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Liebe . . . !

Friede sei Ihnen. Ich beeile mich, Ihnen ein paar Worte zu
schreiben, solange es hell ist, da man hier das Licht nicht
einschaltet und überdies die Lampe kein Glas hat. Ich habe Ihre
Beichte über die Eitelkeit gelesen und in ihr nichts gefunden, was
mich von Ihnen "entfernen" könnte. Sie haben nichts Besonderes
geschrieben. Sie, ja wir alle haben nichts, womit wir uns tatsächlich
brüsten könnten. Alle sind wir durch unser Leben fern von Gott.
Was ist an uns selbst denn wertvoll, mit welcher Berechtigung
können wir mit erhobenem Haupt vor Gottes Gericht erscheinen? .
..
Jedem Menschen eignet die Eitelkeit derart, daß diese ihn von
außen bis in die verborgensten Tiefen hinein ganz durchdringt.
Gleichzeitig aber ist sie auch eine hochgiftige Eigenschaft, die im
geistlichen Leben jede Vorwärtsbewegung blockiert. Es ist
notwendig, sie zurückzudämmen und dann zu vernichten;
jedenfalls soll man unablässig auf sich achtgeben und jedes
Auftreten der Eitelkeit durch Herzensreue unterdrücken (aus
ganzem Herzen zum Herrn zu seufzen: Herr, wieder hat die
Schlange ihr Haupt erhoben), sie wütend verjagen und beten: Herr
Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Ich will nicht
und nehme nicht an; erlöse mich von ihr und laß mich meine
Sünden sehen. - Lesen Sie über die Eitelkeit und auch über den
Stolz bei Johannes Klimakos.
Halten Sie sich jede kleinste Übertretung des göttlichen Gebots
vor, und lassen Sie keine Selbstrechtfertigung zu! Denken Sie an
das Gebot des Erlösers: "Wenn ihr alles getan habt, was euch
befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte" (Lk 17,10).
Wir aber befolgen nicht nur nicht alle Gesetze, sondern nicht
einmal ein einziges so, wie wir sollten, und sind dabei auf Schritt
und Tritt bereit, stolz und eitel zu sein. Es helfe Ihnen der Herr, der
Schlange zu entgehen. Ohne Arbeit, ohne Achtsamkeit sich selbst
gegenüber und ohne Hilferuf zu Gott können Sie diesen
ausnehmend bösen und schlechten Feind nicht bezwingen. Die
Erscheinungen, von denen Sie schreiben, sind offensichtlich und
plump. Es gibt weit feinere Formen, ob deren man verzweifeln
könnte, wäre nicht Gottes Hilfe.
Halten Sie sich im Kampf gegen die Eitelkeit ans Evangelium und
an das Beispiel unseres Herrn Jesus Christus . .. Hoffen Sie nicht
auf sich selbst, sondern auf den Herrn - nicht nur im Großen,
sondern auch im Kleinen. Ohne den Herrn können wir nichts
wahrhaft Gutes und Nützliches für uns tun; das scheinbar Gute
indes, gemäß dem klaren Wort eines Asketen, erweist sich stets
als schädlich (gemeint ist alles, was I. ohne Gebet und 2. ohne den
Herrn um Hilfe zu bitten getan wird).
Die Gebete, die aus einem frommen, einem "geängstigten und
zerschlagenen" Herzen kommen, sind heilig; die pharisäischen (die
stolzen und eitlen) Gebete hingegen sind nicht nur unheilig: sie
sind dem Herrn ein Greuel.
Verzeihen Sie mir. Suchen Sie das Heil ...

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder