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Lieber ... !

... Der hl. Isaak der Syrer schreibt in seiner zweiten Homilie:
Versuche in deine innere Kammer zu gelangen, und du wirst die
himmlische Kammer erblicken, "denn die beiden sind identisch, und
wenn du die eine betrittst, siehst du beide. Die Leiter des
himmlischen Reichs ist in dir, versteckt in deiner Seele. Vertiefe
dich in dich selbst, und du wirst dort die Sprossen finden, auf
denen du aufsteigen kannst."
Der Herr hat gesagt: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch" (Lk
17,21). Deshalb schreiben die heiligen Kirchenväter allen so
eindringlich vor, nach Möglichkeit unablässig das Jesusgebet zu
sprechen. Durch dieses nämlich gelangt der Mensch zu sich selbst.
Ich schreibe darüber deswegen jetzt, weil es während der langen
Gottesdienste, gerade in den Großen Fasten, besonders bequem
und leicht ist, das Jesusgebet zu praktizieren, und zwar über
längere Zeit. Ich rate Dir dringend, die Ratschläge der heiligen
Kirchenväter nicht in den Wind zu schlagen. Auf jede erdenkliche
Weise will uns der Teufel von diesem Gebet abhalten. Man muß das
wissen, sich dagegen zur Wehr setzen und sich zu diesem
wundervollen Gebet zwingen.

Der Herr hat uns gezeigt, wie wir schon hier auf Erden den Weg in
sein Reich einschlagen können; wir aber suchen klägliche Brosamen
der Wahrheit in Wissenschaft, Philosophie und wo sonst noch
immer, anstatt der Wahrheit selbst nachzugehen, im Evangelium
und bei den heiligen Kirchenvätern, die das Evangelium in ihrem
Glaubensleben verwirklicht haben. Wie jämmerlich sind wir -
verdammen uns selbst zu einer unglücklichen, halbtierischen
Existenz und machen dazu noch die Mitmenschen für unsere
Probleme verantwortlich. Nach unseren Taten werden wir
empfangen.
... Wie steht es mit der Gesundheit von Vater Pitirim? Gott liebt
ihn sichtlich, da er ihm Leiden schickt, ohne die heute niemand
erlöst werden kann. Wenn er nur nicht dagegen aufbegehrt ...
Ich will Dir noch etwas sagen, was mir eben wieder in den Sinn
gekommen ist: Wenn Du in den Vorlesungen sitzest, nicht zuhören
magst und auch nichts anderes tun kannst, willst Du da nicht das
Jesusgebet "üben"?
Dieser Ausdruck wird sehr oft verwendet, doch er beweist, daß die
betreffenden Leute nicht wissen, was das Gebet ist. Nicht "üben"
sollen wir ein Gebet – warum denn nicht gleich von "Training"
sprechen -, sondern uns mit größter Ehrfurcht vor Gott hinstellen
und den Namen Gottes im Bewußtsein unserer völligen
Unwürdigkeit aussprechen und in der Hingabe an seine Gnade und
sein Erbarmen aufmerksam und ehrfürchtig die Worte des Gebetes
aufsagen.
Das rechte Gebet wird dem Herzen sehr rasch zeigen, wie man zu
beten hat ... Uns ist ja das Gebot gegeben:
"Betet ohne Unterlaß" (1 Thess 5, 17). Durch das Gebet hebt sich
der Mensch gleichsam von der Erde ab; er wird für alles kriechende
Getier unerreichbar und frei wie ein Vogel, dem der Käfig aufgetan
wird. Das meinen die heiligen Kirchenväter, wenn sie sagen: "Löse
dich von der Erde."
Wir aber haben uns im Gegenteil von Gott gelöst und uns an die
Erde gebunden; wir kriechen auf ihr herum und ernähren uns von
Staub, d. h. von den Leidenschaften, und quälen uns selbst und
unsere Mitmenschen.
Wir gehen im Schein unseres eigenen Feuerchens und schirmen
uns vor dem Licht Gottes ab. Der Teufel versprach Jesus Christus
alle Reiche der Welt, wenn er sich Ihm beuge, bei uns aber braucht
es nur ein Linsengericht (vgl. 1 Mos 25,27-34)' und schon
verbeugen wir uns und dienen mit Übereifer, ohne dies zu
bemerken. So erblindet die Seele an der Eitelkeit des Lebens.
Gedenken wir wieder der Worte: "Hütet euch, daß eure Herzen
nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen
der Nahrung" (Lk 21,34). ( ... )
Verzeihe die ungefragten Ratschläge. Vielleicht bleibt etwas davon
hängen, und ich erleichtere dadurch meine Seele - doch rede ich
nur und tue nicht, was ich tun muß.
Weh mir!

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder