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Hintergrund: Marokko Nr. 51 / 03. September 2015 Liberale in der Defensive: In Marokko tobt
Hintergrund: Marokko Nr. 51 / 03. September 2015 Liberale in der Defensive: In Marokko tobt
Hintergrund: Marokko Nr. 51 / 03. September 2015 Liberale in der Defensive: In Marokko tobt

Hintergrund:

Marokko

Nr. 51 / 03. September 2015

Hintergrund: Marokko Nr. 51 / 03. September 2015 Liberale in der Defensive: In Marokko tobt ein

Liberale in der Defensive: In Marokko tobt ein Kulturkampf angefeuert durch Kommunal- und Regionalwahlen

Andrea Nüsse

Zusammenfassung Der Sommer 2015 hat wie in einem Brennglas gezeigt, dass der soziale Zusam- menhalt der marokkanischen Gesellschaft nicht so solide ist, wie es von außen scheint. Angesichts der politischen und sozialen Stagnation brechen sich Frustra- tion und Kritik verstärkt in moralischen Fragen Bahn. Liberale Kräfte in der ma- rokkanischen Zivilgesellschaft sind geforderter denn je. Und auch die liberalen Partnerparteien Union Constitutionelle, Mouvement Populaire und das Ressemb- lement des Indépendants (RNI) sollten generell ihre Zurückhaltung überwinden, wenn es klare politische Positionen einzunehmen gilt. Da die Parteien sich teil- weise am ehesten im wirtschaftlichen Sinne als liberal verstehen und gesell- schaftlich eher konservativ ausgerichtet sind, fällt ihnen das schwer. Hier setzt die inhaltliche Arbeit der Stiftung mit seinen politischen Partnern an.

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer in Marokko, jedoch weniger im Hinblick auf das Thermome-
Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer in Marokko, jedoch weniger im Hinblick auf das Thermome-
Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer in Marokko, jedoch weniger im Hinblick auf das Thermome-

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer in Marokko, jedoch weniger im Hinblick auf das Thermome- ter. Hoch her ging es vielmehr in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den Anhängern von vermeintlichen traditionellen Werten und religiöser Identität auf der einen Seite und von indivi- dueller Freiheit sowie Rechtsstaatlichkeit auf der anderen. Aufhänger waren die Länge von Röcken, ein Spielfilm über Prostitution in Marrakesch und ein umstrittener Auftritt von Jennifer Lopez bei einem Musikfestival. Die teilweise hysterischen Auseinandersetzungen zwischen zwei Lagern der marokkani- schen Gesellschaft machten die Malaise deutlich, in der diese Gesellschaft sich in ihrem Transformati- onsprozess befindet. Zugleich sind sie durchaus auch Ausdruck sozialer und wirtschaftlicher Verwer- fungen.

Angefangen hatte das Sommertheater mit dem neuen Film des marokkani- schen Regisseurs Nabil Ayouch. Der Film „Much loved“ spielt im Prostituier- tenmilieu in Marrakesch und zeigt die Schicksale mehrerer Frauen und ei- nes Transvestiten, aber auch das Gebaren reicher Saudis, die sich dank ihres Geldes hier fernab ihrer wahabitischen Moralvorschriften amüsieren. Drei kurze Spielfilmszenen auf You Tube - insgesamt sechs Minuten - lösten eine Massenhysterie aus: Angeblich sieben Millionen Menschen schauten sich die kurzen Sequenzen an und die sozialen Netzwerke quollen über von empörten Kommentaren, Beleidigungen und Morddrohungen gegen die marokkanischen Schauspieler und den Regisseur. Eine eigene Facebook Seite, die zur Ermordung einer Schauspielerin aufrief, erhielt 4000 Likes.

Ermordung einer Schauspielerin aufrief, erhielt 4000 Likes. In Frankreich ein Erfolg, in Marokko verboten Nabil Ayouch
Ermordung einer Schauspielerin aufrief, erhielt 4000 Likes. In Frankreich ein Erfolg, in Marokko verboten Nabil Ayouch

In Frankreich ein Erfolg, in Marokko verboten

Nabil Ayouch

Bevor jemand den vollständigen Film gesehen oder die Produktionsfirma eine Genehmigung zum Vertrieb in Marokko beantragt hatte, war er schon verboten. Unter dem Druck der vermeintli- chen öffentlichen Meinung sprach der Kommu- nikationsminister dieses Verbot unter Umgehung der dafür zuständigen Kommission aus. Die Be- gründung: Der Film schade dem „Image Marok- kos“.

Jennifer Lopez erregt die Gemüter und beschäftigt Juristen Es folgte der Auftritt von Jenifer Lopez
Jennifer Lopez erregt die Gemüter und beschäftigt Juristen Es folgte der Auftritt von Jenifer Lopez
Jennifer Lopez erregt die Gemüter und beschäftigt Juristen Es folgte der Auftritt von Jenifer Lopez

Jennifer Lopez erregt die Gemüter und beschäftigt Juristen

Es folgte der Auftritt von Jenifer Lopez beim Musikfestival „Mawazine“, das - geleitet von Privatsekretär König Mohammeds VI. - seit Jahren internationale Stars nach Marokko holt und als Aushängeschild für das moderne Marokko gilt. Die amerikanische Sängerin gab sich im Eröffnungskonzert lasziv und zeigte ziemlich viel Haut. Die Frau des Kö- nigs und ihre Kinder waren unter den Ehr- engästen und haben sich offenbar gut amü- siert, ebenso wie Tausende Zuhörer doch konservative Parteien waren „not amused“:

Ihre Empörung richtete sich vor allem gegen die Übertragung im staatlichen Fernsehen.

Der Regierungschef Abdelilah Benkirane von der islamistischen PJD legte unter dem Druck auch (? besonders?) der eigenen Wahlklientele Be- schwerde bei der Aufsichtsbehörde ein - welche sich als formal nicht zuständig aus der Affäre zog. Als der Bassist der Band Placebo, Stefan Olsdal, dann noch mit nacktem Oberkörper auftrat, auf den er die Zahl 489 geschrieben und durchgestrichen hatte, war auch das heikle Thema Homosexualität auf der

Agenda: Der Paragraph 489 des marokkanischen Strafgesetzbuches verbietet Sexualität zwischen gleichgeschlechtlichen Personen, und regelmäßig werden Männer zu Gefängnisstrafen verurteilt.

regelmäßig werden Männer zu Gefängnisstrafen verurteilt. Jennifer Lopez beim Musikfestival „Mawazine“ / Foto:

Jennifer Lopez beim Musikfestival „Mawazine“ / Foto: J. Zawa

Infolge der Kontroverse um diese Auftritte bei „Mawazine“ gab der Privatsekretär des Monarchen sei- nen Vorsitz der Organisation, welche das Festival mit Hilfe von Sponsoren organisiert, ab. Damit läuft der Palast zukünftig weniger Gefahr, in die Ziellinie von Kritik zu geraten.

Wie lang muss ein Rock sein? In dem kleinen Ort Inezgane bei Agadir schlugen kurz darauf Vertreter des vermeintlichen gesunden Volksempfindens erneut zu: Auf dem Markt bedrängte ein Mob zwei Studentinnen, weil sie im Rama- dan angeblich in zu kurzen Röcken unterwegs waren. Die Polizei nahm dann nicht die Angreifer fest, sondern die beiden jungen Frauen. Sie wurden wegen „öffentlichen Verstoßes gegen das Schamgefühl“ angeklagt. Und in Fez griff eine Menschenmenge mitten im Stadtzentrum einen jungen Marokkaner an, den sie - wie auch immer als homosexuell identifiziert hatte. Der junge Mann konnte sich vor dem Mob gerade noch in ein Taxi retten.

Diese Ereignisse haben regelrechte Schlachten in den sozialen Medien ausgelöst, die sich mehrheitlich gegen die vermeintlichen Angriffe auf die „Identität“ der Marokkaner richteten. Beschimpfungen, Dro- hungen und Beleidigungen waren hier zu lesen und zu hören. Auf der anderen Seite haben Organisati- onen der Zivilgesellschaft die individuelle Freiheit und das Recht auf Differenz verteidigt. Insbesondere Frauenorganisationen haben die Angriffe auf die beiden Frauen im Souk von Inezgane und ihre an- schließende Festnahme durch die Polizei als skandalös kritisiert. Sie scheinen jedoch eine lautstarke Minderheit zu sein.

Hintergrund: Marokko Nr. 51 / September 2015

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Zu Debatten mit Austausch von Argumenten zwischen den liberalen Kräften und dem „Volkszorn“ kam es
Zu Debatten mit Austausch von Argumenten zwischen den liberalen Kräften und dem „Volkszorn“ kam es
Zu Debatten mit Austausch von Argumenten zwischen den liberalen Kräften und dem „Volkszorn“ kam es

Zu Debatten mit Austausch von Argumenten zwischen den liberalen Kräften und dem „Volkszorn“ kam es jedoch selten. Der marokkanisch-französische Intellektuelle Rachid Benzine sieht darin ein schweres Erbe der Jahrzehnte unter Hassan II., als Marokko in einer „institutionell organisierten Ignoranz“ ge- halten wurde (Zitat des marokkanischen intellektuellen Mohammed Arkoun): Bis heute spielten Intel- lektuelle nach Ansicht Benzines ihre gesellschaftliche Rolle als Aufklärer, Mahner und Debattenführer nicht ausreichend. Zu oft ließen sie sich von den Mächtigen kooptieren oder unterwürfen sich der vermeintlichen sozialen Norm. Dass sich dies langsam ändert, haben Intellektuelle, Künstler und Jour- nalisten mit ihrem Appel zur Verteidigung der Freiheit gezeigt (http://telquel.ma/2015/07/03/appel-

Eine unrühmliche Rolle spielten dagegen viele politischen Parteien: Angesichts der anstehenden Kommunal- und Regionalwahlen vom 4. September 2015 nutzen einige Parteien die Lage, um mit der angeblichen Verteidigung des religiösen Empfindens der Marokkaner zu punkten. Für die islamistische Regierungspartei PJD war es die Gelegenheit, ihrem Wahlvolk mehr Ideologie zu bieten, als dies im täglichen Regierungsgeschäft in einer Koalition möglich ist. Aber auch die Istiqlal-Partei, die histori- sche Partei der Unabhängigkeit, schlug die religiöse Saite an in der Hoffnung, damit bei den Wählern anzukommen. Die liberalen Partnerparteien dachten zum Teil lange nach. Nachdem die linke PPS schnell Partei für die Frauen und den Schutz der individuellen Freiheit eingetreten war, verurteilte auch die FNF-Partnerpartei Mouvement Populaire zwölf Tage nach den Ereignissen die Übergriffe. Auch die Föderation junger marokkanischer Liberaler ebenfalls ein Partner der FNF kritisierte in einem Video das Vorgehen der Polizei, weil sie das Gewaltmonopol des Staates nicht verteidigt habe. (Link zum Video: www.youtube.com/watch?v=8bA0gT7BIxs )

Gerade das Vorgehen der Polizisten in Inezgane, welche nicht die Angreifer, sondern die beiden Frauen festnahmen, ist symptomatisch für die Verwirrung von Teilen der Gesellschaft: Sie wollten die ver- meintliche dominierende soziale Norm verteidigen statt den Rechtsstaat, dessen Instrument sie sind.

Schwammige Paragraphen ahnden vermeintliche Moralverstöße Doch nicht nur das traditionelle Moral-Verständnis eines großen Teils der Bevölkerung ist das Prob- lem: Die Ambiguität wird durch Staat und Gesetz aufrechterhalten. So garantiert die Verfassung von 2011 zwar zahlreiche individuelle Freiheiten die herrschenden Gesetze entsprechen diesem Geist allerdings nicht: So stellen schwammige Paragraphen Verstöße gegen die „Moral“ oder das „Schamge- fühl“ unter Strafe ebenso wie Ehebruch und Homosexualität. Diese Strafdelikte sollen auch im neuen Strafgesetzbuch, das derzeit erarbeitet wird, beibehalten werden.

Die Häufung dieser teilweise gewalttätigen Übergriffe auf vermeintliche Feinde der öffentlichen Moral überraschen auch in Marokko viele Beobachter. Denn seit den 2000er Jahren war der öffentliche Dis- kurs auch in den sozialen Netzwerken eher von Reform und Modernität geprägt, beginnend mit der neuen Familiengesetzgesetzgebung von 2004 bis hin zu Verfassung von 2011. Die Leiterin des Zentrums für Frauenstudien im Islam, Asma Lamrabet, sieht die Ursachen für diese „moralische Inqui- sition“ in der sozialen und politischen Malaise im Lande und spricht von „Regression“. In einem Inter- view mit der Zeitschrift „Tel Quel“ macht sie das „totale Versagen“ des öffentlichen Schulsystems, die „politische Sackgasse“ und die „soziale Panne“ für diese Entwicklung verantwortlich.

Die moralische und materielle Frustration breche sich hier Bahn – zumal die politischen Parteien und
Die moralische und materielle Frustration breche sich hier Bahn – zumal die politischen Parteien und
Die moralische und materielle Frustration breche sich hier Bahn – zumal die politischen Parteien und

Die moralische und materielle Frustration breche sich hier Bahn zumal die politischen Parteien und Institutionen ihrer Aufgabe, soziale Gerechtigkeit und die menschliche Würde zu verteidigen, nicht nachkämen.

In der Tat ist die Politikerkaste in Marokko mit ihren eigenen Ränkespielen beschäftigt und hat nur minimalen Rückhalt in der Bevölkerung. Doch auch bestimmten Religionsvertretern wirft die Ärztin, die selbst ein Kopftuch trägt, vor, die herrschende soziale Ungerechtigkeit und die aussichtslose Lage vieler junge Marokkaner nicht anzusprechen. Statt die intellektuelle Leere, das Fehlen ethischer Stan- dards oder die grassierende Korruption anzuprangern, meldeten sie sich nur zu Wort, wenn es um die Länge von Röcken gehe, wirft die Frauenrechtlerin ihnen vor. Damit werde der „kulturelle Automatis- mus“, bei dem sich Religion, Politik und Identität konfus vermischten, gestärkt.

Ausdruck des Transformationsprozesses? Der bekannte marokkanische Soziologe Mohamed Tozi sieht dies positiver: Für ihn sind die Kämpfe um moralische Fragen Ausdruck der Transformation, in der sich die marokkanische Gesellschaft befindet:

„Wir leben im Übergang von der Dominanz des kommunautären Denkens, in dem Werte vererbt wer- den, zu einer Gesellschaft, die sich Werte aneignet.“ Er wertet die emotionalen Auseinandersetzungen daher als positives Zeichen für Veränderungen und Fortschritt.

Andrea Nüsse ist FNF-Projektleitern für Marokko und Algerien (Bildmaterial: FNF-Projektbüro Rabat).

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