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Unser Herr Jesus Christus schenke Dir Frieden und Erlösung,

liebe ... !

Du solltest langsam wissen, daß der Feind niemanden in Ruhe läßt,


der Erlösung sucht; deshalb hat ja auch der Kampf mit ihm kein
Ende bis zum Tode. Mit eigenen Kräften indes vermag ihn niemand
zu bekämpfen: Ist nicht Gott gerade deswegen auf die Erde
gekommen, um das Werk des Teufels zu vernichten? Er kämpft
denn auch gegen den Teufel und die Sünde an der Seite
derjenigen, die ihn unablässig um Hilfe anrufen. Auch der Mensch
hat sich der Sünde und dem Teufel mit aller Kraft zu widersetzen
und dabei jene Waffen einzusetzen, auf die der Herr, die Apostel
und die heiligen Kirchenväter verweisen. Für den Orthodoxen sind
dies Fasten, Gebet, Enthaltsamkeit und Demut.
Ohne Demut kann niemand etwas ausrichten - der Herr hilft dem
Überheblichen und Stolzen denn auch nicht, und dieser geht dem
Feind unweigerlich ins Netz. Wer ihm entgegentreten und seinen
Leidenschaften entgehen will, dazu aber nicht die ihm zur
Verfügung gestellten Waffen einsetzt, wird bestimmt auch nicht
siegen. Je sanfter und demütiger wir sind, desto eher werden wir
vom Feind befreit. Dazu kommt, daß die Nachträglichkeit die Kraft
des Gebets zunichte macht, da der Herr kein Gebet annimmt von
jemandem, der mit seinem Mitmenschen streitet oder ihm Böses
nachträgt, nein: zuerst muß er sich versöhnen. Ohne ein von Gott
angenommenes Gebet aber bleibt der Mensch einsam und kann
vom Feind leicht überwunden werden.
Und schließlich: auch wer mit den rechten Waffen streitet,
bezwingt den Feind nicht gleich. Dazu braucht es Zeit und Geduld.
Schlage Dich recht, versuche, mit allen in Frieden zu leben, mache
Dir die Enthaltsamkeit und das immerwährende Gebet zur
Gewohnheit. Übe Demut vor Gott und den Menschen, und Du wirst
einen Götzen nach dem anderen stürzen und Dich von der
Gefangenschaft der Sünde befreien.
Kein Beichtvater wird einen Menschen schlecht ansehen, der seine
Sünden aufrichtig und tief bereut, so schlimm sie auch seien. Diese
Befürchtung ist nichts anderes als ein Kniff des Bösen, der auf
diese Weise erreichen will, daß der Beichtende seine Sünden
verberge und keine Lossprechung erhalte. Es ist aber gerade
umgekehrt:
Wenn nämlich der Beichtvater ein gläubiger Mensch ist, wird er das
Beichtkind um so mehr lieben - das ist eine Eigenschaft des
Beichtsakraments. Ertrage alles Geschimpfe, alle Verleumdungen
und alle Vorwürfe, die berechtigten und die unberechtigten, denn
sie sind nützlich, waschen die Sünden von der Seele ab und
fördern - falls Du sie unerwidert läßt – die Demut. Sprich wie der
gute Schächer: "Wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Herr,
gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst."

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder