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Liebe . . . !

Ich habe Ihren Brief mit der Nachricht von L.s Krankheit erhalten.
Sie, L., geht mir nicht aus dem Sinn. Zwar müssen wir alle, die
Großen und die Kleinen, diese Welt unweigerlich verlassen. Wenn
dies jedoch einem uns nahestehenden lieben Menschen
bevorsteht, protestieren wir unwillkürlich aus ganzer Seele
dagegen. In jedem Menschen ist das Bewußtsein seiner
Unsterblichkeit tief verankert.
Er ist auch tatsächlich unsterblich, und in dem, was wir den Tod
nennen, steckt ein neues Geborenwerden in eine andere Welt, ein
Übergang von einem Zustand in einen anderen - letzterer ist für
die Mehrzahl zweifellos besser, unendlich besser. Deshalb sollte
man beim Herannahen des Todes auch nicht betrübt sein, sondern
sich eher freuen. Doch entweder glauben wir zuwenig an das
zukünftige Leben oder fürchten uns davor, und zudem hält uns
unser hiesiges Leben hartnäkkig zurück. Vom geistlichen
Standpunkt aus müßte man sich über L. freuen:
Der Herr gibt ihr Gelegenheit, sich auf das zukünftige Leben
vorzubereiten. Doch gleichzeitig wird man auch von Angst
gepackt: Wird sie auch nicht murren? Wird sie auch nicht
kleinmütig werden? Wenn sie nur demütig wird, sich mit ganzem
Herzen Gott zuwendet, alle ihre Verfehlungen aufrichtig bereut
und gläubig und andachtsvoll die heiligen Sakramente empfängt.
Dann würde ihr der Tod zur Freude, zur neuen Geburt, zum
übergang zu denen, die sie ganz stark lieben und erwarten, um sie
mit der vollkommenen Freude zu erfüllen, die nie ein Ende nimmt
und die "das Auge nie geschaut, das Ohr nie gehört und das Herz
nie erfahren" hat.
Richten Sie L. mein tiefes Mitgefühl aus und meinen großen
Wunsch, sie möge ihre Trauer überwinden und leicht und freudig
ins zukünftige Leben eingehen, welches unsere wahre Heimat ist,
die seit der Erschaffung der Welt für uns bereitsteht, und wo der
Mensch dem Engel gleich wird, wo sein Antlitz "wie die Sonne"
erstrahlt. Richten Sie ihr auch folgendes aus: daß sie mir, ohne
mich zu kennen, über manche Jahre hinweg Liebe
entgegengebracht hat, werde ich nie vergessen, ob sie nun noch
lange zu leben hat oder bald stirbt. Oh, wäre ich verwegen genug
zu sagen, daß meine Seele immerdar bei ihr sein wird, hier und im
zukünftigen Leben!
Blicken Sie L. mit aller Liebe, die Sie zu ihr empfinden, in die
Augen, streichen Sie ihr übers Haar und übers Gesicht und küssen
sie ihr tausendmal die Hände – als Gruß von mir. Gott ist bei uns!
Wenn ein Mensch einen anderen lieben und bedauern kann, wie
groß ist dann die Liebe Gottes zu uns, die ihn für unsere Erlösung
ans Kreuz gebracht hat. Möge sich L. deshalb nicht fürchten,
sondern auf Gottes grenzenlose Liebe hoffen. Möge sie ihr
Christsein rechtfertigen und Liebe dem Gott entgegenbringen, der
auch für sie schreckliche Qualen und Beleidigungen, ja den
Kreuzestod erlitten hat. Dann wird die himmlische Liebe die
irdische Liebe zu ihrer Tochter machen, zur Teilhaberinam Ruhm
und an der Seligkeit des göttlichen Lebens. Seine Liebe zu Gott
unter Beweis stellen muß man, indem man die Trauer über das
Abschiednehmen von dieer Welt erduldet und die Krankheit ohne
Murren auf sich nimmt; so hat man Anteil an den Leiden Christi:
"Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht
werden."

Ich wiederhole es: L., meine Seele ist mit Ihnen, sie wünscht Ihnen
ganz fest, was oben beschrieben ist. Dulden Sie, ohne zu murren.
Wenn der Glaube schwindet, sprechen Sie die Worte: "Herr, ich will
glauben, ich will eine richtige Christin sein; Herr, hilf meinem
Unglauben! ", und Gott wird Sie nicht im Stich lassen!

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder