehen. Deshalb werden die Konfliktskizzen immer wieder auch um die Frage kreisen, welche Erfahrungen uns zu unseren Selbstbildern gebracht haben und wie man solche Erfahrungen sinnvoll in die Weiterentwicklung unserer be- ruflichen Handlungsmöglichkeiten und Selbstverständnisseeinbringen könnte.

Damit wird dieser Aufsatz um den subjektiven Pol einer - z.T. retrospektiven - Sicht auf Psychologie oszillieren und den Verfasser als „ich"-sagende Person einführen. Selbstthematisierungen jedoch sind in der wissenschaftlichen Literatur nicht nur un- üblich, sondern gelten geradezu als anstößig. Doch wenn die Erörterung charakteristi- scher psychologischer Erfahrungsbereiche, wenn die Darstellung einiger Selbst- und Fremdattribuierungen mehr sein soll als eine Aneinanderreihung abstrakt- generalisierter Aspekte, muß ein selbstreflexiver Bezug 7.11 einem konkreten Selbst und seiner Subjektivität hergestellt werden. Insofern gebietet dieAufgabenstellung den Versuch einer Selbstthemaüsierung, zumal wir dies im Rahmen angewandter Psychologie, z.B. psychologischer Beratung oder Behandlung,unseren Klienten oder Patienten wie selbstverständlich abverlangen (HAHN, 1987). In der Selbstthematisie- rung wird die Anonymität erzeugende Objektivität aufgegeben, werden das themati- sche Bewußtsein und erkenntnisleitende Interesse exponiert, so daß ein Teil dieses

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Diskurses „'im Schutz' der Gänsefüßchen", also potentiell (AUTHIER, 1983).

defensiv

geführt

wird

2. Das Dispositiv der Grenzziehung

Seit der Ausdifferenzierung verschiedenster Praxisfelder der Psychologie (vgl. JÄGER, 1985) ist im Fach kaum mehr strittig, daß praktisch tätige Psychologinnen eingebettet in Vorkehrungen sozialer Kontrolle arbeiten. Ordnungs-, Sozial- und Gesundheits- politik, Institutionen und Organisationen bestimmen ihre Praxis und Ziele: rechtlich, wirtschaftlich, kulturell, hinsichtlich der von ihnen geforderten Beurteilungs- und Entscheidungsmaßstäbe und -techniken sowie der dafür erforderlichen Kompetenzen. Auftreten, Theorien, Methoden und Entwicklung der Psychologie sind nur im Rah- men historisch-struktureller Regelsysteme überhaupt verständlich. Und dies ist der dispositive Kontext unseres wissenschaftlichen Arbeitens, in dessen Rahmen das ge- samte Fach gewissermaßen wie eine Trägerkonstruktion eingebettet ist.

Eine wachsende Zahl wissenschafts- und sozialgeschichtlicher Untersuchungen zeigt die Bindungen theoretischer und methodischer Standpunkte der Psychologie an ge- sellschaftliche Diskurse und Machtkonstellationen, problematisiert sie als gesell- schaftsspezifische Politiken der Wahrheit. Besonders prägnant sind diese Korrespon- denzen für die klinische Psychologie erforscht; denn „der Mensch ist eine psycholo- gisierbare Gattung erst geworden, seit sein Verhältnis zum Wahnsinn eine Psycholo-

gie ermöglicht hat, d.h. seit sein Verhältnis zum Wahnsinn äußerlich durch Ausschluß und Bestrafung und innerlich durch Einordnung in die Moral und durch Schuld defi- niert ist" (FOUCAULT, 1968, S. 113). So besteht der Auftrag von Psychologie inner-

psychiatrischen Institutionen in einer „Grenzsicherung" (DÖRNER, 1988)

/.wischen ungefährlichen Vernünftigen und gefährlichen Unvernünftigen. „Damit die- se Aufgabe ordnungsgemäß erfüllt wird, wurde es einmal als nützlich angesehen, Psychiater und Psychotherapeuten von der philosophischen Reflexion abzukoppeln, damit sie sich im positivistischen Glauben an ihre Wissenschaft nicht stören lassen" (DÖRNER, 1988, S. 451). Diese gesellschaftlich gewollte, ja, erforderliche Blindstelle mache aber, so DÖRNER weiter, die Wiedereinführungauch philosophischen Refiek- tierens in Psychologie und Psychiatrie erforderlich, um deren Praxis gegen ihre eigene Gefährlichkeit zu schützen.

halb der

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Diese Forderung wendet sich an die „andere Seite" der Psychologie, die ja ihren Ur- sprung in einem Projekt der aufklärerischen Vernunft hat. Gerade dieses Fortschritts- projekt aber ist in diesem Jahrhundert ins Schlingern geraten: Aufklärung steht unter Verdacht, sich auf käufliche und manipulative Zweckrationalität zurechtstutzen zu lassen und nur mehr von ihrem Mythos zu leben (HORKHEIMER & ADORNO, 1947). Die Moderne selbst wird als ein Vorhaben bloßgestellt, in dem alles Mehrdeutige, Andere und Fremde in der Logik binärer Dichotomien vernichtet werden muß, weil es die „Reinheit" sozialen Funklionierens bedroht (BAUMAN, 1992). Das Projekt der Aufklärung scheint selbst zum Bestandteil des Problems geworden zu sein, das es zu lösen beabsichtigte.

Dieser Widerspruch greift unmittelbar in den Alltag psychologischer Berufspraxis hinein, wo es ja um Bestimmung, Zuschreibung und Formierung von Identitäten, Spielräumen und Ambivalenzen geht. Gerade im gesellschaftspolitischen Bereich des kongenialen Zusammenspiels wissenschaftlicher, administrativer und therapeutischer Diskurse hat sich der instrurnentelle Charakter der Vernunft in einer Weise verselb- ständigt, daß er - im gesellschaftlichen Alltag wie in den Wissenschaften - Aspekte des Irrationalen, Affektiven, Imaginären oder Unbewußten in einer Weise denunziert und ausschließt, daß dieses Verdrängte in den sozialen Repräsentationen unweigerlich wiederkehrt.

3. Psychologie / Psychotherapie: Spaltung in Verbindung

BAUMANN (1996, S. 693) dürfte den fachlichen Konsens zusammenfassen: Er nennt

Psychologie als besonders wichtige Determinante der Psychotherapie. Die Psy- chologie als Wissenschaft erbringt maßgebend und umfassend wissenschaftli- che Beiträge zur Psychotherapie, die als Methode im Erleben und Verhalten an- sel/.l: Sie ist daher in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie nicht gleichrangig zu anderen Fächern (u.a. Medizin, Pädagogik, Philosophie, Soziologie, Theo-

logie) zu

gischer Intervention dar.

Psychotherapie stellt einen Spezialfall klinisch-psycholo-

Psychologie bildet die „Voraussetzung für Psychotherapie. Psychotherapeuten/innen benötigen ein breites Psychologiewissen auf universilärern Niveau, wie es im Psycho- logiestudium der Hochschulen angeboten wird. Andere Berufsgruppen müssen daher

I'X.

eine vergleichbare Psychologiekompetenz erwerben". BAUMANN (1996, S. 694) be- tont die „Fundierung der allgemeinen Psychotherapie durch die Psychologie. Die Psy- chologie mit der Breite an Erkenntnissen gewährleistet eine allgemeine Psychothera- pie und vermindert das Risiko des Schulendenkens".

Die letzte Aussage - besser wohl Hoffnung - zeigt an, wie die gesellschaftlichen Handlungsbedingungen dem fachlichen Konsens Sollbruchstellen einfügen. Erstens verkürzt die Gleichsetzung von Psychologie mit Psychotherapie unsere klinisch- psychologische Tätigkeit in unzulässiger Weise, umfaßt psychologische Beratung und Behandlung doch mehr bzw. anderes als ausschließlich Psychotherapie. Hier entsteht mit der Fixierung auf die Approbation eine Verengung der (Selbst-)Wahrnehmung wie der Theoricbildung. Das Berufsbild kann zweitens durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen („Richtlinien") auf die Zugehörigkeit zu Schulen konzentriert werden. Hiergegen müßten Fach- und Berufsverbände übergreifende ethische und be- handlungsbezogene Standards für klinische und therapeutische Praxis entwickeln, doch gerade sie geraten unter die Handlungszwänge der Sollbruchstellen. Erinnert sei an die Konflikte verschiedener Fachvereinigungen im Vorfeld des PThG, die sich aber auch innerverbandlich wiederholten: Als das BDP-Zertifikat „Klinischer Psycho- loge" vor Jahren zu „Klinischer Psychologe/Psychotherapeut" erweitert wurde, gab

schon der Schrägstrich in der Mischidentität unfreiwillig eine Spaltung innerhalb der

neuen Verbindung an.

gie" Konkurrenz durch den „Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen", kam es zu Doppelmitgliedschaften, Übertritten, Vorstandskonflikten, Auseinandersetzun- gen in und mit dem Verbandspräsidium usw. - jedoch weder zu einer Klärung der Gemeinsamkeiten in Sachfragen und Interessen noch zur Herausbildung je charakte- ristischer Profile. Diese Und/Oder-Identität wurde durch die seit Anfang 1999 gefor- derte Approbation neu definiert - bezeichnenderweise durch gesellschaftliche Rah- mensetzung, nicht durch eine innerfachliche Lösung. „Psycho" ist nun ggf. per Gesetz und Urkunde beides - Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, beides aber in Über- lappung mit anderen Berufsgruppen und Praxisbedingungen, die die Doppelfunktion in Ausbildungwie Berufshandeln unter Dauerstreß setzen: Die Verbindung (von Psy- chologie und Psychotherapie) steht in ständiger Gefahr der Spaltung: individuell, wis- senschaftlich, sozial undfachpolitisch.

Entsprechend bekam die BDP-Sektion „Klinische Psycholo-

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4. Psychologie und Psychoanalyse: Schwestern hinter der Couch?

Diese nämliche Verstrickung bezeichnet auch das Verhältnis von Psychologie und Psychoanalyse, und zudem einen zentralen Konflikt in deren Selbstverständnis. Eine Rekonstruktion psychoanalytischer Theoreme (RAPAPORT, 1973) erweist, daß Psy- chologie und Psychoanalyse die gesellschaftliche Determination und Ambivalenz ih- rer Oegenstandsbereiche, Praxisaufgaben und Konzepte teilen: Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten, wird situativ wie biographisch-genetisch durch Realität bestimmt, Gesellschaft ist deshalb notwendige Matrix psychischer Entwicklung. Des- halb weist auch die Dynamik beider Selbstverständnisse Parallelen auf:

Erstens geht es um Abgrenzung und Schulcnbildung vs. Einheit und Kooperation:

FREUD bestimmte Psychoanalyse als „ein Stück Psychologie, nicht medizinische Psy- chologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften Vorgänge, sondern Psycho- logie schlichtweg, gewiß nicht das Ganze der Psychologie, sondern ihr Unterbau, vielleicht überhaupt ihr Fundament" (1955, S. 289). Solche Formulierungen lassen Dominanz wie Kooperation als Möglichkeiten der Zusammenführung offen, wie auch Reaktionen aus der Psychologie sich als Vereinnahmungen lesen lassen. BÜHLER (1978, S. IX) formulierte: „Was die Psychoanalyse angeht, so bin ich der Meinung, daß gewisse Trennungsmauern zwischen ihr und der übrigen Psychologie lallen müs- sen". Hiernach wäre Psychoanalyse nicht Unterbau oder Fundament, sondern eben auch - nur - eine Richtung innerhalb des Faches.

Zweitens ist die therapeutische Praxis Handlungsziel wie Erkenntnisquelle; doch über das Dispositiv der Grenzsicherung üben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen drittens in beiden Feldern einen Druck zur Medikalisierung aus, zum „Hintercouch- ler" (REINKE, 1987a, S. 159). LACANs bitterböse Kritik lautet, Psychologie sei „das Vehikel von Idealen: Die Psyche steht dabei nur Pate, wenn es darum geht, sie in den Rang einer akademischen Wissenschaft zu erheben" (1964, S. 210). Denn solcherlei Psychologie unterwerfe sich den Gesetzen des Marktes, gebe „sich und mit ihr Freud" darin gesellschaftlich dominierenden Interessen preis (LACAN, 1964, S. 211). Aber auch für Psychoanalyse ist das Aufgehen in Strukturen und Konventionen des Medi- zinbetriebes alles andere als erstrebenswert. Um mit FREUD (1926/1982, S. 291) zu sprechen: „Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert, daß die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt werde und dann ihre endgültige Ablagerung im Lehr-

buch der Psychiatrie finde,

daß die Therapie die Wissenschaft erschlägt".

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Psychologie und Psychoanalyse haben sich viertens - und sei es durch Kontrastbil- dung - unübersehbar beeinflußt, und beider Modellvorstellungen und Begriffe haben fünftens gemeinsam Eingang in Alltagsdenken und -spräche gefunden (vgl. z.B. HERZLICH, 1975; PARKER, 1997). In den „Sozialen Repräsentationen" von Psycholo- gie ist das Setting der Psychoanalyse sehr dominant (SYDOW, in diesem Band). Diese kollektive Vorstellung der Medien und Alltagstheorien erweist sich vor dem Hinter- grund ähnlicher Rollenkonfliktc als bemerkenswert realistisch. Es ist daher wahr- scheinlich, daß die „Laientheorien" über Psychologie und Psychoanalyse keineswegs blind gegenüber beider Teilhabe am Dispositiv der Grenzziehung sind und daß aus dieser Einsicht ein Gutteil der verbreiteten, aber der Natur der Sache nach kaum di- rekt in Befragungen zu fassenden Ambivalenz gegenüber Psychologie, Psychoanalyse und Psychotherapie rührt.

5. Konfliktlösung durch Konventionsbildung, oder: Komplementäre Diskurse

Mein eigenes Studium (1972-1977) wurde von einer manifest angloamerikanisch ori- entierten Psychologie geprägt, deren Wissenschaftsverständnis empirisch und stati- stisch, naturwissenschaftlich und verhaltensorientiert war - zwar konsequent, aber eher implizit i.S. eines „hidden curriculums". Erst als ich in der Diplomarbeit auf phänomenologische Wahrnehmungs- und Bewußtseinstheorien der 20er und 30er Jah- re Bezug nahm, wurden die Kommentare deutlich: „Phänomenologie ist keine Wis- senschaft" (so ein Vertreter des Professoriums). Der Gegensatz nomothetischer und ideographisch-praxeologischer Arbeitsrichtungen gehört indes bis heute zu den So- zialisationsstufen von Psychologinnen (vgl. WITTE, in diesem Band).

BÜHLER betonte 1927, „daß wir im Rahmen des Ganzen die sogenannte geisteswis- senschaftliche Psychologie nicht entbehren können" (1978, S. IX). Deren Verschwin- den in Deutschland mag mit den NS-Erfahrungen zusammenhängen - obwohl andere, heute keineswegs als genierlich empfundene Bereiche des Faches damals ebenfalls florierten (GEUTER, 1984). Selbstvereinheitlichung durch Methodologie ist vielmehr eine durch alle Humanwissenschaften verbreitete Form der Abwehr von Angst und Ambivalenz (DEVEREUX, 1984). Bei der Arbeit am Dispositiv der Grenzziehung bie- tet die Methodik mit ihrer Seriosität, Sicherheit und Distanzierung zwischen Objekt und Subjekt einen Ausweg aus der Unsicherheit allen Handelns, die gerade hier sub-

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jektiv belastend und für die Rollenerfordernisse wie für die Rollenautorität recht hin- derlich werden kann. Statistische Denkweisen und Werte sind in unserer Gesellschaft zu allgemein anerkannten Quellen von Normalitätsdefinitionen geworden, ihre wis- senschaftliche Rationalitätwird fraglos hingenommen, als Denkmodelle durchdringen sie Medien, Literatur, Politik, Verwaltung und Wissenschaft gleichermaßen (LINK,

1996).

Pluralität der Psychologie(n) ist deshalb nicht nur als Integrationsmodell auseinander- driftender Richtungen wichtig. In seiner Arbeit über „die Notwendigkeit eines (erklärenden) 'doppelten' Diskurses" zeigte DEVEREUX (1972, S. 19), daß auch zwi- schen verschiedenen Diskursformen gegenseitige Irreduzibilität und Komplementart- tät herrscht, so daß „jede zu weit getriebene experimentelle Untersuchung zerstört, was [sie] zu bestimmen sucht". Die Überhöhungder je eigenen Perspektive zeigt sich auch im Umgang zwischen den Disziplinen, aber auch in der Ambivalenz von „Praktikern" gegenüber Theorie und „Theoretikern" gegenüber der Praxis (QUHNSliL, 1989, S. 397-398): Theorie wie Praxis werden dann jeweils in Anspruch genommen als Stigmatisierungs-, Ausgrenzungs-, Sanktions- wie Hilfsautorität, „die man auf der einen Seite dezidiert von sich weist, um ihr auf der anderen Seite um so unvermittelter zu verfallen". Insofern bedarf es innerfachlich eines Differenz angebenden, dynami- sierenden und garantierenden Widerstreits (LYOTARD, 1989). Dies, indem die unter- schiedlichen Regelsystemen angehörenden, inkommensurablen Diskurse nicht ge- geneinander ausgespielt, sondern sachnotwendig i.S. gegenseitiger Anerkennung und Ergänzung als gleichberechtigte, doppelte Diskurse geführt werden.

6. Einseitigkeit negiert Fachidentität

Die gleichen Mechanismen einer unter gesellschaftlichem Erwartungsdruck verein- seitigten und überhöhten Wissenschaftsauffassung prägen vielfach auch das Verhält- nis klinisch-therapeutischer Richtungen und bereiten t-inc Fachkultur der „Schulen" (bis hin zu deren Kooperationsunfähigkeit im Angesicht des PsychThG).

Das Anliegen, Therapieansätze als gleichberechtigte Zugänge zum Menschen /.u ver- stehen und weder in Konkurrenz noch in Ablehnung zu geraten, erweist sich in der Praxis als stellenweise schwierig. Mit der Approbation durch Bezirksbehörde und Be- arbeitung des Antrags auf bedarfs(un)abhängige Zulassung durch die Kassenärztliche

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Vereinigung erfolgt die (einseitige) Festlegung auf eine Therapierichtung. Auch der institutionelle Arbeitsalltag macht diese Zuschreibungen.

So wurde der von mir drei Jahre geleitete Behandlungsbereich aufgrund der dortigen Verwendung psychoanalytisch-tiefenpsychologischcr Modelle zur Genese schwerer Pcrsönlichkeitsstörungcn von dritter Seite als „psychoanalytisch" apostrophiert, ob- wohl dort sowohl verhaltenstherapcutisch als auch tiefcnpsychologisch-psychoanaly- tisch ausgebildete Psychologinnen arbeiteten. Gerade in der gegenseitigen Ergänzung schien eine Chance der gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit mit schwer und schwerst persönlichkeitsgestörten Rechtsbrechern zu liegen, d.h. im Perspektiven- wechsel der „Schulen", in Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung anstelle von Ri- valität oder Spaltung.

Gelegentlich habe ich auch bei Ausbüdimgs- und Supervisionsaufgaben die Erwar- tung vorgefunden, erforderliches Wissen und persönliche Kompetenz durch Identifi- kation mit ausschließlich einer speziellen Theorie und Behandlungspraxis beweisen zu sollen. Alle diese Schemata behindern die komplementäre Verwendung verschie- dener Erklärungsmodelleund verleugnen immer auch (m)eine psychologische Identi-

tät.

7. Die idealistische Versuchung: Bewegungen in der Praxis

Insofern ist nicht nur das Amalgam von Psychologie, Psychotherapie und Psychoana- lyse schwerlich aufzulösen, sondern ist zudem für kritisch-emanzipatorische Me- tathcorien mit Anwendungsanspruch Bescheidenheit angeraten. Und selbst diese Be- scheidenheit schützt nicht vor der Verführung durch die eigenen Ideale, die das Mit- machen eines Versuches - einer Versuchung - durch das Modell institutioneller Psy-

chotherapie innerhalb des therapeutischen Maßregelvollzuges beinhaltete. Es ging um einen ßehandlungsansalz, der auf Überlegungen der Milieutherapic BinTKt.iiHiMs und den Giundsäl/.cii institutioneller Psychotherapie fußte (s. Koiim'i, 1989) und - bei allen utopisch-idealistischen Zügen - eine konsequent psychotherapeutische und ko- operative (i.S. einer weitgehend nicht-hierarchischen Institution) Verfassung unseres Praxisbcrcichs suchte. Ich selbst war der Ansicht, daß dieser Versuch einer psycho- analytischen Behandlung im Maßregelvollzug „aufgrund der Klarheit und Stringenz

der Konzeption sowie der

erfolgversprechenden tiefenpsychologisch ausgerichteten

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Therapie und Reflektion des eigenen Handelns besticht" (KOBBE, 1985, S. 280). Die- se Wortwahl macht retrospektiv deutlich, wie sehr anspruchsvolle und idealistische Absichtserklärungen zur „Bestechung" geeignet sind. In der Tat war das Behand-

lungskonzept nicht nur außerstande, eine dauerhaft humanistisch-therapeutische Pra- xis zu garantieren, sondern drohte gerade durch seine „Stringenz" zu einer Totalisie-

Erfahrungen machte ein ähnlich

aufwendiges Projekt der rehabilitativen Behandlung von Straftätern (CORNEL, 1987; REINKE, 1987b; TOUSSAINT, 1984): „Psychoanalyse als ein im Kern selbstreflexives, auf Mündigkeit zielendes Verfahren im Zuge ihrer Institutionalisierung" erzeuge un- ter den gegebenen institutionellen Verhältnissen statt Selbstfindung und Autonomie vielmehr „Hierarchie und zunehmende Entmiindigung nach unten" (FABRICIUS, 1990, S. 338).

rung der Therapiceinrichlung beizutragen. - Analoge

8. Normativität und der Diskurs des Herrn:

Psychologie und Medizin

Ein Teil des beschriebenen „Praxisdrucks" auf Psychologie läßt sich durch eine idealtypische Diskursanalyse der Disziplinen Medizin und - analytischer - Psychothe- rapie verstehen (vgl. SCHORSCH, 1992; WiDMER, 1990). Denn der medizinische Dis- kurs gehört sowohl dem Herren- oder Meisterdiskurs («discours du maitre») wie dem Wissenschaftsdiskurs («discours de la science») an. Wesentlich erscheint dabei, daß Medizin als angewandte Wissenschaft normative Funktion ausübt, indem sie durch die Diagnose von Krankheit oder Störung (versus Gesundheit) die Norm(ativität) des verallgemeinerten Falles diskutiert. Hiermit ist medizinisches Handeln als strategi- scher und Machtdiskurs charakterisierbar. Der analytisch-psychotherapeutische Dis- kurs hingegen wird LACAN zufolge potentiell zum quasi „ohn-mächtigen", reflexiv- kommunikativen Diskurs, zur Umkehrung des Machtdiskurses: Durch die Beachtung von Subjektivität ist er nicht der Objektivität verpflichtet, somit nicht in allen Teilen wissenschaftlich; ihm fehlt das verdinglichte Objekt; und die normativen Leitbegriffe („gesund", „normal") stellt er eher einmal in Frage, als sie gedankenlos zu exekutie- ren.

Daß diese Zuschreibung der real vorfindbaren Situation nicht (mehr) entspricht, ist unterschiedlichen Faktoren zuzuschreiben, u.a. der Reduktion von Psychoanalyse auf ein Behandlungsverfahren, ihrer Einbindung in das Leistungssystem des Gesund-

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heitswesens usw. Diese Problematik ereilt aber auch alle anderen psychologischen Felder, wenn sie als Beratung, Behandlung oder Therapie zur angewandten Wissen- schaft werden. Insofern stehen psychotherapeutische Diskurse zwangsläufig dem medizinischen nahe, insbesondere dann, wenn sie in psychischen Symptomen ein Objekt haben, der Normalität verpflichtet sind und das Subjekt gerade diesbezüglich primär unter dem Gesichtspunkt seiner Veränderbarkeit betrachten, folglich als nor- mativ-strategische Machtdiskurse fungieren.

Die Transformation zum Machtdiskurs reflektiert eine vertraute Konstellation psycho- logischer Behandlung und Psychotherapie, wo diese nicht an neurotischen Mittel- schichtpatienten orientiert ist, sondern Menschen aus sehr einfachen Verhältnissen sowie sozial randsländigem Milieu erreichen muß. Auch die Art und Weise, wie für Straffällige mit dem stigmatisierenden Etikett „Sexualstraftäter" oder „Kinderschän- der" eine Pflicht zur Behandlung eingeführt wird, betont den funktional-nachsozia- lisierendcn Aspekt psychologischer Behandlung sowie die Tatsache, daß diese Klien- tel von sich aus kaum in Behandlung gekommen wäre. „Sicherung" und „Behandlung" gehen ineinander über. Um so dringlicher stellt sich die Frage einer

Handlungs- und Behandlungsethik im Kontext sozialtechnologischer Institutionen.

Zudem müssen wir davon ausgehen, daß die Menschen die normativ-strategischen Wirkungen psychologischen Handelns durchaus wahrnehmen: über die Medien, über eigene Erfahrungen mit Auswahlverfahren oder Lean-Management-OE usw. Deshalb ist zu erwarten, daß die Ausübung sozialer Kontrolle - der verwissenschaftlichte Dis- kurs des Herrn - einen integralen Bestandteil des Images von Psychologie bildet.

9. Kompetenz und Image als Ressourcen institutioneller Mikropolitik der Professionen

Die Nähe von Psychologie und Psychotherapie zu den auf Veränderung des Gegen- über, auf „Intervention" hin angelegten Techniken der Behandlung stellt gleichzeitig die Frage nach der Abgrenzung von klinischen Psychologen und Ärzten. Zweifelsoh- ne gibt es ein historisches Machtverhältniszwischen beiden Disziplinen, das auf dem Gebiet der Psychotherapie durch PThü und Approbation zumindest ansatzweise re- duziert wurde. Dennoch beinhaltet die konkrete Praxis ererbte Kränkungspotentiale, mit denen Psychologie und alle Psychologinnen umzugehen lernen müssen.

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Da ist die Sclilüsselfrage nach der Selbständigkeit im Zusammcnspiel unterschiedli-

cher Berufe bei parallel bestehenden hierarchischen Kompetenzen. Speziell im klini-

schen Kontext psychiatrischer Institutionen wurden Psychologen in den siebziger und achtziger Jahren zu gleichberechtigten Partnern von Assistenz- und Fachärzten. Sie

waren willkommen als Ersatz für die damals zu einer Arbeit in der „Anstalt" nicht be- reiten Ärzte und übernahmen häufig Stationsleitungen. Sie leisteten zudem Ausgleich, Kompensation und motivationale Unterstützung für unzureichend ausgebildetes, auf den geordneten Ablauf von - z.T. sinnentleerten - Stationsroutinen fixiertes Pflege- personal. Die Einrichtung von sozialpsychiatrischen Zusatzausbildungen der DGSP und von Weiterbildungsstälten für Fachkrankenpflege in der Psychiatrie trug Anfang der 80er Jahre zur Qualifizierung und Professionalisierung psychiatrischer Kranken- pflege bei; dies mit dem Ergebnis der - für langjährig diesen Status gewohnte Psycho- logen kränkenden - Übernahme der Slations- oder Wohngruppenleitung durch fort- gebildete Mitarbeiter des Pflegedienstcs. Inzwischen hat sich auch der Arbeitsmarkt für Ärztinnen gewandelt - mit den bekannten Konsequenzen für Psychologinnen.

Meine Erlebnisse in

haben mir vermittelt, daß parlnerschaftliches, komplementäres Mileinander-Arbeiten

verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenpfleger, Bcschäftigungslherapeuten u.a.) nicht nur praktikabel, sondern für Patientinnen, Mit- arbeitinnen und Institutionen darüber hinaus förderlich ist. Doch immer häufiger kon- vergieren berufsständisches und hierarchisches Selbstvcrständnis in schwer auflösba- rer Weise. Das Verhältnis von Psychiatern und Psychologen umfaßt auch eine - meist unausgesprochene - Konkurrenz: Waren Psychologen in den siebziger und achtziger Jahren noch Lückenbüßer im psychiatrischen Krankenhaus, so sind sie heute mitunter

mit Coaching oder Supervision der Medizinerinnen beauftragt. Das stülpt herkömmli- che Selbstverständnisse um und löst standespolitische Gegenreaktionen aus, dies so- wohl in der Gesamtstruktur (Ausschluß von Psychologinnen aus leitenden Positionen) als auch in der institutionellen Mikropolitik.So kann - wie in der o.a. bereichsleiten- den Funktion - ein Psychologe zum StuiHman des Psychiaters werden, indem er des- sen krisengeschüttelten Klinikbcrcich leitend übernimmt - allerdings kommissarisch, wohlgemerkt.

Die psychiatrischen Kollegen werden ihre Ambivalenz gegenüber gut ausgebildeten, u.U. bcrufserfahreneren Psychologen zunächst nicht offen zeigen, jedoch auf den

Moment warten, in dem diese generelle Kränkung beantwortet werden kann. Dafür

einem sozialpsychiatrisch umzugestaltenden Großkrankenhaus

bietet sich die Verschiebung des Konflikts auf die Ebene fachlicher Spielregeln gera- dezu an: Zwar haben behandelnder Psychiater und psychologischer Psychotherapeut eine gemeinsame Behandlungsplanung und -Umsetzung bei gegenseitiger Konsulta- tion und Information vereinbart, doch unabgesprochen erhält der Patient plötzlich ei- ne Medikation, und der Psychiater beharrt auf medizinischer Behandlungskompetenz. Das Verhältnis der Fächer wird zur Machtressource einer „Mikropolitik mit Patien-

ten", der Konflikt wird nicht als bearbeitungsbedürftige Spaltung, als Effekt der Dy- namik der Patienten und der Institution verstanden, sondern in aggressiver Restaura- tion kurzgeschlossen.

Verschärfend ist nach Beobachtungen von Kolleginnen aktuell in der Psychiatrie ein Trend zur biologischen Denkweise, zur Akzentuierungneuroanatomischer, -physiolo- gischer o.a. Dispositionen erkennbar. Diese rückwärlsgewandte Reform kündigt sich bereits in Diagnosen einer „antisozialen" oder „dissozialcn" Persönlichkeitsstörung von ICD bzw. DSM an. Es handelt sich keineswegs um klinische Diagnosen einer psychischen Störung, sondern um eine Art sozialer Normfeststellung im Gewand kli- nischer Begriffe, deren sich das Dispositiv der Grenzsicherung bedient. „Die Homo-

sexualität hat die Bühne der psychischen Störungen mit dem Erscheinen von DSM-III verlassen; die antisoziale Persönlichkeit hat sie betreten. Ihre Umschreibung ist voller sozialer Ressentiments, die jener des klassischen 'Psychopathen' in vieler Hinsicht

recht nahekommen" (FlNZEN, 1998, S. 76).

Zur biosozialen Wendung eines Teils der Psychiatrie, die sich auch in zahlreichen Medienereignissen spiegelt, wäre nun eine Stellungnahme der Psychologie erforder- lich. Die Kompetenz und das Wissen - klinisch-psychologische Forschungsergebnisse und entwicklungspsychologisch-psychodynamische Theoriebildung - wären vorhan- den. Hier läge eine Chance, durch fundierte und konsistente Wortmeldungen die Kompetenz von Psychologie als eigenständig-gleichberechtigte Wissenschaft wahr- zunehmen. Dies erfordert allerdings eine Reflexion der eigenen professionellen Identität, eine (Rück-)Besinnung der Psychotherapeuten auf ihre psychologischen Wurzeln. Und es erfordert Standvermögen gegen die zeitgeistigen Strömungen - ein Vermögen, das die Fachverbände durch Koordination von Expertisen unschwer er- mutigen könnten. Doch gerade sie geben defensiv den vorweggenommenen Erwar- tungen öffentlicher Meinung nach und verhalten sich still - ein Beispiel dafür, wie viel Image mit selbsterfüllenden Prophezeiungen zu tun hat.

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10. Ethik des Be-Handelns als Schlüssel zum Verständnis psychologischen Handelns

Zentral für das Bild, das andere Menschen, andere Berufe, potentielle Klienten und wir selber von unserem Tun haben, sind offenbar implizite Regeln des Be-Handelns, des verantworteten Umgangs mit dem Dispositiv der Grenzsicherung, also eine psy-

chologische Handlungs- und

eine Affini-

tät entweder zu schlechten, harten, gemeinen Subjekten oder aber zu schadhaften, ih-

rer lebensvollen Selbständigkeit schon beraubten Objekten der Behandlung" bedeutet,

behandelt,

tut es

weit von Mißhandlung entfernt" (STERNBERGER, STORZ& SÜSKIND, 1962, S. 89).

Ein Ansatz, das erstarrte Entweder-Oder, dieses Verhaken von Subjekt- und Objekt- Positionen zu verhindern, wäre, das Gegenüber sprachlich, kulturell, individuell glei- chermaßen als Subjekt anzuerkennen: „Man kann eine Person nicht aus ihrem sozia- len Kontext reißen und sie weiterhin als Person ansehen oder als Person behandeln. Wenn man aber aufhört, den Anderen als Person zu behandeln, dann hört man selber auf, Person zu sein" (LAING, 1969, S. 96). Hierfür bedarf es einer eigenen, selbstbe- wußt-bescheidenen Position(ienmg) und einer praktisch-selbstkritischen Ethik. Diese sollte dazu dienen, „sich von sich selber loszumachen", das heißt, das eigene Denken zu modifizieren, sich ständig in den Stand zu versetzen, auch unter dem Druck des Realen ethisch zu handeln, mithin sich - und den Patienten - anders zu beherrschen als mit „veralteten Schlagwörtern und den kaum erneuerten Techniken der anderen" (FoucAULT, 1989, S. 29).

„zu Verhältnissen der Unterdrückung oder Abhängigkeit

psychotherapeutische Behandlungsethik. Das „Wörter-

buch des Unmenschen" spitzt zu, daß „schon das Verbum 'Behandeln'

Wer immer

aus einer Position der Herrschaft

Behandlung von Menschen ist eben nicht

Nicht aus Approbation oder ähnlich attestierter Kunstfertigkeit nen Befugnisse: Da sich, „wer Menschen behandeln will,

schen setzt", ist ihm - „um 'Gcmeinschaftsfähigkeit' 7,11 erlangen" (STERNBERGER ET AL., 1962, S. 90) - als „un-bedingte" Ethik auferlegt, sich der „Norm der Normen"' zu unterwerfen, die uns Therapeuten anhält, jedem kranken, gestörten, leidenden Indivi- duum adäquate Behandlung und Fürsorge zu garantieren, um sich, nur diesen fachli-

erlangen Psychologin- selber über den Men-

Aus einem Vortrag von PAUL RlCOEUR (1998): La prise de decision sur le plan judiciaire et le plan mddical. XXIIIe Congres International de Droit et de Sante Mentale. Laboratoire d'Ethique Medicale et de Sante Publique, Faculte de Medecine de Necker, Universite Paris V (28.06.- 03.07.98); Übers, durch den Autor.

206

chen Standards verpflichtet, allen ausgrenzenden, erzieherischen

folg erzwingenden Absichten, d.h. sozialen Normierungen oder aktuellen Ideologien, weitmöglichsl zu entziehen.

Wie ersichtlich, tragen die repressive Struktur und „zynisch" reglementierende Praxis der Institutionen dazu bei, die therapeutischen Ideale zu destruieren (SLOTERDUK, 1983); angesichts der Verstrickung von Psychologie in Grcnzsicherung und Macht- ausübung sind Bescheidenheit und Selbstkritik vonnöten. Sich diesem Konfliktfeld dennoch zu stellen, politisiert unausweichlichjede psychologische Berufsausübung:

Sie fordert zur Klärung eigener wie fremder Positionen, zur Neuformulierung eigenen Selbstverständnisses. Diese Politisierung teilt Psychologie mit fast allen gesellschaft- lichen Handlungsfeldern: Nirgendwo mehr sind die eingespielten Selbstverständlich- keiten unangreifbar, nirgendwo schweigt der Zweifel über die Abtretung von Hand- lungsnormcn an Makrosystcme (BECK, 1993).

Da wir die Patienten wie auch uns Behandler nicht unabhängig von der Realität ver- stehen können, in der wir leben, müssen Psychotherapeutinnen das soziale Umfeld anders erfassen und reflektieren können als ihre Patientinnen.2

Psychologisches Handeln ist deshalb in gesellschaftlicher Realität und deren Rahmen- setzungcn begründet; Psychologie als Wissenschaft wie Psychologinnen müssen sich entsprechend mit diesen Grenzsetzungen und ihrem eigenen Beitrag auseinanderset- zen. Namentlich „einfühlende und sorgfältige" Psychotherapie muß versuchen, „die unbewußt verlaufenden adaptiven und kognitiven Funktionen des Ich zu gesellschaft- lichen Vorgängen in Beziehung zu setzen" (PARIN, 1983, S. 44) - was aber nur so weit gelingen kann, wie wir selbst diese Prozesse durchschauen.

oder Behandlungser-

Die Analyse und Beschreibung aktueller Systemdynamik erst ermöglicht dem gesell- schaftlich dezentrierten Therapeuten wie dem sozial ausgegrenzten Patienten einen „Wandel vom dekontextualisierten zum kontextualisierten Ich" in einer Weise, daß er wieder „in das historische soziale, kulturelle und sprachliche Beziehungsgeflecht" reintegriert wird (HELLERICH & WHITE 1992, S. 10). Identifikation und Distanzierung erweisen sich als komplementäre Charakteristika psychologischen Engagements.

Dies gilt für Expertenhandeln allgemein: Sähen Expertinnen die Welt wie ihre Klientinnen oder Auftraggeberinnen, hätten sie nichts Neues zu sagen, sind sie doch letztlich Expertinnen des Scheiterns oder Versagens der anderen

207

11. Die Mühen der Abwägung als berufliche Aufgabe

Wenn sich Psychologinnen demzufolge als geschichtliche Subjekte begreifen (müssen), bedarf auch Psychologie als Wissenschaft einer historischen Einordnung. So stellt sich für Psychologie und Psychotherapie - speziell im Handlungssystem „Maßregelvollzug" - die Frage nach Kriterien des Fortschritts, hinsichtlich der poten- tiell disziplinierenden Strategien angewandter Psychologie und institutionalisierter Psychotherapie und für die Analyse der therapeutischen Praxis. Diese selbstreflexive Anwendung macht die Bewältigung realer Problemsituationen und Aufgaben zu- nächst nicht unbedingt einfacher. Sie macht sie dafür aber in der Wahrnehmung direk- ter und indirekter Resultate psychologischer Vernunft bzw. der Erzeugung iatrogener Artefakte konkret und erst so vcrantwortbar; andererseits macht erst sie praktisch handlungsfähig.

Wenn wir einen Handlungsbereich meines Bcrufsfeldes als Beispiel heranziehen, be- deutet dies, daß in der forensisch-psychologischen Praxis einerseits die Unmöglich- keit wissenschaftlich abgesicherter, replizierbarer, (absolut) sicherer und zeitüberdau- ernder Prognosen der Gefährlichkeit, des Behandlungscrfolgs usw. zu formulieren ist. Und dennoch müssen wir uns andererseits der Anstrengung unterziehen, uns dem Ri- siko der falsch-positiven wie falsch-negativen „overprediction"-Prognoscn zu stellen (KOBBli, 1998b) und die Prognosekriterien und -invenlare zu verbessern.

12. Mäßigung als Kunst psychologischen Handlungsraums CARUSO (1972, S. 142) charakterisiert Psychoanalyse als

die Kunst, langsam und nur nach Maß der Möglichkeil das zerrissene Gewebe

der individuell gelebten Geschichte /u flicken. Sie ist eine mühsame Praxis mit

Erfolge in der Regel

versagt bleiben Und so hebt sich das Hoffnungslose in der Psychoanalyse wie- der auf; sie ist nämlich desillusionierende Skepsis, aber gleichzeitig auch eine hartnäckige, fast unsinnige Hoffnung darauf, daß der Mensch sich dazu aufrufe, mehr Mensch zu werden.

einem alltäglichen konkreten Menschen, der spektakuläre

Das läßt sich auf Psychotherapie und Psychologie verallgemeinern.

208

Vor diesem Hintergrund können wir das Dispositiv der Grenzsicherung als grandiose Veranstaltung kollektiven Machbarkeitswahns und gesellschaftlicher Angstabwehr einordnen; und wir begreifen, warum das Beharren ernsthafter Psychologie auf den Besonderheiten des einzelnen und seiner Spielräume eine Kränkung für die Gesell- schaft bedeutet - eine Kränkung, die mit Ablehnung des Faches geahndet wird.

Hier liegt aber auch der Ansatzpunkt für die Entwicklung und Vertretung einer Ethik. Aus der subjektiven Realität des Psychotherapeuten in der phantasmatischen Bezie- hung zum Patienten - seiner Besorgnis um den konkreten Patienten und Sorge für ihn - wäre eine Haltung der Sorge abzuleiten und auch eine „Ethik des Eingreifens" (KOBBE, 1998a). Eine solche verlangt, dem politischen Handlungsdruck und sozial- technologischen Effizienzerwartungen ein Tabu entgegenzustellen, um den psycho-

therapeutische n Rau m z.u garantieren bleiben zu können, zu schützen.

Abgefordert wird den psychologischen Therapeuten somit ein inneres Gleichgewicht, das die Gegenübertragungsaffekte einschließlich der - uneingestandenen - Angst vor der therapeutischen Ohnmacht ertragen und dabei hilft, „bei einem Menschen auszu- harren, auch wenn man weiß, daß man ihm nicht helfen kann - und zwar ohne in das Gefühl des Scheiterns oder Gescheitertseins zu fallen" (LA1NG, 1980, S. 52). Denn erst in der Selbstkonfrontation, im Eingeständnis der eigenen Schwäche ist es mög- lich, Ohnmacht zu ertragen und aktiv mit ihr umzugehen. Diese Haltung impliziert die Aufgabe psychotherapeutischer Größen- und Allmachtsphantasien, aber eben auch den Abschied von therapeutischen Ohnmachts- und Insuffizienzgefühlen: Sie erkennt die eigene Verstrickung des Behandlers an. Damit aber wäre eine Haltung gewonnen, in der die „Therapieunfähigkeit" weder dem Patienten noch dem Behandler schuld- haft attribuiert werden muß und der Mangel im positiven Sinne begriffen werden kann. Dies legt die Erwartung nahe, in der Arbeit mit diesen widersprüchlichen Pa- tienten deren und die eigene Ambivalenz quasi „ohn-mächtig" auszuhalten, ihre scheinbar statische Dynamik mitzumachen und den Zwiespalt ohne Polarisierung, oh- ne Entwertung, ohne einseitiges Machtbedürfnis zu bewältigen.

Die psychotherapeutische Haltung erweist sich so als eine Befähigung, auf die aus unvereinbaren Gegensätzen erwachsenden Ansprüche oder Begehrlichkeiten zu ant- worten. Eine solche Haltung ist in Institutionenimmer auch „politisch", da sie soziale „Selbstverständlichkeiten", gesundheitspolitische Positionen oder fachliche Forde- rungen einer fortwährenden Prüfung unterzieht.

und die Freiheit, ohne Diffamierun g anders

209

Insofern taugen Psychologie und Psychotherapie nicht als gesellschaftstherapeutische Interventionsstrategie (KOBBE, 1995): Sie wirken in dieser widerständigen Betrach- tungsweise eher problemgenerierend denn problemlösend. Sie leiten dazu an, Lebens- praxen als historisch (d.h. bedingt und veränderbar) zu verstehen und politische wie historische Realität auf korrespondierende Pliantasmen zu untersuchen. Sie drängen auf Erweiterung unserer Kenntnisse der historischen, imaginären und symbolischen Aspekte vermeintlich rein ökonomisch-zweckrationaler Institutionen. Die psychothe- rapeutische Haltung kann daher - analog SCHNEIDERS Ausführung zur Psychoanalyse (1988, S. 70) - „wohl nichts anderes heißen, als sich allen gestellten Konsensz.umu- tungen gegenüber abstinent, also kritisch zu verhalten".

13. Die Vielfalt ausschöpfen: Für eine Öffnung und Erneuerung psychologischer Professionalität

KANTS Aufruf zum Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit weiterführend, fordert FOUCAULT (1984) uns auf, nicht nur zu entdecken, was wir sind, sondern es zugleich zu verweigern. Für die Entwicklungunserer fachlichen Identität - und damit unserer individuellen Handlungsspielräume - scheint das nach den bisherigen Überle- gungen ein nur bedingt hilfreicher Hinweis. Denn wir vermögen uns in unserem be- ruflichen Handeln nicht neben die Gesellschaft zu stellen, jenseits ihrer Dispositive sozialer Kontrolle, ihrer institutionellen Rollenvorgaben und Zuschreibungen sozialer Identität an Psychologinnen. Das, scheint mir, zeigen die Erfahrungen mit zentralen Konfliktzonen psychologischer Praxis recht klar.

Wie mit dieser Situation umgehen? Eine Strategie, die sich bei Fachverbänden großer Verbreitung erfreut, besteht darin, die Medien durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit möglichst oft und lange auf Wichtigkeit und Handlungsmacht des Faches Psychologie hinzuweisen und ihm dadurch langfristig mehr Autorität und Freiräuine zu gewinnen. Diese Strategie hat das Manko, daß sie sich auf fachfrcindc /Aimulnngen einlassen muß, um Fachautonomie zu erlangen: Um die öffentlichkeitsfähigen Befunde und Interventionen zu erarbeiten und dann in die Medien zu tragen, muß eine ganze Reihe gravierender gesellschaftlicher Erwartungen bereits erfüllt sein. Ebenso selbstkritisch wie ironisch bezeichnen STORATH und DILLIG (1998, S. 251) den so agierenden Psy- chologen als „Hofnarr" - doch wisse noch niemand, ob das System ihn oder er das System narrt: Macht wird „leerlaufen, wenn transparent wird, daß sich das System mit

210

eigenen Waffen schlägt, daß bei parasitärer Nutzung niemandem langfristig gedient

ist". Gerade dann nämlich, wenn Psychologie ihre Handlungskompetenz und Inter- ventionsmacht forsch hervorhebt, bietet sie sich als Sündenbock geradezu an, wenn Erwartungen enttäuscht werden (s. z.B. die schulpsychologische Fallstudie in SELVI-

das ist in konflikthaften gesellschaftlichen Situa-

NI-PALAZZOLI ET AL., 1991) - und tionen fast immer der Fall.

Eine andere Strategie wäre die als psychotherapeutische Haltung oben vorgeschlagene

Weise. Sie läßt Psychologen - im Gegensatz etwa zu Psychiatern - als Störer institu- tioneller Routinen erscheinen. Denn die Aufgabe des Psychologen als Wissenschaftler wie Psychotherapeut kann nicht darin bestehen, anderen zu sagen, was sie zu tun ha- ben, sondern - so FOUCAULT (1989, S. 27-28) - „die Gewohnheiten des Handelns und des Denkens aufzurütteln, die eingebürgerten Selbstverständlichkeiten zu sprengen, die Regeln und die Institutionen neu zu vermessen". Offenbar fordert diese Haltung dem Einzelnen einige Standhaftigkeit und Widerständigkeit ab. Doch haben - worauf die Gruppenstudien Moscovicis immer wieder hinweisen - konsistent und kontinu-

ierlich auftretende Minderheiten eine gute Chance, den Wertekonsens in ihrer Richtungzu beeinflussen (MOSCOVici & DOISE, 1994).

Damit verschiebt sich die Aufgabe fachlicher Organisationen: Das Berufsbild, die soziale Identität und die Handlungsspielräumevon Psychologinnen könnten sie dann günstig beeinflussen, wenn sie für die „Arbeit am Konflikt" soziale und fachliche Unterstützung böten. Hierzu fällt auf, daß die meisten fachlichen Tagungen gerade nicht dazu anregen, solche Erfahrungen in die Fachentwicklung einzubringen, son- dern sich bemühen, praxisfertige Ergebnisse, effiziente Interventionsformen und wis- senschaftliche Unangreifbarkeit in den Vordergrund zu stellen. Die Reflexion von Konflikterfahrung und beruflicher Sozialisation in unserem Fach ist also gespalten und verkürzt: Verbände besorgen die Artikulation wirtschaftlicher und juristischer Interessen, Supervision schult die individuelle Intervcntionskompetenz. neide Ebenen sind nur an einem Ausschnitt unseres Handelns und unserer Erfahrung interessiert. Beide versagen vielleicht gerade darum auch öfter mal bei ihren Kernaufgaben. Zu- dem sind beide durch Autoritäts- und Funktionsgefälle gegliedert. Zu überlegen wäre, ob wir andere und für Konflikterfahrungen geeignetere Formen professionellen Aus- tausches entwickeln könnten.

„Bewußte Imagebildung setzt Identität voraus; Identität bedarf der Klarheit zu be- rufsethischen und fachlichen Minimalforderungen, bedarf der Kenntnis der Rahmen-

der Mehrheiten

211

Bedingungen und Erwartungen der beschäftigenden Institution" (STORATH & DILLIG, 1998, S. 251). Diese Kenntnisse auszutauschen und produktive statt adaptive Um- gangsweisen damit zu entwickeln, ist eine wichtige Aufgabe fachlicher Gesprächs- formen und Tagungen, aber auch der Ausbildung, des Studiums.

neuer

Marktsegmente zu erschöpfen drohen (vgl. HOFF, 1998), so gehen auch wichtige ko- gnitive Potentiale des Faches verloren. Zur Reflexion beruflicher Konflikterfahrung und Weiterung professioneller Spielräume gehört deshalb die Pflege der Vielfalt der Methoden, Fragen und Verfahren (vgl. MUNDT, 1997), möglichst gleichberechtigt, und möglichst systematisch miteinander in eine praxisbezogeneAuseinandersetzung gebracht.

Hierbei scheint mir wichtig, daß Psychologinnen

sich nicht vorwegnehmend von ei-

Wenn Professionalisierung und Professionspolitik sich

in der Erschließung

nem Image oder zugeschriebenen Rollencrwartungen einschränken lassen. Zwei Bei- spiele:

(1) Zur Fachidentität gehört auch die differenüaldiagnostisc'he Tätigkeit, sei es durch Beobachtung von Verhalten, Erhebung eines psychischen/psychopatholo- gischen Befundes, ausführliche Anamnese oder testpsychologische Untersu- chungen. Gerade letztere ist bei nicht wenigen Kolleginnen verpönt, die eine Entwertung zum „Testknecht" fürchten. Dies ist zwar historisch berechtigt, doch verhindert die vorauseilende Ablehnung jede selbstbewußte Entfaltung dieser

(2)

psychologischen Aufgabe.

Unter den Erfahrungen der Konkurrenz mit anderen Professionen (die mit Me-

dizin und

m.E. eine - gewiß auch defensive - Fixierung von Psychologen auf die Domäne Psychotherapie eingestellt, mit dem Resultat partieller Negierung der Vielfalt

und des Profils

Pflegeberufen wurden oben angerissen) hat sich in manchen Feldern

psychologischer Kompetenzen und Funktionen.

Psychologinnen für die verschie-

denen - und hoffentlich neuen - Aufgaben, Felder und Verantwortungen (etwa Lei- tungspositionen) qualifizieren soll: wie bei anderen Professionen auch, das Studium als solches gewiß nicht. Daher müssen wir ernsthaft Reformen der Rahmen- Prüfungsordnung „andenken", etwa die Entrümpelung der (Auswendig-)Lernstoffe des Vordiploms und die Förderung von „Brückenqualifikationen", die für das Umset-

Selbstkritisch bleibt schließlich nachzufragen, was

212

zcn von Fachwissen in der Berufspraxis relevant sind. Erfahrungen über den Umgang mit institutionellen Konflikten gehören mit Sicherheit dazu.

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