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Berichte | Gletscher

Gletscherschwund
und Vorzeitklima

An Gletscherrändern werden immer wie- D er Tschierva Gletscher


(Bernina Gruppe) ist, wie
die meisten Alpengletscher,
holzreste eisfrei geworden, die
der Gletscherbach ausgespült
hat oder die im Moränenschutt
der Holzreste freigelegt bzw. ausgespült. nach der letzten Vorstoßperi- eingebettet in einem Fall noch
Sie deuten darauf hin, dass es in den letz- ode (1967 bis 1987) stark zu- stehend verwurzelt waren. In
ten 10.000 Jahren häufig wärmer als heute rückgeschmolzen. Dabei sind einer gerade erschienenen Ar-
gewesen ist. in den jüngst vergangenen Jah- beit 1 sind u. a. von K. Nico-
ren im Gelände unmittelbar vor lussi (Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. i. R. Dr. Gernot Patzelt, Glaziologe, Innsbruck dem Eisrand zahlreiche Baum- über 40 Holzreste von dort

34 |BERGAUF 02-2008
Gletscher | Berichte

links: oben:
Pasterzenzunge mit Großglockner (Aufn. 16.10.2007). Das Tal war eis- Stamm einer Zirbe, ca. 9.000 Jahre alt, vom Gletscherbach unter dem Eis
frei zur Zeit des Torf- und Baumwachstums in diesem Bereich der Pasterze herausgespült (Aufn. 20.9.1994)
Fotos: G. Patzelt
unten:
Baumstamm vor dem Zungenende des Tschierva Gletschers, im Sommer
2007 von Gletscherbach freigelegt (Aufn. 10.10.2007)

jahrringchronologisch unter- Wärmer als heute


sucht worden. Dabei wurden
Wachstumszeiträume um Baumholzfunde aus Mooren,
9.000 Jahren vor heute, zwi- die außerhalb der neuzeitlichen
schen 7.450 und 6.650 J. v. h. Gletscherreichweite lagen, zei-
und um 6.200 J. v. h. festge- gen, dass die Baum- und Wald-
stellt. Auch im Sommer 2007 grenze ehemals mindestens 50-
sind wieder Baumreste ausge- 100 m höher lag, als sie sich unter
apert (Abb. unten). Die Unter- den gegenwärtigen klimatischen
suchungen werden fortgesetzt. Bedingungen zu entwickeln be-
Sie sind von besonderem In- ginnt. Ein im Sommer 2007
teresse, weil diese Befunde zei- gefundenes Zirbenaststück aus
gen, dass der Gletscher früher einem Moor in 2.450 m Höhe im
deutlich kleiner gewesen sein Krummgampental (Kaunertal,
muss als heute. Ötztaler Alpen) ergab ein Alter
von ca. 7.600 Jahren. Zahlreiche
Ausgeaperte Baumreste Holzreste aus über 2.400 m Hö-
he sind im Reschenpassgebiet
Ähnliche Ergebnisse lie- gefunden worden.
fern Befunde von der Pasterze Die aus Geländebefunden ab-
(Großglockner Gruppe). Hier geleiteten Temperaturverhält-
hat der Gletscherbach, die Möll, nisse ergeben, dass in 65 % der
in den 1990er Jahren mehrere letzten 10.000 Jahre die Som-
Zirbenstammreste unter dem merhalbjahre so warm oder wär-
Eis herausgespült (Abb. oben), mer waren als heute. Die aktuelle
die bis zu 10.250 Jahre alt sind2. Temperaturentwicklung liegt im
Derzeit bringt der Gletscherab- normalen Schwankungsbereich.
fluss bei Hochwasser Torfgeröl- Warmphasen dieser Art wurden
le in großer Zahl hervor, die von bisher immer als „Klimaoptima“
A. Keller und R. Schneider (Uni- bezeichnet. Vielleicht sollt man
versität Graz) einer eingehenden diese Tatsachen bei der derzei-
Untersuchung unterzogen wer- tigen Klimadiskussion stärker
den. Der Standort dieser Bäu- in Rechnung stellen. n
me und der Torflager liegt noch
unter Eis. Aus der Kenntnis des 1
Joerin, UE., et al., Holocene optimum
Gletscherbettes wird man die- events inferred from subglacial sedi-
ments at Tschierva Glacier, Eastern
sen im Bereich unterhalb der
Swiss Alps, Quaternary Science Reviews
Hofmannshütte annehmen (2008) doi: 10.1016/j, quascirev. 2007,
können. Jedenfalls muss für die 10.016)
2
Nicolussi, K. u. Patzelt, G.,
Baum- und Torfentwicklung Untersuchungen zur holozänen
das Tal unterhalb der Steilstufe Gletscherentwicklung von Pasterze
und Gepatschferner (Ostalpen), Z. f.
zwischen den Burgställen eisfrei Gletscherkunde und Glazialgeologie,
gewesen sein (Abb. links). Bd. 36 (2000), S. 1- 87

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