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Fokus Menschenrechte Nr. 22 / Sept. 2015 Angekommen, aber nicht am Ziel Humanitäre Lage der

Fokus Menschenrechte

Nr. 22 / Sept. 2015

Fokus Menschenrechte Nr. 22 / Sept. 2015

Angekommen, aber nicht am Ziel

Humanitäre Lage der Flüchtlinge in Griechenland beschämend für Europa

Interview mit Moawia M. Ahmed

Moawia Ahmed ist Grieche. Als geborener Sudanese ist das keine Selbstverständlichkeit. „Ich bin Grieche, weil ich Vater einer Griechin bin – nicht andersherum, wie es logisch wäre“, lacht er. Es wird das einzige Mal sein, dass er während des Gespräches lacht. Ahmed kam vor über dreißig Jahren zum Studieren nach Griechenland und blieb, anders als 99% der nach Griechenland kommenden Studenten, auch nach seinem Abschluss im Land. Er heiratete eine Griechin, wurde Vater einer Tochter, und deshalb irgendwann auch Grieche. Mit „Fokus Menschenrechte“ sprach der Vorsitzende der griechischen Menschenrechtsorganisati- on Forum oF migrants über das griechische Selbstverständnis, das Elend der Flüchtlinge in seinem Land und über die mangelnde Aussicht auf Besserung.

Zusammenfassung

Während Flüchtlingsströme derzeit Deutschland erreichen, leben viele Flüchtlinge in Griechenland unter unmenschlichen Bedingungen. Der Europadi- rektor von UNHCR Vincent Cochetel wirft dem grie- chischen Staat komplettes Versagen vor und fordert mehr europäische Unterstützung. Stattdessen hel- fen Nichtregierungsorganisationen und Bürger so gut sie können. „Der Staat stiehlt sich aus der Ver- antwortung.“, so Moawia M. Ahmed, Vorsitzende

des Griechischen MiGrantenforuMs. Weder Unterkünfte

noch Toiletten werden bereitgestellt. Es gibt keine Integrationspolitik, da sie lange politisch wie ge- sellschaftlich nicht gewollt war. Selbst hochrangi- ge Politiker reden undifferenziert von „Ausländern“, anstatt sich mit beiden Gruppen (Flüchtlingen und Migranten) angemessen auseinanderzusetzen.

Herr Ahmed, die Situation der Flüchtlinge in der Ägäis ist immer wieder Thema in den Medien. Als Vorsitzender eines Dachverbandes für Migranten sind Sie zurzeit wahrscheinlich wesentlich stärker in die Flüchtlings- als in die Migrantenhilfe einge- bunden, nehme ich an. Das stimmt. Die Situation in der östlichen Ägäis ist extrem schwierig, sowohl was den Ansturm an Flücht- lingen als auch deren Erstversorgung angeht. Staat- liche Hilfe ist inexistent. Was dort von oftmals völlig ungeschulten Laien und ohne finanzielle Ressourcen geleistet wird, kann nicht hoch genug wertgeschätzt werden. Andererseits kann und darf es nicht zur Norm werden, dass lokale Hilfsorganisationen staatliche Aufgaben übernehmen, da sich der Staat komplett aus seiner Verantwortung stiehlt.

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Flüchtlingslage in Griechenland | Nr. 22 - Sept. 2015

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Wie muss man sich die Erstversorgung der Flücht- linge auf den griechischen Inseln vorstellen? In der Ägäis gibt es einige kleinere Gruppen, die Flücht- lingen seit Jahren helfen. Aufgrund der Abwesenheit jeglicher staatlicher Fürsorge wurden diese freiwilligen Helfer über Nacht zu den wich- tigsten Akteuren im griechi- schen Flüchtlingsdrama. Die In- selgemeinden, die sich von der Regierung in Athen komplett allein gelassen fühlen, haben in unseren lokalen Mitglied- sorganisationen oftmals ihre einzigen Verbündeten, um der Lage Herr zu werden. An den neuralgischen Punkten wie Les- bos oder Kos sind mittlerweile internationale Organisationen vor Ort; doch ohne lokal organi- sierte Hilfe wäre die Lage in der Ägäis dramatisch schlimmer, als sie es ohnehin schon ist.

Es ist offenkundig, dass der griechische Staat nicht genug für diese Menschen tut. Kann er nicht mehr oder möchte er nicht mehr unternehmen? Als Vorsitzender eines Dach- verbandes zur Migranten- und Flüchtlingshilfe stört mich am meisten, dass die griechische Regierung keinen Plan ent- wickelt, wie das gegenwärtig herrschende Chaos in ein ge- ordnetes und der Situation der Flüchtlinge angemessenes Ver-

fahren überführt werden kann. Ja, wir haben eine Wirtschaftskrise. Dennoch ist der Staat nicht handlungsunfähig, er könnte durchaus für einige Dinge sorgen. Momentan werden die Flüchtlinge ihrem Schicksal überlassen, und der Staat hofft, dass sich das Problem irgendwann irgendwie von selbst lö- sen wird. Das aber ist hochgefährlich und zeugt von absoluter Gleichgültigkeit gegenüber notleidenden Menschen.

In einem von der Wirtschaftskrise zerrütteten Land kämpfen Sie mit Ihren Forderungen nach mehr

Mitteln für Flüchtlinge oft auf verlorenem Posten. Erfahren Sie Unterstützung von europäischer Sei- te?

Erst vor einigen Tagen hat der Europadirektor von UN- HCR, Vincent Cochetel, der griechischen Regierung komplettes Versagen beschei- nigt. Die humanitäre Lage sei beschämend für ganz Euro- pa, sagte er nach einer Visite auf den Inseln Lesbos, Kos und Chios. Er verglich die Situation der Flüchtlinge in Griechenland mit der in Kamerun, und kam zu dem Schluss, dass Kame- run trotz seiner wirtschaftlich noch schlechteren Lage einen wesentlich besseren Plan zur Flüchtlingsversorgung habe als Griechenland. Bei der Ein- richtung von Aufnahmezentren oder der Bereitstellung von me-

dizinischer Hilfe könne Grie- chenland von Kamerun lernen. Das waren scharfe Worte des UNHCR-Europadirektors. Doch sie waren sehr zutreffend.

des UNHCR-Europadirektors. Doch sie waren sehr zutreffend. Foto: Paris Tavitian/Lifo.gr Moawia M. Achmed Moawia M.

Foto: Paris Tavitian/Lifo.gr

Moawia M. Achmed

Moawia M. Achmed wurde im Sudan ge- boren und lebt seit über dreißig Jahren in Griechenland. Nach seiner Aufnahme in die

nationale und Kapodistrias-universität von athen

spezialisierte er sich auf die Ausbildung und Unterstützung von Migranten in prekären Arbeitsverhältnissen. Als Präsident des grie- chischen foruM of MiGrants repräsentiert er die Organisation auf nationaler und euro- päischer Ebene, wie beispielsweise im euro-

päischen netzwerK GeGen rassisMus (ENAR), der europäischen plattforM für die rechte von ar- beitsMiGranten (EPMWR) oder dem europäischen rat für flüchtlinGe und iM exil lebende personen

(ECRE).

Ich befürchte, dass viele Menschen in Europa keine Vorstellung von den Verhält- nissen in Griechenland ha- ben. Deshalb fehlt auch das Verständnis dafür, warum diese Menschen über Maze- donien und Serbien weiter- reisen möchten. Europa muss verstehen, dass

weiter- reisen möchten. Europa muss verstehen, dass die Flüchtlinge in Griechenland überhaupt keine Hilfe

die Flüchtlinge in Griechenland überhaupt keine Hilfe erhalten. Bulgarien hat es bei- spielsweise geschafft, in Erstaufnahmelagern 7.000 Betten zur Verfügung zu stellen. Die griechische Regie- rung hat nicht einmal ein Bett irgendwo aufgestellt. Es gibt trotz aller Vorkommnisse noch immer kein Mi- nisterium, das sich zuständig fühlt, europäische Hilfs- gelder in faktische Hilfe für Flüchtlinge umzuwandeln. Viele Europäer können sich gar nicht vorstellen, wie unbedarft der griechische Staat mit dem Flüchtlings- thema umgeht. Das Staatsversagen ist eklatant und die Situation inakzeptabel.

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Gibt es überhaupt Unterstützung für die Flücht- linge? Die humanitäre Krise wird gegenwärtig einzig durch freiwillige Helfer aufgefangen. Sei es auf den Inseln oder hier in Athen: die Flüchtlinge werden sich selbst überlassen. In Athen wohnen mehrere tausend Flücht- linge in Parks, und die Anwohner händigen Wohnungs- schlüssel an Frauen und Kinder aus, damit sie sich in den umliegenden Häusern waschen können. Natürlich sind nicht ausnahmslos alle Anwohner so hilfsbereit. Häufig kommt es zu Razzien, an deren Ende oftmals Flüchtlinge eingesperrt werden, obwohl sie keiner- lei Unrecht begangen haben außer obdachlos zu sein – woran die Flüchtlinge natürlich als Allerletzte die Schuld tragen.

Ist es in der gegenwärtigen Situation dann nicht besser, dass das Dublin-II-Abkommen zu einem gewissen Grad ausgehebelt wurde und diese Men- schen nicht gezwungen sind, in Griechenland zu bleiben? Auf jeden Fall! Für die allermeisten Flüchtlinge gibt es objektiv keine Möglichkeit, in Griechenland zu überle- ben. Das einzig Positive ist: hier herrscht kein Krieg. An- sonsten ist das Leben hier härter, als es in der Heimat je war. Es gibt keine Arbeit. Die Flüchtlinge werden mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit keinen Job bekom- men, zudem gibt es keinerlei Unterstützung durch den Staat, selbst wenn die Menschen als Flüchtlinge aner- kannt werden sollten, was ich stark bezweifle. Diese Neuankömmlinge brauchen Unterstützung in einem für sie völlig fremden Land. Doch Griechenland schafft es nicht einmal, ihnen eine Toilette oder ein Dach über dem Kopf zur Verfügung zu stellen, ganz zu schweigen von Sprach- oder Integrationskursen.

Das Migrantenforum Das griechische f oruM of M iGrants ( Ελληνικο Φορουμ Μεταναστων ) ist

Das Migrantenforum

Das griechische foruM of MiGrants (Ελληνικο Φορουμ Μεταναστων) ist ein Netzwerk von Migrantenorganisationen und -gemeinden. Im September 2002 gegründet, zählt es heute rund vierzig Mitgliedsorganisationen. Das Forum dient als Koordinationsstelle, die auf Grundlage eines kollektiven Aktionsplans das Ziel verfolgt, Im- migranten und deren Organisationen eine Stimme zu geben und eine gleichberechtigte Eingliederung in und Teilhabe an der griechischen Gesellschaft durchzusetzen.

Es ist tragisch, dass diese Menschen nach Monaten auf der Flucht in Europa ankommen und denken, ihre Reise sei beendet, nur um zu erkennen, dass sie weiterziehen müssen, wollen sie nicht mit ihrer Familie auf der Straße leben. Es ist ein schlimmes Gefühl für die Flüchtlinge, nach der kurzen, aber gefährlichen Überfahrt feststellen zu müssen, dass sie immer noch nicht angekommen sind. Den meisten ist mittlerweile allerdings bereits vor ihrer Ankunft in Griechenland bewusst, dass sie hier nicht bleiben können. Griechenland ist eine Durchgangssta- tion, kein Ziel. Niemand möchte hier bleiben.

Wie könnte die Europäische Union Griechenland in der Flüchtlingskrise effizient helfen? Zuerst müsste Europa noch stärker mithelfen, Men- schen vor dem Ertrinken zu retten. Viele Flüchtlin-

ge haben ein international verbrieftes Recht darauf, zu uns zu kommen. Es ist unmenschlich, sie
ge haben ein international verbrieftes Recht darauf,
zu uns zu kommen. Es ist unmenschlich, sie bei dem
Versuch sterben zu lassen. Zweitens benötigen diese
Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf, denn
irgendwann wird auch in Griechenland der
Sommer vorbei sein. Wenn Griechenland
dies nicht zur Verfügung stellen kann, muss
über eine europäische Lösung nachgedacht
werden. Politisch muss daran gearbeitet
werden, dass die Europäer diese Flücht-
linge akzeptieren und soziale Spannungen
vermieden werden. Bis Ende des Jahres
werden ca. eine Millionen Flüchtlinge ein-
reisen in eine Union, die über 500 Millionen
Einwohner hat. Das kann Europa schaffen,
wenn die Bevölkerung dahinter steht.
kann Europa schaffen, wenn die Bevölkerung dahinter steht. In einem Tweet fordert Vincent Cochetel, Europadirektor von

In einem Tweet fordert Vincent Cochetel, Europadirektor von UNHCR, mehr europärische Unterstützung für Griechenland, damit es seiner Verantwor- tung gerecht werde.

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in Griechenland | Nr. 22 - Sept. 2015 | 4 Die Karte von EU H Umanitarian

Die Karte von EU HUmanitarian aid and Civil ProtECtion dEPartmEnt (ECHO) zeigt die Flüchtlingsströme nach Europa.

Quelle: http://erccportal.jrc.ec.europa.eu/Maps/Daily-maps

Gibt es überhaupt einen langfristigen Lösungsvor- schlag für das Flüchtlingsproblem? Europa muss verstehen, dass diese Menschen nicht freiwillig kommen. Selbst die „Wirtschaftsflüchtlinge“ werden aufgrund des ökonomischen Drucks in ihren Heimatländern dazu gezwungen, diese zu verlassen. Es ist zu kurzsichtig, darauf mit dem Schließen der Gren- zen und der Bereitstellung von humanitärer Hilfe zu antworten. Wenn die Mittel für humanitäre Hilfe zur Entwicklungshilfe umgewidmet würden, gäbe es in nicht allzu ferner Zukunft weitaus weniger Gründe für diese Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Oft reicht ein wenig Hoffnung aus, um die Menschen zum Bleiben zu bewegen. Ganz konkrete, gar nicht teure Hilfspro- jekte können diese Hoffnung schon wecken. Doch es muss politisch gewollt sein, mehr Geld für Projekte in fremden Ländern zur Verfügung zu stellen. Jeder Euro- päer muss sich die Frage stellen, ob er seine Steuergel- der lieber für 200 Aufnahmelager oder 2.000 sinnvolle Entwicklungsprojekte eingesetzt sehen möchte.

Wie hat sich die Wirtschaftskrise generell auf das Leben von Migrantinnen und Migranten in Grie- chenland ausgewirkt? Seit Beginn der Krise im Jahr 2009 ist die Anzahl Migranten in Griechenland stark zurückgegangen. Die erste soziale Gruppe, die von der Krise getroffen wurde, waren nicht etwa ungelernte Griechen, sondern ver- gleichsweise gut ausgebildete Migranten, die zuhauf ihre Jobs verloren. Da die Aufenthaltserlaubnis häufig an den Besitz einer Arbeitsstelle geknüpft ist, verloren viele Migranten also nicht nur ihren Job, sondern auch ihren legalen Status. Es ist eine der Sonderbarkeiten der Krise, dass Migranten in Scharen das Land verlas- sen, Flüchtlinge aber in noch größerer Zahl ins Land hi- neinströmen. Die nigerianische Gemeinde, mit ehemals 6.000 Angehörigen die größte afrikanische Minderheit in Griechenland, hat seit Beginn der Krise drei Viertel ihrer Mitglieder verloren. Aber auch Albaner oder Bul- garen verlassen das Land. All diese Menschen ziehen es vor, in ihre Heimat zurückzukehren, als weiter hier zu leben. Seit Beginn der Krise hat Griechenland ca. 60 Prozent seiner Migranten verloren.

hat Griechenland ca. 60 Prozent seiner Migranten verloren. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit | Fokus

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Nach dem 2. Weltkrieg durchlebte Griechenland immer wieder Auswanderungswellen, beispiels- weise nach Deutschland. Hat dies kein Bewusst- sein geschaffen, auch gegenüber Immigranten offen zu sein? Nein, das Gegenteil ist leider der Fall. „Echte“ Migranten gibt es in Griechenland erst seit den 1990er Jahren. Während die Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten Erfahrungen mit tür- kischen, italienischen oder griechischen Migranten sammelte, war Griechenland – umkreist von Staa- ten des Ostblocks und wirtschaftlich nicht beson- ders attraktiv – lange Zeit der Archetyp eines Na- tionalstaats ohne relevante Minderheiten. Deshalb entwickelt sich erst langsam ein Bewusstsein, was „Migrant“ bzw. „Flüchtling“ überhaupt bedeutet. Selbst hochrangige Politiker reden noch immer undifferenziert von „Ausländern“, anstatt sich mit beiden Gruppen angemessen auseinanderzusetzen.

nach Herkunft (Jan.-

Irak, 125, 2%

Juni 2

015)

Iran, 128, 3% Ukraine, 133, Nigeria, 3% 182, 4% Albanien, 234, 5% Bangladesch, 423, 9%
Iran, 128, 3%
Ukraine, 133,
Nigeria,
3%
182, 4%
Albanien,
234, 5%
Bangladesch,
423, 9%
Syrien, 1.735,
36%
Pakistan, 807,
17%
Afghanistan,
1.018, 21%

Anzah

l der Asylanträge in Griechen

land

Es werden verhältnismäßig wenig Asylanträge in Griechen- land selbst gestellt. Dennoch gibt das Schaubild eine Vor- stellung der Gründe für die Fluchtbewegungen.

Quelle: Griechisches Amt für Statistik. Grafik: FNF.

Fehlt der griechischen Gesellschaft also einfach die Erfahrung im Umgang mit Migranten?

Auch das kann man so nicht sagen, denn Griechenland ist in seiner jüngeren Geschichte erfolg- r e i c h mit Immigration umgegangen. Nach der verheerenden Niederlage im türkisch-griechischen Krieg 1923 nahm der griechi- sche Staat rund eine Million [griechische] Flüctlinge aus Kleinasien auf und integrierte sie er- folgreich in die Ge- sellschaft, obwohl Griechenland da- mals noch ärmer war als heute. Ganze Stadttei- le entstanden zu dieser Zeit, sie sind im Stadt- bild Athens deutlich erkennbar. Es stimmt also nicht, dass Grie- chenland gar keine Erfahrung auf dem Gebiet der Integrati- on hätte. Das wäre zu

auf dem Gebiet der Integrati- on hätte. Das wäre zu Ahmed klagt an: „Der Staat stiehlt

Ahmed klagt an: „Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung.“

Aber woran liegt es dann, dass sowohl Migranten als auch Flüchtlinge einen so schweren Stand ha- ben in Griechenland? Es ist einzig und allein eine politische Entscheidung. Was in den 1920er Jahren bei der Aufnahme griechi- scher Flüchtlinge aus der Türkei noch funktionierte, war danach politisch nicht mehr gewollt. Die heutige strukturelle Ablehnung von Migranten geht zurück auf die harte Gesetzgebung, die nach der Militärjun- ta in den 1970er Jahren durchgesetzt wurde und die im Aufbau Griechenlands zu einem Staat auf europäi- schem Niveau begründet liegt. Damals wurde die Hel- lenische Republik mit EU-Geldern auf ein europäisches Niveau gehoben. Für die Aufnahme von „Fremden“ sei Griechenland hingegen noch nicht bereit, war lange Zeit politischer wie gesellschaftlicher Konsens. Erst zur Jahrtausendwende änderte sich diese restriktive Politik etwas und Migranten – die es ja durchaus gab – wur- den endlich auch politisch wahrgenommen. Das gilt aber nach wie vor nicht für Flüchtlinge.

Das gilt aber nach wie vor nicht für Flüchtlinge. einfach. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit |

einfach.

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Warum wird mit Flüchtlingen noch restriktiver umgegangen als mit Migranten? Während Migranten, die im Falle Griechenlands hauptsächlich vom Balkan stammen, irgendwann als notwendiges Übel akzeptiert wurden, die zwar vorü- bergehend hier arbeiten, aber das Land in absehbarer Zeit auch wieder verlassen, wurden Flüchtlinge wei- terhin abgeblockt. Zu groß schien die Gefahr, dass sie langfristig im Land bleiben würden. Daher beschieden die griechischen Behörden lange Zeit lediglich ein Pro- zent aller Asylanträge positiv. Diese äußerst restriktive Praxis wurde wiederholt von internationalen Organi- sationen angeprangert, ohne dass sich etwas geändert hätte. Erst seit 2011 haben Asylanten eine wirkliche Chance, in Griechenland anerkannt zu werden. An der fehlenden Akzeptanz der Bevölkerung hat dies jedoch kaum etwas geändert.

Woran hapert es in Griechenland, was in anderen europäischen Ländern heutzutage Standard ist? Es gibt keine Integrationspolitik, da sie lange Zeit po- litisch wie gesellschaftlich nicht gewollt war. Natür- lich aber gibt es Immigranten, die sich meist selbst um ihre Integration kümmern müssen. Natürlich gab und gibt es individuelle Erfolgsgeschichten, in denen griechische Arbeitnehmer dafür sorgen, dass die Inte- gration ihrer ausländischen Arbeitskollegen vorbildlich klappt. Dies wurde zu keiner Zeit von staatlicher Seite gefördert. Der Staat vertrat den Standpunkt, dass jede Erleichterung, jede Unterstützung der Flüchtlinge ein Schritt zur faktischen Anerkennung sei – und somit ri- goros zu unterbinden war.

Wenn Sie mit Immigranten sprechen, die kurz da- vor sind, Griechenland zu verlassen, was erfahren Sie da über die ausschlaggebenden Gründe? Ein großes Problem von Migranten ist es, dass ihre Ar- beitserlaubnis nur national gilt. Wenn es also zu einer so verheerenden ökonomischen Situation wie derzeit in Griechenland kommt, bleibt vielen Migranten nur die Wahl, entweder arbeitslos – und dann meist il- legal – in Griechenland zu bleiben oder zurück in ihr Heimatland zu gehen. Die Möglichkeit, in anderen europäischen Ländern auf Arbeitssuche zu gehen, ist nicht gegeben – und dass, obwohl viele von ihnen gut ausgebildet sind und jahrelang in Griechenland, also in Europa, gearbeitet haben.

Heutzutage sind jedoch nicht mehr Arbeitsmigran- ten, sondern Flüchtlinge die größte Gruppe, rich- tig? 80 Prozent der Menschen, die heute nach Griechenland kommen, sind Flüchtlinge und müssten besonderen Schutz und Vorsorge genießen. Dieses Land wird sich auf lange Zeit nicht mehr mit Migranten im großen Stil auseinandersetzen müssen. Die Krise hat jegliche Anreize, nach Griechenland zu kommen, vernichtet. Griechenland ist arm. Hierher kommt man, um sein Le- ben zu retten, aber nicht, um ökonomisch erfolgreich zu sein.

zu retten, aber nicht, um ökonomisch erfolgreich zu sein. Das Interview führte und übersetzte der Politologe

Das Interview führte und übersetzte der Politologe Markus Kaiser, Projektmanager Griechenland der friedrich-nau-

Man-stiftunG für die freiheit.

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