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Je näher der Mensch tatsächlich und nicht vermeintlich

bei Gott ist, desto unwürdiger und sündiger, ja sündiger


als alle Menschen fühlt er sich. So war es bei den heiligen
Kirchenvätern. Beispiele dafür gibt es viele. Sie erinnern
sich selbst.

Der Zöllner hielt sich aus einem anderen Grunde für


sündig. Doch er bekannte seine Sündigkeit, rechtfertigte
sich nicht, sondern erflehte vom Herrn nur Gnade und
Vergebung, und er erhielt sie auch. Alle Menschen haben
eine unbeglichene Schuld vor Gott, und keine Glaubenstaten
vermögen sie abzuzahlen. Der Herr selbst sagt:
Wenn ihr alles tut, was euch geboten ist (d. h., wenn ihr
die Gebote befolgt), haltet euch für unnütze Knechte,
die verpflichtet sind, alles zu tun, was ihnen der Meister
befiehlt (vgl. Lk 17, 10). Wir alle, die wir unablässig die
Gebote verletzen, sollen uns also um dieselbe seelische
Haltung wie der Zöllner bemühen und in uns selbst keinerlei
Verdienste suchen, was auch immer wir für den
Glauben tun mögen. Stets sind wir nachlässige Diener.
Einzig Gottes Gnade vergibt den Reumütigen und gewährt
ihnen den Eintritt ins Himmelreich.

Deshalb verbieten die heiligen Väter und der Herr


auch das Erstreben euphorischer geistlicher Stimmungen.
Unsere ganze innere Glaubenstat muß sich auf die
Reue konzentrieren und auf alles, was ihr förderlich ist.
Gottes Gegenwart aber wird von selbst dazukommen,
wenn das Herz rein ist und wenn es dem Herrn gefällt.
Fehlt indes dem Glaubensstreiter das aufrichtige Gefühl
der Sündhaftigkeit und das zerknirschte Herz, so ist er
gewiß auf dem Holzweg. Besonders wer die Gebetspraxis
übt, muß sich das Gebet des Zöllners und dessen Zerknirschung
zu eigen machen, da er sonst von den Dämonen
verführt wird und dem Dünkel, dem Hochmut und
dem Trug verfällt, wovor uns der Herr behüten möge.
Soweit die Antwort auf Ihre Frage, was es heiße, mit
der Einstellung des Zöllners zu leben. Der Herr hat mit
dem Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer gezeigt,
wie und mit welcher seelischen Haltung man beten soll
und wie man nicht beten soll (pharisäische Einstellung).
Nach der Ankunft des Erlösers und nach seinen Leiden
ist das Gebet des Zöllners von den heiligen Vätern durch
das Jesusgebet ersetzt worden: "Herr Jesus Christus,
Sohn Gottes, erbarme dich meiner." Der Sinn ist ein und
derselbe.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder