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Ingeborg Heidemann

Der Begriff des Spieles

und das ästhetische Weltbild in der Philosophie der Gegenwart

Walter de Gruyter & Co.

v9rmals G.]. Göschen'sche Verlagshandlung . ]. Guttentag, Verlagsbuch­ handlung· Georg Reimer· Karl J. Trübner . Veit & Comp.

Berlin 1968

. ]. Guttentag, Verlagsbuch­ handlung· Georg Reimer· Karl J. Trübner . Veit & Comp. Berlin 1968

124 § 5: Einleitende Problemstellung

haupt. Aber es ist nicht die Kantische Philosophie als solche, die dieser Thematik zugrunde liegt. Wenn der Erörterung des Spielbegriffs in der Philosophie der Gegenwart und insbesondere bei Heidegger eine ausführliche Darlegung der Kantischen Aussagen zum Spiel vorangeht, so ist es daher auch weder die Korrektur der Begriffsgeschichte noch die Voraussetzung historischer Abhängigkeiten, von der sich die Pro­ blemstellung leiten läßt. Die "These" für die Interpretation der am Spiel orientierten Philosophie um die Mitte des zwanzigsten Jahrhun­ derts kann vielmehr schärfer dahin formuliert werden, daß diese Phi­ losophie dem Problemkreis der "Kritik der Urteilskraft" folgt in einer Art Negation der "Revolution der Denkungsart" der transzendental­ philosophischen Grundlegung der "Kritik der reinen Vernunft", in einer ausdrücklichen Gegenstellung zur Kantischen Philosophie, sofern Kant die apriorischen Bedingungen der Erkenntnis aus dem Entwurf des denkenden Wesens begründet. Im Hinblick auf diese Weite und Spannung der Grundlegungsfragen setzt die Reflexion über die er­ kenntnistheoretische Funktion des Spielbegriffs mit der Bedeutung von "Spiel" bei Kant ein.

Erstes Kapitel Der Spielbegriff bei Kant

§ 6: Spiel und Erkenntnis

Spiel und Wissenschaft

In der Verwendung des Wortes "Spiel" in der kritischen Philoso­ phie Kants lassen sich zunächst verschiedene Bedeutungskreise unter­ scheiden: das Spiel als Nicht-Ernst und "Erdichtung", das freier Entwurf der schöpferischen Spontaneität sein kann, aber auch das Er­ gebnis einer Affektion oder einer unkritischen Spekulation; das "Spiel", das die Vernunft mit sich selbst treibt auf dem Kampfplatz der Dialek­ tik, ein unaufhörliches Hin und Her in der Bewegung des Denkens, das entspringt, wenn die Totalität der Welt und der Ursprung des Seienden bestimmt werden sollen; "Spiel" als Zufälligkeit, Unverbun­ denheit und Mannigfaltigkeit der Phänomene und empirischer Gesetze; das Spiel zwischen den Gemütskräften, in dem das ästhetische Urteil gründet; Spiel als Form des Sinnlichen im Unterschied zu Gestalt; Spiel als Handlung und Tätigkeit im Gegensatz zur Arbeit und die Spiele im engeren Sinne, der zwecklos gesetzte Handlungsbereich, in dem die geistige Aktivität und die innere Bewegtheit um ihrer selbst willen lustvoll erlebt werden. Spiel und Erkenntnis sind geschieden. Das ist im wesentlichen die Position der "Kritik der reinen Vernunft". Das "Geschäft" einer Kritik der reinen spekulativen Vernunft ist bezogen auf einen objektiven Zweck; es erstrebt die allgemeine Gültigkeit der Beweisführungen, die

Der Spielbegriff bei Kant

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objektive Realität der Begriffe, die Festsetzung der Grenze zwischen einem unkritischen Entwurf der Einbildungskraft oder des Denkens und der Philosophie als Wissenschaft. Es hieße eine Arbeit in ein Spiel verwandeln, das bloße Meinen an Stelle des Wissens setzen, sich mit "gedichteten" Begriffen zufriedengeben, wollte man das strenge Vor­ gehen der Kritik ablehnen!. Die bisherige Metaphysik hat sich mit sol­ chen spielhaften Vorstellungen begnügt, mit einem "Spielwerk von Wahrscheinlichkeit und Muthmaßung"2, das keinen Anspruch auf Wahr­ heit stellen darf. Denn wenn eine Erkenntnis sich auf einen Gegenstand beziehen soll, so bedarf sie einer entsprechenden Darstellung in der Anschauung: "Ohne das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in der That aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit Vorstellungen gespielt. "3 Der Ausdruck "Spiel" dient zur Kennzeichnung der methodischen Unzulänglichkeit in Grund­ legungsfragen der philosophischen Erkenntnis, der Unverbindlichkeit und Beliebigkeit in der Annahme und Zuordnung von Prinzipien und der mangelnden Gültigkeit der Ergebnisse einer spekulativen Meta­ physik, die alle Grenzen möglicher Erfahrung übersteigt und deren Aussage nichts anderes sein kann als "Schwärmerei" oder im besten Falle "Erdichtung" - ein leeres Gedankending als ein zwar wider­ spruchsfreier Begriff, aber doch ein Begriff von Nichts, dem kein Ge­ genstand korrespondiert'.

I Vgl. Kr. d. r. V. B XXXVII. - Kants Schriften werden zitiert nach der Ausgabe der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften: Kant's gesammelte Schriften, Berlin 1900 ff.j die Kritik der reinen Vernunft - 2. verb. AuR. (B) von 1787 (WW Band III), 1. AuR. (A) von 1781 (z. T. WW IV) - unter Angabe der Originalpaginierung, die anderen Schriften nach der Seitenzählung der Akademie-Ausgabe.

• Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird au/treten können (1783), WW IV, S. 369; s. a. S. 278. Kr. d. r. V . B 194 f. / A 155.

• Der Grenzbegriff des Noumenon und gegründete Hypothesen sind jedoch von "bloßen" oder "willkürlichen" Erdichtungen zu unterscheiden. B 850/ A 822 faßt die wesentlichen Momente zusammen: "Ich darf mich niemals unterwinden, zu me i n e n, ohne wenigstens etwas zu w iss e n, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urtheil eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig, doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz einer solchen Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn wenn ich in Ansehung dessen auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel der Einbildung ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit." Außerhalb des Erfah­ rungsbereiches ist jedoch das Meinen "so viel, als mit Gedanken Spielen", und

§ 6: Spiel und Erkenntnis

127

Von diesem Spiel einer gleichsam nur dichtenden Vernunft unter­ scheidet sich das "Widerspiel" der "vernünfteinden" Vernunft insofern, als das "ganze dialektische Spiel der kosmologischen Ideen" zwar auf der Eins.eitigkeit der Konzeptionen beruht, aber als solches weder bloße Fiktion noch ein willkürliches Spielen mit Begriffen oder Ideen ist 5 Es ist ein unvermeidlicher Widerstreit, dem die Vernunft nicht gleich­ gültig wie einem "bloßen Spielgefechte" gegenübersteht - die Dialek­ tik ist der "Kampfplatz" jener Thesen, die das Interesse der Vernunft angehen 6 Das Antinomienspiel resultiert nicht aus einer mangelnden Disziplin im Gebrauch der Erkenntnisvermögen, sondern aus der Na­ tur unserer Vernunft selbst. Zufällig ist an ihm nur der scheinbare Sieg desjenigen, der anfängt und in seiner Beweisführung aus der Wider­ legung der Gegenthese den Vorteil des ersten Zuges hat. Die skeptische Methode besteht daher darin, diesen Gegensatz zu entwickeln und ihn als "Spiel" auszuweisen; so wird es indirekt zu einem Mittel für die Erkenntnis, das unser Wissen begrenzt bleibt. Sehr deutlich wird hier der Charakter der Scheinhaftigkeit, der nicht wie eine Täuschung oder ein Irrtum auf Grund der theoretischen Einsicht verschwindet; der transzendentale Schein bleibt vielmehr auch dann bestehen, wenn er als Schein erkannt ist. Insbesondere aber zeigt sich das Hin und Her in der dialektischen Bewegung des Denkens, das in die Ausweglosigkeit des Widerstreits zweier Bestimmungen gerät - ob die Welt endlich oder unendlich sei, ob es eine letzte Einheit der Materie gibt oder nicht, ob Freiheit mit Naturgesetzlichkeit vereinbar ist oder alles Geschehen aus der unlösbaren Verkettung der Kausalgesetzlichkeit begriffen wer­

eine Hypothese ist allenfaLls zur

einsichten des Gegners" erlaubt (B 803 f. / A 775 f.).

Verteidigung im "Widerspiel" gegen

Schein­

Kr. d. r. V. B 490/ A 462. - Den Ausdruck"Widerspiel" verwendet Kant vor­ nehmlich für das der Lehre von der Freiheit und der Sittlichkeit Widerstreitende, aber auch im allgemeineren Sinnej vgl. B 190/ A 151, B 477 / A 449, WW XX, S.291 und Kritik der praktischen Vernunft (1788), WW V, S.28, 29, 35, 73. Nach der Metaphysik der Sitten (1797) - WW VI - und der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) - WW VII - ist das Widerspiel (oontrarie s. realiter oppositum) terminologisch vom logischen Gegenteil (contradictorie oppo­

situm)

zu unterscheiden (WW VI, S.384j s. a. S. 429, 464 f. und WW VII,

S.230).

• Kr. d. r. V. B 492 f. / A 464 f.j s. a. B XIV f. Die kosmologische Antinomie ist also keineswegs dem "Spielwerke der alten dialektischen Schulen" (B 517 f./ A 489 f.) oder einem "Kinderspiel" (B 771 / A 743) vergleichbar.

128

Der Spielbegriff bei Kant

den muß. Da die Vernunft, eben dann, wenn sie die Regeln des konse­ quenten Denkens anwendet, kein sachliches Kriterium der Entschei­ dung hat, die Möglichkeiten der Interpretation des Ganzen aber auch nicht zusammendenken kann in einem widersprechenden Begriff des Endlich-Unendlichen, überläßt sie die Entscheidung entweder dem Zweck der Praxis des Erkennens und Handelns, oder sie hält sich im Zwischenbereich der theoretischen Unentscheidbarkeit, dem Aspekt der bloßen Möglichkeit. Die so auftretende Diskrepanz zwischen Theo­ rie und Praxis wird in der Gegenüberstellung der isolierten theoreti­ schen Haltung und der Lebenseinstellung deutlich: Der Mensch, der auf die Dialektik der Vernunft eingeht, muß sich heute als frei betrachten, morgen als ein Glied in der Kette der Kausalverknüpfungen; aber "die­ ses Spiel der bloß speculativen Vernunft" vergeht in Nichts in der Realität des Handeins. Es verschwindet "wie Schattenbilder eines

Traums"7.

Das "Spiel" der Erkenntnisvermögen, der Einbildungskraft, des Verstandes oder der Vernunft mit und in ihren Vorstellungen ist kein ästhetisches Spiel im Sinne der "Kritik der Urteilskraft". Es gründet nicht in einem interessefreien Spiel zwischen den Vermögen, nicht in einer freigesetzten Betätigung der schöpferischen Einbildungskraft. Das Erkenntnisstreben richtet sich vielmehr auf einen Zweck; es erreicht ihn jedoch nicht, weil es die Möglichkeiten der einzelnen Erkenntnis­ bedingungen unkritisch hypostasiert und nicht unterscheidet zwischen dem Bereich der Erfahrung und dem Bereich dessen, was die Erfahrung notwendig transzendieren muß. Erst die Bewußtseinshaltung der tran­ szendentalen Reflexion, die den Unterschied zwischen dem Erreichbaren und dem Unerreichbaren in der Erkenntnis setzt, löst das dialektische Hin und Her der Positionen auf, indem sie es als "Spiel" bewußt macht und ausweist. Geht man auf die Bestimmung des Phänomens zurück, so entspricht diese Auflösung in der Tat der Grenzsetzung zwischen Spiel und Wirklichkeit. Das Spiel nimmt in seinen Totalitätsbereich das

, Kr. d. r. V. B 503/ A 475. Auch über solche anschaulichen Darstellungen hinaus wird deutlich, wie das Hin und Her auf die theoretische Vernunft beschränkt ist: das praktische Interesse .kommt im bloß speculativen Streite niemals mit ins Spiel" (B 772 / A 744) i das .freie Interesse" der praktischen Vernunft ist vielmehr ein "Entscheidungsgrund", der, sobald er "ins Spiel kommt", "im Schwanken der speculativen Vernunft den Ausschlag zu geben" vermag (Kr. d. pr. V. S.145).

Ausschlag zu geben" vermag (Kr. d. pr. V. S.145). § 6: Spiel und Erkenntnis realiter Unerreichbare

§ 6: Spiel und Erkenntnis

realiter Unerreichbare hinein, es verwischt die Unterscheidungen, ver­

bindet das Unvereinbare und entwirft eine eigene Gesetzlichkeit, in d~r es Sinn und Bedeutung verleiht. So ist es zwar in sich konsequent, aber es entspricht nicht der Philosophie als Wissenschaft, die ihre Begriffe zu rechtfertigen und am Gegebenen zu belegen hat und die verwiesen ist auf die Grenzen, die eine kritische Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis dem Verstand setzt. Die naheliegende Frage, ob das System der Transzendentalphilosophie nicht selbst einem umfassenden Regelspiel gleichkommt, da es die Vernunft als isolierte Ganzheit voraussetzt, das Ansichsein der Dinge ausklammert und die objektive Gültigkeit der Kategorien auf das Feld der Gegenstände der Erfahrung beschränkt, kann mit Kant beantwortet werden aus dem Ergebnis der kritischen Philosophie: die Kritik beansprucht, im Gegen­ satz zur Flüchtigkeit und Vergänglichkeit eines bloßen Spiels einen "beharrlichen Zustand" herbeizuführen und einem "bleibenden Zweck" zu dienen 8 Darüber hinaus scheint es durchaus möglich, den apriori­ schen Entwurf der Schemata und Grundsätze des reinen Verstandes in Analogie zu einem Spiel aufzufassen, vorausgesetzt, daß unterschieden wird zwischen der Geltung willkürlich gesetzter Spielregeln und der Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der Regeln des reinen Ver­ standes innerhalb der "Grenze des Bodens, worauf allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist"9. Wie im thematischen Zusammenhang einer solchen Redewendung die positive Bedeutung des Spielens als freie Aktivität und Bestimmungsfunktion des reinen Verstandes zu­ gleich mit dem Charakter eines zwar erlaubten, aber eben doch be­ grenzten und bloßen Spieles im Hinblick auf die weiteren und höheren

Ansprüche der Vernunft anklingen könnten 1o , so

stituierung der empirischen Erkenntnis aus dem apriorischen Entwurf der Spontaneität des Ich-denke wohl als ein strenges Regelspiel ange­ sehen werden gegenüber der unerkannten Wirklichkeit des Ansichseins. Das Kriterium der Unterscheidung von Wissenschaft und Spiel inner­ halb metaphysischer Erkenntnis würde jedoch erhalten bleiben als der

129

könnte auch die Kon­

, Prolegomena, S. 382.

Kr.

d.

r. V. B 352/ A 296.

10 Die Wissenschaften, wie immer sie dazu beitragen mögen, "unsre künftige Be­ stimmung zu entdecken", geben keine "Triebfeder" zur moralischen Entwicklung. "Sie gehören zum Spiel des Menschlichen Geschlechts, aber nicht zu seinen Zwek­ ken." (Reflexion 4670, WW XVII, S.634).

9 !-!<idcm.nn, Der Begriff des Spiel

130

Der Spielbegriff bei Kant

Gegensatz einer Disziplin der reinen Vernunft und eines "leichtsinni­ gen Spiels mit Einbildungen statt Begriffen und Worten statt Sachen"l1. Eine weitere Bedeutung des Ausdruckes "Spiel" bezieht sich auf den sinnleeren, regellosen Wechsel der Anschauungen, ihre ungeordnete Fülle, auf die ·"gesetzlose" Freiheit und die Zufälligkeit der Assozia­ tionen. Das zeitliche Nacheinander ist in sich nicht bestimmt, und ohne den Grundbegriff des reinen Verstandes für die Verknüpfung der Er­ scheinungen, ohne die Kategorie der Kausalität, würden wir keine Ein­ heit des Verstehens von Wahrnehmungen erreichen, sondern uns nur einem "Spiel der Vorstellungen" gegenübersehen, "das sich auf gar kein Object bezöge"12. Das wesentliche Moment ist hier nicht der mangelnde Bezug einer Spekulation auf die Anschauung und die Beispiele der Erfahrung, sondern die fehlende Bestimmtheit durch die Kategorie. Die Erscheinungen müßten ihrer dynamischen Verbindung nach ununter­ schieden bleiben, es gäbe daher keine objektiv gültige empirische Er­ kenntnis, wenn nicht die Regel des Verstandes das Mannigfaltige ord­ nen könnte. In der bloßen Phänomenalität ist diese Ordnung nicht festgelegt, die assoziative Verknüpfung ist beliebig und zufällig, die Zeit als Form der Vorstellung enthält kein Kriterium, um die Zeitstelle zu fixieren. Das Verhältnis von Spiel und Erkenntnis stellt sich in diesem Zusammenhang dar als der Unterschied zwischen dem "Spiel der Veränderungen" und der "Natur der Dinge (als Erscheinungen)"13. Die Kennzeichnung als "Spiel" bezieht sich auf die Momente der Wie­ derholbarkeit und Transponierbarkeit in der Zeit und die Offenheit der ästhetischen Regelung für die Bestimmung aus der Einheit des Verstandes. Durch die apriorischen Naturgesetze wird das Spiel der Veränderungen einer Natur "unterworfen", das heißt, in einen ge­ setzlichen Zusammenhang gebracht, der das "blinde Ungefähr" und die "blinde Notwendigkeit", den "Absprung" und die "Kluft" zwischen den Geschehnissen ausschließt - die Naturgesetzlichkeit ist als solche keiner Bestimmung mehr offen, sie läßt keine "Lücke" für die Freiheit oder den Zufall in ihrem Grundprinzip. Andernfalls würde, wie die dritte Antithesis argumentiert, das "Spiel der Erscheinungen, welches

r. tt Kr . d. r. V. B 239/ A 194, im Zusammenhang der zweiten Analogie »Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Causalität".

11 Ebd. B 280 f. / A 228.

11

Kr. d.

V.

B 738/ A 710.

§ 6: Spiel und Erkenntnis

131

nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig sein würde", ver­ worren und zusammenhanglos 14 Stellt man die Frage, ob diesen Verwendungen des Ausdruckes "Spiel" in der "Kritik der reinen Vernunft" eine gemeinsame Bedeu­ tung zukommt, so kann man nicht auf das Moment der Scheinhaftig­ keit oder das der Regellosigkeit zurückgehen. Unabhängig davon, ob es sich um einen philosophischen Terminus, eine übertragung oder eine bildhaft anschauliche Darstellung handelt - als gemeinsames Charak­ teristikum tritt zunächst die Subjektivität hervor, einmal im Bereich des Denkens, zum anderen im Bereich der Anschauung und Erschei­ nung. Da aber diese Subjektivität in der Kantischen Philosophie inso­ fern nicht aufgehoben werden kann, als sowohl die Kategorien des Denkens als auch die apriorischen Formen der Anschauung und Vor­ stellung, Raum und Zeit, dem erkennenden Subjekt zugehörig sind, kann die Divergenz zwischen "Spiel" und Erkenntnis nicht in der Be­ dingung der Subjektivität als solcher gesucht werden. Sie kann aber auch nicht auf ein absolutes Objekt zurückgeführt werden, etwa auf eine Täuschung durch das "Ding an sich", sofern es das Spiel der Ein­ drücke veranlaßt. Der Spielcharakter muß daher in der Isolierung vermutet werden, in der Unverbundenheit der Erkenntnisbedingun­ gen, die in einer Hinsicht ein jeweils gleiches Resultat hervorbringt: die Ununterscheidbarkeit der Vorstellungen ihrer objektiven Gültigkeit nach, sei es der Gedanken oder der Anschauungen. Im Hinblick auf das im Spiel der Vorstellungen befangene Subjekt bedeutet die Ununter­ scheidbarkeit sozusagen die unkritische Beliebigkeit, das Gegebene und Gedachte entweder dem Bereich der Wahrheit oder dem Bereich des Scheines zuzusprechen. Der Sache nach bedeutet sie eine mangelnde Fixierung, eine Zwischenstellung zwischen Sein und Nichts, die Unge­ schiedenheit von Ansichsein, Erscheinung und Schein. Die Möglichkeit der Erkenntnis muß demnach fundiert werden aus der grundlegenden Funktion der Urteilskraft als des Vermögens der Unterscheidung ­ transzendentalphilosophisch aus dem "transzendentalen Unterschied" zwischen Ding an sich und Erscheinung und der Ausbildung verschie­ dener Begriffe von Wahrheit, Welt und Wirklichkeit; methodisch aus der bewußten Wendung in die Subjektivität, nach der eine Kritik der

"

9<

Kr. d. r. V.

B 479 / A 451.

132

Der Spielbegriff bei Kant

Erkenntnisvermögen der Metaphysik als Wissenschaft vorausgehen muß und wir apriori nur das an den Dingen erkennen, was als konsti­ tuierende Bedingung der Möglichkeit ihrer Erfahrung schon in uns liegt. Damit kehrt allerdings in anderer Form die Frage wieder, ob das apriorische System des reinen Verstandes denn mehr als ein Spiel sei. Aber das Kriterium der Gegenstandserkenntnis ist nicht allein die Weise der "Zusammenstimmung" der formalen apriorischen Bedingun­ gen von Anschauung und Begriff, so daß Erkenntnisurteil und ästhe­ tisches Urteil etwa nur insofern verschieden wären, als in der Erkennt­ nis die Einbildungskraft dem Verstand zu Diensten ist, in der Beurtei­ lung des Schönen dagegen das Gleichgewicht und die "Einhelligkeit im Spiele der Gemüthskräfte"15 zugrunde liegen. Für die Frage nach dem Verhältnis von Spiel und Erkenntnis in der kritischen Philosophie er­ geben sich vielmehr zwei wesentliche Problemstellungen, die zugleich über den Rahmen der "Kritik der reinen Vernunft" hinausweisen. Die eine Problemstellung betrifft den Bezug der apriorischen Bestimmungen zum aposteriorisch Gegebenen und die Form der Gegenstände der Sinne. Die zweite Problemstellung bezieht sich auf die Mitteilbarkeit der Erkenntnis und die Fragwürdigkeit einer möglichen Erweiterung des Verstehens durch die Vermittlung des Spielbegriffs. Die Darstel­ lung nimmt die Thematik zunächst im Aspekt der Verstandeserkennt­ nis und Vernunfterkenntnis auf, um die mögliche Funktion des Spiel­ begriffs bei Kant noch weitgehend unabhängig vom Zusammenhang mit dem ästhetischen Urteil zu entwickeln.

Spiel und Erfahrung

Die Begründung der Erkenntnis aus der ursprünglichen Verbindung und Einheit des reinen Selbstbewußtseins im Ich-denke und der Nach­ weis der Ermöglichung der Gegenstandserkenntnis aus der apriorischen Bestimmung des Raumes und der Zeit erlauben nicht, vom Moment

" Kritik der Urtheilskraft, § 15, WW V, S.228. Für den engeren Zusammenhang von "Spiel" in der Kritik der reinen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft, vor allem aber für die Interpretation des Spieles aus der Spontaneität des Denkens vgl. die Dissertation von Trebels, die als Ergänzungsheft der Kant­

studien erscheint: Andreas Heinrich Trebeis, Einbildungskraft und Spiel. Unter­ suchungen zur Kritik der ästhetischen Urteilskraft.

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des empirisch Gegebenen völlig zu abstrahieren. Das Kriterium der tat­ sächlichen Erkenntnis liegt daher in der Anwendbarkeit der apriori­ schen Bestimmungen, in der "Zusammenstimmung" der formalen Bedingungen der Erfahrung mit den materialen Bedingungen. Mit der bloßen "Form des Verhältnisses" kann man "allenfalls in Erdich­ tungen spielen"'6 - das gilt in gewisser Weise auch für die mathe­ matischen Begriffe, die in der reinen Anschauung konstruierbar sind; ihre objektive Gültigkeit - als Gültigkeit für Objekte - entscheidet

§ 6: Spiel und Erkenntnis

sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendbarkeit auf die Erfahrung. Und es gilt letztlich auch für die Transzendentalphilosophie selbst, die durch die Beispiele der Physik ihre Grundbegriffe und Grundsätze realisiert und in der Begründung der Physik unter Beweis stellt - wie sollte sie sonst ihre Gültigkeit für die wirkliche Erkenntnis belegen und dem möglichen Vorwurf einer "neuen philosophischen Proiekt­

begegnen 17 ? Das Kriterium der Unterscheidung zwischen

"Spiel" und wirklicher Erkenntnis betrifft daher den Unterschied zwischen "Erdichtung" und "Erfahrung" im Zusammenhang mit dem äußeren Sinn, der die Beziehung auf etwas Wirkliches außer uns an­ zeigt. So gesehen müßte das Problem der Erkenntnis also immer den inneren Sinn angehen, und wenn etwas die Erkenntnisfähigkeit "aufs Spiel setzt", so müßte es die Einbildungskraft sein, da sie das Gegen­ ständliche der Erfahrung "herbei ruft", ohne das selbst Raum und Zeit ohne Sinn und Bedeutung wären 18 .

Es ist demnach verständlich, wenn das "Spiel der Einbildung" ein besonderes Anliegen der angewandten Logik ausmacht 19 , wie Kant sie

macherey"

" Kr. d. r. V. B 270/ A 223. Dieser Gegensatz von Spiel und objektiver Gültigkeit kommt mit aller Deutlichkeit und an exponierter Stelle - in der "Unter­ scheidung aller Gegenstände in Phaenomena und Noumena" - zum Ausdruck (B 298/ A 239) : "Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen alle Grundsätze, so sehr sie auch apriori möglich sein mögen, dennoch auf empirische Anschauun­ gen, d. i. auf data zur möglichen Erfahrung. Ohne dieses haben sie g.ar keine objective Gültigkeit, sondern sind ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft oder des Verstandes, respective mit ihren Vorstellungen." 17 Vgl. Kants Brief an Lambert vom 31. XII. 1765 über die Methode der Meta­ physik (WW X, S.56). Die sachlichen Zusammenhänge wurden dargestellt im Hinblick auf Die Funktion des Beispieles in der kritischen Philosophie in der Festschrift für Heinz Heimsoeth zum achtzigsten Geburtstag: Kritik und Meta­ physik. Studien, Berlin 1966.

"

Vgl. Kr. d . r. V. B 195/ A 156.

Vgl. ebd. B 77/ A 53.

It

134

Der Spielbegriff bei Kant

zum Teil im Aspekt der "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht"20 behandelt. Die synthesis speciosa und technica fügt das anschaulich Mannigfaltige in eine Einheit, sie entwirft Gestalt, Bild und sinnliches Schema, sie ermöglicht die willkürliche Komposition und die Erfindung. Die Einbildungskraft vollzieht die "ursprüngliche Darstellung" des Gegenstandes, und sie macht Vergangenes in der Erinnerung und mög­ liches Künftiges in der Antizipation gegenwärtig. Leimt erregbar durch das Gefühl wie durch die Ideen der Vernunft, gilt sie als "sinnlimes Dichtungsvermögen", das mit seinen Möglichkeiten der anschaulichen Bildung, der Assoziation und der Analogievorstellungen den Zu­ sammenhang des Denkens gefährdet, aber auch das "eigentliche Feld für das Genie" ist. Die "dichtende Einbildungskraft", die sich in der Ekstasis des Gefühls und im "Gedenken" der Zukunft in die Schein­ erfahrung einer angeblich nicht sinnlichen Schau verlieren kann, liegt auch der Kommunikation mit uns selbst zugrunde. Ihre entscheidende Bedeutung für das Erkennen erhält sie jedoch im Zusammenhang des "Bezeichnungsvermögens", das heißt in der Ermöglichung der Sprache und damit für das Verstehen des Menschen, seiner selbst und des andern. So führt die anthropologische Frage nach der Funktion des inneren Sinnes für die Erkenntnis auf die Wemseibeziehung von Sprache und Denken, und damit letztlich auf ein Grundproblem der Kritik der Urteilskraft überhaupt: auf die Frage nach der dynamischen Verbindung zwischen Einbildungskraft und Verstand. Denn dem ur­ sprünglich sinnlichen Moment des Erkennens, der rezeptiven und nach­ bildenden Fähigkeit kann das Vermögen des Schöpferischen nicht aus sich selbst zukommen, sondern nur aus der Spontaneität und qualitati­ ven Einheit des Denkens. Es ist der dynamische und thematische ur­ sprüngliche Grund des Ich-denke, aus dem alle Ordnung und Sinn­ gebung, auch die Sinngebung der Sprache, entspringen. Die wesentliche Unterscheidung für den Begriff des Spiels in der "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" ist wohl die einer aktiven

VgI. zum Folgenden bes. §§ 28, 31, 33,34, 38, 39 (Zählung der Ak.-Ausg.) der Anthropologie (WW VII). Da die Frage nach dem Spielbegriff bei Kant die Funktion des Begriffs, und zwar im Hinblick auf die erkenntnistheoretische Thematik der Gegenwart betrifft, wird auf die Sp iele als solche nur zusammen­ fassend eingegangen . Es mag daher ausdrücklich erwähnt werden, daß die anthro­ pologischen, psychologischen und auch pädagogischen Aussagen Kants über die Spiele im ~inzelnen keineswegs nur von historischer Bedeutung sind.

~inzelnen keineswegs nur von historischer Bedeutung sind. § 6: Spiel und Erkenntnäs 135 Gestaltung und eines

§ 6: Spiel und Erkenntnäs

135

Gestaltung und eines passiven Erleidens: mit etwas spielen, ein Spiel "treiben" aus der freien Verfügung über die eigenen Möglichkeiten, und

"ein Spiel sein", ein Spiel von etwas, das mit uns spielt und in dem wir

mit der Einbildungs­

kraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns. "22 Wenn der Mensch im laute­ ren ästhetischen Spiel mit Ansmauung, Begriff und Idee, in den schö­ nen Künsten, im Witz und in den unterhaltenden, Geselligkeit und Kul­ tur fördernden Spielen den schönen und den angenehmen Schein her­ vorruft und den freien Entwurf seiner Möglichkeiten genießt, erlaubt er gleichsam der Phantasie, die "Selbstschöpferin" zu sein. In der lei­ denschaftlichen Verfallenheit an das Glücksspiel dagegen, aber auch im Traum, in der unabsichtlichen Illusion der Sinne, in der disziplinlosen Steigerung der Einbildung zeigt sich die andere Möglichkeit, dem wech­ selnden Spiel der Gefühle und Assoziationen zu erliegen, bis zu jenen regelwidrigen Phänomenen, "wo die Phantasie gänzlich mit dem Men­ schen spielt und der Unglückliche den Lauf seiner Vorstellungen gar nicht in seiner Gewalt hat"23. Ein" wunderliches Spiel der Einbildungs­ kraft mit dem Menschen" führt ihn zur Verwechslung von Zeichen und Sachverhalt - eine Art Verführung am "Leitseil der Sinnlich­ keit"24. In der "gestörten Urteilskraft" tritt das "Spiel" an die Stelle der Kausalverbindung des Verstandes; es handelt sich um eine Ver­ knüpfung des unvereinbar Verschiedenen auf Grund einer Verwechs­ lung von Analogie und Begriff 25

Ist in diesen Fällen die Urteilskraft prinzipiell in der Lage, den Smein zu erkennen, so stellt sich ein grundlegenderes Problem im

ohne Macht sind 21 . "Wir spielen oft ·und gern

" Vgl. z. B. zum "Spiel der Empfindungen", § 5, S.136: "Wir spielen nämlich oft mit dunkelen Vorstellungen und haben ein Interesse beliebte oder unbeliebte Gegenstände vor der Einbildungskraft in Schatten zu stellen; öfter aber nom sind wir selbst ein Spiel dunkeler Vorstellungen, und unser Verstand vermag "

das Spiel dunkeler

Sc h I a f

(Akademie-Ausgabe: "beim

sich nicht wid~rdie Ungereimtheiten zu retten

Spiel", wohl versehentlich, vgl. S. 136 unten: "sind wir

Vorstellungen

"); oder § 28, S. 167 zum Begriff des Traumes: "Im

ein unwillkürliches Spiel seiner Einbildungen zu sein, heißt t r ä u m e n."

Anthropologie § 31, S. 175; anschließend reflektiert Kant über die Notwendig­

keit des Träumens zur

Erhaltung des Lebens, vgl. a . Kr. d.

U.

§ 67,

S. 380.

" Anthropologie § 33, S. 181.

,. Vgl. ebd . § 39 den "Anhang" über die Zahlenmystik.

Vgl.

ebd.

§ 52,

S. 215.

136

Der Spielbegriff bei Kant

Aspekt der Vernunft: die Intention, die erlebte Spontaneität einer sub­ jektiv zweckfreien Spielhaltung mit einem objektiven Freisein von Zweckursachen zu verwechseln und so "die Stimmung des inneren Sin­ nes für Erkenntniß der Sache selbst zu nehmen"26. Nach den Kantischen Beispielen gilt diese Identifikation vor allem für Kampfspiele und Glücksspiele und - umgekehrt, indem die Scheinzwecke des Strebens für wirkliche Zwecke der Vernunft gehalten werden, - auch für den Wettstreit im Leben um äußere Ehre, Macht oder Geld. "Zwei solche

Streiter glauben, sie spielen unter sich; in derThat aber spielt die Natur

mit beiden

füllt er den Zweck der" weiseren Natur", die Lebenskraft zu erhalten, durch Abwechslung und Sammlung die Erkenntnisfähigkeit zu för­ dern, in der Lust an der Scheintätigkeit dem Müßiggang zu entgehen und im bewußten "Schein" der Tugend - in der "Rolle" und im Spiel der Konvention - die sittliche Haltung zu festigen 28 . Das Spiel steht in der Relation der Zwecke der Vernunft. Gewiß ist diese "innere prak­ tische Täuschung" kein grundsätzlicher Irrtum im Hinblick auf die Subjektivität des Spieles selbst; zumindest setzt die List der Natur, den Selbstzweck des Menschen zu fördern, geradezu das subjektive Spiel­ bewußtsein voraus, und damit die Unterscheidung von Spiel und Erkenntnis und von Spiel und Sittlichkeit. Aber das eigentliche Pro­ blem greift nicht nur über diese psychologischen Zusammenhänge hin­ aus, sondern auch über die Aussagen der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft", nach denen die Kunst, das Erlebnis des Schönen in der Natur und die Spiele direkt oder indirekt die Einstimmung des Leib­ lichen und Geistigen bewirken und die Kultur des Menschen begründen, wie sie andererseits selbst die Bedingungen ihrer Möglichkeit in der Humanitas haben. Das eigentliche Problem betrifft auch hier die Frage, ob nicht die Sphären des Spiels und der Wirklichkeit vertauschbar sind,

"27 Während der Mensch sich frei wähnt in seinem Spiel, er­

"

Ebd. § 86, S.275.

Ebd. S. 275 .

Vgl. ebd. § 14 und § 69. "Die Menschen sind insgesammt, je civilisirter, desto

, und es ist auch sehr gut, daß es so in der Welt zugeht."

mehr Schauspieler

(S. 151) "Alle menschliche Tugend im Verkehr ist Scheidemünze

S pie I m a r k e n, die gar keinen Werth haben,

der Menschheit verübter Hochverrath." (S. 152 f.) - Im Zusammenhang der Relation von Geschmack. und Moralität, "gesittet" und "sittlich-gut", nennt Kant den Geschmack. hier "Moralität in der äußeren Erscheinung" (S. 244).

Sie für lauter ist ein an

auszugeben,

§ 6: Spiel und Erkenntnds

137

je nach dem Standpunkt des Als-Ob, den die Vernunft einnimmt, wenn der Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur selbst nur ein Prinzip der reflektierenden, nicht der bestimmenden Urteilskraft ist. Ob nicht der Mensch in der Erkenntnis seinem Wesen nach einem Spiel ausgesetzt ist, wenn die Sache selbst notwendig unerkannt bleibt und - mit der ersten Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" - "Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst, sondern das bloße Spiel unserer Vorstellun­ gen sind, die am Ende auf Bestimmungen des inneren Sinnes auslau­ fen"29? Ob nicht die Aufgabe der reflektierenden Urteilskraft, zu dem Mannigfaltigen empirischer Gesetze die unbekannte Regel zu finden und die Einheit des lebendigen und seelischen Daseins zu verstehen, erfordern muß, die Zwecke des Verstandes und der Vernunft in die Relation des Spieles zu stellen? "Das Spiel der Bilder in uns; ob wir mit ihnen oder sie mit uns spielen?"30 Wenn man dem Ausdruck "Spiel" in erkenntnistheoretischen Zu­ sammenhängen eine terminologische Bedeutung, die sich auch noch in der metaphorischen Verwendung des Wortes durchsetzt, zuschreiben kann, so darf diese Bedeutung nicht einfach identifiziert werden mit dem Spielbegriff der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft". Sie über­ steigt einerseits die Thematik des Schönen und des Menschen als spielen­ den Wesens, und sie wird ihr andererseits nicht gerecht. Sie kann aber auch nicht in solcher Allgemeinheit gedacht werden, daß sie die Grund­ lagen des Systems der Vernunft aufhebt. Alles Verstehen hängt ab von der Voraussetzung von Sinneinheiten, das heißt für Kant: von der architektonischen Gliederung der Vernunft, der Zuordnung aller blei­ benden Fragen des Menschen auf die Frage nach seinem eigenen Wesen und von dem korrespondierenden Prinzip der Vernunft, das begegnende Seiende so in Verbindung zu denken, "als ob" eine zweckmäßige Ord­ nung die lebendige Natur als ein Ganzes umgreift, "als ob" ein unend­ licher Verstand dem Werden und der Geschichte der Welt das denkende Wesen als Zweck an sich selbst zum Ziel gesetzt habe. Das oberste

" Kr. d. r. V. A 101. Diese Bestimmung ist irreführend, sofern sie im Sinne des Idealismus ,ausgelegt werden könnte, in Analogie etwa zu der Problemstellung von A 368, "ob also alle sogenannte äußere Wahrnehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres innern Sinnes seien". Vgl. dagegen in der zweiten Fassung der Kritik B 276 über "das Spiel, welches der Idealism trieb". " Reflexion 313, WW XV, S. 122.

138

Der Spielbegriff bei Kant

Prinzip, unter dem die Möglichkeit der Erkenntnis, der Mensch und die Welt zu verstehen sind, ist nicht das Spiel. Spiel ist die Relation der Bilder in uns, die Handlung des Denkens und Wollens, die keinen bleibenden Zwed" will, das Ungesicherte und Mehrdeutige, das ausweg­ lose Gegeneinander der Meinungen um ein Nichts, das Uneingesehene und Unverbundene des Mannigfaltigen, das flüchtige Wechselnde, das unbegriffene Verhältnis der Kräfte, das Zufällige, die Erdichtung, die unkritische Analogie, die Ungeschiedenheit des Möglichen und Wirk­ lichen, der Bereich der Willkür. Spiel ist dasjenige, was in seiner Rela­ tion zur Erkenntnis für eine Bestimmung des Verstandes und eine Ordnung der Vernunft offen ist und in seiner Relation zur Sittlichkeit unter der praktischen Kategorie des Erlaubten und Nichterlaubten ein­ geordnet werden soll. So ist auch der "Spielraum", den die apriorischen Grundsätze des Verstandes, die Disziplin der reinen Vernunft und das Gesetz sittlichen Handeins gewähren, als Freigabe unter einem Prinzip zu verstehen - ein nur der allgemeinen Notwendigkeit nach bestimm­ ter, der besonderen Wirklichkeit nach offener Bereich für die Vielfalt empirischer Prinzipien, für das "Dichten" der Einbildungskraft in Hypothesen, für den "Spielraum der Pflicht"31 und für den weiten Spielraum des Schönen, des Geselligen und des Vergnügens, in dem die Hingabe an die Bilder der Seele und die individuelle Bestimmung des Tuns und Lassens dem Gefühl allein folgen dürfen. Der Irrtum, die unsittliche Gesinnung, die Verletzung der Sphäre des Spiels heben die Geltung der apriorischen Prinzipien nicht auf; diese Prinzipien sind keine Spielregeln der Konvention, sie sind umgreifende allgemeingül­ tige Regeln. Die Aufnahme des Spielbegriffs in die kritische Philosophie kann nicht implizieren, die Begriffe der Wahrheit und des Sittlichen zu rela­ tivieren und die Unterscheidung von Ansichsein, Erscheinung und Schein hinfällig zu machen. Es muß auffallen, daß Kant für die regula­ tive Funktion der problematischen Begriffe der Vernunft, für die tran­

11 Die ethischen Pflichten sind" weite" Pflichten, das heißt, daß das Gesetz "der Be­ folgung (Observanz) einen Spielraum (latitudo) für die freie Willkür überlasse, d. i. nicht bestimmt angeben könne, wie und wie viel durch die Handlung zu dem Zweck, der zugleich Pflicht ist, gewirkt werden solle." Metaphysik der Sitten, Einleitung zur Tugendlehre VII., S. 390. Es entsteht daher das Problem der Ka­ suistik (vgl. a. S. 393, 411, 433 Anm., 426, 446).

der Ka­ suistik (vgl. a. S. 393, 411, 433 Anm., 426, 446). § 6: Spiel und

§ 6: Spiel und Erkenntnis

139

szendentalen Ideen und Hypothesen als heuristische Regeln zum Ver­ ständnis des Seienden zwar den Charakter der Fiktion im "als ob" betont, aber diesen Zusammenhang nicht als Spiel charakterisiert und daß der Ausdruck "Spiel" in der "Kritik der teleologischen Urteils­ kraft" fast ganz zurückgedrängt ist. Die positive Bedeutung für die Erkenntnis, soweit sie aus den angeführten thematischen Stellen her­ vorgeht, bezieht sich einerseits auf die Aktivität der Erkenntnisver­

mögen - das "Ins-Spiel-Setzen" und "Ins-Spiel-Bringen" -, anderer­ seits auf die Art und Weise, wie Anschauungen oder Erscheinungen begegnen - auf das Spiel der Vorstellungen, das Spiel der Verände­ rungen. Sie bezieht sich nicht auf die Begriffe und Regeln, die das be­ stimmbare Spiel ordnen, sondern auf die Art ihrer Anwendung. Der

kennzeichnet Voraussetzungen und Grundlagen der

Erkenntnis, nicht die Erkenntnis selbst und nicht das absolut Uner­ kennbare. Die Interpretation darf den inneren, historisch wie sachlich für Kant nicht aufzuhebenden Zusammenhang von Wissen, Sollen und Sein nicht außer acht lassen. Der Mensch als Intelligenz, in seiner unbe­

stimmbaren Selbstgegebenheit des "Ich bin", der Begriff der Freiheit, die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes als Postulate der praktischen Vernunft, aber auch die Kategorien des Verstandes, die heuristischen Ideen, der Grenzbegriff des Noumenon sind für Kant keine "Spielbegriffe", die im pragmatischen Resultat der Erkenntnis­ theorie, in den Wissenschaften, im Recht, im Ethos, wieder ausfallen wie der fiktive Faktor einer Rechnung. Die kritische Philosophie ist nicht nur eine Wissenschaftstheorie und eine Kritik der "Spielwerke" der Metaphysik; sie ist auch und zuerst eine transzendentalphilosophische Begründung der Möglichkeit der alltäglichen Erfahrung und des sitt­ lichen Verhaltens. Das natürliche Interesse der Vernunft kann nicht eliminiert werden aus der Wirklichkeit unseres Daseins, und wie immer der Anspruch unserer Vernunft einen theoretischen und praktischen "Spielraum" offenläßt, er hält die Thematik von Spiel und Erkenntnis innerhalb der Entscheidbarkeit. Unter diesem Gesichtspunkt aber muß es fragwürdig werden, ob dem Begriff des Spieles überhaupt eine allgemeine philosophische Rele­ vanz in der Kantischen Problemstellung zukommen kann. Sogar in der "Kritik der Urteilskraft" bleibt es der Interpretation überlassen, die Tragweite der Spielthematik selbst zu ermitteln. Zwar gibt Kant zwei

Ausdruck "Spiel C(

140

Der Spielbegriff bei Kant

allgemeine Bestimmungen an. Nach der ersten Bestimmung ist Spiel eine Beschäftigung, die aus dem Unterschied zur Arbeit definiert wird:

"Spiel, d. i. Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist"32. Die zweite Bestimmung versteht Spiel als die Form der Gegenstände der Sinne, die nicht Gestalt ist: "Alle Form der Gegenstände der Sinne (der äußern sowohl als mittelbar auch des innern) ist entweder Gestalt, oder Spiel:

im letztern Falle entweder Spiel der Gestalten (im Raume, die Mimik und der Tanz); oder bloßes Spiel der Empfindungen (in der Zeit)."33 Für beide Bestimmungen bleibt im Umkreis des Textes offen, ob sie als

h für das Problem

ästhetischer Urteile apriori bedeutsam ist, gelten können. Die Diver­ genz von Spiel und Arbeit betrifft die Frage nach Kunst und Hand­ werk, und es darf nicht übersehen werden, daß auch die Kunst "Arbeit" ist im Verhältnis zum "bloßen Spiel", und daß Kant sich hier, auch in der Bestimmung von "Spiel", gegen traditionelle Auffassungen wen­ det. Die zweite Bestimmung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Einteilung der Künste aus der Abgrenzung zwischen dem Reiz des Angenehmen und dem "eigentlichen Gegenstand" reiner ästhetischer Urteile: der Zeichnung und der Komposition. Bezieht man die Unter­ scheidung von "Gestalt" und "Spiel" nur auf das Schöne, so scheint die längere Ausführung am Ende der "Deduktion der reinen ästhetischen Urteile" über die Spiele und ihre Einteilung in Glücksspiel, Tonspiel und Gedankenspiel in der Tat nur eine zusätzliche "Anmerkung" zur Wertschätzung der Künste zu sein 34 . Der Wert der Spiele besteht in der

Festlegung einer allgemeinen Unterscheidung, die auc

Zweckmäßigkeit des Vergnügens für die Aufgaben des Menschen - im leiblichen und seelischen Wohlbefinden und in der geselligen Gemein­ schaft. Die bevorzugten Beispiele Kants betonen die Lust an der Folge der Töne, am Wechsel der Bilder und Affekte, an der Anspannung und Abspannung, Erheiterung und Ermüdung, an der Einheit und der Wechselwirkung von seelischer und leiblicher Bewegung in der Unter­

"

Kr. d.

U.

§ 43, S. 304.

" Ebd. § 14, S.225. (Zeichensetzung des Originals; die Akademie-Ausgabe elimi­ niert das Komma hinter "im Raume"; "bloßes" ist Zusatz der zweiten Auflage von 1793, die auch WW V zugrunde legt.) Vgl. Kr. d . U. 54. Anmerkung.", S. 330-336. (Die Paragraphenbezeichnung fehlt in der 1. Auflage.) Für den Zusammenhang mag es von Interesse sein, daß auch die thematische Stelle über "Gestalt" und "Spiel" unter 14. Erläuterung durch Beispiele." steht.

§6: Spiel und Erkenntl1lis

141

haltung und im Wettkampf3 5 Das Spiel bewirkt Gesundheit, Taug­ lichkeit und Mitteilung. Spiel ist Aktivität, in seiner Emotion belebend, in seinem Selbstzweck Distanz zum Gegenständlichen. Dem Leben als solchem verbunden und seinem Prinzip entsprechend, fördern die Spiele indirekt die Zwecke der Vernunft, weil sie die Zwecke des Lebens fördern - die Bewegung als Lebenswert: den "Schwung", die "Kraft", die "Geschicklichkeit". Und sie bewirken Gemeinschaft, da der Mensch in den Spielen verwiesen ist auf den Mitspieler und auf den Zu­ schauer 6 Aber die "angenehme Kunst" ist mehr Genuß als Kultur, und sie verbindet sich allzu leicht mit der Eitelkeit, dem Gewinnstreben und dem Sichzeigen vor andern. Wenn Spiel, mit Dilthey, "eine Äußerung der strukturellen Leben­ digkeit" ist, so kann die philosophische Reflexion nicht dabei stehen­ bleiben, diesen Ausdruck des freigesetzten Lebens nur im Aspekt seiner "systematischen Schöpfungen" in der Kunst zu erwägen 31 . Es ist viel­ mehr in gleicher Weise nach der "Struktur" dieser Lebendigkeit als

"

Diese Korrespondenz gilt für alle Spiele - ob ein Ballspiel oder ein Witz uns vergnügt, das Spiel bewirkt neine Gemüthsbewegung und mit ihr harmo­

nirende inwendige körperliche Bewegung" (S. 334). Darauf scheint eine der wohl bekanntesten Reflexionen (987, WW XV) zum Spiel hinzudeuten: "Zur Anthropologie. Der Mensch vor sich allein spielt nicht. Er würde weder die Billiard Kugel künstlich zu treiben suchen noch Kegel umwerfen noch bilboqvet noch solitair spielen. Alles dieses, wenn er vor sich thut, thut er nur, um seine Geschicklichkeit hernach anderen zu zeigen. Er ist vor sidl ernst­ haft. Eben so würde er auf das Schöne nicht die gringste Mühe verwenden, es müßte denn seyn, daß er erwartete, dereinst von anderen gesehen und bewunaert zu werden. Dieses gehört auch zum Spiel. Mit Katzen und Ziegen wie Selkirk

würde er vielleicht spielen, aber die

vergleicht er nach einer analogie mit Per­

sonen, herrscht über sie, gewinnt ihr Zutrauen, ihre Neigung und Respect. Spiel ohne Menschliche Zuschauer würde vor Wahnsinn gehalten" werden. Also hat alles dieses eine wesentliche Beziehung auf Geselligkeit, und, was wir selbst unmittel­ bar daran empfinden, ist ganz unbetrachtlich. Die Mittheilung und was daraus auf uns selbst reflectirt wird, ist das einzige, was uns anzieht." (Nach Adickes:

bilboqvet = Fangbecher, Fangspiel; Selkirk (1676-1721): "Urbild des Robinson Crusoe".) Im unmittelbaren Zusammenhang des Losen Blattes (Seite 1 über Theo­ logie, Rechtskunde und Arzneikunde) Seite 2 über das Gewissen (Refl. 430), aus

dem AdickeS die Refl. 987 herausgenommen hat, liest sie sich anders: "Das vor­ nehmste, was wir zu verhüten haben, ist, daß wir unser Gewissen nicht ver­

letzen

Man mag die Wahrheit der Sätze dahin gestellt seyn lassen; wie viel

man aber davon -auf seine Seele und Gewissen bekennen oder

Lehrer anderen

zumuthen können

thropologie. Der Mensch vor sich allein spielt

zu bekennen, davon kan man ganz gewis werden. Zur An­

"

n

Dilthey, WW VIII, S. 151.

142

Der Spielbegriff bei Kant

solcher zu fragen - nach dem, was auf dem Standpunkt der Indiffe­ renz gegen die Zwecke das Begegnende in seiner ihm eigenen Relation ausmacht, also auch unabhängig von der "Spontaneität im Spiele der Erkenntnißvermögen"38, sofern sie das freie Begegnende überhaupt erst

als solches erscheinen läßt, und in der Relation eines Verstehens, das sich der subsumierenden Feststellung des Verstandes und der systematischen Ordnung der Vernunft noch enthält. In diesem Verstehen muß die Unterscheidung von Spiel und Gestalt eine allgemeine und grund­ legende Bedeutung gewinnen. "Alle Form der Gegenstände der Sinne", der äußeren und des inneren Sinnes, "ist entweder Gestalt oder Spiel"

- es würde Kants Denken und seinem Stil wenig entsprechen, wenn

eine solche Formulierung über "alle Form", innerhalb einer Reflexion über die "Form der Zweckmäßigkeit", eingeschränkt wäre auf einen bestimmten Bereich, die Gegenstände der Kunst. Man wird vielmehr annehmen müssen, daß - noch abgesehen vom materialen Gehalt, und abgesehen von aller Dinglichkeit und aller bestimmten Funktion ­ das Seiende als solches in der Thematik der Sinnlichkeit entweder die Erscheinungsweise der Gestalt oder die Erscheinungsweise des Spiels hat. In diesem Zusammenhang werden jene Kennzeichen deutlich, die das spezifische Interesse der Philosophie am Spiel in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, das man billigend und mißbilligend als den Beginn des Atomzeitalters apostrophiert, erklären könnten. Nicht die nachweisbare Eignung der Spiele für die Bewältigung des Daseins oder die Gleichgültigkeit alles menschlichen Spielens und mit ihm der Last und Sorge des Lebens vor der Idee eines Unendlichen bestimmen das Interesse am Spiel, sondern das Spiel als Problem und Modell der Er­ kenntnis und als die Repräsentation des Zeitlichen seiner formalen Struktur nach, die dann in den Blick kommt, wenn das Denken sich löst vom Ding und vom Zeugcharakter des Seienden und sich der reinen Gegebenheit oder Befindlichkeit als Relation eines Außeren oder Inne­ ren zuwendet. Die Beziehung des Gegebenen im "Spiel der Verände­ rungen" und in der "Gestimmtheit des inneren Sinnes", sofern sie nicht mehr mit dem Satz vom Widerspruch und dem Satz vom Grund einer "Natur der Dinge (als Erscheinungen) unterworfen wird" und unter­ worfen werden kann, verlangt die Ausbildung einer besonderen Phä­

"

Kr. d. U. Einleitung, S. 197.

§ 6: Spiel und Erkenntruis

143

nomenologie als Lehre vom Spiel der Erscheinungen, die sich nicht deckt mit der Begründung der Bewegungslehre in der klassischen Physik. Unter diesem Gesichtspunkt nimmt die Darstellung zunächst die Wort­ bedeutung von "Spiel" bei Kant auf, sofern sie das Leben selbst als ein Geschehen charakterisiert, und zwar außerhalb der "Kritik der teleo­ logischen Urteilskraft".

Spiel und Geschehen

Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Spielbegriff bei Kant und im Bezug auf die Philosophie der Gegenwart kann nicht auf das fundamentale Mißverständnis eingegangen werden, das entstehen muß, wenn man die positive Aufgabe der "Kritik der reinen Vernunft" im wesentlichen aus der Begründung der euklidischen Geometrie und der newtonschen Physik interpretiert und für die dritte Grundfrage der Kritik, wie Metaphysik als Wissenschaft möglich sei, den wissenschafts­ theoretischen Bezug eliminiert. Es kann auch nicht auf die Entwicklung des Kantischen Denkens und die Belege eingegangen werden, aus denen die in sich konsequente, aber nicht immer offenkundige Einbeziehung der Psychologie, .der Biologie und der Geschichte in das Kantische Sy­ stem hervorgehen könnte. Der Entwurf der Interpretation muß sich daher auf einige Andeutungen aus allgemeinen überlegungen und auf die thematischen Stellen zum Spiel beschränken. Unter dieser Voraus­ setzung mag die Frage gestellt werden, warum Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" die transzendentale Erörterung der Wissenschafts­ prinzipien auf jene Gebiete hätte einengen sollen, die einer Begründung insofern am wenigsten bedurften, als ihre Wirklichkeit und Funktions­ fähigkeit außer Zweifel standen. Von den möglichen Antworten sind die vorzuziehen, die Kant selbst gibt oder andeutet: Eben weil diese Wissenschaften faktisch gesichert sind und ganz oder zum Teil reine Wissenschaften sind, muß die philosophische Begründung bei ihnen an­ setzen - das heißt, weil es darauf ankommt, für die Analysis von einem relativ Gewissen und überschaubaren auszugehen, weil die Transzendentalphilosophie ihre objektive Gültigkeit und systematische Kraft an ihnen bewähren kann und weil die Reichweite ihrer Prinzi­ pien, die Konstruierbarkeit des Begriffs in der reinen Anschauung und

144

Der Spielbegriff bei Kant

die Kausalität als notwendige Verknüpfung der Geschehnisse geschicht­ lich wie systematisch das Problem der Metaphysik im engeren Sinne angehen; aber das heißt nicht, daß die wissenschaftstheoretische Re­ flexion bei ihnen enden muß oder enden darf. Eine weitere, von Kant ausführlich diskutierte Bedeutung der Mathematik und der Natur­ wissenschaften für die Philosophie bezieht sich auf die Frage, wieweit ihre Methodik von der Philosophie übernommen werden kann. Eine in diesem Zusammenhang letzte wichtige Begründung ist in der ~Kritik der reinen Vernunft" nahezu völlig verdeckt und wird vielleicht erst in der "Kritik der Urteilskraft" ausdrücklich thematisch: das Problem der Mitteilung für die Erkenntnis. Die Bedeutung der Mathematik, im besonderen der Geometrie, und aller mathematisierbaren Erfahrung besteht darin, daß für die Sätze der Mathematik die Denknotwenqigkeit nachgewiesen werden kann, und Notwendigkeit meint hier nicht, daß nicht auch andere Grund­ annahmen und Grundsätze möglich seien als die der euklidischen Geometrie, sondern daß die reine Mathematik die Evidenz ihrer Sätze im Aspekt der bloßen Möglichkeit - apriori - einsichtig macht. Diese Sicherheit hängt nach der transzendentalen Erklärung Kants davon ab, daß die Beweisbedingungen völlig in die Subjektivität hineingenom­ men werden und doch allgemeingültig bleiben, Raum und Zeit also kein "Ding", keine "Eigenschaft" und auch keine Relation von "Dingen überhaupt" sind, die Wirklichkeit der Dinge "an sich" daher nicht berücksichtigt werden muß. Aber die "Mathematik der Ausdehnung" hat auch nur insoweit reale Geltung, als sich das philosophische Prinzip für die "Axiome der Anschauung", daß alle Anschauungen extensive Größen sind, anwenden läßt, für Erscheinungen demnach, bei denen die Apprehension der Teile notwendig der Vorstellung des Ganzen zugrunde liegt, das heißt für Gestalten. Die weitere Bedeutung der Naturwissenschaften für die neue Methode der Metaphysik, aus der Analogie zur "Revolution der Denkungsart", die Natur gleichsam zu zwingen, auf den Entwurf der Frage des Denkens zu antworten, be­ zieht sich schon nicht mehr auf die "eigentliche" Wissenschaft von der Natur. Die Durchführung der »Kritik der reinen Vernunft" ist weit weniger an der Astronomie und der experimentellen Physik orientiert als an der Analysis und Synthesis der Chemie, die nach Kant eher eine

145

"systematische Kunst" denn eine" Wissenschaft" heißen müßte, da ihre Sätze nicht apodiktisch, nicht als notwendig bewußt sind. Und das Analogon für das System der Vernunft als organische Einheit ist dem Bereich des Lebendigen entnommen, das heißt zugleich und mit vielen Konsequenzen aus einer Wissenschaft, welche die Einheit ihrer "Gegen­ stände" unter der Idee eines Zwecks begreift und deren Forschungs­ grundsatz die wechselseitige Bestimmung der Teile durch das Ganze und des Ganzen durch die Teile nach dem Prinzip der Zweckmäßig­ keit ist.

§ 6: Spiel und Erkenntnis

Insofern ist also weder die Methode der Metaphysik noch etwa die Diskussion der transzendentalen Dialektik an das Vorbild und die Bei­ spiele der euklidischen Geometrie und der newtonschen Physik gebun­ den. Die Metaphysik steht im Gegenteil "bestürzt" vor der Tatsache, "daß sie mit so vielem, als ihr die reine Mathematik darbietet, doch nur so wenig ausrichten kann"39, und die Hoffnung auf Vollständigkeit einer gesetzlich geltenden Theorie der Wissenschaften kann überhaupt nur insoweit berechtigt sein, als die Mannigfaltigkeit des Besonderen unberücksichtigt bleibt. Im Hinblick auf die Vielfalt der Objekte gilt für die reine Anschauung dasselbe wie für die empirische _ auch die reine Mathematik ist einer Erweiterung "ins Unendliche" fähig. Die Mathematik hat jedoch andere Vorzüge, aus denen sich einige Wissen­ schaften auszeichnen. Die mathematische Einsicht ist mitteilbar, und zwar einschließlich ihrer apodiktischen Gewißheit, sie hat das Medium aller Anschauung, den Raum, zur Verfügung und ist der Darstellung apriori fähig, und sie ist überdies durch eine festgelegte Bedeutung ihrer Begriffe und Zeichen, durch die Definierbarkeit im strengen Sinne, vor einer Verwechslung mit anderen Bedeutungen gesichert. Wie aber kann in den anderen Wissenschaften, in der "historischen Natur­ lehre", der Naturbeschreibung und der Naturgeschichte, in der Psycho­ logie, der Biologie, der Geschichte der Menschen, aber auch in der Physik selbst, sofern ihre Grundsätze nicht "mathematische", sondern "dynamische" Grundsätze sind, auch nur annähernd eine entsprechende Sicherheit und Mitteilbarkeit erreicht werden, da in ihnen das existie­ rende Seiende erfragt wird? Und wie kann das Problem der Mitteilung

3D Metaphysische

Anfangsgründe der Naturwissenschaft

S. 479 (gesperrt).

10 Heidem.nn , Der Begriff des Spiel

(1786), Vorrede, WW IV,

146

Der Spielbegriff bei Kant

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§ 6: Spiel und Erkenntnis

147

gelöst werden, wenn objektiv gültige Erkenntnis die allgemeine Mit­ teilbarkeit einschließt, die beschreibenden und
gelöst werden, wenn objektiv gültige Erkenntnis die allgemeine Mit­
teilbarkeit einschließt, die beschreibenden und geschichtlichen Wissen­
schaften aber auf die Sprache verwiesen sind?
Auf diese Fragen kann die vorläufige Antwort gegeben werden:
durch weitgehende Einbeziehung der Möglichkeit mathematischer Dar­
stellung, durch Abgrenzung der Wortbestimmungen, durch exempla­
rische Beispiele und Demonstrationen, durch Analogien, idealiter
jedoch auch hier durch apriorische Vorstellungen, die allen Menschen
gemeinsam sind, und eine transzendentalphilosophische Klärung sol­
cher Vorstellungen, in denen ihre Apriorität und die Grenzen der
Möglichkeit ihres Gebrauchs aufgewiesen werden. Dem offenen Pro­
blem, wie die Handlungen des Menschen, die Erscheinungen des Orga­
nischen und des Seelischen, die Zuordnung geschichtlicher Ereignisse zu
verstehen seien, begegnet die kritische Philosophie damit, daß sie den
"Leitfaden" für das Verständnis sucht, die Einheit des Themas, die der
Einheit des Ich-denke korrespondiert, dem sich alles zuordnet, "wie
etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel, einer Rede, einer
Fabel", ohne wie die Metaphysiker der Schulen "unvermerkt von dem
Felde der Sinnlichkeit auf den unsicheren Boden reiner und selbst trans­
scendentaler Begriffe" zu geraten, n wo der Grund (instabilis tellus,
innabilis unda) ihnen weder zu stehen, noch zu schwimmen erlaubt"40.
Dieser Leitbegriff ist der Begriff des telos, und die Kritik arbeitet das
Problem des telos aus als die Frage nach Sinn und Bedeutung der Be­ I
griffe und Sätze einerseits, der Anschauungen und empirischen Man­
nigfaltigkeit andererseits. Sinn und Bedeutung im strengen Verständnis r
von Erkenntnis gibt es nur dort, wo Begriff und Anschauung zusam­
menstimmen und diese übereinstimmung durch ein Gesetz begriffen
und fixiert werden kann. Das heißt zunächst, daß in allen Bereichen,
wo diese übereinstimmung nicht durch die reine Mathematik gesichert
werden kann, das Problem der gesetzlichen oder notwendigen über­
einstimmung geklärt werden muß. Für die Physik als Lehre vom
I
Kr. d. r. V. B 114 im Hinblick auf die "q u a I i tat i v e Ein h e i t
; so fern
darunter nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkennt­
nisse gedacht wird", und B 753 f./ A 725 f. In der Schrift Was heißt: Sich im
Denken orientiren? (1786), schreibt Kant: "
denn ohne irgend ein Gesetz kann
gar nichts, selbst nicht der größte Unsinn sein Spiel lange treiben" (WW VIII,
S. 145).
10"

148

Der Spielbegriff bei Kant

Analytik des Lebendigen und des Seelischen zur Ausarbeitung. Die reine Triebfeder zum Guten und das reine Gefühl der Achtung geben zwar den Ansatz für einen apriorischen Entwurf des menschlichen Daseins, aber die systematische Durchführung verschiebt gleichsam mit dem Recht des höheren und dringlicheren Problems der Sittlichkeit die wissenschaftstheoretische Thematik von der "Kritik der pr'aktischen Vernunft" auf die "Kritik der Urteilskraft", wo sie - obwohl nun das apriorische Prinzip der "Zweckmäßigkeit ohne Zweck" fundiert ist ­ erneut mit den Problemen der metaphysica specialis als dem Bedeu­ tungsvollen für den Sinn des Lebens schlechthin gekoppelt wird. In dieser Problemstellung aber bleibt die Frage bestehen, was das Spiel als zweckfreie Handlung des Menschen und als Form der Gegen­ stände der Sinne bedeutet - das Spiel der Empfindungen, der Erschei­ nungen, der Leidenschaften, der Neigungen und der Begehrungen, das Spiel der Kräfte und das Spiel der Natur, die Spielarten der Gattungen und der Spielraum der Pflicht, das Spi~l des Verstandes im Feld empi­ rischer Forschung und das Spiel der Vernunft im freien ,Feld der Spe­ kulation - das Spiel der menschlichen Freiheit. Zugleich bleibt die Frage offen, welche Bedeutung die Erörterungen über das Spiel zwi­ schen Einbildungskraft und Verstand in der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" haben, \Ind wie weit sich VOn ihnen aus ein "Schema" entwickeln läßt, an dem die Wissenschaften vom Leben und vom Geist einen theoretischen Ansatz zu ihrer Begründung finden. Ein solcher Ansatz kann nach dem Vorgang der dritten Kritik keine bestimmende Gesetzlichkeit meinen, die den "Grundsätzen des reinen Verstandes" in ihrer Sicherung des theoretischen Wissens analog sein könnte. Das einzige Gesetz, das über die apriorische Geltung des reinen Verstandes hinausweist, ist das Gesetz der praktischen Vernunft, das Gesetz sitt­ lichen Sollens. Auch wenn man, der Aufgabe einer Begründung der Geisteswissenschaften entsprechend, die Kantische Philosophie unter der Akzentuierung der wissenschaftstheoretischen Probleme interpre­ tiert, bleibt daher der praktische Zweck der Vernunft als das oberste Prinz,ip in allen Grundlegungsfragen führend. Aber, in der Wendung zum wissenschaftstheoretischen Aspekt läßt sich vielleicht zeigen, wel­ che erkenntnistheoretische Bjedeutung der Spielbegriff hat und daß die Thematik der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" nicht beschränkt ist auf das Problem des Schönen und den "übergang" vom Sinnlichen

§ 6 : Spiel und Erk.ennmis

149

zum Nicht-Sinnlichen als Erscheinenlassen des Unbegreifbaren im Be­ reich der Kunst. Unter diesem Gesichtspunkt geht die Darstellung der Beziehungen von "Spiel und Erkenntnis" ein auf das Problem der Geschichte.

Das oberste Prinzip aller synthetischen Urteile apriori ist nach der "Kritik der reinen Vernunft", das in der Erfahrung Begegnende aus seinen konstituierenden Bedingungen zu verstehen: "Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen

der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung. "41 Bezogen auf die

"Gegenstände" im engeren Sinne, auf den Begriff des Körpers, und auf den Zusammenhang der Ereignisse, soweit er mit den data äußerer Sinne verbunden sein kann, führt dieser Grundsatz zum Prinzip der "Analogien der Erfahrung": "Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer nothwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich. "42 Diesem Prinzip des reinen Verstandes, das in den drei Analogien weiter entfaltet wird für den Substanzbegriff, die Kausalität und die Wech­ selwirkung, korrespondieren Prinzipien der reinen Vernunft für den praktischen, das heißt den moralischen Gebrauch: "Principien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher Handlungen, die den sitt­ lichen Vorschriften gemäß in der Geschichte des Menschen anzutreffen sein könnten. "43 Die Interpretation setzt nun voraus, daß die "Gemäß­ heit" dieser Handlungen unabhängig davon erörtert werden kann, daß im Aspekt der theoretischen Vernunft die Realität der Freiheit über die Denkmöglichkeit hinaus nicht zu begründen ist, das heißt also jetzt im Sinne der Legalität der Handlungen und der bloßen Möglichkeit der "Kausalität aus Freiheit". Dann könn.en diese Prinzipien der Vernunft aufgefaßt werden als Anwendung des obersten Grundsatzes aller Er­ fahrung auf die Handlungen der Menschen, die möglicherweise aus Freiheit geschehen, möglicherweise aber auch im Sinne der Naturkausa­ lität verursacht sind. Solche dem Sittlichen gemäße Handlungen "könn­ ten" also in der Geschichte des einzelnen wie in der Geschichte der Menschheit anzutreffen sein. Unter dieser Voraussetzung "könnte" auch die Geschichte im Ganzen als Ergebnis der individuellen, wie immer kausierten Handlungen dem moralischen Prinzip entsprechen. Aber

'.'

Kr, d.

r. V.

B 197/ A 158.

"

Kr.

d,

r, V, B 218 (gesperrt).

U

Kr,

d.

r.

V .

B

835/ A 807.

150

Der Spielbegriff bei Kant

die Geschichte ist keineswegs "den sittlichen Vorschriften gemäß", sie ist keine sinnvolle Ordnung eines Reiches der Zwecke. Sie erscheint vielmehr als ein "planloses Aggregat" menschlicher Handlungen oder auch als "Spiel der menschlichen Freiheit"44. Dieses "Spiel der Freiheit des menschlichen Willens im Großen betrachtet" - "auf der großen Weltbühne"45 - ist der bisherigen Erfahrung nach widersinnig und sinnlos, analog der Erfahrung des Lebens als "eines mit lauter Müh­ seligkeiten beständig ringenden Spiels"46. Versteht man den Ausdruck "Spiel" hier nicht als Metapher, son­ dern als Terminus für die Form der Gegebenheit geschichtlicher Ereig­ nisse, so kann die Aufgabe einer Begründung der Geschichte so aus­ gelegt werden, daß ein "Leitfaden" gefunden werden muß, das Spiel der Handlungen zu verstehen. Die "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" legt zugrunde, daß die erschei­ nende Zufälligkeit der Anordnung einen Sinn, eine "Absicht" verwirk­ licht; wie das Spiel der Erscheinungen unter dem Leitfaden der Kate­ gorien in den "Analogien des reinen Verstandes" geordnet ist, so unterlegt das geschichtliche Verstehen die teleologische Naturlehre der politischen Geschichte, die damit "gewissermaßen einen Leitfaden apriori hat"47. Der "Erste Satz" beruft sich auf das biologische Prinzip der Zweckmäßigkeit und der vollen Entwicklung aller Anlagen. Analog dem Verfahren in den Grundsätzen des reinen Verstandes, das "Unge­ fähr" zu überwinden im Begriff der Kausalität, wie immer es auch unter der Geltung des Prinzips in der empirischen Forschung wieder auftreten mag, muß das Prinzip der Vernunft eingehalten werden; denn sonst "haben wir nicht mehr eine gesetzmäßige, sondern eine

Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784), WW

VIII, S. 29.

Ebd. S. 17. Muthmaßlicher Anfang der Memchengeschichte (1786), WW VIII, S. 122, mit Be­ zug auf die Furcht vor dem Tode und sofern das Dasein des Menschen unab­ hängig von der Aufgabe der Vernunft betrachtet wird; entsprechend in anderen

Schriften über das "Trauerspiel", "P<Jssenspiel", "Schauspiel" des Lebens (so WW VIII, S. 308), die "Torheit", "kindische Eitelkeit" und "kindische Bosheit" (so Idee zu einer allgemeinen Geschichte, S. 18). "Es ist hier keine Auskunft für den Philosophen, als daß, da er bei Menschen und ihrem Spiele im Großen gar keine vernünftige e i gen e Ab sie h t voraussetzen kann, er versuche, ob er nicht eine N a t u r a b sie h t in diesem widersinnigen Gange menschlicher Dinge ent­

decken könne

Idee zu einer allgemeinen Geschichte, S.30.

" (ebd.).

"

§ 6: Spiel und Erkenntnis

151

zwecklos spielende Natur; und das trostlose Ungefähr tritt an die Stelle des Leitfadens der Vernunft"48. Der "Zweite Satz" ergänzt für den Menschen als vernünftiges Wesen, daß die volle Entwicklung in der Gattung geschieht. Die weiteren Ableitungen beruhen darauf, daß das ökonomieprinzip gilt und der Antagonismus der Strebungen "in der Gesellschaft", das heißt die ambivalente Neigung des Menschen sowohl zur Gemeinschaft als auch zur Isolierung, das Mittel ist, die Vernunft zur Einsicht in ihre Möglichkeiten zu bringen und damit dem Ziel einer vernünftigen Entwicklung des Menschen, der rechtsstaatlichen Verfassung für alle, näherzukommen. Wie immer man sich dieser Auffassung anschließen will oder ihr mit Nietzsche das Pathos des Ungewissen entgegensetzt: ",Von Ohn­

gefähr' -

zurück, ich erlöste

das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen

sie VOn der Knechtschaft unter dem Zwecke. "49 _ sie

ist für die kritische Philosophie Kants weder ein bloßer "metaphysi­ scher Trost" des ohnmächtigen Menschen gegenüber dem Ungefähr seiner Existenz, noch eine metaphysische Spekulation unter der unge­ klärten Voraussetzung einer Vorsehung. Sie beruht auf einer Kritik des Begriffs der Zweckmäßigkeit, wie sie später in der "Kritik der Urteilskraft" in systematischer Geschlossenheit durchgeführt wird. Un­

abhängig von der Frage nach dem Sinn des Lebens gesehen, enthält die "Idee" einer politischen Geschichte durchaus eine Wissenschaftstheorie, die im Hinblick auf die Bedeutung des Spielbegriffs etwas ausführlicher dargelegt werden mag. Die thematische Einheit des Endzwecks aller geschichtlichen Mannigfaltigkeit ist kein Zweck, den die Natur von sich aus verfolgt; sie ist dem Menschen von der Natur aufgegeben. "Die

Rolle des Menschen

renden Urteilskraft erlaubt nicht nur eine "Erklärung des so verworre­ nen Spiels menschlicher Dinge", der innere Zusammenhang aller Ge­

schehnisse erklärt auch die Möglichkeit einer Voraussicht "künftiger Staatsveränderungen"51. Dem "Spiel" in der Folge der Ereignisse Sinn

ist also sehr künstlich. "50 Das Prinzip

der reflektie­

Ebd. S. 18 . Nietzsche, Also sprach Zarathustra, WW VI, S. 243. Idee zu einer allgemeinen Geschichte, S. 23 Anm.

Ebd. S. 30 f. Kant betont, daß er die empirische Geschichtsschreibung damit nicht . "verdrängen wollte", gibt aber zugleich auch die Konsequenzen für sie an: Die "sonst rühmliche Umständlichkeit, mit der man jetzt die Geschichte seiner Zeit

abfaßt", ist unhaltbar -

wie soll es künftigen Generationen möglich sein, "die

152

und Bedeutung als Geschichte des Menschen geben, heißt das Bedeu­ tende abheben unter einem objektiven Wertmaßstab, den allein die Vernunft setzen kann. Der Mensch ist das Werte setzende Wesen ­ das gilt auch für das ästhetische Weltbild Nietzsches: "Darum nennt er sich ,Mensch', das ist: der Schätzende", und" wenn der Menschheit

Der Spielbegriff bei Kant

das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch -

Nach der Kantischen Sicht ist das Ziel als Aufgabe bestimmbar aus dem Gesetz des Sittlichen und des Rechts, und seine konkrete Möglich­ keit ist aus der Analogie zur Zweckmäßigkeit im Verhältnis des orga­ nischen Ganzen und seiner Teile zu denken. Aber muß nicht jede weitere Frage nach diesem Verhältnis für die Geschichte zurückfallen in die Antinomie, daß die Geschichte entweder vorherbestimmt ist und also nicht dem Willen des Menschen unterliegt, oder daß das Spiel der Geschichte für die Bestimmung der Freiheit offen ist und also nicht "vorhersagbar" ist, welchen Ausgang das Spiel hat? Im "Streit der Fakultäten" gibt Kant eine eigentümliche Begründung für den Fort­ schritt zum Besseren, die einem Paradoxon gleichkommt. Von den drei theoretischen Möglichkeiten geschichtlicher Entwicklung - zum mora­ lischen Rückgang der Menschheit, zur sittlichen Kultur und Rechtsstaat­ lichkeit und zum "Stillstand" in einem leeren Auf und Ab des Ge­ schehens - entspricht der ständige Wechsel zwischen Gutem und Bösem dem Spiel 53 . Das Spiel neutralisiert; der Gegensatz hebt sich in der Wirkung des Ganzen auf. Dann wäre das Handeln des Menschen aus guter und böser Gesinnung ein vergebliches Bemühen, in den leeren Kreislauf der Geschehnisse einzugreifen, und die Idee der Geschichte eine bloße Behauptung einer Willensmetaphysik oder ein unbegründetes

Interpretationsprinzip gegenüber der Tatsächlichkeit des Auf und Ab

sie selber noch?"52

Last von Geschichte, die wir ihnen nach einigen Jahrhunderten hinterlassen möchten, zu fassen", wenn nicht in einer Schätzung und Abschätzung dessen, was allein Wert hat? Die Geschichtsschreibung - als politische Weltgeschichte ­ soll aufbewahren, "was Völker und Regierungen in weltbürgerlicher Absicht geleistet oder geschadet haben". Zarathustra, WW VI, S. 86 und 87 . Vgl. Der Streit der Facultäten (1798), Zweiter Abschnitt, WW VII, S. 82: " eine leere Geschäftigkeit, das Gute mit dem Bösen durch Vorwärts und Rückwärts gehen so abwechseln zu lassen, daß das ganze Spiel des Verkehrs unserer Gattung mit sich selbst auf diesem Glob als ein bloßes Possenspiel angesehen werden müßte, was ihr keinen größeren Werth in den Augen der Vernunft verschaffen kann, als den die andere Thiergeschlechter haben, die dieses Spiel mit weniger Kosten und ohne Verstandesaufwand treiben."

§ 6: Spiel und Erkenntnis

153

- eine Behauptung, in der das Sollen gegen das Sein steht wie bloßes

Wünschen gegen die Wahrheit. Es entsteht also das Problem, daß die Erfahrung die Idee der Vernunft nicht bestätigen kann, sie aber ohne ein Zeugnis aus der Erfahrung auch nicht annehmbar ist. Im Hinblick auf das Kausalprinzip bedeutet dieses Dilemma, daß die rückläufige Kausalität aus dem Zweck nicht nachweisbar ist, aber auch die vor­ laufende Verknüpfung der Wahrnehmungen als Ursache und Wirkung scheitert. Die Kantische Lösung des Problems geht hier zurück auf die Möglichkeit, ein Ereignis als Ursache zu bestimmen, ohne die Wirkung als bestimmte Verknüpfung anzunehmen. Das Ereignis wäre dann ein Zeichen für die "Tendenz des menschlichen Geschlechts im Ganzen", falls die entsprechende Erfahrung umfassend genug wäre, so daß die Wirkung zwar nicht zeitlich fixiert, aber doch "wie beim Calcul der Wahrscheinlichkeit im Spiel wohl im Allgemeinen vorhergesagt" wer­ den könnte 54 . Ein solches "Geschichtszeichen", das als "hindeutend" zureichend ist, ist nach Kant im Zusammenhang mit der Französischen Revolution gegeben. Das Paradoxe liegt in dem dreifachen Aspekt, in

dem das Spiel betrachtet werden muß. Während die Interpretation der Geschichte als System der Zwecke verlangte, den Spielcharakter auf­ zuheben und die ästhetische Haltung des bloßen Erfahrens zugunsten der bestimmenden Vernunft zu verlassen, setzt der Beweis des Ge­ schichtszeichens die Haltung des Zuschauers voraus. Nur für den Zu­ schauer, der nicht in das Spiel »verwickelt" ist, bleibt es gleichgültig, ob die Revolution gelingt oder nicht. Der Zuschauer kann die Distanz zu "Elend und Greuelthaten" vereinen mit einer Teilnahme an der Sache der Aufklärung, "die nahe an Enthusiasm grenzt", und obwohl er als sittliches Wesen die unmittelbaren Folgen der Revolution nicht billigen kann, offenbart er seinen moralischen Charakter durch seine

, welche sich bei diesem Spiele

Zustimmung, durch die "Denkungsart

großer Umwandlungen öffentlich verräth"55. Das Kantische Argument liegt in der Tatsache der öffentlichen Außerung der Parteinahme, die nicht ohne Gefahr ist, daher nicht aus Egoismus erklärt werden kann, und in ihrer Allgemeinheit. Für die Thematik des Spieles ist in dieser Argumentation bedeutsam, daß die Geschichte kein bloßes Spiel sein kann, daß die Beweisführung für diese Behauptung jedoch erfordert,

"

Ebd. S. 84.

Ebd . S. 85.

154

das Geschehen aus der Distanz eines Zuschauers beim Spiel zu betrach­ ten, und daß letztlich auch die Geschichte im Ganzen einem Spiel ver­ gleichbar sein muß, um den Kalkül zu ermöglichen. Die Frage, wie diese dreifache Bedeutung des Spieles zu erklären ist, könnte versuchsweise aus einer Analogie mit einem Kampfspiel oder einem Glücksspiel beantwortet werden. Die Parteien suchen den Sieg zu erringen, aber das Widerspiel von Gut und Böse bleibt weiter be­ stehen, im Großen gesehen gleicht die Wiederholung der Spiele den Sieg und die Niederlage aus, und die unfaßbare Zahl der Einzelereig­ nisse trägt dazu bei, die Nivellierung herbeizuführen. Dennoch könnte die gesamte Geschichte wie ein Glücksspiel sein, das erlaubt, aus einer begrenzten Zahl von Fällen mit Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, daß die Bank gewinnen wird, gleichgültig, ob die einzelnen Spieler in ihrer Freiheit sich für Rouge, Noir oder Zero entscheiden. Diese Deu­ tung widerspricht jedoch nicht nur dem Ernst der sittlichen Aufgabe, sie widerspricht auch der Begründung, mit der Kant einen "ständigen" Fortschritt zum Besseren aus der Aufklärung der Vernunft, aus der Kultur des Vermögens, den objektiven Wert zu setzen, zu beweisen sucht. Die teilnehmend distanzierende Haltung läßt daher auch nur begrenzt den Vergleich mit dem Drama zu, bei dem die einzelne Szene auf den noch unbestimmten Sinn des Ganzen hin erratend ge­ deutet wird, und sie darf nicht mit der Naivität eines Zuschauers ver­ wechselt werden, der zwar ergriffen ist, aber im Grunde immer schon weiß, daß das Schicksal des Helden sich am Ende zum Guten wenden wird. Der Kantische Standpunkt ist vielmehr ein anderer: als der Be­ obachter des Spieles selbst und der zum Spiel gehörenden Zuschauer schließt er aus der Reaktion aller Beteiligten auf den weiteren Gang der Ereignisse. Auch für diese Auffassung drängen sich die Vergleiche auf - mit der Methodik der mathematischen Spieltheorie, mit der soziologischen Meinungsbefragung und dem "Trend" einer Entwick­ lung, mit der psychologischen Diagnostik oder mit dem Diltheyschen Problem des Verstehens, daß alles Zu-Bestimmende nur in einem vagen "Grad von Erwartung" eingeordnet zu werden vermag. "Es ist die Aufgabe einer Logik der Geisteswissenschaften, Regeln für diese Ab­ schätzung aufzufinden. "56

Der Spidbegriff hei Kant

Wilhe1m Dilthey, Entwürfe zur Kritik der historischen Vernunft (herausgegeben von Bernhard Groethuysen), WW VII, S. 220.

(herausgegeben von Bernhard Groethuysen), WW VII, S. 220. § 6: Spiel und Erkenntruis 155 Vielleicht sollte

§ 6: Spiel und Erkenntruis

155

Vielleicht sollte für solche Vergleiche betont werden, daß die Inter­ pretation des Kantischen Spielbegriffs weder davon ausgeht, daß Kant die Begründung der verstehenden Wissenschaften vollzogen habe, noch etwa davon, daß Diltheys "Kritik der historischen Vernunft" ein Schritt hinter Kant zurück wäre. Sie kann allerdings auch nicht anneh­ men, daß die "historische Vorarbeit" zum Verständnis eines philo­ sophischen Textes bedeutet, sich "in die Lage eines Lesers aus der Zeit und aus der Umgebung des Autors zu versetzen"57. Der Relationszu­ sammenhang einer philosophischen Theorie kann sicherlich nicht völlig von der Geschichte ihrer Begriffsbildung abgelöst werden, aber noch weniger kann er nur eine Art Ausdruckszeichen für eine vergangene Gegenwart sein, die immer nur hinter sich selbst zurückweist in das Tradierte. Wendet man Kants Theorie der Geschichte auf die Inter­ pretation philosophischer Werke an, so muß die Aufgabe vielmehr darin bestehen, die Grundkonzeption deutlich zu machen aus der Idee eines Ganzen, und das heißt zugleich, aus dem Text des Werkes und aus der Wirkung des Werkes, das in der Entfaltung des übergreifenden Problems im Stand seines Wissens und in der Sprache seiner Zeit Künf­ tiges antizipiert und ihm Wege eröffnet. Unter diesem Gesichtspunkt aber muß erst recht die Frage gestellt werden, wie Kants Aussagen über das "Spiel" der Geschichte zu verstehen sind. Zwischen der Ab­ handlung über die "Idee einer allgemeinen Geschichte in weltbürger­ licher Absicht" und der Schrift über den "Streit der Fakultäten" liegt nicht nur eine Reihe von Aufsätzen, in denen Kant zu Problemen der Geschichte und der Politik Stellung genommen und die Frage nach ihrer Relation zum Prinzip der praktischen Vernunft weiter entfaltet hat, in diese Zeit fällt auch die Ausarbeitung der "Kritik der Urteils­ kraft". Die "Entdeckung" einer dritten Art von apriorischen Prinzi­ pien, die allerdings keine objektive Bestimmung des Gegenständlichen oder der Handlungen ermöglicht, führt zu der Voraussetzung eines "Gemeinsinnes" und zu einer transzendentalphilosophischen Klärung der Frage, ob und wie die gefühlsmäßige Beurteilung einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit haben kann. Die mit dem Problem der Apriorität ästhetischer Urteile verbundene Reflexion über das Spiel läßt wohl kaum mehr die Annahme zu, daß Kant in den spä-

IT Ebd. S. 219.

156

Der Spielbegriff bei Kant

teren Schriften den Ausdruck "Spiel" sozusagen gedankenlos oder be­ denkenlos verwandt haben könnte. Viel eher ist anzunehmen, daß die­ ser Ausdruck einem Begriff entspricht, der die dynamische Relation als solche meint - noch vor aller Feststellung in erfaßbare Gestalten, Bilder und Relationen und noch vor aller objektivierenden Verknüp­ fung durch die Analogien des reinen Verstandes und vor der wert­ setzenden Ordnung im Prinzip der Vernunft. "Die eigenste Natur des Verstehens" liegt nach Dilthey "eben darin, daß hier nicht, wie im Naturerkennen mit eindeutig Bestimmbarem operiert wird, das Bild als eine äußere Realität zugrunde gelegt wird"58. Die begegnende sinnlich-formale Realität, die nicht das "Bild" ist, könnte das "Spiel der Bilder" sein. Mit ihm aber sind Grundfragen der Erkenntnis ver­ bunden, die in der "Kritik der reinen Vernunft" nicht geklärt werden können, weil es keine Regel des Verstandes oder der Vernunft gibt, die grundsätzlich bestimmt, wie sich Regeln anwenden lassen auf konkrete Fälle oder wie wir, im Hinblick auf die Erscheinungen und ihre Form, das einem Begriff oder einem Wort entsprechende Bild oder Schema hervorbringen können - jede Anwendungsregel würde, als eine Regel, zu ihrer Anwendung einer neuen Regel bedürfen -, das heißt, im Bezug auf die transzendentalphilosophischen Fragen, wie die dynamische Zuordnung von Einbildungskraft und Verstand überhaupt möglich ist: das Problem der reflektierenden Urteilskraft.

§ 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs

Die Interpretation hat bisher versucht, das allgemeine Kantische Verständnis des Spielphänomens darzulegen und die Hypothese einer terminologischen Wortbedeutung zu verfolgen, ohne auf eine syste­ matische Funktion des Spielbegriffs im Ganzen der kritischen Philo­ sophie zu schließen - die Verführung am "Leitseil der Sinnlichkeit" in der Fülle der Bilder und Analogien könnte insbesondere für die Deutung der philosophischen Sprache zu nahe liegen. Auch die darge­

" Ebd. S.227.

