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Lieber ... !

Gott wünschte in seiner Gnade, sich mit vernunftbegabten, freien


Wesen zu umgeben, die seiner Herrlichkeit, seines Lebens und
seines Wesens teilhaftig werden könnten. Dazu schuf er die Welt
der Engel und später den Menschen. Ein Teil der Engel
mißbrauchten ihre Freiheit, wiesen die Einheit mit Gott zurück, ja
widersetzten sich ihm und verfielen dem Stolz. Diese Engel lösten
sich freiwillig aus dem göttlichen Leben heraus wurden aus dem
Himmel verstoßen und dazu verurteilt,' am Boden zu kriechen, fern
von Gott, und in ihren Leidenschaften zu vermodern, ja sich von
ihnen zu ernähren, wie Gott zur Schlange sprach: "Du sollst Erde
essen dein Leben lang" (Gen 3,14).
Auch der Mensch fiel, aber nicht so wie die früheren Engel. Schon
vor der Erschaffung des Menschen sah der Herr voraus, daß dieser
nicht imstande sein würde , Gott immerdar treu zu bleiben und
Gottes Gaben voll und ganz anzuerkennen, als da sind das Leben,
die menschlichen Eigenschaften, die Seligkeit des Paradieses. Um
diese Gaben zu würdigen, den Herrn aus ganzem Herzen und aus
ganzer Seele, mit all seinen Sinnen und Kräften zu lieben, muß der
Mensch einen besonderen Weg gehen, auf welchem er das Böse,
die Leiden und den Tod bis zur Neige erfahren kann und so
begreifen lernt, dass er fern von Gott stets leiden wird und daß
seine Seligkeit in der Gemeinschaft mit Gott und in der Liebe zu
ihm besteht. Weiter muß der Mensch die Erfahrung machen, daß er
aus eigener Kraft die Gemeinschaft mit Gott nicht wieder
herzustellen vermag. Dies ist nur möglich, wenn er sich von jedem
Makel des Leibes und des Geistes läutert; die Erfahrung der
Jahrtausende indes hat gezeigt, daß niemand sich selbst läutern
kann. Der Mensch, der seinen eigenen Kräften überlassen wird,
muß sein irdisches Leben fern von Gott verbringen und wird auch
nach seinem Tode von Gott getrennt, in der Hölle, sein.
Als die Menschheit dies vollständig begriffen hatte, vollbrachte
Gott eine Tat, die den Himmel (die Welt der Engel) und die Erde
(das ganze sichtbare Universum) erbeben ließ. "Für uns Menschen
und um unseres Heils willen" (Credo) ist der Herr selbst vom
Himmel herabgestiegen, hat Fleisch angenommen durch den
Heiligen Geist und aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch
geworden. Freiwillig hat er Verfolgung, Bespuckung und den
Kreuzestod auf sich genommen, um den Menschen zu erlösen. Er
vereinigte die Menschen mit sich und erlitt all das, was ein jeder
von uns erleiden muß, um die Gemeinschaft mit Gott
wiederherzustellen. Darin trat Gottes unermeßliche Liebe so
zutage, daß sie auch das verstockteste Herz erweichte und zu sich
rief.
Um erlöst zu werden, muß der Mensch in seinem Erdenleben fest
an den Herrn glauben, seine Sündhaftigkeit erkennen, sich zum
Herrn hinwenden, auf dessen Liebe mit seiner Liebe antworten und
diese Liebe mit einem Leben nach dem göttlichen Wort bezeugen.
Auch muß er unfähig werden, seinen freien Willen gegen Gott zu
richten, und zwar nicht aus Unterdrückung des freien Willens und
wegen äußerer Umstände, sondern aus Hingabe, Liebe und
Dankbarkeit zu Gott.
Wenn es auch irgendwelche anderen Wege zur Erlösung des
Menschen gibt, worauf etliche heilige Kirchenväter mit der
Begründung hinweisen, Gott sei allmächtig und könne uns auf
verschiedene Weise retten, soll man aus Gottes Eigenschaften
meiner Ansicht nach doch schließen, daß der von ihm gewählte
Weg der beste und der kürzeste ist.
Das "Ich" des Menschen, seine Persönlichkeit erkennt seine
Existenz, erkennt sich als der Mittelpunkt von allem und stellt sich
als Subjekt allem, was außerhalb liegt - dem Objekt -, gegenüber.
Dabei ist das Objekt nicht nur das ganze Weltall, sondern auch
Gott. Daher die ständige Versuchung, sich zu erhöhen, alles
"Objektive" und - schrecklich zu sagen - auch Gott zu unterwerfen
und ihn sich gleichsam als Verlängerung des eigenen Ich untertan
zu machen. Und je mehr Begabungen jemand an sich wahrnimmt,
desto leichter gleitet er auf diesen Weg ab. Dabei ist ihm der
Teufel der sich Gott und den Menschen endgültig zu Feinde
gemacht hat, behilflich.
So mußte denn der Herr einen solchen Weg für die Menschen
wählen, daß sie im Jenseits nicht dem Stolz verfielen wie der
Teufel, sondern bewußt Gott liebten und sich ihm endgültig, auf
alle Zeiten und ohne Möglichkeit des Abfallens unterwürfen.
Und da die dem Stolz entgegengesetzte seelische Eigenschaft die
Demut ist, schätzen auch die Heilige Schrift und die Mutter Gottes
und die heiligen Kirchenväter die Demut so hoch. Ohne Demut hilft
dem Menschen keine Glaubenstat, kann er doch stets dem Stolz
verfallen und von Gott abfallen.
Den Menschen verbindet auch die Liebe mit Gott, aber ohne
Demut kann es auch keine Liebe geben.

1. Versucht der Mensch rein verstandesmäßig zu verstehen,


warum Gott zur Erlösung der Menschheit den Weg der
Menschwerdung Jesu Christi gewählt hat, wird er unschlüssig und
neigt zur Annahme, Gott könne uns auch auf andere Weise
erlösen, ja uns einfach unsere Sünden vergeben und uns ins
Paradies führen: Darauf gibt der Apostel Paulus eine Antwort: "Die
göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind" (I Kor 1,25;
vgl. auch 1 Kor 1,18). Der Mensch soll also das Geheimnis der
Menschwerdung von Gottes Sohn glaubensmäßig und demutsvoll
akzeptieren und sich eingestehen, daß dieses Mittel zur Erlösung
notwendig, ja das beste ist.
2. Wäre nicht der Herr selbst Mensch geworden und hätte er nicht
für uns gelitten, wären wir gar nicht zur Erkenntnis von Gottes
Liebe zum Menschen gelangt. Schwere Leiden - eigene oder der
Mitmenschen -, besonders starke Manifestationen des Bösen,
Grausamkeit und Lüge in der Welt: dies alles vermag der Mensch
irgendwie zu ertragen, sich damit abzufinden, ohne "dem Herrgott
das Eintrittsbillett in die Welt", wie Iwan Karamasow sich
ausdrückt, zurückzugeben. Hat nicht Gott selbst, der Schöpfer der
ganzen Welt, für die Vernichtung des Bösen und zur zwanglosen
Hinführung der Menschen zum Reich des Guten und der Liebe
gelitten?
3. Wenn der Mensch die ganze Tiefe des Falls schaut, den die
Menschheit und er selbst getan, wenn er seine Nichtigkeit und
seine seelische Gesetzlosigkeit erkennt, seine völlige Unwürdigkeit,
am Gottesreich teilzuhaben; wenn er sich auch seine Schwäche
eingesteht und die Unmöglichkeit, von allein diesem Zustand zu
entrinnen (selbst bei einem Neubeginn seines Lebens); wenn er
schließlich darob völlig verzweifelt und in eine Hoffnungslosigkeit
gerät, welche die alten Heiden und die heutigen Atheisten in den
Selbstmord oder zur Gotteslästerung trieb und treibt, dann ist der
Ausweg aus dieser Lage der Glaube an Gott. Gott, der zur Erde
herabgestiegen und zum Lamm geworden ist, das hinwegnimmt
die Sünden, die Greuel und die Fäulnis der Welt. Der Glaube, daß
Gott keinen von denen, die sich mit zerknirschtem Herzen an ihn
wenden, wegen seiner Sünden wegweist, sondern ihn läutert,
wiederherstellt und zu sich nimmt, daß er alle Sünden durch seine
Liebe verdeckt und sie vergessen macht - dieser Glaube erhebt
jeden großen Sünder zur Würde von Gottes Kindern.

Wären nicht die Menschwerdung und die Leiden des Erlösers


gewesen, wie hätten wir an die Möglichkeit einer solchen Liebe
Gottes zu uns Menschen glauben können? Nein, wir hätten dies
nicht gekonnt und wären der Verzweiflung verfallen, vielleicht auch
dem Bösen, und wären zu Feinden des Guten und Gottes geworden
wie Satan. Nur die Menschwerdung und das Kreuz von Gottes Sohn
können die Menschen erlösen und nicht irgendwelche anderen
Mittel. Die Gewalt des Bösen müssen wir erfahrungsgemäß in uns
und in der Welt erkennen, um Gottes Opfer ganz zu erfassen und
seine Notwendigkeit für die Erlösung des Menschen anzuerkennen.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder