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13 26 BEDEUTEND BEDEUTUNGSLOS: GUTRUNE* Red. E-Musik / Oper Volkmar Fischer Festspielzeit in Bayern 4 - Juli 2002 Sprecher: 1 W—1M- Text: Roland Dippe! M.- Alle von Richard Wagner geschmahten Opemvielschrei- ber hatten mit voyeuristischer Freude Dreiecksgeschichten in Szene gesetzi. in GOTTERDAMMERUNG musste Wagner selbst nach den Gefithiswirrissen im HOLLANDER, im TRISTAN und den MEISTERSINGERN mit der Gruppe Brinnhilde — Siegfried - Gutrune wieder einen derarligen Konflk! gestalten. Nur sollte diesmal das Drelecksverhdltnis nicht vom Hauptstrang der RING-Handlung - dem Verfall und Untergang der Wotan-Welt ~ ablenken und das Publikum dennoch in Spannung gehalten werden. Wie verktrzte Wagner den umfangreichen Stoff der Nibelungensage? Mit welcher Absicht verzichtete er darauf, ‘aus Gutrune eine ebenbiirlige Rivalin Broinnhildes zu machen? W- In den vier Stunden Spieldauer der GOTTERDAMMERUNG singt Gutrune gerade 82 Verse. Im Vergleich mit dem Umfang von Waltrautes knapp viertelstiindiger Erzéhlung, die 79 Verse hat, zeigt sich, wie unverhdltnismasig kurz die Rolle ist, M- Die Halfte des Gutrune-Parts fall in das letzte Bild nach Siegirieds Tod. Nur eine kurze Duoszene mit Siegfried hat sie, ‘an Schldisselstelien ist sie allenfalls mit Stichworten beteligt - ‘oder sie schweigt. Der wesentliche Wortwechsel zwischen Gutrune und artinnhilde an Siegfrieds Leiche findet sich aller- dings schon in Wagners erstem Dramenentwurf DER NIBELUN- GEN-MYTHUS von 1848: - Gudrun: W- Ach, Unheivolle! Du warst es, die uns Verderben brachte. M- Brtinnhita: W - Armselige, schweig! Du warst nur seine Buhlerin: sein Ge- mahi bin ich, der er Eide geschworen, noch eh erje dich sah. M- Guolun: W- Weh mi! Verfluchter Hagen, was rietest du mir mit dem Trank, durch den ich ihr den Gatten stahl: denn nun wei8 ich, dB er Briinnhild nur durch den Trank vergab. M- In der vollendeten Dichtung forderte Wagner spéter: * hit neue eisian Absatz nach Absprache mit Red(Sland: 8. Mai 2002}! 39 52 65 2 W - Gutrune wendet sich voll Scheu von Siegttied ab, und beugt sich in Schmerz auigelést ber Gunther's Leiche: so verbleibt sie regungsios bis an das Ende. Langes Schweigen. M -Die GOTTERDAMMERUNG brandet und flutet Gber die in Traver Verstummte hinweg, Passiv verhail sich Gutrune auch in fast allen Auftritten davor. Am Dialog mit Gunther und Hagen, ihrem ersten Auftritt, beteligt sie sich erst nach langerem Schweigen. Ihr erster Satz ist eine Frage: W-.,, Welche Tat schuf er so tapter, dass als hemichster Held er genannt? M-Wagners unwissende Gutrune zweifelt, ob sie Siegfried mit ihren Reizen fesseln kann. Auch im weiteren Verlauf bleibt die Figur ohne schlagkrdiftige Theaterwirkung. 6 erstaunt, dass der witkungssichere Theaterpraktiker Wagner auf die von anderen Bearbeitern genutzten Méglichkeiten verichtete. W ~ Dabei ist Gudrun in vielen mittelalterfichen HELDENLIEDERN der von Wagner verwendeten EDDA-SAMMLUNG eine Haupt= figur. Im ATLF-LIED récht sie den grausamen Tod ihrer Brider Gunther und Hagen, im Lied GUDRUNS GOTTESURTEIL frotzt sie einer verleumderischen Anklage auf Ehebruch. Im sUddeut- schen NIBELUNGENLIED, der im 19. Jahrhunder! bekanntesten Version der Sage, ist Krimhild die der nordischen Gudrun ent- sprechende Figur. Das Heldenepos zeigt die Burgunderprinzes- sein erst ols naives und stolzes Opter und spéter als blutdursti- ge Racherin. M-~ An Gutrune oder Krimhild inspirierten sich die nachschép- fenden Kistler und Literaten - ausgenommen Wagner! W-,, Weit ber den Messias Klopstocks steht Chriemhildes Ra- che, das erste aller deutschen Geaichte." M-... schwarmte bereils Johann Heinrich Ossi, der Ende des 18. Jahrhunderts die ersten lustrationen zu der Sage ge- schaffen hatte. Von Fussli bis Wagner und spater wer die Wit- we an Siegfrieds Leichnam ein bevorzugtes Motiv. Aber Krim- hild wurde in den Nachschapfungen selten als passive Frau vorgefthrt wie Gutrune von Wagner: Nicht von Friedrich Heb- bel in der fast zeitgleich mit der RING-Dichtung entstandenen 78 1 104 3 Trlogie DIE NIBELUNGEN, und auch nicht von Emmanuel Gel- bel in der Tragédie BRUNHILD, die wahrend Wagners Minch- ner Jahren oft im Hof- & Nationaltheater gegeben wurde: W - Fahhr hin! Ein Opfer sparst du mit; doch metr sind not. Und keins soll fehlen. Das ist meine Treve. M -So lauten in Geibels Tragédie Krimhilds Worte an Brunhild, die sich soeben mit Siegfrieds Schwert die Brust durchstoBen hat. Hebbel beendete den zweiten Teil seines Schauspiels mit Krimhilds Racheschwur: W - Gericht! Gerichi! Und wenn's der Kénig weigert, So ist er selbst mit diesem Blut bedeckt! M- Auf derartige heroische Gebarden verzichtete Wagner. Aber gab es Vorbilder fir seine passive Charakterisierung Gutrunes? W.- Wagner konzentrierte den umfangreichen Stoff auf den mythischen Kern, auf das Ziel des ,Reinmenschlichen’ - wie er esnannte. In allen Entwiirfen zu Brinnhildes Schlussgesang forderte er die in einer korrupten Welt veriorene Menschiich- keit ein. M- Wagner hatte im RING alle Sagenmotive getilgt, die ein Geschehen nach der Gétterdémmerung andeuten. Auch deshalb musste Gutrune an Bedeutung verlieren. Doch hatte Wagner wie auch Geibel und Hebbel die Szene an der Leiche Siegfrieds ausfUhrlich dargestellt. W - Auf einer Tuschezeichnung von Johann Heinrich FUssli streckt Kriemhild an Siegfrieds Totenlager den rechten Arm beschwérend zum Himmel, den linken drohend nach Gunther und Hagen. Diese auf weitere Katastrophen vorausweisende Energie findet sich sp&ter im Historismus weder auf den lllustra- tionen der Mnchner noch der Rheinischen Malerei. In der Restauration erhalten viele Portraits Krimhilds Motive christli- cher Marien-Bilder. M- Krimhild wurde in der Malerei zum Vorbild passiver, tu- gendhatter Weiblichkeit - wie die Jungfrau Maria. W-- Schnorr von Carolsfeld hatte sich fir die Zeichnung der Verméihlung Siegtrieds und krimhilds das symmetrische Arran- 117 130 143 4 gement der Trauung Marias und Josefs von Raffael zum Vor- bid genommen. Bilder mit der Totenklage um Siegfried glei- chen Pieté-Darstellungen Marias mit Christus. Josef Hibbners »BegrliBung der Kéniginnen Krimhild und Brunhild* enthéit so- gar Bezlige auf die Begegnung Marios mit Elisabeth. In der Romantik war die Gestaltung mit sakralen Gesten ein Mittel zur Stlisierung der Sagenfiguren als Ubermenschen. Wie aie krim- hild vieler Maler ist auch Wagners Gutrune ohne Kampfgeist und Damonie. M-~ Aus einem besonderen Grund: Als Gegenbild zu Brinnhil- de bendtigte Wagner eine konventionelle Gestalt, die Gutru- ne in der Sage nicht war. Im RING erldst BrUnnhilde als von Géttern und Menschen emanaipierte Frau die ganze Welt. Durch den Kontrast zu einer wenig aufregenden Nebenfigur konnte Wagner die auBerordentlich mitreiSende Wirkung 8rnnhildes nochmal steigem. W-Gutrune, die mit dem Vergessentrank Betrigende und von Hagen Betrogene, durfte also keine der Uberwailtigenden Eigenschaften wie die Welterldserin Brinnhilde besitzen M-~ Auf vielen Bildem ist Gutrunes alter ego Krimhild aufgewer- tet und zugleich verharmist. Mittels der auf sie Uberlragenen Marien-Motive wurde der weibliche Tugendkatalog des Bur- gertums auf Krimhild projiziert. Dabei wurden aber auch alle ihre Aktionen verdréingt, die im NIBELUNGENLIED die Katastro- phe beschieunigen: W — Krimhilds Stolz beim Streit mit Brunhild und das von ihr aut Siegtrieds Wams gestickte Kreuz, an dem der Mérder Hagen dessen einzige verwundbare Stelle erkennt, M-Wie auf den Bilder ist Gutrune in GOTTERDAMMERUNG die fOgsame Frou, deren persSnliche WOnsche nicht in Wider spruch zu ihrer sozialen Rolle stehen. W- In Ubereinstimmung mit Hagens Plénen reicht Gutrune Siegfried den Vergessenstrank, bindet ihn so an sich und die Gibichungen. Bei Siegfrieds RUckkehr vom Walkirenfelsen forscht Gutrune bei ihm nach dem Ausgang der Brautwer- bung. Ohne eine affeklive Enwiderung von Siegfrieds Leiden- 156 169 5 schatt richtet sie - ganz Haustrau - ihre Aufmerksamkeit sofort auf die Hochzeitsvorbereitungen. M-- Das ist auBer dem Schlussbild die einzige Szene, in der Gutrune selbst den Dialog antreibt. Hier wie dort enthalt sie sich persnlicher Gefdhis- und Liebesbekenntnisse an Sieg- fried. Zu Bronnhildes Anklage und Siegfrieds Gegenschwur singt Gutrune eine belanglose Ensemblestrophe und - als Fra- ge: W - ,, Verrat?' M- Eine eigene Meinung hat sie nicht. Gutrunes Affekte sind immer in Ubereinkunit mit ihren Funktionen als Gattin, Witwe und verwaiste Schwester. W - Trotz des mBigen Umfangs hat der Gesangspart Gutrunes seine Tiicken: Nach langen Pausen fordert Wagner von der Séngerin groBe Téne und durchschlagskréftige Deklamation. Mit starker szenischer Prasenz und wenigen musikalischen Méglichkeiten muss sie als Rivalin Briinnhildes glaubhatt er- scheinen, Wagner erfand fir Gutrune ein kantables Motiv, das die Holz- bldser beim ersten Erscheinen vortragen. Dieses Motiv ist ver- wandt mit dem der Liebes- und Jugendgéttin Freia. M - Zwischen den Figuren der nur im RHEINGOLD auftretenden Liebesgéttin und der Gibichungentochter besteht ein innerer Zusammenhang: W - Freias kurzer Part bestent wie der Gutrunes aus wenigen Sétzen und langen Pausen, erfordert ebenso engagiertes Spiel. Freia ist wie Gutrune Tausch- und Handelsgegenstand der Uber sie verfigenden Manner: Freia als Preis fOr die vollen- dete Burg Walhall, Gutrune als Lohn fir Siegfrieds Hilfe bei Gunthers Brautfahrt. M- Opfer sind die Géttin und die Frau. Wer ist schuld? Wagner schrieb im Prosaentwurf: W.- ,,Guatun, durch das Lob, welches Hagen Siegied spen- det, in Liebe zu diesem entorannt, reicht auf Hagens Rat Sieg- fied zum Wilkommen einen Trank, durch Hagens Kunst bere tet und von der Wirksamkeit, 008 er Siegttied seiner Elebnisse 182 195 208 6 mit Briinnhital und seiner Verméihlung mit ihr vergessen macht. Sieghied begeti! Gudrun zum Weilbe: Gunther sagt sie ihm zu, unter der Beaingung, da8 er ihm zu Brinnhiia verhelfe." M-— Alberichs Sohn Hagen insirumentalisiert seine Halbge- schwister. Und damit auch Siegiried, Wissentlich volizieht Gut- rune Hagens Plan. Hagen verschweigt absichtsvoll Siegfrieds Treueschwur an Brinnhilde, den dieser unter Einfluss der Droge wenig spéter brechen wird. W- In einer nordischen Variante bereitet nicht Gutrune selbst den Vergessenstrank, sondem ihre Mutter Grimhild - die alte Gibichungenkénigin hat in der EDDA den gleichen Namen wie die Burgunderprinzessin im NIBELUNGENLIED. M-Neuere Werke der Fantasy-Literatur sind von Wagner inspi- fiert. Das Problem der Schuld durch den Vergessenstronk hat die Amerikanerin Diana Paxson besonders beschaiftigt. Die Co-Autorin von Marion Zimmer Bradleys beruhmten NEBELN VON AVALON transformierte in ihrer Roman-Tilogie DIE TOCH- TER DER NIBELUNGEN das Motiv. Bei ihrreicht die Kéniginmutter Grimhild Siegfried den Vergessenstrank. Das wei8 nur Hagen, nicht aber Gunther und Gudrun. Diana Paxson kennte mit die- ser Anderung dem durch die Sage vergegebenen Stoffzwang folgen und doch bleibt ihre Gudrun Sympathietrégerin - an- ders als die Wagners. Wagners eigene Erfindung ist ein beson- deres, aussagekraftiges Detail W - Gutrune wendet sich von Siegfrieds Leichnam ab und beugt sich Uber den toten Gunther - Hinweis dafur, dass Sieg- frieds Tod in ihr keine nachhallige emotionale Erschiitterung bewirkt. thr, sie ist im RING Angehérige einer korrupten und intiganten Sphére, war Siegfried ebenso Mittel zum Zweck wie ihren Bridern, M- Das ist Wagners entscheidende Verdinderung an der Figur. Bel ihm erfullt Gutrune ihre Rolle im Intrigenspiel gedonkenlos und ohne Widerspruch. Wagners Gutrune entbehrt dabei aller individvellen Antriebsmomente. Gesellschaftliches und priva- tes Sein stimmen bei ihr vollkommen dberein - das ist ihre Schuld!