§ 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs

157

legte Bestimmung des Spieles in der "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" und die bisher aufgenommenen Aussagen der "Kritik der Urteilskraft" gestatten noch keine Entscheidung der offenen Inter­ pretationsfragen und sicher nicht eine übertragung auf die transzen­ dentalphilosophische Problematik. Noch weniger können die nach­ gelassenen Notizen Kants zum Spiel und zum Spielbegriff, die wie auch in anderen Fällen häufig prägnanter sind als die thematischen Stellen der Werke, als Kants eigene und durchgängige überzeugung zugrunde gelegt werden, wenn nicht die "Zusammenstimmung" im Ganzen und mit Parallelstellen der gedruckten Schriften ihre Bedeutung ausweist. Die aufschlußreichen Festlegungen der sogenannten "Re­ flexionen zur Anthropologie"59, in denen die ästhetische Fragestellung und das Spiel einen beachtenswert großen Raum einnehmen, können jedoch nun - auf Grund der bisherigen Erwägungen - gleichsam als Interpretationsregeln eingeführt werden, um ein systematisches Ver­ ständnis für die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" vorzubereiten, an der ihre Zuverlässigkeit und ihr Geltungsbereich sich schließlich ausweisen müßten. Auf Grund dieser "Reflexionen zur Anthropologie" kann eine vierfache terminologische Bedeutung von "Spiel" unterschieden wer­ den: Spiel als Handlung - Spiel als Form des Sinnlichen - Spiel als Gefolge - Spiel als Anordnung. Mit Ausnahme der Formulierung für das Gefolge, die vielleicht eine doppelte Interpretation zulassen könnte, handelt es sich eindeutig um Alternativbestimmungen gegen den Zweck, gegen das Beharrende und gegen die Absicht. Wieweit Kant eine Zuordnung dieser Bestimmungen als Entfaltungen eines einheitlichen Spielbegriffs für möglich oder notwendig hielt, muß offen­ bleiben.

Die Bestimmung der Handlung entspricht dem bereits festgestellten und auch in der "Kritik der Urteilskraft" weiter zu belegenden Gegen­ satz von "Spiel" und "Geschäft". "Eine jede Handlung ist entweder

" Kant's handschriftlicher Nachlaß, WW XV, im wesentlichen "Erste Hälfte". Vgl. zum bisherigen Zusammenhang z. B. die Abgrenzungen von Einbildungskraft und Phantasie und von "künstlichem" und "natürlichem" Spiel in verschiedenen Be­ deutungen (so Refl. 334, 338, 618, 773). Vgl. a. Anm. 36, die - unabhängig von

das Problem der Zuordnung isolierter No­

einem Sonderfall der Bearbeitung - tizen demonstriert.

158

Der Spielbegriff bei Kant

ein Geschafte (was einen Zwek hat) oder ein Spiel (was (s zur Unter­ haltung dient) zwar eine Absicht hat, aber keinen Zwek). In dem letzteren hat die Handlung keinen Zwek, sondern sie ist selber der Bewegungsgrund. "60 Die Bestimmung drückt nicht nur die allen Spiel­ theorien gemeinsame Auffassung aus, daß das Spiel als solches zweck­ frei ist und als Spiel des Menschen eine Tätigkeit, die um ihrer selbst willen geschieht, sondern die allgemeinere Festlegung, daß jede Hand­ lung, die nicht zweckgebunden oder aus einer Zwecksetzung erklärbar ist, unter den Terminus "Spiel" fällt. Selbstverständlich kann sie im Hinblick auf einen hinzugedachten Zwed{ sowohl zweckmäßig als auch unzweckmäßig sein.

Die Bestimmung der Form des Sinnlichen entspricht dem Gegensatz von Spiel und Gestalt, dessen allgemeine Bedeutung in der dritten Kritik aus dem engeren Textzusammenhang fraglich blieb. Sie ent­ wickelt sich in den "Reflexionen" aus der Beziehung der Sinne zu ihrem Objekt. Spiel ist eine der beiden Formen des "objektiv" Sinn­ lichen und von der Gestalt unterschieden wie das Hören vom Sehen. "Wie sich verhält das Gesicht zum Raume, so das Gehör zur Zeit. Beyde geben Begriffe, jenes von sachen, dieses vom Spiel; beyde nur von der Form. Das Gefühl von der Materie und Substantzen. iene von den Bestimmungen derselben. "61

oder könnte sich damit erweitern­

Die Bedeutung erweitert sich -

zu einer Unterscheidung des Räumlichen und des Zeitlichen. Der Begriff des Spieles kennzeichnet kein Ding, keinen Gegenstand, kein Bild und kein Abbild. Er kennzeichnet die Form, in der das Raumzeitliche,

Refl. 618, S.267; (s

) = späterer Zusatz. »Unterhaltung" kann sehr weit ver­

standen werden: "Beschaftigung in Ruhe ist unterhaltung. Die Unterhaltung ist entweder durch Vorsetzlichen Wechsel der Gedanken oder unvorsetzlichen; die erstere ist bestrebung und Arbeit, die Zweyte das Spiel." (ReH. 809) ReH. 811 setzt "freye Bewegung" der Kräfte, Unterhaltungen und Spiel gleich und in Ge­ gensatz zu "Geschäften" bzw. Zwecken. " ReH. 266. Entsprechend ReH. 287: »Die Sinne sind entweder obiectiv oder subiec­ tiv. Die erstere gehen entweder auf Materie (Gefühl) oder Form (Gesicht und Gehör). Die letztere entweder auf Gestalt oder Spiel: Gesicht oder Gehor." Und noch allgemeiner ReH. 655: "Beym Feuerwerk ist auch das spiel der Gestalten und Empfindungen. Denn in der Erscheinung ist entweder ein obiect: dieses wird iederzeit im raume gesetzt; oder lediglich eine Empfindung, aber .nach Verhält­ nissen der Zeit; das erste heißt die Gestalt, das zweyte das Spiel, beydes ist oft

beysammen."

das zweyte das Spiel, beydes ist oft beysammen." § 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs 159
das zweyte das Spiel, beydes ist oft beysammen." § 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs 159

§ 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs

159

sofern es nicht mathematisch gestalthaft oder als Sadle bestimmbar ist, in der Vorstellung des Subjekts begegnet - das Spiel der Gestalten, das Spiel der Veränderungen, das Spiel der Empfindungen, das Spiel der Erscheinungen überhaupt. Auch ohne auf die später zu erörternde Beziehung zum Hören einzugehen, wird aus dieser Bestimmung ersicht­ lich, daß die Kantische Theorie der Kunst sim löst vom Bildcharakter der Anschauung und daß jede Interpretation verfehlt sein könnte, die einseitig vom Aspekt des Bildes ausgeht; aber auch jede Interpretation, die eine Theorie des ästhetischen Bewußtseins ohne Bezug auf ein Objekt der Sinne zugrunde legt. Im Hinblick auf die offengebliebenen Fragen, wie die Unterscheidung für die Form der Gegenstände der Sinne und die Erörterung der Spiele am Ende der Deduktion der ästhetischen Urteile in der "Kritik der Urteilskraft" zu verstehen seien, ergibt sich wohl im Zusammenhang aller Belege, daß die Dis­ junktion zwischen Spiel und Gestalt allgemein gelten soll und daß die "Anmerkung" über die Spiele im Anschluß an die Einteilung der Künste sachlich begründet ist. Die Spiele im engeren Sinne sind Thema einer Kritik der ästhetischen Urteilskraft, weil dem Begriff des Spiels eine allgemeine und wesentliche Funktion zukommt. Vielleicht müßte die Unterscheidung von Zeimnung und Komposition für den "eigent­ limen Gegenstand des reinen Geschmacksurteils" so ausgelegt werden, daß die Zeichnung auf ein "Spiel der Anschauungen" bezogen wird:

"Das Spiel der Anschauungen (nicht der Gestalten, denn die Anschau­ ung durchläuft die Gestalt): Bildende Natur und Kunst. "62 Dann würde auch von seiten des Sinnlichen einsichtig werden, warum die regelmäßigen geometrischen Gestalten für Kant keine "Beispiele der Schönheit" sind 63 Auf die mathematische Gestalt ist das Prinzip der "Zweckmäßigkeit ohne Begriff" nicht anwendbar, das Wohlgefallen beruht auf der "Braumbarkeit", nicht auf der reinen "Betrachtung",

" ReH. 806, S. 356, ein späterer Zusatz; ebenso: "Dessen Hervorbringung nach einer Regel gelernt werden kan, gehört nicht zum genie, e. g. Mathematik; alles genie gehet ·auf sinnliche Urtheilskraft im einzelnen. auf das Spiel, nicht auf das Ge­ schäft in Ansehung des obiekts." (S. 355).

" Vgl. Kr.

, mit

d. U. § 22, Allgemeine Anmerkung, S. 241 ff. und § 62 der Kritik der

teleologischen Urteilskraft, S. 362 ff. über die "Eigenschaften der Zahlen

denen das Gemüth in der Musik spielt" (S. 363), ist damit noch nichts gesagt, es

um "alles Steif-Regelmäßige", mit dem man nicht "un­

gesucht und zweckmäßig spielen kann" (S. 242 f.).

. geht im wesentlichen

160

Der Spielbegriff bei Kant

argumentiert Kant, und diese reine Betrachtung beim Erlebnis des Schönen ist kein statischer Zustand, keine Fixierung an etwas Behar­ rendes, eindeutig Festzulegendes, sie muß die Gestalt "durchlaufen" können. Geometrie und Kunst sind verschieden wie reines Bild und reines Spiel. Unter solchen Gesichtspunkten könnte einleuchten, daß das Verhältnis von Gestalt und Spiel für das Verständnis der Wissen­ schaften grundlegend ist.

Wie schon erwähnt, könnte die dritte Bestimmung des Spiels als Gefolge die eigentlich problematische sein. Es wird später zu fragen sein, ob sie nicht das grundlegende transzendentalphilosophische Problem enthält, indem sie zwischen "Reihe" und "Spiel" als Verhältnis der Zeit unterscheidet. Die Reflexiono 4 beginnt damit, daß die "bestirnte Form" in der Thematik der Sinnlichkeit auf eine "Zusammenordnung", nicht auf "Zusammennehmung" zurückgeführt wird. Zusammenord­ nung ist eine Synthesis, die nicht subordiniert wie der Begriff, sondern koordiniert. Koordination im Raum ist Gestalt, ihre Nachahmung das Bild. Koordination in der Zeit, unabhängig vom gegenständlichen Gehalt, ist ein "Gefolge". Dieses Zusammen als ein Gefolge bloßer Empfindungen entspricht der Reihe oder dem Spiel, und es bleibt doch wohl unklar, ob der Text eine Disjunktion impliziert oder nicht:

"Die Form der [Empfindungen] Erscheinung ohne Vorstellung eines Gegenstandes besteht blos in der Zusammenordnung der Empfindun­ gen nach Verhältnis der Zeit, und die Erscheinung heißt ein Gefolge (g oder Reihe oder das Spiel)." Auch die Beispiele der Künste erlauben keine eindeutige Erklärung; immerhin legen sie nahe, die Reihenfolge der Gestalten von der Bewegungsfolge zu unterscheiden wie Reihung von Zusammenspielo 5 Dagegen ist die Relation, in der Gestalt und Gefolge zur Erkenntnis stehen, eindeutig abgehoben: "Alle Gegen­

"

] = von Kant

durchstrichen. »Eine anschauende Form von einer Reihenfolge von Gestalten von Menschen ist die Pantomine, von einer folge der Bewegungen nach Abtheilung der Zeit der

Tantz; bey des zusammen

das, was die Music dem Gehör ist

Gestalten ist der Tantz aber von einer Reihe Empfindungen die Music." Die Neu­ fassung entspricht dem Zusatz.) "Tanz" kann auch eine weitere Bedeutung haben, so in der Refl. 618, S.266 für die Poesie, "das schonste aller Spiele": "Ohne die Abmessung der Sylben und des Reimes ist es kein regelmäßig Spiel, kein Tanz."

" (Ursprüngliche Fassung: "einer Reihe von

der mim i s c h eTa n z. Der Tanz ist dem Auge

Vgl. zum Folgenden Refl. 683; (g

.) = gleichzeitiger Zusatz, [

§ 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs

161

stände können sinnlich oder anschauend erkannt werden nur unter einer Gestalt. Andere Erscheinungen stellen gar nicht gegenstände, sondern Veränderungen vor." Die Reflexion bricht ab mit den Worten:

"Die reflectirte Erscheinung ist die Gestalt, die reflectirte Empfindung"

- die Interpretation hat die Wahl der Ergänzung.

Die vierte allgemeine Bestimmung definiert das Spiel als die An­ ordnung, in der keine Absicht ist. "In Aller Anordnung ist entweder Absicht oder Spiel. "66 Diese Alternative könnte so aufgefaßt werden, als ob sie der ersten terminologischen Festlegung widersprechen würde, nach der die Spielhandlung zwar zweckfrei oder zwecklos ist, aber eine Absicht hat. Die Unterscheidung hängt jedoch ab von dem Stand­ punkt, unter dem die Anordnung betrachtet wird: als Handlung, als Form, als bestimmte Koordination, als Ordnung überhaupt; oder auch, im Aspekt der Handlung : in bezug auf den Anfang oder das Ende, oder in bezug auf den Verlauf. So wird an anderer Stelle das Spiel als "Beschaftigung ohne Absicht" damit begründet, daß es nicht "am Ende" vergnügt, sondern während seiner Dauer gefällt 67 Der engere Textzusammenhang für die Einteilung der Anordnung - die Auf­ zählung verschiedener Arten des Spiels vom "Spiel der Eindrücke" bis zum "Spiel der Reflexion" - legt nahe, die "Absicht" in der Anord­ nung auf die logische Regelung, die Planmäßigkeit einer Verstandes­ handlung und die Bewußtheit, das "Spiel" auf die ästhetische Ordnung als solche zu beziehen. Im weiteren Zusammenhang der Reflexion kommt die Intentionalität der Zweckursache zur Sprache. Im einzelnen werden abgegrenzt: Spiel und Zwang, Spiel und Ernst, Spiel und Ge­ setz - "das Spiel hat seine Regeln, [die Id] der Zwek gesetze." -, und zu Beginn der Reflexion für das Spiel selbst: "Das Spiel der Natur (Kunst) und des Zufalls. Jenes stimmt mit einer idee. Idee und Spiel." Es besteht daher die Möglichkeit, die gesamte Reflexion auf die Unter­ scheidung zwischen dem Schönen in der Natur und als Kunst und dem Spiel des Zufalls zu übertragen. Die Zusammenstimmung mit der Idee, die der Zufallsanordnung nicht eigen ist, entspricht der Zweckfreiheit,

" Refl. 807, S.359. Der nächste Satz differenziert: "Ein Spiel der Eindrüke, der Anschauung, der Einbildungen, der reflexion, der Empfindung, der Gedanken, der Leidenschaften."

" Vgl. Refl. 810.

11 Hcid.mRI1I1. Der negrilf deo Spiel

162

Der Spielbegriff bei Kant

während die Zweckordnung "um der Idee willen" da ist oder geschieht, wie die Arbeit um des Werkes oder des Lohnes willen. Wenn das Spiel

des Menschen immer angewiesen ist auf "eine idee oder thema

ches eine einzige Vorstellung ist, die durch die ganze Beschaftigung durchgeht, damit durch die Vereinigung die Belebung desto vollkom­ mener sey"68, muß das Spiel des Zufalls ohne solche Einigung sein und doch ein Spiel, vielleicht das Spiel des "blinden Glücks" oder auch das "Spiel der Empfindungen" als solcher und das verworrene Spiel der ge­ störten Ordnung, der extreme Fall einer Anordnung, die in keiner Hin­ sicht mehr einsehbar ist. Wie immer man die einzelnen Aussagen inter­ pretiert, die allgemeine Bestimmung, daß in aller Anordnung entweder Spiel oder Absicht ist, betrifft das Verhältnis von Spiel und Denken und die Kategorien der Modalität. Damit betrifft sie zugleich die Glie­ derung der dritten Kritik: Die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" un­ tersucht das Verhältnis von Zufälligkeit und Notwendigkeit im Aspekt der ästhetischen Ordnung als Spiel, die "Kritik der teleologischen Urteilskraft" diskutiert das Problem von Zufälligkeit oder Notwen­ digkeit der Naturformen und der Naturordnung im Aspekt der Ab­

, wel­

sicht. Für die Problemstellung des ästhetischen Urteils wird man jedoch betonen müssen, daß die Formulierung der thematischen Reflexion auf die Absicht oder das Spiel "in" der Anordnung hinweist. In diesem Bezug ist nicht die kausale, teleologische oder zufällige Bedin­ gung der Anordnung maßgebend, sondern die immanente Absichtlich­ keit in der Relation der erscheinenden Mannigfaltigkeit. So konzen­ trierte sich die Spielthematik in der "Idee zu einer allgemeinen Ge­ schichte in weltbürgerlicher Absicht" auf das Problem des zureichenden Grundes - die Idee einer Natur, die einen Plan und eine Endabsicht verwirklicht, nach ihnen" verfährt" im Gegensatz zu einer als zweck­ los spielend gedachten Natur -, im "Streit der Fakultäten" dagegen auf das Problem der Ersichtlichkeit einer immanenten Entwicklungs­ tendenz innerhalb der erfahrbaren "Anordnung" der geschichtlichen

RefI. 811. Unter diesem Gesichtspunkt enthält auch die RefI. 886 keinen Wider­ spruch zu der Unterscheidung von "Absicht" und "Spiel": "Alles, was eine Ab­ sicht anzeigt, idee oder dessein, wenn es gleichsam spielend und ohne den Zwang einer Bedürfnis geschieht, ist schön." Vgl. a. Anthropologie S. 177: "Es muß immer ein Thema sein

"

§ 7: Die vierfache Bestimmung des Spielbegriffs

163

Ereignisse und in den Urteilen der teilnehmenden Zuschauer, auf das Geschichtszeichen als Anzeige für die Ordnung, und die übereinstim­

mung im ästhetischen Urteil mit der Idee. Im Problem des Schönen als Natur und Kunst wäre die vierte Bestimmung des Spieles also auf das Prinzip der ästhetischen Anordnung und das Prinzip der ästhetischen Beurteilung anzuwenden: die gleichsam absehbare "absichtliche" Rege­ lung der erscheinenden Ganzheit einerseits, die Zusammenfügung als Spiel, unabhängig von einer Absicht des Schöpfers, andererseits.

unabhängig von einer Absicht des Schöpfers, andererseits. Wenn es dahingestellt bleiben muß, wieweit diese vier

Wenn es dahingestellt bleiben muß, wieweit diese vier Bestimmun­ gen aus den sogenannten "Reflexionen zur Anthropologie" - die zweckfreie Handlung, die nicht gestaltbestimmte sinnliche Form, das Gefolge, das nicht dem Bild der Reihe entspricht, und die Anordnung, die keine Absicht enthält, - Geltung beanspruchen dürfen, so kann die Frage nach dem Begriff des Spieles in der "Kritik der ästhetischen Ur­ teilskraft" nicht davon ausgehen, daß die hypothetischen Regeln für die Interpretation zugleich die systematische Topik für die Exposition der Probleme angeben könnten. Dabei geht es nicht um die Möglich­ keit, die vier Bestimmungen den kategorialen Momenten des ästhe­ tischen Urteils zuzuordnen, die der Interpretation keine besonderen Schwierigkeiten bereiten dürfte 69 . Das erste Moment der Bestim­ mung des Schönen ist nach der dritten Kritik die Freiheit des Wohlge­ fallens vom Interesse am Gegenstand als solchem, die Freiheit des Ur­ teils von äußerem oder innerem Zwang - die Spiel zu nennende Handlung ist nicht um eines Zweckes willen da, sondern selbst der "Bewegungsgrund". Das zweite Moment hebt ab, daß das Schöne "ohne Begriff" gefällt, und es führt das "freie Spiel" zwischen Einbil­ dungskraft und Verstand in die Beweisführung für den Allgemein­ heitsanspruch des ästhetischen Urteils ein - die entsprechende Re­ flexion betont, daß Spiel kein Begriff einer "Sache" ist. Das dritte Mo­ ment stellt die Zweckmäßigkeit des Gegenstandes in der Natur oder der Vorstellung in der Kunst heraus, sofern diese Zweckmäßigkeit ohne Bezug auf einen Zweck "wahrgenommen" wird, das heißt den Sonderfall einer Proportion, die "schön" genannt wird und deren Ge­

"VgI. zum Folgenden die "Analytik des Schönen", Kr. d. U., Erstes Buch, insbe­ sondere die aus den vier "Momenten" jeweils "gefolgerte Erklärung des Schönen" S. 211, 219, 236, 240 für die zitierten Bestimmungen.

11'

164

Der Spielbegriff bei Kant

setzmäßigkeit nicht begrifflich bestimmbar ist. Sie könnte also durch­ aus einen Sonderfall des »Gefolges" als Spiel darstellen, aber sie kann nicht die Form der bloßen Reihenfolge haben, und eine Folge von Ge­ gebenheiten oder Ereignissen kann nicht um dieser Form willen schön genannt werden. Im Bezug auf das vierte Moment zeigt sich vielleicht, daß in der Tat eine solche Unterscheidung von "Spiel" und "Reihe" vorausgesetzt werden muß. Wenn dasjenige schön ist, "was ohne Be­ griff als Gegenstand eines nothwendigen Wohlgefallens erkannt wird", das heißt eines Gefallens, das die Zustimmung anderer notwendig for­ dert, so kann es sich nicht eigentlich um die Aufeinanderfolge als solche handeln. Sie würde kein Problem aufgeben für die Frage nach der Begründung der Notwendigkeit, die Argumentation könnte sich auf die Linie als räumliches Bild der Zeit berufen. Die Reihe ist eine eindeutige und einsichtige Ordnungsform, die der Zeit überhaupt ent­ spricht, das Nacheinander; und in einer Reihenfolge kann man durch­ aus von einer "Absehbarkeit" der Beziehung des einen zum anderen sprechen, jedoch nicht von einer exemplarischen Proportion, die ein "freies Spiel" ausmacht. Eine entsprechende Erwägung würde sich auch für das zweite Moment des Schönen durchführen lassen, nach dem das Wohlgefallen "ohne Begriff" den Anspruch auf allgemeine Zustim­ mung stellt. Es ist also nicht die. Frage, ob ein Zusammenhang zwischen den vier Bestimmungen des Spielbegriffs und den vier Momenten des Ästheti­ schen in der dritten Kritik denkbar ist oder nicht, sondern einerseits die Frage, ob Kant von einem solchen Zusammenhang ausging, anderer­ seits aber die für das Problem des Spielbegriffs wesentlichere und grundlegendere Frage, wie der Spielbegriff zur Anwendung auf das Schöne in der Natur und in der Kunst eingeschränkt werden muß. Die vierfache Bestimmung setzt keine Unterscheidung zwischen apriori­ schem und empirischem Urteil oder Begriff, sie ist auch keine Analysis der Bedeutung von "Spiel", sondern eine abgrenzende Bestimmung:

Das Verhältnis dieser vierfachen abgrenzenden Bestimmung des Spiel­ begriffs zu der vierfachen Bestimmung des ästhetischen Urteils und des ästhetischen Wohlgefallens wäre daher so zu denken, daß es sich beim Schönen um einen ausgezeichneten Fall handelt, in dem ich mit Grund annehme, daß jeder meinen Gefallen an diesem "Spiel" notwendig tei­ len soll. Aber diese Relation besagt noch nichts für das Verhältnis von

165

Spiel, Naturschönem und Kunst, wie Kant es im Zusammenhang der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" darstellt oder wie es sich von dorther erörtern läßt. Die Interpretation geht daher für den Begriff des Spieles in der dritten Kritik weder von einer systematischen Topik aus noch von der formalen und durchaus möglichen Zuordnung, son­ dern von der Entwicklung der Kantischen Argumentation und geleitet von der Annahme, daß die "Kritik der Urteilskraft" einen Zugang bil­ det zum Verständnis der erkenntnistheoretischen Spielthematik in der Gegenwart. Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich eine Konzentra­ tion auf diejenigen Aussagen der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft", die in der Kantischen Problementfaltung gleichsam am Rande oder im Hintergrund bleiben - auf den Begriff der Gunst, das Verständnis der Kunst als Sprache, die Humanitas und das repräsentative Phänomen in der Kunst und in den Spielen im engeren Sinne. Die vierfache Bestim­ mung von Spiel als Handlung, als Form, als Koordination und als Prinzip der erscheinenden Anordnung gibt dagegen die Möglichkeit vor, die Interpretation methodisch zu leiten und die Frage nach dem Verhältnis von Spiel und Schönheit in der Weite einer allgemeinen sy­ stematischen Bedeutung des Spielbegriffs zu diskutieren.

§ 8: Das Spiel und das Schöne

§ 8: Das Spiel und das Schöne

Die Spontaneität des Spieles und der ästhetische Gegenstand

Die "Kritik der Urteilskraft" setzt ein mit der Unterscheidung zwischen dem logischen Urteil und dem ästhetischen Urteil, dem Er­ kenntnisurteil und dem Urteil über das Schöne. Damit ist schon im Ausgang die negative Wertung des Spieles, soweit sie aus dem Gegen­ satz zur Erkenntnis resultiert, aufgehoben. In diesem Bereich des ästhe­ tischen Wohlgefallens oder Mißfallens ist das Ergebnis der Urteils­ funktion nicht die Bestimmung eines Gegenstandes, sondern das Ge­ fühl der Lust oder der Unlust, die Wirkung auf das Lebensgefühl. Es hält sich daher in der Subjektivität, im Rückbezug der Vorstellung auf das Erleben. Geht man nun davon aus, daß alles animalische Leben

in der Subjektivität, im Rückbezug der Vorstellung auf das Erleben. Geht man nun davon aus, daß

166

Der Spielbegriff bei Kant

als ein Wechselspiel von Vergnügen und Schmerz bestimmt werden kann, und daß alle Vorstellungen eine Wirkung auf das Gefühl haben, so umfaßt dieser Begriff des Asthetischen den gesamten Gefühlsbereich, das seelische Leben 70 . In diesem Zusammenhang mag eine Anmerkung Kants zu Meiers "Auszug aus der Vernunftlehre" aufschlußreich sein:

"Was unsre [Erk] Gemüthskräfte in ein leichtes und starkes Spiel setzt, ist angenehm. Was solche in ein harmonirendes Spiel setzt, ist schön. Was zugleich die obere Kräfte in ein mit der Sinnlichkeit stimmiges Spiel setzt, ist gut."71 Danach ist das Gefühl eine Wirkung der "Sache", sei sie ein Gegenstand oder eine Vorstellung - "Vorstellung" immer im weitesten Kantischen Sinne verstanden -, eine Vorstellung der Sinne, der Einbildungskraft oder des Verstandes und der Vernunft, und das Angenehme, das Schöne und das Gute unterscheiden sich nach den verschiedenen Arten des inneren Spiels, der seelischen Bewegung. Auch in der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" ist die Beziehung zum Gegenstand nicht ausgeklammert, im Hinblick auf das Schöne aber grenzt sich diese Beziehung grundlegend ab vom Angenehmen und vom Guten durch das Moment der inneren Freiheit, durch die Unab­ hängigkeit des Interessiertseins vom Interesse an der Existenz des Ge­ genstandes. Es kommt darauf an, was "ich aus dieser Vorstellung in mir selbst mache"72, auf die Abstraktion also auch von der tatsäch­ lichen oder begehrten Existenz dieses Vorgestellten. Die Lust ist nicht nur Ausdruck der Einstimmung der Erkenntnisvermögen, "die in der reflectirenden Urtheilskraft im Spiel sind, und sofern sie darin sind"78, gleichgültig, ob dieses Spiel auf einer Affektion beruht oder nicht - es ist die "Spontaneität im Spiele der Erkenntnißvermögen", die den ent­ scheidenden Grund der Lust ausmacht und die eine Vermittlung zwi­

70 Vgl. Anthropologie § 60, S. 230 f., s. a. Kr. d . pr. V. Vorrede, S.9 Anm. Die Kr. d. U. § 29, S. 278 , betont, daß "das Gemüth für sich allein ganz Leben (das Lebensprincip selbst)" ist. Die grundlegende Beziehung zwischen den Spielen, dem Lebensgefühl und der Lebenskraft wird in einer Formulierung der ersten Auflage besonders deutlich, wonach das Spiel ein "Spiel" hervorbringt - ein "bloßes Spiel der Vorstellungen ein Spiel der Lebenskräfte im Körper hervor­ bringt" (2. Aufl.: "Gleichgewicht"), der seinerseits in "Wechselwirkung" mit dem Gemüt steht (S.333). 11 Refl. 1845, WW XVI, S. 135. 7! Kr. d. U. § 2, S. 205. "machen" im Gegensatz zu "abhängig sein". "

Kr. d. U. Einleitung VII, S. 189 f.

§ 8: Das Spiel und das Schöne

167

sehen Naturbegriff und Freiheitsbegriff ermöglicht 74 Das ästhetische Urteil ist ein Reflexionsurteil, nicht die Feststellung eines realen oder idealen Sachverhaltes; es ist ein kontemplatives Urteil, indifferent ge­ gen den Wirklichkeitscharakter des Objekts; es ist ein einzelnes Urteil

- diese Rose ist schön -, nicht ein allgemeines, daß alle Rosen schön sind; es ist daher kein Urteil über das Schöne, sondern das Urteil, daß etwas schön ist. Wenn es aber in dieser Weise gleichgültig ist gegen die Realität und nicht auf die logische Verallgemeinerung zielt, so muß auch der Gegenstand des Angenehmen oder des Guten Zum "Schönen", das heißt Zum reinen ästhetischen Gegenstand werden können, ebenso aber das Häßliche, das Unnütze und das Böse. Dem entspricht, daß der Reiz des Angenehmen Zum Erlebnis des Schönen hinzukommen kann, der "sittliche Geschmack" das Gute gleichsam umspielt und der Gegensatz Zum Schönen nicht das Böse oder das Häßliche ist, sondern Langeweile und Ekel. Der reine Gegenstand der ästhetischen Relation ist nicht nach seinem Inhalt bestimmt - auf Grund einer Empfindung oder eines Begriffs -, sondern nach seiner besonderen anschaulichen Form, in der das Mannigfaltige verschiedener Vorstellungen zur Ein­ heit gebracht ist oder der Begriff dargestellt ist. Andererseits aber ist eine solche Beziehungslosigkeit zur Bedeutung des Gegenstandes für Kant undenkbar. Die Objekte des Angenehmen und des Guten "lassen uns keine Freiheit, uns selbst irgend woraus einen Gegenstand der Lust zu machen"75. Diese Bindung an das Objekt meint zunächst, daß wir keine Distanz haben, wenn wir schon in der Relation einer Bedürfnisbefriedigung an den Gegenstand gebunden sind, und daß die Forderung des Sittengesetzes einschließt, daß wir uns von ihr nicht distanzieren sollen. Sie muß aber auch so verstanden wer­ den, daß die Bedeutung des Gegenstandes schon objektiv vorgegeben ist, so daß ein freies Geschmacksurteil nicht möglich oder nicht zuläs­ sig ist. Dieses Verhältnis liegt der Unterscheidung in freie und anhan­ gende Schönheit zugrunde. Nur im Bezug auf die freie Schönheit

- Blumen, gegenstandslose Kunst, Musik - ist das Geschmacksurteil

rein. Wenn dagegen der intentionale Gegenstand der ästhetischen Re­

71 Ebd. EInleitung IX, S. 197. Das ästhetische Urteil ist daher "in Ansehung des Gefühls der Lust oder Unlust ein constitutives Princip".

"

Kr. d.

U.

§ 5, S.

210.

168

lation einen Zweck erfüllt oder mit seinem Begriff ein Zweck verbun­ den ist, ist das ästhetische Urteil "fixiert", entweder durch den Reiz des Materialen, die Empfindung, oder durch die Bestimmung des Ge­ genstandes, wie im Beispiel der Schönheit des Menschen als Selbstzweck und der Schönheit der Bauten, die einen bestimmten Zweck erfüllen sollen. Der Unterscheidung in das Angenehme, das Schöne und das Gute korrespondiert daher nicht nur ein verschiedener innerer Zustand

_ das Vergnügen, das freie Wohlgefallen und das Schätzen oder Billi­

gen -, es korrespondiert ihr auch eine verschiedene Beziehung zum Objekt: die Neigung, die Gunst und die Achtung. Im Hinblick auf die angeführte Reflexion zur Logik könnte sich damit das Problem stel­ len, das entweder für die Neigung und die Achtung nicht von einem Spiel der Gemütskräfte gesprochen werden könnte, oder nur sie die inneren Kräfte "ins Spiel setzen" könnten, da Neigung und Achtung "bewirkte" Gefühle sind, die das Interesse binden und eben daher eine äußere oder innere Aktivität zur Erreichung oder Verwirklichung des Zweckes auslösen können. Der Zustand in der Gegenstandsrelation der Gunst ist dagegen keine solche Wirkung und zumindest nicht im gleichen Sinne Aktivität, da er kontemplativ ist. Die qualitative Ver­ schiedenheit des Schönen vom Angenehmen und Guten stellt sich unter diesem Aspekt dar als der Unterschied zwischen Kontemplation und zweckgebundener Aktivität, und die Interpretation des Schönen müßte sich konzentrieren auf den Begriff der Gunst. Für die Thematik des Spieles ist es von besonderer Bedeutung, daß Kant diese Möglichkeit, im Begriff der Gunst die Grundbestimmung der ästhetischen Relation zu entfalten, nicht ausdrücklich verfolgt. Aber vielleicht wird schon aus dem bisherigen Zusammenhang deut­ lich, daß es um die Relation selbst gehen muß. Der scheinbare Wider­ spruch zwischen der Freiheit vom Objekt und der Bindung an den Gegenstand des Angenehmen und des Guten, der sich vor allem für die Theorie der Spiele im engeren Sinne auswirkt, beruht nicht auf dem Unterschied zwischen reinem und empirischen Urteil, sondern auf dem Wechsel der Aspekte der Relation sowohl für die apriorische Be­ gründung als auch für das faktische ästhetische Erlebnis: Als vom Sub­ jekt ausgehend gedacht ist ein reines Geschmacksurteil durch die Ab­ straktion von allem Inhaltlichen bedingt und gründet daher in der Spontaneität der Person, in ihrer Möglichkeit des Bedeutungsentzuges

Der Spielbegriff bei Kant

des Bedeutungsentzuges Der Spiel begriff bei Kant § 8: Das Spiel und das Schöne 169 und

§ 8: Das Spiel und das Schöne

169

und in der Freiheit der Wahl, die ästhetische Relation aufzunehmen oder nicht. Dieser Freiheit sind gegebenenfalls Grenzen gesetzt durch die sinnliche Affektion oder dle sittliche Bestimmung. Das Objekt ist seinerseits im Bezug zur Person gedacht entweder in sich unbestimmt oder bereits in seiner Bedeutung festgelegt in der Relation der Zwecke einer sinnlichen Welt oder aus der Ordnung einer intelligibelen Welt, und nur das Unbestimmte im Hinblick auf einen Zweck erfüllt die Be­ dingung eines reinen, das heißt seiner formalen Struktur nach ästhe­ tischen Gegenstandes. Da aber diese Ordnung einer Welt nicht ohne die Person gedacht werden kann, andererseits das Subjekt immer schon in einer Welt ist, ergibt sich die Problematik einer Diskussion, die nicht von der Relation, sondern von ihren Relaten ausgeht. In bezug auf die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" und vor allem auf das Problem des Naturschönen und der Spiele stellt sich diese Schwie­ rigkeit so dar, daß der erste Teil der "Kritik der Urteilskraft" nicht eigentlich verständlich werden kann ohne den Begriff des Zwecks und der Naturordnung auf das Vernunftwesen hin, die jedoch erst in der "Kritik der teleologischen Urteilskraft" - und das heißt ja zu­ gleich, auf Grund der Ergebnisse der Untersuchung des Schönen ­ in seiner Gültigkeit für die Natur geklärt werden kann. Das reine ästhetische Urteil würde beispielsweise voraussetzen, einen Men­ schen nur im Bezug auf das Spiel der Formen zu betrachten, als ein erscheinendes Kunstwerk. Da aber der Mensch als Vernunftwesen so­ wohl als Endzweck der Natur gedacht wird als auch sittlicher Selbst­ zweck ist, wird das ästhetische Urteil über ihn teleologisch bedingt und soll es mit Rücksicht auf die Vernunftbestimmung auch sein. So erklärt sich zugleich, daß die überlegung in der Analytik des Schö­ nen weitgehend in der Spannung von praktischer Freiheit und Zwecken des Begehrens einerseits und Freiheit der Betrachtung und kontemplativer Haltung andererseits die Thematik des Schönen diskutiert. Wenn aber das Schöne der kontemplativen Haltung korrespondiert, so ist das eigentliche Problem seiner Eigenständigkeit nicht die Unab­ hängigkeit vom Begehren, sondern die Abgrenzung gegen die Erkennt­ nis. Zwar rückt Kant der Betonung nach - in der Formulierung der Aufgabe, die den "Schlüssel zur Kritik des Geschmacks" enthält ­ die Frage der Vorgängigkeit des Gefühls der Lust oder der Beurteilung

170

Der Spielbegriff bei Kant

des Gegenstandes in den Mittelpunkt. Wäre die Lust das Gründende, so wäre die Spontaneität aufgehoben, das ästhetische Gefühl abhängig von der Gegebenheit und damit von der Wirkung des Gegenstandes, und der Anspruch auf eine allgemeine Mitteilbarkeit und auf die Ge­ meingültigkeit des Urteils würde zu Unrecht gestellt, da eine allge­ meine Gültigkeit apriorisch begründet sein muß. Die Kantische Be­ weisführung sucht daher zu erklären, daß das Gefühl der Lust sekun­ där ist, das heißt in einem anderen Zustand gründet. Damit erhalten das Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand und der entspre­ chende Zustand "eines Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte" ihre zentrale Stellung 16 In dieser Problemstellung, die in gewisser Weise der schon dargelegten Frage entspricht, ob es sich um "unser Spiel" handelt oder um ein Spiel der Vorstellungen "mit uns", kommt es vordringlich darauf an, die Gegenstandsentsprechung weitgehend außer acht zu lassen, um einsichtig zu machen, wie ein einzelnes sub­ jektives Urteil mit Recht den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit er­ heben kann. Das entscheidende Moment, daß das Schöne ein allge­ meines Gefallen anspricht, ohne daß es im Begriff fundiert ist oder seinen Gegenstand begrifflich bestimmt, wird als eine Folgerung aus der Interessefreiheit der Qualitätsbestimmung und aus dem Unter­ schied des ästhetischen Urteils zum Erkenntnisurteil erklärt, also aus der Distanzierung zu einer Verstandesbestimmung. Da diese Distan­ zierung nichts anderes bedeutet, als daß die Einbildungskraft sich nicht mehr dem Zweck des Erkennens anzupassen hat, könnte die Ein­ stimmung zwischen den Erkenntnisbedingungen dieselbe "Freiheit" meinen, wie sie in der "Kritik der reinen Vernunft" in der in sich sinn­ vollen "Erdichtung" zum Ausdruck kommt, die negative Freiheit von

" Kr. d. U. § 9, S. 217. Der entscheidende Begründungszusammenhang liegt darin, daß es nicht der bestimmte Inhalt der Vorstellungen ist, der den Grund des ästhetischen Urteils ausmacht, sondern das Verhältnis der Bedingungen der Er­ kenntnis, in dem eine gegebene Vorstellung schlechthin auf Erkenntnis bezogen wird, das heißt nicht die "Sache", sondern das "Spiel": »Die Erkenntnißkräfte,

die durch diese Vorstellung ins Spiel gesetzt werden, sind hiebe i in einem freien Spiele, weil kein bestimmter Begriff sie auf eine besondere Erkenntnißregel ein­ schränkt. Also muß der Gemüthszustand in dieser Vorstellung der eines Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte an einer gegebenen Vorstellung zu einem

Dieser Zustand eines fr eie n S pie I s der

Erkenntnißvermögen bei einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben

Erkenntnisse überhaupt sein

wird, muß sich allgemein mittheilen lassen

" (ebd.).

§ 8: Das Spiel und das Schöne

171

der Disziplin des Verstandes oder der Vernunft. Das innere Spiel, in dem die Einbildungskraft den Verstand in Tätigkeit setzt, wäre dann nur deshalb positiv zu beurteilen, weil es nun erlaubt ist aus der Frei­ setzung vom Zweck der Erkenntnis, das heißt von der Bestimmung des Gegenstandes. Damit aber kann die günstige Proportion zur Er­ kenntnis nicht eigentlich verständlich werden. Zwar fordert die Er­ kenntnishaltung ein "Spielen" der Erkenntniskräfte als Vorbedingung, wenn damit die Freiheit der Handlung des Denkens vom Interesse der Neigung und auch vom praktischen Interesse gemeint ist, aber sie for­ dert zugleich die Gerichtetheit auf den Gegenstand der Erkenntnis. Das der Erkenntnis grundlegend adäquate, aber unbestimmte und freie Verhältnis der Erkenntniskräfte muß die Intention auf den Ge­ genstand einbeziehen, wenn Erkenntnis der Data des Gegebenen be­ darf. Die Bedingung der Möglichkeit des ästhetischen Urteils, sofern sie die Gestimmtheit zur Erkenntnis gründet, muß die Relation zwi­ schen Subjektivität und Objektivität oder zwischen Denken, Anschau­ ung und gegebener Vorstellung auch von der Seite des Gegenstandes umfassen. Die Deduktion der Geschmacksurteile - der Aufweis der Bedingung ihrer Möglichkeit - setzt auch unmittelbar mit einer entsprechenden Klärung ein: Das ästhetische Urteil betrifft das Gefallen oder Miß­ fallen an der Form oder Gestalt des Objekts, und als Urteil über das Schöne in der Natur hat es daher seinen Grund in der Zweckmäßig­ keit des Objekts für das innere Spiel. Da das ästhetische Urteil den Gegenstand oder die Wahrnehmung nicht in Relation setzt zu anderen Gegenständen, vielmehr das Gegebene isoliert aus dem Gesamtzusam­ menhang der Erfahrung betrachtet, geht es nicht um das, was die Wahrnehmung "anzeigt", und nicht um die begriffliche Einordnung, sondern das Objekt "zeigt" sich den Bedingungen zur begrifflichen Bestimmung und zur Darstellung "gemäß", und zwar in der Auffas­ sung der Form. In diesem Relationsgefüge sind alle Bedingungen ent­ halten, die für eine Gegenstandserkenntnis prinzipiell notwendig sind

- das Ich-denke als die transzendentale Einheit der Apperzeption,

die Möglichkeit begrifflicher Bestimmung, die Möglichkeit der Auf­

fassung und Darstellung überhaupt und die Zweckmäßigkeit in der Beschaffenheit des Objekts für die Auffassung des Subjekts. Diese Zweckmäßigkeit ist beim Naturschönen eine doppelte. Der Botaniker

des Objekts für die Auffassung des Subjekts. Diese Zweckmäßigkeit ist beim Naturschönen eine doppelte. Der Botaniker

172

Der Spielbegriff bei Kant

betrachtet die Rose so, daß er sie in ein System einordnen kann, die ästhetische Betrachtung geht dagegen über die Relation zwischen "Ob­ jekt" und "Subjekt" nicht hinaus, die empirische Vorstellung muß also für beide Möglichkeiten geeignet sein. Damit entspringt das Rela­ tionsproblem, wie eine solche Entsprechung möglich sein kann, und zu­ gleich das Problem, mit welchem Recht ein individuelles Urteil über ein einzelnes, und zwar empirisches Objekt, ohne einen objektiven Beweisgrund angeben zu können den Anspruch auf Notwendigkeit stellt - das Problem des synthetischen Urteils apriori in bezug auf die Schönheit. Für den Nachweis dieser Möglichkeit stützt sich die "Deduktion der reinen ästhetischen Urteile" in ihrem weiteren Verlauf wesentlich auf die beiden ersten Momente der "Analytik". Das ästhetische Urteil ist keine Gegenstandsbestimmung und nicht abhängig vom Interesse an seiner Existenz, der Sache selbst wird die Schönheit nur im Sinne eines Als-Ob zugesprochen, in Wahrheit wird nur ein Zustand des Subjekts beurteilt, der für alle Menschen grundsätzlich vorausgesetzt werden kann und daher auch jederzeit möglich und mitteilbar ist: das innere Spiel der Erkenntniskräfte in einer besonderen Harmonie, die ideale Proportion für eine mögliche Erkenntnis überhaupt. Die "De­ duktion der reinen ästhetischen Urteile" wiederholt die Argumenta­ tion der "Analytik des Schönen" im Aspekt der zweckfreien Hand­ lung und der absichtslosen Anordnung, ohne das eigentliche Thema der Relation, das "Umspielen" des Objekts, durchzuführen. Von hier aus gesehen scheint auch die unter dem Leitfaden der Kategorien der Relation und der Modalität stehende Erörterung des Schönen in der Analytik eher die Grundlegung aus der Spontaneität und Allgemein­ heit des Wohlgefallens zu ergänzen, als daß sie unter der Kategorie der Gemeinschaft die Wechselbeziehung zwischen "Subjekt" und "Ob­ jekt" und die Möglichkeit eines "Gemeinsinns" verständlich macht. Die Unterscheidung der Form alles Sinnlichen in Spiel und Gestalt scheint nur als "Erläuterung" nötig, und an Stelle der Relation von "Bild" und "Gefolge" scheint das Verhältnis von "Abbild" und "Ur­ bild" das Thema der Kunst zu sein. Die transzendentalphilosophische Aufgabe konzentriert sich, entsprechend dem Vorgang dei beiden vor­ aufgehenden Kritiken, auf die Rechtfertigung des Prinzips aprio­

§ 8: Das Spiel und das Schöne

173

rischer Urteile, auf den ursprünglichen Grund in der Spontaneität des Denkens. Das reine Prinzip des Schönen und der reflektierenden Ur­ teilskraft ist die "Zweckmäßigkeit ohne Zweck", eine "innere Causali­ tät (welche zweckmäßig ist) in Ansehung der Erkenntniß überhaupt"77, das heißt zugleich eine Kausalität, die sich aus sich selbst erneuert. Die Zuwendung zum Gegenstand, das "Weilen" beim Schönen, be­ zeugt aus dieser inneren Kausalität in gleicher Weise die Freiheit vom empirischen Gegenstand der reinen Betrachtung. Die Notwen­ digkeit des Geschmacksurteils ist die einer Aufforderung zur Bei­ stimmung des Andern, sie hat die Form eines Sollensgebotes, nicht die einer Notwendigkeit aus einem Begriff des Verstandes und damit nicht die einer Seinsgesetzlichkeit. Wenn also der Spielbegriff eine Vermitt­ lung einschließt, so ist es die Bedeutung des inneren Spieles als die dy­ namische Verbindung von Einbildungskraft und Verstand in ihrer inneren Kausalität und freien übereinstimmung einerseits und die Freiheit vom Sein der Natur für die Freiheit und Kausalität der prak­ tischen Vernunft andererseits. Die Spontaneität des Spieles ist die Er­ klärung für die Möglichkeit der Erkenntnis, und die Einstimmung mit sich selbst und dem Andern beim Schönen wird zum "Symbol des Sittlich-Guten".

Spiel als Relation der Gunst

Aber das Spiel ist nicht selbst schon Erkenntnis, und das Schöne ist nicht das Gute selbst. Das wesentliche Charakteristikum ist viel­ mehr die Mitteilbarkeit der im "erleichterten Spiele" der Erkenntnis­ bedingungen gegebenen "wechselseitigen Zusammenstimmung"78, und "das Bewußtsein der bloß formalen Zweckmäßigkeit im Spiele der Erkenntnißkräfte des Subjects"79 ist eine Lust an der "bloßen Refle­ xion". Sie setzt nicht eine inhaltliche Identität zwischen dem ästhe­ tischen Gegenstand und der Erkenntnis oder zwischen der Zweckmäßig­ keit und der durch die Vernunft bestimmten Relation aller Zwecke

17

"

"

Kr.

d.

U.

§

12,

S. 222.

"Wir w eil e n bei der Betrachtung des Schönen, weil

diese Betrachtung

Kr.

Kr.

sich selbst stärkt und reproducirt

d.

d. U. § 12, S. 222; s. a. Einleitung VII, S. 189 ff.

U. § 9, S. 219.

" (ebd.).

174

Der Spielbegriff bei Kant

voraus, kein objektives Prinzip des Seins oder Sollens, sondern ein subjektives Prinzip des Gefühls. Der Symbolcharakter des Schönen ist eine "indirekte Darstellung", die dem Schematismus des reinen Ver­ standes in der transzendentalen Bestimmung der Zeit analog ist, aber "mit ihm bloß der Regel dieses Verfahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin bloß der Form der Reflexion, nicht dem Inhalte nach übereinkommt"Bo. Die Bedeutung der Begründung des Spieles und des Schönen aus der Spontaneität des Menschen kann im Hinblick auf das ästhetische Weltbild nicht ausdrücklich genug betont werden, und die Handlung des Denkens ist für alle weitere Erörterung über die Form des Sinnlichen zugrunde zu legenBI. Jeder Versuch, den Symbolcha­ rakter in den Gegenstand selbst zu verlegen, muß letztlich scheitern an diesem Begründungszusammenhang, nach dem Schönheit dem Ge­ genständlichen, sei es der Kunst oder der Naturerscheinungen, zuge­ sprochen wird auf Grund der Objektivierung des inneren Spieles. Auch die durchaus notwendige Unterscheidung zwischen dem reinen ästhe­ tischen Gegenstand und seinem Schema oder Beispiel im Wirklich­ keitsbereich des Gegebenen bietet keinen Ansatz, die Grundlegung aus der Spontaneität des Subjekts zu modifizieren. Daß das freie ästhe­ tische Erleben ein Urteilen "ohne Begriffe" ist, bedeutet nicht, daß es ohne den Actus der Apperzeption geschieht. Es ist ein Urteilen, das sich der Feststellung durch den Begriff enthält, und ein Urteilen "über Formen". In der "Chiffreschrift" der Natur spricht nicht das Sein und Seiende außer uns, die "wahre Auslegung" führt auf die moralische Bestimmung des Menschen und seine innere Einstimmung mit seiner Existenz. Das Problem ist nicht, ob ein Sein an sich selbst sich hier offenbart und zuschickt, sondern wie es möglich ist, daß die Einbil­ dungskraft eine Verwandtschaft mit dem menschlichen Sein assoziiert, das heißt die Qualifikation der Naturobjekte für ein ästhetisches Ur­

Kr. d. U. § 59, S. 351. " Dieser Begriff der Spontaneität setzt selbstverständlich voraus, daß der "Idealis­ mus der Zweckmässigkeit" nicht verwechselt wird mit einem monistischen ontolo­ gischen Idealismus, und die Handlung des Denkens nicht mit dem Vorschreiben eines Schönheitsideals. Das repräsentative Beispiel für das Objekt eines reinen ästhetischen Urteils ist die Blume als die" vage Schönheit", und es is't notwendig, daß zwischen einem reinen ästhetischen Urteil und einem "zum Theil intellectuir­ ten" unterschieden wird. (Vgl. § 58 und § 17, S. 232 f.)

"

§ 8: Das Spiel und ,das Schöne

175

82

teil

Gunst.

Das Problem ist eben daher das Problem der Relation der

Dieser Zusammenhang wird besonders deutlich in der Theorie des Erhabenen. Das Urteil über das Erhabene in der Natur bedarf keiner Deduktion seiner apriorischen Möglichkeit, da Erhabenheit nur dem

seiner apriorischen Möglichkeit, da Erhabenheit nur dem Vernunftwesen zukommt. Das Unvermögen der Einbildungskraft,
seiner apriorischen Möglichkeit, da Erhabenheit nur dem Vernunftwesen zukommt. Das Unvermögen der Einbildungskraft,

Vernunftwesen zukommt. Das Unvermögen der Einbildungskraft, das unbegrenzte Sinnliche in seiner Größe oder die Gewalt des Na­ turgeschehens in einer Synthesis zu erfassen, gilt als indirekte Dar­ stellung der Erhabenheit unserer Vernunft in ihrer sittlichen Kraft. Daher verlangt auch das Urteil über das Erhabene eine Abstraktion von der Bestimmung des Verstandes und eine Distanz Zum Geschehen:

Der Bezug auf die wissenschaftliche Erkenntnis würde die Grenze der Einbildungskraft nicht mehr ZUr Erscheinung bringen; das Begriffene ist nicht über alles Maß und alle Zahl hinaus grenzenlos und gewal­ tig. Es kommt auf das "Sehen", den "Augenschein" an. Und die Bin­ dung an die Wirklichkeit der Gewalt würde die Furcht erzeugen, und damit das Gegenteil der erhabenen Stimmung. Damit die innere Ge­ fährdung durch das Gefühl der Ohnmacht unserer sinnlichen Natur die reflektierende Urteilskraft auf die Unabhängigkeit und Macht un­ serer geistigen Natur führt, müssen wir uns in Sicherheit wissen vor der tatsächlichen Bedrohung unserer äußeren oder inneren Existenz. Wieder ist es die Stimmung des Subjekts, die allgemein mitteil bar ist, nur daß die Phantasie im Bezug des Erhabenen nicht frei und im Ein­ klang mit der Gesetzmäßigkeit des Verstandes ihr eigenes Spiel ent­ faltet, sondern durch sich selbst der Freiheit "beraubt" zum "Instru­

ment der Vernunft" wird -

ein Zusammenspiel gleichsam der Ver­

nunft und der Urteilskraft gegen den Anspruch der Sinnlichkeit, ein Spiel der Vernunft auf dem Instrument der reproduktiven Vorstel­ lungskraft. Der "negativen Lust" entspricht die Vermittlung der sitt­ lichen Bestimmung des Menschen; das Widerspiel zwischen Sinnlich­ keit und Vernunft, an der Grenze des Ernstes, ist die günstige Propor­ tion des Gefühls Zur Idee der Freiheit 83 • Diese Relation aber im Ge­

Vgl. Kr. d. U. § 42 "Vom inteIIectuellen Interesse am Schönen". Für dieses un­ mittelbare Interesse am Dasein des Schönen, das allein der Naturschönheit zu­ kommt, liegt ein bestimmter, Anschauung und Reflexion begleitender Gedanke zugrunde: "dass die Natur jene Schönheit hervorgebracht hat" (S. 299).

zum Spielbegriff

besonders S. 245 das Problem VOn Spiel und ' Ernst, S. 258 die Harmonie durch

83 Vgl. die "Analytik des Erhabenen", Kr. d. U. § 23 _ § 29,

176

Der Spielbegriff bei Kant

genstand anzunehmen und über "alle Gränze der Sinnlichkeit hinaus

zu wollen"s4, wäre ein uneigentlicher Wortgebrauch

etwas sehen

und der Sache nach "Schwärmerei", da die Idee der Freiheit keiner Darstellung fähig ist und in keinem Beispiel erkannt wird. Anderer­ seits kann die Relation als solche nicht allein im Subjekt gesucht wer­ den, wenn es der Anblick der Natur ist, der das Gemüt bewegt. In diesem Ausgang vom Subjekt entwickelt sich die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" konsequent als Theorie der Spontaneität des Spieles und zugleich im Aspekt der Gunst. In Analogie zur bestim­ menden Funktion des Verstandes ist das reine ästhetische Urteil im Hinblick auf das Gefühl konstitutiv, und wie der Verstand dem Spiel der Veränderungen in der Natur, so schreibt das Genie - auch hier

nicht das "Ich" - der Kunst die Regel vor. Liegt der Einheitsfunktion des Ich-denke in der Erkenntnis das sinnliche "Spiel der Eindrücke"

zugrunde, so dem Geist in "ästhetischer Bedeutung" - als "das bele­ bende Princip im Gemüthe" - ein "Stoff" der Natur, der die Seele "zweckmäßig in Schwung versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches sich von selbst erhält und selbst die Kräfte dazu stärkt"85; beides Ver­ anlassung, nicht Ursprung der reinen Bewegung. Die Spontaneität des Genies besteht darin, "das schnell vorübergehende Spiel der Einbil­ dungskraft aufzufassen", mit einem "originalen" Begriff, der "zu­ gleich eine neue Regel eröffnet", zu verbinden und die ganze Fülle des Mitgemeinten und Mitschwingenden "ohne Zwang der Regeln" im Kunstwerk mitzuteilen s6 . Die Kunst ist "Sprache"; Geist ist das Ver­

mögen ästhetischer Ideen; und

das Genie ist die Originalität eines Sub­

jekts, in der freien Verfügung über die Bedingungen der Gestaltung den immanenten Sinn des Werkes, die Darstellung der Idee, so zu verwirklichen, daß diese "ungesuchte, unabsichtliche subjective Zweck­

den Kontrast, für den Bezug auf die "Unform" Einleitung VII, S. 192 . Das Erhabene selbst ist kein" Widerspiel" zum Schönen, sondern das "Gegengewicht" (vgl. Anthropologie § 68). Kr. d. U. § 29, S. 275 (insgesamt gesperrt, "sehen" hervorgehoben).

" Kr . d. U. § 49, S. 313. Die Refl. 817, WW XV, erläutert das belebende Prinzip des Gemüts dahin, daß es "dessen Thätigkeiten in ein freyes Spiel versetzt", wobei die Urteilskraft die Idee bestimmt und die erscheinende Gestalt der Idee nicht wider­

streiten darf. "Die Urcheilskraft bindet also und schränkt das Spiel der Sinnlich­ keit ein, aber sie giebt ihm erst wahre Einheit und verstärkt dadurch den Ein­ "

" Kr. d. U. § 49, S. 317.

druck

§ 8: Das Spiel und das Schöne

177

mäßigkeit" nur als eine Naturgabe erklärt werden kann 87. Entspre­ chend ist das einzelne ästhetische Urteil zurückzuführen auf eine sub­ jektive allgemeine und notwendige Regel, die Einstimmung zwischen dem Gegebenen der Sinnlichkeit und den Bestimmungsfunktionen des Denkens zu erfassen in Analogie zu dem obersten Grundsatz des rei­ nen Verstandes, so daß die Bedingung der Möglichkeit des ästhetischen Urteils - das Spiel - zugleich Bedingung der Möglichkeit des ästhe­ tischen Gegenstandes ist. In diesem Zusammenhang aber muß sich die Frage stellen, ob Kants Theorie der Kunst ursprünglich vom Schaffen des Künstlers oder vom Sein des Kunstwerkes ausgeht. Im Rückgriff auf die Interpretationsthesen für die Handlung, die Form des Sinn­ lich-Gegebenen, die Koordination des Mannigfaltigen und die Anord­ nung in der Erscheinung ist die Kantische Asthetik zunächst als Analyse des Werkes zu verstehen. Der Geist muß frei sein, aber die Handlung des Künstlers ist keineswegs Spiel; sie impliziert die Intention auf das Werk, eine eindeutige Richtungsbestimmtheit der Tätigkeit wie bei der Arbeit, die nicht um ihrer selbst willen geschieht, aber in der Kunst auch nicht um des "Lohnes" willen, sondern im An­ spruch des Kunstwerkes als bleibenden ästhetischen Selbstzwecks. Die erstr~.bte Form ist die Gestaltung des Themas, die Vermittlung des Spieles in der Gestalt, des Gefolges im Bild, der Mannigfaltigkeit auch in der strengsten Gefügtheit, der Idee des Denkens in der Sprache der Kunst. "Die Regel muß von der That, d. i. vom Product, abstrahirt werden. "88 Nicht das Vorgehen des Künstlers, das in seiner Technik lehrbar und der Nachahmung fähig ist, liegt der Nachfolge des an­ deren Genies zugrunde, sondern das exemplarische Verständnis des Werkes als die Verweisung, "aus denselben Quellen zu schöpfen"s9. Das Kunstwerk als solches muß daher die Verweisung auf die "Quel­ len" der Kunst enthalten, auf den Ursprung im Spiel der Vermögen, auf das Verständnis der Form, die Beziehung zum Stoff, die Art der Anordnung und die Angemessenheit des Ausdrucks zur ästhetischen Idee.

Das aber bedeutet, daß nun die Bedingung der Möglichkeit des

eine

Künstlers selbst wie ein besonderes Werk verstanden wird _

"

Ebd.

Kr.

d.

S.

317 f. U. § 47, S.309. § 32, S. 283.

Kr. d. U.

12 Jf('id~'mann, Dc,'r Dc,'grilf ,let Spielt"

178

Der Spielbegriff bei Kant

Gabe der Natur. Die grundlegende Erklärung des Schönen aus der Spontaneität im Spiel zwischen der Einheitsfunktion des Denkens und der Vielheit des Erfahrenen, das die Einbildungskraft "herbei ruft", und die Analyse des Erhabenen schließen jedoch aus, den Ursprung des Werkes aus der Ungeschiedenheit des Sinnlichen und des Intelligi­ blen zu denken, als eine Art glücklichen Zufalls, oder als Ausdruck der ursprünglichen Einheit des Seins oder analog dem ersten Spielen des Kindes. Das Verhältnis von Kunstwerk und Künstler muß daher wie­ der zurückgeführt werden auf die Existenz des Menschen. Anders wäre entweder die Spontaneität des Spieles nur eine uneigentliche Be­ schreibung für die Rezeptivität des sinnlichen Wesens, und die ästhe­ tischen Ideen wären eine Rezeption aus der Erfahrung und damit be­ grifflich bestimmbar, oder die in der "Kritik der reinen Vernunft" überwundene unkritische Metaphysik begänne von neuem ihr Hin und Her zwischen Mechanismus und Mystizismus. Die Ansicht, daß in der Relation des Schönen die Kunst wie Natur, die Natur aber wie Kunst scheint, würde dann die Nachahmung eines Urbildes und das Nach­ schaffen im Erleben meinen, statt der Kantischen Einsicht, daß ein Kunstwerk wie "unabsichtlich" scheinen muss und das Schöne in der Natur wie die "Absicht", sich dem Menschen mitzuteilen in der Spra­ che ihrer Formen, und statt der Nachfolge aus dem Ursprung allen Geschehens. Die Kantische Theorie des Schönen setzt daher mit Recht dort ein, wo die Subjektivität des Menschen und die Objektivität des Werkes im Spiel sind, ohne die geniale Handlung des Hervorbringens oder die geschlossene Einheit eines immer schon seienden Objekts zugrunde zu legen: bei der Relation zwischen Subjekt und Objekt im ästheti­ schen Urteil. Nur so kann sie auch unbefangen das alltägliche Spiel, etwa beim Anblick des Kaminfeuers, die Gartenkunst und den Zierrat in die Diskussion einbeziehen. Es ist Sache der "Kritik des Geschmacks" als "Kunst", an Beispielen die wirklichen Kriterien der Schönheit dar­ zulegen - es ist Sache der Philosophie, die allgemeinen und notwen­ digen Bedingungen der Möglichkeit des ästhetischen Urteils zu unter­ suchen. Das einzelne ästhetische Urteil, das dieser Analytik der "Kri­ tik der ästhetischen Urteilskraft" zugrunde liegt, erhebt nicht den Anspruch des besonderen Kenners und Interpreten; es ist jedes Urteil, das besagt, daß etwas schön sei, und damit Kultur zum Ausdruck

179

bringt. Das einzelne Urteil versteht sich als Beispiel eines allgemein­ menschlichen Urteils, das eben daher von "exemplarischer Gültigkeit" sein kann, weil es zugleich die Humanitas als solche betriff!:. Die Not­ wendigkeit, die das ästhetische Urteil in seiner Erwartung der Zustim­ mung des andern begleitet, ist "eine Nothwendigkeit der Beistimmung aller zu einem Urtheil, was als Beispiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird"90. Das reine ästhetische Urteil steht daher für diese Regel selbst, für die Reinheit des Interes­ ses, das Allgemeine der Sinnlichkeit, die Gesetzlichkeit ohne den Zwang des Gesetzes und die notwendige Einstimmung im reinen Ge­ fallen. Es kennzeichnet die bloße Möglichkeit der Bestimmung in der Intention auf das Sein und das Werden, das bloße Begehren und Han­ deinkönnen als das Leben selbst in der "Zusammenstimmung" mit der Idee des Menschen, die Spannung des reinen Gefühls zu allem Ge­ gebenen und Mitseienden überhaupt - noch ohne Ziel, ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Verlangen nach einer Feststellung in einer Gestalt, nach dem Verstehen der Wahrnehmung durch die Allgemeinheit des Begriffs, nach dem Zugriff des Wollens. Das reine ästhetische Urteil, das in keine "Formel" gefaßt werden kann, beurteilt die reine Schön­ heit als das Spiel aller Beziehungen, die Intentionalität als solche im Einklang mit der Spontaneität der Reflexion. Die ästhetische Idee, der kein Begriff adäquat ist, die "keine Sprache völlig erreicht und ver­ ständlich machen kann", die das Unbestimmt-Bestimmte einer an­ schaulichen Ordnung ist und "viel zu denken veranlaßt"91, in ihrer Allgemeinheit und Reinheit gedacht, müßte das reine Spiel sein. Dann wäre das reine Reflexionsurteil über das Schöne die Setzung der ur­ sprünglichen Beziehung zwischen der Spontaneität des Denkens und dem Spiel der Sinnlichkeit.

§ 8: Das Spiel und das Schöne

Der Begriff des Schönen hat kein Gebiet in der Wirklichkeit des Daseins wie der Naturbegriff und der Freiheitsbegriff. Die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft", als der übergang zwischen der Bestimmung des Sinnlichen und der Bestimmung der Vernunft, verfolgt ein prak­

Kr. d. U. § 18, S. 237 (Original: ~wie Beispiel").

J~')

" Kr. d. U. § 49, S. 314. ~Mit einem Worte, die ästhetische Idee ist eine einem gegebenen Begriffe beigesellte Vorstellung der Einbildungskraft, welche mit einer

verbunden ist, daß für sie

Begriff bezeichnet, gefunden werden

solchen Mannigfaltigkeit der Theilvorstellungen

kein

Ausdruck, der einen

bestimmten

kann

" (5. 316).

180

Der Spielbegriff bei Kant

tisches Interesse in der Vorbereitung der "Kritik der teleologischen

der dritten Kritik zwar in. den

Bereich der theoretischen Philosophie, aber zugleich im Aspekt der Aufgaben der praktischen Vernunft. Die Ausarbeitung der Theorie des reinen ästhetischen Urteils tritt zurück vor dem Problem der Be­ ziehung zwischen reinem ästhetischen Wohlgefallen und dem Zweck der Vernunft. Die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" geht daher wesentlich vom Allgemeinen des inhaltlichen Gehaltes aus, von der praktischen Fragestellung, was die.Kunst beiträgt zur Erkenntnis und zur sittlichen Kultur, und vielleicht kann sie auch nur so den Anteil der theoretischen Reflexion und der praktischen Vernunft am Schönen entdecken. Sie bestimmt insofern ihre Fragestellung von den beiden anderen Kritiken aus - von einem Naturbegriff, der notwendig fest­ legt, was "ist", und von einem Freiheitsbegriff, der mit der Notwen­ digkeit eines zeitlosen Gebotes bestimmt, was sein "soll". In diesem Zusammenhang handelt die Kritik des Geschmacks von dem, was sein

"kann" und sein "darf". Sie begreift das Schöne in jener Allgemein­ heit, die im Verhältnis von Subjekt und Objekt immer zugleich das Verhältnis vonMensch und Welt mitdenkt: als Gunst, als Sprache und aus dem Wesen und der Existenz des Menschen. Die zugrunde gelegte Formalisierung des Spielbegriffs bleibt daher aus oder unberücksich­ tigt, und die bevorzugte Einteilung der Künste folgt dem Entschei­ dungskriterium für das denkende Wesen. Das Spiel ist die Handlung, die ohne Zwang und ohne die Setzung realer Zwecke um ihrer selbst willen geschieht. Wenn diese Handlung den Gegenstand einbezieht, so muß das Verhältnis von Subjekt und Objekt sich darstellen als Wechselbeziehung der Gunst zwischen dem Menschen und der Natur. "Denn Gunst ist das einzige freie Wohlge­ fallen. "92 Im Spiel der Einbildungskraft bei den Erscheinungen der Natur ist es Gunst, "womit wir die Natur aufnehmen, nicht Gunst, die sie uns erzeigt"93. Das Spiel gründet im Menschen, anders könnte es nicht Handlung genannt werden. In der teleologischen Betrachtung der Natur klärt sich jedoch, daß wir das Schöne auch als Gunst der Natur auffassen müssen, als ob sie für den Menschen "ihre herrliche

Urteilskraft". So gehört die Reflexion

 

Kr.

d.

U.

§ 5, S.210.

n

Kr.

d.

U.

§ 58, S.350.

r

--

§ 8: Das Spiel und das Schöne

181

Bühne aufgeschlagen und ausgeschmückt habe"94. Diese wechselseitige Gunst ist keine bloße Metapher; sie ist eine Umschreibung für die Re­ lation zwischen dem Subjekt des ästhetischen Gefallens und dem ästhe­ tischen Gegenstand. Schönheit der Natur ist nicht nur ein Spiel auf seiten des Subjekts. Sie ist die "Zusammenstimmung" zwischen dem freien Spiel in uns und der Erscheinung in der Natur. Entsprechend ist die ästhetische Relation in der Kunst eine dreifache: die besondere "Proportion" zwischen Einbildungskraft und Verstand, die Propor­ tion der Formen im Kunstwerk und die Relation zwischen den rela­ tionalen Relaten. Erst auf Grund dieser Relation kann verständlich werden, daß der Musik und der "ästhetischen Malerei" ein "Spiel der Empfindungen" zugrunde liegt und doch vom Reiz der Empfindung im reinen ästhetischen Urteil zu abstrahieren ist. Ihr entspricht auch das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität für die Spiele im engeren Sinne in ihrer Wirkung auf das Lebensgefühl: die Wechsel­ wirkung zwischen Leiblichem und Seelischem, die im "Tonspiel" im Leiblichen beginnt und beim "Spiel der Gedanken" von der Vorstel­

lung Zur körperlichen Emotion geht und wieder zurück _

das reine Vergnügen und Wohlbefinden, der reine Genuß der phy­ sischen Existenz.

idealiter

Nach der Entfaltung der relationalen Bezüge kann die Bestim­ mung wieder zurückgenommen werden in das Subjekt der ästhetischen Relation, in dem die Form der Erscheinung ihren ursprünglichen Grund

Kr. d. U. § 67, S. 3.80. Der Unterschied liegt in der Beachtung oder Nichtbeach­ tung der Zwecke, argumentiert Kant in der Anmerkung. Aber diese Argumenta­ tion ist bestimmt von der "Idee eines großen Systems der Zwecke der Natur", für die Erklärung des ästhetischen Urteils genügt die Akzentuierung der "Zusammenstimmung" der Natur "mit dem freien Spiele unserer Erkenntniß­ vermögen in der Auffassung und Beurtheilung ihrer Erscheinung" (ebd.). "Zum Schönen in der Natur müssen wir einen Grund außer uns suchen" (S. 246); aber wir müssen ihn nicht bestimmen, um die Möglichkeit des ästhetischen Urteils zu verstehen, wenn das Prinzip des Spieles, die "Zusammenstimmung", zugrunde gelegt wird. Wenn auch die Einbildungskraft "bei der Auffassung eines gegebenen Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses Objects gebunden ist und sofern kein freies Spiel (wie im Dichten) hat-, so könnte diese Form doch die Einheit eines Mannigfaltigen sein, "wie sie die Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei überlassen wäre, in Einstimmung mit der Ver s t a n des g e set z _

m ä ß i g k e i t

Prinzip

Zwecksetzung wäre.

überhaupt

entwerfen

auch

wUrde-

22,

S. 240 f.)

_

also

dem

wenn

der

Ursprung

dieser

Form

eine

des

Spiels

entsprechen,

182

Der Spielbegriff bei Kant

hat. Das Spiel zwischen den Sinnen und der Spontaneität des Den­

kens wird zum Spiel der Seele -

der Gedanken, zum Spiel mit ästhetischen Ideen, zum Spiel mit dem Schein und zum Ausdruck der Ideen inden bildenden Künsten und in der Sprache der Dichtung. Es mag merkwürdig scheinen, daß Kant das "Glücksspiel" in der "Anmerkung" zur Deduktion des ästhetischen Urteils nicht weiter behandelt, wenn doch der Begriff der Gunst die Relationen zusammenfaßt und wenn das "Glücksspiel" beschrieben wird als das eigentliche Spiel des emotionalen Lebens, der Motion der Affekte und Leidenschaften. Das "Glücksspiel" ist "kein schönes Spiel"95. Diese Feststellung ist keine ethische Wertung; der Ausdruck "Glücksspiel" umfaßt den ganzen Umkreis der Spiele im engeren Sinne, sofern sie nicht der Musik und der Dichtung unmittelbar ver­ wandt sind _ die Regelspiele, den Wettstreit, jede Art von Spielen, die kein Spiel mit ästhetischen Ideen sind und bei denen das Wider­ spiel von Furcht und Hoffnung an ein Interesse gebunden ist. Die im Zusammenhang von "Spiel und Erfahrung" dargelegten Aussagen Kants haben wohl zeigen können, daß die Bedeutung der Spiele für den Lebenswert der Gesundheit, für die Einordnung in die Gemein­ schaft und auch für die Gefährdung der Seele keine beiläufige Fest­ stellung ist. Diese Bedeutung entspricht nicht nur der belebenden Wir­ kung des Schönen, dem möglichen Mißbrauch des Spiels in der Rhe­ torik oder im Scherz, der zum Ernst wird, sie kennzeichnet auch die Relation von Spiel und Zweck. Geht man von der Einteilung der Künste aus _ "redende" Künste, bildende Künste und die Kunst des schönen Spiels der Empfindungen -, so steht das "Glücksspiel" in Korrespondenz zu dem weiten Bereich der bildenden Künste, die der Idee Ausdruck geben in der Gestalt und für die daher das besondere Problem der übereinstimmung mit der "Normalidee"96 und den tech­ nischen Zwecken entspringt. Die Korrespondenz von bildender Kunst und "Glücksspiel" verweist auf die Beziehung von Gestalt und Zahl, die Feststellung im Figürlichen und im Maß, die in der ästhetischen Schau aufgelöst wird in Bewegung, in das "Transitorische" der Musik,

zum Spiel der Bilder, der Gefühle,

"

Kr. d. U. § 54, S. 332 .

Vgl.

erklärt Kant durch einen »dynamischen Effekt", der dem übereinanderkopieren

von Bildern analog ist, aber auch errechnet werden kann.

Kr. d. U. § 17, S. 233 ff. Dieses »schwebende Bild für die ganze Gattung"

ff. Dieses »schwebende Bild für die ganze Gattung" § 8: D.:ts Spiel und das Schöne 183

§ 8: D.:ts Spiel und das Schöne

183

aber von bleibendem Eindruck ist, und auf die Bedeutung des Maxi­ mums für das Messen der Kräfte. Das "Glücksspiel" ordnet sich der Problematik des Erhabenen zu, nicht der Einstimmung des Schönen.

Geht man vom Wert des Lebens, vom Spiel der Neigungen, vom An­ teil der technisch-praktischen Vernunft aus, so läßt sich aus der Theo­ rie des Erhabenen, gleichsam in der Umkehr entsprechend, eine ästhe­ tische Theorie des Lebendigen ableiten. Die Lust an der Gefährdung im Kampfspiel ist Verweisung auf das leib-seelische Dasein und seinen Eigenwert. Sie charakterisiert das "starke Spiel", nicht das Schwingen der "schönen Seele", sondern den Mut der "edlen", die Bewunderung und Enthusiasmus weckt und die Beherrschung in der sinnlichen Exi­

stenz zum Ausdruck

bringt 97 . Wie die Einbildungskraft im Erhabe­

nen zum Instrument der Vernunft wird, so tritt hier die Spannung zur Vernunft in der Pflicht des Menschen gegen sich selbst auf, die beim Glücksspiel im engeren Wortgebrauch sinnfällig wird: daß der Mensch sich seiner Würde, "der inneren Freiheit, nicht beraube und dadurch zum Spiel bloßer Neigungen, also zur Same, mache"98. Das Glück ist ein "schwankender Begriff"99, und das Sinnlich-Praktische bedarf eines Grundsatzes. Er lässt sich für den Spielraum der Pflicht und für die Gunst des freien Gefallens an den Spielen des Lebens zu­ sammenfassen: "nicht Einer Neigung zu Gefallen die übrigen alle in Smatten oder in den Winkel zu stellen, sondern darauf zu sehen, daß jene mit der Summe aller Neigungen zusammen bestehen könne."100

Im Ausgang von der Handlung könnte das" Glücksspiel" das reprä­ sentative Beispiel sein für die ästhetische Thematik der Freiheit im Leben, und zwar nicht für die willkürliche Bindung an die Regeln eines gegebenen Spiels, sondern in der Relation des Geschmacks und der Gunst. "Geschmack ist das Vermögen der ästhetischen U rtheils­ kraft, allgemeingültig zu wählen."101 Aber das Verhältnis von Spiel und Vernunft beim Schönen, Edlen und Angenehmen ist nicht nur ein übergang vom Besonderen des Gefühls zum Allgemeinen. Im Aspekt

" Vgl. über das »Spiel der Affekte" im Zusammenhang des Erhabenen § 29 der

Kr. d . U., »Allgemeine Anmerkung

Metaphysik der Sitten, S. 420. VgI. a . WW VIII, S. 14: »ein Spiel seiner Instincte

und Neigungen sein" .

Kr. d. U.

"

", S. 272 ff. (»schöne Seele": S.300).

§ 83, S.430.

'00 Anthropologie § 81, S. 266.

10'

Ebd.

§ 67,

S. 241.

184

Der Spielbegriff bei Kant

der Gunst müßte die Thematik von Spiel und Leben weitergeführt werden: Das Verhältnis zwischen der noumenalen Bestimmung des Menschen und dem Leben der Seele ist eine Gunst, die nicht nur die Freiheit dem Leben erweist, sie ist auch eine Gunst des Lebens für die Wirkung der Freiheit. Weil das Spiel der Neigungen im Streben nach Glück sich entfaltet als ein Widerspiel im Bereich des Sinnlichen, im Leben des einzelnen und im Widerstreit der Wirkungen der Freiheit im großen, kann die Freiheit von praktischer Wirkung sein. Die ein­ seitige Richtung der Kausalität stünde der Bestimmung der Vernunft entgegen wie eine einzige Kraft. Das Spiel der Impulse und Motive des sinnlichen Daseins bindet dagegen ihre reale Kausalität im Zu­ sammen der antagonistischen Richtungen und Absichten und eröffnet der Kausalität aus Freiheit einen Raum von seiten der sinnlichen Wirk­ lichkeit 102

Spiel als Darstellung und Erweiterung des Begriffs

Die Form der Gegenstände der Sinne ist entweder Gestalt oder Spiel. Die entsprechenden "Reflexionen zur Anthropologie" setzen dieses Verhältnis in Beziehung zum Sehen und Hören und in Analogie zu dem Verhältnis von Sehen und Raum, Hören und Zeit, Begriff von "Sachen" und Begriff vom "Spiel". Kunst ist Ausdruck ästhetischer Ideen, Darstellung des "Unnennbaren". Das ästhetische Erleben ist kein Sehen von etwas, es setzt keine Transparenz des Kunstwerkes für das Erscheinen eines Urbildes voraus, es vermittelt keinen Begriff von einer bestimmten Sache. Die Art des Anschauens ist eher einem Ab­ sehen von aller Bestimmtheit des Gegenständlichen und der Gestalt vergleichbar, einem Hinhören auf die Proportion der Töne und Far­

'" Dieses Problem läßt sich, wie alle ethischen Fragen, nicht mehr angemessen er­ örtern, ohne die Thematik des Spielbegriffs zu verlassen. Es mag jedoch hinge­ wiesen werden auf eine relevante Formulierung in der Schrift Ober den Gemein­ spruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (1793),

WW VIII, S.312: »Denn eben die Entgegenwirkung der Neigungen, aus welchen das Böse entspringt, unter einander verschafft der Vernunft ein freies. Spiel, sie insgesammt zu unterjochen und statt des Bösen, was sich selbst zerstört, das Gute, welches, wenn es einmal da ist, sich fernerhin von selbst erhält, herr­ schend zu machen."

§ 8: Das Spiel und das Schöne

185

ben, auf den Rhythmus, auf den "inneren Sinn". Die Form der ästhe­ tischen Erscheinung ist das Zugleichsein des Verschiedenen in der zeit­ lichen Ganzheit des Spieles. Die Relation zum raumzeitlichen Gegen­ stand wird in der spielenden Einbildungskraft aufgenommen als Bewegung in der Gestalt, als das Innere im Außeren _ das Spiel der Anschauungen im "Durchlaufen" der äußeren Form, das Spiel der Gestalten im Raum, das Spiel der Mimik, der Tanz. Die ästhetische Form ist die Relation in der Zeit, nicht das statische Nebeneinander des Ausgedehnten. Sie ist charakterisiert als das dynamische Moment auch in der Ruhe der ästhetischen Kontemplation, die Wiederholung der Zeichnung im Akt des Sehens, die rhythmische Gliederung in der Erscheinung und die Spannung des unaufhebbaren Kontrastes zwi­ schen Anschauung und Synthesis beim Erhabenen im Anblick der Na­ tur. Das repräsentative Spiel, unter dem die Künste zusammengefaßt werden könnten wie unter einem Prinzip, müßte danach das "Spiel der Empfindungen" sein als das eigentliche Spiel "in der Zeit". Aber damit wären der Ausdruck der ästhetischen Idee in der Kunst über­ haupt, das Prinzip der Mitteilung auch in der bildenen Kunst, die Re­ lation der Empfindung zum Denken nicht eindeutig genug aufgenom­ men. Wenn sich aus der Alternative von Gestalt und Spiel für die Form aller Gegenstände der Sinne die Folgerung ergibt, daß alle Kunst "Spiel" ist im Aspekt des Verstehens, so muß das gesuchte Prinzip der Einteilung der Gattungen der mannigfaltigen Bedeutung im einzel­ nen Kunstwerk entsprechen, der Verflochtenheit aller Relationen, auch der Gestalt des hinweisenden Zeichens gerecht werden und den Sinn des "Gefallens ohne Begriff" dort aufzeigen, wo der Begriff in Frage steht. Dem Primat des Denkens vor der Einbildungskraft und der Ver­ weisung auf das Nicht-Sinnliche im Sinnlichen folgend, bevorzugt Kant eine Einteilung der Künste nach der Art der vollkommenen Mit­ teilung im Ausdruck eines Sprechenden, die den Begriff und die Emp­ findung vereint. Sie ist nicht die einzige mögliche Ordnung der Künste, und Kant betont, daß die Gliederung unter dem Prinzip der Sprache nicht als systematische Theorie gelten solle 103 • Aber sie kann wohl als die grundlegende gelten im Zusammenhang der ästhetischen Idee, und

""

Vgl. Kr. d.

U.

§ 51, S. 320 ff .

186

sie setzt die größte Kluft zwischen der Kunst und den Spielen im en­

geren Sinne. Sprache ist Artikulation, Gestikulation und Modulation -

Einheit von Wort, Gebärde und Ton im Ganzen der Rede 104 Wenn Kant "diesmal" den Ausdruck als Prinzip der Einteilung wählt, so nicht als Ausdruck eines seelischen Zustands, sondern als Ausdruck des Denkens, das sich in den Worten, dem Beziehungsspiel des Satzes und der Betonung mitteilt. Eine zweite Einteilung, die jedoch nach Kant "zu abstrakt" ist, macht die Relation zum Begriff deutlicher: Die re­ dende Kunst gibt den Gedanken Ausdruck; die bildende Kunst und die Musik bzw. die Farbenkunst können zusammengefaßt werden als Ausdruck der Anschauungen, entweder der Form oder der Empfindung nach. Da die Bedingungen einer Erkenntnis die Funktion des reinen

Der Spielbegriff bei Kant

die

Begriffs, die Bestimmbarkeit der Anschauung und die Gegebenheit der Empfindung sind, muß die Dichtung, sofern sie Begriff, Anschauung und Empfindung vereint, die höchste Kunst sein. Die damit entspringende Problematik ist jedoch nicht die einer Wertung der Bedeutung der Kunstgattungen für die Erkenntnis, sondern das Problem der mög­ lichen Gültigkeit des Ausdrucksprinzips überhaupt. Für die Plastik, die Baukunst, die darstellende Malerei und alle ästhetische Gestaltung oder Anordnung der Dinge kann gelten, daß es nicht so sehr auf die Vermittlung durch die Sinnesempfindung wie auf die Form der Erscheinung ankommt. Das Beziehungsgefüge der Gegen­ stände des Schönen kann nun nach der "Kritik der ästhetischen Ur­ teilskraft" verstanden werden in Analogie zum mimischen Ausdruck, das heißt für die bildende Kunst als räumliche Darstellung dessen, "was und wie" der Künstler gedacht hatlOS, ohne daß dieses Was und Wie begrifflich erfaßt würde. Die Relation selbst - als Form der Er­ scheinung - wird jedoch deutlicher, wenn man von der anthropolo­ gischen Bedeutung der Sinne ausgeht 106 Der Gesichtssinn ist der "edelste" Sinn, da er die Empfindung als solche nicht bewußt macht, vielmehr nahezu eine reine Anschauung gibt: Sehen als Gegebenheit eines unerreichbaren Punktes im All; als die Vermittlung der Ferne durch das Licht, das - wie es in der "Kritik der reinen Vernunft"

Ebd. S. 320.

m Ebd. S. 324.

!o' Vgl. Anthropologie § 15-§ 25.

m Ebd. S. 324. !o' Vgl. Anthropologie § 15-§ 25. § 8: Das Spiel und das

§ 8: Das Spiel und das Schöne

187

heißt - "zwischen unserm Auge und den Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft zwischen uns und diesen bewirken" kann 107 ; als die Mitteilung der Weite des Raumes in der Einheit und Begren­ zung einer Anschauung. Nicht die Erfahrung der Körper, sondern die "Zeichnung", die spielende, von der Unmittelbarkeit einer Empfin­ dung abgelöste Anschauung begründet den allgemeinen Geltungsan­ spruch des einzelnen ästhetischen Urteils über das Angeschaute. Die "Sinnenwahrheit" darf daher in der Malerei nicht zu deutlich werden, wie übrigens umgekehrt die Dichtung die Richtigkeit der Sprache und das Metrisch-Rhythmische zu beachten hat, um überhaupt und dem Verstande angemessen einen "Körper" für die Idee zu haben. Sofern Sehen ein Anschauen in der Reinheit der Form ist, kann die bildende Kunst daher als Ausdruck von Ideen in der Form des Raumes gelten, und sie kann darüber hinaus in ihrer apriorischen Begründung verstan­ den werden als ein Spiel zwischen der Anschauung und der Abstrak­ tionsfähigkeit des Denkens. Sofern der Gesichtssinn jedoch die Farb­ empfindung vermittelt, entsteht das gleiche Problem wie für die Mu­ sik, das Problem, wieweit diese im eigentlichen Verständnis sinnliche Gegebenheit noch unter das Prinzip einer ästhetischen Idee gebracht werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist zunächst zu erinnern, daß die Frage nach den Bedingungen des reinen ästhetischen Urteils nicht nur von der Zweckvorstellung und der Normalidee absieht, sondern auch von der ästhetischen Qualität des Spiels im Bereich des Angenehmen. So müßte beispielsweise für das einzelne, ja immer empirische Urteil der" Vitalsinn" berücksichtigt werden, etwa Glätte und Rauheit oder die leiblichen Charakteristika von Furcht und Hoffnung. Sie erlauben jedoch keine Rechtfertigung des Anspruches auf Zustimmung aller, da die Empfänglichkeit für den Eindruck der Sinne und die inhaltliche Bewertung für das Angenehme nicht allgemein vergleichbar sind. Eine Ausnahme bildet vielleicht die Tast- bzw. die Druckempfindung, die unerläßliche Bedingung für die Bildung des Begriffs von einer körper­ lichen Gestalt. Aber eben die Qualität der Druckempfindung darf nicht in der Relation des ästhetischen Urteils intendiert sein; sie würde die Substanzialität eines außer uns Seienden ankündigen und die spie­

'"

Kr. d.

r. V.

B 260 /

A 213.

188

Der Spielbegriff bei Kant

lende Bewegung zwischen Einbildungskraft und Verstand, durch die Unmittelbarkeit der Wirklichkeitserfahrung in einem Beharrenden, hemmen. Die Kantische Rechtfertigung der Tonkunst und der Farben­ kunst geht daher zurück auf das Formale im Sinneseindruck, das heißt, sofern das Materiale der Empfindung nicht als fixierender Reiz wirkt oder durch die Beziehung auf die Druckempfindung ein Gegenständ­ liches lokalisiert, sondern in sich selbst Proportion und Komparation umfassen könnte. Da die Proportion in der Musik jedoch auf mathe­ matisch bestimmbare Verhältnisse führt, deren Bedeutung im Zusam­ menhang der Koordination zu erörtern ist, könnte die Rechtfertigung der Musik als schöne Kunst in Widerspruch geraten zu der Bestim­ mung, daß es sich um den Ausdruck ästhetischer Ideen handelt. Ande­ rerseits kann die Bedeutung der ästhetischen Idee nicht damit zurei­ chend erläutert werden, daß gleichsam im Werk zu erraten ist, was die individuelle Person des Künstlers gedacht habe. Es ist vielmehr zu fra­ gen, wie die ästhetische Idee tatsächlich im Werk selbst zu ihrer Dar­ stellung kommt. Die ästhetische Idee ist nicht die Vernunftidee, und sie ist nicht ein Urbild außerhalb unseres Denkens. Besonders für den Begriff der Idee betont Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" die Unzulänglichkeit neuer Wortbildungen in der Philosophie, wenn auf eine bereits vor­ liegende Terminologie zurückgegangen werden kann, aber auch die da­ mit verbundene Verlegenheit einer genauen Abgrenzung 108 Das Wort "Idee" meint die platonische Idee, sofern von allen Hypostasierungen abgesehen und die "hohe Sprache" Platons begrifflich ausgelegt wird. In diesem Zusammenhang findet sich auch die später bei Schleiermacher und Dilthey als Interpretationsprinzip auftretende Forderung, den Autor besser zu verstehen, als er sich selbst verstand; das heißt nach

Kant, durch" Vergleichung

der Gedanken" den Begriff genauer zu be­

stimmen. Die platonischen Ideen sind Urbilder der Dinge, deren Er­ innerung "Philosophie heißt"; der bleibende Sinn dieser Konzeption ist für Kant die Vorstellung eines Maximums an Höhe und Fülle, ins­ besondere der Begriff des Unbedingten, der weder durch die Sinnlich­ keit noch durch den Verstand erreicht werden kann. Die ästhetische Idee 109 ist nicht der Vernunftbegriff, sondern das Maximum sinn­

'"

Vgl. Kr. d. r. V.

B 368 ff. / A 312 ff.

 

'"

Vgl. zum Folgenden Kr.

d. U.

§

49,

S. 313 tf.

§ 8: Das Spiel und das Schöne

189

licher Erfülltheit eines beliebigen Begriffs, also auch der Vernunftbe­ griffe. Die Darstellung ästhetischer Ideen - Ewigkeit, Schöpfung,

in der Dichtung ist daher ein "Wagnis", und

zwar nicht deshalb, weil das empirische Bewußtsein nur begrenzte Er­ fahrungen assoziiert, sondern weil die dichterische Freiheit vom Me­ chanismus der Assoziation ein "unabsehbares Feld" eröffnet. Die ästhe­ tische Idee, die einem Kunstwerk korrespondiert, würde nicht die prä­ dikative Entfaltung eines Begriffs oder die Wortbestimmung sein, auch nicht die Rückführung auf den Grund seiner Entstehung, sie würde be­ deuten, alle zugehörigen verwandten Beziehungen, alle möglichen Bei­ spiele in einem Ganzen darzulegen; sie ist daher notwendig unbestimm­ bar. Als das leitende, unformulierbare Prinzip der Schönheit der Kunst, das durch ästhetische Attribute und die Form ihrer Zuordnung am stärksten in der Poesie zum Ausdruck kommt, bringt die ästhe­ tische Idee Verstand und Vernunft "in Bewegung" und veranlaßt sie, "mehr zu denken", als jemals im Begriff verbunden war und verbun­ den werden kann. Diese gefühlsmäßige Erfassung eines Allgemeinen in der Kontemplation der besonderen Darstellung ist der Gegensatz zu einer philosophischen Erkenntnis, die das Besondere nur im Allge­ meinen betrachtet. Sie ist aber auch unterschieden von der Konstruk­ tion des geometrischen Begriffs in der reinen Anschauung. Die ästhe­ tische Gegebenheit des Schönen bedeutet keine Deckung von Besonde­ rem und Allgemeinem, Gegebenem und Gedachtem, eher ein Aufgege­ bensein für die Reflexion des Betrachters. Sie impliziert eine sinnliche "Erweiterung" des bestimmten, zugrunde liegenden Begriffs, die der Ausweitung des Raumes im Sehen, in der Schau korrespondiert. Die sinnliche Erweiterung, die "den Begriff selbst auf unbegränzte Art" über die Sphäre des Bestimmbaren und des Erfahrbaren hinausführt, führt letztlich auf die Verwandtschaft alles Seienden. Während der Begriff ein bestimmter Sprachausdruck ist, bewirkt die Einheit von Wort, Gebärde und Ton eine Auflösung der begrifflichen Grenzen durch Analogien, eine Ausdehnung der begrenzten Gestalt in eine un­ meßbare Weite, und es gehört Geschmack als D iszi plin dazu, in diesem inneren Ausweiten die Darstellung der Idee noch in Grenzen zu hal­ . ten, den Verstandesgesetzen angemessen und zu einer Weitergabe in der Kultur fähig.

Liebe, Laster und Tod -.:

190

Der Spielbegriff bei Kant

Von hier aus bestimmen sich die Gesetze der Kunst aus der Einheit der Sprache als Prinzip der Angemessenheit des Ausdrucks zum Ge­ danken. Worte sind Charakterismen für Begriffe, Zeichen für die Re­ produktion, und sie sind zugleich Symbole für die Reflexion, etwa in den Kantischen Beispielen philosophischer Ausdrücke "Grund", "ab­ hängen", "fließen", "Substanz" in ihrem Zusammenhang mit einer räumlich-äußeren Bedeutung 11o Auch für mimische Zeichen gilt dieser doppelte Aspekt: die festgelegte Gebärde und die intuitive Vermittlung des Seelischen und Geistigen. Die Tonkunst, für die nid1t völlig ent­ sd1eidbar ist, wo der Unterschied zwischen dem Schönen und dem An­ genehmen zu setzen ist, erklärt Kant damit, "daß jeder Ausdruck der Sprache im Zusammenhange einen Ton hat, der dem Sinne desselben angemessen ist" und zugleich den seelischen Zustand des Sprechenden darstellt, so daß denkbar wird, wie die Verbindung der Töne unter einem musikalischen Thema die größte ästhetische Weite ausmachen muß: "die ästhetische Idee eines zusammenhängenden Ganzen einer unnennbaren Gedankenfülle "111. Mit diesem ästhetischen übergang vom Besonderen zum Allgemeinen ist weder eine dialektische Vermitt­ lung in einer Synthesis nod1 das assoziative Spiel der Gedanken ge­ meint, sondern die allgemeinverständliche "Sprache der Empfin­ dungen". Aber welchen Beitrag auch immer die Kunst als Anregung für die Erkenntnis leistet, es ist eine "unentwickelte Art, zu denken"112, das heißt zugleid1: eine nicht genau entfaltete und eine naive Art, ein ge­ fühlsmäßiges Erfahren einer unbestimmten Mitteilung durch ästhe­ tische Attribute, im Aspekt der Erkenntnis nur ein "Privaturteil", des­ sen objektive Gültigkeit - über das reine Gefallen hinaus - auch theoretisch unentscheidbar bleibt. Auch in seiner übereinstimmung mit der unbestimmten und "unbestimmbaren" Idee des übersinnlichen in uns und dem Begriff eines allumfassenden Grundes des Seienden über­ haupt ist das ästhetische Urteil nur eine Verweisung auf diesen Grund­

110 Vgl. Kr. d. U. § 59 über die symbolische oder indirekte Darstellung, S. 351 ff.

111 Kr. d.

U.

§ 53, S. 328 f.

'" Kr. d. U. § 49, S. 315. In der Anmerkung zu S. 316 schreibt Kant: "Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der I s i s (der Mutter Na t ur): ,Ich bin alles, was da ist, was da war, und was da sein wird, und meinen Schleier . hat kein Sterblicher aufgedeckt.'"

meinen Schleier . hat kein Sterblicher aufgedeckt.'" § 9: Spiel und Gestalt 191 begriff, "aus dem

§ 9: Spiel und Gestalt

191

begriff, "aus dem aber nichts in Ansehung des Objects erkannt und be­ wiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zum Erkennt­ nis untauglich ist"113. Wenn die Idee, sei es als der ursprüngliche Grund außer uns, sei es die Spontaneität des Menschen, prinzipiell unbe­ stimmbar bleibt, so kann sie auch nicht identifiziert werden mit dem Spiel als Form der Gegenstände der Sinne. Spiel ist die Form der Vor­ stellungen, sofern die Beziehung zwischen Empfindung, Anschauung

des Denkens ist, innere Anschau­

ung, die der Verstand nie als Ganzes erreicht, Geist, der sich dem "blo­

ßen Buchstaben" verbindet und den Begriff in der ästhetischen Erwei­ terung "lebendig", konkret, doch unbestimmt auffüllt. Spiel als das Unbestimmt-Bestimmte der Form des Kunstwerks ist nicht das Denken selbst als das Bestimmende, das seinerseits in seiner noumenalen Exi­ stenz unbestimmt bleibt, und es ist nicht das Materiale als das Be­ stimmte und jederzeit weiter Bestimmbare. Das Spiel ist, als Form der Vorstellung, diese offene Form für eine innere Erweiterung des Be­ griffs, die nicht wie die Gestalt eine anschauliche Adäquation seiner Bestimmtheit ist.

und Analogie mitteil barer Ausdruck

§ 9: Spiel und Gestalt

Zum Problem von Reihe und Spiel

Die Darstellung der Thematik des Spieles im Zusammenhang des Schönen hat die Frage nach der erkenntnistheoretischen Bedeutung des Spielbegriffs als solchen im Unbestimmten gelassen. Sie aus der "Kri­ tik der Urteilskraft" zu entwickeln, würde einschließen, von jenen Be­ zügen auszugehen, in denen die Probleme der Auffassung ohne Füh­ rung eines Begriffs und der Darstellung und Erweiterung des Be-

IU

Vgl. Kr. d. U. § 57, die "Auflösung der Antinomie des Geschmacks"; S. 340 _

das heißt,

Natur für die Urtheilskra/l:". Die ästhetische Idee ist daher nicht "grundlos",

aber sie ist eine "inexponible Vorstellung" freien Spiele" (S.343).

(ebd. S.342), und zwar "in ihrem

"eines Grundes überhaupt von der subjectiven Zweckmäßigkeit der

192

Der Spielbegriff bei Kant

griffs diskutiert sind aus dem Zusammenhang der dritten Kritik mit der "Kritik der reinen Vernunft", und damit den Rahmen der Kanti­ schen Erörterung des Spieles weit überschreiten. So soll im folgenden versucht werden, den umgekehrten Weg zu gehen und vom Schema­ tismuskapitel und den "Grundsätzen des reinen Verstandes" aus die Verbindung zur Bedeutung des Spieles in der dritten Kritik anzudeu­ ten. Die überlegung wählt dabei, wie zum Verständnis vielleicht vor­ weg bemerkt werden sollte, den Weg über das Problem des Anschau­ ungsbildes der Zeit, der vielleicht in seiner Berechtigung ausführlicher nachgewiesen werden müßte, aber vielleicht auch aus den vorgegebe­ nen Bestimmungen des Spielbegriffs als Form des Sinnlichen und als "Gefolge", und darüber hinaus im Hinblick auf die später aufzuneh­ mende Frage nach dem Spielbegriff bei Heidegger leicht verständlich ist. Die Interpretation will damit vor allem erreichen, daß die Kan­ tischen Aussagen zum Spiel in ihrem eigenen Problemkreis gehalten werden. Wenn für Kant geometrische Gestalten und Kunst unterschie­ den sind wie reines Bild und reines Spiel, und wenn die Zeit als reine Vorstellung in einem geometrischen Bild, der Linie, repräsentiert wer­ den kann, so kann vielleicht auch der Versuch einleuchten, das Spiel als Form des Sinnlichen und als Koordination nach einem Verhäh:nis der

Zeit in einer am Räumlichen orientierten Weise darzustellen. Gleich~ gültig, ob dieser Darstellungsversuch scheitert oder nicht, er müßte er~ möglichen, den Spielbegriff unabhängiger von der Bedeutung der Kunst als solcher zu erörtern. Die Erwägung geht jedoch nicht darauf zurück, daß die mathematische Spieltheorie in der Tat Spiele darstellt

- nicht die Spiele in diesem Sinne stehen zur Diskussion, sondern der

Spielbegriff, seine erkenntnistheoretische Bedeutung und das "Spiel der Empfindungen", und zwar unter der Führung der Unterscheidung von Spiel und Gestalt und des Problems von Spiel und Zeit. Die grundsätzliche Notwendigkeit, die Aussagen der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" dem Schematismuskapitel der "Kritik der reinen Vernunft" zuzuordnen oder einzuordnen, mag aus dem bisheri­ gen Zusammenhang kurz belegt werden. Diese Verbindung liegt nicht allein in den bereits dargelegten Beziehungen des Relationsgefüges, so­ weit es die günstige Proportion zur Erkenntnis betrifft und Kant die

Vermittlung bestimmter ästhetischer Ideen in der indirekten Darstel­ lung der Kunst in Analogie zu den Schemata des reinen Verstandes

193

setzt. Obwohl es diese Funktion der Darstellung ist, die besonders in der philosophischen Diskussion nachgewirkt hat, ist das wesentliche Problem, wie schon früher angedeutet wurde, ein anderes: die dyna­ mische Verbindung von Einbildungskraft und Verstand selbst, das heißt das Prinzip des Geschmacks als das "subjective Princip der Ur­ theilskraft überhaupt", nicht nur der Urteilskraft, sofern sie etwas als schön beurteilt. Kant legt diese Bedeutung mit allem Nachdruck klar, und sie mag daher im Wortlaut wiedergegeben werden: "Weil nun dem Urtheile hier kein Begriff vom Objecte zum Grunde liegt, so kann es nur in der Subsumtion der Einbildungskraft selbst (bei einer Vor­ stellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird) unter die Bedingung, daß der Verstand überhaupt von der Anschauung zu Begriffen ge­ langt, bestehen. D. i. weil eben darin, daß die Einbildungskraft ohne Begriff schematisirt, die Freiheit derselben besteht: so muß das Ge­ schmacksurtheil '" auf einem Gefühle beruhen, das den Gegenstand nach der Zweckmäßigkeit der Vorstellung (wodurch ein Gegenstand gegeben wird) auf die Beförderung der Erkenntnißvermögen in ihrem freien Spiele beurtheilen läßt; und der Geschmack als subjective Ur­ theilskraft enthält ein Princip der Subsumtion, aber nicht der Anschau­ ungen unter Begriffe, sondern des Vermögens der Anschauungen oder Darstellungen (d. i. der Einbildungskraft) unter das Vermögen der Be­ griffe (d. i. den Verstand), sofern das erstere in seiner Freiheit zum

letzteren in seiner Gesetzmäßigkeit

§ 9: Spiel und Gestalt

zusammenstimmt. "114 Die Freiheit

der Einbildungskraft besteht nicht darin, daß sie überhaupt Bilder oder Darstellungen hervorbringt oder unabhängig wäre von der Spon­ taneität des Denkens, sondern darin, daß sie nicht vom Begriff gelei­ tet ist. Wenn sie nun in dieser Freiheit doch der Gesetzmäßigkeit des Verstandes korrespondiert, so ergibt sich für Kant die Folgerung, daß also das "Vermögen" oder die Möglichkeit der Anschauungen undDar­ stellungen unter das Vermögen der Begriffe subsumiert wird. Diese Folgerung geht weiter, als die Erklärung des Schönen verlangen würde. Sie deckt ein allgemeines Prinzip der Urteilskraft auf, das einem offe­ nen Problem der "Kritik der reinen Vernunft" entspricht _ wie es

überhaupt zu der Korrespondenz von Einbildungskraft und Verstand kommen kann, sobald es sich nicht mehr um den ursprünglichen Bezug

11<

Kr.

d.

U. § 35, S.287.

U l:il'idcllunn , D"'r Dcw:ritr deli SpiCllcli

194

Der Spielbegriff bei Kant

der Anschauungen und Begriffe auf die Spontaneität des Denkens han­ delt, sondern um die Schemata als solche, um die Frage: wie sind Bilder möglich, die unseren Begriffen entsprechen, wenn das Bild ein je konkre­ tes, einzelnes ist, der Begriff aber ein allgemeines meint? Die Antwort, daß sie durch Schemata vermittelt sind, ist formal; der Ausdruck "Schema" ist nur ein Wort für die unbekannte Regel, nach der die Ein­ bildungskraft verfährt, aber die "Kritik der reinen Vernunft" kann es dabei bewenden lassen, da sie für ihre transzendentalphilosophische Fragestellung sich auf das "reine Bild" äußerer Anschauungen, den Raum, allgemeiner aber auf die Zeit als "reines Bild" beziehen kann. Die "Kritik der reinen Vernunft" muß es aber auch dabei bewenden lassen, denn der "Schematismus unseres Verstandes in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele"1l6. Es würde einer ausführlichen Untersuchung bedürfen, die Frage zu entwickeln, inwiefern diese"verborgene Kunst" der "schönen Kunst" nahesteht und inwiefern sich die exemplarische Darstellung in der Dichtung und in der bildenden Kunst in Korrespondenz setzen läßt zu dem ungelösten Problem dieser dynamischen Verbindung. Wenn Kant den Begriff des Spieles für die dynamische Verbindung zwischen Einbildungskraft und Verstand und zur Erörterung der Möglichkeit des ästhetischen Urteils und des Schönen in der dritten Kritik zugrunde legt, so kann nicht erwartet werden, daß dieser Begriff für die "Kritik der reinen Vernunft" die gleiche tragende Bedeutung hätte. Die ein­ gangs im Zusammenhang von "Spiel und Erkenntnis" dargelegten Be­ züge können sicher bestätigen, daß der Ausdruck "Spiel" in der ersten Kritik analog verwandt ist, aber sie können nicht dazu dienen, im Zu­ sammenhang einer am Text orientierten Interpretation eine transzen­ dentalphilosophische Bestimmung des Spieles zu versuchen. Anderer­ seits stellt sich notwendig eine Reihe von systematischen Fragen, so­ bald das Verhältnis von Spiel und Gestalt als Formen der Gegenstände der Sinne in seinen Konsequenzen bedacht wird. Diese Fragen sollen hier nur insoweit berücksichtigt werden, als es für die Bedeutung des Spielbegriffs unter der dritten "Interpretationsregel" erforderlich scheint. Dieser Ansatz der Interpretation aus den "Reflexionen zur

Kr. d. r.

V. B 180/ A

141.

aus den "Reflexionen zur Kr. d. r. V. B 180/ A 141. 195 Anthropologie" setzte voraus,

195

Anthropologie" setzte voraus, daß die "bestimmte Form" des Gege­ benen als Koordination eine Synthesis ist, die für den Raum die Ge­ stalt, für die Zeit das Gefolge ist. "Sinnlich oder ansCt~auend" können Gegenstände "nur unter einer Gestalt" erkannt werden. Alle anderen Verhältnisse geben oder bestimmen keine Gegenstände der Sinne, son­ dern Veränderungen. Zweifelhaft blieb, ob die "Zusammenordnung der Empfindungen nach Verhältnis der Zeit" grundsätzlich von der gleichen Art ist, oder ob gilt, daß ein "Gefolge" entweder die Reihe oder das Spiel ist. Die Diskussion setzt jetzt voraus, daß diese Disjunk­ tion Geltung hat und daß sie einer Intention der "Kritik der reinen Vernunft" entspricht, die in der Vorstellung der Zeit als "Nacheinan­ der" und als "Zugleichsein" begründet ist. Schon die transzendentale Esthetik legt die Unterscheidung von Raum und Zeit im Aspekt der Gestalt zugrunde. Die Zeit als die Form der inneren "Anschauung" und als ursprüngliche Vorstellung ist da­ durch charakterisiert, daß sie "keine Gestalt gibt". Wir müssen sie da­ her durch Analogien anschaulich darstellen im räumlichen Bild der ein­ dimensionalen Reihung von Mannigfaltigem, das heißt in der Linie; und von diesem Bild ist auf die weiteren "Eigenschaften" der Zeit zu schließen, wobei davon zu abstrahieren ist, daß die Teile der Linie zu­ gleich angeschaut werden. Unter diesem Bild kann demnach die Folge der Ereignisse verständlich werden, nicht aber ihr Zugleichsein. In der metaphysischen Erörterung der transzendentalen Esthetik wird aber bereits das Zugleichsein als gleichrangig mit der Vorstellung des Nach­ einander auf die Zeit als zugrunde liegende Form bezogen. Das Sche­ matismuskapitel, das die Frage nach der transzendentalen Zeitbestim­ mung aufgliedert nach Zeitreihe, Zeitinhalt, Zeitordnung und Zeit­ inbegriff, setzt als Ergebnis der transzendentalen Esthetik ohne weitere Erklärung voraus, daß die Zeit, analog dem Raum als dem reinen Bild aller Größen der äußeren Anschauung, das reine "Bild" sinnlicher Ge­ genstände überhaupt ist. Die Erklärung für das transzendentale Schema der Zahl macht deutlich, daß die Zeitreihe erst entspringt durch die "successive Addition von Einem zu Einem", und zwar "dadurch, daß ich die Zeit selbst in der Apprehension der Anschauung erzeuge"116. Der Zeit als dem Unwandelbaren entspricht das Beharrende im Dasein.

§ 9: Spiel und Gestalt

das Beharrende im Dasein. § 9: Spiel und Gestalt '" Kr. d. r. V. B 182/

'" Kr. d. r. V. B 182/ A 142 f. (ZcidlCllsct2.ung dcs Originals).

13".

196

Der Spielbegriff bei Kant

Zeitfolge und Zugleichsein sind dagegen Ordnungssysteme des wech­ selnden Mannigfaltigen, deren transzendentales Schema bedeutet, daß die koordinierende Ordnung der Gesetzlichkeit der Kausalität und der Gemeinschaft gehorcht. Es ist an anderer Stelle versucht worden, einige Schwierigkeiten des Zeitbegriffs in der "Kritik der reinen Vernunft" dadurch aufzuhe- . ben, daß die Zeit in einer weiterführenden Interpretation als transzen­ dentales Produkt betrachtet wurde 117 , das heißt als die apriorische Vorstellung, die entspringt, wenn die Spontaneität des Denkens das Gegebene im Raum als ein gleichartiges Da und Da und Da setzt. Eine solche transzendentale Handlung muß Kant selbst annehmen, wenn er die Zeitreihe zusammen mit der Zahl entspringen läßt. Dieses Setzen in der "sukzessiven Synthesis" muß notwendig das Nacheinander her­

vorbringen, wenn die Aufnahme in die Einbildungskraft jeweils be­ wußt und zusammengefaßt wird, oder auch wenn es für die Möglich­ keit der Zahl bereits in der Sukzession impliziert ist. Aber diese tran­ szendentale Bewegung verlangt nicht, die Zeit schlechthin als Reihe von punktuellen Gestalten zu denken, die in der kontinuierlichen Gestalt einer "ins Unendliche" weiterzuführenden Linie ihr Bild findet. Diese Vorstellung der Linie ist erst dann unerläßlich, wenn die Synthesis gleichsam anschaulich festgehalten und gesichert werden soll, daß aus drei Elementen die Richtungsbestimmtheit und damit die Möglichkeit der weiteren Fortsetzung und fortschreitenden Zusammenfassung her­ vorgeht 118 Die Kantische Erklärung in bezug auf die Zeitreihe legt nicht etwa identische oder beliebig angeordnete Einheiten zugrunde, sondern eine bestimmte räumliche Ordnung. Dasselbe Vorgehen zeigt sich in der anschaulichen Darstellung der Zahl. "So, wenn ich fünf

, ist dieses ein Bild von der Zahl

Punkte hinter einander setze:

fünf."119 Aber auch fünf Punkte in unregelmäßiger Gruppierung sind ein Bild von der Zahl fünf als einer Menge, wie Kant selbst für die

Zahl tausend bemerkt. Eine Zahl denken ist "mehr die Vorstellung

117 Spontaneität und

Kantstudien Ergänzungsheft 75, Köln 1958. 11. Kant selbst scheint nach den Ausführungen der Kritik der Urteilskraft, § 26,

anzunehmen, daß eine Zusammenfassung bis zu vier Elementen erforderlich ist, und dann "nach einem angenommenen Progressionsprincip" verfahren werden kann (S.254).

Zeitlichkeit.

Ein

Problem

der

Kritik

der

reinen

Vernunft,

111

Kr.

d.

r.

V.

B 179/ A 140.

197

einer Methode", eine Menge in einem Bild anschaulich zu machen, und insofern im Prinzip nichts anderes als das Schema irgendeines anderen sinnlichen Begriffs, etwa die Regel, die der Begriff "Hund" ausdrückt, die entsprechende Gestalt "allgemein" vorzustellen, ohne auf beson­ dere Merkmale aus einer bestimmten Erfahrung zurückzugreifen. Der Vorteil der ReihendarsteIlung der Punkte liegt darin, daß in ihr die Bewegung und Synthesis des Denkens in der Bildung der Zahl anschau­ lich werden und sich eine einfache geometrische Gestalt ergibt, an der sich die Konstruierbarkeit des Begriffs apriorisch demonstrieren läßt. Auch die "Grundsätze des reinen Verstandes" folgen der Forde­ rung nach Anschaulichkeit im selben Sinne; das heißt, sie legen den Raum als die eigentliche und - genaugenommen _ die einzige Form der Anschauung zugrunde. Das erste Prinzip, daß alle Anschauungen extensive Größen sind, stützt sich auf die "Erzeugung von Gestalten". In den Antizipationen der Wahrnehmung versteht Kant das Reale der Empfindung als "Grad des Einflusses" auf den inneren Sinn, das heißt in einer Intensitätsreihe. Damit kann auch die aposteriorische Bedin­ gung der Erkenntnis, die Empfindung, apriorisch entworfen oder dar­ gestellt werden. Der Begriff sucht, wie Kant sehr anschaulich formu­ liert, "seine Haltung und Sinn", und vor allem die Geometrie kann diesen Halt geben, da sie die apriorische Konstruktion so vollzieht, daß ihr Ergebnis sinnlich wahrnehmbar ist in der Form einer Gestalt

- "eine den Sinnen gegenwärtige (obzwar apriori zu Stande ge­

§ 9: Spiel und Gestalt

brachte) Erscheinung"12o. Von hier aus wird verständlich, daß Er­ scheinungen "unter einer Gestalt" sinnlich oder anschaulich erkannt werden können, nicht aber als bloße Veränderungen, und daß es auch unabhängig von der Begründung der Physik darauf ankommen könnte, eine entsprechende Transformation des Begriffs in eine Ge­ stalt vorzunehmen und wissenschaftstheoretische Probleme in mathe­ matische Aufgaben zu verwandeln. Wie aber soll eine "Haltung" für

". Kr. d. r. V. B 299/ A 240. Was unter der Forderung, "einen abgesonderten

d. i. das ihm correspondirende Object in

der Anschauung darzulegen", zu verstehen ist, und zwar für apriori erzeugte

Begriff

s i n n I ich

zum ach e n,

Begriffe, wird besonders instruktiv beim Begriff der Größe _

Mathematik "seine Haltung und Sinn in der Zahl, diese aber an den Fingern,

den Corallen

gestellt werden" (ebd.).

des Rechenbretts, oder den Strichen und Punkten, die vor Augen

er"sucht" in der

Der Spielbegriff bei Kant

198

einen Begriff gefunden werden, der seiner Definition nach von der Ge- .

stalt unterschieden ist? Zum Verständnis der Fragestellung mag hier eingeschoben werden, daß insbesondere nach der Differenzierung der Methoden der Mathe­ matik, der Statistik, der Anwendung des Kalküls auf sprachliche Phä­ nomene, der mengentheoretischen Darstellung und Berechnung von Spielen, der vielgliedrigen typologischen Systeme kein Zweifel dar­ über bestehen kann, daß jedes Spiel und jedes Kunstwerk in irgend­ einer Weise "mathematisierbar" sein könnte. Es kann ebenso kein Zweifel darüber bestehen, daß in diesen Darstellungen Spiel und Kunst nicht als das erfaßt sind, was sie als Spiel und Kunst sind, weder in ihrem individuellen Charakter noch in ihrer allgemeinen Bestimmung. Die philosophische Frage nach dem Verhältnis von Gestalt, Reihe und Spiel wird daher nicht vom Fortschritt der Methoden berührt, wie es für die Frage nach der Durchführbarkeit der Darstellung der Fall wäre, beispielsweise für den Vergleich der Erklärung der "schwebenden" Nor­ malidee aus einem Aufeinanderfallen der Wahrnehmungsbilder in der Einbildungskraft und der heute möglichen photographischen "Nach­ ahmung" dieses Verfahrens. Erst recht impliziert die Frage nach der erkenntnistheoretischen Bedeutung des Spielbegriffs keine Entscheidung etwa zwischen Mathematik und Philosophie, Physik und verstehenden Wissenschaften oder gar zwischen der "Kritik der reinen Vernunft" und der "Kritik der Urteilskraft". Die Kantische Fragestellung in die­ sem Zusammenhang ist, und zwar im Ausgang von der ersten Kritik, vielmehr die Entfaltung der Grundfrage, wie dieser doppelte Aspekt von "Welt" möglich sein kann, wie Mathematik, Physik und Metaphy­ sik als Wissensd1aft möglich sind, was es bedeutet, daß die Welt ein­ mal mathematisch, zum anderen verstehend und wertend gedacht wird, und nach der Möglichkeit einer Einheit der so divergierenden "Welten". Die Kantische Antwort auf diese Fragen kann wohl allge­ mein dahin umschrieben werden, daß es sich in allem um ein "Verste­ hen" handelt, das in der Handlung des Denkens gründet. Nach der Unterscheidung von Verstehen und Begreifen in der "Kritik der reinen Vernunft" ist auch die Bestimmung des reinen Verstandes in seiner Ra­ tionalität eine Weise des Verstehens; sie ist das Verstehen von Wahr­ nehmungen. Der Vernunft ist im Hinblick auf diese und andere Arten des Verstehens die Aufgabe gestellt, zu begreifen, wie das Verstehen

§ 9: Spiel und Gestalt

199

möglich ist, oder gegebenenfalls die Grenzen solcher Begreifbarkeit aufzuzeigen. Die Frage nach dem "Gefolge", nach der bestimmten Zu­ sammenordnung bloßer Empfindungen im Gegensatz zu einer Ord­ nung im "Bild" meint daher nicht, daß keine mathematische Darstel­ lung möglich sei, sondern was Kants Aussage über "Reihe" und "Spiel" bedeuten könnte. Zu diesem Zweck setzt sie an bei den Grundsätzen des reinen Verstandes, die insgesamt dahin interpretiert werden könn­ ten, daß sie dem bloßen Spiel von Anschauung und Vorstellung eine immer gültige "Haltung" aus dem Entwurf des Verstandes geben. Die "Analogien der Erfahrung" sind, wie schon früher erwähnt wurde, in der zweiten Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" deut­ licher auf jenen Geltungsbereich bezogen, der sich aus der Erfahrung des Beharrlichen außer uns, das durch die Druckempfindung vermit­ telte "Ding" bestimmt. Im Zusammenhang dieser Änderungen ist auch die Unterscheidung zwischen "Zeitreihe" und "Zeitumfang", die der Folge und dem Zugleichsein als modi der Zeit korrespondieren, fortge­

fallen l2l ; das Wort "Zeitumfang" tritt damit

in der zweiten Auflage

überhaupt nicht mehr auf, und die Zeitgröße bestimmt sich allein als Dauer, in Korrespondenz zur Progression einer Reihe. Zeitumfang be­ deutet insofern ein wesentlich anderes, als es um die Einheit der An­ schauung geht, also nicht um die Synthesis des Begriffs als Maß der Dauer oder um den Inbegriff alles Seienden, sondern um das Zugleich­ sein in der Zeitklammer der Gegenwart. In der dritten Kritik erklärt Kant dieses Zusammen in der zeitlichen Anschauung des "Augenblicks"

- in der Diskussion der Größenauffassung und Größenschätzung ­ aus einem Regressus, der die Zeitfolge "wieder aufhebt"122, so daß das anschauliche Zusammen der Vielheit in der Zeit als Gegenbewegung gegen die Folge gedeutet wird. Der Unterschied zwischen dem Gefolge als Reihe und dem Gefolge als Spiel wäre dann vielleicht darin zu set­ zen, daß das Spiel die gegenwendige Bewegung, das Vor und Zurück

'"

Vgl. Kr.d. r . V.

B 224 f.

und A 182.

'"

Kr.

d.

U.

§

27,

S. 258 f.: "Messung eines Raums (als Auffassung) ist zugleich

Beschreibung desselben, mithin objective Bewegung in der Einbildung und ein Progressus; die Zusammenfassung der Vielheit in die Einheit, nicht des Ge­ dankens, sondern der Anschauung, mithin des Successiv-Aufgefassten in einen Augenblick, ist dagegen ein Regressus, der die Zeitbedingung im Progressus der

Einbildungskrall:

wieder

aufhebt

und

das

Zug lei c h sei n anschaulich

macht."

im Progressus der Einbildungskrall: wieder aufhebt und das Zug lei c h sei n anschaulich macht."

200

Der Spielbegriff bei Kant

in der Zeit meint. In der ersten Kritik, so mag abkürzend gesagt wer­ den, wird dieses Problem der Gleichzeitigkeit in der Zeit dadurch um­ gangen, daß das Zugleichsein aus dem Hin und Her in der Auffassung verschiedener Örter bestimmt wird - ein durchaus legitimer Umweg über die Wahrnehmung von Gestalten im Raum, da die dritte Analo­ gie, nach der Formulierung der zweiten Auflage, sich ausschließlich auf die durchgängige Wechselwirkung der Substanzen bezieht, "so fern sie im Raume als zugleich wahrgenommen werden können"123. Daß das Problem der Gleichzeitigkeit als solcher jedoch auch in der ersten Kri­ tik wirksam ist, spiegelt sich nicht nur in den angeführten Stellen zur Thematik der Zeitreihe oder in den divergierenden Aussagen über die modi der Zeit. Das Problem, das im Grunde darauf beruht, daß in den dynamischen Grundsätzen das Dasein des Gegebenen in Frage steht und daher die aposteriorische Bedingung der Erkenntnis, die be­ stimmte Empfindung, aus der Reflexion nicht auszuklammern ist, zeigt sich vor allem im Begriff der Folge: Ohne die Voraussetzung der Dauer ist ein Zeitverhältnis nicht möglich, "denn in der bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend", es hat keine Größe. Die andere Möglichkeit, die Folge in die Zeit selbst zu verlegen, führt ebenfalls in besondere Schwierigkeiten: "Wollteman der Zeit selbst eine Folge nach einander beilegen, so müßte man noch eine andere Zeit denken, in welmer diese Folge möglich wäre"124 ­ eine überlegung, die für eine Interpretation der "Kritik der reinen Ver­ nunft" verglichen werden müßte mit dem Vorgang aus den "Metaphy­ sischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft", wo Kant zwei Raum­ begriffe, den reinen oder absoluten Raum und den relativen Raum, für die Begründung der Physik in Beziehung setzt. Wie immer jedoch solche Fragen für die "Kritik der reinen Ver­ nunft" entstehen, die Vorstellung des Zugleichseins der Dinge aus dem Prinzip der Gemeinschaft folgt dem Bild eines Beziehungsgefüges, das sich reduzieren läßt auf die Vorstellung der Reihe, deren einzelne Punkte sim wechselseitig, hin und her, vor und zurück, ohne bestimm­ ten Anfang und ohne ein Ende wahrnehmen lassen; und der Grund­ satz der Koexistenz der Dinge bestimmt diese Zuordnung als wechsel­

'"

"'Kr. d. r. V. B 226/ A 183.

Kr. d.

r. V. B 256 (gesperrt).

§ 9: Spiel und Gestalt

201

seitige Kausalität. Demnach wäre das Spiel als Erscheinung darzustel­ len als ein grenzenloses Gefolge von Reihen, im Zusammenhang mit dem Raum als ein unentwirrbares Netz, eine beliebige Kreuz- und Querverbindung in der Verwandtschaft der Vorstellungen, die als "mit­ telbare Gemeinsmaft" in Analogie zum Licht, das zwischen einer "un­ endlichen" Zahl von entstehenden und vergehenden Bildern von Kör­ pern spielt und in allem Wechsel das einzig Konstante ist, ausgelegt werden kann. In dieser Analogie erscheint die Koordination des Zeit­ lichen als eine Assoziation von Punkten, in der jeder Punkt vertausch­ bar und selbst als Gefolge von Punkten in alle Richtungen ausdehnbar ist, die nie ein gegliedertes Ganzes ausmacht und als Komposition kei­ nen "Sinn" gibt, vielmehr zurückführt auf die Vorstellung des Rau­ mes als unendliche gegebene Größe, ' die unendliche Teilgrößen in sich enthält. Nimmt man den Begriff des Beharrenden und die Kausalität als bloße Erzeugung hinzu, die ja auch der extensiven Größe als Nicht­ Aufhebbarkeit der Ausdehnung und der intensiven Größe als Grad des Einflusses auf den inneren Sinn zugrunde liegen, so ergibt sich eine verwirrende Fülle von Assoziationen, etwa die Vorstellung der Erzeu­ gung aller möglichen Gestalten aus einem Punkt, oder die unendliche Spiegelung eines einzigen Beharrenden im Medium des Raumes, die unaufhörliche Variation des Themas als das Nichtunterschiedene oder auch die Folge des auf- und abschwellenden Tones. Eine solche Vorstellung kann nicht genügen, um die anschauliche Ordnung des Spiels im Sinne der dritten Kritik verständlich zu machen: das Tonspiel und Farbenspiel als das schöne Spiel der Emp­ findungen, die freie Einstimmung aller Momente zu einem Ganzen in übereinstimmung mit der Idee einer ursprünglichen Gemeinschaft der Menschen. Aus ihr läßt sich weder die ästhetische Ordnung noch etwa die Hypothese eines "Gemeinsinns", sei er ein "constitutives Princip der Möglichkeit der Erfahrung" oder ein regulatives Prinzip, um die "Einhelligkeit der Sinnesart" erst zu bewirken 125 , verständlich machen.

".

Vgl.

festgelegt

(S. 238); in § 21 reflektiert Kant darüber, daß ein solcher Gemeinsinn »als die

unserer Erkenntniß"

ohne diese Mitteilungsmöglichkeit wären

U. § 22, S.240 . In § 20 wird das Verständnis von »Gemeinsinn"

Spiel unsrer Erkenntnißkräfte"

Kr . d.

auf

»die

Wirkung

der

aus

dem

freien

nothwendige

angenommen werden muß (S. 239) -

Bedingung

allgemeinen

Mittheilbarkeit

Erkenntnisse

und

Urteile

»ein

(S.238).

bloß subjectives Spiel

der

Vorstellungskräfte"

202

Der Spielbegriff bei Kant

Sie entspricht auch nicht der Bestimmung des Spiels als Gefolge, die eine "bestimmte Form" nach einem "Verhältnis der Zeit" voraussetzt. Sie entspricht eher dem verworrenen Beieinander, das übrigbleibt, wenn die "Natur der Dinge" aufgehoben, die Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit im "Spiel der Erscheinungen", die der Verstand be­ wirkt, wieder zurückgenommen ist. Andererseits kann auch auf diese Vorstellung der Gemeinschaft der Begriff des Gefolges als Spiel ange­ wandt werden, soweit wie die Analogie des Seienden mit der unbe­ lebten Materie möglich ist - als die Relation des bloßen "Beweglichen im Raume", des je vertauschbaren Materialen, das nur aus einem "me­ taphysischen Zufall" als eine bestimmte Form erscheinen könnte, würde nicht die Gesetzlichkeit des Verstandes die Gliederung der Re­ lation bestimmen.

Spiel als dynamisches Koordinationsprinzip

Wenn der Begriff des Spieles nach einem Verhältnis der Zeit eine positive Bedeutung haben soll, die dem Verständnis des Kunstwerkes und der Spiele zugrunde gelegt werden könnte, so kann er nicht das Gefolge des biossen Hin und Her inhaltlich identischer Momente sein. Die Erfahrung der Relation bloßer Empfindungen im Spiel der Far­ ben und Töne hat nicht wie die Dichtung den bestimmten Begriff oder wie die bildende Kunst die Gestalt, um einen Anhalt für die Begren­ zung der Möglichkeit der Reflexion zu geben. Eben daher ist die kor­ respondierende ästhetische Idee eine "unnennbare Gedankenfülle",die Möglichkeit der Verwandtschaft alles Seienden schlechthin. Als Prin­ zip des Schönen und des Spieles bezieht sich die Idee jedoch auf die

freie Einstimmung zu einem Ganzen, und als Ausdruck dessen, "was und wie" der Künstler denkt, muß das reinste Beispiel des reinen ästhe­ tischen Urteils, die Musik, die ästhetische Relation selbst vermitteln.

kann nichts an­

ders als die Proportion der verschiedenen Grade der Stimmung (Span­ nung) des Sinns, dem die Empfindung angehört, d. i. den Ton dessel­ ben betreffen. "126 Als ein Spiel, bei dem alles Inhaltliche des Denkens

"Die Kunst des schönen Spiels der Empfindungen

'"

HO 0 0 und in dieser weitläufigen Bedeutung des Worts kann sie in das künstliche

Mus i k

Spiel der Empfindungen des Gehörs und der des Gesichts, mithin in

§ 9: Spiel und Gestalt

203

nur ein assoziatives Nebenprodukt und für die Beurteilung der Schön­ heit irrelevant ist, bleibt das Spiel der Töne und Farben das eigentliche Problem in der Bestimmung der Kunst und des Spieles. Die "Propor­ tion der Zeiteinteilung" darf einerseits nicht begrifflich bestimmt wer­ den, wenn das ästhetische Urteil ein Urteilen ohne den bestimmten Begriff ist, andererseits gibt der Reiz des Tones und der Farbe die Frage auf, wieweit überhaupt vom Angenehmen abstrahiert werden kann. Die erste Schwierigkeit der Bestimmung besteht daher darin, daß nicht eigentlich entscheidbar ist, ob der Sinn oder die Reflexion zugrunde liegt, und daß es übergänge zwischen der Musik als "schö­ ner Kunst" und als "angenehmer Kunst" gibt. Im Hinblick auf das "Mathematische" der Proportion entspringt die Frage, ob nicht die Gleichförmigkeit die innere Kausalität im freien Spiel zwischen Ein­ bildungskraft und Verstand wieder aufhebt und die Zusammenfassung der Größen als "comprehensio aesthetica" nicht bereits so vorgegeben ist, daß die ästhetische Wirkung ausschließlich den Selbstgenuß im Spiel der leib-seelischen Affekte, das durch die Musik am stärksten er­ regt wird, betrifft. Sofern aber die Einbildungskraft die mathematische Relation nicht zahlenmäßig erfassen und den vergangenen Eindruck nicht beliebig zum Vergleich zurückrufen kann wie die Gebärde oder das Wort, muß die Sprache der Ordnung bloßer Empfindungen zu­ gleich unmittelbar Ausdruck der Spontaneität des Denkens sein; in der Möglichkeit des Künstlers, die Vermittlung von Einheit und Viel­ heit in der gegenstandslosen Anschauung mitzuteilen, wie in der Mög­ lichkeit des reinen Gefallens an der Abstraktion vom Gegenstand als der "Sache" schlechthin. Die Musik setzt gleichsam die Bedingungen der Erkenntnis so in Relation, daß das Bild der Einbildungskraft als ein Mittleres zwischen reinem Denken und empirischer sinnlicher Fülle nicht oder nur wie die flüchtige schematische Andeutung des Themas in Anspruch genommen wird. Sie fügt die Reflexion als das Allge­ meine des Denkens und die Empfindung als das je besondere Gegebene der Sinnlichkeit ohne merkbare Analogie zusammen. Die Kantische Erklärung des reinen ästhetischen Urteils geht auf diese Verknüpfung

und Fa r ben k uns t eingetheilt werden." Kr. d. U. § 51, 5.324. Vgl. a. § 14 das Problem reiner Töne und Farben, ob das Gemüt nicht .auch durch die

wahrnehme" _ Kant fügt

Reflexion das regelmäßige Spiel der Eindrücke '" hinzu: .woran ich doch gar nicht zweifle" (5.224).

204

Der Spielbegriff bei Kam

zwischen dem Spiel mit der mathematischen Form - der Variation des Themas - und dem Spiel bloßer Empfindungen - der Relation des Inhaltlichen - zurück für die alleinige Rechtfertigung des An­ spruchs auf Allgemeinheit und Notwendigkeit des ästhetischen Ur­ teils. Kant weist zugleich die Vermutung ab, daß es "die Mathematik" sei, wodurch die innere Bewegung, das Spiel der Emotionen und die Einstimmung bewirkt werden. Die Mathematik ist nur die unerläß­ liche und einschränkende Bedingung für jene Regelgebung im Verhält­ nis der Eindrücke, die ermöglicht, die Vielheit zusammenzufassen, und zugleich verhindert, daß die wechselnden Eindrücke einander in ihrer Wirkung vernichten. Sie ist die Bedingung der kontinuierlichen Bewe­ gung als Einheit und Gliederung eines Ganzen 127 . "Wie" der Künst­ ler denkt, kann zum wenigsten negativ bestimmt werden: nicht wie der Mathematiker. Wenn die Zeit keine Gestalt "gibt", aber doch Anschauung genannt werden muß, so "gibt" sie nicht ursprünglich das "Bild", sondern den Wechsel der Bilder, das Spiel der Vorstellungen, Empfindungen, Ge­ schehnisse. Die dynamischen Grundsätze des reinen Verstandes sind Gesetze für das Verstehen der Wahrnehmungen in ihrer notwendigen Verknüpfung. In diesem Zusammenhang kann auch die Zeit selbst als das "reine Bild" aller Gegenstände der Sinne kein statisches Bild sein und auch nicht der bloße Wechsel erscheinender Eigenschaften, weder die Linie als Reihung von Punkten noch das Hin und Her zwischen zwei Punkten der Reihe. Der zugrunde liegende Begriff für die Ana­ logien des reinen Verstandes in bezug auf dieZeitverhältnissederäuße­ ren Erfahrung ist der Begriff der Bewegung. Das Entstehen und Ver­ gehen, der übergang vom Nichtsein eines Zustandes in das Sein in der Zeit, das Geschehen und der Begriff der Kausalität selbst werden de­ monstriert am Beispiel der Bewegung als der" Veränderung im Raum".

111 Vgl. Kr. d. U. § 53, S. 328 f. Es scheint, daß die Musik das repräsentative Beispiel für die "Antinomie des Geschmacks" sein müßte, da hier der apriorische Gel­ tungsanspruch sich auf die mathematische Relation stützt: "An dieser mathe­ mathischen Form, obgleich nicht durch bestimmte Begriffe vorgestellt, hängt allein das Wohlgefallen, welches die bloße Reflexion über eine solche Menge einander begleitender oder folgender Empfindungen mit diesem Spiele derselben "

Der Wider­

streit, ob das Geschmacksurteil sich auf einen Begriff stützt oder nicht, wird

als für jedermann gültige Bedingung seiner Schönheit verknüpft

bei der "mathematischen Form" besonders einsichtig (vgl. § 56 und § 57).

§ 9: Spiel und Gestalt

205

Aber jeder Auffassung und Darstellung liegt auch immer schon die Handlung des Denkens zugrunde, die ursprüngliche Bewegung im Be­ wegungsentwurf, wie Kant an den Beispielen der Apprehension eines Hauses als ein Nachzeichnen gleichsam seiner Gestalt und am Ziehen der Linie darlegt. Die Analogien selbst sind, wie Kant zusammenfas­ send betont, "nichts andres" als die notwendigen Bestimmungen des Daseins in der Zeit: als Dauer, als Reihe und als "Inbegriff alles Da­ seins (zugleich)" - eine Einheit von Bestimmungen, die "durch und durch dynamisch" ist und die modi der Zeit selbst betriffi l2B Es müßte daher möglich sein, im Ausgang von der Bewegung und gleichsam in der Aufhebung der notwendigen Verknüpfung in bezug auf den Be­ griff der Sache als das Daseiende außer uns die bloße Form der Koor­ dination und ihre Bestimmtheit als "Bild" und als "Gefolge" zu be­ schreiben, um ein Verständnis zugewinnen für den Unterschied von "Spiel" und "Reihe" als Verhältnis der Zeit. Die erste Analogie setzt die extensive Größe der Zeit voraus, die entspringt in der sukzessiven Setzung "von Einem zu Einem" als Er­ zeugung der Zeit selbst, und damit das dynamische Bild der transzen­ dentalen Bewegung als Bestimmung des Raumes und Repräsentation alles Geschehens überhaupt. Das Ergebnis der Zusammenordnung, die in der reinen Anschauung gezeichnete Linie als Ordnung, nicht als bloßes Aggregat von Teilen, ermöglicht, die Zeit selbst als das Blei­ bende der Bewegung, als eine einzige Zeit zu setzen. Sie"verläuft sich nicht", in ihr "verläuft sich" das Daseiende, die gedachten Punkte der Sukzession wie ein Punkt in seiner Wiederholung, wie ein rollender Ball in seiner Bahn. Die Funktion der Substanzkategorie gibt dem quantum continuum die Einheit einer bestimmten Anschauung; sie versteht die Linie als die Kontinuität in ihrer Beständigkeit, die Reihe wie einen einzigen Augenblick, die fließende Größe der Zeit wie eine beharrende Gegenwart, die Bewegung als Ruhe. Sie setzt die Ruhe als modus der Zeit selbst, die Dauer als das Substantiale der Zeit, gleich­ sam als Zeitgestalt. Das empirische Korrelat der Wahrnehmung müßte nach der "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht"129 die Folge der Tastempfindungen sein, in der wir die Oberfläche eines empirischen

'"

,

Kr. d. r. V. B 262 / A 215.

Vgl. Anthropologie § 17. "Ohne diesen Organsinn würden wir uns von einer

körperlichen Gestalt gar keinen Begriff machen können

"

(S. 155).

206

Der Spielbegriff bei Kant

Körpers nacheinander "erkunden" und als eine bestimmte Gestalt auf­ fassen. Der gesetzlich bestimmende Entwurf des Substanzbegriffs ­ die substantia phaenomenon - ist die Setzung des Objekts, die im Kantischen Sinne der Wahrnehmung eines Beharrenden vorausgeht und sozusagen einen Vergleich beider Vorstellungen möglich macht. Die zweite Analogie geht von der Vorstellung der Reihe als Folge von Zeitteilen aus, wobei Kant in der zweiten Auflage zu Beginn die Voraussetzung des Begriffs der Veränderung als Dasein und Nichtsein der Akzidentien erinnert. Das zweite "mathematische" Prinzip, die Qualität als intensive Größe, das einzige, was vor der bestimmten Er­ fahrung vorwegnehmend für alle Empfindungen gesagt werden kann, und das Prinzip der Substanz sind demnach mitzudenken. Verein­ fachend dargestellt enthält diese Erinnerung die Aufforderung, den Begriff des Beharrenden und die Folge der Punkte als ein jeweiliges Erscheinen von etwas Verschiedenem festzuhalten - die Vielheit in der einen Zeit, die Vielzahl der erfüllten Augenblicke, die Verände­ rung der Zustände. Das zweite dynamische Prinzip der Analogien für die dingliche Welt bestimmt die Relation der Ereignisse so, daß der je­ weilige Zustand notwendig die Wirkung eines vorhergehenden Zu­ standes ist. Dieser Grundsatz legt nicht die Kausalität als solche fest, sondern bestimmt die Relation von "Ursache" und "Wirkung" als nicht-umkehrbare zeitliche Folge, das heißt, er bestimmt die Zeitfolge auf Grund der Kausalität. Die zweite Analogie impliziert, daß bei einem beliebigen Gefolge von zwei Ereignissen dasjenige objektiv frü­ her ist, das als Ursache des anderen nachgewiesen werden kann. Der Grundsatz der Zeitfolge berücksichtigt also schon die mögliche Gleich­ zeitigkeit von Ursache und Wirkung und auch die mögliche Umkehr in der Wahrnehmungsfolge; eben darum muß daran erinnert werden, daß das erscheinende Qualitative selbst ein Quantitatives ist, daß es keinen absoluten Augenblick gibt. In einem absoluten Augenblick wä­ ren Ursache und Wirkung identisch. Der Begriff der Kausalität selbst, das transzendentale Schema für alle Erscheinungen, besagt nicht mehr, als daß auf die beliebige Setzung eines Realen "jederzeit etwas ande­ res folgt" oder die "Succession des Mannigfaltigen, in so fern sie einer Regel unterworfen ist"130. Das Schema kann daher so verstanden wer­

'"

Kr. d. r. V. B 183/ A 144.

§ 9: Spiel und Gestalt

207

den, daß es die immanente Kausalität als durchlaufende Bewegung durch die Reihe der Punkte ausdrückt, die - vom Anschauungsbild der geraden Linie aus gesehen - in ihrer Richtung noch unbestimmt ist; und die einfachste Regelung in der Sukzession bedeutet, daß das Denken einen bestimmten Punkt setzt, aus dem sich die Folge be­ stimmt. Dieser Punkt gliedert die Zeit in ihrer Bewegung und bestimmt damit die Richtung, das Vorher und Nachher als Ordnung der Reihe. Er repräsentiert das einfachste Verhältnis der Zeit, die Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft aus einem Jetztpunkt. Der entspre­

chende Wahrnehmungsvorgang_wenn der Vergleich mit

der "Anthro­

pologie" so weit durchgeführt werden darf - könnte das Sehen sein, sofern es ermöglicht, daß "ein Punkt für das Object im Raume be­ stimmt wird"13t, oder das Hören einzelner Töne. Die entsprechende Folge von Wahrnehmungen wäre dann die "bestimmte Form" der Er­ scheinung nach einem Verhältnis der Zeit: das Gefolge als Reihe. Die dritte Bestimmung muß das Zugleichsein enthalten, und zwar so, daß die anschauliche Darstellung weder zusammenfällt mit der Ge­ stalt noch mit der Reihe der Punkte. Die Kantische Argumentation für den Grundsatz des Zugleichseins nimmt hier die wechselseitige Be­ obachtung auf, die "zuerst am Monde und nachher an der Erde", aber ebensogut auch umgekehrt erfolgen kann. Das Beispiel schließt aus, und muß ausschließen, daß die Wahrnehmung beides zugleich um­ faßt, da es darauf ankommt zu zeigen, daß die Wahrnehmungsakte subjektiv nacheinander erfolgen und wir doch auf die Gleichzeitigkeit und Verbindung in der Existenz der Dinge aus dem Grundsatz der Wechselwirkung oder der Gemeinschaft schließen müssen, und eben daher das zweite Verhältnis der Zeit, das Zugleichsein, objektiv zu­ grunde liegen muß. Um jedoch das Spiel als "Gefolge", als eine be­ stimmte Form der Erscheinung verständlich zu machen, die nach einem Verhältnis der Zeit erfolgt und doch nicht die Reihe ist, kann nicht auf einen Wechsel der Bilder zurückgegangen werden, der ohne die Bilder nichts anderes ist als ein Nacheinander von etwas. Es kann aber auch nicht auf die ursprünglichere Erfahrung des Hörens zurückgegangen. werden, in dem die verschiedenen Laute und Töne als ein Wort oder ein Klang erlebt werden, da ihre Folge wiederum nichts anderes als

'" Anthropologie § 19, S. 156. -

])a9 Seholl korn/nt einer reinen Anschauung nahe.

208

Der Spielbegriff bei Kant

eine Folge von Einheiten ist, in der das Prinzip der Gliederung der Zeit nicht anschaulich wird. Ein repräsentatives Beispiel wäre vielleicht das Hören der zweiten selbständigen Stimme, und für das Prinzip der Gemeinschaft der Menschen könnte es die Erfahrung sein, in der die Gemeinsamkeit des Erlebens gestiftet wird, wie Kant sie für die "Ur­ banität" der Musik beschreibt: "eine Mittheilung der Gefühle in die Ferne in einem Raume umher an alle, die sich darin befinden"132. Für die Darstellung des Zeitverhältnisses und der bestimmten Form der Erscheinung als Spiel wäre jedoch zu fordern, daß die Möglichkeit von Einheit und Vielheit als Zugleichsein in der Zeit aus einer An­ schauung deutlich wird. Die thematische "Reflexion" zur Anthropo­ logie nahm das Beispiel der Bewegung im Raum auf: "Eine anschau­ ende Form von einer Reihenfolge von Gestalten von Menschen ist die Pantomine, von einer folge der Bewegungen nach Abtheilungen der

Der Tanz ist dem Auge das, was die Music dem

Zeit der Tantz

Gehör ist

Für die entsprechende Darstellung in einem Anschauungsbild der Zeit muß hier vorausgesetzt werden, daß das Schema der Gemein­ schaft nicht notwendig eine Wechselwirkung zwischen Substanzen "in Ansehung ihrer Accidenzen" ist, sondern nur "das Zugleichsein der Bestimmungen der Einen mit denen der Anderen nach einer allgemei­ nen Regel "134 - der einen Bewegung mit denen der andern Bewegung, die Zusammenordnung von Einheit und Vielheit in derselben Zeit. Das bloße Zurücklaufen in der Zeit wäre keine Zusammenordnung, wenn es bedeutet, daß die gegenläufige Bewegung des Denkens in der Reihe der Zeit die schon gesetzte Richtung wieder vernichtet und durch die Kette der Assoziationen oder die Reihe der Ursachen hindurch wie Chronos die Zeitpunkte der Linie wieder" verschlingt". Sowohl die eine bleibende Zeit als auch die Vielheit der Zeiten in ihrer Bestimmt­ heit von jeweiliger Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft müssen zusammengedacht werden. Die Darstellung müßte daher den Doppel­

"133

'" Anthropologie § 18, S. 155. In der Kritik der Urteilskraft hat diese Urbanität einen negativen Akzent, als Einschränkung der Freiheit dessen, der nicht teil­ nehmen will (§ 53, S. 330) - ein mögliches Beispiel für eine Spannung zwischen dem Schönen und dem Guten. '" Rel!. 683; vgl. die Bestimmung des Spielbegriffs in Paragraph 7. '"

Kr. d. r. V. B 183 f. / A 144.

§ 9: Spiel und Gestalt

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punkt setzen als das zweite Gliederungsprinzip der Ordnung der Zeit, um die Bewegung "in" der Bewegung als das Verhältnis der einen Zeit anschaulich zu machen. Sie hebt die ursprüngliche Bewegung nicht auf, weder das Bild der Linie überhaupt als die reine Darstellung der Zeit, noch die andere Setzung, die Richtungsbestimmtheit als Zeitverlauf. Die Setzung des Doppelpunktes im mathematischen Sinne fordert vielmehr das doppelte Durchlaufen desselben Punktes, so daß die Linie als das dynamische Bild der gegliederten Zeit in jedem gedachten Jetztpunkt ansetzt zu einer beliebigen Weiterführung wie in der Er­ öffnung eines Raumes der Gegenwart und des Künftigen, wieder zu­ rückkehrt und im nächsten gedachten Jetztpunkt ihr "Spiel" und "Wi­ derspiel" erneut fortsetzt - ein Zusammen des Miteinander und Ge­ geneinander im Fortgang der einen Zeit. Vielleicht kann _ in einem erweiterten Sinne - der "Doppelpunkt", das Mittel der indirekten Darstellung für die zweite Relation der Zeit, jede Art der Zusammen­ ordnung in der Gemeinschaft der Zeiten bezeichnen, die wie die Be­ ziehung der extensiven Größe und der intensiven Größe der Zeit und des Zeitlichen nicht eindeutig darstellbar ist, bis zum Doppelsinn eines Wortes oder Zum Unterton einer Rede. Dann wäre die durch den Dop­ pelpunkt bestimmte Linie - als das reine dynamische Bild einer an­ schaulichen Ordnung unter der dritten Relationskategorie, der Ge­ meinschaft, - das Allgemeine der bestimmten Form einer ästhetischen Anordnung. Ein Spiel im Sinne der dritten Kritik, des Schönen der Kunst und der Natur und des sich selbst erneuernden Spiels der Ge­ fühle, kann ein solches Zusammen jedoch nur sein, wenn die "Propor­ tion der Eindrücke in ihrer Verbindung sowohl als ihrem Wechsel"135 so für das Verstehen geregelt ist, daß die "bestimmte Form" der Er­ scheinung der gesetzlichen Ordnung des Verstandes korrespondiert.

Spiel als erweiterte Denkungsart

Die Kriterien, die unter diesem Gesichtspunkt in der Kantischen Deutung der Kunst und der Spiele in den Blick kommen, sind nicht mehr allein die taktmäßige Form der Reihe, das einfache Rhythmische lind Harmonische im Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand,

'"

1-1

Kr. d.

U.

§ 53, S. 329.

H,·id"""nn. D<r D<y,rill' "l·t Spicl"j

210

Der Spielbegriff bei Kant

oder die Umwandlung der anschaulichen Gestaltung in die erweiternde Bewegung, sondern auch und vor allem die Bedingungen der Grad­

die gegensinnigeVor­