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„Der Schurkenstaat als Marketingkonzept“.

Politisches Essay im Rahmen des


Essaywettbewerbes „Unter 28“. Thema: „Warum gegen Schurkenstaaten (nicht)
Krieg geführt werden sollte“.
Veröffentlicht in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 1/04,
hg. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, S. 84-87.

Der Schurkenstaat als Marketingkonzept

© carsten thoben

Im Jahr 1995 erstellte eine Abteilung des US-Verteidigungsministeriums eine


Untersuchung, die die Abschreckungspolitik nach dem Ende des Kalten Krieges
thematisierte. Basierend auf dieser Studie wurde die Abschreckung gegenüber
Schurkenstaaten unter Präsident Clinton zur offiziellen Doktrin der USA erklärt.
Auch wenn bis zum heutigen Tag keine genaue Definition für den Begriff des
„Schurkenstaates“ vorgelegt worden ist - der Ausdruck vom „rogue state“ wurde im
Juni 2000 offiziell durch den Begriff des „state of concern“, des Besorgnis erregenden
Staates, ersetzt - verwendet die US-Regierung den Begriff für Staaten, die den
Terrorismus in ihren Augen aktiv unterstützen und die nationale Sicherheit der
Vereinigten Staaten gefährden. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht der Ausdruck
für repressive Regime, in denen die Menschen- und Bürgerrechte mißachtet werden.
Der aktuelle Jahresbericht von Amnesty International listet 151 Staaten auf, in
denen Menschenrechte systematisch verletzt oder mißachtet worden sind. 151
Staaten, in denen Demokratie und Freiheit für die Bürger Fremdworte darstellen. Eine
eindrucksvolle Liste von potentiellen Schurkenstaaten, in der auch der Irak zu finden
ist. Die arabische Nation zog in den vergangenen Jahren wiederholt die
Aufmerksamkeit der Medien auf sich, in deren Berichterstattung der Irak zum
Musterbeispiel eines Schurkenstaates avancierte. Bereits vor zwölf Jahren bezeichnete
Hans-Magnus Enzensberger Saddam Hussein als „Hitlers Wiedergänger“.1 Folter,
verschwundene Regimegegner, Hinrichtungen, Giftgasangriffe auf das eigene Volk -
die Liste der Gräueltaten des Diktators vom Tigris ist lang. Dem Irak wurde die Ehre
zuteil in die „Achse des Bösen“, den Olymp der Schurkenstaaten, aufgenommen zu
werden. Der Golfstaat stelle eine Bedrohung für seine Nachbarn und die gesamte
Welt dar, so die vorherrschende Meinung in London und Washington. Im März dieses
Jahres entschieden sie sich für einen Angriff auf den irakischen Schurkenstaat. Dem
leidenden irakischen Volk sollten Freiheit und Wohlstand gebracht werden, der
Frieden in die Region Einzug erhalten.
War der Angriff auf den Irak nur der Auftakt für einen groß angelegten Feldzug gegen
die Schurken dieser Welt? Selbst dem größten Falken im Pentagon liegt die
Vorstellung vom ewigen Krieg für ewigen Frieden fern. Es stellt sich die Frage,
warum ausgerechnet der Irak als Ziel eines Angriffes ausgewählt wurde. Waren die
Verbrechen des Saddam Hussein größer als die der Militärjunta in Myanmar? Stellte
der irakische Diktator eine größere Bedrohung dar als das Nordkorea unter Kim Jong-
Il? Es soll an dieser Stelle nicht der Frage nach den Beweggründen des Irakkrieges
nachgegangen werden, der Frage, ob der Irak auch Opfer eines Angriffes geworden
wäre, wenn sich in dem Zweistromland statt riesiger Ölfelder unzählige
Baumwollplantagen aneinander reihen würden. Es drängt sich indes ein Verdacht auf.
Der Begriff des Schurkenstaates scheint dehnbar, um nicht zu sagen willkürlich. In
1
Der Spiegel, Nr.6, 04.02.1991
der so genannten „Koalition der Willigen“ finden sich zahlreiche Staaten mit
zweifelhafter Menschenrechtsbilanz. Eine Tatsache, die selbst das US-
Außenministerium zugesteht. So kritisiert es die frühere Sowjetrepublik Usbekistan
als einen „autoritären Staat“. Es gibt dort weder freie Wahlen noch Gewaltenteilung.
Folter ist in den Gefängnissen des Landes an der Tagesordnung, immer wieder
verschwinden Menschen unter ungeklärten Umständen, um später in der
Todesstatistik aufzutauchen. Alle diese Fakten sind im Jahresbericht 2002 des US-
Außenministeriums nachzulesen, den Colin Powell Ende März dieses Jahres dem
Kongress vorlegte. Von den vier afrikanischen Mitgliedern der Koalition gesteht der
Bericht keinem einzigen zu, die Menschenrechte auch nur im Wesentlichen zu
respektieren. Als Kriegsverbündete erfüllen sie trotz allem ihren Zweck. Keiner der
genannten Staaten taucht auf der Liste der Schurkenstaaten auf. Noam Chomsky, der
wohl renommierteste Kritiker der US-Außenpolitik, verweist in diesem
Zusammenhang auf die Existenz von „Schurkenstaaten mit Sonderstatus“, jene
Staaten, die die Weisungen des Westens befolgen, dessen wirtschaftlichen und
machtpolitischen Interessen nicht im Wege stehen.
Nach seiner Machtergreifung vor 24 Jahren zählte Saddam Hussein zu den Lieblingen
des Westens. Er war zwar ein Hundesohn, aber er war „unser Hundesohn“.
Deutschland, Frankreich und auch die Vereinigten Staaten lieferten ihm bereitwillig
Waffen. Über seine Menschenrechtsverletzungen wurde gütigst der Mantel des
Schweigens gelegt. Erst im Jahre 1990, nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait,
wurde Saddam in die Galerie der Schurken aufgenommen. „Saddam ist nicht wegen
seiner umfangreichen Verbrechen zur „Bestie von Bagdad“ avanciert, sondern weil er
[...] die ihm gesetzten Grenzen überschritt.“2 Nach der Auffassung von Chomsky
können sich die Schurken an den Schalthebeln der Macht in Sicherheit wiegen, so
lange sie die Weisungen des Westens befolgen. Sie haben keinen Angriff zu
befürchten. Ein Schurke ist niemand, der Menschenrechte verletzt, sondern jemand,
der die Interessen des Westens gefährdet. „Verbrechen werden nicht bestraft, nur
Ungehorsam“3, so Chomsky weiter.
Am 19. März verkündete Präsident Bush in einer Ansprache an die amerikanische
Nation den Angriff auf den Irak. Mit der Begründung „den Irak zu entwaffnen, sein
Volk zu befreien und die Welt gegen ernste Gefahr zu verteidigen.“ 4 Das „tapfere
und unterdrückte“ irakische Volk solle endlich die Segnungen von Freiheit und
Demokratie erfahren. Fünf Monate nach dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen
am 1. Mai herrscht im Irak das Chaos. Bewaffnete Angriffe auf die
Besatzungstruppen gehören zur Tagesordnung. Das Land droht in einem Guerillakrieg
zu versinken, Erinnerungen an Vietnam werden wach. Viele Iraker wollen die
ausländischen „Ungläubigen“ nicht länger in ihrem Land sehen, einige sehnen gar das
alte Regime zurück. Sind sie alle „undankbare Geschöpfe“, die die gute Absicht des
Westens nicht erkennen wollen? Der Glaube an einen gerechten Krieg für Freiheit
und Demokratie, Krieg aus Altruismus, ist eine romantische Vorstellung versprengter
linker Idealisten. Kriege werden aus nationalem Interesse geführt. Der Begriff der
„humanitären Intervention“, seit dem Kosovo-Krieg zum neuen Modewort der
Militärs avanciert, ist eine beschönigende Bezeichnung für einen Angriffskrieg aus
Machtinteresse. Orwellsche Semantik: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei,
Unwissenheit ist Stärke.

2
Chomsky, Noam: War against people, S. 47.
3
Chomsky, Noam: War against people, S. 10.
4
http://www.whitehouse.gov/news/releases/2003/03/iraq/20030319-17.html
Am 11. und 12. Juli 1995 brachten Soldaten unter dem bosnisch-serbischen General
Mladic in Srebrenica 8000 muslimische Männer um. Slobodan Milosevic verdiente
sich den Spitznamen vom „Schlächter von Belgrad“. Das Schicksal Saddam Husseins
blieb ihm erspart. Es sollte vier Jahre dauern, bis die NATO im März 1999
Luftangriffe gegen Jugoslawien flog, um die Kosovaren vor den Verbrechen
Milosevics zu schützen – so zumindest die offizielle Begründung. Der Schurke an
Jugoslawiens Spitze blieb weiterhin im Amt. Es blieb dem serbischen Volk überlassen
sich vom Joch des Tyrannen zu befreien. In Nordkorea hungert ein ganzes Volk unter
einem wahnsinnigen Diktator. Ein Grund für einen Angriff? Keineswegs. Das
Problem soll auf diplomatischem Wege gelöst werden. Nordkorea verfügt über ein
ansehnliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, die Abschreckung erfüllt den
erwünschten Zweck. Das Schicksal des Volkes ist nebensächlich.
Die genannten Beispiele – es ließen sich weitere Exempel in großer Menge anführen
– machen eines deutlich: Kriege gegen Schurkenstaaten dienen keineswegs dem
Zweck Frieden, Wohlstand und Freiheit in die Welt zu tragen. Sie werden nicht aus
humanistischen Beweggründen geführt. Kein Staatsführer schickt seine Soldaten für
die Freiheit eines anderen Volkes in den Krieg. Das Konzept vom „Schurkenstaat“
dient allein der moralischen Ummantelung des kriegerischen Unterfangens. Wenn die
ersten Särge, eingehüllt in die Landesflagge, auf den heimischen Flughäfen
ankommen, benötigen die Bürger die Gewißheit, dass die Soldaten, ihre Väter, Brüder
oder Söhne, für eine gerechte Sache gestorben sind. Kein Volk der Welt läßt seine
Jungs in den Krieg ziehen, um lukrative Aufträge für heimische Unternehmen an
Land zu ziehen. Der bewaffnete Angriff auf eine andere Nation muß dem Volk
verkauft werden. Diktatoren werden kurzerhand zu Schurken erklärt, ihre
schrecklichen Verbrechen jedem vor Augen geführt. Vor dem zweiten Golfkrieg
kamen in den US-Medien Geschichten von Babys ans Tageslicht, die von irakischen
Soldaten aus den Brutkästen gezogen und auf den Boden geschmissen werden. Die
Mütter vor den Fernsehschirmen erstarrten angesichts solcher Grausamkeiten vor
Entsetzen. Die Geschichte war eine Lüge, doch Wahrheit hin oder her, die
Schreckensmeldung erfüllte ihren Zweck. Die eigenen Soldaten wurden mit
stolzgeschwellter Brust in den Krieg gegen den bösen Schurken geschickt. Die
Amerikaner waren von der Gerechtigkeit des Unterfangens überzeugt. „Support our
troops!“ – eine Nation stand geschlossen hinter ihren Soldaten. Der Schurkenstaat als
perfektes Marketingkonzept.
Ein Großteil der Menschen hält Kriege aus rein machtpolitischem und
wirtschaftlichem Interesse für moralisch verwerflich. Sie glauben fest an die „Lehre
vom gerechten Krieg“, des „jus ad bellum“. Die Entscheidung zum Krieg erfordert
einen gerechten Grund, welcher traditionell nur die Notwehr sein kann. Die UN-
Charta, Grundlage der internationalen Rechtsordnung, gesteht allen Nationen „das
naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung“ im „Falle
eines bewaffneten Angriffes“ zu. Der Irak hat keine Nation angegriffen. Er stellte
keine unmittelbare Bedrohung für seine Nachbarstaaten oder den Weltfrieden dar.
Von den Massenvernichtungswaffen, die einem britischen Geheimdienstdossier
zufolge innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit seien, fehlt bis heute jede Spur. Ihre
Existenz ist nicht erwiesen. Aus diesen Gründen hat der UN-Sicherheitsrat den
Angriff nicht legitimiert. Dem Feldzug fehlte die nötige Autorität, er ist ein
eindeutiger Verstoß gegen das Völkerrecht.
Die Entscheidung zur bewaffneten Gewalt erfordert gleichfalls eine gerechte Absicht.
Glaubt man den Befürwortern des Angriffs auf den Irak, so ist diese rechte Absicht
gegeben: Freiheit für die Iraker, Frieden und Sicherheit für die Welt! Vor zwei Jahren
ist der Angriff auf Afghanistan auf ähnliche Art und Weise begründet worden. Heute
herrscht am Hindukusch eine Regierung, deren Macht nicht über die Stadtgrenzen von
Kabul hinaus reicht. Die Taliban sind auf dem Vormarsch, außerhalb der Hauptstadt
sind die Frauen wieder gezwungen ihre Burkas zu tragen. Ist das die viel beschworene
Freiheit, die der US-Präsident dem geschundenen afghanischen Volk versprochen
hat? Vielleicht können sich die westlichen Nationen in größerer Sicherheit wiegen.
Den Afghanen hat der Krieg keine demokratische Ordnung, geschweige denn mehr
Wohlstand gebracht. Ähnlich wie im Irak wünschen sich immer mehr Afghanen das
alte Regime zurück.
Unzählige Menschen auf diesem Planeten haben unter grausamen Regimen zu leiden.
Sie haben wie alle Menschen das Recht auf „Leben, Freiheit und Sicherheit der
Person“, das Recht in den Genuss von Freiheit und Demokratie zu kommen. Ein
bewaffneter Angriff ist der falsche Weg, um ihnen diese Grundrechte zu garantieren.
Demokratie und Freiheit können nicht durch Bomben herbei geführt werden. Die
Afghanen und Iraker haben dies in der jüngsten Vergangenheit schmerzhaft erfahren
müssen. Es müssen andere Wege gefunden werden, um die Menschen vom Joch der
Schurken zu befreien. Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes. Ob
Sanktionen, die Unterstützung von Oppositionsgruppen oder die diplomatische
Ächtung, es gibt unzählige Alternativen zu einem bewaffneten Angriff. Um es mit
den Worten des römischen Staatsmannes Cicero zu sagen: „Der ungerechteste Frieden
ist immer noch besser als der gerechteste Krieg.“