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Hochverehrte ... !

Zu Ihren Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Ostergottesdienst


sage ich nur, daß "denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten
dienen" (Röm 8,28). Und "das Reich Gottes kommt nicht so, daß
es zu beobachten wäre" (Lk 17,20).
Gerade wenn wir auf geistliche Freuden warten, kann es geschehen
- und meistens ist es auch so -, daß wir sie nicht erleben. Die
richtige seelische Haltung besteht darin, sich keinerlei geistlicher
Tröstungen würdig zu fühlen. Mehr noch, der hl. Johannes
Klimakos8 meint: "Weise mit der Hand der Demut die Freude
zurück, die auf dich zukommt, so als wärest du ihrer unwürdig, auf
daß du dich nicht von ihr verblenden läßt und nicht den Wolf statt
des Hirten empfängst."
Dieser Gedanke wird in verschiedener Form von allen heiligen
Kirchenvätern ausgesprochen. Alle Menschen sind für Sünden
empfänglich und besonders für jene, die nicht weniger Schaden
stiften als die großen. Niemand kann aus eigener Kraft alles
Schlechte erkennen und bekämpfen. Vor der Sünde bewahren kann
uns nur das Eingeständnis unserer Schwäche, Armut und
Sündhaftigkeit und unserer unbeweglichen Schuld vor Gott, kurz
das unablässige "Weinen des Herzens", wie es alle Heiligen
kannten.
Diese Haltung bringt uns geistliche Gaben und bewahrt sie uns,
wenn wir uns ihrer würdig erweisen. Der Asket, der nicht das
Weinen des Herzens hat, erliegt dem geistlichen Wahn, d. h. einer
falschen Haltung, und wenn er diese nicht aufgibt, kann er einer
klaren dämonischen Täuschung erliegen und umkommen. In
unserer Zeit geschieht dies alles nicht auf grelle Weise (ich meine
nicht das offensichtliche Böse), ·aber es geschieht, und die
Mehrzahl der Entsagung übenden Menschen lebt zeitweise oder
ständig im "Wahn". Es ist dies eine recht subtile Angelegenheit ...
Den Erfolg des geistlichen Lebens mißt man nicht an den
geistlichen Tröstungen, die auch vom Bösen stammen können,
sondern an der Tiefe der Demut.

8 Heiliger, lebte 40 Jahre als Eremit auf dem Sinai. Verfasser von
Anweisungen für Mönche zum Kampf gegen die Versuchungen, starb um
649· Sein Werk wurde im 19. Jahrhundert in Rußland vom slawophilen Denker
I. W. Kirejewskij verbreitet und kommentiert.
http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder