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Grüß' Dich, ... !

Deine Briefe habe ich erhalten. Ich will kurz auf einige Stellen
eingehen.
"Der Mensch kann das Gute aus eigener Kraft nicht tun, und zwar
nicht deswegen, weil er ein gefallenes Wesen ist, sondern wegen
seiner ihm in der Schöpfung verliehenen Natur." Woher hast Du
diesen unsinnigen Gedanken! Ihn kann ein Christ tatsächlich nur
äußern, wenn er nicht normal ist. Was hätte es dann für einen Sinn
gehabt, Gebote zu erlassen? Das Gute ist ja die Erfüllung der
göttlichen Gebote. Wie kann die Erfüllung der Gebote zur
Bedingung des Heils gemacht werden, wenn der Mensch von seiner
Natur her außerstande wäre, sie zu befolgen?
Vor dem Sündenfall war der Mensch frei, das Gute zu wählen und
zu tun, nachher wurde er zum Sklaven der Sünde. Der hl. Symeon
der Neue Theologe 26 sagt, der Mensch habe mit dem Sündenfall
die Freiheit verloren, das Gute zu tun, und geblieben sei nur die
Freiheit, das Gute zu wählen, es vorzuziehen, es zu wollen. Um es
zu tun, muß sich der Mensch im Gebet an Gott wenden, auf daß er
uns die Kraft gebe, das Gute zu vollbringen, das wir wollen. Der hl.
Isaak der Syrer sagt dasselbe.
Das Ungenügen in der Erfüllung der Gebote wird durch die
Zerknirschung des Herzens wettgemacht.
Ich erdreiste mich zu sagen, daß die Zerknirschung und das Weinen
des Herzens über die Übertretungen der Gebote wertvoller sind als
deren Erfüllung aus eigenem Willen. Letztere nämlich führt zum
Stolz, wodurch das Gute wieder zunichte gemacht wird. Die
Zerknirschung des Herzens dagegen ersetzt (durch Gottes Gnade)
die guten Werke und hält den Menschen in Demut, ohne die alle
guten Werke eitel, ja verderblich sind.

26 Byzantinischer Heiliger, Mystiker und geistlicher Schriftsteller


1949-1022).
Du fragst mich, ob folgender Gedanke des Bischofs Theophan wahr
sei: "Die Gnade wirkt nur auf den Verstand und auf die Gefühle ein,
den Willen des Menschen aber läßt sie unangetastet." 27
Es gilt allgemein, daß der Herr (die Gnade an sich) dem Willen des
Menschen keine Gewalt antut. Das erzwungene Gute ist nicht das
Gute. In diesem Sinne scheint der Gedanke des Bischofs Theophan
richtig. An der Hypothese aber, die Gnade wirke nur auf den
Verstand und die Gefühle ein, und dies geschehe zur Rettung des
Menschen, um ihm das Auffinden der Wahrheit und des Heils zu
erleichtern, sind einige Abstriche zu machen.
Die menschliche Seele besteht ja nicht aus einzelnen, voneinander
unabhängigen Bestandteilen - Verstand, Gefühl, Wille usw. -,
sondern sie bildet eine wesensmäßige Einheit. Die Läuterung oder
die Erleuchtung von Verstand und Herzen wird auch gnadenvoll auf
die ganze Seele, folglich auch auf den Willen, einwirken. Hilft der
Verstand der Asketen, der die Wahrheit und die Folgen der Sünden
klar erkennt, und hilft das Herz, das zu Gott strebt, etwa nicht der
Seele, den Weg des Heils, den Weg zu Gott, zu finden? Und wer
den Weg ablehnt, der zur Finsternis, zum Bösen und ins Verderben
führt, erfährt eine indirekte Einwirkung auf seinen Willen. Man kann
das oben Gesagte wiederholen: Wenn der
Mensch das Gute sieht und auf dem Pfade des Heils wandeln will,
muß er dazu Gott um Hilfe bitten, das Gewollte tun und das, was
er nicht hat tun können, durch Zerknirschung "ergänzen". übrigens
verwenden wir die Begriffe "Zerknirschung des Herzens", "Weinen
des Herzens", wissen jedoch kaum oder zuwenig, was sie bedeuten
und welches ihre Wirkung ist. So ist es auch in anderen Fällen: Wir
gebrauchen Wörter, deren Kraft wir nicht erahnen ...
Hier ist alles beim alten. Wir warten. Bleibe gesund.
Der Herr lenke Dich zu allem Guten!

27 Gemeint ist wohl der russische Bischof Theophan IG. W. Goworowl,


genannt "der Einsiedler", Autor asketischer und exegetischer Schriften. Starb
1894.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder