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Psychiat. Prax. 15 (1988) 192-201


© Georg Thieme Verlag Stuttgart • New York

Über die „Sexualatrophie" psychiatrischer Patienten -


Ein essayistischer Überblick

U. Kobbe, Lippstadt

das Manuskript zurückziehen ließ, ihm sozusagen Redeverbot


Concerning "sexual atrophy" of psychiatric inpatients.
auferlegte. Weiter wird das Tabu in einer Übersicht über die ein-
Essaying a survey schlägigen psychiatrischen und psychosozialen Zeitschriften
deutlich, in denen Sexualität psychiatrischer Patienten z. B.
Sexuality of psychiatric inpatients is scarcely noticed and so
rather negated. The therapeutic discourse remains scanty and
weder in der Zeitschrift ,Sexualmedizin' noch in den ,Sozial-
contradictory. This article tries a survey of the literature äs well äs psychiatrischen Informationen' noch in der psychiatrischen
of the topics in the field of lust, sexuality, of the destinies of drives, Praxis' oder anderen Fachzeitschriften behandelt wird. Eben-
and instinct disturbances of mental ill inpatients. sowenig waren die von mir angeschriebenen Weiterbildungs-
stätten für Fachkrankenpflege in der Psychiatrie in der Lage,
Zusammenfassung praxisnahe oder überhaupt Literatur zum Thema ,Sexualität in
der Unterbringung' zu übersenden, doch dokumentierten sie
Die Sexualität psychiatrischer Patienten wird in der stationären ausnahmslos in ihren Antwortschreiben ein geradezu vehe-
Behandlung kaum beachtet, vielmehr negiert. Der therapeuti-
sche Diskurs bleibt entprechend spärlich und widersprüchlich.
mentes Interesse an der Übersendung von Literaturangaben zu
Dieser Artikel soll eine Übersicht über die Literatur wie über die diesem Thema.
Themenstellungen im Bereich der Lust, Sexualität, der Trieb-
schicksale und Triebstörungen hospitalisierter psychisch
Kranker geben.
Psychiatrie und Sexualität
Sigusch(\910) stellte zum Verhältnis von Medizin und Sexuali-
tät folgende Thesen auf:
„These I: Die Medizingeschichte ist zugleich eine Geschichte des
Kampfes gegen Sexualität.
„Michel Foucault: Auf lange Sicht, in einer langen Zeitfolge, ist die Her- These II: Die Medizin begreift Sexualität am ehesten als Krankheit,
ausbildung des Diskurses über die Sexualität - die Erhebung der Sexua- Abnormität, Perversion und Kriminalität.
lität zum Diskurs - unverkennbar, allerdings in einer Zickzackbewe- These III: Für die Medizin hat ,gesunde' Sexualität vor allem eine re-
gung." produktive Funktion.
„Jean Pierre Faye: Der andere Aspekt ist, daß in den geheimen Be- These IV: Die Medizin ignoriert die Lustfunktion von Sexualität.
schreibungen der psychiatrischen und rein polizeilichen Institutionen These V: Die Medizin will Anpassung und Beseitigung, nicht Emanzi-
der Einschließung (.. .) das nämliche Schweigen über Phänomene der pation und Sensibilisierung von Sexualität.
Sexualität herrscht." (Cooperu. a. 1979, S. 87). These VI: Die Sexualmoral der Medizin ist traditionell-oppressiv.
These VII: Sexualforschung ist im Bereich der Medizin unerwünscht;
es gibt noch keine Sexualmedizin."
Einleitung Lautmann (1987a) greift diese Thesen implizit auf und bestä-
Wie die beiden Zitate von Foucault und Faye bereits erkennen tigt, daß das Phänomen des Diskurses über Sexualität nicht
lassen, ist die gesellschaftliche Thematisierung der Sexualität mehr Redeverbote, d. h. Tabus bez. einer Kultivierung der Se-
durchaus widersprüchlich (Lautmann 1987a): Zum einen gibt xualreflexion betrifft, sondern daß vielmehr Denkverzerrun-
es in der Tat eine sog. Explosion des Diskurses, eine übersexua- gen als irrationale Art der Sichtweisen und Deutungsmuster,
lisierte Alltagskommunikation, doch ist dieses Phänomen „vor mit denen wir Sexualität begegnen, die Kommunikation be-
allem eines der Quantität und keines der Qualität des Redeflus- herrschen. Er formuliert sozusagen eine These VIII: „Sexuali-
ses", so daß seine Inhalte keineswegs explosiv wirken. Als ein- tät ist als gesellschaftliches Thema nicht autonom; Diskurs und
heitliche Tendenz dieses Diskurses erscheint nach Lautmann Praxis gehen getrennte Wege; jegliche Thematisierung steht im
das Interesse an Grenzphänomenen, am auffälligen und ab- Schatten eines Pornographieverdachts; der Gegenstand wird
weichenden Verhalten, so daß Sexualität in den einzelnen Le- offiziell in die Privatsphäre abgeschoben." (S. 23).
bensbereichen bzw. Kommunikationsfeldern äußerst unter-
schiedlich thematisiert wird. - Der Diskurs über die Sexualität Die (sozial-) psychiatrische Literatur
psychiatrischer Patienten ist spärlich, wird zumindest nicht
offen geführt, vielmehr verschwiegen und vom Thema her ta- So gibt es zwar sog. grundlegende kritische und - seinerzeit -
buisiert: Sie findet einfach nicht statt. Als Beispiel mag die avantgardistische Bücher über Zustände in der Psychiatrie
Aussage eines Analytikers dienen, den ich auf der Suche nach ebenso wie über Hospitalisierungseffekte, doch berichten
ergänzender Literatur angeschrieben hatte; er konnte mir weder Klee(\978) im Psychiatrie-Report noch Finzen(\974) in
seinen Buchartikel zur ,Sexualität hinter verschlossenen seinem Klassiker über Hospitalisierungsschäden über die Se-
Türen' nicht übersenden, weil der Leiter der Einrichtung, in der xualatrophie der stationären Psychiatriepatienten, hangeln
er seine Beobachtungen gemacht und Daten erhoben hatte, ihn sich Dörner(\915, S. 125-136) in den ,Diagnosen der Psychia-
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trie' und Jen« (1978) an den Theorien Wilhelm Reichs über Eros, Lust und Sexualität
sexuelle Repression und Befreiung entlang, ohne jedoch sub-
Und dennoch ist gerade diese Vermeidung, Auslassung oder
stanziell Greifbares anzubieten oder abzuleiten. Dieser sexua- Negation in Verbindung mit der - meist unausgesprochenen -
litätsliberalisierende Ansatz entspricht wahrscheinlich dem, Unterdrückung gelebter Sexualität in der Psychiatrischen
was Rosenkranz (1985) über die Auswirkungen des Kinsey-
Klinik ein Paradoxon, wenn man bedenkt, daß es meist bezie-
Reports schreibt: Die Politisch-emanzipatorischen „sahen
hungsgestörte Menschen sind, die stationär aufgenommen
dagegen die Chance, die bis in die 30er Jahre zurückreichende werden, und daß intime oder sexuelle Beziehungen ein wesent-
Sexpol-Diskussion wiederzubeleben und schrittweise umzu-
licher Aspekt des gesunden oder sog. normalen Rapports zu
setzen. Deren Hauptvertreter, Wilhelm Reich, hatte aus der
dem anderen oder zu mir selbst sind. Denn in welcher Form exi-
Analyse gesellschaftliche Herrschaft eine direkte Abhängig-
stiert Sexualität im Psychiatrischen Krankenhaus? Im allge-
keit zwischen politisch sozialer und sexueller Unterdrückung
meinen schlägt sich die Sprachlosigkeit der Therapeuten in ent-
abgeleitet. Ohne die Aufhebung der allgemeinen Unterdrük-
sprechenden sexualvermeidenden Anamnesen und Einträgen
kung, so folgerte Reich, könne es auch eine Befreiung des Sexu-
nieder, obwohl und weil gerade Sprache deren Ausdrucksform
ellen nicht geben." (S. 44). Liest man dann jedoch Bemerkun-
ist. Die Ausdrucksformen der Patienten sind: Spindfotos, Por-
gen zur Sexualökonomie (s. z. B. Reich 1975), so bleibt nichts
nographische Videos und Tonbänder, Witze, drastische/ag-
ernsthaft Umzusetzendes für Therapeuten und/oder psychia-
gressive/abwertende Äußerungen, eindeutige Handbewe-
trische Patienten, es sei denn, man wolle 'Politik mit Patienten'
gungen, Schweigen (vgl. Kobbe und Nowara\986). Selbstver-
älaSPK( 1972) betreiben.
ständlich gibt es Sexualität in der Psychiatrie dann auch noch
Lediglich der Klassiker über den ,Alltag in der Anstalt' des Au-
als (akademisches) Fortbildungsthema (Kobbe 1987).
torenpaares Fengler (1980) gibt differenzierter, aber nur kurz
Immerhin ist ja bemerkenswert, daß die Institution Psychiatrie
den Umgang mit Antikonzeptiva (S. 43) und das Problem sexu- und so auch ihre Mitarbeiter einen inneren Widerstand gegen
eller „Unmoral" um Prostitution weiblicher Patienten (S. 44) die sexuelle Selbständigkeit vom Patienten entfalten, obwohl das
preis; auch Goffman (1973) macht in seinem Standardwerk
Ziel der Behandlung doch größtmögliche psychische Selbstän-
über ,Asyle und andere totale Institutionen' nur verstreute Aus- digkeit ist. Zu dieser Ich-Autonomie gehören ganz wesentlich
sagen über die dortigen Einschränkungen der sexuellen Selbst- der selbstbewußte Umgang mit den eigenen Trieben und Im-
bestimmung, die sexuelle Doppelmoral, das institutionelle re- pulsen,
pressive Arrangement und die soziale Kontrolle durch die die Freud (1920, 1932) als die Grundtriebe Sexualität und Ag-
Anstalt (S. 33,41,65,73,121,163,265; s. a. Goffman (197 5). gression definiert (s. a. Morgenthaler 1985),
Ansätze zur Aufdeckung der sexuellen Ordnungsfunktion der die Lorenz (1963) als Sexualität, Hunger, Angst, Aggression
staatlichen Fürsorge macht Aich (1973) in seinen Sozialbiogra- und Sozial- und Gruppeninstinkt auflistet und
phien aus Behördenakten: „Die Bediensteten handeln in der
die Mas70H'(1954) in der Hierarchie von Sicherheit, Liebe, An-
Überzeugung, durch ihre Bemühungen den Kindern zu lehren,
erkennung und Selbstverwirklichung beschreibt (vgl. Redlich
ihre ,Triebhaftigkeit' unter Kontrolle zu halten. Sie übersehen, und Freedman 1970, S. 142-143).
daß sie eigentlich nicht im Interesse dieser Mädchen handeln, Wesentlich erscheint hierbei die begriffliche Trennung von
sondern im Interesse derer, die Sexualität tabuisiert haben. „Sexuell" und „Genital": Sexualität bezieht sich somit auf ein
Zwischen der Unterdrückung der Sexualität und der allgemei- sexuelles Erleben in seinem weiten Sinne, auf Befriedigung
nen Unterdrückung besteht ein Zusammenhang" (S. 307). Pa- und Lusterlebnisse also, die mit den Genitalien nicht unbedingt
radoxerweise sparen dann aber Brim und Wheeler (1974) in etwas zu tun haben, die Funktionen der Lustgewinnung aus
ihren Aufsätzen zur Erwachsenen-Sozialisation (in Schulen,
Körperzonen umfassen, die nicht direkt oder nur sekundär im
Gefängnissen und Heilanstalten) das Thema Sexualität voll- Dienste der Fortpflanzung stehen. Tiefenpsychologisch be-
kommen aus, negieren es als „Sozialisationsinhalt", wogegen trachtet ist Eros als Lebenstrieb Sexualität und diese in ihrer ur-
Mannoni (\973) sich mehrfach auf den Bereich und die Funk- sprünglichen Funktion „Lustgewinnung aus Körperzonen",
tion der Sexualrepression in der Psychiatrie bezieht. Schelsky Lustgewinnung, die erst „nachträglich in den Dienst der Fort-
(1965) verwundert mit der - unbelegten - Aussage, die psycho- pflanzung gestellt wird" (Freud 1938, S. 75). Marcuse (1980)
logische und psychiatrische Literatur nehme zur Rolle der Se- ergänzt zum Spannungsbogen sexuellen Lust- und gesell-
xualität „vom Standpunkt der psychologisch-aufklärerischen schaftlichen Realitätsprinzips, daß dieses Lustprinzip gesell-
Anthropologie aus" Stellung (S. 66), es sei denn, erbeziehe sich schaftsunfähig sei und als späte Leistung des Realitätsprinzips
unwissentlich auf den Trend des von Wendt (1982) formulier- zum Primat der genitalen Sexualität und der Reproduktion und
ten ,Abgesangs auf die sexuelle Freiheit', demzufolge die dann zur Reproduktion in den monogamen Ehe werde. „Ur-
moderne und liberale Sexualwissenschaft kaum etwas anderes sprünglich ist der Organismus in seiner Ganzheit und in allen
darstellt „als die Wiederauflage von traditionellen Ideologie- seinen Bestätigungen und Beziehungen potentielles Feld der
von-Sex-als-Fortpflanzung-und-Vermehrung" (S. 30). Sexualität, vom Lustprinzip beherrscht. Und gerade deswegen
Das einzige, Sexualität in der Psychiatrie wirklich und ebenso muß er desexualisiert werden, um sich in lustvoller Arbeit bestä-
gründlich wie kritisch betrachtende Buch liegt von der Arbeits-
tigen, ja in ihr Leben zu können" (S. 15). Entsprechend bedeutet
gemeinschaft Sozialpsychiatrischer Arbeitskreise (AG Spak
Ich-Autonomie diesbezüglich Freiheit von der Notwendigkeit
1982) vor und untersucht die,Frage der Sexualität' in einer Dia-
der Triebbefriedigung und zugleich Freiheit zur Entsagung
konischen Einrichtung ebenso wie in der Psychiatrica Demo- und damit zum gesellschaftlich akzeptierten Genuß.
kratica und in Anthroposophischen Einrichtungen. In diesem semantischen Sumpf versucht Offit (1985) eine vielseitig-
Zur Sexualität und ihrer Beziehung zur Institution liegt von Andrau umfassende Beschreibung:
(1969) ein Artikel mit aufschlußreichen systemischen und dynami- „Sexualität ist das, was wir daraus machen: Eine teure oder billige
schen Überlegungen vor; pragmatischere Aussagen zum Spannungs- Ware, Mittel der Fortpflanzung, Abwehr der Einsamkeit, eine Kom-
feld individueller sexueller Bedürfnisse und institutioneller Vorgaben munikationsform, eine Waffe der Aggression (Herrschaft, Macht,
und Hindernisse finden sich z. B. bei Walter(\983), der sich auf geistig Strafe, Unterwerfung), ein Sport, Liebe, Kunst, Schönheit, ein idealer
Behinderte bezieht. Zustand, das Böse, das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung,
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Flucht, ein Grund der Selbstachtung, ein Ausdruck der Zuneigung, strukturierte Patienten u. U. das dreidimensional aufgemachte
eine Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Buch von Millerund Pelham (1984/1987) mit dem Titel ,The
Vereinigung mit dem All, mystische Ekstase, indirekter Todeswunsch Facts of Life'. Sinnvoll erscheint weiterhin die Arbeit mit dem
oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache,
eine Art menschliches Neuland zu erkunden, eine Technik, eine biolo- ,Handbuch zur Sexualerziehung' von Frickeu. a. (1983).
gische Funktion, Ausdruck psychischer Krankheit oder Gesundheit Beim Gespräch über Sexualität mit Patienten wie mit Mitarbei-
oder einfach eine sinnliche Erfahrung." tern kann es u. a. dazu kommen, daß deren Religiosität einer
derart offenen Thematisierung dieses intimen Lebensberei-
Innerhalb der Psychiatrischen Klinik ches Widerstand leistet. Derartige Bedenken sind ernstzuneh-
men und man muß sicher auf sie eingehen; andererseits ist Se-
In der Überschrift eines Referats (Kobbe 1987) ist von „hospita- xualität ein Lebensbereich, der alle Menschen betrifft, der
lisierter Lust" die Rede, was sich auf die obengenannte Arbeit nicht nur einfach der Reproduktion dient, sondern auch Lust,
von Sigusch(\910) zum Verhältnis von Medizin und Sexualität Freude, Vergnügen wie Zufriedenheit und Befriedigung berei-
bezieht. Er definiert, prinzipiell gehe es darum, „daß die tet. Wer versucht sexuelle Aktivität auf die Ehe, auf die
Medizin endlich nach den vielfältigen somatopsychischen, Zeugung von Kindern zu reduzieren, erbringt ähnliche Ab-
psychosozialen, sozio-ökonomischen und gesellschaftspoliti- wehrleistungen wie mancher Patient, den wir gerade deswegen
schen Bedingungen und Bezogenheiten von Sexualität fragt. in Behandlung haben (s. AG Spak 1982, S. 141, sowie Mannoni
Vielleicht werden dann immer mehr Ärzte begreifen, durch was 1973, S. 71). Somit erscheint es wenig sinnvoll, sich auf diese
Sexualität deformiert wird und wie man das verhindern kann, Selbstzensur, auf die (moralische) Schere im Kopf einzulassen,
wie es zu Störungen der sexuellen Exzitabilität, Orgasmusfä- erscheint es vielmehr sinnvoll, das sachliche - nicht empörte -
higkeit und überhaupt Reagibilität kommt, warum Menschen Gespräch mit dem anderen zu suchen. Eines läßt sich hierzu mit
an ihrer Sexualität leiden, warum Sexualität gerade auch mit Sicherheit sagen: Vorurteile kann man durch Aufklärung nicht
Freude, Lust, Spaß, Zärtlichkeit, Vergnügen, Sensibilität, Ent- abschaffen. Man wird vielmehr auch und gerade im Bereich
spannung, Befriedigung, Entlastung und Befriedigung zu tun von gelebter Sexualität Zeit und Geduld benötigen, um auf die
hat und haben muß" (S. 265); vgl. auch Lautmann (1987'a). Fixierungen und vorurteilsbelasteten Überzeugungen des
Im Bezug auf die obengenannte Ich-Autonomie jedoch stellt anderen einzugehen (s. Richter 1981).
das Krankenhaus Beziehungsfallen sowohl hinsichtlich der Bez. der klerikalen Zensurpraxis sei ergänzend hinzugefügt, daß das
Bedürfnisbefriedigung wie auch der Regression auf, verlangt Diakonische Werk der EKD die bisherige eigene Haltung wie folgt kor-
einerseits erwachsenes, autonomes Denken, Fühlen und Ver- rigiert: ,„Es hat lange gedauert, bis die Sexualität als integraler Bestand-
halten als explizites Therapieziel, verhindert dies jedoch impli- teil menschlichen Verhaltens angesehen wurde. Nun beginnen wir
zaghaft, auch Behinderten das Recht auf sexuelle Freuden und Emp-
zit durch Reglementierungen, um andererseits auf die hieraus findungen zuzugestehen, wenn es ihnen selbst und anderen nicht
sich ergebenden regressiven Tendenzen zwar permissiv zu rea- schadet.' oder: ,Es gibt keine hinreichenden Gründe, sexuelle Partner-
gieren, sie zugleich jedoch als Problem zu definieren (s. hierzu schaften von einverständlich handelnden Erwachsenen - unabhängig
Rohde 1975). Im Bereich von Lust, Sexualität, Partnerschaft von ihrem Reifegrad - abzulehnen, wenn Schutz gegen unerwünschte
und Liebe wird institutionell die Fähigkeit zu reifen und selbst- Schwangerschaften gewährleistet ist.' Von gesellschaftlichen Tabus ist
dergleichen Schrift ebenso die Rede wie davon, daß Masturbation eine
verantwortlichen Formen der Bedürfnisäußerung und -befrie- normale und unschädliche sexuelle Aktivität darstellt" (AG Spak 1982,
digung vertreten, intern dagegen jedoch der Patient auf Stadien S. 58). Zugleich skizziert jedoch Douce(Khah 1980) das Spannungsfeld
der Sexualität verwiesen, die nur noch Ersatzbefriedigungen von Kirche und Sexualität, besonders bez. sexueller Minderheiten, und
bieten können. konstatiert, daß diese auch ihrerseits die „PSY-Berufe" (Psychiater,
Das Problem der Institution und ihrer Mitarbeiter dürfte u. a. Psychologen, Psychotherapeuten usw.) nicht mögen. Abgesehen von
dem Verhältnis der PSY-Berufe zu den von ihnen diagnostizierten und
mit der aggressiven Seite ausgelebter Sexualität (vgl. Tordjman diskriminierten sexuellen Außenseitern legt Busch (l981 a, 1981b) eine
1982) im Zusammenhang stehen, mit dem Bedürfnis nach ausführliche Arbeit zum sexualmedizinischen Alltag vor, die im
Konfliktfreiheit in der Einrichtung und nach Einbezogensein zweiten Teil speziell auf die Veränderungsmöglichkeiten traditioneller
in die Gefühls- und Gedankenwelt des psychisch Kranken, der Vorstellungen über die sexuelle Beziehung (Sex, Treue, Ehe, Erwach-
sich u. a. emanzipatorisch der psychiatrischen Kontrolle ent- sene, Rollenspiel, Devianz, Gleichheit, Angstfreiheit) eingeht.
Interessant erscheinen in diesem Kontext die von Broderick
zieht.
(1970, S. 58-61) in Anlehnung an Kohlbergs Stufen der morali-
schen Entwicklung (Kohlberg 1984, Peltzer 1987) angestellten
Ansprechen von Sexualität? Überlegungen zur Übernahme der Sexualmoral. Auf der
Wenn sexuelle Bedürfnisse und sexuelle Potenz nun dennoch anderen Seite beschreibt jedoch Elliott (1976) die Gefahr der
ein „Thema" in der psychiatrischen Arbeit ist: Wer-bitteschön Vereinnahmung sexualtherapeutischer Ansätze durch die In-
- fühlt sich berufen und befähigt, mit den Patienten über deren stitution, so daß alte Normen und alte Ängste lediglich durch
Sexualität zu sprechen? Wer ist bereit, über sich selbst erst neue abgelöst werden, Tabus nur beseitigt werden, um der ex-
einmal diesbezüglich nachzudenken, um dann auf der Station zessiven Bewertung des Genitalkontakts Platz zu machen.
beispielsweise Sexualaufklärung zu betreiben oder über Emp-
fängnisverhütung zu sprechen (Molitor-Pfeffer 1983)? Aufklä- Über die (Ersatz-) Befriedigung
rung sowohl der eigenen Kollegen wie auch der Patienten ist mit
Sicherheit erforderlich und hierfür bleibt dem, der sich dieser Die Aufnahme im Krankenhaus und im psychiatrischen im be-
Thematik stellt, nur der Weg über konkrete - nicht abstrakte - sonderen, impliziert soziale Isolation und Diskriminierung,
Information. Daß Sexualaufklärung ein Thema bei psychiatri- eine Ausgrenzung aus der normalen sozialen Umgebung des
schen Patienten ist, auch bei solchen, die bereits Sexualerfah- einzelnen (vgl. Rohde 1975) und kann ja im Extremfall bei psy-
rung haben oder Eltern sind, belegt eine amerikanische Studie chiatrichen Erkrankungen nach geltendem deutschen Recht
von Abemethy(\974). Hinsichtlich der Besprechung von Ana- sogar ein Scheidungsgrund sein (Schmädel 1975 über die §§28-
73 BGB Beendigung der Ehe', Ehegesetz vom 20.2.1946). - So
tomie der Geschlechtsorgane und Sexualfunktionen gibt es
äußerst wenig brauchbare Literatur, empfiehlt sich für einfach sind Psychiatriepatienten sowohl aufgrund ihrer stigmatisie-
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renden Erkrankung wie auch wegen des Aufenthalts im Kran- (1987b). Zu Recht fragt ein anonymer Autor „Was ist, wie wirkt
kenhaus auf sich selbst verwiesen: Es ist sicher in vielen Fällen Pornographie?" (in: Sexualität konkret 1981); zur Funktion
wichtig, mit ihnen zu besprechen, daß Selbstbefriedigung und Bedeutung sexueller Phantasien äußern sich z.B. Goleman
etwas ganz Normales, vollkommen Ungefährliches ist und daß und BM5Ä(1978) sowie Lo«?z(1980).
das Bedürfnis zur Masturbation gerade in der Klinik größer ist
als zu Hause (Camap 1976). Im Gegenteil: „Bei psychischen
Befriedigung in der (psychiatrischen) Klinik
Störungen wie etwa extremer schizoider Persönlichkeit oder
gar Psychose mögen psychische Behinderungen die Kontakt- Diese Formen der Ersatzbefriedigung, erotische Phantasien,
aufnahme zu einem Partner unmöglich machen." Molinski Masturbation oder Pornographie also, sind für sich genommen
(1982, S. 316) schreibt weiter: „In derartigen Situationen dürfte gesellschaftlich sicher nichts Besonderes, nichts Auffälliges,
Selbstbefriedigung unausweichlich sein und notwendig, wenn doch können sie in Anwesenheit anderer indiskret sein oder als
der Behinderte es lernen kann, Befriedigung nicht nur durch äußerst störend empfunden werden. Im psychiatrischen und
direkte genitale Masturbation zu erreichen, sondern dadurch, psychotherapeutischen Setting einer Klinik kann es diesbezüg-
daß er es lernt der Eigenwahrnehmung seiner normalen körper- lich eher um die Ermöglichung denn um die Einübung von
lichen und muskulären Funktionen seine Aufmerksameit lie- Selbstbefriedigung gehen; so geißelt Sza.jz(nach Wendt 1981 a,
bevoll zuwenden zu können." (s. a. Kockott 1982). S. 50) die ,Masturbations-Therapie' von Masters und Johnson
So ist im selben Zusammenhang auch das Lesen pornographi- als „Umkehrung und ,Medikalisierung' der Erbsünde der
scher Literatur zunächst als harmloses Ventil der Bedürfnisse Selbstbeschädigung in der jüdichen christlichen Tradition"; s.
anzusehen. Wem schadet es, wenn Menschen Befriedigung in hierzu auch Castelu. a. (1982, S. 290/291). Insbesondere mit
der Masturbation oder in der Pornographie finden? Für ger- Patienten, die kein Einbettzimmer haben (s. hierzu Mühlich-von
iatrische Patienten schreibt Franke (1977): „Ihnen diese Form S laden u. a. 1982), müßte die Rücksichtnahme auf Mitpatien-
der sexuellen Befriedigung ersatzlos zu streichen, ist destruk- ten wie auch die gleichzeitige Möglichkeit zur Ausübung der
tiv." Wir sollten psychiatrischen Patienten „ihr Recht auf Selbstbefriedigung im Alltag der Psychiatrie sicher häufiger be-
Selbstbefriedigung zugestehen und dies ggf. deutlich zu erken- sprochen werden als dies gegenwärtig der Fall ist; hiermit ver-
nen geben. Hiermit verbundene Sexualphantasien sind weder bunden ist u. a. ja auch die Selbstverständlichkeit, vor Eintritt
sündhaft noch unnatürlich, sondern Bestandteil jedes norma- in ein Zimmer anzuklopfen und auf eine Antwort zu warten.
len Sexuallebens. Sie sollten weiter darüber informiert sein, Nur so vermeidet man es, sich und den Patienten in peinliche Si-
daß das Ausmaß der Phantasietätigkeit zunimmt, wenn die tuationen zu bringen. - Andererseits ist es verständlich, wenn
Möglichkeit der konkreten Realisierung des Sexualkontaktes Stationsschwestern oder -pfleger die ,Entdeckung' sexuellen
eingeschränkt werden. Dies betrifft ja insbesondere die völlig Verhaltens als „Vorfall" oder „Zwischenfall" bezeichnen und
Alleinstehenden und Isolierten. Zu wenig ist bekannt, welche in der Situation mit Ärger reagieren. Diese Reaktion ist in Bezug
entscheidende Rolle Phantasien für die eigene Lebensbewälti- auf ihre Wahrnehmung insofern verständlich und richtig, als
gung spielen. Diese können sich dann sehr wohl mit reinen sie die Beobachtung eines intimen Verhaltens als einen Angriff
sexuellen Wünschen in Gegenwart und Vergangenheit be- auf ihre Autorität, als eine Infragestellung empfinden (s.
schäftigen. Wichtig bleibt hierbei jedoch, daß die Betreffenden Akhtaru. a. 1977). Hierbei sollte man auf Entkleiden oder öf-
sich über den Unterschied von Phantasie und Wirklichkeit im fentliche Selbstbefriedigung erregter oder regressiver Patien-
klaren sind. ,Der Mensch kann seinen Mythos behalten, nur ten entschlossen handeln und es wie jedes andere extreme Ver-
muß er lernen, daß es ein Mythos ist' (Prill 1977)" (zitiert nach halten behandeln, d. h. den Patienten aus der Öffentlichkeit
Kobbe 1979, S. 268). - Andererseits ist das Bewußtsein der der Klinik oder der Station aufsein Zimmer zu bringen, ihm die
anderen Facette der Pornographie ebenso wichtig, so daß bei Möglichkeit zum (verbalen) Ausdruck seiner Gefühle und Be-
bestimmten Patienten diesbezüglich eine größere Vigilanz er- dürfnisse geben und ihn ggf. beruhigen (vgl. Akhtaru. a. 1977).
forderlich ist: Pornographie ist gegen gefühlsbezogene Ver-
trautheit und innige Gefühlbeziehungen, gegen den ästheti- Partnerschaften psychiatrischer Patienten
schen Bestandteil der Erotik. Pornographie weitet „generell
sexuelle Stereotypen aus und ermutigt (besonderes sexuelle) In den bisherigen Überlegungen wird davon ausgegangen, daß
Gewalt gegen Frauen" (Renchkovsky, Ashley\986, S. 12). So ist sexuelle Deprivation keineswegs wünschenswert oder gar
- feministisch betrachtet - „der pornographische Körper ein le- gesund sein kann. Allerdings liegt nur eine einzige bekannte
bender Panzer der Vereinsamung, ein Instrument des Miß- Arbeit zur Dynamik der Ehe psychiatrischer Patienten und zur
brauchs und das Mittel zu eigener und anderer Entfremdung" Prognose in Abhängigkeit von der diagnostizierten Erkran-
(S. 34). Pornographie verschafft eine Scheinbefriedigung, die kung von Kreitman (1968) vor. Praktisch stellt sich in der psychia-
den isolierten Patienten den Weg zum anderen sicher er- trischen Institution die Frage, wo und wie ein erkrankter Patient
schwert, die Möglichkeit der direkten Lust nun evtl. vollends zu mit seinem ihn besuchenden Partner zärtlich oder intim sein kann.
amputieren droht (Bächinger 1978). - Wenn diese Anmerkun- Klassisch kennen psychiatrische Einrichtungen hierfür über-
gen zur Pornographie in ihrer Unterschiedlichkeit irritieren, ist haupt keine offizielle Möglichkeit, suchen Patienten in ihrer
dies u. a. „ein treffendes Indiz für meine These, das Thema Se- Not so entwürdigende Orte wie Toilette, Kellergänge, Dachbö-
xualität habe bislang weder Autonomie noch Diskursreife er- den oder das Gebüsch im Klinikpark auf. Oder ist in Ihrer
reicht. Am Umgang mit , Pornographie' können wir gut den Klinik ein ungestörter Aufenthalt des Besuches auf dem
Zustand des Themas Sexualität ablesen, denn Pornographie ist Zimmer des Patienten möglich? Es gibt Institutionen, die insbe-
ja eine, vielleicht die allgemeinste Form der Thematisierung ge- sondere im Bereich der Geriatrie ein sog. Kontakt- oder Petting-
schlechtlicher Lust" (Lautmann 1987a, S. 21). Eine (aktuelle) zimmer eingerichtet haben: Auch diese (Schein-) Lösung ist
Fortsetzung findet diese Beschäftigung mit der Bedürfnisbe- nach Ansicht des Autors unwürdig und beschämend; zumin-
friedigung ä la Pornographie bei Duncker (1987) und als kriti- dest sollte sich der Leser die Situation vorstellen, als Patient
sche Resümees bei Stroh (1982), Heider(1987) und Lautmann
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beim Stationspfleger den Schlüssel zu gerade diesem Zimmer vums sonst als „Gelegenheit zum Dialog zwischen Mann und
abzuholen. Frau", beläßt in der weiteren Diskussion die Verantwortung
Letztlich ist es ein Double-bind, wenn wir einerseits mit einem zur Empfängnisverhütung jedoch ebenfalls bei der Frau.
hausinternen Ordnungs- und Normensystem ein sozusagen Darüber hinaus ist ebenfalls zu klären, ob der konsultierte
sauberes steriles Leben vom Patienten erwarten und anderer- Frauenarzt eine ,Zweiklassen-Gynäkologie' betreibt, indem er
seits von ihm aus therapeutischer Sicht die Normalisierung psychiatrischen Patienten die Dreimonatsspritze gibt, anderen
seiner zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen an- Frauen jedoch die Spirale (IUP) empfiehlt oder die Pille (s.
streben. In ähnlicher Weise äußern sich 7Ve//(1968) und Mode- Huber 1981 sowie o. Verf. in: Sexualmedizin 14, 624-625).
stin (1981): Beide berichten von sexuellen Kontakten zwischen Intime Beziehungen von Patienten auf Station oder in der Ein-
Patienten und wollen diese therapeutisch nutzen oder zum Aus- richtung sollten nach Ansicht der Autors nicht per se unterbun-
gangspunkt psychotherapeutischen Arbeitens machen. Auch den werden, jedoch Motivation und Bedeutung mit beiden
Eigueru. a. (1974) berichten über Paarbildungen im psychiatri- Pannern besprochen werden, so daß sich die Möglichkeit zu
schen Milieu, die sie sowohl zur innerinstitutionellen Dynamik einer Beratung ergibt und ggf. auch verhindert werden kann,
in Beziehung setzen wie auch zur Gruppe der anderen Patien- daß sich jemand aufgrund seiner Erkrankung in eine fatale
ten. Sie unterstreichen, daß nach Ansicht der Mitarbeiter die oder später beschämende Situation bringt. Zusammenfassend
Geschlechtermischung das Leben normalisiert', daß zugleich stellten Morgan und Rögers (1971) in einem Rückblick über 5
allerdings zur besseren Stabilität des Stationsmilieus die Jahre nur bei 18% der Patienten ein besonderes Interesse für
Anzahl des Personals erhöht werden sollte. das andere Geschlecht fest. Diese Patienten waren bei der Auf-
nahme in einer besseren Verfassung, weniger krank, weniger
zurückgezogen, weniger oft schizophren, waren häufiger ent-
Einige Überlegungen zur Geschlechtermischung
lassungsmotiviert und wurden auch häufiger erfolgreich ent-
Wenn Sexualität im Krankenhaus auch kein Thema ist, so gab lassen.
und gibt es in der Psychiatrie doch eine Ära der Geschlechtermi- Im übrigen ist die Selbstentfaltung des einzelnen als sexuelles Individu-
schung auf den Stationen (Kretz 1969); dies allerdings nur aus um u. U. wesentlicher Bestandteil der Wiedererlangung von Selbst-
Gesichtspunkten der Milieugestaltung, nicht wegen des wertgefühl und persönlicher Autonomie. So formuliert Jertis Comba
(1973): „Hat es für die in der Anstalt lebende Frau überhaupt einen
intimen Zusammenseins von männlichen und weiblichen Pa- Sinn, sich eines sexualfähigen Körpers wieder bewußt zu werden? Sie
tienten (vgl. auch Mannoni 1973, S. 242/243). In der Tat sind kann ihn in der Begegnung mit dem Mann ja ohnehin nicht einsetzen.
die Ängste von z. B. psychotischen Patienten vor einer eroti- Eine Antwort gibt uns Merleau-Ponty, wenn er sagt: ,Eine Darbietung
schen Partnerbeziehung meist stärker als die eigene Triebdyna- hat für mich eine erotische Bedeutung nicht dann, wenn ich mir - sei es
mik, sofern diese nicht bereits neuroleptisch ebenfalls beein- auch nur verschleiert - eine mögliche Beziehung zu den Sexualorganen
oder den Stadien der Lust vorstelle, sondern wenn sie für meinen
trächtigt wurde. Darüber hinaus reguliert auch die Stationsge- Körper da ist, für diese Potenz, die immer bereit ist, die Reize einer ero-
meinschaft das Zusammenleben, so daß Ängste und Befürch- tischen Situation miteinander zu verquicken und ihr entsprechend ein
tungen meist (nur) Projektionen der Befürchtungen der Mitar- sexuelles Verhalten anzupassen.' Es gibt also ein sexuelles Verhalten, es
beiter oder der Patienten darstellen. Dennoch erscheint es sinn- hat also einen Sinn, sich des eigenen sexualfähigen Körpers wieder
voll und erforderlich, mit den Patienten einer Station oder mit bewußt zu werden. Dieses Verhalten wird nur in den sozialen Beziehun-
gen relevant, und auf individueller Ebene gar maßgeblich (in der Absti-
einzelnen über deren Sexualität oder Intimkontakte zu spre- nenz wird es als entscheidender Verlust empfunden); aber andererseits
chen, hierbei allerdings zu beachten, daß das eigene Rollenver- ist es nicht unbedingt notwendig (während die Abstinenz notwendig
ständnis von Mann und Frau, von Sexualmoral, von Freiheit sein kann)" (S. 245/246).
und Verantwortung keineswegs für den oder die betreffenden Mit der Geschlechtermischung in der Psychiatrie sind auch
Patienten zutreffen muß. Erstens ist das psychiatrisch-psycho- Schwestern und Pfleger auf fast allen Stationen gemeinsam
therapeutische Verständnis von Sexualität „phallokratisch" tätig. Wenn früher die Krankenschwestern mit Haube und
geprägt und wird entsprechend radikal aus feministischer Per- Tracht in ihrer Schwesternrolle akzeptiert und als Frau kaum
spektive kritisiert bzw. abgelehnt (vgl. Castelu. a. 1982, S. 252 wahrgenommen wurden, Ordensschwestern erst recht als
ff.). Zweitens beschreiben Gleiss u.a. (1973, S. 61-63) sehr asexuelle Wesen betrachtet wurden, so treffen Patienten heute
deutlich, daß es schichtspezifische sexuelle Praktiken und auf Schwestern, die in ihrer Rolle als Frau erkennbar sind und
mehr oder weniger rigides Sexualverhalten gibt, so daß man häufig auch nicht mehr mit ,Schwestern' angesprochen
sich auf die Vorbildung, Herkunft und auch auf das Milieu ein- werden. Jervis Comba (1973) spricht diesbezüglich vom
stellen muß, das dem Patienten entspricht. Weiterhin erscheint anderen Gesicht der „modernen Weiblichkeit", das den dialek-
es sinnvoll, auch für sich selbst zu klären, ob und inwieweit es tischen Gegensatz von „Schamhaftigkeit" und „Schönheit" im
unterschiedliche männliche und weibliche Moralstrukturen, alltäglichen Klinikleben ausmache. Für weibliche Patienten
geschlechtsspezifische emotionale und damit auch sexuelle bietet dies Indentifikationshilfen, für männliche die Möglich-
Selbst- und Fremdbilder gibt, auf die entsprechend differen- keiten zu klarer Abgrenzung der eigenen von der gegenge-
ziert eingegangen werden müßte (s. z. B. Nieder 1986 und Wex schlechtlichen Rolle. Zugleich ergeben sich jedoch auch Situa-
1978). tionen, in denen atttraktive Schwestern oder Ärztinnen von Pa-
In diesem Zusammenhang ist im Gespräch mit den Patienten tienten als Intimpartner weiterphantasiert werden, eine eroti-
sicher auch zu überlegen und zu besprechen, ob und wie der ein- sche Gefühlsübertragung erfolgt. Diese und ähnliche Proble-
zelne für empfängnisverhütende Maßnahmen sorgt. Zwei me können weibliche wie männliche Mitarbeiter bekommen,
Dinge erscheinen hierbei beachtenswert: Zum einen wer ver- wenn sich ein Patient oder eine Patientin plötzlich entblößt,
hütet, der Mann oder - wie immer - die Frau? Kein Thema, sexuell zudringlich wird oder ähnliches (Meier 1984, Kirstein
sollte man meinen, insbesondere angesichts der intensivierten 1978). Abgesehen von einer Supervision oder zumindest
Kondompropaganda im Rahmen der Aids-Aufklärung; und Selbstreflexion dieser Situation z. B. im Stationsteam lassen
dennoch liegt hierzu lediglich ein Artikel von Schwethen (1987) sich derartig erotisch getönte Patient-Therapeut-Beziehungen
vor! Nur Chopin (1982) beschreibt die Wahl des Antikonzepti- bereits im Vorfeld durch eindeutiges Verhalten und Berück-
Über die „Sexualatrophie" psychiatrischer Patienten Psychiat. Prax. 15(1988) 197

sichtigung therapeutischer Distanz verhindern (Withersty sprechen? „Häufig dient das Medikament dazu, den Arzt vor
1976). Auch Eiguerü. a. (1974) sprechen dieses Problem an, be- möglicher (Todes-) Angst und (sexueller) Aggressionslust des
ziehen sich auf Freuds Begriff der Übertragungsliebe und Patienten zu schützen. Die Bandbreite repressiver Maßnah-
stellen mit Racamier(\970) fest, daß symptomatisch für die in- men ist - und das ist eine ungebrochene Tradition, die ihren Ur-
stitutionelle Bewältigung dieser zwischenmenschlichen Bezie- sprung in der klassischen Epoche hat - durchsetzt mit der Für-
hungen entweder die strenge Trennung oder im Gegensatz die sorge für den Kranken" (Mannoni 1973, S. 60).
Konfusion der Rollen der involvierten Mitarbeiter und Patien- Die diesbezügliche Unsicherheit und das Unwissen der Ärzte
ten stattfindet. führt dazu, daß die den Patienten im Alltag begleitenden
In der Tat ist der Einbruch nur schwer verständlicher Gefühle in Schwestern und Pfleger mit Fragen und Nöten konfrontiert
das therapeutische Feld eines der Hauptschwierigkeiten mo- werden, die sie ihrerseits ebensowenig beantworten, geschwei-
derner psychiatrischer Institutionen: Der Konflikt des Patien- ge denn ,lösen' können. Für alle beteiligten Mitarbeiter bleibt
ten überträgt sich häufig auf die Stationsmitarbeiter, mitunter nichts anderes, als sich auf der Station über die allgemeinen Ne-
auf das Krankenhaus selbst, zumal sog. ,moderne' Bewegun- benwirkungen der Medikation zu verständigen und über kon-
gen innerhalb der Psychotherapie die sexuell abstinenten Ver- krete Patienten und deren evtl. bislang verschwiegenen sexuel-
haltensmuster der traditionellen Psychiatrie in Frage stellen. len Probleme nachzudenken.
Stone(\915) diskutiert das Problem der Berufsanfänger gleich Wenn schon die Nebenwirkung von Psychopharmaka nur un-
welcher Berufsgruppe, die sich ihrer Gefühle in der Gegen- vollkommen bekannt ist und angesprochen wird, so existiert
übertragung nicht bewußt sind, schreibt über das Problem di- nach Pinderhughes u. a. (1972) kein einheitlicher Wissens-
rekten körperlichen Kontakts mit Patienten, der wohl überlegt stamm darüber, in welchem Ausmaß oder unter welchen Um-
sein sollte, auch und gerade wenn er z. B. beim Sport, bei der ständen sexuelle Betätigung zur Entwicklung psychiatrischer
Gymnastik und der Massage, beim Baden sowie bei der Tanz- Störungen beiträgt oder durch sie betroffen wird. Ein beein-
veranstaltung usw. stattfindet. druckendes Wissensvakuum angesichts der von Wendt (1981)
Abgesehen vom Acting-out kommen diagnostisch die vulner- konstatierten Tendenz im Bereich von Psychiatrie und Psycho-
ablen und die ihren Grenzen weniger bewußten Borderline-Pa- therapie, die Störung der Sexualität der Menschen und die Not-
tienten und Psychotiker wie auch narzißtisch gestörter Patien- wendigkeit sexualtherapeutischer Hilfe „seit etlicher Zeit" zu
ten den für erotische oder sexuelle Signale empfänglichen Mit- predigen. Andererseits aber entzieht sich der Arzt „der Übertra-
arbeitern entgegen. Hierzu beschreibt Amman (1980) sehr gung in seiner Beziehung zum Psychotiker - d. h. er zieht sich
deutlich, daß die häufig chaotische Sexualität früh gestörter Pa- vor dem zurück, was in dem, was der Patient vorbringt, auf den
tienten das defiziente Ich des Patienten zu überschwemmen Tod, die Sexualtät oder den Körper hinweisen könnte. An
vermag und z. B. mit Hilfe traumhaften Ausagierens abge- dieser Stelle dient dem Arzt das Medikament als Schutz, es ist
wehrt werden muß: „Dieses Verhalten wird dann oft fälschlich seine Antwort auf das Symptom; nur so kann er ignorieren, was
als Ausdruck von Kreativität und freier Sexualität mißdeutet" im anderen zu sprechen versucht " und was nichts anderes als
(S. 129). Rationalisierend schreibt Walter (in Sozialmagazin die Wiederkehr des Verdrängten in uns selbst ist (Mannoni 1973,
1/1981), es gäbe unter den dänischen Sozialarbeitern sogar S. 133). Eine Begründung und Beschreibung des Unwissens
einige, „die zu direktem Beischlaf mit Klienten bereit seien, das und der Irrationalität auch in der Sexualforschung selbst gibt
allerdings als allerletzte Möglichkeit, wenn dem Klienten auf Devereux(l967, Kapitel IX, S. 130-148).
keiner anderen Weise mehr geholfen werden kann" (S. 16). Viele der Überzeugungen von Psychiatern wie von Patienten
Entsprechend weist Wendt (\98\b) auf die therapeutisch pseu- und der Berichte in der psychiatrischen Literatur können nicht
dolegitimierte Ausbeutung von Patienten durch sog. Surrogat- belegt werden, zumal sie z. T. widersprüchlich sind. Die
partner hin (s. a. Ohm 1981). meisten Patienten und die Mehrzahl der Psychiater glauben,
Zur Frage, wem denn von therapeutischer Seite Sexualkontak- daß eine Beziehung zwischen vielen psychiatrischen Störun-
te angesichts des einerseits therapeutischen und andererseits gen und der Sexualität besteht (s. z. B. Neumann-Schönwetter
moralischen Auftrags der Gesellschaft gestattet werden darf 1973); sie glauben, daß Psychiater dies mit Patienten bespre-
bzw. gestattet werden muß, definieren Akhtaru. a. (1977), daß chen sollten und auch besprechen. Allerdings besteht keinerlei
jede sexuelle Aktivität zwischen psychiatrischen Patienten be- Einigkeit über Art, Inhalt und Nutzen dieser Besprechungen.
hindert werden sollte, wenn einer - oder beide - der Partner a) Und weiterhin basieren die Kenntnisse der Ärzte nur allzu
minderjährig, b) unmündiger Erwachsener, c) minderbegabt, häufig mehr auf ihren eigenen theoretischen Konzepten und
d) wahnhaft oder in anderer Weise im Affekt oder Verhalten be- Überzeugungen zum Verhältnis von sexueller Entwicklung
einträchtigt ist, e) erhebliche Mengen an Psychopharmaka und psychiatrischer Erkrankung und zu wenig auf präzisen
erhält oder f) im klassischen Sinne agiert. Kenntnissen oder guten Untersuchungen. Allerdings sind
klare Informationen auch rar, beschränkt sich doch eine
28seitige Übersicht von Schneider u. a. (1964) über das Sexual-
Psychopharmaka, Psychopathologie und Sexualität
leben von 84 psychotischen Patienten nur auf Annahmen über
Apropos Psychopharmaka: Die Beeinflussung sexueller deren Sexualität und schreiben auch noch 1986 Strauß und
Funktionen durch Psychopharmaka ist allgemein bekannt, Gross in einem empirischen Überblick: „Wie die Darstellung
und es fällt in die Kompetenz des z.B. Neuroleptika verordnen- der Studien zeigt, ist der gegenwärtige Kenntnisstand über das
den Arztes, den Patienten über die zu erwartende Beeinträchti- sexuelle Verhalten psychiatrischer Patienten noch sehr lücken-
gung der Libido aufzuklären sowie ihn während der medika- haft. Um die weitere Verbreitung stereotyper Vorstellungen zu
mentösen Behandlung unterstützend zu begleiten. Doch wer vermeiden, sind weitere ausführliche empirische Untersu-
weiß denn wirklich genau und differenziert mehr als das, was in chungen notwendig." Im übrigen erscheint bemerkenswert,
der Roten Liste oder im Beipackzettel steht? Wer ist sich der daß bez. der ,sexuellen Handlungen stationärer Patienten' von
selbstverständlichen Aufgabe bewußt, mit diesen Patienten Strauß und Gross auch nur die Autoren herangezogen wurden,
über ihre evtl. medikamentös bedingten Beeinträchtigungen zu auf deren Arbeiten sich die vorliegende Arbeit stützt, d. h. auf
198 Psychiat. Prax. 15(1988) U. Kobbe

Akhtaru. a., Andrau, Eigueru. a. sowie Modestin (im übrigen ist zur Not in Form von Verlegungen auf eine andere Station ge-
zum Themenkomplex psychiatrischer Erkrankungen und troffen werden.
sexuellen Verhaltens bzw. sexueller Störung folgende Literatur - Kritisch merken die Autoren von ,Die Not der Tugend' hierzu an:
empfehlenswert: Rozan u. a. 1971, Friedman u. a. 1982, Kno- „Geschlechtertrennung gilt, jedenfalls wenn sie von oben her verfügt
epfler 1982, McCulloch und Steart 1960, Raboch 1984). wird, als Indiz für eine Repression, die vor allem die auf Gewalt und Ab-
sonderung gegründeten Institutionen kennzeichnet. Anders, wenn von
Abgesehen vom Lesen fachpsychiatrischer Literatur bedeutet der Basis - d. h. in diesem Fall von seiten der Patientinnen - die Einrich-
der Hinweis auf das obengenannte Wissensvakuum, daß sich tung gemischter Stationen oder Wohneinheiten problematisiert wird:
Mitarbeiter am besten berufsübergeifend in kleinem Kreis, Die Trennung kann dann einem berechtigten Bedürfnis entsprechen,
z. B. auf der Station, aber evtl. auch in einer klinikinternen Ar- wenn Frauen befürchten müssen, zu Sexualobjekten degradiert zu
beitsgruppe zusammensetzen und ihre Fragen so offen wie werden. - Unter einer solchen Voraussetzung ist sie nicht eine repressi-
ve Maßnahme, sondern ein Akt gegen die Möglichkeit einer neuerli-
möglich besprechen sollten, daß sie evtl. auf Themen von ein- chen, von Männern gegenüber Frauen ausgeübten Repression - aller-
zelnen vorbereiten lassen sollten, so daß dieselbe Thematik aus dings auch eine Weise, Konflikte dadurch zu vermeiden, daß man sich
der Perspektive unterschiedlicher Berufsgruppen sowie unter ihnen gar nicht erst stellt. Entscheidend ist aber, daß nicht ein bestimm-
theoretischen wir praktischen Grundsätzen erarbeitet wird. In tes Organisationskonzept von Mächtigeren durchzusetzen versucht
diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß wird, sondern daß der Schutz des Individuums vor wie auch immer ge-
arteter Unterdrückung Vorrang genießt; Unterdrückung kann aber
folgende Themen (Wingen 1987) in Deutschland tabuisiert sowohl im Verhindern sexueller Begegnungen bestehen als auch darin,
sind und auch weitgehende Auswirkungen auf unsere Bezie- jede sich verbietende Gelegenheit ohne Rücksicht auf Wünsche und
hungsformen haben: 1. Toilettengewohnheiten, 2. Sexualver- Bedürfnisse des Geschlechtspartners zu ergreifen" (AG Spak 1982, S.
halten als Erwachsener, 3. Sexualverhalten als Kind, 4. beschä- 62); s. hierzu auch Jen-« (l 978, S. 244).
mende Vorgänge/Blamagen, 5. politische Meinungen, 6. Zugleich jedoch müssen wir beachten, daß Patienten wie wir
Phantasien/Tagträume, 7. aggressive Gedanken, 8. Mestrua- auch ein Recht auf Zärtlichkeit und Liebe haben, und daß wir
tion (s. hierzu Knegendorf'1985 und Krett 1983). 9. Körperbild somit keineswegs unter dem Motto ,Patientin prostituiert sich'
sowie 10. Parapsychologie. - Entsprechend dieser Tabus und eigene Ordnungsphantasien oder eigenen Sexualneid ausagie-
der Verzerrung des wissenschaftlichen und alltäglichen ren dürfen, daß zudem berücksichtigt werden muß, inwieweit
Denkens über Sexualität und Intimität beschäftigt sich be- dieses Sexualverhalten u. a. auch ein Anstaltsartefakt ist.
zeichnenderweise ein in Rezensionen gelobtes Buch zur ,Se- Zum Thema .Prostitution in der Psychiatrie' sei noch ein gänzlich
anderer Aspekt erwähnt: 1981 berichteten bei einem Besuch im nieder-
xualität und Parnterschaft' von Zimmer (1985) mit den Störun- ländischen ,Psychomedisch Streekcentrum Vijverdal' in Maastricht
gen der Sexualfunktionen, nicht jedoch mit deren ,Normalität'. die dortigen Kollegen, daß sie zur Aktivierung und Befriedigung lang-
Derselbe einseitig-devianzorientierte Ansatz findet sich bei zeithospitalisierter Männer auf Kosten der Sozialversicherung ge-
Dörnerund P/og(1978) im Kapitel,Der liebende Mensch' mit werbliche Prostituierte in die Einrichtung kommen ließen. Diese Initi-
vative hat zwar auch dort Furore gemacht, ist zugleich aber auch
dem Untertitel ,Schwierigkeiten der Sexualität' (S. 217-234). ,wieder-belebend' und damit erfolgreich gewesen, erinnert zudem an
Beschreibungen des sexuellen Alltags bleiben entfremdend- die Surrogatpartner-Praktiken, die ja als Sexualtherapie deklariert sind
distanzierend auf statistische Angaben im HITE-Report (1977, und hier bei Patienten mit Sexualproblemen ohne Partner der einzig
1982), im RALF-Report (Eichner und Habermehl 1978) oder gangbare Weg zu sein schien. Zur liberal-fortschrittlichen Sexualpoli-
bei Mastersund Johnson (1970) beschränkt. tik der Niederlande äußert sich Bächinger(\91%, S. 113-142) über die
Niederländische Vereinigung für sexuelle Reform.

Gelebte Sexualität als Ärgernis


Schluß...
Intimes oder sexuelles Zusammensein findet in der Psychiatrie
Die oben referierten Gesichtspunkte zum Verhältnis von Psy-
trotz und/oder wegen aller Reglementierung statt, z. B. in der
chiatrischer Institution und Psychiatriemitarbeitern zu Sexua-
entfremdeten Form weibicher Prostitution, in der Form sexuel-
lität und sexuellen Bedürfnissen der Patienten haben hoffent-
ler Ausbeutung psychiatrisch stigmatisierter Frauen durch
lich die richtigen Fragen diskutiert, z. T. vielleicht auch Ant-
Mitpatienten wie durch Männer außerhalb der Klinik. Fengler
worten, zumindest Literaturhinweise gegeben. Im bewußten
und Fengler (1980) beschreiben für das Niedersächsische Lan-
Umgang mit den sexuellen Bedürfnissen von Patienten er-
deskrankenhaus Wunstorf den damaligen Tarif von 5- DM
scheint wichtig, zunächst die eigene Person, den eigenen
und ein Stück Kuchen aus der Cafeteria für den flüchtigen
Körper und die eigenen Gefühle kennenzulernen und die kom-
Gewinn einer vermeintlich emotionalen Zuwendung oder als
plexen Aspekte, die sexuelle Befriedigung in Beziehungen
materielle Aufbesserung des Taschengeldes - eine Situation,
stören oder verhindern, zu klären; brauchbar erscheint herfür
die der Autor von dort selbst kennt. Wesentlich drastischer for-
u. a. für den Leser selbst und nicht für die therapeutische Arbeit
muliert eine ehemalige Patientin Cornelia (1980): „Die Psy-
mit anderen der Leitfaden von Barbach (1985), auch wenn er
chiatrie ist der größte Puff. Sie berichtet von den Verführungs-
von Eichner und Habermehl (1979) einer Kritik unterzogen
situationen, von der männlichen Anmache durch Mitpatien-
wird.
ten, von ihrer Unterlegenheit als Frau. Im Umgang mit Patien-
Weiterhin ist die Klärung folgender Fragen von Moors( 1987, S.
tinnen sollten wir uns hüten, Prostitution gleichzusetzen mit
37) von Bedeutung für die Arbeit mit Patienten:
Unmoral, Zügellosigkeit und erforderlichem Eingriff durch-
- Bin ich sexuellen Problemen gegenüber offen?
Klinikmitarbeiter als moralische Saubermänner und 'Verant-
- Welche Rolle spielt Sexualität in meinem eigenen Leben?
wortliche'. Zunächst bleibt sicher zu klären, ob die betreffende
- Sind mein Partner und ich zufrieden?
Patientin übersehen kann was sie da tut, d. h. konkret, ob sie
- Was weiß ich über sexuelle Probleme?
z. B. erheblich minderbegabt ist oder akut manisch erkrankt
- Was weiß ich über mögliche Behandlungsweisen?
o. ä.: In diesen Fällen soll und muß aus Fürsorgegründen inter-
- Bin ich interessiert, mich mit den Sexualstörungen meiner
veniert, mit den betreffenden Frauen und Männern gespro-
Patienten zu befassen?
chen, evtl. ein Arrangement in Form von Gruppenausgängen, - Habe ich besonderes Geschick im Behandeln psychosozi-
aler Probleme?
Über die „Sexualatrophie" psychiatrischer Patienten Psychiat. Prax. 15(1988) 199

Und danach kann und darf es immer noch nicht um die ,Verge- 5. Über das Verhältnis von psychiatrischer Institution und Pro-
sellschaftung' des Sexuellen gehen, braucht Sexualität für eine stitution liegt ein Erfahrungsbericht von Schobert (1987)
harmonische Entwicklung einen bergenden Raum und eine vor, in dem der „Einsatz von Mitarbeiterinnen" mit dem
bergende Form, in der Patienten die Beziehungen untereinan- Ziel, Männern die Möglichkeit zum Erlernen des Umgangs
der und zu anderen erfahren können (s. Sexualmedizin mit Frauen zu geben, problematisiert wird.
11/1982, S. 602-603). So darf die Vermittlung von sexuellem
Wissen, von sexueller Technik oder von sexuellem Kontakt Literatur
niemals bedrängend wirken: „So braucht niemand seine ero-
tisch-intime Praxis offenzulegen; denn eine Normalpraxis 1 Abernethy, V.: Sexual Knowledge, Attitudes, and Practices of
wird stillschweigend unterstellt und durch zahlreiche Andeu- Young Female Psychiatrie Patients. Arch. Gen. psychiatry 30
(1974) 180-183
tungen - von Flirts über kleine Zärtlichkeiten bis zum Ehering 2 AG SPAK (Hrsg.): Die Not der Tugend. Arbeit, Sexualität,
am Finger - bestätigt" (Lautmann 1987a, S. 23). Die Intimität Umgang mit Konflikten in sozialpsychiatrischen Einrichtungen.
des einzlnen muß geschützt sein; er muß das Gefühl des Re- AG SPAK, München 1982
spektiertwerdens und der Nichtvermeidung des Diskurses 3 Aich, P. (Hrsg.): Da weitere Verwahrlosung droht... - Fürsorgeer-
über Sexualität zugleich haben können, muß Nähe und Distanz ziehung und Verwaltung. Rowohlt, Reinbek (1973)
4 Akhtar. S., E. Cracker, N. Dickey, J. Helfrich, W. ]. Rheuban:Overt
erleben. Sexual Behavior Among Psychiatrie Inpatients. Dis. nerv. Syst. 38
(1977) 359-361
5 Amman, G.: Dynamische Psychiatrie. Kindler, München 1980
.und Fazit
6 Andrau, Ä.:Sexualite et Institution. Evol. psychiat. 34 (1969) 503-
So kann und darf es keineswegs darum gehen, Patienten mit 524
deren vermeintlichen oder abgewehrten sexuellen Bedürfnis- 7 Bächinger, B.: Sexualverhalten und Sexualberatung von Körper-
behinderten. Puls-wissen, Reinach 1978
sen zu überrumpeln, sondern vielmehr darum, ihnen Intimität 8 Barbach, L./Für einander. Das gemeinsame Erleben in der Liebe.
und sexuelle Befriedigung zu ermöglichen. Entsprechend zielt Rowohlt, Reinbek 1985
dieser essayistische Überblick nicht darauf ab, Psychiatrie als 9 Brim, O. G., S. Wheeler: Erwachsenen-Sozialisation. Sozialisa-
Avantgarde sexueller Aufklärung agieren zu lassen wie dies tion nach Abschluß der Kindheit. Ferd. Enke, Stuttgart 1974
beispielsweise die Kultusministerkonferenz 1968 für die 10 Broderick, C. B.: Kinder- und Jugendsexualität. Sexuelle Soziali-
sierung. Rowohlt, Reinbek 1970
Schulen als Sozialisationsinstanz versuchte (s. Rosenkranz 11 Busch, G.: Ein Therapiekonzept für Allgemeinmediziner und In-
1985). ternisten. Die rational-emotive Therapie (RET) im sexualmedizi-
Sinnvoll erscheint dagegen die Herauslösung des publizisti- nischen Alltag. Sexualmedizin 10 (1981) 129-134
schen Diskurses aus den populär-wissenschaftlichen Artikeln 12 Busch, G.: Arzt und Patient lernen. Wie man traditionelle Vorstel-
(in: ,Psychologie heute', ,Sozialmagazin', ,WARUM' usw.) lungen über sexuelle Beziehungen korrigieren kann (II). Sexual-
und auch eher internen Zirkeln wie dem Ausschuß ,Sexualität medizin 10(1981)293-296
13 Carnap, G. ran .'Onanie oder die Sehnsucht nach dem Partner. Psy-
und Psychiatrie' der DGSP (1980) zugunsten eines kontinuier- chologie heute 11 (1976) 37-39
lich und wissenschaftlich diskutierten und erarbeiteten Be- 14 Castel, F., R. Castel, A. Lovell: Psychiatrisierung des Alltags. Pro-
wußtseins der sexualfeindlichen Haltungen psychiatrischer duktion und Vermarktung der Psychowaren in den USA. Suhr-
Institutionen und ihrer Mitarbeit. Nur über diesen Weg sind ak- kamp, Frankfurt 1982
zentuiertere Sexualanamnesen im Rahmen allgemeiner Ana- 15 Chopin, M.-J.:La vie sexuelle. PUF, Paris 1982
16 Cooper, D., M. Foucault, M. DeSade:Der eingekreiste Wahnsinn.
mneseerhebungen zu erreichen und sexualatrophische Hospi- Suhrkamp, Frankfurt 1979
talisierungsschäden zu vermeiden. Hierfür bedarf es der wis- 17 Cornelia: Die Psychiatrie ist der größte Puff. Courage Sonderheft
senschaftlichen Diskursfähigkeit, wie sie von Strauß und Gross 2 'Zum Verrücktwerden - Frauen Inder Psychiatrie', (1980)32
(1986) exemplarisch vorgeführt wurde, und der Systematisie- 18 Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie DGSP: Arbeitspro-
rung der Sinnzusammenhänge der Sexualität, denn „das Refle- gramm der Initiativgruppe zur Gründung eines Ausschusses 'Se-
xualität und Psychiatrie', unveröffentl. Manuskript vom 20.12.80,
xionsniveau des Alltagswissens entspricht etwa dem der Bau- Dortmund 1980
ernregeln über das Wetter" (Lautmann 1987a, S. 26). 19 Devereux, G.: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaf-
ten. Hanser, München 1967
20 Dörner, K.: Diagnosen der Psychiatrie. Campus, Frankfurt 1975
Nachtrag 21 Dörner, K., U. Plog: Irren ist menschlich oder Lehrbuch der Psy-
1. Von den programmatischen Ansätzen her erscheinen noch chiatrie/Psychotherapie. Psychiatrie-Verlag, Wunstorf 1978
22 Duncker, H.: Pornographie und Sucht. Zwei Wege in der Verelen-
die Forderungen der ,Humanistischen Union' bemerkens- dung menschlicher Befriedigungsmöglichkeiten, fragmen-
wert, die in ihren konzeptionellen Forderungen zur Gestal- te/schriftenreihe zur psychoanalyse 22 (1987) 203-220
tung des Alltagslebens in der Forensischen Psychiatrie 23 Eichner, K., W. Habermehl: Der RALF-Report: Das Sexualver-
(Kilali 1982) ausdrücklich auf die Notwendigkeit sexueller halten der Deutschen. Hoffmann u. Campe, Hamburg 1978
Beziehungen der untergrebrachten Patienten Bezug nimmt. 24 Eigner, A., D. Litovsky de Eiguer, F. Chapuis: Contribution ä
2. Bemerkenswert erscheint aktuell, daß gerade von Seiten der l'etude de la mixite et de la formation des couples en milieu psy-
Psychiatrie auf geistig Behinderte repressiv-aggressiv rea- chiatrique. Inf. psychiat. 50 (1974) 915-929
giert wurde und wird (vgl. Finger 1988, Dörner 1988). 25 Elliott, M.-F.:La sexologie en France, Psychologie 78 (1976) 32-
34
3. Zum Redeverbot über ,Sexualität hinter verschlossenen 26 Enzensberger, H. M., K. M. Michel (Hrsg.): Das Elend mit der
Türen' siehe Schaubund Schwall(1988) sowie Kruckenberg Psyche I. Psychiatrie. Kursbuch 28, Kursbuch Verlag/Wagen-
(1988). bach, Berlin 1972
4. Neuere empirische Arbeiten zu psychopharmakabedingten 27 Fengler, Chr., Th. Fengler: Alltag in der Anstalt - wenn Sozialpsy-
Veränderungen der Sexualität finden sich bei Strauß und chiatrie praktisch wird. Eine ethnomethodologische Untersu-
Gross (1984,1985); ebenfalls von Strauß und Mitarb. (1987) chung. Psychiatrie-Verlag, Rehburg-Loccum 1980
stammt eine Personalbefragung zum Stellenwert der Sexua- 28 Finzen, A.: Hospitalisierungsschäden in psychiatrischen Kran-
lität im psychiatrischen Klinikalltag. kenhäusern. Piper, München 1974
200 Psychiat. Prax. 15(1988) U. Kobbe

29 Franke, K.: Kommentar: Lebenslange Sexualität. Sexualmedizin versen. Beiträge zur Sexualforschung Ferd. Enke, Stuttgart 63
8(1977)687 (1987) 18-28
30 Freud. S..-Jenseits des Lustprinzips. GWXIII (l920) 62 Lorenz, K.: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Ag-
31 Freud, S.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psy- gression. Borota Schoeler, Wien 1963
choanalyse. GW XIV (l 932) " 63 Lorez, G.: Männerträume: Erotik contra Porno. WARUM-Son-
32 Freud, S./Abriß der Psychoanalyse. GWXVII (1938) derteil 60, WARUM 9 (1980) 27-39
33 Fricke, S., M. Klotz, P. Paulich: Sexualerziehung? Handbuch für 64 Mannoni, M.: Der Psychiater, sein Patient und die Psychoanalyse.
die pädagogische Gruppenarbeit, für Berater und Eltern. Walter, Ölten/Freiburg 1973
Rowohlt, Reinbek 1983 65 Marcuse, H.: Psychoanalyse und Politik. EVA, Frankfurt 1980
34 Friedman, R. C., St. W. Huri, J. Clarkin, R. Corn, M. S. Aronoff: 66 Maslow, A. H.: Motivation and Personality. Harper, New York
Sexual Histories and Premenstrual Affective Syndrome in Psy- 1954
chiatrie Inpatients. Am. J. psychiatry 139 (1982) 1484-1486 " 67 Masters, W. H., V. E. Johnson:Dte sexuelle Reaktion. Rowohlt,
35 Gleiss, L, R. Seidel, H.-H. Abholz: Soziale Psychiatrie. Zur Un- Reinbek 1970
gleichheit in der psychiatrischen Versorgung. Fischer, Frankfurt 68 McCulloch, D. J., J. C. Stewart:Sexual Norms in a Psychiatrie Po-
1973 pulation. J. nerv. ment. Dis. 131 (1960) 70-73
36 Goffman, E.: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Pa- 69 Meier, R.: Sexualität und Sozialarbeit: Die Schere im Kopf ist
tienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt 1973 scharf und schnell. Sozialmagazin 9 (1984) 13-21
37 Goffman, E.: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschä- 70 Miller, J., D. Pelham: The Facts of Life, A Three-dimensional
digter Identität. Suhrkamp, Frankfurt 1975 Study. Jonathan Cape ltd., London 1984 (deutschsprachiger Text
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