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Mein lieber ... !

Ich habe Deinen Brief erhalten und mit großer Anteilnahme


gelesen. Zu Deinen Zweifeln und Ärgernissen hätte ich manches zu
sagen, aber ich bin kein Meister im Schreiben. Du hast einen in
unserer Zeit extrem schwierigen Weg gewählt, und wenn Du bis
zum Ende aushälst, wirst Du für all Deine Leiden millionenfach
belohnt werden, mehr noch:
Du wirst sie nicht vergessen, sondern bedauern, daß sie zu klein
waren ... Das mag Dir merkwürdig scheinen, doch es ist so. Ich bin
fest über zeugt, daß selbst die großen Märtyrer des Altertums
bedauerten, zuwenig gelitten und deshalb Gott nicht mit jener
Liebe geantwortet zu haben, mit der sie ihn hätten lieben sollen.
Auch die Menschen drücken ihre Liebe dadurch aus, daß sie
einander Gutes tun, wie viele Opfer dies auch koste. Je stärker die
Liebe, desto stärker auch der Drang, diese zu beweisen ... Seine
selbstlose Liebe kann man nur mit einem Opfer bekräftigen, und
wie die wahre Liebe keine Grenzen kennt, so ist auch das
Bestreben unbegrenzt, sich zum Zeichen der Liebe Opfer
aufzuerlegen.
Auch wer Gott liebt, wird für ihn leiden wollen, und mit der Liebe
wird auch das Verlangen wachsen, alles zu ertragen, damit sich
Gott ja nicht von uns entferne und wir ihm ganz nahe seien. ( ... )
Vermutlich sind der "immerdar nagende Wurm" und das nie
verlöschende Feuer im zukünftigen Leben die unendliche Trauer
des Herzens darüber, daß es einst eine Zeit gegeben hat, als man
seine Liebe zu Gott ausdrücken und um seinetwillen mancherlei
Leiden auf sich nehmen konnte; eine Zeit, als man ihm seine Liebe
nicht nur durch Leiden, sondern auch durch den Glauben an ihn
inmitten von Ängsten, von geistlicher Einsamkeit, von Schwäche
und Ohnmacht zu beweisen Gelegenheit hatte ... und es nicht tat.
Hier auf Erden, in diesem Leben kann und soll man seine Liebe zu
ihm kraft einer inneren Entscheidung unter Beweis stellen: Ich
werde an dich glauben und aus allen Kräften deine Gebote erfüllen,
ich werde für meinen Glauben an dich leiden und mich von allem
und allen lossagen - von meinem Privatleben und von den mir
Nahestehenden. Sag nur du dich nicht los von mir, Herr; laß nicht
zu, daß ich den Glauben und den Mut verliere, und daß ich gegen
dich murre, wenn mich schweres Leid und Trauer treffen, und hilf
mir, dich aus vollem Herzen zu lieben.
Wenn es Dir gelingt, eine solche Haltung zu bewahren, wird es Dir
ein leichtes sein, Deinen Lebensweg abzuschreiten. Sobald Du
jedoch zögerst und Zweifel in Dein Herz eindringen läßt, wenn Du
in freiwilliger Übertretung der göttlichen Gebote die Finsternis
suchst, Deine geistlichen Kräfte schwächst und den Herrn nicht
ständig zu Hilfe rufst, besonders aber wenn Du stolz wirst und
Dich auf Deine eigenen Kräfte zu verlassen beginnst, wirst Du
einen "großen Fall" tun und Dir Dein Leben zur unerträglichen Last
machen. Doch lasse auch dann den Mut nicht sinken, sondern
werde noch demütiger und lege alle Hoffnung auf den Herrn, auf
seine Barmherzigkeit und seine Hilfe. Das ist die richtige Haltung,
die Du nur durch Erfahrung sowie durch ständiges Fallen und
Wiederaufstehen erlangen kannst.
(Die Sünde in Taten hat schwere Auswirkungen auf unseren
"inneren Haushalt"; die anschließende Läuterung verlangt eine
große Anstrengung, und das Wachstum im Geiste wird lange
gehemmt. Die Sünden in Gedanken dagegen sind unabdinglich zur
Selbsterkenntnis und zur Einsicht, wie schwach und wie schlecht
vorbereitet auf das Reich Gottes wir sind. Sie führen uns also zur
Demut hin und zeigen uns, daß wir selbst aus eigenen Kräften
nicht zu wachsen vermögen, sondern beständig Gott um Hilfe
anflehen und die seelenrettenden Sakramente samt all dem, was
die heilige Kirche uns schenkt, empfangen sollen. Gefördert wird
das geistliche Wachstum durch das Lesen der Heiligen Schrift - des
Neuen Testaments und der heiligen Kirchenväter. Noch besser ist
es, einen geistlichen Ratgeber und Führer zu haben, doch gibt es
heutzutage keine solchen mehr; so müssen wir allein vorwärts
schreiten und uns vom Lesen und vom Gebet führen lassen und
dabei die Hilfe des Herrn und der Heiligen erbitten.)
Dem Eingeständnis unserer Schwäche entspringt die
Zerknirschung, das "Weinen des Herzens" und das Bewusstsein der
unbeglichenen Schuld (zehntausend Talente), kurz jenes
"geängstigten und zerschlagenen Herzens" des 51. Psalms, das
"Gott nicht verachten wird".
Dein Wille und Dein Wunsch allein genügen zum Erwerb der Liebe
noch nicht; dazu braucht es ein Leben nach den Geboten,
Zerknirschung, Beweinen Deiner Sünden, Reue darüber, daß wir
anstelle der Liebe und der Gottgefälligkeit uns damit abgeben,
seinem heiligen Willen zuwiderzuhandeln. Aus dem Weinen und der
Zerknirschung entstehen alsbald die Gottesfurcht - d. h. die
Furcht, Gott auf irgendeine Weise zu beleidigen - sowie das Gefühl,
daß Gott in unserer Nähe ist, was der Prophet David mit den
Worten umschreibt: "Ich habe den Herrn allezeit vor Augen" (Ps
16, 8). Schließlich erwächst daraus stetig die feste Entscheidung,
lieber zu sterben, als den Herrn zu beleidigen und seiner Nähe
verlustig zu gehen, wie auch die Standhaftigkeit im Leiden, die
darin besteht, dieses nicht nicht nur ohne Murren, sondern mit
Dankbarkeit zu ertragen.
Verzeih meine Weitschweifigkeit und den Umstand, daß dieses
Schreiben möglicherweise zur Unzeit kommt. Doch es ist Dein Leid,
das mich dazu bewogen hat, Dir dies zu schreiben. Vielleicht kann
es Dir nützen und Dich auch etwas trösten. Mein Freund, um eines
bitte ich Dich: Sage Dich nie von Gott los, so tief Du auch gefallen
sein magst, so sehr Du auch gesündigt und den Herrn erzürnt
haben magst (wovor er Dich bewahre), sondern bitte ihn wie der
verlorene Sohn um Vergebung und zwinge Dich stets von neuem,
den Geboten nachzuleben. "Wer zu mir kommt, den werde ich
nicht hinausstoßen" (Joh 6,37).
Wer dem Herrn entgegenschreitet, indem er dessen Gebote
einhält, wenn er auf dem Weg auch stürzt und weitergeht, ist ein
Soldat Christi und wird schließlich von ihm gekrönt - trotz der
vielen Wunden aus dem geistlichen Kampf gegen die
Leidenschaften, die gefallene Natur und die Dämonen.
Der Herr erleuchte Deinen Verstand, stärke Deinen Glauben und
Deinen Willen und behüte Dich vor allem Übel.
Der Herr segne Dich.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder