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Diplomarbeit im Fach Sozialwissenschaften an der Carl

von Ossietzky Universität Oldenburg

Carsten Thoben

„Die Globalisierung als Initialzündung für eine Welt ohne Nationalstaaten -


eine realitätsferne Utopie oder stellen Konzepte wie das der „Global
Governance“ eine ernsthafte Alternative für das „Zusammenleben der
Völker“ dar?“

Matrikelnummer: 84 96 430
E-Mail: carstenthoben@hotmail.com

Betreuende Gutachter: apl. Prof. Dr. rer. pol. habil. Hiltrud Naßmacher
Leiv Eirik Voigtländer

1
Inhaltverzeichnis

1 Einleitung 4

2 Der Nationalstaat 7

2.1 Problemstellung 7

2.1.1 Was ist eine Nation? 7

2.2 Der Begriff des „Staates“ 13

2.3 Der Begriff des „Nationalstaats“ und seine Verwendung in der


vorliegenden Diplomarbeit 17

2.4 Zusammenfassung 19

3 Der Prozess der Globalisierung 20

3.1 Begriffsklärung 20

3.2 Definition 23

3.3 Die Geschichte eines Prozesses 27

3.4 Hyper-Globalisierer und Skeptiker 30

3.5 Zusammenfassung 34

4 Das Konzept der „Global Governance“ 35

4.1 Problemstellung 35

4.2 Definition 36

4.3 Hauptprotagonisten 41

4.3.1 James Rosenau 42


4.3.2 Commission on Global Governance (CGG) 42
4.3.3 Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) 43
4.3.4 Gruppe von Lissabon 44
4.3.5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede 44

4.4 Voraussetzungen und Probleme 45

4.5 Zusammenfassung 50

2
5 Die Zukunft des Nationalstaats 51

5.1 Problemstellung 51

5.2 Die Verfechter des Nationalstaat-Prinzips 51

5.3 Die Position der Skeptiker 56

5.4 Die Europäische Union als Zukunftsmodell – Totengräber des Nationalstaats? 61

5.5 Alternative „Global Governance“? 65

5.5.1 Global Governance und der Nationalstaat 65


5.5.2 Globale Politiknetzwerke 69

5.6 Zusammenfassung 71

6 Fazit 72

Literaturverzeichnis 76

3
1 Einleitung

„Der Nationalstaat bezeichnet seit der Französischen Revolution die idealistische Vorstellung einer
(weitgehenden) Übereinstimmung von ethnischer Gemeinschaft (Nation, Volk) und territorial-rechtlicher
Herrschaft (Staat).“ 1 Zwar gab es vormoderne Vorläufer wie das Römische oder das
Chinesische Reich, dennoch ist der Nationalismus eine Entwicklung der europäischen
Neuzeit.
Ein Nationalstaat setzt Staat und Nation voraus. Anhängern der Nationalstaatsidee
zufolge sollen entstehende Nationalstaaten die wesentlichen Teile des staatstragenden und
meist auch namengebenden Volkes in sich vereinen. Idealtypisch gehören einem
Nationalstaat alle Angehörigen seines Volkes und auch nur Angehörige dieses Volkes oder
Kulturkreises an. Heute existieren auf der Welt knapp 200 selbständige Nationen (die
Vereinten Nationen umfassten im Jahre 2006 192 Mitglieder).
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein weltweiter Prozess herausgebildet, der unter
dem Schlagwort „Globalisierung“ bekannt ist. Es handelt sich um einen vielfältigen
Prozess, der – kurz zusammen gefasst – die zunehmende internationale Verflechtung in
allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc.) bezeichnet.
Von Jahr zu Jahr entwickelt sich zunehmend eine globale Ökonomie und Kultur, die
nicht länger an nationale Grenzen und Identitäten gebunden ist. Der amerikanische
Politikwissenschaftler Benjamin BARBER hat diese Entwicklung plakativ mit dem Begriff
„McWorld“ benannt. 2 Die fortschreitende Globalisierung bedeutet langfristig einen
inhaltlichen Bedeutungswandel für den Nationalstaat. Ist dieser in einer global
verflochtenen Welt überhaupt noch von Bedeutung bzw. überlebensfähig oder wird er in
naher Zukunft von neuen Organisationsformen abgelöst? Bilden sich neue Formen von
Staatlichkeit heraus oder muss die Globalisierung und die damit einhergehende
Denationalisierung als Chance für den Nationalstaat verstanden werden?

1 Schubert, Klaus; Klein, Martina. „Das Politiklexikon.“ Bonn: Dietz, 2006. URL:
http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=J3YPHB.
2 vgl. Barber, Benjamin. „Coca Cola und Heiliger Krieg. Wie Kapitalismus und Fundamentalismus Demokratie und

Freiheit abschaffen.“ München: Scherz Verlag, 1996.


4
Der Direktor des Deutschen Institutes für Entwicklungspolitik (DIE), Prof. Dr. Dirk
MESSNER, hat vier Perspektiven über die Zukunft der Nationalstaaten erstellt:3

1. Auflösung des Nationalstaates:

Für MESSNER ist eine Auflösung der Nationalstaaten schwer vorstellbar.


„Der Nationalstaat ist weiterhin Dreh – und Angelpunkt unseres politischen
Koordinatensystems.“ Er sieht keine Alternativen, die das Vakuum, das die
Nationalstaaten hinterlassen würden, füllen könnten.

2. Bestehen des Nationalstaates in seiner alten Form als konkurrenzloser


Akteur:

In diesem Szenario verliert der Nationalstaat, hauptsächlich durch die


ökonomische Globalisierung, zwar an wirtschaftlicher Steuerungsfähigkeit,
bleibt jedoch Garant und damit unverzichtbar für Demokratie und
Sozialstaat.

3. Kooperativer Nationalstaat:

Der Kooperative Nationalstaat wäre in ein enges multilaterales System


eingebunden, dass auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit
einschließt. In einem Kooperativen Nationalstaat würden Innen – und
Außenpolitik verschmelzen.

4. Transformierter Nationalstaat

MESSNERS „Transformierter Nationalstaat“ entspricht in großen Teilen


dem Global Governance-Ansatz. Der Unterschied besteht allerdings darin,
dass für MESSNER noch immer der „demokratisch legitimierte Nationalstaat
(...) die entscheidende Instanz (bleibt), die das Gemeinwohlinteresse wahrzunehmen hat“.

3 vgl. Messner, Dirk. „Die Zukunft des Staates und der Politik. Möglichkeiten und Grenzen politischer
Steuerung in der Weltgesellschaft.“ In EINE Welt - Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden, Bd. 5. Bonn:
J.H.W. Dietz Nachfolger, 1998.
5
Mit eben jenem bereits erwähnten Konzept der Global Governance, ein Begriff, für den es
(bislang) kein adäquates deutsches Synonym gibt, möchte ich mich in meiner
Diplomarbeit eingehender auseinander setzen. Dirk MESSNER definiert den Begriff als
„Entwicklung eines Institutionen- und Regelsystems und neuer Mechanismen internationaler Kooperation,
die die kontinuierliche Problembearbeitung globaler Herausforderungen und grenzüberschreitender
Phänomene erlauben“4 Es existieren weiter gehende Definitionen des Begriffes, wie die von
Franz NUSCHELER, nach denen der Nationalstaat nicht mehr als entscheidende Instanz
über die Interessen des Gemeinwohls entscheidet. Entscheidungen erfolgen im System
der Global Governance anhand einer multilateralen Kooperation von Staaten, Regionen,
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Transnationalen Organisationen. Der Ansatz
sucht nach Voraussetzungen und Formen demokratischer Partizipation im Zeichen der
Globalisierung. Es geht um „verschiedene Formen und Ebenen der Koordination, Kooperation und
kollektiven Entscheidungsbildung, in die zunehmend auch nichtstaatliche Akteure eingebunden werden
sollen.“ 5 Zahlreiche Global Governance-Ansätze gehen dabei von der Globalisierung als
einem unumkehrbaren „Mega-Trend“ aus. Es wird angenommen, dass der Staat an
Handlungsfähigkeit und Souveränität eingebüßt hat und daraus konsequenterweise eine
Krise des Regierens abgeleitet.6
Angesichts der aktuellen Entwicklung und der rasant fortschreitenden Globalisierung
stellt sich daher die Frage, wie die Zukunft der Welt aussehen wird. Wird das bekannte
System der Nationalstaaten tatsächlich bald (in 10, 20, 50 oder auch 100 Jahren) der
Vergangenheit angehören? Ist ein globales Regieren ohne ihre Existenz vorstellbar und ist
das Konzept der Global Governance tragfähig genug, es zu ersetzen? Oder gibt es vielleicht
andere (überzeugendere) Konzepte? All dies sind Fragen, denen ich auf den folgenden
knapp neunzig Seiten meiner Diplomarbeit nachgehen möchte.

4 Messner, Dirk. „Globalisierung, Global Governance und Perspektiven der


Entwicklungszusammenarbeit.“ In Entwicklung und Frieden im 21. Jahrhundert, hg. Franz Nuscheler. Bonn:
Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, 2000, S. 267-294.
5 ebd.
6 vgl. Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global

Governance. Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED.
Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000.
6
2 Der Nationalstaat

2.1 Problemstellung
Eine Definition des Begriffes „Nationalstaat“ gestaltet sich schwierig. Trotz der
unübersichtlichen Fülle an Literatur, lässt sich kaum eine prägnante Definition finden.
Die einfachste und kürzeste, die ich gefunden habe, lautet wie folgt: „Ein Staat, dessen
Bevölkerung ganz oder überwiegend zur selben Nation gehört.“ 7 Natürlich kann diese
Umschreibung einem solch komplexen Begriff nicht ansatzweise gerecht werden. Einzig
sicher und in der wissenschaftlichen Fachdebatte unbestritten, ist die Tatsache, dass es
sich bei dem Begriff um eine Erscheinung der Moderne handelt, der „im Kontext der
Ausbildung von bürgerlicher Gesellschaft und der Ausbreitung der industriellen Revolution mit ihren
sozialen, politischen und ökonomischen Konsequenzen geprägt worden“8 ist.
Nach der Lektüre zahlreicher Publikationen sowie Artikeln in Fachzeitschriften und im
Internet, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es – der Übersichtlichkeit wegen –
sinnvoll ist, das Wort „Nationalstaat“ in seine beiden Bestandteile zu zerlegen. Ich werde
daher die Bedeutung der Begriffe „Nation“ und „Staat“ getrennt in einzelnen Kapiteln
erörtern und nachfolgend meine Verwendung des Begriffes „Nationalstaat“ in der
vorliegenden Diplomarbeit erörtern.

2.1.1 Was ist eine Nation?9


Zu Beginn dieses Kapitels sei fest gestellt, dass es keine allgemein anerkannte und
eindeutige Definition von „Nation“ gibt, eine Tatsache, die in der vielschichtigen
Funktion des Begriffes begründet liegt. Bereits die nationalstaatlichen Bewegungen des 18.
und 19. Jahrhunderts haben den Begriff auf unterschiedliche Weise verwendet. Um eine
theoretische Bewältigung steht es auffallend schlecht. 10 Ben MÖBIUS vergleicht das

7
Quelle: Brockhaus in 15 Bänden, URL: http://www.brockhaus-
suche.de/suche/trefferliste.php?suchbegriff%5BAND%5D=nationalstaat&suche=erweitert&modus=title
&doit=yesPLEASE.
8 Von Bredow, Wilfried. „Nation/Nationalstaat/Nationalismus.“ In Wörterbuch Staat und Politik. Neuausgabe

1995, hg. Dieter Nohlen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1998, S. 453.
9 Am 11. März 1882 hielt ERNEST RENAN an der Universität Sorbonne in Paris einen Vortrag mit

diesem Titel
10 Anderson, Benedict. „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts.“ Frankfurt am Main:

Campus Verlag, 1988, S. 13.


7
Unterfangen sogar mit dem verzweifelten Versuch, „einen Pudding an die Wand zu nageln.“11
Sicher scheint einzig, dass die Menschheit lange existierte, bevor sich die ersten Nationen
heraus bildeten. Die Ära der Nationen nimmt nur eine kurze Zeitspanne im Laufe der
überlieferten Geschichte ein, wobei festzuhalten ist, dass das Zeitalter der Nationen in
verschiedenen Teilen der Welt zu unterschiedlichen Zeiten begonnen hat. Die heutigen
Namen von Nationen mussten sich erst langsam über die Jahrhunderte bilden.
Was aber ist konkret unter dem Begriff der „Nation“ zu verstehen? Handelt es sich um
eine fiktive Idee? Verbirgt sich hinter der Nation schlicht der Nationalstaat oder das Volk?
Die Begriffe gehen an dieser Stelle durcheinander. Wissenschaftler verschiedener
Disziplinen scheinen jeder ihre eigene Definition zu verwenden. Begriffliche
Abgrenzungen verschwimmen ineinander. Das Wort „Nation“ wird heute sehr allgemein
und ungenau verwendet.12 Die Definition, die das komplexe Phänomen meiner Ansicht
nach allgemeingültig zusammen fasst – Albert REITERER bezeichnet sie auch als
„Common-Sense-Begriff“ 13 - lautet: „Die Gesamtheit der Personen, die von gemeinsamem
Ursprung, Sprache und Geschichte sind, und die auch das Bewusstsein dieser Einheit besitzen,
unabhängig davon, ob sie sich in einer politischen Einheit realisiert.“14
Der amerikanische Politikwissenschaftler Karl W. DEUTSCH baut auf eine einfache, für
jeden verständliche Definition der Nation: „Eine Nation ist ein Volk im Besitz eines Staates.
Um einen Staat in Besitz zu nehmen, müssen einige Mitglieder dieses Volkes den Hauptteil der
Führungskräfte dieses Staates stellen und eine größere Zahl von Volksangehörigen muss sich mit diesem
Staat irgendwie identifizieren und ihn unterstützen.“15 Hier aber wird bereits die Kenntnis des
Begriffs vom „Staat“ voraus gesetzt, der erst im folgenden Kapitel erörtert werden soll.
In der wissenschaftlichen Literatur kann zwischen zwei Ansätzen der
Zugehörigkeitsbeschreibung zu einer Nation unterschieden werden:

11 Möbius, Ben. „Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und multikultureller
Gesellschaft.“ Opladen: Leske + Budrich, 2003, S. 29.
12 vgl. Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am Main:

Campus Verlag, 2005, S. 19.


13 Reiterer, Albert F. „Die unvermeidbare Nation. Ethnizität, Nation und nachnationale Gesellschaft.“ Frankfurt am

Main: Campus Verlag, 1988, S. 33.


14 Dizionario Enciclopedia Italiano Vol. VIII. Rom: Istituto Poligrafico dello Stato, 1958, S. 268. Zitiert

nach: ebd., S. 32.


15 Deutsch, Karl W. „Nationenbildung – Nationalstaat – Integration.“ Studienbücher zur auswärtigen und

internationalen Politik. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag, 1972, S. 204.


8
- deterministisch: die Zugehörigkeit der Menschen bestimmt sich
anhand objektiv erkennbarer Merkmale, ob er es will oder nicht
(bedeutendster Vertreter: FRIEDRICH MEINEKE);
- voluntaristisch: die Nation wird als Gemeinschaft verstanden, die
durch den Willen des Einzelnen begründet wird (bedeutendster
Vertreter: ERNEST RENAN).

In der wissenschaftlichen Forschung hat es sich zunehmend durchgesetzt, bei der


Begriffsfindung beide Ansätze miteinander zu verknüpfen, da sie zwar sinnvoll, für sich
genommen aber völlig insuffizient sind.16 Die genannten Aspekte sind zu schwammig und
„Grundlage für so viel anderes, dass wir die Nation nicht auf diese Weise definieren können.“17
Ben MÖBIUS zufolge muss eine Definition der „Nation“ zweierlei leisten: „Nichts
möglicherweise Wichtiges außen vor lassen und doch mitteilen, was überhaupt Gegenstand der Betrachtung
sein soll.“ 18 Zahlreiche Fragen bedürfen einer Klärung. Welche Bedeutung haben
beispielsweise das „Volk“ und der „Staat“ für die Nation?
Zunächst einmal erscheint es sinnvoll, auf den lateinischen Wortursprung zu verweisen.
Denn es ist einfacher, die sprachliche Herkunft des Wortes zu beschreiben, „als die
Bedeutungen und Auslegungen zu erklären, die es erhielt, seit es als politischer Begriff gegen Ende des 18.
Jahrhunderts (…) in den Wortschatz der Umgangssprache eingeführt wurde.“ 19 „Natio“ bzw.
„nasci“ bedeutet „geboren werden“. Der Begriff stand ursprünglich für eine größere Zahl
von Menschen, die von ihrer Geburt her durch eine gemeinsame Sprache, Sitten und
bestimmte Lebensgewohnheiten als zusammengehörig empfunden wurden.
An mittelalterlichen Universitäten wurden die Studenten in so genannte
„Nationes“ eingeteilt, deren Eingrenzung von Universität zu Universität variierte. Von
einem nationalen Bewusstsein im heutigen Sinne kann jedoch nicht die Rede sein. Im
heutigen Deutschland setzte sich der Begriff erstmals unter der Bezeichnung „Heiliges
Römisches Reich Deutscher Nation“ durch, das den Herrschaftsbereich der römisch-

16 Möbius, Ben. „Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und multikultureller
Gesellschaft.“ Opladen: Leske + Budrich, 2003, S. 30.
17 Gellner, Ernest. „Nationalismus und Moderne.“ Hamburg, Rotbuch Verlag, 1995, S. 16.
18 Möbius, a.a.O., S. 31.
19 Ullrich, Günter. „Nation oder Europa? Plädoyer für einen aufgeklärten Nationalismus.“ Koblenz: Verlag

Siegfried Bublies, 1992, S. 9.


9
deutschen Kaiser vom Mittelalter bis ins Jahr 1806 bezeichnete. Für ihre eigene Identität
spielte die „Nation“ für die allermeisten Menschen kaum eine Rolle.
Über die Jahrzehnte haben sich verschiedene Konzepte der „Nation“ herausgebildet. Im
Mittelalter kann von einem Verständnis der Nation als Adelsnation gesprochen werden.
Schließlich waren Geistliche und Adlige die Einzigen, die über Kontakt zu Menschen
außerhalb ihres eigenen Sprachraumes verfügten und so Unterschiede gegenwärtigen
konnten. Mit der Französischen Revolution kam es zu einer Begriffsevolution von der
„einen und unteilbaren“ Nation. 20 Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ konnten fortan
nicht länger getrennt voneinander betrachtet werden.
Im angelsächsischen Raum ist das Verständnis von der Staatsnation weit verbreitet. „Das
Zusammentreffen des Staates und des Volkes schafft eine moderne Nation. Eine Nation ist ein Volk,
das einen Staat gebildet und quasiregierungsfähige Fähigkeiten entwickelt hat.“ 21 Max Sylvius
HANDMANN formuliert gar: „A state need not be a nation. A nation must be a state.“22 Eine
Formulierung, die verwirrend ist. So weist Walker CONNOR 1971 auf die Tatsache hin,
dass bei strenger Wortauslegung nur rund neun Prozent der damals 132 existierenden
Staaten tatsächlich Nationalstaaten genannt werden konnten. 23 Alle anderen Staaten
hätten beträchtliche Minderheiten umschlossen. Ernest RENAN stellte in diesem
Zusammenhang bereits 1882 die passende Frage: „Warum ist Holland eine Nation, während
Hannover oder das Großherzogtum Parma es nicht sind?“24
Die Antwort erscheint einfach: Der Begriff der Nation verfügt über einen subjektiven
Charakter und kann gar als „künstlich“ bezeichnet werden. Die Nation ist eine „vorgestellte
politische Gemeinschaft“ („imagined community“), wie es Benedict ANDERSON bezeichnet.
Auch wenn sich die Mitglieder einer solchen politischen Gemeinschaft untereinander
nicht kennen, existiert in den Köpfen der Menschen trotzdem eine Vorstellung der
Nation. Auch Eric HOBSBAWM verweist auf das Element des Künstlichen, der
Erfindung und des Social engineering, das in die Bildung von Nationen mit einfließt.25

20 Möbius, Ben. „Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und multikultureller
Gesellschaft.“ Opladen: Leske + Budrich, 2003, S. 33.
21 Deutsch, Karl W. „Nationenbildung – Nationalstaat – Integration.“ Studienbücher zur auswärtigen und

internationalen Politik. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag, 1972. S. 204.


22 vgl. Möbius, a.a.O., S. 35
23 Möbius, a.a.O., S. 35.
24 Renan, Ernest „Was ist eine Nation?“, Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882. URL: http://www.dir-

info.de/dokumente/def_nation_renan.html.
25 Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am Main: Campus

Verlag, 2005, S. 20.


10
Die Nation ist keinesfalls eine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit. Glaubt
man dem englischen Historiker, gibt es kein befriedigendes Kriterium, um zu entscheiden,
welche der vielen menschlichen Gemeinschaften die Bezeichnung als „Nation“ verdienen
und welche nicht.26 Seiner Ansicht nach liegt die Schwierigkeit in der Tatsache, dass es
keine Möglichkeit gibt eine Nation a priori von anderen Gruppen zu unterscheiden, so
wie wir beispielsweise sagen können, „was einen Vogel ausmacht oder was eine Maus von einer
Eidechse unterscheidet. Das Studium der Nationen wäre ein leichtes, wenn es wie die Ornithologie
betrieben werden könnte.“27
Zahlreiche Wissenschaftler haben sich an den Versuch gewagt, objektive Kriterien für die
Zugehörigkeit zu einer Nation festzulegen. Dabei stützen sie sich zumeist auf Merkmale
wie die Sprache, die ethnische Zugehörigkeit oder eine gemeinsame Kultur oder
Geschichte. Josef STALIN fasste all diese Merkmale 1912 in einer Definition zusammen:
„Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der
Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der
Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“28 Nur wenn all diese Bedingungen
erfüllt sind, kann von einer „Nation“ gesprochen werden. Eric HOBSBAWM hält all
diese Definitionsversuche für untauglich, da Kriterien wie die Sprache oder die ethnische
Zugehörigkeit „verschwommen, wandelbar und mehrdeutig“29 sind.
In seinem berühmten Vortrag „Was ist eine Nation?“ an der Pariser Universität Sorbonne
am 11. März 1882 nahm Ernest RENAN eine gängige Antwort nach der anderen auf, um
sie anschließend zu widerlegen: 30

● Die Nation ist nicht gleichbedeutend mit der Rasse, schließlich weisen alle
modernen Nationen ein ethnisches Gemisch auf;
● Eine Nation ist nicht identisch mit der Sprache. Wie wäre sonst die Trennung
der USA von Großbritannien oder Südamerikas von Spanien zu erklären, wo
jeweils die gleiche Sprache gesprochen wird. Oder der Zusammenhalt der Schweiz,

26 vgl. Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am Main:
Campus Verlag, 2005, S. 15
27 ebd., S. 15.
28 zitiert nach Hobsbawm, a.a.O., S. 16.
29 Hobbawm, a.a.O., S. 16.
30 Renan, Ernest „Was ist eine Nation?“, Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882. URL: http://www.dir-

info.de/dokumente/def_nation_renan.html.
11
in der gleich drei Sprachen (französisch, italienisch und deutsch) vorherrschend
sind?
● Auch die Religion taugt nicht als Grundlage einer modernen Nation. Als
Beweis braucht man nur einen Blick auf die unterschiedlichen Grenzen der Staaten
und der Konfessionen zu werfen;
● Die Geographie ist ebenfalls kein zulässiges Kriterium. Im Gegenteil, es gibt
keine willkürlichere und gefährlichere Theorie, als die Nation zwischen
„natürlichen Grenzen“ errichten zu wollen. Die Vergangenheit zeigt, dass die
Lebensräume der Nationen immer fluktuiert haben.

RENAN kommt zu der Schlussfolgerung, dass eine Nation mit materiellen


Gegebenheiten nicht hinreichend beschrieben und begründet werden kann. „Eine Nation
ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses
geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist
der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige
Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt
empfangen hat. (…) Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem fasst sie sich in der Gegenwart in
einem greifbaren Faktum zusammen: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das
gemeinsame Leben fortzusetzen.“31 RENANS voluntaristischer Ansatz wird in diesen Worten
deutlich. Er folgert mit seinem berühmten – von zahlreichen Wissenschaftlern zitierten –
Ausruf: „Das Dasein einer Nation ist […] ein täglicher Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen einen
andauernde Behauptung des Lebens ist.“32
Für Hagen SCHULZE besitzt diese Definition bis heute Gültigkeit. Der Aspekt der
Zusammengehörigkeit ist fast allen wissenschaftlichen Definitionen gemein. In einer
Nation betrachten sich die Mitglieder demnach über alle sozialen Schichten sowie
weltanschauliche, gesellschaftliche und ökonomische Unterschiede hinweg als kulturell,
sozial und politisch zusammengehörig als Einheit. Dieses Nationalbewusstsein ist die
Schlüsselbedingung für die Existenz einer Nation. 33 „Nationen erkennen sich in einer

31 Renan, Ernest „Was ist eine Nation?“, Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882. URL: http://www.dir-
info.de/dokumente/def_nation_renan.html.
32 ebd.
33 Reiterer, Albert F. „Die unvermeidbare Nation. Ethnizität, Nation und nachnationale Gesellschaft.“ Frankfurt am

Main: Campus Verlag, 1988, S. 88.


12
gemeinsamen Geschichte, in gemeinsamem Ruhm und gemeinsamen Opfern wieder.“ 34 Wichtig ist
dabei die Abgrenzung gegenüber anderen. Schon immer haben sich die Menschen als
Mitglieder einer „Wir“-Gemeinschaft definiert – im Unterschied und meist Gegensatz zu
anderen „Sie“-Gemeinschaften. 35 „Nichts dürfte für das Wachsen eines
Zusammengehörigkeitsgefühls und damit für das Werden einer Nation wichtiger gewesen sein als das
Erkennen und Bekämpfen eines gemeinsamen Feindes.“36
Hagen SCHULZE zufolge waren es von Beginn an die Abgrenzung gegen den Nachbarn,
die Feindschaft und der Kampf, wodurch die europäischen Nationen zu sich selbst
fanden. „Der Krieg ist nicht Ursprung der Nation, wohl aber ihr Katalysator“, stellt er fest.37 Vor
allem kleinere Völker erfuhren ihre nationale Identität oft im Kampf um ihre Freiheit38 –
und tun dies auch heute noch. So war für die deutsche Nationswerdung die gegen den
französischen Kaiser gerichtete antinapoleonische Bewegung von existenzieller
Bedeutung. Schon vor über einhundert Jahren hat Ernest RENAN in diesem
Zusammenhang behauptet, dass keine Nation ohne die Fälschung der eigenen Geschichte
existieren würde. 39 „Das Vergessen oder gar Missverstehen von Geschichte ist ein wesentliches
Element bei der Herausbildung einer Nation.“40

2.2 Der Begriff des „Staates“


Fasst man die vorherrschende Meinung in der wissenschaftlichen Literatur zusammen, so
fällt die Definition des „Staates“ weitaus einfacher als die der „Nation“. Die
wahrscheinlich populärste Definition des Staates ist jene des deutschen Soziologen Max
WEBER, der zufolge der Staat jene gesellschaftliche Institution darstellt, die das Monopol
legitimer Gewalt innehat.41 Zwangsgewalt darf nur durch eine zentrale politische Autorität
ausgeübt werden bzw. durch jene, an die sie dieses Recht delegiert hat, z.B. ein gewähltes
Parlament bzw. die Regierung. Nur ihr ist der Einsatz von Gewalt – durch Polizei- oder

34 Schulze, Hagen. „Staat und Nation in der europäischen Geschichte.“ München: Verlag C.H. Beck, 1995, S. 111.
35 vgl. Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am Main:
Campus Verlag, 2005, S. 7.
36 Mardus, Günter. „Zur bisherigen und zukünftigen Rolle de europäischen Nationalstaaten.“ Frankfurt am Main:

Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2002, S. 60.


37 Schulze, a.a.O. S. 126.
38 Schulze, a.a.O., S. 124.
39 vgl. Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am Main:

Campus Verlag, 2005, S. 24.


40 vgl. ebd., S. 7.
41 vgl. Weber, Max. „Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie.“ 1. Halbband. Tübingen:

J.C.B. Mohr, 1972, Kapitel I., § 17.


13
Armeekräfte – als letztes Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung gestattet. Private
oder von gesellschaftlichen Teilgruppen ausgeübte Gewalt ist illegitim. Ernest
GELLNER behauptet, dass der in dieser Definition enthaltene Gedanke „recht genau den
moralischen Empfindungen vieler, wahrscheinlich der meisten Mitglieder moderner Gesellschaften“ 42
entspricht. Dennoch hält er den Ansatz WEBERs nicht für zufrieden stellend. Er greift
seiner Ansicht nach zu kurz, da es Staaten gibt, denen entweder der Wille oder die Macht
fehlt, ihr Monopol auf legitime Gewalt durchzusetzen. Dennoch bleiben sie in vielerlei
Hinsicht als Staaten erkennbar. Ein aktuelles Beispiel ist der Irak, in dem die gewählte
Regierung und rivalisierende Terrorgruppen um die Vorherrschaft in den einzelnen
Regionen kämpfen. Michael ZÜRN pflichtet der Ansicht bei, indem er behauptet, dass es
Staaten gibt, die gemessen an den (unten genannten) Kriterien nicht als Staaten zählen
dürften. Für ihn stellen diese Abweichungen jedoch lediglich Defizite dar. „Denn die
Institution Staat konnte sich nur durchsetzen, weil äußere Souveränität, innere Autonomie und
Gemeinwohlorientierung Hand in Hand gingen, auch wenn dies im konkreten Einzelfall immer nur
annäherungsweise (…) zutrifft.“43
Günter MARDUS definiert den Staat allgemeingültig als „Gesamtheit und Einheit aller
öffentlichen Organisationen und Institutionen, die der Herrschaftsausübung dienen, einschließlich der
institutionellen Regelungen sozialen Verhaltens und der herrschaftsausübenden Gewalten selbst.“44 Eine
Definition, die von der WEBERS nicht weit entfernt ist. Zu den Aufgaben des Staates
zählen neben der bereits erwähnten Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung (hierzu
gehört auch die Unterhaltung der Strafgerichtsbarkeit, der Polizei sowie der nationalen
Verteidigung) die Gewährleistung sozialer Leistungen, die Organisation und
Aufrechterhaltung des Bildungswesens, Hilfe im wirtschaftlichen Sektor und die
Erhaltung der (wirtschaftlichen) Infrastruktur - Schulen, Straßen, Flugplätze und andere
Einrichtungen des Transportwesens, also die Gesamtheit aller Einrichtungen, die für das
Funktionieren der Wirtschaft notwendig sind.45

42 Gellner, Ernest. „Nationalismus und Moderne.“ Hamburg, Rotbuch Verlag, 1995, S. 11.
43 Zürn, Michael. „Regieren jenseits des Nationalstaates.“ Edition Zweite Moderne. Frankfurt am Main:
Suhrkamp Verlag, 1998, S. 38.
44 Mardus, Günter. „Zur bisherigen und zukünftigen Rolle de europäischen Nationalstaaten.“ Frankfurt am Main:

Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2002, S. 61.


45 Vgl. Deutsch, Karl W. „Staat, Regierung, Politik. Eine Einführung in die Wissenschaft der vergleichenden

Politik.“ Freiburg: Verlag Rombach, 1976, S. 103.


14
Michael ZÜRN listet drei konstitutive Merkmale auf, nach denen der moderne Staat als
Organisation definiert werden kann:46
a) ein legitimes Monopol der Gewaltsamkeit, das eine innere Autonomie
ermöglicht und dessen territoriale Reichweite durch die Fähigkeit, Steuern
einzutreiben, bestimmt wird (Ressourcendimension);
b) eine gewisse Gemeinwohlorientierung (Zieldimension);
c) die Anerkennung durch andere Staaten, die wenigstens im Prinzip von
Mindeststandards der inneren Konstitution abhängig ist
(Anerkennungsdimension).

Nach geltendem Völkerrecht muss ein Staat als notwendige, aber auch hinreichende
Voraussetzung für seine Anerkennung folgende Elemente vorweisen können:47
● das Staatsgebiet als einen abgegrenzten Teil der Erdoberfläche als
ausschließlichem Herrschaftsbereich;
● das Staatsvolk als der dort sesshafte Personenverband;
● die Staatsgewalt als organisierte, auf Dauer angelegte Herrschaft, ausgeübt
durch eine effektive Regierung, zumindest über die Mehrzahl der
Einwohner und den größten Teil des Territoriums.

Letztlich ist es die internationale Anerkennung als völkerrechtliches Subjekt, die eine
politische Organisation zum Staat macht. So umfasst die Organisation der Vereinten
Nationen (UNO) 192 Staaten. 48 Normative Grundlage moderner Staatlichkeit ist das
Prinzip der Souveränität. Das Völkerrecht unterscheidet an dieser Stelle zwischen
a) der Souveränität nach innen als Selbstbestimmtheit in Fragen der
eigenen staatlichen Gestaltung, und
b) der Souveränität nach außen als die grundsätzliche Unabhängigkeit
eines Staates von anderen Staaten.49

46 Zürn, Michael. „Regieren jenseits des Nationalstaates.“ Edition Zweite Moderne. Frankfurt am Main:
Suhrkamp Verlag, 1998, S. 37 f.
47 vgl. Mardus, Günter. „Zur bisherigen und zukünftigen Rolle de europäischen Nationalstaaten.“ Frankfurt am

Main: Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2002, S. 61.


48 welche Schwierigkeiten auch die Definition des Staates bereitet, lässt sich an der Tatsache ableiten, dass

z.B. die „Federal International Football Association“ (FIFA) 202 Mitglieder umfasst. So verfügt Palästina
über eine eigene Fußballnationalmannschaft, ist aber international als souveräner Staat nicht anerkannt.
49 Wikipedia. „Souveränität“. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Souver%C3%A4nit%C3%A4t.

15
Hans Joachim MORGENTHAU definiert sie zusammenfassend als „die oberste legale
Autorität des Staates, innerhalb eines bestimmten Territoriums Recht zu setzen und durchzusetzen und,
als Konsequenz davon, die Unabhängigkeit von der Autorität anderer Staaten sowie die Gleichstellung
mit ihnen im internationalen Recht.“50
In ihrer Geschichte hat die Menschheit drei grundlegende Stadien durchlaufen: die
voragrarische, die agrarische und die industrielle Stufe. In der voragrarischen Stufe stellte
sich die Frage nach einem Staat nicht, da jagende und sammelnde Gruppen zu klein
waren, um „die Art politischer Arbeitsteilung zuzulassen, die den Staat ausmacht.“ 51 Dagegen
verfügten die meistens agrarischen Gesellschaften über einen Staat, wobei seine Form
sehr variabel war. In der industriellen Phase wiederum gab es keine Alternative mehr.
Ernest GELLNER hält die Existenz des Staates seit der Industriellen Revolution gar für
unvermeidlich. 52 Industriegesellschaften sind enorm groß und hängen von einer
komplizierten Arbeitsteilung und Zusammenarbeit ab, die auf Dauer ohne jeden Zwang
und ohne Kontrolle nicht funktionieren könnten. Denn der Staat ist „die Spezialisierung und
Konzentration zur Aufrechterhaltung der Ordnung (…) und jene Institution oder Ansammlung von
Institutionen, die sich spezifisch mit der Durchsetzung der Ordnung befassen.“
Auffällig ist in dieser Hinsicht, dass sich die Gesamtzahl der Staaten im Laufe der Zeit
stark verändert hat. Während die Zahl der Staaten im 19. Jahrhundert rückläufig war –
Stichwort: Kolonialismus -, ist sie seit dem Ersten Weltkrieg stark angestiegen. Bestand
Europa um das Jahr 1871 aus etwa 15 souveränen Nationen, waren es vor dem Ersten
Weltkrieg etwa 25. Die heutige Europäische Union umfasst dagegen allein 27
Mitgliedsstaaten und mit weiteren „Bewerberländern“ werden Verhandlungen geführt.
Insgesamt hat sich die Zahl der souveränen Staaten auf der Welt seit 1945 zahlenmäßig
verdoppelt. Hauptursachen sind die Unabhängigkeitsbestrebungen zahlreicher Staaten in
Afrika, der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Zersplitterung des ehemaligen
Jugoslawiens. Eine Veränderung dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Auch heute
noch gibt es in vielen Teilen der Welt Unabhängigkeitsbestrebungen. Ein (namentlich

50 zitiert nach Zürn, Michael. „Regieren jenseits des Nationalstaates.“ Edition Zweite Moderne. Frankfurt am
Main: Suhrkamp Verlag, 1998, S. 37.
51 Gellner, Ernest. „Nationalismus und Moderne.“ Hamburg, Rotbuch Verlag, 1995, S. 13.
52 ebd., S. 14.

16
nicht genannter) deutscher Nationalist hat diese Entwicklung einst anschaulich in Worte
gefasst: „Ein Staat ist für ein Volk, wie ein Anzug für einen Mann.“ 53

2.3 Der Begriff des „Nationalstaats“ und seine Verwendung in der vorliegenden Diplomarbeit
Der Begriff „Nationalstaat“ vereint jene der „Nation“ und des „Staates“ in einem Wort.
Vereinfacht ausgedrückt ist unter dem Nationalstaatsprinzip nichts anderes zu verstehen,
als dass alle Mitglieder einer „Nation“ auf einem Staatsgebiet innerhalb fest gelegter
Grenzen zusammen leben sollen. Ein anschauliches Beispiel ist die Geschichte
Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Gründung der „Deutschen
Demokratischen Republik“ (DDR) im Osten und der „Bundesrepublik
Deutschland“ (BRD) im Westen war die „deutsche Nation“ auf zwei getrennte Staaten
verteilt. Erst mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Nation
in einem Staat zusammengefasst. Von nun an konnte von einem deutschen Nationalstaat
gesprochen werden.
Karl Wolfgang DEUTSCH bezeichnete den Nationalstaat 1976 als „mächtigste Organisation
der Welt von heute.“ 54 Und auch Reinhard KÜHNL konstatiert zehn Jahre später, dass
Nationalstaaten „trotz aller supranationaler Einrichtungen und internationalen Verflechtungen
ökonomischer, politischer und militärischer Art – immer noch die eigentlich handelnden Subjekte in der
Weltpolitik“ darstellen.55 Ist diese Feststellung zwanzig Jahre später immer noch korrekt?
Immerhin schreibt Dieter OBERNDÖRFER kurz nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion: „Heute löst sich die Lebenswelt, die den Nationalstaat geboren hat, wieder auf.“56 Die
Entwicklung, die dafür verantwortlich zeichnet, ist der in Kapitel 3 ausführlich definierte
Prozess der Globalisierung. Wird er dafür sorgen, dass die Existenz der Nationalstaaten
für das Funktionieren einer zusammen wachsenden Welt in Zukunft überflüssig wird?
Diese Frage soll im weiteren Verlauf meiner Diplomarbeit eingehend erläutert werden.
Das Dilemma bei der Verwendung des Begriffes „Nationalstaat“, auf das ich an dieser
Stelle hinweisen möchte, ist, dass in vielen souveränen Staaten nicht nur eine einzige
Volksgruppe bzw. Nation lebt. Sie bilden zwar in der Regel die Basis von Nationalstaaten,

53 Vgl. Deutsch, Karl W. „Staat, Regierung, Politik. Eine Einführung in die Wissenschaft der vergleichenden
Politik.“ Freiburg: Verlag Rombach, 1976, S. 107.
54 ebd., S. 102
55 Kühnl, Reinhard. „Nation – Nationalismus - Nationale Frage. Was ist das und was soll das?“ Köln: Pahl-

Rugenstein Verlag, 1986, S. 91.


56 Oberndörfer, Dieter. „Der Wahn des Nationalen. Die Alternative der offenen Republik.“ Freiburg: Verlag

Herder, 1993, S. 19.


17
dennoch müssen ihre Grenzen nicht mit Nationalitätengrenzen übereinstimmen. So lebt
in den USA ein unüberschaubares Gemisch an Nationalitäten, in Deutschland leben
mehrere Millionen Türken, Italiener oder Griechen, die Schotten, Waliser und Nordiren
bilden zusammen mit den Engländern Großbritannien – „und sie alle haben offenbar wenig
Neigung, diesen Zustand zu ändern.“ 57 Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, dass in
mehr als der Hälfte aller weltweiten Staaten sprachliche und ethnische Minderheiten leben,
die mehr als ein Fünftel der Bevölkerung stellen.58 Aus dieser Beobachtung ergibt sich
meiner Ansicht nach, dass die Verwendung des Begriffes vom „Nationalstaat“ streng
genommen verkehrt ist und stattdessen von „Vielvölkerstaaten“ gesprochen werden
müsste. Da aber in der wissenschaftlichen Literatur ungeachtet dieser Unstimmigkeit
überwiegend vom „Nationalstaat“ die Rede ist, werde auch ich ihn in meiner
Diplomarbeit verwenden. Dabei werde ich mich auf den allgemeingültigen Begriff
beschränken – frei von etwaigen philosophischen, soziologischen oder
politikwissenschaftlichen Abweichungen.

57 Kühnl, Reinhard. „Nation – Nationalismus - Nationale Frage. Was ist das und was soll das?“ Köln: Pahl-
Rugenstein Verlag, 1986, S. 91.
58 Deutsch, Karl W. „Staat, Regierung, Politik. Eine Einführung in die Wissenschaft der vergleichenden

Politik.“ Freiburg: Verlag Rombach, 1976, S. 124.


18
2.4 Zusammenfassung

Ich denke, dass anhand meiner Ausführungen deutlich geworden ist, wie schwer es ist bzw. sich die
Wissenschaft tut, um den Begriff der Nation eindeutig zu definieren. Walter BAGEHOT hat dieses
Dilemma anschaulich in Worte gefasst. Auf die Frage, was eine Nation ist, antwortet er: „Wir wissen,
was es ist, solange uns niemand danach fragt, aber wir können es nicht erklären oder
definieren.“59Konsequenterweise ist eine eindeutige wissenschaftliche Definition, die dem Begriff gerecht
wird, nicht zu finden. Am einleuchtendsten erscheint mir RENANS Definition von der Nation als
geistigem Prinzip, dem keine objektiven Kriterien gerecht werden können.
Von besonderer Bedeutung für meine Diplomarbeit ist die Verwendung des Begriffes vom
„Nationalstaat“, auf dessen Problematik ich bereits in Kapitel 2.3 hingewiesen habe. Nach der
Begutachtung umfangreicher Literatur habe ich mich dafür entschieden jene Definition zu verwenden, die
vermutlich die meisten Menschen, ob Wissenschaftler, Politiker oder einfacher Bürger heute darunter
verstehen: Ein Staat mit einer sesshaften Bevölkerung innerhalb eines abgegrenzten Herrschaftsbereiches,
in dem die Staatsgewalt als organisierte, auf Dauer angelegte Herrschaft durch eine effektive Regierung
ausgeübt wird, die einen Großteil des Territoriums und eine Mehrzahl der Einwohner kontrolliert.
Auf den nachfolgenden Seiten werde ich mich mit der Zukunft des Nationalstaates in einer Zeit
beschäftigen, die zunehmend durch eine rasant voranschreitende Globalisierung dominiert wird. Hagen
SCHULZE schreibt über die Nation: „Wie alles geschichtlich Gewachsene wird auch sie
wieder vergehen oder in ihrer politischen und kulturellen Bedeutung zurücktreten und
einem anderen Zustand menschlicher Gemeinschaft Platz machen.“ 60 Ob er damit Recht
hat, und wie ein solch „anderer Zustand menschlicher Gemeinschaft“ aussehen könnte, sollen die
folgenden Kapitel klären.

59 zitiert nach Hobsbawm, Eric. „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780.“ Frankfurt am
Main: Campus Verlag, 2005, S. 11.
60 Schulze, Hagen. „Staat und Nation in der europäischen Geschichte.“ München: Verlag C.H. Beck, 1995, S. 112.

19
3 Der Prozess der Globalisierung

3.1 Begriffsklärung
Mit dem Begriff der „Globalisierung“ verhält es sich ähnlich wie mit jenen im
vorangegangenen Kapitel erörterten der Nation bzw. dem Nationalstaat. Es existiert eine
Vielzahl von Definitionen und Konzepten, deren Auflistung und Erörterung für sich
genommen eine umfangreiche Diplomarbeit rechtfertigen würden.
Kaum ein Begriff hat in der jüngsten Vergangenheit so oft Verwendung gefunden wie
jener der Globalisierung. Jean ZIEGLER hat ihn einst gar als den „meist gebrauchten Begriff
unserer Zeit bezeichnet.61 Ob im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, im Internet62 oder einer
zunehmend unüberschaubaren Zahl an Büchern, die sich (kritisch) mit dem Phänomen
beschäftigen – der Begriff ist plötzlich allgegenwärtig. Der deutsche Soziologe ULRICH
BECK schrieb im Jahre 1997: „Globalisierung ist sicher das am meisten gebrauchte – missbrauchte
– und am seltensten definierte, wahrscheinlich missverständlichste, nebulöseste und politisch
wirkungsvollste (Schlag- und Streit-)Wort der letzten, aber auch der kommenden Jahre.“63
Unbestritten ist, dass der Begriff relativ neu ist, wenngleich der Zeitpunkt seiner
erstmaligen Erwähnung in den verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen variiert.
Ernst Ulrich VON WEISZÄCKER behauptet, dass sich der Begriff vor dem Jahr 1990 in
keinem Lexikon der Welt finden lässt. 64 Im Titel einer wissenschaftlichen
Veröffentlichung taucht der Begriff in der amerikanischen „Library of Congress“ (LoC)
erstmals im Jahre 1983 auf. In der auf deutsche Literatur spezialisierten „Deutschen
Bibliothek“ in Frankfurt am Main erst fünf Jahre später.65 Seit Mitte der 1990er Jahre stieg
seine Verwendung exponentiell. ANTHONY GIDDENS schreibt ein wenig pathetisch,
dass der Begriff im Laufe eines Zeitraums von etwa 15 Jahren „von nirgendwo nach
überall“ gewandert sei.66

61 vgl. Ziegler, Jean. „Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher.“ München:
Bertelsmann, 2003.
62 Die Eingabe bei google.de ergibt fast acht Millionen Einträge
63 Zitiert nach: Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ Informationen zur politischen

Bildung. Heft 280, 3. Quartal 2003. Bonn. BpB, 2003, S. 2.


64 Von Weiszäcker, Ernst Ulrich. „Was ist Globalisierung und wie erklärt sie sich?“ URL:
http://www.globalisierung-online.de/info/text2.php.
65 Walter, Gregor. „Globales Netz und globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des

Internet.“ Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2005, S. 27.


66 Giddens, Anthony. „Die große Globalisierungsdebatte.“ In „Globalisierungswelten. Kultur und Gesellschaft in

einer entfesselten Welt“, hg. Marcus S. Kleiner., Helmut Strasser. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2003, S.
34.
20
Quelle: öffentliche Kataloge der Library of Congress (LoC) und der Deutschen Bibliothek.
Abb. 1 Entwicklung der Globalisierungsliteratur von 1986-200467

Im deutschen Rechtschreib-Duden findet sich das Substantiv Globalisierung erstmals in


der 22. Auflage im Jahre 2000.68
Laut KLAUS MÜLLER stehen vier Problemgruppen im Mittelpunkt der jüngeren
Globalisierungsliteratur:69
1) Umwelt: Die Folgen des Klimawandels, die langsam für jeden spürbar
werden, ökologische Bedrohungen sowie die ungleiche Nutzung
endlicher Ressourcen werden zunehmend thematisiert – auch in der
Öffentlichkeit.
2) Armut und globale Ungleichheit: Das Thema gewinnt durch die
„höhere Vergleichbarkeit der Lebenslagen in einer enger zusammengerückten
Welt“ an Brisanz. 78 Prozent der Weltbevölkerung zählen zu den Armen,
während je 11 Prozent zur Mittelklasse und zu den Reichen zählen.

67 Walter, Gregor. „Globales Netz und globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des
Internet.“ Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2005, S. 27.
68 Vgl. Borchardt, Knut. „Globalisierung in historischer Perspektive.“ In „Globalisierung und Perspektiven

internationaler Verantwortung - Problemstellungen, Analysen, Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme“,


hg. Reinhard Meier-Walser, Peter Stein. München: K.G. Saur Verlag GmbH, 2004, S. 21.
69 Müller, Klaus. „Globalisierung.“ Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2002., S. 10 f.

21
3) Globale Finanzmärkte: Dieser Aspekt beschäftigt sich mit den
systemischen Risiken, die in der Funktionsweise deregulierter
Finanzmärkte angelegt sind.
4) Migration: Dieses Syndrom resultiert aus Staatszerfall, Informalisierung
und gesellschaftlicher Desintegration. In vielen Ländern reagiert die
Bevölkerung auf Armut, Ungleichheit und Krisen mit Abwanderung.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert hat sich der Begriff zu einem sozialwissenschaftlichen


Schlüsselbegriff entwickelt. Vielfach wird auch von einem „Modewort“ gesprochen.70 Und
das, obwohl recht unterschiedliche Vorstellungen, Konzepte und Theorien damit
verbunden werden. Josef BORDAT behauptet, dass dem inflationären Gebrauch zum
Trotz unklar bleibt, was genau das Wesentliche der Globalisierung ist. „Wer eine umfassende
Definition sucht, muss sich mit Umschreibungen zufrieden geben, die substantiell alle nur bestimmte
politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen unter den Begriff Globalisierung subsumieren.“71
Es gibt sogar Stimmen, die befürchten, dass die Bedeutung des Begriffes ausgehöhlt wird
und „zu einer catch-all-Variablen zu degenerieren droht, die alles und damit nichts zu beschreiben und
zu erklären vermag“, wie es Kurt HÜBNER ausdrückt.72 Grazia IETTO-GILLIES verweist
darauf, dass Definitionen des Begriffes für verschiedene Zwecke „missbraucht“ worden
sind. „It has been used to argue that it exists and it is the most important development of the last few
decades, or that it does not exist or make sense, or that it is not a new development as it always
existed.“73
Zwar sind zahlreiche Versuche unternommen worden, das Phänomen Globalisierung in
die kurze Form der Definition zu fassen, doch angesichts der Komplexität des
Untersuchungsgegenstandes, fällt es schwer, alle Aspekte zu umfassen. So ist es den
zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen nicht gelungen, „einen Grundkonsens über ein
adäquates Verständnis von Globalisierung zu erzielen: über ihre Spezifika ebenso wenig wie über ihre
kausalen Determinanten, über ihre sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen oder ökologischen

70 vgl. Bordat, Josef. „Globalisierung. Versuch einer Annäherung.“ Marburger Forum. Beiträge zur geistigen
Situation der Gegenwart. URL: http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2006-1/Bord_G.htm.
71 ebd.
72 Hübner, Kurt. „Der Globalisierungskomplex. Grenzenlose Ökonomie – grenzenlose Politik?“ Berlin: Rainer Bohn

Verlag, 1998, S. 18.


73 zitiert nach ebd., S. 18

22
Folgen ebenso wenig wie über ihre Bewertung als „Fortschritt“ oder als „Gefahr“.“ 74 Lediglich ein
gemeinsamer Kern ist laut Gregor WALTER erkennbar, und zwar die Vorstellung von
einer Ausbildung sozialer Räume oberhalb von Nationalstaaten.75 „Soziale Beziehungen und
Transaktionen unterschiedlichster Art lösen sich aus ihren räumlichen, in der Regel nationalstaatlichen
Bindungen und erlangen über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus neue Reichweiten.“76
Auffällig ist, dass trotz der Breite und Reichweite der verschiedenen Definitionen nur
wenig empirisches Beweismaterial für die vorgebrachten Thesen vorhanden ist.
Zahlreiche Autoren „beließen es in der ganz überwiegenden Zahl bei anekdotischen „Belegen“ oder
sprachen ganz offen von ihren Arbeiten als „imaginative non-fiction““.77 Im Laufe der Recherchen
für die vorliegende Arbeit habe ich zahlreiche Bücher über die verschiedenen Aspekte der
Globalisierung gelesen, dazu eine große Zahl an Artikeln in Zeitschriften und im Internet.
Ausführliche und aussagekräftige empirische Daten konnte ich nur in zwei
wissenschaftlichen Publikationen finden.78
Trotz der erwähnten Probleme kommt die vorliegende Diplomarbeit nicht ohne den
Versuch aus, den Begriff der Globalisierung zu definieren. Auch wenn die folgenden
Ausführungen allein aus rein quantitativen Gründen keinen Anspruch auf Vollständigkeit
erheben können, werde ich versuchen, den Begriff inhaltlich einzugrenzen und eine
Begriffsumschreibung zu finden, auf die ich im Hauptteil meiner Arbeit zurückgreifen
werde.

3.2 Definition
Die vermutlich populärste und am meisten zitierte Definition von Globalisierung stammt
von Anthony GIDDENS, ehemaliger Direktor der renommierten „London School Of
Economics and Political Science“. Er spricht von der „intensification of worldwide social

74 Teusch, Ulrich. „Die Staatengesellschaft im Globalisierungsprozess. Wege zu einer antizipatorischen


Politik.“ Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 29.
75 vgl. Walter, Gregor. „Globales Netz und globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des

Internet.“ Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2005, S. 32.


76 ebd., S. 39.
77 ebd., S. 34
78 a) vgl. Beisheim, Marianne; Dreher, Sabine; Walter, Gregor; Zangl, Bernhard; Zürn, Michael (Hg.). „Im

Zeitalter der Globalisierung? Thesen und Daten zur gesellschaftlichen und politischen Denationalisierung.“ Baden-Baden:
Nomos Verlagsgesellschaft, 1999.
b) vgl. Held, David; McGrew, Anthony; Goldblatt, David; Perraton, Jonathan (Hg.). „Global
Transformations. Politics, Economics and Culture.“ Cambridge: Polity Press, 1999.
23
relations which link distant localities in such a way that local happenings are shaped by events occuring
many miles away and vice versa.“79
Seiner Ansicht nach sind es nicht die weltweiten Beziehungen, welche die Globalisierung
zu einem neuartigen Prozess machen, sondern deren Intensivierung, die er auf vier
Bereiche bezieht:
1) die kapitalistische Weltwirtschaft;
2) das internationale Staatensystem;
3) die militärische Weltordnung;
4) die internationale Arbeitsteilung.80

Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD)


bezeichnet Globalisierung als einen „Prozess, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen
Ländern immer mehr voneinander abhängig werden – dank der Dynamik des Handels mit Gütern und
Dienstleistungen und durch die Bewegung von Kapital und Technologie.“ 81 Die verschiedenen
Nationen wachsen wirtschaftlich zusammen, die Verflechtung der Märkte wird enger und
die Mobilität von Produktionsfaktoren wie Arbeit oder Kapital nimmt über nationale
Grenzen hinweg zu. 82 Diese Verkürzung der Definition auf einen ökonomischen
Gesichtspunkt ist sehr verbreitet. Er wird „als dominanter Kausalfaktor betrachtet, während
andere Dimensionen als abgeleitet oder untergeordnet eingestuft werden.“83 Übersehen wird in diesem
Zusammenhang die hohe Multidimensionalität des Prozesses, der sich auf nahezu alle
gesellschaftlichen Bereiche auswirkt – neben der Wirtschaft etwa Politik, Gesetzgebung,
Kultur, Militär, Technologie oder Umwelt. „Globalization has to be understood as a
multidimensional process which is not reducible to an economic logic and which has differential impacts
across the world´s regions and upon individual states.“84
Weitgehende Einigkeit herrscht über die Beschreibung des Prozesses als Intensivierung
und Beschleunigung grenzüberschreitender Transaktionen bei deren gleichzeitiger

79 zitiert nach Teusch, Ulrich. „Die Staatengesellschaft im Globalisierungsprozess. Wege zu einer antizipatorischen
Politik.“ Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 32.
80 ebd., S. 33.
81 zitiert nach: Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ Informationen zur politischen

Bildung. Heft 280, 3. Quartal 2003. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2003, S. 3.
82 vgl. Donges, Juergen B.; Eekhoff, Johann; Paulus, Philipp. „Globalisierungskritik auf dem Prüfstand – ein

Almanach aus ökonomischer Sicht.“ Stuttgart. Lucius & Lucius, 2003. S. 2.


83 Teusch, a.a.O., S. 47.
84 Held, David; McGrew, Anthony. „Globalization“, URL:
http://plato.stanford.edu/entries/globalization/
24
räumlicher Ausdehnung sowie der Ausbildung neuer sozialer Räume oberhalb von
Nationalstaaten. 85 Globalisierung umschreibt „Modernisierungsprozesse einer weltweiten
Vernetzung nationalstaatlich entgrenzter Subsysteme.“ 86 In erster Linie werden darunter die
internationalen Waren- und Kapitalströme verstanden, aber auch grenzüberschreitende
Transaktionen wie Nachrichten, Briefe, Telefonate, E-Mails, Wanderungsbewegungen
(hierzu zählen neben Tourismus und Arbeitsmigration zunehmend auch
Armutswanderungen und Flüchtlingsströme) oder Emissionen in Luft und Wasser.
David HELD und Anthony MCGREW haben diesen Aspekt am treffendsten
zusammengefasst: “Globalization can be conceived as a process (or set of processes) which embodies a
transformation in the spatial organization of social relations and transactions, generating transcontinental
or interregional flows and networks of activity, interaction and power.”87
Zwar ist auch diese Definition nicht in der Lage, alle Aspekte von Globalisierung
abzudecken, dennoch hebt sie sich laut Ulrich TEUSCH von allen anderen
Begriffsbestimmungen ab, da sie multidimensional und offen angelegt ist.88 HELD und
MCGREW unterscheiden in diesem Zusammenhang vier Typen der Veränderung:

1) Eine Ausdehnung sozialer, politischer und wirtschaftlicher


Aktivitäten über Grenzen, Regionen und Kontinente hinweg.
2) Eine Intensivierung bzw. wachsendes Ausmaß des
Zusammenspiels zwischen Handelsströmen, Investitionen,
Finanzen, Migration, Kultur etc.
3) Eine Beschleunigung weltweiter Interaktionen und Prozesse. Als
Folge eines weltweiten Transport- und Kommunikationssystems
erhöht sich die Geschwindigkeit der Streuung von Ideen, Waren,
Informationen, Kapital und Menschen.
4) Ein wachsendes Ausmaß sowie die zunehmende Intensität und
Geschwindigkeit globaler Interaktionen führt dazu, dass die

85 vgl. Walter, Gregor. „Globales Netz und globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des
Internet.“ Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2005, S. 32.
86 Jung, Eberhard; Juchler, Ingo. „Sachanalyse Globalisierung“. URL: http://www.sowi-
online.de/journal/2002-1/sachanalyse_jung_juchler.htm#Literatur.
87 Held, David; McGrew, Anthony. „What is Globalization?“ URL:
http://www.polity.co.uk/global/whatisglobalization.asp.
88 vgl. Teusch, Ulrich. „Die Staatengesellschaft im Globalisierungsprozess. Wege zu einer antizipatorischen

Politik.“ Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 31.


25
Auswirkungen entfernter Ereignisse andernorts höchst
bedeutsam werden und lokale Entwicklungen bedeutsame
globale Konsequenzen haben können.89

Die Grenzen zwischen einheimischen und globalen Angelegenheiten zerfließen


zunehmend. „Globalization, in short, can be thought of as the widening, intensifying, speeding up, and
growing impact of world-wide interconnectedness.” 90 Neben der Intensivierung der weltweiten
Beziehungen sowie der räumlichen Ausdehnung verweist Jan Aart SCHOLTES auf einen
weiteren Aspekt: die Supraterritorialität. „“Global relations“ are place-less, distance-less, borderless
interactions and interdependencies between persons: they unfold in the world as a single place.” 91
Gemeinhin gelten zwei Phänomene als besonders eindrückliche Belege für
Globalisierung: die technisch vermittelte Kommunikation im Internet und die Aktivitäten
und Mechanismen der globalen Finanzmärkte. „Die Dynamik der Globalisierung wird
gewöhnlich mehreren sich wechselseitig verstärkenden Faktoren zugeschrieben, insbesondere einer durch
Satellitennetzwerke und das Internet bereitgestellten kommunikativen Infrastruktur, sinkenden
Transportkosten, der Intensivierung grenzüberschreitender Kontakte sowie exponentiell zunehmenden
Finanztransaktionen.“92Die erwähnte zunehmende internationale Verflechtung ist allerdings
kein unkontrollierbares Schicksal, das über die Nationen hereingebrochen ist, sondern
weitgehend das Resultat von staatlichen Entscheidungen (nähere Erläuterungen in Kapitel
3.3). Die Globalisierung ist „kein spontanes Resultat anonymer Marktkräfte, sondern Folge einer
Kette „politischer Entscheidungen.““ 93 Fest steht zudem, dass es sich um einen Prozess
handelt, der keinesfalls linear verläuft, und nicht um einen Endzustand. Wann dieser
konkret eingesetzt hat, ist unklar, und laut Josef BORDAT wäre es auch nicht sinnvoll
nach einem konkreten Datum zu suchen. Epochale Veränderungen ließen sich nur selten
mit Jahreszahlen belegen.94 Gregor WALTER führt an, dass die Globalisierung trotz allen
strukturellen Ähnlichkeiten zu früheren Phasen der Ausbildung von Interdependenz

89 vgl. Held, David; McGrew, Anthony. „Globalization“, URL:


http://plato.stanford.edu/entries/globalization.
90 ebd.
91 Zitiert nach Teusch, Ulrich. „Die Staatengesellschaft im Globalisierungsprozess. Wege zu einer antizipatorischen

Politik.“ Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 34.


92 Müller, Klaus. „Globalisierung.“ Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2002, S. 8.
93 ebd., S. 9.
94 vgl. Bordat, Josef. „Globalisierung. Versuch einer Annäherung.“ Marburger Forum. Beiträge zur geistigen

Situation der Gegenwart. URL: http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2006-1/Bord_G.htm.


26
„durchaus historische Einmaligkeit beanspruchen kann.“ 95 Auch wenn vielfach Uneinigkeit
darüber herrscht, ob die Globalisierung nun einen neuartigen Prozess darstellt, wird diese
Einstufung als epochaler Wandel von vielen Autoren geteilt. Die Existenz der
Globalisierung wird nicht bezweifelt (nähere Erläuterungen in Kapitel 3.4). Für Anthony
GIDDENS ist die Phase der Debatte, ob die Globalisierung existiert, längst
abgeschlossen und in eine Debatte der Konsequenzen eingetreten. 96 Er unterscheidet
zwischen dem späten neunzehnten Jahrhundert als erstem Zeitalter der Globalisierung
und dem zweiten Zeitalter der Globalisierung, das wir momentan durchlaufen. „Unser
Weltzeitalter ist anders als alle vorangegangenen Versionen. […] Es ist sehr viel dynamischer, es bewegt
sich viel schneller und es ist viel umfassender. Jeder ist heute daran mehr beteiligt, als es in der
Vergangenheit der Fall war.“97

3.3 Die Geschichte eines Prozesses


Ihren Anfang nahm die Globalisierung bereits im 19. Jahrhundert. In den beiden
vorherigen Jahrhunderten war die Wirtschaftspolitik der Nationen von der Lehre des
Merkantilismus dominiert, d.h. der Staat unternahm wirtschaftliche Lenkungsmaßnahmen
und die Nationen schotteten sich weitestgehend gegeneinander ab, u.a. durch die
Erhebung von Schutzzöllen. Erst die Theorie des Wirtschaftsliberalismus und die Doktrin
des Freihandels, als deren Hauptvertreter Adam SMITH (1723-1790) und David
RICARDO (1772-1823) gelten, sorgten für eine Ablösung der vorherrschenden Form des
Merkantilismus. Die beiden Ökonomen sprachen sich für die Beseitigung von staatlichen
Eingriffen in wirtschaftliche Angelegenheiten aus: keine Produktionsbeschränkungen,
keine Handelsbarrieren, keine Zollgebühren – der freie Handel galt als der beste Weg zur
Entfaltung der Wirtschaft einer Nation. Die theoretische Einsicht, „dass Staaten, die sich
wirtschaftlich nicht abschließen, sondern in einen offenen Austausch mit anderen Volkswirtschaften treten,
davon profitieren und Wohlstandsgewinne für ihre Bürgerinnen und Bürger erzielen“98 führte zu einem

95 Walter, Gregor. „Globales Netz und globale Politik? Politische Antworten auf Globalisierung am Beispiel des
Internet.“ Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2005, S. 41.
96 Giddens, Anthony. „Die große Globalisierungsdebatte.“ In „Globalisierungswelten. Kultur und Gesellschaft in

einer entfesselten Welt“, hg. Marcus S. Kleiner., Helmut Strasser. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2003, S.
34.
97 ebd., S. 34.
98 Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ Informationen zur politischen Bildung. Heft

280, 3. Quartal 2003. Bonn. BpB, 2003. S.3.

27
Zeitalter der Globalisierung. Die Nationen öffneten ihre Wirtschaft, wesentliche
Handelshemmnisse wurden beseitigt und neue Technologien führten zu einer
umfangreicheren, aber auch preiswerteren Produktion. Transporte auch über große
Distanz wurden schneller und billiger, so dass der weltweite Handel bis zum Ausbruch
des Ersten Weltkrieges vorangetrieben wurde – die Jahre von 1895 bis 1914 werden heute
gar als das „Goldene Zeitalter“ des Freihandels bezeichnet.
Durch den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und den Börsencrash von New
York im Jahre 1929 sowie dem darauf folgenden Zweiten Weltkrieg wurde der durch den
Freihandel bedingte Aufschwung jäh beendet. Die Weltwirtschaft lag am Boden, als sich
1944 in Bretton Woods, New Hampshire, Vertreter aus 44 Ländern trafen, „um die
wirtschaftliche Nachkriegsordnung festzulegen und entsprechende Institutionen ins Leben zu rufen.“ 99
Die Konferenz stand im Zeichen der sozialen Erschütterungen der Weltwirtschaftskrise
(Massenarbeitslosigkeit, Verarmung breiter Schichten des Mittelstandes) und dem
Zusammenbruch der Wirtschaft in Europa und den USA. Beides wurde als „Bedrohung
von politischer Stabilität und Demokratie“100 angesehen, die es in der Zukunft zu vermeiden
galt. Es wurde beschlossen, den Welthandel einem Gerüst von Rahmenbedingungen zu
unterstellen. Kernstück des Abkommens von Bretton Woods war die Einrichtung eines
Systems fester Wechselkurse, das an eine Leitwährung, den US-Dollar, gebunden war,
und die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, die die grenzüberschreitenden
Finanzflüsse beschränken sollten. Um die Funktionsfähigkeit des Systems sicher zu
stellen, wurden zwei Institutionen ins Leben gerufen: der Internationale Währungsfonds
(IWF) und die Weltbank. Die Aufgabe der Weltbank war es, „günstig Kredite für das
kriegszerstörte Europa bereit zu stellen und so den Wiederaufbau mit zu finanzieren.“101 Dem IWF
oblag es ursprünglich, seinen Mitgliedsstaaten (zu jener Zeit 39) bei
Zahlungsschwierigkeiten einen kurzfristigen Beistandskredit zur Verfügung zu stellen.
Die Ideen des Ökonomen John Maynard KEYNES, der als britischer
Verhandlungsführer in Bretton Woods anwesend war, setzten sich als vorherrschende
wirtschaftspolitische Doktrin durch, die eine Regulierung der Konjunktur durch den
Staat und ein ausgebautes Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem als Instrument der
sozialen Umverteilung vorsah.
99 Kairos Europa e.V; WEED e.V. „Kapital braucht Kontrolle. Die internationalen Finanzmärkte: Funktionsweise –
Hintergründe – Alternativen.“ Bonn, 2000, S. 9.
100 ebd., S.9.
101 ebd., S. 10.

28
Die Nachkriegszeit blieb von internationalen Finanzkrisen verschont. Die Weltwirtschaft
prosperierte und selbst im weitgehend vom Krieg zerstörten Westeuropa kam es zu einer
Phase anhaltenden Wachstums. In Deutschland wird von den Nachkriegsjahren noch
heute als „Wirtschaftswunder“ geschwärmt. Das System von Bretton Woods schien zu
funktionieren, allerdings trug der Erfolg des Systems gleichzeitig die Ursache für seinen
Zusammenbruch in sich. „Da Währungsparitäten die ökonomische Leistungsfähigkeit von
Volkswirtschaften untereinander zum Ausdruck bringen, war angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs
der westeuropäischen und der japanischen Volkswirtschaften der feste Wechselkurs zum Dollar auf
Dauer nicht haltbar.“102 1971 kündigte die US-Regierung unter Präsident Nixon das System
fester Wechselkurse auf, 1973 wurde es durch frei schwankende ersetzt. Ein neues
wirtschaftspolitisches Zeitalter sollte beginnen, das unter dem Begriff des
„Neoliberalismus“ zusammengefasst wird. Das wirtschaftspolitische Leitbild veränderte
sich - weg von der sozialen Marktwirtschaft und der Doktrin des Keynesianismus hin zur
neoliberalen Schule. Aufbauend auf den Theorien von SMITH und RICARDO wurde
der freie Markt als Grundlage von Wohlstand und Wirtschaftswachstum propagiert. Der
Staat sollte sich aus der Kontrolle und Lenkung der Wirtschaft heraus halten, der Markt,
sprich die privaten Unternehmen, von jeglichen Zwängen befreit werden. Liberalisierung,
Deregulierung und Privatisierung, so lauteten die Hauptleitlinien der in den 70er Jahren
einsetzenden neoliberalen Wirtschaftspolitik. Der Wegfall von Kapitalverkehrskontrollen,
die Öffnung der Wirtschaftsmärkte und der Abbau von Zollbeschränkungen führten zu
einem immensen Anstieg des weltweiten Handels. Es existieren „relativ wenige Hemmnisse
für den internationalen Austausch von Gütern und Produktionsfaktoren“ 103 , so dass die
Globalisierung der Weltwirtschaft unaufhaltsam voranschreiten konnte. Mit den
Amtsantritten von Ronald REAGAN in den USA und Margaret THATCHER in
Großbritannien begann die so bezeichnete „neoliberale Konterrevolution“. Ihr Ziel war
es, „die Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat zu reduzieren, die Macht der Gewerkschaften einzugrenzen
sowie die Möglichkeiten der Kapitalakkumulation durch Privatisierung und das Ersetzen kollektiver
Sicherungssysteme auszudehnen.“104

102 Kairos Europa e.V; WEED e.V. „Kapital braucht Kontrolle. Die internationalen Finanzmärkte: Funktionsweise
– Hintergründe – Alternativen.“ Bonn, 2000, S. 12.
103 Donges, Juergen B.; Eekhoff, Johann; Paulus, Philipp. „Globalisierungskritik auf dem Prüfstand – ein

Almanach aus ökonomischer Sicht.“ Stuttgart: Lucius & Lucius, 2003, S. 4.


104 Boehme, Nele; Walk, Heike. “Editorial. Globaler Widerstand formiert sich.“ In Forschungsjournal Neue

Soziale Bewegungen, Jg. 15, Heft 1. Berlin: 2002, S.4.


29
Die zunehmende Modernisierung der vergangenen Jahre – Errungenschaften in der
Mikroelektronik, der Telekommunikation, Internet und E-Mail u.v.m. – beschleunigten
den Prozess des grenz- und kontinentüberschreitenden Transfers von Waren,
Dienstleistungen und Geld. Es ist heute möglich einen Geschäftspartner am anderen
Ende der Welt in wenigen Sekunden zu erreichen und mit den aktuellsten Informationen
zu versorgen. Geldsummen können innerhalb kürzester Zeit hin- und her geschoben
werden. Der Planet ist von einem dichten Kommunikationsnetz umspannt, ohne das die
wirtschaftliche Verflechtung der Welt, sprich die Globalisierung, nicht möglich wäre.
Sinkende Transportkosten und die zunehmende Vereinheitlichung technischer Normen
treiben die Globalisierung zusätzlich voran. Die Entwicklung scheint unaufhaltsam zu
sein, und wird in den kommenden Jahren das Leben der Menschen zunehmend prägen.
Ohne eine Wertung abgeben zu wollen, ist es unbestreitbar, dass der Begriff der
Globalisierung viele Ängste der Menschen auf sich vereint, die sie „als eine Gefährdung ihrer
sozialen Sicherheit und ihrer Zukunftschancen“105 betrachten. Die Globalisierung dringt in viele
Bereiche des Lebens ein, und es erscheint logisch und unvermeidbar, dass viele Menschen
diesem Prozess kritisch gegenüber stehen oder ihn gar ablehnen. In den vergangenen
Jahren ist eine riesige Gegenbewegung entstanden, die die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung der vergangenen Jahre kritisiert. Weltweit agierende
Nichtregierungsorganisationen (NGOs), aber auch bedeutende Politiker und Ökonomen
treten als Kritiker der Globalisierung in Erscheinung. Sie fordern eine Umgestaltung und
die Einrichtung eines internationalen Regelsystems, einer „Global Governance“, die die
Auswirkungen der Globalisierung steuern soll.

3.4 Hyper-Globalisierer und Skeptiker


Für die einen ist es ein Zauberwort, das die Lösung fast aller gesellschaftlichen Probleme
annonciert, für die anderen ein Schreckgespenst, das als wesentliche Ursache dieser
Probleme angesehen wird. Bei den einen löst die Globalisierung Aufbruchstimmung, bei
den anderen hingegen Angstgefühle aus.106 Es gibt vermutlich kaum einen Begriff, der die
Gesellschaft derart in Befürworter und Gegner spaltet, wie jener der Globalisierung.
Wobei anzumerken ist, dass der Begriff Globalisierungsgegner mittlerweile überholt ist,

105 Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ Informationen zur politischen Bildung. Heft 280,
3. Quartal 2003. Bonn. BpB, 2003, S. 4.
106 vgl. ebd., S. 3.

30
und durch jenen der Skeptiker bzw. Kritiker ersetzt worden ist. In Frankreich wurde in
diesem Zusammenhang der passende Begriff des „altermondialiste“ geprägt: Man ist nicht
gegen, sondern für eine andere, eine alternative Globalisierung.
Den Globalisierungsskeptikern steht die so genannte Gruppe der „Hyper-
Globalisierungstheoretiker“ gegenüber.107 Ihrer Ansicht nach existieren überall integrierte
globale Märkte. „Mit der Möglichkeit der Verbraucher, Waren von überall her zu kaufen, und der
der Firmen, sich an jedem beliebigen Ort niederzulassen und von jedem beliebigen Ort Ressourcen zu
beziehen, sei der Begriff der nationalen Wirtschaft überholt“ 108 , so ihre Auffassung. Neue
Technologien, insbesondere im Finanzsektor, unterlaufen die Wirksamkeit
nationalstaatlicher Maßnahmen, so dass der Finanzsektor mittlerweile jede nationale
Wirtschaftspolitik entscheidend mitbestimmt und nicht umgekehrt.
Die Globalisierungsskeptiker wiederum führen in erster Linie vier Einwände gegen die
These der erfolgten Globalisierung an:109
1. Die wirtschaftlichen Aktivitäten sind immer noch zu einem großen Teil
national ausgerichtet.
2. Das Wachstum internationaler Geld- und Handelsströme ist Ausdruck
und Folge einer zunehmenden internationalen Verflechtung von
intakten Nationalökonomien.
3. Der globale Handel bewegt sich gegenwärtig auf einem Niveau, das
jenem zur Zeit der klassischen Goldwährung (1887-1914) vergleichbar
ist oder sogar darunter liegt. Beim momentanen Wachstum des
internationalen Handels handelt es sich demnach nur um eine Rückkehr
zum status quo ante.
4. Ein Großteil der ansteigenden internationalen Wirtschaftsaktivitäten
findet innerhalb klar abgegrenzter Wirtschaftsblöcke wie der
Europäischen Union statt. Es sollte konsequenterweise von einer
Regionalisierung statt von Globalisierung gesprochen werden.
Jonathan PERRATON kritisiert die Position der Globalisierungsskeptiker. Sie
unterbewerten die quantitativen und qualitativen Veränderungen des Welthandels. „Die

107 vgl. Perraton, Jonathan; Goldblatt, David; Held, David; McGrew, Anthony. „Die Globalisierung der
Wirtschaft“ In „Was ist Globalisierung?“, hg. Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S.
135.
108 ebd. S. 135
109 ebd., S. 135 f.

31
globalen wirtschaftlichen Transaktionen bewegen sich, gemessen an den national ausgerichteten
Aktivitäten, auf einem in keiner vorausgegangenen Epoche erreichten Niveau und beeinflussen mittelbar
und unmittelbar die Volkswirtschaften in bisher ungekanntem Ausmaß. Und die Herausbildung
regionaler Wirtschaftsblöcke verhindert keineswegs, wie die Skeptiker meinen, die weitere Globalisierung,
sondern ist eher Ausdruck des generellen Wachstums internationaler Wirtschaftsaktivitäten.“110
In der Regel stellen die Globalisierungsskeptiker nicht „die Tragfähigkeit des Konzepts
„Globalisierung“ zur Beschreibung und Analyse des realen Geschehens in Frage, sondern (…) die
vielfachen negativen Folgen.“ 111 Sie bemängeln die angebliche Alternativlosigkeit der
gegenwärtig bestimmenden Ausprägung von Globalisierung. Die Kritik richtet sich in
erster Linie gegen die neoliberale Ausrichtung der Weltwirtschaft sowie globale
Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO), den Internationalen
Währungsfonds (IWF) sowie der Weltbank. Kritik entzündet sich auch daran, dass die
wachsende internationale Verflechtung die staatliche Steuerungsfähigkeit verringert. Sie
bemängeln, dass „weltweit operierende Wirtschaftsunternehmen keiner gesellschaftlichen Kontrolle
unterworfen sind und werten dies als Quelle für politische und wirtschaftliche Instabilität sowie
zunehmende soziale Ungleichheit in und zwischen den Staaten.“ 112 Sie befürchten zudem ein
Herunterkonkurrieren von Errungenschaften des Sozialstaats und weitere Unsicherheiten
in den Arbeitsverhältnissen. Die Befürworter hingegen erwarten Verbesserungen in der
weltweiten Arbeitsteilung und des Freihandels mit wohlfahrtssteigernder Wirkung für alle.
In ihren Augen ist die Globalisierung „der Weg zu einem effizienteren Wirtschaften durch den
Abbau von Handels- und Wettbewerbsbeschränkungen.“113
PERRATON U.A. sind der Ansicht, das sowohl die Hyper-Globalisierungstheoretiker
wie -skeptiker entscheidende Aspekte des Globalisierungsprozesses verfehlen, da beide
fälschlicherweise vom Idealtypus einer vollständig globalisierten Wirtschaft ausgehen.114
„Neither the hyperglobalists nor the sceptics provide the proper conceptual resources to grasp this.
Globalization does not prefigure the 'end of politics', nor the simple persistance of old state ways; instead,

110 Perraton, Jonathan; Goldblatt, David; Held, David; McGrew, Anthony. „Die Globalisierung der

Wirtschaft“ In „Was ist Globalisierung?“, hg. Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S.
167.
111 Teusch, Ulrich. „Die Staatengesellschaft im Globalisierungsprozess. Wege zu einer antizipatorischen

Politik.“ Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 29.


112 Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ Informationen zur politischen Bildung. Heft 280,

3. Quartal 2003. Bonn. BpB, 2003, S. 3.


113 ebd., S. 3.
114 vgl. Perraton, Jonathan; Goldblatt, David; Held, David; McGrew, Anthony In Beck, a.a.O., S. 168.

32
it signals the continuation of politics by new means.” 115 Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis
sprechen David HELD und Anthony MCGREW neben diesen beiden Lagern von einer
dritten Gruppe der so genannten „Transformationalisten“, die sich für eine Art Mittelweg
entschieden haben. Globalisierung bedeutet nicht nur eine Verschiebung des Ausmaßes
von sozialen Beziehungen und Aktivitäten. „Much more significantly ,argue the
transformationalists, it also involves the spatial re-organization and re-articulation of economic, political,
military and cultural power. [...]Highly uneven in its embrace and impact, it divides as it integrates.
Globalization may mean a shrinking world for some but for the majority it creates a distancing or
profound disembedding of power relations.”116

Abb. 3 Konzepte von Globalisierung: Drei Tendenzen117

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass - unabhängig davon, welcher der drei


beschriebenen Tendenzen jemand zuneigt - die Existenz der Globalisierung von nicht
einem wissenschaftlichen Autor in Frage gestellt wird.

115 Held, David; McGrew, Anthony. „Globalization.“ Entry for Oxford Companion to Politics. URL:
http://www.polity.co.uk/global/globalization-oxford.asp.
116 ebd.
117 Held, David; McGrew, Anthony; Goldblatt, David; Perraton, Jonathan (Hg.). „Global Transformations.

Politics, Economics and Culture.“ Cambridge: Polity Press, 1999, S. 10.


33
3.5 Zusammenfassung

Prägnant auf den Punkt gebracht, ist unter dem Begriff „Globalisierung“ der Prozess einer zunehmenden
internationalen Verflechtung in allen Bereichen (u.a. Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt oder
Kommunikation) zu verstehen, die durch den technischen Fortschritt einerseits und politische
Entscheidungen zur Liberalisierung des Welthandels andererseits begünstigt und vorangetrieben wird.
Die Globalisierung ist ein „komplexer Vorgang mit vielen Gesichtern, der alle
Lebensbereiche durchdringt und schon lange zu einer auch im Alltag erfahrbaren
Wirklichkeit geworden ist.“ 1 Trotz kritischer Stimmen, die sich zumeist auf die Ausgestaltung
konzentrieren, wird die Existenz dieses Phänomens (zumindest in der wissenschaftlichen Literatur) von
niemandem ernsthaft angezweifelt.
Uneinigkeit herrscht hingegen über die Frage, inwieweit und auf welche Weise die Globalisierung das
Gebilde des Nationalstaats beeinflusst. Dass die Souveränität der Nationalstaaten zumindest in
gewissem Maße eingeschränkt wird, scheint unbestritten (vgl. Kapitel 5), doch wird die nationalstaatliche
Tätigkeit deshalb in naher Zukunft tatsächlich verschwinden? Und falls ja, was wird an seine Stelle
treten? Eine Alternative, die von einer wachsenden Zahl an Autoren angeführt wird, ist das Konzept der
Global Governance, das im folgenden Kapitel ausführlich erörtert werden soll.

34
4 Das Konzept der „Global Governance“

4.1 Problemstellung
Im Gegensatz zu den beiden in den vorherigen Kapiteln erläuterten Begriffen befindet
sich die Debatte über die so genannte Global Governance noch am Anfang und der Begriff
ist einigermaßen unscharf geblieben. Bislang existiert nicht einmal eine präzise deutsche
Übersetzung, weshalb der Begriff meist unübersetzt gelassen und im englischen Original
verwendet wird.
Wie bereits in den vorherigen Kapiteln erläutert, stellt die Globalisierung und die damit
einhergehende Bedeutungsabnahme nationaler Grenzen eine Herausforderung für die
Fähigkeit des Nationalstaats dar, seine Regierungsziele unilateral zu erreichen. 118 Der
Nationalstaat verliert zunehmend seine Rolle als Ordnungsfaktor in der internationalen
Politik und ist in vielen Bereichen (z.B. Umwelt oder Sicherheit) darauf angewiesen, in
internationalen Institutionen zu agieren. Zahlreiche Probleme können im
nationalstaatlichen Alleingang schlicht und ergreifend nicht mehr gelöst werden.
1995 stellte der israelische Politologe Yehezkel DHOR in einem Bericht an den Club of
Rome die Frage, ob die Erde noch regierbar sei.119 Franz NUSCHELER antwortet, dass
dies auf herkömmliche Weise nicht mehr möglich ist. „Wenn sie noch regierbar sein soll, muss
sie anders regiert werden als noch in dem gerade abgelaufenen Jahrhundert.“ 120 Das Problem der
Regierbarkeit der Welt hat sich zum zentralen Punkt der zukünftigen politischen
Entwicklung herausgebildet.
Die Einsicht, dass in naher Zukunft kein allumfassender „Weltstaat“ das derzeit
existierende System der Nationalstaaten ablösen würde, führte zu einer Diskussion über
das Konzept der Global Governance, das in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend
häufiger als Lösung für die zukünftige Regierbarkeit der Welt propagiert wird. Das
Konzept soll „Möglichkeiten der politischen Steuerung der Welt unter den Bedingungen der
Globalisierung bzw. Strategien und Mittel des Weltregierens ohne Weltregierung“ finden. 121 Wenn

118 Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und
Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 121.
119 Vgl. Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A.

Ferdowski. München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 71.


120 Ebd., S. 76
121 Meier-Walser, Reinhard. „Einführung.“ In Globalisierung und Perspektiven internationaler Verantwortung -

Problemstellungen, Analysen, Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme, hg. Reinhard Meier-Walser,


Peter Stein. München: K.G. Saur Verlag GmbH, 2004, S. 412/413.
35
sich die Probleme der Nationalstaaten globalisieren, muss sich auch die Politik
globalisieren, so dass Credo seiner Verfechter.
Hartwig HUMMEL zufolge geht der Ursprung der Diskussion über Global Governance auf
den im Jahre 1992 herausgegebenen Sammelband „Governance without Government“ von
James ROSENAU und Ernst-Otto CZEMPIEL zurück. In diesem wird argumentiert,
dass „die Steuerung bzw. Regelung menschlichen Handelns (Governance) nicht nur durch die
Staatsgewalt (Government) erfolge, sondern auch durch autonome gesellschaftliche Regulierung auf vielen
Ebenen, von der Familie bis zur transnationalen sozialen Bewegung, zum transnationalen Unternehmen
oder zum transnational organisierten Verbrechersyndikat.“ 122 Die alles entscheidende Frage ist,
wie angesichts einer solchen Vielzahl an Steuerungsakteuren und Ordnungssystemen eine
stabile Weltordnung durchgesetzt werden kann.

4.2 Definition
Eine eindeutige Definition von Global Governance existiert nicht. Je nach politischem
Gegenstandsbereich und theoretischer Perspektive findet der Begriff eine
unterschiedliche Verwendung. Diese Diffusität ist vermutlich dafür verantwortlich, dass
ein solch schillernder Begriff, als den Michael ZÜRN ihn bezeichnet, so viel
Unterstützung erfährt. 123 Auch Ulrich BRAND U.A. heben diese Gegensätzlichkeit
hervor, und behaupten, dass es bei Global Governance nicht um einen präzise definierten
Begriff geht, und es daher sinnvoller ist von einem Diskurs bzw. einem diskursiven Feld
zu reden.124
Allgemeingültig lassen sich Zweck und Ziel von Global Governance vorläufig definieren als
„Entwicklung eines Institutionen- und Regelsystems und neuer Mechanismen internationaler Kooperation,
die die kontinuierliche Problembearbeitung globaler Herausforderungen und grenzüberschreitender
Phänomene erlauben.“125

122 Hummel, Hartwig. „Kommentar: Global Governance als neue große Debatte.“ In Globalisierung als

politische Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie und Realität, hg. Maria Behrens. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 131.
123 vgl. Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und

Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 125.
124 Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global Governance.

Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED. Münster:
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 14.
125 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.

München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 72.


36
Die OECD definiert Governance als „use of political authority and exercise of control in a society in
relation to the management of its resources for social and economic development.“ 126 Der Begriff
Governance bedeutet also nichts anderes als Regieren oder Staatsführung. Die Regierung ist
der zentrale Akteur, um das Funktionieren des Staates zu gewährleisten. Bei der
Verwendung des Begriffes innerhalb von Global Governance hat sich indes ein anderes
Verständnis durchgesetzt. So definiert die Commission on Global Governance wie folgt:
„Für Global Governance sind dialogische und kooperative Prozesse zentral, die über die verschiedenen
Handlungsebenen subsidiär entlang der Achse lokal-global hinweg reichen sowie Akteure aus den
Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenführen und vernetzen. Global Governance setzt
damit also auf das konstruktive Zusammenwirken von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren in
dynamischen Prozessen interaktiver Entscheidungsfindung von der lokalen bis zur globalen Ebene.“127
Diesem Verständnis zufolge beschreibt Governance keine Staatstätigkeit. Nicht das
Regierungshandeln steht im Vordergrund, sondern „das Zusammenwirken von Regierungen,
internationalen und supranationalen Institutionen, ökonomischen und anderen Nichtregierungsakteuren
in einem Geflecht von formellen und informellen Beziehungen.“ 128 Mit Governance werden
horizontale (verschiedene Akteure) und vertikale (verschiedene Ebenen) Formen der
Koordination bezeichnet. Der Begriff verknüpft die verschiedenen Politikebenen von der
internationalen bis zur nationalen und lokalen Ebene. „Es gibt keinen zentralen Akteur mehr,
dem allein eine Steuerungs- und Kontrollfähigkeit zugesprochen wird, sondern Entscheidungsprozesse
finden interaktiv zwischen staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren statt.“129
Aus den bereits erwähnten Einbußen des Nationalstaates an Handlungsfähigkeit und
Souveränität leiten Verfechter des Global Governance-Konzeptes konsequenterweise eine
Krise des Regierens ab. „Folglich gehört die Forderung nach der Rückgewinnung der
nationalstaatlichen Steuerungsfähigkeit und nach politischem „Re-embedding“ verselbstständigter
ökonomischer Prozesse (…) zum rhetorischen Standardrepertoire.“130
Im modernen Nationalstaat des 20. Jahrhunderts war es zweifelsohne die Regierung, die
für die politische Regulierung und Regelsetzung zuständig war. Auch internationale

126 zitiert nach Behrens, Maria. „Global Governance – eine Einführung.“ In Globalisierung als politische

Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie und Realität, hg. Maria Behrens. Wiesbaden: VS Verlag für
Sozialwissenschaften, 2005, S. 18.
127 zitiert nach ebd., S. 18.
128 Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global Governance.

Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED. Münster:
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 13.
129 Behrens, Maria In Behrens, Maria, a.a.O., S. 18.
130 Brand u.a., a.a.O., S. 26.

37
Politik wurde traditionell als Regierungshandeln aufgefasst, indem internationale
Organisationen geschaffen und zwischenstaatliche Verträge geschlossen wurden. Mit
Beginn der 1990er Jahre hingegen wurde „das regulierende Subjekt für Governance allenfalls im
Plural, als vernetzte Einheit verschiedenster Akteure und räumlicher Ebenen vorstellbar.“131 Es sind
nicht länger die Regierungen, die das Regieren vollständig kontrollieren. So haben sich in
den vergangenen Jahren nicht mehr nur Vertreter von Regierungen an der Vorbereitung
und Umsetzung von transnationalen Regeln beteiligt, sondern zunehmend private
Akteure, ob nun Vertreter von Wirtschaftsunternehmen, traditionellen Verbänden,
Nichtregierungsorganisationen, Medien oder so genannten
Expertengemeinden. 132 Gesellschaftliche Gruppen werden vermehrt an den
Regierungsprozessen beteiligt. ZÜRN spricht in diesem Zusammenhang von einer
„Vergesellschaftung des Regierens jenseits des Staates“.133
Dieser Aspekt wird innerhalb des Konzeptes von Global Governance besonders betont.
„Global Governance ist kein Projekt, an dem nur Regierungen oder internationale Organisationen als
Instrumente der Staatenwelt beteiligt sind.“134 Es geht um das Zusammenwirken von staatlichen
und nichtstaatlichen Akteuren von der lokalen bis zur globalen Ebene, auch als „Public-
Private-Partnership“ (PPP) bezeichnet. Die Vielzahl an Akteuren soll in globale
Politiknetzwerke eingebunden werden, um jene Probleme zu behandeln, die die Staaten
im Alleingang nicht länger bewältigen können.
Global Governance grenzt sich dabei bewusst von Global Government, also einem Weltstaat
oder einer Weltregierung, ab. Es bedarf nicht zwingend einer globalen Regierung, damit
globales Regieren möglich ist.135 Die Nationalstaaten bleiben die „tragenden Stützpfeiler der
Global-Governance-Architektur“. 136 NUSCHELER betont, dass die Vision von Global
Governance jener der bereits von Immanuel Kant anvisierten Weltföderation von freien

131 Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global Governance.
Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED. Münster:
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 26 f..
132 Vgl. Brand, Ulrich; Scherrer, Christoph. „Contested Global Governance: Konkurrierende Formen und

Inhalte globaler Regulierung.“ In Globalisierung als politische Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie
und Realität, hg. Maria Behrens. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 115.
133 Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und

Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 128.
134 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.

München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 78.


135 vgl. Zürn in Schuppert, Gunnar Folke, a.a.O., S. 126.
136 Meier-Walser, Reinhard. „Einführung.“ In Globalisierung und Perspektiven internationaler Verantwortung -

Problemstellungen, Analysen, Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme, hg. Reinhard Meier-Walser,


Peter Stein. München: K.G. Saur Verlag GmbH, 2004, S. 413.
38
Republiken mit einem notwendigen Minimum an Zentralstaatlichkeit entspricht. „Auch
Kants Begründung, warum sich souveräne Staaten auf eine solche Föderation einlassen, bleibt gültig: Es
ist die „Not“, politische Handlungsfähigkeit zu erhalten.“137
Governance unterscheidet sich dabei von Government wie Regieren von Regierung. „Während
sich der Begriff der Regierung auf einen Akteur bezieht, der sich des Regierens annimmt, wird durch den
Begriff des Regierens, eine Aktivität beschrieben, gleichviel welcher Akteur bzw. welche Akteure diese
Tätigkeit ausüben.“138
In diesem Zusammenhang lassen sich drei unterschiedliche Komponenten von Global
Governance unterscheiden:139
1) Governance by government:
Nationale Regierungen sind für die Setzung und Durchführung
nationalstaatlicher Regelungen zuständig. In der Moderne ist das
Regieren innerhalb eines Nationalstaates durch eine Regierung
durchgeführt worden, die über ein Gewaltmonopol und Hierarchie nach
innen verfügt.
2) Governance with government:
Nationale Regierungen koordinieren und harmonisieren ihre Politik, um
grenzüberschreitende Problemlagen zu bewältigen. Dem Regieren über
den Nationalstaat hinaus fehlt es an einer zentralen Autorität oder
einem „Weltstaat“, der mit einem legitimen Monopol auf die Ausübung
von (militärischer) Gewalt ausgestattet ist.
3) Governance without government:
Gesellschaftliche Gruppen setzen grenzüberschreitend weitgehend
selbst Regelungen. Die Organisation der Vereinten Nationen als Ganzes
symbolisiert ein solches Regieren ohne Regierung.

Es ist das Gesamtarrangement dieser verschiedenen Steuerungsformen, das Global


Governance ausmacht. ZÜRN bringt diese Tatsache auf die folgende Formel: „Global
Governance = Governance by + Governance with + Government without Governments“.140
Internationale Regime, in denen sich Staaten durch eine vertragliche Vereinbarung zur
Bearbeitung von gemeinsamen Problemen verpflichten und daher als
Organisationselemente von „Governance without Government“ bezeichnet werden
können, sind wichtige Bausteine der Global Governance-Architektur. Auch wenn ihre Rolle
noch bedeutend geringer ist als jene der „Governance with governments“, ist sie in den

137 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.
München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 78.
138 , Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und Entwicklungslinien,

hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 125.


139 vgl. ebd., S. 127.
140 ebd., S. 128.

39
vergangenen beiden Jahrzehnten gewachsen. Allein die Zahl der
Nichtregierungsorganisationen erhöhte sich von 1991 bis 2004 kontinuierlich von 4600
auf gut 7300.141
Dem Bedeutungszuwachs von privaten und Nichtregierungsorganisationen zum Trotz
stellen die Regierungen innerhalb des Global Governance-Konzeptes einen wichtigen
Bestandteil dar, wenngleich sich ihre Rolle verändert. Während sie in den Nationalstaaten
die Lenkung ausüben, braucht die Welt als Ganzes eine Ordnungspolitik und keine
Herrschaftsgewalt, schreibt Shridath RAMPHAL, Co-Vorsitzender der Commission on
Global Governance. „Nicht alle Fragen, die internationale Aufmerksamkeit erfordern, müssen über
den Regierungsbereich angegangen werden. (…) In einigen Bereichen, in denen Regierungen die wichtigsten
Akteure bleiben, leisten Nichtregierungsorganisationen zunehmend wichtige Beiträge, indem sie das
verstärken, beeinflussen und überwachen, was Regierungen tun.“ 142 Bekannte Beispiele sind die
Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Amnesty International oder
Greenpeace.
Global Governance bedeutet also in keinem Fall – wie der Begriff vielleicht zunächst
vermuten lässt – die Suche nach einer Weltregierung, sondern stellt die Frage nach der
Regierbarkeit der Welt. Es geht um den Ausbau internationaler Kooperation unter
Einbeziehung aller Politikfelder, einschließlich der bereits erwähnten
Nichtregierungsorganisationen. Zwar hält eine kleine Gruppe von Globalisten an der
Vision eines Weltstaates fest. Ein dauerhafter Frieden setzt demnach eine Weltordnung
voraus, „in der die staatliche Souveränität soweit eingeschränkt ist, dass durch eine den nationalen
Regierungen übergeordnete Vollzugsgewalt globale Rechtsnormen unmittelbar gegen Individuen und
Gruppen durchsetzbar sind.“ 143 Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde stellt diese
Position eine Minderheit dar. Stellvertretend schreibt Dirk MESSNER, dass ein Weltstaat
„weder eine realistische noch eine erstrebenswerte Option [ist], weil ein bürokratischer Moloch kaum
demokratische Legitimation gewinnen und sich als Deus ex Machina der Problemlösung bewähren

141 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung. „Globalisierung.“ URL:


http://www.bpb.de/wissen/3UD6BP,0,0,NichtRegierungsorganisationen_(NGOs).html
142 Ramphal, Shridath. „Global Governance. Die Notwendigkeit einer Weltordnungspolitik.“ Deutsche Gesellschaft

für auswärtige Politik. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1998/november1998/global-governance--die-
notwendigkeit-einer-weltordnungspolitik.html.
143 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.

München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 77.


40
könnte.“144 In den Augen der Verfechter einer Global Governance kann eine Zentralisierung
der Politik auf Weltebene nur durch eine vernetzte Mehrebenenpolitik gelingen. 145
Mathias ALBERT behauptet, dass es in Zukunft keinen Weltstaat geben wird, zumindest
solange man unter diesem einen modernen Nationalstaat mit globaler Ausdehnung
versteht.146

4.3 Hauptprotagonisten
Es können vier Hauptprotagonisten des Global Governance-Konzeptes unterschieden
werden.147 An erster Stelle sei hier James ROSENAU angeführt. Zwar war ROSENAU
nicht der erste, der den Begriff Governance in die wissenschaftliche Diskussion einbrachte.
Sein in Zusammenarbeit mit Ernst-Otto CZEMPIEL herausgegebener Sammelband
„Governance without Government“ gilt jedoch als zentraler Referenzpunkt aller
Veröffentlichungen zu diesem Thema.
Einen hohen Bekanntheitsgrad erfuhr der Begriff Global Governance durch die
„Commission on Global Governance“ (CGG). Diese wurde im Jahre 1991 auf Initiative
des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy BRANDT unter dem Dach der Vereinten
Nationen gegründet. Die Kommission erhielt den Auftrag, Visionen für eine zukünftige
internationale Politik und die Regierbarkeit der Welt zu erarbeiten. 1995 wurden die
Ergebnisse in dem Bericht „Our Global Neighbourhood“ zusammengefasst.148
Die deutsche Übersetzung des Berichts wurde von der „Stiftung für Entwicklung und
Frieden“ (SEF) herausgegeben, die im Jahre 1986 ebenfalls auf Initiative von Willy Brandt
gegründet worden war. Das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg
dient der wissenschaftlichen Begleitung der SEF. Darüber hinaus hat es sich zu einem der
„wichtigsten „think tanks“ sozialdemokratisch orientierter Entwicklungs- und
Friedenspolitik“ entwickelt. Seine Leiter Franz NUSCHELER und Dirk MESSNER haben

144 Messner, Dirk. „Global Governance: Globalisierung im 21. Jahrhundert gestalten.“ In Globalisierung als
politische Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie und Realität, hg. Maria Behrens. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 37.
145 vgl. ebd., S. 37
146 vgl. Albert, Mathias. „Einleitung: Weltstaat und Weltstaatlichkeit: Neubestimmungen des Politischen in

der Weltgesellschaft.“ In Weltstaat und Weltstaatlichkeit – Beobachtungen globaler politischer Strukturbildung, hg.
Mathias Albert, Rudolf Stichweh. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, S. 9.
147 Ich werde mich im folgenden Kapitel auf die Auflistung in der Publikation „Global Governance.

Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ von Ulrich Brand, Achim Brunnengräber, Lutz Schrader,
Christian Stock und Peter Wahl beziehen. Die Zitate stammen ebenfalls aus diesem Buch (S. 28-40).
148 The Commission on Global Governance. “Nachbarn in Einer Welt. Der Bericht der Kommission für

Weltordnungspolitik.” Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden, 1995.


41
das Global Governance-Konzept in Deutschland bekannt gemacht, indem sie zahlreiche
Aufsätze zu dem Thema in Sammelbänden und Zeitschriften lanciert haben.
Auch die so genannte „Gruppe von Lissabon“ beschäftigt sich mit dem Thema Global
Governance. Sie wurde 1992 von dem Wirtschaftsprofessor Ricardo PETRELLA gegründet
und setzt sich aus 22 Mitgliedern aus Japan, Westeuropa und Nordamerika mit
Erfahrungen in Wirtschaft, Politik, internationalen Organisationen und der Wissenschaft
zusammen. Ihre Arbeit wird in der Veröffentlichung „Grenzen des Wettbewerbs“ 149
zusammengefasst. Dabei weisen sie das herrschende Credo der Wettbewerbsfähigkeit
zurück und argumentieren – ähnlich dem INEF – gegen das neoliberale Paradigma. Die
angehörigen Wissenschaftler sind der Meinung, „dass die Welt nicht als Arena für hegemoniale
Ambitionen angesehen werden darf. Es ist an der Zeit, die verheerenden Konsequenzen eines exzessiven
Wettbewerbs anzugehen."150

4.3.1 James Rosenau

James ROSENAU ist der wohl bekannteste Vertreter des Konzeptes von Global
Governance. Wie der Titel seines populären Sammelbandes erahnen lässt, geht es ihm
besonders um die Unterscheidung zwischen „Government“ und „Governance“. Daher
schreibt er: „Global Governance bedeutet Ordnungssysteme auf allen Ebenen menschlichen Handelns
einzubeziehen – von der Familie bis zur internationalen Organisation – bei denen die Verfolgung von
Zielen durch die Ausübung von Kontrolle transnationale Auswirkungen hat.“151
Seiner Ansicht nach ist es verkehrt, lediglich formale Institutionen auf nationaler und
internationaler Ebene in die Regelungssysteme einzubeziehen. Die Herausbildung einer
Weltordnung hält er für wenig realistisch. Für am Wahrscheinlichsten erachtet
ROSENAU einen politisch gesteuerten Prozess der Selbstorganisation.

4.3.2 Commission on Global Governance (CGG)


Angesichts der Herausforderungen und Probleme der Globalisierung hält die CGG die
bestehenden Institutionen für überfordert. Es benötigt weitreichende Reformen des
internationalen Systems und – darauf aufbauend – Handlungsempfehlungen für Global

149 Die Gruppe von Lissabon. „Grenzen des Wettbewerbs. Die Globalisierung der Wirtschaft nd die Zukunft der
Menschheit.“ München: Luchterhand Literaturverlag GmbH, 1997.
150 zitiert nach URL: http://www.vitaterra.de/index.php?id=55.
151 Zitiert nach Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter.

„Global Governance. Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und
WEED. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 30.
42
Governance-Strukturen, um Problemen wie wirtschaftlicher Instabilität oder Armut Herr
werden zu können. Die CGG betont, dass Staaten und Regierungen weiterhin die
wichtigsten öffentlichen Institutionen bleiben sollen. Besondere Berücksichtigung
erfahren hier die Vereinten Nationen. Sie können „als zentraler Mechanismus dienen, in dessen
Rahmen die Staaten sich gegenseitig unter Einbeziehung anderer Teile der Gesellschaft zur multilateralen
Behandlung globaler Angelegenheiten verpflichten.“152 Es geht also nicht um die Herstellung einer
Weltregierung oder eines Weltföderalismus.

4.3.3 Institut für Entwicklung und Frieden (INEF)

Die Global Governance-Konzeption des INEF baut auf der Arbeit der Commission on
Global Governance auf, wobei hier die Neugestaltung vom Staatlichkeit im Vordergrund
steht. Wie bei ROSENAU ist eine deutliche Begriffsabgrenzung zu „Global
Government“ erkennbar, da eine Weltregierung weder für realistisch noch erstrebenswert
gehalten wird. Global Governance bedeutet das Zusammenwirken von Akteuren und
Aktivitäten von der lokalen bis zur globalen Ebene.
Dirk MESSNER und Franz NUSCHELER entwerfen eine „Global Governance-
Architektur“, die aus sechs Ebenen besteht: den Nationalstaaten, internationalen Regimen,
regionalen Integrationsprojekten, UN-Organisationen, der Zivilgesellschaft und der
lokalen Politik. Der Nationalstaat bleibt dabei die entscheidende Instanz, um
Gemeinwohlinteressen wahrzunehmen, muss jedoch gleichzeitig traditionelle Aufgaben
abgeben und an andere Institutionen weiterleiten, um seine Steuerungsfähigkeit zu stärken.
Der Staat übernimmt in diesem Zusammenhang vier unterschiedliche Rollen:
1) Interdependenzmanager: der Staat vermittelt zwischen den sich
überlagernden Politikfeldern, wie z.B. Wirtschaft und Umwelt;
2) Moderator: der Staat initiiert, forciert und überwacht Such- und
Lernprozesse;
3) Impulsgeber: der Staat setzt wichtige Debatten und
Anpassungsprozesse gegen Partikularinteressen in Gang;

Zitiert nach Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter.
152

„Global Governance. Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und
WEED. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 33.
43
4) Gesellschaftliche Integrationsinstanz: der Staat gewährt die
Umsetzung international vereinbarter Maßnahmen und übernimmt
Koordinationsaufgaben innerhalb der internationalen Systems.
Die Zivilgesellschaft entwickelt sich dabei zu einer „Korrekturinstanz“, die gegenüber den
staatlichen Steuerungsansprüchen Kontroll- und Korrektivfunktionen wahrnehmen soll.

4.3.4 Gruppe von Lissabon


Die Gruppe von Lissabon hält eine „Triadisierung“ der Welt für wahrscheinlich und
wünschenswert. In ihren Augen verfügen die mächtigsten Länder der Welt – heißt:
Westeuropa, Japan und Nordamerika – über die Fähigkeit zur Lösung der gegenwärtigen
und zukünftigen globalen Probleme.
Es soll ein „globaler Vertrag“ geschlossen werden, der den weltweiten Wettbewerb
menschlicher gestalten soll. Dieser sollte folgende vier Abkommen umfassen:
● einen Grundbedürfnisvertrag: Gegenstand ist die Grundversorgung aller
Menschen mit Nahrung, Wasser oder Unterkunft;
● einen Kulturvertrag: Regelung der Toleranz und des Dialogs zwischen
Kulturen und Religionen;
● einen Demokratievertrag: enthält Elemente einer globalen Steuerung;
● einen Erdvertrag: Festhalten der Prinzipien eines ökologisch nachhaltigen
Umgangs mit der Natur.
Dieser globale Vertrag soll dazu beitragen, eine Weltordnung jenseits des Nationalstaats
und des nationalen Kapitalismus zu schaffen.

4.3.5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede


Die Gemeinsamkeiten zwischen den oben erläuterten Konzepten sind offensichtlich und
vielfältig. So wird ein Auseinanderfallen zwischen den ökonomischen, sozialen und
ökologischen Globalisierungsprozessen sowie den Formen der politischen Regulierung
konstatiert. Die Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung ist eindeutig: Es braucht neue
politische Regulationsinstrumente für eine funktionierende „Eine Welt“. Die globale

44
Ordnungspolitik muss „in eine modernisierte, effizientere, den sich globalisierenden Kapitalismus
zähmende Variante transformiert werden.“153
Darüber hinaus müssen internationale und globale Institutionen modernisiert, reformiert
bzw. neu geschaffen werden. Ein neues Zusammenspiel der bisherigen Akteure der
Weltpolitik wird vorausgesetzt. Zu betonen ist, dass der Nationalstaat in sämtlichen
Konzeptionen der Fixpunkt politischer Regulierung bleibt. Seine Rolle wird gestärkt,
indem er Aufgaben an andere Akteure überträgt, seien sie global, regional oder lokal.
Die Legitimierung einer solchen globalen Steuerung soll in erster Linie auf einer
(humanistischen) Weltethik beruhen, in der die Universalität der Menschenrechte (ähnlich
dem System der Vereinten Nationen) einen zentralen Stellenwert einnimmt. Alle
Governance-Konzeptionen grenzen sich dabei von den Thesen Samuel Huntingtons ab,
der einen „Kampf der Kulturen“ befürchtet.154
Die Unterschiede der vorgestellten Konzeptionen sind eher gering. Sie bestehen im
Wesentlichen in Akzentuierungen hinsichtlich der Akteure und Prozesse. So zielt die
Commission of Global Governance (CGG) auf eine Stärkung des UN-Systems. Für Dirk
MESSNER und Franz NUSCHELER vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF)
stellt diese nur einen der möglichen Akteure der Global Governance dar. Sie orientieren
sich an einer generellen Transformation der Politik und der Staaten. Die Gruppe von
Lissabon wiederum hat „stärker aufgeklärte Eliten im Blick und appelliert an deren Einsicht.“

4.4 Voraussetzungen und Probleme


Die Commission on Global Governance hebt in ihrem Werk „Nachbarn in einer
Welt“ drei Voraussetzungen für das Funktionieren von Global Governance hervor, die laut
Franz NUSCHELER schon Immanuel KANT in seinen drei ersten Definitivartikeln zum
Ewigen Frieden gefordert hat und die noch heute Gültigkeit haben:155
1) die Existenz rechtsstaatlich verfasster Staaten;
2) kein Weltstaat, aber die regulierende Kraft eines innerhalb der
Föderation freier Republiken verbindlichen Völkerrechts;

153 Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global Governance.
Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED. Münster:
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 40.
154 vgl. Huntington, Samuel. „Der Kampf der Kulturen: die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.

Jahrhundert.“ München: Europa Verlag, 1997.


155 vgl. Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A.

Ferdowski. München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 81.


45
3) eine „weltbürgerliche Verfassung“, die auf dem Fundament von
universellen Menschenrechten aufbaut.
Von dieser Vorstellung ist die Welt noch weit entfernt, weshalb das Konzept von Global
Governance keine Beschreibung des derzeitigen Zustands des Weltsystems, sondern eine
Zielprojektion darstellt, die schrittweise Gestalt annehmen wird.156
Elementare Voraussetzungen für ein Gelingen sind folgende:157
● die Herausbildung einer internationalen Kooperationskultur: Voraussetzung sind
allgemein akzeptierte Regelwerke und Verfahrensregeln sowie ein Fundament an
gemeinsamen Werten und Handlungsprinzipien. Der Theologe Hans KÜNG
spricht gar von einer Weltethik bzw. globalen Verantwortungsethik.
● ein Ordnungsrahmen für den Markt: auch für eine globalisierte Ökonomie gilt,
dass der Wettbewerb ohne funktionierende Ordnungspolitik soziale und
ökologische Unterbietungswettläufe auslöst.
● Multilaterale Kooperationsstruktur: eine solche Kultur verträgt sich nicht mit
dem Hegemonieanspruch einer Supermacht. „Nur die Annahme, dass der
Problemdruck und zivilgesellschaftliches Engagement auch Weltführungsmächte zur
multilateralen Kooperation zwingen werden, macht weiteres Nachdenken über Global Governance
nicht zum akademischen Trockenschwimmen.“

MESSNER und NUSCHELER errichten zudem sechs Säulen, auf denen eine
funktionsfähige Weltordnungspolitik basieren muss:158
1) eine institutionalisierte Welthandelsordnung;
2) eine internationale Wettbewerbsordnung;
3) eine leistungsfähige Weltwährungsordnung;
4) eine Weltsozialordnung nach den Gestaltungsprinzipien der sozialen
Marktwirtschaft;
5) eine Weltumweltordnung, wie die anvisierte Agenda 21;
6) eine Weltfriedensordnung.

156 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.
München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 81.
157 Ebd., S. 81.
158 Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer

Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 32 f.
46
Natürlich sieht sich die Global Governance einer Vielzahl ungelöster Probleme gegenüber.159
Neben der fehlenden Existenz der oben bereits genannten sechs Säulen, mangelt es an
einem internationalen Migrationsregime, das die Interessen von Herkunfts- und
Zielländern ausbalancieren könnte. In einem Zeitalter der voranschreitenden
Globalisierung der Kommunikation existiert bislang keine Weltinformationsordnung. Die
zunehmende Zahl an „humanitäre Interventionen“ unterliegt keinerlei verbindlichen
Regeln für Militärinterventionen. Zwar mangelt es nicht an internationalen Deklarationen
und Aktionsprogrammen, doch ersetzen diese oft „Handeln durch Resolutionen und
dokumentieren eher die Flucht aus der sozialen Verantwortung als Global Governance neuen Schub zu
geben.“160
Darüber hinaus listet Michael ZÜRN drei strukturelle Defizite von Global Governance
auf:161
a) mangelnde Konstitutionalisierung:
Im Rahmen von Global Governance verschmelzen verschiedene
Steuerungsformen wie internationales, transnationales und
nationalstaatliches Regieren zu einem „Steuerungskomplex“. Es treten
verstärkt Koordinationsprobleme auf, weshalb unterschiedliche
Regelungen aus unterschiedlichen Politikfeldern bzw. auf
unterschiedlichen Ebenen miteinander kollidieren. Es braucht
übergeordnete Regeln, „die bestimmen, wie mit derartigen Regelkollisionen
umzugehen ist, ohne die Konsistenz der betreffenden Regelsysteme zu
unterminieren.“ Eine solche Konstitutionalisierung der internationalen
Beziehungen ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer funktionierenden
Global Governance. Bislang kann davon jedoch nicht die Rede sein.
b) sozialer Ausgleich:
Das im modernen demokratischen Nationalstaat existierende
Wohlfahrtsprinzip wird im Zuge der Globalisierung durch drei
Entwicklungen unterminiert: Zum einen fällt es dem Nationalstaat

159 Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer
Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 30.
160 Ebd., S. 30
161 Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und

Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 138 ff.
47
zunehmend schwerer die gewohnten Sozialstandards aufrechtzuerhalten.
Zum zweiten kann die Schaffung internationaler Institutionen diesen
Verlust an nationalstaatlicher Effektivität im Bereich der sozialen
Wohlfahrt bislang nicht aufhalten. Und zum dritten werden die enormen
Wohlfahrtunterschiede zwischen unterschiedlichen Weltregionen durch
die Globalisierung der Medien immer breiteren Bevölkerungsschichten
bewusst. Die soziale Frage erweist sich demnach als „Achillesferse von
Global Governance“.
c) demokratische Legitimität:
Die demokratische Legitimität nahezu aller Institutionen jenseits des
Nationalstaates ist umstritten. Manche halten eine solche sogar für
strukturell ausgeschlossen. Diesen Skeptikern zufolge ist demokratische
Legitimität nur im Rahmen einer „politischen Gemeinschaft mit dem Potential
für demokratisches Selbstregieren“ möglich. Diese Möglichkeit lässt sich nur
im Konzept der modernen Nation finden. Jenseits des Nationalstaates
fehlen die sozialen Voraussetzungen. Das Zusammenfallen von Nation
und Demokratie stellt einen systematischen und unauflösbaren
Zusammenhang dar. „Ohne demos gibt es keine Demokratie.“ Auch von
Vertretern jener Position, welche die internationalen Institutionen nicht
als Problem, sondern als Teil der Lösung für die Probleme der
modernen Demokratie, ansehen, wird nicht bestritten, dass die
bestehenden internationalen Institutionen erhebliche
Demokratiedefizite aufweisen und diese auf kurzfristige Sicht nicht zu
beheben sein werden.

Ob sich eine Global Governance-Architektur angesichts dieser Probleme und Defizite im 21.
Jahrhundert durchsetzen wird, ist keineswegs sicher. Dirk MESSNER hält vier Szenarien
für denkbar. 162 Erstens sind Global Governance-Strukturen denkbar als Versuch der USA,
ihre vorherrschende Stellung als einzige Supermacht der Welt zu sichern und die globale
Politik nach ihren Interessen zu ordnen und zu gestalten. Zweitens könnte sich Global

162 Messner, Dirk. „Global Governance: Globalisierung im 21. Jahrhundert gestalten.“ In Globalisierung als
politische Herausforderung. Global Governance zwischen Utopie und Realität, hg. Maria Behrens. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 41 f.
48
Governance zu einem kooperativen Programm entwickeln, dass die OECD-Welt enger
zusammen führt, gleichzeitig aber große Teile der Entwicklungsländer ausschließt – auch
wenn „selektive Assoziationen“ möglich sind. Drittens könnte sich eine enge Vernetzung
von Regional und Global Governance herausbilden, die auf einigen starken, handlungsfähigen
regionalen Kernen basiert. Viertens ist eine umfassende kooperative Architektur denkbar,
die auch Entwicklungsländer aktiv in den Prozess der globalen Problemlösung einbezieht.
Fest steht, dass Global Governance zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch ein „brüchiges
Projekt“163 ist und sich nicht von heute auf morgen verwirklichen lassen wird. Schließlich
handeln die Nationalstaaten immer noch auf eine Art und Weise, die suggeriert, dass sich
„die Weltprobleme von heute und morgen mit den nationalstaatlichen Politikmodellen von gestern“ lösen
lassen: „Die „heilige Kuh“ der längst anachronistisch gewordenen Souveränität und das Denken in den
traditionellen Kategorien der nationalstaatlichen Macht- und Interessenpolitik bilden noch schwer
überwindbare Hürden auf dem Weg zum globalen Denken und Handeln.“ 164 Auch in der
staatlichen und parteipolitischen Programmatik hat das Konzept der Global Governance
bislang keinen Anklang gefunden. BRAND U.A. halten es aber für realistisch und
wahrscheinlich, dass sich die Wirkung des Konzeptes im Politikbetrieb mit einer gewissen
zeitlichen Verzögerung entfalten wird.165 Schließlich ist Global Governance keinesfalls bloß
ein romantisches Konzept, sondern – in den Worten Franz NUSCHELERS – „eine
durchaus realistische Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung und globalen Risiken.“166

163 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.
München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 83.
164 Ebd., S. 82.
165 Brand, Ulrich; Brunnengräber, Achim; Schrader, Lutz; Stock, Christian; Wahl, Peter. „Global Governance.

Alternative zur neoliberalen Globalisierung?“ Eine Studie von Heinrich-Böll-Stiftung und WEED. Münster:
Verlag Westfälisches Dampfboot, 2000, S. 43.
166 Nuscheler in Ferdowski, Mir A., a.a.O., S. 83.

49
4.5 Zusammenfassung
Ungeachtet der Tatsache, dass trotz der zunehmenden Beschäftigung der Wissenschaft mit dem Thema
„Global Governance“ bislang keine eindeutige Definition des Begriffes existiert, scheint es eindeutig,
welches Ziel mit diesem Konzept verfolgt werden soll. Vereinfacht ausgedrückt sollen Möglichkeiten des
effektiven Regierens in Zeiten der Globalisierung in Abwesenheit einer Weltregierung gefunden werden. In
den Worten von Michael ZÜRN kann Global Governance als „ein Idealtyp internationaler
Politik verstanden werden, bei dem einzelne Steuerungsformen eines Regierens jenseits
des Nationalstaats […] in einer umfassenden politischen Ordnung aufgehen, in die
nationalstaatliches Regieren eingebunden ist.“167
Hinsichtlich der Antwort auf die Frage, ob das Global Governance-Konzept in Zukunft tatsächlich
das vorherrschende System der Nationalstaaten ablösen kann bzw. wird, variieren die Meinungen der
verschiedenen Forscher. Im folgenden Kapitel werde ich daher die Positionen der Befürworter und
Skeptiker gegenüberstellen und abschließend zu klären versuchen, ob das Prinzip der Global
Governance tatsächlich eine realistische Alternative für das zukünftige Regieren der Welt darstellen
kann.

167Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und


Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 129.
50
5 Die Zukunft des Nationalstaates

5.1 Problemstellung
Die vorherigen Kapitel haben deutlich gemacht, dass der voranschreitende Prozess der
Globalisierung das Gebilde „Nationalstaat“ in hohem Maße beeinflusst, es sogar in seiner
Existenz bedroht. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es zahlreiche Stimmen, die über
kurz oder lang ein Ende des Nationalstaates heraufbeschwören. Demgegenüber stehen
jene, die behaupten, dass der Nationalstaat anpassungsfähig genug ist, um die
Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen und auch in Zukunft das
Funktionieren des globalen politischen Systems sicherzustellen. Sowohl Kritiker als auch
Befürworter des Konzeptes vom Nationalstaat können auf unzählige Autoren verweisen,
die ihren Standpunkt bekräftigen. 168 Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der
Zukunft des Nationalstaats lässt sich nur schwer finden, was nicht zuletzt darauf
zurückzuführen ist, dass es – gerade in einem schnelllebigen Bereich wie der Politik –
unmöglich ist, zukünftige Entwicklungen exakt vorauszusagen. Streng genommen, kann
nur die Zeit eine Antwort geben.
Aufgrund der Vielzahl an Literatur würde es einer Sisyphos-Arbeit gleichkommen, auf alle
Autoren und Publikationen zu verweisen, die sich mit diesem Thema beschäftigen.
Dennoch wird dieses Kapitel den Versuch darstellen, die Argumente pro und contra eines
Fortbestehens der Nationalstaaten gegenüberzustellen und abzuwägen sowie die Frage
nach der Realisierbarkeit von Alternativen zu beantworten.

5.2 Die Verfechter des Nationalstaat-Prinzips


In den Augen von Prof. Dr. Rüdiger VOIGT, ehemaliger Direktor des Instituts für
Staatswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München, der zahlreiche
Publikationen zum Thema Nationalstaat herausgegeben hat, stellt der Nationalstaat nach
wie vor die „erfolgreichste gebietsbezogene Interessengruppe“169 dar. Alle Vorhersagen über sein
Ende hält er für überzogen. Roland STURM zufolge erklärt sich die negative Sichtweise
der Zukunft des Staates aus der Tatsache, dass dieser „auch im 21. Jahrhundert unverändert als

168 Allein die Eingabe des Schlagwortes „Nationalstaat“ im Gesamtkatalog des GBV ergibt 528
Publikationen. Die tatsächliche Zahl dürfte um ein vielfaches höher liegen.
169 Voigt, Rüdiger. „Abschied vom Nationalstaat – Rückkehr zum Nationalstaat? Zur künftigen

Gestaltung der europäischen Staatenordnung.“ In Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, hg. Rüdiger
Voigt. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 165.
51
Nationalstaat in der Tradition des 19. Jahrhunderts gedacht wird.“ 170 Werner LINK stellt
diesbezüglich die nahe liegende Frage, warum sich nicht auch der Nationalstaat als
anpassungsfähig erweisen und behaupten sollte.171
Immerhin ist der Nationalstaat ein über die Jahrhunderte gewachsenes Gebilde, das nicht
von heute auf morgen verschwinden wird. Francis FUKUYAMA behauptet, dass
souveräne Nationalstaaten auch in einer globalisierten Welt noch über die Macht verfügen,
die Einhaltung von Gesetzen zu erzwingen. 172 Auch die Durchsetzung internationaler
Gesetze bleibt im Großen und Ganzen ihre Aufgabe. Zumindest in der Gegenwart und
vermutlich auch auf absehbare Zeit bleibt der Nationalstaat „der einzige Organismus, der u.a.
Steuern festsetzt und erhebt, Soldaten aushebt oder anwirbt und über ihren Einsatz entscheidet.“173
Keiner der Befürworter des Nationalstaates missachtet oder unterschätzt die tief
greifenden Veränderungen, die mit dem Prozess der Globalisierung verbunden sind. Die
einschränkenden Wirkungen der Globalisierung auf die staatliche Wirtschafts-, Steuer-
oder Sozialpolitik werden in keiner Weise bestritten. Doch statt auf das viel propagierte
Ende des Nationalstaates zu schließen, sprechen sie lieber von einer tief greifenden
Veränderung. Diese „Transformationsthese“ wird laut Renate MAYNTZ von den
meisten Autoren in der einen oder anderen Form unterschrieben. 174 So konstatieren
Helen MILNER und Robert KEOHANE zwar einen globalisierungsbedingten „loss of
political autonomy“, dennoch betrachten sie den Nationalstaat weiterhin als „major actor in
both domestic and international affairs.“175
Dieser wird „neben anderen nicht-staatlichen Akteuren fortbestehen […], obwohl er dabei eines seiner
wichtigsten Merkmale verlieren wird, nämlich das Prinzip der Souveränität.“ 176 Der Verlust der
Souveränität ist aber nicht mit seinem Ableben gleichzusetzen. Im Gegenteil, nur mit

170 Sturm, Roland. „Perspektiven des Staates im 21. Jahrhundert.“ In Staatsformen - Modelle politischer
Ordnung von der Antike bis zur Gegenwart. Ein Handbuch, hg. Alexander Gallus, Eckhard Jesse. Köln: Böhlau
Verlag, 2004, S. 371.
171 vgl. Link, Werner. „Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21.

Jahrhundert.“ München: Verlag C.H. Beck, 2001, S. 61.


172 Fukuyama, Francis. „Staaten bauen: die neue Herausforderung internationaler Politik.“ Berlin: Propyläen, 2004,

S. 162.
173 Kamer, Hansrudolf. „Der Nationalstaat ist noch nicht am Ende.“ In Internationale Politik, Ausgabe

07/2000. URL: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/juli00/der-nationalstaat-ist-


noch-nicht-am-ende.html.
174 vgl. Mayntz, Renate. „Die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats in Zeiten der Globalisierung.“ In Staat

ohne Verantwortung? Zum Wandel der Aufgaben von Staat und Politik, hg. Ludger Heidbrink, Alfred Hirsch.
Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2007, S. 269.
175 zitiert nach ebd., S. 269
176 Sain, Pauline; Louhaur, Stéphane. „Der Nationalstaat – ein Akteur unter vielen?“ Interview mit Bertrand

Badie. URL: http://www.diplomatie.gouv.fr/label_france/DEUTSCH/DOSSIER/2000/05etat.html.


52
Hilfe des politischen Regionalismus kann der Nationalstaat konkurrenzfähig bleiben.
Werner LINK entwirft in diesem Zusammenhang gar den Idealtypus vom „regionalen
Nationalstaat“.177
In zunehmendem Maße ist die Tendenz zu erkennen, dass Nationalstaaten Kompetenzen
auf regionale, supra-nationale Institutionen übertragen. Bestes Beispiel ist die Europäische
Union. Dies bedeutet allerdings keinesfalls eine Schwächung. Wenn Teile der Souveränität
auf einen Regionalverband übertragen werden, ist dies „keine Übertragung im Sinne von
Veräußerung, sondern eine gemeinsame Ausübung dieser Souveränitätsteile.“ 178 Der Nationalstaat
gewinnt an Handlungsfähigkeit, indem er an gemeinsamen Entscheidungen und
Außenaktivitäten mitwirkt. Jörg HÜBNER behauptet, dass die „staatliche
Steuerungsfähigkeit“ zunehmen wird. „Er wird zum „Interdependenzmanager“, der für die
Koordination, Kohärenz, aber auch für den Interessenausgleich zu sorgen hat.“ 179 Zwar nimmt die
„nationalstaatliche Regelungsautonomie“ gleichzeitig ab, doch wird der politische
Handlungsbereich als regionalisierter Staat „nicht beschränkt, sondern erweitert, nämlich
ausgedehnt auf den regionalen Staatenverbund und – über ihn vermittelt – auf das globale System.“180
Der Nationalstaat erhält die Möglichkeit an Entscheidungsprozessen auf internationaler
Ebene mitzuwirken. Die Teilung der Souveränität mit supranationalen Instanzen,
bedeutet demnach keineswegs den Abschied des Nationalstaats aus der Politik. „Er ist
vielmehr – auch innerhalb der generellen Trends zur Internationalisierung einerseits und der
Regionalisierung andererseits – immer noch zentrale Referenzebene für politische Parteien,
Interessengruppen etc., vor allem aber für das Wahlvolk.“181 In der Vorstellungswelt seiner Bürger
verfügt er über tiefe Wurzeln und spielt in ihrem alltäglichen Leben nach wie vor eine
wichtige Rolle. Er stellt den vermutlich einzigen historisch gewachsenen Organismus dar,
zu dem die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl empfinden können und wird deshalb
„noch für eine beträchtliche Zeit als eine wichtige Organisationsform der Gesellschaften figurieren.“ 182

177 Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von Nationalstaaten
in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth, Joachim Schild.
Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 316.
178 Ebd., S. 315
179 Hübner, Jörg. „Globalisierung mit menschlichem Antlitz. Einführung in die Grundfragen globaler

Gerechtigkeit.“ Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2004, S. 26 f.


180 Link, Werner. a.a.O., S. 315.
181 Voigt, Rüdiger. „Abschied vom Nationalstaat – Rückkehr zum Nationalstaat? Zur künftigen

Gestaltung der europäischen Staatenordnung.“ In Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, hg. Rüdiger
Voigt. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 191.
182 Schwarz, Siegfried. „Das Schicksal des Nationalstaats. Anmerkungen zum Beitrag von Hansrudolf

Kamer.“ In Internationale Politik, Ausgabe 10/2000. URL:


53
HIRST/THOMPSON stellen heraus, dass Staaten im Gegensatz zu Märkten
Schicksalsgemeinschaften sind, die „Akteure miteinander verbinden, die bestimmte gemeinsame
Interessen am Erfolg oder Misserfolg ihrer nationalen Ökonomien haben.“ 183 Nationalstaaten
erkennen dabei die zunehmende Notwendigkeit globaler Zusammenarbeit, wenngleich
festzustellen bleibt, dass sie bei der Festlegung internationaler Regeln nicht mit dem Ziel
agieren, ihre Existenz aufzugeben, sondern sich und den Wohlstand ihrer Bürger zu
erhalten. 184 LINK leitet daraus die Tatsache ab, dass der Staat nicht nur
„Entscheidungsinstanz“ bleibt, sondern diese Rolle sogar in noch stärkerem Maße ausübt.
„Er entscheidet, mit welchen Staaten und Organisationen er zusammenarbeitet und was verbindlich
vereinbart wird. Die Umsetzung hängt dann wiederum von den jeweiligen Staaten, ihren Regierungen und
Parlamenten, ab.“185
Recht und Ordnung sowie das demokratische, parlamentarische System wie es in den
westlichen Staaten vorherrscht, sind auf einen funktionierenden Staat angewiesen. Er
garantiert die Grund- und Freiheitsrechte seiner Bürger und gibt ihnen Regeln und
Institutionen vor. Auch die politische Gestaltung der Wirtschaft wird zur zentralen
Aufgabe der nationalen Regierungen. „Weder die Finanzmärkte noch die Brüsseler Bürokratie,
um nur den integriertesten Handelsblock zu betrachten, werden den Nationalstaat in seiner Aufgabe, den
gesellschaftlichen Zusammenhalt und die dafür notwendigen Maßnahmen zu garantieren und
durchzusetzen, ersetzen können.“ 186 Was passieren kann, wenn der Staat „abstirbt“ konnte
man in der Vergangenheit in China während der Kulturrevolution, in Afrika zu Zeiten des
Postkolonialismus oder jüngst im postsowjetischen Russland beobachten.187
Francis FUKUYAMA konstatiert in den vergangenen Jahrzehnten in der Weltpolitik
einen Trend zur Schwächung des Staates. Der Staatssektor wurde zurecht gestutzt und
Funktionen auf den freien Markt oder die Zivilgesellschaft übertragen. Hinzu kommt die

http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/oktober00/das-schicksal-des-nationalstaats-
-anmerkungen-zum-beitrag-von-hansrudolf-kamer.html.
183 Hirst, Paul; Thompson Grahame. „Globalisierung? Internationale Wirtschaftsbeziehungen,
Nationalökonomien und die Formierung von Handelsblöcken“ In Politik der Globalisierung, hg. Ulrich Beck.
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S. 104.
184 Link, Werner. „Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21.

Jahrhundert.“ München: Verlag C.H. Beck, 2001, S. 68.


185 ebd., S.68
186 Hirst, Paul; Thompson Grahame. „Globalisierung? Internationale Wirtschaftsbeziehungen,
Nationalökonomien und die Formierung von Handelsblöcken“ In Politik der Globalisierung, hg. Ulrich Beck.
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S. 104.
187 vgl. Kamer, Hansrudolf. „Der Nationalstaat ist noch nicht am Ende.“ In Internationale Politik, Ausgabe

07/2000. URL: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/juli00/der-nationalstaat-ist-


noch-nicht-am-ende.html.
54
Untergrabung der staatlichen Souveränität durch die zunehmende Mobilität von Kapital,
Informationen oder Arbeitskräften infolge der Globalisierung. Er hält diese Entwicklung
indes für positiv, da sie das Ziel hat, ein Übermaß an Regulierung abzubauen, was letztlich
eine Stärkung des Nationalstaates darstellt. Sie entlasten sich von Aufgaben, die sie sich in
der Ära des Interventionsstaates aufgebürdet haben. Zudem stellt FUKUYAMA die
berechtigte Frage, was in der heutigen Welt an die Stelle der Macht souveräner
Nationalstaaten treten soll. Alternativen sind Mangelware und aus diesem Grund „haben
wir keine andere Wahl, als auf den souveränen Nationalstaat zurückzugreifen und wieder zu lernen, wie
man ihn stark und effizient macht.“188
Zweifelsohne ist der Nationalstaat in die Defensive geraten. Den Prozess der
Globalisierung und die zunehmend verflochtene Weltwirtschaft kann er auf sich allein
gestellt nicht kontrollieren. Quasi zum Selbstschutz gibt er Aufgaben an selbst
geschaffene supranationale Institutionen ab, wodurch ihm die „monopolistische
Herrschaft“ über das eigene Territorium abhanden kommt.189 Doch ist die Beherrschung
von Zeit und Geschwindigkeit heutzutage wichtiger als die Beherrschung von Territorien.
Zwar verschiebt sich der Handlungsort vom territorial definierten Nationalstaat auf den
Weltmarkt, „dennoch wird der Staat auch künftig unverzichtbar sein, um soziale Wohlfahrt
aufrechtzuerhalten oder zu gewähren und um Anomie zu verhindern.“ 190 Laut Hansrudolf
KRAMER steht eine Abdankung des Nationalstaats nicht bevor. „Es geht vielmehr um die
überfällige Redimensionierung seiner Aufgaben.“191
Das Regieren findet zunehmend durch das Zusammenspiel verschiedener
Entscheidungsebenen statt. „In einer solchen Struktur postnationaler Staatlichkeit besteht die
nationale Organisationsform fort.“192 ZÜRN listet drei Gründe auf, aus denen man das Ende
des Nationalstaats nicht vorschnell ableiten sollte:193

188 Fukuyama, Francis. „Staaten bauen: die neue Herausforderung internationaler Politik.“ Berlin: Propyläen, 2004,
S. 169.
189 vgl. Öner, Özgur. „Nation, Nationalismus und Globalisierung. Eine Bilanz theoretischer
Erklärungsansätze.“ Köln: PapyRossa Verlag, 2002, S. 155.
190 ebd. , S. 173.
191 Vgl. Kamer, Hansrudolf. „Der Nationalstaat ist noch nicht am Ende.“ In Internationale Politik, Ausgabe

07/2000. URL: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/juli00/der-nationalstaat-ist-


noch-nicht-am-ende.html.
192 Zürn, Michael. „Grenzen nationalstaatlichen Regierens. Neue Aufgaben intergouvermentaler

Foren.“ In Internationale Politik, Ausgabe 05/2001. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2001/maio1/grenzen-nationalstaatlichen-
regierens--neue-aufgaben-intergouvernementaler-foren.html.
193 ebd.

55
1) Nach wie vor existieren Sachbereiche, in denen die „gesellschaftliche
Denationalisierung“ keinen bedeutenden Einfluss auf die Effektivität
nationalstaatlicher Politik hat;
2) Es ist bislang nicht zu erkennen, wie sich die Ziele des Regierens ohne den
Nationalstaat besser erreichen lassen. Es kann aber nur dann von einem
Absterben gesprochen werden, wenn „konkurrierende Institutionen in Sicht sind, die
eine bessere Funktionserfüllung versprechen und die veraltete Institution ablösen können.“
3) Dem Nationalstaat steht nach wie vor die Aufgabe „territorial organisierter
Interessenvertretung“ zu – in Ergänzung zur „funktionalen
Interessenvertretung“ durch sektorale Interessenverbände und transnationale
Nichtregierungsorganisationen.
Auch William PFAFF behauptet, dass sich der Nationalstaat keineswegs im Niedergang
befindet. Im Gegenteil: Er bleibt „die zweckmäßigste und effektivste Agentur der Selbstregierung
für eine Gemeinschaft von Menschen, die eine gemeinsame Geschichte und Kultur vereint – für eine
„Nation“, mit anderen Worten.“194

5.3 Die Position der Skeptiker


Glaubt man den Kritikern des Nationalstaatskonzeptes, so gelten Globalisierung und
Transnationalisierung „als die beiden Zwillingstendenzen, die den Staat entmachten, das
territorialistische Ordnungsprinzip obsolet werden lassen und eine völlig neuartige globale Ordnung
hervorbringen.“ 195 Die gängige Meinung innerhalb der sozialwissenschaftlichen Disziplin
kann in drei Punkten zusammengefasst werden:196

1) Nationalstaaten werden in einer globalen Welt handlungsunfähig;


2) Sie können die globalen Probleme, die sich aus den intensiven Verflechtungen
zwischen Staaten und Gesellschaften ergeben, nicht lösen;
3) Sie sind ein Auslaufmodell einer vergangenen Epoche.

194 Pfaff, William. „Nationalstaat ohne Zukunft?“ In Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe
02/2000, S. 165.
195 ebd., S. 165.
196 vgl. Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von

Nationalstaaten in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth,
Joachim Schild. Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 314.
56
Es erscheint auf den ersten Blick plausibel, dass eine Entwicklung wie jene der
Globalisierung den Staat zunehmend seiner Fähigkeit zur eigenverantwortlichen
Gestaltung seiner inneren und äußeren Angelegenheiten beraubt und somit seine
Souveränität aushöhlt. Selbst transnationalen Organisationen wie Amnesty International
oder Greenpeace ist es heute möglich, erheblichen Druck auf Regierungen auszuüben
und ihre Handlungsfähigkeit einzuschränken.
Im Gegensatz zu Renate MAYNTZ, die eine große Übereinstimmung in der
wissenschaftlichen Literatur bezüglich der „Transformationsthese“ konstatiert, stellt
Roland STURM selbige hinsichtlich einer „Defizitanalyse“ fest, derzufolge die
Weltordnung der Nationalstaaten am Ende ist. „Der Staat, so wird argumentiert, habe
weitgehend die Fähigkeit zu souveränem Handeln eingebüßt, versage als Ort der Herstellung verbindlicher
und verbindender Identität und werde der Aufgabe nicht mehr gerecht, Raum der Entscheidung über das
konkrete Schicksal der Bürger zu sein.“197
Die Autorität des Nationalstaates beruhte zu großen Teilen auf der Entfernung. Sie gab
dem nationalen Territorium einen Sinn, da nur auf diese Weise eine Kommunikation
zwischen den voneinander entfernt wohnenden Bürgern möglich war. Die zunehmende
Ausbreitung transnationaler Beziehungen und das weltumspannende
Kommunikationsnetz aus Telefon und Internet umgehen diese Kontrolle durch einzelne
Staaten. „In dem Maße, in dem sich Ortsbindungen auflösen, entpuppt sich die Gleichung von
räumlicher und sozialer Entfernung als falsch. Folglich liegen heute die Grenzen sozialer
Handlungszusammenhänge in vielen Bereichen jenseits der politischen Grenzen des Nationalstaats.“ 198
Der Nationalstaat muss sich andere Aufgaben suchen. Die Kommunikation geht immer
mehr auf supranationale Institutionen über, die Normen und Regeln entwickeln, die
gegenüber der nationalen Gesetzgebung vorrangig sind. So sticht beispielsweise Europa-
Recht deutsches Recht.199 Michael ZÜRN spricht in diesem Zusammenhang von einer

197
Sturm, Roland. „Perspektiven des Staates im 21. Jahrhundert.“ In Staatsformen - Modelle politischer
Ordnung von der Antike bis zur Gegenwart. Ein Handbuch, hg. Alexander Gallus, Eckhard Jesse. Köln: Böhlau
Verlag, 2004, S. 371 f.
198 Zürn, Michael. „Grenzen nationalstaatlichen Regierens. Neue Aufgaben intergouvermentaler

Foren.“ In Internationale Politik, Ausgabe 05/2001. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2001/maio1/grenzen-nationalstaatlichen-
regierens--neue-aufgaben-intergouvernementaler-foren.html.
199 vgl. Sain, Pauline; Louhaur, Stéphane. „Der Nationalstaat – ein Akteur unter vielen?“ Interview mit

Bertrand Badie. URL:


http://www.diplomatie.gouv.fr/label_france/DEUTSCH/DOSSIER/2000/05etat.html.
57
„gesellschaftlichen Denationalisierung“. 200 Die Ziele des Regierens können kaum noch durch
nationale Politik verwirklicht werden.
Peter GLOTZ leitet zwei bedeutende Folgerungen aus der Kritik der nationalstaatlichen
Idee ab:201
1) Der Nationalstaat hat nicht mehr die Kraft, mit den Problemen und
Herausforderungen der gegenwärtigen Entwicklung fertig zu werden. Seine
Folgerung: „Wenn überlieferte Staaten den Bedürfnissen der Zeit […] nicht mehr
entsprechen, muss ihre Konstruktion verändert werden.“
2) Man muss sich von der fixen Idee lösen, dass der Territorialstaat eine
natürliche Ordnung darstelle. Momentan muss er nach zwei Seiten
Kompetenzen abgeben: nach unten, also zu den Völkern und Regionen, und
nach oben, beispielsweise zu einem supranationalen Europa. Zwar wird dieses
Gebilde noch für viele Jahrzehnte ihr Leben fristen. „Im Grunde aber ist ein neues
Staatsbildungsprinzip, eine über dem nationalen Gemeinwesen sich ausbildende föderative
Struktur in Gang gesetzt.“ Damit kommt GLOTZ zufolge eine lange
Entwicklung an ihr Ende.
Er stimmt Lord John ACTON zu, der das Nationalitätenprinzip als geschichtlichen
Rückschritt bezeichnete. 202 Er stellt sogar die These auf, dass der Nationalstaat schon
immer ein Irrweg war. „Er ist ein Produkt made in Europe, eine fixe Idee des späten achtzehnten
Jahrhunderts.“ 203 Auch Dieter OBERNDÖRFER behauptet, dass es sich beim
Nationalstaatsgedanken lediglich um rückwärtsgewandte Überlieferungen aus der
politischen Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts handelt. 204
Der „in einer bestimmten historischen Situation entstandene und ausgeformte Nationalstaat“ 205 tritt
seine bisher souveränen Rechte zunehmend und unumkehrbar an supranationale

200 Zürn, Michael. „Grenzen nationalstaatlichen Regierens. Neue Aufgaben intergouvermentaler


Foren.“ In Internationale Politik, Ausgabe 05/2001. URL:
http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2001/maio1/grenzen-nationalstaatlichen-
regierens--neue-aufgaben-intergouvernementaler-foren.html.
201 Glotz, Peter. „Der Irrweg des Nationalstaats : europäische Reden an ein deutsches Publikum.“ Stuttgart: Deutsche

Verlags-Anstalt, 1990, S. 111 ff.


202 ebd., S. 113.
203 ebd., S. 89.
204 Oberndörfer, Dieter. „Der Wahn des Nationalen. Die Alternative der offenen Republik.“ Freiburg: Verlag

Herder, 1993, S. 20.


205 Schwarz, Siegfried. „Das Schicksal des Nationalstaats. Anmerkungen zum Beitrag von Hansrudolf

Kamer.“ In Internationale Politik, Ausgabe 10/2000. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/oktober00/das-schicksal-des-nationalstaats-
-anmerkungen-zum-beitrag-von-hansrudolf-kamer.html.
58
Strukturen ab. Jenseits von und oberhalb des Nationalstaates hat sich ein dichtes Geflecht
von supranationalen Institutionen, Regelungen und Organisationen entwickelt. „Die
Zielerreichungsdimension der Staatlichkeit scheint sich also von der nationalen auf die internationale
Ebene, sei es im Rahmen von Großregionen wie Europa oder im Rahmen quasi-globaler Institutionen wie
die WTO oder die UN-Menschenrechtskommission zu verlagern.“ 206 Es ist mit einer
„Abflachung“ der Rolle der Nationalstaaten im internationalen Leben zu rechnen.
Aufgrund der Vielzahl an privaten Akteuren wie multinationalen Konzernen oder
Nichtregierungsorganisationen, die ihre Aktionsfelder über nationale Grenzen hinweg
ausdehnen, verlieren Nationalstaaten ihre Rolle als „Zentren der Regulation“. 207 Bertrand
BADIE spricht davon, dass im Zeitalter der Denationalisierung die bisher im
Nationalstaat eng miteinander verflochtenen Dimensionen der Staatlichkeit auseinander
driften. „Während die Staaten ihre Ressourcen bewahren und hüten können, wandert die
Politikformulierung zur Erreichung der Ziele des Regierens zunehmend auf die internationale Ebene
ab.“ 208 Mathias ALBERT rechtfertigt die Rede von einem „Regieren jenseits des
Nationalstaates“ damit, dass sich innerhalb der Staaten wie auch regional und global
„komplexe Mehrebenensysteme von Governance“ herausgebildet haben. 209
Ernst-Otto CZEMPIEL spricht von der Entstehung einer „Gesellschafts- und
Wirtschaftswelt“, welche die bisher vorherrschende Staatenwelt verdrängt. 210 Die
gesellschaftlichen Akteure entfalten autonom – also vom staatlichen Einfluss emanzipiert
– grenzüberschreitende Aktionen und organisieren sich transnational. Besonders
eingeschränkt scheint der Einfluss des Staates auf den globalen Finanz- und
Kapitalmärkten. Hier scheint sich das Abhängigkeitsverhältnis gar umgekehrt zu haben.
„Nicht die gesellschaftlich-wirtschaftlichen Akteure sind von staatlichem Regierungshandeln, von der
Politik, abhängig, sondern die Regierungen müssen sich nach den Finanzmärkten richten.“ 211 Sollte
diese These zutreffen, so kann die Weltwirtschaft laut Jürgen HABERMAS „nicht länger als

206 Sain, Pauline; Louhaur, Stéphane. „Der Nationalstaat – ein Akteur unter vielen?“ Interview mit Bertrand
Badie. URL: http://www.diplomatie.gouv.fr/label_france/DEUTSCH/DOSSIER/2000/05etat.html.
207 Öner, Özgur. „Nation, Nationalismus und Globalisierung. Eine Bilanz theoretischer Erklärungsansätze.“ Köln:

PapyRossa Verlag, 2002, S. 175.


208 Sain, Pauline; Louhaur, Stéphane. „Der Nationalstaat – ein Akteur unter vielen?“ Interview mit Bertrand

Badie. URL: http://www.diplomatie.gouv.fr/label_france/DEUTSCH/DOSSIER/2000/05etat.html.


209 Albert, Mathias. „Einleitung: Weltstaat und Weltstaatlichkeit: Neubestimmungen des Politischen in der

Weltgesellschaft.“ In Weltstaat und Weltstaatlichkeit – Beobachtungen globaler politischer Strukturbildung, hg.


Mathias Albert, Rudolf Stichweh. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, S. 9.
210 zitiert nach Link, Werner. „Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum

21. Jahrhundert.“ München: Verlag C.H. Beck, 2001, S. 58.


211 ebd., S. 57.

59
ein „internationales“ Austauschsystem beschrieben werden, worin die Nationalstaaten als wichtige
Akteure auftreten. […] Die beschriebene Globalisierung der Wirtschaft legt die Vorstellung eines
„transnationalen“ […] Weltwirtschaftsystems nahe, das den nationalstaatlichen Akteuren eine
veränderte Perspektive vorschreibt.“ 212
Geht man vom neuzeitlichen Staatsbegriff aus (vgl. Kapitel 2.2), setzt dieser Souveränität
nach außen und Hierarchie nach innen voraus. Beides ist heute weniger denn je gesichert.
Der Nationalstaat ist zwar weiterhin dazu in der Lage, innerhalb seines Territoriums
gesetzliche Regelungen aufzustellen, seine autonome Handlungsfähigkeit wird jedoch in
hohem Maße eingeschränkt, insbesondere durch das offensichtliche Abwandern der
wirtschaftlichen Entscheidungsmacht von der nationalen auf die supra- bzw.
internationale Ebene. Ressourcen aller Art (ob Kapital, Waren, Informationen oder auch
Arbeitskräfte und Flüchtlinge) zirkulieren ohne Rücksichtnahme auf politische Grenzen
und staatliche Interessen. Da aber eine effektive Selbstbestimmung die „Kongruenz von
Herrschern und Beherrschten“ 213 voraus setzt, wird der Anspruch auf nationale
Eigenständigkeit langsam aber sicher untergraben. „Nationalstaaten sind heute keineswegs mehr
in der Lage, im Sinne einer „nationalen Schicksalsgemeinschaft“ allein über die eigenen Angelegenheiten
zu bestimmen oder für ihre eigene Zukunft zu sorgen.“214 Jürgen HABERMAS spricht aus diesem
Grund konsequenterweise davon, dass die Globalisierung der Wirtschaft eine „historische
Konstellation“ zerstört, die den sozialstaatlichen Kompromiss vorübergehend möglich
gemacht hat. 215

212 Habermas, Jürgen. „Jenseits des Nationalstaats? Bemerkungen zu Folgeproblemen der wirtschaftlichen
Globalisierung.“ In Politik der Globalisierung, hg. Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S.
71.
213 vgl. Zürn, Michael. „Grenzen nationalstaatlichen Regierens. Neue Aufgaben intergouvermentaler

Foren.“ In Internationale Politik, Ausgabe 05/2001. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2001/maio1/grenzen-nationalstaatlichen-
regierens--neue-aufgaben-intergouvernementaler-foren.html.
214 Voigt, Rüdiger. „Abschied vom Nationalstaat – Rückkehr zum Nationalstaat? Zur künftigen

Gestaltung der europäischen Staatenordnung.“ In Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, hg. Rüdiger
Voigt. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 164.
215 Habermas, Jürgen. „Jenseits des Nationalstaats? Bemerkungen zu Folgeproblemen der wirtschaftlichen

Globalisierung.“ In Politik der Globalisierung, hg. Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S.
73.
60
5.4 Die Europäische Union als Zukunftsmodell – Totengräber des Nationalstaats?

In der jüngsten Vergangenheit sind regionale Zollunionen, Freihandelszonen und


Integrationsverbunde in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu einem
bemerkenswerten Phänomen geworden.
„Der politische Regionalismus hat weltweit Platz gegriffen“ schlussfolgert Werner LINK, wobei
dieser seinen Schwerpunkt natürlich in Europa hat und dort am erfolgreichsten ist. Neben
der Europäischen Union gibt es weitere bedeutende Regionalverbunde wie die North
American Free Trade Association (NAFTA), MERCOSUR (Mercado Común del Sur)
oder die APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation).

Abb. 1 Anzahl der dem GATT gemeldeten regionalen Integrationsabkommen, 1948-1994216

Stefan SCHIRM bezeichnet die transnationale Globalisierung als einen Erklärungsfaktor


für regionale Kooperation. „Der Territorialstaat, der sich an Regionalorganisationen oder regionalen
Integrationsverbunden beteiligt, verliert zwar einen Teil seiner Entscheidungsautonomie gegenüber seinen

216 Link, Werner. „Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert.“ München: Verlag C.H. Beck, 2001, S. 75.
61
Integrationspartnern, gewinnt dafür jedoch mit ihnen zusammen Handlungsfähigkeit gegenüber
schädlichen internen und externen Wirkungen der Globalisierung.“ 217 Tatsache ist, dass die
Mitglieder der EU klassische Funktionen des Nationalstaats zugunsten einer
supranationalen Körperschaft aufgegeben haben. Für Siegfried SCHWARZ ist die
Europäische Union daher bereits mehr als eine herkömmliche Staatenkoalition
zeitweiligen Charakters, mehr als nur ein lockerer Staatenbund im klassischen Sinne.218 Sie
stellt ein neuartiges Organisationsmodell dar. „In wichtigen Bereichen überwölben supranationale
Strukturen die teilnehmenden Nationalstaaten dauerhaft mit bindender Regulierungskompetenz.“ 219
Trotzdem ging es der Europäischen Union laut Werner LINK schon bei der Gründung
nicht um die Aufgabe des Nationalstaats, sondern um dessen Überlebenssicherung220 –
„the European rescue of the nation-state“, wie es Alan MILWARD bezeichnet.221 Deutlich wird
dies in Charles DE GAULLES Vision eines „Europa der Vaterländer“, die sich gegen
einen zu raschen Ausbau der Gemeinschaftskompetenzen zulasten der nationalen
Eigenständigkeit richtet. 222 Ziel der Europäischen Union ist der Selbsterhalt der
Nationalstaaten durch regionalistische Politik. In einem Artikel in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung schreibt der damalige französische Außenminister Hubert VÉDRINE,
dass eine europäische Föderalismusidee auf Grund laufen müsse, weil es in Europa, z.B.
im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika, Nationen gebe.223 „Verschwänden
sie, würde dies den Völkern Europas ein immenses Identitätsproblem und große demokratische
Schwierigkeiten verursachen.“ 224 In einer Rede vor der Konferenz der französischen
Botschafter in Paris am 15. September 1997 spricht VÉDRINE zudem davon, dass

217 Zitiert nach Link, Werner. „Die Neuordnung der Weltpolitik. Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum
21. Jahrhundert.“ München: Verlag C.H. Beck, 2001, S. 80.
218 vgl. Schwarz, Siegfried. „Das Schicksal des Nationalstaats. Anmerkungen zum Beitrag von Hansrudolf

Kamer.“ In Internationale Politik, Ausgabe 10/2000. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/oktober00/das-schicksal-des-nationalstaats-
-anmerkungen-zum-beitrag-von-hansrudolf-kamer.html.
219 ebd.
220 vgl. Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von

Nationalstaaten in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth,
Joachim Schild. Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 317.
221 Milward, Alan. „The European Rescue of the Nation-State.“ London: Routledge, 1992.
222 Vgl. Voigt, Rüdiger. „Abschied vom Nationalstaat – Rückkehr zum Nationalstaat? Zur künftigen

Gestaltung der europäischen Staatenordnung.“ In Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, hg. Rüdiger
Voigt. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 168 f.
223 Védrine, Hubert. „Klassischer Föderalismus oder Föderation von Nationalstaaten?“ In Frankfurter Allgemeine

Zeitung, Ausgabe vom 13. Juni 2000, S. 4.


224 Zitiert nach Kamer, Hansrudolf. „Der Nationalstaat ist noch nicht am Ende.“ In Internationale Politik,

Ausgabe 07/2000. URL: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/juli00/der-


nationalstaat-ist-noch-nicht-am-ende.html.
62
regionale Integration eine neue Form gemeinsam ausgeübter Souveränität ist. „Nicht durch
Aufgabe der Souveränität, sondern durch die Wiedergewinnung einer Souveränität, die de fato schon
teilweise verschwunden ist.“ 225 Auch für Gerhard SCHRÖDER ist eine gemeinsame
Europäische Union nicht mit der Aufgabe oder Einebnung der nationalen Identitäten und
Eigenheiten verbunden. Es geht vielmehr darum, diese Identitäten zu bewahren und sie
„in einer umfassenderen europäischen Identität erhalten [zu] wollen.“ 226 Anthony GIDDENS
schreibt gar, dass man damit argumentierten könnte, „dass die Europäische Union weit davon
entfernt ist, die nationale Identität in den Nationalstaaten aufzulösen, sondern dass sie tatsächlich das
Mittel zu ihrem Überleben ist.“ 227
Bezüglich der Funktionen des europäischen Nationalstaates lässt sich folgender Befund
feststellen:228

- die inhaltliche und zahlenmäßige Weiterentwicklung der EU bleibt von seiner


Entscheidung und Mitentscheidung abhängig;
- in integrierten Politikbereichen fungiert jeder Mitgliedsstaat als Initiator bzw.
Mit-Initiator gemeinsamer Politik;
- Im Europäischen Rat und den EU-Ministerräten fungiert der Mitgliedsstaat als
Mitentscheider, und zwar bei vitalen und grundsätzlichen Fragen als
letztentscheidende Instanz (Anm.: der Europäische Rat überlagert das
Initiativrecht der Kommission auf intergouvermentaler Ebene);
- Der Nationalstaat fungiert als Implementator der gemeinsamen
Entscheidungen (in vergemeinschafteten Politikbereichen unter Aufsicht der
EU-Kommission und des Europäischen Gerichtshofes).

Der Nationalstaat bleibt demzufolge nach wie vor ein eigenständiger Akteur. Rüdiger
VOIGT hingegen widerspricht dieser Ansicht. Seiner Meinung nach geht es bei der EU
letztlich „um den Übergang von einem Zusammenschluss eigenständiger Nationalstaaten zu einem

225 Zitiert nach Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von

Nationalstaaten in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth,
Joachim Schild. Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 317.
226 Schröder, Gerhard. „Europe puissance“ als Ziel“, Rede vor der französischen Nationalversammlung

am 30. November 1999 In Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 1. Dezember 1999, S. 8 f.
227 Giddens, Anthony. „Die große Globalisierungsdebatte.“ In „Globalisierungswelten. Kultur und Gesellschaft in

einer entfesselten Welt“, hg. Marcus S. Kleiner., Helmut Strasser. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2003, S.
40.
228 vgl. Link, Werner. In Meimeth/Schild, a.a.O., S. 328.

63
neuen Europäischen Bundesstaat, in dem die Nationalstaaten lediglich die Funktion von teilsouveränen
Gliedstaaten haben“ 229 – ähnlich den Bundesstaten in den USA. Die Souveränität würde
demnach auf mindestens zwei Ebenen verteilt: die Europäische Union als Zentralstaat
und die Mitgliedsländer der EU als Gliedstaaten. Der Nationalstaat tritt in seiner
Bedeutung zurück. Aus dieser Tendenz resultiert die Notwendigkeit für die Entwicklung
eines breiten Spektrums kooperativer Strategien, so dass Siegfried SCHWARZ zufolge
„jede Überbetonung nationaler Interessen kontraproduktiv wirkt und unangebracht ist.“ 230
Allerdings konstatiert VOIGT auch, dass sich diese Entwicklung keineswegs im
Bewusstsein der Menschen widerspiegelt, so dass in Zukunft „vermutlich auch solche
traditionellen Bindungen der Völker wieder größere Bedeutung erlangen, die in gemeinsamer Geschichte,
Sprache und/oder Kultur zum Ausdruck kommen.“ 231 Der ehemalige französische
Staatspräsident Jacques CHIRAC griff diesen Aspekt in seiner Rede vor dem deutschen
Bundestag am 27. Juli 2000 auf. Er betont, dass die Nationen auch in Zukunft die
wichtigsten Bezugspunkte unserer Völker darstellen werden. „Sie abschaffen zu wollen, wäre
ebenso absurd wie zu leugnen, dass sie bereits einen Teil ihrer Souveränitätsrechte gemeinsam wahrnehmen
und dies auch weiterhin tun werden, weil dies in ihrem Interesse liegt.“ 232
Werner LINK stimmt Rüdiger VOIGT zwar in dem Punkt zu, dass der Nationalstaat
bestimmte, insbesondere seine ökonomischen und unternehmerischen Funktionen abgibt.
Doch gibt er sich damit keinesfalls als Bezugsgröße auf, sondern kann sich auf seine
politischen Funktionen in „Letztverantwortung“ und
„Freiheitsverantwortung“ konzentrieren.233 Das bedeutet, dass der Nationalstaat nicht nur
Vermittler, sondern die „strategisch platzierte Vermittlungsinstanz zwischen subnationalen und

229 Voigt, Rüdiger. „Abschied vom Nationalstaat – Rückkehr zum Nationalstaat? Zur künftigen
Gestaltung der europäischen Staatenordnung.“ In Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, hg. Rüdiger
Voigt. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 167.
230 Schwarz, Siegfried. „Das Schicksal des Nationalstaats. Anmerkungen zum Beitrag von Hansrudolf

Kamer.“ In Internationale Politik, Ausgabe 10/2000. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2000/oktober00/das-schicksal-des-nationalstaats-
-anmerkungen-zum-beitrag-von-hansrudolf-kamer.html.
231 Voigt, Rüdiger, a.a.O., S. 183.
232 Chirac, Jacques. „Mit Deutschland und Frankreich eine „Avantgarde-Gruppe“ bilden“ In Frankfurter

Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 28. Juni 2000, S. 10-11.


233 vgl. Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von

Nationalstaaten in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth,
Joachim Schild. Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 327.
64
europäischen Politikanforderungen“234 bleibt. Der Meinung von William PFAFF zufolge bleibt
die Europäische Union weiterhin ein „Instrument ihrer Mitglieder“. „Diese haben ihre
Souveränität in bestimmten Bereichen „gepoolt“, aber sie beanspruchen nach wie vor das Recht, sie
zurückzunehmen. […] Die wesentlichen Souveränitätsrechte sind keineswegs verschmolzen.“ 235 Er
schließt daraus, dass sich der Nationalstaat keineswegs im Niedergang befindet. Um die
Nation als Auslaufmodell zu beschreiben, müsste diese vollständig und unwiderruflich auf
ihre Souveränität verzichten. Doch eine solche Entwicklung ist nicht abzusehen.

5.5 Alternative „Global Governance“?

5.5.1 Global Governance und der Nationalstaat

Bis in die Gegenwart beruhte die Weltpolitik auf einer „Weltkultur der Nationalstaaten“, wie
Dirk MESSNER und Franz NUSCHELER sie bezeichnen. 236 Die Welt als Ganzes
begriff sich und handelte als Staatenwelt. Auch heutzutage beziehen sich die politischen
Institutionen und Regelungen in der Mehrzahl auf den Nationalstaat. Gesellschaft und
Staat werden nach wie vor deckungsgleich gedacht, so dass eine wachsende Nachfrage
nach internationalen Institutionen entsteht.237 Michael ZÜRN hat die Veränderung der
Rolle der internationalen Institutionen am anschaulichsten beschrieben: „Traditional
international institutions complemented national governance, new international institutions are a part of
global governance.“238 In den vergangenen Jahrzehnten sind dementsprechend – wie bereits
in den vorherigen Kapiteln erläutert - neben den Nationalstaaten zahlreiche andere
Akteursgruppen entstanden, deren Aktivitäten weitreichende Auswirkungen haben und in
ihrem Ausmaß von der Staatenwelt nur noch begrenzt zu steuern und zu kontrollieren
sind.

234 Link, Werner. „Die Rolle des Nationalstaats im zukünftigen Europa.“ In Die Zukunft von Nationalstaaten
in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, hg. Michael Meimeth, Joachim Schild.
Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 328.
235 Pfaff, William. „Nationalstaat ohne Zukunft?“ In Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe

02/2000, S. 165.
236 Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer

Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 16.
237 vgl. Zürn, Michael. „Global Governance.“ In Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und

Entwicklungslinien, hg. Gunnar Folke Schuppert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2006, S. 125.
238 Zürn, Michael. „Globalization and Global Governance: From Societal to Political
Denationalization.“ In Globalisierung und Perspektiven internationaler Verantwortung - Problemstellungen, Analysen,
Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme, hg. Reinhard Meier-Walser, Peter Stein. München: K.G.
Saur Verlag GmbH, 2004, S. 433.
65
Im Alleingang können die nationalen Regierungen die gegenwärtigen Probleme kaum
noch bewältigen. Die interne Souveränität der Nationalstaaten wird zunehmend in Frage
gestellt, da die Globalisierung die Spielräume der Regierungen einschränkt. Der Bedarf an
internationalen Institutionen und Mechanismen zur politischen Gestaltung
grenzüberschreitender, globaler Entwicklungen wird größer. „Die De-facto-Erosion der
internen Souveränität ist nur durch grenzüberschreitende Kooperation und kollektives Handeln
aufzuhalten.“239 Die Kongruenz von sozialen und politischen Räumen wird in Frage gestellt.
Der Raum, auf dem sich gesellschaftliche Austauschbeziehungen und
Handlungszusammenhänge verdichten, ist durch die Globalisierung mittlerweile größer
geworden als jener, der durch politische Regelungen erfasst wird.240 Aus diesem Grund
können sie nicht länger ausschließlich durch Maßnahmen des Nationalstaates geregelt und
kontrolliert werden. Wenn aber politische Ziele nicht mehr auf nationaler Ebene erreicht
werden können, müssen sie auf europäischer bzw. internationaler Ebene verfolgt werden.
Eine Möglichkeit, die in dieser Hinsicht immer wieder in der wissenschaftlichen Literatur
erörtert wird, habe ich in Kapitel 4 bereits vorgestellt: Das Konzept der Global Governance.
Das Konstrukt Global Governance ist „aus der Einsicht entstanden, dass die Steuerungskapazität der
Nationalstaaten […] infolge der Vermehrung und Verdichtung grenzüberschreitender Transaktionen,
der zunehmenden Entgrenzung der Territorialstaaten und der wachsenden Herausforderungen durch
globale Risiken überfordert wird.“ 241 Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Global Governance
zunächst nicht mehr als „die Suche nach multilateralen Regelwerken und Institutionen, die Lösungen
für globale Probleme versprechen.“ 242 Die Grenzen und Möglichkeiten von Politik müssen
aufgrund der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Staaten und Gesellschaften neu
bestimmt werden. Es gilt, den drohenden Gestaltungsverlust der Politik abzuwenden.
Global Governance zielt auf ein vollkommen neues „Politikmodell“, welches das

239 Messner, Dirk. „Architektur der Weltordnung. Strategien zur Lösung globaler Probleme.“ In
Internationale Politik, Ausgabe 11/1998. URL:
http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1998/november1998/architektur-der-
weltordnung--strategien-zur-losung-globaler-probleme.html.
240 vgl. Zürn, Michael. „Globalization and Global Governance: From Societal to Political

Denationalization.“ In Globalisierung und Perspektiven internationaler Verantwortung - Problemstellungen, Analysen,


Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme, hg. Reinhard Meier-Walser, Peter Stein. München: K.G.
Saur Verlag GmbH, 2004, S. 430.
241 Nuscheler, Franz. „Eine neue Weltpolitik. Multilateralismus statt Pax Americana.“ In Internationale

Politik, Ausgabe 11/1998. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1998/november1998/eine-neue-weltpolitik--
multilateralismus-statt-pax-americana.html.
242 ebd.

66
Zusammenwirken sowohl staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure auf allen politischen
Handlungsebenen meint.243 Dies beinhaltet zudem die Neudefinition von Souveränität,
die durch den Globalisierungsprozess zunehmend unterminiert wird und einem „System
wechselseitiger Einmischung“ Platz macht. 244 Das Neue an diesem Projekt ist „die
Akzeptanz geteilter Souveränitäten durch Übertragung von Handelskompetenzen auf lokale, regionale
und globale Organisationen zur Lösung von Problemen, die Nationalstaaten nicht mehr im Alleingang
lösen können.“245 Der Nationalstaat verliert seine Rolle als alleinig bestimmendes politisches
Handlungszentrum. Zwar geschieht die geschilderte Abgabe an Macht, um die es sich
zweifelsohne handelt, nicht freiwillig, sondern, weil der Nationalstaat an
Regulationsgrenzen stößt. Er macht dies jedoch, um seine Steuerungsfähigkeit zu stärken
und wichtige Funktionen besser ausüben zu können.
Global Governance verlangt einerseits Souveränitätsverzichte und „geteilte Souveränitäten“,
ist aber gleichzeitig nur dann funktionsfähig, wenn es die unteren Ebenen, also die
Nationalstaaten oder regionale Kerne wie die Europäische Union, ebenso sind. Die
Europäische Union kann gar als „fortgeschrittenes Laboratorium“ für die Fähigkeit zu
Global Governance verstanden werden: „Ihre Mitgliedsstaaten treten Teilsouveränitäten ab, um durch
gemeinsames Handeln eine größere Problemlösungsfähigkeit gewinnen und sich im globalen Wettbewerb
besser behaupten zu können. Nationale Borniertheiten werden zunehmend durch europäische Sichtweisen
und ein wachsendes Gemeinschaftsbewusstsein ergänzt oder gar überlagert.“246 Neben Initiativen auf
internationaler Ebene sind auch Reformen auf nationaler Ebene vonnöten, um ein
Funktionieren der Global Governance-Architektur zu gewährleisten.
Eine bedeutende Frage ist, ob Global Governance ohne eine so genannte „Superpower
Governance“ überhaupt möglich ist, die die heutige Weltordnung maßgeblich bestimmt.
Offensichtlich ist ein solches Konstrukt ohne die Einbindung der Weltführungsmächte
nicht realisierbar. Ohne ihre Teilnahme bliebe die Global Governance-Architektur ein
„virtuelles Luftschloss.“ 247 Gleichzeitig verträgt sie sich nicht mit dem arroganten und

243 Vgl. Laux, Susanne. „Dokumentation: Problemfelder der Global Governance.“ In Internationale Politik,

Ausgabe 11/1998. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1998/november1998/dokumentation.html.
244 vgl. Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer

Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 23.
245 ebd., S. 20.
246 ebd., S. 26
247 Nuscheler, Franz. „Eine neue Weltpolitik. Multilateralismus statt Pax Americana.“ In Internationale

Politik, Ausgabe 11/1998. URL:


67
unilateralen Auftreten einer Supermacht, da sie – vergleichbar mit dem System der
Vereinten Nationen – jedem Nationalstaat unabhängig seiner Größe oder wirtschaftlichen
Bedeutung ein Mitspracherecht einräumt. Das Problem ist, dass Weltmächte wie die
Vereinigten Staaten oder die europäischen Führungsmächte freiwillig kaum ihren Status
abtreten werden. Dies ist einer der zahlreichen Einwände, die gegen ein Funktionieren
von Global Governance angeführt werden.
Vielfach wird Global Governance als idealistische, theorielose Zukunftsvision betrachtet, das
einer kritischen Analyse der Gegenwart nicht standhält. Das Konzept „blende den
Machtfaktor und Hegemonialinteressen aus und liefere deshalb angesichts der realen Machtverhältnisse in
der Weltpolitik und globalen Ökonomie nicht einmal eine konkrete Utopie für die Welt von morgen.“248
Bereits auf regionaler Ebene seien die Probleme unübersehbar. Als Beispiel wird die
Europäische Union angeführt, die als das am weitesten entwickelte Modell von „Regional
Governance“ gelten kann: Bürokratisierung, Legitimationsdefizite der „Eurokratie“,
Dominanz von Hegemonen, Verlust von nationalen Identitäten und Eigenheiten. Franz
NUSCHELER schlussfolgert daraus, „dass Global Governance, verstanden als globale
Vergesellschaftung („Verweltgesellschaftung“), ein langfristiges Projekt für das nächste Jahrhundert
ist.“249
Die heute existierende Staatenwelt wird vielfach für unveränderbar gehalten, ein
Konstrukt wie jenes der Global Governance sei daher illusorisch. Bei dieser Kritik wird
ausgeblendet, dass Global Governance in keiner Weise den Verzicht auf den Nationalstaat
propagiert. Im Gegenteil, in den Augen von Dirk MESSNER und Franz NUSCHELER
wird der Nationalstaat auch in Zukunft die zentrale Instanz der Politik bleiben.
„Nationalstaaten, die nicht in der Lage sind, die skizzierten Gestaltungsaufgaben nach innen
wahrzunehmen, werden auch keine eigenständigen Beiträge zu Global Governance leisten können.
Schwache Nationalstaaten durch starke Global Governance-Strukturen stärken zu wollen, ginge daher

http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1998/november1998/eine-neue-weltpolitik--
multilateralismus-statt-pax-americana.html.
248 Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A. Ferdowski.

München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 83.


249 Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer

Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 26.
68
in die falsche Richtung.“250 Global Governance bedeutet in dieser Konsequenz keinesfalls das
Ende lokaler oder gar nationaler Politik.
Von großer Aussagekraft ist die Tatsache, dass nicht einer der in dieser Arbeit zitierten
bzw. im Literaturverzeichnis erwähnten Autoren das Konzept der Global Governance mit
einem Ableben des Nationalstaats gleichsetzt. Beide bedingen sich gegenseitig, um ihr
Funktionieren zu sichern, so die vorherrschende Meinung. Nach wie vor spielen
territorialstaatliche Akteure eine gewichtige, nicht zu ignorierende Rolle. Wichtig ist aber,
dass sie sich „verstärkt mit transnational operierenden zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Akteuren auseinandersetzen und ihre Position in grenzüberschreitenden Handlungszusammenhängen
jeweils neu bestimmen.“251

5.5.2 Globale Politiknetzwerke


Ein Bestandteil des Global Governance-Konzeptes sind die so genannten „Global Public Policy
Networks“ (auf deutsch wird der Begriff als „globale Politiknetzwerke“ übersetzt), bei
denen es sich um ein neuartiges Phänomen handelt. In den vergangenen Jahren haben
sich globale Politiknetzwerke auf zahlreichen Feldern, etwa Umweltschutz,
Korruptionsbekämpfung oder Arbeits- und Sozialstandards, zu zentralen Akteuren der
Globalisierung entwickelt und bilden Brücken zwischen Staaten, internationalen
Organisationen, der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft. Sie leisten „themenfokussiert einen
Beitrag zu einer nachhaltigen Gestaltung der Globalisierung.“252 Sie bringen Akteure zusammen,
die erkannt haben, dass nur gemeinsam eine solch nachhaltige Gestaltung möglich ist.
Nationalstaaten als auch internationale Organisationen haben realisiert, dass sie sowohl
zivilgesellschaftliche Akteure als auch Unternehmen, die in jüngster Vergangenheit die
Möglichkeiten genutzt haben, um ihre Aktivitäten transnational zu vernetzen, in
transnationale Politikprozesse einbinden müssen. „Globale Politiknetzwerke versuchen,
Vertreter möglichst aller für ein globales Problemfeld relevanten Akteure in einem informellen,

250 Messner, Dirk; Nuscheler, Franz. „Global Governance. Organisationselement und Säulen einer
Weltordnungspolitik.“ In Weltkonferenzen und Weltberichte. Ein Wegweiser durch die internationale Diskussion, hg.
Dirk Messner, Franz Nuscheler. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger GmbH, 1996, S. 23.
251 Benner, Thorsten; Reinicke, Wolfgang H. „Politik im globalen Netz. Globale Politiknetzwerke und die

Herausforderung offener Systeme.“ In Internationale Politik, Ausgabe August 1999. URL:


http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1999/august99/politik-im-globalen-netz.html.
252 Benner, Thorsten; Reinicke, Wolfgang H.; Witte, Jan Martin. „Globale Politiknetzwerke – eine neue Art des

Regierens.“ Mitbestimmung.de. URL: http://gppi.net/fileadmin/gppi/Globale_NetzMitbestimmung.pdf.


69
nichthierarchischem Umfeld an einen Tisch zu bringen.“ 253 Eine zentrale Funktion globaler
Politiknetzwerke liegt im Bereich der Verhandlung von globalen Standards und Normen,
in denen ein relativ großes Konfliktpotential vorhanden ist. 254 Sie beruhen auf der
Einsicht, dass es keinem der beteiligten Akteure auf sich allein gestellt möglich ist, zu
tragfähigen Lösungen zu gelangen. Die wechselseitigen Abhängigkeiten sind hierfür zu
groß. Thorsten BENNER und Wolfgang REINICKE zufolge sind globale
Politiknetzwerke idealerweise „trisektoral“, 255 d.h. sie bilden Brücken zwischen dem
öffentlichen Sektor, der Zivilgesellschaft und Wirtschaftsunternehmen. Michael ZÜRN
hat sie als „institutionelle Phantasie jenseits des Nationalstaates“ bezeichnet.256 Allerdings wird
der Nationalstaat auch in den Netzwerken weiterhin eine zentrale Rolle spielen. „Durch
Kooperation in globalen Politiknetzwerken können Staaten Handlungsfähigkeit zurückgewinnen, müssen
jedoch gleichzeitig lernen, mit anderen Akteuren in ungewohntem Umfeld zusammenzuarbeiten und auch
neue Rollen zu übernehmen“257
Fest steht, dass globale Politiknetzwerke erst in der Entstehung begriffen sind. Sie
könnten aber in Zukunft „einen wichtigen Beitrag dazu leisten, grenzüberschreitende
Problemzusammenhänge in einer nachhaltigen Weise zu gestalten und auch Krisen vorzubeugen bzw.
Lösungsansätze aufzuzeigen.“258

253 Benner, Thorsten; Reinicke, Wolfgang H. „Politik im globalen Netz. Globale Politiknetzwerke und die
Herausforderung offener Systeme.“ In Internationale Politik, Ausgabe August 1999. URL:
http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang1999/august99/politik-im-globalen-netz.html.
254-258 ebd.

70
5.6 Zusammenfassung
Wie in den Kapiteln 5.2 und 5.3 ausführlich beschrieben, divergieren die Meinungen über die Zukunft
des Nationalstaates beträchtlich. Sowohl Befürworter als auch Skeptiker können zahlreiche rationale
Argumente anfügen, um ihre Position zu stützen, und die sich nur schwer widerlegen lassen. Welchem
Lager auch immer man zuneigt, es ist unzweifelhaft, dass der Prozess der „sozialen
Denationalisierung“ große Herausforderungen an die Effektivität stellt.
Michael ZÜRN weigert sich dennoch vom „decline of the nation state“ zu sprechen. „The
challenges are serious, yet the outcome is largely determined by political choices.”259 Auch
die zunehmende Bedeutung globaler Politiknetzwerke kann nicht darüber hinweg täuschen, „dass es
bisher keine langfristig ausgelegte Strategie auf Seiten politischer Entscheidungsträger für
den Umgang mit globalen politischen Prozessen gibt.“260
Der gewichtigste Punkt, der gegen eine Zukunft der Weltpolitik ohne Nationalstaaten spricht, ist indes
der Mangel an Alternativen. Das vorgestellte Konzept der Global Governance mag eine durchaus
realistische Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung und die globalen Risiken sein, doch ist
bislang nicht mehr als ein „brüchiges Projekt“, das sich nicht von heute auf morgen verwirklichen
lässt.261 Daher erscheint es mir sinnvoll, an dieser Stelle noch einmal auf die bereits erwähnten Worte von
Francis FUKUYAMA zurückzugreifen: Solange unklar bleibt, was an die Stelle der Nationalstaaten
treten soll, „„haben wir keine andere Wahl, als auf den souveränen Nationalstaat
zurückzugreifen und wieder zu lernen, wie man ihn stark und effizient macht.“262

259 Zürn, Michael. „Globalization and Global Governance: From Societal to Political
Denationalization.“ In Globalisierung und Perspektiven internationaler Verantwortung - Problemstellungen, Analysen,
Lösungsstrategien: Eine systematische Bestandsaufnahme, hg. Reinhard Meier-Walser, Peter Stein. München: K.G.
Saur Verlag GmbH, 2004,, S. 429.
260 Benner, Thorsten; Reinicke, Wolfgang H.; Witte, Jan Martin. „Globale Politiknetzwerke – eine neue Art des

Regierens.“ Mitbestimmung.de. URL: http://gppi.net/fileadmin/gppi/Globale_NetzMitbestimmung.pdf.


261 Vgl. Nuscheler, Franz. „Global Governance.“ In Internationale Politik im 21. Jahrhundert, hg. Mir A.

Ferdowski. München: Wilhelm Fink Verlag, 2002, S. 83.


262 Fukuyama, Francis. „Staaten bauen: die neue Herausforderung internationaler Politik.“ Berlin: Propyläen, 2004,

S. 169.
71
6 Fazit

Ungeachtet der unüberschaubaren Fülle an wissenschaftlicher Literatur, scheint eine


Antwort auf die im Titel dieser Diplomarbeit gestellte Frage, ob die gegenwärtige
Globalisierung als Initialzündung für eine Welt ohne Nationalstaaten gelten kann, schnell
gefunden: Der Nationalstaat ist ein über zweihundert Jahre altes Gebilde, das – zumindest
in der nahen Zukunft – nicht verschwinden wird.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand der Nationalstaat „in einer Welt noch relativ schwacher
wirtschaftlicher Verflechtung, geringer räumlicher Mobilität und Kommunikation zwischen den Menschen.
Staat und Territorium konnten […]in der Realität eine relativ in sich ruhende Einheit bilden.“ 263
Aufgrund dieser Voraussetzungen entwickelte sich der Nationalstaat in der Folgezeit
weltweit zur alles bestimmenden Institution über das politische, wirtschaftliche und
kulturelle Leben der Bürger. Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist sein scheinbar
unaufhaltsamer „Siegeszug“ aufgehalten worden. Die rasant zunehmende internationale
Verflechtung in nahezu sämtlichen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, die
unter dem Begriff „Globalisierung“ zusammengefasst wird, stellt seine Existenz und
Handlungsfähigkeit vor große Herausforderungen. In der heutigen Welt sind Wirtschaft
und Kultur nicht länger an nationale Grenzen gebunden.
Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Disziplin existieren zahlreiche Perspektiven, wie
sich diese Entwicklung auf den Nationalstaat auswirken wird. In meiner Diplomarbeit
habe ich mich in erster Linie auf die Global Governance-Perspektive konzentriert. Dieses
Konzept versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Welt in Zukunft regiert
werden kann. Die Kernaussagen lassen sich wie folgt zusammenfassen (vgl. Kapitel 4):
1) Global Governance bedeutet nicht Global Government, also Weltstaat oder
Weltregierung;
2) Global Governance beruht auf verschiedenen Formen und Ebenen der
internationalen Koordination, Kooperation und kollektiven Entscheidungsbildung;
3) Global Governance unterläuft das traditionelle Verständnis von Souveränität.
Nationalstaaten müssen sich mit „geteilten Souveränitäten“ zurecht finden, um
ihre Handlungs- und Problemlösefähigkeit nicht einzubüßen;

Oberndörfer, Dieter. „Der Wahn des Nationalen. Die Alternative der offenen Republik.“ Freiburg: Verlag
263

Herder, 1993, S. 19.


72
4) Innerhalb des Global Governance-Systems arbeiten staatliche und nichtstaatliche
Akteure von der globalen bis zur lokalen Ebene zusammen – auch „public private
partnership“ genannt;
Der wichtigste Punkt aber ist, dass die Nationalstaaten die tragenden Pfeiler der Global
Governance-Architektur bleiben. Ohne ihre Existenz würde das Konzept nicht
funktionieren. Genau diese Tatsache macht das Global Governance-Konzept meines
Erachtens zur momentan tragfähigsten und realistischsten Alternative für die Gestaltung
einer zusammenwachsenden Welt. Auf regionaler Ebene funktioniert das System bereits
in Ansätzen. Die Europäische Union ist das zweifelsohne erfolgreichste Beispiel für
Regional Governance, doch auch andernorts sind bedeutende staatenübergreifende
Zollunionen oder Freihandelszonen wie NAFTA, MERCOSUR oder APEC entstanden.
Trotz allem darf man nicht außer Acht lassen, dass das Projekt der Global Governance
bislang lediglich eine Zielprojektion darstellt, die sich mit zahlreichen ungelösten
Problemen konfrontiert sieht, und nicht von heute auf morgen verwirklichen lässt.
Konsequenterweise sehen Kurt HÜBNER und Ulrich PETSCHOW den Nationalstaat
weiterhin in der Pflicht. Die Nationalstaaten hätten keineswegs abgedankt, „im Gegenteil: In
einem neuen weltwirtschaftlichen Rahmen kommt ihnen die Aufgabe zu, den Globalisierungsprozess zu
steuern und für einen dynamischen Ausgleich der Interessen von Verlierern und Gewinnern zu sorgen.“264
Auch Thomas GIL behauptet, dass die Globalisierung den Nationalstaat nicht überflüssig
macht, sondern lediglich depotenziert. Seine Aufgabe wandelt sich von der „stets und
überall intervenierenden Subordination zur distanzierten, eingeschränkten Koordination.“265
PERRATON u.a. betonen, dass Nationalstaaten schon immer gezwungen waren, auf
externe Akteure zu reagieren, da Handelsbeziehungen stets die territorialen Grenzen der
Einzelstaaten überschritten haben. Je nach Zeit und Land haben sich neue Formen der
Zusammenarbeit zwischen internationalen Akteuren und nationaler Macht heraus gebildet.
So hat Michael ZÜRN sicherlich Recht, wenn er behauptet, dass die heutigen Probleme
des Regierens in einer denationalisierten Welt ohne internationale Institutionen kaum zu
bewältigen wären. 266 Selbiges ließe sich aber auch bei einem Fehlen des Nationalstaates
konstatieren. Der US-amerikanische Soziologe Daniel BELL hat diese Tatsache in einem

264 Hübner, Kurt; Petschow, Ulrich. „Spiel mit Grenzen: ökonomische Globalisierung und soziale Kohäsion.“ Berlin:
Edition Sigma, 2001, S. 161.
265 Gil, Thomas. „Staatsaufgaben. Zur Legitimation politischer Herrschaft.“ Berlin: Morus Verlag, 2003, S. 49.
266 vgl. Zürn, Michael. „Regieren im Zeitalter der Denationalisierung.“ In Politik im 21. Jahrhundert, hg.

Claus Leggewie, Richard Münch. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001, S. 430.
73
berühmten Zitat auf den Punkt gebracht: „Am Ende der Weltära ist der Nationalstaat zu klein,
um große Probleme zu lösen, aber zu groß, um die kleinen Probleme zu lösen.“ 267 Zusammen fassend
lässt sich konstatieren, dass es falsch wäre im Falle der Globalisierung von einem völligen
Verlust nationaler Souveränität zu sprechen.268
Fest steht, dass es im Moment schlicht und ergreifend keine überzeugenden und
funktionsfähigen Alternativen zum System der Nationalstaaten gibt. Selbst jene Stimmen,
die ein Ableben des Nationalstaates voraussehen bzw. es sogar befürworten, wissen nicht,
was an seine Stelle treten soll. Optionen wie das Entstehen eines Weltstaates, einer
Weltregierung oder einem System offener Republiken, wie es Dieter OBERNFÖRFER
propagiert, 269 erscheinen allesamt unrealistisch. Das Beispiel der Europäischen Union
macht deutlich, wie schwierig es bereits auf regionaler Ebene ist, die zahlreichen
verschiedenen Interessen der Staaten und seiner Bürger auf einen gemeinsamen Nenner
zu bringen. Offenbart wurde diese Tatsache in jüngster Vergangenheit durch den Versuch,
der Europäischen Union eine Verfassung zu geben, ein Prozess, der – nach Ablehnung
der niederländischen und französischen Wahlberechtigten - in einem Kompromisspapier
endete, das den nüchternen Namen „EU-Vertrag“ trägt. Auf eine gemeinsame Fahne und
Hymne wurde verzichtet, da diese unter den Bürgern der einzelnen Staaten über keinerlei
Legitimation verfügen würde. Auf globaler Ebene erscheint eine ähnliche Entwicklung
angesichts der Vielzahl an Völkern und Kulturen undenkbar.
Natürlich vermag niemand zu sagen, ob dies in 50 oder mehr Jahren noch immer der Fall
sein wird. Vermutlich hätte Mitte des vergangenen Jahrhunderts kein
Sozialwissenschaftler oder Politiker ernsthaft hervorzusagen gewagt, dass ein Kontinent,
auf dem zwei Weltkriege zwischen verfeindeten Nationen ausgetragen wurden, in naher
Zukunft über ein gemeinsames Parlament und eine gemeinsame Währung verfügen
würde. Aus gegenwärtiger Perspektive lässt sich das Fazit meiner Diplomarbeit am

267 Zitiert nach: Giddens, Anthony. „Die große Globalisierungsdebatte.“ In „Globalisierungswelten. Kultur und
Gesellschaft in einer entfesselten Welt“, hg. Marcus S. Kleiner., Helmut Strasser. Köln: Herbert von Halem
Verlag, 2003, S. 38.
268 vgl. Perraton, Jonathan; Goldblatt, David; Held, David; McGrew, Anthony. „Die Globalisierung der

Wirtschaft“ In „Was ist Globalisierung?“, hg. Ulrich Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997, S.
138 f.
269 Oberndörfer, Dieter. „Der Wahn des Nationalen. Die Alternative der offenen Republik.“ Freiburg: Verlag

Herder, 1993.
74
treffendsten mit den Worten von William PFAFF beschreiben: „Der Nekrolog des
Nationalstaats bleibt noch zu schreiben.“270

Pfaff, William. „Nationalstaat ohne Zukunft?“ In Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe
270

02/2000, S. 165.
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http://www.globalisierung-online.de/info/text2.php. (Stand: 24. März 2009)

Zürn, Michael. „Grenzen nationalstaatlichen Regierens. Neue Aufgaben


intergouvermentaler Foren.“ In Internationale Politik, Ausgabe 05/2001. URL:
http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/jahrgang2001/maio1/grenzen-
nationalstaatlichen-regierens--neue-aufgaben-intergouvernementaler-foren.html. (Stand:
24. März 2009)

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Hiermit versichere ich, dass ich diese Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die
angegebenen Hilfsmittel und Quellen benutzt habe.

Unterschrift

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